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The Emergence of Natural Science
in World History
and its Subsequent Development
GA 326

25 December 1922, Dornach

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Zweiter Vortrag

Second Lecture

[ 1 ] Die Geschichtsbetrachtung, welche diesen Vorträgen zugrunde liegt, ist eine symptomatologische, wie ich sie nennen möchte, das heißt, es soll versucht werden, durch eine solche Geschichtsbetrachtung dasjenige, was in den Tiefen der Menschheitsentwickelung vor sich geht, gewissermaßen durch die aus diesem Strome der Menschheitsentwickelung aufgeworfenen Wellen, welche die Symptome sind, zu charakterisieren. Das muß eigentlich bei jeder wahren Geschichtsbetrachtung aus dem Grunde geschehen, weil das Geschehen, die Summe der Vorgänge, die eigentlich in jedem Zeitpunkte in den Tiefen der Menschheitsentwickelung liegen, so mannigfaltig, so intensiv bedeutsam sind, daß man immer nur eben hindeuten kann auf dasjenige, was in den Tiefen liegt, durch die Schilderung der aufgeworfenen Wellen, welche eben symptomatisch andeuten dasjenige, was wirklich vorgeht.

[ 1 ] The approach to history underlying these lectures is what I would call a “symptomatological” one; that is to say, the aim is to characterize, through such an approach, what is taking place in the depths of human development—as it were, through the waves raised by this stream of human development, which are the symptoms. This must actually be the case in any true historical analysis, because the events—the sum of the processes that actually lie at every point in time in the depths of human development—are so manifold and and so profoundly significant that one can only ever allude to what lies in the depths by describing the ripples it creates—ripples that symptomatically hint at what is actually taking place.

[ 2 ] Ich erwähne dies aus dem Grunde heute, weil ich gestern zur Charakterisierung der Geburt naturwissenschaftlicher Denk- und Forschungsweisen geschildert habe die beiden Persönlichkeiten, den Meister Eckhart und namentlich Nikolaus den Kusaner. Wenn solche Persönlichkeiten hier geschildert werden, so geschieht es aus dem Grunde, weil dasjenige, was in der Seele und im ganzen Auftreten solcher Persönlichkeiten geschichtlich zu beobachten ist, eben auch von mir als Symptome angesehen wird für dasjenige, was in den Tiefen des allgemeinen Menschheitswerdens vorgeht. Es sind ja immer nur, ich möchte sagen, ein paar an die Oberfläche getriebene Bilder, die man dadurch auffangen kann, daß man in die eine oder in die andere Menschenseele hineinblickt. Dann schildert man aber dadurch das Grundwesen der einzelnen Zeitabläufe. So war es gemeint, wenn ich gestern Nikolaus den Kusaner schilderte, um anzudeuten, wie in seiner Seele sich symptomatisch offenbart alles dasjenige, was eigentlich in der geistigen Menschheitsentwickelung, zur naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise hindrängend, im Beginne des 15. Jahrhunderts sich abspielt. Daß weder alles dasjenige Wissen, das man gewissermaßen in der Seele ansammeln kann dadurch, daß man auf der einen Seite sich hingibt dem, was die Erkenntnis auf dem theologischen Boden bis dahin hervorgebracht hat, noch auch die sichere mathematische Anschauungsweise hinführen können bis zum Ergreifen der geistigen Welt, so daß man haltmachen muß mit der ganzen menschlichen Begriffs- und Ideenerkenntnis vor dieser geistigen Welt und gegenüber dieser geistigen Welt nur eine «Docta ignorantia» schreiben könne, das ist dasjenige, was in Nikolaus dem Kusaner auf eine so großartige Weise zum Ausdrucke kommt. Damit aber hat er gewissermaßen abgeschlossen mit der Art von Welterkenntnis, wie sie bis zu ihm in der Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist. Und ich konnte hinweisen darauf, wie jene Seelenstimmung schon vorhanden ist bei dem Meister Eckhart, der gründlich bewandert ist in der theologisierenden Erkenntnis des Mittelalters, und der mit dieser theologisierenden Erkenntnis hineinblicken will in die eigene Menschenseele, um in dieser Menschenseele den Weg zu finden zu den göttlich-geistigen Weltengründen. Und er, dieser Meister Eckhart, kommt zu einer Seelenstimmung, die ich gestern mit einem seiner Sätze Ihnen andeutete. Er sagte — und er sagte Ähnliches wiederholt —: Ich versenke mich in das Nichts der Gottheit und werde aus dem Nicht in Ewigkeit ein Ich. — Er fühlt sich angekommen bei dem Nicht mit der alten Erkenntnis und muß aus diesem Nicht, das heißt aus dem Versiegen aller überzeugenden Kräfte des alten Wissens, durch einen, ich möchte sagen, Urspruch aus der Seele herausholen die Gewißheit des eigenen Ich.

[ 2 ] I mention this today because yesterday, in describing the emergence of scientific modes of thought and research, I discussed two figures: Meister Eckhart and, in particular, Nicholas of Cusa. When such figures are described here, it is because what can be historically observed in the soul and in the entire demeanor of such figures is also regarded by me as symptoms of what is taking place in the depths of the general evolution of humanity. After all, there are always—I would say—only a few images brought to the surface that one can grasp by looking into one human soul or another. But in doing so, one describes the fundamental nature of the individual historical periods. This was my intention when I described Nicholas of Cusa yesterday, to indicate how everything that was actually taking place in the spiritual development of humanity at the beginning of the 15th century—pushing toward a scientific approach—is symptomatically revealed in his soul. Neither all the knowledge that one can, so to speak, accumulate in the soul by devoting oneself, on the one hand, to what theological inquiry had produced up to that point, nor the certain mathematical approach can lead one to grasp the spiritual world, so that one must come to a standstill with the entirety of human conceptual and intellectual knowledge before this spiritual world and, in the face of this spiritual world, can only speak of a “docta ignorantia”—this is precisely what finds such magnificent expression in Nicholas of Cusa. With this, however, he has, in a sense, drawn a line under the kind of worldview that had emerged up to his time in the course of human development. And I was able to point out how that spiritual disposition is already present in Meister Eckhart, who is thoroughly versed in the theological understanding of the Middle Ages and who, with this theological understanding, seeks to look into the human soul itself in order to find within it the path to the divine-spiritual foundations of the world. And he, this Meister Eckhart, arrives at a spiritual disposition that I hinted at to you yesterday with one of his statements. He said—and he said something similar repeatedly—: “I immerse myself in the nothingness of the Godhead and, out of this nothingness, become an ‘I’ in eternity.” — He feels he has arrived at this “nothingness” with his old knowledge and must, from this “nothingness”—that is, from the drying up of all the persuasive forces of his old knowledge—draw forth, through what I would call a “spring,” the certainty of his own “I” from within his soul.

