The Future of Society
GA 332a
24 October 1919, Zurich
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The Future of Society, tr. SOL
1. Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsfrage
1. The Social Question as a Philosophical, Legal, and Economic Issue
[ 1 ] Wer heute über die soziale Frage denkt, dem sollte vor Augen stehen, daß diese Frage, nach den Lehren gewaltiger Tatsachen der neueren und neuesten Zeit, nicht mehr aufgefaßt werden kann als irgendeine Parteifrage, als eine Frage, die hervorgeht bloß aus den subjektiven Forderungen einzelner Menschengruppen, sondern daß sie aufgefaßt werden muß als eine Frage, welche das geschichtliche Leben selbst an die Menschheit stellt.
[ 1 ] Anyone thinking about the social question today should bear in mind that, in light of the lessons taught by the overwhelming facts of recent and contemporary history, this question can no longer be understood as merely a partisan issue—one arising solely from the subjective demands of individual groups of people—but must be understood as a question that historical life itself poses to humanity.
[ 2 ] Wenn ich von einschneidenden Tatsachen, die zu dieser Anschauung führen müssen, spreche, so brauche ich ja nur hinzuweisen darauf, wie seit reichlich mehr als einem halben Jahrhunderte die proletarisch-sozialistische Bewegung immer mehr und mehr angewachsen ist. Und man kann ja nach seinen eigenen Anschauungen, nach seinen eigenen Lebensverhältnissen kritisch oder anerkennend, wie immer, zu den Anschauungen stehen, welche in dieser sozialistisch-proletarischen Bewegung zutage getreten sind, man muß sie aber als eine geschichtliche Tatsache hinnehmen, mit der in sachlicher Weise zu rechnen ist. Und wer die schreckensvollen letzten Jahre des sogenannten Weltkrieges ins Auge faßt, der wird sich nicht verhehlen können — wenn er auch da und dort anders geartete Ursachen und Veranlassungen zu diesen Schreckensereignissen sehen muß —, daß die sozialen Forderungen, die sozialen Gegensätze letzten Endes zu einem großen Teile das Furchtbare herbeigeführt haben, und namentlich, daß sich jetzt, wo wir am Ausgange, am vorläufigen Ausgange dieser Schreckensereignisse stehen, klar und deutlich zeigt, wie über einen großen Teil der zivilisierten Welt hin die soziale Frage sich wie ein Ergebnis aus diesem sogenannten Weltkrieg herausgestaltet. Wenn sie sich wie ein Ergebnis aus diesem sogenannten Weltkrieg herausgestaltet, so muß es ja ohne Zweifel auch gelten, daß sie irgendwie in ihm darinnengesteckt hat.
[ 2 ] When I speak of compelling facts that must lead to this view, I need only point out how, for well over half a century, the proletarian-socialist movement has grown ever stronger. And while one may, depending on one’s own views and circumstances, take a critical or appreciative stance—whatever the case may be—toward the ideas that have emerged within this socialist-proletarian movement, one must accept it as a historical fact that must be taken into account in a objective manner. And anyone who looks back on the horrific final years of the so-called World War will not be able to deny—even if they must acknowledge here and there different causes and triggers for these horrific events—that social demands and social contradictions ultimately played a major role in bringing about these terrible events, and, in particular, that now, as we stand at the end—the provisional end—of these horrific events, it is becoming clear and evident how, across a large part of the civilized world, the social question is taking shape as a consequence of this so-called World War. If it is taking shape as a consequence of this so-called World War, then it must undoubtedly also be true that it was somehow embedded within it.
[ 3 ] Nun wird aber kaum jemand die in Frage kommende Tatsache richtig beachten, der sie nur ansieht von dem allernächsten, oftmals persönlichen Standpunkte, wie es ja heute so sehr üblich ist, der nicht seinen Horizont erweitern kann über das menschliche Geschehen im allgemeinen. Und diese Erweiterung des Horizontes, das ist es, was angestrebt wird in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» und was insbesondere für die Schweiz ausgebaut werden soll durch die Zeitschrift «Soziale Zukunft», die hier in Zürich erscheint.
[ 3 ] However, hardly anyone will properly take note of the fact in question if they view it solely from the most immediate—and often personal—perspective, as is so common today, and are unable to broaden their horizons beyond human affairs in general. And this broadening of horizons is precisely what is sought in my book The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life in the Present and Future and what is to be further developed, particularly for Switzerland, through the journal Soziale Zukunft, which is published here in Zurich.
[ 4 ] Nun muß man sagen, daß zunächst die meisten Menschen, die heute über die soziale Frage sprechen, in ihr ganz naturgemäß eine Wirtschaftsfrage sehen, ja zunächst überhaupt kaum etwas anderes als eine Brotfrage, und höchstens eben noch, das zeigen ja die Tatsachen deutlich, eine Frage der menschlichen Arbeit, eine Brot- und eine Arbeitsfrage. Man muß, wenn man gerade die soziale Frage als eine Brot- und als eine Arbeitsfrage behandeln will, sich klar darüber werden, daß der Mensch dadurch Brot hat, daß die Menschengemeinschaft ihm dieses Brot erzeugt, und daß diese Menschengemeinschaft dieses Brot nur erzeugen kann, wenn Arbeit verrichtet wird.
[ 4 ] Now, it must be said that, at first, most people who speak today about the social question naturally view it as an economic issue—indeed, at first, hardly anything other than a question of bread—and, at most, as the facts clearly show, a question of human labor: a question of bread and work. If one wishes to treat the social question specifically as a matter of bread and work, one must realize that people have bread because the human community produces it for them, and that this human community can produce this bread only when work is performed.
[ 5 ] Aber die Art und Weise, wie gearbeitet werden soll und muß, sie hängt zusammen, im großen und kleinen, mit der Art und Weise, wie die menschliche Gesellschaft, irgendein geschlossenes Gebiet dieser menschlichen Gesellschaft, ein Staatsgebilde zum Beispiel, organisiert ist. Und wer einen etwas weiteren Blick sich aneignet, der wird bald sehen, daß ein Stückchen Brot nicht teurer oder billiger werden kann, ohne daß sich vieles, ungeheuer vieles ändert in der ganzen Struktur des sozialen Organismus. Und wer dann auf die Art und Weise, wie der einzelne mit seiner Arbeit in diesen sozialen Organismus eingreift, seinen Blick richtet, wird sehen, daß, ob der einzelne auch nur um eine Viertelstunde länger oder kürzer arbeitet, dies sich ausdrückt in der Art und Weise, wie die Gesellschaft eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes Brot und Geld für den einzelnen hat. Sie sehen daraus: Selbst wenn man die soziale Frage nur als Brot- und Arbeitsfrage betrachten will, man kommt sofort zu einem größeren Horizonte. Von diesem größeren Horizonte in seinen verschiedensten Gebieten möchte ich Ihnen in diesen sechs Vorträgen sprechen. Heute möchte ich mir erlauben, vor allen Dingen eine Art Einleitung zu geben.
[ 5 ] But the way in which work should and must be done is connected, in both large and small ways, to the way in which human society—or any closed segment of that society, such as a state—is organized. And anyone who takes a broader view will soon see that a piece of bread cannot become more expensive or cheaper without many—enormously many—changes occurring in the entire structure of the social organism. And anyone who then turns their attention to the way in which the individual, through their work, interacts with this social organism will see that, even if the individual works just a quarter of an hour longer or shorter, this is reflected in the way society within a closed economic area provides bread and money for the individual. You can see from this: even if one wishes to consider the social question solely as a matter of bread and work, one immediately arrives at a broader horizon. I would like to speak to you about this broader horizon and its various aspects in these six lectures. Today, I would like to take the liberty of offering, first and foremost, a kind of introduction.
[ 6 ] Wer die neuere und neueste Entwickelungsgeschichte der Menschheit überblickt, der wird bald bestätigt finden können, was einsichtige Beobachter des sozialen Lebens wirklich eindringlich genug ausgesprochen haben. Aber allerdings nur einsichtige! Es gibt eine Schrift aus dem Jahre 1909, die, man darf sagen, einiges von dem Besten enthält, das aus wirklicher Einsicht in die sozialen Verhältnisse hervorgegangen ist. Es ist die Schrift von Hartley Withers, «Money and Credit in England». In dieser Schrift wird etwas unverhohlen zugestanden, das jedem heute vor Augen stehen sollte, der sich anschickt, das soziale Problem überhaupt zu behandeln. Withers sagt unverhohlen: Die Art und Weise, wie heute Kredit-, Vermögens-, Geldverhältnisse im sozialen Organismus figurieren, ist eine so komplizierte, daß es verwirrend wirkt, wenn man in logischer Weise die Funktionen von Kredit, Geld, Arbeit und so weiter im sozialen Organismus zergliedern will, daß es schier unmöglich ist, dasjenige herbeizuholen, was notwendig ist, um die Dinge, die innerhalb des sozialen Organismus in Betracht kommen, wirklich verständnisvoll zu verfolgen. Und was von solch einsichtiger Seite ausgesprochen wird, es wird erhärtet durch das ganze geschichtliche Denken, das wir in der neuesten Zeit verfolgen können über das soziale Problem, über das soziale, namentlich das wirtschaftliche Zusammenarbeiten der Menschen.
[ 6 ] Anyone who surveys the recent and most recent history of human development will soon find confirmation of what discerning observers of social life have indeed expressed with sufficient force. But only the discerning ones, of course! There is a work from 1909 that, it must be said, contains some of the best insights that have emerged from a genuine understanding of social conditions. It is Hartley Withers’s Money and Credit in England. In this work, something is openly acknowledged that should be evident today to anyone who sets out to address the social problem at all. Withers states openly: The way in which credit, wealth, and monetary relations figure in the social organism today is so complicated that it becomes confusing when one attempts to logically dissect the functions of credit, money, labor, and so on within the social organism, that it is virtually impossible to arrive at what is necessary to truly understand the matters at hand within the social organism. And what is expressed from such an insightful perspective is corroborated by the entire body of historical thought that we can trace in recent times regarding the social problem, regarding the social—and specifically the economic—cooperation among human beings.
[ 7 ] Was haben wir denn eigentlich gesehen? Seit das Wirtschaftsleben aufgehört hat, in einer gewissen Beziehung, ich möchte sagen, instinktiv patriarchalisch geordnet zu werden, seit es sich immer komplizierter und komplizierter durch die moderne Technik, durch den modernen Kapitalismus gestaltet hat, seit der Zeit hat man die Notwendigkeit empfunden, über dieses Wirtschaftsleben so nachzudenken, sich solche Vorstellungen zu machen, wie man nachdenkt, wie man sich Vorstellungen macht, sagen wir im wissenschaftlichen Forschen, im wissenschaftlichen Arbeiten. Und man hat gesehen, wie im Laufe der neueren Zeit über die sogenannte Nationalökonomie die Anschauungen heraufgekommen sind, die man genannt hat die Anschauungen der Merkantilisten, der Physiokraten, Adam Smiths und so weiter bis auf SaintSimon, Fourier, Blanc, bis auf Marx und Engels und bis auf die gegenwärtigen. Was hat sich gezeigt in diesem Verlauf des nationalökonomischen Denkens? Man kann seinen Blick richten auf das, was, sagen wir, zum Beispiel die merkantilistische Schule oder die physiokratische Schule der Nationalökonomie war, oder auf das, was Ricardo, der Lehrer des Karl Marx, zur Nationalökonomie beigetragen hat, man kann viele andere Nationalökonomen durchschauen, und man wird immer finden: diese Persönlichkeiten richten ihren Blick auf die eine oder die andere Strömung in den Erscheinungen. Von dieser einseitigen Strömung aus suchen sie gewisse Gesetze zu gewinnen, nach denen man das nationalökonomische Leben gestalten soll. Immer hat sich gezeigt: Das, was nach dem Muster der wissenschaftlichen Vorstellungen der neueren Zeit als solche Gesetze gefunden wird, es paßt auf einige nationalökonomische Tatsachen, aber andere nationalökonomische Tatsachen erweisen sich als zu weit, um umfaßt zu werden von diesen Gesetzen. Immer hat sich ergeben: Einseitig waren die Anschauungen, die aufgetreten sind, die allerdings im 17., 18., im Beginn des 19. Jahrhunderts so aufgetreten sind, daß sie den Anspruch erhoben haben, Gesetze zu finden, nach denen man das wirtschaftliche Leben gestalten kann. Dann hat sich etwas sehr, sehr Merkwürdiges ergeben.
[ 7 ] What have we actually seen? Ever since economic life has, in a certain sense, I would say, from being instinctively organized along patriarchal lines—ever since it has become increasingly complex due to modern technology and modern capitalism—people have felt the need to reflect on this economic life and form mental images about it in the same way one reflects and forms mental images, say, in scientific research and scientific work. And we have seen how, in the course of recent times, through so-called political economy, various schools of thought have emerged—what have been called the views of the mercantilists, the physiocrats, Adam Smith, and so on, up to Saint-Simon, Fourier, Blanc, up to Marx and Engels, and up to the present day. What has become apparent in this development of economic thought? One can turn one’s gaze to what, let us say, for example, the mercantilist school or the physiocratic school of political economy represented, or to what Ricardo—Karl Marx’s teacher—contributed to political economy; one can examine many other economists, and one will always find that these figures focus their attention on one or another current within these phenomena. Based on this one-sided current, they seek to derive certain laws according to which economic life should be shaped. It has always been evident that what is identified as such laws—based on the model of modern scientific concepts—fits certain economic facts, but other economic facts prove to be too broad to be encompassed by these laws. It has always turned out that the views that emerged—which, admittedly, appeared in the 17th, 18th, and early 19th centuries in such a way that they claimed to discover laws by which economic life could be organized—were one-sided. Then something very, very strange came to light.
[ 8 ] Die Nationalökonomie ist gewissermaßen wissenschaftsfähig geworden. Sie wurde eingereiht in unsere offiziellen Universitäts-Hochschulwissenschaften, und man hat versucht, mit dem ganzen Rüstzeug wissenschaftlicher Vorstellungsart auch das ökonomisch-soziale Leben zu durchforschen. Wohin ist man gekommen? Man sehe einmal nach bei Roscher, bei Wagner, bei anderen, wohin sie gekommen sind: zu einer Betrachtung der wirtschaftlichen Gesetze, die nicht mehr wagt, solche Maximen, solche Impulse auszugestalten, welche nun wirklich in das Wirtschaftsleben formend eingreifen könnten. Man möchte sagen: Kontemplativ, betrachtend ist die wissenschaftliche Nationalökonomie geworden. Zurückgewichen ist sie mehr oder weniger vor dem, was man nennen könnte soziales Wollen. Nicht zu Gesetzen ist sie gekommen, die sich hineinergießen könnten in das menschliche Leben, so daß sie im sozialen Leben gestaltend wirken könnten.
