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The Future of Society
GA 332a

30 October 1919, Zurich

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The Social Future, tr. Collison
  1. The Future of Society, tr. SOL
  2. Soziale Zukunft

6. Das nationale und internationale Leben im dreigegliederten sozialen Organismus

6. National and International Life in the Threefold Social Organism

[ 1 ] Es wird vielleicht manchem etwas sonderbar erschienen sein, wie von mir das angegebene Thema behandelt worden ist. Sonderbar meine ich nach der Richtung hin, daß vielleicht gesagt werden könnte: Ja, das waren eben einzelne Ideen, Gedanken über eine mögliche Einrichtung der sozialen Struktur, und von manchem, was gerade in der Behandlung der sozialen Frage heute oftmals schlagwortartig wiederholt wird, ist in diesen Vorträgen weniger zu bemerken gewesen. Gewiß, Gedanken und Ideen mußten es zunächst sein, um die es sich hier handelte.

[ 1 ] It is quite possible that to some among my audience my manner of dealing with the subject of these lectures may have appeared somewhat singular. Singular, inasmuch as it might possibly be said that these are isolated ideas and thoughts on a possible way of building the social structure, and that the catchwords so common in the social movements of today are noticeably lacking in these lectures.

[ 2 ] Aber ich meine, auch bemerkbar gemacht zu haben, daß sich diese Gedanken und diese Ideen unterscheiden von manchem anderen, das auf diesem Gebiete vorgebracht wird dadurch, daß gewissermaßen gesagt wird: Ja, es fehle an einer gleichmäßigen Verteilung der Lebensgüter. Das rühre von diesen oder jenen Schäden her. Diese Schäden müßten abgeschafft werden - und dergleichen. Diese Worte hört man ja heute vielfach. Mir scheint es mehr darum zu tun zu sein, daß man auch auf diesem Gebiete so verfahre wie auch sonst im praktischen Leben. Hat man es zu tun mit irgendeinem Produkte, das durch eine Maschine erzeugt werden soll und das der Mensch irgendwie braucht für seinen Bedarf, so genügt es nicht, daß man ein Programm entwirft und sagt: Nun, es müssen sich halt einige Menschen zusammentun, die so und so organisiert sind, damit dieses Produkt hervorgebracht werde. — So ungefähr klingen auch verschiedene soziale Programme, die in der Gegenwart aufgestellt werden. Mir handelt es sich vielmehr darum, anzugeben, wie die Maschine, in diesem Fall der soziale Organismus, gegliedert und beschaffen sein müsse, damit dasjenige hervorgebracht werden könne, was durch die mehr oder weniger bewußten oder unbewußten sozialen Forderungen der Gegenwart gegeben ist. Und ich glaube, daß man nicht wird sagen können, diese Vorträge haben nicht gehandelt von dem, wie Brot oder Kohle oder dergleichen beschafft werden soll. Sie haben meiner Ansicht nach davon gehandelt. Sie haben davon gehandelt, welches die eigentlichen Grundlagen des sozialen Organismus sind, wie Menschen in diesem sozialen Organismus zusammen leben und arbeiten müssen, damit das herauskomme, was eben in den sozialen Forderungen liegt. Ich wollte dieses vorausschicken, weil vielleicht gerade für meinen heutigen Schlußvortrag sich ein ähnlicher Vorwurf erheben könnte.

[ 2 ] Certainly, thoughts and ideas must be a foundation, but I think it has been made clear that these thoughts and ideas differ considerably from much else that has been said on the subject. For instance, we often hear it said that there is no equal distribution of wealth, and that some evil is the cause of this; that such evils must be abolished, and so on. We often hear such remarks at the present day. It appears to me more important to act in this sphere just as in practical life. If we have to do with some commodity needed by human beings, and produced by a machine, it is not enough to draw up a program and announce that a meeting must be called and an organization founded in order that the commodity in question may be produced. This is the way modern social programs come into being. It seems to me far more important to indicate the way in which the machine, in the present instance the social organism, should be put together and utilized in order that it bring forth something which will meet the more or less conscious social demands of the present day. And I think no one can say that these lectures have not dealt with the means by which bread, coal, or other necessities are produced. In my opinion they have dealt with such matters. They have dealt with the actual foundations of the social organism, with the manner in which men must live and work together within that social organism, in order to bring about the fulfilment of social demands. I wish to preface my lecture with these remarks, because such a reproach might possibly be made in regard to this, my concluding lecture.

[ 3 ] Derjenige allein wird das internationale Problem als ein Glied der ganzen sozialen Frage erkennen, der durchschaut, wie der Preis des Stückchens Brot, das auf den Tisch eines jeden kommt, mit der gesamten Weltwirtschaft zusammenhängt, wie nicht gleichgültig ist, was in Australien oder in Amerika vor sich geht, was dort von Menschen erarbeitet wird für das, was hier als Preis für ein Stückchen Brot oder für Kohlen entsteht. Aber es ist heute nicht gerade leicht gegenüber mancherlei Urteilen und Vorurteilen, die da leben, gerade von dem internationalen Problem zu sprechen. Hat doch dieses internationale Leben der Menschen sich in einer merkwürdigen Weise in den letzten fünf Jahren ad absurdum geführt. War nicht in weitesten Kreisen bereits der Glaube vorhanden, daß internationales Fühlen, internationales Verständnis in der neueren Menschheit Platz gegriffen habe? Wohin sind wir mit diesem internationalen Gefühl, mit diesem internationalen Verständnis nun eigentlich gekommen? Zur Selbstzerfleischung der Völker über weite Kreise der zivilisierten Welt hin! Und versagt haben selbst für ihre eigene Anschauung diejenigen Ideen und Ideenbestrebungen, die gerade auf ihren internationalen Charakter den allergrößten Wert gelegt haben. Wir brauchen nur daran zu denken, wie das internationale Christentum — denn international sollte es wohl sein - in seinen Worten, in seinen Aussprüchen und Anschauungen die national-chauvinistische Sprache vielfach mitgeführt hat. Und wir könnten noch manches von internationalen Impulsen anführen, das Schiffbruch erlitten hat in dieser letzten Zeit. Gerade dann vielleicht, wenn vom internationalen Leben der Menschheit in bezug auf das Wirtschaftliche gesprochen wird, wird es auch nötig sein, mancherlei umzudenken und umzulernen. Und nötig wird es auch sein, bis in jene Quellen der Menschen natur hineinzugehen, die nur gefunden werden können, wenn man auf den Geist und auf die Seele hinsieht. Und daß das hier so geschehen soll, daß nicht bloß auf die Schlagworte «Geist» und «Seele» losgegangen werde, sondern auf das wirkliche Walten des Geistigen und des Seelischen, das, glaube ich, haben die letzten Vorträge wenigstens zu zeigen versucht.

[ 3 ] Only those who see why the price of bread which appears on every table is connected with the economy of the entire world, and why the events taking place in Australia or America and the commodities these countries produce are related to the price paid here for bread or coal, will recognize the presence of an international problem which involves the whole social question. In view of the many prevailing opinions and prejudices, however, it is not exactly easy to speak of the international problem at the present moment. Have we not seen to what unheard of conditions international intercourse has led us during the last five years? Did not the belief prevail within the widest circles—pre 1919—that international feeling, international understanding had been established in modern humanity? To what has this international feeling, this international understanding led? It has led to the fact that over a large part of the civilized world the people have torn one another to pieces! (Twenty-six years later—1945—finds the condition even worse. Ed.) And even those ideas and idealistic aims whose greatest value lay in their international character have proved a failure, as their promoters themselves acknowledge. We need only recall the words, the pronouncements and views of international Christianity, for this is what it claimed to be, as it joined in so many cases in the chorus of international chauvinism. And we might cite many an instance of the shipwrecking of international impulses in late years. Also, when we speak of the international life of mankind, perhaps more particularly in reference to its economic aspect, we shall find it necessary to revise our thoughts and our judgments in this respect. It will be necessary to penetrate to these sources of human nature which can only be found when we look towards the spirit and the soul. To do so, to avoid the mere repetition of the words ‘spirit’ and ‘soul,’ to give heed instead to the actual dominance of the spirit and soul, this, in my opinion, has at least been attempted in these lectures.

[ 4 ] Über die ganze Welt hin wird das, was die Menschen in ihrem Zusammenleben, in ihrem Zusammenarbeiten entwickeln, von zwei Impulsen beherrscht, von zwei Impulsen, über die es vor allen Dingen notwendig wäre, daß Wahrheit in uns Menschen herrsche, eine wahre, eine ungeschminkte, eine nicht durch allerlei Schlagworte verunzierte Auffassung. Zwei Impulse leben in der menschlichen Seele, die wie Nord- und Südpol eines Magneten sich zueinander verhalten. Diese zwei Impulse sind Egoismus und Liebe. Weitverbreitet ist allerdings die Anschauung, ethisch sei es nur, wenn der Egoismus überwunden werde durch die Liebe, und wenn die Menschen sich so entwickeln, daß an die Stelle des Egoismus lautere Liebe trete. Als eine ethische Forderung, heute auch als eine soziale Forderung ist das bei vielen vorhanden. Verständnis, was eigentlich für ein Kraftgegensatz besteht zwischen Egoismus und Liebe, das ist durchaus weniger heute vorhanden.

[ 4 ] All over the world the relations existing among human beings in their common work are governed by two impulses, about which it is of the highest importance that the truth should prevail among us, a true unvarnished conception, not disfigured by hackneyed phrases. Two impulses dwell in the human soul, which are related just as the north and south poles of a magnetic compass are related to one another. These two impulses are egoism and love. It is a widespread opinion that ethical law requires that egoism be conquered by love, and that in the progress of human evolution pure love should supplant egoism. This claim is put forward by many on the ground of ethics, and to-day also as a social need. But an understanding of the kind of opposition which actually exists between the two forces of egoism and love is certainly less evident in our day.

[ 5 ] Wenn wir vom Egoismus sprechen, so müssen wir vor allen Dingen wissen, daß dieser Egoismus für den Menschen mit seinen leiblichen Bedürfnissen beginnt. Was aus des Menschen leiblichen Bedürfnissen hervorquillt, können wir nicht anders verstehen, als wenn wir es uns in die Sphäre des Egoismus gerückt denken. Wessen der Mensch bedarf, das geht aus seinem Egoismus hervor. Nun muß man sich durchaus denken, daß dieser Egoismus auch veredelt sein könnte, und deshalb ist es nicht gut, gerade auf diesem Gebiete mit irgendwelchen Schlagworten seine Anschauungen zu bilden. Dadurch, daß man sagt, es solle der Egoismus durch Liebe überwunden werden, hat man noch nicht viel für das Verständnis des Egoismus getan. Denn es handelt sich zum Beispiel darum, daß derjenige, welcher seinen Mitmenschen das reine menschliche Interessenverständnis entgegenbringt, anders handelt als derjenige, der enge Interessen hat, der sich nicht kümmert um das, was in den Seelen und Herzen dieser Mitmenschen lebt, der kein Interesse für seine Umgebung hat. Deshalb braucht der erstere, der wahres Verständnis für seine Mitmenschen hat, durchaus nicht schon dadurch unegoistischer zu sein im Leben, denn es kann gerade zu seinem Egoismus gehören, nun den Menschen zu dienen. Das kann ihm innerliches Wohlbehagen machen, das kann ihm sogar innerliches Wohlgefühl, Wollust hervorrufen, dem Dienst der Menschen sich hinzugeben. Und dann können für das äußere Leben in objektiver Weise durchaus altruistische Lebensäußerungen vorkommen, die aber im Gefühlsleben nicht anders gewertet werden können als ein Egoismus.

[ 5 ] In speaking of egoism, we should recognize that it begins with the bodily needs of the human being. We cannot understand that which arises from the bodily needs of the human being, unless we regard it as belonging to the sphere of egoism. The needs of the human being proceed from egoism. Now we must believe that it is possible to ennoble the feeling of egoism; and, therefore, it is not a good thing to form one's opinions from the phrases current on this subject. To say that egoism must be overcome by love does not help us much to understand egoism. For the point is, that he who meets his fellowmen with a purely human interest and understanding acts differently from one whose interests are narrow, and who gives no thought to all that fills the hearts and souls of his fellow creatures, and who is without interest for his surroundings. On this account, the former, who is truly interested in his fellowmen, need not be less egoistic in life than the other; for his egoism may be precisely his desire to serve human beings. It may call forth in him a feeling of inner well-being, of inner bliss, even of ecstasy, to devote himself to the service of his fellowmen. Then, as far as the outer life is concerned, deeds which are absolutely altruistic to all appearance may proceed from egoism; in the life of feeling they cannot be appraised otherwise than as egoism.

[ 6 ] Aber die Frage des Egoismus muß noch viel weiter ausgedehnt werden. Man muß den Egoismus auch verfolgen durch das ganze Seelen- und Geistesleben des Menschen. Man muß sich klar darüber sein, wie aus des Menschen innerer Wesenheit heraus genau ebenso entspringt das Geistige und Seelische auf manchen Gebieten, wie die leiblichen Bedürfnisse. So entspringt aus des Menschen Wesenheit heraus zum Beispiel alles, was sein Phantasieschaffen ist. Es entspringt aus des Menschen Wesenheit heraus, was er auf künstlerischem Gebiete schafft. Wenn man unbefangen zu Werke geht und richtiges Verständnis sucht für solche Sachen, dann wird man sagen müssen: Was des Menschen Phantasie schafft, was aus unbestimmten Untergründen seines Wesens hervorkommt, das hat denselben Ursprung, nur auf einer höheren Stufe, wie die leiblichen Bedürfnisse. Das Phantasieleben, das entfaltet wird zum Beispiel in der Kunst, beruht durchaus, subjektiv angesehen, auf innerer Befriedigung des Menschen, auf einer Befriedigung, die feiner, edler ist als zum Beispiel die Befriedigung des Hungers, die aber qualitativ für den Menschen selbst nicht davon verschieden ist, wenn auch das, was dadurch hervorgebracht wird, für die Welt zunächst eine andere Bedeutung hat.

[ 6 ] But the question of egoism must be extended much further. We must follow it through the whole life of the human soul and spirit. We must see clearly how the spirit and soul-nature arise out of man's inner being in various manifestations, just as the bodily wants arise. Thus, everything in the nature of creative fantasy, of imaginative creation arises out of the inner being; likewise all creations in the sphere of art. If we proceed in our investigations without bias and seek a right understanding of such things, we shall find that which is the creator of man's imagination. All that rises out of the unknown depths of his being has the same source, but at a higher stage than the bodily wants. The life of imagination, of fantasy, which is developed in art, viewed subjectively, reposes on a feeling of inward satisfaction, more refined, nobler than the satisfaction of hunger, for instance, but not different in quality for the individual himself, even if what is produced thereby may have a different significance for the world.

[ 7 ] Nun aber ist aller Egoismus des Menschen darauf angewiesen, daß der Mensch mit seinen Mitmenschen sich abfindet, daß der Mensch mit seinen Mitmenschen zusammenlebt und zusammenarbeitet. Der Egoismus selber erfordert das Zusammenleben und Zusammenwirken mit den anderen Menschen. Und so ist auch vieles von dem, was wir gemeinschaftlich mit anderen Menschen entwickeln, durchaus auf den Egoismus gebaut und kann sogar zu den edelsten Tugenden des Menschen gehören. Wir sehen die Mutterliebe an: sie ist durchaus auf den Egoismus der Mutter begründet, und sie wirkt Edelstes aus im Zusammenleben der Menschheit.

