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The Future of Society
GA 332a

29 October 1919, Zurich

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The Social Future, tr. Collison
  1. The Future of Society, tr. SOL
  2. Soziale Zukunft

5. Die Zusammenwirkung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens zum einheitlichen dreigegliederten sozialen Organismus

5. The Cooperation of the Spiritual, Political, and Economic Departments of Life for the Building Up of a Unified Threefold Social Organism

[ 1 ] Im zweiten Vortrage habe ich bereits skizziert, wie eine solche Gestaltung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens, wie ich sie zu schildern versuchte in den drei vorangegangenen Vorträgen, nur erreichbar ist dadurch, daß dasjenige, was man bisher als einen streng in sich gestalteten Einheitsstaat gedacht hat, dreigegliedert werde, zum dreigliederigen sozialen Organismus werde, das heißt, daß alles, was sich auf Rechts-, politische, Staatsverhältnisse bezieht, in einem demokratischen Parlamente seine Verwaltung finde, daß dagegen abgegliedert werde von dieser politischen oder Rechtsorganisation alles, was sich auf das Geistesleben bezieht einerseits und dieses Geistesleben in seiner Freiheit selbständig verwaltet werde; daß sich andererseits abgliedere vom politischen das wirtschaftliche Leben, das wiederum aus seinen eigenen Verhältnissen heraus, aus seinen eigenen Bedingungen heraus seine Verwaltung finde, begründet auf Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit.

[ 1 ] In the second of this series of lectures I have sketched for you the method of constructing the spiritual, the political, and the economic life. I have then endeavored in the succeeding lectures to describe in detail these three members of the body social and disentangle what has heretofore been considered a strict unity. (a) All that related to law, politics, and affairs of state should be administered in a democratic parliament. (b) Everything relating to the spiritual and intellectual department of life should be detached from the political or equity state, and the spiritual organization should be independently administered in freedom. (c) The economic organization, separated from the political and legal body, should form its own administration, instead of its own conditions and necessities, founded upon expert knowledge and technical capacity and skill.

[ 2 ] Nun wird ja immer wieder der Einwand erhoben, daß eine solche Gliederung des sozialen Organismus der Notwendigkeit widerspreche, das gesellschaftliche Leben zu einer Einheit zu formen, denn alle einzelnen Einrichtungen, alles einzelne, was der Mensch vollbringen kann innerhalb des sozialen Organismus, müsse zusammenstreben zu einer solchen Einheit. Und eine solche Einheit würde durchbrochen, so wird gesagt, wenn man versuche, den sozialen Organismus in drei Glieder zu zersprengen. - Ein solcher Einwand ist aus den Denkgewohnheiten der Gegenwart heraus ganz begreiflich und verständlich. Aber er ist, wie wir heute sehen wollen, durchaus nicht gerechtfertigt. Er ist verständlich, weil man ja nur zunächst hinzuschauen braucht auf das wirtschaftliche Leben selbst: wie in diesem wirtschaftlichen Leben im kleinsten alles zusammenfließt, Geistiges, Rechtliches und eigentlich Wirtschaftliches. Demgegenüber kann man schon sagen: Wie soll da irgendeine Trennung, eine Gliederung zu einem Heil kommen?

[ 2 ] Now the objection is always raised that such an arrangement of the social organism denies the necessity of building up social lilac as a unity. For every single institution, every separate work which can be achieved by the individual within the social organism, should endeavor to attain to such a unity; and this unity would be broken up, it is said, if any attempt were made to split the social organism into three parts. This objection is quite reasonable and comprehensible, judged by the habits of thought of the present day. But, as we all see today it can by no means be justified. Yet it is comprehensible, because in the first place we need only glance at economic life itself in order to see how to the smallest details spiritual, political, and purely economic affairs overlap. In view of this state of things it may well he asked: How could a splitting-up, a dismemberment, bring about any improvement?

[ 3 ] Nehmen wir nur einmal das Wertproblem der Waren, der Güter selbst, so werden wir finden, daß der Güter-, der Warenwert für sich schon Dreifaches zeitigt, Dreifaches aber, das, indem das Gut im sozialen Organismus produziert wird, zirkuliert und konsumiert wird, sich als eine Einheit, ich möchte sagen, gebunden an die Einheit des Gutes, zeigt in der folgenden Weise: Was bedingt den Wert eines Gutes, durch das der Mensch seine Bedürfnisse befriedigen kann? — Zunächst muß der Mensch subjektiv irgendwelchen Bedarf für dieses Gut haben. Sehen wir aber zu, wodurch sich ein solcher Bedarf bestimmt. Das hängt zusammen, erstens, selbstverständlich mit der leiblichen Artung des Menschen. Die leibliche Artung bedingt namentlich den Wert der verschiedensten materiellen Güter. Aber auch materielle Güter werden verschieden beurteilt, je nachdem der Mensch diese oder jene Erziehung durchgemacht und diese oder jene Ansprüche hat. Und erst, wenn es sich um geistige Güter handelt, die ja oft gar nicht getrennt werden können von der Sphäre der leiblichen, physischen Güter, da werden wir sehen, daß die ganze Verfassung des Menschen durchaus die Art und Weise bedingt, wie einer irgendein Gut bewertet, was er für irgendein Gut für eine Arbeit leisten möchte, was er aufbringen möchte an eigenen Leistungen für solch ein Gut. Da sehen wir, daß das geistige Element, das im Menschen lebt, bestimmend ist für den Wert eines Gutes, für den Wert einer Ware.

[ 3 ] Let us begin by taking the problem of the origin of merchandise, of actual commodities. We shall find that the value of a commodity, of merchandise, is already possessed of a threefold nature, in that the commodity is produced, distributed, and consumed within the social organism; yet this value gives the appearance of a unity bound to the commodity, as we shall see. What determines the value of a commodity which can satisfy our requirements? In the first place we must have some personal need for the commodity in question. But let us examine how the need is determined. To begin with, it has, of course, to do with our bodily nature. For the bodily nature determines the value of the various material commodities. But even material goods are variously valued, according to the kind of education and requirements of the individual person. But where spiritual and intellectual products are concerned—and these are often inseparable from the sphere of the material, physical goods—we shall find that the method of valuing any commodity whatever is absolutely determined by the whole make-up of the human being, and the amount and kind of work he is willing to perform in order to possess that commodity. Here we see that it is the spiritual or intellectual element in man that determines the value of a commodity, or of any sort of merchandise.

[ 4 ] Auf der anderen Seite sehen wir, daß ja die Waren, indem sie ausgetauscht werden zwischen Mensch und Mensch, gebunden sind an Besitzverhältnisse, das heißt auch nichts anderes als an Rechtsverhältnisse. Indem irgendein Mensch von einem anderen ein Gut erwerben will, stößt er auf Rechte, die der andere in irgendeiner Weise an diesem Gut hat. So daß das Wirtschaftsleben, die Wirtschaftszirkulation durchaus durchdrungen ist von lauter Rechtsverhältnissen.

[ 4 ] Secondly, we see that the goods being exchanged between one man and another are limited by the conditions of ownership. and that means neither more nor less than that they are limited by legal conditions. Whenever one man tries to obtain a commodity from another, he touches in some way the other's rights to the commodity in question. So that economic life with its circulation of commodities is permeated throughout by all sorts of legal conditions.

[ 5 ] Und zum dritten: Ein Gut hat auch einen objektiven Wert, nicht nur denjenigen Wert, den wir ihm beilegen durch unsere Bedürfnisse und die subjektive Bewertung dieser Bedürfnisse, die sich dann auf das Gut überträgt, sondern ein Gut hat einen objektiven Wert, indem es haltbar oder unhaltbar, dauerhaft oder nicht dauerhaft ist, indem es durch seine Natur mehr oder weniger brauchbar ist, indem es mehr oder weniger häufig oder mehr oder weniger selten ist. Das alles bedingt einen objektiven, einen eigentlich wirtschaftlichen Wert, zu dessen Bestimmung eine objektive Sachkenntnis und zu dessen Herstellung eine objektive Fachtüchtigkeit notwendig ist.

[ 5 ] And in the third place, a commodity has not merely the value which we attach to it through our requirements and the personal importance we give to these requirements, which is then transferred to the commodity, it has also an objective value in itself. It has an objective value, to the degree that it is durable or the reverse, lasting or perishable; to the degree that by its nature it is more or less serviceable, plentiful, or scarce. All these things condition an objective, actual economic value, the determination of which demands an objective expert knowledge, and the production of which requires an objective technical capacity.

[ 6 ] Aber diese drei Wertbestimmungen sind in dem Gute zu einer Einheit vereinigt. Und daher kann man mit Recht sagen: Wie soll also, was indem Gute sich vereinigt, in drei Verwaltungsgebiete getrennt werden, die sich auf dieses Gut beziehen, die mit diesem Gute in seinen Zirkulationen irgend etwas zu schaffen haben?

[ 6 ] But these three determinations of value are brought together into a unity in the commodity. Hence it may be said with reason. How can that which is united in the commodity be separated and come under the administration of three departments, all concerned with the commodity and interested in its circulation?

[ 7 ] Nun, zunächst handelt es sich, rein der Idee nach, darum, einzusehen, daß sich allerdings im Leben Dinge vereinigen können, die von den verschiedensten Seiten her verwaltet werden. Warum sollte nicht auf der einen Seite das, was der Mensch subjektiv von sich aus an Wertschätzung den Gütern entgegenbringt, von seiner Erziehung aus, die ihre selbständige Verwaltung hat, bestimmt sein? Warum sollte nicht von ganz anderer Seite her das in das wirtschaftliche Leben hineingestaltet werden, was Rechtsverhältnisse sind, und warum sollte nicht hinzukommen zu alldem und sich im Objekte zu einer Einheit vereinigen, was aus der Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit an objektivem Werte dem Gute zukommt? Aber das ist zunächst ideell und hat nicht viel besonderen Wert. Es muß vielmehr tiefer begründet werden, was in dieser Richtung die Dreigliederung des sozialen Organismus eigentlich will.

[ 7 ] Looking merely at the idea, it is certainly true that in life things can and do unite which are administered from the most diverse directions. On the one hand, why should not the subjective value which a man personally attaches to a commodity be determined by his education which has its own independent administration? On the other hand, why should not legal conditions be given a place in the economic organizations? And why should not all the objective value that accrues to the commodity from expert knowledge and technical skill be added to the rest and unite in the object, in a unity? But all this is idea only and has no special value. That which the threefold order of the social organism aims at in this direction must have a much deeper foundation.

[ 8 ] Und da muß zunächst gesagt werden: Diese Dreigliederung des sozialen Organismus ist nicht irgendeine Idee, die heute aus subjektiven Antrieben eines oder ein paar Menschen heraus gefaßt wird, sondern dieser Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus ergibt sich aus einer objektiven Betrachtung der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in der neueren Zeit. So daß man sagen kann: Eigentlich schon seit Jahrhunderten tendiert unbewußt die Menschheit in den wichtigsten Antrieben nach dieser Dreigliederung. Sie hat nur niemals die Kraft gefunden, diese Dreigliederung wirklich durchzuführen, und aus dem Mangel an dieser Kraftentwickelung sind unsere heutigen Zustände, ist das Unheil unserer Umgebung entstanden. Heute aber sind die Dinge so weit reif, daß man sagen muß: Es muß in Angriff genommen werden, was sich seit Jahrhunderten für die Gestaltung des sozialen Organismus vorbereitet hat.

[ 8 ] Here it must be said that the threefold order of the social organism is not an idea conceived out of personal inclinations by one or more persons; it is an impulse resulting from an impartial observation of the historical development of humanity in modern times. We may say that actually for centuries the most important impulses of humanity have been tending unconsciously in the direction of this threefold membering; only they have never gained sufficient force to carry it through. The failure to develop this force is the cause of the present state of things, and of the misery in our surroundings. The time is ripe to say that the work must now be taken in hand for which preparation has been made for centuries, the work of bringing order into the social organism.

[ 9 ] Zunächst muß man sagen: Es hat sich ja eigentlich seit langer Zeit das wirklich freie Geistesleben abgegliedert von dem Staatsleben und von dem Wirtschaftsleben. Denn das Geistesleben, das abhängig ist vom Wirtschaftsleben und vom Rechts- und Staatsleben, dieses Geistesleben ist eben durchaus kein freies. Es ist ein Stück Geistesleben, das losgerissen worden ist von dem eigentlich fruchtbaren freien Geistesleben. Wir können vielmehr sagen, daß im Beginne der Zeit, in der der Kapitalismus, in der die moderne technische Wirtschaftsordnung mit ihrer großartigen Arbeitsteilung heraufgekommen ist, daß in dieser Zeit das eigentlich freie Geistesleben — jenes Geistesleben, das nur aus den Antrieben der Menschen selbst heraus schafft, so wie ich es gestern für das gesamte Geistesleben gefordert habe -, daß dieses freie Geistesleben, aber eben nur als ein Teil des Geisteslebens, in gewissen Gebieten der Kunst, der Weltanschauung, der religiösen Überzeugungen sich losgelöst hat vom Wirtschaftsleben und vom Staatsleben und gewissermaßen zwischen den Zeilen des Lebens getrieben wird, während wiederum losgerissen ist von diesem freien, aus den menschlichen Antrieben selbst heraus schaffenden Geistesleben, was das Wirtschaftsleben zu seiner Verwaltung braucht, was der Staat zu seiner Verwaltung braucht.

