The Liberation of Humanity as the
Basis for Social Transformation
GA 329
20 October 1919, Basel
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Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage für eine soziale Neugestaltung
7. Geisteswissenschaft (Anthroposophie) und die Bedingungen der Kultur in Gegenwart und Zukunft
7. Geisteswissenschaft (Anthroposophie) und die Bedingungen der Kultur in Gegenwart und Zukunft
[ 1 ] Wenn Sie hier in Basel am Aeschenplatz in die Straßenbahn einsteigen und nach Dornach hinausfahren, dann noch den kleinen Weg über Dornach machen, kommen Sie auf einen Hügel, auf dem sich der Goetheanumbau, der eine Hochschule für Geisteswissenschaft werden soll, erhebt. Obgleich sich nun, wie in erfreulicher Weise zu bemerken war und ist, in der letzten Zeit Tag für Tag eine außerordentlich große Besucherzahl einfindet, um diesen Bau zu besichtigen, so muß man doch feststellen, daß, wenn irgendwie in der Außenwelt, zum Beispiel auch im Rahmen von Zeitungsartikeln, Antworten auf die Fragen gegeben werden, was eigentlich innerhalb dieses Baues, wenn er einmal fertig ist, getrieben werden soll, diese heute noch im allgemeinen - Ausnahmen selbstverständlich abgerechnet - das Gegenteil einer Wahrheit darstellen. Alles mögliche wird ja von dem erzählt, was da getrieben werden soll einstmals oder schon jetzt getrieben wird in diesem Dornacher Bau. Jedenfalls sind die Antworten, die den Fragenden erteilt werden, sehr weit von dem entfernt, was die an der Geistesströmung, die diesem Dornacher Bau zugrunde liegt, Beteiligten eigentlich sich als ihr Ziel setzen. Denn dieses Ziel geht aus einer sorgfältigen Erwägung und Beobachtung desjenigen hervor, was ich nennen möchte die Kulturbedingungen für die Menschheit in der Gegenwart und Zukunft. Und aus allerlei Voraussetzungen heraus, über die ich gerade am heutigen Abend mir erlauben werde zu sprechen, liegt dieser geistigen Bewegung, die im Dornacher Bau ihren Ausdruck finden soll, die Überzeugung zugrunde, daß heute in den Sehnsuchten weiter Kreise das enthalten ist, daß eine völlige Gesundung, eine gesunde Weiterentwickelung unserer Menschheitskultur erfolgen müsse von dem Seelischen des Menschen aus, von demjenigen aus, was der Mensch in seiner Seele als seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt erfassen kann. Es liegt ihr die Überzeugung zugrunde, daß auch dem gegenüber, was sich in unserem sozialen Leben an Forderungen und Bedrängnissen ausdrückt, vom Geiste und der Seele aus versucht werden muß, die Impulse zu finden, die den Sehnsüchten einer großen Anzahl von Menschen - und diese Anzahl wird immer größer und größer werden - entsprechen.
[ 1 ] Wenn Sie hier in Basel am Aeschenplatz in die Straßenbahn einsteigen und nach Dornach hinausfahren, dann noch den kleinen Weg über Dornach machen, kommen Sie auf einen Hügel, auf dem sich der Goetheanumbau, der eine Hochschule für Geisteswissenschaft werden soll, erhebt. Obgleich sich nun, wie in erfreulicher Weise zu bemerken war und ist, in der letzten Zeit Tag für Tag eine außerordentlich große Besucherzahl einfindet, um diesen Bau zu besichtigen, so muß man doch feststellen, daß, wenn irgendwie in der Außenwelt, zum Beispiel auch im Rahmen von Zeitungsartikeln, Antworten auf die Fragen gegeben werden, was eigentlich innerhalb dieses Baues, wenn er einmal fertig ist, getrieben werden soll, diese heute noch im allgemeinen - Ausnahmen selbstverständlich abgerechnet - das Gegenteil einer Wahrheit darstellen. Alles mögliche wird ja von dem erzählt, was da getrieben werden soll einstmals oder schon jetzt getrieben wird in diesem Dornacher Bau. Jedenfalls sind die Antworten, die den Fragenden erteilt werden, sehr weit von dem entfernt, was die an der Geistesströmung, die diesem Dornacher Bau zugrunde liegt, Beteiligten eigentlich sich als ihr Ziel setzen. Denn dieses Ziel geht aus einer sorgfältigen Erwägung und Beobachtung desjenigen hervor, was ich nennen möchte die Kulturbedingungen für die Menschheit in der Gegenwart und Zukunft. Und aus allerlei Voraussetzungen heraus, über die ich gerade am heutigen Abend mir erlauben werde zu sprechen, liegt dieser geistigen Bewegung, die im Dornacher Bau ihren Ausdruck finden soll, die Überzeugung zugrunde, daß heute in den Sehnsuchten weiter Kreise das enthalten ist, daß eine völlige Gesundung, eine gesunde Weiterentwickelung unserer Menschheitskultur erfolgen müsse von dem Seelischen des Menschen aus, von demjenigen aus, was der Mensch in seiner Seele als seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt erfassen kann. Es liegt ihr die Überzeugung zugrunde, daß auch dem gegenüber, was sich in unserem sozialen Leben an Forderungen und Bedrängnissen ausdrückt, vom Geiste und der Seele aus versucht werden muß, die Impulse zu finden, die den Sehnsüchten einer großen Anzahl von Menschen - und diese Anzahl wird immer größer und größer werden - entsprechen.
[ 2 ] Nun kann man sagen, auch das zeigt sich - ich möchte es nur nebenbei erwähnen -, daß jetzt an Sonntagen und anderen Tagen ziemlich viele Menschen aus Basel und der Umgebung hinauskommen, um in dem provisorischen Saal unserer Schreinerei, in dem wir einstweilen diese Veranstaltungen abhalten müssen, bis wir das Goetheanum selbst werden eröffnen können, zu sehen dasjenige, was wir unsere Eurythmie-Aufführungen nennen, und es steht zu glauben, daß eine große Anzahl derjenigen, die zu diesen EurythmieAufführungen bereits nach Dornach hinausgepilgert sind, doch die Überzeugung gewonnen haben, daß auch in dieser Einzelheit auf einem umgrenzten Gebiete versucht wird, etwas zu durchgeistigen, etwas in die Sphäre des Geistes zu erheben, was unter dem Einflusse des Materialismus der letzten Jahrhunderte eben auch heute noch von unserer Kultur mehr oder weniger materialistisch, physiologisch und dergleichen betrieben wird.
[ 2 ] Nun kann man sagen, auch das zeigt sich - ich möchte es nur nebenbei erwähnen -, daß jetzt an Sonntagen und anderen Tagen ziemlich viele Menschen aus Basel und der Umgebung hinauskommen, um in dem provisorischen Saal unserer Schreinerei, in dem wir einstweilen diese Veranstaltungen abhalten müssen, bis wir das Goetheanum selbst werden eröffnen können, zu sehen dasjenige, was wir unsere Eurythmie-Aufführungen nennen, und es steht zu glauben, daß eine große Anzahl derjenigen, die zu diesen EurythmieAufführungen bereits nach Dornach hinausgepilgert sind, doch die Überzeugung gewonnen haben, daß auch in dieser Einzelheit auf einem umgrenzten Gebiete versucht wird, etwas zu durchgeistigen, etwas in die Sphäre des Geistes zu erheben, was unter dem Einflusse des Materialismus der letzten Jahrhunderte eben auch heute noch von unserer Kultur mehr oder weniger materialistisch, physiologisch und dergleichen betrieben wird.
[ 3 ] Liegt doch in dieser Eurythmie vor eine Bewegungskunst des menschlichen Organismus selbst, die hervorgeholt ist aus den Organisationsanlagen des ganzen Menschen, des ganzen Menschen, der da umfaßt Leib, Seele und Geist. Und abgesehen davon, daß angestrebt wird in dieser Eurythmie eine besondere neue Kunstform, die eigentlich nicht zu vergleichen ist mit dem, was man oftmals als Nachbarkünste empfindet, so kann auch gesagt werden, daß auch diesen Bestrebungen zum Geiste hin zugrunde liegt dasjenige, was ich nennen möchte Beseelung der Bewegungsmöglichkeiten des menschlichen Organismus, die zum Beispiel im Turnen bloß in äußerlich physiologischer Weise, in rein materieller Weise aufgefaßt werden. Bewegungen soll der Mensch ausführen, und deshalb wird diese Eurythmie auch einmal einen geistig-pädagogischen Wert erhalten. Neben den künstlerischen Bewegungen soll dadurch der Mensch Bewegungen ausführen, die nicht so wie beim Turnen bloß hergenommen sind aus der Anatomie und Physiologie des Menschen, sondern die hergenommen sind aus demjenigen, was in dem bewegten Menschen leben kann: Geist und Seele.
[ 3 ] Liegt doch in dieser Eurythmie vor eine Bewegungskunst des menschlichen Organismus selbst, die hervorgeholt ist aus den Organisationsanlagen des ganzen Menschen, des ganzen Menschen, der da umfaßt Leib, Seele und Geist. Und abgesehen davon, daß angestrebt wird in dieser Eurythmie eine besondere neue Kunstform, die eigentlich nicht zu vergleichen ist mit dem, was man oftmals als Nachbarkünste empfindet, so kann auch gesagt werden, daß auch diesen Bestrebungen zum Geiste hin zugrunde liegt dasjenige, was ich nennen möchte Beseelung der Bewegungsmöglichkeiten des menschlichen Organismus, die zum Beispiel im Turnen bloß in äußerlich physiologischer Weise, in rein materieller Weise aufgefaßt werden. Bewegungen soll der Mensch ausführen, und deshalb wird diese Eurythmie auch einmal einen geistig-pädagogischen Wert erhalten. Neben den künstlerischen Bewegungen soll dadurch der Mensch Bewegungen ausführen, die nicht so wie beim Turnen bloß hergenommen sind aus der Anatomie und Physiologie des Menschen, sondern die hergenommen sind aus demjenigen, was in dem bewegten Menschen leben kann: Geist und Seele.
[ 4 ] Nun, es ist schwierig, wenn man mit einer durchgreifenden Geistes- oder Seelenströmung heute vor die Welt hintritt, nicht mißverstanden zu werden. Man möchte sagen, die Mißverständnisse pfeifen eigentlich aus allen Löchern. Und so kann es denn vorkommen, daß zum Beispiel an einzelnen Orten einige Mißverständnisse in bezug auf die Geisteswissenschaft selbst schon weggeräumt worden sind, daf3 man dieser Geisteswissenschaft sogar gestattet, in soziale Fragen hineinzusprechen. Wir haben aber wiederum die, wie wir glauben Richtigkeit, wie aber andere gemeint haben Ungeschicklichkeit begangen, an einzelnen Orten, wo ich über Geisteswissenschaft und soziale Fragen zu sprechen hatte, gleichzeitig Eurythmie-Aufführungen zu machen. Und siehe da, sofort machte sich das Urteil geltend: Wie kann eine geistige Bestrebung etwas wert sein, die gleichzeitig tänzerische Übungen aufführen läßt?
[ 4 ] Nun, es ist schwierig, wenn man mit einer durchgreifenden Geistes- oder Seelenströmung heute vor die Welt hintritt, nicht mißverstanden zu werden. Man möchte sagen, die Mißverständnisse pfeifen eigentlich aus allen Löchern. Und so kann es denn vorkommen, daß zum Beispiel an einzelnen Orten einige Mißverständnisse in bezug auf die Geisteswissenschaft selbst schon weggeräumt worden sind, daf3 man dieser Geisteswissenschaft sogar gestattet, in soziale Fragen hineinzusprechen. Wir haben aber wiederum die, wie wir glauben Richtigkeit, wie aber andere gemeint haben Ungeschicklichkeit begangen, an einzelnen Orten, wo ich über Geisteswissenschaft und soziale Fragen zu sprechen hatte, gleichzeitig Eurythmie-Aufführungen zu machen. Und siehe da, sofort machte sich das Urteil geltend: Wie kann eine geistige Bestrebung etwas wert sein, die gleichzeitig tänzerische Übungen aufführen läßt?
[ 5 ] Nun, ich könnte Ihnen die Liste der Mißverständnisse, die wie gesagt aus allen Ecken kommen, leicht vermehren, denn die Welt urteilt doch noch vielfach heute so, als ob alles dasjenige, was im Dornacher Bau gemacht werden soll, irgend etwas Obskures sei, irgend etwas Dunkel-Mystisches. Man hört ja so vielfach heute, wenn von geistigen Bestrebungen die Rede ist, daß da oder dort, sogar an sehr vielen Orten, alles mögliche Mystische getrieben werde. Daß die Bewegung, die sich an den Dornacher Bau knüpfen soll, mit solchen obskuren mystischen Bewegungen nichts zu tun hat, das könnte diejenigen, die darauf ausgehen, in solchen Dingen klar und wahr zu sehen, schon die Tatsache lehren, daß derjenige, der vor Ihnen steht und zu Ihnen spricht als von seiner Sache, von der Sache dieses Dornacher Baues, dieses Goetheanums, daß der zurück weisen kann auf ein bereits im Jahre 1894 geschriebenes Buch, «Die Philosophie der Freiheit». Und wenn jemand diese «Philosophie der Freiheit» liest, ich denke, er wird nicht den Eindruck bekommen, daß durch diese «Philosophie der Freiheit» irgend etwas von obskurer Mystik, von Schwärmerei oder dergleichen in die Welt gebracht werden soll. Und ich darf sagen, schließlich durchdringt doch alles dasjenige, was den Hauptinhalt, den Hauptimpuls dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung bilden soll, von der ich zu sprechen habe, jene Sehnsucht der gegenwärtigen Menschheit, die sich ausspricht in dem Drang nach einer solchen Lebensgestaltung, innerhalb welcher der einzelne individuelle Mensch auf der einen Seite wohl seine sozialen Pflichten erfüllen kann, aber dennoch andererseits als einzelner, individueller Mensch ein freies Wesen sein kann.
[ 5 ] Nun, ich könnte Ihnen die Liste der Mißverständnisse, die wie gesagt aus allen Ecken kommen, leicht vermehren, denn die Welt urteilt doch noch vielfach heute so, als ob alles dasjenige, was im Dornacher Bau gemacht werden soll, irgend etwas Obskures sei, irgend etwas Dunkel-Mystisches. Man hört ja so vielfach heute, wenn von geistigen Bestrebungen die Rede ist, daß da oder dort, sogar an sehr vielen Orten, alles mögliche Mystische getrieben werde. Daß die Bewegung, die sich an den Dornacher Bau knüpfen soll, mit solchen obskuren mystischen Bewegungen nichts zu tun hat, das könnte diejenigen, die darauf ausgehen, in solchen Dingen klar und wahr zu sehen, schon die Tatsache lehren, daß derjenige, der vor Ihnen steht und zu Ihnen spricht als von seiner Sache, von der Sache dieses Dornacher Baues, dieses Goetheanums, daß der zurück weisen kann auf ein bereits im Jahre 1894 geschriebenes Buch, «Die Philosophie der Freiheit». Und wenn jemand diese «Philosophie der Freiheit» liest, ich denke, er wird nicht den Eindruck bekommen, daß durch diese «Philosophie der Freiheit» irgend etwas von obskurer Mystik, von Schwärmerei oder dergleichen in die Welt gebracht werden soll. Und ich darf sagen, schließlich durchdringt doch alles dasjenige, was den Hauptinhalt, den Hauptimpuls dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung bilden soll, von der ich zu sprechen habe, jene Sehnsucht der gegenwärtigen Menschheit, die sich ausspricht in dem Drang nach einer solchen Lebensgestaltung, innerhalb welcher der einzelne individuelle Mensch auf der einen Seite wohl seine sozialen Pflichten erfüllen kann, aber dennoch andererseits als einzelner, individueller Mensch ein freies Wesen sein kann.
[ 6 ] Einleitungsweise nur möchte ich hinweisen auf eine Erscheinung, die mit etwas Ihnen sehr Bekanntem zusammenhängt. Und wenn ich den Ausgangspunkt nehme in meinen heutigen Betrachtungen von einem Politiker, so glauben Sie durchaus nicht, daß ich mir es heute auch nur im Entferntesten zur Aufgabe machen werde, über die politische Kultur der Gegenwart zu sprechen. Ich möchte über die Kulturbedingungen der Gegenwart und Zukunft in einem viel breiteren Sinne sprechen; aber ich möchte doch ein Charakteristisches erwähnen, das uns zeigen kann, wie aus den Kulturbestrebungen und Kulturidealen der Gegenwart gewissermaßen der Ruf nach Freiheit sich herausarbeitet, nur eben so herausarbeitet, daß er wahrhaftig nicht tief genug genommen wird. Und ihn tief genug zu nehmen, zu vertiefen dasjenige, was die Sehnsucht der Menschheit nach Freiheit ist, das hängt innig zusammen mit der Auffassung, welche Geisteswissenschaft von den Kulturbedingungen der Gegenwart und Zukunft hat.
[ 6 ] Einleitungsweise nur möchte ich hinweisen auf eine Erscheinung, die mit etwas Ihnen sehr Bekanntem zusammenhängt. Und wenn ich den Ausgangspunkt nehme in meinen heutigen Betrachtungen von einem Politiker, so glauben Sie durchaus nicht, daß ich mir es heute auch nur im Entferntesten zur Aufgabe machen werde, über die politische Kultur der Gegenwart zu sprechen. Ich möchte über die Kulturbedingungen der Gegenwart und Zukunft in einem viel breiteren Sinne sprechen; aber ich möchte doch ein Charakteristisches erwähnen, das uns zeigen kann, wie aus den Kulturbestrebungen und Kulturidealen der Gegenwart gewissermaßen der Ruf nach Freiheit sich herausarbeitet, nur eben so herausarbeitet, daß er wahrhaftig nicht tief genug genommen wird. Und ihn tief genug zu nehmen, zu vertiefen dasjenige, was die Sehnsucht der Menschheit nach Freiheit ist, das hängt innig zusammen mit der Auffassung, welche Geisteswissenschaft von den Kulturbedingungen der Gegenwart und Zukunft hat.