[ 7 ] But all human egoism is directed by the fact that man must agree with his fellows, that he should live and work together with them. Egoism itself requires that he should live and work with other men. Much of what we carry out in common with other men is absolutely founded on egoism, and still may be credited to the noblest human virtues. If we contemplate maternal love, we find that it is absolutely founded on the egoism of the mother; yet it manifests itself most nobly in the common life of humanity.

[ 8 ] So aber auch dehnt sich das, was eigentlich im Egoismus gegründet ist, weil der Mensch des Menschen bedarf gerade für seinen Egoismus, auf das Zusammenleben in der Familie, so dehnt es sich aus auf das Zusammenleben im Stamme, so dehnt es sich aus auf das Zusammenleben in der Nation, im Volke. Und die Art und Weise, wie sich der Mensch im Volke, in der Nation findet, sie ist nichts anderes als ein Spiegelbild desjenigen, was egoistisch aus ihm hervorkommt. Da wird in der Vaterlandsliebe, im Patriotismus der Egoismus gewiß auf eine hohe Stufe heraufgehoben, da wird er veredelt, da wird er so, daß er als ein Ideal erscheint, mit Recht als ein Ideal erscheint. Aber dieses Ideal wurzelt doch im menschlichen Egoismus. Nun muß dieses Ideal aus dem menschlichen Egoismus ersprießen und sich erfüllen, damit alles, was aus der Produktivität eines Volkes hervorgehen könne, eben der Menschheit übergeben werden kann. Und so sehen wir, wie aus dem Impuls der einzelnen menschlichen Seele, aus dem Egoismus, zuletzt sich alles dasjenige entwickelt, was im Nationalismus zum Ausdrucke kommt. Nationalismus ist gemeinsam durchlebter Egoismus. Nationalismus ist ins Geistige heraufgetragener Egoismus. Der Nationalismus ist zum Beispiel durchtränkt und durchwärmt von dem Phantasieleben des Volkes, in dem sich der Nationalismus zum Ausdrucke bringt. Aber dieses Phantasieleben selbst ist die geistig höhere Ausbildung dessen, was menschliche Bedürfnisse sind. Man muß bis zu dieser Wurzel zurückgehen, um die Sache durch ihre Betrachtung richtig zu verstehen.

[ 8 ] But that which is actually founded on egoism, because man needs his fellowmen for egoistic reasons, extends over the common family life, over the common life of the tribe, over the common life of the nation, of the people; and the manner in which a man conducts himself among his people and in his nation is nothing but the reflection of his own egoism. In the love of country, in patriotism, egoism doubtless rises to a high level; it is ennobled; it takes the form of an ideal and rightly so. But that ideal is, nevertheless, rooted in human egoism. Now this ideal must spring from human egoism, and it must be realized in order that the productivity of a people may be able to pass on something to humanity. And so we see how from that single impulse of the human soul—egoism, all that ultimately finds expression in nationalism is developed. Nationalism is egoism experienced by the whole nation in common. Nationalism is egoism carried into the spiritual region of life. Nationalism, for instance, is saturated with, glows with, the imagination of the people in which it finds expression. But this life of imagination itself is the higher spiritual development of all that constitutes human wants. We must go back to this root, in order to gain a clear understanding of it by right contemplation.

[ 9 ] Ganz andersgeartet ist dasjenige, was sich in der menschlichen Natur entwickelt als Internationalismus. National werden wir dadurch, daß der Nationalismus aus unserer eigenen persönlichen Natur aufsprießt. Der Nationalismus ist eine Blüte des Wachstums des einzelnen Menschen, der gemeinsamen Blutes mit seinem Stamme oder durch eine andere Zusammengehörigkeit an sein Volk gebunden ist. Nationalismus, er wächst mit dem Menschen. Er hat ihn, er wächst hinein, ich möchte sagen, so wie er in eine bestimmte Leibesgröße hineinwächst. Internationalismus hat man nicht in dieser Art. Internationalismus läßt sich eher vergleichen mit jenem Gefühl, das wir gewinnen, wenn wir uns der schönen Natur gegenüber sehen, wozu wir zur Liebe, zur Verehrung, zur Anerkennung getrieben werden dadurch, daß wir es anschauen, dadurch, daß es seinen Eindruck auf uns macht, dadurch, daß wir in Freiheit uns ihm hingeben. Während wir in das eigene Volk hineinwachsen, weil wir gewissermaßen ein Glied von ihm sind, lernen wir die anderen Völker kennen. Sie wirken, ich möchte sagen, auf dem Umwege des Erkennens, des Verstehens zu uns. Wir lernen sie nach und nach verständnisvoll lieben, und in dem Maße, in dem wir die Menschheit in ihren verschiedenen Völkern auf ihren verschiedenen Gebieten verständnisvoll lieben können, in dem Maße wächst unser innerer Internationalismus.

[ 9 ] Of a very different species is that characteristic of human nature which develops as internationalism. We become national, because the feeling of nationalism arises out of our own nature. Nationalism is a blossom on the growth of the individual human being who is of the same blood as his tribe, or is bound by other ties to his people. Nationalism grows with the man. It grows into him as a certain bodily growth. He does not possess internationalism in this way. Internationalism is rather comparable to the feeling we acquire when we contemplate the beauties of nature; through this contemplation we are impelled to love, to reverence, to understanding, because it has become a reality to us, because it impresses itself on us, because we give ourselves up to it freely. Whereas we grow into our own nation because we are, so to speak, members of it, we learn to know other nations. They work on us indirectly through our knowledge of them, our understanding of them. We learn little by little to love them with understanding; and in proportion to our learning to love and to understand mankind in its different peoples in their various countries, does our feeling grow for internationalism.

[ 10 ] Es sind durchaus zwei verschiedene Quellen in der menschlichen Natur, die zugrunde liegen dem Nationalismus und dem Internationalismus. Der Nationalismus ist die höchste Ausbildung des Egoismus. Der Internationalismus ist dasjenige, was in uns immer mehr und mehr hereindringt, wenn wir uns verständnisvoller Menschenauffassung hingeben können. Man wird in diesem Lichte das menschliche Zusammenleben ansehen müssen über die zivilisierte Erde hin, namentlich wenn man zu einem richtigen Verständnis desjenigen kommen will, was im Internationalismus und Nationalismus aufeinanderstößt.

[ 10 ] There are two absolutely distinct sources in human nature from which arise, respectively, nationalism and internationalism. Nationalism is the highest development of egoism. Internationalism is that which permeates us more and more, as we give ourselves to a wide understanding of human nature. We must regard the common life of human beings all over the civilized globe in this light, especially if we wish to come to a clear understanding of the conflicting element in these impulses, nationalism and internationalism.

[ 11 ] Muß man doch auch dann, wenn das wirtschaftliche Leben zu begreifen gesucht wird, zurückweisen auf die oben genannten zwei Impulse in der menschlichen Seele. Was wir als das dreifach gegliederte Lebenselement des Menschen in diesen Vorträgen angeführt haben, es führt uns zurück auf die beiden eben charakterisierten Impulse in der menschlichen Seele. Sehen wir uns das Wirtschaftsleben zum Beispiel an — wir wollen es ja nachher betrachten —, wie es alles nationale und internationale Zusammenleben der Menschen durchsetzt. Sehen wir uns dieses Wirtschaftsleben an. Wir blicken auf dieses Wirtschaftsleben so, daß wir seinen Ausgangspunkt anerkennen müssen eigentlich im menschlichen Bedarf, in der Konsumtion. Daß der menschliche Bedarf befriedigt werde, das ist schließlich im Grunde die Aufgabe des Wirtschaftslebens. Zur Befriedigung des menschlichen Bedarfes haben Produktion und Warenzirkulation, Verwaltung, menschlicher Verkehr und dergleichen zu sorgen. Auch da können wir uns fragen: Was liegt aus der menschlichen Natur heraus dem Bedarf, der Konsumtion zugrunde? Der Egoismus liegt dem Bedarf, der Konsumtion zugrunde. Und es handelt sich darum, daß man dieser Tatsache das nötige Verständnis entgegenbringt. Dann wird man nicht für das Wirtschaftsleben die Frage aufwerfen: Wie ist der Egoismus zu überwinden? - sondern: Wie ist es dem Altruismus möglich, den berechtigten Egoismus zu befriedigen? — Vielleicht klingt diese Frage weniger idealistisch, aber wahr ist sie.

[ 11 ] Even if the economic life were governed by its own conditions, and an attempt were made to understand it, it would still be necessary to point to the two impulses in the human soul just mentioned. What we have called the threefold human life element in these lectures leads us back to these two impulses in the human soul. Think of the economic system, for instance; consider how it pervades the whole national and international life of humanity. Let us examine this economic system. We are compelled to recognize its origin in human wants, in consumption. The satisfaction of these wants is really the whole task of economic life. Production and distribution of commodities, administration, human intercourse, and so on, are necessary to supply human requirements. And here again we may ask: What element of human nature lies at the root of requirement, of consumption? Egoism is at their root. And it is important that this fact should be properly understood. If it is understood, no one will feel impelled to ask with regard to the economic life: “How can we overcome egoism?” but rather: “How is it possible for altruism to meet the just demands of egoism?” Perhaps this question may sound less idealistic, but it is the true one.

[ 12 ] Man sieht aber sogleich, wenn man auf die Produktion hinsieht, durch die die Konsumtion befriedigt, durch die der Konsumtion entsprochen werden soll, daß da etwas anderes notwendig ist. Derjenige, der produzieren soll, er ist ja selbstverständlich zu gleicher Zeit auch ein Konsument. Er hat notwendig - die gehaltenen Vorträge haben es ausgeführt —, daß er Verständnis habe nicht nur für den Produktionsprozeß, sondern für das Leben seiner Mitmenschen, so daß er seinem Produktionsprozesse sich so hingeben könne, wie es entspricht dem Bedürfnis seiner Mitmenschen. Hinschauen muß der Mensch können, sei es mittelbar oder unmittelbar durch Einrichtungen, von denen wir gesprochen haben, auf das, was die Menschen bedürfen in der Konsumtion. Dann muß der Mensch aus diesem hingebungsvollen Verständnisse auch dieser oder jener Produktion, die gerade in seinen Fähigkeiten liegt, sich widmen können. Man braucht das nur zu schildern, dann wird man, wenn es auch auf diesem Gebiete trocken und nüchtern erscheint, den eigentlichen Motor der Produktion sehen müssen in der hingebungsvollen Liebe an die menschliche Gesellschaft. Und ehe man nicht begreifen wird, daß die Produktion nur dadurch in sozialer Weise geregelt werden kann, daß Grundlagen geschaffen werden durch Geistes- und Rechtsleben, aus denen sich in die menschliche Seele hineinergieße — wegen des Interesses für ihre Mitmenschen, wegen des Interesses für das Leben — hingebungsvolle Liebe für ihre Produktionszweige, eher wird man nichts Positives sagen über die eigentliche Aufgabe des sozialen Problems.

[ 12 ] When we turn our attention to production by which consumption is satisfied, we see at once that something else is necessary, The producer is of course at the same time the consumer. He whose business it is to produce must have an understanding not only of the process of production, but also of the life of his fellowmen, so that he can devote himself to the work of production in a manner corresponding to their needs. The producer must be able, indirectly or directly through institutions of which we have spoken, to see what men need for their consumption. He must then devote himself unselfishly and with understanding to some kind of production for which he has the capability. It is only necessary to describe this, and people will be forced to see that the real motive-power of production is self-sacrificing love towards human society, even though the sphere in which it manifests may appear dry and uninteresting. And nothing constructive will ever be said regarding the actual solution of the social problem, until it is understood that production can only be regulated in a social manner by the creation, through the spiritual and equity organizations, of a source from which unselfish love for the various branches of production can flow into the human soul, because of the producers' interest in their fellowmen and in life.

[ 13 ] Zwischen beiden, zwischen, ich möchte sagen, der egoistischen Konsumtion und der liebedurchwalteten Produktion steht die Waren-, die Güterzirkulation, die den Ausgleich zwischen beiden schafft, schafft heute durch den Zufall des Marktes, durch Angebot und Nachfrage, schaffen soll in der Zukunft durch eine menschliche Assoziation, welche die Vernunft an die Stelle des Zufallsmarktes setzt, so daß Menschen da sein werden, deren Angelegenheit es sein wird, aus der Beobachtung der Konsumtionsbedürfnisse heraus die Produktion einzurichten, so daß der Markt bestehen wird in dem, was die Vernunft der betreffenden Organisation aus der Produktion heraus für die Konsumtion, die zuerst richtig erkannt und beobachtet wird, zu schaffen in der Lage sein wird. Man wird sich auf diesem Felde durchaus aller Schlagworte entschlagen und auf die Wirklichkeiten eingehen müssen.

[ 13 ] Between these two—consumption governed by egoism, and production in which love is the ruling principle—there is the distribution of commodities, holding the balance between them. Today this is brought about through the rise and fall of the market, through supply and demand, but in future times an association of men will substitute intelligence for the fluctuation of the market. Men will be there who will make it their task to regulate production in conformity with their observation of the needs of the consumer. So that the market will consist in commodities which the associations, already mentioned, will be able to produce; these associations having first studied and observed intelligently the needs of consumption. All catchwords in this department of life will be discarded, and the attention will be wholly given to realities.

[ 14 ] Nun aber — wer sollte es nicht sehen - hat die neuere Zeit immer mehr und mehr etwas hervorgebracht, das auftreten mußte, als der Horizont der Menschen immer weiter und weiter über die Erde sich verbreitete. An die Stelle der alten Nationalwirtschaften, der Wirtschaft auf engeren Territorien, ist die Weltwirtschaft getreten. Allerdings ist diese Weltwirtschaft zunächst bloß als eine Art Forderung vorhanden. Gewiß, diese Forderung hat sich so weit ausgebildet, daß fast an jedem Orte der zivilisierten Welt Produkte verbraucht werden, die an anderen Orten, gleichgültig ob es das gleiche oder ein anderes Land ist, dieser zivilisierten Welt produziert werden. Aber auch auf diesem Gebiete ist das menschliche ideelle Erfassen, ist die menschliche Seelenstimmung dem nicht nachgekommen, was als eine Weltenforderung aufgetreten ist. Überall sehen wir, wie es dringende Forderung der neueren Zeit ist, der Weltwirtschaft Rechnung zu tragen, Einrichtungen zu treffen, unter denen die Weltwirtschaft möglich ist.

[ 14 ] Who has not seen that in modern times something has arisen which was bound to appear as a result of the continual widening of man's horizon all over the world? Instead of the former national economy, limited to small territories, we have a world-economy. It is true that so far this world-economy is only in the stage of a sort of demand; though it has developed to such an extent that in almost every part of the world commodities are consumed which are produced in other parts of the world. Here again human ideals and the feelings of the human soul have not kept pace with the world requirements which have become evident. Everywhere we see how urgent is the demand of modern times for a world-economy, for arrangements by which a world-economy could be rendered possible.

[ 15 ] Unter welchen Bedingungen ist allein die Weltwirtschaft möglich? Das kann man wahrlich nur einsehen, wenn man zunächst seinen Blick darauf richtet, wie sich - und ich habe das im gestrigen Vortrage ausgeführt — die soziale Ordnung gegen die Zukunft hin gestalten muß, wenn an die Stelle der alten Gewaltgemeinschaft, Gewaltgesellschaft, der gegenwärtigen Tauschgesellschaft, die Gemeingesellschaft tritt. Das ist eben die Gesellschaft, in welcher von den Assoziationen, durch die Verträge der Assoziationen produziert wird.

