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The Emergence of Natural Science
in World History
and its Subsequent Development
GA 326

25 December 1922, Dornach

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Zweiter Vortrag

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Die Geschichtsbetrachtung, welche diesen Vorträgen zugrunde liegt, ist eine symptomatologische, wie ich sie nennen möchte, das heißt, es soll versucht werden, durch eine solche Geschichtsbetrachtung dasjenige, was in den Tiefen der Menschheitsentwickelung vor sich geht, gewissermaßen durch die aus diesem Strome der Menschheitsentwickelung aufgeworfenen Wellen, welche die Symptome sind, zu charakterisieren. Das muß eigentlich bei jeder wahren Geschichtsbetrachtung aus dem Grunde geschehen, weil das Geschehen, die Summe der Vorgänge, die eigentlich in jedem Zeitpunkte in den Tiefen der Menschheitsentwickelung liegen, so mannigfaltig, so intensiv bedeutsam sind, daß man immer nur eben hindeuten kann auf dasjenige, was in den Tiefen liegt, durch die Schilderung der aufgeworfenen Wellen, welche eben symptomatisch andeuten dasjenige, was wirklich vorgeht.

[ 1 ] Die Geschichtsbetrachtung, welche diesen Vorträgen zugrunde liegt, ist eine symptomatologische, wie ich sie nennen möchte, das heißt, es soll versucht werden, durch eine solche Geschichtsbetrachtung dasjenige, was in den Tiefen der Menschheitsentwickelung vor sich geht, gewissermaßen durch die aus diesem Strome der Menschheitsentwickelung aufgeworfenen Wellen, welche die Symptome sind, zu charakterisieren. Das muß eigentlich bei jeder wahren Geschichtsbetrachtung aus dem Grunde geschehen, weil das Geschehen, die Summe der Vorgänge, die eigentlich in jedem Zeitpunkte in den Tiefen der Menschheitsentwickelung liegen, so mannigfaltig, so intensiv bedeutsam sind, daß man immer nur eben hindeuten kann auf dasjenige, was in den Tiefen liegt, durch die Schilderung der aufgeworfenen Wellen, welche eben symptomatisch andeuten dasjenige, was wirklich vorgeht.

[ 2 ] Ich erwähne dies aus dem Grunde heute, weil ich gestern zur Charakterisierung der Geburt naturwissenschaftlicher Denk- und Forschungsweisen geschildert habe die beiden Persönlichkeiten, den Meister Eckhart und namentlich Nikolaus den Kusaner. Wenn solche Persönlichkeiten hier geschildert werden, so geschieht es aus dem Grunde, weil dasjenige, was in der Seele und im ganzen Auftreten solcher Persönlichkeiten geschichtlich zu beobachten ist, eben auch von mir als Symptome angesehen wird für dasjenige, was in den Tiefen des allgemeinen Menschheitswerdens vorgeht. Es sind ja immer nur, ich möchte sagen, ein paar an die Oberfläche getriebene Bilder, die man dadurch auffangen kann, daß man in die eine oder in die andere Menschenseele hineinblickt. Dann schildert man aber dadurch das Grundwesen der einzelnen Zeitabläufe. So war es gemeint, wenn ich gestern Nikolaus den Kusaner schilderte, um anzudeuten, wie in seiner Seele sich symptomatisch offenbart alles dasjenige, was eigentlich in der geistigen Menschheitsentwickelung, zur naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise hindrängend, im Beginne des 15. Jahrhunderts sich abspielt. Daß weder alles dasjenige Wissen, das man gewissermaßen in der Seele ansammeln kann dadurch, daß man auf der einen Seite sich hingibt dem, was die Erkenntnis auf dem theologischen Boden bis dahin hervorgebracht hat, noch auch die sichere mathematische Anschauungsweise hinführen können bis zum Ergreifen der geistigen Welt, so daß man haltmachen muß mit der ganzen menschlichen Begriffs- und Ideenerkenntnis vor dieser geistigen Welt und gegenüber dieser geistigen Welt nur eine «Docta ignorantia» schreiben könne, das ist dasjenige, was in Nikolaus dem Kusaner auf eine so großartige Weise zum Ausdrucke kommt. Damit aber hat er gewissermaßen abgeschlossen mit der Art von Welterkenntnis, wie sie bis zu ihm in der Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist. Und ich konnte hinweisen darauf, wie jene Seelenstimmung schon vorhanden ist bei dem Meister Eckhart, der gründlich bewandert ist in der theologisierenden Erkenntnis des Mittelalters, und der mit dieser theologisierenden Erkenntnis hineinblicken will in die eigene Menschenseele, um in dieser Menschenseele den Weg zu finden zu den göttlich-geistigen Weltengründen. Und er, dieser Meister Eckhart, kommt zu einer Seelenstimmung, die ich gestern mit einem seiner Sätze Ihnen andeutete. Er sagte — und er sagte Ähnliches wiederholt —: Ich versenke mich in das Nichts der Gottheit und werde aus dem Nicht in Ewigkeit ein Ich. — Er fühlt sich angekommen bei dem Nicht mit der alten Erkenntnis und muß aus diesem Nicht, das heißt aus dem Versiegen aller überzeugenden Kräfte des alten Wissens, durch einen, ich möchte sagen, Urspruch aus der Seele herausholen die Gewißheit des eigenen Ich.

[ 2 ] Ich erwähne dies aus dem Grunde heute, weil ich gestern zur Charakterisierung der Geburt naturwissenschaftlicher Denk- und Forschungsweisen geschildert habe die beiden Persönlichkeiten, den Meister Eckhart und namentlich Nikolaus den Kusaner. Wenn solche Persönlichkeiten hier geschildert werden, so geschieht es aus dem Grunde, weil dasjenige, was in der Seele und im ganzen Auftreten solcher Persönlichkeiten geschichtlich zu beobachten ist, eben auch von mir als Symptome angesehen wird für dasjenige, was in den Tiefen des allgemeinen Menschheitswerdens vorgeht. Es sind ja immer nur, ich möchte sagen, ein paar an die Oberfläche getriebene Bilder, die man dadurch auffangen kann, daß man in die eine oder in die andere Menschenseele hineinblickt. Dann schildert man aber dadurch das Grundwesen der einzelnen Zeitabläufe. So war es gemeint, wenn ich gestern Nikolaus den Kusaner schilderte, um anzudeuten, wie in seiner Seele sich symptomatisch offenbart alles dasjenige, was eigentlich in der geistigen Menschheitsentwickelung, zur naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise hindrängend, im Beginne des 15. Jahrhunderts sich abspielt. Daß weder alles dasjenige Wissen, das man gewissermaßen in der Seele ansammeln kann dadurch, daß man auf der einen Seite sich hingibt dem, was die Erkenntnis auf dem theologischen Boden bis dahin hervorgebracht hat, noch auch die sichere mathematische Anschauungsweise hinführen können bis zum Ergreifen der geistigen Welt, so daß man haltmachen muß mit der ganzen menschlichen Begriffs- und Ideenerkenntnis vor dieser geistigen Welt und gegenüber dieser geistigen Welt nur eine «Docta ignorantia» schreiben könne, das ist dasjenige, was in Nikolaus dem Kusaner auf eine so großartige Weise zum Ausdrucke kommt. Damit aber hat er gewissermaßen abgeschlossen mit der Art von Welterkenntnis, wie sie bis zu ihm in der Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist. Und ich konnte hinweisen darauf, wie jene Seelenstimmung schon vorhanden ist bei dem Meister Eckhart, der gründlich bewandert ist in der theologisierenden Erkenntnis des Mittelalters, und der mit dieser theologisierenden Erkenntnis hineinblicken will in die eigene Menschenseele, um in dieser Menschenseele den Weg zu finden zu den göttlich-geistigen Weltengründen. Und er, dieser Meister Eckhart, kommt zu einer Seelenstimmung, die ich gestern mit einem seiner Sätze Ihnen andeutete. Er sagte — und er sagte Ähnliches wiederholt —: Ich versenke mich in das Nichts der Gottheit und werde aus dem Nicht in Ewigkeit ein Ich. — Er fühlt sich angekommen bei dem Nicht mit der alten Erkenntnis und muß aus diesem Nicht, das heißt aus dem Versiegen aller überzeugenden Kräfte des alten Wissens, durch einen, ich möchte sagen, Urspruch aus der Seele herausholen die Gewißheit des eigenen Ich.

