Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Work Councils And Socialization
Discussion Evenings with Workers' Committees
GA 331

17 July 1919, Stuttgart

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Work Councils and Socialization, tr. SOL
  1. Betriebsräte und Sozialisierung

Siebenter Diskussionsabend

Seventh Discussion Evening

Der Vorsitzende, Herr Roser, eröffnet die Versammlung. Anschließend teilt er mit, daß beabsichtigt ist, Studienabende einzuführen, an denen Erläuterungen zur Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus gegeben werden sollen und an denen insbesondere das Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» gründlich besprochen werden soll. Der erste Studienabend soll in der kommenden Woche stattfinden. Dann berichtet er, daß die Schuhindustrie in bezug auf die Betriebsrätefrage Fortschritte erzielt habe. Man sei dort bereits so weit gekommen, daß sich die Betriebsräte der Lederbranche zu einem Aktionsausschuß zusammengeschlossen hätten, der beabsichtige, in nächster Zeit innerhalb des Schuhgewerbes aktiv zu werden.

The chairman, Mr. Roser, opens the meeting. He then announces that there are plans to introduce study evenings at which the concept of the threefold social order will be explained and, in particular, the book The Key Points of the Social Question will be discussed in depth. The first study evening is scheduled to take place next week. He then reports that the shoe industry has made progress regarding the issue of works councils. They have already reached the point where the works councils in the leather sector have formed an action committee that intends to become active within the shoe industry in the near future.

Einleitende Worte

Introductory Remarks

[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr werten Anwesenden! Wie an den Abenden zuvor, so werde ich auch heute nur eine kurze Einleitung geben, damit wir uns dann in der Diskussion ausführlich über die eine oder andere spezielle Frage unterhalten können. Aber angesichts des erlahmenden Interesses an der Betriebsrätefrage wird es sich vielleicht empfehlen, zu Beginn des heutigen Abends zunächst einige allgemeinere Bemerkungen zu machen.

[ 1 ] Rudolf Steiner: My dear friends here today! As on previous evenings, I will give only a brief introduction today so that we can then discuss one or the other specific question in detail during the discussion. But in view of the waning interest in the issue of works councils, it might be advisable to begin this evening by making a few more general remarks.

[ 2 ] Sehen Sie, von seiten des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus» ist angestrebt worden, mit der Schaffung einer Betriebsräteschaft den ersten wirklich praktischen Schritt in die Richtung zu gehen, die im Grunde genommen seit mehr als einem halben Jahrhundert durch die soziale Bewegung vorgezeichnet ist. Diese Bewegung ist ja wie ein Aufschrei des Proletariats gegen seine Unterdrückung. Dieser Aufschrei ist aber im Grunde genommen nichts anderes als eine Art weltgeschichtliche Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Bedingt durch die Weltkriegskatastrophe haben sich jetzt Verhältnisse herausgebildet, die es erforderlich machen, daß die Kritik, an die sich die Parteien der sozialistischen Bewegung gewöhnt haben, durch etwas anderes abgelöst werden muß. Als man aus dieser Bewegung heraus wiederum begann, Wege zu einer sozialen Erneuerung zu finden, da konnte man ja die Hoffnung haben, daß sich besonders innerhalb der breiten Massen der Arbeiterschaft, erstens aus ihren Erlebnissen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung heraus, zweitens aus den Untergründen heraus, die sich ergeben, weil die Arbeiterschaft durch ihre Erfahrungen wirklich politisch viel geschulter ist als das Bürgertum, ein Verständnis bilden würde für das, was die früher bloß soziale Kritik an der Gesellschaftsordnung ersetzen sollte. Nach dem sogenannten Zusammenbruch des Deutschen Reiches konnte man im Grunde genommen etwas wirklich Einschneidendes nur von dieser Seite her erhoffen, denn diejenigen, die ganz mit der alten Staats- und Wirtschaftsordnung verknüpft waren, die hatten, trotz der Erfahrungen der Weltkriegskatastrophe und deren Folgen, nichts zu bieten, was zu einem Neuwaufbau wirklich führen könnte.

[ 2 ] You see, the “Federation for the Threefold Social Order” has sought to take the first truly practical step—through the creation of a works council—in the direction that, in essence, has been charted by the social movement for more than half a century. This movement is, after all, like a cry of the proletariat against its oppression. But this cry is, in essence, nothing other than a kind of world-historical critique of the capitalist economic order. As a result of the catastrophe of the World War, conditions have now emerged that make it necessary for the criticism to which the parties of the socialist movement have become accustomed to be replaced by something else. When, out of this movement, people once again began to seek paths toward social renewal, one could indeed hope that, particularly among the broad masses of the working class—first, based on their experiences within the capitalist social order, and second, from the underlying currents that arise because the working class, through its experiences, is truly much more politically sophisticated than the bourgeoisie—an understanding would develop of what was intended to replace what had previously been merely social criticism of the social order. After the so-called collapse of the German Empire, one could, in essence, hope for something truly decisive only from this quarter, for those who were entirely tied to the old political and economic order had, despite the experiences of the catastrophe of the World War and its consequences, nothing to offer that could truly lead to a new reconstruction.

[ 3 ] Man bekommt recht trübe Gedanken heute, wenn man doch auf der einen Seite einsieht, daß zu einem Neuaufbau die Intelligenz notwendig ist, und wenn man auf der anderen Seite die seelische und die politische Verfassung dieser Intelligenz im heutigen Mitteleuropa ins Auge faßt, namentlich der Intelligenz jener, die zu den führenden Persönlichkeiten gehören. Aus all dem, was hier bislang gesprochen wurde, werden diejenigen unter Ihnen, die öfter hier waren, gesehen haben, daß, wenn wir wirklich weiterkommen wollen, eine neue Gesellschaftsordnung auch aus einem neuen Geist heraus gefunden werden muß. Dies gilt insbesondere für den jetzigen Zeitpunkt, der deutlich zeigt, daß Mitteleuropa im Zusammenbruch begriffen ist. Daß von gewissen Kreisen nichts zu erhoffen ist, sei an folgendem Beispiel verdeutlicht.

[ 3 ] One is overcome by rather gloomy thoughts today when, on the one hand, one recognizes that the intelligentsia is essential for rebuilding, and when, on the other hand, one considers the mental and political state of this intelligentsia in Central Europe today—particularly the intelligentsia among those who are leading figures. From everything that has been said here so far, those of you who have been here often will have seen that, if we truly want to make progress, a new social order must also be forged from a new spirit. This is especially true at the present moment, which clearly shows that Central Europe is in the process of collapsing. The following example illustrates that nothing can be expected from certain circles.

[ 4 ] Sehen Sie, wenn man von einem neuen Geiste spricht, aus dem heraus die Zukunft gestaltet werden soll, dann muß man sich zunächst fragen: Wo sind die Anlagen zu diesem neuen Geiste? Nun, den politischen Geist, der heute vor allem die führenden Klassen beherrscht, den möchte ich an einem Beispiel, das aber vertausendfacht werden könnte, veranschaulichen. In einer Berliner Rede finden sich die folgenden Worte. Ich bitte Sie, hören Sie genau zu, denn man muß sich heute mit dem Geist der Menschen vertraut machen. Hören Sie also genau zu:

[ 4 ] You see, when one speaks of a new spirit from which the future is to be shaped, one must first ask: Where are the seeds of this new spirit? Well, I would like to illustrate the political spirit that dominates the ruling classes in particular today using an example—one that could, however, be multiplied a thousandfold. The following words appear in a speech given in Berlin. I ask you to listen carefully, for today we must familiarize ourselves with the spirit of the people. So listen carefully:

«Daß wir vor der Revolution im ganzen auf die redliche und sachliche Zuverlässigkeit unserer Regierung vertrauen durften, daß wir in dem vortrefflichen preußischen Beamtenstaat uns das Mitreden ersparen konnten, darin nicht zuletzt wurzelt die geistige Überlegenheit, die Deutschland allgemein, zumal auch in seiner wissenschaftlichen und technischen Entwicklung, während des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen hat. Man kann nicht zweien Herren zugleich dienen. Die allgemeine Politisierung ist notwendig ein Feind strenger Sammlung und Versenkung in schaffende Arbeit. Möge der deutsche Geist die Kraft entwickeln, sich durch die häßliche politische Sünd- und Schlammflut wieder zu jenem rühmlichen Staate des Vertrauens durchzuarbeiten, wie ihn uns Preußen die Hohenzollern geschenkt hatten!»

“The fact that, before the revolution, we could generally trust in the integrity and competence of our government, and that we could spare ourselves the need to have a say in the affairs of the excellent Prussian civil service—this is where, not least, the intellectual superiority lies that Germany demonstrated throughout the nineteenth century, particularly in its scientific and technical development. One cannot serve two masters at the same time. Widespread politicization is, by its very nature, an enemy of strict concentration and immersion in creative work. May the German spirit develop the strength to work its way through this ugly flood of political sin and mire back to that glorious state of trust that the Hohenzollerns of Prussia had bestowed upon us!”

[Zwischenruf: Ist das der Oldenburg-Januschau?]

[Interjection: Is this the Oldenburg-Januschau?]

[ 5 ] Ja, das glauben Sie, daß das der Oldenburg-Januschau ist! Es wäre tröstlich, wenn es wenigstens er wäre. Aber sehen Sie, diese Worte hat der tonangebende Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Berliner Universität gesprochen. Das ist das Ausschlaggebende! Diese Worte, die also der Vertreter der deutschen Sprache und Literatur, der erste Vertreter dieses Faches an der ersten deutschen Universität, gesprochen hat, die sind wohl einigermaßen ausschlaggebend für den Geist, der bei denjenigen herrscht, die heute unsere Jugend zu begeistern haben für das, was die Menschheit von der Zukunft zu erwarten hat. Muß man sich da wundern, daß trübe Gedanken aufsteigen, wenn man an diese Zukunft denkt? Im Grunde genommen führt man so etwas als charakteristisch deshalb an, weil ja schließlich auch diejenigen Menschen, die heute in der Publizistik das Wort führen, insbesondere in der Publizistik der Parteien, weil die ja, selbst wenn sie sich einzelne Programmpunkte angeeignet haben, in bezug auf ihr ganzes Denken doch manches von diesen Leuten gelernt haben. Vor allem haben sie gelernt, kurzsichtig, um nicht zu sagen stumpfsinnig, zu sein.

[ 5 ] Yes, you believe that this is the Oldenburg-Januschau! It would be comforting if it were at least him. But look, these words were spoken by the leading professor of German language and literature at the University of Berlin. That is the decisive factor! These words—spoken by the representative of German language and literature, the foremost authority in this field at Germany’s leading university—are surely quite indicative of the mindset prevailing among those who today are tasked with inspiring our youth about what humanity can expect from the future. Is it any wonder, then, that gloomy thoughts arise when one thinks of this future? Essentially, one cites such things as characteristic precisely because, after all, even those people who hold sway in journalism today—especially in party journalism—have, even if they have adopted individual program points, learned quite a bit from these people in terms of their overall way of thinking. Above all, they have learned to be short-sighted, not to say obtuse.

[ 6 ] Gegenüber diesem muß eben immer wieder betont werden: Ehe sich die Menschen nicht zu einem wirklich neuen Geist aufraffen, zu einem umfassenden Geist, kann es im Grunde genommen nicht besser werden. Deshalb ist es so unendlich bedauerlich, daß, wo doch die Idee der Begründung einer Betriebsräteschaft herausgeschöpft war aus einem wirklich neuen Geiste, daß diese Idee der Betriebsräteschaft, die ja eine wirklich praktische Idee ist, bei den Massen so wenig Anklang findet. Natürlich kann auch einmal etwas langsam gehen, das wäre ja nicht einmal das Schlimmste, aber zum Allerschlimmsten muß man schon zählen, wie die Sache geschehen ist.

[ 6 ] In light of this, it must be emphasized time and again: Unless people summon the will to embrace a truly new spirit—a comprehensive spirit—things cannot, fundamentally speaking, get any better. That is why it is so infinitely regrettable that, even though the idea of establishing a works council was born out of a truly new spirit, this idea—which is, after all, a truly practical one—finds so little resonance among the masses. Of course, things can sometimes move slowly—that wouldn’t even be the worst thing—but the way this has played out must certainly be counted among the very worst.

[ 7 ] Wir haben ja hier begonnen mit der Arbeit im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus. Zuerst haben sich, das habe ich schon einmal ausgesprochen, diejenigen Leute, auf die ja immer gehört wird, gesagt: Nun, das ist mal eine kleine Narretei, die lassen wir gewähren. Dann aber hat sich diese Narretei als etwas entpuppt, das eine nach Tausenden zählende Anhängerschaft in Stuttgart und Umgebung gefunden hat. Da ist es den Leuten höchst ungemütlich geworden. Dann trat die praktische Idee der Betriebsräte in einer wirklich praktischen Gestalt hervor. Da wurde es den Leuten noch ungemütlicher, und da stellte sich dann eben diese merkwürdige Tatsache ein, die immer wieder festgehalten werden muß, daß nun von seiten der Parteien gegen die Dreigliederung des sozialen Organismus im allgemeinen und gegen die Betriebsräteschafts-Frage im besonderen Merkwürdiges ins Feld geführt wird. Da hören wir auf der einen Seite: Ja, die Dreigliederung, die ist ja schon ganz gut. — Als neulich unsere Freunde Gönnewein und Roser in einer Volksversammlung gesprochen haben drüben im Dinkelacker-Saal, da trat zum Beispiel unter den verschiedenen, zum großen Teil uns gegnerisch gegenüberstehenden Diskussionsrednern wieder einer auf, der da sagte: Ja, die Dreigliederung des sozialen Organismus ist ja ganz gut; sie muß sich letztlich ergeben, aber wir bekämpfen sie! — Also, sie ist gut und muß sich letztlich auch ergeben, aber sie wird doch bekämpft. - Wir wollen, so sagte er, zunächst etwas ganz anderes, und dann, wenn wir dieses ganz andere verwirklicht haben, dann wird sich die Dreigliederung von selbst ergeben.

[ 7 ] We began here with work based on the threefold social order. At first—as I’ve mentioned before—those people whose opinions are always heeded said: “Well, this is just a bit of nonsense; we’ll let them get on with it.” But then this folly turned out to be something that had found a following numbering in the thousands in Stuttgart and the surrounding area. That made people extremely uncomfortable. Then the practical idea of works councils emerged in a truly practical form. That made people even more uneasy, and that’s when this curious fact emerged—one that must be noted time and again—namely, that the political parties are now putting forward strange arguments against the threefold social order in general and against the issue of works councils in particular. On the one hand, we hear: “Yes, the threefold social order—that’s actually quite good.” — For example, when our friends Gönnewein and Roser recently spoke at a public meeting over at the Dinkelacker Hall, among the various speakers—most of whom were opposed to us—there was one who said: “Yes, the threefold social order is quite good; it must ultimately come about, but we oppose it!” — So, it’s good and must ultimately come about, but it’s still being opposed. “We want,” he said, “something completely different for now, and then, once we’ve realized this completely different thing, the threefold social order will arise of its own accord.”

[ 8 ] Nun, es kann keine Rede davon sein, daß sich die Dreigliederung jemals von selbst ergeben wird, sondern sie muß eben gerade hart erarbeitet werden. Es ist, ich muß das Wort schon aussprechen, der größte Schwindel, wenn man immer wieder und wieder das alte Wort wiederholt: Wir brauchen nur dieses oder jenes zu tun, es braucht nur diese oder jene Klasse die Herrschaft zu erhalten, dann wird sich schon ein richtig geordnetes gesellschaftliches Wesen von selbst ergeben. - Nein, das richtig geordnete gesellschaftliche Wesen, es muß zuerst erkannt und dann erarbeitet werden. Und charakteristisch ist eben, daß man immer wieder sagt: Die Dreigliederung des sozialen Organismus ist ganz gut, so muß auch einmal eine Gesellschaftsordnung sein, wie diese Dreigliederung es sagt, aber wir bekämpfen sie. - Wenn die Leute aber einmal das sagen sollen, was sie denn wollen, dann hört man nichts anderes als Schlagworte und Phrasen

[ 8 ] Well, there can be no question of the threefold social order ever emerging on its own; rather, it must be worked out through hard effort. It is—and I must say this plainly—the greatest deception to repeat the same old refrain over and over again: “We only need to do this or that; we only need this or that class to gain power, and then a properly ordered social structure will emerge on its own.”—No, a properly ordered social structure must first be recognized and then worked out. And it is characteristic that people keep saying: “The threefold social order is quite good; a social order must indeed be as this threefold division describes it, but we oppose it.”—Yet when people are asked to say what they actually want, all one hears are slogans and empty phrases

[ 9 ] Das einzige, was ich innerhalb der Kommunistischen Partei in bezug auf deren Bekämpfung der Dreigliederung gefunden habe, das ist, daß man sich dort einig ist - soweit einem das entgegentritt —, daß die Dreigliederung ganz gut ist, aber daß man sie bekämpfen muß. Darin ist man sich einig. Und von der anderen Seite her hat es sich gezeigt — glauben Sie nicht, daß mir irgend etwas an der Sache liegt, aber wenn es sich darum handelt, etwas durchzukämpfen, dann muß auf solche Dinge hingesehen werden -, daß man anläßlich des Erscheinens der ersten Nummer unserer Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus» auf keinen einzigen der in diesem Blatt enthaltenen Gedanken eingegangen ist, aber daß man wüst geschimpft hat. Das resultiert aus der Stumpfheit, aus der Unfähigkeit, auch nur einen eigenen wirklichen Gedanken hervorzubringen. Daher kann man nichts anderes als schimpfen. Auch von dritter und vierter Seite ist manches angeführt worden, was in eine ähnliche Richtung zielt. Die Dinge wurden immer so behandelt, daß schon bald deutlich wurde, daß all diese Kritiker wirklich sachliche Einwände gar nicht vorbringen. Einerseits offenbart sich da die Unfähigkeit, die Impotenz, andererseits die Dummheit, indem man immer wieder sagt, daß die Dreigliederung an sich ja gut ist, aber bekämpft werden muß. Nun, wenn auf diese Dinge nicht hingeschaut wird, wenn nicht der Krebsschaden als Folge der Parteibetriebsamkeit gesehen wird, dann kann nichts Heilsames aus dem Kampf, in dem wir uns befinden, herauskommen.