[ 8 ] Economics has, in a sense, become a legitimate science. It has been incorporated into our official university disciplines, and attempts have been made to examine economic and social life using the full arsenal of scientific thought. Where has this led? Let us look at Roscher, Wagner, and others to see where they have arrived: at an examination of economic laws that no longer dares to formulate such maxims or impulses that could truly intervene in a formative way in economic life. One might say: Scientific political economy has become contemplative and observational. It has, to a greater or lesser extent, retreated from what one might call social will. It has not arrived at laws that could flow into human life so that they might have a formative effect on social life.
[ 9 ] Noch in einer anderen Art hat sich dasselbe gezeigt. Es sind Menschen aufgetreten, die weitherzig, wohlwollend, menschenfreundlich, den Menschen brüderlich gesinnt waren — Fourier, Saint-Simon und ähnliche brauchen nur von diesem Gesichtspunkte aus genannt zu werden. In geistvoller Weise haben sie Gesellschaftsbilder ausgestaltet, durch deren Verwirklichung sie glaubten, daß gesellschaftlich wünschenswerte, sozial wünschenswerte Zustände im Menschenleben herbeigeführt werden könnten. Nun weiß man, wie sich diejenigen, die vor allen Dingen die soziale Frage als eine Lebensfrage heute empfinden, gegenüber solchen Gesellschaftsidealen verhalten. Man frage heute an bei denen, die glauben, in wahrhaft zeitgemäßem Sinne sozialistisch zu denken, was sie von Gesellschaftsidealen, von sozialen Idealen eines Fourier, eines Louis Blanc, eines Saint-Simon denken. Sie sagen, das sind Utopien, das sind Bilder des sozialen Lebens, durch die man den Menschenklassen, die die führenden sind, zuruft: Macht es so und so, dann werden viele Schäden des sozialen Elendes verschwinden. Aber alles das, was an solchen Utopien, so sagt man, ausgedacht wird, das hat keine Kraft, um in den Willen der Menschen hinein sich zu ergießen, das bleibt Utopie. Man kann noch so schöne Theorien, sagt man, aufstellen, die menschlichen Instinkte zum Beispiel der Begüterten werden sich nicht richten nach diesen Theorien; da müssen andere Kräfte eintreten. —- Kurz, aufgetreten ist ein durchgreifender Unglaube an soziale Ideale, die aus dem Fühlen, Empfinden und aus der modernen Art von Erkenntnis unter die Menschen gebracht werden.
[ 9 ] This same phenomenon has manifested itself in yet another way. There have been people who were broad-minded, benevolent, philanthropic, and had a fraternal attitude toward humanity—Fourier, Saint-Simon, and others of their ilk need only be mentioned from this perspective. With great insight, they developed visions of society whose realization, they believed, could bring about socially desirable conditions in human life. Now we know how those who today regard the social question above all else as a matter of life and death relate to such social ideals. Ask today those who believe they think in a truly contemporary socialist sense what they think of the social ideals of a Fourier, a Louis Blanc, or a Saint-Simon. They say these are utopias, images of social life through which one calls out to the ruling classes: Do this or that, and then many of the ills of social misery will disappear. But everything that is conceived in such utopias, so they say, lacks the power to take root in people’s will; it remains a utopia. No matter how beautiful the theories one might formulate, they say, the human instincts—for example, those of the wealthy—will not align with these theories; other forces must come into play. —- In short, a pervasive disbelief has emerged in social ideals that are brought to the people through feeling, sensibility, and the modern mode of cognition.
[ 10 ] Das wiederum hängt zusammen mit dem, was sich nun überhaupt im Laufe der neueren Geschichtsentwickelung innerhalb des Geisteslebens der Menschheit zugetragen hat. Man hat ja oftmals betont, daß, was heute als soziale Frage figuriert, im wesentlichen zusammenhängt mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung der neueren Zeit, die sich wiederum in der besonderen Art, wie wir sie heute haben, gestaltet hat durch das Überhandnehmen der neueren Technik und so weiter. Aber man wird all den Dingen, die dabei in Frage kommen, niemals gerecht werden, wenn man nicht etwas anderes noch ins Auge faßt: daß mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, mit der modernen Kulturtechnik heraufgekommen ist in der Lebensführung der neueren zivilisierten Menschheit eine besondere Art von Weltanschauungsgesinnung, eine Weltanschauungsgesinnung, die große Früchte, bedeutsame, einschneidende Fortschrittsfrüchte insbesondere in Technik und Naturwissenschaft getragen hat, aber von der auch zugleich etwas anderes gesagt werden muß.
[ 10 ] This, in turn, is connected to what has actually taken place in the course of recent historical developments within the spiritual life of humanity. It has often been emphasized that what is today referred to as the “social question” is essentially connected to the capitalist economic order of recent times, which in turn has taken shape in the specific form we see today through the proliferation of modern technology and so on. But one will never do justice to all the factors involved unless one also takes something else into account: that along with the capitalist economic order and modern technological culture, a particular kind of worldview has emerged in the way of life of modern civilized humanity—a worldview that has borne great fruits, significant and transformative fruits of progress, particularly in technology and the natural sciences, but about which something else must also be said.
[ 11 ] Sie werden nicht verkennen, wenn Sie das eine oder das andere aus meinen Schriften verfolgen, daß ich ein Anerkenner, nicht ein Ablehner, ein Kritiker dessen bin, was heraufgekommen ist in der neueren Zeit durch die naturwissenschaftliche Vorstellungsart. Voll anerkenne ich für den Fortschritt der Menschheit, was eingetreten ist durch die kopernikanische Weltanschauung, durch den Galileismus, durch die Erweiterung des Menschheitshorizontes durch Giordano Bruno und andere, viele andere. Allein, was zugleich mit der modernen Technik, mit dem modernen Kapitalismus sich entwickelt hat, das ist: Alte, ältere Weltanschauungen haben sich so verwandelt, daß die neuere Weltanschauung einen stark intellektualistischen, vor allen Dingen einen wissenschaftlichen Charakter angenommen hat.
[ 11 ] If you follow one or the other of my writings, you will not fail to recognize that I am one who acknowledges—not one who rejects—and a critic of what has emerged in recent times through the scientific way of thinking. I fully acknowledge, for the sake of human progress, what has come about through the Copernican worldview, through Galileanism, and through the broadening of humanity’s horizons by Giordano Bruno and others—many others. However, what has developed alongside modern technology and modern capitalism is this: older worldviews have been transformed to such an extent that the newer worldview has taken on a strongly intellectualistic—and above all, scientific—character.
[ 12 ] Man erinnere sich nur - freilich findet man es heute unbequem, solche Tatsachen richtig ins Auge zu fassen —, wie sich das, was wir heute mit Stolz unsere «wissenschaftliche Weltanschauung» nennen, allmählich herausentwickelt hat, man kann das im einzelnen nachweisen, aus alten religiösen, künstlerisch-ästhetischen, sittlichen und so weiter Weltanschauungsströmungen. Diese Weltanschauungsströmungen hatten eine gewisse Stoßkraft für das Leben. Vor allen Dingen eines war diesen Weltanschauungen eigen: sie brachten den Menschen zu dem Bewußtsein von der Geistigkeit seines Wesens. Diese älteren Weltanschauungen, man mag heute stehen zu ihnen wie man will, sie sprachen dem Menschen so von dem Geiste, daß der Mensch fühlte, in ihm lebt geistiges Wesen, das angegliedert ist an das die Welt durchwellende und durchwirkende geistige Wesen. An die Stelle dieser Weltanschauung mit einer gewissen sozialen Stoßkraft, mit einer Stoßkraft für das Leben, tratnun die mehr wissenschaftlich orientierte neue Weltanschauung. Sie hat es zu tun mit mehr oder weniger abstrakten Naturgesetzen, mit mehr oder weniger von dem Menschen bloß abgesonderten Sinneswahrnehmungen, mit abstrakten Ideen und abstrakten Tatsachen. Und man muß diese Naturwissenschaft - man braucht ihr dadurch nicht im geringsten ihren Wert zu nehmen — daraufhin ansehen, was sie dem Menschen gibt, was sie vor allen Dingen dem Menschen so gibt, daß der Mensch die Frage seines eigenen Wesens beantwortet findet. Diese Naturwissenschaft sagt sehr viel über den Zusammenhang der Naturerscheinungen. Sie sagt auch sehr viel über die leiblich-physische Beschaffenheit des Menschen. Aber sie überschreitet ihr Feld, wenn sie irgend etwas aussagen will über das innerste Wesen des Menschen. Sie gibt keine Antwort über das innerste Wesen des Menschen, und sie versteht sich selber schlecht, wenn sie auch nur versucht, eine solche Antwort zu geben.
[ 12 ] One need only recall—though it is, of course, uncomfortable today to truly face such facts—how what we now proudly call our “scientific worldview” gradually developed; this can be demonstrated in detail through old religious, artistic-aesthetic, moral, and other such worldview currents. These currents of worldview had a certain impetus for life. Above all, one thing was characteristic of these worldviews: they led people to an awareness of the spiritual nature of their being. These older worldviews—whatever one may think of them today—spoke to people about the spirit in such a way that they felt a spiritual being living within them, one that is connected to the spiritual being that permeates and interweaves the world. In place of this worldview—which possessed a certain social impetus, a driving force for life—came the new, more scientifically oriented worldview. It deals with more or less abstract laws of nature, with sensory perceptions that are more or less isolated from the human being, and with abstract ideas and abstract facts. And one must view this natural science—without in any way diminishing its value—in terms of what it gives to human beings, and above all, how it gives it in such a way that human beings find the question of their own being answered. This natural science says a great deal about the interrelationships of natural phenomena. It also says a great deal about the physical constitution of human beings. But it oversteps its bounds when it attempts to say anything about the innermost nature of human beings. It provides no answer regarding the innermost nature of human beings, and it misunderstands itself if it even attempts to provide such an answer.
[ 13 ] Nun behaupte ich durchaus nicht, daß dasjenige, was populäres, allgemeines Menschheitsbewußtsein ist, etwa heute schon herausströmte aus naturwissenschaftlichen Lehren. Aber etwas anderes ist wahr, tief wahr: Die naturwissenschaftliche Gesinnung selbst ist hervorgegangen aus einer gewissen Stimmung der modernen Menschenseele. Erkennt man heute das Leben durchdringend, so weiß man, daß sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts und dann immer mehr und mehr in der Stimmung der Menschenseele gegenüber früheren Zeiträumen etwas geändert hat. Man weiß, daß über die ganze Menschheit sich, zuerst über die Städtebevölkerung, dann aber hinaus aufs Land, immer mehr und mehr hinausgegossen hat diejenige Anschauung der Welt, die sich dann nur ausgesprochen hat in der naturwissenschaftlichen Richtung wie in einem Symptom. Man hat es also nicht etwa mit einem bloßen Ergebnis theoretischer Naturwissenschaft zu tun, wenn man von dem spricht, wie heute die Menschenseele gestimmt ist, sondern man hat es mit etwas zu tun, was als innere Seelenstimmung die Menschheit überhaupt überkommen hat seit dem Beginn der neueren Zeit.
[ 13 ] Now, I am by no means claiming that what constitutes popular, general human consciousness has, as it were, already emerged today from the teachings of the natural sciences. But something else is true, deeply true: the scientific mindset itself has emerged from a certain mood of the modern human soul. If one perceives life in its entirety today, one knows that since the middle of the 15th century—and then increasingly over time—something has changed in the mood of the human soul compared to earlier periods. We know that a certain worldview has spread more and more throughout all of humanity—first among the urban population, but then extending out into the countryside—a worldview that has found its expression, as it were, in the direction of the natural sciences, much like a symptom. Thus, when we speak of the current state of the human soul, we are not dealing with a mere result of theoretical natural science, but rather with something that has come over humanity as an inner mood of the soul since the beginning of the modern era.
[ 14 ] Und nun trat das Bedeutsame ein: Diese wissenschaftlich orientierte Weltanschauung, sie kam herauf zugleich mit dem Kapitalismus, zugleich mit der modernen Kulturtechnik. Die Menschen wurden hinweggerufen von ihrem alten Handwerk und an die Maschine gestellt, in die Fabrik hineingepfercht. Neben dem stehen sie, in das sind sie eingepfercht, was nur von mechanischer Gesetzmäßigkeit beherrscht wird, woraus nichts strömt, was zum Menschen selbst einen unmittelbaren Bezug hat. Aus dem alten Handwerk war etwas hervorgequollen, was Antwort gab auf die Frage nach Menschenwert und Menschenwürde. Die abstrakte Maschine gibt keine Antwort. Der moderne Industrialismus ist wie ein mechanisches Gewebe, das um den Menschen herumgesponnen wird, in dem er drinnensteht, das ihm nicht entgegentönt von etwas, an dem er freudig beteiligt ist wie an dem Ergebnis des alten Handwerks.
[ 14 ] And now the significant development took place: this scientifically oriented worldview emerged at the same time as capitalism and modern industrial technology. People were torn away from their old crafts and placed at the machines, crammed into factories. They stand beside it, crammed into it—a world governed solely by mechanical laws, from which nothing flows that has a direct connection to human beings themselves. From the old crafts had sprung something that provided an answer to the question of human value and human dignity. The abstract machine offers no answer. Modern industrialism is like a mechanical web spun around human beings, in which they are trapped, and from which nothing resonates with them—nothing in which they joyfully participate, as they did in the fruits of traditional craftsmanship.
[ 15 ] Und so trat die Kluft zutage zwischen denjenigen, die als industrielle Arbeiterschaft arbeiteten in der modernen Zeit, die an der Maschine in der Fabrik standen, die nicht mehr aus ihrer mechanischen Umgebung heraus den Glauben aufbringen konnten an das, was die alte Anschauung mit der alten Stoßkraft war, die sich davon lossagten, weil sie das Leben damit nicht zusammenbrachten, die sich einzig und allein an das hielten, was im neueren Geistesleben die Welt eben bekommen hat: an die wissenschaftlich orientierte Weltanschauung. Und diese wissenschaftlich orientierte Weltanschauung, wie wirkte sie auf sie? So wirkte sie auf sie, daß sie sich sagten, daß sie immer mehr und mehr fühlten: Was als Weltanschauungs-Wahrheit gegeben werden kann, es sind ja nur Gedanken, Gedanken, die nur eine Gedankenwirklichkeit haben. Wer mit dem modernen Proletariat gelebt hat, wer da weiß, wie sich die sozialen Empfindungen nach und nach in der neueren Zeit heraufgestaltet haben, der weiß, was ein oft und oft wiederkehrendes Wort in proletarischen, in sozialistischen Kreisen zu bedeuten hat, das Wort Ideologie. Das Geistesleben ist unter den Einflüssen, die ich eben geschildert habe, für die neuere arbeitende Menschheit zu einer Ideologie geworden. Die naturwissenschaftlich orientierte Weltanschauung wurde so aufgenommen, daß die Leute sich sagten: sie liefert nur Gedanken. Die alte Weltanschauung wollte nicht bloß Gedanken liefern; sie wollte den Menschen etwas geben, was ihnen zeigte: Du hängst mit deinem eigenen Geiste an den geistigen Wesenheiten der Welt. Geist dem Geiste, das wollten die alten Weltanschauungen den Menschen geben. Die neuere Weltanschauung gibt nur Gedanken, und vor allen Dingen keine Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Menschen. Als Ideologie wurde sie empfunden.