[ 9 ] The first thing we see is that the really free spiritual and intellectual life has broken away from the political and economic bodies. For that spiritual life which is dependent on the economic, legal-political organizations is by no means free. It is a portion of the spiritual life, torn away from the really fertile, free life of the spirit. It would be more exact to say that at the beginning of the period in which capitalism appeared with its division of labor on a grand scale, the really free spiritual life in certain spheres of art, of philosophy, and of religious conviction tore itself away from the economic organization and the political life, and was to a certain extent carried on unnoticed. That free spiritual life, forming only a part of all spiritual life, acts creatively only out of man's own impulses. In my lecture of yesterday I claimed that freedom for the whole of spiritual life. Detached from the free spiritual life, which is the outcome of man's own impulses, exists all that man finds necessary for the administration of the economic life, and for the administration of law and order.

[ 10 ] Was das Wirtschaftsleben zu seiner Verwaltung braucht, ist abhängig geworden von den wirtschaftlichen Mächten selbst. In den Stellen, in den Kreisen, in denen wirtschaftliche Macht ist, ist die Möglichkeit vorhanden, die Nachkommen auch wirtschaftswissenschaftlich vorzubilden, so daß sie wiederum geeignet sind, wirtschaftliche Macht zu erringen. Aber was da als Wirtschaftswissenschaft aus der Wirtschaft selbst hervorgeht, ist nur ein Teil desjenigen, was hineinfließen könnte in das Wirtschaftsleben, wenn das gesamte Geistesleben für das Wirtschaftsleben fruchtbar gemacht würde. Es ist nur das, was von der Zufallswirtschaft noch für das Nachdenken übrigbleibt, und was dann zur Wirtschaftswissenschaft gemacht wird.

[ 10 ] What is necessary for the administration of economic affairs has become dependent upon the economic forces themselves. In the positions and circles in which economic power exists, the possibility also exists to train the next generation in economic science, so that it may be able in its turn to attain economic power. But the science which has arisen out of economic life itself is only a part of all that might flow into the economic organization, were the whole of spiritual life to be drawn upon for economic life. But actually, it is commercial risk alone, and everything resulting from it, that is made the object of study; this is worked up into a science of economics.

[ 11 ] Und wiederum das Staatsleben: Der Staat braucht seine Beamten, ja selbst seine Gelehrten so, daß sie den Schablonen entsprechen, die er einmal für seine Stellungen ausgebildet hat. Er wünscht, verlangt, daß in dem Menschen das herangebildet werde, was sich hineinschickt in den Umkreis dessen, was er für seine Stellungen bestimmt hat. Das aber ist ein unfreies Geistesleben, selbst wenn es wähnt, frei zu sein. Es bemerkt nicht seine Abhängigkeit, es bemerkt nicht, wie es in die Grenze der Stellungsschablonen hineingestellt wird.

[ 11 ] In regard to political life, the state requires functionaries and even learned men to fill its appointments, and these have been educated according to the stereotyped pattern prescribed for them by the state. The state, in its appointments, wishes and expects that qualities should be cultivated in individuals which can be used to its own advantage. But that brings about intellectual and spiritual enslavement, even if a man imagines himself to be free. He is not aware of his dependence, does not see that he is confined within the limits of the stereotyped model held up to him.

[ 12 ] Das eigentlich freie Geistesleben aber hat sich, unabhängig vom Wirtschaftsleben, vom Staatsleben, immerhin eine gewisse Stellung in der Welt erworben. Aber was für eine! Ich habe sie zum Teil schon charakterisiert. Es ist dieses Geistesleben, das sich seine Freiheit bewahrt hat, lebensfremd geworden. Es hat in einem gewissen Sinn einen abstrakten Charakter angenommen. Man braucht nur heute zu sehen, was in den ästhetischen, in den religiösen, selbst in den wissenschaftlich orientierten Weltanschauungen des freien Geisteslebens vorhanden ist, so wird man sehen: Es wird ja mancherlei gesagt, aber was gesagt wird, ist mehr oder weniger nur Predigt für die Menschheit. Es ist da, um den Verstand und das Gemüt zu ergreifen. Es ist da, um im Inneren des Menschen eine Rolle zu spielen, die Seele mit innerem Wohlbehagen und Wohlgefühl zu erfüllen, aber es hat nicht die Kraft, nicht die Stoßkraft, wirklich ins äußere Leben einzugreifen. Daher ist auch der Unglaube an dieses Geistesleben gekommen, jener Unglaube, den ich auch charakterisiert habe, der da ausgeht von sozialistischer Seite, der da sagt: Niemals wird irgendeine soziale Idee, und wenn sie noch so gut gemeint ist, wenn sie bloß aus dem Geiste heraus geboren ist, das soziale Leben umgestalten. Dazu bedarf es realer Kräfte. - Und zu den realen Kräften wird eben dieses abgespaltene Geistesleben gar nicht gerechnet. Wie weit entfernt ist das - ich habe das auch schon ausgesprochen -, was heute als sein inneres, religiöses, selbst sein wissenschaftliches Überzeugungsleben der Kaufmann, der Staatsbeamte, der industriell Tätige hat, von den Gesetzen, die er anwendet im wirtschaftlichen Leben, in seiner äußeren Stellung, in der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten! Vollständig eine zweifache Würdigung des Lebens! Auf der einen Seite gewisse Grundsätze, die aber ganz hervorgegangen sind aus Wirtschafts- und Staatsleben, auf der anderen Seite ein Rest von Freiheit, von Geistesleben, der aber zur Ohnmacht gegenüber den äußeren Angelegenheiten des Lebens verurteilt ist.

[ 12 ] But the truly free spiritual and intellectual life has won for itself a certain position in the world, independent of the economic and the political organizations. What is this position? I have already characterized it in part. That spiritual and intellectual life which has preserved its independence has become foreign to life; in one sense it has acquired an abstract character. We need only glance at the content of the philosophies of the free spiritual life, whether aesthetic, religious, or even scientific, in order to see that although very much is said, it amounts to little more than admonitions to society. This content is there merely to appeal to the understanding and to feelings; it is there to play a part in the inner life of men, to fill the soul with inner comfort and well-being. But it has not the power or the impetus actually to enter and influence external life. Hence the unbelief in that spiritual life, to which I have already referred, proceeding from socialist quarters and expressed in the words: No social idea however well-intended, if it is a purely spiritual one, can ever transform social life. To transform social life, real forces are necessary. But this abstract spiritual life is not reckoned as a real force. How far are the things that make up the inner life of the business man or civil servant in his religion, or even his scientific convictions, removed from the laws which he applies in business, in his position in life, in the administration of public affairs! It is absolutely a double outlook on life. On the one hand, principles which are entirely the outcome of economic and political life; on the other, a remnant of freedom, of spiritual life, condemned to impotence as regards inner affairs.

[ 13 ] Das muß auf der einen Seite gesagt werden, daß sich ein einheitliches freies Geistesleben schon seit Jahrhunderten abgegliedert hat, daß aber, weil man es nicht anerkennen wollte in der Gestaltung des öffentlichen Lebens, dieses freie Geistesleben abstrakt, lebensfremd geworden ist. Es fordert dieses Geistesleben aber heute, weil man den Einfluß des Geistes auf das äußere soziale Leben braucht, seine Macht, seine Kraft zurück. Das ist die Situation, die uns heute gegeben wird.

[ 13 ] Thus it may be said that a unitary, free, spiritual life came into being centuries ago, but because this was not recognized in the ordering of public life, it has become abstract, devoid of reality. Now, because the influence of the spirit is needed in external social life, spiritual life reclaims its might, its power. That is the situation which now faces us.

[ 14 ] Einen anderen Weg hat das Rechtsleben genommen. Während das Geistesleben sich gewissermaßen, insoferne es ein freies ist, emanzipiert hat, hat das Rechtsleben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte vollständig verschmelzen lassen mit den wirtschaftlichen Machtverhältnissen. Man hat es gar nicht bemerkt, aber beide sind völlig eins geworden. Was wirtschaftliche Interessen und Bedürfnisse waren, das wurde in öffentlichen Rechten ausgedrückt. Diese öffentlichen Rechte hält man oftmals für Menschheitsrechte. Genau besehen sind sie nur in den Rechtscharakter umgesetzte wirtschaftliche und staatliche Interessen und Bedürfnisse. Während das Geistesleben auf der einen Seite seine Kraft fordert, sehen wir auf der anderen Seite, wie nun eine Verwirrung eingetreten ist mit Bezug auf die Beziehung von Rechts- und Wirtschaftsverhältnissen. Weite Kreise unserer heutigen Bevölkerung durch die zivilisierte Welt hindurch fordern in dem, was sie die soziale Frage nennen, weitere Zusammenschweißung des Rechtslebens und des Wirtschaftslebens. Wir sehen, wie unter politischen, unter Rechtsbegriffen das gesamte Wirtschaftsleben gestaltet werden soll. Und wenn wir die bei vielen heute beliebten Schlagworte ansehen, was sind sie denn anderes als die letzte Konsequenz der Verschmelzung des Rechtslebens mit dem Wirtschaftsleben? Wir sehen heute die weite Kreise ziehende radikalsozialistische Partei fordern, daß — wie ich es hier schon ausgesprochen habe — über das Wirtschaftsleben ein politisches System zentral, hierarchisch übergebauter, gegliederter Verwaltungen gestülpt werde. Ganz eingefaßt werden soll das Wirtschaftsleben in lauter Rechtsverhältnisse. Wir sehen geradezu, wie die Macht der Rechtsverhältnisse ganz und gar ausgedehnt werden soll über die Wirtschaftsverhältnisse.

[ 14 ] Political life has followed another direction. Whereas spiritual life has partly emancipated itself, the political organization has completely merged itself in the course of recent centuries in the powerful interests of the economic body. It has happened unnoticed, but in reality the two have become one. Economic interests and needs have found expression in public laws, and these are often held to be human rights. But when scrutinized, they are found to be only economic and political interests and wants in the guise of laws. While, on the one hand, spiritual life demands its power, we find, on the other, that confusion has arisen in regard to the relation between legal and economic conditions. Large masses of the population throughout the civilized world include in their demands for the solution of the social problem a further fusion of the legal and economic organization. The whole of economic life is to be molded according to political and legal conceptions. If we examine today's favorite catchwords, what do we find but the last consequences of the fusion of political and economic life. We find that the radical socialist party, which influences wide circles of the population, demands that a political system, centralized, and graded as to administration, be tacked on to the economic life, and the economic life be hedged in on all sides by legal measures. The power of the law is to extend over economic processes.

[ 15 ] Das ist das andere, was als die Krisis in unserer Zeit eintritt, was man dadurch aussprechen kann, daß man sagt: Indem in radikaler Weise diese politischen und Rechtsverhältnisse für das Wirtschaftsleben gefordert werden, soll gewissermaßen die Tyrannis des Staates, des Rechtssystems über das wirtschaftliche Wesen hereinbrechen. Wir sehen, daß für das Wirtschaftsleben und seine Heilung nicht eine Gestaltung des Wirtschaftslebens gefordert wird, die aus wirtschaftlichen Verhältnissen heraus selber gebildet ist, sondern daß Eroberung der politischen Macht gefordert wird, aber Eroberung der politischen Macht von dem Gesichtspunkte aus, das Wirtschaftsleben durch diese politische Macht an sich zu bringen und zu beherrschen. Diktatur des Proletariats, was ist es anderes, als die letzte Konsequenz der Zusammenschweißung von Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben?

[ 15 ] This is the other aspect of the crisis which has arisen in our time, and we may say: Through the demands for the increase of political and legal power over the economic life, tyranny of the state, of the legal system, over the economic system will arise. We see that the changes demanded for the recovery of economic life are not such as arise naturally out of economic conditions themselves; rather this demand arises out of the quest for political power, which aims to take possession of and dominate economic life. Proletarian dictatorship—what is it but the last consequence of the fusion of legal and political with economic life.

[ 16 ] So wird hier, freilich auf eine negative Art, bewiesen, wie nötig es heute ist, über das Verhältnis von Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben gründlich nachprüfend zu Werke zu gehen. So sieht man auf der einen Seite, daß das in einem Teil seiner Kraft freie Geistesleben sich emanzipiert hat und seine ursprüngliche Kraft fordert; so sieht man auf der anderen Seite, daß das Rechtsleben, wenn es weiter immer enger und enger an das Wirtschaftsleben gebunden werden soll, den ganzen sozialen Organismus in Unordnung bringt.

[ 16 ] Thus we see the necessity of thoroughly investigating the connection between law and politics, and the economic life at present On the one hand, free spiritual life has partly emancipated itself and demands restitution of its original powers; on the other hand, if the legal system continues to be more and more closely bound up with the economic system, the whole social organism will be thrown into disorder.

[ 17 ] Genügend lange hat es gewährt, daß unter der Suggestion des Einheitsstaates, des einheitlichen sozialen Organismus gedacht wurde. Heute ist die Zeit gekommen, wo die Frucht dieses Denkens uns entgegentritt in dem sozialen Chaos, das über einen großen Teil der zivilisierten Welt ausgegossen ist. Die wirtschaftlichen Zustände fordern im strengsten Sinne, getrennt zu werden von dem Rechtsleben, weil es sich gezeigt hat, welchen Unfug dieses Rechtsleben selber nach und nach für das Wirtschaftsleben anrichten müßte, wenn die letzte Konsequenz von dem gezogen würde, was sich im Lauf der letzten Jahrhunderte herausgebildet hat.