[ 9 ] The only thing I have found within the Communist Party regarding its opposition to the threefold social order is that there is agreement there—as far as I can tell—that the threefold social order is quite good, but that it must be opposed. On this point, there is agreement. And from the other side, it has become clear—don’t think I have any personal stake in the matter, but when it comes to fighting for something, one must pay attention to such things—that upon the publication of the first issue of our weekly journal The Threefold Social Order, not a single idea contained in that issue was addressed, but instead there was just wild ranting. This stems from dullness, from the inability to produce even a single genuine thought of their own. Therefore, they can do nothing but rant. Even from third and fourth parties, various points have been raised that point in a similar direction. The issues were always handled in such a way that it soon became clear that all these critics do not actually raise any substantive objections. On the one hand, this reveals an inability, an impotence; on the other, it reveals stupidity, in that they keep saying that the threefold order is good in itself, but must be opposed. Well, if these things are not looked at, if the cancerous damage resulting from party politics is not recognized, then nothing beneficial can come out of the struggle in which we find ourselves.

[ 10 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist heute wahrhaftig nicht die Zeit, in der man sich in solchem Parteigezänke verlieren darf, denn wir stehen heute nahe an dem Punkt, daß nämlich die Menschen, die eine solche Gesinnung haben wie Professor Gustav Roethe von der Berliner Universität, die ich Ihnen vorgelesen habe, auch in kapitalistischen Kreisen wieder die Oberhand gewinnen. Man braucht wahrhaftig kein Freund sein dieser Ideen, die ja nur Halb- oder Viertelsideen und obendrein ziemlich unpraktisch sind, und man braucht kein Freund zu sein von Wissell und Moellendorff, aber man muß doch sagen, daß man von einer gewissen Seite her die Macht hatte, die beiden zu verdrängen. Wären sie von anderer Seite verdrängt worden, so wäre dies kein besonderer Schaden gewesen, aber daß man die Macht hatte, sie eben von jener Seite her zu verdrängen, das beweist den gegenwärtigen Ernst der Lage in Mitteleuropa. Das beweist, daß sich gewisse Kreise wieder sicher fühlen, Kreise, die sich vor verhältnismäßig kurzer Zeit noch sehr unsicher fühlten.

[ 10 ] Ladies and gentlemen! Today is truly not the time to get lost in such partisan squabbles, for we are now close to the point where people who hold views such as those of Professor Gustav Roethe of the University of Berlin—which I have read to you—are once again gaining the upper hand, even in capitalist circles. One certainly need not be a supporter of these ideas—which are, after all, only half-baked or quarter-baked and, on top of that, quite impractical—nor does one need to be a supporter of Wissell and Moellendorff, but one must nevertheless acknowledge that a certain faction had the power to sideline the two of them. Had they been sidelined by another faction, this would not have been particularly harmful; but the fact that certain circles had the power to sideline them precisely from that quarter proves the current gravity of the situation in Central Europe. It proves that certain circles feel secure again—circles that, until relatively recently, still felt very insecure.

[ 11 ] Vor ein paar Wochen, gerade in der Zeit, als ich von der Schweiz, von Dornach, nach Stuttgart kam und wir unsere Tätigkeit begannen, da war es noch so, daß sich das Unternehmertum, ja die führenden Kreise überhaupt, in einem gewissen Sinne unsicher fühlten. Da herrschte in diesen Kreisen noch eine ganz sonderbare Stimmung. Und da konnte man durchaus den Eindruck haben, daß dann, wenn eine energische Bewegung, die Inhalt und Sinn hat, kommt, etwas erreicht werden kann. Damals hatten die, denen die Planwirtschaft und die Rahmengesetze von Moellendorff ein Greuel waren, noch nicht so viel Mut, um so kühn hervorzutreten, wie sie das heute tun. Weil man aber voraussehen konnte, wie sich die Sache entwickeln würde, wurde hier und auch in anderen Versammlungen, auf denen ich gesprochen habe, ein Gedanke immer wieder und wieder vorgebracht, für viele wahrscheinlich bis zum Überdruß, nämlich: Man schreite mit Bezug auf die Idee der Betriebsräte zur Tat, ehe es zu spät ist.

[ 11 ] A few weeks ago, just as I was arriving in Stuttgart from Dornach, Switzerland, and we were getting started with our work, the business community—indeed, the leading circles in general—still felt, in a certain sense, uncertain. There was still a very peculiar atmosphere prevailing in these circles. And one could certainly get the impression that if an energetic movement with substance and meaning were to emerge, something could be achieved. At that time, those for whom the planned economy and Moellendorff’s framework laws were an abomination did not yet have enough courage to speak out as boldly as they do today. But because it was possible to foresee how things would develop, here—and also at other gatherings where I spoke—one idea was raised again and again, probably to the point of tedium for many: that we should take action regarding the idea of works councils before it is too late.

[ 12 ] Im Zusammenhang mit der Verabschiedung von Moellendorff und Wissell gilt es zu beachten, daß das Betriebsrätegesetz nun neuerdings wiederum der Nationalversammlung vorgelegt worden ist. Alle diese Symptome können Sie zusammennehmen, und Sie werden es nicht unglaublich finden, wenn heute derjenige, der in diese Dinge etwas hineinschaut, Ihnen sagt: Das alles ist systematische Arbeit von der anderen Seite her, systematische Arbeit von seiten der ehemaligen Unternehmer, die sich schon sehr am Rande des Abgrunds gefühlt hatten und die nun nach und nach die soziale Bewegung in Mitteleuropa lahmlegen. Von dieser Seite wird auch kein Mittel gescheut, auch mit der Entente zusammenzugehen, wenn es sich darum handelt, die soziale Bewegung in Mitteleuropa lahmzulegen. Wenn die Ideen derjenigen Leute, die heute am Werk sind, und das ist keine Übertreibung, sich erfüllen, dann ist es so, daß alles soziale Streben, wie Sie es empfinden, für viele Jahre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Denn da handelt es sich dann nicht darum, wie stark der Kapitalismus in Mitteleuropa ist, sondern darum, wie stark der Entente-Kapitalismus ist.

[ 12 ] In connection with the departure of Moellendorff and Wissell, it should be noted that the Works Council Act has recently been resubmitted to the National Assembly. Take all these signs together, and you will not find it unbelievable if someone who has some insight into these matters were to tell you today: All of this is systematic work on the part of the other side—systematic work on the part of the former business owners, who had already felt themselves teetering on the brink of the abyss and who are now gradually paralyzing the social movement in Central Europe. This side will stop at nothing, not even collaborating with the Entente, when it comes to paralyzing the social movement in Central Europe. If the ideas of those people who are at work today—and this is no exaggeration—come to fruition, then all social aspirations, as you perceive them, will be impossible for many years to come. For then it will no longer be a matter of how strong capitalism is in Central Europe, but rather of how strong Entente capitalism is.

[ 13 ] So verhalten sich die Dinge auf der einen Seite. Auf der anderen haben wir das wüsteste Parteigezänk, das hinwegzufegen die einzige Möglichkeit wäre, um zu einem sachlichen Streben zu kommen. Was offenbart denn dieses Parteigezänke? Es offenbart vor allem die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus. In dieser Dreigliederung soll auf der einen Seite das Geistesleben eine selbständige Verwaltung haben, auf der anderen Seite soll das Staats- oder Rechtsleben cine eigene Verwaltung haben und auf der dritten Seite das Wirtschaftsleben. Innerhalb des Wirtschaftslebens als einer rein wirtschaftlichen Einrichtung wollen wir die Betriebsräte entstehen lassen. Diese Betriebsräteschaft würde den Beginn einer wirklichen Sozialisierung dadurch einleiten, daß sie die Wirtschaftsverwaltung von dem geistigen und politischen Leben abtrennt. Wodurch wäre denn das Wirtschaftsleben am sichersten auch weiterhin dem Kapitalismus ausgeliefert? Dadurch, daß das Wirtschaftsleben weiterhin verquickt wird mit dem politischen Leben! Und was quiekt denn da eigentlich aus dem törichten Parteigezänke heraus? Es ist das wüste Durcheinanderwerfen und Ineinanderverschmelzen von wirtschaftlichen Gesichtspunkten und politischen Gesichtspunkten. Diese neuzeitlichen Parteien sind deshalb so schädlich, weil sie ganz auf dem beruhen, was sich als Verschmelzung des politischen mit dem wirtschaftlichen ‘ Leben überlebt hat. Daher hört man immer wieder von Leuten, die von einer Struktur der sozialen Ordnung rein gar nichts verstehen, daß man erst die politische Macht haben muß und dann die wirtschaftliche. Dann kehren sie das wiederum um und so weiter. Aus all diesen Dingen spricht der wüsteste Dilettantismus. Daß gerade solche Anschauungen innerhalb der Parteien auftreten, zeigt, wie notwendig die Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Und in unseren Tagen sollte man, ich möchte sagen, wirklich wie schon beim Herannahen der zwölften Stunde, mit sich zu Rate gehen und sich fragen: Will man denn wirklich der Narr der heraufziehenden Reaktion dadurch sein, daß man blinder als jemals die scheinbar gutgläubigen Katholiken den Parteiparolen aufs Wort folgt? Will man sich denn nicht auf das eigene Urteil stützen? Hätte man sich auf das gesunde eigene Urteil gestützt, dann wäre die Betriebsräteschaft schon zustande gekommen. Denken Sie einmal, was das bedeuten würde, wenn die Betriebsräteschaft jetzt schon Wirklichkeit wäre und wenn jetzt die wirtschaftlichen Forderungen des Proletariats von den Betriebsräten aufgegriffen und hineintönen würden in all das, was sich jetzt abspielt innerhalb des wiedererstarkten Kapitalismus und Unternehmertums, in das, was getrieben wird von seiten der Erzbergerei, die ja viel schädlicher ist, als man denkt, und in das, was mit dem Friedensvertrag zusammenhängt. Die Leute haben immerfort betont, daß es sich vor allen Dingen darum handle, die politische Macht zu erobern.

[ 13 ] That is how things stand on the one hand. On the other hand, we have the most bitter partisan squabbling, which the only way to overcome would be to pursue a matter-of-fact approach. What does this partisan squabbling reveal? Above all, it reveals the necessity of the threefold social order. In this threefold social order, spiritual life, on the one hand, should have its own independent administration; on the other hand, political or legal life should have its own administration; and on the third hand, economic life should have its own. Within economic life, as a purely economic institution, we want to allow works councils to emerge. This system of works councils would usher in the beginning of true socialization by separating economic administration from spiritual and political life. How, then, would economic life remain most securely at the mercy of capitalism? By continuing to intermingle economic life with political life! And what is it, actually, that squeaks out from the midst of this foolish party squabbling? It is the chaotic jumbling and merging of economic and political considerations. These modern parties are so harmful precisely because they are based entirely on what has become obsolete—the fusion of political and economic life. That is why one repeatedly hears from people who understand absolutely nothing about the structure of the social order that one must first have political power and then economic power. Then they reverse that again, and so on. All of this speaks of the most chaotic amateurism. The fact that precisely such views arise within the political parties shows how necessary the threefold structure of the social organism is. And in our day, I would say, we really ought—just as the twelfth hour approaches—to consult within ourselves and ask: Do we really want to be the fools of the looming reaction by following party slogans to the letter, more blindly than ever, like those seemingly well-meaning Catholics? Do we not want to rely on our own judgment? If one had relied on one’s own sound judgment, the works council system would already have come into being. Just think what it would mean if the works council system were already a reality, and if the economic demands of the proletariat were now being taken up by the works councils and resonating throughout everything that is currently unfolding within the resurgent capitalism and business world—in what is being driven by the mining industry, which is, after all, far more harmful than one might think, and in what is connected to the peace treaty. People have constantly emphasized that the primary concern is to seize political power.

[ 14 ] Oh, meine sehr verehrten Anwesenden, es kommt mir nichts lächerlicher vor als solch eine Phrase. Man kann natürlich solche Phrasen, also daß man erst die politische Macht haben müsse, aussprechen. Wenn aber der erste Schritt getan werden soll, um überhaupt zur Macht zu gelangen, wie es durch die Wahl der Betriebsräte hätte geschehen können, dann wird dieser erste Schritt nicht getan. Er wird nicht getan, weil man es liebt, in großen Worten und Phrasen zu sprechen. Man liebt es aber nicht, wirklich sachgemäß an das heranzugehen, was wirklich notwendig ist.

[ 14 ] Oh, my esteemed audience, nothing strikes me as more ridiculous than such a phrase. Of course, one can utter such phrases—that is, that one must first have political power. But when it comes to taking the first step toward gaining power in the first place—as could have been done through the election of works council members—that first step is not taken. It is not taken because people love to speak in grand words and phrases. Yet they do not love to approach what is truly necessary in a practical and businesslike manner.

[ 15 ] Der bisher vorliegende Betriebsräte-Gesetzentwurf hat sich als etwas Unpraktisches, als etwas Unannehmbares entpuppt. Jetzt wird ein neuer Entwurf der Nationalversammlung vorgelegt, nachdem man ja den schüchternen Versuch von Moellendorff und Wissell, der auch Ansätze zu einer Planwirtschaft enthielt, in den Orkus hinabgestürzt hat und die beiden Persönlichkeiten gleich dazu. Das alles zeigt, welcher Unfug von einer gewissen Seite her getrieben wird, der aber zuletzt zu nichts führen kann. Man stelle sich vor, wenn seit vierzehn "Tagen unsere Betriebsräteschaft in Württemberg tagen würde und jeden Tag greifbare Vorschläge für eine wirkliche Sozialisierung in die Welt senden würde! Wenn das der Fall wäre, dann könnte man sagen: Aus diesem Proletariat heraus, da ersteht der neue Geist, der für einen Neuaufbau notwendig ist. Wenn jetzt tausend Betriebsräte hier säßen und nicht nur die paar Männchen, dann könnten wir sagen: Wir lachen über das, was nach dem Beginn der Novemberrevolution und nach Ausbruch des Streiks jener Großindustrielle mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht hat: Wir brauchen nichts anderes tun, als zu warten! Denn der Zeitpunkt wird kommen, an dem die Arbeiter winselnd und flehend vor unserer Etablissementtüre erscheinen werden und zufrieden sein werden, wenn sie ein Viertel von dem arbeiten dürfen, was sie jetzt verlangen. -— Nun, man ist aber heute noch nicht in der Lage, die Dinge mit dem nötigen Ernst zu betrachten. Es reicht aber auch nicht aus, diesen Ernst nur in Worten zum Ausdruck zu bringen, sondern es kommt darauf an, daß sich dieser Ernst auch in Taten niederschlägt. Wenn man darauf hinschaut, daß die mitteleuropäischen Industriellen in bezug auf ihre Macht Unterstützung von seiten der Entente bekommen werden, dann muß man doch zu dem Schluß kommen, daß diese Betriebsräteschaft entstehen muß, ehe es zu spät ist. Ich will mit alledem nicht sagen, daß man jetzt nichts mehr tun kann. Selbstverständlich muß in der angefangenen Richtung weitergearbeitet werden, aber es wäre ein Blinde-Kuh-Spiel, wenn man die Augen vor der allgemeinen Weltlage verschließen wollte. Wir stehen nun einmal in ihr drinnen, und eigentlich hätten wir nicht so in sie hineingeraten sollen, ohne daß wir schon Betriebsräte haben.

[ 15 ] The draft Works Council Act that has been on the table so far has turned out to be impractical and unacceptable. Now a new draft is being submitted to the National Assembly, after Moellendorff and Wissell’s timid attempt—which also contained elements of a planned economy—was consigned to oblivion, along with the two men themselves. All of this shows what nonsense is being perpetrated by a certain faction, though it can ultimately lead to nothing. Just imagine if, for the past fourteen “days,” our works council in Württemberg had been in session and had been putting forward concrete proposals for genuine socialization every single day! If that were the case, then one could say: From this proletariat arises the new spirit necessary for a new construction. If a thousand works council members were sitting here now—and not just those few little men—then we could say: We laugh at what those big industrialists expressed with the following words after the start of the November Revolution and the outbreak of the strike: “We need do nothing but wait!” For the time will come when the workers will appear at the doors of our establishments, whimpering and pleading, and will be satisfied if they are allowed to work a quarter of what they are now demanding. — Well, but today we are not yet in a position to view things with the necessary seriousness. Nor is it enough to express this seriousness merely in words; what matters is that this seriousness is also reflected in actions. When one considers that Central European industrialists will receive support from the Entente with regard to their power, one must surely conclude that this system of works councils must be established before it is too late. I do not mean by all this to say that nothing can be done now. Of course, we must continue working in the direction we have already begun, but it would be like playing blind man’s bluff if we were to close our eyes to the general state of the world. We are, after all, in the midst of it, and we really should not have found ourselves in this situation without already having works councils.