[ 15 ] What are the conditions under which world-economy (Cf. World Economy, by Rudolf Steiner, Anthroposophic Press, New York.) is alone possible? Of a truth, this question can only be answered after we have first turned our attention to the form which the social order of the future must take from the present time on, if the order of the Commonwealth takes the place of the old despotic order—that of might—and of the present method of trade. The Commonwealth is the social order in which production will be carried on by associations, through contracts with other associations.

[ 16 ] Wenn man das wirklich geltend macht, worin zeigt sich dann der reale Unterschied einer solchen Gemeingesellschaft von der bloßen Tauschgesellschaft, die heute noch vielfach die herrschende ist? Der Unterschied zeigt sich darinnen, daß es in der Tauschgesellschaft vorzugsweise der einzelne oder die einzelne Gruppe mit dem anderen einzelnen oder der anderen Gruppe zu tun haben. Wofür interessieren sich dann dieser andere einzelne oder diese Gruppe in ihrem Verhältnis zueinander? Ob sie Konsumenten sind, ob sie Produzenten sind - ihre Produktion, ihre Konsumtion stehen gewissermaßen durch einen Abgrund voneinander getrennt durch den Zufallsmarkt, und der Zufallsmarkt vermittelt die Warenzirkulation, vermittelt den Handel. Wie man auch sonst, in berechtigter oder unberechtigter Weise, über die Herrschaft des Kapitals, der Arbeit und dergleichen, über Bedeutung des Kapitals und Bedeutung der Arbeit spricht, man muß sagen: Das Wesentliche für unsere Tauschgesellschaft ist, daß das Herrschende die Warenzirkulation ist. Die ist es, welche die Brücke baut zwischen der Produktion und der Konsumtion, während Produktion und Konsumtion durch den Abgrund des Marktes voneinander geschieden sind, so daß sie nicht durch die Vernunft miteinander vermittelt sind.

[ 16 ] If this should really come about, where would the real difference lie between such a community, and the mere trading system of society, the ruling system today? The difference shows itself in the fact that in the trading system the individual or the single group has, for the most part, to do with another individual or another group. What are the common interests of individuals or groups in their mutual relations? At present, whether they are producers or consumers, their production and consumption are divided from one another, as if by a chasm, by the chances of the market. And the chances of the market are the means of bringing about the distribution of commodities and of facilitating commerce. Whatever may be our opinion as to the justification or otherwise of the domination of capital, or of labor, and the like; as to the significance of capital and the significance of labor; it must be admitted that the essential fact in our system of exchange is that the distribution of commodities should be the ruling factor. Distribution is the link between production and consumption; when these are sundered from each other by the abyss of the market, there is no means of communication between them through the exercise of intelligence.

[ 17 ] Was wird in der Gemeingesellschaft an die Stelle der herrschenden Zirkulation treten? Das ganze Gebiet des Wirtschaftslebens wird in das Interesse jedes Wirtschaftenden hereingezogen! Während sich heute der Wirtschaftende zu interessieren hat, wie er seine Produkte bekommt oder seine Produkte absetzt, dafür zu sorgen hat aber aus Interesse an sich selber, wird es in der Gemeingesellschaft so sein müssen, daß jeder Wirtschaftende ein volles Interesse für Konsumtion, Handel und Produktion habe, das heißt, daß das gesamte Wirtschaften sich widerspiegle in den Wirtschaftsinteressen des einzelnen. Das ist es, um was es sich bei der Gemeingesellschaft handeln muß.

[ 17 ] What will take the place in the Commonwealth of the system of distribution now prevailing? The whole domain of economic life will be drawn into the sphere of interest of every producer. Whereas it is now the interest of the producer to find out how he can procure and dispose of his products, which, however, he does out of self-interest, it will be necessary for every producer in the Commonwealth to have a full interest in consumption, distribution, and production. That is to say, it will be necessary that the entire economic process be reflected in the economic interests of the individual man. This must be the essential point in the social order of the Commonwealth.

[ 18 ] Sehen wir uns aber jetzt an, wie es sich mit dieser Gemeingesellschaft, die auch im einzelnen Staate heute durchaus noch eine Zukunftsforderung ist, in bezug auf das internationale Problem verhalten müsse. Dieses internationale Problem, wie stellt es sich uns denn besonders mit Bezug auf das Wirtschaftsleben dar? Da können wir sehen, daß zwar die Weltforderung besteht nach Weltwirtschaft, daß sich aber innerhalb der gesamten Weltwirtschaft die einzelnen Nationalstaaten abgliedern. Diese einzelnen Nationalstaaten, ganz abgesehen von den anderen historischen Bedingungen ihres Entstehens, sie werden zunächst zusammengehalten durch das, was aus dem Egoismus der beisammenlebenden Menschen aufsteigt. Selbst im Edelsten des Nationalen, in Literatur, Kunst und so weiter, ist es die aus dem Egoismus aufsteigende Phantasie, die die Volksgruppen zusammenhält. Diese so zusammengehaltenen Volksgruppen stellten sich nun in das ganze Gebiet der Weltwirtschaft hinein, und sie stellten sich besonders stark, immer stärker und stärker hinein im Laufe des 19. Jahrhunderts, und dieses Hineinstellen erreichte seinen Höhepunkt im Beginn des 20. Jahrhunderts. Wollen wir charakterisieren, was da eigentlich geschah, dann müssen wir sagen: Während noch andere Interessen, Interessen, die viel mehr ähnelten der alten Gewaltgesellschaft, früher zwischen den Staaten herrschten, wurde das Prinzip der Tauschgesellschaft gerade im gegenseitigen Verkehre im internationalen Leben der Staaten vorwiegend, so daß ein Höhepunkt erreicht wurde im Beginne des 20. Jahrhunderts. Wie in den einzelnen Staaten produziert und konsumiert wurde, was an andere Staaten verabreicht oder von anderen Staaten bezogen wurde, das war durchaus hineinbezogen in den Egoismus der einzelnen Staaten. Dafür wurde nur geltend gemacht, wofür der einzelne Staat als solcher sich interessierte. Wie man gegenseitige Beziehungen auf wirtschaftlichem Gebiete zwischen den Staaten herstellte, das beruhte ganz und gar auf dem Handelsprinzip, das beruhte auf dem Prinzip, das in der Tauschgesellschaft bezüglich der Warenzirkulation waltete.

[ 18 ] Let us see what would be the position of this commonwealth, (which also in the single State today is undoubtedly a demand of the future,) with regard to the international problem. How does this international problem present itself to us, especially with regard to the economic system? We can see that though a universal demand exists for a world-economy, the single nations stand separate within the circuit of the whole world-economy. These separate nations, apart from the other historical causes of their existence, are held together for a time by the feelings arising out of the egoism of the community. Even in the highest part of the life of a nation, in literature, art, science, religion, it is the imagination arising out of egoism which holds the groups of people together. The groups thus held together take their place in the sphere of world-economy, and in the course of the 19th century they have asserted themselves with particular energy, and ever more and more decidedly up to the beginning of the 20th century, when the climax was reached. We might describe what really happened by saying that while other interests which bore a much greater resemblance to those of the old despotic order of society formerly prevailed between the nations, the principle of exchange and barter became even more prominent, precisely in the mutual intercourse of nations. This condition of things, therefore, reached its height at the beginning of the 20th century. Just as production and consumption were carried on in the various states, so what was supplied, to other states or was derived from them was absorbed into the egoism of the various states. Thus value was attached only to that in which the single state, as a nation, was interested. The reciprocal economic relations established between the states were absolutely dependent upon the commercial principle, ruling the system of trade in regard to the distribution of commodities.

[ 19 ] Auf diesem Felde, aber im großen, da zeigte sich insbesondere, wie sich die bloße Tauschgesellschaft ad absurdum führen mußte. Und das Ad-absurdum-Führen, das war im wesentlichen eine der Hauptveranlassungen, Hauptursachen zu dem, was diese Weltkriegskatastrophe herbeigeführt hat. Es wird ja nachgerade den Menschen immer klarer und klarer, daß dieser große Gegensatz bestand zwischen der Forderung nach Weltwirtschaft und dem Hineinstellen der einzelnen Staaten in diese Weltwirtschaft, die sich abschlossen, statt in ihren Grenzen die Weltwirtschaft zu fördern, durch Zölle und anderes, und das, was Ergebnis der Weltwirtschaft sein konnte, für sich in Anspruch nehmen wollten und auch in Anspruch nahmen. Das führte zu jener Krise, die wir als die Weltkriegskatastrophe bezeichnen. Gewiß mischen sich andere Ursachen hinein, aber das ist gerade eine der Hauptursachen.

[ 19 ] In this sphere, but on a large scale, it was especially evident how the, mere system of trade must lead ad absurdum; and the fact that this actually came to pass was one of the chief causes that led to the disaster of the World-War. That this great opposition existed between the demand for a world-economy and the influence of the various states against its realization is now becoming ever more and more evident. Instead of promoting a world-economy, these states closed their frontiers, shut themselves off by imposing customs and duties and by other measures, and laid claim to every advantage that might result from a world-economy, seizing all for themselves. This led to the crisis which we call the catastrophe of the World-War. There were, of course, other causes of the disaster but this is one of the chief causes.

[ 20 ] Und so wird es sich darum handeln, zu erkennen, wie gerade gegenüber dem internationalen Leben in allererster Linie nötig ist, daß die Möglichkeit gefunden werde, über die Grenzen hinüber nach anderen Prinzipien zu wirtschaften, als die der bloßen Tauschgesellschaft sind. Möglich muß es werden, geradeso wie in der Gemeingesellschaft der einzelne das Interesse für Produktion, wo sie immer auftritt, das Interesse für Konsumtion, wo sie immer auftritt, haben muß, wenn er mitarbeiten will, wie er sich für das gesamte Gebiet der Wirtschaft- Warenkonsumtion, Warenproduktion, Warenzirkulation - interessieren muß, so muß es möglich sein, Impulse zu finden, durch die ein jedes Staatsgebilde der Welt ein wirkliches inneres, wahrhaftiges Interesse haben könne für jedes andere Staatsgebilde, so daß nicht etwas anderes, dem Zufallsmarkt Ähnliches sich gestaltet zwischen den Völkern, sondern ein wirklich inneres Verständnis zwischen den Völkern walte.

[ 20 ] Therefore it is important to understand that the very first step towards the improvement of international relations is to be able to carry on commerce across, frontiers, but on different principles from those on which the present system of exchange is based. Just as every single person, if he wishes to share in the work of the community, must take an interest in production and consumption wherever it is carried on, just as every member of the community must be interested in the whole sphere of economy, consumption, production and distribution, so in every country in the world impulses must prevail which would lead to a genuine interest in every other country; so that nothing resembling the chance conditions of the present market could prevail among the peoples of the earth, but a real inner understanding would prevail among them.

[ 21 ] Da kommen wir zu den tieferen Quellen dessen, was heute in der Abstraktheit in dem sogenannten Völkerbund gesucht wird, der ja darauf ausgeht, daß gewisse Schäden, die im Volkszusammenleben bestehen, korrigiert werden. Allein er entspringt aus demselben Prinzip, aus dem heute sehr vieles entspringt. Wer heute nachdenkt über die Schäden des Lebens, er denkt vielfach an die nächsten Korrekturen, durch die das eine oder andere ausgeführt werden kann. Da sieht einer, daß viel Luxus existiert, also will er den Luxus besteuern und dergleichen. Er denkt nicht daran, an die Quellen desjenigen zu gehen, um was es sich handelt, die Struktur des sozialen Zusammenlebens zu finden, durch die ein unmöglicher Luxus nicht entstehen kann. Daß man an solche Quellen gehen muß, das ist es aber, worauf es auch im Völkerleben ankommt. Daher wird man nicht durch irgendwelche Bestimmungen, die bloß korrigierend wirken sollen, zu einem internationalen innerlichen Zusammenleben kommen, sondern dadurch, daß man wirklich an die Quellen herangeht, durch die Volksverständnis gegenüber Volksverständnis gefunden werden kann.

[ 21 ] And here we come to the deeper sources of that which is bring sought through the abstract ideals of the so-called League of Nations, the avowed object of which is the correction of certain evils in the common life of nations. But the principle underlying it is the same as that on which many other schemes are now founded. Many of those who at the present day ponder over the evils of life seize upon the first means at hand to carry out some reform or other. Some one sees that a certain luxury has wide distribution and feels impelled to impose a tax on it, and so forth. Such a reformer never thinks of going to the source of the evil in question, of devising a social structure for the community in which an undesirable luxury could not come into existence. But this is precisely what is necessary in the life of nations. Therefore we shall never attain sincere international social relations by regulations of a merely corrective character. There is no other way than by finding the source of a common understanding among the various peoples.

[ 22 ] Nun, es kann kein Volksverständnis gefunden werden, wenn man bloß auf das eine hält, das sich gewissermaßen wie das Wachstum selber aus dem Menschen heraus ergibt, wenn man bloß auf dasjenige sieht, was, wie ich gezeigt habe, zum Nationalismus, zur Abschließung innerhalb der Volkheit führen muß. Was haben wir denn im geistigen Leben heute, das im Grunde einzig und allein einen internationalen Charakter trägt und ihn nur während dieses Krieges deshalb nicht verloren hat, weil die Menschen nicht imstande waren, ihn auf diesem Gebiete zu nehmen? Denn hätten sie ihn genommen, so hätten sie das Gebiet selber vernichten müssen. Was ist da, das wirklich heute über die ganze Erde eigentlich international ist? Nichts anderes im Grunde genommen, als das Gebiet der auf die äußere Sinneswelt gehenden Naturwissenschaft. Die intellektualistische Wissenschaft - ich habe in den Vorträgen gezeigt, wie die Naturwissenschaft intellektualistisch genannt werden muß -, die hat einen internationalen Charakter angenommen. Und leicht war es zu bemerken in diesen Zeiten, wo so viel Unwahres in die Welt getreten ist: Wenn irgend jemand der Wissenschaft das Leid angetan hat, sie im nationalen Sinne zu mißbrauchen, so benahm er ihr sozusagen dadurch ihren wahren Charakter. Aber sieht man nicht auf der anderen Seite, gerade durch die Tatsache, die ich eben anführen mußte, daß diese Art des Geisteslebens, die sich im Intellektualismus auslebt, nicht imstande war, ein internationales Leben zu begründen? Man sieht es, denke ich, klar genug, daß jene Ohnmacht, die ich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus für diese intellektualistische Geistesrichtung geschildert habe, sich ganz besonders deutlich gezeigt hat in dem Verhältnis dieses intellektualistischen Geisteslebens zum Internationalismus.

[ 22 ] There can be no understanding of other nations as long as we keep to one thing which is as natural to the human being as his growth, so long as we look only to that which must lead to nationalism, to the division of peoples among themselves. What is there in the spiritual life of our day which is the only thing that bears an international character, and alone has not been lost during the War because it was impossible for men to take this character away from it? (For had this been done, the field itself would have been annihilated.) What is there that is truly international on the earth? Nothing but the field of modern science which is concerned only with the outer world of the senses. Abstract science has acquired an international character. It has been easy to see in these times, when there has been so much falsehood in the world, that, whenever anybody did science the injury of misusing it in the service of nationalism, he robbed it of its true character. On the other hand, do we not see by this fact which I have quoted that this kind of spiritual life which expresses itself in intellectualism was not able to establish international understanding? I think it may be seen clearly enough that the powerlessness of this abstract trend of thought, which I have described from so many different points of view, has shown itself most distinctly in the relation of this abstract spiritual life to internationalism.