[ 7 ] Diejenigen, die meine Vorträge in diesem Jahre und auch früher hier gehört haben, diese verehrten Besucher, die sich erinnern, wie ich gesprochen habe während derjenigen Zeit, in welcher man in Woodrow Wilson, man darf sagen, einen von aller Welt verehrten Mann sah, zu dem man hinaufsah, an den man zahlreiche Zukunftshoffnungen heftete, diese verehrten Zuhörer werden es mir nicht übelnehmen, wenn ich, der ich in den Zeiten, in denen dieser Mann viele Anhänger hatte, meine Gegnerschaft frei zum Ausdruck brachte von einem gewissen Gesichtspunkte aus, wenn ich heute von der besonderen Freiheitsauffassung, von dem besonderen Rufe nach Freiheit, der heraustönt aus der politischen Weltanschauung des Woodrow Wilson, meinen Ausgangspunkt nehme. Muß man doch glauben, daß der starke, sonst wie ich meine ganz unbegreifliche Eindruck, den Woodrow Wilson auf die Welt bis jetzt gemacht hat, wo die Sache aufhört, gerade darauf beruht, daß allen Programmpunkten, allem, was von diesem Manne in die Welt gegangen ist, schließlich in einer gewissen Weise zugrunde liegt der Impuls der menschlichen Freiheit. Sehen wir doch einmal zu, wie dieser Mann gewirkt hat, bevor er Präsident von Amerika geworden ist, sehen wir zu, was ihn groß} gemacht hat als Präsident von Amerika. Wir werden finden, daß es seine Auffassung ist von einer möglichen sozialen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens, in der der Mensch in demokratischer Art seine Freiheit haben kann. Woodrow Wilson sah, wie innerhalb des Lebens von Amerika gerade in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und im Beginne des 20. Jahrhunderts sich herausgebildet haben jene großen AnsammJungen von Kapitalien in den Händen von wenigen Menschen. Er sah, wie sich gebildet haben die Trusts und so weiter. Und er sah, wie dadurch die Herrschaft über andere Menschen errungen haben einzelne wenige kapitalkräftige Menschen. Da setzte er mit seiner Betrachtung und Wirksamkeit ein. Da machte er zunächst den Impuls der Freiheit geltend. Er forderte gegenüber der Ansammlung der wirtschaftlich-politischen Macht in den Händen von wenigen eine vollständige Demokratisierung des menschlichen Staatslebens. Er wollte, daß jeder einzelne Mensch die Möglichkeit habe, seine Fähigkeiten im menschlichen Zusammenleben zur Wirksamkeit zu bringen. Er wollte nicht, daß diejenigen, die einmal sich festgesetzt hatten in irgendeinem Industrie- oder Handelszweige, Monopole haben können, gegen welche die berechtigten Fähigkeiten der Schwachen nicht aufkommen können. Er hat gewollt, daß gesucht werden die Anlässe zu dem, was im sozialen Leben geschehe, in jeder einzelnen, auch der einfachsten Menschenstätte. Und er hat das oftmals zum Ausdruck gebracht. Und es ist charakteristisch für ihn, daß er überall seinen politischen Bestrebungen eben das Freiheitsziel untergelegt hat.
[ 7 ] Diejenigen, die meine Vorträge in diesem Jahre und auch früher hier gehört haben, diese verehrten Besucher, die sich erinnern, wie ich gesprochen habe während derjenigen Zeit, in welcher man in Woodrow Wilson, man darf sagen, einen von aller Welt verehrten Mann sah, zu dem man hinaufsah, an den man zahlreiche Zukunftshoffnungen heftete, diese verehrten Zuhörer werden es mir nicht übelnehmen, wenn ich, der ich in den Zeiten, in denen dieser Mann viele Anhänger hatte, meine Gegnerschaft frei zum Ausdruck brachte von einem gewissen Gesichtspunkte aus, wenn ich heute von der besonderen Freiheitsauffassung, von dem besonderen Rufe nach Freiheit, der heraustönt aus der politischen Weltanschauung des Woodrow Wilson, meinen Ausgangspunkt nehme. Muß man doch glauben, daß der starke, sonst wie ich meine ganz unbegreifliche Eindruck, den Woodrow Wilson auf die Welt bis jetzt gemacht hat, wo die Sache aufhört, gerade darauf beruht, daß allen Programmpunkten, allem, was von diesem Manne in die Welt gegangen ist, schließlich in einer gewissen Weise zugrunde liegt der Impuls der menschlichen Freiheit. Sehen wir doch einmal zu, wie dieser Mann gewirkt hat, bevor er Präsident von Amerika geworden ist, sehen wir zu, was ihn groß} gemacht hat als Präsident von Amerika. Wir werden finden, daß es seine Auffassung ist von einer möglichen sozialen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens, in der der Mensch in demokratischer Art seine Freiheit haben kann. Woodrow Wilson sah, wie innerhalb des Lebens von Amerika gerade in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und im Beginne des 20. Jahrhunderts sich herausgebildet haben jene großen AnsammJungen von Kapitalien in den Händen von wenigen Menschen. Er sah, wie sich gebildet haben die Trusts und so weiter. Und er sah, wie dadurch die Herrschaft über andere Menschen errungen haben einzelne wenige kapitalkräftige Menschen. Da setzte er mit seiner Betrachtung und Wirksamkeit ein. Da machte er zunächst den Impuls der Freiheit geltend. Er forderte gegenüber der Ansammlung der wirtschaftlich-politischen Macht in den Händen von wenigen eine vollständige Demokratisierung des menschlichen Staatslebens. Er wollte, daß jeder einzelne Mensch die Möglichkeit habe, seine Fähigkeiten im menschlichen Zusammenleben zur Wirksamkeit zu bringen. Er wollte nicht, daß diejenigen, die einmal sich festgesetzt hatten in irgendeinem Industrie- oder Handelszweige, Monopole haben können, gegen welche die berechtigten Fähigkeiten der Schwachen nicht aufkommen können. Er hat gewollt, daß gesucht werden die Anlässe zu dem, was im sozialen Leben geschehe, in jeder einzelnen, auch der einfachsten Menschenstätte. Und er hat das oftmals zum Ausdruck gebracht. Und es ist charakteristisch für ihn, daß er überall seinen politischen Bestrebungen eben das Freiheitsziel untergelegt hat.
[ 8 ] Wir brauchen nur seine außerordentlich bedeutsame Schrift ins Auge zu fassen «Die neue Freiheit». Man möchte sagen, auf jeder Seite findet man da, wie sich das bewahrheitet, was ich eben ausgesprochen habe. Ich will nur einen seiner bemerkenswertesten Aussprüche vor Ihnen zitieren. So sagte er: Es gibt nur ein Mittel, freies Leben zu schaffen, und es heißt: Sorge dafür, daß unter jedem Kleide ein freies und hoffnungsvolles Herz schlage. - Ich glaube wirklich, dasjenige, was so stark gewirkt hat, das ist dieser Ruf nach Freiheit.
[ 8 ] Wir brauchen nur seine außerordentlich bedeutsame Schrift ins Auge zu fassen «Die neue Freiheit». Man möchte sagen, auf jeder Seite findet man da, wie sich das bewahrheitet, was ich eben ausgesprochen habe. Ich will nur einen seiner bemerkenswertesten Aussprüche vor Ihnen zitieren. So sagte er: Es gibt nur ein Mittel, freies Leben zu schaffen, und es heißt: Sorge dafür, daß unter jedem Kleide ein freies und hoffnungsvolles Herz schlage. - Ich glaube wirklich, dasjenige, was so stark gewirkt hat, das ist dieser Ruf nach Freiheit.
[ 9 ] Nun, dieser Ruf nach Freiheit tönte immer hinein in die praktischpolitisch-soziale Wirksamkeit. Die Schrift «Die neue Freiheit» ist ja eigentlich nur eine Sammlung von Wahlreden. Da ist also nicht die Rede von einer Freiheit, die nur philosophisch erspekuliert wird, da ist nicht die Rede von irgendeiner abstrakten bloßen Bewußtseinsfreiheit, da ist die Rede von einer Freiheit, die sich im Leben verwirklichen und realisieren soll.
[ 9 ] Nun, dieser Ruf nach Freiheit tönte immer hinein in die praktischpolitisch-soziale Wirksamkeit. Die Schrift «Die neue Freiheit» ist ja eigentlich nur eine Sammlung von Wahlreden. Da ist also nicht die Rede von einer Freiheit, die nur philosophisch erspekuliert wird, da ist nicht die Rede von irgendeiner abstrakten bloßen Bewußtseinsfreiheit, da ist die Rede von einer Freiheit, die sich im Leben verwirklichen und realisieren soll.
[ 10 ] Nun, solch eine Freiheit, die sich im Leben verwirklichen und realisieren soll, ich suchte sie auch zu begreifen durch mein im Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geschriebenes Buch «Die Philosophie der Freiheit». Aber ich darf es wohl jetzt, wo ich nach langem Zögern dieses Buch in einer neuen Auflage habe erscheinen lassen, ich darf es wohl jetzt unverhohlen aussprechen, daß ich glaube, daß auch ein wirklich praktisches Ausleben der Freiheit nur möglich ist, wenn man diese Freiheit nicht aufsucht bloß im äußeren sozialen und politischen Leben, sondern wenn man sie aufsucht in der Tiefe der menschlichen Seele selbst. Und in der Tiefe der menschlichen Seele selbst sollte die Freiheit durch meine «Philosophie der Freiheit» aufgesucht werden. Bleibt man an der Oberfläche des bloßen sozialen und politischen Lebens oder des äußeren gesellschaftlichen Lebens stehen, so wird man sehr bald sehen, daß die Verwirklichung der Freiheit gar nicht möglich ist, wenn man sie nur so faßst. Denn Freiheit ist etwas, was entspringen muß aus dem einzelnen Menschen, was nicht da sein kann, wenn die einzelnen Menschen nicht fähig sind, dies zu verwirklichen, wenn die einzelnen Menschen es nicht erst hineingießen in das soziale Leben, das sie zusammen führen. Will man aber die ganze Bedeutung des hier Angeregten würdigen, für die Kultur der Gegenwart durchschauen, dann muß man über manches, was die bloße Phraseologie bringt in der Gegenwart, hinwegsehen, und man muß einmal versuchen, über mancherlei Dinge ernst und ehrlich und wahr zu sprechen. Der Ruf nach Freiheit ist, ich möchte sagen, über die ganze gebildete Welt hin da. Er ist heute da für den, der ihn nur hören will, für die amerikanische, für die europäische, für die asiatische Welt. Und die Frage ist nur diese: wie kann aus dem Leben der Gegenwart heraus das Bewußtsein der Freiheit verwirklicht werden?
[ 10 ] Nun, solch eine Freiheit, die sich im Leben verwirklichen und realisieren soll, ich suchte sie auch zu begreifen durch mein im Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geschriebenes Buch «Die Philosophie der Freiheit». Aber ich darf es wohl jetzt, wo ich nach langem Zögern dieses Buch in einer neuen Auflage habe erscheinen lassen, ich darf es wohl jetzt unverhohlen aussprechen, daß ich glaube, daß auch ein wirklich praktisches Ausleben der Freiheit nur möglich ist, wenn man diese Freiheit nicht aufsucht bloß im äußeren sozialen und politischen Leben, sondern wenn man sie aufsucht in der Tiefe der menschlichen Seele selbst. Und in der Tiefe der menschlichen Seele selbst sollte die Freiheit durch meine «Philosophie der Freiheit» aufgesucht werden. Bleibt man an der Oberfläche des bloßen sozialen und politischen Lebens oder des äußeren gesellschaftlichen Lebens stehen, so wird man sehr bald sehen, daß die Verwirklichung der Freiheit gar nicht möglich ist, wenn man sie nur so faßst. Denn Freiheit ist etwas, was entspringen muß aus dem einzelnen Menschen, was nicht da sein kann, wenn die einzelnen Menschen nicht fähig sind, dies zu verwirklichen, wenn die einzelnen Menschen es nicht erst hineingießen in das soziale Leben, das sie zusammen führen. Will man aber die ganze Bedeutung des hier Angeregten würdigen, für die Kultur der Gegenwart durchschauen, dann muß man über manches, was die bloße Phraseologie bringt in der Gegenwart, hinwegsehen, und man muß einmal versuchen, über mancherlei Dinge ernst und ehrlich und wahr zu sprechen. Der Ruf nach Freiheit ist, ich möchte sagen, über die ganze gebildete Welt hin da. Er ist heute da für den, der ihn nur hören will, für die amerikanische, für die europäische, für die asiatische Welt. Und die Frage ist nur diese: wie kann aus dem Leben der Gegenwart heraus das Bewußtsein der Freiheit verwirklicht werden?
[ 11 ] Da muß man sich einmal genauer anschauen, wie ein von dem Freiheitsimpuls begeisterter Mann wie Woodrow Wilson, über die Freiheit heute redet, und wie andere über die Freiheit heute reden. Sonderbar wird es Ihnen klingen, und ich muß gestehen, ich habe lange gezögert, ob ich in so schroffer Form, wie ich es tun werde, die Wahrheit, die ich hier zu sagen habe, aussprechen werde, weil solche Dinge heute noch viele Menschen schockieren, weil man solche Dinge noch viel zu sehr nach den gewohnten Phrasen nimmt, viel zu wenig eingeht auf dasjenige, was eigentlich hinter diesen Dingen steht. Lesen Sie das Buch «Die neue Freiheit» von Woodrow Wilson, nehmen Sie auf, wie er da spricht über die sozialen Verhältnisse von Amerika und schließlich über die sozialen Verhältnisse der gegenwärtigen Zivilisation überhaupt. Was finden Sie darinnen? Eigentlich nur Kritik, Kritik darüber, wie diese Freiheit innerhalb der heutigen Zivilisation nicht verwirklicht ist, wie man streben müsse, diese Freiheit innerhalb der heutigen Kultur und Zivilisation zu verwirklichen. Es sind scharfe Worte in dieser Richtung der Kritik in dem Buche von Woodrow Wilson «Die neue Freiheit». Und wenn man bei der Kritik stehen bleibt - und viel anderes als Kritik ist nicht in diesem Buche zu finden - und nun wirklich ernst und ehrlich sich frägt: Wie verhält sich diese Freiheitskritik oder auch soziale Kritik Woodrow Wilsons zu der Kritik, die von anderer Seite geltend gemacht wird? -, da kommt man zu einem merkwürdigen Resultate. Ich habe mich zum Beispiel bemüht, Lenins und Tyotzkis Kritik der Freiheit daraufhin einmal zu prüfen, wie sich diese Kritik der Freiheit und der sozialen Zustände zu der Kritik des Woodrow Wilson in der Neuen Freiheit verhält, und ich glaube, daß derjenige, der einen solchen Vergleich ehrlich und wahr anstellt, nichts anderes sagen kann als: Mit Bezug auf die Kritik der sozialen Verhältnisse und der Realisierung der Freiheit in denselben heute stimmt Woodrow Wilson mit Lenin und Trotzki überein, so verschieden auch die Konsequenzen sind, die sie ziehen.
[ 11 ] Da muß man sich einmal genauer anschauen, wie ein von dem Freiheitsimpuls begeisterter Mann wie Woodrow Wilson, über die Freiheit heute redet, und wie andere über die Freiheit heute reden. Sonderbar wird es Ihnen klingen, und ich muß gestehen, ich habe lange gezögert, ob ich in so schroffer Form, wie ich es tun werde, die Wahrheit, die ich hier zu sagen habe, aussprechen werde, weil solche Dinge heute noch viele Menschen schockieren, weil man solche Dinge noch viel zu sehr nach den gewohnten Phrasen nimmt, viel zu wenig eingeht auf dasjenige, was eigentlich hinter diesen Dingen steht. Lesen Sie das Buch «Die neue Freiheit» von Woodrow Wilson, nehmen Sie auf, wie er da spricht über die sozialen Verhältnisse von Amerika und schließlich über die sozialen Verhältnisse der gegenwärtigen Zivilisation überhaupt. Was finden Sie darinnen? Eigentlich nur Kritik, Kritik darüber, wie diese Freiheit innerhalb der heutigen Zivilisation nicht verwirklicht ist, wie man streben müsse, diese Freiheit innerhalb der heutigen Kultur und Zivilisation zu verwirklichen. Es sind scharfe Worte in dieser Richtung der Kritik in dem Buche von Woodrow Wilson «Die neue Freiheit». Und wenn man bei der Kritik stehen bleibt - und viel anderes als Kritik ist nicht in diesem Buche zu finden - und nun wirklich ernst und ehrlich sich frägt: Wie verhält sich diese Freiheitskritik oder auch soziale Kritik Woodrow Wilsons zu der Kritik, die von anderer Seite geltend gemacht wird? -, da kommt man zu einem merkwürdigen Resultate. Ich habe mich zum Beispiel bemüht, Lenins und Tyotzkis Kritik der Freiheit daraufhin einmal zu prüfen, wie sich diese Kritik der Freiheit und der sozialen Zustände zu der Kritik des Woodrow Wilson in der Neuen Freiheit verhält, und ich glaube, daß derjenige, der einen solchen Vergleich ehrlich und wahr anstellt, nichts anderes sagen kann als: Mit Bezug auf die Kritik der sozialen Verhältnisse und der Realisierung der Freiheit in denselben heute stimmt Woodrow Wilson mit Lenin und Trotzki überein, so verschieden auch die Konsequenzen sind, die sie ziehen.
[ 12 ] Solch eine Wahrheit muß man sich gestehen können, auch dann, wenn man es ganz begreiflich findet, daß trotz dieser Kritik Woodrow Wilson selbstverständlich zu den entgegengesetzten Konsequenzen kommt wie Lenin und Trotzki. Und wenn man auch gerade so wie derjenige, der vor Ihnen steht, überzeugt davon ist, daß Lenin und Trotzki die Totengräber, nicht die Neubegründer eines sozialen Lebens sind, daß kaum irgend etwas Schlimmeres über die Menschheit kommen könnte, als wenn die Ideen von Lenin und Trotzki ihre Verwirklichung finden würden - aber eine wichtige, eine bedeutsame Tatsache spricht sich in dem aus; was eben jetzt auseinandergesetzt sein muß, die Tatsache spricht sich aus, daß von den entgegengesetztesten Parteistandpunkten aus, von den entgegengesetztesten sozialen Leidenschaften aus die Menschen heute zu ähnlichen Kritiken der bestehenden Kulturverhältnisse kommen und schließlich auch zu dem abstrakten Rufe nach Freiheit. Nur fassen sie diese Freiheit in sehr, sehr verschiedenem Sinne auf.