[ 16 ] Sehen Sie, den richtigen Moment, den richtigen Augenblick zu erfassen, zu nutzen, das ist in Zeiten solcher Umwälzungen, in denen wir leben, von ganz besonderer Wichtigkeit. Da geht es darum, daß man nicht vier bis sechs Wochen warten kann mit demjenigen, was gleich geschehen soll. Heute wissen ja viele Leute, daß mit der großen Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts und mit den folgenden Revolutionen im 19. Jahrhundert eigentlich nur eine Art Emanzipation des Menschen als Staatsbürger erreicht worden ist. Aber die Tatsache, daß in einem gewissen Grade einzelne Menschen freier geworden sind, ist für die breite Masse des Proletariats bedeutungslos. Warum? Weil diejenigen, die sich gegen die alte Feudalordnung aufgelehnt haben, zwar die Staatsmacht erobert haben, aber es unterlassen haben, dem Arbeiter, auch wenn er jetzt persönlich frei war, die wirtschaftliche Zwangsjacke auszuziehen. Heute ist es an der Zeit, daß man einsieht, daß es mit der bloßen Eroberung der Staatsmacht nicht getan ist. Als Folge der Revolutionen gelangten zwar andere Menschen an die Macht, doch man schuf nicht wirklich etwas Neues. Der alte Rahmen des Staates wurde beibehalten. Und so arbeitete man immer weiter bis hin zur Weltkriegskatastrophe. Man preßte alles in den Rahmen des alten Einheitsstaates hinein. Heute ist die Zeit gekommen, wo man erkennen sollte, daß das Proletariat nicht einfach das Bürgertum, das nur die Staatsmacht erobern wollte, nachahmen darf. Das Proletariiat muß etwas Neues entwickeln und darf nicht festhalten am alten Einheitsstaat. Das Proletariat muß den dreigliedrigen sozialen Organismus zur Entfaltung bringen. Entweder man wird diese Dreigliederung begreifen, oder man wird wieder in ein solch unmögliches Gebilde hineinsegeln, wie es der Staat des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts war. Es ist nicht damit getan, daß man immer wieder sagt, daß man die alten Einrichtungen stürzen und an die Stelle des Kapitalismus neue soziale Formen setzen wolle! Man muß auch wissen, worin diese neuen Formen bestehen sollen! Deshalb ist auch versucht worden, mit meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» etwas vor die Menschen hinzustellen, was dem ersehnten sozialen Gemeinwesen nun wirklich eine organische Gliederung gibt. Es wird dort gezeigt, wie dieses soziale Gemeinwesen möglich werden, wie es sich gestalten kann. Was nützt es denn, wenn man immer sagt: Die Dinge müssen von selber kommen!

[ 16 ] You see, seizing and making the most of the right moment—the right instant—is of particular importance in times of such upheaval as we are currently experiencing. The point is that you can’t wait four to six weeks to do what needs to be done right away. Today, many people realize that the Great French Revolution at the end of the 18th century and the subsequent revolutions of the 19th century actually achieved only a kind of emancipation of the individual as a citizen. But the fact that, to a certain extent, individual people have become freer is meaningless for the broad masses of the proletariat. Why? Because those who rebelled against the old feudal order, while they did seize state power, failed to free the worker—even though he was now personally free—from the economic straitjacket. Today, it is time to realize that merely seizing state power is not enough. As a result of the revolutions, different people did come to power, but nothing truly new was created. The old framework of the state was retained. And so things continued on this path all the way to the catastrophe of World War I. Everything was forced into the framework of the old unitary state. Today the time has come to recognize that the proletariat must not simply imitate the bourgeoisie, which sought only to seize state power. The proletariat must develop something new and must not cling to the old unitary state. The proletariat must bring the threefold social organism to fruition. Either we will come to understand this threefold structure, or we will once again sail into such an impossible construct as was the state of the 19th century and the early 20th century. It is not enough to keep saying that we want to overthrow the old institutions and replace capitalism with new social forms! One must also know what these new forms are to consist of! That is why, with my book The Key Points of the Social Question, an attempt has been made to present to people something that truly gives the longed-for social community an organic structure. It shows how this social community can become possible and how it can take shape. What good is it, after all, to keep saying: Things must come about on their own!

[ 17 ] Nun, ich könnte mir vorstellen, daß solche Fanatiker des Vonselber-Kommens auch dann noch glauben, die soziale Ordnung sei von selber gekommen, wenn sie in Wirklichkeit hart erkämpft werden mußte. Sehen Sie, wenn der Hahn auf dem Mist vor Sonnenaufgang, also wenn es noch dunkel ist, kräht und dann die Sonne aufgeht, dann kann sich der Hahn einbilden, daß durch sein Krähen die Sonne aufgegangen ist. Ganz gewiß wird dadurch, daß man immer nur Sozialismus und Diktatur des Proletariats kräht, eine neue soziale Ordnung nicht heraufziehen. Diese kommt nur, wenn in einer genügend großen Anzahl von Menschen der Gedanke lebt: Wir müssen arbeiten, um diese neue soziale Ordnung herbeizuführen. Wir müssen aus unserer Mitte heraus diejenigen, zu denen wir Vertrauen haben, wählen, damit auf der Grundlage der vorhandenen wirtschaftlichen Erfahrungen etwas für das wirtschaftliche Leben Ersprießliches zustande kommt, das dann alle bürokratischen Gesetzesvorschläge und dergleichen, nach dem man von anderer Seite her strebt, in den Schatten stellen kann. Ich frage Sie: Schreckt man denn vor solch einer Arbeit zurück, oder warum unterläßt man das Schaffen einer solchen Betriebsräteschaft, die ja wirklich dadurch, daß sie vom Vertrauen der Arbeiter getragen sein wird, ein Machtfaktor wäre? In dem Augenblick, dessen können Sie sich sicher sein, in dem eine solche Betriebsräteschaft neue fruchtbare Gedanken hervorbringt, in diesem Augenblick ist die Betriebsräteschaft auf bestimmten Gebieten die größte Macht. Das ist dann kein Krähen des Hahnes auf dem Mist, der glaubt, daß durch sein Krähen die Sonne aufgeht. Das ist ein Appell, an die Arbeit zu gehen, aber an eine solche Arbeit, von der man weiß, in welchem Sinn sie verlaufen soll.

[ 17 ] Well, I could have a mental image of such fanatics of the “Vonselber-Kommens” theory still believing that social order came about on its own, even though in reality it had to be hard-won. You see, if a rooster crows on the dungheap before sunrise—that is, while it’s still dark—and then the sun rises, the rooster might imagine that his crowing caused the sun to rise. Certainly, merely crowing endlessly about socialism and the dictatorship of the proletariat will not bring about a new social order. This will only come about when a sufficiently large number of people hold the conviction: We must work to bring about this new social order. We must elect from among our own ranks those in whom we have confidence, so that, on the basis of existing economic experience, something fruitful for economic life can be achieved—something that can then overshadow all the bureaucratic legislative proposals and the like that are being pursued from other quarters. I ask you: Do we really shy away from such work, or why do we fail to create such a works council, which—precisely because it will be supported by the trust of the workers—would truly be a force to be reckoned with? You can be certain that the moment such a works council gives rise to new, fruitful ideas, at that very moment the works council will be the greatest power in certain areas. This is not the crowing of a rooster on a dungheap, who believes that his crowing makes the sun rise. It is a call to get to work—but to undertake work whose purpose is clearly understood.

[ 18 ] Sehen Sie, allein aus einer solchen Empfindung heraus könnte, so glaube ich, der neue Geist erblühen. Aber solange dieser neue Geist nicht in den Gemütern lebt, so lange wird nichts Heilsames kommen. Und die jetzige wirtschaftliche Lage ist nun einmal so, daß vor allen Dingen daran gedacht werden muß, wie wir unser Wirtschaftsleben in Mitteleuropa wieder einigermaßen auf die Beine bringen. So werden neue Rohstoffquellen der verschiedensten Art erschlossen werden müssen, insbesondere im Osten. Da wird so manches notwendig sein, was die mitteleuropäische Unternehmerschaft bisher nicht in Angriff genommen hat. Allerdings lassen sich Rohstoffquellen in Sibirien wohl nicht mehr erschließen, denn der Lauf der Welt läßt dies heute nicht zu; das lassen die Amerikaner und die Japaner nicht mehr zu. Da, wo wir wirksam werden können, das ist der gesamte europäische Osten. Aber da wird es darum gehen, daß man den richtigen Ton findet, um mit der russischen Volksseele zusammenzugehen. Das war gerade das Schlimmste an den bisher leitenden industriellen Kreisen, daß sie nie den Ton gefunden haben, um mit anderen Volksseelen eine entsprechende Verbindung einzugehen. Auch deshalb muß ein neuer Geist in unser Wirtschaftsleben hinein. Ansonsten wird uns der Osten die Türe zuschlagen, nämlich vor allem dann, wenn wir mit dem Geiste kommen, den bisher unsere führenden Kreise entwickelt haben. Vor allem sind wir darauf angewiesen, mit dem Osten eine Brüderlichkeit, eine wirtschaftliche Brüderlichkeit zu entwickeln, sonst kommen wir aus der Situation, in die wir hineingeraten sind, niemals heraus.

[ 18 ] You see, I believe that the new spirit could blossom solely out of such a feeling. But as long as this new spirit does not live in people’s minds, nothing beneficial will come of it. And the current economic situation is such that, above all, we must consider how to get our economic life in Central Europe back on its feet to some extent. This will require tapping into new sources of raw materials of all kinds, especially in the East. There will be many things that the Central European business community has not yet undertaken. However, it is probably no longer possible to tap into sources of raw materials in Siberia, for the course of world events does not permit this today; the Americans and the Japanese will no longer allow it. Where we can be effective is throughout the entire Eastern part of Europe. But there, the challenge will be to strike the right note in order to harmonize with the Russian folk-souls. That was precisely the worst aspect of the industrial circles that have led us thus far: they never found the right tone to establish an appropriate connection with other folk-souls. This is another reason why a new spirit must enter our economic life. Otherwise, the East will slam the door in our faces—especially if we approach it with the spirit that our leading circles have developed thus far. Above all, we must develop a brotherhood—an economic brotherhood—with the East; otherwise, we will never emerge from the situation into which we have fallen.

[ 19 ] Ein neuer Geist nach den verschiedensten Richtungen hin ist notwendig! Dieser neue Geist möge in den Herzen und Gemütern aufkeimen, denn wir brauchen ihn. In dem, was ich Ihnen am Anfang vorgelesen habe, in dem können Sie den neuen Geist nicht finden, denn da wird gesagt, «daß wir vor der Revolution im ganzen auf die redliche und sachliche Zuverlässigkeit unserer Regierung vertrauen durften, daß wir in dem vortrefflichen preußischen Beamtenstaat uns das Mitreden ersparen konnten, darin nicht zuletzt wurzelt die geistige Überlegenheit, die Deutschland allgemein, zumal auch in seiner wissenschaftlichen und technischen Entwicklung, während des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen hat. ... Möge der deutsche Geist die Kraft entwickeln, sich durch die häßliche politische Sünd- und Schlammflut wieder zu jenem rühmlichen Staate des Vertrauens durchzuarbeiten, wie ihn uns Preußen die Hohenzollern geschenkt hatten.»

[ 19 ] A new spirit, pointing in all kinds of directions, is necessary! May this new spirit take root in our hearts and minds, for we need it. You will not find this new spirit in what I read to you at the beginning, for it says there, “that before the revolution we could, on the whole, trust in the honest and objective reliability of our government, that in the excellent Prussian civil service we could spare ourselves the need to have a say—and therein lies, not least, the root of the intellectual superiority that Germany generally demonstrated during the nineteenth century, especially in its scientific and technical development. ... May the German spirit develop the strength to work its way through the ugly political flood of sin and mire back to that glorious state of trust, as Prussia under the Hohenzollerns had bestowed upon us.”

[ 20 ] So darf man heute nicht sprechen, das werden Sie einsehen. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ich werde diese Worte nun in eine andere Sprache übersetzen und frage Sie dann, ob man heute so sprechen darf: Daß wir vor der Revolution im ganzen auf die redliche und sachliche Zuverlässigkeit unserer Parteibonzen vertrauen durften, daß wir in dem vortrefflichen Parteibonzen-Bürokratismus uns das Mitreden ersparen konnten, darin nicht zuletzt wurzelt die geistige Überlegenheit, die Deutschland allgemein, nicht aber in seiner sozialdemokratischen und sozialistischen Entwicklung, während des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen hat. Man kann nicht zwei Herren dienen, den Parteibonzen und der Dreigliederung. Die allgemeine Politisierung ist notwendig ein Feind strenger Sammlung und Versenkung in die Hingabe, in die Ergebenheit, in das Parteibonzentum. Möge der soziale Geist die Kraft entwickeln, sich durch die häßliche politische Sünd- und Schlammflut wieder zu jenem rühmlichen Parteiwesen des Vertrauens durchzuarbeiten, wie ihn uns Sozialdemokraten die Parteibonzen geschenkt haben. Sehen Sie, da haben Sie dieselben Gedankenformen nur auf etwas anderes angewendet. Ob man der Professor Roethe ist und so über die Hohenzollern spricht oder ob man irgendein gutgläubiger Parteimann ist und so über die Parteibonzen spricht, beides beruht auf denselben seelischen Empfindungen. Es macht den Menschen nicht freier, wenn er einfach anderen Götzen huldigt! Frei wird man dadurch, daß man sich auf sein eigenes Urteil, auf seine eigene Vernunft und auf seine eigene Empfindung stützt. An diese eigene Empfindung haben wir appelliert. Ich hoffe, daß sich doch noch die Tatsache herausstellt, daß wir nicht vergeblich appelliert haben, denn hätten wir vergeblich appelliert, so würde es schlimm um die Entwicklung des Proletariats stehen.

[ 20 ] One must not speak that way today; you will understand that. But, ladies and gentlemen, I will now translate these words into another language and then ask you whether one is allowed to speak that way today: The fact that, before the revolution, we could generally trust in the honest and objective reliability of our party bigwigs, and that the excellent bureaucracy of the party bigwigs spared us the need to have a say—this is where, not least, the intellectual superiority lies that Germany demonstrated in general—though not in its social-democratic and socialist development—during the nineteenth century. One cannot serve two masters: the party bigwigs and the threefold social order. General politicization is, by its very nature, an enemy of strict discipline and immersion in devotion, in submission, in party bigwigdom. May the social spirit develop the strength to work its way through the ugly political flood of sin and mud back to that praiseworthy party system of trust, just as the party bigwigs have bestowed it upon us Social Democrats. You see, there you have the same patterns of thought applied to something else. Whether one is Professor Roethe speaking this way about the Hohenzollerns or some well-meaning party man speaking this way about the party bigwigs, both are based on the same emotional sentiments. It does not make a person any freer simply to worship other idols! One becomes free by relying on one’s own judgment, one’s own reason, and one’s own feelings. We have appealed to these very feelings. I hope that it will ultimately turn out that our appeal was not in vain, for if it had been in vain, the prospects for the development of the proletariat would be grim.

Diskussion

Discussion

Herr Huch: Der Redner ist mit Herrn Dr. Steiners Ausführungen völlig einverstanden und spricht sein Bedauern darüber aus, daß die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus nicht so aufgenommen wird, wie es nötig wäre. Er sieht die Schuld zum großen Teil bei den Gewerkschaften. Als Mitglied eines Arbeiterausschusses bemerkt auch er, daß das Unternehmertum heute wieder ganz anders auftritt als vor sechs bis acht Wochen.

Mr. Huch: The speaker fully agrees with Dr. Steiner’s remarks and expresses his regret that the idea of the threefold social order is not being received as it should be. He attributes the blame largely to the labor unions. As a member of a workers’ committee, he, too, observes that the business community is behaving quite differently today than it did six to eight weeks ago.

Herr Fischer: Er stellt sich als Gewerkschaftsführer vor und verteidigt die Arbeit der Gewerkschaften gegen den Herrn Vorredner. Es liege, so führt er aus, an den Arbeitern selbst, wenn die Gewerkschaft nicht richtig vorgehe. — Der schlechte Besuch der heutigen Versammlung hängt wohl auch damit zusammen, daß die Arbeiter mißtrauisch sind gegen alles, was von Philosophen, Theosophen und Kommerzienräten kommt. — Bezüglich der Betriebsräte tadelt Herr Fischer, daß sich auch die Betriebsräte in Deutschland zersplittern. Wenn jetzt in verschiedenen Städten unabhängig voneinander und von verschiedenen Branchen ausgehend Konkurrenzen stattfinden über Betriebsräte, so ist das ein großer Fehler. Der Redner bekennt sich als Anhänger der Betriebsräte. In dem Augenblick, wo die Parteien und die Gewerkschaften sich überlebt haben, müssen sie selbstverständlich hinweggefegt werden; es fragt sich nur noch, was wir an deren Stelle setzen. Man muß sich darüber im klaren sein, daß man so ohne weiteres die Organisationen, die bisher das Vertrauen der Massen hatten, nicht auf die Seite werfen kann. -— Der Redner kann sich nicht denken, wie in einer Betriebsräteschaft Einigkeit herrschen soll, wo doch dort Menschen der verschiedensten wirtschaftlichen und politischen Anschauungen sitzen werden. Wenn praktische Sozialisierung getrieben werden soll, dann muß man damit anfangen, Produktionsmittel sowie Grund und Boden den Ausbeutern aus den Händen zu nehmen und sie in den Besitz der Gesellschaft überzuführen, weil die Macht der Kapitalisten auf dem Besitz dieser Mittel beruht. - Der Redner bittet Herrn Dr. Steiner, ihm den Weg anzugeben, wie die Betriebsräte diese Aufgabe lösen können. Ferner wird Herr Dr. Steiner gebeten, Aufschluß zu geben darüber, wie seiner Meinung nach die Betriebsräte in die Lage versetzt werden können, um den Bedarf festzustellen. Denn solange der Arbeiter fragen muß: Habe ich genug zum Leben? -, so lange wird er sich nicht mit hohen geistigen Problemen beschäftigen. Die ausgehungerten Massen lechzen nach Brot, nicht nach geistigen Idealen. Erst wenn wieder Nahrung da ist, wird auch geistige Spannkraft dasein. Die große Masse wird sicher nicht um Arbeit winseln und betteln, sondern sie wird die Gesellschaft zum Teufel jagen. Die Auseinandersetzung des Proletariats mit den Kapitalisten wird nicht in Form von schönen Vorträgen vor sich gehen, sondern in der Form, daß Gewalt angewendet werden muß.

