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The Rudolf Steiner Archive

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Work Councils And Socialization
Discussion Evenings with Workers' Committees
GA 331

2 July 1919, Stuttgart

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Work Councils and Socialization, tr. SOL
  1. Betriebsräte und Sozialisierung

Sechster Diskussionsabend

Sixth Discussion Evening

Der Vorsitzende, Herr Roser, eröffnet die Versammlung

The chair, Mr. Roser, opens the meeting

Einleitende Worte

Introductory Remarks

[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine werten Anwesenden! Ich will mich auch heute wiederum kurz fassen und hoffe, daß Sie von der Diskussion lebhaften Gebrauch machen werden, so daß wir heute vielleicht auch die eine oder die andere Einzelheit besprechen können. Da die Ereignisse immer mehr zu einer Neugestaltung der sozialen Ordnung drängen, würde es nicht gut sein, wenn die Bestrebungen, welche dazu bestimmt sind, eine solche Neugestaltung herbeizuführen, also solche Bestrebungen wie die der Begründung von Betriebsräten, wiederum völlig einschlafen würden. Denn, meine werten Anwesenden, es gibt ja wohl Leute, denen es ganz recht wäre, wenn diese Betriebsrätebewegung wieder einschlafen würde. Um so mehr müssen wir uns bemühen, sie nicht einschlafen zu lassen. Ich möchte, nachdem ich in der letzten Versammlung über die Dreigliederung und ihre Verbindung mit der Betriebsrätefrage gesprochen habe, heute einige Worte zu Ihnen sprechen über etwas, was gerade mit Rücksicht auf die Dreigliederung ein Verständnis für die Betriebsräteschaft herbeiführen kann.

[ 1 ] Rudolf Steiner: My dear friends! I will keep my remarks brief again today and hope that you will make active use of the discussion, so that we may perhaps be able to discuss one or two specific details today. Since events are increasingly pushing for a restructuring of the social order, it would not be good if the efforts intended to bring about such a restructuring—that is, efforts such as the establishment of works councils—were to fall completely dormant once again. For, my dear friends, there are certainly people who would be quite happy if this works council movement were to fall dormant again. All the more reason, then, for us to strive to keep it alive. Having spoken at the last meeting about the threefold social order and its connection to the works council issue, I would like to say a few words to you today about something that, particularly in light of the threefold social order, can foster an understanding of the works council movement.

[ 2 ] Sie wissen ja, daß wir zunächst die Betriebsräte einfach aus den einzelnen Betrieben heraus schaffen wollen. Wir wollen, daß aus den einzelnen Betrieben heraus Betriebsräte gewählt werden, die also dann einfach da sind und die dann eine Betriebsräteschaft über ein zunächst in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet, sagen wir Württemberg, bilden. In einer Urversammlung dieser Betriebsräteschaft würde dann alles festzulegen sein, was Aufgabe, Kompetenz und so weiter der Betriebsräte ist. Es würden sich dadurch zum ersten Mal unabhängig von den beiden anderen Institutionen, also dem Geistesleben und dem Staats- oder Rechtsleben, wirtschaftliche Maßnahmen aus den wirtschaftenden Persönlichkeiten heraus ergeben. Diese Maßnahmen würden also erst beschlossen werden in der Urversammlung der Betriebsräteschaft. Dann erst wären die Aufgaben da. Dann würden die einzelnen in den Betrieben gewählten Betriebsräte in ihre Betriebe zurückkehren und dort ihre Aufgaben übernehmen. Zugleich würden dann auch die Forderungen, die überhaupt nur für die allgemeine Sozialisierung gestellt werden können, auf dem Tisch liegen. Wenn dann eine wirkliche Einmütigkeit da wäre - denn in dieser Einmütigkeit liegt die Macht -, müßte sich jede Regierung, welche es auch sei, fügen müssen. Ich glaube sogar, daß manche Leute es schon deutlich fühlen, was es bedeuten würde, wenn aus sämtlichen Betrieben heraus diese Betriebsräte gewählt würden und über ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet hin eine Urversammlung bilden würden und wenn aus dieser Urversammlung wiederum Beschlüsse hervorgehen würden, die dann vom Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft dieses Wirtschaftsgebietes getragen würden. Das würde eine wirkliche Macht sein, denn einer auf einem eigenen Urteil und der Einmütigkeit und dem Vertrauen gegründeten Macht wird auf die Dauer keine Regierung, keine gesetzgebende Körperschaft widersprechen können. In dieser Weise kann man sich ganz konkret den Weg denken. Damit aber würde zugleich der erste Schritt zu einer wirklichen Sozialisierung getan sein, einer Sozialisierung, die doch nur hervorgehen kann aus den Bestimmungen und Maßnahmen der wirtschaftenden Menschen selber. Vielleicht wird man dann, wenn einmal die Beschlüsse einer solchen Betriebsräteschaft da sind, erst wissen, was eigentlich Sozialisierung bedeutet.

[ 2 ] As you know, our initial goal is simply to establish works councils within the individual companies. We want works councils to be elected from within the individual companies, so that they are simply in place and then form a federation of works councils covering an economic region that is, for the time being, self-contained—let’s say Württemberg. At a founding assembly of this association of works councils, everything pertaining to the tasks, authority, and so on of the works councils would then be determined. As a result, for the first time—independent of the other two institutions, namely spiritual life and state or legal life—economic measures would emerge from the individuals engaged in economic activity. These measures would thus first be decided upon at the founding assembly of the association of works councils. Only then would the tasks be established. Then the individual works council members elected in the enterprises would return to their workplaces and assume their duties there. At the same time, the demands—which can only be made in the context of general socialization—would also be on the table. If there were then genuine unanimity—for in this unanimity lies the power—any government, whatever it may be, would have to comply. I even believe that some people already have a clear sense of what it would mean if these works council members were elected from all workplaces and formed a constituent assembly across a unified economic region, and if resolutions were then adopted by this constituent assembly that were backed by the confidence of the entire working class of that economic region. That would be real power, for in the long run no government, no legislative body, will be able to oppose a power founded on independent judgment, unanimity, and trust. In this way, one can quite concretely envision the path forward. But with that, the first step toward true socialization would be taken—a socialization that can ultimately arise only from the decisions and measures of the working people themselves. Perhaps only then, once the decisions of such a workers’ council are in place, will people truly understand what socialization actually means.

[ 3 ] Nun muß man sich aber auch darüber im klaren sein, daß bei der Wahl der Betriebsräte sehr einsichtsvoll umgegangen werden muß, denn diese Betriebsräteschaft wird in vieler Beziehung ganz neue wirtschaftliche Maßnahmen treffen müssen, wird ganz neue Impulse setzen müssen. Ich habe schon öfter gesagt, wenn ich über diese Dinge im Zusammenhang mit der Dreigliederung gesprochen habe, daß wir in der Gegenwart vor allen Dingen ein Umdenken, ein wirkliches Umdenken brauchen. Und ich stelle mir vor, daß dann, wenn zum ersten Mal innerhalb eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes, getragen von dem Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft, die Urversammlung einmütig eine solche wirtschaftliche Maßnahme trifft, daß gerade dann ein Umdenken, ein Umlernen zum Vorschein kommen könnte. Da muß man aber wissen, wie stark mit Bezug auf das wirtschaftliche Leben heute eigentlich umgedacht werden muß. Ich möchte Ihnen deshalb, damit Sie sich über die schweren Aufgaben der Betriebsräte ortentieren können, ein Beispiel des alten Denkens schildern.

[ 3 ] However, we must also be aware that the election of works council members must be handled with great discernment, for this works council will, in many respects, have to implement entirely new economic measures and provide entirely new impetus. I have often said, when speaking about these matters in connection with the threefold social order, that what we need above all at the present time is a change in thinking—a genuine change in thinking. And I have a mental image of the situation in which, for the first time within a unified economic region—supported by the trust of the entire workforce—the general assembly unanimously adopts such an economic measure. It is precisely then that a change in thinking, a re-learning, could come to the fore. But one must realize just how profoundly economic life today actually needs to be rethought. I would therefore like to describe an example of the old way of thinking so that you can get a sense of the difficult tasks facing the works councils.

[ 4 ] Sehen Sie, dieses alte Denken ist ja nicht etwa bloß eine Summe von Gedanken, sondern es ist der Ausdruck für die Wirtschaftsordnung, die bisher bestanden hat und die durch die Weltkriegskatastrophe ihr Ende gefunden hat. Aber das, was die Leute dachten, das ragt noch in die neuere Zeit herein, und das ist dasjenige, was im Grunde genommen einmal gründlich aus den Köpfen entfernt werden muß. Hierzu möchte ich nun ein charakteristisches Beispiel anführen. Da ist soeben ein Aufsatz von einem sehr berühmten Volkswirtschaftslehrer des alten Regimes erschienen, also von einem Manne, der in seinen Gedanken viel von dem hat, was das alte Regime, was das sogenannte Privatkapital-Regime, das überwunden werden muß, hervorgebracht hat. Ich möchte Ihnen das, was da von dem Professor Dr. Lujo Brentano gesagt wird, als Beispiel anführen für das, was im alten Regime waltet. Diese Gedanken von Brentano beziehen sich auf den Unternehmer des alten Regimes, und er bemüht sich allen Ernstes, soweit es ihm möglich ist, sich einen Begriff auszubilden von dem, was nun eigentlich der Privatunternehmer ist. Daß er diesen Privatunternehmer durchaus nicht als ein überflüssiges Möbel der künftigen Wirtschaftsordnung betrachtet, das sehen Sie aus den Schlußworten Brentanos. Er sagt:

[ 4 ] You see, this old way of thinking is not merely a collection of ideas, but rather the expression of the economic order that existed until now and that came to an end with the catastrophe of the World War. But the way people used to think still lingers into the present day, and that is precisely what, fundamentally speaking, must one day be thoroughly eradicated from people’s minds. I would now like to cite a characteristic example of this. An essay has just been published by a very famous professor of economics from the old regime—that is, by a man whose thinking embodies much of what the old regime, the so-called private-capital regime that must be overcome, has produced. I would like to cite what is said there by Professor Dr. Lujo Brentano as an example of what prevailed in the old regime. Brentano’s ideas pertain to the entrepreneur of the old regime, and he earnestly endeavors, as far as he is able, to form a concept of what the private entrepreneur actually is. That he by no means regards this private entrepreneur as a superfluous piece of furniture in the future economic order is evident from Brentano’s concluding remarks. He says:

«Viele glauben heute, das private Unternehmertum gehe seinem Ende entgegen. In der Kontrolle so vieler Unternehmungen größten Stils durch die Banken sehen sie den Beginn der Aufsaugung alles Unternehmertums in ein Gesamtunternehmen und in dieser die Überleitung aller Unternehmungen in den Betrieb des Staats. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, welche der privaten Unternehmung von ihr bisher kaum berührte Erdteile erschließt, und das hat die bisherige Erfahrung gezeigt, daß die verschiedenen Nationen in dem Wettkampf um diese Erschließung als Sieger hervorgehen, je weniger sie dem Staate, je mehr sie der privaten Initiative überlassen. Je mehr die Volkswirtschaft der einzelnen Völker Weltwirtschaft wird, desto größer der Spielraum der privaten Unternehmung, desto größer deren Zukunft. Sie wird ihre Aufgabe aber nicht nur um so segensreicher, sondern auch um so widerspruchsfreier und damit um so vorteilhafter für sie selbst lösen, je rückhaltloser sie eines der Grundprinzipien der heutigen Wirtschaftsordnung, die persönliche Freiheit, auch in der Gestaltung des Arbeitsverhältnisses zur Anerkennung bringt und je mehr sie das Geld, das sie verdient, zu verdienen sucht, nicht auf dem Wege der Wertsteigerung durch Verkümmerung der Bedürfnisse, denen ihre Produkte dienen sollen, sondern durch möglichst vollkommene Befriedigung derselben bei wirtschaftlichster Verwendung der Produktionsmittel. Solange dies der Gesichtspunkt ist, von dem sie sich leiten läßt, ist ihr Ende noch nicht abzusehen.»

“Many people today believe that private enterprise is coming to an end. They see the banks’ control over so many large-scale enterprises as the beginning of the absorption of all enterprise into a single, unified entity—and, through this, the transition of all enterprises into state-run operations. We are only at the beginning of a development that is opening up regions of the world previously largely untouched by private enterprise, and experience to date has shown that, in the competition for this development, the various nations emerge victorious the less they rely on the state and the more they leave it to private initiative. The more the national economies of individual nations become part of the global economy, the greater the scope for private enterprise, and the brighter its future. However, it will fulfill its mission not only all the more beneficially, but also all the more harmoniously—and thus all the more advantageously for itself— the more unreservedly it recognizes one of the fundamental principles of today’s economic order—personal freedom—even in the structuring of labor relations, and the more it seeks to earn the money it earns not by increasing value through the stunting of the needs that its products are intended to serve, but through the most complete possible satisfaction of those needs with the most economical use of the means of production. As long as this remains the perspective that guides them, their end is not yet in sight.”

[ 5 ] Also Sie sehen, ein richtiger Vertreter der alten Wirtschaftsordnung sagt hier, daß das Privatunternehmertum nicht nur nicht zu Ende ist, sondern daß es jetzt erst recht zu blühen beginnt, denn ohne dieses Privatunternehmertum wäre die Wirtschaftsordnung, die sich in Zukunft entwickeln soll, ganz und gar nicht möglich. Wir haben also die Meinung vor uns, die heute noch viele Kreise beherrscht, nämlich daß eine Abschaffung des Privatunternehmertums nicht in Frage komme, da es eine Zukunft hat. Deshalb muß man sich schon, wenn man nun ernsthaft und nicht bloß agitatorisch an die Frage der Ablösung des alten Unternehmertums durch die Betriebsräte herangeht, ein wenig mit den Gedanken, die in den Köpfen herumspuken, auseinandersetzen. Man muß sozusagen gewappnet sein, muß wissen, was die Leute denken und was sie einem entgegenbringen werden, wenn es zu Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern des Bisherigen und den Vertretern des Zukünftigen, also jenen, die sich für die Betriebsräte einsetzen wollen, kommt.

[ 5 ] So you see, a true representative of the old economic order is saying here that private enterprise is not only not coming to an end, but that it is now more than ever beginning to flourish, because without this private enterprise, the economic order that is to develop in the future would be completely impossible. So we are faced with the view that still dominates many circles today—namely, that abolishing private enterprise is out of the question, since it has a future. That is why, if one is to approach the question of replacing the old entrepreneurial system with works councils seriously—and not merely as a matter of agitation—one must grapple a bit with the ideas that are floating around in people’s minds. One must, so to speak, be prepared; one must know what people are thinking and what arguments they will raise when conflicts arise between the representatives of the old order and the representatives of the future—that is, those who wish to advocate for works councils.