[ 3 ] Wenn man näher auf eine solche Sache hinschaut, dann kommt man darauf, wie so jemand wie damals der Meister Eckhart hindeutet auf eine ältere Seelenerkenntnis, die bis zu ihm herauf in der Menschheitsentwickelung gekommen ist, die noch den Menschen etwas gegeben hat, von dem er sagen konnte: Das lebt in mir; das ist ein Göttliches in mir, das ist etwas. — Jetzt aber waren die tiefsten Geister des Zeitalters bei dem Bekenntnis angekommen: Wenn ich das Etwas da, wenn ich das Etwas dort aufsuche, dann reicht alle Erkenntnis dieses Etwas nicht aus, um eine Gewißheit zu finden über das eigene Sein. Und ich muß von dem Etwas zu dem Nichts gehen, um eben mit einem Urspruch gewissermaßen in mir aufleben zu lassen aus dem Nichts heraus das Bewußtsein vom Ich.

[ 3 ] Wenn man näher auf eine solche Sache hinschaut, dann kommt man darauf, wie so jemand wie damals der Meister Eckhart hindeutet auf eine ältere Seelenerkenntnis, die bis zu ihm herauf in der Menschheitsentwickelung gekommen ist, die noch den Menschen etwas gegeben hat, von dem er sagen konnte: Das lebt in mir; das ist ein Göttliches in mir, das ist etwas. — Jetzt aber waren die tiefsten Geister des Zeitalters bei dem Bekenntnis angekommen: Wenn ich das Etwas da, wenn ich das Etwas dort aufsuche, dann reicht alle Erkenntnis dieses Etwas nicht aus, um eine Gewißheit zu finden über das eigene Sein. Und ich muß von dem Etwas zu dem Nichts gehen, um eben mit einem Urspruch gewissermaßen in mir aufleben zu lassen aus dem Nichts heraus das Bewußtsein vom Ich.

[ 4 ] Und nun möchte ich gegenüberstellen diesen beiden Persönlichkeiten eine andere, welche etwa zweitausend Jahre vorher gelebt hat, eine Persönlichkeit, die ebenso charakteristisch ist für ihr Zeitalter, wie charakteristisch ist etwa der Kusaner, fußend auf dem Meister Eckhart, für den Beginn des 15. Jahrhunderts. Wir werden dieses Zurückgehen in ältere Zeiten brauchen, um besser verstehen zu können dasjenige, was dann aus den Untergründen des menschlichen Seelenlebens an Erkenntnisstreben im 15. Jahrhundert aufgetaucht ist. Die Persönlichkeit, von der ich Ihnen da heute reden will, von der meldet allerdings kein Geschichtsbuch, kein historisches Dokument, denn die gehen in solchen Sachen nicht zurück bis etwa ins 8. vorchristliche Jahrhundert. Dennoch können wir uns nur Kunde über dasjenige, was den eigentlichen Ursprung der Naturwissenschaft charakterisiert, holen, wenn wir durch Geisteswissenschaft, durch die rein geistige Beobachtung weiter zurückgehen, als äußere historische Dokumente uns verkünden. Eine Persönlichkeit, die, wie gesagt, ja nur durch Geistesschau gefunden werden kann, über zweitausend Jahre vor diesem Zeitalter, dessen Anfangspunkt ich gestern als in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts liegend bezeichnet habe. Das ist eine Persönlichkeit des vorchristlichen Lebens, welche aufgenommen wurde in eine der südeuropäischen sogenannten Mysterienschulen, da gehört hatte alles dasjenige, was diese Mysterienlehrer ihren Schülern zu sagen hatten, diese geistig-kosmischen Weistümer, geistig-kosmischen Wahrheiten, Wahrheiten über die geistigen Wesenheiten, welche im Kosmos lebten und leben. Aber diese Persönlichkeit, die ich meine, die hörte von den Mysterienlehrern schon dazumal eine Weisheit, die mehr oder weniger nur noch traditionell war, die die Wiedergabe war von viel, viel älteren Schauungen der Menschheit, die Wiedergabe war desjenigen, was viel ältere erkennende Weise geschaut haben, wenn sie den damals hellseherischen Blick hinausrichteten immer wieder und wiederum in die Weltenweiten, und wenn aus diesen Weltenweiten, wie es ja war, zu ihnen gesprochen haben die Bewegungen der Sterne, die Konstellationen der Sterne, auch gesprochen haben manche anderen Vorgänge in den Weltenweiten. Diesen alten Weisen war das Weltenall nicht jene Maschine oder jenes maschinenähnliche Gebilde, das es den heutigen Menschen ist, wenn sie hinausblicken in den Weltenraum, sondern es waren ihnen die Weltenweiten etwas, in dem sich diese Weisen vorkamen wie in einem allebendigen, alldurchwebenden, alldurchgeistigten Wesen, das zu ihnen eine kosmische Sprache redete. Sie fühlten sich in dem Weltenwesen des Geistes selber darinnen, und sie fühlten, wie dasjenige, in dem sie lebten und webten, zu ihnen sprach, wie sie gewissermaßen an die Welt selber die Fragen stellen konnten, welche die Rätsel der Welt bedeuten, und wie ihnen die Erscheinungen aus den Weiten antworteten. Das wurde als dasjenige empfunden, was wir etwa ganz abgeschwächt und abstrakt in unserer Sprache den Geist nennen. Und der Geist wurde eigentlich als dasjenige empfunden, was überall ist, was aber auch von überallher wahrgenommen werden kann. Man blickte in Welteninhalte, von denen schon die Griechen nichts mehr mit dem Seelenblicke sahen, die schon für die Griechen ein Nichts geworden waren. Und man nannte dieses Nichts der Griechen, das aber noch ein vollinhaltliches Etwas für die ältesten Weisen der nachatlantischen Zeit war, man nannte das eben mit jenen Worten, die damals üblich waren, und die eben in unserer Sprache abgeschwächt und abstrakt «Geist» heißen würden. Also das später Unbekannte, den später verborgenen Gott, nannte man, als er noch bekannt war, Geist. Das war das erste für jene älteren Zeiten.

[ 4 ] Und nun möchte ich gegenüberstellen diesen beiden Persönlichkeiten eine andere, welche etwa zweitausend Jahre vorher gelebt hat, eine Persönlichkeit, die ebenso charakteristisch ist für ihr Zeitalter, wie charakteristisch ist etwa der Kusaner, fußend auf dem Meister Eckhart, für den Beginn des 15. Jahrhunderts. Wir werden dieses Zurückgehen in ältere Zeiten brauchen, um besser verstehen zu können dasjenige, was dann aus den Untergründen des menschlichen Seelenlebens an Erkenntnisstreben im 15. Jahrhundert aufgetaucht ist. Die Persönlichkeit, von der ich Ihnen da heute reden will, von der meldet allerdings kein Geschichtsbuch, kein historisches Dokument, denn die gehen in solchen Sachen nicht zurück bis etwa ins 8. vorchristliche Jahrhundert. Dennoch können wir uns nur Kunde über dasjenige, was den eigentlichen Ursprung der Naturwissenschaft charakterisiert, holen, wenn wir durch Geisteswissenschaft, durch die rein geistige Beobachtung weiter zurückgehen, als äußere historische Dokumente uns verkünden. Eine Persönlichkeit, die, wie gesagt, ja nur durch Geistesschau gefunden werden kann, über zweitausend Jahre vor diesem Zeitalter, dessen Anfangspunkt ich gestern als in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts liegend bezeichnet habe. Das ist eine Persönlichkeit des vorchristlichen Lebens, welche aufgenommen wurde in eine der südeuropäischen sogenannten Mysterienschulen, da gehört hatte alles dasjenige, was diese Mysterienlehrer ihren Schülern zu sagen hatten, diese geistig-kosmischen Weistümer, geistig-kosmischen Wahrheiten, Wahrheiten über die geistigen Wesenheiten, welche im Kosmos lebten und leben. Aber diese Persönlichkeit, die ich meine, die hörte von den Mysterienlehrern schon dazumal eine Weisheit, die mehr oder weniger nur noch traditionell war, die die Wiedergabe war von viel, viel älteren Schauungen der Menschheit, die Wiedergabe war desjenigen, was viel ältere erkennende Weise geschaut haben, wenn sie den damals hellseherischen Blick hinausrichteten immer wieder und wiederum in die Weltenweiten, und wenn aus diesen Weltenweiten, wie es ja war, zu ihnen gesprochen haben die Bewegungen der Sterne, die Konstellationen der Sterne, auch gesprochen haben manche anderen Vorgänge in den Weltenweiten. Diesen alten Weisen war das Weltenall nicht jene Maschine oder jenes maschinenähnliche Gebilde, das es den heutigen Menschen ist, wenn sie hinausblicken in den Weltenraum, sondern es waren ihnen die Weltenweiten etwas, in dem sich diese Weisen vorkamen wie in einem allebendigen, alldurchwebenden, alldurchgeistigten Wesen, das zu ihnen eine kosmische Sprache redete. Sie fühlten sich in dem Weltenwesen des Geistes selber darinnen, und sie fühlten, wie dasjenige, in dem sie lebten und webten, zu ihnen sprach, wie sie gewissermaßen an die Welt selber die Fragen stellen konnten, welche die Rätsel der Welt bedeuten, und wie ihnen die Erscheinungen aus den Weiten antworteten. Das wurde als dasjenige empfunden, was wir etwa ganz abgeschwächt und abstrakt in unserer Sprache den Geist nennen. Und der Geist wurde eigentlich als dasjenige empfunden, was überall ist, was aber auch von überallher wahrgenommen werden kann. Man blickte in Welteninhalte, von denen schon die Griechen nichts mehr mit dem Seelenblicke sahen, die schon für die Griechen ein Nichts geworden waren. Und man nannte dieses Nichts der Griechen, das aber noch ein vollinhaltliches Etwas für die ältesten Weisen der nachatlantischen Zeit war, man nannte das eben mit jenen Worten, die damals üblich waren, und die eben in unserer Sprache abgeschwächt und abstrakt «Geist» heißen würden. Also das später Unbekannte, den später verborgenen Gott, nannte man, als er noch bekannt war, Geist. Das war das erste für jene älteren Zeiten.