Mr. Fischer: He introduces himself as a union leader and defends the work of the unions against the previous speaker. He explains that if the union is not proceeding correctly, it is the workers’ own fault. — The poor turnout at today’s meeting is likely also due to the fact that workers are suspicious of anything that comes from philosophers, theosophists, and commercial councilors. — Regarding works councils, Mr. Fischer criticizes the fact that works councils in Germany are also becoming fragmented. If there is now competition over works councils taking place in various cities independently of one another and originating from different industries, that is a major mistake. The speaker declares himself a supporter of works councils. The moment the political parties and the unions have outlived their usefulness, they must of course be swept aside; the only question remaining is what we will put in their place. One must realize that one cannot simply cast aside the organizations that have thus far enjoyed the trust of the masses. — The speaker cannot imagine how unity is to prevail in a works council system, given that it will be composed of people with the most diverse economic and political views. If practical socialization is to be pursued, then we must begin by taking the means of production and land out of the hands of the exploiters and transferring them to the ownership of society, because the power of the capitalists is based on their ownership of these means. — The speaker asks Dr. Steiner to explain how the works councils can accomplish this task. Furthermore, Dr. Steiner is asked to explain how, in his opinion, works councils can be enabled to determine what is needed. For as long as the worker must ask, “Do I have enough to live on?”—he will not concern himself with lofty intellectual problems. The starving masses crave bread, not intellectual ideals. Only when food is available again will intellectual vitality also return. The vast masses will certainly not whine and beg for work; rather, they will send society to hell. The proletariat’s confrontation with the capitalists will not take the form of elegant speeches, but will require the use of force.

Ein weiterer Diskussionsredner: Der Gedanke des Herrn Dr. Steiner, daß wir uns nach dem Osten hin orientieren müssen, deckt sich mit dem, was auch ich in einer Versammlung ausgeführt habe. Auch ich habe gesagt, daß aus dem Osten das Neue kommt; dort ist eine neue Gesellschaftsform entstanden, vielleicht noch nicht so, wie sie sein soll, aber von dort kommt das Neue, und wir müssen uns nach dorthin orientieren. Was erleben wir? Unsere Regierung hat nichts anderes gewußt, als ängstlich nach dem Westen zu sehen und darauf zu achten, daß nichts anderes geschieht, als was der Entente lieb ist. Das ist das ganze Übel, mit dem wir es heute zu tun haben. An die Stelle des deutschen Kapitalismus ist eben der Entente-Kapitalismus getreten, und wir werden sehr schwere Kämpfe hinter uns zu bringen haben, wenn wir diesen Entente-Kapitalismus aus der Welt schaffen wollen. Diesen Weg zu weisen ist noch niemandem gelungen. Wenn es Dr. Steiner gelingt, wird die Arbeiterschaft ihm folgen.

Another speaker in the discussion: Dr. Steiner’s idea that we must orient ourselves toward the East is in line with what I, too, have explained in a gathering. I, too, have said that the new is coming from the East; a new form of society has emerged there—perhaps not yet exactly as it should be—but the new is coming from there, and we must orient ourselves toward it. What are we witnessing? Our government has known nothing else but to look fearfully toward the West and to ensure that nothing happens other than what pleases the Entente. That is the root of all the evil we are facing today. Entente capitalism has simply taken the place of German capitalism, and we will have to wage very difficult struggles if we want to do away with this Entente capitalism. No one has yet succeeded in showing the way forward. If Dr. Steiner succeeds, the working class will follow him.

[ 21 ] Rudolf Steiner: Ich will zunächst einige Bemerkungen vorausschikken, bevor ich auf die Worte des Herrn Vorredners zurückkomme.

[ 21 ] Rudolf Steiner: I would like to make a few preliminary remarks before I return to the remarks of the previous speaker.

[ 22 ] Zunächst wurde gesagt, daß die Arbeiterschaft stark voreingenommen sei gegen die Dreigliederung, da sie eben ausgehe von Philosophen, Kommerzienräten und dergleichen. Die Sache stimmt ja gar nicht, sondern die Wahrheit ist, daß die Arbeiterschaft zu Beginn unserer Tätigkeit gar nicht sehr voreingenommen war. Vielmehr hat sich herausgestellt, daß wir Tausende und aber Tausende von Anhängern fanden für das, was wir nicht als eine utopistische Idee verbreiten, sondern als etwas, was unmittelbar Tat-Keimgedanken sind, wie ich sie damals genannt habe. Die Arbeiter haben sich dazumal einen Teufel darum geschert, ob diese Gedanken von Philosophen oder Kommerzienräten kommen, sondern sie haben sich auf ihren gesunden Menschenverstand verlassen und zugehört. Und diejenigen, die voreingenommen waren, die pfiffen von einer ganz anderen Seite her. Und die haben es dahin gebracht, daß diese Voreingenommenheit erst nach und nach entstanden ist. Also, die Sache ist eine ganz andere.

[ 22 ] At first, it was said that the working class was strongly prejudiced against the threefold social order, since it was conceived by philosophers, commercial councilors, and the like. That is not true at all; the truth is that, at the beginning of our work, the working class was not very prejudiced at all. Rather, it turned out that we found thousands upon thousands of supporters for what we do not promote as a utopian idea, but as something that is, as I called it at the time, “seeds of action.” Back then, the workers didn’t care one bit whether these ideas came from philosophers or commercial councilors; instead, they relied on their common sense and listened. And those who were prejudiced were coming from a completely different angle. And they managed to ensure that this prejudice only developed gradually. So, the situation is quite different.

[ 23 ] Obwohl der Herr Vorredner die ja wirklich einige bessere Züge zeigende Bewegung der kaufmännischen Angestellten, die es verdiente, von der übrigen Arbeiterschaft etwas genauer studiert zu werden, richtig charakterisiert hat, lassen seine Worte doch erkennen, daß ihm das, was die Dreigliederung im allgemeinen ist und was sie im besonderen mit der Gründung einer Betriebsräteschaft will, ganz und gar unbekannt ist. Denn das ist es ja gerade, was am schärfsten von seiten der Dreigliederung des sozialen Organismus bekämpft werden muß, nämlich daß diese Zersplitterung eintritt. Es war niemals unser Bestreben, lediglich Betriebsräte für irgendwelche Branchen zu schaffen beziehungsweise innerhalb der Betriebsräteschaft zu individualisieren. Wie oft ist gesagt worden: Wenn Betriebsräte für die einzelnen Branchen geschaffen werden, so ist das das Gegenteil dessen, was im Rahmen einer wirklichen Sozialisierung angestrebt werden muß. Wir haben immer eine Betriebsräteschaft angestrebt, die sich einheitlich über ein größeres, in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet erstreckt. Und erst aus einer solchen Betriebsräteschaft sollte dann alles, was zur Individualisierung notwendig ist, hervorgehen. Daß die Sache die Gestalt angenommen hat, daß in einzelnen Branchen mehr Eifer gezeigt wird als in anderen, das hat nichts zu tun mit der Betriebsräteschaft, wie sie hätte von der Dreigliederungsidee her entstehen sollen.

[ 23 ] Although the previous speaker correctly characterized the movement of commercial employees—which does indeed exhibit some positive traits and deserves to be studied more closely by the rest of the working class—his words nevertheless reveal that he is completely unaware of what the threefold social order is in general and what it specifically aims to achieve through the establishment of a works council system. For that is precisely what must be most vigorously opposed by the threefold social order: namely, that this fragmentation should occur. It has never been our aim merely to create works councils for specific industries or to fragment the works council system into separate entities. How often has it been said: If works councils are created for individual industries, this is the opposite of what must be strived for within the framework of true socialization. We have always strived for a system of works councils that extends uniformly across a larger, self-contained economic region. And it is only from such a system of works councils that everything necessary for individualization should then emerge. The fact that the situation has taken the form where more enthusiasm is shown in certain industries than in others has nothing to do with the works council system as it should have emerged from the idea of social threefolding.

[ 24 ] Ja, und dann brachte der Vorredner noch das Argument, daß man damit anfangen müßte, die Produktionsmittel sowie Grund und Boden in den Besitz der Gesellschaft überzuführen. Versuchen Sie nur einmal das, was mit diesem nebulosen Satz eigentlich gemeint ist, konsequent zu Ende zu denken! Bedenken Sie einmal, was eine solche Forderung praktisch bedeutet! — Ich möchte da noch an etwas anknüpfen. In irgendeiner Stadt, ich glaube, es war in Göppingen, sprach ich einmal über diese Dinge, und nach mir sprach ein Mann, der von einem gewissen Gesichtspunkte aus eigentlich ganz gut sprach. Er war wohl Kommunist. Er sagte, er sei Schuhflicker. Zunächst hat er sehr gut gesprochen, aber dann kam etwas Merkwürdiges, er sagte: Ja, das weiß ich schon, daß ich, nachdem ich nichts gelernt habe, kein Standesbeamter werden kann, dazu braucht man Intelligenz. -— Nun, verzeihen Sie, dazu gehört wohl nicht so sehr viel Verstand, aber sehr viel Verstand und sehr viel Einsicht gehört zu dem, was dieser Mann wissen wollte über die Eroberung politischer Macht und dergleichen. Diese Dinge müssen ins Auge gefaßt werden.

[ 24 ] Yes, and then the previous speaker also raised the argument that we would have to begin by transferring the means of production, as well as land, into the possession of society. Just try to think through to its logical conclusion what this vague statement actually means! Consider for a moment what such a demand would mean in practice! — I’d like to pick up on something here. In some city—I think it was Göppingen—I once spoke about these matters, and after me, a man spoke who, from a certain point of view, actually made some good points. He was probably a Communist. He said he was a cobbler. At first he spoke very well, but then something strange happened; he said: “Yes, I know full well that since I haven’t received any formal education, I can’t become a registrar—you need intelligence for that.” — Well, forgive me, but that probably doesn’t require all that much intelligence; however, a great deal of intelligence and a great deal of insight are required for what this man wanted to know about the conquest of political power and the like. These things must be taken into account.

[ 25 ] Nun, es handelt sich doch konkret um die Frage, wie sich die grundsätzlich ja richtige Forderung nach einer Überführung der Produktionsmittel sowie des Grund und Bodens in die Allgemeinheit vollziehen läßt. Es müssen natürlich dann auch die Menschen vorhanden sein, die die Produktionsmittel sowie Grund und Boden sachgemäß werden verwalten können. Die Sache ist ja so: Dasjenige, was bisher die kapitalistische Produktionsform war, das hat eine ganz bestimmte Konfiguration; dazu war eine ganz bestimmte Art der Handhabung notwendig. Diese muß umgewandelt werden in eine andere Handhabung, und diese muß erst geschaffen werden. Sie können heute, bevor Sie nicht konkrete Ansätze haben bezüglich der Verwaltung der Produktionsmittel sowie des Grund und Bodens, nicht einfach die Überführung der Produktionsmittel und so weiter in die Allgemeinheit fordern! Das ist ja dann dasjenige, was die Betriebsräte dann ja ganz praktisch in die Hand nehmen sollen. Man kann nicht mit Sätzen, mit Theorien etwas revolutionieren, sondern nur mit Menschen, und diese Menschen hätten die Betriebsräte sein sollen, und zwar die einheitliche, nicht die zersplitterte Betriebsräteschaft. Das ist es, worum es sich handelt. Man kommt nicht weiter, wenn man immer wieder sagt, daß die Vorschläge der Philosophen und Kommerzienräte aus den Wolken kommen, und diesem dann eine sogenannte Praxis entgegenstellt, die noch viel nebuloseren Regionen entsprungen ist, weil es sich dann zeigt, daß man überhaupt nicht sagen kann, wie sich solche Dinge wirklich vollziehen lassen. Aber gerade um dieses «Wie» handelt es sich ja. Dieses «Wie» ist ausgearbeitet in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage»; man braucht sie nur zu verstehen, darum geht es.

[ 25 ] Well, the specific question at hand is how to implement the demand—which is fundamentally correct—to transfer the means of production and land to the public. Of course, there must also be people who can properly manage the means of production and land. The fact is: The capitalist mode of production that has existed until now has a very specific structure; it required a very specific way of managing things. This must be transformed into a different way of managing things, and that way must first be created. Today, until you have concrete plans regarding the administration of the means of production and land, you cannot simply demand the transfer of the means of production and so on to the public! That is precisely what the works councils are supposed to take in hand in a very practical way. You cannot revolutionize anything with slogans or theories, but only with people—and those people should have been the works councils, specifically a unified body, not a fragmented collection of works councils. That is what this is all about. We won’t get anywhere if we keep saying that the proposals of philosophers and commercial councilors are pie-in-the-sky, and then counter them with so-called “practice” that has sprung from even more nebulous realms—because it then becomes clear that we cannot say at all how such things can actually be carried out. But it is precisely this “how” that is at issue. This “how” is elaborated in my book The Key Points of the Social Question; one need only understand it—that is what matters.

[ 26 ] Ja, und dann ist auch schon wiederholt gesagt worden, daß wir erst die Wirtschaftsordnung ändern müssen. Das Geistige wird dann schon von selbst entstehen. — Das wird es nicht. Wir brauchen bereits diesen neuen Geist, um die Wirtschaftsform zu ändern. Und man redet gerade dann unpraktisch, nebulos, wenn man immer wieder sagt: Wir ändern die Wirtschaftsform, dann kommt der neue Geist schon von selbst. Nein, Sie brauchen den neuen Geist, um damit die Wirtschaftsform zu ändern. Deshalb sage ich Ihnen: Meinetwillen jagen Sie die ganze Gesellschaft nach den Worten des verehrten Vorredners — weg, aber machen Sie sich dann auch klar, was Sie zu tun haben, wenn Sie die alte Gesellschaft weggejagt haben. Wissen Sie, was Sie dann machen wollen? Sie können ja nicht dasselbe machen, sonst brauchten Sie sie nicht zu verjagen. Wenn Sie die ganze Wirtschaft zentralisieren und Oberbonzen über Oberbonzen hinstellen, glauben Sie, daß dadurch etwas verbessert wird? Das möchte ich sehen, ob etwas für die arbeitende Masse besser wird, wenn Sie nun die ranghöchsten Gewerkschaftsbonzen statt der Kapitalisten und Unternehmer an die obersten Stellen setzen würden. Das ist das, was Sie sich überlegen sollen. Das ist eben das, was sich aus praktischen Überlegungen ergab, so sympathisch mir auch der ganze Ton des Herrn Vorredners war. Aber es ist noch nicht verstanden worden, um was es wirklich geht, denn alles das, was in der optischen Industrie, in der Autoindustrie und dergleichen geschieht, ist das Gegenteil von dem, was hier propagiert wird. Und deshalb genügt es nicht, nur Wege zu zeigen, sondern es muß ein wirkliches Verständnis in der breiten Arbeiterschaft Platz greifen und dann in der konkreten Praxis zur Entfaltung gebracht werden. Deshalb glaube ich meinerseits sagen zu müssen, wenn gesagt wird: Der Steiner zeigt uns die Wege -, daß es nichts nützen wird, daß ich diese Wege zeige, solange immer wieder große Massen vom Verständnis abgehalten werden dadurch, daß immer wieder Leute kommen, die diesen Weg noch nicht verstanden haben und dann vom Gegenteil reden, wie es eben wieder geschehen ist, und dann sagen: Wenn uns die Wege gezeigt werden, werden wir ihnen folgen; ich lasse mich gerne belehren. - Wenn aber etwas gezeigt wird, dann wendet man ein, daß es nichts ist. Nein, solange dies der Fall ist, kommen wir nicht vorwärts. Wir kommen nur vorwärts, wenn wir uns einen Instinkt für das Richtige aneignen. Und das ist es, was wir vom «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» vermissen. Zunächst haben wir einen gewissen gesunden Masseninstinkt gefunden, dann aber haben wir erfahren müssen, daß der Gehorsam gegenüber den alten Führern doch ein großer ist. An der Entstehung eines gesunden Instinktes werde ich nicht zweifeln, aber er wird erst hervortreten, wenn nicht mehr jene Redner gegenüber den Massen auftreten, die, ohne ausreichend in die Sache einzudringen, einfach reden und die Massen davon abhalten, weitere Schritte zu tun, ja im Gegenteil sie immer wieder zum alten Gehorsam und zu zweifelhaften Ideen zurückbeziehungsweise hinführen, indem sie immer wieder sagen: Macht ruhig Betriebsräte; sie werden doch wieder zersplittern.

[ 26 ] Yes, and it has also been said repeatedly that we must first change the economic system. The spiritual aspect will then arise on its own. — It won’t. We already need this new spirit in order to change the economic system. And people speak in an impractical, vague way precisely when they keep saying: “We’ll change the economic system, and then the new spirit will emerge on its own.” No, you need the new spirit in order to change the economic system. That is why I say to you: For all I care, drive the entire society away—as the esteemed previous speaker suggested—but then you must also be clear about what you have to do once you’ve driven the old society away. Do you know what you’ll do then? You can’t just keep doing the same thing—otherwise, there’d be no point in getting rid of them. If you centralize the entire economy and stack the top positions with one bigwig after another, do you really think that will improve anything? I’d like to see whether things would actually get better for the working masses if you were to put the highest-ranking union bigwigs in the top positions instead of the capitalists and entrepreneurs. That is what you should consider. That is precisely what emerged from practical considerations, as much as I appreciated the overall tone of the previous speaker. But what is really at stake has not yet been understood, for everything that is happening in the optical industry, the automotive industry, and the like is the exact opposite of what is being advocated here. And that is why it is not enough merely to point out paths; rather, a genuine understanding must take root among the broad working class and then be put into concrete practice. That is why I feel I must say, when it is said, “Steiner shows us the way”—that it will be of no use for me to point out these paths as long as large masses are repeatedly prevented from understanding them because people keep coming along who have not yet grasped this path and then speak of the opposite, as has just happened again, and then say: “If the paths are shown to us, we will follow them; I am happy to be taught.” —But when something is shown, people object that it is nothing. No, as long as this is the case, we will not make any progress. We will only make progress if we develop an instinct for what is right. And that is what we find lacking in the “League for the Threefold Social Order.” At first, we found a certain healthy instinct among the masses, but then we had to learn that obedience to the old leaders is, after all, very strong. I will not doubt that a healthy instinct will emerge, but it will only come to the fore when the masses are no longer addressed by those speakers who, without delving sufficiently into the matter, simply talk and prevent the masses from taking further steps—indeed, on the contrary, repeatedly lead them back to the old obedience and to dubious ideas by saying over and over again: “Go ahead and form works councils; they’ll just fall apart again.”