[ 12 ] Solch eine Wahrheit muß man sich gestehen können, auch dann, wenn man es ganz begreiflich findet, daß trotz dieser Kritik Woodrow Wilson selbstverständlich zu den entgegengesetzten Konsequenzen kommt wie Lenin und Trotzki. Und wenn man auch gerade so wie derjenige, der vor Ihnen steht, überzeugt davon ist, daß Lenin und Trotzki die Totengräber, nicht die Neubegründer eines sozialen Lebens sind, daß kaum irgend etwas Schlimmeres über die Menschheit kommen könnte, als wenn die Ideen von Lenin und Trotzki ihre Verwirklichung finden würden - aber eine wichtige, eine bedeutsame Tatsache spricht sich in dem aus; was eben jetzt auseinandergesetzt sein muß, die Tatsache spricht sich aus, daß von den entgegengesetztesten Parteistandpunkten aus, von den entgegengesetztesten sozialen Leidenschaften aus die Menschen heute zu ähnlichen Kritiken der bestehenden Kulturverhältnisse kommen und schließlich auch zu dem abstrakten Rufe nach Freiheit. Nur fassen sie diese Freiheit in sehr, sehr verschiedenem Sinne auf.
[ 13 ] Durchdringt man die Tatsache, daß schließlich der wahre Impuls der Freiheit nur aus den Tiefen der menschlichen Seele selbst kommen kann, dann frägt man wohl auch: Worinnen liegt es denn, daß trotz allem Politisieren und Rufen nach Freiheit von Woodrow Wilson so viel in seinem Buche steht und auch in seinen übrigen Büchern, von dem man sagen muß, es sind abstrakte, unpraktische Wahrheiten, die niemals in die Wirklichkeit eindringen können? Ich glaube, daß dasjenige gerade, was sich Woodrow Wilson unter Freiheit denkt, daß das gerade ihn abhält, ein wirklich praktischer Mensch für das Seelenleben der Gegenwart zu sein. Sehr charakteristisch ist es, wie Woodrow Wilson die Freiheit erklärt. Er erklärt sie, man möchte sagen, wie wenn er die ganze Summe seiner Begriffe aufgenommen hätte von der Maschinenkunst her. Er sagt zum Beispiel: Ein Schiff bewegt sich frei, wenn es so eingerichtet ist, daß seine Apparate genau angepaßt sind den Windbewegungen, den Wellenbewegungen, wenn es keine Hindernisse und Hemmungen erfährt von der Windbewegung, von den Wellenbewegungen, wenn es gleichsam dahingetragen wird frei, ohne zu widerstreben dem, was es dahinträgt. - Und so wäre ein Mensch frei im Sinne von Woodrow Wilson, der so angepaßt wäre an die sozialen äußeren Verhältnisse, daß nichts in ihm Hindernisse und Hemmungen abgäbe, um dahingetragen zu werden, so daß er gleichsam nirgends fühlt, er sei abhängig, er sei eingezwängt, er sei gestört nach irgendeiner Richtung. Man braucht eigentlich nur einen einzigen Satz ernst zu nehmen, dann wird man finden, welche Bedeutung diese Anschauung des Woodrow Wilson über die Freiheit hat. Vergleichen wir ernst und ehrlich den Menschen, der frei sich aus dem innersten Antriebe seiner Seele betätigen soll in irgendeiner menschenwürdigen sozialen Ordnung, vergleichen wir ihn mit einem Schiffe, das möglichst wenig Hemmungen entgegensetzt den Windeskräften und den Wellenkräften, dann lassen wir ganz außer Auge, daß das Schiff von einer anderen Kraft still gehalten werden muß gegen Wind und Welle, sich selber nicht still halten kann, daß aber der Mensch, wenn er frei sein soll, ganz gewiß nicht von den sozialen Kräften bloß hingetragen werden soll, sondern daß er unter Umständen gerade anhalten können muß und sich auch den Kräften, die auf ihn einwirken, entgegenstellen können muß. Das Gegenteil von dem wäre hier herausgekommen für eine wirkliche Idee von Freiheit, was sich als eine Art Definition der Freiheit bei Woodrow Wilson findet. Und das werden wir finden, daß der unbestimmte Ruf nach Freiheit heute in vielen Menschenseelen sitzt, daß aber dasjenige, was sie bewußt mit dem Impuls der Freiheit verbinden, etwas anderes ist, als wonach sie unbewußt wirklich streben. Das stand mir schon vor dem Seelenauge, als ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aus dem menschlichen Geiste heraus meine «Philosophie der Freiheit» konzipierte. Mir stand vor Augen, wie die Frage: Kann der Mensch überhaupt innerlich frei oder unfrei sein? - wie diese Frage Philosophie und Weltanschauung und religiöse Überzeugungen durch die ganze zivilisierte Menschheitsentwickelung hindurch beschäftigte. Ist der Mensch ein Wesen, ein Naturwesen, das rein durch Naturursachen getrieben wird, dann ist er nicht frei. Oder lebt in dem Menschen eine Wesenheit, die dasjenige, was er als äußeres leibliches Wesen ist, nur wie einen Apparat besitzt und gebraucht aus den eigensten innersten Impulsen heraus? Wäre er das, dann könnte davon gesprochen werden, daß er, dieser Mensch, ein wirklich freies Wesen sei. Ist der Mensch frei oder ist er nicht frei? Ist er das eine oder das andere durch seine Wesens- und Naturanlage? Diese Fragen standen vor meiner Seele. Und wer innerhalb der heutigen Wissenschaftlichkeit sich an diese Fragen heranmachen will, der muß allerdings Rechenschaft abgeben, wie er es hält mit den verschiedenen Anschauungen, die sich da und dort in der ganzen zivilisierten Menschheitsentwickelung über die Freiheitsfrage geltend gemacht haben.
[ 13 ] Durchdringt man die Tatsache, daß schließlich der wahre Impuls der Freiheit nur aus den Tiefen der menschlichen Seele selbst kommen kann, dann frägt man wohl auch: Worinnen liegt es denn, daß trotz allem Politisieren und Rufen nach Freiheit von Woodrow Wilson so viel in seinem Buche steht und auch in seinen übrigen Büchern, von dem man sagen muß, es sind abstrakte, unpraktische Wahrheiten, die niemals in die Wirklichkeit eindringen können? Ich glaube, daß dasjenige gerade, was sich Woodrow Wilson unter Freiheit denkt, daß das gerade ihn abhält, ein wirklich praktischer Mensch für das Seelenleben der Gegenwart zu sein. Sehr charakteristisch ist es, wie Woodrow Wilson die Freiheit erklärt. Er erklärt sie, man möchte sagen, wie wenn er die ganze Summe seiner Begriffe aufgenommen hätte von der Maschinenkunst her. Er sagt zum Beispiel: Ein Schiff bewegt sich frei, wenn es so eingerichtet ist, daß seine Apparate genau angepaßt sind den Windbewegungen, den Wellenbewegungen, wenn es keine Hindernisse und Hemmungen erfährt von der Windbewegung, von den Wellenbewegungen, wenn es gleichsam dahingetragen wird frei, ohne zu widerstreben dem, was es dahinträgt. - Und so wäre ein Mensch frei im Sinne von Woodrow Wilson, der so angepaßt wäre an die sozialen äußeren Verhältnisse, daß nichts in ihm Hindernisse und Hemmungen abgäbe, um dahingetragen zu werden, so daß er gleichsam nirgends fühlt, er sei abhängig, er sei eingezwängt, er sei gestört nach irgendeiner Richtung. Man braucht eigentlich nur einen einzigen Satz ernst zu nehmen, dann wird man finden, welche Bedeutung diese Anschauung des Woodrow Wilson über die Freiheit hat. Vergleichen wir ernst und ehrlich den Menschen, der frei sich aus dem innersten Antriebe seiner Seele betätigen soll in irgendeiner menschenwürdigen sozialen Ordnung, vergleichen wir ihn mit einem Schiffe, das möglichst wenig Hemmungen entgegensetzt den Windeskräften und den Wellenkräften, dann lassen wir ganz außer Auge, daß das Schiff von einer anderen Kraft still gehalten werden muß gegen Wind und Welle, sich selber nicht still halten kann, daß aber der Mensch, wenn er frei sein soll, ganz gewiß nicht von den sozialen Kräften bloß hingetragen werden soll, sondern daß er unter Umständen gerade anhalten können muß und sich auch den Kräften, die auf ihn einwirken, entgegenstellen können muß. Das Gegenteil von dem wäre hier herausgekommen für eine wirkliche Idee von Freiheit, was sich als eine Art Definition der Freiheit bei Woodrow Wilson findet. Und das werden wir finden, daß der unbestimmte Ruf nach Freiheit heute in vielen Menschenseelen sitzt, daß aber dasjenige, was sie bewußt mit dem Impuls der Freiheit verbinden, etwas anderes ist, als wonach sie unbewußt wirklich streben. Das stand mir schon vor dem Seelenauge, als ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aus dem menschlichen Geiste heraus meine «Philosophie der Freiheit» konzipierte. Mir stand vor Augen, wie die Frage: Kann der Mensch überhaupt innerlich frei oder unfrei sein? - wie diese Frage Philosophie und Weltanschauung und religiöse Überzeugungen durch die ganze zivilisierte Menschheitsentwickelung hindurch beschäftigte. Ist der Mensch ein Wesen, ein Naturwesen, das rein durch Naturursachen getrieben wird, dann ist er nicht frei. Oder lebt in dem Menschen eine Wesenheit, die dasjenige, was er als äußeres leibliches Wesen ist, nur wie einen Apparat besitzt und gebraucht aus den eigensten innersten Impulsen heraus? Wäre er das, dann könnte davon gesprochen werden, daß er, dieser Mensch, ein wirklich freies Wesen sei. Ist der Mensch frei oder ist er nicht frei? Ist er das eine oder das andere durch seine Wesens- und Naturanlage? Diese Fragen standen vor meiner Seele. Und wer innerhalb der heutigen Wissenschaftlichkeit sich an diese Fragen heranmachen will, der muß allerdings Rechenschaft abgeben, wie er es hält mit den verschiedenen Anschauungen, die sich da und dort in der ganzen zivilisierten Menschheitsentwickelung über die Freiheitsfrage geltend gemacht haben.
[ 14 ] Nun erschien mir die Hauptsache darinnen zu liegen, daß die Frage gewöhnlich ganz falsch gestellt wird, die Frage: Ist der Mensch durch seine eigene Natur und Wesenheit ein freies Wesen oder ist er es nicht? Sie ist falsch gestellt. Und sie kann als falsch gestellte Frage niemals mit einem glatten Ja oder Nein beantwortet werden. Und so werden Sie finden, daß meine «Philosophie der Freiheit» darauf ausgeht, die ganze Fragestellung auf einen anderen Boden zu bringen. Allerdings, dasjenige, was ich nun ausführen werde, liegt mehr als die Grundlage unter dem, was in meiner «Philosophie der Freiheit» selber dargestellt ist. So wie der heutige Mensch ist, in dem eigentlich erst das rechte Bewußtsein von einer Freiheit erwacht ist, so hat sich dieser heutige Mensch herausentwickelt aus früheren Zuständen der menschlichen Wesenheit. Heute wird viel zu wenig darauf Rücksicht genommen, daß man ernst und ehrlich das Entwickelungsprinzip auch auf die Menschheit anwenden müßte. Zwar denkt man, in recht, recht ferner Vergangenheit, da war der Mensch einmal so eine Art affenartiges Wesen; dann sagt man: Es ist wissenschaftlich noch nicht an der Zeit, darüber zu sprechen, wie aus diesem Affenwesen, aus diesem tierischen Affenwesen, das da einmal auf Bäumen herumgeklettert ist, der heutige Mensch geworden ist. Man läßt eine lange, weite Wüste sein zwischen dem Affensein des Menschen und dem heutigen Menschen. Aber wenn man das auch nicht zugibt, im wesentlichen hat man doch die Vorstellung, daß, als der Mensch einmal Mensch geworden ist, sein Seelisch-Geistiges sich nicht mehr besonders radikal geändert habe. Ich weiß, daß das ein anfechtbarer Satz ist. Wer aber die Entwickelungsgeschichte der Menschheit, wie sie gewöhnlich angesehen wird, auf sich wirken läßt, der wird diesen Satz doch berechtigt finden. Und wer genauer eingeht auf diese Entwickelungsgeschichte der Menschheit, der wird finden, daß so, wie sich der Mensch entwickelt hat, in ihm zwar das Bewußtsein nach Freiheit erwacht ist, so daß aus den Tiefen der Menschenseelen heraufquillt der Ruf: Du mußt erstens aus deinen eigenen Leidenschaften, Emotionen, Empfindungen und Gefühlen heraus frei handeln können; du mußt in einem gesellschaftlichen Zustande leben, in dem du frei sein kannst. Aber auf der anderen Seite ist dieser Ruf eigentlich nur als ein solcher vorhanden. Es ist heute auch nicht das Menschheitsbewußtsein vorhanden, welches diesen Ruf im Menschen selber zu seiner vollen Bedeutung kommen läßt. Das heißt, der Mensch findet nicht genügend in sich von seiner eigenen Wesenheit, so daß er von diesem in sich sagen könne: ja, da ist etwas in mir, welches ein freies Wesen ist. Wir sind im Lauf der Menschheitsentwickelung aufgestiegen zu einer großartigen Entwickelung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, und der letzte wird sein derjenige, der die hier gemeinte Geisteswissenschaft vertritt, der die großartigen naturwissenschaftlichen Fortschritte - ich habe das hier oftmals auseinandergesetzt - irgendwie ableugnen möchte oder gegen die berechtigten naturwissenschaftlichen Anschauungen etwas einwenden wollte. Aber so wie wir die Naturwissenschaft in der neueren Zeit ausgebildet haben, so bedeutet dieses, daß der Mensch der neueren Zeit, der letzten drei bis vier Jahrhunderte, sich eigentlich nur begreifen kann als ein leibliches Wesen. Aus den Tiefen des Menschenwesens, aus dem naturgemäß gegebenen Menschenbewußstsein steigt gar nicht so herauf: du bist ebenso eine reale Seele, du bist ebenso ein realer Geist -, wie heraufsteigt aus den Tiefen des Menschenwesens: da hast du deinen Arm, da hast du deine Hand, die sind aus Fleisch und Blut und Knochen.
[ 14 ] Nun erschien mir die Hauptsache darinnen zu liegen, daß die Frage gewöhnlich ganz falsch gestellt wird, die Frage: Ist der Mensch durch seine eigene Natur und Wesenheit ein freies Wesen oder ist er es nicht? Sie ist falsch gestellt. Und sie kann als falsch gestellte Frage niemals mit einem glatten Ja oder Nein beantwortet werden. Und so werden Sie finden, daß meine «Philosophie der Freiheit» darauf ausgeht, die ganze Fragestellung auf einen anderen Boden zu bringen. Allerdings, dasjenige, was ich nun ausführen werde, liegt mehr als die Grundlage unter dem, was in meiner «Philosophie der Freiheit» selber dargestellt ist. So wie der heutige Mensch ist, in dem eigentlich erst das rechte Bewußtsein von einer Freiheit erwacht ist, so hat sich dieser heutige Mensch herausentwickelt aus früheren Zuständen der menschlichen Wesenheit. Heute wird viel zu wenig darauf Rücksicht genommen, daß man ernst und ehrlich das Entwickelungsprinzip auch auf die Menschheit anwenden müßte. Zwar denkt man, in recht, recht ferner Vergangenheit, da war der Mensch einmal so eine Art affenartiges Wesen; dann sagt man: Es ist wissenschaftlich noch nicht an der Zeit, darüber zu sprechen, wie aus diesem Affenwesen, aus diesem tierischen Affenwesen, das da einmal auf Bäumen herumgeklettert ist, der heutige Mensch geworden ist. Man läßt eine lange, weite Wüste sein zwischen dem Affensein des Menschen und dem heutigen Menschen. Aber wenn man das auch nicht zugibt, im wesentlichen hat man doch die Vorstellung, daß, als der Mensch einmal Mensch geworden ist, sein Seelisch-Geistiges sich nicht mehr besonders radikal geändert habe. Ich weiß, daß das ein anfechtbarer Satz ist. Wer aber die Entwickelungsgeschichte der Menschheit, wie sie gewöhnlich angesehen wird, auf sich wirken läßt, der wird diesen Satz doch berechtigt finden. Und wer genauer eingeht auf diese Entwickelungsgeschichte der Menschheit, der wird finden, daß so, wie sich der Mensch entwickelt hat, in ihm zwar das Bewußtsein nach Freiheit erwacht ist, so daß aus den Tiefen der Menschenseelen heraufquillt der Ruf: Du mußt erstens aus deinen eigenen Leidenschaften, Emotionen, Empfindungen und Gefühlen heraus frei handeln können; du mußt in einem gesellschaftlichen Zustande leben, in dem du frei sein kannst. Aber auf der anderen Seite ist dieser Ruf eigentlich nur als ein solcher vorhanden. Es ist heute auch nicht das Menschheitsbewußtsein vorhanden, welches diesen Ruf im Menschen selber zu seiner vollen Bedeutung kommen läßt. Das heißt, der Mensch findet nicht genügend in sich von seiner eigenen Wesenheit, so daß er von diesem in sich sagen könne: ja, da ist etwas in mir, welches ein freies Wesen ist. Wir sind im Lauf der Menschheitsentwickelung aufgestiegen zu einer großartigen Entwickelung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, und der letzte wird sein derjenige, der die hier gemeinte Geisteswissenschaft vertritt, der die großartigen naturwissenschaftlichen Fortschritte - ich habe das hier oftmals auseinandergesetzt - irgendwie ableugnen möchte oder gegen die berechtigten naturwissenschaftlichen Anschauungen etwas einwenden wollte. Aber so wie wir die Naturwissenschaft in der neueren Zeit ausgebildet haben, so bedeutet dieses, daß der Mensch der neueren Zeit, der letzten drei bis vier Jahrhunderte, sich eigentlich nur begreifen kann als ein leibliches Wesen. Aus den Tiefen des Menschenwesens, aus dem naturgemäß gegebenen Menschenbewußstsein steigt gar nicht so herauf: du bist ebenso eine reale Seele, du bist ebenso ein realer Geist -, wie heraufsteigt aus den Tiefen des Menschenwesens: da hast du deinen Arm, da hast du deine Hand, die sind aus Fleisch und Blut und Knochen.