[ 5 ] Das zweite war, daß der Mensch, wenn er in sich selber hineinsah, seine Seele sah mit dem Seelenblicke, mit dem nach inwärts gerichteten Geistesblicke. Und diese Seele empfand er als dasjenige, was herkam von dem Geiste, der später der unbekannte Gott geworden ist, und er empfand seine eigene Seele so, dieser älteste Weise, und mit ihm die Menschheit, die sich zu diesem ältesten Weisen bekannte, daß man die Bezeichnung, die damals aus diesen Anschauungen heraus dem menschlichen Seelenwesen hat gegeben werden können, umgewandelt in unsere Sprache, Geistbote oder schlechthin Bote nennen könnte, So daß man also sagen kann, wenn man schematisch darstellen will, was für diese ältesten Zeiten als Anschauung galt: Als Weltumfassendes, außer dem nichts anderes ist, und das in jedem Etwas zu finden ist, galt damals der Geist. Und der Geist, der in seiner Urgestalt unmittelbar wahrnehmbar war, wurde wieder gesucht in der menschlichen Seele, und er wurde gefunden, indem diese menschliche Seele sich selber als den Boten dieses Geistes erkannte. So daß man sagen kann: Die Seele wurde angesehen als Bote.

[ 5 ] Das zweite war, daß der Mensch, wenn er in sich selber hineinsah, seine Seele sah mit dem Seelenblicke, mit dem nach inwärts gerichteten Geistesblicke. Und diese Seele empfand er als dasjenige, was herkam von dem Geiste, der später der unbekannte Gott geworden ist, und er empfand seine eigene Seele so, dieser älteste Weise, und mit ihm die Menschheit, die sich zu diesem ältesten Weisen bekannte, daß man die Bezeichnung, die damals aus diesen Anschauungen heraus dem menschlichen Seelenwesen hat gegeben werden können, umgewandelt in unsere Sprache, Geistbote oder schlechthin Bote nennen könnte, So daß man also sagen kann, wenn man schematisch darstellen will, was für diese ältesten Zeiten als Anschauung galt: Als Weltumfassendes, außer dem nichts anderes ist, und das in jedem Etwas zu finden ist, galt damals der Geist. Und der Geist, der in seiner Urgestalt unmittelbar wahrnehmbar war, wurde wieder gesucht in der menschlichen Seele, und er wurde gefunden, indem diese menschliche Seele sich selber als den Boten dieses Geistes erkannte. So daß man sagen kann: Die Seele wurde angesehen als Bote.

[ 6 ] Und als drittes hatte man um sich herum die äußere Natur mit demjenigen, was wir heute das Wesen, das Körperwesen nennen. Ich sagte, außer dem Geiste gab es kein Etwas, denn der Geist ward überall geschaut, er ward erkannt in seiner Urgestalt durch unmittelbares Schauen. Er ward erkannt in der menschlichen Seele, die die Botschaft von ihm in ihrem eigenen Leben verwirklichte. Er ward aber auch erkannt in demjenigen, was wir heute die Natur nennen, die Körperwelt. Und diese Körperwelt, sie wurde angesehen als Abbild des Geistes.

[ 6 ] Und als drittes hatte man um sich herum die äußere Natur mit demjenigen, was wir heute das Wesen, das Körperwesen nennen. Ich sagte, außer dem Geiste gab es kein Etwas, denn der Geist ward überall geschaut, er ward erkannt in seiner Urgestalt durch unmittelbares Schauen. Er ward erkannt in der menschlichen Seele, die die Botschaft von ihm in ihrem eigenen Leben verwirklichte. Er ward aber auch erkannt in demjenigen, was wir heute die Natur nennen, die Körperwelt. Und diese Körperwelt, sie wurde angesehen als Abbild des Geistes.

[ 7 ] So hatte man in jenen alten Zeiten nicht diejenigen Vorstellungen von der Körperwelt, die man heute hat. Wo immer man hinschaute auf irgendein Naturgebilde, schaute man, weil man eben den Geist überall schauen konnte, in jedem Naturgebilde ein Abbild des Geistes. Dasjenige Abbild des Geistes, das einem am nächsten stand, das war der Menschenleib, der Körper des Menschen, dieses Stück Natur. Aber indem alle anderen Naturgebilde Abbilder des Geistes waren, war auch dieser Menschenleib Abbild des Geistes. Schaute daher dieser ältere Mensch auf sich selbst zurück, so erkannte er sich als ein dreifaches Wesen. Erstens wohnte in ihm der Geist in seiner Urgestalt, wie in einem seiner Häuser. Der Mensch erkannte sich als Geist. Zweitens fühlte sich innerhalb der Welt der Mensch als Bote dieses Geistes, und insofern als Seelenwesen. Drittens fühlte sich der Mensch als Leib, und durch den Leib als Abbild des Geistes. So daß wir sagen können: Wenn der Mensch auf sich selbst zurückblickte, so erkannte er sich in der Dreiheit seines Wesens nach Geist, Seele, Leib; nach Geist als in seiner Urgestalt, nach der Seele als dem Gottesboten, nach dem Leibe als dem Abbild des Geistes.

[ 7 ] So hatte man in jenen alten Zeiten nicht diejenigen Vorstellungen von der Körperwelt, die man heute hat. Wo immer man hinschaute auf irgendein Naturgebilde, schaute man, weil man eben den Geist überall schauen konnte, in jedem Naturgebilde ein Abbild des Geistes. Dasjenige Abbild des Geistes, das einem am nächsten stand, das war der Menschenleib, der Körper des Menschen, dieses Stück Natur. Aber indem alle anderen Naturgebilde Abbilder des Geistes waren, war auch dieser Menschenleib Abbild des Geistes. Schaute daher dieser ältere Mensch auf sich selbst zurück, so erkannte er sich als ein dreifaches Wesen. Erstens wohnte in ihm der Geist in seiner Urgestalt, wie in einem seiner Häuser. Der Mensch erkannte sich als Geist. Zweitens fühlte sich innerhalb der Welt der Mensch als Bote dieses Geistes, und insofern als Seelenwesen. Drittens fühlte sich der Mensch als Leib, und durch den Leib als Abbild des Geistes. So daß wir sagen können: Wenn der Mensch auf sich selbst zurückblickte, so erkannte er sich in der Dreiheit seines Wesens nach Geist, Seele, Leib; nach Geist als in seiner Urgestalt, nach der Seele als dem Gottesboten, nach dem Leibe als dem Abbild des Geistes.