[ 6 ] Nun sehen Sie, den Begriff des Unternehmers, den will sich dieser Volkswirtschaftslehrer selber klarmachen und vor die Menschen hinstellen. Er stellt sich die Frage: Was ist ein Unternehmer? Ja, er gibt nun drei Eigenschaften des richtigen Unternehmers an. Erstens, «daß er das Verfügungsrecht über die zur Herstellung eines Produkts nötigen Produktionselemente in seiner Hand vereine». Nun muß man sich aber erst einmal klarmachen, was dieser Herr unter «Produktionselementen» überhaupt versteht. Was er darunter versteht, das geht aus einem seiner Sätze klipp und klar hervor. Diesen Satz drechselt er nicht einmal selber, sondern den entlehnt er bei Emil Kirdorff, einem der erfolgreichsten Männer der bisherigen Praxis. Er sagt: «Wir Direktoren der Aktiengesellschaften, wir sind auch Angestellte des Unternehmens und haben ihm gegenüber Pflichten und Verantwortung.» Und der gute Brentano findet nun heraus, daß zu den «Produktionselementen» auch solche Herren Direktoren wie der Herr Geheimrat Emil Kirdorff gehören, daß also der Unternehmer das Verfügungsrecht über die «Produktionselemente,» das heißt auch über Direktoren, haben muß. Die ganze Arbeiterschaft bis hinauf zu den Direktoren, das alles sind «Produktionselemente». Erstens also ist ein Unternehmer derjenige, der das Verfügungsrecht über die «Produktionselemente» hat; zu diesen gehören auch die Direktoren. Und ein solcher Mann wie Kirdorff sieht das ganz gut ein, daß er eigentlich nicht ein Mensch, sondern ein «Produktionselement» im Wirtschaftsleben ist. Man muß sich schon klarmachen, was für Begriffe da in den Köpfen stecken. Darum habe ich immer wieder betont, daß es notwendig ist, umzudenken und umzulernen. Das war also die erste Eigenschaft eines richtigen Unternehmers.

[ 6 ] Now you see, this economics professor wants to clarify for himself the concept of the entrepreneur and present it to the public. He asks himself: What is an entrepreneur? Well, he now lists three characteristics of the true entrepreneur. First, “that he holds the right to dispose of the factors of production necessary for the manufacture of a product.” But first, we must clarify what this gentleman actually means by “factors of production.” What he means by this is made crystal clear by one of his statements. He doesn’t even come up with this statement himself; rather, he borrows it from Emil Kirdorff, one of the most successful men in business practice to date. He says: “We, the directors of joint-stock companies, are also employees of the company and have duties and responsibilities toward it.” And good old Brentano now figures out that the “elements of production” also include such directors as Privy Councilor Emil Kirdorff—meaning that the entrepreneur must have the right to dispose of the “elements of production,” which also includes directors. The entire workforce, right up to the directors—all of them are “elements of production.” First, then, an entrepreneur is someone who has the right to dispose of the “elements of production”; these also include the directors. And a man like Kirdorff understands quite well that he is not actually a human being, but rather an “element of production” in economic life. One must really understand what kinds of concepts are in people’s minds. That is why I have repeatedly emphasized that it is necessary to rethink and relearn. So that was the first characteristic of a true entrepreneur.

[ 7 ] Die zweite ist die, «daß er diesen Produktionselementen die Bestimmung gebe, einem bestimmten Produktionszweck zu dienen, und dementsprechend darüber verfüge». Hier muß man hinzudenken, daß alle in der Produktion stehenden Menschen gemeint sind; denen muß er also eine Bestimmung geben. Das ist die zweite Eigenschaft.

[ 7 ] The second is “that he assigns these elements of production a purpose—to serve a specific productive end—and disposes of them accordingly.” Here, one must bear in mind that this refers to all people engaged in production; he must therefore assign a purpose to them. That is the second characteristic.

[ 8 ] Die dritte ist die, «daß er dies tue für eigene Rechnung und Gefahr». Nun haben wir also alle drei Eigenschaften eines richtigen Unternehmers im Sinne des alten Regimes zusammen, also des Unternehmers, der im Sinne des alten Regimes zur Aufrechterhaltung der künftigen Wirtschaftsordnung fortbestehen muß und dort eine noch größere Bedeutung haben soll als bisher.

[ 8 ] The third is “that he does this at his own expense and risk.” We now have all three characteristics of a true entrepreneur as defined by the old regime—that is, the entrepreneur who, according to the old regime, must continue to exist to uphold the future economic order and is expected to play an even greater role there than before.

[ 9 ] Sehen Sie, wenn man nicht gerade mit Professoren- oder Unternehmer- oder sonstigen Scheuklappen behaftet ist, dann muß man sich ja wohl sagen, daß die Persönlichkeiten mit diesen drei Eigenschaften die Tatsachen, die jetzt in Europa geschaffen werden sollen, nicht dulden werden, denn schließlich: So weit sind wir doch mit unserem Bewußtsein gekommen, daß die Zukunft nicht abhängen kann von einer kleinen Anzahl Unternehmer, die den «Produktionselementen» der weitaus größeren Anzahl von Menschen, also der Masse, ihre Bestimmung gibt. Aber das wird geradezu gefordert. Nun verfolgen wir aber den Gedankengang dieses Vertreters des alten Regimes noch ein wenig weiter. Er ist nämlich eigentlich außerordentlich interessant. Wahrscheinlich werden Sie glauben, ich mache jetzt einen Witz, aber das Folgende steht wirklich in diesem Aufsatz; ich mache keinen Witz. Brentano rechnet nämlich, nachdem er zunächst die große Masse der Arbeitenden als «Produktionselemente» dargestellt hat, merkwürdigerweise auch die Arbeiter, die Proletarier, zu den Unternehmern! Er sagt: «Ist der Arbeiter somit auch nicht Produzent des konsumreifen Produkts, so ist er deshalb doch nicht weniger Produzent eines selbständigen Guts, das er für eigene Rechnung und Gefahr zu Markt bringt. Auch er ist Unternehmer, Unternehmer von Arbeitsleistungen.»

[ 9 ] You see, unless one is afflicted with the blinders of professors, entrepreneurs, or others, one must surely admit that individuals possessing these three characteristics will not tolerate the realities that are now being created in Europe, because, after all: We have come so far in our understanding that the future cannot depend on a small number of entrepreneurs who dictate the fate of the “elements of production”—that is, the far greater number of people, the masses. But that is precisely what is being demanded. Let us, however, follow the train of thought of this representative of the old regime a little further. It is, in fact, extraordinarily interesting. You’ll probably think I’m joking now, but what follows is actually in this essay; I’m not joking. For after first portraying the vast mass of workers as “elements of production,” Brentano—strangely enough—also counts the workers, the proletariat, among the entrepreneurs! He says: “Even if the worker is not, therefore, a producer of the finished product ready for consumption, he is nonetheless a producer of an independent good that he brings to market at his own expense and risk. He, too, is an entrepreneur—an entrepreneur of labor services.”

[ 10 ] Also sehen Sie, meine werten Anwesenden, wir haben jetzt den Begriff des Unternehmers vor Augen, und zwar so, wie er von einer volkswirtschaftlichen Leuchte der Gegenwart dargestellt wurde. Dieser Begriff des Unternehmers ist so konfus, ja er ist eben so, daß Sie alle, wie Sie hier sitzen, lauter Unternehmer sind, nämlich Unternehmer Ihrer Arbeitskraft, die Sie auf eigene Rechnung und Gefahr zu Markte tragen. Ja, und jetzt kommt noch etwas dazu. Brentano sagt ja, daß das Übel, von dem immer geredet wird, gar nicht besteht, da ja alle Unternehmer sind. Deshalb mußte er herausfinden, worauf es eigentlich zurückzuführen ist, daß die große Masse nicht damit zufrieden ist, ein Unternehmer auf eigene Rechnung und Gefahr durch ihre Arbeitskraft zu sein. Er sagt: «Einst gab es eine Zeit, in der dies der Arbeiter nicht war, eine Zeit, da er in dem Betriebe, in dem er beschäftigt war, aufging. Er war noch keine selbständige Wirtschaftseinheit, sondern nichts als ein Rädchen im Wirtschaftsbetrieb seines Herrn. Das war die Zeit der persönlichen Unfreiheit des Arbeiters. Das Interesse am Fortschreiten seiner eigenen Wirtschaft hat dann den Herrn dazu geführt, in dem von ihm beschäftigten Arbeiter ein Interesse an seiner Leistung zu erwecken. Dies hat die allmähliche Emanzipation des Arbeiters, schließlich seine völlige Freierklärung gebracht.» Schön, nur der Schaden beruht in folgendem. Da ist noch ein netter Satz, der lautet so: «Der kapitalistische Betriebsunternehmer aber hat sich in diese Wandlung aus einem Herrn in einen bloßen Arbeitskäufer noch nicht allenthalben gefunden.» Also der Schaden besteht nur darin, daß sich der Betriebsunternehmer in diese Rolle noch nicht hineingefunden hat, das heißt, kein Herr mehr zu sein im alten Sinne, sondern ein Käufer von Arbeitskraft. Damit sagt Brentano eigentlich das Folgende: Wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft dem Unternehmer für eigene Rechnung und Gefahr verkauft, dann ist ja alles in Ordnung. Es muß nur noch hinzukommen, daß der Unternehmer erst verstehen lernt, was das ist: Arbeitskäufer. - Nur weil er es noch nicht versteht, sind immer noch Schäden vorhanden. Also ist es nur noch erforderlich, dem Unternehmer endlich einzuhämmern: Du mußt nur verstehen lernen, Arbeit auf dem Arbeitsmarkt zu kaufen, die euch der Arbeiter als Unternehmer seiner Arbeitskraft verkauft.

[ 10 ] So you see, ladies and gentlemen, we now have before us the concept of the entrepreneur, as presented by a leading contemporary economist. This concept of the entrepreneur is so vague—indeed, it is such that all of you sitting here are nothing but entrepreneurs: entrepreneurs of your own labor, which you bring to market at your own expense and risk. Yes, and now there’s something else to consider. Brentano says that the problem everyone keeps talking about doesn’t actually exist, since everyone is an entrepreneur. That is why he had to determine what actually accounts for the fact that the vast majority are not satisfied with being entrepreneurs of their own labor, acting on their own account and at their own risk. He says: “There was once a time when the worker was not this; a time when he was absorbed into the enterprise in which he was employed. He was not yet an independent economic unit, but merely a cog in his employer’s economic machine. That was the time of the worker’s personal lack of freedom. The interest in the progress of his own economic enterprise then led the employer to awaken in the worker he employed an interest in his own performance. This brought about the gradual emancipation of the worker and, ultimately, his complete liberation.” Fine, but the problem lies in the following. There is another nice sentence that goes like this: “The capitalist entrepreneur, however, has not yet fully come to terms with this transformation from a master into a mere purchaser of labor.” So the problem consists solely in the fact that the business owner has not yet come to terms with this role—that is, no longer being a master in the old sense, but rather a buyer of labor. With this, Brentano is actually saying the following: If the worker sells his labor to the business owner at his own risk and expense, then everything is fine. All that remains is for the entrepreneur to learn to understand what it means to be a buyer of labor. —It is only because he does not yet understand this that harm still exists. So all that is left is to finally drive it home to the entrepreneur: You simply must learn to buy labor on the labor market, which the worker sells to you as the entrepreneur of his labor power.

[ 11 ] Ja, es ist natürlich ein merkwürdiges Zeugnis, das der Herr da den Unternehmern ausstellt. Das Proletariat ist heute so weit, zu sagen, daß es vor allen Dingen darauf ankommt, daß die Arbeitskraft keine Ware mehr sein soll. Jener Herr aber stellt den Unternehmern das Zeugnis aus, daß sie sich nicht einmal zu der Erkenntnis, Arbeitskäufer zu sein, aufgeschwungen haben. Also denkt sich diese Leuchte der Volkswirtschaft das heutige Unternehmertum sehr rückständig.

[ 11 ] Yes, it is, of course, a strange certificate that this gentleman is issuing to the entrepreneurs. The proletariat has now reached the point where it asserts that, above all else, labor must no longer be a commodity. That gentleman, however, attests to the entrepreneurs that they have not even risen to the realization that they are buyers of labor. Thus, this luminary of economics considers today’s entrepreneurship to be very backward.

[ 12 ] Was aber bedeutet denn das eigentlich alles? Sehen Sie, Sie müssen nur die ganze Schwere dieser Tatsache ins Auge fassen. Lujo Brentano ist einer der berühmtesten Nationalökonomen der Gegenwart, ist einer von denen, die vielleicht die meisten Begriffe in die Köpfe derer hineingegossen haben, die als Intellektuelle über das Wirtschaftsleben sprechen, und wir können ihn heute dabei ertappen, daß er als Universitätslehrer und als angesehene Größe der Volkswirtschaft eigentlich nichts anderes als den allerwüstesten Kohl verzapft. Ja, so muß man die Dinge heute schon klar ins Auge fassen. Wir geben uns ja heute oft einem Autoritätsglauben hin, der viel, viel schlimmer ist, als jemals der Autoritätsglaube der Katholiken gegenüber den Kirchenfürsten war. Das wollen die Leute nur nicht wahrhaben. Deshalb müssen wir uns die Dinge schon klarmachen, und wir müssen aus solchen Dingen lernen, was diese Betriebsräteschaft für eine große Aufgabe haben wird. Sie wird vor allen Dingen zeigen müssen, was das Wirtschaftsleben wirklich ist, denn das, was aus den Kreisen der Intelligenz als Ergebnis des Nachdenkens über das Wirtschaftsleben herausgekommen ist, das war ja nur Kohl. Aber was ist denn dieser Kohl? Betrachten wir ihn nur einmal seiner Realität nach. Warum ist denn dieser Kohl da? Die Leute haben ihn ja noch nicht einmal ausgedacht. Würden sie ihn ausdenken, dann würden sie noch größeren Kohl schreiben. Sie haben ihn nicht einmal ausgedacht, sondern einfach die Verhältnisse, wie sie jetzt sind, studiert, und diese Verhältnisse sind eben verworren, sind ein Chaos. Ganz allmählich hat diese Gedankenlosigkeit von Angebot und Nachfrage auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens in das Chaos hineingeführt. Einmal zu beginnen, dies von Grund auf neu zu gestalten, das muß die erste Tat einer wirklichen Sozialisierung sein. Wir brauchen, ich möchte sagen, dieses Gefühl von dem Ernst dessen, was die Betriebsräteschaft sein soll. Und von diesem Ernst möchte ich immer wieder und wiederum von neuem sprechen, weil auch in manchen Kreisen des Proletariats so wenig noch von diesem Ernst und dem Bewußtsein der Größe der Aufgabe vorhanden ist.

[ 12 ] But what does all this actually mean? You see, you just have to face the full gravity of this fact. Lujo Brentano is one of the most famous economists of our time; he is one of those who have perhaps instilled the most concepts into the minds of those who, as intellectuals, speak about economic life—and today we can catch him, as a university professor and a respected figure in economics, spouting nothing but utter nonsense. Yes, we must already face these facts clearly today. After all, we often succumb today to a belief in authority that is far, far worse than the Catholics’ belief in the authority of the church hierarchy ever was. People simply refuse to admit this. That is why we must make these things clear to ourselves, and we must learn from such things what a great task this works council system will have. Above all, it will have to show what economic life really is, because what has emerged from intellectual circles as the result of reflection on economic life was, after all, just “Kohl.” But what exactly is this “Kohl”? Let’s just consider it in terms of its reality. Why is this “Kohl” even there? People haven’t even come up with it themselves. If they had, they would have come up with an even bigger mess. They didn’t even come up with it; they simply studied the conditions as they are now, and these conditions are precisely confused—they are chaos. Gradually, this thoughtlessness regarding supply and demand in all areas of economic life has led to this chaos. To begin reshaping this from the ground up—that must be the first act of true socialization. We need, I would say, this sense of the gravity of what the works council system is meant to be. And I would like to speak of this gravity again and again, because even in some circles of the proletariat there is still so little of this gravity and awareness of the magnitude of the task.