[ 15 ] Das ist nicht bloß, ich möchte sagen, eine Nachlässigkeit der Weltanschauung. Man verkennt vollständig, was da eigentlich zugrunde liegt, wenn man dies bloß kritisiert, was ich jetzt ausgesprochen habe, und darinnen bloß eine Nachlässigkeit der Weltanschauung sieht, wenn man bloß sagt: Die Menschen der Gegenwart sind so bequem, daß sie eben glauben, der Mensch sei nur ein materielles Wesen, und es spreche sich in ihm nichts Seelisches und Geistiges aus. Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, mit einer solchen Kritik kommt man nicht weiter, man muß vielmehr einsehen, so wie sich der Mensch entwickelt hat, so ist er zunächst - wenn er nichts anderes in seine Seele herein aufnimmt als dasjenige, was eine heute äußere Naturanschauung und äußere Naturwissenschaft und das Zeitbewußtsein bieten können - dazu gezwungen, sich nur als ein materielles Wesen zu fühlen. Mit anderen Worten, wenn wir dasjenige, was von der Gegenwartskultur die Zeit besonders liebt, was von der Gegenwartskultur die Zeit besonders als Wissenschaft, als Kunst, als religiöse Überzeugung hervorbringt und auch in die Schulen hineinwirken läßt, wenn wir das auf den heutigen Menschen so wirken lassen, daß er sich davon durchdringt, so wird er, wenn er ehrlich ist, gerade zum Materialisten werden müssen. Das ist ein hartes Wort. Aber es ist, wie ich glaube, ein richtiges Wort. Man kann heute in einer gewissen Beziehung unehrlich sein, kann aus irgendwelchen Vorurteilen heraus sagen: Ich glaube doch an Geist und Seele. - Dann meint man es mit dem, was eigentlich das Zeitbewußtsein und die naturwissenschaftlichen Überzeugungen hervorgebracht haben, nicht ernst. Und nimmt man es ernst mit diesen Überzeugungen, so bleibt nichts anderes übrig, als daß der Mensch sich als ein materielles Wesen fühlt. Er hat einmal sich so entwickelt, daß wenn er sich heute bloß seinen selbstgegebenen Lebensbedingungen überläßt, er nur zu dem Glauben kommt, er sei ein leibliches Wesen. Ein leibliches Wesen kann ebensowenig wie irgendein anderes Naturwesen ein freies Wesen sein. Daher kann man sagen: Wenn das Gegenwartsbewußtsein ernst genommen wird, so entspringt aus diesem Gegenwartsbewußtsein nirgends so etwas wie der Impuls der Freiheit. Man kann den Ruf nach Freiheit ertönen lassen aus unterbewußten Instinkten heraus, wie Woodrow Wilson das tut. Aber man wird zu verkehrten Begriffen von Freiheit gelangen, zu einer Definition der Freiheit, die nichts über Freiheit und ein freies Wesen sagt, wie es wiederum Woodrow Wilson tut, wenn man in dem Zeitbewußtsein der Gegenwart aufgeht. Man muß den Mut haben, aus diesem Zeitbewußtsein, das die weitesten Kreise ergriffen hat, das populär geworden ist, herauszugehen. Und man kann sagen, gerade in der Zeit, als ich meine «Philosophie der Freiheit» geschrieben habe, da konnte man sich mit solchen Ideen, gleichgültig, wo man auf der Erde lebte, recht einsam fühlen innerhalb der Gegenwartskultur. Man kann es verstehen, wenn aus dem - weltgeschichtlich gesprochen - jungen Leben Amerikas heraus die besonderen Anschauungen des Woodrow Wilson erwachsen sind. Und wenn ich meine «Philosophie der Freiheit» heute anschaue - ich darf auch darüber ein offenes Wort sprechen -, weiß ich, wie berechtigt jene Vorwürfe sind, die dem heutigen Leser dieser «Philosophie der Freiheit» aufstoßen können. Ich weiß sehr gut, wenn sich heute jemand in die ersten dreißig, vierzig Seiten dieses Buches hineinliest, so wird er sagen: Nun, das trägt deutlich die Eierschalen der deutschen Philosophie an sich, Professorenbegriffe, Universitätsbegriffe, Schulbegriffe.
[ 15 ] Das ist nicht bloß, ich möchte sagen, eine Nachlässigkeit der Weltanschauung. Man verkennt vollständig, was da eigentlich zugrunde liegt, wenn man dies bloß kritisiert, was ich jetzt ausgesprochen habe, und darinnen bloß eine Nachlässigkeit der Weltanschauung sieht, wenn man bloß sagt: Die Menschen der Gegenwart sind so bequem, daß sie eben glauben, der Mensch sei nur ein materielles Wesen, und es spreche sich in ihm nichts Seelisches und Geistiges aus. Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, mit einer solchen Kritik kommt man nicht weiter, man muß vielmehr einsehen, so wie sich der Mensch entwickelt hat, so ist er zunächst - wenn er nichts anderes in seine Seele herein aufnimmt als dasjenige, was eine heute äußere Naturanschauung und äußere Naturwissenschaft und das Zeitbewußtsein bieten können - dazu gezwungen, sich nur als ein materielles Wesen zu fühlen. Mit anderen Worten, wenn wir dasjenige, was von der Gegenwartskultur die Zeit besonders liebt, was von der Gegenwartskultur die Zeit besonders als Wissenschaft, als Kunst, als religiöse Überzeugung hervorbringt und auch in die Schulen hineinwirken läßt, wenn wir das auf den heutigen Menschen so wirken lassen, daß er sich davon durchdringt, so wird er, wenn er ehrlich ist, gerade zum Materialisten werden müssen. Das ist ein hartes Wort. Aber es ist, wie ich glaube, ein richtiges Wort. Man kann heute in einer gewissen Beziehung unehrlich sein, kann aus irgendwelchen Vorurteilen heraus sagen: Ich glaube doch an Geist und Seele. - Dann meint man es mit dem, was eigentlich das Zeitbewußtsein und die naturwissenschaftlichen Überzeugungen hervorgebracht haben, nicht ernst. Und nimmt man es ernst mit diesen Überzeugungen, so bleibt nichts anderes übrig, als daß der Mensch sich als ein materielles Wesen fühlt. Er hat einmal sich so entwickelt, daß wenn er sich heute bloß seinen selbstgegebenen Lebensbedingungen überläßt, er nur zu dem Glauben kommt, er sei ein leibliches Wesen. Ein leibliches Wesen kann ebensowenig wie irgendein anderes Naturwesen ein freies Wesen sein. Daher kann man sagen: Wenn das Gegenwartsbewußtsein ernst genommen wird, so entspringt aus diesem Gegenwartsbewußtsein nirgends so etwas wie der Impuls der Freiheit. Man kann den Ruf nach Freiheit ertönen lassen aus unterbewußten Instinkten heraus, wie Woodrow Wilson das tut. Aber man wird zu verkehrten Begriffen von Freiheit gelangen, zu einer Definition der Freiheit, die nichts über Freiheit und ein freies Wesen sagt, wie es wiederum Woodrow Wilson tut, wenn man in dem Zeitbewußtsein der Gegenwart aufgeht. Man muß den Mut haben, aus diesem Zeitbewußtsein, das die weitesten Kreise ergriffen hat, das populär geworden ist, herauszugehen. Und man kann sagen, gerade in der Zeit, als ich meine «Philosophie der Freiheit» geschrieben habe, da konnte man sich mit solchen Ideen, gleichgültig, wo man auf der Erde lebte, recht einsam fühlen innerhalb der Gegenwartskultur. Man kann es verstehen, wenn aus dem - weltgeschichtlich gesprochen - jungen Leben Amerikas heraus die besonderen Anschauungen des Woodrow Wilson erwachsen sind. Und wenn ich meine «Philosophie der Freiheit» heute anschaue - ich darf auch darüber ein offenes Wort sprechen -, weiß ich, wie berechtigt jene Vorwürfe sind, die dem heutigen Leser dieser «Philosophie der Freiheit» aufstoßen können. Ich weiß sehr gut, wenn sich heute jemand in die ersten dreißig, vierzig Seiten dieses Buches hineinliest, so wird er sagen: Nun, das trägt deutlich die Eierschalen der deutschen Philosophie an sich, Professorenbegriffe, Universitätsbegriffe, Schulbegriffe.
[ 16 ] Ich muß aber dennoch an der Form dieses Buches festhalten und appellieren an die Gegenwart so, daß ich sage: Wie man nicht nehmen sollte das Wesen des Menschen nach seinem Anzuge, so sollte man auch meine Philosophie nicht nach ihrer Einhüllung in die Begriffe nehmen, die ihr nun einmal als solche Einhüllung dienen mußten aus der Zeit heraus und aus der Bildung heraus, aus dem Geistesleben heraus, innerhalb dessen diese Philosophie entstanden ist. Mir erscheint vielmehr etwas anderes wichtig, das mir, ich möchte sagen, wie symbolisch während dieser Ausarbeitung meiner «Philosophie der Freiheit» entgegengetreten ist. Ich arbeitete dazumal zugleich, indem ich an dieser Philosophie arbeitete, am Goetheund Schiller-Archiv in Weimar. Da arbeitete einige Zeit mit mir zusammen ein amerikanischer Gelehrter. Er arbeitete eine literarhistorische Abhandlung aus über Goethes «Faust». Es war sehr interessant, mit dem Manne zu sprechen, und wer in Symptomen sehen kann die Wirklichkeit, der hatte gewissermaßen amerikanisches Geistesleben mitten im mitteleuropäischen Geistesleben um sich in dem ausgezeichneten amerikanischen Literarhistoriker Calvin Thomas. Aber sehen Sie, da arbeiteten, ich möchte sagen, wie in einem exakten mitteleuropäischen Büro im weimarischen Goethe- und Schiller-Archiv alle möglichen Gelehrten, also auch amerikanische Gelehrte. Ich konnte, wenn die Amtsstunden vorüber waren, nur meine Mußezeit dazu verwenden, an meiner «Philosophie der Freiheit» zu schreiben. Aber da mußte ich mir doch oftmals sagen: Wie nahe steht denn eigentlich dasjenige, was in Calvin Thomas’ Kopf amerikanisches Wissen, amerikanische Erkenntnis ist, demjenigen, was auch die europäischen Gelehrten in derselben Sache schrieben, und wie einsam ist man gegenüber dieser Kulturbildung, der ganzen Welt gegenüber mit dem, was aus einem unabhängigen Geistesleben als eine wirkliche Idee der Freiheit konzipiert werden kann. Man fühlte sich gewissermaßen auch demjenigen gegenüber einsam, was aus dem - weltgeschichtlich gesprochen - jungen Freiheitsgefühl Amerikas heraus an einer Idee über den Impuls der Freiheit herkommen kann. Und mir war es dazumal ein Anliegen, die ganze Fragestellung der Freiheit, wie ich schon sagte, auf einen anderen Boden zu bringen. Ich mußte mir sagen: So wie der Mensch ist, wenn er sich nur selbst demjenigen überläßt, wenn er nur dasjenige nimmt, was zunächst seine Seele aus dem Zeitbewußtsein heraus erfüllen kann, dann kann er sich gar nicht als ein freies Wesen wissen. Deshalb stellte ich die Frage anders. Und diese andere Fragestellung durchdringt dasjenige, was ich anerkenne als die Idee der Freiheit. Ich kann nicht fragen: Ist der Mensch frei oder ist er nicht frei? sondern: Kann der Mensch im Inneren seiner Seele, nachdem er durchgemacht hat dasjenige, was sich ihm gleichsam von der Natur und von seiner Wesenheit heraus selbst ergibt, weiter seine Seele entwickeln, indem er seine Seelenentwickelung selbst in die Hand nimmt, und kann er dann etwas in ihm Schlafendes so aufwecken, daß dieses eigentlich tiefere Wesen in ihm dann zur Geltung kommt, so daß er durch diese Erweckung eines zweiten Menschen in ihm erst ein freies Wesen wird? Kann der Mensch sich erziehen zur Freiheit, oder kann er es nicht? Kann der Mensch ein freies Wesen werden oder nicht? Wie wird er ein freies Wesen? - Das war die neue Fragestellung, die aufgeworfen werden mußte.
[ 16 ] Ich muß aber dennoch an der Form dieses Buches festhalten und appellieren an die Gegenwart so, daß ich sage: Wie man nicht nehmen sollte das Wesen des Menschen nach seinem Anzuge, so sollte man auch meine Philosophie nicht nach ihrer Einhüllung in die Begriffe nehmen, die ihr nun einmal als solche Einhüllung dienen mußten aus der Zeit heraus und aus der Bildung heraus, aus dem Geistesleben heraus, innerhalb dessen diese Philosophie entstanden ist. Mir erscheint vielmehr etwas anderes wichtig, das mir, ich möchte sagen, wie symbolisch während dieser Ausarbeitung meiner «Philosophie der Freiheit» entgegengetreten ist. Ich arbeitete dazumal zugleich, indem ich an dieser Philosophie arbeitete, am Goetheund Schiller-Archiv in Weimar. Da arbeitete einige Zeit mit mir zusammen ein amerikanischer Gelehrter. Er arbeitete eine literarhistorische Abhandlung aus über Goethes «Faust». Es war sehr interessant, mit dem Manne zu sprechen, und wer in Symptomen sehen kann die Wirklichkeit, der hatte gewissermaßen amerikanisches Geistesleben mitten im mitteleuropäischen Geistesleben um sich in dem ausgezeichneten amerikanischen Literarhistoriker Calvin Thomas. Aber sehen Sie, da arbeiteten, ich möchte sagen, wie in einem exakten mitteleuropäischen Büro im weimarischen Goethe- und Schiller-Archiv alle möglichen Gelehrten, also auch amerikanische Gelehrte. Ich konnte, wenn die Amtsstunden vorüber waren, nur meine Mußezeit dazu verwenden, an meiner «Philosophie der Freiheit» zu schreiben. Aber da mußte ich mir doch oftmals sagen: Wie nahe steht denn eigentlich dasjenige, was in Calvin Thomas’ Kopf amerikanisches Wissen, amerikanische Erkenntnis ist, demjenigen, was auch die europäischen Gelehrten in derselben Sache schrieben, und wie einsam ist man gegenüber dieser Kulturbildung, der ganzen Welt gegenüber mit dem, was aus einem unabhängigen Geistesleben als eine wirkliche Idee der Freiheit konzipiert werden kann. Man fühlte sich gewissermaßen auch demjenigen gegenüber einsam, was aus dem - weltgeschichtlich gesprochen - jungen Freiheitsgefühl Amerikas heraus an einer Idee über den Impuls der Freiheit herkommen kann. Und mir war es dazumal ein Anliegen, die ganze Fragestellung der Freiheit, wie ich schon sagte, auf einen anderen Boden zu bringen. Ich mußte mir sagen: So wie der Mensch ist, wenn er sich nur selbst demjenigen überläßt, wenn er nur dasjenige nimmt, was zunächst seine Seele aus dem Zeitbewußtsein heraus erfüllen kann, dann kann er sich gar nicht als ein freies Wesen wissen. Deshalb stellte ich die Frage anders. Und diese andere Fragestellung durchdringt dasjenige, was ich anerkenne als die Idee der Freiheit. Ich kann nicht fragen: Ist der Mensch frei oder ist er nicht frei? sondern: Kann der Mensch im Inneren seiner Seele, nachdem er durchgemacht hat dasjenige, was sich ihm gleichsam von der Natur und von seiner Wesenheit heraus selbst ergibt, weiter seine Seele entwickeln, indem er seine Seelenentwickelung selbst in die Hand nimmt, und kann er dann etwas in ihm Schlafendes so aufwecken, daß dieses eigentlich tiefere Wesen in ihm dann zur Geltung kommt, so daß er durch diese Erweckung eines zweiten Menschen in ihm erst ein freies Wesen wird? Kann der Mensch sich erziehen zur Freiheit, oder kann er es nicht? Kann der Mensch ein freies Wesen werden oder nicht? Wie wird er ein freies Wesen? - Das war die neue Fragestellung, die aufgeworfen werden mußte.