[ 8 ] In dieser älteren Weisheit der Menschen gab es keinen Widerspruch zwischen Leib und Seele, keinen Widerspruch zwischen Natur und Geist, denn man wußte: Geist ist in seiner Urgestalt im Menschen; dasjenige, was die Seele ist, ist nichts anderes als der weitergetragene, der als Botschaft weitergetragene Geist; der Leib ist das Abbild des Geistes. Aber man fühlte auch keinen Gegensatz zwischen dem Menschen und der umliegenden Natur, denn man trug in dem eigenen Leib das Abbild des Geistes in sich, und man sah in jedem Körper draußen ein Abbild des Geistes. So wurde der eigene Leib in Verwandtschaft empfunden mit allen Naturkörpern. Man erkannte ein innerlich Verwandtes, wenn man hinausschaute in die Körperwelt und wenn man hinschaute auf den Menschenleib. Man fühlte die Natur nicht als etwas anderes. Als eine Einheit, ein Monon fühlte sich der Mensch mit der ganzen übrigen Welt. Das fühlte er dadurch, daß er eben die Urgestalt des Geistes wahrnehmen konnte, daß die Weltenweiten zu ihm sprachen. Und die Folge dieses Sprechens der Weltenweiten zu dem Menschen war, daß es eigentlich keine Naturwissenschaft geben konnte. Geradeso wie wir keine Wissenschaft der äußeren Natur begründen können von demjenigen, was in unserer Erinnerung lebt, so konnte dieser ältere Angehörige der Menschheit keine äußere Naturwissenschaft begründen, denn er sah das Bild des Geistes, wenn er in sich selber hineinschaute, und er erkannte wiederum dieses Bild des Geistes, wenn er in die äußere Natur hinausschaute. Ein Gegensatz zwischen sich selber als Mensch und Natur war nicht da, ebensowenig ein Gegensatz zwischen Seele und Leib, denn Seele und Leib entsprachen einander so, daß der Leib, ich möchte sagen, nur die Schale, das Abbild, das künstlerische Abbild der geistigen Urgestalt war und die Seele der vermittelnde Bote zwischen den beiden. Alles war in inniger Einheit. Von einem Begreifen konnte gar nicht die Rede sein, denn man begreift dasjenige, was außerhalb des eigenen Lebens liegt, während man dasjenige, was man in sich selbst trägt, unmittelbar erlebt, nicht erst begreift.

[ 8 ] In dieser älteren Weisheit der Menschen gab es keinen Widerspruch zwischen Leib und Seele, keinen Widerspruch zwischen Natur und Geist, denn man wußte: Geist ist in seiner Urgestalt im Menschen; dasjenige, was die Seele ist, ist nichts anderes als der weitergetragene, der als Botschaft weitergetragene Geist; der Leib ist das Abbild des Geistes. Aber man fühlte auch keinen Gegensatz zwischen dem Menschen und der umliegenden Natur, denn man trug in dem eigenen Leib das Abbild des Geistes in sich, und man sah in jedem Körper draußen ein Abbild des Geistes. So wurde der eigene Leib in Verwandtschaft empfunden mit allen Naturkörpern. Man erkannte ein innerlich Verwandtes, wenn man hinausschaute in die Körperwelt und wenn man hinschaute auf den Menschenleib. Man fühlte die Natur nicht als etwas anderes. Als eine Einheit, ein Monon fühlte sich der Mensch mit der ganzen übrigen Welt. Das fühlte er dadurch, daß er eben die Urgestalt des Geistes wahrnehmen konnte, daß die Weltenweiten zu ihm sprachen. Und die Folge dieses Sprechens der Weltenweiten zu dem Menschen war, daß es eigentlich keine Naturwissenschaft geben konnte. Geradeso wie wir keine Wissenschaft der äußeren Natur begründen können von demjenigen, was in unserer Erinnerung lebt, so konnte dieser ältere Angehörige der Menschheit keine äußere Naturwissenschaft begründen, denn er sah das Bild des Geistes, wenn er in sich selber hineinschaute, und er erkannte wiederum dieses Bild des Geistes, wenn er in die äußere Natur hinausschaute. Ein Gegensatz zwischen sich selber als Mensch und Natur war nicht da, ebensowenig ein Gegensatz zwischen Seele und Leib, denn Seele und Leib entsprachen einander so, daß der Leib, ich möchte sagen, nur die Schale, das Abbild, das künstlerische Abbild der geistigen Urgestalt war und die Seele der vermittelnde Bote zwischen den beiden. Alles war in inniger Einheit. Von einem Begreifen konnte gar nicht die Rede sein, denn man begreift dasjenige, was außerhalb des eigenen Lebens liegt, während man dasjenige, was man in sich selbst trägt, unmittelbar erlebt, nicht erst begreift.

[ 9 ] Solche Weisheit in unmittelbarer Anschauung lebte in den ältesten Mysterien der Menschheit noch vor der Griechen- und Römerzeit. Von solcher Weisheit hörte jene Persönlichkeit, die ich heute meine. Von solcher Weisheit hörte sie, und sie sah, daß die Lehrer ihres Mysteriums eigentlich im Grunde genommen nur noch als Überlieferung aus älteren Zeiten das hatten, was sie zu ihm sprechen konnten. Sie hörte nicht mehr Ursprüngliches, aus dem Hinhorchen auf die Geheimnisse des Kosmos Erkanntes. Und diese Persönlichkeit machte sich auf weite Reisen, besuchte andere Mysterien, und im Grunde genommen erfuhr sie überall in diesem 8. Jahrhunderte der vorchristlichen Zeit schon ein Ähnliches. Überall waren nur noch die Überlieferungen alter Weisheit vorhanden. Die Schüler lernten sie von den Lehrern, die selber nicht mehr schauen konnten, wenigstens nicht in der Lebhaftigkeit der alten Zeiten.

[ 9 ] Solche Weisheit in unmittelbarer Anschauung lebte in den ältesten Mysterien der Menschheit noch vor der Griechen- und Römerzeit. Von solcher Weisheit hörte jene Persönlichkeit, die ich heute meine. Von solcher Weisheit hörte sie, und sie sah, daß die Lehrer ihres Mysteriums eigentlich im Grunde genommen nur noch als Überlieferung aus älteren Zeiten das hatten, was sie zu ihm sprechen konnten. Sie hörte nicht mehr Ursprüngliches, aus dem Hinhorchen auf die Geheimnisse des Kosmos Erkanntes. Und diese Persönlichkeit machte sich auf weite Reisen, besuchte andere Mysterien, und im Grunde genommen erfuhr sie überall in diesem 8. Jahrhunderte der vorchristlichen Zeit schon ein Ähnliches. Überall waren nur noch die Überlieferungen alter Weisheit vorhanden. Die Schüler lernten sie von den Lehrern, die selber nicht mehr schauen konnten, wenigstens nicht in der Lebhaftigkeit der alten Zeiten.

[ 10 ] Aber die Persönlichkeit, die ich meine, hatte aus den Tiefen der Menschennatur heraus den ungeheuren Drang nach Gewißheit, nach Wissen. Sie hörte aus den Mitteilungen, daß man einmal eine Sphärenharmonie wirklich hören konnte, daß aus dieser Sphärenharmonie der Logos heräustönte, der Logos, der identisch war mit der geistigen Urgestalt aller Dinge. Aber eben nur Überlieferungen hörte sie. Und ebenso, wie sich später, zweitausend Jahre später aus den Überlieferungen seines Zeitalters heraus etwa der Meister Eckhart in sein stilles Kämmerchen gesetzt hat auf der Suche nach der inneren Kraft der Seele und des Ich und zu dem Ausspruche gekommen ist: Ich versenke mich in das Nichts der Gottheit und erlebe in Ewigkeit im Nicht das Ich —, so sagte sich jener alte, einsame Schüler der Spätmysterien: Ich horche hin auf das stumme Weltenall und aus der Stummheit hole ich mir die logostragende Seele. Ich liebe den Logos, denn der Logos kündet von einem unbekannten Gotte.

[ 10 ] Aber die Persönlichkeit, die ich meine, hatte aus den Tiefen der Menschennatur heraus den ungeheuren Drang nach Gewißheit, nach Wissen. Sie hörte aus den Mitteilungen, daß man einmal eine Sphärenharmonie wirklich hören konnte, daß aus dieser Sphärenharmonie der Logos heräustönte, der Logos, der identisch war mit der geistigen Urgestalt aller Dinge. Aber eben nur Überlieferungen hörte sie. Und ebenso, wie sich später, zweitausend Jahre später aus den Überlieferungen seines Zeitalters heraus etwa der Meister Eckhart in sein stilles Kämmerchen gesetzt hat auf der Suche nach der inneren Kraft der Seele und des Ich und zu dem Ausspruche gekommen ist: Ich versenke mich in das Nichts der Gottheit und erlebe in Ewigkeit im Nicht das Ich —, so sagte sich jener alte, einsame Schüler der Spätmysterien: Ich horche hin auf das stumme Weltenall und aus der Stummheit hole ich mir die logostragende Seele. Ich liebe den Logos, denn der Logos kündet von einem unbekannten Gotte.

[ 11 ] Das war das ältere Parallelbekenntnis zu demjenigen des Meisters Eckhart. Wie der Meister Eckhart sich mit den Kräften seiner Seele hineinversenkt hat in das Nicht der Gottheit, von dem ihm die Theologie des Mittelalters sprach, wie er aus diesem Nicht heraus das Ich geholt hat, so horchte hin jener alte Weise auf eine stumme Welt, denn dasjenige, wovon ihm die überlieferte Weisheit sprach, das hörte er nicht mehr. Er konnte nur hinhorchen in ein stummes Weltenall. Und er holte sich, wie früher die geistdurchtränkte Seele sich die alte Weisheit geholt hat, er holte sich aus dem stummen Weltenall die logostragende Seele. Und er liebte den Logos, der nicht mehr die Gottheit selber der alten Zeit war, sondern nur noch ein Bild der Gottheit der alten Zeiten. Mit anderen Worten: Der Geist war bereits in jenen Zeiten der Seele entschwunden, und so wie später der Meister Eckhart in der ernichteten Welt das Ich suchen mußte, so mußte in der entgeisteten Welt die Seele gesucht werden.