[ 15 ] And so the divide became apparent between those who worked as industrial laborers in modern times—standing at the machines in the factory—who, trapped in their mechanical environment, could no longer muster faith in what the old worldview once held with such force, and those who broke away from it, because they could not reconcile it with life, who clung solely to what the world had just acquired in the newer intellectual life: the scientifically oriented worldview. And how did this scientifically oriented worldview affect them? It affected them in such a way that they told themselves—and felt more and more strongly—that: Whatever is presented as truth in a worldview is, after all, nothing but thoughts—thoughts that exist only as a reality of thought. Anyone who has lived among the modern proletariat, anyone who knows how social sentiments have gradually taken shape in recent times, knows what a frequently recurring word means in proletarian and socialist circles: the word “ideology.” Under the influences I have just described, spiritual life has become an ideology for the modern working class. The scientifically oriented worldview was received in such a way that people said to themselves: it provides only thoughts. The old worldview did not merely seek to provide thoughts; it sought to give people something that showed them: You are connected, through your own spirit, to the spiritual entities of the world. Spirit to spirit—that is what the old worldviews sought to give people. The modern worldview provides only thoughts, and above all, no answer to the question of the true nature of the human being. It was perceived as an ideology.
[ 16 ] Und so entstand eben die Kluft zu den leitenden, führenden Kreisen, welche sich erhalten hatten die Tradition der alten Überlieferungen, der alten ästhetisch-künstlerischen Weltanschauungen, der religiösen, der sittlichen Weltauffassungen der älteren Zeiten und so weiter.
[ 16 ] And this is how the rift arose with the ruling, leading circles, which had preserved the tradition of the ancient teachings, the old aesthetic and artistic worldviews, the religious and moral perspectives of earlier times, and so on.
[ 17 ] Das trugen sie weiter, diese führenden Klassen, für ihren ganzen Menschen, während ihr Kopf aufnahm, was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung geworden ist. Eine breite Masse der Bevölkerung jedoch konnte nicht mehr irgendeine Neigung, irgendeine Sympathie aufbringen für dieses Überlieferte. Sie nahm als einzigen Inhalt einer Weltanschauung an, was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung war. Und sie nahm diese Weltanschauung so an, daß sie sie als Ideologie, als bloßes Gedankengebilde empfand. Man sagte sich: Wirklichkeit ist nur das wirtschaftliche Leben; Wirklichkeit ist nur, wie produziert wird, wie die produzierten Produkte verteilt werden, wie der Mensch konsumiert, wie der Mensch dies und jenes besitzt oder an den anderen abgibt und so weiter. Was im Menschenleben sonst da ist — Recht, Sitte, Wissenschaft, Kunst, Religion -, das ist nur wie ein Rauch, der aufsteigt als Ideologie aus der einzigen Wirklichkeit, aus der wirtschaftlichen Wirklichkeit.
[ 17 ] These leading classes carried this forward for the whole of humanity, while their minds absorbed what had become a scientifically oriented worldview. A broad segment of the population, however, could no longer muster any inclination or sympathy for this traditional heritage. It adopted the scientifically oriented worldview as the sole content of its worldview. And it adopted this worldview in such a way that it perceived it as an ideology, as a mere construct of thought. People told themselves: Reality is only economic life; reality consists solely of how things are produced, how the products are distributed, how people consume, how people possess this or that or transfer it to others, and so on. Everything else in human life—law, custom, science, art, religion—is merely like smoke rising as ideology from the sole reality, from economic reality.
[ 18 ] Und so wurde für die breite Masse der Menschheit das Geistesleben zu einer Ideologie. Es wurde zu einer Ideologie, weil vor allen Dingen die leitenden, führenden Kreise nicht verstanden, indem sie das neuere wirtschaftliche Leben sich ausgestalten sahen und sich in dasselbe einlebten, nachzufolgen mit dem Geistesleben diesem kompliziert werdenden Wirtschaftsleben. Sie behielten die Tradition der alten Zeit, ein Geistesleben, das mehr oder weniger so orientiert war, wie es orientiert gewesen war in der alten Zeit. Die breite Masse nahm das neue Geistesleben auf, aber nicht so, daß es ihr etwas gab, was Herz und Seele erfüllte.
[ 18 ] And so, for the vast majority of humanity, spiritual life became an ideology. It became an ideology because, above all, the ruling and leading circles failed to understand—as they witnessed the new economic life taking shape and became immersed in it—that spiritual life needed to keep pace with this increasingly complex economic life. They clung to the tradition of the old days, a spiritual life that was oriented more or less as it had been in the past. The broad masses embraced the new spiritual life, but not in a way that gave them something that filled their hearts and souls.
[ 19 ] Mit einer solchen Weltanschauung, die man als Ideologie empfindet, die man so empfindet, daß man sagt: Recht, Sitte, Religion, Kunst, Wissenschaft sind nur ein Überbau, ein Rauch über dem einzig Wirklichen, über den Produktionsverhältnissen, über der Wirtschaftsordnung — mit einer solchen Weltanschauung läßt sich denken, mit einer solchen Weltanschauung läßt sich nicht leben. Eine solche Weltanschauung, sie mag noch so triumphal, wie sie es auch ist, für die Naturbetrachtung sein, mit einer solchen Weltanschauung wird die Menschenseele ausgehöhlt. Was diese Weltanschauung der Menschenseele zurechtgezimmert hat, das wirkt in den sozialen Tatsachen der neueren Zeit.
[ 19 ] With such a worldview—one that is perceived as an ideology, one that makes one say: Law, custom, religion, art, and science are merely a superstructure, a veil over the only reality—the relations of production, the economic order—with such a worldview, one can think, but one cannot live. Such a worldview—no matter how triumphant it may be, as it indeed is, for the observation of nature—hollows out the human soul. What this worldview has fashioned out of the human soul is evident in the social realities of recent times.
[ 20 ] Man wird diesen sozialen Tatsachen nicht gerecht, wenn man nur hinblickt auf das, was die Menschen in ihrem Bewußtsein tragen. Aus ihrem Bewußtsein heraus mögen die Menschen sagen: Ach, was redet ihr uns von der sozialen Frage als einer Geistesfrage! Es handelt sich darum, daß die wirtschaftlichen Güter ungleich verteilt sind. Wir streben an die gleiche Verteilung! - Solche Dinge mögen die Menschen in ihrem Oberstübchen bewußt empfinden, aber in den unterbewußten Tiefen der Seele, da wühlt etwas anderes, da wühlt, was sich unbewußt entwickelt, weil vom Bewußtsein hinunter nicht strömt, was wirkliche geistige Erfüllung der Seele wäre, weil da nur wirkt, was die Seelen aushöhlt, was als Ideologie empfunden wird. Die Leerheit des neueren Geisteslebens, das ist es, was als das erste Glied der sozialen Frage aufgefaßt werden muß. Eine Geistesfrage ist zunächst diese soziale Frage.
[ 20 ] One does not do justice to these social realities by focusing solely on what people carry in their consciousness. From the perspective of their consciousness, people might say: “Oh, why are you talking to us about the social question as if it were a matter of the mind? The issue is that economic goods are distributed unequally.” We strive for equal distribution! —People may consciously perceive such things in their minds, but in the subconscious depths of the soul, something else is stirring—something that develops unconsciously because what would be true spiritual fulfillment for the soul does not flow down from consciousness, because what is at work there is only what hollows out the soul, what is perceived as ideology. The emptiness of modern intellectual life—that is what must be understood as the first link in the social question. This social question is, first and foremost, a spiritual question.
[ 21 ] Und weil es so ist, weil sich ein Geistesleben entwickelt hat, das zum Beispiel auf nationalökonomischem Gebiete, in der vornehmsten, in der Universitätsnationalökonomie, zu einer bloßen Betrachtung geworden ist, die nicht aus sich heraus Prinzipien des sozialen Wollens entwickelt, weil es dazu gekommen ist, daß die besten Menschenfreunde wie SaintSimon, Louis Blanc, Fourier Gesellschaftsideale ausgedacht haben, an die niemand glaubt — weil man überhaupt das, was aus dem Geiste herauskommt, als Utopie, namentlich als bloße Ideologie empfindet -, weil es eine weltgeschichtliche Tatsache ist, daß ein Geistesleben sich entwickelt hat, das nur wie ein Überbau des Wirtschaftslebens wirkt, das nicht wirklich eindringt in die Tatsachen und daher als Ideologie empfunden wird: deshalb ist es so, daß die soziale Frage in ihrem ersten Gliede als eine Geistesfrage aufgefaßt werden muß. Die Frage steht vor uns heute, man möchte sagen, mit Flammenschrift: Wie muß der Menschengeist beschaffen sein, damit er die soziale Frage meistern lerne?
[ 21 ] And because this is the case—because an intellectual life has developed that, for example, in the field of political economy, particularly in the most distinguished branch, university political economy, has become a mere form of observation that does not, of its own accord, develop principles of social will—because it has come to pass that the greatest humanitarians, such as Saint-Simon and Louis Blanc, Fourier have devised social ideals in which no one believes—because whatever emerges from the spirit is generally perceived as utopia, specifically as mere ideology—because it is a fact of world history that an intellectual life has developed which functions merely as a superstructure of economic life, which does not truly penetrate the facts and is therefore perceived as ideology: that is why the social question, in its first aspect, must be understood as an intellectual question. The question stands before us today, one might say, in letters of fire: What must the human spirit be like so that it may learn to master the social question?
[ 22 ] Man hat gesehen, daß wissenschaftliche Gesinnung mit ihren besten Methoden sich an die Nationalökonomie herangemacht hat - sie ist zu einer bloßen Betrachtung gekommen, nicht zu einem sozialen Wollen. Also aus dem Grunde des neueren Geisteslebens geht eine Geistesverfassung hervor, die nicht imstande ist, die Nationalökonomie als Grundlage für praktisch soziales Wollen zu entwickeln. Wie muß der Geist beschaffen sein, aus dem solche Nationalökonomie hervorgeht, die die Grundlage werden kann eines wirklichen sozialen Wollens?
[ 22 ] We have seen that the scientific mindset, employing its best methods, has applied itself to political economy—but it has arrived at mere observation, not at a social will. Thus, from the very foundation of modern intellectual life emerges a state of mind that is incapable of developing economics as a basis for practical social will. What must be the nature of the mind from which such an economics emerges—one that can become the foundation of a genuine social will?
[ 23 ] Man hat gesehen, daß breite Menschenmassen nur den Ruf «Utopie» haben, wenn sie die Gesellschaftsideale wohlmeinender Menschenfreunde hören, daß sie keinen Glauben haben, daß der Menschengeist so stark sei, daß er die sozialen Tatsachen meistere. Wie muß das Geistesleben beschaffen sein, damit die Menschen wieder glauben lernen: Der Geist kann die Ideen fassen, welche die sozialen Einrichtungen so schaffen, daß gewisse soziale Schäden verschwinden?
[ 23 ] It has been observed that the masses react with nothing but the cry of “utopia” when they hear the social ideals of well-meaning philanthropists; they do not believe that the human spirit is strong enough to overcome social realities. What must the nature of intellectual life be like for people to learn to believe once again that the mind can grasp the ideas that shape social institutions in such a way that certain social ills disappear?
[ 24 ] Man hat gesehen: Was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung ist, wird in weiten Kreisen als Ideologie empfunden. Ideologie aber als einziger Inhalt der menschlichen Seele höhlt diese Seele aus, erzeugt in den unterbewußten Tiefen, was heute hervortritt in den verwirrend chaotischen Tatsachen der sozialen Frage. Wie muß das Geistesleben beschaffen sein, damit es ferner nicht eine Ideologie hervorbringe, damit es hineingieße in die menschliche Seele, was sie fähig macht, in die sozialen Tatsachen so einzugreifen, daß die Menschen wirklich in sozialer Weise nebeneinander wirken können?
[ 24 ] It has been observed that what is a scientifically oriented worldview is perceived by many as an ideology. But ideology, when it becomes the sole content of the human soul, hollows out that soul, generating in the depths of the subconscious what today manifests itself in the bewilderingly chaotic realities of the social question. What must the nature of spiritual life be so that it does not give rise to an ideology, so that it instills in the human soul what enables it to engage with social realities in such a way that people can truly interact with one another in a social manner?
[ 25 ] So sieht man zunächst, wie die soziale Frage eine Geistesfrage ist, wie der moderne Geist nicht in der Lage war, sozialen Glauben an sich hervorzurufen, wie dieser moderne Geist nicht in der Lage war, ein Seelenerfüllendes zu geben, sondern wie er als Ideologie ein Seelenverödendes gegeben hat.
[ 25 ] Thus, one sees first of all how the social question is a question of the spirit, how the modern spirit was unable to inspire social faith in itself, how this modern spirit was unable to provide anything that would fulfill the soul, but rather, as an ideology, provided something that desolated the soul.
[ 26 ] Ich möchte Ihnen heute in der Einleitung zunächst mehr in historischer Weise zeigen, wie aus den Verhältnissen des neueren Lebens die soziale Frage als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage, als eine Wirtschaftsfrage empfunden wird.
[ 26 ] In today’s introduction, I would first like to show you, from a historical perspective, how the social question is perceived—in light of the conditions of modern life—as a question of the mind, a question of law, and a question of economics.
[ 27 ] Nehmen wir einmal dasjenige, was eine Persönlichkeit gesprochen hat vor nicht allzulanger Zeit — und oft und oft -, die mitten drinnenstand im tätigen politischen, im Staatsleben der heutigen Zeit, die hervorgegangen ist aus dem Geistesleben der heutigen Zeit. Diejenigen der verehrten Zuhörer, die mich bei früheren Vorträgen hier gehört haben, werden nicht mißverstehen, was ich nun sagen werde, denn in den Zeiten, als Woodrow Wilson von aller Welt außerhalb der mitteleuropäischen anerkannt wurde als eine Art Weltdirigent, da habe ich mich immer wieder und wiederum gegen diese Anerkennung ausgesprochen. Und diejenigen, die mich gehört haben, die wissen, daß ich niemals ein ‚Anhänger, sondern stets ein Gegner des Woodrow Wilson war. Auch in der Zeit, als selbst Deutschland dem Wilson-Kultus verfiel, habe ich nicht zurückgehalten mit dieser Anschauung, die ich hier auch in Zürich immer wieder geltend gemacht habe. Aber heute, wo es gewissermaßen mit diesem Kultus vorüber ist, kann etwas gesagt werden, was besonders einem Wilson-Gegner nicht übelgenommen zu werden braucht.