[ 23 ] Die Wissenschaft war nicht imstande, so tiefe internationale Impulse in die Menschenseele hineinzugießen, daß diese standgehalten hätten gegenüber den furchtbaren Ereignissen der letzten Jahre. Und da, wo diese Wissenschaft auftreten wollte, Sozialimpulse zu bilden wie im sozialistischen Internationalismus, da hat sich gezeigt, daß dieser internationalistische Sozialismus sich auch nicht halten konnte, sondern zumeist ins nationale Fahrwasser abströmte. Warum? Weil er eben gerade von den alten Erbgütern der Menschheit nur den Intellektualismus übernommen hat, und der Intellektualismus nicht stark genug ist, um ins Leben hinein gestaltend zu wirken. Das ist es, was auf der einen Seite bezeugt, daß diese neuere wissenschaftliche Richtung, die zugleich mit Kapitalismus und Kulturtechnik heraufgekommen ist, zwar ein internationales Element enthält, aber zu gleicher Zeit bezeugt, wie ohnmächtig zur Begründung eines wirklichen internationalen Lebens der Menschheit sie ist.

[ 23 ] Science was not able to pour into the human soul international impulses deep enough to resist the terrible influences of these last years. And where science attempted to evoke social impulses, such as those in the international socialist movement, it was found that international socialism was also unable to hold its own, and that it mostly flowed away into national channels. Why did this happen? Just because from among the old heirlooms of humanity it had only inherited intellectuality, and intellectuality is not powerful enough to work creatively in life. Thus we see how, on the one hand, this new scientific mode of thought, which arose simultaneously with capitalism and technical science, contains within it an international element, and yet at the same time proves its impotence to establish a true international relationship among men.

[ 24 ] Demgegenüber muß nun geltend gemacht werden, was ich im vierten Vortrage über die geisteswissenschaftliche Richtung auseinandergesetzt habe, die auf der Anschauung, auf der Erkenntnis des Geistes beruht. Diese Geistesanschauung, sie beruht nicht auf äußerer Sinnesanschauung; sie geht hervor aus der Entwickelung der eigenen Menschennatur. Sie sprießt aus dem heraus, woraus auch die Phantasie sprießt. Aber sie sprießt aus tieferen Tiefen der Menschennatur heraus. Deshalb erhebt sie sich nicht bloß zu den individualistischen Gebilden der Phantasie, sondern zu dem objektiven Erkenntnisgebilde der geistigen Wirklichkeit der Welt. In dieser Beziehung wird ja diese Geistanschauung heute noch vielfach mißverstanden. Die sie nicht kennen, die sagen: Ja, was auf diese Weise durch die Geistesanschauung gefunden wird, das ist ja nur subjektiv, das kann niemand beweisen. - Die mathematischen Erkenntnisse sind auch subjektiv und sind nicht beweisbar; und niemals kann man durch Übereinstimmung der Menschen mathematische Wahrheiten erhärten! Wer den pythagoräischen Lehrsatz kennt, der weiß, daß er richtig ist, und wenn ihm Millionen Menschen widersprechen würden. So kommt auch zu einem innerlich Objektiven, was mit Geisteswissenschaft hier gemeint ist. Aber es nimmt denselben Weg, den die Phantasie nimmt, und steigt höher hinauf, wurzelt in objektiven Tiefen der Menschennatur und steigt bis zu objektiven Höhen hinauf. Daher erhebt sich diese geistige Anschauung über alles, was sonst als Phantasie die Völker durchglüht. Und gleichzeitig wird in diesem oder jenem Volke aus diesen oder jenen Sprachen heraus diese Geistesanschauung gesucht. Sie ist ein und dieselbe, durch alle Menschen hindurch, über die ganze Erde hin, wenn sie nur tief genug gesucht wird.

[ 24 ] In contrast to this, we must call to mind and apply here what I said in my fourth lecture regarding the mode of thought known as spiritual science, which is founded on perception and knowledge of the spirit. This spiritual perception does not rest on outer sense perception; it is the result of the individual development of human nature. It springs from the same soil as imagination; but it is rooted in profounder depths of human nature. For this reason it rises not only to subjective, imaginative forms, but reaches to the objective knowledge of the realities of the spiritual world. This kind of spiritual perception is today very often misunderstood. Those who have no knowledge of it say what can be found in this way by spiritual perception is merely subjective, and cannot be proved. Mathematical truths are also subjective and incapable of being proved! No agreement among individuals can confirm the truths of mathematics. Anyone acquainted with the Pythagorean theorem knows that it is true, even if a million others contradict it. Thus, spiritual science is also presented as an objective aim. It takes the same way as imagination, and rises higher; it is rooted in the objective depths of human nature, and ascends to objective heights. Hence this spiritual perception rises above all that which, as imagination, inspires the nations. It is sought equally by one people or another, in one language or another. It is one and the same in the experience of all human beings all over the earth, if it is only sought deeply enough.

[ 25 ] Daher begründet diese Geistesanschauung, von der ich zeigen mußte, daß sie wirklich gestaltend in das praktische, in das soziale Leben eingreifen kann, zugleich die Möglichkeit, einzugreifen in das internationale Leben, ein Band zu sein von Volk zu Volk. Seine Dichtung, die Eigentümlichkeiten auch seiner übrigen Kunstgebiete wird ein Volk auf individualistische Art hervorbringen. Aus dem Individualismus des Volkes heraus wird für die Geistanschauung etwas entstehen, was ganz. gleich ist dem, was irgendwo anders entsteht. Die Grundlagen, aus denen die Dinge hervorgehen, sind an verschiedenen Orten; worinnen sie zuletzt ihre Ergebnisse finden, das ist über die ganze Erde hin gleich. Es reden heute viele Menschen vom Geiste; sie wissen nur nicht, daß der Geist erklärt werden muß. Wenn er aber erklärt wird, dann ist er etwas, was nicht Menschen trennt, sondern Menschen verbindet, weil es zurückgeht bis auf das innerste Wesen des Menschen, indem ein Mensch dasselbe hervorbringt wie der andere Mensch, indem ein Mensch den anderen Menschen völlig verstehen kann.

[ 25 ] Hence that spiritual perception which, as I have indicated, can actually enter into and inform practical social life, can, at the same time, enter actively into international life and form a bond of union between one people and another. The poetry of a people, its peculiarities in other branches of art, will be produced by it in its own individual way. To spiritual perception something arises out of the individuality of a people which is similar to that which arises elsewhere. The roots from which things spring are in various places. The final source of all results is the same over the whole earth. Many people speak of the spirit today who do not know that the spirit must be interpreted. When the spirit is understood, it is found to be something which does not separate, but unites men, because it can be traced back to the inmost being of man, and because one human being brings forth the same as another, and because he fully understands that other.

[ 26 ] Dann aber, wenn man wirklich, was sonst nur individualistisch in der einzelnen Volksphantasie zum Ausdrucke kommt, bis zur Geistanschauung vertieft, dann werden die einzelnen Volksoffenbarungen nur mannigfaltige Ausdrücke sein für das, was in der Geistanschauung eine Einheit ist. Dann wird man über die ganze Erde hin bestehen lassen können die verschiedenen Volksindividualitäten, weil nicht eine abstrakte Einheit zu herrschen braucht, sondern weil sich das konkrete eine, das gefunden wird durch die Geistanschauung, in der mannigfaltigsten Weise wird zum Ausdruck bringen lassen. Und dadurch werden sich in dem geistigen Einen die Vielen verstehen können. Dann werden sie aus ihrem vielartigen Begreifen des Einheitlichen die Möglichkeit finden von Satzungen für ein Bündnis der Nationen, dann wird aus dem Geisteszustand, aus der geistigen Verfassung heraus auch die Rechtssatzung entstehen können, welche die Völker verbindet. Und dann wird Platz greifen in den einzelnen Völkern, was bei jedem einzelnen Volke sein kann: Interesse für Produktion und Konsumtion anderer Völker. Dann wird, was Geistesleben der Völker, was Rechtsleben der Völker ist, das Verständnis für andere Völker über die ganze Erde hin wirklich entwickeln können.

[ 26 ] So that when we actually spiritualize that which otherwise finds expression as individualism in the imagination of one people, the single peoples will become simply the manifold expression of that which, to spiritual perception, is one. Then, over the whole earth, people will find it possible to tolerate the different national peculiarities, because there will be no need for an abstract uniformity everywhere; the concrete one, found through spiritual perception, will find means of expression in manifold ways. By this means the many will be able to understand each other in the spiritual unity. Then, from the many kinds of understanding of the unity, they will be able to frame articles for a League of Nations, and then, out of the spiritual conditions, out of the spiritual understanding, legal statutes can arise which will unite the nations. Then in the individual peoples that will appear which is possible to every people, namely, interest in the production and consumption carried on by other peoples. Then through the spiritual life, the legal and judicial life of the peoples, one nation will really be able to develop an understanding of other nations and peoples over the whole earth.

[ 27 ] So wird man entweder auch auf diesem Gebiete zum Geiste übergehen müssen, oder man wird darauf verzichten müssen, mit noch so gut gemeinten Satzungen etwas Besseres zu schaffen, als bisher dagewesen ist. Gewiß, heute reden in begreiflicher Weise sehr viele Menschen von ihrem Unglauben an die Wirkung eines solchen Geistigen; aber eigentlich deshalb, weil sie nicht den Mut haben, an dieses Geistige heranzugehen. Man macht ja diesem Geistigen wahrhaftig das Leben recht schwer. Aber da, wo es sich, trotzdem man ihm das Leben schwer macht, nur in kleinem Kreise entfalten kann, da zeigt es schon, daß es so ist, wie ich es eben jetzt dargestellt habe. Hat man kennengelernt irgendwo in einem der vorhin kriegführenden Staaten die Stimmung der Menschen, das, was die Menschen über andere feindliche Staatsangehörige gedacht haben, wie sie sie gehaßt haben, hat man kennengelernt, wie wenig Internationales in einem solchen kriegführenden Gebiete war, dann hat man ein Urteil darüber, wie der, der vor Ihnen spricht, der immer wieder und wiederum nach diesem Orte gekommen ist, den ich schon erwähnte in diesen Vorträgen, im Nordwesten der Schweiz, wo sich die Pflegestätte dieser hier gemeinten Geisteswissenschaft erhebt, das Goetheanum, die Hochschule für Geisteswissenschaft. Was war das im Grunde genommen durch die ganzen Kriegsjahre hindurch für eine Stätte? An dieser Stätte haben immer durch die ganzen Kriegsjahre hindurch Menschen aller Nationen zusammengewirkt, ohne daß sie sich im geringsten weniger verstanden hätten während dieser Zeit als früher, wenn sie auch manche unnötige oder nötige Diskussion geführt haben. Dieses Verständnis, das hervorgegangen ist aus dem gemeinsamen Ergreifen einer Geistesanschauung, ist schon zur Wirklichkeit geworden, wenn es auch erst in einem kleinen Kreise zur Wirklichkeit geworden ist. Man kann sagen: Das Experiment haben wir auf diesem Gebiete machen können. Wir haben zeigen können, daß die Menschen, die zu Zeiten dahin gehen wollten, andere Menschen verstehen können.

[ 27 ] People must make up their minds to recognize the spirit in this department of life, or they will be obliged to renounce all hope of bringing about any improvement, no matter how well-intentioned their statutes may be. It is true, large numbers of people now express their disbelief in the working of this spiritual element; this is comprehensible, because they have not the courage to approach this spiritual truth. It is truly hard for the spirit to gain a hearing; but when it can unfold, even in a small circle, in spite of hindrances, it shows itself to be all that I have just said of it. If only the feelings of the people in some of the belligerent states could have been known, if their thoughts about their enemies, their hatred towards each other, could have been seen, and the absence of international feeling existing in the countries at war been realized, you would understand why he who now addresses you returned again and again to the place which he has already mentioned in these lectures, in north-west Switzerland, where spiritual science has erected the Goetheanum, the University of Spiritual Science. What sort of place was that during the years of the War? It was a place where, during the whole War, people of all nations worked together without intermission, without any lessening of understanding each other, in spite of many a discussion which may or may not have been necessary. This mutual understanding, since it was the result of a common grasp of a spiritual conception of life, has already become a reality, even though for the present only in a small circle. We may say that we have been able to make the experiment in this sphere. We have been able to show that those who met there from time to time were able to understand others. This understanding must not be sought by vague allusions to the spirit.

[ 28 ] Aber dieses Verständnis, es darf nicht durch ein abstraktes Hinweisen auf den Geist gesucht werden, sondern es muß gesucht werden im engsten, wirklichen Sich-Erarbeiten des Geistes. Davon will die heutige Menschheit noch wenig wissen: daß der Geist eigentlich erarbeitet werden müsse. Man redet ja vielfach auch heute vom Geiste, daß der Geist kommen müßte - ich habe es gestern wieder erwähnt und das, was bloß die materialistischen sozialen Forderungen sind, durchdringen müsse. Aber man hört nicht viel mehr, als daß an den Geist appelliert werden soll. Ja, wenn solche Menschen, die sonst ja ganz gutmeinend sind, auch einsichtig sind, auch vom sozialen Ethos durchdrungen sind, wenn solche Menschen sich nur das Folgende überlegen möchten, wenn sie sich nur sagen möchten: Ja, wir haben allerdings den Geist gehabt; aber können wir denn an denselben Geist, den wir gehabt haben, heute appellieren? Dieser Geist hat uns ja gerade in die Lage hineingebracht, in der wir sind! Also brauchen wir nicht durch den alten Geist eine neue Lage. Die können wir nicht bekommen durch einen alten Geist. Das hat er gezeigt. Wir brauchen einen neuen Geist. — Dieser neue Geist aber muß erarbeitet werden. Und erarbeitet werden kann er nur in dem selbständigen Geistesleben.

[ 28 ] It must be sought through the most intense, sincere self-conquest, by means of the impulse of the spirit. Men and women of today do not wish to hear that the spirit must be striven for by each one personally. There is much talk nowadays about the spirit, that the spirit must come and must permeate the purely materialistic social demands; but, beyond this appeal to the spirit, we hear little! If such people, who in other respects are well-meaning, full of insight and permeated by social ethics, would only reflect that we have indeed had the spirit! Can we appeal today to that same spirit which has been with us? It is that very spirit which has brought us into our present circumstances. Therefore, what we want is not a new situation created by the old spirit. An old spirit cannot bring us anything new! This has been proved to us. We need a new spirit. We must strive for this new spirit and it can only be won in an independent spiritual life.

[ 29 ] Daher stellen wir uns vor, wie - denn das wird sie durch ihre eigene Notwendigkeit müssen — die Forderung nach Weltwirtschaft sich erfüllt, so wird innerhalb dieser Weltwirtschaft drinnenstehen soziales Gebilde neben sozialem Gebilde, überall auf individuelle Art aus den Menschen, die in diesen Gebilden zusammenwohnen, Geistiges und Rechtliches hervorbringend. Aber dies, was da hervorgebracht wird auf individuelle Art, das wird gerade das Mittel sein, um die anderen sozialen Gebilde zu verstehen, und es wird dadurch das Mittel sein, wirklich Weltwirtschaft zu treiben. Sonst aber, wenn solches Mittel nicht geschaffen wird, werden sich nur immer wiederum die sogenannten Nationalinteressen hineinstellen in die Weltwirtschaft und werden dasjenige, was aus dieser Weltwirtschaft herausgesogen werden kann, für sich in Anspruch nehmen. Da jeder das will ohne Verständnis für den anderen, wird notwendig wiederum Disharmonie auftreten müssen.

[ 29 ] Therefore, if we picture to ourselves how the demand for a world-economy will be fulfilled—for fulfilled it will be, out of its own inner necessity—we shall find that within its scope one social form will take its place beside another, everywhere producing spiritual and legal conditions out of the human beings who live together in those social bodies. That which is brought forth in this individual manner will be precisely the means for the understanding of other social bodies, and will thus become the means by which true world-economy will be carried on. Unless such means are created, the old so-called national interests will arise again and again in world-economy, and will claim for themselves all that they can extract. And as every social body has the same desire, and will be void of understanding for the others, disharmony must of necessity again make its appearance.