[ 11 ] Das war das ältere Parallelbekenntnis zu demjenigen des Meisters Eckhart. Wie der Meister Eckhart sich mit den Kräften seiner Seele hineinversenkt hat in das Nicht der Gottheit, von dem ihm die Theologie des Mittelalters sprach, wie er aus diesem Nicht heraus das Ich geholt hat, so horchte hin jener alte Weise auf eine stumme Welt, denn dasjenige, wovon ihm die überlieferte Weisheit sprach, das hörte er nicht mehr. Er konnte nur hinhorchen in ein stummes Weltenall. Und er holte sich, wie früher die geistdurchtränkte Seele sich die alte Weisheit geholt hat, er holte sich aus dem stummen Weltenall die logostragende Seele. Und er liebte den Logos, der nicht mehr die Gottheit selber der alten Zeit war, sondern nur noch ein Bild der Gottheit der alten Zeiten. Mit anderen Worten: Der Geist war bereits in jenen Zeiten der Seele entschwunden, und so wie später der Meister Eckhart in der ernichteten Welt das Ich suchen mußte, so mußte in der entgeisteten Welt die Seele gesucht werden.

[ 12 ] Oh, in früheren Zeiten hatten die Seelen gewissermaßen die innere Festigkeit, die sie brauchten, um sich sagen zu können: Ich bin selbst ein Göttliches in dem inneren Wahrnehmen des Geistes, der in mir west. Jetzt aber wohnte der Geist für die unmittelbare Anschauung nicht mehr in ihr, jetzt fühlte sich die Seele nicht mehr als den Boten des Geistes. Denn um Bote von etwas zu sein, muß man es kennen. Jetzt fühlte sich die Seele als Logosträger, als Träger des Geistesbildes, wenn auch dieses Geistesbild ganz lebendig war in ihr, wenn auch dieses Geistesbild sich ausdrückte in der Liebe zu dem Gotte, der sich so noch in seinem Bilde in der Seele auslebte. Aber die Seele empfand sich nicht mehr als Bote, die Seele empfand sich als Träger, Träger des Bildes des göttlichen Geistes. Und so kann man sagen, wenn man wieder schematisch darstellen will: Jetzt entstand eine andere Menschenkenntnis, wenn der Mensch in sein Inu. res blickte: Seele — Träger. Die Seele ward vom Boten zum Träger:

[ 12 ] Oh, in früheren Zeiten hatten die Seelen gewissermaßen die innere Festigkeit, die sie brauchten, um sich sagen zu können: Ich bin selbst ein Göttliches in dem inneren Wahrnehmen des Geistes, der in mir west. Jetzt aber wohnte der Geist für die unmittelbare Anschauung nicht mehr in ihr, jetzt fühlte sich die Seele nicht mehr als den Boten des Geistes. Denn um Bote von etwas zu sein, muß man es kennen. Jetzt fühlte sich die Seele als Logosträger, als Träger des Geistesbildes, wenn auch dieses Geistesbild ganz lebendig war in ihr, wenn auch dieses Geistesbild sich ausdrückte in der Liebe zu dem Gotte, der sich so noch in seinem Bilde in der Seele auslebte. Aber die Seele empfand sich nicht mehr als Bote, die Seele empfand sich als Träger, Träger des Bildes des göttlichen Geistes. Und so kann man sagen, wenn man wieder schematisch darstellen will: Jetzt entstand eine andere Menschenkenntnis, wenn der Mensch in sein Inu. res blickte: Seele — Träger. Die Seele ward vom Boten zum Träger:

[ 13 ] Dadurch aber, daß man gewissermaßen aus der Anschauung den einstmals lebendigen Geist verloren hatte, dadurch war auch der Leib nicht mehr Abbild dieses Geistes. Um ihn als Abbild zu erkennen, hätte man die Urgestalt erkennen müssen. Der Leib wurde für diese spätere Anschauung etwas anderes. Er wurde dasjenige, was ich nennen möchte: die Kraft. Der Kraftbegriff trat jetzt ein. Er wurde als Kraftzusammenhang vorgestellt, nicht mehr ein Bild, das das Wesen des Abgebildeten in sich trägt, nicht mehr ein Abbild — eine Kraft, die nicht das Wesen desjenigen, aus dem sie entspringt, in sich trägt, das wurde der Menschenleib. Und vom Menschenleib aus mußte man auch in der Natur überall Kräfte vorstellen. War die Natur früher überall Abbild des Geistes, war sie jetzt zu den aus dem Geiste fließenden Kräften geworden. Damit aber fing die Natur an, dem Menschen mehr oder weniger ein Fremdes zu sein. Man möchte sagen: Die Seele hat etwas verloren, denn sie hat das unmittelbare Geistbewußtsein nicht mehr in sich. — Wenn ich mich grob ausdrücken sollte, müßte ich sagen: Die Seele ist in sich dünner geworden; der Körper, die äußere Körperwelt hat an Robustheit gewonnen. Sie hatte früher das noch Geistähnliche des Abbildes. Jetzt wurde sie durchsetzt von dem Kraftmäßigen. Der Kraftzusammenhang ist robuster als das Bild, dem der geistige Inhalt noch anzusehen ist. Soll ich mich wieder grob ausdrücken, müßte ich sagen: Die Körperwelt ist dichter geworden, während die Seele dünner geworden ist. Das war dasjenige, was in das Bewußtsein derjenigen Menschen überging, zu deren ersten jener alte Weise gehörte, der hinhorchte auf das stumme Weltenall, und aus der Stummheit des Weltenalls sich das Bewußtsein herausholte, daß seine Seele wenigstens Logosträger ist.

[ 13 ] Dadurch aber, daß man gewissermaßen aus der Anschauung den einstmals lebendigen Geist verloren hatte, dadurch war auch der Leib nicht mehr Abbild dieses Geistes. Um ihn als Abbild zu erkennen, hätte man die Urgestalt erkennen müssen. Der Leib wurde für diese spätere Anschauung etwas anderes. Er wurde dasjenige, was ich nennen möchte: die Kraft. Der Kraftbegriff trat jetzt ein. Er wurde als Kraftzusammenhang vorgestellt, nicht mehr ein Bild, das das Wesen des Abgebildeten in sich trägt, nicht mehr ein Abbild — eine Kraft, die nicht das Wesen desjenigen, aus dem sie entspringt, in sich trägt, das wurde der Menschenleib. Und vom Menschenleib aus mußte man auch in der Natur überall Kräfte vorstellen. War die Natur früher überall Abbild des Geistes, war sie jetzt zu den aus dem Geiste fließenden Kräften geworden. Damit aber fing die Natur an, dem Menschen mehr oder weniger ein Fremdes zu sein. Man möchte sagen: Die Seele hat etwas verloren, denn sie hat das unmittelbare Geistbewußtsein nicht mehr in sich. — Wenn ich mich grob ausdrücken sollte, müßte ich sagen: Die Seele ist in sich dünner geworden; der Körper, die äußere Körperwelt hat an Robustheit gewonnen. Sie hatte früher das noch Geistähnliche des Abbildes. Jetzt wurde sie durchsetzt von dem Kraftmäßigen. Der Kraftzusammenhang ist robuster als das Bild, dem der geistige Inhalt noch anzusehen ist. Soll ich mich wieder grob ausdrücken, müßte ich sagen: Die Körperwelt ist dichter geworden, während die Seele dünner geworden ist. Das war dasjenige, was in das Bewußtsein derjenigen Menschen überging, zu deren ersten jener alte Weise gehörte, der hinhorchte auf das stumme Weltenall, und aus der Stummheit des Weltenalls sich das Bewußtsein herausholte, daß seine Seele wenigstens Logosträger ist.

[ 14 ] Und jetzt entstand zwischen der dünner gewordenen Seele und dem dichter Gewordenen der Körperwelt der Gegensatz, der früher nicht da war. Früher hat man die Einheit des Geistes in allem gesehen. Jetzt entstand der Gegensatz zwischen Leib und Seele, Mensch und Natur, so daß jetzt auftrat der Abgrund zwischen Leib und Seele, der früher gar nicht vorhanden war, bevor jener alte Weise, von dem ich Ihnen heute erzählt habe, gesprochen hat, daß aber der Mensch sich auch fühlte abgegrenzt von der Natur, was ebenfalls in der alten Zeit nicht gefühlt wurde. Und dieser Gegensatz, er bildet im Grunde genommen den Kerninhalt alles Denkens in der Zeit zwischen jenem alten Weisen, von dem ich Ihnen heute erzählt habe, und Nikolaus Cusanus.