[ 27 ] Let us consider what a prominent figure said not too long ago—and time and again—who was at the very center of active political and public life in our time, a life that has emerged from the spiritual life of our age. Those among the esteemed audience who have heard me speak here on previous occasions will not misunderstand what I am about to say, for in the days when Woodrow Wilson was recognized by the entire world outside of Central Europe as a kind of global conductor, I spoke out against this recognition time and time again. And those who have heard me know that I was never a “supporter,” but always an opponent of Woodrow Wilson. Even during the time when even Germany succumbed to the Wilson cult, I did not hold back in expressing this view, which I have repeatedly asserted here in Zurich as well. But today, now that this cult has, so to speak, come to an end, something can be said that need not be taken amiss, especially by an opponent of Wilson.
[ 28 ] Dieser Mann hat aus einem eindringlichen Empfinden der sozialen Zustände Amerikas, wie sie sich herausgebildet haben seit dem Sezessions- und Bürgerkrieg der sechziger Jahre, gerade empfunden, wie die Staats-, die Rechtsverhältnisse stehen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen. Er hat mit einem gewissen unbefangenen Blick gesehen, wie sich durch die komplizierte neuere Wirtschaftsordnung die großen Zusammenhäufungen der Kapitalmassen herausgebildet haben. Er hat gesehen, wie sich die Trusts, wie sich die großen Kapitalgesellschaften gegründet haben. Er hat gesehen, wie selbst in einem demokratischen Staatswesen das demokratische Prinzip immer mehr und mehr geschwunden ist gegenüber den Geheimverhandlungen jener Gesellschaften, die am Geheimnis ihr Interesse hatten, jener Gesellschaften, die mit den angehäuften Kapitalmassen sich große Macht erwarben und große Menschenmassen beherrschten. Und er hat immer wieder und wieder seine Stimme erhoben für die Freiheit der Menschen gegenüber jener Machtentfaltung, die aus Wirtschaftsverhältnissen heraus kommt. Er hat aus einer tief menschlichen Empfindung heraus — das darf gesagt werden — gefühlt, wie zusammenhängt mit dem einzelnsten Menschen, was soziale Tatsache ist, mit der Art und Weise, wie der einzelne Mensch zu diesem sozialen Leben reif ist. Er wies darauf hin, wie es für die Gesundung des sozialen Lebens darauf ankommt, daß unter jedem menschlichen Kleide ein frei gesinntes menschliches Herz lebt. Er wies immer wieder und wieder darauf hin, wie das politische Leben demokratisiert werden müsse, wie abgenommen werden müsse den einzelnen Machtgesellschaften diese Macht und die Machtmittel, die sie haben, wie die individuellen Fähigkeiten und Kräfte jedes Menschen, der sie hat, zugelassen werden müssen zum allgemeinen wirtschaftlichen, sozialen und Staatsleben überhaupt. Er hat es eindringlich ausgesprochen, daß sein Staatswesen, das er offenbar als das fortgeschrittenste ansieht, leidet unter den Verhältnissen, die sich ausgebildet haben.
[ 28 ] Based on a keen sense of social conditions in America—as they have developed since the Secession and Civil War of the 1860s—this man accurately perceived the relationship between political and legal conditions and economic conditions. With a certain impartial perspective, he observed how the complex modern economic order had given rise to the massive accumulation of capital. He saw how the trusts and the large corporations were established. He saw how, even in a democratic system of government, the democratic principle has steadily eroded in the face of the secret negotiations of those corporations that had a vested interest in secrecy—corporations that, through the capital they had amassed, acquired great power and dominated vast masses of people. And time and again he raised his voice in defense of human freedom against the expansion of power arising from economic conditions. Out of a profoundly human sensibility—and this must be said—he felt how social reality is connected to the individual human being, and to the way in which the individual is ready to participate in this social life. He pointed out how crucial it is for the healing of social life that a free-spirited human heart beats beneath every human garment. He pointed out time and again how political life must be democratized, how power and the means of power must be taken away from the individual power structures, and how the individual abilities and strengths of every person who possesses them must be allowed to contribute to general economic, social, and political life as a whole. He emphatically stated that his own political system—which he evidently regards as the most advanced—suffers from the conditions that have developed.
[ 29 ] Warum? Ja, neue wirtschaftliche Verhältnisse sind heraufgezogen; große wirtschaftliche Kapitalzusammendrängungen, wirtschaftliche Machtentfaltung. Alles überflügelt auf diesem Gebiete das, was noch vor kurzem da war. Ganz neue Formen des menschlichen Zusammenlebens brachte diese Wirtschaftsgestaltung herauf. Man steht einer vollständigen Neugestaltung des wirtschaftlichen Lebens gegenüber. Und nicht ich — aus irgendeiner Theorie heraus —, sondern dieser Staatsmann, man darf sagen, dieser «Weltstaatsmann», er hat es ausgesprochen: Der Grundschaden der neueren Entwickelung liegt darinnen, daß zwar die wirtschaftlichen Verhältnisse fortgeschritten sind, daß die Menschen sich das wirtschaftliche Leben nach ihren geheimen Machtverhältnissen gestaltet haben, daß aber die Ideen des Rechtes, die Ideen des politischen Gemeinschaftslebens nicht nachgekommen sind, daß sie auf einem früheren Standpunkte zurückgeblieben sind. Woodrow Wilson hat es deutlich ausgesprochen: Wir wirtschaften mit neuen Verhältnissen, aber wir denken, wir geben Gesetze über das Wirtschaften von einem Gesichtspunkt, der längst überholt ist, der ein alter ist. Nicht so wie im Wirtschaftsleben hat sich ein Neueres herausgebildet auf dem Gebiete des Rechtslebens, des politischen Lebens; diese sind zurückgeblieben. Mit alten politischen, mit alten Rechtsideen leben wir in einer vollständig neuen Wirtschaftsordnung darinnen. — So spricht es ungefähr Woodrow Wilson aus. Und eindringlich sagt er: Unter dieser Inkongruenz zwischen Rechtsleben und Wirtschaftsleben, da kann sich nicht das entwickeln, was der gegenwärtige Zeitpunkt der menschlichen Entwickelungsgeschichte fordert: daß der einzelne nicht für sich, sondern zum Wohle der Gemeinschaft arbeitet. Und eine eindringliche Kritik übt Woodrow Wilson an der Gesellschaftsordnung, die ihm unmittelbar vorliegt.
[ 29 ] Why? Yes, new economic conditions have emerged: massive concentrations of capital, the expansion of economic power. Everything in this realm has surpassed what existed there only a short time ago. This economic structure has given rise to entirely new forms of human coexistence. We are facing a complete restructuring of economic life. And it was not I—based on some theory—but this statesman, one might say this “world statesman,” who articulated it: The fundamental flaw in recent developments lies in the fact that, while economic conditions have advanced—and people have shaped economic life according to their hidden power dynamics—the ideas of justice and the ideas of political community life have not kept pace; they have remained stuck at an earlier stage. Woodrow Wilson put it clearly: We conduct our economic affairs under new conditions, but we think we are enacting laws governing the economy from a perspective that has long since become obsolete—an outdated one. Unlike in economic life, a newer reality has emerged in the realm of legal life and political life; these have lagged behind. We are living within a completely new economic order while clinging to old political and legal ideas. — That is roughly how Woodrow Wilson puts it. And he emphatically states: Given this incongruity between the legal and economic spheres, what the current stage of human history demands—that the individual work not for himself but for the good of the community—cannot develop. And Woodrow Wilson offers a forceful critique of the social order that he observes around him.
[ 30 ] Ich darf sagen — gestatten Sie mir diese persönliche Bemerkung -, ich habe mir viel, viel Mühe gegeben, Woodrow Wilsons Kritik der gegenwärtigen sozialen Zustände, wie er sie namentlich im Auge hat, der amerikanischen, zu prüfen und zu vergleichen mit anderen Kritiken -ich werde jetzt etwas sehr Paradoxes sagen, allein die Verhältnisse der Gegenwartfordern einen sehr häufig auf, recht sehr Paradoxes zu sagen; man muß das, wenn man der heutigen Wirklichkeit gerecht werden will -, ich habe versucht zu vergleichen, sowohl der äußeren Form wie auch den inneren Impulsen nach, Woodrow Wilsons Gesellschaftskritik als Kritik zunächst mit der Kritik der Gesellschaft, die von fortgeschrittener, von radikal sozialdemokratischer Seite geübt wird. Ja, man kann diesen Vergleich sogar ausdehnen auf den radikalsten Flügel der sozialistischen Gesinnung und des sozialistischen Handelns von heute. Bleibt man innerhalb dessen, was diese Menschen als Kritik liefern, stehen, so kann man sagen: Fast bis zur Wortwörtlichkeit stimmt Woodrow Wilsons Kritik der heutigen Gesellschaftsordnung überein mit dem, was selbst Lenin und Trotzki sagen, die Totengräber der gegenwärtigen Zivilisation, von denen man sagen muß, daß, wenn das zu lange in der Menschheit, auch nur in einigen Gebieten, walten darf, was sie im Auge haben, so wird das den Tod der modernen Zivilisation bedeuten, so wird das zum Untergange all desjenigen führen müssen, was durch die moderne Zivilisation errungen worden ist. - Und dennoch muß man das Paradoxe sagen: Woodrow Wilson, der sich ganz gewiß immer den Aufbau anders gedacht hat als diese Zerstörer, Woodrow Wilson richtet an die gegenwärtige Gesellschaftsordnung fast wörtlich die gleiche Kritik wie diese anderen.
[ 30 ] I must say—if you’ll allow me this personal remark—that I have gone to great, great lengths to examine Woodrow Wilson’s critique of current social conditions, specifically as he sees them in the United States, and to compare it with other critiques—I am about to say something quite paradoxical, but current circumstances very often require one to say quite paradoxical things; one must do so if one wishes to do justice to today’s reality—I have attempted to compare, in terms of both external form and internal impulses, Woodrow Wilson’s social critique, as a critique in the first place, with the critique of society leveled by progressive, radical social democratic circles. Yes, one can even extend this comparison to the most radical wing of today’s socialist thought and action. If one remains within the scope of what these people offer as criticism, one can say: Woodrow Wilson’s critique of today’s social order corresponds, almost word for word, to what even Lenin and Trotsky say, the gravediggers of contemporary civilization—of whom one must say that if what they have in mind is allowed to prevail for too long among humanity, even if only in certain areas, it will mean the death of modern civilization; it will inevitably lead to the downfall of everything that has been achieved through modern civilization. - And yet one must point out the paradox: Woodrow Wilson, who certainly always envisioned reconstruction differently than these destroyers, directs almost exactly the same criticism at the current social order as these others do.
[ 31 ] Und er kommt zu der Konsequenz, daß Rechtsbegriffe, politische Begriffe, wie sie heute herrschen, veraltet sind, daß sie nicht mehr in der Lage sind, einzugreifen in das Wirtschaftsleben. Und sonderbar, versucht man das dann zum Positiven zu wenden, versucht man zu prüfen, was Woodrow Wilson beigebracht hat, um nun eine soziale Struktur, eine Struktur des sozialen Organismus hervorzurufen: man findet kaum irgendwelche Antwort! Einzelne Maßnahmen da oder dort, die aber auch sonst gemacht werden von jemand, der viel weniger eindringliche und objektive Kritik übt, aber irgend etwas Durchgreifendes nicht, jedenfalls nicht eine Antwort auf die Frage: Wie muß das Recht, wie müssen die politischen Begriffe, Ideen, die politischen Impulse gestaltet werden, damit sie die Forderungen des modernen Wirtschaftslebens beherrschen können, damit man hineindringen kann in dieses moderne Wirtschaftsleben?
[ 31 ] And he concludes that legal and political concepts, as they prevail today, are outdated; that they are no longer capable of influencing economic life. And strangely enough, if one then tries to turn this into something positive, if one tries to examine what Woodrow Wilson taught in order to bring about a social structure—a structure of the social organism—one can hardly find any answers! Individual measures here and there—measures that are also taken by others who offer far less incisive and objective criticism—but nothing truly far-reaching, at least not an answer to the question: How must the law, how must political concepts, ideas, and political impulses be shaped so that they can meet the demands of modern economic life, so that one can penetrate this modern economic life?
[ 32 ] Hier sieht man, wie aus dem neueren Leben heraus selbst das zweite Glied der sozialen Frage entspringt: diese soziale Frage als eine Rechtsfrage.
[ 32 ] Here we see how even the second aspect of the social question arises from modern life: this social question as a legal issue.
[ 33 ] Zu suchen hat man erst nach einer Grundlage für das Recht, für die politischen Verhältnisse, für die Staatsverhältnisse, die da sein müssen, damit sie ergreifen können, meistern können dieses moderne Wirtschaftsleben. So muß man fragen: Wie dringt man vor zu Rechts-, zu politischen Impulsen gegenüber den großen Forderungen der sozialen Frage? Das ist das zweite Glied der sozialen Frage.
[ 33 ] First, one must seek a foundation for the law, for the political conditions, and for the state structures that must be in place so that they can take hold of and master this modern economic life. So one must ask: How does one move toward legal and political initiatives in response to the major demands of the social question? That is the second aspect of the social question.
[ 34 ] Und betrachten Sie doch nur das Leben selber: Sie werden finden, wie dies Leben des Menschen dreigliederig ist, so wie er in der menschlichen Gesellschaft drinnensteht. Drei Glieder heben sich ganz deutlich voneinander ab, wenn wir den Menschen in seiner Stellung in der menschlichen Gesellschaft betrachten. Das erste ist, daß der Mensch notwendig hat, wenn er etwas beitragen soll - wie er es in der modernen Gesellschaft zweifellos muß zum Heile einer sozialen Ordnung -, wenn der Mensch etwas beizutragen hat zu Gemeinschaftsdingen, zu gemeinschaftlicher Arbeit, gemeinschaftlicher Werterzeugung, gemeinschaftlicher Gütererzeugung, so muß er erstens die individuelle Tauglichkeit, die individuelle Begabung, die individuelle Tüchtigkeit dazu haben. Das zweite ist: er muß mit seinen Mitmenschen in Frieden auskommen, in Frieden mit ihnen zusammen arbeiten können. Und das dritte ist: er muß seinen Platz finden können, von dem aus er mit seiner Arbeit, mit seinem Wirken, mit seinen Leistungen für Menschen eintreten kann.
[ 34 ] And just consider life itself: You will find that human life is threefold, just as the human being is situated within human society. Three aspects stand out quite clearly from one another when we consider the human being in his or her position within human society. The first is that if a person is to contribute something—as he undoubtedly must in modern society for the sake of a social order—if a person is to contribute to communal affairs, to communal work, to the communal creation of value, and to the communal production of goods, then he must first possess the individual aptitude, the individual talent, and the individual competence to do so. The second is that they must be able to get along peacefully with their fellow human beings and work together with them in peace. And the third is that they must be able to find their place, from which they can stand up for others through their work, their actions, and their achievements.