[ 17 ] The subordination of thought to the suggestion that the state is a unity, and therefore the social body is also a unity, has lasted long enough. The time has now come for us to realize the consequence of that thought in the social chaos existing over a large part of the civilized world. Economic conditions demand complete separation from legal control, because of the evident abuses which the political system would bring into economic affairs, were the developments of the last centuries to be carried to their final consequence.

[ 18 ] Mit diesen Tatsachen rechnet der Impuls vom dreigliederigen sozialen Organismus. Und ich möchte Ihnen an einem anschaulichen Beispiel zeigen, wie durch diese Tatsache gerade dasjenige auseinandergerissen worden ist, was im Leben als eine Einheit wirken sollte. Man sagt heute, die Dreigliederung des sozialen Organismus wolle die Einheit des sozialen Lebens zerreißen. Man wird in der Zukunft sagen: Diese Dreigliederung begründet erst im rechten Sinne diese Einheit. Daß das abstrakte Streben nach der Einheit gerade diese Einheit zerstört hat, das kann man eben an einem anschaulichen Beispiel sehen. Heute sind gewisse Leute außerordentlich stolz darauf, den theoretischen Unterschied zu machen zwischen Recht und Moral. Moral ist die Schätzung einer Handlung eines Menschen rein nach inneren Gesichtspunkten der Seele. Die Beurteilung einer Handlung, ob sie gut oder böse ist, wird nur von solchen inneren Gesichtspunkten der Seele geleitet. Und man unterscheidet sehr sorgfältig, gerade in Weltanschauungsfragen, von dieser moralischen Beurteilung die rechtliche Beurteilung, die das äußere öffentliche Leben angehe, die bestimmt sein soll durch die Verfügungen, durch die Maßnahmen des staatlichen oder sonstigen sozialen öffentlichen Lebens.

[ 18 ] The impulse of the threefold social organism takes cognizance of these facts; and I should like to give you a striking example of something which ought to work as a unity in life, but which is torn asunder owing to these very facts. It is said now that the aim of the threefold order is to break up the unity of social life. In the future, however, it will be said that the threefold order truly lays the foundation for that unity. A striking example will show us that an abstract endeavor to bring about unity has had just the effect of destroying unity. At present there are some superficial people who are extremely proud of the theoretic distinction they draw between law and morality. These people say that morality is the valuation of human action judged purely from the inner stand-point of the soul; that the judgement of an action, whether good or bad, is guided only by that inner stand-point; and precisely in questions of philosophy the moral judgment is very carefully distinguished from the legal judgment, which belongs to outer, public life, and should be determined by the decrees and measures of political and social public life.

[ 19 ] Von dieser Trennung von Moral und Recht wußte man die ganze Zeit nichts bis zu jenem Zeitpunkte, als die neuere technische wirtschaftliche Entwickelung und der neuere Kapitalismus heraufzogen. Erst in den letzten Jahrhunderten wurden die Impulse des Rechtes und der Moral auseinandergerissen. Und warum? Weil die moralische Beurteilung abgewälzt wurde in jenes freie Geistesleben hinein, das sich emanzipiert hat, das aber gegenüber dem äußeren Leben machtlos geworden ist, das gewissermaßen nur zum Predigen, zum Beurteilen da ist, dem aber die Kraft geschwunden ist, wirklich einzugreifen in das Leben. Diejenigen Maximen aber, die in das Leben eingreifen können, die brauchen, weil sie rein menschliche Antriebe nicht mehr finden können, die auf die Moral abgeschoben sind, wirtschaftliche Antriebe, und die werden dann in das Recht umgesetzt. So ist mitten auseinandergerissen, was im Leben wirkt: Rechtsbestimmung und ihre Durchwärmung mit menschlicher Moral - mitten auseinandergerissen zu einer Zweiheit, was gerade eine Einheit sein sollte.

[ 19 ] Of this separation of morality and law nothing was known up to the time of the rise of modern technical science and the later capitalism. Only within the last few centuries have the impulses of law and morality been torn asunder. And why? Because the moral judgment was diverted into that free spiritual life which has emancipated itself, but which has become powerless with regard to external life. The free spiritual life might be said to exist only for the purpose of exhortation or judgment. It has lost the power really to lay hold on life. Those maxims which might lay hold on life require economic impulses, because they can no longer find purely human impulses, these having been relegated to the sphere of morality. These economic impulses are then turned into laws. Thus the activities of life, the determination of justice and the warmth infused into it by human morals are torn asunder. That which ought to be a unity is torn apart into a duality.

[ 20 ] Wer daher die Entwickelung der modernen Staaten genauer studiert, der wird finden, daß gerade die Suggestion des Einheitsstaates eine Trennung der Kräfte herbeigeführt hat, die eigentlich zu einer Einheit zusammenwirken sollen. Gerade gegen diese Trennung will der Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus wirken. Schon wenn man das eigentliche Prinzip dieses Impulses richtig betrachtet, wird man sehen, daß von einer Spaltung des Lebens dabei gar nicht die Rede sein kann.

[ 20 ] A close study of the development of modern states will show that by insisting on the unitary character of the state, we have hastened the disunion of those very forces which should combine to produce a unity. The impulse of the three-membered social organism is in opposition to this separation. If we regard in its true light the actual principle of that impulse we shall see there can be no question of any splitting up of life.

[ 21 ] Das Geistesleben, das seine eigene Verwaltung haben soll — steht nicht jeder Mensch zu diesem Geistesleben, wenn es so, wie ich es geschildert habe, völlig frei sich entwickelt, in einer Beziehung? Er wird in diesem freien Geistesleben erzogen, er läßt wiederum seine Kinder erziehen, er hat seine unmittelbaren geistigen Interessen bei diesem Geistesleben, er ist mit diesem Geistesleben verbunden. Und dieselben Menschen, die auf diese Weise mit diesem Geistesleben verbunden sind, die ihre Kraft aus diesem Geistesleben ziehen, stehen im Rechts- oder Staatsleben und bestimmen in diesem, was als Rechtsordnung zwischen ihnen wirkt. Sie bestimmen aus dem Geiste heraus, den sie aus diesem Geistesleben aufnehmen, diese Rechtsordnung. Diese Rechtsordnung ist unmittelbar bewirkt durch das, was durch die Beziehung zum Geistesleben erworben wird. Und wiederum, was von Mensch zu Mensch demokratisch auf dem Boden der Rechtsordnung entwickelt wird, das, was so der Mensch aufnimmt als den Impuls seiner Beziehung zu anderen Menschen, das trägt er, weil es ja wiederum dieselben Menschen sind, die zum Geistesleben Beziehungen haben, im Rechtsleben drinnenstehen und wirtschaften, hinein in das Wirtschaftsleben. Die Einrichtungen, die er trifft, die Art und Weise, wie er sich mit anderen Menschen assoziiert, die Art und Weise, wie er überhaupt wirtschaftet, das alles ist durchdrungen von dem, was er im Geistesleben ausbildet, was er als Rechtsordnung regelt im Wirtschaftsleben, denn dieselben Menschen sind es, die in dem dreigegliederten sozialen Organismus drinnenstehen, und nicht durch irgendeine abstrakte Ordnung, sondern durch den lebendigen Menschen selber wird die Einheit bewirkt. Nur daß jedes der Glieder seine eigene Natur und Wesenheit durch seine Selbständigkeit sich ausbilden und so gerade in der kraftvollsten Weise zur Einheit wirken kann. Jedes der Glieder kann so wirken, während wir eben sehen können, wie durch die Suggestion des Einheitsstaates gerade das, was im Leben zusammengehört, selbst was so innerlich zusammengehört wie Recht und Moral, auseinanderfällt. Also nicht um Zusammengehöriges zu trennen, sondern um Zusammenwirkendes oder dasjenige, was zum Zusammenwirken bestimmt ist, wirklich zum Zusammenwirken zu bringen, macht sich der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus geltend.

[ 21 ] The spiritual life should have its own administration. And has not every human being a connection with it, when it develops—as I have described it—in perfect freedom? Everybody is educated in that free spiritual life, our children are brought up in it, we find our immediate spiritual interests in it, we are united with it. And the very people who are thus united with that spiritual life and draw their strength from it, those very same people live within the legal and political life, and determine the legal order governing their relations with one another. They establish that legal order by the help of the spiritual impulses which they take in from the spiritual life; and this legal order is the direct result of what has been acquired through contact with the spiritual life. Again, the tie which is developed, binding man to man democratically on the basis of the legal order, the impulse which he receives as the basis of his relationship to other men, he carries into economic life, because there are again the same human beings who have a connection with the spiritual life, occupy a legal position, and carry on business. On the one hand, the measures which the human being takes, the manner in which he associates with others, the way in which he transacts business, all that is permeated with what he has developed in his spiritual life, and with the legal order he has established in economic life; for they are the same men who work in the threefold organism and the unity is not effected by any abstract regulation, but by the living human beings themselves. Each member of the community, however, can develop his own nature and individuality in independence and can thus work for unity in the most effective manner. This applies to every member. On the other hand, we can see how, under the suggestion of the state as the principal of unity, precisely what is inseparable in life becomes separated, even what is so intimately connected as law and morality. Therefore the impulse to establish the threefold social organism is not to bring about the separation of what belongs together, but actually the cooperation of factors which ought to work together.

[ 22 ] Das Geistesleben, das ich gestern geschildert habe, das kann nur auf seinem eigenen freien Boden sich entwickeln. Aber wenn es sich auf seinem eigenen freien Boden entwickelt, dann wird es, wenn man ihm zugesteht, daß es gleiches Recht habe neben den beiden übrigen Gliedern des sozialen Organismus, nicht ein lebensfremdes Gebilde sein wie dasjenige Geistesleben, das sich seit Jahrhunderten eben lebensfremd und abstrakt entwickelt hat, sondern es wird die Stoßkraft entwickeln, unmittelbar in das wirkliche, äußerlich wirkliche Rechts- und Wirtschaftsleben einzugreifen. Es könnte als ein grotesker, als ein paradoxer Widerspruch erscheinen, wenn auf der einen Seite behauptet wird, das Geistesleben solle völlig selbständig werden, solle sich aus seinen eigenen Grundlagen heraus, so wie ich es gestern geschildert habe, entwickeln, und es könne doch auf der anderen Seite eingreifen in die praktischsten Gebiete des Lebens. Aber gerade dann, wenn der Geist sich selber überlassen ist, dann entwickelt er die Impulse, die das ganze Leben umfassen können. Denn dieser sich selbst überlassene Geist, der ist nicht darauf angewiesen, hinzuhorchen auf das, was der Mensch in sich ausbilden soll zum Zwecke irgendeiner Staatsschablone; er ist nicht bestimmt dadurch, daß nur derjenige ausgebildet werden kann, dem eine gewisse wirtschaftliche Macht zusteht, sondern es wird aus den Bedingungen der menschlichen Individualität heraus, aus der Beobachtung der menschlichen Fähigkeiten heraus entwickelt, was zutage treten will in irgendeiner Generation.

[ 22 ] The spiritual life can only develop on its own free and independent basis. But when allowed to develop in this way, and granted an equal right to subsist side by side with the two other departments of the social organism, it will no longer be an abstract formation, like the spiritual life which has actually been developing for centuries apart from the realities of life; it will develop an impetus to play a direct part in the active, real life of the legal-political and the economic organizations. It might seem to be an absurd contradiction, a paradox, to assert, on the one hand, that spiritual life should be fully independent and develop from its own foundations, as I showed yesterday, and, an the other hand, to claim that it shall play a part in the practical fields. But precisely when the spirit is left to itself does it develop impulses capable of embracing all spheres. For there is no reason why the free spirit in man should defer to any stereotyped pattern in the interest of the state; it is not to be limited by the condition that only those shall receive education who can command economic resources; but it will he able to develop human individuality in any generation through the observation of human capacities.

[ 23 ] Das aber, was so zutage treten will in irgendeiner Generation, das wird, weil der Geist sein Interesse über das ganze Leben hin ausdehnt, nicht nur die Natur in ihren Erscheinungen und Tatsachen umfassen, sondern das wird vor allen Dingen das Menschenleben selbst umfassen. Wir waren verurteilt, unpraktisch zu sein auf geistigem Gebiete, weil uns für das freie Geistesleben nur diejenigen Gebiete überlassen waren, die nicht eingreifen durften in die äußere Wirklichkeit. In dem Augenblicke, wo man dem Geiste es zugestehen wird, nicht bloß zu registrieren, was Parlamente als Staatsrecht bestimmen, sondern wo er von sich aus, wie es sein soll, das Staatsrecht zu bestimmen hat, in diesem Augenblicke wird er das Staatsrecht zu seiner Schöpfung machen und er wird eingreifen in das Getriebe, in die Ordnung der Wirtschaft in dem Augenblicke, wo man nicht bloß nach einer sich selbst überlassenen Wirtschaft, die nach ihren Tatsachen weiterrollt, ohne daß sie von Gedanken beherrscht wird, gewisse Gesichtspunkte und Maximen ausbilden wird für dieses Wirtschaftsleben, sondern wenn es dem Geiste überlassen wird, in dieses Wirtschaftsleben einzugreifen. Dann wird er sich auch fähig erweisen zur Lebenspraxis innerhalb des Wirtschaftskreislaufes. Man braucht ihm nur die Kraft zuzugestehen, ins praktische Leben einzugreifen, dann wird er es tun. Aber diese Wirklichkeitsanschauung ist notwendig, daß man den Geist nicht hermetisch abschließe in die Abstraktion, sondern daß man ihm den Einfluß in das Leben gebe. Dann wird er aus sich heraus jederzeit das Wirtschaftsleben gerade befruchten, während es sonst unbefruchtet bleibt oder nur durch Zufallserscheinungen befruchtet wird.