[ 27 ] Wenn wirklich das, was wir angestrebt haben, verwirklicht worden wäre, dann würden wir keine Zersplitterung haben, sondern eine einheitliche Gestaltung der wirtschaftlichen Belange innerhalb der Betriebsräteschaft in die Zukunft hinein, zumindest für Württemberg. Das würde dann anfeuernd wirken für andere und über dieses Wirtschaftsgebiet hinaus wirksam werden können.

[ 27 ] If what we had been striving for had truly been achieved, then we would not have fragmentation, but rather a unified approach to economic issues within the works council movement going forward—at least for Württemberg. This would then serve as an inspiration for others and could have an impact beyond this economic region.

Herr Fischer: Er stellt fest, daß sich seine Kritik an den Betriebsräten nicht gegen Herrn Dr. Steiner gerichtet habe, sondern gegen die eingangs von dem Vorsitzenden gemachten Ausführungen ... Ich habe gesagt: Ich bin überzeugt, daß die Ideen, die Dr. Steiner ausgearbeitet und in die Massen getragen hat, andere waren. Es ist aber etwas anderes propagiert worden, als es sich in der Praxis gezeigt hat. — Herr Dr. Steiner hat gesagt, daß die Vergesellschaftung der Produktionsmittel eine Phrase sei und daß nachher niemand da wäre, der wissen würde, wie die Produktionsmittel dann zu verwalten wären. - Es wäre doch traurig, wenn die Arbeiter und die Angestellten, die seither die Arbeit gemacht haben, nicht wüßten, was sie mit den Produktionsmitteln anzufangen hätten! Ich verstehe darunter, daß man die Aktionäre aus der Welt schafft und sagt: Die Aktien haben keinen Wert mehr. Die Sache geht in den Besitz der Allgemeinheit über und wird von der Allgemeinheit verwaltet. - Herr Dr. Steiner stellt geistige Ideen über alles. Die Arbeiterschaft will aber heute nur Brot, weil sie körperlich heruntergekommen ist und nicht in der Lage ist, geistige Ideen anzunehmen. Ich bitte Herrn Dr. Steiner, darauf einzugehen und zu zeigen, wie den Massen diese Ideen zugänglich gemacht werden können mit hungrigem Magen.

Mr. Fischer: He states that his criticism of the works councils was not directed at Dr. Steiner, but rather at the remarks made by the chairman at the outset ... I said: I am convinced that the ideas Dr. Steiner developed and brought to the masses were different. However, what was propagated was different from what turned out to be the case in practice. — Dr. Steiner said that the socialization of the means of production was just a catchphrase and that afterward there would be no one left who knew how to manage the means of production. - It would be a sad state of affairs if the workers and employees who have been doing the work all this time did not know what to do with the means of production! By this I mean that shareholders are eliminated and it is declared: The shares no longer have any value. The assets pass into the possession of the general public and are managed by the general public. - Dr. Steiner places spiritual ideas above all else. But today the working class wants only bread, because it is physically worn down and unable to embrace spiritual ideas. I ask Dr. Steiner to address this and show how these ideas can be made accessible to the masses when their stomachs are empty.

[ 28 ] Rudolf Steiner: Das ist eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Denken Sie, es wird auf der einen Seite gesagt: Wir können die Produktionsmittel in die Allgemeinheit überführen. -— Nun, eine wirklich konkrete Körperschaft, die diese Allgemeinheit repräsentieren würde, das wären eben die Betriebsräte. Solch eine Körperschaft aber muß erst geschaffen werden, sie ist nicht da! Gewiß, die große Masse ist durch den Hunger geschwächt. Aber sollen wir denn warten, bis Manna vom Himmel fällt, damit Brot da ist und dann sozialisiert werden kann? Das ist eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Wir müssen selbstverständlich beides zur gleichen Zeit anstreben, und wir werden nichts erreichen, wenn wir nicht alle zusammenarbeiten, denn das Manna wird nicht einfach vom Himmel fallen. Es muß gearbeitet werden! Alle werden wir arbeiten müssen, aber wir werden doch nur wirklich arbeiten wollen, wenn wir sehen, was bei dieser Arbeit herauskommt. Wir werden selbst noch mit geschwächten Muskeln, mit hungrigem Magen arbeiten, wenn wir wissen: Morgen führt unsere Arbeit zu einem Ergebnis. -— Aber wenn uns immer nur gesagt wird, es soll sozialisiert werden, dann werden wir auch mit hungrigem Magen nicht arbeiten können, weil wir wissen, daß wir auch morgen nicht satt werden, wenn wir nicht mit praktischen Ideen arbeiten.

[ 28 ] Rudolf Steiner: That’s a snake biting its own tail. Consider this: on the one hand, it is said, “We can transfer the means of production to the community.” — Well, a truly concrete body that would represent this public interest would be the works councils. But such a body must first be created; it doesn’t exist yet! Certainly, the masses are weakened by hunger. But are we supposed to wait until manna falls from heaven so that there is bread, which can then be socialized? That’s a snake biting its own tail. Of course, we must strive for both at the same time, and we will achieve nothing unless we all work together, because the manna will not simply fall from the sky. Work must be done! We will all have to work, but we will only truly want to work if we see the results of that work. We will work even with weakened muscles and hungry stomachs if we know that tomorrow our work will yield a result. — But if we’re always just told that things should be socialized, then we won’t be able to work even on an empty stomach, because we know that we won’t be fed tomorrow either if we don’t work with practical ideas.

[ 29 ] Es kommt also heute darauf an, daß wir uns auf dieses einlassen und zudem sagen: Nun schön, die alte Gesellschaft wurde ja am 9. November in großen Scharen davongejagt [...] Der Herr Vorredner, der überhaupt sehr Gutes gesagt hat, hat dann sehr gut geschildert, was dann eingetreten ist. Ich will jetzt nicht untersuchen, wieviel von dem, was da eingetreten ist, auf Unfähigkeit zurückzuführen ist. Ich führe nämlich mehr auf die Unfähigkeiten der heute Herrschenden zurück als auf ihren bösen Willen. Aufgrund dieser Unfähigkeit kommt auch immer wieder das, was eigentlich überwunden werden sollte, zum Zuge. Das muß vermieden werden. Ob nun mit oder ohne Gewalt diese Gesellschaft, von der heute die Rede war, davongejagt wird, das ist eine andere Frage. Aber diejenigen, die sich an deren Stelle setzen, die müssen wissen, was sie wollen. Das allein ist praktisch gedacht. Und das ist das Bestreben des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus», daß der 9. November keine Wiederholung findet und daß nicht nach ein paar Monaten wieder gesagt werden muß: Nun seht Ihr, nun haben wir überall im wirtschaftlichen Leben ein anderes Regime, aber das macht es geradeso wie das frühere. — Das muß verhindert werden. Das kann aber nur dadurch verhindert werden, daß man eine Betriebsräteschaft auf die Beine stellt und dann zeigt, daß unter dem neuen Regime eben anders gearbeitet wird. Natürlich, wenn unter der arbeitenden Bevölkerung, unter den Angestellten sich keine Menschen finden lassen könnten, die wirklich arbeiten können, dann müßte man in der Tat verzweifeln. Aber das ist es nicht allein. Wesentlich ist, daß dann neue Formen der Sozualisierung sichtbar werden. Die Leute sind ja alle gewöhnt, unter dem alten Regime irgendwie zu arbeiten. Deshalb muß nun, wenn die Macht errungen ist, von denen, die sie errungen haben, wirklich erkannt werden, wie man mit dieser Macht umzugehen hat. Also, es handelt sich darum, die Sache einmal wirklich praktisch anzufassen. Und das ist das Traurige, daß man gerade für ein solches praktisches Vorgehen heute kein Verständnis hat und immer wieder mit alten Phrasen kommt. Mißverstehen Sie mich nicht, ich sage nicht, daß die Überführung der Produktionsmittel sowie des Grund und Bodens in die Gemeinschaft eine Phrase als solche ist. Das habe ich nicht gesagt. Aber Phrase, was ist eine Phrase? Etwas ist für den einen eine Phrase, weil er hinter den Worten nichts Besonderes sehen kann, während es für den anderen eine tiefe goldene Wahrheit ist, weil er etwas Konkretes dahinter sieht. Wenn zum Beispiel Bethmann-Hohlkopf, ich will sagen, Bethmann-Hollweg, sagt: Freie Bahn dem Tüchtigen! -, so ist das eine Phrase, weil er vielleicht darunter versteht, daß zum Beispiel sein Neffe oder ein anderer der Tüchtigste ist. Wenn aber jemand, der wirkliche soziale Einsichten und eine wirkliche Menschenempfindung hat, sagt: Freie Bahn dem Tüchtigen! -, so ist das keine Phrase, so ist das real. Wenn jemand einfach die alte Parteiphrase von der Vergesellschaftung der Produktionsmittel immer wieder benutzt, dann kann es eine reine Phrase sein. Wenn derjenige es sagt, der es so charakterisiert, wie es in meinem Buch steht, dann ist es keine Phrase, dann ist es Ausdruck für eine Realität. Deshalb müssen Sie nicht glauben, daß, wenn ich etwas eine Phrase nenne, dieses absolut gemeint ist. Ich meine, eine Phrase ist es dann, wenn hinter dem Gesagten nicht die nötige Realität steht. Das ist es, was ich noch sagen wollte.

[ 29 ] So what matters today is that we engage with this and also say: All right, the old society was driven out in droves on November 9 [...] The previous speaker, who had some very good points to make, then described very well what happened next. I do not wish to examine now how much of what happened can be attributed to incompetence. For I attribute it more to the incompetence of those in power today than to their ill will. Because of this incompetence, what should actually have been overcome keeps coming back into play. That must be avoided. Whether this society, which was discussed today, is driven out with or without force is another question. But those who take their place must know what they want. That alone is the practical consideration. And it is the aim of the “Federation for the Threefold Social Order” to ensure that November 9 is not repeated and that, after a few months, we do not have to say again: “Well, you see, we now have a different regime throughout economic life, but it’s just the same as the previous one.” — That must be prevented. But this can only be prevented by establishing a system of works councils and then demonstrating that work is indeed done differently under the new regime. Of course, if no one could be found among the working population—among the employees—who is truly capable of working, then one would indeed have cause to despair. But that is not the only issue. What is essential is that new forms of socialization then become visible. People are, after all, all accustomed to working in one way or another under the old regime. That is why, now that power has been won, those who have won it must truly recognize how to handle this power. So, the point is to tackle the matter in a truly practical way. And that is the sad part—that people today have no understanding of precisely such a practical approach and keep coming up with the same old platitudes. Don’t misunderstand me; I’m not saying that the transfer of the means of production and of land into the community is a cliché in and of itself. I didn’t say that. But what is a cliché? Something is a cliché to one person because they can’t see anything specific behind the words, while to another it is a profound, golden truth because they see something concrete behind it. For example, when Bethmann-Hohlkopf—I mean, Bethmann-Hollweg—says, “Clear the way for the capable!”—that is a cliché, because he perhaps means that, for example, his nephew or someone else is the most capable. But when someone who has genuine social insight and a genuine sense of humanity says, “Make way for the capable!”—that is not a cliché; that is real. If someone simply keeps repeating the old party slogan about the socialization of the means of production, then it can be a mere cliché. But if the person saying it characterizes it as it is described in my book, then it is not a cliché; it is an expression of reality. That is why you should not assume that whenever I call something a cliché, I mean it in an absolute sense. I mean that it is a cliché when the necessary reality does not underlie what is said. That is what I wanted to add.

Herr Roser: Der Herr Vorredner befindet sich in einem Irrtum, wenn er meint, daß ich die Betriebsräte in der Schuhindustrie deshalb begrüßt hätte, weil sie sich separat gebildet haben. Ich wollte nur feststellen, daß die Lederindustrie die Dreigliederung des sozialen Organismus erfaßt hat. Ich muß feststellen, daß die Betriebsräte der Schuhwarenindustrie sich fest auf dem Boden der Dreigliederung gebildet hat; nur deshalb habe ich die Sache begrüßt. An einem Punkt muß doch der Anfang gemacht werden.

Mr. Roser: The previous speaker is mistaken if he believes that I welcomed the works councils in the shoe industry simply because they formed separately. I merely wanted to point out that the leather industry has embraced the threefold social order. I must note that the works councils in the footwear industry have been firmly established on the basis of the threefold social order; that is the sole reason I welcomed this development. We have to start somewhere.

Frau Bühl: Ich möchte dem Herrn Fischer doch sagen, daß der Herr Gewerkschaftssekretär gesagt hat: Ohne Gesetz keine Betriebsräte; das Gesetz muß erst geschaffen werden. Die Hauptschuld, daß wir noch keine Betriebsräte haben, liegt bei den Parteien. Es ist eine Schande, daß, wenn man an Versammlungen ist und von seiner Überzeugung spricht, es dann gleich heißt: Das ist auch so eine von denen von Dr. Steiner. - Warum darf man denn nicht einmal seine Überzeugung zum Ausdruck bringen? - Und dann kommt man uns immer mit den «Kommerzienräten»! Warum sprechen Sie immer in der Mehrzahl? Ich kenne bloß einen Kommerzienrat bei uns, und es wäre kein Fehler, wenn wir deren ein paar Dutzend hätten. Was der eine Kommerzienrat schon alles geschaffen hat! Erstmal die freie Schule. Es ist eine Schande, wenn man hört, wie die Sache beurteilt wird. Es ist doch gut, wenn Kommerzienräte es so machen. Ich kann keine Schule aufmachen. Das ist das dumme Mißtrauen bei der Arbeiterschaft und bei den Parteien. [Zuruf: Woher hat er das Geld?] Der eine macht sein Portemonnaie auf, der andere macht es nicht auf; das ist der Unterschied. Wenn ein Mensch sozial denkt und eine Empfindung hat für seine Arbeiter, das ist die Hauptsache!

Ms. Bühl: I would like to tell Mr. Fischer that the union secretary said: “No works councils without a law; the law must first be enacted.” The main blame for the fact that we do not yet have works councils lies with the political parties. It’s a shame that when you’re at meetings and speak your convictions, people immediately say, “That’s just another one of Dr. Steiner’s ideas.”—Why can’t we even express our convictions?—And then they’re always bringing up the “Kommerzienräte”! Why do you always speak in the plural? I know of only one Kommerzienrat among us, and it wouldn’t be a bad thing if we had a few dozen of them. Just look at everything that one Kommerzienrat has already accomplished! First of all, the free school. It’s a shame to hear how people judge the matter. It’s a good thing when Kommerzienräte do things this way. I can’t open a school. That’s the foolish mistrust among the working class and the political parties. [Interjection: Where does he get the money?] One person opens his wallet, the other doesn’t; that’s the difference. If a person thinks socially and has compassion for his workers, that’s the main thing!

Herr Huth: Die Ausführungen des Herrn Fischer rufen mich auf den Plan. Ich will ihm zunächst gern bestätigen, weil ich ihn kenne, daß er nicht zu denjenigen Gewerkschaftsbonzen zählt, die sich im Geiste eines Legien bewegen, sondern zu denen, die im Sinne einer wirklich revolutionären Arbeiterschaft tätig sind. Wenn er aber kritisiert, daß sich in der Schuhindustrie Betriebsräte gebildet und sich zusammengeschlossen haben, und wenn er damit feststellen will, daß damit eine Zersplitterung stattfinden würde, weil noch andere Berufszweige Betriebsräte haben, so muß ich ihn eines anderen belehren. Wir haben ja in der Schuhindustrie, als wir unsere Betriebsräte wählten, ziemlich lange gewartet, bis auch die Metallindustrie hier dazu übergehen würde, ihre Betriebsräte zu wählen, um mit denen zusammen eine Betriebsräteschaft im Sinne der Dreigliederung zu bilden. Nachdem aber die Zeit verstrichen ist, und zwar durch die Schuld der proletarischen Parteien, und in den anderen Berufen die Sache noch nicht soweit gediehen ist wie bei der Schuhindustrie, haben wir uns sagen müssen: Es hat keinen Sinn, wenn wir uns nicht zusammenfinden und aus uns heraus praktische Arbeit leisten. Wir müssen eine Betriebsräteschaft bilden, auch wenn sie noch so klein ist, und dann den Gedanken der Betriebsräteschaft hinaustragen in die Kreise derjenigen Arbeiter, die noch nichts in dieser Richtung unternommen haben.

Mr. Huth: Mr. Fischer’s remarks have prompted me to speak up. First, I would like to confirm—because I know him—that he is not one of those union bigwigs who operate in the spirit of a “Legion,” but rather one of those who work in the spirit of a truly revolutionary working class. However, when he criticizes the fact that works councils have been formed and have joined together in the shoe industry—and when he implies that this would lead to fragmentation because other industries also have works councils—I must set him straight. After all, in the shoe industry, when we elected our works councils, we waited quite a long time for the metal industry to follow suit and elect its own works councils, so that together we could form a federation of works councils in the spirit of the threefold social order. But now that time has passed—through the fault of the proletarian parties—and the situation in other professions has not yet progressed as far as it has in the shoe industry, we have had to conclude: It makes no sense if we do not come together and carry out practical work on our own. We must form a works council, no matter how small it may be, and then carry the idea of the works council out into the circles of those workers who have not yet taken any steps in this direction.