[ 35 ] In bezug auf das erste ist der Mensch darauf angewiesen, daß die menschliche Gesellschaft seine Fähigkeiten und seine Begabungen ausbildet, daß sie seinen Geist leitet und den Geist, den sie in ihm ausbildet, zu gleicher Zeit zum Führer für eine physische Arbeit macht. Für das zweite ist der Mensch darauf angewiesen, daß er sich einleben kann in eine soziale Struktur, in der die Menschen sich so verständigen können, daß sie miteinander in Frieden auskommen können. Das erste führt uns auf das Gebiet des Geisteslebens. Wir werden sehen in den folgenden Vorträgen, wie die Pflege des Geisteslebens mit dem ersten zusammenhängt. Das zweite führt uns auf das Gebiet des Rechtslebens, denn das Rechtsleben kann sich nur dadurch seinem Wesen nach ausbilden, daß eine soziale Struktur gefunden wird, durch die die Menschen miteinander in Frieden zusammenarbeiten und wirken und füreinander leisten. Und das dritte führt uns in das moderne Wirtschaftsleben, dieses moderne Wirtschaftsleben, das, wie ich geschildert habe, Woodrow Wilson so anschaut, daß es gleichsam so geworden ist wie ein Mensch, der groß gewachsen ist und der zu kleine Kleider anhat, über die er überall hinausgewachsen ist. Diese zu kleinen Kleider sind für Woodrow Wilson die alten Rechts- und politischen Begriffe. Das Wirtschaftsleben ist über sie längst hinausgewachsen.
[ 35 ] With regard to the first, human beings depend on human society to develop their abilities and talents, to guide their minds, and to make the mind that it develops within them a guide for physical labor. For the second, human beings depend on being able to integrate into a social structure in which people can communicate in such a way that they can live together in peace. The first leads us into the realm of spiritual life. We will see in the following lectures how the cultivation of spiritual life is connected to the first aspect. The second aspect leads us into the realm of legal life, for legal life can only develop in accordance with its very nature by finding a social structure through which people can work and act together in peace and serve one another. And the third leads us into modern economic life—this modern economic life which, as I have described, Woodrow Wilson views as having, so to speak, become like a person who has grown tall but is wearing clothes that are too small, clothes that he has outgrown in every respect. For Woodrow Wilson, these clothes that are too small are the old legal and political concepts. Economic life has long since outgrown them.
[ 36 ] Dieses Hinauswachsen des Wirtschaftslebens über das, was vorher als Geistesleben da war, was vorher als Rechtsleben da war, das wurde insbesondere von sozialistischen Denkern empfunden. Und man braucht, um das, was auf diesem Gebiete gewirkt hat, besonders ins Auge zu fassen, nur auf eines hinzuweisen.
[ 36 ] This expansion of economic life beyond what had previously existed as spiritual life and legal life was felt particularly keenly by socialist thinkers. And to gain a clearer understanding of what has been at work in this area, one need only point to one thing.
[ 37 ] Sie wissen ja, und wir werden über all diese Fragen noch genauer sprechen: Das moderne Proletariat steht ganz unter dem Einflusse des sogenannten Marxismus. Der Marxismus, die marxistische Lehre von der Umwandlung des Privateigentums an Produktionsmitteln in Gemeineigentum wurde zwar vielfach abgeändert von diesen oder jenen Anhängern oder Gegnern von Karl Marx; aber der Marxismus ist doch etwas, was wirkt in der Gesinnung, in der Lebensauffassung breiter Menschenmassen der Gegenwart, was wirkt insbesondere in dem, was als so verwirrende soziale Tatsache in der Gegenwart auftritt. Man braucht nur einmal das immerhin sehr bedeutungsvolle merkwürdige Büchelchen von Friedrich Engels, dem Mitarbeiter und Freund von Karl Marx, in die Hand zu nehmen: «Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft», um sich bekanntzumachen mit der ganzen Gesinnung, die in diesem Büchelchen lebt, dann wird man sehen, wie von einem sozialistischen Denker das Wirtschaftsleben der neueren Zeit aufgefaßt wird in seinem Verhältnis zum Rechts- und zum Geistesleben. Den einzigen Satz zum Beispiel, der als eine Zusammenfassung steht in dem genannten Büchelchen von Engels, braucht man nur recht zu verstehen: Es darf in der Zukunft nicht mehr Regierungen über Menschen, über Personen geben, sondern nur noch Leitung von Wirtschaftszweigen und Verwaltung der Produktion.
[ 37 ] As you know—and we will discuss all these issues in greater detail later—the modern proletariat is entirely under the influence of so-called Marxism. Marxism, the Marxist doctrine of transforming private ownership of the means of production into common ownership, has indeed been modified in many ways by various followers or opponents of Karl Marx; but Marxism is nonetheless something that shapes the mindset and worldview of broad masses of people today—and it plays a particularly significant role in what appears as such a perplexing social reality in the present. One need only pick up the remarkable little book—which is, after all, highly significant—by Friedrich Engels, the collaborator and friend of Karl Marx: The Development of Socialism from Utopia to Science, to familiarize oneself with the entire mindset embodied in this little book; then one will see how a socialist thinker conceives of modern economic life in relation to legal and intellectual life. For example, one need only properly understand the single sentence that serves as a summary in Engels’s aforementioned booklet: In the future, there must no longer be governments ruling over people, over individuals, but only the management of economic sectors and the administration of production.
[ 38 ] Das heißt sehr viel! Das heißt, es wird gewünscht von dieser Seite, daß etwas aufhöre im Wirtschaftsleben, was sich gerade unter den Entwickelungsimpulsen der neueren Zeit mit dem Wirtschaftsleben verbunden hat. Das Wirtschaftsleben hat ja, weil es hinausgewachsen ist, wie ich gezeigt habe, über das Rechtsleben, weil es auch über das Geistesleben hinausgewachsen ist, gewissermaßen alles überflutet und hat suggestiv gewirkt auch auf die Gedanken, Empfindungen, Leidenschaften der Menschen. Und so trat denn immer mehr und mehr zutage, daß aus der Art und Weise, wie gewirtschaftet wird, eigentlich für die Menschen das Geistesleben folgt und das Rechtsleben folgt. Diejenigen, die die wirtschaftlich Mächtigen sind - das wurde nur zu klar immer weiter und weiter eingesehen -, die sind zu gleicher Zeit durch ihre wirtschaftliche Übermacht im Besitz des Bildungsmonopols. Die wirtschaftlich Schwachen bleiben die Ungebildeten. Ein gewisser Zusammenhang hat sich herausgestellt zwischen dem Wirtschafts- und dem Geistesleben, ein Zusammenhang zwischen dem Geistesleben und dem Staatsleben. Das Geistesleben ist immer mehr und mehr zu etwas geworden, was sich nicht aus seinen eigenen Bedürfnissen heraus entwickelt, was nicht seinen eigenen Impulsen folgt, sondern was - insbesondere da, wo es öffentlich verwaltet wird, im Erziehungs- und Schulwesen - so gestaltet wird, wie es gebraucht wird von den Staatsmächten. Der Mensch kann gar nicht mehr auf das hin angesehen werden, wie und wozu er befähigt ist. Er kann nicht so entwickelt werden, wie es die in ihm vorhandenen Anlagen erfordern. Sondern die Frage ist: Was braucht der Staat, was braucht das Wirtschaftsleben für Kräfte, was braucht es für Menschen mit einer gewissen Bildung? Danach richten sich die Lehrmittel, danach richten sich die Studien, die Prüfungen. Das Geistesleben wird nicht aus sich selber heraus gestaltet, das Geistesleben wird angepaßt dem Rechtsleben, dem Staatsleben, dem politischen Leben, dem Wirtschaftsleben. Dieses bringt aber zugleich - und brachte namentlich in der neueren Zeit - auch das Wirtschaftsleben wieder in Abhängigkeit von dem Rechtsleben.
[ 38 ] That means a great deal! It means that this side wishes to see an end to something in economic life that has become intertwined with it precisely as a result of the developmental impulses of recent times. Economic life, as I have shown, has outgrown legal life and spiritual life; in a sense, it has flooded everything and has exerted a suggestive influence even on people’s thoughts, feelings, and passions. And so it became increasingly evident that the way economic life is conducted actually determines people’s spiritual life and legal life. Those who are economically powerful—as has become all too clear—simultaneously hold a monopoly on education by virtue of their economic dominance. The economically weak remain uneducated. A certain connection has emerged between economic life and spiritual life, and a connection between spiritual life and political life. Intellectual life has increasingly become something that does not develop out of its own needs, that does not follow its own impulses, but rather—especially where it is publicly administered, in the education and school systems—is shaped according to the needs of the state authorities. People can no longer be viewed in terms of what they are capable of and for what purpose. They cannot be developed in the way their innate aptitudes require. Instead, the question is: What does the state need? What kind of capabilities does economic life require? What kind of people with a certain level of education are needed? Teaching materials, courses of study, and examinations are all geared toward these needs. Intellectual life is not shaped from within itself; rather, it is adapted to legal life, state life, political life, and economic life. At the same time, however—and this has been particularly true in recent times—this also makes economic life dependent once again on legal life.
[ 39 ] Dieses Zusammenleben von Wirtschaft, Recht und Geist, das sahen solche Menschen wie Marx und Engels. Und sie sahen, wie das moderne Wirtschaftsleben nicht mehr vertrug die alte Rechtsform, auch nicht mehr vertrug die alte Geistesform. Sie kamen darauf, daß herausgeworfen werden müsse aus dem Wirtschaftsleben das alte Rechtsleben, das alte Geistesleben. Aber sie kamen nun zu einem sonderbaren Aberglauben, zu einem Aberglauben, über den wir werden viel sprechen müssen in diesen Vorträgen. Sie kamen zu dem Aberglauben, daß das Wirtschaftsleben — sie sahen das Geistesleben, das Rechtsleben als eine Ideologie an, weil sie es ja ansahen als die einzige Wirklichkeit —, daß das Wirtschaftsleben die neuen Rechtsverhältnisse, die neuen Geistesverhältnisse aus sich selber hervorbringen könne. Einer der verhängnisvollsten Aberglauben kam auf: man müsse in einer bestimmten gesetzmäßigen Weise wirtschaften, und wenn man wirtschafte in dieser bestimmten gesetzmäßigen Weise, dann ergäbe sich das Geistesleben, das Rechtsleben, das Staats- und das politische Leben aus dem Wirtschaftsleben heraus von selber.
[ 39 ] This interplay between the economy, the law, and the spirit—that is what people like Marx and Engels saw. And they saw how modern economic life could no longer accommodate the old legal form, nor could it accommodate the old spiritual form. They concluded that the old legal life and the old spiritual life had to be cast out of economic life. But they then fell into a strange superstition—a superstition about which we will have much to say in these lectures. They arrived at the superstition that economic life—they regarded spiritual life and legal life as an ideology, since they viewed them as the only reality—that economic life could bring forth the new legal relationships and the new spiritual relationships from within itself. One of the most disastrous superstitions arose: that one must conduct economic activity in a certain, lawful manner, and that if one did so, then intellectual life, legal life, and state and political life would arise of their own accord from economic life.
[ 40 ] Wodurch konnte denn dieser Aberglaube entstehen? Dieser Aberglaube konnte nur dadurch entstehen, daß sich die eigentliche Struktur der menschlichen Wirtschaft, das eigentliche Arbeiten des neueren Wirtschaftslebens, verbarg hinter dem, was man gewohnt worden ist die Geldwirtschaft zu nennen.
[ 40 ] How, then, could this superstition have arisen? This superstition could only have arisen because the actual structure of the human economy—the actual workings of modern economic life—was concealed behind what people have come to call the monetary economy.
[ 41 ] Diese Geldwirtschaft ist ja in Europa heraufgekommen als Begleiterscheinung ganz bestimmter Ereignisse. Sie brauchen nur einen tieferen Blick in die Geschichte hinein zu tun, so werden Sie sehen, daß ungefähr in der Zeit, als Reformation und Renaissance, also eine neue Geistesverfassung, über die europäische zivilisierte Welt heraufziehen, erschlossen werden die Gold- und Silberquellen Amerikas, daß der Goldund Silberzustrom, namentlich Mittel- und Südamerikas, nach Europa kommt. Was früher mehr Naturalwirtschaft war, das wird immer mehr und mehr überflutet von der Geldwirtschaft.
[ 41 ] This monetary economy emerged in Europe as a consequence of very specific events. You need only take a closer look at history to see that around the time the Reformation and the Renaissance—that is, a new state of mind—were sweeping across the civilized world of Europe, the gold and silver deposits of the Americas were being tapped, and that the influx of gold and silver, particularly from Central and South America, was flowing into Europe. What used to be more of a subsistence economy is increasingly being overwhelmed by the monetary economy.
[ 42 ] Die Naturalwirtschaft hat noch hinsehen können auf das, was der Boden hergibt, das heißt auf das Sachliche; sie hat auch hinsehen können auf das, wozu der einzelne Mensch tüchtig ist und was er hervorbringen kann, also auf das Sachliche und Fachliche. Unter der Zirkulation des Geldes ist allmählich hingeschwunden der Blick auf das rein Sachliche des Wirtschaftslebens. Indem die Geldwirtschaft abgelöst hat die Naturalwirtschaft, hat sich gewissermaßen ein Schleier hingezogen über das Wirtschaftsleben. Man konnte nicht mehr die reinen Anforderungen des Wirtschaftslebens sehen.
[ 42 ] The subsistence economy was still able to focus on what the land yields—that is, on the material aspects—and on what each individual is capable of and can produce—that is, on the practical and technical aspects. With the circulation of money, the focus on the purely objective aspects of economic life has gradually faded. As the monetary economy replaced the subsistence economy, a veil has, so to speak, been drawn over economic life. It was no longer possible to see the pure demands of economic life.
[ 43 ] Was liefert dieses Wirtschaftsleben für den Menschen? Dieses Wirtschaftsleben liefert für den Menschen Güter, die er für seinen Konsum braucht. Wir brauchen heute noch gar nicht zu unterscheiden zwischen geistigen und physischen Gütern, denn auch geistige Güter können wirtschaftlich so aufgefaßt werden, daß sie eben für den menschlichen Konsum verbraucht werden. Dieses Wirtschaftsleben liefert also Güter, und diese Güter sind Werte, weil der Mensch ihrer bedarf, weil das menschliche Begehren darauf geht. Der Mensch muß den Gütern einen bestimmten Wert beimessen. Dadurch haben sie innerhalb des sozialen Lebens auch ihren objektiven Wert, der innig zusammenhängt mit dem subjektiven Beurteilungswert, den der Mensch ihnen beilegt.
[ 43 ] What does this economic life provide for human beings? This economic life provides human beings with goods that they need for their consumption. We do not need to distinguish between intellectual and physical goods at this point, because intellectual goods, too, can be understood in economic terms as being consumed for human use. This economic life, therefore, provides goods, and these goods are values because people need them, because human desire is directed toward them. People must assign a certain value to these goods. As a result, they also have an objective value within social life, which is intimately connected to the subjective value that people attribute to them.