[ 3 ] Wenn man näher auf eine solche Sache hinschaut, dann kommt man darauf, wie so jemand wie damals der Meister Eckhart hindeutet auf eine ältere Seelenerkenntnis, die bis zu ihm herauf in der Menschheitsentwickelung gekommen ist, die noch den Menschen etwas gegeben hat, von dem er sagen konnte: Das lebt in mir; das ist ein Göttliches in mir, das ist etwas. — Jetzt aber waren die tiefsten Geister des Zeitalters bei dem Bekenntnis angekommen: Wenn ich das Etwas da, wenn ich das Etwas dort aufsuche, dann reicht alle Erkenntnis dieses Etwas nicht aus, um eine Gewißheit zu finden über das eigene Sein. Und ich muß von dem Etwas zu dem Nichts gehen, um eben mit einem Urspruch gewissermaßen in mir aufleben zu lassen aus dem Nichts heraus das Bewußtsein vom Ich.

[ 3 ] When one takes a closer look at such a matter, one comes to realize how someone like Meister Eckhart back then points to an older spiritual insight that had emerged in the course of human evolution up to his time—an insight that had given human beings something about which they could say: “This lives within me; this is something divine within me; this is something.” — But now the deepest minds of the age had arrived at the realization: If I seek that “something” here, if I seek that “something” there, then all knowledge of that “something” is not enough to find certainty about one’s own being. And I must go from that ‘something’ to nothingness in order to, as it were, let the consciousness of the ‘I’ spring to life within me from out of nothingness through a kind of origin.

[ 4 ] Und nun möchte ich gegenüberstellen diesen beiden Persönlichkeiten eine andere, welche etwa zweitausend Jahre vorher gelebt hat, eine Persönlichkeit, die ebenso charakteristisch ist für ihr Zeitalter, wie charakteristisch ist etwa der Kusaner, fußend auf dem Meister Eckhart, für den Beginn des 15. Jahrhunderts. Wir werden dieses Zurückgehen in ältere Zeiten brauchen, um besser verstehen zu können dasjenige, was dann aus den Untergründen des menschlichen Seelenlebens an Erkenntnisstreben im 15. Jahrhundert aufgetaucht ist. Die Persönlichkeit, von der ich Ihnen da heute reden will, von der meldet allerdings kein Geschichtsbuch, kein historisches Dokument, denn die gehen in solchen Sachen nicht zurück bis etwa ins 8. vorchristliche Jahrhundert. Dennoch können wir uns nur Kunde über dasjenige, was den eigentlichen Ursprung der Naturwissenschaft charakterisiert, holen, wenn wir durch Geisteswissenschaft, durch die rein geistige Beobachtung weiter zurückgehen, als äußere historische Dokumente uns verkünden. Eine Persönlichkeit, die, wie gesagt, ja nur durch Geistesschau gefunden werden kann, über zweitausend Jahre vor diesem Zeitalter, dessen Anfangspunkt ich gestern als in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts liegend bezeichnet habe. Das ist eine Persönlichkeit des vorchristlichen Lebens, welche aufgenommen wurde in eine der südeuropäischen sogenannten Mysterienschulen, da gehört hatte alles dasjenige, was diese Mysterienlehrer ihren Schülern zu sagen hatten, diese geistig-kosmischen Weistümer, geistig-kosmischen Wahrheiten, Wahrheiten über die geistigen Wesenheiten, welche im Kosmos lebten und leben. Aber diese Persönlichkeit, die ich meine, die hörte von den Mysterienlehrern schon dazumal eine Weisheit, die mehr oder weniger nur noch traditionell war, die die Wiedergabe war von viel, viel älteren Schauungen der Menschheit, die Wiedergabe war desjenigen, was viel ältere erkennende Weise geschaut haben, wenn sie den damals hellseherischen Blick hinausrichteten immer wieder und wiederum in die Weltenweiten, und wenn aus diesen Weltenweiten, wie es ja war, zu ihnen gesprochen haben die Bewegungen der Sterne, die Konstellationen der Sterne, auch gesprochen haben manche anderen Vorgänge in den Weltenweiten. Diesen alten Weisen war das Weltenall nicht jene Maschine oder jenes maschinenähnliche Gebilde, das es den heutigen Menschen ist, wenn sie hinausblicken in den Weltenraum, sondern es waren ihnen die Weltenweiten etwas, in dem sich diese Weisen vorkamen wie in einem allebendigen, alldurchwebenden, alldurchgeistigten Wesen, das zu ihnen eine kosmische Sprache redete. Sie fühlten sich in dem Weltenwesen des Geistes selber darinnen, und sie fühlten, wie dasjenige, in dem sie lebten und webten, zu ihnen sprach, wie sie gewissermaßen an die Welt selber die Fragen stellen konnten, welche die Rätsel der Welt bedeuten, und wie ihnen die Erscheinungen aus den Weiten antworteten. Das wurde als dasjenige empfunden, was wir etwa ganz abgeschwächt und abstrakt in unserer Sprache den Geist nennen. Und der Geist wurde eigentlich als dasjenige empfunden, was überall ist, was aber auch von überallher wahrgenommen werden kann. Man blickte in Welteninhalte, von denen schon die Griechen nichts mehr mit dem Seelenblicke sahen, die schon für die Griechen ein Nichts geworden waren. Und man nannte dieses Nichts der Griechen, das aber noch ein vollinhaltliches Etwas für die ältesten Weisen der nachatlantischen Zeit war, man nannte das eben mit jenen Worten, die damals üblich waren, und die eben in unserer Sprache abgeschwächt und abstrakt «Geist» heißen würden. Also das später Unbekannte, den später verborgenen Gott, nannte man, als er noch bekannt war, Geist. Das war das erste für jene älteren Zeiten.