Wir können nicht warten, bis irgendeine Regierung uns die Sozialisierung bringt. Die Befreiung des Proletariats muß vom Proletariat selbst kommen, und wenn es auf einem Wege ist, den ein Philosoph gezeigt hat, wenn der Weg gut ist. Es wurde darauf hingewiesen, daß immer wieder das alte Schlagwort: Wir müssen uns zuerst die politische Macht erobern - in den Köpfen spukt. Das wird den Proletariern immer wieder eingehämmert. Dieses Wort ist tatsächlich eine Phrase, eine Verlogenheitsphrase der Parteien, die sich heute proletarisch nennen, aber nicht wissen, was sie in der gegebenen Stunde zu tun haben. Weil sie das nicht wissen, vertrösten sie das Proletariat immer auf den großen Kladderadatsch, bis wir Zuwachs von Westen bekommen, der uns die politische Macht in die Hand geben wird. - Wir hatten die Macht, aber was haben wir mit ihr getan? Wir haben sie wieder aus der Hand gleiten lassen, weil wir nichts mit ihr anzufangen wußten. Wir müssen dazu übergehen, nicht die politische Macht, sondern die wirtschaftliche Macht zu erobern durch die Betriebsräte. Dann wird uns die Macht nicht mehr aus der Hand gleiten können. Die Betriebsräte, die nur wirtschaftliche Instrumente sein sollen, werden dann ergänzt werden durch politische Räte, durch eine Rechtsorganisation. Wenn wir aber diesen beiden Organisationen nicht auch die geistige Organisation zugesellen, dann werden wir nicht zu gesunden Zuständen kommen, wie es Rußland zeigt. Die Führer der USP haben sich zu einer Zweigliederung schon aufgeschwungen. Aber auch der kulturelle Teil darf nicht vergessen werden!

We cannot wait for some government to bring us socialism. The liberation of the proletariat must come from the proletariat itself—and if it follows a path shown by a philosopher, then so be it, provided the path is sound. It has been pointed out that the old slogan—“We must first seize political power”—keeps haunting people’s minds. This is constantly drummed into the proletariat. This phrase is in fact a cliché, a hypocritical phrase used by the parties that call themselves proletarian today but do not know what they must do at this critical moment. Because they do not know this, they constantly put off the proletariat with talk of grand schemes, until we receive reinforcements from the West that will place political power in our hands. - We had power, but what did we do with it? We let it slip through our fingers again because we didn’t know what to do with it. We must shift our focus from seizing political power to seizing economic power through the works councils. Then power will no longer be able to slip through our fingers. The works councils, which are intended to be merely economic instruments, will then be supplemented by political councils—by a legal organization. But if we do not also combine these two organizations with an intellectual organization, we will not achieve a healthy state of affairs, as Russia demonstrates. The leaders of the USP have already taken the first steps toward a two-pronged structure. But the cultural aspect must not be forgotten either!

Wenn ich Däumig oder Müller lese, muß ich mir sagen: In die Praxis umgesetzt, wird das zur Dreigliederung führen, denn sie haben den kulturellen Teil eigentlich nur vergessen. — Ich bin Mitglied der USP, aber ich scheue mich nicht, den Parteien das Zeugnis auszustellen, daß sie nicht wissen, was zu tun ist. Als Proletarier müssen wir sagen: Wenn ihr es nicht versteht, uns zu führen, dann habt ihr den Platz zu verlassen. — Jede Bewegung hat die Führer, die ste verdient; wir auch. Das Proletariat hat in seiner Gesamtheit noch nicht den Mut aufgebracht, den Führern zu sagen, wer sie sind. Wenn es auch schon reichlich spät ist, so müssen wir die Frage der Betriebsräte trotzdem mit erneuter Energie aufgreifen. Herr Molt: Es ist heute abend wiederholt die Rede von dem gewesen, der zu Ihnen spricht und der, wenn ich so sagen darf, der alten Räteschaft noch angehört. Herr Fischer, dem zu begegnen ich jetzt nicht zum ersten Mal das Vergnügen habe, hat die konkrete Frage an mich gestellt, woher das Geld eigentlich komme, das ich habe. Dieses Geld kommt genau von demselben Kapitalismus her, von dem auch Herr Fischer sein Geld bezieht, also auch aus dem kapitalistischen Wirtschaftskreislauf. Und die Frage ist nur, ob man das Geld, das man auf kapitalistischem Boden erwirbt, für sich behält oder ob man es zurückgibt an die Allgemeinheit. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen! — Früher sagte man: An ihren Früchten. - Wenn man eine Schule begründet, damit der wahre Sozialismus durchgeführt wird, wenn man das, was man erspart hat durch saure Arbeit — wirklich durch Arbeit, nicht durch Kapitalismus —, wenn man das dazu verwendet, daß die heranwachsende Generation auch andere Dinge kennenlernt, als was wir kennengelernt haben, so würde ich eben das die praktische Frucht einer guten Idee nennen. Wenn sie nur deshalb entstanden ist, weil ich während des Krieges den Magen noch etwas besser füllen konnte und dadurch eine gute Idee hatte, dann ist es doch gut, daß die wenigstens da ist. Die Idee scheint eben wirklich dazusein. Und wenn nicht überall gute Ideen sind, dann kann man wenigstens froh sein, daß noch Menschen da sind, die Ideen haben, und die Hauptsache ist, daß sie durchgeführt werden.

When I read Däumig or Müller, I have to tell myself: Put into practice, this will lead to the threefold social order, because they’ve really just forgotten the cultural aspect. — I am a member of the USP, but I do not shy away from telling the parties that they do not know what to do. As proletarians, we must say: If you don’t know how to lead us, then you must step down. — Every movement has the leaders it deserves; so do we. The proletariat as a whole has not yet mustered the courage to tell its leaders who they really are. Even though it is already quite late, we must nevertheless take up the issue of works councils with renewed energy. Mr. Molt: There has been repeated mention this evening of the person speaking to you, who—if I may say so—still belongs to the old council movement. Mr. Fischer, whom I now have the pleasure of meeting for the umpteenth time, asked me the specific question of where the money I have actually comes from. This money comes from exactly the same capitalism from which Mr. Fischer also derives his income—that is, from the capitalist economic cycle. And the only question is whether one keeps for oneself the money earned on capitalist grounds or whether one returns it to the general public. By their deeds you shall know them! — People used to say: “By their fruits.”—If one establishes a school so that true socialism can be put into practice; if one uses what one has saved through hard work—truly through work, not through capitalism—to ensure that the younger generation learns about things other than what we have learned, then I would call that the practical fruit of a good idea. If it came about simply because I was able to fill my stomach a little better during the war and thereby had a good idea, then it’s still good that at least it exists. The idea really does seem to be there. And if there aren’t good ideas everywhere, then at least we can be glad that there are still people who have ideas, and the main thing is that they are put into practice.

Sehen Sie, die Frage der Betriebsräte, die Herr Fischer so gründlich mißverstanden hat, sie ist wirklich in ein viel ernsteres Stadium getreten, als es heute abend zum Ausdruck gekommen ist. Es handelt sich wahrhaftig um Sein oder Nichtsein! Entweder wir schaffen die Betriebsräte, dann haben wir den Sozialismus, oder wir gehen am Entente-Kapitalismus zugrunde, nicht nur der Handarbeiter, sondern auch der Kopfarbeiter. Und diese Tatsache, zusammen mit einer wahren Idee vom Sozialismus, die kann auch schon unsere Zeit innerlich dafür erwärmen, daß man wahr macht die Betriebsräte und selbst als Kommerzienrat sich in den Dienst dieser Sache stellt, und zwar deshalb, weil man es auch wirklich ehrlich meint. Und daß man es ehrlich meint, beweist die wunderbare Tatsache, daß selbst Proletarierversammlungen diesen merkwürdigen Kommerzienrat wünschen, um ihnen Vorträge über Betriebsräte zu halten, nicht zum Nachteil dieser Versammlung. Deshalb stehe ich gewissenhaft auf dem Boden der Betriebsräte wie auf dem Boden der Dreigliederung des sozialen Organismus. Diese Betriebsräte sind eben anders als die in der Autobranche und in der optischen Branche, denn diese sind ja nichts anderes als politische Mittel, um die Parteien zu stärken, sie sind nicht deshalb da, um das Wirtschaftsleben im großen und wahren Maßstabe gründlich zu sozialisieren. Deshalb wenden wir uns ja vom «Bund für Dreigliederung» aus mit dieser großen Entschiedenheit dagegen, daß man etwa die Betriebsräte, die von den Parteien kommen, verwurstelt mit denen, die wir wollen.

You see, the issue of works councils—which Mr. Fischer has so thoroughly misunderstood—has truly reached a much more serious stage than was expressed this evening. It is truly a matter of to be or not to be! Either we establish the works councils—and then we will have socialism—or we will perish under Entente capitalism, not only manual laborers but also white-collar workers. And this fact, together with a true vision of socialism, can already inspire our generation from within to make the works councils a reality—and even, as a Commercial Councilor, to place oneself in the service of this cause—precisely because one is truly sincere about it. And the fact that we mean it sincerely is proven by the remarkable fact that even proletarian assemblies want this peculiar Commercial Council member to give them lectures on works councils—not to the detriment of these assemblies. That is why I stand firmly on the ground of the works councils, just as I stand on the ground of the threefold social order. These works councils are simply different from those in the automotive and optical industries, for the latter are nothing more than political tools to strengthen the parties; they are not there to thoroughly socialize economic life on a large and genuine scale. That is why we at the “Federation for Threefold Social Order” are so resolutely opposed to the idea of lumping together the works councils that originate from the political parties with those that we advocate.

Sie haben wohl schon heute in einer Tageszeitung gelesen, daß dieses Betriebsrätegesetz wiederum an die Regierung gelangt ist. Wir sind uns klar darüber, daß die Betriebsräte nicht normiert werden können, weil eben jeder Betrieb anders ist. Das Wirtschaftsleben kann weder durch politische Macht noch durch Gesetze geregelt werden, sondern es kann sich nur aus sich selbst regeln. Wenn das Gesetz einmal da ist, so ist es schwer, dagegen anzugehen; da muß man schon ein Revolutionär sein. Wenn man aber nicht einmal gegen die Entwürfe ernstlich Stellung nimmt, wieviel weniger wird es möglich sein, wenn das Gesetz einmal da ist? Wenige Wochen trennen uns noch von diesem Gesetz. Diese Zeit muß genutzt werden. Wird sie nicht genutzt, so ist es einfach zu spät mit den Betriebsräten und mit dem Sozialisieren. Deshalb wünscht man so sehnsüchtig, daß endlich die Arbeiterschaft aufwacht. Es ist nicht richtig, wenn man meint, die Arbeiter seien voreingenommen gegen «Philosophen und Kommerzienräte». Die Sache liegt anders. Wer die Zeitung gelesen hat und gelesen hat, was der «Sozialdemokrat» zu dieser Waldorfschule gesagt hat - er sagt: «Die Schule ist schön, aber sie kommt von Fabrikanten, also ist sie überhaupt nichts» —, der muß sich schon sagen: Das sind die Menschen, die den wahren Sozialismus und den wahren Fortschritt hemmen. Die Parteibonzen aller Schattierungen sind schuld, daß unsere ehrlichen Bestrebungen und die Betriebsräte bis jetzt nichts wurden. Aber das Proletariat wird ja selber in Bälde sehen, wie es in Elend und Not hineingetrieben wird, wenn es sich nicht rechtzeitig aufrafft.

You have probably already read in a daily newspaper today that this Works Council Act has once again been submitted to the government. We are well aware that works councils cannot be standardized, precisely because every business is different. Economic life cannot be regulated by political power or by laws; rather, it can only regulate itself. Once the law is in place, it is difficult to oppose it—one would have to be a revolutionary to do so. But if we do not even take a serious stand against the draft legislation now, how much less possible will it be once the law is in effect? Only a few weeks separate us from this law. This time must be put to good use. If it is not, it will simply be too late for works councils and for socialization. That is why there is such a fervent hope that the working class will finally wake up. It is incorrect to assume that workers are prejudiced against “philosophers and commercial councilors.” The reality is different. Anyone who has read the newspaper and seen what the Sozialdemokrat said about this Waldorf School—it states: “The school is nice, but it comes from factory owners, so it’s worthless”—must admit to themselves: These are the people who are hindering true socialism and true progress. Party bigwigs of all stripes are to blame for the fact that our honest efforts and the works councils have come to nothing so far. But the proletariat itself will soon see how it is being driven into misery and hardship if it does not pull itself together in time.

Dieser Appell sollte heute noch einmal an Sie gerichtet werden. Es ist keine Zeit zu verlieren! Wir haben nur noch drei bis vier Wochen. Wenn die versäumt werden, ist es endgültig aus. Damit Sie sehen, wie ernst es ist, möchte ich Ihnen ein paar Zeilen aus einem Brief vorlesen, der gerade heute in meine Hand kam. Dieser Brief stammt von einem deutschen Diplomaten, der an erster Stelle steht im Ausland, und Sie sollen hören, wie von jener Seite die deutschen Zustände charakterisiert werden: «Die Zustände in der Heimat werden immer schlimmer, und ich fürchte, die Katastrophe, die man durch Annahme des Friedens vermeiden wollte, ist nur aufgeschoben, um dann um so gewaltiger über uns hereinzubrechen. Das, was man in Deutschland jetzt Regierung heißt, ist doch nur eine Karikatur einer solchen, schwankend zwischen Parteidoktrinen und Angst vor der Revolution von links nach rechts. Dabei geht die Moral des Volkes vollends in die Brüche. Mit welcher Geschwindigkeit unser Ansehen im Auslande sinkt, ist nicht zu beschreiben; dabei viel zu retten ist unmöglich.»

This appeal should be directed to you once again today. There is no time to lose! We have only three to four weeks left. If we let those slip by, it will be over for good. So that you can see how serious the situation is, I would like to read you a few lines from a letter that came into my hands just today. This letter comes from a German diplomat who holds a top position abroad, and you should hear how the situation in Germany is characterized from that perspective: “Conditions at home are getting worse and worse, and I fear that the catastrophe we hoped to avoid by accepting the peace has merely been postponed, only to come crashing down upon us all the more violently. What is now called a government in Germany is nothing more than a caricature of one, wavering between party doctrines and fear of revolution, swinging from left to right. Meanwhile, the morale of the people is completely collapsing. The speed at which our reputation abroad is plummeting is indescribable; there is nothing left to save.”

Das ist ein heute eingetroffener Brief eines deutschen Diplomaten an erster Stelle, der die Verhältnisse kennt und weiß, wie die Dinge liegen, wie man heute im Ausland betrachtet wird. Die Dinge können aber wahrhaftig nur andere werden, wenn man eben in Arbeiterkreisen nicht verschläft, daß wir dem wahren Elend jetzt erst entgegengehen, und wenn man dann in letzter Stunde sich aufrafft, um zu einem solchen Zustand zu gelangen, daß unser am Rande des Abgrundes sich befindendes Wirtschaftsleben wieder gehoben werden kann. Und das kann nur geschehen, wenn wir selbst Hand anlegen, wenn wir selbst wollen, daß durch die Einführung der Betriebsräteschaft endlich ein Aufschwung nach oben gemacht wird. Diesen Appell wollte ich nochmals an Sie richten, damit wir nicht in drei bis vier Wochen sagen müssen: Jetzt ist es zu spät. — Es ist noch Zeit, aber es ist die zwölfte Stunde. An Ihnen, nicht an uns liegt es.

This is a letter that arrived today from a high-ranking German diplomat who is familiar with the situation and knows how things stand, and how we are viewed abroad today. But things can truly only change if we in working-class circles do not fail to recognize that we are only now facing true misery, and if we then pull ourselves together at the last minute to reach a state where our economic life—which is teetering on the brink of the abyss—can be restored. And that can only happen if we roll up our sleeves ourselves, if we ourselves want to ensure that, through the introduction of works councils, we finally make a upward turn. I wanted to address this appeal to you once again, so that we do not have to say in three to four weeks: Now it is too late. — There is still time, but it is the twelfth hour. It is up to you, not us.