[ 17 ] Damit aber war hingewiesen darauf, daß der Gegenwartsmensch, wenn er überhaupt zum Bewußtsein des vollen Menschen kommen will, nicht stehenbleiben darf bei dem, was sich von selbst dem Menschen ergibt in seiner Entwickelung, sondern daß er seine Entwickelung in die Hand nehmen muß. Allerdings ist das ein Gesichtspunkt, der heute recht, recht vielen Menschen höchst unbequem ist. Denn um ihn plausibel zu machen, muß man ja das Folgende zu den Menschen sagen: Seht einmal ein fünfjähriges Kind an. Denken wir uns, dieses fünfjährige Kind stehe vor einem Band lyrischer Gedichte von Goethe. Dieses fünfjährige Kind, das vor dem Band lyrischer Gedichte von Goethe steht, wird mit diesem Band Iyrischer Gedichte etwas machen; es wird ihn zerreißen, vielleicht zerbeißen, oder anderes, aber man kann nicht voraussetzen, daß dieses fünfjährige Kind das Richtige mit dem lyrischen Band von Goethe machen werde. Aber das Kind kann sich entwickeln, das Kind kann herangezogen werden, so daß es später das Richtige machen lernt mit diesem Band lyrischer Gedichte von Goethe. Nun, wie wäre es, wenn man zu den gegenwärtigen Menschen sagen würde: Überlasse du dich nur demjenigen, was dir das Zeitbewußtsein von selbst gibt, dann verhältst du dich zu den eigentlichen Geheimnissen der Natur, zu den eigentlichen Geheimnissen der Welt um dich wie das fünfjährige Kind zu dem Iyrischen Band Goethe. Es hat den ganzen Iyrischen Band Goethes vor sich wie ein ganz verständiger Mensch, aber es dringt natürlich nicht ein in dasjenige, in das man eindringen kann als ganz verständiger Mensch. Es muß erst erzogen werden. Nun setzt der Ruf nach Freiheit in Wirklichkeit voraus, daß der Mensch wirklich die große intellektuelle Bescheidenheit habe, sich zu sagen: Vielleicht stehe ich vor der Natur, vor der Wesenheit der Welt, wie das fünfjährige Kind vor dem Band Iyrischer Gedichte von Goethe steht. Ich muß erst selbst die Entwickelung meiner Seele in die Hand nehmen, dann wird so, wie für das fünfjährige Kind nach fünf oder sieben Jahren der Iyrische Band Goethes etwas ganz anderes wird, dann wird für mich die Welt etwas ganz anderes. Während ich vorher, wenn ich mich nur dem überlasse, was von selber kommt, ein unfreies Wesen bin, erwacht in mir ein anderer Mensch, wenn ich meine Entwickelung selber in die Hand nehme. Und indem dieser andere Mensch mich durchglüht, mich durchwärmt, mich durchdringt, werde ich ein freies Wesen.
[ 17 ] Damit aber war hingewiesen darauf, daß der Gegenwartsmensch, wenn er überhaupt zum Bewußtsein des vollen Menschen kommen will, nicht stehenbleiben darf bei dem, was sich von selbst dem Menschen ergibt in seiner Entwickelung, sondern daß er seine Entwickelung in die Hand nehmen muß. Allerdings ist das ein Gesichtspunkt, der heute recht, recht vielen Menschen höchst unbequem ist. Denn um ihn plausibel zu machen, muß man ja das Folgende zu den Menschen sagen: Seht einmal ein fünfjähriges Kind an. Denken wir uns, dieses fünfjährige Kind stehe vor einem Band lyrischer Gedichte von Goethe. Dieses fünfjährige Kind, das vor dem Band lyrischer Gedichte von Goethe steht, wird mit diesem Band Iyrischer Gedichte etwas machen; es wird ihn zerreißen, vielleicht zerbeißen, oder anderes, aber man kann nicht voraussetzen, daß dieses fünfjährige Kind das Richtige mit dem lyrischen Band von Goethe machen werde. Aber das Kind kann sich entwickeln, das Kind kann herangezogen werden, so daß es später das Richtige machen lernt mit diesem Band lyrischer Gedichte von Goethe. Nun, wie wäre es, wenn man zu den gegenwärtigen Menschen sagen würde: Überlasse du dich nur demjenigen, was dir das Zeitbewußtsein von selbst gibt, dann verhältst du dich zu den eigentlichen Geheimnissen der Natur, zu den eigentlichen Geheimnissen der Welt um dich wie das fünfjährige Kind zu dem Iyrischen Band Goethe. Es hat den ganzen Iyrischen Band Goethes vor sich wie ein ganz verständiger Mensch, aber es dringt natürlich nicht ein in dasjenige, in das man eindringen kann als ganz verständiger Mensch. Es muß erst erzogen werden. Nun setzt der Ruf nach Freiheit in Wirklichkeit voraus, daß der Mensch wirklich die große intellektuelle Bescheidenheit habe, sich zu sagen: Vielleicht stehe ich vor der Natur, vor der Wesenheit der Welt, wie das fünfjährige Kind vor dem Band Iyrischer Gedichte von Goethe steht. Ich muß erst selbst die Entwickelung meiner Seele in die Hand nehmen, dann wird so, wie für das fünfjährige Kind nach fünf oder sieben Jahren der Iyrische Band Goethes etwas ganz anderes wird, dann wird für mich die Welt etwas ganz anderes. Während ich vorher, wenn ich mich nur dem überlasse, was von selber kommt, ein unfreies Wesen bin, erwacht in mir ein anderer Mensch, wenn ich meine Entwickelung selber in die Hand nehme. Und indem dieser andere Mensch mich durchglüht, mich durchwärmt, mich durchdringt, werde ich ein freies Wesen.
[ 18 ] Ja, das war als das Fundament einer menschlichen Freiheitsauffassung in meiner «Philosophie der Freiheit» ausgesprochen, und es war nicht etwa bloß als eine philosophische Wahrheit gedacht, sondern es sollte gezeigt werden, daß durch das, was da der Mensch in sich erweckt, indem er sich weiterbringt - als wenn er dasjenige nur erreicht, was ihm von selbst gegeben wird -, indem der Mensch sich so entwickelt, entwickelt er ja ein gleichsam vorher schlafendes, verborgenes Tatsächliches in sich. Er schafft etwas in sich, das ihn erst zur Freiheit bringt. Solange man theoretisiert, solange man abstrakte Ideen ausdenkt, werden diese Kopfsache des Menschen sein. Sie werden nicht sonderlich den ganzen Menschen ergreifen. Es könnte ja eigentlich jeder, der sich mit solchen Dingen befaßt hat, wissen, wie schattenhaft die schönsten, die idealsten abstrakten Ideen in den Menschen leben. Anders ist es, wenn nicht abstrakte Ideen, sondern Leben selbst in dem Menschen erweckt werden soll, wenn der Mensch lebendig etwas durchmachen soll, wodurch etwas in ihm erwacht, was vorher nicht da war. Das ist ein Lebendiges, das den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, das nicht nur eine Kopfsache ist, das eine Sache von Seele und Geist des ganzen Menschen ist. Da nimmt man zusammen alle Empfindungen, alle Impulse, da nimmt man zusammen das ganze menschliche Willensleben, da wird Freiheit zu einer realen Kraft im Menschen, da wird Freiheit zu etwas Erlebtem. Dann aber, wenn sie zu etwas Erlebtem wird, dann will sie der Mensch auch in dem äußerlichen Zusammenleben ausgestalten, dann kommt er von seinem Erleben der Freiheit, indem er mit anderen Menschen lebt, auch zu einer Idee von einer solchen sozialen Struktur des menschlichen Zusammenlebens, in dem nur die Freiheit verwirklicht sein kann.
[ 18 ] Ja, das war als das Fundament einer menschlichen Freiheitsauffassung in meiner «Philosophie der Freiheit» ausgesprochen, und es war nicht etwa bloß als eine philosophische Wahrheit gedacht, sondern es sollte gezeigt werden, daß durch das, was da der Mensch in sich erweckt, indem er sich weiterbringt - als wenn er dasjenige nur erreicht, was ihm von selbst gegeben wird -, indem der Mensch sich so entwickelt, entwickelt er ja ein gleichsam vorher schlafendes, verborgenes Tatsächliches in sich. Er schafft etwas in sich, das ihn erst zur Freiheit bringt. Solange man theoretisiert, solange man abstrakte Ideen ausdenkt, werden diese Kopfsache des Menschen sein. Sie werden nicht sonderlich den ganzen Menschen ergreifen. Es könnte ja eigentlich jeder, der sich mit solchen Dingen befaßt hat, wissen, wie schattenhaft die schönsten, die idealsten abstrakten Ideen in den Menschen leben. Anders ist es, wenn nicht abstrakte Ideen, sondern Leben selbst in dem Menschen erweckt werden soll, wenn der Mensch lebendig etwas durchmachen soll, wodurch etwas in ihm erwacht, was vorher nicht da war. Das ist ein Lebendiges, das den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, das nicht nur eine Kopfsache ist, das eine Sache von Seele und Geist des ganzen Menschen ist. Da nimmt man zusammen alle Empfindungen, alle Impulse, da nimmt man zusammen das ganze menschliche Willensleben, da wird Freiheit zu einer realen Kraft im Menschen, da wird Freiheit zu etwas Erlebtem. Dann aber, wenn sie zu etwas Erlebtem wird, dann will sie der Mensch auch in dem äußerlichen Zusammenleben ausgestalten, dann kommt er von seinem Erleben der Freiheit, indem er mit anderen Menschen lebt, auch zu einer Idee von einer solchen sozialen Struktur des menschlichen Zusammenlebens, in dem nur die Freiheit verwirklicht sein kann.
[ 19 ] Daher versuchte ich im zweiten Teil meiner Philosophie eine Sittenlehre der Menschen zu begründen, eine soziale Anschauung zu begründen, die, ich möchte sagen, dann wie selbstverständlich aus dem erwachten Freiheitsgefühl und Freiheitssinn hervorgehen müsse. Nimmt man so den Impuls der Freiheit als etwas, das man im tiefsten Wesen des Menschen lebendig erfaßt, dann ist die Freiheit keine abstrakte Idee, dann ist die Freiheits-Philosophie keine bloße Philosophie, dann ist dasjenige, was durch eine solche Anschauung von der Freiheit ausgesprochen wird, etwas, was in alles Handeln des Menschen, in alle Zielsetzungen des Menschen übergeht. Dann ist darinnen etwas enthalten, wonach die anderen rufen, wenn sie von Freiheit sprechen, das aber derjenige findet, der nicht stehenbleibt bei den Weltanschauungen der Gegenwart, wenn er die Freiheit verstehen will, sondern der aufsteigt zu dem, was im Menschen schlummernd liegt und was erweckt werden kann. Dasjenige, was so, ich möchte sagen, als eine Freiheitssprache zu der Menschheit geredet werden kann als innig zusammenhängend mit den Kulturbedingungen der menschlichen Gegenwart und Zukunft, das bedurfte nun allerdings in seiner weiteren Entwickelung noch eines anderen.
[ 19 ] Daher versuchte ich im zweiten Teil meiner Philosophie eine Sittenlehre der Menschen zu begründen, eine soziale Anschauung zu begründen, die, ich möchte sagen, dann wie selbstverständlich aus dem erwachten Freiheitsgefühl und Freiheitssinn hervorgehen müsse. Nimmt man so den Impuls der Freiheit als etwas, das man im tiefsten Wesen des Menschen lebendig erfaßt, dann ist die Freiheit keine abstrakte Idee, dann ist die Freiheits-Philosophie keine bloße Philosophie, dann ist dasjenige, was durch eine solche Anschauung von der Freiheit ausgesprochen wird, etwas, was in alles Handeln des Menschen, in alle Zielsetzungen des Menschen übergeht. Dann ist darinnen etwas enthalten, wonach die anderen rufen, wenn sie von Freiheit sprechen, das aber derjenige findet, der nicht stehenbleibt bei den Weltanschauungen der Gegenwart, wenn er die Freiheit verstehen will, sondern der aufsteigt zu dem, was im Menschen schlummernd liegt und was erweckt werden kann. Dasjenige, was so, ich möchte sagen, als eine Freiheitssprache zu der Menschheit geredet werden kann als innig zusammenhängend mit den Kulturbedingungen der menschlichen Gegenwart und Zukunft, das bedurfte nun allerdings in seiner weiteren Entwickelung noch eines anderen.
[ 20 ] Und hier ist der Grund, warum übergegangen werden mußte von der Grundlegung einer Freiheitsphilosophie zur anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Nehmen Sie eines der Hauptbücher dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Da finden Sie im einzelnen die Wege charakterisiert, die der Mensch innerlich seelisch und geistig einschlagen muß, damit in ihm dieses Bewußtsein des anderen Menschen, des wirklich freien Menschen erwachen kann. Da finden Sie, wie es möglich ist, daßß der Mensch wirklich zu einer solchen Erfassung seiner eigenen Wesenheit kommt, daß ihm die wahre Gestalt des Denkens und auch des Wollens vor die Seele tritt. Und ich darf dabei auf etwas hinweisen, auf das ich in einem der letzten der hier gehaltenen Vorträge schon hingewiesen habe: Denken und Wollen wird für den etwas anderes, als es für das gewöhnliche Bewußtsein ist, der so, wie es beschreibt mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in das Menschenwesen eindringt. Man lernt erkennen an dem Denken, wie das Wesen, das man dann erfaßt als das höhere Menschenwesen, schon da war, bevor der Mensch durch Geburt oder Empfängnis in das physische Dasein getreten ist. Man lernt erkennen an der wahren Gestalt des menschlichen Willens, wie der Mensch sein Wesen durch die Todespforte hinein in die geistige Welt trägt. Man lernt erkennen, indem man sich wirklich erhebt, sich entwickelt zu der wahreren Wesenheit des Menschen, das Ewige im Menschen.
[ 20 ] Und hier ist der Grund, warum übergegangen werden mußte von der Grundlegung einer Freiheitsphilosophie zur anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Nehmen Sie eines der Hauptbücher dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Da finden Sie im einzelnen die Wege charakterisiert, die der Mensch innerlich seelisch und geistig einschlagen muß, damit in ihm dieses Bewußtsein des anderen Menschen, des wirklich freien Menschen erwachen kann. Da finden Sie, wie es möglich ist, daßß der Mensch wirklich zu einer solchen Erfassung seiner eigenen Wesenheit kommt, daß ihm die wahre Gestalt des Denkens und auch des Wollens vor die Seele tritt. Und ich darf dabei auf etwas hinweisen, auf das ich in einem der letzten der hier gehaltenen Vorträge schon hingewiesen habe: Denken und Wollen wird für den etwas anderes, als es für das gewöhnliche Bewußtsein ist, der so, wie es beschreibt mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in das Menschenwesen eindringt. Man lernt erkennen an dem Denken, wie das Wesen, das man dann erfaßt als das höhere Menschenwesen, schon da war, bevor der Mensch durch Geburt oder Empfängnis in das physische Dasein getreten ist. Man lernt erkennen an der wahren Gestalt des menschlichen Willens, wie der Mensch sein Wesen durch die Todespforte hinein in die geistige Welt trägt. Man lernt erkennen, indem man sich wirklich erhebt, sich entwickelt zu der wahreren Wesenheit des Menschen, das Ewige im Menschen.
[ 21 ] Damit aber sind erst die Wege richtig im einzelnen gezeichnet, welche den Menschen dazu bringen, ich möchte sagen, die «Philosophie der Freiheit» wie etwas Selbstverständliches anzusehen; die Wege dazu sind gezeichnet, zu finden das wirklich freie Menschenwesen. Damit aber ist zugleich gedient den tieferen Kulturbedingungen der Gegenwart und Zukunft, die sich aussprechen gerade in solchen Rufen nach Freiheit, wie ich sie in der Einleitung meines heutigen Vortrages charakterisiert habe.
[ 21 ] Damit aber sind erst die Wege richtig im einzelnen gezeichnet, welche den Menschen dazu bringen, ich möchte sagen, die «Philosophie der Freiheit» wie etwas Selbstverständliches anzusehen; die Wege dazu sind gezeichnet, zu finden das wirklich freie Menschenwesen. Damit aber ist zugleich gedient den tieferen Kulturbedingungen der Gegenwart und Zukunft, die sich aussprechen gerade in solchen Rufen nach Freiheit, wie ich sie in der Einleitung meines heutigen Vortrages charakterisiert habe.
[ 22 ] Was braucht denn der Mensch, wenn er all dasjenige, was er intensiv fühlt über ein menschenwürdiges Dasein, was braucht der Mensch an Inhalt für sein innerstes Menschenbewußtsein ? Dasjenige, was ich da sagen will, das wird sich vielleicht am besten veranschaulichen lassen, wenn ich Sie zurück verweise auf den Ausgangspunkt der geistigen Menschheitskultur der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Denn es war ein Großes, als in der Morgenröte der neueren Menschheitsentwickelung aufgetreten sind Geister wie Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno und so weiter. Was taten sie im Grunde? Sie brachen mit den Erkenntnis- und Weltanschauungsüberlieferungen der alten Zeit und wiesen den menschlichen Blick hin auf die unbefangene Beobachtung der Außenwelt. Vorurteile wollten sie zerstreuen. Dasjenige wollten sie klar hinstellen, was der Mensch durch die Beobachtung der Außenwelt gewinnen kann. Nach und nach ist aber damit etwas anderes eingetreten, ist dasjenige eingetreten, das ich zum Teil schon charakterisiert habe. Das ist eingetreten, daß ein altes Bewußtsein von dem, was der Mensch in seinem Innersten ist, zerstört worden ist durch die neuere Beobachtung. Sieht man heute ganz gemäß unserer neueren Naturwissenschaft den weiten Sternenhimmel an, was ist dieser Sternenhimmel? Etwas, das wir durch Mathematik und Mechanik begreifen wollen, etwas, mit dem wir nur verwandt fühlen dieses abstrakte Produkt unseres Kopfes, die Mathematik und die Mechanik. Und vergleichen wir das mit dem Bewußtsein, das in älteren Zeiten der Mensch hatte, wenn er zum Sternenhimmel aufblickte. Er hatte nicht das abstrakte naturwissenschaftliche Bewußtsein: Da droben kreisen die Sterne nach mathematisch-mechanischen Gesetzen, du aber, Erdenwurm, stehst hier auf dieser Erde, entstehst mit der Geburt und vergehst mit dem Tode, und dasjenige, was du bist, das hat nichts zu tun mit dem Sternenlauf. Wenn wir zurückgehen in ältere Stufen des Menschheitsbewußtseins, so finden wir, daß in diesem älteren Menschheitsbewußtsein die Anschauung lag: Du Mensch, wie du hier stehst auf dieser Erde, du bist nicht bloß an diese Erde geheftet; dasjenige, was in dir an Kräften wirkt und lebt, das hängt zusammen mit dem, was da oben in den Sternen kreist, und vervollkommnest du deine Erkenntnis, wirst du deiner selbst als eines vollständigen Menschenwesens bewußt, so weißt du dich verwandt wie mit den Tieren und Pflanzen und Steinen der Erde, so mit dem ganzen Weltenraum der Sterne. Wir haben erkauft dasjenige, was wir mathematisch-mechanisch über die Sterne gelernt haben, mit dem Abgeschnürtwerden des Menschen von dem Kosmos, von der Welt. Wenn man nun in der Weise, wie ich es geschildert habe, durch den Weg zu den höheren Erkenntnissen geht, und in sich dahin gelangt, jenes Menschenwesen zu erkennen, das nicht mit der Geburt oder Empfängnis seinen Anfang genommen hat, sondern das in geistigen Welten vor Geburt und Empfängnis da war, und das auch jetzt in uns lebt, und das durch die Pforte des Todes in die geistige Welt dringt, dann lernt man allerdings mit diesem Menschenwesen, nur in einer neuen Form, nicht in einer alten, abgenutzten Form, wiederum seine Verwandtschaft mit dem ganzen Kosmos kennen; dann wird der Mensch wiederum durchdrungen von Weltbewußitsein. Sein bloßes irdisches Bewußtsein verwandelt sich in Weltbewußtsein. Dann hat aber der Mensch etwas, was er gerade als eine Kulturbedingung des Geistes in der Gegenwart und für die Zukunft braucht. Den Zeitpunkt könnte die Menschheit nimmermehr ohne die tiefste Schädigung ihres Wesens erleben, wo hingewiesen würde auf neue äußere Beobachtungen, und das alte Geistesleben nach und nach auslöschte. Der Mensch bedarf des Glaubens, des Hinweises auf die Erkenntnis eines Bleibenden, das standhalten kann, wie auch die äußere Weltenbeobachtung sich erweitert.