[ 23 ] The force, however, which strives to find expression in any one generation will not only embrace the phenomena and facts of nature; it will include, especially, human life itself, because the spirit extends its interests over all life. We have been condemned to be unpractical in the sphere of spiritual matters, because only these regions were left to the free spiritual life; we were denied the right to enter into external reality. As soon as the spirit is allowed not only to register parliamentary measures, but of itself to determine the laws of the state in freedom, in that moment it will make the legal code its own creation. The spirit will enter into the machinery and into the order of the law, as soon as the present mechanical system, which functions without thought according to certain maxims and points of view for the economic life, has been relinquished. As soon as the human spirit is free to play its part in the economic life it will at once prove its capacity in the practice of life within the economic circuit. All that is needed is to admit its power to enter actively into the practical realm. Then it will play its part. This true view of reality is a necessity. The spirit in man must not be hermetically sealed up in abstractions; it must be allowed to influence life. Then at every moment it will fructify the economic sphere, which otherwise must remain sterile, or must be dependent on mere chance for its fructification.

[ 24 ] Das muß berücksichtigt werden, wenn man klar sehen will, wie im dreigliederigen sozialen Organismus Geist, Recht und Staat und Wirtschaft zusammenwirken sollen. Über diese Dinge sind auch sehr einsichtige Persönlichkeiten der Gegenwart durchaus im unklaren. Diese einsichtigen Persönlichkeiten sehen oftmals, wie sich unter dem Wirtschaftsleben, das gewissermaßen von sich den Geist herausgetrieben hat, Zustände entwickelt haben, die heute sozial unhaltbar geworden sind. Da haben wir einen heute sehr angesehenen Denker über das Wirtschaftsleben, der findet zum Beispiel das Folgende. Er sagt: Wenn wir uns heute das Wirtschaftsleben anschauen, so sehen wir vor allen Dingen ein Verbrauchssystem, das im höchsten Grade zu sozialen Schäden führt. Die Menschen, die es können, die verbrauchen dies oder jenes, was eigentlich nur Luxus ist. - Dieser Denker weist darauf hin, welche Rolle das, was er Luxus nennt, im Leben der Menschen heute spielt, welche Rolle das auch spielt im wirtschaftlichen Leben der Menschen. Gewiß, man kann das leicht; man braucht nur auf solche Erscheinungen hinzuweisen, wie zum Beispiel, wenn sich, sagen wir, heute eine Dame eine Perlenkette kauft. Das werden manche heute noch immer für einen ganz geringen Luxus ansehen. Aber es wird dabei nicht bedacht, was innerhalb der heutigen wirtschaftlichen Struktur diese Perlenkette eigentlich wert ist. Für diese Perlenkette, für den Wert dieser Perlenkette kann man sechs Monate hindurch fünf Arbeiterfamilien erhalten! Das hängt die betreffende Dame um den Hals. Ja, man kann das einsehen, und man kann aus dem heutigen Geiste heraus nach Abhilfe suchen. Der angesehene Denker, den ich hier im Auge habe, der findet heraus, daß es notwendig sei, daß der Staat — selbstverständlich, vom Staat ist jeder suggeriert! - hohe Luxussteuern einführe, und zwar solche Luxussteuern, daß es den Leuten überhaupt vergeht, solchen Luxus sich anzuschaffen. Er läßt den Einwand nicht gelten, den sehr viele machen, daß wenn man den Luxus besteuere, dann ja der Luxus nachlasse und der Staat nichts habe von diesem Luxus. Er sagt: Nein, das ist gerade richtig, daß der Luxus aufhört, denn das Besteuern soll einen sittlichen Zweck haben. Die menschliche Sittlichkeit soll durch die Besteuerung gefördert werden.

[ 24 ] Now all this must be taken into account, if we wish to arrive at a clear understanding of the manner in which the spiritual, the legal-political, and the economic system should work together within the threefold social organism. There are very clear-sighted persons to whom these things are still quite obscure. They often see that under present economic conditions, from which, we may say, the spirit has been banished, circumstances have arisen which are now socially untenable. There is, for instance, a highly respected economic thinker whose opinion is as follows. He says: Looking at economic life today, what strikes us most is a system of consumption by which social evils are promoted in the highest degree. Those who possess the economic means today consume various things which are really only luxuries. He points out the role played by what he considers luxuries in the life of society and in economic life. Certainly this is not difficult. We need seek no further than the common occurrence of the purchase of a string of pearls by a lady. Many people would regard this as a very harmless luxury. They do not consider the actual present economic value of a string of pearls. On the equivalent of its value, five working-class families can live for six months. Yet this is hung by the lady in question round her neck! Anybody can understand this, and in the present-day attitude of mind one can seek a remedy for such things. The esteemed thinker whom I have in mind thinks it necessary for the state (of course, everybody is now under the obsession of the state) to impose high taxes on luxuries; so high, indeed, that people would cease buying them. He does not admit the validity of the argument that if luxuries were taxed in this way, they would decrease, and the state then would lose the benefit of the taxation. He argues that this is just what should happen, and that the taxation has a moral aim. Taxation would then have the effect of promoting morality!

[ 25 ] Sehen Sie, so ist das Denken. So wenig Glauben hat man an die Kraft des menschlichen Seelischen, des menschlichen Geistigen, daß man das, was aus dem menschlichen Seelischen, aus dem menschlichen Geistigen heraussprießen soll, herstellen will auf dem Wege der Besteuerung, das heißt des Rechtes! Kein Wunder, daß man da allerdings nicht zu einer einheitlichen Gliederung des Lebens kommt.

[ 25 ] Such is the way of thinking today. So small is the belief in the power of the human spirit, that it is proposed to establish the morality, which should spring from the human soul and spirit, by means of taxation, namely, by law! No wonder that here, at any rate, no unity of life can be reached.

[ 26 ] Derselbe Denker weist dann darauf hin, wie Besitzerwerbung dadurch Unrecht wird, daß in unserem Leben Monopole möglich sind, daß noch immer das soziale Leben unter dem Einflusse des Erbrechtes steht und dergleichen. Wiederum macht er den Vorschlag, diese Dinge alle durch die Steuergesetzgebung zu regeln. Wenn man vererbten Besitz so stark als möglich besteuere, dann werde eine Gerechtigkeit in bezug auf den Besitz, wie er meint, herauskommen. Ebenso könnte man durch Staatsgesetze, das heißt durch rechtliche Maximen, gegen die Monopole wirken und dergleichen mehr. Das Merkwürdige ist, daß dieser Denker sagt: Ja, aber es komme gar nicht darauf an, daß durch Staatsgesetze, Steuergesetze und so weiter dies alles, was er ja in Aussicht stellt, wirklich bestimmt werde, denn es zeige sich ja, daß der Wert solcher Staatsgesetze ein durchaus anfechtbarer sei, daß solche Staatsgesetze gar nicht immer das bewirken, was sie bewirken sollen. Aber nun sagt er: Darauf komme es nicht an, daß diese Gesetze tatsächlich die Sittlichkeit heben, die Monopole verhindern und so weiter, sondern es käme auf die Gesinnung an, aus welcher heraus diese Gesetze gegeben werden.

[ 26 ] The same thinker points out that the acquisition of property is a wrong, for the reason that monopolies are possible in our social life; that, for instance, social life still labors under the burden of the right of inheritance. And again he proposes to regulate all these things by taxation. If inherited property were taxed as highly as possible, he thinks that justice as regards property would result. It would also be possible to oppose monopolies and other evils of the same kind by law, by legal promulgations of the state. What strikes one in this thinker is that he says it is not of such importance that all these proposals should be determined by state laws, taxation, and so on; for it is plain that the value of such measures is by no means beyond dispute, because state laws do not always produce the intended result. But then he says: ‘The essential point is not that these laws should actually raise the level of morality, or hinder monopolies; what matters are the feelings which prompt such laws.’

[ 27 ] Jetzt sind wir ja nun doch wirklich bei dem absolutesten Drehen im Kreise angelangt. Ein angesehener politischer Denker der Gegenwart sagt ungefähr, was ich Ihnen hier charakterisiert habe. Gesinnung, ethische Gesinnung will er durch die Gesetzgebung hervorrufen; aber es komme nicht darauf an, daß die Erfolge dieser Gesetzgebung einträten, sondern daß dieMenschen die Gesinnung zu dieser Gesetzgebung haben! Es ist der reine Chinese, der sich an seinem eigenen Zopfe auffangen will. Es ist ein merkwürdiger Zirkelschluß, aber ein Zirkelschluß, der gründlich in unserem heutigen sozialen Leben drinnen wirkt. Denn unter dem Einflusse einer solchen Denkweise macht man heute das öffentliche Leben. Und man sieht nicht, daß alle diese Dinge letzten Endes doch dahin führen, anzuerkennen, daß die Grundlagen werden müssen für eine wirkliche Neugestaltung des sozialen Lebens: das Geistesleben in seiner Selbständigkeit, das Rechtsleben in seiner Selbständigkeit, in seiner Losgelöstheit vom Wirtschaftsorganismus, und die freie Ausgestaltung der Wirtschaftsorganisation als eine solche.

[ 27 ] But this is an absolutely complete example of turning in a circle! A famous political thinker of our day does almost exactly the same thing. He proposes to call forth an ethical mode of thought and feeling by legislation; but, he says, it is not necessary that this legislation should actually be in force; the main thing is that people should have a feeling for such legislation. It is a clear case of the Chinaman who tries to catch himself by his own pigtail! It is a strange closing of the circle; but one which works most effectually in our present social life. For public life is now molded under the influence of this mode of thought. And no one sees that all these things must lead in the end to the recognition of the fact that the basis for a really new construction of social life is the activity of the spiritual life in complete independence; likewise, the independence of the legal organization and its detachment from the economic system; and, finally, the untrammeled development of the economic organization.

[ 28 ] Solche Dinge treten einem besonders deutlich heute entgegen, wenn man, wie es jetzt zum Beispiel bei Robert Wilbrandt der Fall ist, der sein Buch über Sozialismus schrieb, das eben erschienen ist, wenn man da sieht, wie bei außerordentlich wohlmeinenden Leuten, bei Leuten, die durchaus das Ethos haben für eine Neugestaltung des sozialen Lebens, auftritt, ich möchte sagen, ein leises Hindeuten auf die absolute Notwendigkeit zum Beispiel einer geistigen Grundlage des sozialen Aufbaues, wie aber überall die Einsicht fehlt, wodurch diese geistige Grundlage zu erringen sei. Robert Wilbrandt ist kein Mensch, der bloß rein aus der Theorie heraus redet. Erstens redet er aus einem warmen und sozial begeisterten Herzen heraus. Zweitens hat er schier die ganze Welt bereist, um die sozialen Verhältnisse kennenzulernen, und er schildert in seinem Buche treulich, wie hart das Elend dem Menschen heute noch mitspielt über die ganze zivilisierte Welt hin. Er gibt anschauliche Beispiele von dem Elend des Proletariats in der zivilisierten Welt. Er deutet aber auch von seinem Gesichtspunkte an, wie in den verschiedensten Gebieten, in denen heute die soziale Frage aktuell geworden ist, die Leute versucht haben, an einem Neuaufbau zu arbeiten, wie sie aber entweder gescheitert sind, oder wie es sich deutlich zeigt, wie zum Beispiel im heutigen Deutschland, daß sie scheitern müssen; und Robert Wilbrandt ist sich ganz klar darüber, daß alle die Versuche, die aus dem heutigen Sinne herausgemacht werden, scheitern müssen. Damit schließt er ungefähr sein Buch. Nachdem das schon in verschiedenen Tönen im Verlauf des Textes des Buches angedeutet worden ist, klingt dann das ganze Buch in dieser merkwürdigen Weise aus. Da sagt er: Scheitern müssen diese Versuche, die da gemacht werden; zu keinem Aufbau werden sie wiederum kommen, weil dem sozialen Organismus heute die Seele fehlt, und ehe er die Seele bekommt, wird er keine fruchtbare Arbeit leisten. - Das Interessanteste ist, daß das Buch mit diesem Tone schließt, daß es nicht spricht von der Art und Weise, wie diese Seele gefunden werden soll.

[ 28 ] Such things strike us very forcibly today when we see how people, who are more than commonly well-intentioned, whose ethical sense for the need of a reconstruction of social life is beyond doubt, show at least a faint indication in their works of the absolute necessity for a spiritual foundation to the social edifice, and yet give evidence everywhere of a lack of understanding of the means by which that spiritual foundation can be attained. Such a person is Robert Wilbrand, who has just written a book on the social problem. Robert Wilbrand is no mere theorist. In the first place, he speaks from a warm heart and enthusiastic for social things. Secondly, he has traveled all over the world in order to acquaint himself with social conditions, and in his book, which appeared a few weeks ago, he faithfully depicts the terrible misery of the human being that prevails everywhere today. He gives graphic pictures of the misery of the proletariat, the wretchedness of the civilized world. He shows also from his own standpoint how, in the most diverse regions in which the social question has now become acute, people have striven to build up a new social structure, but how they have been, or must be, frustrated, as may be plainly seen in present-day Middle Europe (1919). And Robert Wilbrand is quite certain that every attempt made in the temper of the present day must fail. Having given expression to this sentiment in various cadences in the course of his book, he concludes in the following remarkable manner. He says: ‘These attempts which are being made must fail; they will never succeed in any reconstruction, because the social organism lacks a soul, and until it has a soul, it can accomplish no fruitful work.’ The most interesting part is that the book doses on this note, but does not indicate how this soul is to be found.