Herr Jansen: Als vor acht bis zehn Wochen Herr Dr. Steiner mit seinen Vorträgen begonnen hat, war wirklich eine große Begeisterung für die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus vorhanden. In dem Augenblick aber, wo Herr Dr. Steiner und mit ihm der «Bund für soziale Dreigliederung» überging zur Praxis, also von dem Gedanken zur Wirklichkeit überging, in dem Augenblick, wo Arbeit, wo Leistung verlangt wurde von denen, die bisher nur bravo schreien und klatschen durften, da hörte schon ein Teil der Begeisterung auf. Die kühle Haltung der Arbeiterschaft ist auch mit Schuld gewesen, daß die Begeisterung für die Ideen Dr. Steiners nicht so weit ging, um gegen die Führer ankämpfen zu können. Wir alle, die in der Agitation gestanden haben, wir wissen über dieses Phlegma ein Wort zu reden. Auch Herr Dr. Steiner bekommt das Phlegma der Massen zu spüren. Der Gedanke der Betriebsräte hat bei dem vor einem Vierteljahr wirklich nicht allzu sicheren Kapitalismus die letzten in ihm ruhenden Kräfte hervorgerufen. Er hat versucht, um diese Betriebsräte abzumurksen, die Richtigkeit und die Durchführbarkeit zu leugnen. Und die sogenannte gebildete Kaste unserer heutigen Gesellschaft und die noch wohlfeilere Presse aller Schattierungen, sie haben es fertiggebracht, daß die wahre Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus und der Betriebsräte so herabgezogen wurde, wie es in den Zeitungen steht. |

Mr. Jansen: When Dr. Steiner began his lectures eight to ten weeks ago, there was truly great enthusiasm for the idea of the threefold social order. But the moment Dr. Steiner—and with him the “League for Social Threefolding”—moved from theory to practice, that is, from idea to reality; the moment work and effort were demanded of those who until then had been allowed only to shout “bravo” and clap—at that very moment, part of that enthusiasm already began to wane. The workers’ lukewarm attitude was also partly to blame for the fact that enthusiasm for Dr. Steiner’s ideas did not go far enough to enable them to fight against the leaders. All of us who were involved in the agitation know a thing or two about this apathy. Dr. Steiner, too, is feeling the apathy of the masses. The idea of works councils has drawn out the last reserves of strength in capitalism, which was by no means secure a quarter of a year ago. It has tried to undermine these works councils by denying their validity and feasibility. And the so-called educated class of our present-day society, along with the even more cheap press of all stripes, have managed to drag down the true idea of the threefold social order and the works councils to the level described in the newspapers. |

Nachdem ein halbes Jahrhundert verflossen ist seit dem Hungertod von Karl Marx, streitet man sich heute herum, wie es möglich ist, die Sozialisierung durchzuführen. Und über ein halbes Jahr ist es her, daß das Jena der deutschen Arbeiter, die Novemberrevolution, hereingebrochen ist, und noch immer weiß man nicht, wie die Sozialisierung zu machen ist. Man sollte doch dankbar sein, wenn ein Mann sich die Mühe gemacht hat, einen praktisch gangbaren Weg zu suchen, einen Weg, auf dem es nun möglich ist, den Sozialismus in verhältnismäßig kurzer Zeit einzuführen. Das Gegenteil trifft zu! Man darf es sagen: Einerseits ist die Eifersucht, andererseits ist die Dummheit daran schuld. Ich habe es schon einmal vor ein paar Wochen an einem Beispiel verdeutlicht: Man spricht davon, den Löwen, den Kapitalismus, totzuschlagen, aber man fürchtet sich vor dem Mäuschen, dem Vertreter der Fabriken, dem Direktor, und vor den Gewerkschafts- und Parteibeamten und dergleichen.

Half a century has passed since Karl Marx died of starvation, and today people are still arguing about how to carry out socialization. And more than half a year has passed since the Jena of the German workers—the November Revolution—broke out, and still no one knows how to carry out socialization. Surely we should be grateful when a man has taken the trouble to seek a practically viable path—a path that now makes it possible to introduce socialism in a relatively short time. The opposite is true! Let’s be frank: on the one hand, jealousy is to blame; on the other, stupidity. I already illustrated this a few weeks ago with an example: People talk about killing the lion—capitalism—but they are afraid of the little mouse—the representative of the factories, the director—and of the union and party officials and the like.

Herr Fischer sprach von Kommerzienräten, Professoren, Doktoren, die die Idee der Dreigliederung vertreten. Haben wir nicht auch in den Parteien Professoren und Doktoren? Sagen wir auch von ihren Ideen, daß sie deshalb nichts taugen? Und wenn die nicht in der Partei wären - an der Dummheit der Massen wären die Parteien längst zugrunde gegangen. Ein eigenartiges Kapitelchen noch: Herr Molt, den ich als Mitarbeiter begrüße und den wir gebeten haben, morgen in unserer Sitzung über Betriebsräte in aufklärender Weise zu sprechen, dieser Herr hat Geld. Wir haben in der Partei eine Unmasse an Menschen, die auch Geld haben, die es früher hatten oder die es durch die Tätigkeit in der Partei zu Geld gebracht haben. Diese Männer, die sich Parteigenossen, Parteiführer nennen, die behalten ihr Geld ruhig für sich. Sie stellen es der Partei nicht zur Verfügung! Sie kaufen sich Villen und setzen sich da oben schön fest. Deshalb nur nicht allzu laut und allzu schnell mit dem Vorwurf: Der Mann hat Geld. - Man muß sehen, was die Leute unter uns mit ihrem Geld tun. Es wurde gesagt: Der Hunger muß zuerst beseitigt werden, damit die Menschen überhaupt für geistige Kost zugänglich sind. - Es hat neulich ein Kommunist gesagt: Der Hunger ist der schlimmste Revolutionär. Wenn der Hunger einmal tobt, dann gibt es kein Halt mehr, dann bricht das sich Bahn, was so lange unterdrückt worden ist. -— Was sind denn die Streiks anderes als Hungerrevolten? Und weil der Hunger ein guter Antrieb ist, deshalb wäre es nicht gut, den Hunger heute schon zu beseitigen. Sorgen wir dafür, daß wir den Massenhunger dadurch abschaffen, daß wir die Massenausbeutung abschaffen. Der Sozialismus ist doch der Weg dahin! Der Hunger ist ein Antrieb, um die Sozialisierung endlich einmal durchzuführen.

Mr. Fischer spoke of commercial councilors, professors, and doctors who advocate the idea of the threefold social order. Don’t we also have professors and doctors in the political parties? Do we also say that their ideas are worthless for that very reason? And if they weren’t in the party—the parties would have long since perished due to the stupidity of the masses. Here’s another curious little story: Mr. Molt, whom I welcome as a colleague and whom we have asked to speak informatively about works councils at our meeting tomorrow—this gentleman has money. We have a vast number of people in the party who also have money—who had it in the past or who have made money through their activities in the party. These men, who call themselves party comrades and party leaders, quietly keep their money to themselves. They do not make it available to the party! They buy themselves mansions and settle comfortably up there. So let’s not be too quick or too loud with the accusation: “That man has money.” - We must see what the people among us do with their money. It has been said: Hunger must first be eliminated so that people are even open to intellectual nourishment. - A communist recently said: Hunger is the worst revolutionary. Once hunger rages, there is no stopping it; then what has long been suppressed breaks through. -— What are strikes, after all, if not hunger revolts? And because hunger is a powerful motivator, it would not be wise to eliminate hunger just yet. Let us ensure that we abolish mass hunger by abolishing mass exploitation. Socialism is, after all, the path to that goal! Hunger is a driving force to finally bring about socialization.

Herr Kühn: Als Geschäftsführer des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus» möchte ich verschiedenes sagen zu dem, was gefragt worden ist. -— Wir haben die Absicht, die Betriebsräte in der nächsten Woche zu einer ersten Versammlung zusammenzurufen. Ferner werden wir in der nächsten Woche mit den Studienabenden beginnen. Herr Roser hat ja darüber schon gesprochen. Ich darf vielleicht ein paar Worte sagen zu der Diskussion, die sich am heutigen Abend mit Herrn Fischer abgespielt hat. Herr Fischer ist leider schon fortgegangen. Ich wollte ihm vor der Versammlung sagen, daß ich definitiv weiß, daß er niemals, weder hier noch anderswo, anwesend war bei Vorträgen des Herrn Dr. Steiner. Das einzige Mal, wo er mir begegnet ist, das war bei einer Versammlung zur Besprechung der Betriebsrätefrage, die von Angestellten einberufen war und wo er von einigen Rednern etwas über die Dreigliederung gehört hat. Herr Dr. Steiner war nicht anwesend. — So urteilen die Leute, die von der Sache keine Ahnung haben; sie meinen alles mögliche und wollen die Sache einfach abtun. Nebenher hat Herr Fischer mir aber heute abend gesagt, daß seine Gewerkschaft beziehungsweise sein Verband in der nächsten Zeit Versammlungen abhalten wolle, um über Betriebsräte zu sprechen und probeweise Betriebsräte in den Fabriken aufzustellen. Sehen Sie, die Leute kommen nun, wenn sie hier und da etwas gehört haben, und machen ihre Sache daraus. Das ist, was wir vermeiden wollen und was wir bekämpfen müssen. Wir dürfen nicht gemeinsame Sache mit denen machen, die von der Dreigliederung des sozialen Organismus nichts wissen wollen und nicht auf sie hinarbeiten. Betriebsräte, die nicht auf der Grundlage der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus geschaffen werden, werden niemals den Sozialismus verwirklichen können. Die Betriebsräte, die wir einführen wollten, wären der erste Schritt zur Sozialisierung im Sinne der Dreigliederung gewesen. Alles andere müssen wir ablehnen. Es ist schade, daß Herr Fischer fortgegangen ist und sich nicht mehr mit uns über die Dreigliederung selbst auseinandersetzen kann.

Mr. Kühn: As executive director of the “Federation for the Threefold Social Order,” I would like to say a few things in response to the questions that have been asked. — We intend to convene the works councils for an initial meeting next week. Furthermore, we will begin the study evenings next week. Mr. Roser has already spoken about this. Perhaps I may say a few words about the discussion that took place this evening with Mr. Fischer. Unfortunately, Mr. Fischer has already left. I wanted to tell him before the meeting that I know for certain that he was never present—neither here nor anywhere else—at lectures given by Dr. Steiner. The only time I encountered him was at a meeting to discuss the works council issue, which had been convened by employees, and where he heard something about the threefold social order from a few speakers. Dr. Steiner was not present. — That’s how people who have no idea about the matter judge it; they come up with all sorts of ideas and simply want to dismiss the whole thing. Incidentally, however, Mr. Fischer told me this evening that his union—or rather, his association—intends to hold meetings in the near future to discuss works councils and to establish them on a trial basis in the factories. You see, people now come—having heard bits and pieces here and there—and make their own thing out of it. That is what we want to avoid and what we must combat. We must not make common cause with those who want to know nothing about the threefold social order and do not work toward it. Works councils that are not established on the basis of the idea of the threefold social order will never be able to bring about socialism. The works councils we wanted to introduce would have been the first step toward socialization in the sense of the threefold social order. We must reject everything else. It is a pity that Mr. Fischer has left and can no longer engage with us on the subject of the threefold social order itself.

Immer wieder kommen Einwände gegen die Dreigliederung von Leuten, die nichts von ihr wissen, aber auch von Leuten, die schon viele Vorträge über die Dreigliederung gehört haben. Ein Beispiel möchte ich Ihnen erzählen. Da ist ein Kommunistenführer, der eine ziemlich große Rednergabe besitzt und große Massen an sich fesselt. Er tritt fast in jeder Versammlung auf. Dieser Mann hat viel von der Dreigliederung gehört, aber nichts davon begriffen. So sagt er zum Beispiel: Ja, die Dreigliederung führt zum Dreiklassensystem, denn wenn man drei Glieder schafft, dann gibt es in jedem Glied eine Klasse, und so bekommen wir noch schlimmere Zustände als heute; heute haben wir ja nur zwei Klassen. -— Wenn man von den Organisationen auf die Klassen schließen wollte, so müßte man ihm ja sagen: Heute haben wir doch einen Einheitsstaat, also ein Glied. Da müßte man doch heute auch nur eine Klasse haben! So etwas begreift der Mann nicht und kommt zu einem derartigen Vorurteil. Wir wollen gerade, um die Klassenherrschaft zu beseitigen, den sozialen Organismus auf seine gesunden Füße stellen. Von einer Dreigliederung der Klassen ist nicht die Rede. Derselbe Mann behauptet auch das gleiche, was Herr Fischer behauptet hat, nämlich daß die Dreigliederung die Unternehmer in Schutz nimmt. Wer das Buch von Herrn Dr. Steiner gelesen hat, weiß, daß der Unternehmertypus von heute überhaupt verschwinden wird. Der allerschönste Einwand dieses Kommunistenführers war aber der, daß er sagte: Die Wirtschaft von der Politik trennen, das kann man nicht. Das sieht man ja ständig im Reichstag oder in der Nationalversammlung, wie die Leute ihre wirtschaftlichen Interessen vertreten, denken Sie allein an die Industriellen der Schwerindustrie! Die können nicht anders, als ihre wirtschaftlichen Interessen zu vertreten. — So hängen die Menschen am alten, an diesem Götzen Einheitsstaat, weil sie nicht sehen, daß das gerade das ist, was wir bekämpfen wollen, was wir abschaffen wollen. Gerade die Wirtschaftspolitik hat uns in diese unheilvolle Katastrophe hineingetrieben. Das sehen die Leute auch im ruhigen Gespräch sehr gut ein, aber die Kraft dazu aufzubringen, daß man Maßnahmen trifft, die eine solche Wirtschaftspolitik nicht mehr möglich machen, ja, das ist den Leuten nicht möglich. Da sind vor allem die Parteiführer, die uns die Betriebsräteschaft verdorben haben. Diese Leute müssen wir abschütteln. Eher kann das Proletariat keinen Sozialismus verwirklicht sehen.

Time and again, objections to the threefold social order come not only from people who know nothing about it, but also from those who have already heard many lectures on the subject. I’d like to share an example with you. There is a Communist leader who is a quite gifted orator and captivates large crowds. He appears at almost every gathering. This man has heard a great deal about the threefold social order, but has understood nothing of it. For example, he says: “Yes, the threefold social order leads to a three-class system, because if you create three divisions, then there is a class in each division, and that will lead to even worse conditions than we have today; after all, today we have only two classes.” — If one were to draw conclusions about classes based on organizations, one would have to say to him: Today we do have a unitary state, that is, one member. So there ought to be only one class today as well! The man does not understand this and arrives at such a prejudice. Precisely in order to eliminate class rule, we want to put the social organism on a sound footing. There is no question of a threefold division of classes. The same man also asserts the same thing that Mr. Fischer asserted, namely, that the threefold division protects the entrepreneurs. Anyone who has read Dr. Steiner’s book knows that today’s type of entrepreneur will disappear entirely. But the most delightful objection raised by this Communist leader was when he said: “You can’t separate the economy from politics.” You see this all the time in the Reichstag or the National Assembly, how people represent their economic interests—just think of the industrialists in heavy industry! They can’t help but represent their economic interests. — That is why people cling to the old, to this idol of the unitary state: because they fail to see that this is precisely what we want to fight against, what we want to abolish. It is economic policy, in particular, that has driven us into this disastrous catastrophe. People recognize this very well even in calm conversation, but mustering the strength to take measures that would make such economic policies impossible—well, that is beyond people’s capacity. Above all, there are the party leaders who have corrupted the workers’ council movement. We must shake off these people. Until then, the proletariat cannot see socialism realized.

Bei den Angestellten, die wir auch aufgefordert haben, begegnet man ständig einem unglaublichen Vorurteil. Auch dafür möchte ich ein Beispiel anführen: Ein von mir sehr geschätzter Mensch, der als Angestellter tonangebend ist in einer Fabrik, sagte zu mir: Ich weiß noch nicht, ob der Kapitalismus so falsch ist. Ich bestehe jedenfalls darauf, daß es heute besser ist, als es werden wird. Ich bleibe bei meiner Anschauung und gehe lieber damit unter, als daß ich etwas Neues einführe. Ich weiß, daß ich damit allein stehe und damit vielleicht in kurzer Zeit auf der Straße stehe, aber lieber das. Ich bleibe dann ehrlich und konsequent. — Es ist mir gesagt worden, es sei das ein Mann, der ein Herz für das Proletariat hat, so einer spricht dann in dieser Weise konservativ. Als ich ihm sagte, er sei konservativ, wurde er furchtbar wütend. Er meinte, das sei nur ehrlich. Ich sagte ihm: Das ist doch genau so, als wenn man mit einem Zug fährt. An einer Station kommt der Zugführer herein und sagt, der Zug werde bis zur nächsten Station entgleisen, und man sagt dann: Ich bleibe doch darin sitzen; lieber verunglücken als aussteigen. — Ich sagte: Ich würde doch möglichst schnell aussteigen und sehen, ob man nicht den Zug auf ein anderes Gleis bringen kann, wo er nicht entgleist. — So müssen wir uns im letzten Moment zusammenraffen und alles tun, was wir können, damit wir die Betriebsräte zusammenbekommen. Das, worin wir den praktischen Weg sehen, das müssen wir hinaustragen und vertreten und nicht ängstlich sein, daß man von den Parteibonzen zu stark angegriffen werde. Eigentlich müßte das Vertreten von Mund zu Mund die Menschen wieder eines anderen belehren und ihnen die Augen öffnen über das Philistertum ihrer Parteiführer.

Among the employees—whom we have also called upon—one constantly encounters an incredible prejudice. I would like to give an example of this as well: A person whom I hold in high regard, who plays a leading role as an employee in a factory, said to me: “I don’t know yet whether capitalism is really so wrong.” In any case, I insist that things are better today than they will be in the future. I stand by my views and would rather go down with them than introduce something new. I know that I stand alone in this and may soon find myself out on the street, but I’d rather that. That way, I’ll remain honest and consistent.” — I’ve been told that this is the kind of man who has a heart for the proletariat; someone like that speaks in such a conservative manner. When I told him he was conservative, he got terribly angry. He said that was just being honest. I told him: “That’s exactly like riding a train.” At a station, the conductor comes in and says the train is going to derail at the next station, and you say: “I’m going to stay on anyway; I’d rather be in an accident than get off.” — I said: “I’d get off as quickly as possible and see if we can’t move the train to another track where it won’t derail.” — That’s how we have to pull ourselves together at the last moment and do everything we can to get the works councils together. We must put forward and advocate for what we see as the practical path, and not be afraid of being attacked too harshly by the party bigwigs. In fact, spreading this message by word of mouth should teach people something new and open their eyes to the narrow-mindedness of their party leaders.