[ 22 ] Was braucht denn der Mensch, wenn er all dasjenige, was er intensiv fühlt über ein menschenwürdiges Dasein, was braucht der Mensch an Inhalt für sein innerstes Menschenbewußtsein ? Dasjenige, was ich da sagen will, das wird sich vielleicht am besten veranschaulichen lassen, wenn ich Sie zurück verweise auf den Ausgangspunkt der geistigen Menschheitskultur der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Denn es war ein Großes, als in der Morgenröte der neueren Menschheitsentwickelung aufgetreten sind Geister wie Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno und so weiter. Was taten sie im Grunde? Sie brachen mit den Erkenntnis- und Weltanschauungsüberlieferungen der alten Zeit und wiesen den menschlichen Blick hin auf die unbefangene Beobachtung der Außenwelt. Vorurteile wollten sie zerstreuen. Dasjenige wollten sie klar hinstellen, was der Mensch durch die Beobachtung der Außenwelt gewinnen kann. Nach und nach ist aber damit etwas anderes eingetreten, ist dasjenige eingetreten, das ich zum Teil schon charakterisiert habe. Das ist eingetreten, daß ein altes Bewußtsein von dem, was der Mensch in seinem Innersten ist, zerstört worden ist durch die neuere Beobachtung. Sieht man heute ganz gemäß unserer neueren Naturwissenschaft den weiten Sternenhimmel an, was ist dieser Sternenhimmel? Etwas, das wir durch Mathematik und Mechanik begreifen wollen, etwas, mit dem wir nur verwandt fühlen dieses abstrakte Produkt unseres Kopfes, die Mathematik und die Mechanik. Und vergleichen wir das mit dem Bewußtsein, das in älteren Zeiten der Mensch hatte, wenn er zum Sternenhimmel aufblickte. Er hatte nicht das abstrakte naturwissenschaftliche Bewußtsein: Da droben kreisen die Sterne nach mathematisch-mechanischen Gesetzen, du aber, Erdenwurm, stehst hier auf dieser Erde, entstehst mit der Geburt und vergehst mit dem Tode, und dasjenige, was du bist, das hat nichts zu tun mit dem Sternenlauf. Wenn wir zurückgehen in ältere Stufen des Menschheitsbewußtseins, so finden wir, daß in diesem älteren Menschheitsbewußtsein die Anschauung lag: Du Mensch, wie du hier stehst auf dieser Erde, du bist nicht bloß an diese Erde geheftet; dasjenige, was in dir an Kräften wirkt und lebt, das hängt zusammen mit dem, was da oben in den Sternen kreist, und vervollkommnest du deine Erkenntnis, wirst du deiner selbst als eines vollständigen Menschenwesens bewußt, so weißt du dich verwandt wie mit den Tieren und Pflanzen und Steinen der Erde, so mit dem ganzen Weltenraum der Sterne. Wir haben erkauft dasjenige, was wir mathematisch-mechanisch über die Sterne gelernt haben, mit dem Abgeschnürtwerden des Menschen von dem Kosmos, von der Welt. Wenn man nun in der Weise, wie ich es geschildert habe, durch den Weg zu den höheren Erkenntnissen geht, und in sich dahin gelangt, jenes Menschenwesen zu erkennen, das nicht mit der Geburt oder Empfängnis seinen Anfang genommen hat, sondern das in geistigen Welten vor Geburt und Empfängnis da war, und das auch jetzt in uns lebt, und das durch die Pforte des Todes in die geistige Welt dringt, dann lernt man allerdings mit diesem Menschenwesen, nur in einer neuen Form, nicht in einer alten, abgenutzten Form, wiederum seine Verwandtschaft mit dem ganzen Kosmos kennen; dann wird der Mensch wiederum durchdrungen von Weltbewußitsein. Sein bloßes irdisches Bewußtsein verwandelt sich in Weltbewußtsein. Dann hat aber der Mensch etwas, was er gerade als eine Kulturbedingung des Geistes in der Gegenwart und für die Zukunft braucht. Den Zeitpunkt könnte die Menschheit nimmermehr ohne die tiefste Schädigung ihres Wesens erleben, wo hingewiesen würde auf neue äußere Beobachtungen, und das alte Geistesleben nach und nach auslöschte. Der Mensch bedarf des Glaubens, des Hinweises auf die Erkenntnis eines Bleibenden, das standhalten kann, wie auch die äußere Weltenbeobachtung sich erweitert.
[ 23 ] So ist es anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, welche auf ihren Wegen den Menschen sich selbst so zeigt, daß er wiederum anknüpfen kann mit seinem Weltbewußtsein an den ganzen Kosmos, daß er sich wiederum weiß mit seinem Geiste im Zusammenhange mit dem Weltengeiste. Das ist nicht bloß eine theoretische Idee, das ist wiederum etwas, was sich einlebt in den ganzen Menschen, und was ihn, diesen Menschen, zu einem anderen Wesen macht. Man wird in der Gegenwart und in der Zukunft viel, viel spekulieren können, was man für soziale Einrichtungen zu treffen hat, damit die Menschen darinnen ein menschenwürdiges Dasein finden. Man gibt sich in der neueren Zeit sogar der Täuschung hin, daß man solche Einrichtungen erfinden werden könne. Man wird nur dann zu Einrichtungen kommen, die dem Menschen ein menschenwürdiges Dasein geben, wenn der Mensch aus seinem tiefsten Geistig-Seelischen heraus solche Einrichtungen zu schaffen imstande ist. Dazu aber bedarf es nicht des Träumens von einer Umgestaltung der äußeren sozialen Verhältnisse; dazu bedarf es des ernstlichen Inangriffnehmens einer neuen Geisteskultur, einer Auferweckung desjenigen, was schlummert und schläft in der Menschenseele, und was erst auferweckt werden muß, damit der Mensch von sich selber wissen könne, er sei ein freies Wesen. Man übersieht heute vollständig, welch tiefer Riß in unserer Geisteskultur ist. Durch viele Jahrhunderte haben gewisse soziale Mächte darüber gewacht, daß die äußere Wissenschaft nur ja nicht spreche von dem Geistigen und Seelischen. Das sollte Sache des Dogmatismus sein. Das sollte man durch einen bloßen Glauben erfahren, sich von bloßen Autoritäten diktieren lassen, was man zu denken habe über Geist und Seele; weil ein Monopol beanspruchten gewisse soziale Mächte für das Diktieren des Anzuerkennenden über Geist und Seele, deshalb wurde die Wissenschaft abgedrängt auf das bloße Materielle. Es wirkt sehr eigentümlich auf den tiefer in die Menschheitsentwickelung Hineinblickenden, wenn er heute hört, wie die offizielle Wissenschaft glaubt, daß sie vorurteilslos den Wahrheiten nachgehe und durch dieses vorurteilslose den Wahrheiten Nachgehen herausfände etwas, was man heute einzig und allein Wissenschaft nennt, und was sich im Grunde genommen nur mit sinnlichen Tatsachen befassen will. In Wahrheit ist das Entwickelungsvorgang geworden, in Wahrheit ist das menschliches Forschen, welches kapituliert hat vor dem Monopol gewisser sozialer Kreise, die sich allein befassen wollten mit dem, was die Menschen über Geist und Seele zu denken haben. Eine Wissenschaft, wie ich sie charakterisiert habe, wie sie zur Freiheit führt, sie führt zu gleicher Zeit dahin, daß der Mensch nicht nur nachforschen kann über das Physische, über sein Leibliches, es führt dahin, daß der Mensch nachforschen lernt auch über das Geistige und über das Seelische. Und lernt er nachforschen über das Geistige und über das Seelische, so nimmt er stärkere, wirklichkeitsgemäßere Begriffe auf, als diejenigen sind, die er aufnimmt, wenn er sich auf das bloße äußere Materielle beschränken muß. Und so hat man versucht, in das soziale Denken nur hineinfließen zu lassen dasjenige, was aus dem heutigen Zeitbewußtsein herauskommt. Und man glaubt von diesem Gesichtspunkte aus, daß eigentlich menschliche Ideen gar nicht hineingreifen können in die sozialen Verhältnisse, oder man macht sich höchst verkehrte soziale Ideen zurecht. In meinem Buche «Von Seelenrätseln» - eines der letzten, das ich geschrieben habe, und das ebenso wie die anderen nur die gerade Fortsetzung ist desjenigen, was Sie in meinem Buch «Die Philosophie der Freiheit» finden -, in diesem Buche «Von Seelenrätseln» habe ich gezeigt, wie die wahrhaftig anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht nur in der Lage ist, abstrakt über allerlei GeistigSeelisches zu sprechen, sondern wie sie dadurch, daß sie das wirklich Geistige erfaßt, zu gleicher Zeit in die Lage kommt, das Menschenwesen, das Leib, Seele und Geist ist, in seiner Ganzheit aufzufassen. Und so durfte ich in diesen «Seelenrätseln» zum Beispiel darauf hinweisen, wie es ein großer Irrtum ist in der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Physiologie, wenn man davon spricht, daß der Mensch sensitive Nerven habe, die vom Sinnesorgan zum Zentralorgan gehen, während von dem Zentralorgan wiederum zu den Muskeln die motorischen Nerven gehen. Eine abstrakte Wissenschaft, die von Geist und Seele nur abstrakt spricht, die wird sich niemals getrauen, die wird auch gar nicht die Methode finden, über das Sinnliche etwas zu sagen, was nicht bloß sinnlich nachzuweisen ist. Nachweisen kann man, wenn man ausspricht, daß es nur eine Gattung von Nerven gibt, daß kein Unterschied ist zwischen sensitiven und motorischen Nerven, daß solche Erscheinungen, wie die Tabes, die man anführt zur Bekräftigung der Meinung, daß es motorische Nerven gebe, gerade das Umgekehrte beweisen von dem, wovon man glaubt, daß es durch sie bewiesen werde.
[ 23 ] So ist es anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, welche auf ihren Wegen den Menschen sich selbst so zeigt, daß er wiederum anknüpfen kann mit seinem Weltbewußtsein an den ganzen Kosmos, daß er sich wiederum weiß mit seinem Geiste im Zusammenhange mit dem Weltengeiste. Das ist nicht bloß eine theoretische Idee, das ist wiederum etwas, was sich einlebt in den ganzen Menschen, und was ihn, diesen Menschen, zu einem anderen Wesen macht. Man wird in der Gegenwart und in der Zukunft viel, viel spekulieren können, was man für soziale Einrichtungen zu treffen hat, damit die Menschen darinnen ein menschenwürdiges Dasein finden. Man gibt sich in der neueren Zeit sogar der Täuschung hin, daß man solche Einrichtungen erfinden werden könne. Man wird nur dann zu Einrichtungen kommen, die dem Menschen ein menschenwürdiges Dasein geben, wenn der Mensch aus seinem tiefsten Geistig-Seelischen heraus solche Einrichtungen zu schaffen imstande ist. Dazu aber bedarf es nicht des Träumens von einer Umgestaltung der äußeren sozialen Verhältnisse; dazu bedarf es des ernstlichen Inangriffnehmens einer neuen Geisteskultur, einer Auferweckung desjenigen, was schlummert und schläft in der Menschenseele, und was erst auferweckt werden muß, damit der Mensch von sich selber wissen könne, er sei ein freies Wesen. Man übersieht heute vollständig, welch tiefer Riß in unserer Geisteskultur ist. Durch viele Jahrhunderte haben gewisse soziale Mächte darüber gewacht, daß die äußere Wissenschaft nur ja nicht spreche von dem Geistigen und Seelischen. Das sollte Sache des Dogmatismus sein. Das sollte man durch einen bloßen Glauben erfahren, sich von bloßen Autoritäten diktieren lassen, was man zu denken habe über Geist und Seele; weil ein Monopol beanspruchten gewisse soziale Mächte für das Diktieren des Anzuerkennenden über Geist und Seele, deshalb wurde die Wissenschaft abgedrängt auf das bloße Materielle. Es wirkt sehr eigentümlich auf den tiefer in die Menschheitsentwickelung Hineinblickenden, wenn er heute hört, wie die offizielle Wissenschaft glaubt, daß sie vorurteilslos den Wahrheiten nachgehe und durch dieses vorurteilslose den Wahrheiten Nachgehen herausfände etwas, was man heute einzig und allein Wissenschaft nennt, und was sich im Grunde genommen nur mit sinnlichen Tatsachen befassen will. In Wahrheit ist das Entwickelungsvorgang geworden, in Wahrheit ist das menschliches Forschen, welches kapituliert hat vor dem Monopol gewisser sozialer Kreise, die sich allein befassen wollten mit dem, was die Menschen über Geist und Seele zu denken haben. Eine Wissenschaft, wie ich sie charakterisiert habe, wie sie zur Freiheit führt, sie führt zu gleicher Zeit dahin, daß der Mensch nicht nur nachforschen kann über das Physische, über sein Leibliches, es führt dahin, daß der Mensch nachforschen lernt auch über das Geistige und über das Seelische. Und lernt er nachforschen über das Geistige und über das Seelische, so nimmt er stärkere, wirklichkeitsgemäßere Begriffe auf, als diejenigen sind, die er aufnimmt, wenn er sich auf das bloße äußere Materielle beschränken muß. Und so hat man versucht, in das soziale Denken nur hineinfließen zu lassen dasjenige, was aus dem heutigen Zeitbewußtsein herauskommt. Und man glaubt von diesem Gesichtspunkte aus, daß eigentlich menschliche Ideen gar nicht hineingreifen können in die sozialen Verhältnisse, oder man macht sich höchst verkehrte soziale Ideen zurecht. In meinem Buche «Von Seelenrätseln» - eines der letzten, das ich geschrieben habe, und das ebenso wie die anderen nur die gerade Fortsetzung ist desjenigen, was Sie in meinem Buch «Die Philosophie der Freiheit» finden -, in diesem Buche «Von Seelenrätseln» habe ich gezeigt, wie die wahrhaftig anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht nur in der Lage ist, abstrakt über allerlei GeistigSeelisches zu sprechen, sondern wie sie dadurch, daß sie das wirklich Geistige erfaßt, zu gleicher Zeit in die Lage kommt, das Menschenwesen, das Leib, Seele und Geist ist, in seiner Ganzheit aufzufassen. Und so durfte ich in diesen «Seelenrätseln» zum Beispiel darauf hinweisen, wie es ein großer Irrtum ist in der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Physiologie, wenn man davon spricht, daß der Mensch sensitive Nerven habe, die vom Sinnesorgan zum Zentralorgan gehen, während von dem Zentralorgan wiederum zu den Muskeln die motorischen Nerven gehen. Eine abstrakte Wissenschaft, die von Geist und Seele nur abstrakt spricht, die wird sich niemals getrauen, die wird auch gar nicht die Methode finden, über das Sinnliche etwas zu sagen, was nicht bloß sinnlich nachzuweisen ist. Nachweisen kann man, wenn man ausspricht, daß es nur eine Gattung von Nerven gibt, daß kein Unterschied ist zwischen sensitiven und motorischen Nerven, daß solche Erscheinungen, wie die Tabes, die man anführt zur Bekräftigung der Meinung, daß es motorische Nerven gebe, gerade das Umgekehrte beweisen von dem, wovon man glaubt, daß es durch sie bewiesen werde.
[ 24 ] So wird in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft etwas geschaffen, das in die ganze Natur wiederum eindringt, das Stoßkraft genug hat, um in die ganze Natur einzudringen. Dadurch aber darf diese Geisteswissenschaft auch in dasjenige eindringen, was insbesondere die Kultur der Gegenwart interessieren muß. Es darf diese Geisteswissenschaft eindringen in die Struktur des sozialen Lebens. Und aus denjenigen Erfahrungen heraus, die der Mensch mit dem höheren Menschen macht, sind erst die wirklich sozialen Begriffe zu gewinnen. Daher leben wir heute in einer so verworrenen Zeit, leben heute in solcher Wirrnis und solchem Chaos darinnen, weil die Menschen, die sich mit den Lösungen der verschiedenen Fragen sozialer Natur beschäftigen, nicht in der Lage sind, tief genug zu schürfen in der Menschenwesenheit selbst, um zu finden diejenigen Ideen, die das soziale Leben wirklich beherrschen können. Und so ist man ratlos gegenüber den drängendsten und brennendsten Fragen der Gegenwart, und man steht gerade vor diesen sengendsten und brennendsten Fragen so, daß aus dem Inneren der Menschennatur im Grunde genommen keine Antwort als Widerklang kommt.