[ 13 ] Sehen Sie, wenn man heute von der Dreigliederung des sozialen Organismus spricht, wovon spricht man dann? Man spricht von dem, was zu geschehen hat, damit die jahrzehntealten Forderungen des Proletariats befriedigt werden können. Was wird einem dann aber entgegnet? Ja, da ist wiederum einmal ein Artikel in der «Tribüne» erschienen. Er trägt die Überschrift: «Dr. Steiner und das Proletariat». Da wird zum Beispiel gesagt, es handle sich eben nur um Ideen bei dieser Dreigliederung und Ideen schwirrten gegenwärtig zur Genüge in der Luft herum. Das ist das, was ich nennen möchte: eine leichtsinnige Behauptung. Dann soll dieser Herr nur einmal die Ideen aufzeigen, die jetzt so massenhaft durch die Luft schwirren. Er soll einmal auch nur eine fruchtbare Idee nachweisen! Gerade am Mangel an Ideen leidet ja die Gegenwart. So ist es doch, und hier wird leichtsinnig behauptet, daß die Ideen nur so in der Luft herumschwirren. Und dann heißt es: «Was dem Arbeiter - ich spreche hier nur von körperlich Arbeitenden - zur Besserstellung seines Lebens verhilft, ist nicht Sophisterei, sondern eine tatkräftige Verwirklichung des Sozialismus.» — Aber, was ist denn die Verwirklichung des Sozialismus? Sehen Sie, wenn man immer nur sagt Sozialismus, Sozialismus, so hat man eine Phrase, ein Wort! Man muß aber den Weg angeben! Wenn einer sagt: Was dem Arbeiter zur Besserstellung seines Lebens verhilft, ist Sozialismus -—, dann kommt mir das so vor, wie wenn einer sagt: Ich will nach Tübingen —- und ich sage ihm: Nun ja, da kannst du mit der Bahn fahren, um die und die Zeit gehen Züge. — Ich gebe ihm genau an, wie er nach Tübingen kommt, so wie der Weg zum dreigliedrigen sozialen Organismus genau angibt, wie man zur Sozialisierung kommt. Er sagt: Das ist Sophisterei, daß du mir da die Minuten der Züge angibst; ich sage dir, wenn ich nach Tübingen kommen will, dann komme ich nur durch das Hinüberbewegen nach Tübingen hin. — So ungefähr kann man sagen: Ich will nicht einen bestimmten, konkreten, im einzelnen gekennzeichneten Weg, sondern ich will den Sozialismus. — Ich will durch das Hinüberbewegen nach Tübingen kommen.

[ 13 ] You see, when people speak today of the threefold social order, what are they really talking about? They are talking about what must happen so that the decades-old demands of the proletariat can be met. But what is the response to this? Well, yet another article has appeared in the Tribüne. It is titled “Dr. Steiner and the Proletariat.” It states, for example, that this threefold social order is merely a matter of ideas, and that there are already more than enough ideas floating around at present. That is what I would call a reckless assertion. Then let this gentleman just point out the ideas that are now swirling around in such abundance. Let him prove just one fruitful idea! It is precisely a lack of ideas that plagues the present. That is indeed the case, and yet here it is recklessly claimed that ideas are just swirling around in the air. And then it is said: “What helps the worker—and I am speaking here only of manual laborers—to improve his life is not sophistry, but the energetic realization of socialism.”—But what, exactly, is the realization of socialism? You see, if one just keeps saying “socialism, socialism,” all one has is a phrase, a word! But you have to show the way! When someone says, “What helps the worker improve his life is socialism”—it strikes me as if someone were to say, “I want to go to Tübingen”—and I tell him, “Well, you can take the train; trains leave at such-and-such times.” — I’m telling him exactly how to get to Tübingen, just as the path to the threefold social organism specifies exactly how to achieve socialization. He says: “It’s sophistry for you to give me the train times; I’m telling you, if I want to get to Tübingen, I’ll only get there by making my way over to Tübingen.” — You could put it something like this: I don’t want a specific, concrete path laid out in detail; rather, I want socialism. — I want to get to Tübingen by making the journey there.

[ 14 ] Nun, in dem Artikel heißt es dann weiter: «Jeder einzelne, der sich um das öffentliche Leben kümmert, wird sehr oft in einem Satz politische und wirtschaftliche Fragen miteinander behandeln und behandeln müssen.» Ja, dies geschieht aber, weil alles durcheinandergemuddelt worden ist. Es muß aber getrennt werden. Dann heißt es weiter: «Darum keine «Dreigliederung des sozialen Organismus», sondern Verwirklichung des Sozialismus!» Also wiederum: Ich will nach Tübingen kommen durch das Hinüberbewegen.

[ 14 ] Well, the article goes on to say: “Anyone who is concerned with public life will very often address—and will have to address—political and economic issues together in a single sentence.” Yes, but this happens because everything has been muddled together. But these must be kept separate. It then continues: “Therefore, not a ‘threefold social order,’ but the realization of socialism!” So, once again: I want to come to Tübingen by making the transition.

[ 15 ] Ja, das muß man schon ins Auge fassen, was entgegensteht einem solchen wirklichen Kennzeichnen des Weges, wie wir es versuchen in bezug auf die jetzt schon oft besprochene Betriebsrätefrage aus den Ideen des dreigliedrigen sozialen Organismus heraus. Es wird ja einem wirklichen Kennzeichnen des Weges dadurch entgegengewirkt, daß man immer nur liebt, den Leuten blauen Dunst vorzumachen. Aber mit blauem Dunst, auch wenn er noch so schön ist, wird man nichts erreichen, sondern allein dadurch, daß man bestimmte Maßnahmen trifft wie das, was ich Ihnen heute am Anfang erzählt habe. Wählen wir Betriebsräte, die dann als Menschen da sind, nicht als Ideen, die durch die Luft schwirren! Diese Menschen können dann aus ihrer wirtschaftlichen Erfahrung heraus beschließen, was zur Gesundung unseres Wirtschaftslebens notwendig ist. Heute ist es eben notwendig, daß wir über das bloße Reden hinauskommen und uns Einsichten in das Wirtschaftsleben verschaffen und aus diesen Einsichten heraus zur weiteren Entwicklung vordringen. Daß wir uns dabei nicht verlassen können auf die Leuchten, auf die Autoritäten, das habe ich Ihnen heute gezeigt. Eine der berühmtesten habe ich Ihnen anhand seiner neuesten Ausführungen vorgestellt. Ich habe ihn so vorgestellt, daß Sie sehen konnten, was es für einen Wert hat, wenn die Nachbeter immer wieder sagen: Ja, das hat der berühmte Herr Soundso gesagt, dem kann man nichts anderes entgegenstellen. Gewiß, wenn man immer darauf hinweist, was dieser oder jener aus den heutigen Ereignissen heraus gesagt hat, dann weifß man aber dennoch nicht, wie die Sache sich verhält, auch wenn dieser oder jener berühmt ist. Wenn man sie aber an solchen Dingen faßt, wo die Begriffe in Konfusion geraten, wo die Begriffe auseinanderfallen, dann tritt einem deutlich entgegen, daß in der Gegenwart umgedacht und umgelernt werden muß. Und so möchte ich immer wieder sagen: Wenn schon nicht durch etwas anderes, so wird doch wohl durch die Not dieses Umdenken und Umlernen kommen müssen. Auch diejenigen, die sich heute noch sträuben, werden umlernen müssen, denn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird sich noch manches ereignen in diesem armen Mitteleuropa, und manches wird sich ereignen müssen, wenn zum Beispiel ein Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas nicht mehr ernährt werden kann, wenn die alten Verhältnisse fortdauern in der Gestalt, die sie noch bekommen haben durch diesen furchtbaren Versailler Frieden, den sogenannten Frieden. Es müßte ein Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas aussterben oder totgeschlagen werden, wenn man die alten Verhältnisse beibehalten würde.

[ 15 ] Yes, one must certainly consider what stands in the way of such a genuine mapping out of the path, as we are attempting to do with regard to the works council issue—which has already been discussed many times—based on the ideas of the threefold social organism. After all, a genuine charting of the course is thwarted by the tendency to always just love to pull the wool over people’s eyes. But with empty promises—no matter how beautiful they may be—nothing will be achieved; rather, it will be achieved solely by taking specific measures, such as what I told you about at the beginning today. Let us elect works council members who are present as real people, not as ideas floating through the air! These people can then draw on their economic experience to decide what is necessary for the recovery of our economic life. Today, it is simply necessary that we move beyond mere talk and gain insights into economic life, and use these insights to drive further development. I have shown you today that we cannot rely on the luminaries or the authorities in this regard. I have introduced you to one of the most famous among them through his latest remarks. I created a mental image of him in such a way that you could see the value of it when those who parrot others keep saying: “Yes, that’s what the famous Mr. So-and-so said; there’s nothing else to counter that.” Certainly, if one always points out what this or that person has said in light of current events, one still does not know how things really stand—even if that person is famous. But when you catch them on such points—where concepts become confused, where concepts fall apart—it becomes clear that we must rethink and relearn in the present. And so I would like to say again and again: if not through anything else, then surely this rethinking and relearning will have to come about through necessity. Even those who are still resisting today will have to relearn, for in the coming years and decades, many things will happen in this poor Central Europe—and many things will have to happen—if, for example, a third of Central Europe’s population can no longer be fed, if the old conditions persist in the form they have taken on as a result of this terrible Treaty of Versailles, this so-called “peace.” A third of Central Europe’s population would have to die out or be killed if the old conditions were to be maintained.

[ 16 ] Der heutige Grund zur Neugestaltung ist selbstverständlich der, daß es mit den alten Verhältnissen überhaupt nicht weitergehen kann. Aber das, was unmittelbar bevorstehen würde, nämlich der Tod oder die Ausrottung von einem Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas, das müßte heute die Leute überzeugen, daß sie einfach nicht mehr auf dem alten schläfrigen Standpunkt stehenbleiben dürfen und sagen: Wir sind Praktiker, solche Ideen sind ja bloß Ideen, auf die kann man sich doch nicht einlassen! — Nein, die Leute sind nur zu bequem, um sich auf wirklich Praktisches einzulassen. Dieses Praktische muß heute ein Umfassendes sein, darf sich nicht nur auf dieses oder jenes Gebiet beschränken, sondern muß das ganze Wirtschaftsgebiet umfassen. Und wenn man diese Bequemlichkeit des Denkens im Anschauen der Verhältnisse nicht ablegen will, so wird man nicht vorwärtskommen. Nun, mit diesen Worten wollte ich Sie darauf hinweisen, wie wir vorwärtskommen müssen, und jetzt können wir in die Diskussion eintreten.

[ 16 ] The reason for the current restructuring is, of course, that things simply cannot continue as they are. But what would be immediately imminent—namely, the death or extermination of one-third of the population of Central Europe—should be enough to convince people today that they simply cannot remain stuck in their old, complacent mindset and say: “We are practical people; such ideas are just ideas—we certainly can’t get involved in them!” — No, people are simply too complacent to engage with what is truly practical. Today, this practical approach must be comprehensive; it must not be limited to this or that area, but must encompass the entire economic sphere. And if one is unwilling to shed this complacency of thought when examining the circumstances, one will not make any progress. Well, with these words, I wanted to point out to you how we must move forward, and now we can begin the discussion.

Diskussion

Discussion

Herr Roser: Aus den Ausführungen des Herrn Dr. Steiner über den Artikel von Brentano kann man mit aller Deutlichkeit ersehen, wohin der Kurs geht. Es ist nun an uns, zu zeigen, daß das Proletariat nicht auf dem Standpunkt stehenbleibt, wie es sich die Leuchten der Volkswirtschaft einbilden, sondern daß es sein Geschick selber in die Hand nimmt. Es ist unsere erste Pflicht, der Sozialisierung dadurch Vorschub zu leisten, daß wir die Betriebsräte im Sinne der Dreigliederung auf die Beine stellen, sonst gehen wir einem Chaos entgegen, das so groß ist; wie wir es uns gar nicht denken können. Wir müssen das Wirtschaftsgebiet selbständig machen aus eigener Macht. Damit ist nicht gesagt, daß dies auf dem Weg der Gewalt geschehen muß; das ist nicht notwendig. Gerade die Vorschläge Dr. Steiners, gerade die Idee der Verselbständigung des Wirtschaftslebens im Sinne der Dreigliederung muß für uns der Weg sein, auf dem wir in erster Linie praktisch zu arbeiten imstande sind. Es kann keinen Zweifel darüber geben: Wenn die Betriebsräte richtig gewählt werden aus dem Vertrauen der Massen heraus, so daß in Württemberg vielleicht tausend zusammenkommen, glauben Sie, daß dann die Regierung die Mittel oder die Courage dazu hat, diese Betriebsräte auseinanderzujagen? — Das möchte ich kaum glauben, denn die Arbeiterschaft, die diese Betriebsräte gewählt hat, um praktische Arbeit zu leisten, wird wohl auch den nötigen Rückhalt dafür bieten, daß die Betriebsräteschaft arbeiten kann. Wir müssen den Gedanken der Aufstellung von Betriebsräten unbedingt hochhalten, denn das ist der einzige Weg, der uns aus dem Chaos herausführen kann, daß durch die Aufstellung der Betriebsräte und der Betriebsräteschaft dann tatsächlich eine gesetzgebende Körperschaft zusammenrritt, um die Sozialisierung im Sinne der Dreigliederung durchzuführen. Nur dadurch können wir vor dem Untergang bewahrt werden. Der Gedanke der Dreigliederung ist so groß, so mächtig, daß ihn tatsächlich jeder einzelne erfassen müßte, schon aus sich selbst heraus, aus eigenem Interesse, denn er als Proletarier muß sich sagen: Meine Zukunft steht auf dem Spiel, ich habe die Pflicht und Schuldigkeit, alles einzusetzen, um diesen Gedanken durchzudrücken. - In diesem Sinne bitte ich Sie, in die Diskussion einzugreifen. Sprechen Sie sich aus.

Mr. Roser: From Dr. Steiner’s remarks on Brentano’s article, it is abundantly clear where things are headed. It is now up to us to show that the proletariat will not remain stagnant, as the luminaries of political economy imagine, but that it will take its destiny into its own hands. Our first duty is to promote socialization by establishing works councils in accordance with the threefold social order; otherwise, we are heading toward a chaos so great that we cannot even begin to imagine it. We must make the economic sphere independent through our own power. This does not mean that this must be achieved through violence; that is not necessary. It is precisely Dr. Steiner’s proposals—precisely the idea of making economic life independent in the spirit of the threefold social order—that must be the path along which we are primarily able to work in practice. There can be no doubt about it: If the works councils are properly elected based on the trust of the masses—so that perhaps a thousand come together in Württemberg—do you believe the government would have the means or the courage to break up these works councils? — I find that hard to believe, for the working class that elected these works councils to carry out practical work will surely also provide the necessary support to ensure that the works councils can function. We must absolutely uphold the idea of establishing works councils, for this is the only path that can lead us out of the chaos—that through the establishment of works councils and the works council movement, a legislative body will indeed come into being to carry out socialization in the spirit of the threefold social order. Only in this way can we be saved from ruin. The idea of the threefold social order is so grand, so powerful, that every single person ought to grasp it—out of their own initiative, out of their own interest—because as a proletarian, they must say to themselves: My future is at stake; I have a duty and obligation to do everything in my power to push this idea through. —With this in mind, I ask you to join the discussion. Please speak your mind.