[ 30 ] Wie aber wird allein eine wirkliche Weltwirtschaft geführt werden können? Nur dadurch wird sie geführt werden können, daß sich nicht die geistige Organisation, die rechtliche Organisation der einzelnen Gebilde dieser Wirtschaft bemächtigen, denn die müssen ja individuelle Gestalt haben. Zur Allgemeinheit, zur Einheit dringen Sie nur im geistigen Verständnis, indem Sie erringen, was über die ganze Erde hin die andere Einheit ist. Daß diese Erde emanzipiert werde von den Individualismen, das ist über die ganze Erde hin die andere Einheit.

[ 30 ] How, then, can a world-economy be carried on? Only in so far as political and intellectual organizations do not dominate the individual forms of the economic system; for they must have an individual form. They attain universality and unity in spiritual understanding alone, which over the whole earth is the other unity. In order that the earth may be freed from individualism that other unity must be everywhere recognized.

[ 31 ] Nun, ebenso wie es wahr ist, daß man, wenn man nur tief genug in die menschliche Natur hinuntergeht, mit der Entwickelung des Men schen bis zu einer objektiven Höhe hinaufsteigen kann, so daß man als Geistanschauung findet, was jeder andere jeder anderen Nation findet, so muß man sagen, daß auch die menschlichen Konsumbedürfnisse über die ganze Welt hin nicht berührt werden von den einzelnen Nationalismen. Die menschlichen Bedürfnisse sind international. Nur stehen sie polarisch gegenüber demjenigen, was das Internationale des Geistes ist. Das Internationale des Geistes muß das Verständnis liefern, muß in Liebe durchdringen können dieses Verständnis für die andere Nationalität, muß die Liebe ausdehnen können bis zur Internationalität im Sinne des vorhin Auseinandergesetzten. Der Egoismus aber ist ebenso international. Er wird nur eine Brücke schaffen können zu der Weltproduktion, wenn diese Weltproduktion aus einem gemeinsamen geistigen Verständnis, aus einer gemeinsamen geistigen Einheitsanschauung hervorgeht. Niemals werden aus den Volksegoismen heraus Verständnisse für die gemeinsame Konsumtion entstehen können, die auf dem gemeinsamen Egoismus beruht. Allein aber aus der gemeinsamen Geistanschauung kann sich das entwickeln, was nicht aus dem Egoismus, was schließlich aus der Liebe kommt, wie ich auseinandergesetzt habe, und was daher die Produktion beherrschen kann.

[ 31 ] Even as it is true that, if we only descend deeply enough into human nature, we may develop to objective heights in which we find, as a spiritual perception, that which may also be found by anyone of any other nation, so it is also true that the needs of human consumption all over the earth are not affected by variations in nationality. Human wants are international; only they are the opposite pole of that which is spiritually international. The internationality of the spirit must furnish the understanding, must permeate with love that understanding of other nationalities, and must be able to expand that love to internationalism, in the sense already indicated. But egoism is equally international. Internationalism will only be able to establish a connection with world-production when the latter springs from a common spiritual understanding, from a common spiritual conception of unity. Never out of the egoism of the peoples will understanding of universal consumption arise. From a universal spiritual perception alone can that develop which proceeds not from egoism, but from love, and which, therefore, can govern production.

[ 32 ] Wodurch ist die Forderung nach Weltwirtschaft entstanden? Weil durch das Kompliziertwerden der menschlichen Lebensverhältnisse über die ganze zivilisierte Welt hin immer mehr und mehr sich die Konsumbedürfnisse der Menschen vereinheitlicht haben, sich immer mehr und mehr zeigt, wie über die ganze zivilisierte Welt hin die Menschen dasselbe bedürfen. Wie wird diesem einheitlichen Bedürfnisse ein einheitliches Produktionsprinzip erwachsen können, das über die ganze Welt hin für die Weltwirtschaft wirksam sein wird? Dadurch, daß man aufsteigt zum geistigen Leben, so wie es hier gemeint ist, zur wirklichen Geistanschauung, die mächtig genug ist, um zur gemeinsamen Weltkonsumtion die gemeinsame Weltproduktion zu schaffen. Dann aber wird der Ausgleich geschaffen werden können, indem Einheit des Geistes zur Einheit der Konsumtion hinwirkt, dann wird der Ausgleich geschaffen werden in der Zirkulation, in der Vermittelung zwischen Produktion und Konsumtion.

[ 32 ] What is the cause of the demand for world-economy? Owing to the growing complexity in the conditions of human life everywhere, and the consequent increasing similarity of human needs, it becomes ever more evident that human beings everywhere have the same wants. How can a uniform principle of production be created to meet this uniform demand, one which will actively promote a world-economy? It can be created through our upward striving to the spiritual life, to a true spiritual perception, which is powerful enough to create a common world-production, for the common world-consumption. Then the balance can be struck, because unity in the spirit will work towards unity of consumption, towards unity of substance. Then the balance will be struck in the distribution of goods as mediator between production and consumption.

[ 33 ] So muß man in das Innere des Menschen hineinschauen, wenn man erkennen will, wie über die ganze zivilisierte Erde hin wirklich aus vielen Organismen ein einheitlicher Organismus entstehen soll. Auf keine andere Weise kann sich dieser einheitliche Organismus aufbauen, dieser einheitliche Organismus, der die Bedingungen enthalten soll, daß nun wirklich den sozialen Forderungen gemäß über die ganze Erde hin ein solcher organischer Zusammenhang geschaffen werde zwischen Produktion und Konsumtion, daß das Stückchen Brot oder die Kohle, die ich brauche für den einzelnen Haushalt oder für den einzelnen Menschen, wirklich den sozialen Forderungen entspricht, die heute im Unterbewußtsein der Menschheit geltend sind.

[ 33 ] Thus we must be able to look into the human soul, if we would understand how, over the whole civilized world—in reality out of many organisms—one uniform organism may arise. In no other way can this uniform organism be built up, this uniform organism which must be such that, in accordance with social demands all over the world, a true organic bond may be created between production and consumption, so that the piece of bread, or the coal required for the single household, or for the single person, may truly correspond with the social demands which are now making themselves felt in the subconsciousness of the human race.

[ 34 ] Ich weiß sehr gut, daß, wenn man die Dinge auch in eine solche Betrachtungssphäre rückt, viele sagen: Ja, das ist aber Idealismus, das erhebt sich in ideale Höhen! — Aber in diesen findet man einzig und allein, was der treibende Motor für die äußere Vielheit ist. Und gerade aus dem Grunde, weil die Menschen nicht nach den Motoren gesucht haben, die nur auf diese Weise gefunden werden können, deshalb sind wir in die sozialen Zustände und in die politischen Zustände der Gegenwart über die ganze zivilisierte Welt hineingekommen. Nicht früher, als bis man sagen wird: Diejenigen, welche sich damit befassen, wirklich die innerlich treibenden Kräfte für den sozialen einzelnen Organismus und für den sozialen Organismus der Welt zu schaffen, die sind die wahren Praktiker, während diejenigen, die sich oftmals Praktiker nennen, nur rudimentär ihr wahres Gebiet kennen und deshalb abstrakt sind — nicht eher, als bis man das erkennen wird, wird die soziale Frage auf einem gesunden Boden stehen können.

[ 34 ] I know very well that when such subjects are raised to this sphere of observation, many will say: But this is the height of sheer idealism! Nevertheless, in that sphere alone is to be found the impelling force for manifold things outside that sphere. And it is just because men have not sought that driving force, which can only be found in this way, that the present social and political conditions now prevail over the whole civilised world. People must come to realize that those who make it their task to create the inner impelling forces for the single social organism, such as the state, and for the social organism of the world, are the truly practical workers. They must come to see that many workers who are often called “practical” have only a rudimentary and merely abstract knowledge of their true sphere. Not until these two facts are recognized will the social question be placed on a healthy foundation.

[ 35 ] Einer derjenigen, dem es auch, nun vor recht langer Zeit, ernst war, der hat, als er auf einem gewissen Gebiete des menschlichen Lebens gesprochen hat, darauf aufmerksam gemacht, daß die sogenannten Idealisten nicht gerade diejenigen sind, die nicht wissen, wie sich Ideale zu wirklichem Leben verhalten. Er hat es empfunden, wie unsinnig es ist, wenn sogenannte Praktiker kommen und dem Idealisten sagen: Ja, deine Ideale sind sehr schön, aber die Praxis fordert ganz anderes! — Der einzig wirkliche Tatbestand ist der, daß die Praxis diese Ideale gerade fordert, wenn sie eine wirkliche Praxis werden soll. Und das verhindert die Verwirklichung dieser Ideale, daß diese angeblichen Praktiker diejenigen sind, die sie nicht verwirklichen lassen, weil sie zu bequem dazu sind oder ein anderes Interesse haben, sie nicht verwirklichen zu lassen. Und derselbe Mann, der hat gesagt: Daß Ideale im Leben nicht unmittelbar anwendbar sind, das wissen wir ebensogut wie die anderen, nur wissen wir, daß das Leben immerdar geformt werden muß nach diesen Idealen. Diejenigen aber, die sich davon nicht überzeugen können, die zeigen nichts anderes, als daß das Leben in seiner Gestaltung eben auf ihre Mitwirkung nicht mehr gerechnet hat, und so möge man ihnen wünschen, daß sie zur rechten Zeit Regen und Sonnenschein und wenn möglich eine gute Verdauung bekommen.

[ 35 ] One of those to whom all this has been a matter of most serious thought for a long time, when he was lecturing on a particular aspect of human life, pointed out that the so-called idealists are by no means the most ignorant concerning the connection of ideals with real life. He was conscious of the folly of those who call themselves practical, and who consider that the thoughts of the idealist are very beautiful, but that practical life demands something quite different. The truth is that practicality actually demands these ideals, if it is ever to become true practicality. And the would-be practical people hinder the realization of these ideals, because they are either too lazy to understand them or have an interest in preventing their realization. The same man of whom I have spoken said: The idealist knows just as well as anyone that ideals are not directly applicable in practice; but he knows too that life must be shaped in conformity with those ideals. People who cannot convince themselves of this truth only show that their help has not been called upon in the shaping of events! One can, therefore, only wish them rain and sunshine in due season and—if possible—good digestion!

[ 36 ] Das ist es, wodurch das Verhältnis des oftmals verketzerten Idealismus zu der wirklichen Lebenspraxis charakterisiert werden soll, das Sie brauchen, wenn Sie eine Brücke bauen wollen - eine Aufgabe, die durchaus nach nicht materiellen Ideen auch die Ingenieurkunst meistert: Wie zuerst die ganze Brücke ideell sein muß, und gerade dann, wenn sie gut ideell errechnet ist, eine wirkliche praktische Brücke werden kann, so muß das, was aus Idealismus sich gestalten soll, aus innerem praktischem Sinn heraus eine praktische Idee sein. Und man muß den Instinkt, das Gefühl dafür haben, wie man eine solche objektive Gesetzmäßigkeit in die wirkliche Lebenspraxis hineinzutragen hat. Dann wird man auch nicht mehr fragen: Wie trägt man diese Dinge in die Lebenspraxis hinein? - Dann wird man wissen: Wenn genügend Menschen da sind, die die Dinge verstehen, dann wird durch diese Menschen und ihre Handlungen die Sache unmittelbar praktisch.

[ 36 ] This is intended to show the relationship between idealism and actual practical life, which is called into service, for example, in the building of a bridge. The art of engineering which brings a bridge into being is certainly not controlled by ideas which originate in matter. As the finished bridge must first exist ideally and can only become a real practical bridge after it has been well worked out in thought, so must idealism be something practical, springing from inner practical perception. We must have the instinct, the feeling, which will enable us to carry into actual practical life such objective laws, for instance, as govern the art of engineering. Then it will no longer be asked: ‘How can these things be carried out in practical life?’

[ 37 ] Man hört heute vielfach: Ja, diese Ideen sind ja vielfach sehr schön, und sogar verwirklicht gedacht wären sie sehr schön, aber die Menschen sind ja noch nicht reif dazu. In ihrer Masse seien die Menschen noch nicht reif dazu. — Ja, was heißt denn das eigentlich, wenn man sagt, die Menschen in ihrer Masse seien noch nicht reif? Wer das Verhältnis der Idee zur Wirklichkeit kennt, wer das praktische Leben nach seinem Wirklichkeitscharakter durchschaut, der denkt anders über diese Menschen, der weiß, daß genügend Menschen in der Gegenwart sind, welche, wenn sie nur tief genug in ihr Inneres hineingehen, volles Verständnis aufbringen können für das, um was es sich hier handelt. Was abhält, ist zumeist nur die Mutlosigkeit. Die Energie fehlt, zu dem wirklich vor zudringen, bis zu dem man vordringen könnte, wenn man nur volles Selbstbewußtsein in sich ausbilden könnte.

[ 37 ] For when enough people understand these ideas, they will forthwith put them into practice in actions and deeds. We often hear people say that these ideas are beautiful in many respects, and if realized would be very fine; but humanity is not yet ready for them. The masses, they say, are not yet ripe. Let us see what is really meant by such an assertion. He who knows the relationship of idea to actuality, who understands practical life according to the character of its reality, judges the masses differently. He knows that there are enough people now who, if they only go deeply enough into their own inner nature, can bring full understanding to bear on the matters with which we have dealt. The greatest hindrance is the lack of courage. The energy is lacking to urge them forward to what they might attain, if they could only develop in themselves full self-consciousness.

[ 38 ] Was uns vor allen Dingen not tut, das ist etwas, was im Grunde genommen jeder einzelne Mensch heute bei sich selber korrigieren könnte, wenn er nur genügend auf die Wirklichkeit hinschaute. Aber während man auf der einen Seite in Materialismus verfällt, sogar sich gefällt im Materialismus, ist man auf der anderen Seite in die Abstraktheit verliebt, in allerlei abstrakte und intellektuelle Sätze, und will durchaus nicht in die Wirklichkeit eindringen.

[ 38 ] Above all, we need to correct something within ourselves; of this practically every human being is capable, if he only gives heed to reality. While, on the one hand, people fall into materialism and even take a delight in it, on the other hand, they fall a prey to abstractions, and will not penetrate to reality.

[ 39 ] Schon im äußeren Leben glaubt man heute, praktisch zu sein; aber man gibt sich nicht Mühe, die Dinge wirklich so anzusehen, daß man sie in ihrem Wirklichkeitscharakter erkennen könnte. Wer heute zum Beispiel irgendeine Behauptung vorgesetzt bekommt, der gibt sich dieser Behauptung hin. Er nimmt nur den abstrakten Inhalt. Da kann er sich gerade vom Leben entfernen, nicht etwa immer mehr dem Leben nähern. Wenn heute einer einen schönen Leitartikel liest, so ist darüber zu sagen, daß heute einen schönen Leitartikel schreiben keine besondere Schwierigkeit ist. Denn so viel ist gedacht worden in der modernen

[ 39 ] Even in external life people are convinced that they are of a practical turn of mind, but they take no trouble to see things so as to recognize their real character. For instance, suppose that someone comes across a new assertion and believes it. He accepts only its abstract content, and in doing so he may become estranged from life, instead of understanding it better. The writing of a fine editorial presents no great difficulty nowadays.