[ 24 ] So wird in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft etwas geschaffen, das in die ganze Natur wiederum eindringt, das Stoßkraft genug hat, um in die ganze Natur einzudringen. Dadurch aber darf diese Geisteswissenschaft auch in dasjenige eindringen, was insbesondere die Kultur der Gegenwart interessieren muß. Es darf diese Geisteswissenschaft eindringen in die Struktur des sozialen Lebens. Und aus denjenigen Erfahrungen heraus, die der Mensch mit dem höheren Menschen macht, sind erst die wirklich sozialen Begriffe zu gewinnen. Daher leben wir heute in einer so verworrenen Zeit, leben heute in solcher Wirrnis und solchem Chaos darinnen, weil die Menschen, die sich mit den Lösungen der verschiedenen Fragen sozialer Natur beschäftigen, nicht in der Lage sind, tief genug zu schürfen in der Menschenwesenheit selbst, um zu finden diejenigen Ideen, die das soziale Leben wirklich beherrschen können. Und so ist man ratlos gegenüber den drängendsten und brennendsten Fragen der Gegenwart, und man steht gerade vor diesen sengendsten und brennendsten Fragen so, daß aus dem Inneren der Menschennatur im Grunde genommen keine Antwort als Widerklang kommt.
[ 25 ] Man hat gesehen, indem man die weltgeschichtliche Entwickelung des Menschen verfolgt, wie große Umwandlungen sich vollzogen haben. Oder war nicht eine der größten Umwandlungen, die sich vollzogen haben im Verlaufe der Menschheitsentwickelung, diejenige, durch die das Christentum heraufgekommen ist? Das Christentum, das der Erdenentwickelung erst den rechten Sinn gegeben hat, es ist heraufgekommen durch eine mächtige Umwandlung. Es hat mancherlei zurückgelassen. Nicht alle Menschen erkannten die Wahrheiten des Christentums; aber im ganzen war das Christentum dasjenige, was in dem alten Kulturelemente umwandelnd gewirkt hat, im Grunde die ganze europäische Zivilisation mit ihrem amerikanischen Zivilisationsanhang hervorgebracht hat. Man erlebte später so etwas, wie zum Beispiel die Französische Revolution. Während das Christentum eine rein geistige Umwandlung war und im größten Umfange ihr Ziel erreicht hat, kann man sagen von der Französischen Revolution, die eine politische war, daß sie zwar etwas erreicht hat von ihren politischen Zielen, daß aber Wichtiges und Wesentliches zurückgeblieben ist, was nicht erreicht worden ist von den Zielen, die gestellt worden sind. Und nun erleben wir in unserer Zeit die Sehnsucht vieler Menschen nach einer neuen Umwandlung, nach neuen Revolutionen. Und wir sehen bereits diese Revolutionen vielfach am Werke. Traurige Erfahrungen hat die Menschheit gemacht. Wenn sie nur unbefangen genug sein will, so müßte sie auch in proletarischen Kreisen das einsehen. Traurige Erfahrungen hat die Menschheit gemacht mit den extremen sozialen Revolutionen im Osten von Europa, in Ungarn, und eine große Lehre der Weltgeschichte müßte das Scheitern dieser sozialen Revolutionen sein. Und eine noch größere Lehre könnte sein, wenn die Menschen überhaupt etwas lernen können von den weltgeschichtlichen Vorgängen, das traurige Schicksal der deutschen Revolution vom 9. November 1918, eine versandende Revolution. Und wenn man alles dasjenige sachgemäß überblickt, was sich aus solchen Tatsachen ergibt, aus den gescheiterten Revolutionen Ungarns und Osteuropas, aus der traurig versandenden deutschen Revolution, dann ersieht man: Geistige Umwandlungen, wie die durch das Christentum gegebenen, sie können sich vollziehen im Laufe der Menschheitsentwickelung; politische, wie die Französische Revolution, nur zum Teil; wirtschaftliche Revolutionen, wie sie jetzt versucht werden, sind zum Scheitern verurteilt, können nichts anderes als zerstören, können nichts Neues heraufbringen, wenn sie sich nicht in geistige Fortschrittsimpulse verwandeln. Eine der wichtigsten und wesentlichsten Kulturbedingungen der Gegenwart ist diese, daß aus dem richtig ergriffenen Freiheitsimpulse heraus die Menschen darauf kommen, daß alle die Fragen, die man heute erfaßt, man im Zusammenhange mit der ganzen geistigen Entwickelung der Menschheit betrachten muß, mit einer Erneuerung des menschlichen Geisteslebens. Und das müßte die Menschheit sich klar zum Bewußtsein bringen, bevor die traurige, fürchterliche Notlehre eintreten könnte, die eintreten würde, wenn dasjenige, was zum Untergange der Menschheitskultur im Osten von Europa sich vollzieht, was unter so traurigen Symptomen in Ungarn sich vollzogen hat, was versandet in Deutschland, wenn das in der Art, wie es von denen erfaßt wird, die keinen Begriff haben von dem wirklichen Impuls des Geistes, seinen heute von vielen als zeitgemäß angesehenen Fortgang nähme.
[ 25 ] Man hat gesehen, indem man die weltgeschichtliche Entwickelung des Menschen verfolgt, wie große Umwandlungen sich vollzogen haben. Oder war nicht eine der größten Umwandlungen, die sich vollzogen haben im Verlaufe der Menschheitsentwickelung, diejenige, durch die das Christentum heraufgekommen ist? Das Christentum, das der Erdenentwickelung erst den rechten Sinn gegeben hat, es ist heraufgekommen durch eine mächtige Umwandlung. Es hat mancherlei zurückgelassen. Nicht alle Menschen erkannten die Wahrheiten des Christentums; aber im ganzen war das Christentum dasjenige, was in dem alten Kulturelemente umwandelnd gewirkt hat, im Grunde die ganze europäische Zivilisation mit ihrem amerikanischen Zivilisationsanhang hervorgebracht hat. Man erlebte später so etwas, wie zum Beispiel die Französische Revolution. Während das Christentum eine rein geistige Umwandlung war und im größten Umfange ihr Ziel erreicht hat, kann man sagen von der Französischen Revolution, die eine politische war, daß sie zwar etwas erreicht hat von ihren politischen Zielen, daß aber Wichtiges und Wesentliches zurückgeblieben ist, was nicht erreicht worden ist von den Zielen, die gestellt worden sind. Und nun erleben wir in unserer Zeit die Sehnsucht vieler Menschen nach einer neuen Umwandlung, nach neuen Revolutionen. Und wir sehen bereits diese Revolutionen vielfach am Werke. Traurige Erfahrungen hat die Menschheit gemacht. Wenn sie nur unbefangen genug sein will, so müßte sie auch in proletarischen Kreisen das einsehen. Traurige Erfahrungen hat die Menschheit gemacht mit den extremen sozialen Revolutionen im Osten von Europa, in Ungarn, und eine große Lehre der Weltgeschichte müßte das Scheitern dieser sozialen Revolutionen sein. Und eine noch größere Lehre könnte sein, wenn die Menschen überhaupt etwas lernen können von den weltgeschichtlichen Vorgängen, das traurige Schicksal der deutschen Revolution vom 9. November 1918, eine versandende Revolution. Und wenn man alles dasjenige sachgemäß überblickt, was sich aus solchen Tatsachen ergibt, aus den gescheiterten Revolutionen Ungarns und Osteuropas, aus der traurig versandenden deutschen Revolution, dann ersieht man: Geistige Umwandlungen, wie die durch das Christentum gegebenen, sie können sich vollziehen im Laufe der Menschheitsentwickelung; politische, wie die Französische Revolution, nur zum Teil; wirtschaftliche Revolutionen, wie sie jetzt versucht werden, sind zum Scheitern verurteilt, können nichts anderes als zerstören, können nichts Neues heraufbringen, wenn sie sich nicht in geistige Fortschrittsimpulse verwandeln. Eine der wichtigsten und wesentlichsten Kulturbedingungen der Gegenwart ist diese, daß aus dem richtig ergriffenen Freiheitsimpulse heraus die Menschen darauf kommen, daß alle die Fragen, die man heute erfaßt, man im Zusammenhange mit der ganzen geistigen Entwickelung der Menschheit betrachten muß, mit einer Erneuerung des menschlichen Geisteslebens. Und das müßte die Menschheit sich klar zum Bewußtsein bringen, bevor die traurige, fürchterliche Notlehre eintreten könnte, die eintreten würde, wenn dasjenige, was zum Untergange der Menschheitskultur im Osten von Europa sich vollzieht, was unter so traurigen Symptomen in Ungarn sich vollzogen hat, was versandet in Deutschland, wenn das in der Art, wie es von denen erfaßt wird, die keinen Begriff haben von dem wirklichen Impuls des Geistes, seinen heute von vielen als zeitgemäß angesehenen Fortgang nähme.
[ 26 ] Auch was wirtschaftlich getan wird, das wird richtig nur aus dem Menschengeiste heraus getan, und wir leben in einem Zeitalter, wo die alten Begriffe nicht mehr genügen, wo wir neue Begriffe finden müssen, die auch eine neue wirtschaftliche Kultur für die Gegenwart und für die Zukunft erst schaffen können. Richtig sagt Woodrow Wilson: Wir haben neue Wirtschaftszustände, die Menschen konnten sich nicht verschließen den neuen wirtschaftlichen Einrichtungen; aber wir denken mit den alten Rechtsbegriffen, mit den alten überkommenen Geistesideen über dieses Wirtschaftsleben. - Aber dann, dann sprießt aus demjenigen, was in seiner Seele wurzelt, nichts hervor, was nun das neue Wirtschaftsleben meistern könnte.
[ 26 ] Auch was wirtschaftlich getan wird, das wird richtig nur aus dem Menschengeiste heraus getan, und wir leben in einem Zeitalter, wo die alten Begriffe nicht mehr genügen, wo wir neue Begriffe finden müssen, die auch eine neue wirtschaftliche Kultur für die Gegenwart und für die Zukunft erst schaffen können. Richtig sagt Woodrow Wilson: Wir haben neue Wirtschaftszustände, die Menschen konnten sich nicht verschließen den neuen wirtschaftlichen Einrichtungen; aber wir denken mit den alten Rechtsbegriffen, mit den alten überkommenen Geistesideen über dieses Wirtschaftsleben. - Aber dann, dann sprießt aus demjenigen, was in seiner Seele wurzelt, nichts hervor, was nun das neue Wirtschaftsleben meistern könnte.
[ 27 ] Dasjenige, was als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hier gesucht wird in dem, was hier mitgeteilt ist, das wird auf der einen Seite hinaufreichen zu den höchsten Höhen des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, auf der anderen Seite aber auch stark genug sein, um hinunterzureichen dahin, wo erfaßt werden müssen die alltäglichsten Einrichtungen des Lebens. Wie ist es denn heute? Das Geistesleben hat allmählich einen ganz abstrakten Charakter angenommen. Denken Sie einmal nach, wie sich die religiöse, die ästhetische, die künstlerische, die Weltanschauungsüberzeugung sagen wir eines Kaufmannes oder eines Industriellen oder eines Staatsbeamten gestaltet. Das ist eine Sache für sich, die er in seiner Seele erlebt. Die reicht in das Kontobuch, oder in dasjenige, was er in seinem Büro tut, nicht hinein. Da werden auf dem Gebiete, wo er seine geistigen Ideen erzeugt, nicht zugleich die Ideen und Impulse geschaffen, die dann in seinem Kontobuch zum Ausdruck kommen. Darauf steht höchstens «Mit Gott»; aber das ist auch alles, wodurch die Tätigkeit, die da drinnen zum Ausdrucke kommt, zusammenhängt mit dem, was er als ein abstraktes Geist- und Seelenleben durch die Welt trägt. Daher aber ist es gekommen, daß, als auftraten in der neueren Zeit Menschen mit guter sozialer Meinung, wie Saint-Simon, Blanc, Fourier, gesagt wurde: Das sind gute moralische Ideen, aber mit guten Meinungen wandelt man die sozialen Zustände nicht um. Das kann man heute überall hören, wo vom sozialistischen Standpunkte aus gesprochen wird. Und man hat Recht. Mit solchen sozialen Ideen, wie sie Saint-Simon, Blanc, Fourier und so weiter hatten, mit denen wandelt man das soziale Leben nicht um, weil sie entsprungen sind aus dem Bewußtsein der Menschen heraus, daß, wenn man über das Geistige denkt und sinnt, dieses Geistige eine Sache für sich ist, das nicht zu gleicher Zeit die Welt erfassen soll. Abstrakt ist zuletzt alles Geistesleben geworden. Auf der einen Seite nimmt der Mensch den Aufschwung religiös oder künstlerisch oder weltanschauungsgemäß in geistige Höhen, wenn er ihn überhaupt nimmt. Auf der anderen Seite überläßt er sich, ich möchte sagen, dem Zufall des Lebens; in der Naturwissenschaft, indem er in Laboratorien, auf der Sternwarte und dergleichen arbeitet, und dasjenige, was er da herausbringt, sei es auf sozialem, sei es auf wissenschaftlichem Gebiete, keinen Zusammenhang mit dem abstrakten Geistesleben hat. Eine Einheit des geistigen und materiellen Lebens will ausgießen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft über die gesamte menschliche Zivilisation. Und folgen soll aus demjenigen, was ausgebildet wird in dem Menschen dadurch, daß er den höheren Menschen in sich erblickt, zu dem Ewigen aufsteigt, die Möglichkeit, das Ewige, das jenseits von Geburt und Tod für den Menschen liegt, zu ergreifen, aber die Ideen zugleich so stark zu machen, daß sie ins alltägliche Leben eingreifen können. Denn nicht der meint es ernst und wahr mit dem Geiste, der vom Geist redet, sondern der meint es ernst und wahr mit dem Geiste, der den Geist verfolgt bis in sein letztes Hineinziehen in das materielle Dasein, für den gar nichts mehr von geistloser Materie auch in der praktischen Lebensauffassung übrig bleibt. Das ist dasjenige, was man bezeichnen könnte als Kulturbedingungen der Gegenwart und der Zukunft, daß solch geistig-seelisches Bewußtsein die Menschen hätten.
[ 27 ] Dasjenige, was als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hier gesucht wird in dem, was hier mitgeteilt ist, das wird auf der einen Seite hinaufreichen zu den höchsten Höhen des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, auf der anderen Seite aber auch stark genug sein, um hinunterzureichen dahin, wo erfaßt werden müssen die alltäglichsten Einrichtungen des Lebens. Wie ist es denn heute? Das Geistesleben hat allmählich einen ganz abstrakten Charakter angenommen. Denken Sie einmal nach, wie sich die religiöse, die ästhetische, die künstlerische, die Weltanschauungsüberzeugung sagen wir eines Kaufmannes oder eines Industriellen oder eines Staatsbeamten gestaltet. Das ist eine Sache für sich, die er in seiner Seele erlebt. Die reicht in das Kontobuch, oder in dasjenige, was er in seinem Büro tut, nicht hinein. Da werden auf dem Gebiete, wo er seine geistigen Ideen erzeugt, nicht zugleich die Ideen und Impulse geschaffen, die dann in seinem Kontobuch zum Ausdruck kommen. Darauf steht höchstens «Mit Gott»; aber das ist auch alles, wodurch die Tätigkeit, die da drinnen zum Ausdrucke kommt, zusammenhängt mit dem, was er als ein abstraktes Geist- und Seelenleben durch die Welt trägt. Daher aber ist es gekommen, daß, als auftraten in der neueren Zeit Menschen mit guter sozialer Meinung, wie Saint-Simon, Blanc, Fourier, gesagt wurde: Das sind gute moralische Ideen, aber mit guten Meinungen wandelt man die sozialen Zustände nicht um. Das kann man heute überall hören, wo vom sozialistischen Standpunkte aus gesprochen wird. Und man hat Recht. Mit solchen sozialen Ideen, wie sie Saint-Simon, Blanc, Fourier und so weiter hatten, mit denen wandelt man das soziale Leben nicht um, weil sie entsprungen sind aus dem Bewußtsein der Menschen heraus, daß, wenn man über das Geistige denkt und sinnt, dieses Geistige eine Sache für sich ist, das nicht zu gleicher Zeit die Welt erfassen soll. Abstrakt ist zuletzt alles Geistesleben geworden. Auf der einen Seite nimmt der Mensch den Aufschwung religiös oder künstlerisch oder weltanschauungsgemäß in geistige Höhen, wenn er ihn überhaupt nimmt. Auf der anderen Seite überläßt er sich, ich möchte sagen, dem Zufall des Lebens; in der Naturwissenschaft, indem er in Laboratorien, auf der Sternwarte und dergleichen arbeitet, und dasjenige, was er da herausbringt, sei es auf sozialem, sei es auf wissenschaftlichem Gebiete, keinen Zusammenhang mit dem abstrakten Geistesleben hat. Eine Einheit des geistigen und materiellen Lebens will ausgießen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft über die gesamte menschliche Zivilisation. Und folgen soll aus demjenigen, was ausgebildet wird in dem Menschen dadurch, daß er den höheren Menschen in sich erblickt, zu dem Ewigen aufsteigt, die Möglichkeit, das Ewige, das jenseits von Geburt und Tod für den Menschen liegt, zu ergreifen, aber die Ideen zugleich so stark zu machen, daß sie ins alltägliche Leben eingreifen können. Denn nicht der meint es ernst und wahr mit dem Geiste, der vom Geist redet, sondern der meint es ernst und wahr mit dem Geiste, der den Geist verfolgt bis in sein letztes Hineinziehen in das materielle Dasein, für den gar nichts mehr von geistloser Materie auch in der praktischen Lebensauffassung übrig bleibt. Das ist dasjenige, was man bezeichnen könnte als Kulturbedingungen der Gegenwart und der Zukunft, daß solch geistig-seelisches Bewußtsein die Menschen hätten.