Emil Leinhas: Herr Dr. Steiner hat Ihnen heute einen Artikel von einer Leuchte der Wissenschaft der Nationalökonomie vorgetragen. Ich habe zufällig auch gerade eine Sache bei mir, worin eine Leuchte der Praxis sich über die Sozialisierung ausspricht. Es ist dies der Geheime Kommerzienrat Deutsch, der Vorsitzende des Direktoriums der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft. Daß es für wünschenswert erachtet wird, daß diese Äußerung dieses großen Praktikers über die Sozialisierung der breiteren Öffentlichkeit vorgelegt wird, dafür dient als Beweis, daß die ehrwürdige Handelskammer zu Berlin diese Denkschrift veröffentlicht, und zwar mit folgender Einleitung. Die Handelskammer schreibt:

Emil Leinhas: Dr. Steiner presented an article to you today by a leading figure in the field of economics. As it happens, I also happen to have with me a piece in which a leading figure in the field of practice expresses his views on socialization. This is Privy Councilor of Commerce Deutsch, the chairman of the board of directors of the General Electricity Company. The fact that it is deemed desirable to present this great practitioner’s statement on socialization to the broader public is evidenced by the fact that the venerable Berlin Chamber of Commerce is publishing this memorandum, accompanied by the following introduction. The Chamber of Commerce writes:

«Im Zusammenhang mit Untersuchungen über die voraussichtlichen Wirkungen von Sozialisierungen aufgrund des Gesetzes vom 23. März 1919, mit denen wir beschäftigt sind, sind uns von unserem Mitgliede, Herrn Geheimen Kommerzienrat Deutsch, Vorsitzender des Direktoriums der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, zahlenmäßige Zusammenstellungen nebst Erläuterungen über das Verhältnis des Anteils von Arbeit und Kapital am Ertrage einer größeren Zahl industrieller Unternehmungen zugegangen, welche wir als Beitrag für die Beurteilung dieser Fragen hiermit der Öffentlichkeit unterbreiten.»

“In connection with studies on the anticipated effects of the nationalizations carried out under the Act of March 23, 1919, with which we are currently engaged, we have received from our member, Mr. Geheimen Kommerzienrat Deutsch, Chairman of the Board of Directors of the Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft, statistical compilations along with explanations regarding the ratio of labor to capital in the profits of a large number of industrial enterprises, which we hereby present to the public as a contribution to the assessment of these issues.”

Die Handelskammer stellt noch weitere Abdrucke der Denkschrift zur Verfügung denjenigen, die durch Verbreitung derselben Hilfe leisten wollen. Und was sagt diese Leuchte der Praxis über Sozialisierung? Ich will Ihnen einige Stellen vorlesen; sie sprechen für sich:

The Chamber of Commerce is making additional copies of the memorandum available to those who wish to assist by distributing it. And what does this beacon of practical wisdom have to say about socialization? I would like to read a few passages to you; they speak for themselves:

«Woher kommt es, daß das Wort Sozialisierung sich mit einer nicht auszurottenden Zähigkeit in Millionen von Gehirnen festgewurzelt hat und daß vor allem die Arbeiterschaft darin das Allheilmittel erblickt, das allen ihren Beschwerden und der Unzufriedenheit mit ihrer wirtschaftlichen Lage mit einem Schlage ein Ende bereiten würde? Diese Unzufriedenheit und die Feindschaft der Arbeiter gegen die kapitalistische Produktionsordnung erhalten stets neue Anregung durch den aufreizenden Gedanken, daß eine kleine Zahl von Kapitalisten den weitaus größten Teil des Gewinns aus der industriellen Arbeit für sich in Anspruch nimmt, während die Arbeiterklasse sich mit einem kleinen Anteil daran begnügen muß. Dieser Gedanke ist ebenso falsch, wie er aufreizend ist, und solange es nicht gelingt, die Arbeiter davon zu überzeugen, ist ein ersprießliches und friedliches Zusammenwirken beider Faktoren der wirtschaftlichen Gütererzeugung auf die Dauer unmöglich.»

“How is it that the word ‘socialization’ has taken root with such indomitable tenacity in millions of minds, and that the working class, above all, sees in it a panacea that would put an end to all their grievances and dissatisfaction with their economic situation in one fell swoop? This dissatisfaction and the workers’ hostility toward the capitalist system of production are constantly fueled by the inflammatory notion that a small number of capitalists claim the vast majority of the profits from industrial labor for themselves, while the working class must be content with a small share. This idea is as false as it is inflammatory, and as long as we fail to convince the workers of this, a fruitful and peaceful cooperation between the two factors of economic production will be impossible in the long run.”

[E. Leinhas spricht dann noch weiter über die Ausführungen von Deutsch. Da er selbst angekündigt hat, daß Näheres darüber bald im Druck erscheinen werde, wurden seine weiteren Ausführungen nicht mehr mitgeschrie ben.] Herr Stecher berichtet über den Betrieb Haushahn: Wir haben schon öfter unter unseren Kollegen im Betrieb die Frage der Dreigliederung erörtert. Ich konnte konstatieren, daß in dieser Frage die ganze Arbeiterschaft, mit Ausnahme derjenigen, die nur Propaganda für Parteizwecke machen, der Sache sympathisch gegenübersteht. Ich habe mich heute früh, auf die Einladung des «Bundes» hin, bei unserer Firma betreffs der Betriebsräte als Vorsitzender des Arbeiterausschusses mit dem Angestelltenausschuß in Verbindung gesetzt. Der Vorsitzende des Angestelltenausschusses erklärte mir, daß auch er der Sache sympathisch gegenüberstehe, aber er sagte dann doch: Das Gute sollte halt doch von der Regierung kommen. Herr Dr. Steiner hat uns in Weil im Dorf vor einigen Tagen auch einen Vortrag gehalten, der einen gewaltigen, tiefen, unvergeßlichen Eindruck gemacht hat. Die Leute sind von überall her zusammengeströmt. — Ich fordere die anwesenden Arbeiter- und Angestelltenausschüsse auf, sich zusammenzuschließen und überall, wo sie Einfluß haben, die Sache der Dreigliederung zu besprechen. Sie können ja vom Bund für Dreigliederung Referenten anfordern, damit die Sache propagiert wird. Die Referenten werden willige Ohren und willige Herzen bei den Arbeitern finden. Auch die Unternehmerkreise interessieren sich schon. Ein Leiter in unserem Betrieb sagte mir, daß auch er der Sache nachgehe, denn man wisse auch, daß, wenn es so weitergeht, wie es jetzt ist, wir dem Bankrott entgegengehen. Es muß etwas Neues kommen. Leider fehlt bei den Angestellten noch das Interesse für die brennenden Fragen. Wenn wir uns aber nicht sammeln und zusammenarbeiten, so werden wir nicht weiterkommen.

[E. Leinhas then went on to discuss Deutsch’s remarks. Since he himself had announced that further details on the subject would soon be published, his subsequent remarks were not recorded.] Mr. Stecher reports on the Haushahn factory: We have frequently discussed the question of the threefold social order among our colleagues at the factory. I was able to ascertain that, on this issue, the entire workforce—with the exception of those who engage solely in propaganda for party purposes—is sympathetic to the cause. This morning, at the invitation of the Bund, I, as chair of the workers’ committee, contacted the employees’ committee at our company regarding the works councils. The chair of the white-collar workers’ committee told me that he, too, was sympathetic to the cause, but he then added: “After all, good things should come from the government.” Dr. Steiner also gave us a lecture in Weil im Dorf a few days ago that made a tremendous, profound, and unforgettable impression. People flocked there from all over. — I call on the workers’ and employees’ committees present here to join forces and discuss the cause of threefolding wherever they have influence. You can, of course, request speakers from the Federation for Threefolding to help promote the cause. The speakers will find willing ears and willing hearts among the workers. Business circles are already showing interest as well. A manager at our company told me that he, too, is looking into the matter, because it is well known that if things continue as they are now, we are heading for bankruptcy. Something new must come along. Unfortunately, the office staff still lacks interest in these pressing issues. But if we do not come together and work together, we will not make any progress.

Herr Conradt: Es wird dem Bund für Dreigliederung öfter der Vorwurf gemacht, er wollte, ähnlich wie die Syndikalisten, die Parteien sprengen. Das kann doch dem Bund nicht einfallen. Ich habe den Vorwurf schon dutzendemal gehört. Gerade wenn man sich zu der Idee der Dreigliederung bekennt, kann man gut einsehen, was in den Parteien fruchtbar ist und daß in den Parteien etwas lebt, was nur dadurch fördernd in unser Volksleben eingreift, daß die in den Parteien lebenden Impulse nicht einseitig durchgeführt werden. Es gibt allerdings in den Parteien Strömungen, die einer aufsteigenden Kultur, und Strömungen, die einer absteigenden Kultur angehören. Das Gute muß nur in richtiger Art zum Leben gebracht werden.

Mr. Conradt: The Federation for Threefold Social Order is often accused of wanting to dismantle the political parties, much like the syndicalists. Surely the Federation would never even consider such a thing. I have heard this accusation dozens of times. Precisely when one is committed to the idea of threefolding, one can clearly see what is fruitful within the political parties and that there is something alive in them that contributes positively to our national life only if the impulses within the parties are not carried out in a one-sided manner. There are, however, currents within the parties that belong to an ascending culture, and currents that belong to a descending culture. The good must simply be brought to life in the right way.

[Die weiteren Ausführungen von Herrn Conradt wurden vom Stenographen nicht mehr wortwörtlich mitgeschrieben. In einer kurzen Zusammenfassung heißt es wie folgt: «Herr Conradt spricht dann des weiteren davon, daß bei der Dreigliederung des sozialen Organismus es sich so verhält, daß soziale Maßnahmen nur auf dem wirtschaftlichen Gebiet getroffen werden können, daß Demokratie nur in das Staats- oder Rechtsleben gehört, daß man aber auf geistig-kulturellem Gebiet sprechen kann von Anarchismus, wenn man das Wort seiner üblen Bedeutung entkleidet.»

[Mr. Conradt’s subsequent remarks were no longer recorded verbatim by the stenographer. A brief summary reads as follows: “Mr. Conradt goes on to say that, with regard to the threefold social order, social measures can only be taken in the economic sphere, that democracy belongs only to the political or legal sphere, but that one can speak of anarchism in the spiritual-cultural sphere if one strips the word of its negative connotations.”

Es wird ferner berichtet, daß sich in der Firma Faber ein neuer Betriebsrat gebildet hat und folgender Antrag von dem Arbeiterausschuß der Firma Julius Faber gestellt wurde:]

It is also reported that a new works council has been formed at the Faber company and that the following motion was submitted by the workers' committee of the Julius Faber company:]

«Die heutige Versammlung der Angestellten- und Arbeiterausschüsse ersucht die bis jetzt gewählten Betriebsräte, sich in kürzester Zeit zu einer Betriebsräteschaft zusammenzuschließen, und gibt dieser provisorischen Betriebsräteschaft den Auftrag, alle ihr notwendig erscheinenden Vorarbeiten zu treffen, um den Betriebsrätegedanken überall zu propagieren und den Betriebsräten den ihnen zukommenden Einfluß zu verschaffen. — Gezeichnet Glatz, Vorsitzender des Betriebsrates und Obmann des Arbeiterausschusses bei Julius Faber.»

“Today’s meeting of the employees’ and workers’ committees requests that the works council members elected to date join together as a works council as soon as possible, and instructs this provisional works council to undertake all preparatory work it deems necessary to promote the idea of works councils everywhere and to secure for the works councils the influence to which they are entitled. — Signed, Glatz, Chairman of the Works Council and Chair of the Workers’ Committee at Julius Faber.”

Herr Glatz: Der Antrag, der von unserem Arbeiterausschuß gestellt wird und der Ihnen soeben vorgelegt wurde, spricht für sich selbst. Wir sind jetzt in einer ganzen Anzahl Sitzungen beieinander gewesen, ohne daß eigentlich ein praktisches Resultat erzielt worden ist. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, haben wir allen Grund, möglichst rasch und intensiv zu arbeiten, um zu dem zu kommen, was wir alle als etwas Praktisches für die Arbeiterschaft und für die ganze Menschheit anstreben. Wir dürfen nicht zulassen, daß das Interesse nachläßt, anstatt zuzunehmen. In erster Linie wird es natürlich notwendig sein, daß in den Betrieben, wo noch keine Betriebsräte sind, solche angeregt werden. Ferner muß die Agitation auch aufs Land hinausgetragen werden.

Mr. Glatz: The motion submitted by our Workers’ Committee, which has just been presented to you, speaks for itself. We have now met on numerous occasions without actually achieving any practical results. Given the current circumstances, we have every reason to work as quickly and intensively as possible to achieve what we all strive for—something practical for the working class and for all of humanity. We must not allow interest to wane instead of growing. First and foremost, it will of course be necessary to encourage the formation of works councils in those factories where none yet exist. Furthermore, the campaign must also be extended to rural areas.

Der Prinzipal unseres Betriebes hat uns selbst auf die Vorträge von Herrn Dr. Steiner aufmerksam gemacht. Der Herr hat sehr freiheitliche Ansichten und spielt in Unternehmerkreisen eine Rolle. Nachdem wir uns mit der Sache der Dreigliederung befaßt haben und von uns aus die Betriebsrätewahl anstrebten, da hat er dann den entgegengesetzten Standpunkt eingenommen und gesagt: Die Unternehmer hätten beschlossen, mit den Betriebsräten zu warten, bis die Sache gesetzlich geregelt wird. Er könne uns nicht als Betriebsrat anerkennen. -— Wir haben trotzdem die Wahl vorgenommen. Der Beschluß ist einstimmig gefaßt worden; auch die Angestellten haben sich angeschlossen. Die Wahl wurde unter großer Begeisterung in der Fabrik selbst vorgenommen. Es ist die erfreuliche Tatsache zu verzeichnen, daß beinahe alle Angestellten und Arbeiter von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht haben, trotz des Widerstandes der Firma. Wenn die Firma die Betriebsräte auch nicht anerkennt, so sind sie doch gewählt. Und da die Betriebsräte auch zum größten Teil dem Arbeiterausschuß angehören, so müssen sie doch immerhin gehört werden.

The owner of our company personally brought Dr. Steiner’s lectures to our attention. He holds very liberal views and is a prominent figure in business circles. After we had looked into the matter of the threefold social order and, on our own initiative, sought to hold a works council election, he then took the opposite position and said: The employers had decided to wait with the works councils until the matter was regulated by law. He could not recognize us as a works council. — We went ahead with the election anyway. The resolution was passed unanimously; the white-collar employees also joined in. The election took place in the factory itself amid great enthusiasm. It is gratifying to note that nearly all employees and workers exercised their right to vote, despite the company’s resistance. Even if the company does not recognize the works councils, they have nonetheless been elected. And since the majority of the works council members also belong to the workers’ committee, they must at least be heard.

Ich möchte Sie also ersuchen, den Antrag zu unterstützen, damit die Sache Hand und Fuß bekommt.

I would therefore like to ask you to support the motion so that this matter can be properly addressed.