[ 14 ] Und jetzt entstand zwischen der dünner gewordenen Seele und dem dichter Gewordenen der Körperwelt der Gegensatz, der früher nicht da war. Früher hat man die Einheit des Geistes in allem gesehen. Jetzt entstand der Gegensatz zwischen Leib und Seele, Mensch und Natur, so daß jetzt auftrat der Abgrund zwischen Leib und Seele, der früher gar nicht vorhanden war, bevor jener alte Weise, von dem ich Ihnen heute erzählt habe, gesprochen hat, daß aber der Mensch sich auch fühlte abgegrenzt von der Natur, was ebenfalls in der alten Zeit nicht gefühlt wurde. Und dieser Gegensatz, er bildet im Grunde genommen den Kerninhalt alles Denkens in der Zeit zwischen jenem alten Weisen, von dem ich Ihnen heute erzählt habe, und Nikolaus Cusanus.

[ 15 ] Da ringt die Menschheit, zu begreifen den Zusammenhang auf der einen Seite zwischen Seele und Leib, der Seele, welcher Geistwirklichkeit fehlt, dem Leib, der dicht geworden ist, zur Kraft, zum Kraftzusammenhang geworden ist. Und es ringt die Menschheit nach einem Empfinden des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur. Aber die Natur ist überall Kraft. Eine Vorstellung von dem, was wir heute Naturgesetze nennen, ist eigentlich in diesem Zeitalter, da wo seine besonders charakteristischen Epochen liegen, gar nicht vorhanden. Man redete nicht in Gedanken von Naturgesetzen, man fühlte überall Naturkräfte. Aus allem heraus erlebte man Naturkräfte. Und wenn man in sich hineinschaute, so fühlte man nicht eine Seele, die wie später ein dumpfes Wollen, ein fast ebenso dumpfes Fühlen und ein abstraktes Denken in sich trägt, sondern man fühlte eine Seele, welche Träger des lebendigen Logos ist, von dem man zwar weiß, er ist nicht tot, er ist ein göttliches, lebendiges Abbild des Gottes.

[ 15 ] Da ringt die Menschheit, zu begreifen den Zusammenhang auf der einen Seite zwischen Seele und Leib, der Seele, welcher Geistwirklichkeit fehlt, dem Leib, der dicht geworden ist, zur Kraft, zum Kraftzusammenhang geworden ist. Und es ringt die Menschheit nach einem Empfinden des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur. Aber die Natur ist überall Kraft. Eine Vorstellung von dem, was wir heute Naturgesetze nennen, ist eigentlich in diesem Zeitalter, da wo seine besonders charakteristischen Epochen liegen, gar nicht vorhanden. Man redete nicht in Gedanken von Naturgesetzen, man fühlte überall Naturkräfte. Aus allem heraus erlebte man Naturkräfte. Und wenn man in sich hineinschaute, so fühlte man nicht eine Seele, die wie später ein dumpfes Wollen, ein fast ebenso dumpfes Fühlen und ein abstraktes Denken in sich trägt, sondern man fühlte eine Seele, welche Träger des lebendigen Logos ist, von dem man zwar weiß, er ist nicht tot, er ist ein göttliches, lebendiges Abbild des Gottes.

[ 16 ] Man muß sich hineinversetzen können in diesen Gegensatz, der bis ins 11., 12. Jahrhundert vorhanden war in aller Schärfe, und der ein ganz anderer ist als diejenigen Gegensätze, die heute von der Menschheit gefühlt werden. Wenn man sich nicht mit lebendigem Bewußtsein in diesen ganz andersartigen Gegensatz einer älteren Menschheitsepoche hineinversetzen kann, dann passiert einem das, was allen Geschichtsschreibern der Philosophie passiert, daß sie den alten griechischen Demokritus aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert so beschreiben, als ob er im modernen Sinne ein Atomist gewesen wäre, weil er Atome angenommen hat. Wenn Worte einen kleinen Schein von Ähnlichkeit andeuten, dann ist die Ähnlichkeit noch nicht vorhanden. Zwischen dem modernen Atomisten und dem Demokritus ist ein gewaltiger Unterschied, weil Demokritus überhaupt aus jenem Gegensatze, den ich eben charakterisiert habe, von Mensch und Natur, Seele und Leib heraus redet, so daß seine Atome durchaus noch Kraftzusammenhänge sind, und als solche Kraftzusammenhänge von ihm entgegengestellt werden in einer Weise dem Raume, wie der moderne Atomist seine Atome nicht dem Raum gegenüberstellen kann. Wie sollte der moderne Atomist sagen, was Demokritus gesagt hat: Das Sein ist nicht mehr als das Nichts, das Volle ist nicht mehr als das Leere. Das heißt, Demokritus nimmt an, daß der leere Raum eine Verwandtschaft hat mit dem im Atom erfüllten Raum. Das hat nur einen Sinn innerhalb eines Bewußtseins, das überhaupt den modernen Körperbegriff noch gar nicht kennt, also auch nicht von Atomen eines Körpers sprechen kann, sondern selbstverständlich nur von Kraftpunkten spricht, die eine innerliche Verwandtschaft dann haben mit demjenigen, was außer dem Menschen ist. Der heutige Atomist kann das Leere nicht dem Vollen gleichsetzen. Denn wenn Demokritus das Leere so vorgestellt hätte, wie wir heute vom Leeren sprechen, so hätte er es nicht dem Sein gleichsetzen können. Er kann es gleichsetzen, weil er in diesem Leeren drinnen sucht dasjenige, was Seelenträger ist, Seele, welche Träger des Logos ist. Wenn er diesen Logos auch mit einer Art von Notwendigkeit vorstellt, so ist es die griechische Notwendigkeit, nicht unsere heutige Naturnotwendigkeit. Darauf kommt es an, wenn man verstehen will, was heute ist, daß man in der richtigen Weise in die Vorstellungs- und Empfindungsnuance der älteren Zeiten hineinschauen kann.

[ 16 ] Man muß sich hineinversetzen können in diesen Gegensatz, der bis ins 11., 12. Jahrhundert vorhanden war in aller Schärfe, und der ein ganz anderer ist als diejenigen Gegensätze, die heute von der Menschheit gefühlt werden. Wenn man sich nicht mit lebendigem Bewußtsein in diesen ganz andersartigen Gegensatz einer älteren Menschheitsepoche hineinversetzen kann, dann passiert einem das, was allen Geschichtsschreibern der Philosophie passiert, daß sie den alten griechischen Demokritus aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert so beschreiben, als ob er im modernen Sinne ein Atomist gewesen wäre, weil er Atome angenommen hat. Wenn Worte einen kleinen Schein von Ähnlichkeit andeuten, dann ist die Ähnlichkeit noch nicht vorhanden. Zwischen dem modernen Atomisten und dem Demokritus ist ein gewaltiger Unterschied, weil Demokritus überhaupt aus jenem Gegensatze, den ich eben charakterisiert habe, von Mensch und Natur, Seele und Leib heraus redet, so daß seine Atome durchaus noch Kraftzusammenhänge sind, und als solche Kraftzusammenhänge von ihm entgegengestellt werden in einer Weise dem Raume, wie der moderne Atomist seine Atome nicht dem Raum gegenüberstellen kann. Wie sollte der moderne Atomist sagen, was Demokritus gesagt hat: Das Sein ist nicht mehr als das Nichts, das Volle ist nicht mehr als das Leere. Das heißt, Demokritus nimmt an, daß der leere Raum eine Verwandtschaft hat mit dem im Atom erfüllten Raum. Das hat nur einen Sinn innerhalb eines Bewußtseins, das überhaupt den modernen Körperbegriff noch gar nicht kennt, also auch nicht von Atomen eines Körpers sprechen kann, sondern selbstverständlich nur von Kraftpunkten spricht, die eine innerliche Verwandtschaft dann haben mit demjenigen, was außer dem Menschen ist. Der heutige Atomist kann das Leere nicht dem Vollen gleichsetzen. Denn wenn Demokritus das Leere so vorgestellt hätte, wie wir heute vom Leeren sprechen, so hätte er es nicht dem Sein gleichsetzen können. Er kann es gleichsetzen, weil er in diesem Leeren drinnen sucht dasjenige, was Seelenträger ist, Seele, welche Träger des Logos ist. Wenn er diesen Logos auch mit einer Art von Notwendigkeit vorstellt, so ist es die griechische Notwendigkeit, nicht unsere heutige Naturnotwendigkeit. Darauf kommt es an, wenn man verstehen will, was heute ist, daß man in der richtigen Weise in die Vorstellungs- und Empfindungsnuance der älteren Zeiten hineinschauen kann.