[ 4 ] And now I would like to contrast these two figures with another who lived some two thousand years earlier—a figure who is just as characteristic of his era as, for example, Kusaner, drawing on Meister Eckhart, is of the early 15th century. We will need to go back to these earlier times in order to better understand what then emerged from the depths of human spiritual life as a quest for knowledge in the 15th century. The figure I wish to speak to you about today, however, is not mentioned in any history book or historical document, for these do not go back in such matters to around the 8th century B.C. Nevertheless, we can only gain insight into what characterizes the very origin of the natural sciences if we go further back through spiritual science—through purely spiritual observation—than external historical documents reveal to us. A figure who, as I said, can indeed only be discovered through spiritual vision, living more than two thousand years before this era, the starting point of which I described yesterday as lying in the first half of the 15th century. This is a figure from pre-Christian times who was initiated into one of the so-called mystery schools of southern Europe; there he received everything that these mystery teachers had to say to their students—these spiritual-cosmic teachings, spiritual-cosmic truths, truths about the spiritual beings that lived and continue to live in the cosmos. But this individual I am referring to heard from the mystery teachers even back then a wisdom that was, more or less, merely traditional—a retelling of much of much older visions of humanity—a retelling of what much older, discerning sages had beheld when they repeatedly directed their clairvoyant gaze out into the vastness of the cosmos, and when, as was indeed the case, the movements of the stars, the constellations of the stars, and many other processes in the vastness of the cosmos spoke to them from those expanses. To these ancient sages, the universe was not that machine or machine-like construct that it is to people today when they look out into space; rather, the vastness of the cosmos was something in which these sages felt themselves to be within an all-living, all-pervading, all-spiritual being that spoke to them in a cosmic language. They felt themselves to be within the cosmic being of the Spirit itself, and they felt how that in which they lived and moved spoke to them, how they could, as it were, pose to the world itself the questions that constitute the world’s mysteries, and how the phenomena from the vast expanses answered them. This was perceived as what we, in a very diluted and abstract sense, call “the Spirit” in our language. And the Spirit was actually perceived as that which is everywhere, yet which can also be perceived from everywhere. People gazed into the contents of the world that even the Greeks could no longer perceive with the eye of the soul—contents that had already become “nothing” for the Greeks. And this “nothingness” of the Greeks—which, however, was still a “something” full of content for the oldest sages of the post-Atlantean era—was named precisely with those words that were customary at the time, and which in our language would be called, in a weakened and abstract sense, “Spirit.” Thus, what later became unknown—the God who was later hidden—was called “spirit” when He was still known. That was the first thing in those earlier times.

[ 5 ] Das zweite war, daß der Mensch, wenn er in sich selber hineinsah, seine Seele sah mit dem Seelenblicke, mit dem nach inwärts gerichteten Geistesblicke. Und diese Seele empfand er als dasjenige, was herkam von dem Geiste, der später der unbekannte Gott geworden ist, und er empfand seine eigene Seele so, dieser älteste Weise, und mit ihm die Menschheit, die sich zu diesem ältesten Weisen bekannte, daß man die Bezeichnung, die damals aus diesen Anschauungen heraus dem menschlichen Seelenwesen hat gegeben werden können, umgewandelt in unsere Sprache, Geistbote oder schlechthin Bote nennen könnte, So daß man also sagen kann, wenn man schematisch darstellen will, was für diese ältesten Zeiten als Anschauung galt: Als Weltumfassendes, außer dem nichts anderes ist, und das in jedem Etwas zu finden ist, galt damals der Geist. Und der Geist, der in seiner Urgestalt unmittelbar wahrnehmbar war, wurde wieder gesucht in der menschlichen Seele, und er wurde gefunden, indem diese menschliche Seele sich selber als den Boten dieses Geistes erkannte. So daß man sagen kann: Die Seele wurde angesehen als Bote.

[ 5 ] The second was that when a person looked within himself, he saw his soul with the gaze of the soul, with the inward-directed gaze of the spirit. And he perceived this soul as that which came from the spirit who later became the unknown God, and he perceived his own soul in this way—according to this most ancient wisdom— and with him, humanity, which professed this oldest form of wisdom—that the designation which, at that time, based on these conceptions, could have been given to the human soul—translated into our language—could be called a “spiritual messenger” or simply a “messenger.” Thus, if one wishes to present schematically what was regarded as a conception in those earliest times: The Spirit was regarded at that time as the all-encompassing reality, apart from which there is nothing else, and which is to be found in every single thing. And the Spirit, which in its primordial form was directly perceptible, was sought once more in the human soul, and it was found when this human soul recognized itself as the messenger of this Spirit. So that one can say: The soul was regarded as a messenger.

[ 6 ] Und als drittes hatte man um sich herum die äußere Natur mit demjenigen, was wir heute das Wesen, das Körperwesen nennen. Ich sagte, außer dem Geiste gab es kein Etwas, denn der Geist ward überall geschaut, er ward erkannt in seiner Urgestalt durch unmittelbares Schauen. Er ward erkannt in der menschlichen Seele, die die Botschaft von ihm in ihrem eigenen Leben verwirklichte. Er ward aber auch erkannt in demjenigen, was wir heute die Natur nennen, die Körperwelt. Und diese Körperwelt, sie wurde angesehen als Abbild des Geistes.

[ 6 ] And thirdly, one was surrounded by the external natural world, with what we today call the essence, the physical being. I said that apart from the spirit there was nothing else, for the spirit was perceived everywhere; it was recognized in its primordial form through direct perception. It was recognized in the human soul, which brought its message to life within its own existence. But it was also recognized in what we today call nature—the physical world. And this physical world was regarded as a reflection of the spirit.

[ 7 ] So hatte man in jenen alten Zeiten nicht diejenigen Vorstellungen von der Körperwelt, die man heute hat. Wo immer man hinschaute auf irgendein Naturgebilde, schaute man, weil man eben den Geist überall schauen konnte, in jedem Naturgebilde ein Abbild des Geistes. Dasjenige Abbild des Geistes, das einem am nächsten stand, das war der Menschenleib, der Körper des Menschen, dieses Stück Natur. Aber indem alle anderen Naturgebilde Abbilder des Geistes waren, war auch dieser Menschenleib Abbild des Geistes. Schaute daher dieser ältere Mensch auf sich selbst zurück, so erkannte er sich als ein dreifaches Wesen. Erstens wohnte in ihm der Geist in seiner Urgestalt, wie in einem seiner Häuser. Der Mensch erkannte sich als Geist. Zweitens fühlte sich innerhalb der Welt der Mensch als Bote dieses Geistes, und insofern als Seelenwesen. Drittens fühlte sich der Mensch als Leib, und durch den Leib als Abbild des Geistes. So daß wir sagen können: Wenn der Mensch auf sich selbst zurückblickte, so erkannte er sich in der Dreiheit seines Wesens nach Geist, Seele, Leib; nach Geist als in seiner Urgestalt, nach der Seele als dem Gottesboten, nach dem Leibe als dem Abbild des Geistes.

[ 7 ] In those ancient times, people did not have the same conceptions of the physical world that we have today. Wherever one looked at any natural formation, one saw—precisely because one could perceive the spirit everywhere—an image of the spirit in every natural formation. The image of the spirit that was closest to one was the human body—this piece of nature. But since all other natural formations were images of the spirit, the human body, too, was an image of the spirit. Therefore, when this ancient human looked back upon himself, he recognized himself as a threefold being. First, the Spirit dwelt within him in its primordial form, as in one of its abodes. The human recognized himself as Spirit. Second, within the world, the human felt himself to be a messenger of this Spirit, and in this respect, a soul being. Third, the human being felt himself to be a body, and through the body, an image of the spirit. So that we can say: When the human being looked back upon himself, he recognized himself in the triunity of his being—as spirit, soul, and body; as spirit in its primordial form, as soul as God’s messenger, and as body as the image of the spirit.