Herr Roser: Ich möchte bekanntgeben, daß bis jetzt zwölf Betriebsräte gewählt sind. Ich möchte ferner den Wunsch zum Ausdruck bringen, daß noch im Laufe dieser oder Anfang nächster Woche die Betriebsräteschaft gebildet werde. Wir können natürlich nicht bloß in Stuttgart Betriebsräte brauchen, sondern die Sache muß über ganz Württemberg verbreitet werden. Ich möchte deshalb an die Anwesenden besonders appellieren, daß sie dem Gedanken der Betriebsräte noch mehr Interesse entgegenbringen als bisher. Des weiteren kann ich mitteilen, daß neue Betriebsräte sich zu bilden im Begriffe sind. Wir werden in der nächsten Woche den einzelnen Betriebsräten Mitteilung machen, wann sie zusammentreten sollen. Dann können sie unter sich die notwendigen Beschlüsse fassen.

Mr. Roser: I would like to announce that twelve works council members have been elected so far. I would also like to express the hope that the works council will be formed either later this week or early next week. Of course, we need works councils not only in Stuttgart, but this initiative must be extended throughout all of Württemberg. I would therefore like to make a special appeal to those present to show even more interest in the idea of works councils than they have so far. Furthermore, I can report that new works councils are in the process of being formed. Next week, we will notify the individual works councils of when they are to meet. Then they can pass the necessary resolutions among themselves.

Herr Jansen: Ich möchte Ihnen ein Schriftstück vorlegen, das es verdient, der Öffentlichkeit übergeben zu werden. Die Firma möchte ich nicht nennen; das hat ja mit der Sache nichts zu tun. Ich will nur den ganzen Gedankengang kennzeichnen:

Mr. Jansen: I would like to present a document to you that deserves to be made public. I do not wish to name the company; that has nothing to do with the matter at hand. I simply want to highlight the entire line of reasoning:

«Die unterzeichneten Beamten haben weder schriftlich noch mündlich offiziell erklärt, daß sie als Betriebsräte seitens des Personals gewählt sind. Wie schon gesagt wurde, ist unser Standpunkt in der Sache folgender: Erstens ist die Wahl seitens der Werktätigen angefochten, und es ist dieser Anfechtung von seiten der Direktion durch entsprechende Bekanntmachung stattgegeben worden. Demnach ist die Gültigkeit der Wahl zweifelhaft. Zweitens kommen nach einer Schrift von Dr. Steiner nur solche Personen als Betriebsräte in Frage, welche in völlig unabhängiger Stellung, weder vom Chef noch sonst vom Geschäft abhängig, sich befinden. Da dies bei uns nicht der Fall ist und wir Beamte uns in ausgesprochen abhängiger Stellung befinden, so ist auch diese unsere Wahl zweifelhaft. Drittens: Nach Mitteilung eines Herrn ist die Sozialisierung bei den ... schon erfolgt, indem alle Überschüsse nach Bezahlung der garantierten Verzinsung von fünf Prozent restlos der Stadtgemeinde überwiesen und dadurch der Allgemeinheit zugeführt werden. Aus diesem Gesichtspunkt heraus hat der Aufsichtsrat einen Betriebsrat abgelehnt. Es wird daran gearbeitet, daß eine gemeinsame Versammlung sämtlicher Ausschüsse zwecks Besprechung der Betriebsräteangelegenheit erfolgt. Viertens stellen wir uns auf den Boden der nach dem Gesetz eventuell zu wählenden Betriebsräte. Wie uns bekannt ist, ist nach Dr. Steiner geplant, die Sozialisierung von Betrieben in der Art vorzunehmen, daß der Arbeitgeber, die Direktion und die Aufsichtsräte und sämtliche Aktionäre ausgeschaltet werden sollen und daß an deren Stelle der sogenannte Betriebsrat beziehungsweise sämtliches Personal trete. Da dies einem Umsturz der bestehenden Ordnung beziehungsweise der bestehenden Gesetze gleichkommt, so erklären wir hiermit, daß wir uns solchen Bestrebungen nicht anschließen und deshalb die Wahl als Betriebsräte nicht annehmen können.»

“The undersigned officials have not officially declared, either in writing or orally, that they were elected by the staff to serve as works council members. As has already been stated, our position on the matter is as follows: First, the election by the workers has been contested, and this contestation has been upheld by management through a corresponding announcement. Consequently, the validity of the election is in doubt. Second, according to a paper by Dr. Steiner, only those individuals who are in a completely independent position—dependent neither on the boss nor on the business in any other way—are eligible to serve as works council members. Since this is not the case for us, and we civil servants find ourselves in a distinctly dependent position, the validity of our election is also in doubt. Third: According to a report from a gentleman, socialization has already taken place at the …, in that all surpluses, after payment of the guaranteed interest rate of five percent, are transferred in full to the municipal government and thereby made available to the general public. From this perspective, the supervisory board has rejected the establishment of a works council. Efforts are underway to convene a joint meeting of all committees to discuss the works council matter. Fourth, we take a stance in favor of works councils that may be elected in accordance with the law. As far as we know, according to Dr. Steiner, the plan is to carry out the socialization of companies in such a way that the employer, the management, the supervisory boards, and all shareholders are to be eliminated, and that the so-called works council—or rather, the entire workforce—is to take their place. Since this amounts to an overthrow of the existing order and existing laws, we hereby declare that we do not support such efforts and therefore cannot accept election as works council members.”

Das ist doch ein Dokument, das wirklich von weltgeschichtlicher Bedeutung ist! Da kommen Leute, die durch die Revolution endlich aus den Abhängigkeitsverhältnissen nach einem halben Jahr herausgekommen sind, und erklären: Weil wir dem Kapitalismus nicht an den Kragen wollen, dürfen wir nicht mitmachen, denn wir stehen ja im Dienst des Kapitalismus. Sie haben Interesse daran, daß der heilige Kapitalismus noch bestehen bleibt und daß sie als Angestellte es sind, die mithelfen wollen, diesen Götzen zu stützen, damit das goldene Kalb nicht umfalle. Die Logik in diesem Schriftstück ist ein Zeichen dafür, daß noch eine riesengroße Arbeit zu leisten ist, um die Dummheit herauszuhämmern. Dazu wird es der eisernen Faust des Proletariats bedürfen, um dieses Werk durchzuführen. Ich werde aber eine Verbindung mit diesen Instanzen suchen und versuchen herauszubekommen, wieweit das Schriftstück den Tatsachen entspricht und wieweit die Herren sich auflehnen gegen jeden wirtschaftlichen Neuaufbau.

This is truly a document of world-historical significance! Here are people who, after half a year, have finally broken free from conditions of dependence thanks to the revolution, and yet they declare: “Because we don’t want to take on capitalism, we must not participate, for we are, after all, in the service of capitalism.” They have an interest in ensuring that sacred capitalism remains in place and that, as employees, they are the ones who want to help prop up this idol so that the golden calf does not topple. The logic in this document is a sign that there is still a tremendous amount of work to be done to hammer out this stupidity. It will require the iron fist of the proletariat to carry out this task. However, I will seek contact with these authorities and try to find out to what extent the document corresponds to the facts and to what extent these gentlemen are rebelling against any economic reconstruction.

[ 17 ] Rudolf Steiner: Zu diesem Schriftstück, das sehr interessant ist, möchte ich die Bemerkung machen, daß es also immerhin gegenwärtig, wie es scheint, Angestellte gibt, welche folgenden Gedanken entwickeln können: Das Gesetz über die Betriebsräte ist noch kein Gesetz, sondern erst ein Entwurf. Es gibt also noch kein Gesetz über Betriebsräte. Die Herren stellen sich aber auf den Standpunkt, nach den vier Sätzen, daß es nicht nur etwa ein Umsturz - darüber ließe sich diskutieren, das brauchen wir aber nicht — der bestehenden Ordnung und der Gesetze ist, wenn man irgendein bestehendes Gesetz schlecht findet, sondern die Herren stellen sich auf den Standpunkt, daß es schon ein unerlaubter Umsturz ist, wenn man irgendein Gesetz, das noch nicht da ist, das sie noch nicht kennen, oder ein Gesetz, das herauskommen könnte, heute übertritt. Also, die Herren übernehmen es, sämtlichen Gesetzen, die über sie verhängt werden können, von vornherein ihren Gehorsam zuzusichern.

[ 17 ] Rudolf Steiner: Regarding this document, which is very interesting, I would like to note that, as it seems, there are currently employees who are able to develop the following line of thought: The law on works councils is not yet a law, but merely a draft. So there is still no law on works councils. However, based on the four sentences, these gentlemen take the position that it is not merely a matter of overthrowing the existing order—which is debatable, but we need not discuss that— — of the existing order and the laws—if one disapproves of any existing law; rather, you take the position that it is already an unlawful subversion to violate today any law that does not yet exist, that you do not yet know, or a law that might be enacted in the future. In other words, these gentlemen undertake to guarantee their obedience from the outset to all laws that may be imposed upon them.

Herr Nagel, Dresden: Wer die Ausführungen des Herrn Dr. Steiner über den Aufsatz von Brentano verfolgt hat, dem scheint es nicht mehr unverständlich, daß die Regierung mit einem solchen Gesetzentwurf wie dem über die Betriebsräte an uns herantreten kann. Es kann uns doch nicht darum zu tun sein, derartige Betriebsräte zu bekommen, sondern wir müssen die wirtschaftliche Macht in die Hand bekommen. Bei uns in Dresden ist leider die Bewegung noch sehr klein, aber es ist ja bekannt, daß Dresden fünfzig Jahre hinter dem Mond gelegen ist. Ich hoffe aber, nachdem ich die Verhältnisse hier studiert habe, zu Hause durch meinen Bericht so viel Anregung zu geben, daß auch dort fruchtbringende Arbeit geleistet werden kann. Es war für mich sehr erfreulich, daß in Stuttgart schon so viele Arbeiter sich zur Dreigliederung des sozialen Organismus bekennen.

Mr. Nagel, Dresden: Anyone who has followed Dr. Steiner’s remarks on Brentano’s essay will no longer find it incomprehensible that the government could approach us with a bill such as the one on works councils. Our concern cannot be to establish such works councils; rather, we must gain control of economic power. Here in Dresden, unfortunately, the movement is still very small, but it is well known that Dresden is fifty years behind the times. However, having studied the conditions here, I hope that my report will provide enough inspiration back home so that fruitful work can be done there as well. It was very gratifying for me to see that so many workers in Stuttgart have already committed themselves to the threefold social order.

Herr Dorfner: Soviel Erfreuliches wir auch gehört haben, vermisse ich doch eins: Ich werde sehr oft gefragt über dieses und jenes, was die Dreigliederung und Betriebsräteschaft betrifft. Ich sage immer: Kommt doch zu den Diskussionsabenden, dort könnt ihr Fragen stellen, die auch dann Herr Dr. Steiner selbst beantwortet. Es werden aber hier fast keine Fragen gestellt. Die Leute, die das nicht gern mündlich tun, können es ja schriftlich machen. - Es ist mir auch die Frage gestellt worden: Werden die Betriebsräte die Arbeiterausschüsse nicht überflüssig machen? - Ich bitte Herrn Dr. Steiner, diese Frage zu beantworten.

Mr. Dorfner: As much good news as we have heard, there is one thing I find lacking: I am very often asked about this and that concerning the threefold social order and the works councils. I always say: Come to the discussion evenings; there you can ask questions that Dr. Steiner himself will then answer. But almost no questions are asked here. People who don’t like to ask questions verbally can always do so in writing. — I’ve also been asked: Won’t the works councils make the workers’ committees obsolete? — I’d like to ask Dr. Steiner to answer this question.

[ 18 ] Rudolf Steiner: Die Arbeiterausschüsse haben ja ihre Aufgaben vorzugsweise in den einzelnen Betrieben. Dasjenige, worum es sich aber bei der Aufstellung von Betriebsräten handelt, das ist, eine wirkliche Sozialisierung in Angriff zu nehmen. Wenn die Betriebsräte jetzt gewählt werden und dann zu einer Betriebsräteschaft zusammentreten werden, dann wird von dieser Urversammlung der Betriebsräteschaft dasjenige ausgehen können, was man die ersten Schritte zu einer wirklichen $Sozialisierung nennt. Dann werden vermutlich auch die Arbeiterausschüsse, wenn sie weiter bestehen sollen, für die einzelnen Betriebe eine Aufgabe erhalten können, oder, was viel wahrscheinlicher ist, man wird die Arbeiterausschüsse als solche nicht mehr brauchen, sondern an ihre Stelle wird der Betriebsrat treten, der vielleicht aber nötig haben wird, gerade Persönlichkeiten der gegenwärtigen Arbeiterausschüsse für seine weitere Arbeit zu kooptieren, da er ja für die Erledigung der Aufgaben, die heute die Arbeiterausschüsse wahrnehmen, wenn er nur sieben oder acht Mitglieder hat, nicht genug Menschen zur Verfügung hat.

[ 18 ] Rudolf Steiner: The workers’ committees, after all, carry out their tasks primarily within the individual workplaces. What is at stake, however, in the establishment of works councils is to embark on a genuine process of socialization. Once the works councils are elected and then convene as a body of works councils, this inaugural assembly of the works councils will be able to initiate what are called the first steps toward genuine $socialization. Then, presumably, the workers’ committees—if they are to continue to exist—will be able to take on a role within the individual companies, or, what is much more likely, the workers’ committees as such will no longer be needed, but will be replaced by the works council, which, however, may need to co-opt specific members of the current workers’ committees for its future work, since it will not have enough people available—if it has only seven or eight members—to carry out the tasks currently performed by the workers’ committees.

[ 19 ] Diese speziellen Fragen werden sich erst dann restlos beantworten lassen, wenn wir den vollzähligen Betriebsrat haben. Die Arbeiterausschüsse wurden eben ursprünglich anders angelegt als die Betriebsräte. Die Betriebsräte sind als wirkliche Leiter der Betriebe gedacht. Ein wirklicher Betriebsrat würde entweder den heutigen Unternehmer, wenn er sich dazu bereit erklärt, als einen Betriebsrat unter sich haben, ebenso Personen aus dem Kreis der Angestellten, der geistigen Arbeiter, ferner der physischen Arbeiter, oder aber der Unternehmer müßte sich zurückziehen. Man muß sich eben durchaus darüber klar sein, daß der Betriebsrat als solcher so gedacht ist, daß er der wirkliche Leiter eines Betriebes sein wird, so daß alles Unternehmertum im heutigen Sinne neben diesem Betriebsrat verschwindet. Der Arbeiterausschuß ist aber doch durchaus noch so gedacht, daß das Unternehmertum in der alten Form vorhanden ist. Ich bitte Sie, diesen Unterschied genau ins Auge zu fassen, also den Unterschied zwischen etwas, was noch aus der alten Ordnung heraus besteht wie der Arbeiterausschuß, und dem, was nun den ersten Anfang zu einer wirklichen Neugestaltung bilden soll. Diesen Unterschied müssen Sie ins Auge fassen, sonst werden Sie die Aufgaben der Betriebsräte nicht wirklich umfassend genug denken können.

[ 19 ] These specific questions can only be fully answered once we have a fully constituted works council. The workers’ committees were, after all, originally structured differently from the works councils. The works councils are intended to be the actual leaders of the enterprises. A true works council would either include the current entrepreneur—if he agrees to it—as a member of the council, along with representatives from the ranks of white-collar workers, intellectual workers, and manual laborers, or else the entrepreneur would have to step down. One must be absolutely clear that the works council, as such, is conceived to be the true leader of a business, so that all entrepreneurship in the current sense disappears alongside this works council. The workers’ committee, however, is still conceived in such a way that entrepreneurship in its old form remains in place. I ask you to carefully consider this distinction—that is, the difference between something that still stems from the old order, such as the workers’ committee, and that which is now intended to mark the first step toward a genuine reorganization. You must keep this distinction in mind; otherwise, you will not be able to fully grasp the tasks of the works councils.