[ 44 ] Aber wie drückt sich in der neueren Zeit volkswirtschaftlich der Wert der Güter aus? Der Wert der Güter, der im wesentlichen das ausmacht, was diese Güter bedeuten im sozialen, im wirtschaftlichen Zusammenleben, wie drückt sich dieser Wert aus? Dieser Wert drückt sich in den Preisen aus. Über Wert und Preis werden wir zu sprechen haben in diesen Tagen; ich will heute nur darauf hindeuten, daß im wirtschaftlichen Verkehrsleben, im sozialen Verkehrsleben überhaupt — sofern dieses Verkehrsleben abhängig ist von dem Wirtschaften, von den Gütern — sich für den Menschen der Wert der Güter in dem Preis ausdrückt. Es ist auch ein großer Irrtum, wenn man den Wert der Güter mit den Geldpreisen verwechselt. Und nicht eigentlich durch theoretische Erwägungen, sondern durch die Lebenspraxis wird die Menschheit immer mehr und mehr darauf kommen, daß etwas anderes ist der Wert der Güter, die wirtschaftlich erzeugt werden, und der abhängt von menschlicher subjektiver Beurteilung, von gewissen sozialen Rechts- und Kulturverhältnissen, und dasjenige, was sich ausdrückt in den Preisverhältnissen, die durch das Geld zum Vorschein kommen. Aber der Wert der Güter wird zugedeckt in der neueren Zeit durch die Preisverhältnisse, die in der sozialen Zirkulation herrschen.
[ 44 ] But how is the value of goods expressed in economic terms in modern times? The value of goods—which essentially determines what these goods mean in social and economic life—how is this value expressed? This value is expressed in prices. We will be discussing value and price in the coming days; today I merely wish to point out that in economic life, and indeed in social life in general—insofar as this social life depends on economic activity and on goods—the value of goods for human beings is expressed in their price. It is also a great mistake to confuse the value of goods with their monetary prices. And it is not so much through theoretical considerations as through practical experience that humanity will increasingly come to realize that there is a distinction between the value of goods produced economically—which depends on human subjective judgment and on certain social, legal, and cultural conditions—and that which is expressed in the price relations revealed through money. But in modern times, the value of goods is obscured by the price relations that prevail in social circulation.
[ 45 ] Das liegt zugrunde den modernen sozialen Verhältnissen als das dritte Glied der sozialen Frage. Hier, hier wird man die soziale Frage als eine wirtschaftliche Frage erkennen lernen: wenn man wiederum zurückgeht auf dasjenige, was den eigentlichen Wert der Güter dokumentiert, gegenüber dem, was in den bloßen Preisverhältnissen zum Ausdruck kommt. Die Preisverhältnisse können gar nicht anders, besonders in kritischen Zeiten, aufrechterhalten werden, als dadurch, daß der Staat, das heißt der Rechtsboden, die Garantie übernimmt für den Wert des Geldes, für den Wert also einer einzigen Ware.
[ 45 ] This underlies modern social conditions as the third element of the social question. Here, here one will come to recognize the social question as an economic question: when one returns to what documents the actual value of goods, as opposed to what is expressed in mere price relations. Price relations cannot be maintained—especially in times of crisis—except by the state, that is, the legal framework, assuming responsibility for guaranteeing the value of money, and thus the value of a single commodity.
[ 46 ] Aber es tritt etwas Neues auf. Man braucht gar keine theoretischen Betrachtungen über das, was herausgekommen ist durch das Mißverständnis über Preis und Wert, anzustellen, man braucht nur hinzuweisen auf etwas Tatsächliches, was in der neueren Zeit aufgetreten ist. Man spricht davon in der Nationalökonomie, daß es in alter Zeit - in Deutschland sogar bis zum Ende des Mittelalters - die alte Naturalwirtschaft gegeben hat, die bloß auf dem Tausch der Güter beruht, daß an deren Stelle trat die Geldwirtschaft, wo das Geld der Repräsentant ist für die Güter und eigentlich immer nur das Wertgut gegen Geld ausgetauscht wird. Aber schon sehen wir etwas einziehen in das soziale Leben, das bestimmt scheint, die Geldwirtschaft abzulösen. Schon wirkt dieses andere überall drinnen, wird nur noch nicht bemerkt. Aber wer hinausgeht über das abstrakte Begreifen seines Kassen- oder Kontobuches, wer hinausgeht über die bloße Zahl und lesen kann, was in diesen Zahlen geschrieben ist, der wird finden, daß in den Zahlen eines heutigen Kassen- oder Kontobuches nicht bloß Güter stehen, sondern daß in diesen Zahlen vielfach zum Ausdruck kommt, was man nennen könnte die Kreditverhältnisse im modernsten Sinne des Wortes. Was ein Mensch erst leisten kann, weil man von ihm voraussetzt, daß er zu dem oder jenem fähig ist, was aus der Tüchtigkeit des Menschen heraus Vertrauen erwecken kann, das ist es, was merkwürdigerweise in unser trockenes, nüchternes Wirtschaftsleben immer mehr und mehr einzieht.
[ 46 ] But something new has emerged. There is no need to engage in theoretical reflections on what has resulted from the misunderstanding regarding price and value; one need only point to a factual development that has occurred in recent times. In economics, it is said that in earlier times—in Germany even until the end of the Middle Ages—there existed the old natural economy, based solely on the exchange of goods, and that this was replaced by the monetary economy, in which money serves as the representative of goods and, in fact, only goods of value are ever exchanged for money. But we are already seeing something emerge in social life that seems destined to replace the monetary economy. This other system is already at work everywhere, though it has not yet been noticed. But anyone who looks beyond the abstract understanding of their cash book or account ledger, anyone who looks beyond the mere numbers and can read what is written in those numbers, will find that the numbers in today’s cash books or account ledgers do not merely represent goods, but that these numbers often express what one might call credit relationships in the most modern sense of the word. What a person is able to achieve precisely because it is assumed that he is capable of this or that—what can inspire trust based on a person’s competence—is, strangely enough, what is increasingly finding its way into our dry, sober economic life.
[ 47 ] Studieren Sie heute die Geschäftsbücher, so werden Sie finden, daß einzieht — gegenüber dem, was bloßer Geldwert ist —, das Bauen auf Menschenvertrauen, das Bauen auf menschliche Tüchtigkeit. In den Zahlen der heutigen Geschäftsbücher drückt sich ein großer Umschwung, drückt sich eine soziale Metamorphose aus, wenn man sie richtig liest. Indem man betont, daß sich die alte Naturalwirtschaft in Geldwirtschaft umgewandelt hat, muß man heute zugleich betonen: das dritte Glied ist die Umwandlung der Geldwirtschaft in die Kreditwirtschaft.
[ 47 ] If you study today’s business records, you will find that—in contrast to mere monetary value—what is gaining ground is the reliance on human trust and human competence. The figures in today’s business ledgers reflect a major shift—a social metamorphosis—if one reads them correctly. While emphasizing that the old natural economy has been transformed into a monetary economy, one must also emphasize today that the third stage is the transformation of the monetary economy into a credit economy.
[ 48 ] Damit tritt an die Stelle desjenigen, was lange Zeit hindurch war, wiederum ein Neues. Dadurch tritt aber auch das in das soziale Leben ein, was auf den Wert des Menschen selber hinweist. Das Wirtschaftsleben selber, in bezug auf die Hervorbringung von Werten, steht einer Umwandelung gegenüber, steht einer Frage gegenüber, und das ist die Wirtschaftsfrage, das ist das dritte Glied dieser sozialen Frage.
[ 48 ] Thus, what has existed for a long time is once again replaced by something new. As a result, however, that which points to the value of human beings themselves also enters into social life. Economic life itself, in terms of the production of value, is facing a transformation, is facing a question—and that is the economic question; that is the third aspect of this social question.
[ 49 ] Diese soziale Frage werden wir in diesen Vorträgen kennenlernen müssen als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage und Staatsfrage oder politische Frage und als eine Wirtschaftsfrage. Der Geist wird die Antwort zu geben haben auf die erste Frage: Wie macht man die Menschen tüchtig, damit eine soziale Struktur entstehen könne, die nicht die heutigen Schäden, die nicht zu verantworten sind, enthält? Die zweite Frage ist diese: Welches Rechtssystem wird unter den vorgerückten Wirtschaftsverhältnissen dieMenschen wiederum zum Frieden bringen? Das dritte ist: Welche soziale Struktur wird imstande sein, den Menschen so an seinen Platz zu stellen, daß er imstande ist, von diesem Platze aus für die menschliche Gemeinschaft zu deren Wohl zu arbeiten, so wie er es nach seiner Wesenheit, nach seinen Begabungen, nach seinen Fähigkeiten vermag? Dahin wird führen die Frage: Welcher Kredit ist dem persönlichen Werte eines Menschen zu gewähren? Da sehen wir die Umgestaltung der Wirtschaft vor uns aus neuen Verhältnissen heraus.
[ 49 ] In these lectures, we will have to examine this social question as a question of the spirit, as a legal question, as a question of the state or a political question, and as an economic question. The spirit will have to provide the answer to the first question: How can we make people capable so that a social structure can emerge that does not contain the current ills, which are inexcusable? The second question is this: Which legal system will, under advanced economic conditions, restore peace among people? The third is: Which social structure will be capable of placing people in their proper place so that, from that position, they are able to work for the benefit of the human community, in accordance with their nature, their talents, and their abilities? This leads to the question: What value should be accorded to a person’s individual worth? Here we see before us the transformation of the economy arising from new conditions.
[ 50 ] Eine Geistesfrage, eine Rechtsfrage, eine Wirtschaftsfrage steht in der sozialen Frage vor uns. Und wir werden sehen, daß die kleinste Gliederung der sozialen Frage nur im richtigen Lichte gesehen werden kann, wenn man diese soziale Frage im Grunde betrachtet als eine Geistes-, als eine Rechts-, als eine Wirtschaftsfrage. Davon dann morgen weiter.
[ 50 ] The social question presents us with an intellectual, a legal, and an economic issue. And we will see that even the smallest aspect of the social question can only be understood properly if we view this social question, at its core, as an intellectual, a legal, and an economic issue. More on this tomorrow.
Fragenbeantwortung nach dem ersten Vortrag
Q&A Session Following the First Presentation
[ 51 ] Es liegt in der Natur der Sache, daß, da ich heute nur eine Einleitung gegeben habe, sehr leicht Fragen gestellt werden können, die sachgemäß erst in den nächsten Tagen und da im Zusammenhange der Vorträge zur Beantwortung kommen werden. Eine solche Frage ist diese, die mir als erste vorgelegt worden ist:
[ 51 ] It is only natural that, since I have only given an introduction today, questions may very easily be asked that can only be properly answered in the coming days, in the context of the lectures. One such question is the one that was posed to me first:
[ 52 ] Wie kann ein objektiver Wertmaßstab für Güter gefunden werden?
[ 52 ] How can an objective standard of value for goods be established?
[ 53 ] Nun, wie gesagt, ich möchte nur einiges über diese Frage sagen, weil ja eine Ausführung in den nächsten Tagen gerade auf diese Frage sich beziehen muß und sie dann aus dem Zusammenhang heraus beantwortet werden kann. Ich möchte aber doch das Folgende dazu sagen.
[ 53 ] Well, as I said, I’d just like to say a few things about this question, because a discussion in the coming days will have to address this very issue, and it can then be answered in context. However, I would still like to say the following on this matter.
[ 54 ] Sehen Sie, bei Stellung einer solchen Frage handelt es sich darum, daß man sich ganz klar ist: Man stellt diese Frage auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Die Frage nach dem Werte der Güter kann man nur stellen auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Das heißt aber: Es wird nötig sein, daß man sich dabei bekanntmacht mit manchem, was in der Gegenwart mit Bezug auf eine Art Umlernen und Umdenken nötig ist. Die Gegenwart sieht sich sehr an als etwas, was ungeheuer praktisch denkt. Leicht nennt man in der Gegenwart dies oder jenes «graue Theories. Aber mit dem wirklich praktischen Denken ist es doch nicht allzuweit her. Und gerade diejenigen, die sich heute oftmals Praktiker nennen, sind von den grauesten Theorien beherrscht. Sie sind nur in der Lage, diese grauen Theorien in einer naheliegenden Lebensroutine zum Ausdruck zu bringen und halten sie daher für praktisch, weil sie nicht sehen, ob sie fruchtbringend oder zerstörend für das Leben wirken.
[ 54 ] You see, when asking such a question, it is essential to be absolutely clear: one poses this question within the context of economic life. The question of the value of goods can only be posed within the context of economic life. But that means it will be necessary to familiarize oneself with many things that are currently required in terms of a kind of re-learning and rethinking. The present day sees itself very much as something that thinks in an immensely practical way. People today are quick to dismiss this or that as “gray theories.” But truly practical thinking is not all that far off. And it is precisely those who often call themselves practitioners today who are dominated by the grayest of theories. They are only capable of expressing these gray theories within an obvious daily routine and therefore consider them practical, because they fail to see whether they have a fruitful or destructive effect on life.
[ 55 ] Was hier verfochten wird, die Dreigliederung des sozialen Organismus, soll sich von sozialistischen oder anderen Theorien dadurch unterscheiden, daß es etwas ist, was im eminentesten Sinne aus der Lebenspraxis heraus gewonnen ist. Deshalb muß schon gesagt werden, daß eine solche Frage nach dem objektiven Werte eines Gutes, einer Leistung, eines Erzeugnisses streng auf den Boden des Wirtschaftslebens gestellt werden muß. Da aber - und jetzt komme ich auf das, was in seiner Vorstellungsart der Gegenwart noch fremd ist — handelt es sich nicht darum, daß man irgendeine Definition findet, was der Wert eines Gutes ist. Die schönste Definition hat man ja immer für alle möglichen Dinge gefunden, aber es zeigt sich bei sehr schönen Definitionen oftmals eben das, daß sie einem im Leben auch nicht um einen einzigen kleinen Schritt vorwärts helfen. Wenn man von dem Werte der Güter spricht, so handelt es sich ja nicht darum, daß man sagen kann, dies oder jenes sei der Wert eines Gutes, sondern es handelt sich darum, daß der Wert des Gutes in der Zirkulation des menschlichen Verkehrs zum wirklichen Ausdruck kommt, daß wirklich das Gut, das ich hervorbringe, so viel mir einbringt, als ich brauche zu einer solchen Leistung. Also es handelt sich darum, daß in die Güterzirkulation das Gut mit seinem entsprechenden Wert eindringt. Und das Nachdenken hat sich nicht damit zu befassen, anzugeben, welches der objektive Wertmaßstab eines Gutes ist, sondern das Nachdenken hat sich damit zu befassen, eine soziale Struktur zu finden, durch die menschliche Gütererzeugnisse so in das soziale Leben eintreten, daß sie darinnen zirkulieren zum Wohle der Gemeinschaft. Da handelt es sich darum, vor allen Dingen die Bedingungen herauszufinden, durch die Güter mehr oder weniger wert werden.