[ 8 ] In dieser älteren Weisheit der Menschen gab es keinen Widerspruch zwischen Leib und Seele, keinen Widerspruch zwischen Natur und Geist, denn man wußte: Geist ist in seiner Urgestalt im Menschen; dasjenige, was die Seele ist, ist nichts anderes als der weitergetragene, der als Botschaft weitergetragene Geist; der Leib ist das Abbild des Geistes. Aber man fühlte auch keinen Gegensatz zwischen dem Menschen und der umliegenden Natur, denn man trug in dem eigenen Leib das Abbild des Geistes in sich, und man sah in jedem Körper draußen ein Abbild des Geistes. So wurde der eigene Leib in Verwandtschaft empfunden mit allen Naturkörpern. Man erkannte ein innerlich Verwandtes, wenn man hinausschaute in die Körperwelt und wenn man hinschaute auf den Menschenleib. Man fühlte die Natur nicht als etwas anderes. Als eine Einheit, ein Monon fühlte sich der Mensch mit der ganzen übrigen Welt. Das fühlte er dadurch, daß er eben die Urgestalt des Geistes wahrnehmen konnte, daß die Weltenweiten zu ihm sprachen. Und die Folge dieses Sprechens der Weltenweiten zu dem Menschen war, daß es eigentlich keine Naturwissenschaft geben konnte. Geradeso wie wir keine Wissenschaft der äußeren Natur begründen können von demjenigen, was in unserer Erinnerung lebt, so konnte dieser ältere Angehörige der Menschheit keine äußere Naturwissenschaft begründen, denn er sah das Bild des Geistes, wenn er in sich selber hineinschaute, und er erkannte wiederum dieses Bild des Geistes, wenn er in die äußere Natur hinausschaute. Ein Gegensatz zwischen sich selber als Mensch und Natur war nicht da, ebensowenig ein Gegensatz zwischen Seele und Leib, denn Seele und Leib entsprachen einander so, daß der Leib, ich möchte sagen, nur die Schale, das Abbild, das künstlerische Abbild der geistigen Urgestalt war und die Seele der vermittelnde Bote zwischen den beiden. Alles war in inniger Einheit. Von einem Begreifen konnte gar nicht die Rede sein, denn man begreift dasjenige, was außerhalb des eigenen Lebens liegt, während man dasjenige, was man in sich selbst trägt, unmittelbar erlebt, nicht erst begreift.

[ 8 ] In this ancient human wisdom, there was no contradiction between body and soul, no contradiction between nature and spirit, for it was known that the spirit, in its primal form, resides within the human being; that which is the soul is nothing other than the spirit carried forward, transmitted as a message; the body is the image of the spirit. But people also felt no opposition between human beings and the surrounding natural world, for they carried within their own bodies the image of the spirit, and they saw in every body outside themselves an image of the spirit. Thus, one’s own body was perceived as kinship with all bodies in nature. One recognized an inner kinship when looking out into the physical world and when gazing upon the human body. Nature was not perceived as something separate. Human beings felt themselves to be one with the rest of the world as a unity, a monon. They felt this because they were able to perceive the primordial form of the spirit—because the vastness of the worlds spoke to them. And the consequence of this speech of the vastness of the worlds to human beings was that there could, in fact, be no natural science. Just as we cannot establish a science of external nature based on what lives in our memory, so too could these earlier members of humanity not establish an external natural science, for when they looked within themselves, they saw the image of the spirit, and they recognized this same image of the spirit again when they looked out into external nature. There was no contrast between himself as a human being and nature, nor was there any contrast between soul and body, for soul and body corresponded to one another in such a way that the body—I might say—was merely the shell, the image, the artistic representation of the spiritual archetype, and the soul was the mediating messenger between the two. Everything was in intimate unity. There could be no question of “comprehending,” for one comprehends that which lies outside one’s own life, whereas that which one carries within oneself is experienced directly, not first comprehended.

[ 9 ] Solche Weisheit in unmittelbarer Anschauung lebte in den ältesten Mysterien der Menschheit noch vor der Griechen- und Römerzeit. Von solcher Weisheit hörte jene Persönlichkeit, die ich heute meine. Von solcher Weisheit hörte sie, und sie sah, daß die Lehrer ihres Mysteriums eigentlich im Grunde genommen nur noch als Überlieferung aus älteren Zeiten das hatten, was sie zu ihm sprechen konnten. Sie hörte nicht mehr Ursprüngliches, aus dem Hinhorchen auf die Geheimnisse des Kosmos Erkanntes. Und diese Persönlichkeit machte sich auf weite Reisen, besuchte andere Mysterien, und im Grunde genommen erfuhr sie überall in diesem 8. Jahrhunderte der vorchristlichen Zeit schon ein Ähnliches. Überall waren nur noch die Überlieferungen alter Weisheit vorhanden. Die Schüler lernten sie von den Lehrern, die selber nicht mehr schauen konnten, wenigstens nicht in der Lebhaftigkeit der alten Zeiten.

[ 9 ] Such wisdom, experienced through direct insight, was still alive in humanity’s oldest mysteries even before the Greek and Roman eras. The person I am referring to today heard of such wisdom. She heard of such wisdom, and she saw that the teachers of her mystery, when it came down to it, had nothing more to say about it than what had been handed down from earlier times. She no longer heard anything original—insights gained from listening to the mysteries of the cosmos. And this individual set out on long journeys, visited other mysteries, and, in essence, found something similar everywhere throughout the 8th century B.C. Everywhere, only the traditions of ancient wisdom remained. The students learned them from teachers who themselves could no longer see—at least not with the vividness of ancient times.

[ 10 ] Aber die Persönlichkeit, die ich meine, hatte aus den Tiefen der Menschennatur heraus den ungeheuren Drang nach Gewißheit, nach Wissen. Sie hörte aus den Mitteilungen, daß man einmal eine Sphärenharmonie wirklich hören konnte, daß aus dieser Sphärenharmonie der Logos heräustönte, der Logos, der identisch war mit der geistigen Urgestalt aller Dinge. Aber eben nur Überlieferungen hörte sie. Und ebenso, wie sich später, zweitausend Jahre später aus den Überlieferungen seines Zeitalters heraus etwa der Meister Eckhart in sein stilles Kämmerchen gesetzt hat auf der Suche nach der inneren Kraft der Seele und des Ich und zu dem Ausspruche gekommen ist: Ich versenke mich in das Nichts der Gottheit und erlebe in Ewigkeit im Nicht das Ich —, so sagte sich jener alte, einsame Schüler der Spätmysterien: Ich horche hin auf das stumme Weltenall und aus der Stummheit hole ich mir die logostragende Seele. Ich liebe den Logos, denn der Logos kündet von einem unbekannten Gotte.