[ 20 ] Dann ist ferner ins Auge zu fassen, daß die Frage nach dem Fortbestehen oder der Umgestaltung der Arbeiterausschüsse erst dann beantwortet werden kann, wenn wir die Urversammlung der Betriebsräteschaft haben werden.

[ 20 ] Furthermore, we must bear in mind that the question of whether the workers’ committees will continue to exist or be restructured cannot be answered until we have convened the founding assembly of the works councils.

[ 21 ] Dann ist hier weiter die Frage eingegangen, wie sich die Dinge gestalten sollen mit Bezug auf den Betriebsrat in einem Staatsbetrieb. Dazu muß ich sagen —- es ist auch hier schon erwähnt worden -, daß es für die Wahl der Betriebsräte keinen Unterschied machen sollte, ob es um einen Privat- oder um einen Staatsbetrieb geht. Auch in einem Staatsbetrieb sollte versucht werden, alle die Vorurteile zu überwinden und die Betriebsräte zu wählen, so daß auch diese Betriebsräte dann in der Betriebsräteschaft ihre Stelle haben werden, wenn da ausgearbeitet wird das, was ich nennen möchte das Statut der Betriebsräteschaft. Dann wird es sich ergeben, daß das gewöhnliche Aufgesogensein von solchen Betrieben durch den Staat natürlich nicht fortbestehen wird. Diese Betriebe werden übergeleitet werden müssen in den selbständigen Wirtschaftsorganismus. Aber diese Forderung wird ja erst gestellt werden müssen.

[ 21 ] Then the question was raised here as to how matters should be handled with regard to the works council in a state-owned enterprise. On this point, I must say—as has already been mentioned here—that it should make no difference for the election of works council members whether the enterprise is privately owned or state-owned. Even in a state-owned enterprise, efforts should be made to overcome all prejudices and elect works councils so that these works councils, too, will have their place within the works council system once what I would like to call the “statute of the works council system” has been drafted. It will then become apparent that the usual absorption of such enterprises by the state will naturally not continue. These enterprises will have to be transitioned into an independent economic organism. But this demand will first have to be made.

[ 22 ] Sehen Sie, die Dinge, die dem Impuls zur Dreigliederung zugrunde liegen, die sind ja durchaus als praktische Forderungen gedacht, aber sie müssen erst gestellt werden. Dadurch, daß sie ein einzelner Mensch in seinem Buche schreibt beziehungsweise stellt und auch dadurch, daß ein «Bund» dafür eintritt, damit ist zunächst noch nichts getan. Auf wirtschaftlichem Boden müssen diese Forderungen von den wirtschaftenden Personen selber gestellt werden, und es muß das Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft dahinterstehen.

[ 22 ] You see, the ideas underlying the impulse toward threefolding are certainly intended as practical demands, but they must first be put forward. The fact that a single person writes about them in a book—or puts them forward—and that a “federation” advocates for them does not, in and of itself, accomplish anything. In the economic sphere, these demands must be made by the economic actors themselves, and they must be backed by the confidence of the entire workforce.

[ 23 ] Weiter ist gefragt worden, wie sich die Sozialisierung der Staatseisenbahnen sowie des Post- und Telegrafenwesens vom Standpunkt der Dreigliederung aus vollziehen läßt. Natürlich werden da die Leute heute noch große Vorurteile haben, und man kann ja durchaus zugeben, daß die Umwälzung schon eine sehr große sein würde, wenn auch diese wirtschaftlichen Betriebe vom heutigen Staat in die Verwaltung des selbständigen Wirtschaftskörpers übergeführt werden sollen. Aber dies muß geschehen, denn Post- und Telegrafenwesen sowie die Eisenbahn gehören durchaus zum Wirtschaftsleben und werden im Wirtschaftsleben nur dann richtig sich entfalten können, wenn dieses Wirtschaftsleben unabhängig ist vom Staats- oder Rechtsleben. |

[ 23 ] It has also been asked how the socialization of the state railroads and the postal and telegraph services can be carried out from the standpoint of the threefold social order. Of course, people today will still harbor great prejudices in this regard, and one can certainly admit that it would indeed be a very major upheaval if these economic enterprises were to be transferred from the current state to the administration of an independent economic entity. But this must happen, for the postal and telegraph services, as well as the railroads, are very much part of economic life and will only be able to develop properly within economic life if that economic life is independent of state or legal life. |

[ 24 ] Daß man sich heute diese Dinge nur schwer vorstellen kann, das rührt von folgendem her. Man hat sich daran gewöhnt, die Dinge so zu denken, wie sie immer waren. Man sagt: «Das sind Tatsachen.» Aber, meine werten Anwesenden, Tatsachen sind ja doch Dinge, die geschaffen wurden, von Menschen geschaffen wurden, und die lassen sich ebensogut wiederum umschaffen, lassen sich ändern. Das ist es, was wir ins Auge fassen müssen. Es handelt sich eben durchaus darum, daß alles, was dem Wirtschaftsleben angehört, auch wirklich auf den eigenen freien wirtschaftlichen Boden gestellt wird. Der Grund, weshalb sich diese Dinge heute so schwer denken lassen, ist darin zu suchen, daß heute das Geld, das ja ohnedies bei einer großen Anzahl europäischer Staaten schon eigentlich kein richtiges Geld mehr ist, eigentlich auf einem ganz falschen Boden steht. Natürlich wird da der Übergang auch schwierig sein, weil durch das Geld die Menschheit abhängig ist von dem führenden Handelsstaat England und weil wir nicht ohne weiteres von heute auf morgen die Engländer und Amerikaner von der Goldwährung abbringen können. Im Außenhandel mit diesen Staaten müssen wir natürlich die Goldwährung so lange haben, bis unter dem Zwang der Verhältnisse auch die Goldwährung aufhören wird. Aber für den dreigliedrigen sozialen Organismus muß angestrebt werden, daß der Staat nicht mehr dem Geld den Wert verleiht, sondern daß das Geld seinen Wert bekommt innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Dann aber ist das Geld nicht mehr eine Ware, wie es heute ist. Wenn das auch versteckt ist, so ist in Wahrheit heute das Geld doch eine Ware, und zwar nur dadurch, daß ihm sein Wert aufgetragen wird durch den Staat. Aber im dreigliedrigen sozialen Organismus wird das Geld als Zirkulationsmittel nur in dem Sinne vorhanden sein, daß es gewissermaßen eine fliegende Buchhaltung ist. Sie wissen ja aus dem, was ich heute vor acht Tagen gesagt habe: Es wird alles auf wirklicher Leistung und Gegenleistung beruhen im kommenden Wirtschaftsleben. Für die Leistung bekommt man gewissermaßen den Schein, der aber nichts anderes bedeutet als: Es steht auf der allgemeinen aktiven Seite für mich verfügbar dasjenige, was meinen Leistungen entspricht, und ich kann eintauschen dafür dasjenige, was meinen Bedürfnissen entspricht. Gebe ich den Schein hin, so bedeutet das dasselbe, wie wenn ich heute in einem kleinen Betrieb zu buchen habe dasjenige, was auf der linken Seite steht, zum Ausgleich auf der rechten Seite. Also, es wird der Geldverkehr die fliegende Buchführung sein für den Wirtschaftsorganismus. Solche Dinge sind ja eigentlich auch heute schon in ihrem Anfange da. Sie wissen ja, daß es schon eine Art von Gutschreibung gibt, also Guthaben, die übertragen werden können, ohne daß man auf gewissen Gebieten Geldverkehr hat. Überhaupt ist das meiste von dem, was der dreigliedrige soziale Organismus fordert, im Keime schon da und dort vorhanden. Diejenigen Menschen, die heute von der Unpraxis des dreigliedrigen sozialen Organismus sprechen, die sollten sehen, wie da oder dort — aber allerdings im kleinen, so daß es manchmal nicht nützlich, sondern schädlich ist -, wie da oder dort das vorhanden ist, was zusammengefaßt und ins Große stilisiert den dreigliedrigen sozialen Organismus geben wird. Die Staatsbahnen sind heute, beinahe möchte ich sagen, wie ein Staatsmöbel gedacht, und man denkt sich die Umwälzung als etwas Furchtbares. Aber man muß nur bedenken, daß das, worauf es in Zukunft ankommt, nämlich auf die Verwaltung des Wirtschaftslebens durch Betriebsräte, durch Verkehrs- und Wirtschaftsräte — die kommen ja noch außerdem hinzu —, daß diese Veränderungen durchaus mit einer wirklichen Sozialisierung zusammenhängen und daß all die Befürchtungen überflüssig sind. Es handelt sich also darum, daß zum Beispiel die Eisenbahnen in vernünftiger Weise verwaltet werden und nicht so, daß der bürokratische Staat dahintersteht.

[ 24 ] The reason it is so difficult to create a mental image of these things today stems from the following: We have become accustomed to thinking of things as they have always been. People say, “These are facts.” But, my dear friends, facts are, after all, things that have been created—created by human beings—and they can just as easily be reshaped and changed. That is what we must keep in mind. The point is precisely that everything pertaining to economic life must truly be placed on its own free economic foundation. The reason why these things are so difficult to conceive of today lies in the fact that money—which, in any case, is already no longer real money in a large number of European states—is actually based on a completely false foundation. Of course, the transition will be difficult, because money makes humanity dependent on the leading trading nation, England, and because we cannot simply persuade the English and Americans to abandon the gold standard overnight. In foreign trade with these nations, we must, of course, maintain the gold standard until circumstances force even the gold standard to come to an end. But for the threefold social organism, we must strive to ensure that the state no longer confers value upon money, but rather that money derives its value from within the economic organism. Then, however, money will no longer be a commodity, as it is today. Even if this is hidden, the truth is that money today is indeed a commodity—and this is solely because its value is imposed upon it by the state. But in the threefold social organism, money as a medium of circulation will exist only in the sense that it is, so to speak, a form of floating accounting. As you know from what I said eight days ago, everything in the coming economic life will be based on actual performance and consideration. For one’s work, one receives, so to speak, a voucher; but this means nothing other than: what corresponds to my work is available to me on the general assets side, and I can exchange it for what corresponds to my needs. If I hand over the voucher, it means the same thing as when, in a small business today, I have to record what is on the left-hand side to balance it out on the right-hand side. Thus, monetary transactions will be the “flying bookkeeping” for the economic organism. Such things are, in fact, already present in their infancy today. You know, after all, that there is already a kind of credit entry—that is, credit balances that can be transferred without actual monetary transactions taking place in certain areas. In general, most of what the threefold social organism calls for is already present in embryonic form here and there. Those who today speak of the impracticality of the threefold social organism should see how, here and there—albeit on a small scale, so that it is sometimes not useful but harmful—what is present here and there will, when summarized and expanded on a large scale, constitute the threefold social organism. The state railroads are conceived today—I am almost tempted to say—as a piece of state furniture, and people imagine the upheaval as something terrible. But one need only consider that what will matter in the future—namely, the administration of economic life through works councils, through transportation and economic councils (which will, after all, be added to the mix)—is that these changes are thoroughly connected with genuine socialization, and that all these fears are unfounded. The point, then, is that the railroads, for example, should be managed sensibly and not in a way that leaves the bureaucratic state calling the shots.

[ 25 ] Wenn man sich die Dinge im einzelnen richtig vorstellt, dann wird man sehen, daß überall praktisch durchführbare Wege gegangen werden können. Wenn allerdings die Leute immer wieder kommen und sagen, sie verstünden das nicht, was in meinem Buch steht, so muß ich sagen, daß ich das heute begreife, denn ich würde mich wohl sehr wundern müssen, wenn zum Beispiel Herr Professor Brentano, von dem ich Ihnen erzählt habe, und seine Schüler, die sehr zahlreich sind, die «Kernpunkte der sozialen Frage» verstehen würden. Denn ich glaube nicht, daß sie das Buch verstehen können. Aber gerade von den Leuten, deren Gedanken durch diese Schulung nicht verdorben sind, glaube ich, daß sie, wenn sie nur ein wenig ihre Denkgewohnheiten überwinden, das verstehen können, was in den «Kernpunkten» steht.

[ 25 ] If one has a clear mental image of the details, one will see that practical solutions can be found in every situation. However, when people keep coming back and saying they don’t understand what is written in my book, I must say that I understand that now, for I would be very surprised indeed if, for example, Professor Brentano—whom I have told you about—and his students, who are very numerous, were to understand the Key Points of the Social Question. For I do not believe they are capable of understanding the book. But I believe that precisely those people whose thinking has not been corrupted by this kind of training—if they can only overcome their habitual ways of thinking just a little—will be able to understand what is written in the “Key Points.”

Herr Roser: Die einzelnen Punkte, die heute abend zur Sprache gekommen sind, waren ja hauptsächlich auf das wirtschaftliche Gebiet bezogen. Es ist begreiflich, daß dieses wirtschaftliche Gebiet in unseren Diskussionsabenden größte Bedeutung hat. Aber bei alledem dürfen wir nicht vergessen, daß dieses Wirtschaftsleben nur ein Teil jenes großen Problems, jener großen Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, daß das Wirtschaftsleben allein nicht lebensfähig und nicht funktionsfähig ist, wenn man nicht in entsprechender Weise auch auf das Rechts- und Geistesleben blickt. Der Grund hierfür ist, daß ja unsere Verhältnisse, wie wir sie zur Zeit haben, deshalb so chaotisch sind, weil die drei Gebiete zusammengemuddelt wurden. Das muß für uns immer der Leitstern sein, daß wir vor allen Dingen danach streben, daß endlich diese drei Gebiete getrennt werden. Diese müssen dann in Harmonie wieder zusammenarbeiten, aber nicht in der Weise, wie es jetzt geschieht oder geschehen ist, daß zum Beispiel der Rechtsstaat das Wirtschaftsleben für sich in Anspruch nimmt und vergewaltigt oder daß das Wirtschaftsleben das Geistesleben ausbeutet. Nur dadurch, daß auch das Geistesleben zur höchsten Blüte kommt, nur dadurch kann ein gesundes Wirtschaftsleben, kann überhaupt ein gesundes Volksleben entstehen. Nur durch die Dreigliederung wird das ganze Volksleben in das richtige Licht gerückt.

Mr. Roser: The individual points that came up this evening were, of course, mainly related to the economic sphere. It is understandable that this economic sphere is of the utmost importance in our discussion evenings. But in all of this, we must not forget that economic life is only one part of that great problem, that great idea of the threefold social order. We must not lose sight of the fact that economic life alone is neither viable nor functional unless we also consider legal and spiritual life in an appropriate manner. The reason for this is that our current circumstances are so chaotic precisely because these three spheres have been muddled together. This must always be our guiding principle: that we strive above all to ensure that these three spheres are finally separated. They must then work together again in harmony, but not in the way it happens now or has happened in the past—for example, where the constitutional state encroaches upon and violates economic life, or where economic life exploits spiritual life. Only when spiritual life also reaches its highest flowering—only then can a healthy economic life, indeed a healthy national life as a whole, emerge. Only through this threefold social order will the entire national life be placed in the proper light.