[ 55 ] What is being advocated here—the threefold social order—is intended to differ from socialist or other theories in that it is something derived, in the most eminent sense, from practical life. Therefore, it must be said that any inquiry into the objective value of a good, a service, or a product must be firmly grounded in economic life. However—and here I come to something that is still foreign to the current way of thinking—the point is not to find some definition of what the value of a good is. After all, people have always come up with the most beautiful definitions for all sorts of things, but very beautiful definitions often turn out to be precisely those that do not help one take even a single small step forward in life. When we speak of the value of goods, the point is not that we can say this or that is the value of a good, but rather that the value of the good finds its real expression in the circulation of human exchange—that the good I produce actually yields me as much as I need to perform such a task. So the point is that the good enters into the circulation of goods with its corresponding value. And reflection need not concern itself with specifying what the objective standard of value for a good is; rather, reflection must concern itself with finding a social structure through which human-produced goods enter social life in such a way that they circulate within it for the benefit of the community. The task, above all, is to identify the conditions under which commodities acquire more or less value.
[ 56 ] Man braucht zum Beispiel nur auf folgendes hinzuweisen. Nehmen wir an, es wird in irgendeinem geschlossenen Wirtschaftsgebiete zuviel Fett, zuviel menschlich konsumierbares Fett erzeugt. Gut, man kann ja den Überfluß, den Menschen nicht verzehren können, meinetwillen zum Wagenschmieren benützen. Man kann es so verwenden, schön. Dadurch aber wird der Wert des Fettes für diese Menschengemeinschaft im wesentlichen herabgemindert. Nehmen wir an, es wird zuwenig Fett erzeugt, dann wird der Wert hinaufgesteigert, und es können nur solche Menschen, die ein Vermögen über das Durchschnittsmaß haben, sich das Fett verschaffen. Also man kann die Bedingungen angeben, unter denen der Wert eines Gutes, einer Leistung, steigt oder fällt.
[ 56 ] One need only point out the following, for example. Let’s assume that in some closed economic region, too much fat—too much fat suitable for human consumption—is produced. Well, one could, for my sake, use the surplus that people cannot consume to grease wagons. One can use it that way—fine. But this essentially reduces the value of the fat for that human community. Suppose too little fat is produced; then its value increases, and only those people who have wealth above the average can obtain it. Thus, one can specify the conditions under which the value of a good or a service rises or falls.
[ 57 ] Nun handelt es sich darum, daß eine soziale Struktur eintrete, durch welche dieser Wert des einzelnen Gutes im Vergleiche zu anderen Gütern zu seinem entsprechenden Daseinsausdruck komme. Also es handelt sich nicht darum, daß man den Wert angeben kann, was man natürlich durch den entsprechenden Geldpreis kann; aber da kommt der vollständige Wert nicht zum Ausdruck. Es handelt sich darum, daß man es dahin bringen muß, daß vergleichsweise mit anderen Gütern die hervorgebrachten Güter, um die es sich handelt, den entsprechenden Wert haben. Es muß also diese Frage auf den Boden des Wirtschaftslebens gestellt und nicht nach einer Definition des Wertes, sondern nach den Bedingungen gefragt werden, unter denen Güter den entsprechenden gerechten Wert bekommen können.
[ 57 ] The point is that a social structure must come into being through which the value of an individual good, in comparison with other goods, finds its corresponding expression in reality. Thus, the issue is not that one can state the value—which, of course, can be done through the corresponding monetary price—but that price does not fully express the value. The point is that we must ensure that, in comparison with other goods, the goods in question have their corresponding value. This question must therefore be placed within the context of economic life, and the focus must be not on a definition of value, but on the conditions under which goods can attain their corresponding fair value.
[ 58 ] Das ist es, was ich zunächst sagen möchte. Ich wollte durch das nur darauf hinweisen, daß man in vieler Beziehung über das soziale Leben die Fragestellungen, die Vorstellungsarten wird umwandeln müssen. An ein Umdenken wird sich die Menschheit gewöhnen müssen. Heute ist sogar das praktische Leben, ich möchte sagen, eingesogen in die Theorie. Und ich wollte im Vortrage andeuten, wie nun wiederum auf der anderen Seite nach und nach hineindringt in das allmählich ganz abstrakt gewordene — gerade unter dem Eindrucke der Geldwirtschaft abstrakt gewordene — Leben das konkrete Leben in der Kreditwirtschaft. Sehen Sie, diese Dinge werden ja eigentlich heute mit einem gewissen wissenschaftlichen Hochmut behandelt. Man merkt gar nicht, von welchen komplizierten Verhältnissen so etwas wie der Wert abhängig ist, der wirkliche Wert. Wenn man den bloßen Preis nimmt, so hat man kein Bild des wirklichen Wertes. Da muß man eingehen auf die gesamte Wirtschaftsgrundlage. Man kann zum Beispiel von der Preisbildung im Sinne der Goldpreisbildung sprechen. Man kommt darauf — Nationalökonomen, zum Beispiel Unruh, haben auf diese Tatsache ja ganz schön hingewiesen, aber ohne die großen Zusammenhänge -, daß innerhalb eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes, sagen wir, eine Gans einen bestimmten Wert hat, der sich im Preise ausdrückt. Dann ist es der Geldwertpreis. Aber wenn man, wie das andere Nationalökonomen getan haben, danach die ganze Struktur der Volkswirtschaft studieren will, dann kommt man eben zu sehr einseitigen Resultaten, weil in einem geschlossenen Wirtschaftsgebiete die Wertbestimmung auch der Gänse nicht nach dem bloßen Geldpreiswert bestimmt werden kann. Von solchen Dingen hängt nämlich auch der Wert ab: ob innerhalb einer Wirtschaft Gänse gehalten werden, damit man Fettgänse bekommt und sie als Gänse verkauft, oder ob sie vielleicht gehalten werden, weil sie gerupft werden und man die Federn verkaufen will. Also davon, ob man Produzent von Federn oder von Gänsen ist, davon hängt manches ab. Das stellt sich erst heraus bei einer sachgemäßen Betrachtung des Wirtschaftslebens. Wenn man bloß statistisch die Zahlen aufnimmt, was die einzelnen Dinge geldlich kosten, dann bekommt man keinen Einblick in den sachlichen Gang des Wirtschaftslebens, damit aber keinen Einblick in die wirkliche Bewertung.
[ 58 ] That is what I would like to say first. My intention in saying this was simply to point out that, in many respects, we will have to transform the questions and ways of thinking we apply to social life. Humanity will have to get used to a new way of thinking. Today, even practical life—I would say—has been sucked into theory. And in this lecture, I wanted to suggest how, on the other hand, concrete life in the credit economy is gradually penetrating a life that has become entirely abstract—a life that has become abstract precisely under the influence of the monetary economy. You see, these matters are actually treated today with a certain scientific arrogance. People don’t even realize what complex relationships something like value—real value—depends on. If one considers merely the price, one has no picture of the real value. One must delve into the entire economic foundation. One can, for example, speak of price formation in the sense of gold price formation. One comes to the conclusion—economists, such as Unruh, have indeed pointed out this fact quite clearly, though without considering the broader context—that within a closed economic area, let’s say, a goose has a certain value, which is expressed in its price. That is the monetary value price. But if, as other economists have done, one then attempts to study the entire structure of the national economy on this basis, one inevitably arrives at very one-sided results, because within a closed economic area, the value of even geese cannot be determined by their mere monetary price alone. For value also depends on such factors: whether geese are raised within an economy to produce fattened geese for sale as geese, or whether they are perhaps raised to be plucked so that the feathers can be sold. So whether one is a producer of feathers or of geese—a great deal depends on that. This only becomes clear through a proper examination of economic life. If one merely records the figures statistically—how much individual items cost in monetary terms—then one gains no insight into the actual course of economic life, and thus no insight into the true valuation.
[ 59 ] Also man muß auf die Beziehungen eingehen und sich streng auf den Boden des Wirtschaftslebens stellen, wenn man von Werten sprechen will. Dann braucht man auch nicht danach zu fragen: Wie drückt sich objektiv der Wert aus? - sondern danach: Welche Verhältnisse sozialer Natur sind imstande, einem Gute, einer Leistung, einer menschlichen Hervorbringung denjenigen Wert zu geben, der im Vergleich zu anderen Leistungen, anderen Hervorbringungen, anderen Gütern der gerechte ist? Das würde die richtige Frage sein. Die Fragen, die heute sehr stark theoretisch auftreten, werden sehr, ich möchte sagen, sich verpraktisieren! Und auf dieses Sich-Verpraktisieren, das heute noch manchen ganz fremd anmutet, der gerade ein Praktiker sein will, auf das arbeitet die Dreigliederung des sozialen Organismus hin.
[ 59 ] So, if one wants to speak of values, one must address the relationships involved and stand firmly on the ground of economic life. Then there is no need to ask: How is value objectively expressed?—but rather: What social conditions are capable of assigning to a good, a service, or a human creation the value that is just in comparison to other services, other creations, and other goods? That would be the right question. The questions that today appear to be highly theoretical will, I would say, become very practical! And it is toward this “becoming practical”—which still seems quite foreign to some today, especially those who wish to be practitioners—that the threefold social order is working.
[ 60 ] Dann ist gefragt:
[ 60 ] The question then is:
[ 61 ] Aus welchen Voraussetzungen heraus ist der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus entstanden?
[ 61 ] What were the circumstances that gave rise to the impulse to divide the social organism into three parts?
[ 62 ] Nun, da muß gesagt werden, daß die soziale Frage eigentlich erst kritisch geworden ist während dieser großen Weltkriegskatastrophe.
[ 62 ] Well, it must be said that the social question actually only became critical during this great catastrophe of World War I.
[ 63 ] Ich berühre ja nicht gern Persönliches, aber in solchen Dingen ist man nur allzuoft genötigt, das zu tun. Ich habe Gelegenheit gehabt, reichlich genug mitzuerleben den Gang der sozialen Frage. Ich war lange Zeit Lehrer an einer Berliner Arbeiterbildungsschule, in der von mir im Umgange mit den nicht nur erwachsenen, sondern oftmals recht alten Schülern die soziale Frage sehr gut studiert werden konnte. Ich habe die soziale Frage da von den verschiedensten Seiten praktisch im Leben kennengelernt, erstens kennengelernt vor allen Dingen von der Seite, wie sie lebt in den Seelen großer, breiter Menschenmassen von heute, wie schwer sie verstanden wird gerade von diesen breiten Menschenklassen. Ja, ich habe gesehen — diese Lehrerschaft von mir liegt ja zwei Jahrzehnte zurück -, wie es gerade in dem Zeitpunkt um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert möglich gewesen wäre, in die modernen breiteren Massen der arbeitenden Bevölkerung Ideen hineinzutragen, welche das heutige Chaos und die heutige Zerstörungswut auf sozialem Gebiete hätten verhindern können. Wahrhaftig, ich konnte deutlich sehen: Für aus dem Geiste heraus geborene Ideen wäre vor zwanzig Jahren, wenn man darauf seine Aufmerksamkeit gewendet hätte, eine breite Masse der Bevölkerung zugänglich gewesen.
[ 63 ] I don’t like to get personal, but in matters like this, one is all too often compelled to do so. I have had ample opportunity to observe the course of the social question. For a long time, I was a teacher at a workers’ educational school in Berlin, where I was able to study the social question very closely through my interactions not only with adult students but also with students who were often quite elderly. There I came to know the social question from a wide variety of perspectives in practical life—first and foremost, from the perspective of how it lives in the souls of today’s vast, broad masses of people, and how difficult it is for precisely these broad classes of people to understand it. Yes, I saw—my time as a teacher was, after all, two decades ago—how, precisely at the turn of the 19th to the 20th century, it would have been possible to instill ideas in the modern, broader masses of the working population that could have prevented today’s chaos and the current frenzy of destruction in the social sphere. Truly, I could see clearly: Twenty years ago, if attention had been paid to them, ideas born of the spirit would have been accessible to a broad segment of the population.
[ 64 ] Was dem entgegenstand, habe ich, zweitens, kennengelernt, indem ich auch die andere Seite kennengelernt habe. Ich habe das Malheur gehabt, sehen Sie, gerade unter den Schülern Anhänger zu gewinnen, Anhänger für wahrhaftig ganz andere Denkweisen, als sie seither groß geworden sind. Ich habe gesehen, wie für gesunde Ideen breite Massen des Volkes wirklich zugänglich waren. Und ich darf, ohne unbescheiden zu werden - ich erzähle wirklich nur Tatsachen -, sagen: gewöhnlich wenn die sozialistischen Dutzendlehrer, die so die gewöhnlichen agitatorischen Lehrer der Arbeiterbildungsschule eben waren, ihre Kurse gaben, dann war es so, daß sie im ersten Quartal — quartalsweise wurde der Unterricht erteilt - eine gewisse Zuhörerschaft hatten; aber dann verminderte sie sich rasch. Meine Zuhörerschaft - ich darf das wirklich eben sagen, weil es eine Tatsache ist -, die wuchs von Quartal zu Quartal und ist nur zu groß geworden für die Führer des Proletariats, für diese Führer, welche die Abschnitzel der bürgerlichen Wissenschaft übernommen haben und sie in einer ja sattsam bekannten Weise verwerten. Als diese Leute gesehen haben, daß ich Anhängerschaft gewinne, da wurde arrangiert, daß einmal die gesamte Schülerschaft dieses Quartals zusammengewürfelt wurde, und auch etwa drei Abgesandte — aber von minderer Sorte - der Führerschaft hineingedrückt wurden. Ja, da wurde mir vorgeworfen, daß ich nicht richtige marxistische Geschichtsauffassung, nicht historischen Materialismus lehre, daß ich auch die Naturwissenschaft nicht benütze, um in den Materialismus hineinzuführen, um das Marxistische zu stützen, sondern um in ernster Weise Wissenschaftsanschauung in die Volksmenge zu tragen. Kurz, es wurde mir vorgeworfen, daß ich kein richtiger Dogmenlehrer des sozialistischen Systems sei. Nun, ich wagte zu sagen dazumal: Ihr wollt ja doch vorstellen eine Gesellschaft, welche für die Zukunft arbeitet. Mir scheint, da wäre die erste Notwendigkeit diese, daß eine wirkliche Zukunftsforderung bei euch eingehalten würde: daß ihr gestatten würdet Lehrfreiheit! - Da erwiderte ein solcher Hineingeschickter: Lehrfreiheit, das können wir nicht anerkennen, das hat im öffentlichen Leben keine Bedeutung für uns, wir kennen nur einen vernünftigen Zwang. Und sehen Sie, unter diesem «vernünftigen Zwang» gestaltete sich die Sache so, daß für mich alle anderen sechshundert, gegen mich die drei stimmten, aber mich dennoch herauslancierten. Das ist die andere Seite der Entwickelung der sozialen Frage, die ich auch habe kennenlernen können. Da konnte man schon sehen, unter welchen öffentlichen Kräften die soziale Frage eigentlich steht.