[ 10 ] But the individual I am referring to felt, from the depths of human nature, an immense longing for certainty, for knowledge. From the traditions, she heard that once upon a time one could actually hear the harmony of the spheres, that from this harmony of the spheres resounded the Logos—the Logos that was identical with the spiritual archetype of all things. But she heard only traditions. And just as, two thousand years later, drawing on the traditions of his own age, Master Eckhart, for example, sat in his quiet little chamber in search of the inner power of the soul and the “I,” and arrived at the statement: “I immerse myself in the nothingness of the Godhead and experience the ‘I’ in eternity within the nothing”—so that old, solitary disciple of the late mysteries said to himself: “I listen to the silent universe, and from that silence I draw the soul that bears the Logos. I love the Logos, for the Logos proclaims an unknown God.”

[ 11 ] Das war das ältere Parallelbekenntnis zu demjenigen des Meisters Eckhart. Wie der Meister Eckhart sich mit den Kräften seiner Seele hineinversenkt hat in das Nicht der Gottheit, von dem ihm die Theologie des Mittelalters sprach, wie er aus diesem Nicht heraus das Ich geholt hat, so horchte hin jener alte Weise auf eine stumme Welt, denn dasjenige, wovon ihm die überlieferte Weisheit sprach, das hörte er nicht mehr. Er konnte nur hinhorchen in ein stummes Weltenall. Und er holte sich, wie früher die geistdurchtränkte Seele sich die alte Weisheit geholt hat, er holte sich aus dem stummen Weltenall die logostragende Seele. Und er liebte den Logos, der nicht mehr die Gottheit selber der alten Zeit war, sondern nur noch ein Bild der Gottheit der alten Zeiten. Mit anderen Worten: Der Geist war bereits in jenen Zeiten der Seele entschwunden, und so wie später der Meister Eckhart in der ernichteten Welt das Ich suchen mußte, so mußte in der entgeisteten Welt die Seele gesucht werden.

[ 11 ] This was the earlier parallel confession to that of Meister Eckhart. Just as Meister Eckhart immersed himself with the powers of his soul into the “nothingness” of the Divine—of which medieval theology spoke to him—and just as he drew the “I” out of this nothingness, so too did that ancient sage listen intently to a silent universe, for he no longer heard what traditional wisdom had told him. He could only listen into a silent cosmos. And just as the spirit-imbued soul of old had once drawn upon the ancient wisdom, he drew from the silent cosmos the soul that bears the Logos. And he loved the Logos, which was no longer the Divinity itself of ancient times, but merely an image of the Divinity of those times. In other words: The spirit had already vanished from the soul in those times, and just as Meister Eckhart later had to seek the “I” in the world stripped of its spirit, so too must the soul be sought in the world devoid of spirit.

[ 12 ] Oh, in früheren Zeiten hatten die Seelen gewissermaßen die innere Festigkeit, die sie brauchten, um sich sagen zu können: Ich bin selbst ein Göttliches in dem inneren Wahrnehmen des Geistes, der in mir west. Jetzt aber wohnte der Geist für die unmittelbare Anschauung nicht mehr in ihr, jetzt fühlte sich die Seele nicht mehr als den Boten des Geistes. Denn um Bote von etwas zu sein, muß man es kennen. Jetzt fühlte sich die Seele als Logosträger, als Träger des Geistesbildes, wenn auch dieses Geistesbild ganz lebendig war in ihr, wenn auch dieses Geistesbild sich ausdrückte in der Liebe zu dem Gotte, der sich so noch in seinem Bilde in der Seele auslebte. Aber die Seele empfand sich nicht mehr als Bote, die Seele empfand sich als Träger, Träger des Bildes des göttlichen Geistes. Und so kann man sagen, wenn man wieder schematisch darstellen will: Jetzt entstand eine andere Menschenkenntnis, wenn der Mensch in sein Inu. res blickte: Seele — Träger. Die Seele ward vom Boten zum Träger:

[ 12 ] Oh, in earlier times, souls possessed, so to speak, the inner strength they needed to be able to say to themselves: “I myself am divine in the inner perception of the Spirit that dwells within me.” But now the Spirit no longer dwelt within them for direct perception; now the soul no longer felt itself to be the messenger of the Spirit. For to be a messenger of something, one must know it. Now the soul felt itself to be a bearer of the Logos, a bearer of the image of the Spirit, even though this image of the Spirit was fully alive within it, even though this image of the Spirit expressed itself in love for the God who still lived out His life in His image within the soul. But the soul no longer perceived itself as a messenger; the soul perceived itself as a bearer, a bearer of the image of the divine Spirit. And so one can say, if one wishes to present it schematically again: Now a different understanding of humanity arose when the human being looked into his inner being: soul—bearer. The soul became a bearer rather than a messenger:

[ 13 ] Dadurch aber, daß man gewissermaßen aus der Anschauung den einstmals lebendigen Geist verloren hatte, dadurch war auch der Leib nicht mehr Abbild dieses Geistes. Um ihn als Abbild zu erkennen, hätte man die Urgestalt erkennen müssen. Der Leib wurde für diese spätere Anschauung etwas anderes. Er wurde dasjenige, was ich nennen möchte: die Kraft. Der Kraftbegriff trat jetzt ein. Er wurde als Kraftzusammenhang vorgestellt, nicht mehr ein Bild, das das Wesen des Abgebildeten in sich trägt, nicht mehr ein Abbild — eine Kraft, die nicht das Wesen desjenigen, aus dem sie entspringt, in sich trägt, das wurde der Menschenleib. Und vom Menschenleib aus mußte man auch in der Natur überall Kräfte vorstellen. War die Natur früher überall Abbild des Geistes, war sie jetzt zu den aus dem Geiste fließenden Kräften geworden. Damit aber fing die Natur an, dem Menschen mehr oder weniger ein Fremdes zu sein. Man möchte sagen: Die Seele hat etwas verloren, denn sie hat das unmittelbare Geistbewußtsein nicht mehr in sich. — Wenn ich mich grob ausdrücken sollte, müßte ich sagen: Die Seele ist in sich dünner geworden; der Körper, die äußere Körperwelt hat an Robustheit gewonnen. Sie hatte früher das noch Geistähnliche des Abbildes. Jetzt wurde sie durchsetzt von dem Kraftmäßigen. Der Kraftzusammenhang ist robuster als das Bild, dem der geistige Inhalt noch anzusehen ist. Soll ich mich wieder grob ausdrücken, müßte ich sagen: Die Körperwelt ist dichter geworden, während die Seele dünner geworden ist. Das war dasjenige, was in das Bewußtsein derjenigen Menschen überging, zu deren ersten jener alte Weise gehörte, der hinhorchte auf das stumme Weltenall, und aus der Stummheit des Weltenalls sich das Bewußtsein herausholte, daß seine Seele wenigstens Logosträger ist.