[ 17 ] Und nun kam die Zeit, die ich eben gestern charakterisiert habe, die Zeit des Meisters Eckhart, die Zeit des Nikolaus Cusanus, in der auch das Bewußtsein von dem in der Seele lebenden Logos verloren ward. Der Meister Eckhart und der Kusaner fanden da, wo der alte Meister beim Hinhorchen in das Weltenall nur über die Stummheit zu klagen hatte, da fanden sie das Nichts, und mußten aus dem Nicht das Ich suchen. Damit aber beginnt überhaupt erst die neuere Zeit des menschlichen Denkens. Jetzt hat die Seele nicht mehr den lebendigen Logos in sich, jetzt hat sie die Ideen und Begriffe in sich, wenn sie in sich hineinschaut, die Vorstellungen, dasjenige, was zuletzt zu den Abstraktionen führt. Jetzt ist sie noch dünner geworden. Die dritte Phase der menschlichen Anschauung beginnt. Einstmals in der ersten Phase hat die Seele in sich des Geistes Urgestalt erlebt. Sie war sich Geistesbote. Die zweite Phase: Die Seele erlebt in sich das lebendige Gottesbild im Logos, sie wird sich Logosträger.

[ 17 ] Und nun kam die Zeit, die ich eben gestern charakterisiert habe, die Zeit des Meisters Eckhart, die Zeit des Nikolaus Cusanus, in der auch das Bewußtsein von dem in der Seele lebenden Logos verloren ward. Der Meister Eckhart und der Kusaner fanden da, wo der alte Meister beim Hinhorchen in das Weltenall nur über die Stummheit zu klagen hatte, da fanden sie das Nichts, und mußten aus dem Nicht das Ich suchen. Damit aber beginnt überhaupt erst die neuere Zeit des menschlichen Denkens. Jetzt hat die Seele nicht mehr den lebendigen Logos in sich, jetzt hat sie die Ideen und Begriffe in sich, wenn sie in sich hineinschaut, die Vorstellungen, dasjenige, was zuletzt zu den Abstraktionen führt. Jetzt ist sie noch dünner geworden. Die dritte Phase der menschlichen Anschauung beginnt. Einstmals in der ersten Phase hat die Seele in sich des Geistes Urgestalt erlebt. Sie war sich Geistesbote. Die zweite Phase: Die Seele erlebt in sich das lebendige Gottesbild im Logos, sie wird sich Logosträger.

[ 18 ] Jetzt, in der dritten Phase, wird sie gewissermaßen Behältnis von Ideen und Begriffen, die in der Sicherheit der Mathematik zwar zum Vorschein kommen, die aber eben Begriffe und Ideen sind. Sie fühlt sich innerlich am verdünntesten, möchte man sagen. Und wiederum wächst der Körperwelt Robustheit zu. Es entsteht die dritte Art, wie sich der Mensch fühlt. Er kann sein Seelisches noch nicht ganz aufgeben, aber er fühlt dieses Seelische als den Behälter des Ideellen und er fühlt den Leib nun nicht mehr bloß als Kraft, sondern als ausgedehnten Körper.

[ 18 ] Jetzt, in der dritten Phase, wird sie gewissermaßen Behältnis von Ideen und Begriffen, die in der Sicherheit der Mathematik zwar zum Vorschein kommen, die aber eben Begriffe und Ideen sind. Sie fühlt sich innerlich am verdünntesten, möchte man sagen. Und wiederum wächst der Körperwelt Robustheit zu. Es entsteht die dritte Art, wie sich der Mensch fühlt. Er kann sein Seelisches noch nicht ganz aufgeben, aber er fühlt dieses Seelische als den Behälter des Ideellen und er fühlt den Leib nun nicht mehr bloß als Kraft, sondern als ausgedehnten Körper.

[ 19 ] Der Körper ist noch robuster geworden. Er ist in der Anschauung zu dem geworden, was den Geist nunmehr völlig verleugnet. Hier begegnet uns erst der Körper, von dem dann Hobbes, Bacon sprachen, Locke sprach, hier begegnet uns der Körper, der am dichtesten geworden ist, und zu dem das Innere des Menschen keine Verwandtschaft mehr fühlen kann, sondern nur noch eine abstrakte Beziehung, die sich immer mehr und mehr herausbildet in der Entwickelung des menschlichen Anschauens.

[ 19 ] Der Körper ist noch robuster geworden. Er ist in der Anschauung zu dem geworden, was den Geist nunmehr völlig verleugnet. Hier begegnet uns erst der Körper, von dem dann Hobbes, Bacon sprachen, Locke sprach, hier begegnet uns der Körper, der am dichtesten geworden ist, und zu dem das Innere des Menschen keine Verwandtschaft mehr fühlen kann, sondern nur noch eine abstrakte Beziehung, die sich immer mehr und mehr herausbildet in der Entwickelung des menschlichen Anschauens.

[ 20 ] An die Stelle des früher konkreten Gegensatzes Seele und Leib, Mensch und Natur, tritt jetzt ein anderer Gegensatz, der immer mehr und mehr in die Abstraktion hineinkommt. Dasjenige, das sich früher noch, weil es in sich das Logosbild der Gottheit fühlte, in sich konkret vorkam, das verwandelte sich allmählich bloß zum Gefäß des Ideellen, es wurde sich Subjekt, und stellte sich das, mit dem es gar keine Verwandtschaft mehr fühlte — während es alle Verwandtschaft in der alten Geistzeit gefühlt hat —, als Objekt gegenüber.

[ 20 ] An die Stelle des früher konkreten Gegensatzes Seele und Leib, Mensch und Natur, tritt jetzt ein anderer Gegensatz, der immer mehr und mehr in die Abstraktion hineinkommt. Dasjenige, das sich früher noch, weil es in sich das Logosbild der Gottheit fühlte, in sich konkret vorkam, das verwandelte sich allmählich bloß zum Gefäß des Ideellen, es wurde sich Subjekt, und stellte sich das, mit dem es gar keine Verwandtschaft mehr fühlte — während es alle Verwandtschaft in der alten Geistzeit gefühlt hat —, als Objekt gegenüber.

[ 21 ] Der frühere menschliche Gegensatz von Seele und Leib, von Mensch und Natur, wurde der immer mehr und mehr bloß erkenntnistheoretische Gegensatz zwischen dem Subjekt, das in einem ist, und dem Objekt, das draußen ist. Die Natur verwandelte sich in das Objekt des Erkennens. Kein Wunder, daß die Erkenntnis aus dem eigenen Bedürfnisse heraus nach dem objektiven schlechthin strebte.

[ 21 ] Der frühere menschliche Gegensatz von Seele und Leib, von Mensch und Natur, wurde der immer mehr und mehr bloß erkenntnistheoretische Gegensatz zwischen dem Subjekt, das in einem ist, und dem Objekt, das draußen ist. Die Natur verwandelte sich in das Objekt des Erkennens. Kein Wunder, daß die Erkenntnis aus dem eigenen Bedürfnisse heraus nach dem objektiven schlechthin strebte.

[ 22 ] Was aber ist dieses Objektive? Dieses Objektive ist nicht mehr dasjenige, was dem Griechen die Natur war, dieses Objektive ist von äußerer Körperlichkeit, in der kein Geistiges mehr geschaut wird. Es ist die Natur, die geistlos geworden ist, die von außen, vom Subjekt aus begriffen werden soll. Weil der Mensch erst aus seinem Wesen herausverloren hat den Zusammenhang mit der Natur, suchte er eine Naturwissenschaft von außen. Da sind wir wiederum auf dem Punkte, mit dem ich gestern den Schluß machen konnte, indem ich sagte, der Kusaner sah auf das, was ihm die göttliche Welt sein sollte, und er sagte: Man muß vorher haltmachen mit der Erkenntnis, man muß schreiben, wenn man von der göttlichen Welt schreibt, von einer docta ignorantia. — Und leise nur wollte er in den Symbolen, die aus der Mathematik genommen sind, etwas festhalten von dem, was so als das Geistige ihm erschien. Aber er war sich bewußt, das kann man nicht, das Geistige in mathematischen Symbolen festhalten.