[ 64 ] Secondly, I came to understand what stood in the way of this by getting to know the other side as well. I had the misfortune, you see, of gaining followers—especially among the students—who held ways of thinking that were truly quite different from those that have since become mainstream. I saw how broad masses of the people were truly receptive to sound ideas. And I may say—without being immodest; I am really just stating facts—that usually when the socialist teachers, who were, after all, the typical agitators at the workers’ educational school, gave their courses, they would have a certain audience in the first quarter—since classes were held on a quarterly basis—; but then it dwindled rapidly. My audience—and I can truly say this because it is a fact—grew from quarter to quarter and eventually became too large for the leaders of the proletariat, for those leaders who have adopted the scraps of bourgeois science and exploit them in a manner all too familiar. When these people saw that I was gaining followers, arrangements were made to lump together the entire student body of that quarter, and about three emissaries—though of a lesser sort—from the leadership were also squeezed in. Yes, I was accused of not teaching a proper Marxist view of history, not teaching historical materialism, and of not using the natural sciences to introduce materialism or to support Marxism, but rather to seriously convey a scientific worldview to the masses. In short, I was accused of not being a true dogmatic teacher of the socialist system. Well, I dared to say at the time: You do, after all, want to create a mental image of a society that works toward the future. It seems to me that the first necessity here would be for you to uphold a genuine demand for the future: that you allow freedom of teaching!”—To which one of those sent in replied: “Freedom of teaching—we cannot recognize that; it has no significance for us in public life; we know only ‘reasonable coercion.’” And you see, under this “reasonable coercion,” things turned out such that all six hundred voted with me, while the three voted against me—yet they still ousted me. That is the other side of the development of the social question, which I, too, have come to know. There, one could already see what public forces actually underlie the social question.
[ 65 ] Man mußte allmählich durchschauen, wie im Menschenleben, in der Menschenentwickelung überhaupt, zusammenwirken Geistiges, Rechtlich-Politisches und Wirtschaftliches. Man konnte dann aber sehen, wie gerade unter den neuesten Verhältnissen durch das Zusammen- und Ineinanderschieben des Rechtlich-Politischen, des Geistig-Kulturellen, zu dem auch die nationalen Verhältnisse gehören, mit dem Wirtschaftlichen die großen Wirtschaftsimperien, die Wirtschaftsimperialismen sich ausbildeten. Man konnte sehen, wie das wirtschaftliche System, das, wenn es in derselben Weise weiterläuft, wie es namentlich als Ideal angesehen wurde von gewissen Seiten am Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, zu fortwährenden Krisen führen muß. Man konnte dann sehen, wie diese Weltkriegskatastrophe nur eine zusammengeschobene große Krise ist, weil allmählich die Staaten aus politischen Körperschaften zu Wirtschaftsimperien sich ausgewachsen haben, welche nur das politische und das geistige Wesen in sich aufgenommen haben.
[ 65 ] It gradually became clear how, in human life and in human development in general, the spiritual, the legal-political, and the economic interact. But one could then see how, precisely under the most recent conditions, through the intertwining and interpenetration of the legal-political and the spiritual-cultural—which also includes national conditions—with the economic, the great economic empires, the economic imperialisms, came into being. One could see how the economic system—which, if it continues in the same way as it was regarded, particularly as an ideal by certain quarters at the end of the 19th and beginning of the 20th centuries—must lead to perpetual crises. One could then see how this catastrophe of the World War is merely a single, massive crisis brought about by the gradual transformation of states from political entities into economic empires, which have absorbed only the political and spiritual essence within themselves.
[ 66 ] Nehmen wir den Ausgang dieser Weltkriegskatastrophe. Ich habe ja erst, abgesehen von gelegentlichen Äußerungen, verhältnismäßig spät über die soziale Frage so gesprochen, wie ich jetzt spreche, da ich gewissermaßen als einem Teil meiner Aufgabe darüber sprechen muß. Aber ich habe mein ganzes Leben hindurch die soziale Bewegung der Menschheit beobachtet. Und wer gleich mir seine halbe Lebenszeit, dreißig Jahre, in Österreich zugebracht hat, der hat an diesem Osterreich gesehen wie an einem Schulfall - wenn man diesen Ausdruck anwenden darf auf ein großes Historisches, das an seinen Verhältnissen zerbrechen mußte -, wie in ihm sich zusammenknäuelten die geistigen, und vor allen Dingen die national-kulturellen Verhältnisse, die rechtlich-politischen Verhältnisse und die wirtschaftlichen Verhältnisse. Nehmen Sie einmal den Südosten Europas, jenen Wetterwinkel, aus dem die eigentliche Weltkatastrophe zuletzt ihre Veranlassung bekommen hat, da werden Sie sehen, wie sich das, was später dann zu heller Flamme aufloderte, vorbereitet hat durch den Berliner Kongreß, wo Österreich die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina zugesprochen wurde. Das war ein Programm politischer Art, das in die politische Struktur Österreich-Ungarns eingriff. Aber die Verhältnisse, die dadurch geschaffen waren, die waren nicht mehr haltbar in dem Momente, wo eine völlige Umwälzung auf dem Balkan stattfand, also eine rein politische Umwälzung, das heißt eine Umwälzung auf politisch-rechtlichem Gebiete. Das alte reaktionäre türkische Element wurde durch die jungtürkische Herrschaft abgelöst. Eine unmittelbare Folge davon war, daß Österreich zur Annexion, anstelle der Okkupation, von Bosnien und der Herzegowina geführt wurde, daß Bulgarien aus einem Fürstentum sich zu einem Königreich machte. Das waren politische Verhältnisse, die da spielten. In diese politischen Verhältnisse knäuelten sich aber hinein wirtschaftliche Verhältnisse. Und die wirtschaftlichen Verhältnisse spielten zuletzt mit den politischen Verhältnissen so zusammen, daß aus diesem Zusammenspiel Unmöglichkeiten des weltgeschichtlichen Werdens entstanden. Man mußte, weil die politische Verwaltung Österreichs zugleich die wirtschaftliche war, mit den politischen Verhältnissen so etwas verquicken wie zum Beispiel den Ausbau der Bahn von Österreich aus nach Südosten, der Salonikibahn. Es war etwas rein Wirtschaftliches; aber die politischen Verhältnisse spielten fortwährend mit den wirtschaftlichen zusammen. Das Ganze beruht auf dem Unverstandenen von geistig-kulturellen Verhältnissen, nämlich auf Gegensätzen von Slawen- und Germanentum. Diese drei Dinge knäuelten sich ineinander, und aus dieser Verknäuelung entstand die Schreckenskatastrophe. Man kann studieren von Jahr zu Jahr, wie dadurch Scheinverhältnisse geschaffen wurden, daß die Rechtsverhältnisse, die geistig-kulturellen Verhältnisse, die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht auseinandergehalten werden konnten.
[ 66 ] Let us consider the outcome of this catastrophe of the World War. Apart from occasional remarks, I have, in fact, spoken about the social question in the way I do now only relatively late in life, since I must, in a sense, address it as part of my duty. But I have observed the social movement of humanity throughout my entire life. And anyone who, like me, has spent half his life—thirty years— in Austria, has seen in this Austria a kind of textbook case—if one may apply that expression to a great historical phenomenon that was bound to collapse under its own circumstances—showing how the intellectual, and above all the national-cultural, legal-political, and economic conditions were all tangled up within it. Take, for example, southeastern Europe—that corner of the world from which the actual global catastrophe ultimately took its impetus—and you will see how what later flared up into a bright flame was set in motion by the Congress of Berlin, where Austria was granted the occupation of Bosnia and Herzegovina. This was a political program that intervened in the political structure of Austria-Hungary. But the conditions it created were no longer tenable the moment a complete upheaval took place in the Balkans—that is, a purely political upheaval, meaning an upheaval in the political-legal sphere. The old reactionary Turkish element was replaced by Young Turk rule. An immediate consequence of this was that Austria was led to annex, rather than occupy, Bosnia and Herzegovina, and that Bulgaria transformed itself from a principality into a kingdom. These were the political circumstances at play. Entangled within these political circumstances, however, were economic circumstances. And ultimately, the economic conditions interacted with the political conditions in such a way that this interplay gave rise to impossibilities in the course of world history. Because Austria’s political administration was also its economic administration, it was necessary to intertwine with the political conditions such matters as, for example, the expansion of the railroad from Austria to the southeast—the Thessaloniki Railway. It was a purely economic matter; yet the political circumstances constantly interacted with the economic ones. The whole situation rests on a failure to understand intellectual and cultural circumstances—namely, the contrasts between Slavic and Germanic cultures. These three elements became entangled, and from this entanglement arose the horrific catastrophe. One can study, year by year, how illusory conditions were created by the failure to distinguish between legal conditions, intellectual and cultural conditions, and economic conditions.
[ 67 ] Aber diese Verhältnisse drängen nach Auseinandertrennung, Auseinanderhaltung. Und man muß sich erinnern, wie mit dem Heraufkommen der neueren Zeitverhältnisse sehr früh das Rechtsleben, das Geistesleben und das Wirtschaftsleben sich auseinanderzuhalten suchten. Gerade die Tatsache, daß etwas so Furchtbares aus der Zusammenknäuelung entstehen konnte wie diese Weltkriegskatastrophe, gerade das wies einen darauf hin, wie ja wie in einem Reagenzglase im chemischen Laboratorium Substanzen, die man zusammenbringt, die aber nicht zusammengehören, wie die auseinanderfallen: so fallen, fielen schon verhältnismäßig früh die wirtschaftlichen Verhältnisse, die geistigen und die Rechtsverhältnisse auseinander.
[ 67 ] But these circumstances call for separation, for keeping things apart. And one must remember how, with the advent of modern social conditions, legal life, intellectual life, and economic life sought to keep themselves apart from very early on. It was precisely the fact that something as terrible as this World War catastrophe could arise from such an entanglement—precisely that—that pointed out how, just as in a test tube in a chemistry laboratory, substances that are brought together but do not belong together eventually separate: in the same way, economic, intellectual, and legal conditions began to diverge relatively early on.
[ 68 ] Ich will nur an eine Erscheinung erinnern, die verhältnismäßig früh auftrat. Später, nach der Reformation, nach der Renaissance wurde sie verwischt. Wenn Sie die Geschichte des Mittelalters studieren, so werden Sie finden, daß die Kirche zinsfeindlich war, das heißt, daß die Kirche überall Lehren verbreitete, die dahin gingen, es sei unmöglich, es vertrage sich nicht mit einem wirklich christlichen Leben, Zins zu nehmen von Geldausborgung. Das war Lehre, das war Geistesleben. Diese Lehre empfand man als schön. Aber die Kirche in ihren Vertretern nahm sehr viel Zins in Wirklichkeit. Das wirtschaftliche Leben trennte sich sehr stark von dem geistigen Leben. Beides fiel auseinander.
[ 68 ] I would just like to recall a phenomenon that emerged relatively early on. Later, after the Reformation and the Renaissance, it was obscured. If you study the history of the Middle Ages, you will find that the Church was opposed to interest; that is to say, the Church everywhere spread teachings to the effect that it was impossible—and incompatible with a truly Christian life—to charge interest on money lent. That was the teaching; that was the spiritual life. This teaching was considered noble. But the Church, through its representatives, actually charged a great deal of interest. Economic life became very sharply separated from spiritual life. The two drifted apart.
[ 69 ] Und auf ähnliche Erscheinungen könnte man in den letzten Jahren sehr stark hinweisen, wenn man zum Beispiel zeigen wollte, wie das wirtschaftliche Leben in Form von allerlei Schiebertum, Verschaffung von Lebensmitteln unter der Hand, auseinanderfiel mit dem rechtlichen Leben, das rationierte. Da sehen Sie ähnliche Erscheinungen wie eben in einem Reagenzglase, wo nicht zusammengehörige Substanzen auseinanderfallen.
[ 69 ] And one could point to similar phenomena very strongly in recent years if, for example, one wanted to show how economic life—in the form of all sorts of black-market dealings and the under-the-table procurement of food—diverged from legal life, which was based on rationing. There you see phenomena similar to those in a test tube, where substances that do not belong together separate.
[ 70 ] Alle diese Dinge müssen im einzelnen studiert werden. Und weil nach und nach durch die Kompliziertheit der modernen Lebensverhältnisse sich immer mehr und mehr dies Auseinanderfallen zeigt, sowohl im internationalen wie im nationalen Leben, ergibt sich daraus nach und nach die Notwendigkeit, hinzuarbeiten auf die Dreigliederung des sozialen Organismus, wie ich sie in den nächsten Vorträgen darstellen werde und wie Sie sie auseinandergesetzt finden in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage».
[ 70 ] All these matters must be studied in detail. And because, little by little, the complexity of modern living conditions is causing this disintegration to become increasingly apparent—both in international and national life—there arises, step by step, the necessity to work toward the threefold structure of the social organism, as I will describe it in the following lectures and as you will find it explained in my Key Points of the Social Question.
[ 71 ] Man muß sich klar darüber sein, daß solch ein Ausspruch, wie ich ihn angeführt habe von Hartley Withers, durchaus begründet ist. Die Verhältnisse sind in der neueren Zeit sehr kompliziert geworden. Und nur dann, wenn man darauf kommt, wie man gewisse Grundgesetze - Urideen, so habe ich sie genannt in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» — finden kann, die dann in den kompliziertesten Verhältnissen des praktischen Lebens zu einem wirklich praktischen Wegweiser werden können, nur dann kann man hoffen, etwas beizutragen zu dem, was heute die soziale Frage ist. Und nur dadurch kann man hoffen, das zu überwinden, was nach und nach in Form von Schlagworten, von Parteimeinungen in so furchtbarer Weise die Massen ergreift und durch die Menschen leider zu Tatsachen wird. Ehe wir nicht dazu kommen, die soziale Frage aus dem Parteigetriebe herauszuheben und sie auf den Boden der praktischen, vernünftigen Erfassung der Wirklichkeit zu stellen, eher können wir nicht hoffen, weiterzukommen. Daß eine solche Betrachtung möglich ist, das möchte ich Ihnen eben durch die folgenden Vorträge zeigen.
[ 71 ] One must be clear that a statement such as the one I quoted from Hartley Withers is entirely justified. Conditions have become very complicated in recent times. And only when one discovers how to identify certain fundamental laws—original ideas, as I have called them in my Key Points of the Social Question—which can then serve as a truly practical guide even in the most complex circumstances of practical life, only then can one hope to contribute something to what is today known as the social question. And only in this way can one hope to overcome what, little by little, in the form of slogans and party opinions, seizes the masses in such a terrible way and, unfortunately, becomes reality through people’s actions. Until we manage to lift the social question out of the turmoil of party politics and place it on the ground of a practical, rational understanding of reality, we cannot hope to make any progress. I would like to show you, through the following lectures, that such an approach is indeed possible.
[ 72 ] Damit möchte ich, was ich über die Entstehung und über das Hervorkommen der Dreigliederung im neueren Leben zu sagen hätte, zunächst angedeutet haben. Manches wird ja in den nächsten Vorträgen sich noch ergeben.
[ 72 ] With this, I would like to have briefly outlined what I have to say about the origin and emergence of the threefold social order in modern life. Some details will, of course, become clear in the upcoming lectures.