[ 13 ] But because, in a sense, the once-living spirit had been lost from perception, the body was no longer a reflection of that spirit. To recognize it as a reflection, one would have had to recognize the archetype. For this later perception, the body became something else. It became what I would like to call: the force. The concept of force now entered the picture. It was conceived as a system of forces, no longer an image that carries within itself the essence of what is depicted, no longer an image—a force that does not carry within itself the essence of that from which it springs; that is what the human body became. And, starting from the human body, one had to conceive of forces everywhere in nature as well. Whereas nature had previously been everywhere a reflection of the spirit, it had now become the forces flowing from the spirit. With this, however, nature began to be, to a greater or lesser extent, something foreign to human beings. One might say: The soul has lost something, for it no longer possesses direct spiritual consciousness within itself. — If I were to put it bluntly, I would have to say: The soul has become thinner within itself; the body, the external physical world, has gained in robustness. It used to possess the spirit-like quality of the image. Now it has become permeated by the forceful. The interplay of forces is more robust than the image in which the spiritual content is still visible. If I were to put it bluntly again, I would have to say: The physical world has become denser, while the soul has become thinner. This was what passed into the consciousness of those people, foremost among whom was that ancient sage who listened to the silent universe and, from the silence of the universe, drew the realization that his soul is, at the very least, a bearer of the Logos.

[ 14 ] Und jetzt entstand zwischen der dünner gewordenen Seele und dem dichter Gewordenen der Körperwelt der Gegensatz, der früher nicht da war. Früher hat man die Einheit des Geistes in allem gesehen. Jetzt entstand der Gegensatz zwischen Leib und Seele, Mensch und Natur, so daß jetzt auftrat der Abgrund zwischen Leib und Seele, der früher gar nicht vorhanden war, bevor jener alte Weise, von dem ich Ihnen heute erzählt habe, gesprochen hat, daß aber der Mensch sich auch fühlte abgegrenzt von der Natur, was ebenfalls in der alten Zeit nicht gefühlt wurde. Und dieser Gegensatz, er bildet im Grunde genommen den Kerninhalt alles Denkens in der Zeit zwischen jenem alten Weisen, von dem ich Ihnen heute erzählt habe, und Nikolaus Cusanus.

[ 14 ] And now, between the soul—which had become more ethereal—and the physical world—which had become more dense—a contrast arose that had not existed before. In the past, people saw the unity of the spirit in everything. Now a contrast arose between body and soul, between human beings and nature, so that a gulf emerged between body and soul—a gulf that had not existed at all before that ancient sage, of whom I have told you today, spoke—but human beings also felt themselves separated from nature, a feeling that was likewise unknown in ancient times. And this opposition essentially forms the core of all thought in the period between that ancient sage, of whom I have spoken to you today, and Nicholas of Cusa.

[ 15 ] Da ringt die Menschheit, zu begreifen den Zusammenhang auf der einen Seite zwischen Seele und Leib, der Seele, welcher Geistwirklichkeit fehlt, dem Leib, der dicht geworden ist, zur Kraft, zum Kraftzusammenhang geworden ist. Und es ringt die Menschheit nach einem Empfinden des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur. Aber die Natur ist überall Kraft. Eine Vorstellung von dem, was wir heute Naturgesetze nennen, ist eigentlich in diesem Zeitalter, da wo seine besonders charakteristischen Epochen liegen, gar nicht vorhanden. Man redete nicht in Gedanken von Naturgesetzen, man fühlte überall Naturkräfte. Aus allem heraus erlebte man Naturkräfte. Und wenn man in sich hineinschaute, so fühlte man nicht eine Seele, die wie später ein dumpfes Wollen, ein fast ebenso dumpfes Fühlen und ein abstraktes Denken in sich trägt, sondern man fühlte eine Seele, welche Träger des lebendigen Logos ist, von dem man zwar weiß, er ist nicht tot, er ist ein göttliches, lebendiges Abbild des Gottes.

[ 15 ] Humanity is striving to comprehend, on the one hand, the connection between soul and body—the soul, which lacks spiritual reality, and the body, which has become dense and transformed into force, into a system of forces. And humanity is striving to develop a sense of the relationship between human beings and nature. But nature is force everywhere. A concept of what we today call the laws of nature is actually nonexistent in this age, particularly during its most characteristic periods. People did not think in terms of laws of nature; they sensed natural forces everywhere. They experienced natural forces in everything. And when one looked within oneself, one did not feel a soul that, as in later times, carries within itself a dull volition, an almost equally dull feeling, and abstract thinking; rather, one felt a soul that is the bearer of the living Logos—of which one knows that it is not dead, but is a divine, living image of God.

[ 16 ] Man muß sich hineinversetzen können in diesen Gegensatz, der bis ins 11., 12. Jahrhundert vorhanden war in aller Schärfe, und der ein ganz anderer ist als diejenigen Gegensätze, die heute von der Menschheit gefühlt werden. Wenn man sich nicht mit lebendigem Bewußtsein in diesen ganz andersartigen Gegensatz einer älteren Menschheitsepoche hineinversetzen kann, dann passiert einem das, was allen Geschichtsschreibern der Philosophie passiert, daß sie den alten griechischen Demokritus aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert so beschreiben, als ob er im modernen Sinne ein Atomist gewesen wäre, weil er Atome angenommen hat. Wenn Worte einen kleinen Schein von Ähnlichkeit andeuten, dann ist die Ähnlichkeit noch nicht vorhanden. Zwischen dem modernen Atomisten und dem Demokritus ist ein gewaltiger Unterschied, weil Demokritus überhaupt aus jenem Gegensatze, den ich eben charakterisiert habe, von Mensch und Natur, Seele und Leib heraus redet, so daß seine Atome durchaus noch Kraftzusammenhänge sind, und als solche Kraftzusammenhänge von ihm entgegengestellt werden in einer Weise dem Raume, wie der moderne Atomist seine Atome nicht dem Raum gegenüberstellen kann. Wie sollte der moderne Atomist sagen, was Demokritus gesagt hat: Das Sein ist nicht mehr als das Nichts, das Volle ist nicht mehr als das Leere. Das heißt, Demokritus nimmt an, daß der leere Raum eine Verwandtschaft hat mit dem im Atom erfüllten Raum. Das hat nur einen Sinn innerhalb eines Bewußtseins, das überhaupt den modernen Körperbegriff noch gar nicht kennt, also auch nicht von Atomen eines Körpers sprechen kann, sondern selbstverständlich nur von Kraftpunkten spricht, die eine innerliche Verwandtschaft dann haben mit demjenigen, was außer dem Menschen ist. Der heutige Atomist kann das Leere nicht dem Vollen gleichsetzen. Denn wenn Demokritus das Leere so vorgestellt hätte, wie wir heute vom Leeren sprechen, so hätte er es nicht dem Sein gleichsetzen können. Er kann es gleichsetzen, weil er in diesem Leeren drinnen sucht dasjenige, was Seelenträger ist, Seele, welche Träger des Logos ist. Wenn er diesen Logos auch mit einer Art von Notwendigkeit vorstellt, so ist es die griechische Notwendigkeit, nicht unsere heutige Naturnotwendigkeit. Darauf kommt es an, wenn man verstehen will, was heute ist, daß man in der richtigen Weise in die Vorstellungs- und Empfindungsnuance der älteren Zeiten hineinschauen kann.