[ 29 ] Das möchte eben der Impuls für den dreigliederigen sozialen Organismus: nicht theoretisch reden, daß Seele notwendig ist, und warten, bis die Seele von selber sich einstellt, sondern hinweisen darauf, wie diese Seele sich entwickeln wird. Sie wird sich entwickeln, wenn man herauslöst aus dem Staatsleben und aus dem Wirtschaftsleben das Geistesleben. Und dann wird dieses Geistesleben, wenn es nur den Antrieben folgen kann, die der Mensch sich selbst für den Geist gibt, stark werden, um auch in das übrige praktische Leben eingreifen zu können. Dann wird sich dieses Geistesleben so gestalten, wie ich das Geistesleben gestern zu schildern versuchte. Dann wird dieses Geistesleben Wirklichkeit in sich selber enthalten. Und dann wird man von diesem Geistesleben sagen können, daß man in der Lage ist, ihm aufzubürden, was ihm zum Beispiel aufgebürdet wird in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft».

[ 29 ] The aim of the impulse for the threefold social organism is not to announce theoretically that the soul is lacking, and wait till it appears of itself; but to point out how it will develop. It will develop when the spiritual life has been liberated from the political and economic organizations. The spiritual life, if it can only follow the impulses which man evolves from his spiritual nature, will then be strong enough to take its part in all the rest of practical life. Then spiritual life will take that form which I endeavored to describe yesterday; it will contain reality. We can say that in the present and in the future this spiritual life will be strong enough to bear the burden laid upon it, which, for example, is mentioned in my book, The Threefold Commonwealth.

[ 30 ] Gewiß, man kann heute hinweisen darauf - und wir haben es im zweiten Vortrage getan —, wie das Kapital im sozialen wirtschaftlichen Prozeß heute wirkt. Allein, wenn man bloß davon spricht, daß das Kapital abgeschafft werden soll oder in Gemeineigentum übergeführt werden soll, so hat man keinen Begriff davon, wie eigentlich im wirtschaftlichen Leben drinnen, besonders unter den heutigen Produktionsverhältnissen, das Kapital wirkt, wie es notwendig ist, daß die Kapitalansammlungen stattfinden, damit die befähigten Menschen durch die Verwaltung dieser Kapitalmassen gerade zum Gemeindienste wirken können. Deshalb wurde im Grunde genommen in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» die Kapitalverwaltung abhängig gemacht von dem Geistesleben unter Mitwirkung des selbständigen Rechtslebens. Während wir heute sagen, daß das Kapital selber wirtschaftet, wird verlangt von dem Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus, daß es zwar immer möglich sein müsse, Kapitalansammlung zu bilden, daß es möglich sein müsse, daß diese Kapitalansammlung verwaltet werden könne von demjenigen, der für irgendeinen Betrieb die nötigen Fähigkeiten aus dem geistigen Leben heraus entwickelt hat, daß aber diese Kapitalansammlungen nur so lange von demjenigen, der sie angesammelt hat, verwaltet werden sollen, als er sie selbst verwalten kann. In dem Augenblicke, oder wenigstens bald nach diesem Augenblicke - auf das einzelne brauchen wir heute nicht einzugehen -, wenn der Betreffende nicht mehr mit seinen Fähigkeiten selbst hinter der Verwaltung des Kapitals stehen kann, hat er dafür zu sorgen, oder wenn er sich dazu unfähig fühlt, hat er irgendeine Korporation des Geisteslebens, die da sein muß, dafür sorgen zu lassen, daß dieser Betrieb wiederum an einen Fähigsten, der ihn verwalten kann zum Gemeindienste, übergehen könne. Das heißt: Die Überleitung eines Betriebes an eine Persönlichkeit oder Personengruppe ist nicht gebunden an Kauf oder an sonstigen Kapitalübergang, sondern ist gebunden an das, was sich aus den Fähigkeiten der Menschen selbst ergibt, von den Fähigen an die Fähigen, von denjenigen, die im Gemeinschaftsdienste arbeiten können an diejenigen, die wiederum im Gemeinschaftsdienste in der besten Weise arbeiten können. Von diesem Übergange hängt das soziale Heil der Zukunft ab. Dieser Übergang wird aber nicht ein wirtschaftlicher sein, wie er es jetzt ist, sondern dieser Übergang wird aus Impulsen der Menschen erfolgen, die er bekommt aus dem selbständigen Geistesleben und aus dem selbständigen Rechtsleben. Es werden sogar Korporationen im Geistesleben vorhanden sein, verbunden mit allen anderen Gebieten des Geisteslebens, denen sozusagen die Verwaltung des Kapitals obliegt.

[ 30 ] It is true, we can now point out, as it has been clone in my second lecture, the way in which capital works today in the social economic process. But those who simply say that capital should be abolished or transformed into common property have no idea how capital works in the economic system, especially under the present conditions of production. They do not know that accumulations of capital are needed in order that through the control of capital men may work for the public good. For this reason in my book, The Threefold Commonwealth, the administration of capital was made, on the whole, dependent on the spiritual organization in cooperation with the independent political and legal organization. Whereas we now say that capital makes business, the impulse for the threefold order of the social organism requires that, although it should always be possible to accumulate capital, provision must be made for capital to be administered by some one who has developed out of the spiritual life the necessary capacity for business; and that this accumulation of capital may be administered by the person to whom it belongs only as long as he is able to administer it himself. When the capitalist can no longer put his own capacities into the administration of the capital, he must see—or if he should feel himself incapable of such a task, a corporation of the spiritual organization must assume the responsibility of seeing—that the management of the business shall pass to a highly capable successor, able to carry it on for the benefit of the community. That is to say: The transference of a business concern to any person or group of persons is not dependent on purchase or any other displacement of capital, but is determined by the capacity of individuals themselves; it is a matter of transfer from the capable to the capable, from those who can work in the service of the community to those who can also work in the best way far the common good. On this kind of transference the social safety of the future depends. It will not be an economic transference, as is now the case; this transference will result from the impulses of the human being, received from the independent spiritual-intellectual life and from the independent legal-political life. There will even be corporations within the cultural organization, united with all other departments of the cultural life, on. which the administration of capital will devolve.

[ 31 ] So konnte ich an die Stelle des Übergangs der Produktionsmittel an die Gemeinschaft die Zirkulation der Produktionsmittel im sozialen Organismus setzen, den Übergang vom Fähigen zum Fähigen, das heißt, die Zirkulation; und diese Zirkulation hängt ab von der Selbständigkeit des Geisteslebens, der sie gewissermaßen untersteht, von der sie bewirkt wird. So daß man sagen kann: In dem, was im eminentesten Sinne im Wirtschaftskreislauf drinnensteht, wirkt, was als Kraft im Geistesleben vorhanden ist, im Rechtsleben vorhanden ist. Man kann sich die Einheit im Wirtschaftsleben nicht geschlossener denken, als sie bewirkt wird durch solche Maßnahmen. Aber die Strömung, die sich dem Wirtschaftsleben eingliedert, kommt aus dem selbständigen Geistesleben, aus dem selbständigen Rechtsleben her. Der Mensch wird nicht mehr dem Zufall preisgegeben sein, der da wirkt durch bloßes Angebot und Nachfrage ‚oder durch die sonstigen Faktoren, die heute im Wirtschaftsleben tätig sind, sondern in dieses Wirtschaftsleben wird hereinwirken Vernunft und rechtliche Beziehung zwischen Mensch und Mensch. Also zusammenwirken wird Geist, Recht und Wirtschaft, wenn sie auch getrennt voneinander verwaltet werden, weil der Mensch aus einem Gebiete in das andere — er gehört allen dreien an — dasjenige hineintragen wird, was hineinzutragen ist. Allerdings werden sich die Menschen von manchem Vorurteil frei machen müssen, wenn diese Dinge nach und nach zustande kommen sollen.

[ 31 ] Thus, instead of handing over the means of production to the community, we transfer it from one capable person to another equally capable, that is, the means of production is circulated within the community; this circulation depends on the freedom of the cultural life by which it is effected and upheld. So that we may say: the main factor in the circuit of economic life is the impulse which is at work in the spiritual, and in the equity life. It would be impossible to imagine any unity more complete than that effected in economic life by such measures. But the stream which unites itself with the economic organization flows from the free spiritual and the free political organizations. No longer will society be exposed to the chance which is expressed in supply and demand; or in the other factors in our present economic organization. Reasonable and just relations between man and man will enter into this new economic life. So that the spiritual, legal, and economic organizations will work together as one, even though they are administered separately; man will carry over from one sphere into another—since he belongs to all three—what each one needs. It is true that we must free ourselves from many a prejudice if these things are gradually to be brought to pass.

[ 32 ] Heute ist man sich noch durchaus klar darüber, daß Produktionsmittel, daß Grund und Boden Dinge des Wirtschaftslebens sind. Der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus verlangt, daß im Wirtschaftsleben nur verwaltet werden die gegenseitigen Werte, an die angenähert werden sollen die Preise, so daß bloß die Preisbestimmung dasjenige ist, was eigentlich zuletzt aus der Wirtschaftsverwaltung herauskommt.

[ 32 ] Today we are absolutely convinced that the means of production and land are matters belonging to economic life. The impulse of the threefold order requires that only the reciprocal values of things shall come under the economic administration, and that prices shall approximate values, so that ultimately what finally proceeds from the economic administration is merely the determination of price.

[ 33 ] Diese Preisbestimmung aber zu einer gerechten zu machen, ist unmöglich, wenn im Wirtschaftsleben drinnen wirkt das Produktionsmittel als solches und der Grund und Boden als solcher. Die Verfügung über Grund und Boden, was sich heute im Eigentumsrecht von Grund und Boden konzentriert, und die Verfügung über die fertigen Produktionsmittel können keine wirtschaftliche Angelegenheit sein, sondern die sollen zum Teil eine geistige, zum Teil eine rechtliche Angelegenheit. sein. Das heißt, die Überleitung von Grund und Boden von einer Person oder Personengruppe auf eine andere soll nicht durch Kauf oder Erbschaft, sondern durch eine Übertragung auf dem Rechtsboden beziehungsweise aus den Prinzipien des geistigen Lebens heraus erfolgen. Das Produktionsmittel, also dasjenige, wodurch in der Industrie oder dergleichen produziert wird, das vorzugsweise der Kapitalbildung zugrunde liegt, kann nur solange etwas kosten, bis es fertig ist. Ist es fertig, dann verwaltet es derjenige, der es zustande gebracht hat, weil er esam besten versteht, so lange als er selbst mit seinen Fähigkeiten bei dieser Verwaltung dabei sein kann. Aber es ist ferner nicht ein Gut, das verkauft werden kann, sondern das nur durch Rechts- beziehungsweise durch geistige Bestimmung, die durch das Recht realisiert wird, von einer Person oder Personengruppe auf eine andere Person oder Personengruppe übertragen werden kann.

[ 33 ] But it is impossible to reach a just determination of price as long as the means of production and land function as they now do within the economic system. The disposal of land, systematized in the laws relating to its ownership, and the disposal of the finished means of production (for example, a factory with its machinery and equipment), should be no matter for the economic organization; they must belong partly to the spiritual and partly to the legal. That is to say, the transference of land from one person or group of persons to another must not be carried out by purchase or through inheritance, but by transference through the legal means, on the principles of the spiritual organization. The means of production through which something is manufactured—a process which lies at the basis of the creation of capital—can only be looked at from the viewpoint of its commodity-cost while it is being built up. Once it is ready for operation, the creator of it takes over the management because he understands it best. He has charge of it as long as he can personally use his capacities. But the finished means of production is no longer a commodity to be bought and sold; it can only be transferred by one person or group of persons to another person or group of persons by law, or rather, by spiritual decisions confirmed by law.

[ 34 ] So wird dasjenige, was heute zu Unrecht im Wirtschaftsleben drinnensteht, das Eigentumsverfügungsrecht, das Grund- und Bodenverfügungsrecht, das Verfügungsrecht über die Produktionsmittel, gestellt auf den selbständigen Rechtsboden unter Mitwirkung des selbständigen Geistesbodens.

[ 34 ] Thus, what at present forms part of the economic life, such as the laws relating to the disposal of property, to the sale of land, and to the right of disposal of the means of production, will he placed on the basis of the independent legal organization working in conjunction with the independent spiritual organization.

[ 35 ] Fremd mögen den heutigen Menschen noch diese Ideen anmuten. Aber das ist ja gerade das Traurige, das Bittere, daß sie den gegenwä tigen Menschen fremd anmuten. Denn erst dadurch, daß diese Dinge wirklich einziehen in die Menschengeister, in die Menschenseelen und auch in die Menschenherzen, so daß sich die Menschen sozial im Leben nach ihnen verhalten, erst dadurch kann dasjenige kommen, was so viele Menschen auf ganz andere Art herbeiführen wollen, aber niemals werden herbeiführen können. Das ist es, was man endlich einsehen sollte: daß manches, was heute noch paradox erscheint, einem wirklich gesundenden sozialen Leben als etwas Selbstverständliches erscheinen wird.

[ 35 ] These ideas may appear to the present-day world strange and unfamiliar. But this fact is just what is so sad and bitter. Only when these things find entrance into the minds and souls and hearts of men, so that the human being orders his social life accordingly, only then can be fulfilled what so many try to bring about in other ways, but always without success. It is a truth which must now at last be recognized, that much which at present appears paradoxical will seem a matter of course when social life is really on the way to recovery.