[ 40 ] Zivilisation, daß man sich nur einige Routine zu erwerben braucht, so kann man Phrase an Phrase setzen. Nicht darum handelt es sich, daß man mit dem wortwörtlichen Inhalt von etwas heute einverstanden ist, sondern daß man sich ein Urteil darüber erwirbt, wie dieser Inhalt zusammenhängt mit der Wirklichkeit. Da ist aber vieles in der Gegenwart nach der Richtung hin zu korrigieren, daß man sagen muß: Nach Wahrheit sollten die Menschen heute vor allen Dingen verlangen, nach jener Wahrheit, die sie mutvoll der Wirklichkeit entgegenträgt.

[ 40 ] For there is so much commonplace in modern civilization that only a small amount of routine is required to enable a person to write phrase after phrase. It is not the point whether or not we agree with the literal meaning of an article nowadays, but it is important that we should be able to judge the extent to which this meaning accords with reality. In this respect there is much to be corrected in the present day. One is impelled to say: That which people should demand today above all things is truth which they should courageously unite with reality.

[ 41 ] Dafür zwei Beispiele. Sie können in mancher Statistik, sagen wir über die Balkanstaaten, lesen — die Menschen unterrichten sich ja heute über die Verhältnisse der Außenwelt, beurteilen irgendeine weltpolitische Lage oder dergleichen durch Statistiken -: So und so viele Griechen, so und so viele Serben, so und so viele Bulgaren! Und da kann man dann errechnen, welches die berechtigten Ansprüche des griechischen Elementes, des bulgarischen Elementes, des serbischen Elementes sind. Sieht man dann etwas genauer nach, das heißt, verbindet man, was man als abstrakte Erkenntnis erworben hat über die Zahl der Bulgaren, der Serben, der Griechen in Mazedonien mit der Erfahrung, dann entdeckt man vielleicht, daß der Vater als ein Grieche, der eine Sohn als ein Bulgare, der zweite Sohn als ein Serbe eingetragen ist! Nun möchte man wissen, wie das mit der Wahrheit herauskommt. Kann die Familie wirklich so beschaffen sein, daß der Vater ein Grieche, der eine Sohn ein Bulgare, der zweite ein Serbe ist? Erfährt man wirklich etwas über die Wirklichkeit, wenn man eine aus solchen Voraussetzungen gemachte Statistik hat? Das meiste, das heute in der Welt in Statistiken zusammengestellt ist, beruht auf solchen Zusammenstellungen, insbesondere im geschäftlichen Leben sehr häufig. Deshalb, weil die Menschen nicht das Bedürfnis haben, immer vorzudringen von dem, was ihnen wortwörtlich gesagt wird, zum Inhalte des Wahren, der Wirklichkeit, deshalb wird heute so vielfach vorbeigeurteilt, denn es wird nicht eingegangen auf die Dinge. Die Menschen sind zufrieden mit dem, was bloß als eine Oberschichte des Lebens die wahren Wirklichkeiten zudeckt. Aber auf die wahren Wirklichkeiten losgehen, das ist die erste Forderung im Leben unserer Zeit, nicht zu schwatzen, ob die Menschen reif oder unreif seien, sondern gerade hinzudeuten auf das, was Hauptschäden sind. Die Menschen werden sie dann begreifen, wenn sich nur andere Menschen finden, die sich die Mühe nehmen, diese Hauptschäden aufzudecken und genügend stark darauf hinzuweisen.

[ 41 ] Here are two examples of what is meant. You may read statistical reports, perhaps of the Balkan States; for it has become usual to acquaint oneself with the conditions prevailing in the world, to pass judgments on political situations, and similar matters. We can judge of the way in which people gain their information by reading statistics, let us say, of the Balkan States. We read that there are so many Greeks, so many Bulgarians, and then we can calculate how far the claims of the various elements, Greeks, Bulgarians, or Serbians, can be justified. If we then examine more closely into the details, and compare what we have gained through abstract knowledge about the number of Bulgarians, Serbians, and Greeks in Macedonia, we often find that the father of a family is registered as a Greek, one son as a Bulgarian, and another as a Serb. Now one would like to know how this agrees with the truth. Can the family be really so constituted that the father is a Greek, one son a Bulgarian, and another a Serb?*The truth of this is to be found in the fact that in the Balkan States the blood tie is often not the thing that makes a man a Greek, a Bulgarian, or a Serbian, but his church-affiliation. Greek Church, Bulgarian Church, Serbian Church. (Ed.) Can we learn anything as to the reality from statistics made in this way? Most of the statistical reports in the world are made after this fashion, especially in commercial life. Because people do not always feel the necessity of pressing forward through the actual words to the truth of what they hear, they commonly misjudge things. They do not examine closely enough into facts. They are content with the mere surface of life, which is only a covering for the true reality. Today, the first necessity is not to waste time in discussing whether humanity is ripe or unripe, but to point out where the principal evils lie. Once discover and take the trouble to disclose these evils and indicate with sufficient energy the way to deal with them, then people will realize them quickly enough!

[ 42 ] Oder: Die Welt hat Anfang Juni 1917 gelesen - ein Teil der Welt hat sich immerhin noch dafür interessiert — die Thronrede des damaligen österreichischen Kaisers Karl. In dieser Thronrede wird sehr zeitgemäß von Demokratie gesprochen, immer wieder von Demokratie. Nun, diese "Thronrede - ich habe manches über sie gelesen: wie sich die Leute enthusiasmiert haben dafür, daß der Welt von Demokratie verkündigt werde, wie schön es sei, daß da der Welt über Demokratie etwas gesagt wird. Nun, wenn man die Thronrede vom Anfang bis zum Ende nahm, bloß ihrem äußeren wortwörtlichen Inhalte nach - es war eine schöne Leistung, feuilletonistisch, wenn man sich bloß an dem Stil, an der Gestaltung der Sätze, wie sie das menschliche Wohlgefallen hervorrufen wollen, erfreuen will. Schön. Aber man sehe die Wahrheit. Da muß man das, was wortwörtlich ist, hineinstellen in sein Milieu. Da muß man fragen: Wer redet das? In welcher Umgebung redet er das? Und da sieht man im uralten Krönungsornat, von allem möglichen prunkend und von allem möglichen glänzend, den mittelalterlichen Herrscher stehen, nicht einmal es verbergend vor dem, was in seinem Elaborat steht, umgeben von seinen glänzenden, goldbetreßten Paladinen; das ganz Mittelalterliche, das, wenn es wahr gesprochen hat, anders gesprochen hat als von Demokratie! Was ist das Reden von Demokratie, wenn es noch so schön ist, wortwörtlich, in einem solchen Elaborat? Eine weltgeschichtliche Lüge!

[ 42 ] A second example: At the beginning of June 1917 the world could read the speech pronounced by the then Emperor Karl of Austria, on his accession to the throne. In that speech from the throne there was a great deal said, very appropriately at that time, about democracy. Again and again democracy was the theme. Now I have read a good deal about this speech, about the enthusiasm with which it was received by the people, and how splendid it was to proclaim democracy to the world at such a time. Taking this speech from beginning to end and looking merely at its literal content, from the journalistic standpoint it was a fine achievement, if we confine ourselves to the style and composition of the sentences, calculated to call forth feelings of he pleasure and gratification. Very good! But let us look at the truth! Let us place this speech in its milieu. Then we must ask: Who is speaking thus and in what surroundings? There we may see standing in the medieval splendor of his coronation robes, glittering with jewels, the despotic ruler of bygone days, making no attempt to hide his magnificence, surrounded by his brilliant gold-laced paladins. The Middle Ages, complete in all the ceremonial, which, had it spoken truly, would have chosen another subject than democracy!

[ 43 ] Man muß von dem wortwörtlichen Inhalt der heutigen Dinge zurückgehen bis zur Anschauung der Wirklichkeit. Man muß nicht bloß mit dem Intellekt die Dinge auffassen, man muß eingehen auf die Anschauungen. Gerade das ist es, was Geisteswissenschaft fordert. Nicht ungestraft verkennt man die äußere Wirklichkeit. Wer richtig im geisteswissenschaftlichen Sinne, wie es hier gemeint ist, die geistige Wirklichkeit erkennen will, nur die geistige Welt sehen will, der muß sich vor allen Dingen absoluteste Wahrheit in der Sinneswelt angewöhnen: keiner Täuschung sich hinzugeben über dasjenige, was um ihn herum für seine fünf Sinne vorgeht. Gerade wer in den Geist eindringen will, muß seine gesunden fünf Sinne in Wahrheit anwenden, sich nicht der Phantasterei hingeben, der sich gerade sogenannte Geschäftsleute, viele Praktiker hingeben, die viel verehrt werden, der sich fast die ganze Welt hingibt.

[ 43 ] What is a speech on democracy, however beautiful the words, delivered in the midst of such medieval magnificence? A world-historical lie. From the literal content of the things of the present, we must go back to a perception of the reality. It is not enough to grasp things with the intellect; one must see things as they really are. This is just what spiritual science demands. We cannot deceive ourselves as to the outer reality without paying the penalty. He who would know the spiritual reality in the true sense of spiritual science, as it is taught here, he who would behold the spiritual world, must, above all things, accustom himself to the most absolute truth in the world of the senses; he must yield to no deception regarding all that takes place around him in the world of his five senses. Especially he who would penetrate into the spiritual world must use his five senses in a true and sane manner, and must not give himself up to fantastic thought, as do the many business men, the so-called practical people, so much admired, to whom the whole world defers.

[ 44 ] Was wir brauchen, ist nicht ein wehleidiges Jammern, daß die Menschen nicht reif seien, was wir brauchen, ist ein Hinweisen darauf, wie wir wahr, innerlichst wahr werden müssen. Dann wird auch nicht das unwahre Gerede von dem Geiste und immer wiederum dem Geiste durch die Welt tönen. Dann wird auch nicht dieses unwahre Gerede von dem Unterschiede zwischen Recht und Moral durch die Welt tönen, sondern dann wird etwas tönen von einer Arbeit, die sich den Geist erarbeiten soll. Dann wird etwas tönen von dem, wie, wenn der Geist erarbeitet wird, die Menschen in einem solchen Zusammenhange leben werden, daß sie auch unter sich das gleiche Recht finden werden, und dann erst wird man davon reden können, wie die durchgeistigte und durchrechtete Wirtschaft eine wirkliche Gemeingesellschaft wird begründen können.

[ 44 ] What we want is not a lamentation over the immaturity of the people, but to show them that we must be true in our inmost soul. Then we should cease to hear continually that untrue talk about the spirit, the spirit. Then will these falsehoods about the difference between right and might be no longer heard throughout the world, but we shall hear of work being done which consists in striving to attain the spirit. Then we shall hear that the spirit so striven after has been won and that men are living together a common life, in which they find equal rights for everyone. Only then can we speak of the manner in which an economic system, spiritualized throughout and pervaded with the spirit of equity, will be able to establish the true and real Commonwealth.

[ 45 ] Das ist viel notwendiger, daß man einsähe: es sind genügend Menschen da, die sich wenigstens nur innerlich zusammennehmen, solche Hinweise in sich selber begreifen zu können. Man soll nur nicht müde werden, diese Dinge immer wieder und wieder zu betonen. Man soll nur nicht glauben, daß wenn man sagt: Der Geist soll herrschen -, dieser Geist durch irgendeinen Zauber in die Welt kommen werde. Nein, durch die menschliche Geistesarbeit allein kann dieser Geist in die Welt kommen. Auch in dieser Beziehung handelt es sich darum, daß man wahr werde, daß man nicht immer wieder die Unwahrheit hinaustönen läßt in die Welt, Geist müsse sein, sondern die Wahrheit hinaustönen läßt: Geist wird nur sein, wenn Stätten da sind, in denen nicht bloß über die äußere Natur, nicht bloß im Sinne des Materialismus gearbeitet wird, sondern in denen eine Geistanschauung erarbeitet wird.

[ 45 ] It is much more essential that we should recognize the fact that a sufficient number of people are here who at least look within and take themselves in hand, who can have an inner understanding of such hints as I have given. We must never weary of emphasizing these things. We must not, however, think that the mere repetition of phrases to the effect that the spirit must govern the world will bring about, as by enchantment, the coming of the spirit. No! By the work of the human spirit alone can that spirit come into the world. In this respect also we must be true. We must not allow the falsehood to ring through the world, that the spirit must come. The truth must be proclaimed that the spirit will not appear until there are places in which not only the materialistic study of outer nature will be carried on, but in which a spiritual conception of life will be striven after.

[ 46 ] Aus dieser Geistanschauung aber wird - das glaube ich, gerade in diesen Vorträgen gezeigt zu haben, die ja nur ein Versuch sein sollen, ein schwacher Versuch — hervorgehen auch ein wirkliches soziales Verständnis der Lebensgewohnheiten der Menschheit in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft. Daß die Menschen gerade in bezug auf das Geistige und in bezug auf das geistige Streben wahr werden, darum handelt es sich. Denn der Geist kann nur auf dem Wege der Wahrheit gefunden werden.

[ 46 ] Out of that spiritual conception of the world must proceed a real social understanding of the habits of life of all humanity in the present and the near future. Everything depends on the fact that people become true with regard to the spirit and to their spiritual endeavor. For the spirit can only be found on the path of truth. It is no excuse, or, rather, it is only an excuse, to say that people are ignorant.

[ 47 ] Es ist nur eine Ausrede, wenn man sagt: Ja, die Menschen wissen es nicht. - Beim Geistesstreben handelt es sich darum, daß, wenn der Lüge unbewußt gefolgt wird, diese Lüge ebenso schädlich in der Welt wirkt, wie wenn ihr bewußt gefolgt wird. Denn der Mensch hat in der Gegenwart die Verpflichtung, das Unterbewußte heraufzuheben, um die Unwahrheit auf allen Gebieten, auch auf dem Gebiete des Unterbewußten, auszutilgen.

[ 47 ] In spiritual striving it is important to know that a lie, unconsciously persisted in, causes just as much harm as a lie, consciously repeated. For it is the duty of man at the present day to elevate his subconsciousness, in order to root out falsehood in every realm, even in that of the subconscious. For this reason I should like to conclude with words that are, indeed, truly and earnestly meant. I can well imagine that even after I have attempted to describe the structure of the social organism from the most varied points of view, as it must appear to the eye of the spiritual scientist in its relation to its threefoldness, I can well imagine that there may still be people who will say: ‘these are only ideas.’ How is it possible, they ask, that people can now rise to such ideas? A gulf yawns between these ideas and those generally understood at the present day. I would only remark that, with regard to such opinions, our answer must be: It need not concern us how advanced or otherwise people are. We need only speak out over and over again what we hold to be the truth, and what we think is likely to bear fruit, and then wait till they have understood. If we do so, if we never tire of repeating this again and again, then people will advance more rapidly than if they are continually told of their individuality. I believe that the world may very soon be ready for such things. I would, therefore, never tire of repeating over and over again that which I believe would hasten the advancement of humanity to maturity.

Fragenbeantwortung nach dem sechsten Vortrag

Not translated

[ 48 ] Zunächst ist hier eine Frage gestellt:

[ 48 ] Not translated

[ 49 ] Wie stellt sich Herr Dr. Steiner zur Zinswirtschaft und zum arbeitslosen Einkommen?

[ 49 ] Not translated

[ 50 ] Ich habe - nicht in polemischer Form, aber in aufbauender Form — ja darüber gehandelt in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Mir ist vielfach vorgeworfen worden, daß der Zins nicht ganz geschwunden sei aus dem, was mir als soziale Struktur der menschlichen Gesellschaft vorschwebt. Nun scheint es mir, daß es ehrlicher ist, auf den Boden der Wirklichkeit sich zu stellen und das Mögliche und Notwendige wirklich zu betonen, als auf irgendeinen nebulosen Boden, auf dem man bloß Forderungen aufstellt. Ich habe in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» versucht zu zeigen, daß ja durchaus das Arbeiten mit Kapital notwendig ist. Man kann nicht ohne Kapitalansammlungen große Betriebe schaffen, überhaupt im heutigen Sinne keine Volkswirtschaft zustandebringen. Ob nun dieses Kapital in Geldform gedacht wird oder in anderer Form, das ist ja eine Sache für sich.