[ 16 ] One must be able to put oneself in the shoes of this contrast, which existed with great intensity right up into the 11th and 12th centuries, and which is entirely different from the contrasts experienced by humanity today. If one cannot, with a living consciousness, put oneself in the place of this entirely different kind of opposition from an earlier epoch of human history, then one falls into the same trap as all historians of philosophy: they describe the ancient Greek Democritus of the 5th century B.C. as if he had been an atomist in the modern sense, simply because he posited atoms. Even if words suggest a slight semblance of similarity, the similarity does not yet exist. There is a vast difference between the modern atomist and Democritus, because Democritus speaks entirely from within that very contrast I have just characterized—between human and nature, soul and body, so that his atoms are still, through and through, relationships of force, and as such, he sets these relationships of force in opposition to space in a way that the modern atomist cannot set his atoms in opposition to space. How could the modern atomist say what Democritus said: Being is no more than nothingness; the full is no more than the void. That is to say, Democritus assumes that empty space has a kinship with the space filled by the atom. This makes sense only within a consciousness that is not yet familiar with the modern concept of the body at all—and thus cannot speak of the atoms of a body, but naturally speaks only of points of force, which then have an inner kinship with that which lies outside of humanity. Today’s atomist cannot equate the void with the full. For if Democritus had conceived of the void in the way we speak of the void today, he would not have been able to equate it with being. He can equate it because within this void he seeks that which is the bearer of the soul—the soul, which is the bearer of the Logos. Even if he conceives of this Logos as a kind of necessity, it is the Greek notion of necessity, not our modern notion of natural necessity. This is what matters if one wishes to understand what exists today: that one be able to look into the nuances of imagination and perception of earlier times in the right way.

[ 17 ] Und nun kam die Zeit, die ich eben gestern charakterisiert habe, die Zeit des Meisters Eckhart, die Zeit des Nikolaus Cusanus, in der auch das Bewußtsein von dem in der Seele lebenden Logos verloren ward. Der Meister Eckhart und der Kusaner fanden da, wo der alte Meister beim Hinhorchen in das Weltenall nur über die Stummheit zu klagen hatte, da fanden sie das Nichts, und mußten aus dem Nicht das Ich suchen. Damit aber beginnt überhaupt erst die neuere Zeit des menschlichen Denkens. Jetzt hat die Seele nicht mehr den lebendigen Logos in sich, jetzt hat sie die Ideen und Begriffe in sich, wenn sie in sich hineinschaut, die Vorstellungen, dasjenige, was zuletzt zu den Abstraktionen führt. Jetzt ist sie noch dünner geworden. Die dritte Phase der menschlichen Anschauung beginnt. Einstmals in der ersten Phase hat die Seele in sich des Geistes Urgestalt erlebt. Sie war sich Geistesbote. Die zweite Phase: Die Seele erlebt in sich das lebendige Gottesbild im Logos, sie wird sich Logosträger.

[ 17 ] And now came the era I described just yesterday—the era of Meister Eckhart, the era of Nicholas of Cusa—in which the awareness of the Logos living within the soul was also lost. Where the old master, listening to the universe, could only lament its silence, Meister Eckhart and Nicholas of Cusa found nothingness, and had to seek the “I” out of that nothingness. But it is with this that the modern era of human thought truly begins. Now the soul no longer has the living Logos within itself; now, when it looks within, it finds ideas and concepts—the representations, that which ultimately leads to abstractions. Now it has become even more ethereal. The third phase of human perception begins. Once, in the first phase, the soul experienced within itself the primordial form of the Spirit. It was the Spirit’s messenger. The second phase: The soul experiences within itself the living image of God in the Logos; it becomes a bearer of the Logos.

[ 18 ] Jetzt, in der dritten Phase, wird sie gewissermaßen Behältnis von Ideen und Begriffen, die in der Sicherheit der Mathematik zwar zum Vorschein kommen, die aber eben Begriffe und Ideen sind. Sie fühlt sich innerlich am verdünntesten, möchte man sagen. Und wiederum wächst der Körperwelt Robustheit zu. Es entsteht die dritte Art, wie sich der Mensch fühlt. Er kann sein Seelisches noch nicht ganz aufgeben, aber er fühlt dieses Seelische als den Behälter des Ideellen und er fühlt den Leib nun nicht mehr bloß als Kraft, sondern als ausgedehnten Körper.

[ 18 ] Now, in the third phase, it becomes, as it were, a vessel for ideas and concepts that do indeed emerge within the safety of mathematics, but which are, after all, merely concepts and ideas. One might say that it feels most diluted internally. And once again, the physical world gains in robustness. A third way of feeling emerges for the human being. He cannot yet completely relinquish his soul life, but he perceives this soul life as the vessel of the ideal, and he no longer perceives the body merely as a force, but as an extended body.

[ 19 ] Der Körper ist noch robuster geworden. Er ist in der Anschauung zu dem geworden, was den Geist nunmehr völlig verleugnet. Hier begegnet uns erst der Körper, von dem dann Hobbes, Bacon sprachen, Locke sprach, hier begegnet uns der Körper, der am dichtesten geworden ist, und zu dem das Innere des Menschen keine Verwandtschaft mehr fühlen kann, sondern nur noch eine abstrakte Beziehung, die sich immer mehr und mehr herausbildet in der Entwickelung des menschlichen Anschauens.

[ 19 ] The body has become even more robust. In our perception, it has become that which now completely denies the mind. It is here that we first encounter the body of which Hobbes, Bacon, and Locke spoke; it is here that we encounter the body that has become the most dense, and to which the inner self can no longer feel any kinship, but only an abstract relationship that emerges more and more clearly in the development of human perception.