Herr Lange: Er spricht davon, daß der Arzt heute zum Handwerker degradiert wird, weil er nicht frei über Medikamente und dergleichen verfügen kann, sondern sich an die Anweisungen der Krankenkassen halten muß. Auch da sei eine allseitige Beschränkung durch Staatsgesetze und Staatsgewalt. Zudem wird heute der Fehler gemacht, daß man das Neue immer in das Alte hineinpressen will. Auf diese Art käme man aber nicht vorwärts.

Mr. Lange: He speaks of how doctors today are being reduced to the status of craftsmen because they cannot freely prescribe medications and the like, but must instead follow the instructions of health insurance companies. Here, too, there are restrictions on all sides imposed by state laws and state authority. Furthermore, the mistake being made today is that people always try to force the new into the old. But that is no way to move forward.

Herr Kühn: Daß die Versammlung heute nicht gut besucht ist, liegt nicht an einer gewissen Interesselosigkeit, sondern daran, daß gleichzeitig eine große Versammlung im Dinkelacker-Saal stattfindet. Für die Bildung der Betriebsräte muß viel Kleinarbeit geleistet werden. Das ist ein langer Weg. Bei den einzelnen Versammlungen in den Fabriken zeigt es sich, wie schwer die einzelnen Menschen zu überzeugen sind. Es sollte eigentlich nicht so sehr an einzelnen hängen, sondern mehr am Verständnis der Massen. Dann werden einzelne Betriebe einfach mitgerissen. Wir haben verschiedene Redner oder Referenten, die ständig zur Verfügung stehen, um in Versammlungen zu sprechen. Nach meinen Erfahrungen in einzelnen Betrieben muß man sagen: Sachliche Einwände gegen die Dreigliederung des sozialen Organismus hört man fast nie. Die Arbeiter sind fast restlos einverstanden, nur die Angestellten sind meist etwas schwerfälliger, wie es ja auch aus dem interessanten Brief hervorgeht, der vorhin vorgelesen wurde. Die Leute haben vielfach nicht das richtige Gefühl für die Sache.

Mr. Kühn: The fact that attendance at today’s meeting is low is not due to a lack of interest, but rather to the fact that a large meeting is taking place at the same time in the Dinkelacker Hall. A great deal of detailed work must be done to form the works councils. It’s a long process. At the individual meetings in the factories, it becomes clear how difficult it is to convince individual people. It really shouldn’t depend so much on individuals, but rather on the understanding of the masses. Then individual companies will simply be swept along. We have various speakers and presenters who are always available to speak at meetings. Based on my experience in individual companies, I must say: One almost never hears factual objections to the threefold social order. The workers are almost entirely in agreement; only the white-collar employees are usually a bit more reluctant, as is evident from the interesting letter that was read aloud earlier. In many cases, people simply don’t have the right sense of the matter.

Es wäre wünschenswert, wenn die bis heute gewählten Betriebsräte öfters zusammenkommen könnten, auch die von auswärts. Hier, in diesen Diskussionsabenden, wäre so eine Gelegenheit, sich zu treffen, aber leider sind nicht einmal alle Betriebsräte hier, abgesehen davon, daß die von Eßlingen und Heilbronn nicht jedesmal hierher fahren können. Es sollten die verschicdenartigen Branchen vertreten sein; darüber müßte man sich einigen, und ich will nun gleich einmal vorlesen, welche Branchen, welche Arbeitszweige vorhanden sind: Lederfabrik, mehrere Maschinenfabriken, Straßenbahnen, Zigarettenfabrik, Kartonagefabrik, Schuhfabrik, Meßinstrumentefabrik, Instandsetzungsamt, also ein Staatsbetrieb, Setzmaschinenfabrik, Fabrik optischer Instrumente. Ich bemerke noch, daß der Betriebsrat in dem staatlichen Betrieb der einzige ist, der mit Genehmigung des Vorgesetzten gegründet worden ist. Sie sehen, wir haben da eine ganze Reihe verschiedenster Branchen. In Bildung begriffen ist noch der Betriebsrat in einer Schuhfabrik in Kornwestheim, ferner in vier bis fünf Maschinenfabriken; diese sind ja vorherrschend. Es fehlen aber noch Branchen wie zum Beispiel aus dem Textil-, Papier- und Druckgewerbe, was sehr schade ist. Auch die Nahrungsmittelindustrie ist noch nicht vertreten. Zu einer wirklichen Arbeit reichen die heutigen Betriebsräte eigentlich noch nicht aus. Ich möchte deshalb den Vorschlag machen, daß die Betriebsräte möglichst häufig oder sogar regelmäßig bei diesen Versammlungen erscheinen und daß die Arbeiter- und Angestelltenausschüsse, die ohnehin herkommen, alle in Betriebsräte umgewandelt werden. Wenn Sie alle zur Wahl schreiten und nicht nur zuhören, was geredet wird, werden Sie alle bald Betriebsräte sein, so daß wir bald schon diesen Saal mit Betriebsräten füllen können, wobei ich natürlich nicht meine, daß die Arbeiterausschüsse verschwinden sollen; sie werden ja wohl häufig im Betriebsrat drinnen sitzen. Wenn diese Frage- oder Diskussionsabende in der Weise gestaltet werden sollen, daß die Einzelheiten zur Sprache kommen, zum Beispiel wie man diesen oder jenen Wirtschaftsbetrieb umwandeln kann, so ist das schon eine gewisse Vorarbeit zur späteren Arbeit der Betriebsräteschaft. Und so würden sich diese Abende interessant gestalten.

It would be desirable if the works council members elected to date could meet more often, including those from out of town. These discussion evenings would provide such an opportunity to meet, but unfortunately not even all works council members are here—not to mention that those from Esslingen and Heilbronn cannot travel here every time. The various industries should be represented; we need to agree on this, and I’ll now read aloud which industries and sectors are represented: a leather factory, several machine factories, streetcars, a cigarette factory, a cardboard factory, a shoe factory, a measuring instruments factory, a repair shop—that is, a state-run enterprise—a typesetting machine factory, and a factory for optical instruments. I would also like to note that the works council at the state-owned enterprise is the only one that was established with the approval of the supervisor. As you can see, we have a whole range of very different industries here. Works councils are currently being formed at a shoe factory in Kornwestheim, as well as at four or five machine factories; these are, of course, predominant. However, sectors such as the textile, paper, and printing industries are still missing, which is a great pity. The food industry is also not yet represented. The current works councils are actually not yet sufficient to carry out real work. I would therefore like to propose that the works councils attend these meetings as often as possible—or even regularly—and that the workers’ and employees’ committees, which come here anyway, all be converted into works councils. If you all step forward to be elected—rather than just listening to what is being said—you will all soon be works council members, so that we can soon fill this hall with them. Of course, I do not mean that the workers’ committees should disappear; they will likely be well-represented on the works councils. If these question-and-answer or discussion evenings are organized in such a way that specific details are addressed—for example, how to reorganize this or that business—then that in itself constitutes a form of preparatory work for the future activities of the works councils. And that would make these evenings quite interesting.

[ 26 ] Rudolf Steiner: Es ist ja auch im heutigen Schlußwort nicht mehr besonders viel zu sagen. Ich will zunächst auf eine Frage, die gestellt worden ist, antworten. Diese Frage lautet: Die große Masse des Proletariats erwartet, da es noch matersalistisch denkt, eine Besserstellung seiner materiellen Bedürfnisse durch die Tätigkeit der Betriebsräteversammlung. Welche Maßnahmen müßten getroffen werden, um in der Übergangszeit einen gerechten Ausgleich zwischen Bedürfnis und Entlohnung schnell wirksam werden zu lassen? — Sehen Sie, es gibt Dinge, die sich nicht so einfach aus dem Wolkenkuckucksheim herausholen lassen. Wenn es nicht so wäre, daß doch die Betriebsräte unbedingt notwendig wären und endlich mit einer wirklichen sozialen Arbeit beginnen, so würde man den Vorschlag ihrer Konstituierung gar nicht machen. Daher kann auch eine solche Auffassung über die Verbesserung der Lage, bevor die Betriebsräte arbeiten, doch eigentlich nicht als eine sehr bedeutsame angesehen werden. Es gibt ja heute schr viele Menschen, die kommen mit sonderbaren Fragen, wenn es sich darum handelt, die wirklich praktischen Gesichtspunkte geltend zu machen, die nun die Menschheit zu heilsameren Zuständen führen, als wir sie heute haben. Ich habe in den letzten Wochen immer wieder erlebt, daß die Menschen fragen: Ja, nun soll doch sozialisiert werden. Was wird dann nach der Sozialisierung mit einem Kleinkrämer, der ein Geschäft auf der Straße hat? Oder eine andere Frage: Wie wird der Universitätspedell sozialisiert, wenn die Dreigliederung eingeführt werden soll?

[ 26 ] Rudolf Steiner: There really isn’t much more to say in today’s closing remarks. First, I would like to answer a question that has been raised. The question is this: Since the vast majority of the proletariat still thinks in materialistic terms, it expects the works council assembly’s activities to improve the fulfillment of its material needs. What measures would need to be taken to quickly bring about a just balance between needs and compensation during the transitional period? — You see, there are things that cannot simply be plucked out of thin air. If it weren’t for the fact that the works councils are absolutely necessary and are finally beginning to engage in genuine social work, the proposal to establish them would not even be made. Therefore, such a view on improving the situation before the works councils begin their work cannot really be considered very significant. After all, there are plenty of people today who come up with strange questions when it comes to asserting the truly practical considerations that will lead humanity to more beneficial conditions than we have today. In recent weeks, I have repeatedly encountered people asking: “Well, now that socialization is supposed to take place, what will happen after socialization to a small shopkeeper who has a store on the street?” Or another question: “How will the university janitor be socialized if the threefold social order is to be introduced?”

[ 27 ] Nun, hört man sich diese Fragen an, so laufen sie alle eigentlich auf das eine hinaus, nämlich auf die Frage: Ja, wie führen wir eigentlich die große Umwälzung so herbei, daß nicht alles beim alten bleibt? So fragt die eine Sorte von Menschen. Die andere Sorte von Menschen möchte schon eine große Umwälzung, aber so möchte sie es nicht machen, sie möchte nicht eingreifen, sie möchte leichtere Maßregeln haben. Und diese Tendenz liegt ein bißchen unserer Frage zugrunde. Man kann da nur antworten: Mit dieser anderen, leichteren Form schon für die Übergangszeit, da kann man nichts erreichen. Daher kommt es darauf an, daß derjenige, der eine Besserung will, sich schon darauf einläßt, diejenigen Dinge zu ergreifen, die die Besserung herbeiführen können. Man kann nicht fragen: Wie führen wir die Besserung herbei im Vorfeld der Begründung von Betriebsräten? — Sondern man muß sich sagen: Damit die Besserung herbeigeführt wird, wollen wir so schnell wie möglich Betriebsräte haben. Ich fürchte sogar, daß hier auch ein Wunder nicht helfen könnte. Also verlassen Sie sich auf keine Wunderkuren, sondern gehen Sie den praktischen Weg; je schneller, desto besser.

[ 27 ] Well, when you listen to these questions, they all really boil down to one thing: namely, the question, “Yes, how do we actually bring about this great upheaval so that things don’t just stay the same?” That’s what one type of person asks. The other group of people does want a major upheaval, but they don’t want to go about it that way; they don’t want to intervene; they want milder measures. And this tendency underlies our question to some extent. The only answer is this: With this other, milder approach—even for the transitional period—nothing can be achieved. That is why it is essential that those who want improvement be willing to take the steps that can bring about that improvement. One cannot ask: “How do we bring about improvement in the run-up to the establishment of works councils?”—Rather, one must say to oneself: “In order for improvement to be brought about, we want to have works councils as soon as possible.” I even fear that not even a miracle could help here. So do not rely on miracle cures, but take the practical approach; the sooner, the better.

[ 28 ] Sehen Sie, da ist ja jetzt diese «Tribüne» erschienen, in der auch der Aufsatz über mich und das Proletariat enthalten ist, von dem ich schon gesprochen habe. Es gibt im gleichen Heft noch einen Aufsatz von einem Universitätsprofessor, der die ganze Dreigliederung des sozialen Organismus Punkt für Punkt widerlegt. Man kann nicht einmal sagen, daß das, was er diesmal vorbringt, nicht zutreffend wäre, aber es ist aus einem ganz sonderbaren Grund zutreffend. Sehen Sie, der Mann versteht nämlich gar nichts von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Er ist gar nicht in der Lage, irgendeinen Gedanken, der in meinem Buch über die Kernpunkte der sozialen Frage steht, wirklich zu verstehen. Weil er das nicht versteht, aber doch Universitätsprofessor ist, da muß er alles verstehen. Weil er eben nicht versteht, so macht er sich selbst eine Dreigliederung zurecht. Das ist ein fürchterlicher Kohl. Wenn man alles das zusammenstellt, was er als Dreigliederung schildert, so ergibt das einen fürchterlichen Kohl, einen unausführbaren, lächerlichen, schauderhaften Kohl. Und das widerlegt der nun. Das ist furchtbar leicht zu widerlegen, was er sich da zurechtgemacht hat. Aber darin besteht nun der Aufsatz. Es ist in ihm nichts davon enthalten, um was es eigentlich geht. So kann sich der Mann nicht vorstellen, warum eigentlich dieser selbständige Wirtschaftskörper dasein soll. Ich habe Ihnen neulich gesagt: Der selbständige Wirtschaftskörper muß deshalb im dreigliedrigen sozialen Organismus dasein, weil auf dem Boden des Wirtschaftslebens alles aus der Sachverständigkeit, aus dem Drinnenstehen im Wirtschaftsleben, aus den Erfahrungen des Wirtschaftslebens hervorgehen muß und weil man nicht auf dem Boden des allgemeinen Rechtes, wo jeder mündige Mensch zu entscheiden hat über das, worin er jedem Menschen gleich ist, über das Wirtschaftsleben entscheiden kann. Es kann nur zum Segen für das Wirtschaftsleben etwas werden, wenn sachverständig entschieden wird. Das kann sich Herr Professor Heck nicht vorstellen. Er kann sich überhaupt nichts anderes denken, als was er schon gesehen, was er schon erlebt hat und worin seine Denkgewohnheiten wurzeln. Ich muß bei solchen Dingen immer wieder an etwas denken, was ich neulich gehört habe. Da sagte mir jemand - ich glaube, es war auch ein Professor -: Ich kenne die Bestrebungen des dreigliedrigen sozialen Organismus. — Ich fragte ihn: Leuchtet Ihnen etwas davon ein? — Bis jetzt war es nicht so, sagte er. Sehen Sie, dieses «bis jetzt war es nicht so», das war alles, was ihm als Gedanke kam. Was bis jetzt nicht war, scheint eben nicht diskutabel zu sein, darüber konnte er sich nicht weiter äußern. Solche Dinge erlebt man eben durchaus. Man begegnet Einwänden, die eigentlich keine Einwände sind. Es wurde - das ist noch nicht lange her - sogar der Einwand erhoben: Ja, die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus, die steht gewissermaßen auf einem sittlichen Standpunkt, und sich auf einen sittlichen Standpunkt zu stellen, das ist ein großer Irrtum. — Ja, diesen Einwand gab es auch schon. Es gibt überhaupt die allermerkwürdigsten Einwände. Einer der gewöhnlichsten ist der: Ja, es wäre ja ganz nett mit dieser Dreigliederung, aber dazu gehören andere Menschen. Mit den gegenwärtigen Menschen kann man die Dreigliederung nicht einführen. - Nun, dabei begreift derjenige, der so etwas sagt, durchaus nicht, daß viel von dem, was in den gegenwärtigen Menschen zum Ausdruck kommt, gerade eine Folge unserer sozialen Verhältnisse ist und daß das anders sein wird in dem Augenblick, wo die sozialen Verhältnisse gesunden werden.