[ 50 ] Not translated

[ 51 ] Die meisten Menschen begehen, indem sie sich über die soziale Frage hermachen, sehr häufig den Fehler, daß sie nur die Gegenwart gewissermaßen wie einen einzigen Augenblick ins Auge fassen und für diesen einzigen Augenblick nachdenken: Wie ist da das Wirtschaftsleben zu gestalten? — Aber wirtschaften heißt zu gleicher Zeit, mit dem in einem gewissen Zeitpunkt Gewirtschafteten eine Grundlage für das Wirtschaften der Zukunft schaffen. Ohne daß man irgendwie eine Grundlage für die Zukunft schafft, würde man die Kontinuität des Wirtschaftslebens nicht aufrechterhalten können, das Wirtschaftsleben würde immer abreißen. Das begründet aber nicht Zins aus Zinserträgnissen, wohl aber Zinserträgnis, weil die Möglichkeit bestehen muß, daß immer in irgendeinem Zeitpunkt so viel gearbeitet wird, daß aus dieser Arbeit Leistungen entstehen, die auch einer zukünftigen Arbeit wieder dienen können. Das ist nicht zu denken, ohne daß der Betreffende für das, was er für die Zukunft leistet, eine Art von Äquivalent erhält, und das würde eine Art von Zins bedeuten. Ich hätte es auch anders nennen können, wenn ich hätte schmeicheln gewollt denen, die heute wettern über Zins im Einkommen. Aber es schien mir ehrlicher, die Sache so zu benennen, wie sie in der Wirklichkeit ist. Es ist notwendig, daß diejenigen, welche irgend etwas dazu beisteuern - das wird ja der einfachste Ausdruck für komplizierte Vorgänge sein — dazu, daß Kapital angesammelt, verwendet werden kann, daß diese ihre Arbeit, die sie aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart her in die Zukunft leisten, auf diese Weise in die Zukunft vergütet erhalten. Zins in der Form, wie ich es schildere in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage», ist nichts anderes als Vergütung desjenigen, was in der Gegenwart geleistet worden ist, für die Zukunft.

[ 51 ] Not translated

[ 52 ] Nun, bei solchen Dingen kommt aber natürlich immer in Betracht, was sonst im sozialen Organismus als ein notwendiges Glied mitenthalten ist. Es kommt beim Menschen zum Beispiel darauf an, daß er alle seine Glieder hat, denn sie wirken alle zusammen. So kann man ein Glied auch nur verstehen aus dem gesamten Menschen heraus. So ist es auch im sozialen Organismus, daß man das Einzelne nur aus dem Ganzen verstehen kann. Wenn Sie sich an das erinnern können, was ich mit Bezug darauf auseinandergesetzt habe, wie aufzufassen ist das Verhältnis des Bearbeitens von Produktionsmitteln, so werden Sie sehen, daß es sich dabei darum handelt, daß Produktionsmittel nur so lange etwas kosten, nur so lange verkäuflich sind, als sie nicht fertig sind. Sind sie fertig, bleiben sie allerdings bei dem, der die Fähigkeit hat, sie fertigzubringen; dann aber gehen sie durch rechtliche Verhältnisse über, sind also nicht mehr verkäuflich. Dadurch wird auch für das Geldvermögen eine ganz bestimmte Wirkung herauskommen. Es kommt nicht darauf an, daß man Gesetze macht, das Geld solle keine Zinsen tragen, sondern es kommt darauf an, daß Ergebnisse herauskommen, die dem sozialen Organismus entsprechen.

[ 52 ] Not translated

[ 53 ] Dadurch wird das, was als Geldvermögen existiert, einen ähnlichen Charakter bekommen wie andere Güter. Andere Güter unterscheiden sich heute vom Gelde dadurch, daß sie zugrunde gehen oder verbraucht werden; das Geld aber braucht nicht zugrunde zu gehen. Über längere Zeiträume geht es ja auch zugrunde, aber in kürzeren Zeiträumen nicht. Daher glauben manche Leute, auch in längeren Zeiträumen halte es sich. Es hat sogar Menschen gegeben, die haben Testamente gemacht, daß sie irgendeiner Stadt das oder jenes vermacht haben. Dann haben sie ausgerechnet, wieviel das nach ein paar Jahrhunderten ist. Das sind so große Summen, daß man dann damit die Staatsschulden eines sehr stark verschuldeten Staates zahlen könnte. Aber der Witz ist nur der, daß es dann nicht mehr da ist, weil es unmöglich ist, über so lange Zeiten das Geld in der Verzinsung zu erhalten. Dafür aber ist die regelrechte Verzinsung für kürzere Zeit aufrechtzuerhalten. Aber wenn im volkswirtschaftlichen Prozeß das einträte, daß tatsächlich Produktionsmittel nichts mehr kosten, wenn sie da sind, Grund und Boden tatsächlich Rechtsobjekte werden — nicht ein Kaufobjekt, nicht ein WirtschaftsZirkulationsobjekt -, dann tritt für das Geldvermögen ein, daß es, ich habe es öfter ausgedrückt, nach einer bestimmten Zeit anfängt einen üblen Geruch zu haben, wie Speisen, die verdorben sind und einen üblen Geruch haben, nicht mehr brauchbar sind. Einfach durch den wirtschaftlichen Prozeß selber stellt es sich heraus, daß Geld seinen Wert verliert nach einem bestimmten Zeitraume, der durchaus nicht etwa ungerecht kurz ist; aber es ist eben so. Dadurch sehen Sie, wie sehr dieser Impuls für den dreigliederigen sozialen Organismus aus den Realitäten heraus gedacht ist. Wenn Sie Gesetze geben, so geben Sie Abstraktionen, durch die Sie die Wirklichkeit beherrschen wollen. Denken Sie über die Wirklichkeit, so wollen Sie die Wirklichkeit so gestalten, daß sich die Dinge so ergeben, wie sie dem tieferen Bewußtsein des Menschen entsprechen.

[ 53 ] Not translated

[ 54 ] Ebenso ist in einem solchen Organismus, wie ich ihn denke, durchaus nicht das arbeitslose Einkommen als solches enthalten. Nur muß man über diese Dinge auch klare Begriffe haben. Was ist denn schließlich ein arbeitsloses Einkommen? In diesem Begriff «arbeitsloses Einkommen» steckt ja sehr, sehr viel von Unklarheiten drinnen, und mit unklaren Begriffen kann man wahrhaftig keine Reformen durchführen. Sehen Sie, für denjenigen, der «Arbeit» bloß Holzhacken nennt, für den ist ganz sicher ein arbeitsloses Einkommen dasjenige, was jemand für ein Bild erhält, das er malt, und dergleichen. Es ist nur etwas radikal ausgesprochen, aber so wird oftmals das sogenannte «arbeitslose Einkommen» durchaus beurteilt. Es setzt sich das, was wirtschaftliche Werte begründet, eben aus verschiedenen Faktoren im Leben zusammen. Es setzt sich zusammen erstens aus den Fähigkeiten der Menschen, zweitens aus der Arbeit, drittens aber auch aus Konstellationen, und es ist einer der größten Irrtümer, wenn man gar definiert hat, daß irgendein Gut, das in der wirtschaftlichen Zirkulation ist, nur «kristallisierte Arbeit» sei. Das ist es durchaus nicht. Über Arbeit habe ich mich ja in diesen Vorträgen ausgesprochen. Es kommt also darauf an, daß man überhaupt den Begriff der Arbeit nicht in irgendeiner Weise zusammenbringt, wie er heute vielfach zusammengebracht wird, mit dem Begriff des Einkommens. Sein Einkommen bekommt ja ein Mensch wahrhaftig nicht bloß dafür, daß er ißt und trinkt oder sonst irgendwelche leiblichen oder seelischen Bedürfnisse befriedigt, sondern auch dafür, daß er für andere Menschen arbeitet. Also es ist der wirtschaftliche Prozeß ein viel zu komplizierter, als daß man ihn mit so einfachen Begriffen sollte umfassen wollen.

[ 54 ] Not translated

[ 55 ] Leiter der Referent auch das Überbewußte, Trancezustände, Erleuchtung und so weiter aus dem Egoismus her?

[ 55 ] Not translated

[ 56 ] Nun, ich habe ja wohl deutlich bemerkbar gemacht, daß dasjenige, was ich die Quellen der geistigen Anschauung nenne, zwar den Weg macht, den die Dinge machen, die aus dem Egoismus kommen; aber wenn zwei denselben Weg machen, so brauchen sie ja doch deshalb nicht aus demselben herzukommen. Es geht beides durch das Innere des Menschen; aber das eine steigt aus objektiven Tiefen, habe ich gesagt, hervor und steigt zu objektiven Höhen empor. Nur möchte ich auch nicht mißverstanden sein. Trancezustände sind ganz und gar kein Überbewußtes, sondern durchaus ein Unterbewußtes, ein sehr Unterbewußtes, viel unterbewußter als zum Beispiel irgendwelche Emotionen und dergleichen. Und manches, was man «Erleuchtungen» nennt, was so von selber kommt, das ist zumeist auch ein sehr, sehr Unterbewußtes. Was ich als Überbewußtes auffassen würde, das finden Sie geschildert in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?».

[ 56 ] Not translated

[ 57 ] Wie begründet der Vortragende die im gestrigen Diskussionsvotum geäußerte, von der Auffassung der modernen Nationalökonomie abweichende Ansicht, wonach nur der Grund und Boden produktiv sei? Liegt diesem Ausspruch etwa nur eine andere Umschreibung des Begriffes der Produktion, der Produktivität zugrunde?

[ 57 ] Not translated

[ 58 ] Ich habe nicht, glaube ich, irgendwie auch nur Veranlassung gegeben dazu, zu glauben, daß meine Meinung dahin gehe, daß nur der Grund und Boden produktiv sei. Mit diesem Begriff «produktiv», «unproduktiv» und dergleichen ist es nicht ganz produktiv, viel zu wirtschaften, sondern es handelt sich bei den Dingen doch mehr darum, daß man nicht zu stark auf fertig gemachte Begriffe eingehe. Die Menschen reden heute viel zu sehr in Worten. Es kommt nicht darauf an, daß man solche Definitionen gebe, irgend etwas sei produktiv oder unproduktiv; da kommt es immer darauf an, wie man das produktiv oder unproduktiv auffaßt; sondern darauf kommt es an, daß man die Verhältnisse nach Zusammenhängen wirklich schildert. Und da versuchte ich gestern zu schildern, wie anders sich der Grund und Boden hineinstellt in den nationalökonomischen Prozeß, als zum Beispiel die industrielle Produktion. Auf solche Schilderung, auf Charakteristik kommt es an. Wenn man nur einmal sich klar werden wollte, wieviel dadurch Schaden angerichtet wird, namentlich in den Wissenschaften, daß man sich zu sehr an solche Definitionen oder Begriffsbestimmungen hält! Was man beschreibt, dafür braucht man ja nicht Begriffsbestimmungen. Es herrscht heute vielfach die Unsitte, daß jemand sagt, er sei über das oder jenes dieser oder jener Ansicht. Da muß man sich erst verständigen darüber, was er nun unter diesem Prädikat versteht. Wahrscheinlich nach langem Verständigen wird er darauf kommen, daß er dasselbe meint wie der andere. Was zur wirklichen Produktion führt, wenn ich das Produktion nennen will, was zu einem wirklichen Konsum führt, wenn ich darüber spreche, so muß ich ja alle einzelnen Faktoren, von dem allerelementarsten bis zu dem kompliziertesten, ins Auge fassen.

[ 58 ] Not translated

[ 59 ] Da wird es zum Beispiel sehr schwierig, aufzusteigen von dem, was man doch - allerdings in einem etwas weiteren Sinne — die Wirtschaft der Tiere nennen könnte. Die Tiere essen und trinken ja auch. Also die haben, insofern sie nicht gezähmt sind, auch eine Art Wirtschaftsleben. Aber sie genießen in der Regel, was sie sich nicht sehr stark zuzubereiten brauchen. Die meisten Tiere nehmen, was schon da ist. Nun, für die ist die Natur produktiv, wenn wir den Ausdruck produktiv anwenden wollen. Vieles von dem, was der Mensch genießt, gehört ja auch auf diesen Boden. Wenn er schließlich Obst genießt, so ist das nicht viel entfernt - nur durch Verkehrs- und Besitzverhältnisse und dergleichen entfernt - von der Art der Wirtschaft der Tiere, bei denen man aber sogar auch Ansätze zu Besitzverhältnissen finden könnte. Nun handelt es sich darum, jetzt weiter den Prozeß zu verfolgen, zu verfolgen, wie der Mensch anfängt, dasjenige, was von der Natur hergegeben ist, zuerst zu verarbeiten, dann durch den Verkehr weiter in die Zirkulation zu bringen und so fort. Da beginnt eine Fortsetzung des Begriffes, der bei der Natur anfängt. Dann kommt man zu demjenigen, was Produktion für den äußersten Luxus ist, was nicht mehr wirklichen Bedürfnissen entspricht, das heißt, gerechtfertigten oder vernünftigen Bedürfnissen entspricht. Ja, den Begriff, das sei produktiv oder nicht produktiv, irgendwie zu begrenzen, das ist durchaus etwas, was im Grunde genommen zuerst ins Nebulose führt. Selbstverständlich kann man, wenn man es liebt, sich in solchen nebulosen Begriffen zu bewegen, lange darüber diskutieren, wie die Physiokraten gemeint haben, daß nur die Bearbeitung des Bodens produktiv sei. Man kann dagegensetzen: Auch wenn jemand Handel treibt, so ist das produktiv, und kann sehr schöne Beweise dafür erbringen. Der Fehler ist der, daß man eine Definition aufstellt: Das ist unproduktiv, das ist produktiv! - sondern man muß den ganzen Vorgang des Wirtschaftslebens wirklich sachgemäß überschauen können.

[ 59 ] Not translated

[ 60 ] Also ich bitte, dies was ich vorgebracht habe, nicht so aufzufassen, als wenn es auch hineinfallen sollte in eine solche Art des Definierens, sondern es sollte eine sachgemäße Schilderung dessen sein, was im Wirtschaftsleben wirklich vorgeht. Und da glaube ich, in der Tat hingewiesen zu haben auf einen sachlichen Unterschied, wie sich in den Wirtschaftsprozeß anders hineinstellt Grund und Boden als zum Beispiel, sagen wir, industrielle Produktionsmittel, Maschinen und dergleichen. ‚Aber auch anders stellt sich in den Wirtschaftsprozeß hinein, was auf der Grundlage des Grund und Bodens ist, als zum Beispiel der Handel.

[ 60 ] Not translated

[ 61 ] Man braucht weder einseitiger Merkantilist zu sein, noch einseitiger Physiokrat. Man wird einsehen müssen, daß in dem Augenblick, wo man versessen ist auf solche Dinge wie «produktiv», «unproduktiv», dann eben solche einseitigen Ansichten wie Merkantilismus, Physiokratismus und so weiter zustande kommen. Das sollte gerade hier vertreten worden sein: daß man sich nicht auf Einseitigkeiten stellt, sondern auf Allseitigkeit stellt. Nun wurde noch eine Frage gestellt:

[ 61 ] Not translated

[ 62 ] Daß Altruismus, Egoismus, Liebe, psychologisch aufgefaßt, im Grunde genommen ein und dasselbe sind, und daß daher das eine oder das andere nicht überwunden zu werden braucht.