[ 36 ] Nicht aus den Leidenschaften, aus den Antrieben und Emotionen heraus, aus denen heute oftmals soziale Forderungen gestellt werden, stellt der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus seine sozialen Forderungen. Er stellt sie aus einem Studium der wirklichen Entwickelung der Menschheit in der neueren Zeit und bis in die Gegenwart herein. Er sieht zum Beispiel, wie im Laufe langer Jahrhunderte eine soziale Form die andere abgelöst hat. Gehen wir zurück hinter das letzte Mittelalter - es hat sich noch etwas hineinerstreckt ins letzte Mittelalter, namentlich in der europäischen zivilisierten Welt —, so finden wir das gesellschaftliche Leben in einer solchen Struktur, daß wir sprechen können von einer Machtgesellschaft. Diese Machtgesellschaft war dadurch heraufgekommen, daß, um nur ein Beispiel anzuführen, meinetwillen irgendein Eroberer mit einer Gefolgschaft sich irgendwo seßhaft gemacht, seine Gefolgschaft gewissermaßen zu seiner Arbeiterschaft gemacht hat. Dann wurde dadurch, daß der Führer angesehen wurde vermöge seiner individuellen Eigenschaften, individuellen Tüchtigkeit oder vermeintlichen individuellen Tüchtigkeit, das soziale Verhältnis zustande gebracht zwischen seiner Macht und der Macht derer, die er erst anführte und die dann seine Diener beziehungsweise seine Arbeiterschaft waren. Da ging gewissermaßen als das Maßgebliche für den sozialen Organismus dasjenige, was in einem entsprang oder in einer aristokratischen Gruppe, auf die Gesamtheit über, das lebte in der Gesamtheit weiter. Der Wille, der in der Gesamtheit war, war gewissermaßen in dieser Machtgesellschaft nur die Abzeichnung, die Projektion des Einzelwillens.

[ 36 ] The impulse for the three-membered social organism makes no social demands on the basis of passion, or impelled by motives and emotions which often underlie these social demands. It puts forward its demands from a study of the actual evolution of humanity in recent times up to the present day. It sees how, in the course of long centuries, one form of social life has given place to another. Let us go back to a time before the end of the Middle Ages. We find a condition of things extending into the latter part of medieval times, especially in civilized Europe. We find society in a condition which we may call a social order of might. This society of might or despotism arose in the following way, to give one example of the manner in which such changes are brought about. Some conqueror, with his train of followers, settled in some locality and these became his workmen. Then, since the leader was looked up to an account of his individual qualities, his abilities, a social relationship was brought about between his power and that of those whom he had once led, and who afterwards became his servants or his workmen. Here the model for the social organism, which took its rise in one person or in one aristocratic group, passed on to the community at large, and lived on in that community. The will of the community was to a certain extent only the reproduction or the projection of the single will in that society of might, of despotism.

[ 37 ] Unter dem Einflusse der neueren Zeit, der Arbeitsteilung, des Kapitalismus, der technischen Kultur, trat an die Stelle dieser Machtgesellschaft, aber durchaus ihre Impulse fortsetzend unter den Menschen und dem menschlichen Zusammenleben, die Tauschgesellschaft. Was der einzelne hervorbrachte, wurde zur Ware, die er mit dem anderen austauschte. Denn schließlich ist die Geldwirtschaft auch nichts anderes, insofern sie Verkehr mit dem anderen einzelnen oder mit der anderen Gruppe ist. Es ist ein Tauschverkehr. Die Gesellschaft ist eine Tauschgesellschaft geworden. Während in der Machtgesellschaft die Gesamtheit es zu tun hat mit dem Willen des einzelnen, den sie aufnimmt, hat es die Tauschgesellschaft, in der wir noch mitten drinnen sind und aus der ein großer Teil der heutigen Menschheit herausstrebt, zu tun mit dem Willen des einzelnen, der gegen den Willen des einzelnen steht, und aus dem Zusammenwirken von Einzelwille zu Einzelwille entsteht erst, wie ein Zufallsergebnis, der Gesamtwille. Da sprießt auf aus dem, was von einzelnem zu einzelnem geschieht, was sich bildet als Wirtschaftsgemeinschaft, was sich bildet als Reichtümer, was sich herausbildet in der Plutokratie und so weiter. In all dem wirkt aber dasjenige drinnen, was zu tun hat mit dem Aufeinanderprallen von Einzelwillen auf Einzelwillen.

[ 37 ] Under the influence of modern times, of the division of labor, of capitalism, of technical culture, this despotic order of society gave place to the system of trade, of exchange, which, however, carries on the same impulses among individuals and in the whole life of the community. The commodity produced by the individual becomes merchandise, which is exchanged for something else. For financial economy is, in reality, so far as it consists in a transaction between individuals or groups, neither more nor less than a system of trading. Social life is a system of trading. Whereas under the old despotic system, the whole community had to do with the will of a single individual, which it accepted, the system of trading, under which we are still living, and from which a great part of the population of the world is striving to extricate itself, has to do with the will of one individual opposed to the will of another. And only out of the cooperation of one single member with another arises, as if by chance, the collective will of the community. Springing from intercourse between one individual and another the economic community takes shape, together with wealth, and the element which we recognize in plutocracy. In all this there is something at work which has to do with the clashing of individual interests with one another.

[ 38 ] Es ist kein Wunder, daß die alte Machtgesellschaft nicht nach irgendeiner Emanzipation des Geistigen streben konnte. Denn derjenige, der der Führer war, wurde vermöge seiner Tüchtigkeit auch anerkannt als der Führer des Geistigen und als der Führer der Rechtsordnung. Es ist aber auch begreiflich, daß das Rechts-, das Staats-, das politische Prinzip in der Tauschgesellschaft besonders überhandgenommen hat. Haben wir doch gesehen, worauf das Recht eigentlich beruhen will, wenn auch dieses Wollen nicht zum richtigen Ausdrucke kommt in der heutigen sozialen Ordnung. Das Recht hat es eigentlich zu tun mit dem, was der einzelne Mensch als ein gleicher dem anderen gegenüber, der ihm gleich ist, auszumachen hat. In der Tauschgesellschaft hat der einzelne mit dem einzelnen zu tun. So hat die Tauschgesellschaft das Interesse, ihr Wirtschaftsleben, wo auch der einzelne mit dem einzelnen zu tun hat, in ein Rechtsleben umzuwandeln, das heißt, zu Rechtssatzungen umzugestalten, was wirtschaftliche Interessen sind.

[ 38 ] It is no wonder that the old despotic order of society could not aspire to the smallest emancipation of the spiritual life. For on account of his superior capacity their leader was also recognized as the authority in the spiritual, and in the legal order. But it is quite comprehensible that the legal, the state, the political principle has gained the upper hand, especially in the trading system of society, for have we not seen on what foundation law actually wills to rest, even though that will does not find its true expression in the present social order? Law is really concerned with all that the individual man has to regulate with other individual men who are his equals. The trading system is an order in which one person has to do with another. It was, therefore, to the interest of the society based on the trading system to transform its economic system, in which one person has to do with another, into a legal system; that is to say, to change economic interests into legal statutes.

[ 39 ] Geradeso wie die alte Machtgesellschaft übergegangen ist in eine Tauschgesellschaft, so strebt heute aus innersten Impulsen der Menschheitsentwickelung heraus diese Tauschgesellschaft in eine neue Gesellschaft hinein, namentlich auf wirtschaftlichem Boden. Denn die Tauschgesellschaft ist nach und nach, indem sie sich angeeignet hat das Geistesleben, es unfrei gemacht hat, lebensfremd gemacht hat, eine bloße Wirtschaftsgesellschaft geworden, und sie wird als solche gefordert von gewissen radikalen Sozialisten. Aber aus tiefsten Impulsen der heutigen Menschheit heraus will diese Tauschgesellschaft, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiete, in das übergehen, was ich nennen möchte - wenn auch der Name etwas hinkt, es ist aber eben eine neue Sache, und man hat in der Regel für die neuen Sachen nicht zutreffende Bezeichnungen, die ja aus der Sprache heraus gebildet werden müssen — die Gemeingesellschaft. Es muß übergehen die Tauschgesellschaft in die Gemeingesellschaft.

[ 39 ] Just as the old despotic system was transformed into a society of trading, this latter system now strives, out of the innermost impulses of human evolution, to take a new social form, especially in the domain of economies. For the system of trading, having appropriated to itself the spiritual life, having enslaved it and turned it away from real life, has gradually grown into a mere economic system of society, the form demanded by certain radical socialists. But, out of the deepest human impulses of our day, this trading system strives to pass, especially in the domain of economic life, into that form which I might call, even if the term is inadequate, the Commonwealth. The Society of Traders must be transformed into the Commonwealth.

[ 40 ] Wie wird diese Gemeingesellschaft gestaltet sein? Geradeso wie in der Machtgesellschaft der Einzelwille oder der Wille einer Aristokratie, also auch eine Art Einzelwille, gewissermaßen fortwirkt in der Gesamtheit, so daß die einzelnen in ihren Wollungen nur darstellen Fortsetzungen des Willens der einzelnen, und wie die Tauschgesellschaft zu tun hatte mit dem Aufeinanderprallen von Einzelwille auf Einzelwille, so wird es die wirtschaftliche Ordnung der Gemeingesellschaft zu tun haben mit einer Art von Gesamtwille, der nun umgekehrt auf den Einzelwillen zurückwirkt. Denn ich habe es im zweiten Vortrage auseinandergesetzt, wie auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens Assoziationen der verschiedenen Produktionszweige auftreten sollen, Assoziationen von Produktionszweigen mit den Konsumierenden, so daß überall sich die Wirtschaftenden und auch die wirtschaftlich Konsumierenden zusammenschließen sollen. Die Assoziationen werden Verträge miteinander schließen. Es wird sich innerhalb von Gruppen, die größer oder kleiner sind, eine Art von Gesamtwille bilden. Nach diesem Gesamtwillen streben ja viele sozialistisch sich Sehnende. Nur stellen sie sich die Sache oftmals in einer höchst unklaren, durchaus nicht vernünftigen Weise vor.

[ 40 ] What form will the Commonwealth take Just as the individual will, or the will of an aristocracy, which is also a kind of individual will, continues in a sense to work in the whole community, so that the impulses of the individuals only represent an extension of the will of the one; just as the trading system had to do with the clashing of one individual will with another, so the economic order of the Commonwealth will have to do with a kind of collective will, which then in reverse fashion works back on the individual will. I explained in the second lecture how associations of the various branches of production with the consumers will be called into existence in the sphere of economic life, so that everywhere there will be a combination of the producers with the consumers. These associations will enter into contracts with other associations. A kind of collective will then arises, within larger or smaller groups. This collective will is an ideal for which many socialists yearn; but they visualize the matter in a very confused, by no means reasonable, manner.

[ 41 ] Geradeso wie in der Gewaltgesellschaft, in der Machtgesellschaft der Einzelwille in der Gesamtheit gewirkt hat, so wird in der Gemeingesellschaft der Zukunft ein gemeinsamer Wille, ein Gesamtwille in dem einzelnen wirken müssen.

[ 41 ] Just as in the society of despotism, of power, the single will worked in the community, so there must work in the future Commonwealth a common will, a collective will.

[ 42 ] Wie aber wird das möglich sein? Was muß in dem Gesamtwillen - er muß ja entstehen durch das Zusammenwirken der Einzelwillen, die Einzelwillen müssen etwas ergeben, was keine Tyrannis ist, keine demokratische Tyrannis ist für den einzelnen, innerhalb dessen sich der einzelne frei fühlen kann -, was muß denn drinnenstecken in diesem Gesamtwillen? In diesem Gesamtwillen muß drinnenstecken, was die einzelne Seele und der einzelne menschliche Geist aufnehmen können, womit sie sich einverstanden erklären können, worinnen sie sich einleben können. Das heißt, das, was im einzelnen Menschen lebt, Geist und Seele, das muß im Gesamtwillen der Gemeingesellschaft leben. Das ist nicht anders möglich, als wenn diejenigen, die diesen Gesamtwillen ausgestalten, aus dem Einzelwillen heraus in sich tragen in ihrem Wollen, in ihrem Empfinden, in ihrem Vorstellen das völlige Verständnis für den einzelnen Menschen. Einfließen muß in diesen Gesamtwillen, was der einzelne Mensch als sein eigenes Geistiges und Seelisches und Leibliches empfindet. Dann muß es aber hineingelegt werden.

[ 42 ] But how will that be possible? As we know, it must arise through the cooperation of single wills. The single wills must give a result which is no tyranny for the individual, but within which everyone must be able to feel himself free. What must be the content of this collective will? In it must he contained what every soul and every human body can accept, something with which they are in agreement, with which they can grow familiar. That means that the spirit and soul which live in the individual human being must also live in the collective will of the Commonwealth. This is possible only when those who build up the collective will carry in themselves of their own will, in their intentions, in their feelings, and in their thoughts, a complete understanding of the individual man. Into that collective will must flow all that is felt by the individual man, as his own spiritual, moral, and bodily nature. This is imperative.