[ 28 ] You see, this issue of Tribüne has now been published, and it includes the essay about me and the proletariat that I’ve already mentioned. The same issue also contains an essay by a university professor who refutes the entire threefold social order point by point. One cannot even say that what he puts forward this time is inaccurate, but it is accurate for a very peculiar reason. You see, the man understands absolutely nothing about the threefold social order. He is completely incapable of truly understanding any idea set forth in my book on the core issues of the social question. Because he doesn’t understand this—yet he is a university professor, so he must understand everything—and because he simply doesn’t understand, he concocts his own threefold division. It’s a terrible mess. If you put together everything he describes as a threefold division, it results in a terrible mess—an unworkable, ridiculous, appalling mess. And that is what he is now refuting. It is terribly easy to refute what he has concocted there. But that is what the essay consists of. It contains nothing of what the matter is actually about. Thus, the man cannot form a mental image of why this independent economic body should actually exist. I told you recently: The independent economic body must exist within the threefold social organism because, in the realm of economic life, everything must arise from expertise, from being immersed in economic life, and from the experiences of economic life; and because one cannot make decisions regarding economic life on the basis of general law, where every competent person must decide on matters in which all people are equal. It can only be a blessing for economic life if decisions are made with expertise. Professor Heck cannot imagine this. He cannot conceive of anything other than what he has already seen, what he has already experienced, and what his habitual ways of thinking are rooted in. When it comes to such matters, I am always reminded of something I heard recently. Someone—I believe it was also a professor—said to me: “I am familiar with the aspirations of the threefold social organism.” — I asked him, “Does any of this make sense to you?” — “It hasn’t been that way so far,” he said. You see, that “it hasn’t been that way so far”—that was all that came to his mind. What hasn’t existed so far simply doesn’t seem to be open to discussion; he couldn’t comment on it any further. These are precisely the kinds of things one experiences. One encounters objections that aren’t really objections at all. Not long ago, the following objection was even raised: “Yes, the idea of the threefold social organism is, in a sense, based on a moral standpoint, and to take a moral standpoint is a great mistake.” — Yes, that objection has been raised before. There are, in fact, the most peculiar objections of all. One of the most common is this: “Yes, this threefold social order would be quite nice, but it requires a different kind of people. You can’t introduce the threefold social order with the people we have today.” - Well, those who say such things fail to realize that much of what is expressed in people today is precisely a consequence of our social conditions, and that this will change the moment those social conditions are restored to health.

[ 29 ] Nun, die Leute betrachten die Dinge niemals von einem wirklich sachgemäßen Gesichtspunkte aus. Ich will Ihnen ein drastisches Beispiel geben, das ich vielleicht auch hier schon einmal vorgebracht habe. Nicht wahr, es gab ja eine furchtbare Bürokratie gerade innerhalb des Beamtenwesens in Deutschland bis zu diesem Weltkrieg. Nun hat man durch die Kriegswirtschaft die Notwendigkeit erkannt, nicht allein die Beamten wirtschaften zu lassen, sondern zunehmend Kaufleute und Industrielle in die Ämter zu berufen, damit diese dort ihre praktische Weisheit im Hinblick auf eine Steigerung der Kriegswirtschaft loslassen konnten. Da hat sich dann die merkwürdige Tatsache eingestellt, die sehr interessant ist. Es wurden nämlich die Kaufleute und Industriellen viel bürokratischer, als die Bürokratie zuvor je war! Also, sie haben sich wunderbar in die Bürokratie hineingefügt. Wer dies beobachtet hat, der weiß auch, was es für eine Bedeutung haben würde, wenn nicht weiterhin ungesunde, das heißt bürokratische Verhältnisse die Menschen umgeben würden, sondern solche Verhältnisse, von denen der Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus spricht. Da würden sich, gerade so, wie sich die Industriellen und Kaufleute in waschechte Bürokraten innerhalb der bestehenden Bürokratie verwandelt haben, die Menschen eben den gesunden Verhältnissen anpassen, und man wird nicht mehr sagen können, daß man zuerst bessere Menschen haben müsse, damit man eine bessere soziale Ordnung begründen kann. Man muß sich doch darüber klarwerden, daß gerade durch eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse den Menschen die Möglichkeit gegeben sein wird, bessere Menschen zu werden. Verlangt man aber, daß die Menschen zuerst bessere Menschen sein müssen, dann brauchen wir ja die sozialen Verhältnisse gar nicht zu bessern. Wenn die Menschen durch die sozialen Verhältnisse nicht zu dem geworden wären, was sie gegenwärtig sind, dann müssen die sozialen Verhältnisse ja gut sein, dann müßten sie in Ordnung sein. Sie sehen daraus wiederum die Notwendigkeit des Umdenkens und Umlernens. Das ist es, was vor allen Dingen grundlegend notwendig ist. Und wenn sich die Leute nur ein klein wenig in die Wirklichkeit hineinstellen könnten und aus ihr heraus denken würden, dann wären wir schon einen Schritt weiter.

[ 29 ] Well, people never look at things from a truly objective perspective. Let me give you a striking example, which I may have already mentioned here before. After all, there was a terrible bureaucracy within the civil service in Germany right up until this world war. Now, due to the war economy, the necessity was recognized not to let civil servants manage things alone, but increasingly to appoint merchants and industrialists to government offices so that they could apply their practical wisdom there with a view to boosting the war economy. This then gave rise to a curious fact that is very interesting. Namely, the businesspeople and industrialists became far more bureaucratic than the bureaucracy had ever been before! So, they integrated wonderfully into the bureaucracy. Anyone who has observed this also knows what it would mean if people were no longer surrounded by unhealthy—that is, bureaucratic—conditions, but rather by the kind of conditions described by the impulse of the threefold social organism. Just as industrialists and merchants have transformed themselves into bona fide bureaucrats within the existing bureaucracy, people would adapt to these healthy conditions, and one would no longer be able to say that we must first have better people in order to establish a better social order. We must realize, after all, that it is precisely through an improvement in social conditions that people will be given the opportunity to become better people. But if we demand that people must first be better people, then there is no need at all to improve social conditions. If social conditions had not made people what they currently are, then social conditions must be good; they must be in order. From this, you can once again see the necessity of rethinking and relearning. That is what is fundamentally necessary above all else. And if people could just immerse themselves a little bit in reality and think from within it, then we would already be one step further.

[ 30 ] Sehen Sie, da schreibt ein ganz gutwilliger junger Mann — man möchte ihm ja so gerne helfen -, er schreibt: Ja, er kann nicht anders als sich sagen, daß vielleicht die Dreigliederung des sozialen Organismus eine Lösung wäre, wenn eben die Menschen anders wären, als sie jetzt sind. - Und nun frage ich Sie: Glauben Sie nicht, daß dieser Mann im Untergrund seiner Seele die Anschauung in sich trägt, daß die anderen nicht die besseren Menschen sind, aber er, der das einsieht, er ist doch, jedenfalls der Anlage nach, dieser bessere Mensch? — Geht man zum nächsten, der einem dasselbe sagt, dann empfindet sich wiederum der als den besseren Menschen und ein dritter wohl ebenso. Da müßte sich doch jeder sagen: Wenn jeder so dächte wie er -— und eigentlich muß man doch zunächst Rücksicht nehmen darauf, wie die anderen Menschen sind -, wenn also jeder dächte so wie er, dann wären doch die besseren Menschen schon da! - Sie sehen, es kommt nicht darauf an, abstrakt-logisch zu denken, sondern so, daß man mit dem Denken in der Wirklichkeit steht, so daß man nicht etwas sagt, was selber als Gedanke fortwährend Purzelbäume schlägt. Das aber ist gerade das, was in der Gegenwart so furchtbar wirkt und uns auffällt, daß die Menschen fortwährend über die eigenen Gedanken, die eigentlich Ungedanken sind, stolpern. Deshalb muß immer wieder betont werden, daß nicht nur eine Änderung unseres Wirtschaftslebens notwendig ist, sondern auch eine Änderung der geistigen Struktur unseres sozialen Lebens. Wir sind durch das, was bisher war, in eine Krise vor allen Dingen des Geisteslebens hineingetrieben worden.

[ 30 ] You see, here is a young man who is quite well-meaning—one would so much like to help him—and he writes: Yes, he cannot help but tell himself that perhaps the threefold social order would be a solution, if only people were different from what they are now. - And now I ask you: Don’t you think that deep down in his soul, this man harbors the view that others are not the better people, but that he, who recognizes this, is—at least in potential—that better person? —If you turn to the next person who tells you the same thing, he, in turn, sees himself as the better person, and a third person would likely feel the same way. Surely everyone would have to say to themselves: If everyone thought the way they do—and actually, one must first take into account what other people are like—if, then, everyone thought the way they do, then the better people would already be here! - You see, it’s not a matter of thinking in an abstract, logical way, but rather of grounding one’s thinking in reality, so that one doesn’t say something that, as a thought, is constantly somersaulting. But that is precisely what has such a terrible effect in the present and strikes us as the fact that people are constantly stumbling over their own thoughts—which are actually non-thoughts. That is why it must be emphasized again and again that not only is a change in our economic life necessary, but also a change in the spiritual structure of our social life. We have been driven by what has happened so far into a crisis, above all, of spiritual life.

[ 31 ] Wenn wir heute, ich möchte sagen, den Welthorizont überblikken, was fällt einem denn da am meisten auf? Ja, in den letzten vier bis fünf Jahren muß einem am meisten auffallen, daß über alle Weltverhältnisse nirgendwo im Grunde genommen die Wahrheit gesagt worden ist, sondern alle Weltverhältnisse sind entstellt worden, sind in schiefem Lichte dargestellt worden, von den Berichten über die Schlachten bis hin zu den Zielen der Völker. Von den Kriegsmotiven bis hin zum Frieden ist alles schief dargestellt worden. Überall herrschen Phrasen, die nicht mit den Tatsachen in der Welt übereinstimmen. Das aber lebt in allem, was sich aus den bisherigen Kulturverhältnissen und den sozialen Verhältnissen entwickelt hat. Das lebt bis in die einzelnen Verrichtungen und Einrichtungen des menschlichen Lebens hinein. Daher müssen wir sagen, daß alle diejenigen, die die soziale Frage einseitig auffassen, es mit der Menschheit nicht ehrlich meinen. Ehrlich meint man es nur mit der Menschheit, wenn man sich sagt: Das Wirtschaftsleben hat die Menschen in die Krise hineingeführt, also muß es auf einen anderen Boden gestellt werden. Das Rechtsleben hat gezeigt, daß in den einzelnen Rechisterritorien Klassenvorrechte und Klassenbenachteiligungen herrschen, also muß es auf den Boden der allgemeinen Menschenrechte gestellt werden. Es hat sich deutlich gezeigt, daß man Recht nenat dasjenige, was nur gestützt werden kann durch Gewalt, und dies bis in unsere Tage hinein. Und es hat sich gezeigt, daß im Geistesleben die Gedanken der Menschen schief sind. Auf den drei elementaren Lebensgebieten, also dem des Wirtschaftslebens, des Rechtslebens und des Geisteslebens, sehen wir die Menschheit in einer Krise, und diejenigen, die es mit dem Fortschritt ehrlich meinen, die müssen sich darüber klar sein, daß auf diesen drei Gebieten jeweils ganz selbständig vorangeschritten werden muß, weil die Krisen gerade aus der Vermengung dieser drei Gebiete resultieren. Daher kann ich nur sagen: Wenn Sie auf irgendeinem speziellen Gebiet, wie jetzt im Zusammenhang mit den Betriebsräten, entscheidende Maßnahmen treffen im Sinne einer umfassenden sozialen Neugestaltung, also im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus, dann handeln Sie in der Richtung des Fortschrittes der Menschheit zu einer wirklichen sozialen Ordnung. Bedenken Sie diesen Zusammenhang zwischen einer Einzelmaßnahme und den Maßnahmen aufgrund eines gesamthaften Überblickes, dann tun Sie heute Ihre Pflicht und Schuldigkeit gegenüber der Menschheit und gegenüber sich selbst. Einzelne Maßnahmen haben heute keine Bedeutung, sondern allein das, was im großen sozialen Zusammenhang gedacht ist. Das Kleinste muß mit dem Größten zusammen gedacht werden. Seien Sie sich dessen bewußt: Gelingt es Ihnen, die Betriebsräteschaft wirklich entstehen zu lassen, dann haben Sie etwas getan, was eine geschichtliche Bedeutung hat für die ganze folgende Menschheit, weil dies im Zusammenhang steht mit den größten Problemen, die heute der Menschheit gestellt werden. Deshalb fragen Sie nicht nach kleinlichen Schritten, sondern stellen Sie sich auf einen solchen Boden, der wirklich die Grundlage bildet, um vorwärtszukommen zur Tat, denn auf die Tat kommt es an. Und fügen wir an das, was wir aus der Dreigliederung des sozialen Organismus heraus einsehen, Tat um Tat, dann werden wir das schaffen können, was uns Hoffnung gibt, aus der furchtbaren Lage, in die uns das bisherige Geistesleben, das bisherige sogenannte Rechtsleben und das bisherige Wirtschaftsleben geführt haben, herauszukommen.

[ 31 ] When we look out over the world today—I would say—what stands out most? Yes, over the past four to five years, what must strike us most is that, when it comes to world affairs, the truth has not been told anywhere—but rather, all world affairs have been distorted and presented in a skewed light, from reports on battles to the goals of nations. From the motives for war to peace, everything has been misrepresented. Everywhere, there are clichés that do not correspond to the facts of the world. But this persists in everything that has developed out of the cultural and social conditions to date. It permeates even the individual activities and institutions of human life. Therefore, we must say that all those who view the social question one-sidedly are not being honest with humanity. One is sincere toward humanity only when one acknowledges: Economic life has led people into this crisis; therefore, it must be placed on a different foundation. Legal life has shown that class privileges and class disadvantages prevail in the individual legal jurisdictions; therefore, it must be placed on the foundation of universal human rights. It has become clear that law has been understood as that which can only be upheld by force, and this continues to this very day. And it has become evident that in spiritual life, people’s thoughts are skewed. In the three fundamental spheres of life—namely, economic life, legal life, and spiritual life—we see humanity in a crisis, and those who are sincere about progress must realize that progress must be made independently in each of these three spheres, because the crises result precisely from the intermingling of these three spheres. Therefore, I can only say: If you take decisive measures in any specific area—such as now in connection with works councils—in the spirit of a comprehensive social reorganization, that is, in the spirit of the threefold social order, then you are acting in the direction of humanity’s progress toward a true social order. If you bear in mind this connection between an individual measure and measures based on a holistic overview, then you are fulfilling your duty and obligation today toward humanity and toward yourself. Individual measures have no significance today; what matters is solely what is conceived within the larger social context. The smallest must be considered in conjunction with the largest. Be aware of this: If you succeed in truly bringing about the establishment of works councils, then you will have done something of historical significance for all of humanity to come, because this is connected to the greatest problems facing humanity today. Therefore, do not ask for petty steps, but stand on a foundation that truly forms the basis for moving forward to action, for it is action that matters. And if we add to this, step by step, what we understand from the threefold social order, then we will be able to achieve what gives us hope of emerging from the terrible situation into which our spiritual life, our so-called legal life, and our economic life to date have led us.