[ 28 ] Dann werden die Menschen, die von solchem Bewußtsein durchdrungen werden, sich auch soziale und politische Zustände schaffen, wie sie ersehnt werden von solchen Menschen, wie zum Beispiel Woodrow Wilson. Heute aber steht die Sache so, daß man eigentlich nur Kritik übt, daß produktive Ideen noch nicht da sind, weil man nicht zum Geiste hinabsteigen will, oder hinaufsteigen will. Heute sehen wir, wie von Amerika aus - wir haben das Beispiel von Woodrow Wilson selber angeführt, gewiß einer maßgebenden Persönlichkeit -, wie von Amerika aus kritisiert wird das soziale Leben der Gegenwart, und der Ruf nach Freiheit ertönt. Allein man will sich nicht entschließen, zum wirklichen Impuls der Freiheit sachgemäß aufzusteigen. Und erlebt haben wir es, wie in Europa wahrhaft schöne, geistreiche Ideen über Freiheit und soziale Zustände entstanden sind. Aber in der europäischen Zivilisation ist es uns eigen, daß wir nicht imstande sind, aus den Abstraktionen, aus den philosophischen Höhen herunterzuholen, was wir so schön erdenken und erfühlen und es einzuführen ins unmittelbare Leben. Und wir verstehen es noch nicht, wenn gesprochen wird von einem solchen Einführen wirklicher, nicht bloß erdachter Ideen in das politische Leben. Und wenn wir nach Asien hinüberblicken, haben wir es mit einer anderen Zivilisation zu tun, die eine ebenso treffende Kritik an dem sozialen und Freiheitsleben der Gegenwart übt, wie Amerika und Europa. Man braucht nur die wunderschönen Auseinandersetzungen des Rabindranath Tagore zu lesen und man wird finden, wie derjenige, der an der Spitze der asiatischen Kultur steht, in der Kritik es auch so weit bringt. Er bringt es in dem Produktiven nicht so weit, weil er nicht in der Lage ist, sich zu sagen: Nach Neuem muß gestrebt werden, wenn wiederum vom Geistesleben die Rede sein soll. Er will ein altes Geistesleben bleiben lassen, allein wirksam sein lassen.
[ 28 ] Dann werden die Menschen, die von solchem Bewußtsein durchdrungen werden, sich auch soziale und politische Zustände schaffen, wie sie ersehnt werden von solchen Menschen, wie zum Beispiel Woodrow Wilson. Heute aber steht die Sache so, daß man eigentlich nur Kritik übt, daß produktive Ideen noch nicht da sind, weil man nicht zum Geiste hinabsteigen will, oder hinaufsteigen will. Heute sehen wir, wie von Amerika aus - wir haben das Beispiel von Woodrow Wilson selber angeführt, gewiß einer maßgebenden Persönlichkeit -, wie von Amerika aus kritisiert wird das soziale Leben der Gegenwart, und der Ruf nach Freiheit ertönt. Allein man will sich nicht entschließen, zum wirklichen Impuls der Freiheit sachgemäß aufzusteigen. Und erlebt haben wir es, wie in Europa wahrhaft schöne, geistreiche Ideen über Freiheit und soziale Zustände entstanden sind. Aber in der europäischen Zivilisation ist es uns eigen, daß wir nicht imstande sind, aus den Abstraktionen, aus den philosophischen Höhen herunterzuholen, was wir so schön erdenken und erfühlen und es einzuführen ins unmittelbare Leben. Und wir verstehen es noch nicht, wenn gesprochen wird von einem solchen Einführen wirklicher, nicht bloß erdachter Ideen in das politische Leben. Und wenn wir nach Asien hinüberblicken, haben wir es mit einer anderen Zivilisation zu tun, die eine ebenso treffende Kritik an dem sozialen und Freiheitsleben der Gegenwart übt, wie Amerika und Europa. Man braucht nur die wunderschönen Auseinandersetzungen des Rabindranath Tagore zu lesen und man wird finden, wie derjenige, der an der Spitze der asiatischen Kultur steht, in der Kritik es auch so weit bringt. Er bringt es in dem Produktiven nicht so weit, weil er nicht in der Lage ist, sich zu sagen: Nach Neuem muß gestrebt werden, wenn wiederum vom Geistesleben die Rede sein soll. Er will ein altes Geistesleben bleiben lassen, allein wirksam sein lassen.
[ 29 ] Nun, wir haben es ja leider in Europa erlebt, daß die Menschen schließlich so sehr verloren haben den unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem, wonach sie im Geiste streben, und dem, was ihnen der Alltag bringt, daß wir jetzt zahlreiche Gesellschaften damit beschäftigt sehen, Europa zu gestalten nach rein äußerlichen wirtschaftlichen Gesichtspunkten und ihr Seelenbedürfnis, da einem die christliche Religion in Europa nicht mehr genügt, aus Asien her durch allerlei Theorien und so weiter zu befriedigen suchen. Solche Beziehungen sind nicht geeignet, einen Neuaufbau des Geisteslebens herbeizuführen; die sind die letzten dekadenten Schatten eines Alten.
[ 29 ] Nun, wir haben es ja leider in Europa erlebt, daß die Menschen schließlich so sehr verloren haben den unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem, wonach sie im Geiste streben, und dem, was ihnen der Alltag bringt, daß wir jetzt zahlreiche Gesellschaften damit beschäftigt sehen, Europa zu gestalten nach rein äußerlichen wirtschaftlichen Gesichtspunkten und ihr Seelenbedürfnis, da einem die christliche Religion in Europa nicht mehr genügt, aus Asien her durch allerlei Theorien und so weiter zu befriedigen suchen. Solche Beziehungen sind nicht geeignet, einen Neuaufbau des Geisteslebens herbeizuführen; die sind die letzten dekadenten Schatten eines Alten.
[ 30 ] Mit alle dem rechnet dasjenige, was hier gemeint ist als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Sie ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man von ihr sagt. Und der Dornacher Bau, dem man so oftmals zuschreibt, daß er symbolisch sei, der hat kein einziges Symbol, sondern er soll nur gebaut sein, ich möchte sagen, rein naturgemäß so, daß in Aussicht genommen ist, das und das wird einmal darinnen getrieben, wie man etwa die Nuß erkennen lernt in ihrer Schale, und wenn man die Schale anschaut, die um die Nuß herum ist, so findet man, daß sie naturgemäß so gestaltet ist, daß sie der Nuß angemessen ist. So wollten wir für ein neues Geistesleben eine neue Schale auch architektonisch, künstlerisch, malerisch schaffen. Naturgemäß wurde der Bau aufgeführt nicht aus abstrakten Ideen heraus, nicht aus einer vertrackten ästhetischen Anschauung heraus. Oftmals habe ich einen recht trivialen Vergleich gebraucht, um nur einigermaßen zu sagen, was ich eigentlich meine mit diesem Dornacher Bau. Ich glaube, viele von Ihnen wissen, daß in Deutschland, in Österreich oder auch hier gewisse Kuchen Gugelhupf genannt werden, und dann nennt man die Form, in der der Gugelhupf gebacken wird, Gugelhupftopf. Nun sagte ich, man stelle sich vor dasjenige, was in diesem Bau getrieben werden soll, als Gugelhupf, als Kuchen, dann muß, wenn der Kuchen richtig sein soll, der Gugelhupftopf der richtige sein. So muß das Geistesleben, das da getrieben werden soll, die richtige Umhüllung haben, wie die Nuß in der Nußschale die richtige Umhüllung har. Bis auf dieses Grundprinzip des Baues wird alles im Grunde genommen heute in weiten Kreisen noch mißverstanden.
[ 30 ] Mit alle dem rechnet dasjenige, was hier gemeint ist als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Sie ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man von ihr sagt. Und der Dornacher Bau, dem man so oftmals zuschreibt, daß er symbolisch sei, der hat kein einziges Symbol, sondern er soll nur gebaut sein, ich möchte sagen, rein naturgemäß so, daß in Aussicht genommen ist, das und das wird einmal darinnen getrieben, wie man etwa die Nuß erkennen lernt in ihrer Schale, und wenn man die Schale anschaut, die um die Nuß herum ist, so findet man, daß sie naturgemäß so gestaltet ist, daß sie der Nuß angemessen ist. So wollten wir für ein neues Geistesleben eine neue Schale auch architektonisch, künstlerisch, malerisch schaffen. Naturgemäß wurde der Bau aufgeführt nicht aus abstrakten Ideen heraus, nicht aus einer vertrackten ästhetischen Anschauung heraus. Oftmals habe ich einen recht trivialen Vergleich gebraucht, um nur einigermaßen zu sagen, was ich eigentlich meine mit diesem Dornacher Bau. Ich glaube, viele von Ihnen wissen, daß in Deutschland, in Österreich oder auch hier gewisse Kuchen Gugelhupf genannt werden, und dann nennt man die Form, in der der Gugelhupf gebacken wird, Gugelhupftopf. Nun sagte ich, man stelle sich vor dasjenige, was in diesem Bau getrieben werden soll, als Gugelhupf, als Kuchen, dann muß, wenn der Kuchen richtig sein soll, der Gugelhupftopf der richtige sein. So muß das Geistesleben, das da getrieben werden soll, die richtige Umhüllung haben, wie die Nuß in der Nußschale die richtige Umhüllung har. Bis auf dieses Grundprinzip des Baues wird alles im Grunde genommen heute in weiten Kreisen noch mißverstanden.
[ 31 ] Nun, ich wollte heute, wie in anderen zahlreichen Vorträgen, die ich hier an demselben Orte schon gehalten habe, wiederum einmal darauf hinweisen, wie sich die Sachen, die in dem Dornacher Bau und dem, was in ihm getrieben werden soll, wirklich zu der zivilisierten Entwickelung der Menschheit verhalten, im Gegensatze zu den zahlreichen Mißverständnissen, die sich ergeben, die sich sehr naturgemäß ergeben müssen. Man sieht vielleicht aus den paar Andeutungen, die ich habe geben können, die aber innig zusammenhängen mit den wichtigsten menschlichen Sehnsüchten nach Erneuerung der Kultur in der Gegenwart und für die Zukunft dasjenige, was gerade mit diesem Bau und seiner Sache gemeint und gewollt ist. Wenn von Amerika herüber ertönt der Ruf, wie ich es bei Woodrow Wilson charakterisiert habe, der Ruf nach Freiheit: es soll gefunden werden diejenige Menschlichkeit, das menschenwürdige Dasein aus einer Fassung des Geistigen und des Seelischen heraus, das diesem Ruf entgegenkommen kann als seine Verwirklichung, als die richtige Antwort auf die Frage, die gestellt wird. Die umgehen manche Menschen heute noch leicht. Aus dunklen, unbestimmten Gefühlen heraus erhebt man Zeitforderungen. Aus einer klaren Geist-Erkenntnis heraus müssen die Antworten gegeben werden. Ich muß denken, wie recht in einer gewissen Beziehung Woodrow Wilson hat, wenn er hinweist darauf, wie nicht in geheimen Konsortien entschieden werden soll über dasjenige, was die Angelegenheiten des Volkes, der Menschheit sind. Woodrow Wilson will, daß entschieden werde in jedem einzelnen Familienhause, sei es auf dem Lande, sei es in der Stadt, aber daß insbesondere zusammengekommen werden solle in dem Schulhaus. Das ist eine schöne Idee, daß die Pflegestätte des Geistes die Ursprungsstätte sein soll für das Ausbilden der Zeitideen. Und ein schöner Ausspruch Woodrow Wilsons ist es, wo er sagt: Unser Ziel ist die Wirklichkeit der Freiheit. Wir wollen darauf hinarbeiten, private Kapitalanhäufung gesetzlich zu verhindern, und das System, durch das die private Kapitalanhäufung geschaffen wurde, gesetzlich unmöglich zu machen. Und ein weiterer sehr schöner Ausspruch ist: Drinnen im Lande, auf den Bauernhöfen, in den Läden, in den Dörfern, in den Wohnungen der Großstadt, in den Schulhäusern, überall, wo Menschen zusammentreffen und gegenseitig wahr sind, dort ist es, wo die Bäche und Flüsse ihrem Urquell entspringen, um erst die mächtige Kraft jenes Stromes zu bilden, der alle menschlichen Unternehmungen auf seinem Zuge zu dem großen gemeinsamen Meere der Menschheit trägt und treibt. - Eine schöne Idee, die Menschen so zusammenzurufen, daß aus allen einzelnen Quellen heraus der Strom sich bilden kann zu der Befreiung der Menschheit, und eine schöne Idee, gerade aus den Pflegestätten des Geistes, aus den Schulhäusern, die Ziele setzen zu lassen, welche die Menschheit weitertragen sollen.
[ 31 ] Nun, ich wollte heute, wie in anderen zahlreichen Vorträgen, die ich hier an demselben Orte schon gehalten habe, wiederum einmal darauf hinweisen, wie sich die Sachen, die in dem Dornacher Bau und dem, was in ihm getrieben werden soll, wirklich zu der zivilisierten Entwickelung der Menschheit verhalten, im Gegensatze zu den zahlreichen Mißverständnissen, die sich ergeben, die sich sehr naturgemäß ergeben müssen. Man sieht vielleicht aus den paar Andeutungen, die ich habe geben können, die aber innig zusammenhängen mit den wichtigsten menschlichen Sehnsüchten nach Erneuerung der Kultur in der Gegenwart und für die Zukunft dasjenige, was gerade mit diesem Bau und seiner Sache gemeint und gewollt ist. Wenn von Amerika herüber ertönt der Ruf, wie ich es bei Woodrow Wilson charakterisiert habe, der Ruf nach Freiheit: es soll gefunden werden diejenige Menschlichkeit, das menschenwürdige Dasein aus einer Fassung des Geistigen und des Seelischen heraus, das diesem Ruf entgegenkommen kann als seine Verwirklichung, als die richtige Antwort auf die Frage, die gestellt wird. Die umgehen manche Menschen heute noch leicht. Aus dunklen, unbestimmten Gefühlen heraus erhebt man Zeitforderungen. Aus einer klaren Geist-Erkenntnis heraus müssen die Antworten gegeben werden. Ich muß denken, wie recht in einer gewissen Beziehung Woodrow Wilson hat, wenn er hinweist darauf, wie nicht in geheimen Konsortien entschieden werden soll über dasjenige, was die Angelegenheiten des Volkes, der Menschheit sind. Woodrow Wilson will, daß entschieden werde in jedem einzelnen Familienhause, sei es auf dem Lande, sei es in der Stadt, aber daß insbesondere zusammengekommen werden solle in dem Schulhaus. Das ist eine schöne Idee, daß die Pflegestätte des Geistes die Ursprungsstätte sein soll für das Ausbilden der Zeitideen. Und ein schöner Ausspruch Woodrow Wilsons ist es, wo er sagt: Unser Ziel ist die Wirklichkeit der Freiheit. Wir wollen darauf hinarbeiten, private Kapitalanhäufung gesetzlich zu verhindern, und das System, durch das die private Kapitalanhäufung geschaffen wurde, gesetzlich unmöglich zu machen. Und ein weiterer sehr schöner Ausspruch ist: Drinnen im Lande, auf den Bauernhöfen, in den Läden, in den Dörfern, in den Wohnungen der Großstadt, in den Schulhäusern, überall, wo Menschen zusammentreffen und gegenseitig wahr sind, dort ist es, wo die Bäche und Flüsse ihrem Urquell entspringen, um erst die mächtige Kraft jenes Stromes zu bilden, der alle menschlichen Unternehmungen auf seinem Zuge zu dem großen gemeinsamen Meere der Menschheit trägt und treibt. - Eine schöne Idee, die Menschen so zusammenzurufen, daß aus allen einzelnen Quellen heraus der Strom sich bilden kann zu der Befreiung der Menschheit, und eine schöne Idee, gerade aus den Pflegestätten des Geistes, aus den Schulhäusern, die Ziele setzen zu lassen, welche die Menschheit weitertragen sollen.
[ 32 ] Aber wenn Sie das nehmen, was ich versuchte heute auszuführen, dann wird vielleicht dieser Ruf nach den Schulhäusern, wie ihn Woodrow Wilson erhebt, dennoch anders ausfallen müssen. Denn ich glaube, erst dann, wenn in diesen Schulhäusern gepflegt wird ein Kulturleben, das durchdrungen ist von einer wirklichkeitsgemäßen Erfassung, von menschenwürdiger Erfassung des freien Menschengeistes und der Menschenseele, erst dann wird aus dem Schulhaus herauskommen der rechte Menschenfreiheitsstrom. Solange wir in die menschliche Seele nicht hineinpflanzen können das richtige Verständnis der Freiheit, mögen wir sie in den Schulhäusern versammeln, sie werden auch dort kaum wirklichkeitsgemäße Ziele finden. Erst dann werden diese gefunden werden, wenn wir den Mut haben, eine geistgemäße, wirklichkeitsgemäße Weltanschauung, Kunstanschauung, religiöses Bekenntnis in die Schulen hineinzutragen. Denn wichtiger als das, was die Gegenwartsmenschen im allgemeinen aus den Schulen heraus beschließen, wird dasjenige für die Menschenzukunft sein, was herauskommen wird aus den Schulen, wenn wir den richtigen Geist in diese Schulen hineintragen.
[ 32 ] Aber wenn Sie das nehmen, was ich versuchte heute auszuführen, dann wird vielleicht dieser Ruf nach den Schulhäusern, wie ihn Woodrow Wilson erhebt, dennoch anders ausfallen müssen. Denn ich glaube, erst dann, wenn in diesen Schulhäusern gepflegt wird ein Kulturleben, das durchdrungen ist von einer wirklichkeitsgemäßen Erfassung, von menschenwürdiger Erfassung des freien Menschengeistes und der Menschenseele, erst dann wird aus dem Schulhaus herauskommen der rechte Menschenfreiheitsstrom. Solange wir in die menschliche Seele nicht hineinpflanzen können das richtige Verständnis der Freiheit, mögen wir sie in den Schulhäusern versammeln, sie werden auch dort kaum wirklichkeitsgemäße Ziele finden. Erst dann werden diese gefunden werden, wenn wir den Mut haben, eine geistgemäße, wirklichkeitsgemäße Weltanschauung, Kunstanschauung, religiöses Bekenntnis in die Schulen hineinzutragen. Denn wichtiger als das, was die Gegenwartsmenschen im allgemeinen aus den Schulen heraus beschließen, wird dasjenige für die Menschenzukunft sein, was herauskommen wird aus den Schulen, wenn wir den richtigen Geist in diese Schulen hineintragen.