[ 20 ] An die Stelle des früher konkreten Gegensatzes Seele und Leib, Mensch und Natur, tritt jetzt ein anderer Gegensatz, der immer mehr und mehr in die Abstraktion hineinkommt. Dasjenige, das sich früher noch, weil es in sich das Logosbild der Gottheit fühlte, in sich konkret vorkam, das verwandelte sich allmählich bloß zum Gefäß des Ideellen, es wurde sich Subjekt, und stellte sich das, mit dem es gar keine Verwandtschaft mehr fühlte — während es alle Verwandtschaft in der alten Geistzeit gefühlt hat —, als Objekt gegenüber.

[ 20 ] The former concrete opposition between soul and body, human and nature, is now replaced by another opposition that becomes increasingly abstract. That which formerly still appeared as concrete within itself—because it felt within itself the Logos-image of the Deity—gradually transformed itself into merely a vessel of the ideal; it became a subject and placed before itself as an object that with which it no longer felt any kinship—whereas it had felt complete kinship in the old age of the Spirit.

[ 21 ] Der frühere menschliche Gegensatz von Seele und Leib, von Mensch und Natur, wurde der immer mehr und mehr bloß erkenntnistheoretische Gegensatz zwischen dem Subjekt, das in einem ist, und dem Objekt, das draußen ist. Die Natur verwandelte sich in das Objekt des Erkennens. Kein Wunder, daß die Erkenntnis aus dem eigenen Bedürfnisse heraus nach dem objektiven schlechthin strebte.

[ 21 ] The earlier human opposition between soul and body, between human and nature, increasingly became merely an epistemological opposition between the subject, which is within, and the object, which is outside. Nature was transformed into the object of knowledge. No wonder that knowledge, driven by its own needs, strove for the objective par excellence.

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[ 22 ] Was aber ist dieses Objektive? Dieses Objektive ist nicht mehr dasjenige, was dem Griechen die Natur war, dieses Objektive ist von äußerer Körperlichkeit, in der kein Geistiges mehr geschaut wird. Es ist die Natur, die geistlos geworden ist, die von außen, vom Subjekt aus begriffen werden soll. Weil der Mensch erst aus seinem Wesen herausverloren hat den Zusammenhang mit der Natur, suchte er eine Naturwissenschaft von außen. Da sind wir wiederum auf dem Punkte, mit dem ich gestern den Schluß machen konnte, indem ich sagte, der Kusaner sah auf das, was ihm die göttliche Welt sein sollte, und er sagte: Man muß vorher haltmachen mit der Erkenntnis, man muß schreiben, wenn man von der göttlichen Welt schreibt, von einer docta ignorantia. — Und leise nur wollte er in den Symbolen, die aus der Mathematik genommen sind, etwas festhalten von dem, was so als das Geistige ihm erschien. Aber er war sich bewußt, das kann man nicht, das Geistige in mathematischen Symbolen festhalten.

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[ 23 ] Und ich sagte, etwa hundert Jahre darnach — 1440 ist die «Docta ignorantia» erschienen, 1543 «De revolutionibus orbium coelestium» —, also etwa ein Jahrhundert später bemächtigt sich mit mathematischem Geiste Kopernikus gewissermaßen der anderen, der äußeren Seite desjenigen, was der Kusaner nicht mit der Mathematik, nicht einmal symbolisch voll erfassen konnte. Und wir sehen heute, wie tatsächlich die Anwendung dieses mathematischen Geistes auf die Natur in dem Momente möglich wird, wo dem Menschen aus dem unmittelbaren Erleben die Natur entfällt. Das kann man bis in die Sprachgeschichte hinein nachweisen, denn «Natur» deutet noch hin auf etwas, was mit dem Geborenwerden verwandt ist, während dasjenige, was heute als die Natur angesehen wird, bloß die Körperwelt ist, die aber in sich nur das Tote enthält — ich meine für das menschliche Anschauen natürlich, denn die Natur enthält heute noch immer selbstverständlich das Leben und den Geist, aber für das menschliche Anschauen ist sie ein Totes geworden, zu dessen Erfassung vor allen Dingen zunächst das sicherste Begriffswissen gelten soll, das mathematische.

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[ 24 ] So sehen wir eine mit innerer Gesetzmäßigkeit ablaufende Entwickelung der Menschheit vor uns: Die erste Epoche, wo der Mensch Gott und Welt gesehen hat, aber Gott in der Welt, die Welt in Gott, das Monon, die Einheit; die zweite Epoche, wo der Mensch gesehen hat in der Tat Seele und Leib, Mensch und Natur, die Seele als Träger des lebendigen Logos, als Träger dessen, was nicht entsteht und nicht vergeht, die Natur als dasjenige, was entsteht und stirbt; die dritte Phase, wo der Mensch aufgestiegen ist zu dem abstrakten Gegensatz: Subjekt, das er selber ist, Objekt, das die Außenwelt ist. Das Objekt ist das Robusteste, in das mit den Begriffen hineinzuleuchten gar nicht mehr versucht wird, das empfunden wird als das dem Menschen Fremde, das von außen untersucht wird mit der Mathematik, welche kein Talent dazu hat, in das Innere als solches zu dringen, daher sie auch der Kusaner nur symbolisch auf das Innere, und das schüchtern, anwandte.

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[ 25 ] So muß man sich aus älteren Anlagen der Menschheit das Bestreben hervorgegangen denken, Naturwissenschaft zu entwickeln. Es mußte die Epoche einmal herankommen an die Menschen, wo diese Naturwissenschaft entstehen mußte. Sie mußte auch so werden, wie sie ist. Das sehen wir gerade, wenn wir scharf die Phasen ins Auge fassen, die ich charakterisiert habe in der geistigen Menschheitsentwickelung, wenn wir ins Auge fassen, wie die erste Phase hingeht bis zu jenem alten südlichen Weisen des 8. vorchristlichen Jahrhunderts, den ich Ihnen heute charakterisiert habe, die zweite von ihm bis zu Nikolaus Cusanus. Die dritte Phase, in der stehen wir drinnen. Die erste ist pneumatologisch, nach dem Geist in seiner Urgestalt gerichtet; die zweite ist mystisch, wenn man das Wort mystisch im weitesten Sinne nimmt; die dritte ist mathematisch. So — wenn wir die eigentlichen charakteristischen Merkmale nehmen — zählen wir die erste Phase bis zu dem alten südlichen Weisen, den ich Ihnen heute geschildert habe; bis zu ihm zählen wir die alte Pneumatologie. Von ihm bis zu dem Meister Eckhart und dem Nikolaus Cusanus zählen wir die magische Mystik. Von dem Kardinal Nikolaus Cusanus bis in unsere Zeit und weiter zählen wir die Zeit der mathematisierenden Naturwissenschaft.

[ 26 ] Darauf wollen wir dann morgen weiter bauen.

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