[ 43 ] Anders war das in der instinktiven Machtgesellschaft, wo der einzelne anerkannt wurde von der Gesamtheit, weil die einzelnen in der Gesamtheit nicht geltend machten ihren eigenen Willen; anders war es in der Tauschgesellschaft, wo der Einzelwille aufgeprallt ist und eine Art Zufallsgemeinsamkeit herausgekommen ist; anders aber muß es sein, wenn ein organisierter Gesamtwille auf den einzelnen wirken soll. Dann darf niemand, der an der Gestaltung dieses Gesamtwillens teilnimmt, unverständig sein gegenüber dem, was das wahrhaft Menschliche ist. Dann darf man nicht mit einer abstrakten Naturwissenschaft, mit einer Naturwissenschaft, die bloß auf die äußere Natur gerichtet ist und die niemals den ganzen Menschen verstehen kann, heranrücken an die Lebensanschauung. Dann muß man mit Geisteswissenschaft an die Lebensanschauung heranrücken, mit jener Geisteswissenschaft, die, weil sie den ganzen Menschen umfaßt nach Leib, Seele und Geist, auch empfindungsgemäß und willensgemäß ein Verständnis hervorruft für diesen einzelnen Menschen.

[ 43 ] This was not so in the society of might, which acted instinctively, in which a single person was looked up to by the community, because the individual persons forming the community could not make their individual will felt. Nor was it so in the trading system of society, in which a single individual will clashed with others, and a chance kind of common life arose from it. But it must be otherwise when an organized collective will influences the individual. Then, no one who shares in the forming of that collective will must lack understanding of what is truly human. There no one who is equipped only with abstract modern science, which applies merely to external nature, and which can never explain the whole man, must presume to decide questions on the philosophy of life. Men will approach the philosophy of life with spiritual science which embraces the whole man, body, soul, and spirit, and provides understanding in regard to the feeling and will of every single person.

[ 44 ] Will man daher eine gemeinschaftliche Wirtschaftsordnung hervorrufen, wird man sie nur hervorrufen können, wenn man sie wird beseelen können aus dem selbständigen Geistesleben heraus. So wird nur möglich sein, eine gedeihliche Zukunft zu gestalten, wenn es andererseits wird geschehen können, daß widerstrahlt, was in freiem Geistesleben gedacht ist, aus dem Wirtschaftsleben heraus. Und dieses freie Geistesleben wird sich nicht als unpraktisch erweisen, es wird sich als sehr praktisch erweisen. Nur wer im unfreien Geistesleben verweilt, kann so leben, daß er nachdenkt über das Gute, daß er nachdenkt über das Böse, über das Richtige und über das Wahre, über das Schöne und über das Häßliche, und das nur im Inneren seiner Seele besteht. Derjenige aber, der den Geist als etwas Lebendiges durch Geisteswissenschaft anschaut, durch geisteswissenschaftliche Erkenntnis ergreift, der wird insbesondere in bezug auf das Menschenleben praktisch in allen seinen Handlungen. Was er aus der Geistanschauung in sich aufnimmt, das geht unmittelbar in die Hände, das geht in jede Lebensverrichtung über, das gestaltet sich wirklich so, daß es sich hineinleben kann in das unmittelbare praktische Leben. Nur eine aus dem praktischen Leben verdrängte Geisteskultur wird lebensfremd. Eine Geisteskultur, der man Einfluß gestattet auf das praktische Leben, die entwickelt sich zur Praxis. Ich möchte sagen: Wer das geistige Leben wirklich kennt, der weiß, wie wenig jenem geistigen Element, das seinem eigenen Antrieb überlassen ist, das praktische Leben fernsteht. Ich möchte sagen: Der ist kein guter Philosoph, der nicht im richtigen Augenblicke auch Holz hacken kann, denn wer eine Philosophie begründen will, ohne daß er Hand anlegen kann an das unmittelbar praktische Leben, der begründet keine Lebensphilosophie, der begründet eine lebensfremde Philosophie. Praktisch ist das wirkliche Geistesleben.

[ 44 ] Hence. it will only be possible to establish an economic order of the community, when the economic organization can be inspired by the independent spiritual life. It will thus not be possible to bring about a sound future unless what is thought in the free life of the spirit is reflected back from the economic life. That free spiritual life will not prove itself unpractical, but on the contrary, prove itself very practical. Only he who lives in an atmosphere of spiritual slavery can be content just to reflect on Good and Evil, on the True and the False, the Beautiful and the Ugly within his own soul. But anyone who, through spiritual science, has learnt to behold the spirit as a living force, and who grasps it by the aid of spiritual science, will be practical in all his actions, especially in everything relating to human life. That which he absorbs from his spiritual vision passes immediately into every function of life; it actually puts on a form which enables it to live in the immediate practice of life. Only a spiritual culture that has been banished from practical life can become foreign to life. A spiritual culture which is allowed to influence practical life develops in the practice. He who really knows what spiritual life is, knows how close to practical life that spirit element is, when it is allowed to follow its own impulses unhindered. The man who desires to found a new philosophy, and who does not know even how to chop wood, should the occasion arise, is no really good philosopher. For he who would found a philosophy, without the ability to turn his hand to anything in the direct practice of life, can found no philosophy of life, but only one foreign to all life. True spiritual life is practical.

[ 45 ] Unter den Einflüssen, die im Laufe der Jahrhunderte heraufgezogen sind, kann man es begreifen, wenn heute gerade Menschen, die innerhalb des heutigen Kulturlebens, des heutigen führenden Geisteslebens stehen wie zum Beispiel Robert Wilbrandt, der seine Sozialisierung aus einer wirklichen guten Meinung heraus, aus einem wirklichen sozialen Ethos heraus geschrieben hat, doch sagen: Es kann keine praktische Aufbauarbeit geleistet werden, weil die Seele fehlt —, wenn sie sich nicht dazu aufschwingen können, nach der Realität der Seelenbildung, der Seelengestaltung zu fragen, sich nicht entschließen können zu fragen: Was bewirkt ein wirkliches freies Geistesleben auch für das Staats-, auch für das Wirtschaftsleben? Dieses freie Geistesleben wird in der richtigen Weise zusammenwirken, wie ich gezeigt habe, mit dem Wirtschaftsleben. Dann aber wird auch das Wirtschaftsleben, das mit dem Staats- und Geistesleben zusammenwirken kann, jederzeit solche Menschen ausbilden können, die wiederum die Anregung geben dem Geistesleben.

[ 45 ] Under the influences which have made themselves felt for centuries, it is comprehensible that there should be persons belonging to the present civilization—among them the leaders of our intellectual life—who are of the same opinion as Robert Wilbrand. In his book on social reconstruction, with the best intentions, from a feeling prompted by true ethics, he says: “No practical work of reconstruction can be accomplished because the soul is lacking.” But people cannot bring themselves to ask about the reality of soul-development, of soul-building, they cannot make up their minds to ask: What is the effect of a truly free spiritual life on the political and economic life? That free spiritual life will, as I have shown, rightly cooperate with the economic life. Then the economic life, which can cooperate with the political and spiritual life, can at all times train men who will in their turn give stimulus to the spiritual life.

[ 46 ] Ein freies, unmittelbar wirkliches Zusammenleben wird durch die Dreigliederung des sozialen Organismus bewirkt. Daher möchte man den Menschen, die heute aus einem Instinkt heraus, aber durchaus nicht aus einem wirklichen Lebensmute heraus, nach einer unbestimmten Seele, nach einem unbestimmten Geist verlangen, entgegenrufen: Lernet erkennen, was die Wirklichkeit des Geistes ist; gebet dem Geiste, was des Geistes ist, gebet der Seele, was der Seele ist, und es wird auch dem Wirtschaftsleben erscheinen, was der Wirtschaft ist.

[ 46 ] Through the three-membered social organism a free, absolutely real life of the community will be brought about. Then those persons who now, out of instinct rather than out of a true courage in life, seek a vague something which they call soul or spirit, may be answered in these words: Learn to recognize the reality of your spiritual nature. Give to the spirit the things of the spirit, and to the soul the things of the soul; and it will then be plain also what belongs to the economic life.

Fragenbeantwortung nach dem fünften Vortrag

Not translated

[ 47 ] Hier ist zunächst die Frage gestellt:

[ 47 ] Not translated

[ 48 ] Ich fürchte, daß durch die Dreigliederung des sozialen Organismus ein ewiger Schematismus erzeugt werden wird, wie derjenige des deutschen Idealismus, speziell Kants war, der das gesamte reiche Geistesleben in das Schema der Dreigliedrigkeit von Denken, Fühlen und Wollen hineingepreßt hat.

[ 48 ] Not translated

[ 49 ] Verzeihen Sie, wenn ich zunächst auf etwas Persönliches hinweise. Ich habe mir in den verschiedensten Büchern — und es ist ja eine große Reihe, die ich geschrieben habe, eine viel zu große — die Aufgabe gestellt, das Unrichtige, das Verwerfliche in einer gewissen Beziehung sogar des Kantianismus in der Weltanschauung darzulegen. Es ist das heute noch ein recht unpopuläres Geschäft. Und ich habe insbesondere immer wiederum auf das Ungesunde der kantianischen Denkweise aus dem Grunde hinweisen müssen, weil ich fühlte, wie ein aus der Wirklichkeit heraus gestaltetes und geformtes Denken dem kantischen genau entgegengesetzt ist. Man möchte sagen: Das kantische Denken ist deshalb so beliebt, weil es schematisiert. Wer meine Vorträge hier verfolgt hat, der wird finden, daß ich ja zwar auch Worte gebrauchen muß, daß aber schematischen Geist in diesen Worten, in diesen Auseinandersetzungen nur finden könnte, wer ihn selbst erst hineinträgt. In der Art und Weise, wie ich versuche, die Wirklichkeit anzusehen, liegt wirklich nichts Schematisierendes, sondern, wenn man überhaupt redet - man kann da das Reden für unnütz halten, das tun ja doch nur wenige Menschen heute -, so muß man sich der Worte bedienen, und dann handelt es sich nur darum, daß man in der richtigen Weise verstanden wird. Ich spreche nicht so, daß ich irgendein philosophisches Thema im Auge habe, sondern ich möchte das Ganze des Lebens ins Auge fassen.

[ 49 ] Not translated

[ 50 ] Bei der Gelegenheit ist es schon notwendig, etwas Persönliches zu berühren. Ich habe ja mein sechstes Lebensjahrzehnt bald vollendet und habe tatsächlich manches durchgemacht, bin durch mein Schicksal getragen worden in mancherlei Lebensgebiete, habe kennenlernen können, was in den verschiedensten Klassen, Ständen der heutigen Menschen lebt, und zwar so kennenlernen, daß da wahrhaftig kein Schematismus zugrunde lag, sondern daß ich eben das volle Leben hinnehmen konnte. Und aus diesem vollen Leben heraus haben sich mir deshalb Anschauungen ergeben, die manche Menschen aus dem Grunde nicht gleich verständlich finden, weil eben gerade der Schematismus, der heute so beliebt ist, nicht genügt zu ihrem Verständnisse, sondern weil man einen gewissen Lebensinstinkt braucht, um diese Dinge in der richtigen Weise zu wissen. Allerdings, eines habe ich — trotzdem ich kennengelernt habe Parteimänner von der äußersten Rechten zur radikalsten Linken und auch in der Mitte — nie fertiggebracht: selber einer Partei anzugehören. Vielleicht verdanke ich gerade diesem Umstande — wenigstens nach meinem eigenen Glauben ist es so — eine gewisse Unbefangenheit.

[ 50 ] Not translated

[ 51 ] Nun soll das, was ich für die Dreigliederung des sozialen Organismus vorbringe, wahrhaftig nicht irgendeinem Schematismus entsprechen, sondern überall, wo man das Leben anfaßt, zeigt es sich in dieser Dreigliederung. Lesen Sie in meinem Buche «Von Seelenrätseln» nach: da handelt es sich nicht um einen Schematismus, nach dem ich etwa den ganzen menschlichen natürlichen Organismus einteilen will, wie Kant so fein säuberlich das Geistesleben in seine drei Abteilungen eingeteilt hat, sondern da ist es so, daß da wirklich drei Glieder ineinanderwirken. Das ist nicht Schematismus, wenn man irgend etwas von der Wirklichkeit beschreibt, wo es ankommt auf die drei Glieder und dabei diese drei Glieder namhaft macht. Es ist etwas ganz anderes, wenn man einteilt nach subjektiven Gesichtspunkten, als wenn man versucht, die Wirklichkeit wiederzugeben. Und das liegt gerade der Denkweise zugrunde, die hier geltend gemacht wird: daß die Wirklichkeit als solche genommen wird, daß nichts behauptet wird, was nicht gerade von der Wirklichkeit selber diktiert wird. Ich möchte es Ihnen durch ein Beispiel klarmachen: Ich habe in einer kleinen süddeutschen Stadt einmal einen Vortrag gehalten über die Weisheit des Christentums. Da waren auch zwei katholische Pfarrer. Und weil der Vortrag gerade nichts enthielt, was sie inhaltlich anfechten konnten, so kamen sie nachher zu mir und sagten: Ja, sehen Sie, wir können ja nichts sagen gegen das, was Sie heute vorgebracht haben; aber Sie bringen das so vor, daß Sie nur zu einigen Menschen sprechen, die gerade durch ihre Bildung prädestiniert sind, sich diese Dinge anzuhören, während wir zu allen Menschen sprechen. — Ich sagte damals: Ja, wissen Sie, daß Sie und ich, daß wir uns etwa einbilden, wir sprechen zu allen Menschen, das ist subjektiv, das wird sich im Grunde genommen jeder Mensch einbilden können; denn warum sollte er denn sonst überhaupt zu Menschen sprechen, wenn er nicht glaubte, daß das allgemein gültig und einleuchtend ist, was er sagt. Aber auf dieses Subjektive kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, ob die objektiven Tatsachen sprechen und man im Sinne dieser objektiven Tatsachen sich verhält. Und nun frage ich Sie: Sie sagen, Sie sprechen zu allen Menschen; das ist Ihre subjektive Meinung, auch Ihr subjektives Bestreben meinetwillen; aber gehen alle Menschen zu Ihnen in die Kirche? Das würde der Beweis sein, daß Sie zu allen Menschen sprechen. - Da konnten sie natürlich nicht sagen: Ja, das sei so. Denn da sprachen die Tatsachen, nicht die subjektiven Meinungen. Nun sagte ich: Das nehmen wir jetzt als eine Tatsache, und zu denen, die nicht zu Ihnen in die Kirche gehen, zu denen spreche ich, denn die haben auch ein Recht, vom Christus zu hören.