[ 62 ] Not translated

[ 63 ] Ja, inwiefern der Begriff des Überwindens ein falscher ist, habe ich ja im Vortrage selber ausgeführt. Aber es ist eine große Gefahr, wenn man diesen Begriff der Einheit von allem möglichen aus dem Konkreten ins Abstrakte hineintreibt. Da handelt es sich nur dann wiederum darum, was man für eine Abstraktion im Auge hat. Sehen Sie, man muß sich klar darüber sein, daß man, wenn man im Abstrakten stehenbleibt - und dieser Frage liegt eine sehr abstrakte Denkweise zugrunde, dann im Grunde genommen mit der einen Behauptung Recht hat und auch mit der entgegengesetzten Behauptung Recht hat. Menschen, die im Konkreten denken, die wissen den Ausspruch Goethes sehr zu schätzen: Man kann eigentlich die Wahrheit nicht unmittelbar in einem Worte oder in einem Satze aussprechen, sondern man spricht das eine aus, spricht das andere aus, und die Wahrheit wird am Problem gewonnen, das zwischen beiden liegt. Man muß dann ein lebendiges Verhältnis zur Wahrheit gewinnen können.

[ 63 ] Not translated

[ 64 ] Es gibt Leute, die sind als Mystiker darauf versessen, zu definieren: sie tragen Gott in sich selber; der Gott sei im Inneren des Menschen, das Göttliche sei im Inneren des Menschen. Sie finden dies als die einzig mögliche Definition. Andere finden diese Definition ganz falsch; sie sagen: Gott erfüllt alles und wir als Menschen sind in Gott. Ja, es gibt genau ebenso gute Beweise für das eine, wie es gute Beweise gibt für das andere. Aber da gilt eben der Goethesche Satz: Die Wahrheit liegt mitten drinnen zwischen den entgegengesetzten Behauptungen, geradeso wie der wirkliche Baum mitten drinnen liegt zwischen zwei photographischen Aufnahmen, die ich von der einen oder von der anderen Seite mache.

[ 64 ] Not translated

[ 65 ] In dieser Beziehung muß man geradezu auf die Gefahren des einseitigen Denkens hinweisen. Es kommt gar nicht darauf an, ob jemand sagt, Altruismus, Egoismus, Liebe seien ein und dasselbe, und deshalb braucht es nicht überwunden zu werden. Wie gesagt, wie es mit dem Überwinden steht, habe ich ja im Vortrag selber auseinandergesetzt. Aber darum handelt es sich, daß man wirklich, wenn so etwas auseinanderzusetzen ist, versucht, wie ich es immer tue, die Sätze sorgfältig zu formulieren. Ich habe durchaus hier nicht irgendwie behauptet, daß man nicht, wenn man nach einer gewissen Einheit hinstrebt, zu einer Vereinheitlichung von Egoismus und Liebe oder Egoismus und Altruismus kommen könne. Man braucht nur bis zu dem nötigen Abstraktum aufzusteigen, dann kommt man dazu. Aber im äußerlichen konkreten Leben unterscheiden sich Egoismus und Altruismus eben doch so, daß man sagen kann, wie ich im Vortrage gesagt habe, bewußt gesagt habe: sie sind die zwei Antriebe, aus denen der Mensch heraus handelt. Wenn ich sage, da oben auf diesem oder jenem: Berge, da ist eine Quelle, und zwei Stunden davon, da ist eine andere Quelle, aus diesen zwei Quellen wird die Wasserleitung von irgendeinem Orte gespeist, so läßt sich dieses vergleichen mit dem, was ich heute gesagt habe über Egoismus und Liebe. Ich habe auf die zwei Quellen hingewiesen. Dann darf niemand hinweisen und sagen: Ja, sieh einmal, in der einen Quelle ist Wasser, in der anderen auch, es ist ja dasselbe. - Es handelt sich darum, daß, wenn man pedantisch auf das Abstraktum besteht, man überall dasselbe sehen kann.

[ 65 ] Not translated

[ 66 ] Aber gerade beim Einheitsuchen handelt es sich darum, daß man zum Beispiel so etwas versteht wie die Goethesche Metamorphose. Wenn man die Goethesche Metamorphose verfolgt, so weiß man, wie Goethe zeigt, daß das grüne Pflanzenblatt und das rote Blumenblatt ein und dasselbe ist, nur das eine umgewandelt aus dem anderen. Aber er weiß zu gleicher Zeit, daß die beiden, indem sie dasselbe sind, zu gleicher Zeit ein Mannigfaltiges, ein Verschiedenes, ein unendlich Gestaltetes sind. Darauf kommt es an, daß man sich im Einheitsuchen immer bewußt werde, wie im konkreten Leben das Einheitliche immer zur Vielheit hin variiert, und daß man im Streben nach Einheit wissen muß, nicht die Vielheit zu übersehen.

[ 66 ] Not translated

[ 67 ] Es gibt eine Gesellschaft, die sich die «Theosophische Gesellschaft» nennt. Die Theosophische Gesellschaft spricht davon, daß sie die Einheit in allen Religionsbekenntnissen suche. Alle Religionsbekenntnisse entspringen aus den anderen heraus, seien im Grunde genommen ein und dasselbe. Sie lehrt, alle Religionsbekenntnisse enthalten ein und dasselbe. Mir ist diese Behauptung immer erschienen, wie wenn jemand behauptet, er wolle das, was auf dem Tisch steht, nur nach seiner Einheit charakterisieren. Man braucht nur eine Abstraktion zu wählen, sagen wir «Speisezusatz», Speisezusatz: das ist Salz, das ist Pfeffer, das ist auch Paprika. Ja, gewiß, alles ist ein und dasselbe, nämlich Speisezusatz. Aber wenn man, statt daß man die Suppe salzt, sagt: Oh, es ist dasselbe, Speisezusatz, wenn ich Pfeffer nehme —, so werden Sie nicht sehr zufrieden damit sein. So handelt es sich auch darum, daß man nicht eine solche Einheit, wie die, die von der Theosophischen Gesellschaft dogmatisch tradiert wird, als: Alle Religionsbekenntnisse enthalten ein und dasselbe - hinnimmt. Mir erschien immer diese Einheit der Religionen der Theosophischen Gesellschaft wie die Behauptung: Pfeffer, Salz und Paprika seien ein und dasselbe.

[ 67 ] Not translated

[ 68 ] Wie gesagt, ich erkenne durchaus an das berechtigte Streben nach Einheit. Aber dieses berechtigte Streben nach Einheit darf nicht zum Abstrahieren von der Wirklichkeit kommen.

[ 68 ] Not translated

[ 69 ] Nun ist noch eine Frage hier.

[ 69 ] Not translated

[ 70 ] Turmbau von Baden. Es gehört Nationales zu allem geistig und kulturell Bedeutenden. Alle Religionen sind den Rassen angepaßt. Die Veranlagung der verschiedenen Nationen, Rassen für Kunst und Wissenschaft ist verschieden. Die Sprache und alle Außerlichkeiten der Umgebung zwingen zu einer Ausdrucksform. Das Wesentliche ist immer international, die Form immer nationale Kunst. Am internationalsten die Musik. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

[ 70 ] Not translated

[ 71 ] Nun weiß ich eigentlich nicht recht, was ich mit dieser Frage machen soll. Denn einen «Turmbau von Baden» - ich kenne wohl einen Turmbau von Babel, nicht aber einen von Baden. Ich weiß nicht, ob es hier in Baden etwa auch einen Turmbau gibt?

[ 71 ] Not translated

[ 72 ] «Es gehört Nationales zu allem geistig und kulturell Bedeutenden.» Ja, gewiß, das kann man sagen: aber ich weiß nicht, wie es zu dem heutigen Vortrage kommt.

[ 72 ] Not translated

[ 73 ] «Alle Religionen sind den Rassen angepaßt. Die Veranlagung der verschiedenen Nationen, Rassen», das sind zwei verschiedene Dinge, «für Kunst und Wissenschaft ist verschieden.» Gewiß.

[ 73 ] Not translated

[ 74 ] «Die Sprache und alle Außerlichkeiten der Umgebung zwingen zu einer Ausdrucksform. Das Wesentliche ist immer international...» Ja, das Wesentliche des Internationalen, das muß man erst suchen; denn wenn das Wesentliche wirklich da wäre, dann wäre nicht so viel AntiInternationales unter den Menschen. Das ist natürlich durchaus zu berücksichtigen.

[ 74 ] Not translated

[ 75 ] «...die Form immer nationale Kunst. Am internationalsten die Musik.» Ich habe das, was hier zugrunde liegt, im Vortrage leise angedeutet, indem ich gesagt habe, die Phantasie prägt sich national aus, allerdings auf gewissen Gebieten der Kunst nur in gewissen Nuancierungen. Aber die Nuancierungen wird derjenige, der für dieses Verständnis hat, schon auch in der Musik finden. Er wird finden, daß auch da, wo scheinbar ganz Internationales ist, auch ein Nationales drinnen liegt; und wenn es nur darinnen besteht, daß das eine Volk einfach mehr musikalisch ist als das andere, und international verstanden werden kann, wenn es auch nur bei einem einzelnen Volke hervorgebracht werden konnte.

[ 75 ] Not translated

[ 76 ] Aber das, worum es sich handelt, ist, daß man nun irgendeinen Inhalt im Menschen selbst findet, in jedem Menschen befindliches geistig Anschaubares, das so international wirken kann, wie ich es im Vortrage dargestellt habe.

[ 76 ] Not translated

[ 77 ] Nun, damit sind die heutigen Fragen, wie ich glaube, erschöpft, und ich glaube auch, daß der Abend soweit vorgeschritten ist, daß ich nicht eine ausführliche Schlußrede halten möchte. Aber das eine möchte ich nur noch in fünf Worten hervorheben: daß es mir besonders daran gelegen wäre, wenn diese Vorträge daraufhin geprüft würden, inwiefern sie nicht irgend etwas Ausgedachtes, Programmatisches sind, sondern inwiefern sie nur der Versuch sind, der anfängliche Versuch allerdings, aus dem Leben selbst heraus eine soziale Idee oder eine Summe von sozialen Ideen zu gewinnen.

[ 77 ] Not translated

[ 78 ] Ja, solche Ideen, die als praktisch wirksame Kräfte dem Leben abgelauscht sind, die stellen geradezu das dar, was überall auf allen Gebieten aus dem herausgeboren werden kann, was ich Ihnen hier als eigentliche Geistesanschauung charakterisiert habe. Ich weiß, daß vieles, was man heute als Geistesanschauung charakterisiert, verwechselt wird, wie ich schon in den Vorträgen andeutete, mit dem, was hier gerade als Geistesanschauung gemeint ist. Aber es verlohnte sich vielleicht doch, gerade auf den Wirklichkeitscharakter dieser Geistesanschauung einmal einzugehen. Ich habe, als der Zeitpunkt herangetreten war im Verlaufe dieser furchtbaren Kriegskatastrophe, wo man glauben konnte, daß aus der Not der Zeit heraus etwas eingesehen werden könnte von dem, was sich aus Menschentiefen an die Oberfläche ringen will, manche verantwortlichen Menschen aufmerksam gemacht auf dasjenige, was eigentlich die Zeit fordert, und habe, bevor ich in die Öffentlichkeit getreten bin, vor Jahren, in den schweren Jahren, zu manchem gesprochen von dieser Dreigliederung, in dem vollen Bewußtsein, was es für eine Wirkung haben müßte, wenn aus solchem Geiste heraus der Versuch gemacht worden wäre, diesem schrecklichen Morden beizukommen, es mildernd, es endend. Und ich habe dazumal gesagt: Wenigstens liegt die Bemühung vor, mit dem, was in diesem Impulse gemeint ist, nicht irgendeine programmatische Idee zu geben, sondern dasjenige, was sich in den nächsten dreißig oder zwanzig oder fünfzehn Jahren, sogar zehn Jahren verwirklichen will. Und ich sagte manchem: Man kann ja heute, wenn man will, solche Dinge ableugnen, man kann zu bequem dazu sein. Aber wer es mit dem Leben ernst nimmt, der sollte sich sagen: Man habe die Wahl, entweder Vernunft anzunehmen oder traurigen Zeiten der Revolutionen und sozialen Kataklysmen entgegenzugehen.— Das sagte ich in Zeiten, in denen diese neueren Revolutionen, auch die russische, noch lange nicht heraufgekommen waren.

[ 78 ] Not translated

[ 79 ] Und es handelt sich immer darum, daß es schon den Menschen auferlegt ist, nicht schlafend in den Tag hineinzuleben, sondern sich über die Art, wie es weitergehen kann, Vorstellungen zu machen. Denn der Mensch hat ja das voraus vor anderen Erdenwesen, daß er mit einer gewissen Voraussicht zu handeln berufen ist. Aber man kann nur mit einer gewissen Voraussicht in das Handeln eingreifen, wenn man einen Instinkt für das wirklich Mögliche hat. Hat man einen wirklichen Instinkt für das Mögliche gehabt in der Zeit der ersten Hälfte des Jahres 1914 auf dem Gebiete der zivilisierten Welt? Ich habe Ihnen Beispiele angeführt in einer der früheren Diskussionen, was die Leute gesagt haben über das, was kommen werde. Dann ist das große Morden gekommen. Müßten nicht die Menschen von den Tatsachen lernen?

[ 79 ] Not translated

[ 80 ] Nun, das ist gerade die gegenwärtige Aufgabe der Menschen: von den Ereignissen zu lernen. Denn die Ereignisse zeigen durch die Größe, durch die Schnelligkeit, mit der sie sich abwickeln, daß die Menschen von ihnen lernen sollen, daß die Menschen gewisse Ereignisse als Zeichen der Zeit auffassen sollen. Sonst könnte etwas eintreten, was in bezug auf viele Dinge in den letzten Jahren eingetreten ist. Manches hat die Leute so getroffen, daß sie gesagt haben: Hätten wir das früher gewußt - jetzt ist es zu spät. — Aber es ist nicht immer nötig, zu warten, bis es zu spät ist!

[ 80 ] Not translated

[ 81 ] In der Gesinnung werden insbesondere die Ideen von der Dreigliederung des sozialen Organismus vorgetragen. Und so, wie es hier versucht wird, wie es in unserer Zeitschrift hier in der Schweiz, der «Sozialen Zukunft» versucht wird, wie es in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» versucht worden ist: aus der Gesinnung heraus werden sie vorgetragen, daß sie begriffen, aufgefaßt werden mögen, genommen werden mögen zum praktischen Handeln, ehe es zu spät ist. Damit man über wichtige Dinge des Lebens nicht später wird sagen müssen, es sei zu spät, deshalb rüttle man sich auf und versuche zu ergründen, ob in diesen Dingen, die hier vorgetragen worden sind, nur Gedanken sind, oder ob es Extrakt der Wirklichkeit ist.

[ 81 ] Not translated

[ 82 ] Ich betone immer wieder: Es ist ein schwacher Versuch. Aber ich glaube doch: Wird dieser schwache Versuch von einer genügend großen Anzahl von Menschen aufgenommen, dann wird er vielleicht etwas viel Gescheiteres, als ein einzelner aus ihm machen kann. Aber er müßte aufgenommen werden, und er kann aufgenommen werden, denn er ist aus der Wirklichkeit und kann aus der Wirklichkeit erprobt werden.

[ 82 ] Not translated

[ 83 ] Diese paar Worte wollte ich zu dem Gesagten noch hinzufügen.

[ 83 ] Not translated