[ 22 ] Was aber ist dieses Objektive? Dieses Objektive ist nicht mehr dasjenige, was dem Griechen die Natur war, dieses Objektive ist von äußerer Körperlichkeit, in der kein Geistiges mehr geschaut wird. Es ist die Natur, die geistlos geworden ist, die von außen, vom Subjekt aus begriffen werden soll. Weil der Mensch erst aus seinem Wesen herausverloren hat den Zusammenhang mit der Natur, suchte er eine Naturwissenschaft von außen. Da sind wir wiederum auf dem Punkte, mit dem ich gestern den Schluß machen konnte, indem ich sagte, der Kusaner sah auf das, was ihm die göttliche Welt sein sollte, und er sagte: Man muß vorher haltmachen mit der Erkenntnis, man muß schreiben, wenn man von der göttlichen Welt schreibt, von einer docta ignorantia. — Und leise nur wollte er in den Symbolen, die aus der Mathematik genommen sind, etwas festhalten von dem, was so als das Geistige ihm erschien. Aber er war sich bewußt, das kann man nicht, das Geistige in mathematischen Symbolen festhalten.

[ 23 ] Und ich sagte, etwa hundert Jahre darnach — 1440 ist die «Docta ignorantia» erschienen, 1543 «De revolutionibus orbium coelestium» —, also etwa ein Jahrhundert später bemächtigt sich mit mathematischem Geiste Kopernikus gewissermaßen der anderen, der äußeren Seite desjenigen, was der Kusaner nicht mit der Mathematik, nicht einmal symbolisch voll erfassen konnte. Und wir sehen heute, wie tatsächlich die Anwendung dieses mathematischen Geistes auf die Natur in dem Momente möglich wird, wo dem Menschen aus dem unmittelbaren Erleben die Natur entfällt. Das kann man bis in die Sprachgeschichte hinein nachweisen, denn «Natur» deutet noch hin auf etwas, was mit dem Geborenwerden verwandt ist, während dasjenige, was heute als die Natur angesehen wird, bloß die Körperwelt ist, die aber in sich nur das Tote enthält — ich meine für das menschliche Anschauen natürlich, denn die Natur enthält heute noch immer selbstverständlich das Leben und den Geist, aber für das menschliche Anschauen ist sie ein Totes geworden, zu dessen Erfassung vor allen Dingen zunächst das sicherste Begriffswissen gelten soll, das mathematische.

[ 23 ] Und ich sagte, etwa hundert Jahre darnach — 1440 ist die «Docta ignorantia» erschienen, 1543 «De revolutionibus orbium coelestium» —, also etwa ein Jahrhundert später bemächtigt sich mit mathematischem Geiste Kopernikus gewissermaßen der anderen, der äußeren Seite desjenigen, was der Kusaner nicht mit der Mathematik, nicht einmal symbolisch voll erfassen konnte. Und wir sehen heute, wie tatsächlich die Anwendung dieses mathematischen Geistes auf die Natur in dem Momente möglich wird, wo dem Menschen aus dem unmittelbaren Erleben die Natur entfällt. Das kann man bis in die Sprachgeschichte hinein nachweisen, denn «Natur» deutet noch hin auf etwas, was mit dem Geborenwerden verwandt ist, während dasjenige, was heute als die Natur angesehen wird, bloß die Körperwelt ist, die aber in sich nur das Tote enthält — ich meine für das menschliche Anschauen natürlich, denn die Natur enthält heute noch immer selbstverständlich das Leben und den Geist, aber für das menschliche Anschauen ist sie ein Totes geworden, zu dessen Erfassung vor allen Dingen zunächst das sicherste Begriffswissen gelten soll, das mathematische.

[ 24 ] So sehen wir eine mit innerer Gesetzmäßigkeit ablaufende Entwickelung der Menschheit vor uns: Die erste Epoche, wo der Mensch Gott und Welt gesehen hat, aber Gott in der Welt, die Welt in Gott, das Monon, die Einheit; die zweite Epoche, wo der Mensch gesehen hat in der Tat Seele und Leib, Mensch und Natur, die Seele als Träger des lebendigen Logos, als Träger dessen, was nicht entsteht und nicht vergeht, die Natur als dasjenige, was entsteht und stirbt; die dritte Phase, wo der Mensch aufgestiegen ist zu dem abstrakten Gegensatz: Subjekt, das er selber ist, Objekt, das die Außenwelt ist. Das Objekt ist das Robusteste, in das mit den Begriffen hineinzuleuchten gar nicht mehr versucht wird, das empfunden wird als das dem Menschen Fremde, das von außen untersucht wird mit der Mathematik, welche kein Talent dazu hat, in das Innere als solches zu dringen, daher sie auch der Kusaner nur symbolisch auf das Innere, und das schüchtern, anwandte.

[ 24 ] So sehen wir eine mit innerer Gesetzmäßigkeit ablaufende Entwickelung der Menschheit vor uns: Die erste Epoche, wo der Mensch Gott und Welt gesehen hat, aber Gott in der Welt, die Welt in Gott, das Monon, die Einheit; die zweite Epoche, wo der Mensch gesehen hat in der Tat Seele und Leib, Mensch und Natur, die Seele als Träger des lebendigen Logos, als Träger dessen, was nicht entsteht und nicht vergeht, die Natur als dasjenige, was entsteht und stirbt; die dritte Phase, wo der Mensch aufgestiegen ist zu dem abstrakten Gegensatz: Subjekt, das er selber ist, Objekt, das die Außenwelt ist. Das Objekt ist das Robusteste, in das mit den Begriffen hineinzuleuchten gar nicht mehr versucht wird, das empfunden wird als das dem Menschen Fremde, das von außen untersucht wird mit der Mathematik, welche kein Talent dazu hat, in das Innere als solches zu dringen, daher sie auch der Kusaner nur symbolisch auf das Innere, und das schüchtern, anwandte.

[ 25 ] So muß man sich aus älteren Anlagen der Menschheit das Bestreben hervorgegangen denken, Naturwissenschaft zu entwickeln. Es mußte die Epoche einmal herankommen an die Menschen, wo diese Naturwissenschaft entstehen mußte. Sie mußte auch so werden, wie sie ist. Das sehen wir gerade, wenn wir scharf die Phasen ins Auge fassen, die ich charakterisiert habe in der geistigen Menschheitsentwickelung, wenn wir ins Auge fassen, wie die erste Phase hingeht bis zu jenem alten südlichen Weisen des 8. vorchristlichen Jahrhunderts, den ich Ihnen heute charakterisiert habe, die zweite von ihm bis zu Nikolaus Cusanus. Die dritte Phase, in der stehen wir drinnen. Die erste ist pneumatologisch, nach dem Geist in seiner Urgestalt gerichtet; die zweite ist mystisch, wenn man das Wort mystisch im weitesten Sinne nimmt; die dritte ist mathematisch. So — wenn wir die eigentlichen charakteristischen Merkmale nehmen — zählen wir die erste Phase bis zu dem alten südlichen Weisen, den ich Ihnen heute geschildert habe; bis zu ihm zählen wir die alte Pneumatologie. Von ihm bis zu dem Meister Eckhart und dem Nikolaus Cusanus zählen wir die magische Mystik. Von dem Kardinal Nikolaus Cusanus bis in unsere Zeit und weiter zählen wir die Zeit der mathematisierenden Naturwissenschaft.

[ 25 ] So muß man sich aus älteren Anlagen der Menschheit das Bestreben hervorgegangen denken, Naturwissenschaft zu entwickeln. Es mußte die Epoche einmal herankommen an die Menschen, wo diese Naturwissenschaft entstehen mußte. Sie mußte auch so werden, wie sie ist. Das sehen wir gerade, wenn wir scharf die Phasen ins Auge fassen, die ich charakterisiert habe in der geistigen Menschheitsentwickelung, wenn wir ins Auge fassen, wie die erste Phase hingeht bis zu jenem alten südlichen Weisen des 8. vorchristlichen Jahrhunderts, den ich Ihnen heute charakterisiert habe, die zweite von ihm bis zu Nikolaus Cusanus. Die dritte Phase, in der stehen wir drinnen. Die erste ist pneumatologisch, nach dem Geist in seiner Urgestalt gerichtet; die zweite ist mystisch, wenn man das Wort mystisch im weitesten Sinne nimmt; die dritte ist mathematisch. So — wenn wir die eigentlichen charakteristischen Merkmale nehmen — zählen wir die erste Phase bis zu dem alten südlichen Weisen, den ich Ihnen heute geschildert habe; bis zu ihm zählen wir die alte Pneumatologie. Von ihm bis zu dem Meister Eckhart und dem Nikolaus Cusanus zählen wir die magische Mystik. Von dem Kardinal Nikolaus Cusanus bis in unsere Zeit und weiter zählen wir die Zeit der mathematisierenden Naturwissenschaft.

[ 26 ] Darauf wollen wir dann morgen weiter bauen.

[ 26 ] Darauf wollen wir dann morgen weiter bauen.