[ 30 ] Rudolf Steiner: Es ist noch die Frage gestellt worden: Wie kann das, was im Syndikalismus als Gesundes lebt, in Beziehung zur Dreigliederung des sozialen Organismus gebracht werden? - Nun, es würde ja natürlich sehr weit führen, wenn wir uns heute noch zu vorgerückter Stunde über das Wesen des Syndikalismus unterhalten würden. Aber so viel möchte ich doch sagen, daß in dem Syndikalismus, wie natürlich auch in anderen Bestrebungen der Gegenwart, mancherlei wirklich Gesundes lebt. Das Gesunde lebt vor allem im Syndikalismus, da doch bei sehr vielen Syndikalisten die Idee vorherrscht, daß man ohne Rücksicht auf das ewige Pochen auf die Staatsgesetzlichkeit im unmittelbaren Wettstreit mit dem Unternehmertum zu wirtschaftlichen Errungenschaften für die breiten Massen der arbeitenden Bevölkerung kommen muß. Daß aus dem Wirtschaftsleben selbst durch eine Art föderativer Gliederung etwas Zukünftiges entstehen könne, das lebt als gesunder Gedanke innerhalb des Syndikalismus. Der Syndikalismus trat ja besonders in letzter Zeit innerhalb der französischen Arbeiterbewegung hervor, und es ist irgendwie bezeichnend, daß er gerade dort am stärksten hervorgetreten ist. Die Franzosen haben ja ein sehr stark entwickeltes Staatsgefühl. Aber in dem Augenblick, als gerade gut staatlich gesinnte Menschen in Frankreich eine gewisse Arbeiterbewegung begründen wollten, kamen sie darauf, daß diese eigentlich nur dann von Nutzen sein könne, wenn man sich ausschließlich auf wirtschaftlichem Boden bewegt. Die föderative Gliederung des Wirtschaftslebens, wie sie der Syndikalismus vorsieht, weist sogar gewisse Ähnlichkeiten mit dem auf, was aus der Idee der Dreigliederung heraus mit den Assoziationen angestrebt wird.

[ 30 ] Rudolf Steiner: The question has also been raised: How can what is healthy in syndicalism be related to the threefold structure of the social organism? — Well, it would of course take us very far afield if we were to discuss the nature of syndicalism today at this late hour. But I would like to say this much: there are many truly healthy elements in syndicalism, just as there are, of course, in other contemporary movements. What is sound lives above all in syndicalism, since among very many syndicalists the idea prevails that—without regard for the ceaseless insistence on state legislation—economic achievements for the broad masses of the working population must be attained through direct competition with entrepreneurship. The idea that something forward-looking could emerge from economic life itself through a kind of federative structure is a sound concept within syndicalism. Syndicalism has, after all, come to the fore particularly recently within the French labor movement, and it is somehow significant that it has emerged most strongly there. The French do, after all, have a very strongly developed sense of the state. But just as people in France who were particularly state-minded sought to establish a certain labor movement, they realized that such a movement could actually be of use only if it operated exclusively on economic grounds. The federative organization of economic life, as envisaged by syndicalism, even bears certain similarities to what is sought through associations based on the idea of the threefold social order.

[ 31 ] Sehen Sie, in dem dreigliedrigen sozialen Organismus haben wir ein selbständiges Geistesleben, dann ein selbständiges Staatsoder Rechtsleben und ferner ein selbständiges Wirtschaftsleben. Dieses selbständige Wirtschaftsleben, ich habe ja oftmals davon gesprochen, das wird sich aufzubauen haben auf korporativen genossenschaftlichen Grundlagen, das heißt, daß sich einerseits aus den verschiedenen Berufsgruppen und andererseits aus gewissen Zusammenhängen zwischen Produktion und Konsumtion Assoziationen bilden. Einer der Einwände, die zum Beispiel von Professor Heck in der «Tribüne» gemacht worden sind, stützt sich darauf, daß er sagt: Ja, wie wird denn, wenn in der Zukunft das Wirtschaftsleben so gegliedert sein soll, wie Herr Dr. Steiner will, wie wird es denn dann möglich sein, daß zum Beispiel die Handwerker, die kleinen Kaufleute, hinsichtlich der Belange der Großindustrie sachverständig sind? — Nun, dies zeigt, daß auch Professor Heck nicht verstanden hat, wie die Sache gemeint ist. Man kann selbstverständlich nicht auf allen Gebieten sachkundig sein, und man braucht es auch nicht, denn wenn eine föderative Gliederung wirklich zustande kommt und die einzelnen Assoziationen intensiv zusammenarbeiten, dann wird etwas für das Wirtschaftsleben Fruchtbares herauskommen. Es ist nun einmal nicht möglich, daß alles das, was auf rein demokratischer Grundlage sich entwickeln muß, wie zum Beispiel das Arbeitsrecht, in derselben Weise vertreten oder verwaltet wird wie das rein Wirtschaftliche. Diese Auffassung tritt einem, zumindest ansatzweise, auch im Syndikalismus entgegen. In der anglo-amerikanischen Arbeiterbewegung ist es ja so, daß dort noch sehr stark das Prinzip des englisch-amerikanischen Parlamentarismus herrscht. Da dieser auf ein gewisses Schaukelsystem, nämlich Macht gegen Macht, eingestellt ist, sind auch die anglo-amerikanischen Arbeiterorganisationen nach dem gleichen Prinzip ausgerichtet, nämlich Arbeitermacht gegen Unternehmermacht wird gegeneinander ausgespielt, so wie sich im Parlament die liberale und die konservative Partei gegenüberstehen. Eine andere Form tritt uns innerhalb der Arbeiterorganisationen in Deutschland entgegen. Da herrscht nämlich ein gewisser Zentralismus vor, ich möchte sogar sagen ein gewisses militärisches System, das basiert auf Befehl und Gehorsam. Ich weiß nicht, ob Sie ganz damit einverstanden sein werden, aber ich kann Ihnen versichern, daß ich mehrfach an gewerkschaftlichen Versammlungen teilgenommen habe und daß ich jedesmal unangenehm davon berührt war, daß immer dann, wenn verschiedene Meinungen aufgetreten sind, der Versammlungsleiter aufgestanden ist und gesagt hat: Kinder, so hat es doch keinen Sinn! — Also, dieses zentralistisch-militärische System ist das zweite; und das dritte ist das, was mit der föderativen Gliederung, mit der Gliederung in selbständige Körperschaften, gemeint ist, in der keine Majorisierung oder Zentralisierung, sondern sachliches Verhandeln stattfinden wird. Dies tritt beim Syndikalismus als ein guter Impuls auf, doch ist auch hier ein weiterer Schritt notwendig, wie er mit der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus angestrebt wird, nämlich daß wirklich mit den fortschrittlichen Faktoren gerechnet wird, die erst noch in das Denken der gegenwärtigen Menschheit hineinkommen müssen. Und da glaube ich, daß sich vielleicht gerade aus dem Syndikalismus heraus hierfür ein Verständnis entwickeln kann. Aber man soll das durchaus nicht so auffassen, als wenn ich hier einzig dem Syndikalismus ein Loblied singen wollte. Allerdings glaube ich durchaus, daß von dieser Seite die Dreigliederung besser verstanden werden kann als von einer der anderen Richtungen.

[ 31 ] You see, in the threefold social organism we have an independent spiritual life, then an independent political or legal life, and furthermore an independent economic life. This independent economic life—I have spoken of it often—will have to be built on corporative, cooperative foundations; that is to say, associations will form, on the one hand, from the various professional groups and, on the other hand, from certain connections between production and consumption. One of the objections raised, for example, by Professor Heck in the Tribüne is based on his argument: “Well, if economic life is to be structured in the future as Dr. Steiner envisions, how will it then be possible for, say, artisans and small merchants to be knowledgeable about the affairs of large-scale industry?” — Well, this shows that even Professor Heck has not understood what is meant. Of course, one cannot be an expert in every field, nor is it necessary, for if a federal structure truly comes into being and the individual associations collaborate intensively, then something fruitful for economic life will emerge. It is simply not possible for everything that must develop on a purely democratic basis—such as labor law—to be represented or administered in the same way as purely economic matters. This view is also encountered, at least to some extent, in syndicalism. In the Anglo-American labor movement, the principle of Anglo-American parliamentarism still prevails very strongly. Since this system is based on a certain balance of power—namely, power against power—Anglo-American labor organizations are also structured according to the same principle: workers’ power is pitted against employers’ power, just as the Liberal and Conservative parties face off in Parliament. We encounter a different form within the labor organizations in Germany. There, a certain centralism prevails—I would even say a certain military-style system based on command and obedience. I don’t know if you’ll entirely agree with this, but I can assure you that I have attended trade union meetings on several occasions and that each time I was unpleasantly struck by the fact that whenever differing opinions arose, the chairperson would stand up and say: “Come on, guys, this makes no sense!” — So, this centralized-military system is the second; and the third is what is meant by a federal structure—a structure composed of independent bodies—in which there will be no majority rule or centralization, but rather objective negotiation. This appears as a positive impulse in syndicalism, yet here, too, a further step is necessary—as sought through the idea of the threefold social order—namely, that the progressive factors, which have yet to enter the thinking of present-day humanity, be genuinely taken into account. And here I believe that an understanding of this may well develop precisely out of syndicalism. But this should by no means be taken to mean that I am simply singing the praises of syndicalism here. However, I do firmly believe that the threefold social order can be better understood from this perspective than from any of the other movements.

[ 32 ] Nun, dem, was die letzten Redner hier zum Ausdruck gebracht haben, habe ich nicht mehr viel hinzuzufügen. Ich möchte nur das eine bemerken, nämlich daß mir und den Dreigliederungsfreunden in der letzten Zeit sehr deutlich bewußt wurde, was ein Redner über das Phlegma der großen Masse gesagt hat. Ja, an der Stelle des Phlegmas, da bräuchte man schon Feuer, denn wenn wir in der heutigen Zeit wirklich weiterkommen wollen, dann brauchen wir nicht nur Einsicht — dies natürlich ja in erster Linie -, sondern auch Feuer. Sehen Sie, wenn immerfort gesagt wird, daß man den Geist eigentlich nicht braucht, der werde bei der wirtschaftlichen Umgestaltung schon kommen, dann frage ich Sie: Ja, die Möglichkeit weiterzukommen war ja bis zu einem gewissen Grade da. Der 9. November war da, die Nationalversammlung ist gewählt worden. Aber, ist in dieser Nationalversammlung etwas von einem neuen Geist sichtbar? Es gab ja jetzt eine ganz neue Gruppe von Wählern, die früher nicht wahlberechtigt war: die ganze Frauenwelt. Merkwürdig ist aber, daß ganz offensichtlich auch auf diese Frauenwelt der Geist noch nicht herabgekommen ist, denn die Nationalversammlung zeigt durchaus noch nichts von dem, was wir wirklich brauchen für die Zukunft. Dazu aber wird Begeisterung, wird Feuer notwendig sein.

[ 32 ] Well, I don’t have much to add to what the previous speakers have said here. I would just like to make one point, namely that it has recently become very clear to me and to the friends of the threefold social order what one speaker said about the apathy of the masses. Yes, where there is apathy, that is precisely where we need fire; for if we truly want to make progress in our time, we need not only insight—which, of course, is primary—but also fire. You see, when people keep saying that we don’t really need the spirit—that it will come about naturally through economic restructuring—then I ask you: Yes, the possibility of making progress was there to a certain extent. November 9th came and went; the National Assembly was elected. But is there any sign of a new spirit in this National Assembly? There was, after all, a whole new group of voters who previously had no right to vote: all women. It is strange, however, that quite obviously this spirit has not yet descended upon these women either, for the National Assembly still shows absolutely nothing of what we truly need for the future. For that, however, enthusiasm—passion—will be necessary.

[ 33 ] In diesem Zusammenhang frage ich Sie, ob es nicht recht kurzsichtig ist, wenn man nicht bemerken will, daß eine gewisse Sozialisterung bereits schon — und dies vor der offiziellen Sozualisierung — begonnen wurde? Will man denn eine Sozialisierung nur auf dem Papier haben? Ist man dann erst zufrieden? Stellen Sie sich einmal vor, jener Kommerzienrat, der sich der Dreigliederung gewidmet hat, der hätte es so gemacht wie die anderen Kommerzienräte. Dann wäre es nämlich dazu gekommen, daß in dem Augenblick, wo sozialisiert werden soll, gar kein Kommerzienrat vorhanden gewesen wäre! Es wäre dann so gekommen, daß man irgendwann diesen Kommerzienrat so wie andere Kommerzienräte enteignet hätte, und dann wäre kein Geld mehr für eine wirkliche Sozialisierung oder bessere Schulen und dergleichen vorhanden gewesen. Und nun frage ich Sie: Ist es eine große Sünde, wenn jemand, bevor die Menschheit reif ist, das Geld dem anderen abzunehmen, sein Geld zur Sozialisierung schon hergibt? Ist es eine Sünde, wenn jemand nicht immer hinausposaunt: Die Produktionsmittel müssen der Allgemeinheit übergeben werden! -, sondern es aus eigenem Antrieb tut? Ich fürchte, daß diejenigen, die immer phrasenhaft hinausposaunen, daß die Produktionsmittel in den Dienst der Allgemeinheit gestellt werden müssen, sie nicht so sinnvoll anwenden werden wie jene, die etwas aus eigener Einsicht schon vorher tun. Das ist Sozialisierung vor der offiziellen Sozialisierung. Das ist herausgearbeitet aus dem Geist, den wir gerade herbeisehnen wollen als den sozialen Geist der Zukunft. Und den Vorwurf erheben, daß jemand den sozialen Geist vorher hat, also bevor er in irgendeiner Verfassung steht, das heißt überhaupt nicht fähig sein, in den Geist, der die Menschheit einzig und allein retten kann, einzudringen, sondern zeigt nur die Sehnsucht nach dem geschriebenen Wort. Das Gesetz, das Ihr gebt, das könnt Ihr getrost nach Hause tragen. -— Wir brauchen den Geist, aus dem heraus sozialisiert wird. Deshalb sollte man nicht in den Fehler verfallen zu sagen: Die Waldorf-Schule ist ja schön, aber sie wird von einem Kommerzienrat gemacht; davon wollen wir nichts wissen! — Gescheiter wäre es zu sagen: Nehmt euch an ihm ein Beispiel, und werdet als Sozialisierer in der Zukunft so, wie er ist, dann wird es gut sein. Das, was von dieser Ecke fortwährend vorgebracht wird gegen Titel und anderes, das bezeugt nur, daf man trotz allem an den Worten und an den Phrasen mehr hängt als an der Tat. Und ehe wir uns nicht entschließen können, uns zur Tat aufzuraffen und uns auch zur Tat zu bekennen, gleichgültig, von wo sie kommt, kommen wir nicht vorwärts; das muß unsere Überzeugung sein. Und wenn das unsere Überzeugung wird, dann werden wir nicht auf etwas anderes blicken als darauf, ob jemand ein einsichtiger, von sozialen Empfindungen beseelter Mensch ist, und wir werden nicht nach etwas anderem fragen. Solange wir nach etwas anderem fragen, kommen wir nicht vorwärts. Wird dies nicht zur Erkenntnis, so ist alles Reden vergeblich. Denn der Anfang muß gemacht werden von denjenigen Leuten, die etwas verstehen von dem, was geschehen soll, gleichgültig, ob sie diese oder jene Rolle in der bisherigen Ordnung spielen. Alle, die wir heute leben, haben selbstverständlich das, wovon wir leben, aus dem Kapitalismus heraus, ob Kapitalist oder letzter Arbeiter. Und wir können nichts ändern, wenn wir nicht schauen auf das, was im Geiste lebt und aus dem Geiste heraus geschehen muß. Wir müssen endlich die Phrase besiegen, wir müssen übergehen zu dem, was wirklich Tat werden kann.

[ 33 ] In this context, I ask you: Isn’t it rather short-sighted to refuse to acknowledge that a certain degree of “socialization” has already begun—even before official socialization has taken place? Do we want socialization to exist only on paper? Will we only be satisfied then? Just imagine if that Commercial Councilor who devoted himself to the threefold social order had done things the way the other Commercial Councilors did. Then it would have turned out that, at the very moment when socialization was to take place, there would have been no Commercial Councilor at all! It would have turned out that, at some point, this Commercial Councilor would have been expropriated just like the other Commercial Councilors, and then there would have been no money left for real socialization or better schools and the like. And now I ask you: Is it a great sin if someone, before humanity is ready to take money from others, already gives up his money for socialization? Is it a sin if someone does not constantly proclaim: “The means of production must be handed over to the general public!”—but instead does so of their own accord? I fear that those who constantly spout empty phrases about how the means of production must be placed at the service of the general public will not use them as wisely as those who, out of their own insight, are already doing so beforehand. This is socialization before official socialization. This stems from the spirit that we are striving to cultivate as the social spirit of the future. And to level the accusation that someone possesses the social spirit beforehand—that is, before it is enshrined in any constitution—means being utterly incapable of penetrating the spirit that alone can save humanity; it merely reveals a longing for the written word. The law that you enact, you can confidently take home with you. — We need the spirit from which socialization arises. That is why one should not fall into the error of saying: “The Waldorf School is nice, but it was founded by a commercial councilor; we want nothing to do with that!” — It would be wiser to say: Take him as an example, and become, as socializers in the future, just as he is—then all will be well. What is constantly put forward from this corner against titles and the like merely testifies that, despite everything, people cling more to words and phrases than to deeds. And until we can bring ourselves to take action and to stand by that action—regardless of where it comes from—we will not make any progress; that must be our conviction. And when that becomes our conviction, then we will look at nothing other than whether someone is a reasonable person inspired by social sentiments, and we will ask for nothing else. As long as we ask about anything else, we will not move forward. Unless this becomes our realization, all talk is in vain. For the first step must be taken by those people who understand what is to happen, regardless of whether they play this or that role in the existing order. All of us living today, of course, derive our livelihood from capitalism—whether we are capitalists or the lowest-ranking workers. And we cannot change anything unless we look to what lives in the spirit and must come about from the spirit. We must finally overcome empty rhetoric; we must move on to what can truly become action.

Herr Roser: Er dankt als Vorsitzender Herrn Dr. Steiner für seine Ausführung und macht nochmals aufmerksam auf die nächste Veranstaltung. Er bittet die Anwesenden nochmals, sich mit dem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» zu beschäftigen, damit sie in der Lage sind, in den Kreisen, in denen sie verkehren, über das Buch und über die Dreigliederung des sozialen Organismus zu sprechen.

Mr. Roser: As chair, he thanks Dr. Steiner for his presentation and once again draws attention to the next event. He asks those present once again to familiarize themselves with the book The Key Points of the Social Question so that they will be able to discuss the book and the threefold social order within their respective circles.