[ 51 ] Not translated

[ 52 ] So läßt man die Wirklichkeit sprechen. Da schematisiert man wahrhaftig nicht, richtet sich überhaupt nicht nach Subjektivem, sondern versucht zu deuten, was wirkliche Zeitimpulse sind. Aus solchen wirklichen Zeitimpulsen heraus will gesprochen werden.

[ 52 ] Not translated

[ 53 ] Denken Sie sich die Dreigliederung der sozialen Ordnung innerhalb der bestehenden Staaten durchgeführt oder wie? Das heißt, ist der heutige Staat der Rahmen mit seinen politischen Grenzen auch in der neuen Ordnung?

[ 53 ] Not translated

[ 54 ] Nun, es ist nur möglich, irgend etwas fruchtbar zu gestalten, wenn man nicht alles kurz und klein schlagen will, sondern wenn man auf die wirkliche Entwickelung bedacht ist, wenn man im Sinn der wirklichen Entwickelung arbeitet. Sie haben vielleicht schon bemerken können, wie gerade innerhalb der Ideen vom dreigliederigen sozialen Organismus hingearbeitet wird nach einer Ausgestaltung des Lebens aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus. Diese geisteswissenschaftlichen Grundlagen werden auch das ergeben, was angesehene Denker heute vermissen, nämlich eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft. Was heute Wirtschaftswissenschaft genannt wird, das sind ja nur zusammengetragene Brocken aus einzelnen Beobachtungen. Das ist nicht etwas, was wirklich ein Impuls für das soziale Wollen werden könnte. Eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft kann eben nur aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen erwachsen.

[ 54 ] Not translated

[ 55 ] Da wird sich mancherlei ergeben in bezug auf die Übergrenzung der sozialen Organisationen. So werden sich zum Beispiel Gesetze aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst ergeben, wie Wirtschaftsgebiete, Wirtschaftsterritorien in sich abgegrenzt werden sollen, so daß man auf eine Zukunft blicken kann, über dieman etwa in der folgenden Art sprechen müßte. Eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft zeigt: Wenn die Assoziationen, von denen ich im zweiten und im heutigen Vortrage gesprochen habe, zu groß werden, dann sind sie nicht mehr wirtschaftlich möglich; wenn sie zu klein werden, sind sie auch nicht mehr wirtschaftlich möglich. Durch die inneren Bedingungen eines Wirtschaftsterritoriums, durch die mannigfaltige Produktion, durch die mannigfaltigen Zweige, mannigfaltigen Gebiete, die da sind, ist auch die Größe dieses Territoriums bestimmt. Wollte ich das Gesetz für diese Größe aussprechen, so müßte ich etwa sagen: zu kleine Wirtschaftsgebiete irgendwelcher Artwirken dadurch schädlich, daß sie die assoziierten Menschen nicht aufkommen lassen, gewissermaßen die assoziierten Menschen verhungern lassen; zu große Wirtschaftsterritorien dagegen wirken so, daß sie die außerhalb des Territoriums Befindlichen schädigen, verhungern lassen. Man kann tatsächlich für kleinere Wirtschaftsgesichtspunkte und auch für größere Wirtschaftsgesichtspunkte aus inneren Gesetzen heraus die Größe der Wirtschaftsterritorien bestimmen lassen. Und es ist auch gar nicht geboten - ich werde davon noch zu sprechen haben -, wenn der soziale Organismus wirklich dreigegliedert ist, daß die Geistesgrenzen mit den Wirtschaftsgrenzen oder mit den Rechtsgrenzen zusammenfallen. Ein großer Teil des Unheiles in der Gegenwart, das sich entladen hat in dieser furchtbaren Weltkriegskatastrophe - die, wie ich am Ende des gestrigen Vortrages auseinandergesetzt habe, durchaus nicht zu Ende ist —, beruht darauf, daß man eben unter dem Einheitsstaat überall wirtschaftliche, politische und Geisteskulturgrenzen hat zusammenfallen lassen. Es handelt sich also darum, daß aus einer inneren Gesetzmäßigkeit, aus dem lebendigen Leben selbst heraus die Größe der Territorien sich ergeben wird.

[ 55 ] Not translated

[ 56 ] Aber man muß mit der Entwickelung rechnen. Deshalb muß zunächst der Anfang gemacht werden mit dem Gegebenen. Und da kann man sagen: Zunächst wird sich allerdings herausstellen, daß die historischen Körperschaften und Gebilde hinarbeiten müssen nach diesem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus. Dann aber, wenn sie diese in gesunder Weise, ich will nicht sagen, durchgeführt haben, sondern in sich haben, dann wird aus dem Gesetze des Lebens, das sich dann ergibt, schon das andere hervorgehen.

[ 56 ] Not translated

[ 57 ] Also diese Dinge dürften nicht theoretisch beantwortet werden, sondern lebensgemäß. So daß man sagt: Was sich etwa morgen ergibt, das wird erst die Grundlage sein für das Übermorgen. Also es handelt sich darum, auf ein Leben hinzuweisen, nicht irgendwelche Programme zu erfinden. Solche Programme sind furchtbar billig, und es sind ihrer wahrhaftig schon genug erfunden worden.

[ 57 ] Not translated

[ 58 ] Wird sich wesentlich die Behandlung der agrarischen Produktionsmittel von derjenigen der industriellen unterscheiden?

[ 58 ] Not translated

[ 59 ] Die Behandlung der agrarischen Produktionsmittel, also vorzugsweise des Grundes und Bodens — denn insoferne andere Produktionsmittel in Betracht kommen, sind sie ja auch industrielle Produktionsmittel -, tritt einem besonders heute auf dem Boden desjenigen Kampfes entgegen, der geführt wird von den Bodenreformern. Sie können ja leicht das, was da in Betracht kommt, sich aneignen, wenn Sie zurückgehen auf den zunächst originellsten Bodenreformer, auf Henry Georges «Fortschritt und Armut» und auf sein Bestreben, durch die sogenannte «single tax» die Ungerechtigkeiten der gesellschaftlichen Ordnung, welche durch die Bodenverteuerung bewirkt werden können, auszugleichen, auszumerzen. Gewinnen kann unter Umständen derjenige, der am Bodenbesitz nicht die geringste Arbeit geleistet hat. So wird von dieser Seite her versucht, zunächst die agrarischen Produktionsmittel, in gewissen Grenzen wenigstens, in den Dienst der Gemeinsamkeit zu stellen.

[ 59 ] Not translated

[ 60 ] Nun hatte ich einmal vor vielen Jahren eine Diskussion mit Damaschke, der ja in gewissem Sinne durchaus auf Henry George fußt, und ich sagte ihm dazumal: Es dürfen nicht ohne weiteres die agrarischen Produktionsmittel mit den industriellen Produktionsmitteln verwechselt werden, denn es besteht ein beträchtlicher Unterschied, der einen Unterschied in der Wirkung der Produktionsmittel, des einen und des anderen, für die ganze soziale Ordnung bedingt. Der Boden hat eine bestimmte Größe, der Boden ist nicht elastisch. Wenn zwei Häuser nebeneinanderstehen, aneinandergrenzen, so kann man auch nicht den Boden, auf dem sie stehen, auseinanderziehen, so daß zwischen sie ein drittesHaus gebaut werden kann. Dagegen können industrielleProduktionsmittel, ich möchte sagen, in Elastizität gehalten werden, können vermehrt werden. Das bewirkt einen großen Unterschied. Deshalb muß beides verschieden behandelt werden. Es darf also nicht etwa die sozialdemokratische Theorie, die vorzugsweise zugeschnitten ist auf die industriellen Produktionsmittel, ohne weiteres auf das Produktionsmittel Grund und Boden übergeleitet werden. Worauf es ankommt, ist das, was ich gerade heute im Vortrag gesagt habe: daß Grund und Boden sowohl wie das fertige Produktionsmittel kein Gegenstand des Wirtschaftens sein soll, sondern ein Gegenstand der Rechtsübertragung aus geistigen Gesichtspunkten heraus. Wenn das bei beiden der Fall ist, dann ergeben sich die Unterschiede nicht auf theoretische Art, sondern aus dem unmittelbaren Leben. Denken Sie zum Beispiel nur das Folgende: Die industriellen Produktionsmittel nützen sich ab; sie müssen immer erneuert werden. Bei den agrarischen Produktionsmitteln ist das schon wiederum etwas anders; nicht nur, daß sie nicht elastisch sind, sondern sie nützen sich nur in viel geringerem Maße ab, müssen wenigstens ganz anders behandelt werden als die industriellen Produktionsmittel.

[ 60 ] Not translated

[ 61 ] Aber es besteht noch ein wesentlich anderes Verhältnis zwischen agrarischen Produktionsmitteln und industriellen Produktionsmitteln. Man mag daran denken, daß ja ein Teil des Erträgnisses der Industrie dazu verwendet werden muß, um diese Industrie höher zu bringen, um sie immer mehr und mehr auszugestalten. Da sehen wir, daß ein Teil desjenigen, was wir die Kapitalverwaltung der Industrie nennen können, von der Industrie wiederum verschluckt wird. Das ist in derselben Art nicht der Fall bei den agrarischen Produktionsmitteln. Die Bücher, wenn sie geführt würden als Gesamtbücher für ein Wirtschaftsleben, würden zwei Pole aufweisen: Der eine Pol würde ungefähr hinweisen nach der Kohlenproduktion; da würde man von der Kohlenproduktion ausgehend ungefähr alle diejenigen Posten haben, welche in das Industrielle hineinwandern. Der andere Pol geht zu dem Brot; wenn man alle Posten zusammenschreiben würde, welche sich auf das Brot - im weitesten Sinne selbstverständlich, wie die anderen Nahrungsmittel zeigen, die durch Grund und Boden beschaffen werden - beziehen, wenn man die aufschreiben würde, so würde man ungefähr das herausbekommen, was der Grund und Boden leistet.

[ 61 ] Not translated

[ 62 ] Nun ist vieles von dem, was in diesem Gesamtbuch stecken würde, wenn Grund und Boden sowohl wie die Produktionsmittel aus der Wirtschaft heraußen wären und zugeteilt würden der Rechtsordnung, der Geistesordnung, vieles davon ist heute dadurch verdeckt, daß die Industrie mit der Verwaltung von Grund und Boden konfundiert wird. Man braucht ja nur Industrieller zu sein und Hypotheken zu haben auf Grund und Boden, so ist die Konfundierung schon da. Aber noch durch zahlreiche andere Dinge. Wenn das nicht der Fall wäre, würde man reinlich sehen, daß die Weltwirtschaft heute so steht - so paradox das für manchen heute noch scheint —, daß wirklich produktiv Grund und Boden ist; nicht produktiv, sondern erhalten aus den Erträgnissen in Wahrheit von Grund und Boden, ist die gesamte Industrie. So sonderbar das für manchen heute klingt, so ist es dennoch so der Fall. Es ist jedes industrielle Unternehmen im Grunde genommen das, was man in der Landwirtschaft nennt ein fressendes Gut, das heißt ein Gut, das seine Erträgnisse eigentlich aufzehrt.

[ 62 ] Not translated

[ 63 ] Man betrachtet heute durchaus nicht die Gesamtwirtschaft. Sie ist verdeckt durch die mannigfaltigsten Umstände. Im wirklichen Leben aber würden sich die Gesichtspunkte ergeben, welche bei der Übertragung sowohl der agrarischen Produktionsmittel einerseits, wie der industriellen Produktionsmittel andererseits maßgebend sein können.

[ 63 ] Not translated

[ 64 ] Bei dem industriellen Pol wird ja vorzugsweise die individuelle geistige Fähigkeit der Menschen, dasjenige, was sie können, gelernt haben, wozu sie veranlagt sind, bei dieser Übertragung in Betracht kommen. Bei der agrarischen Übertragung kommt anderes in Betracht; da kommt zum Beispiel in Betracht das Zusammengewachsensein des Menschen mit Grund und Boden. Da muß durchaus berücksichtigt werden, daß derjenige, der die besten Fähigkeiten hat, um den Grund und Boden weiter zu bearbeiten, nicht in abstrakter Weise gewählt werden kann nach seiner geistigen Veranlagung, sondern in einer gewissen Weise mit dem Boden zusammengewachsen sein muß. Wenn in der richtigen Weise gerade auf dem Land draußen der Sinn der Dreigliederung klargemacht werden könnte, so würde das gesamte Bauerntum zustimmen. Selbstverständlich, wenn irgendeiner hinauskommt, der in dem üblen Ruf eines Gelehrten steht, dann werden ihn die Leute natürlich nicht anhören, dann hat er nichts zu sagen; aber wenn in der richtigen Weise die Sache an die Leute herangebracht wird, werden sie gar nichts dagegen haben. Denn eigentlich wird ja nach diesem Prinzip gehandelt, gerade im Agrariertum. Nicht im Großgrundbesitz, aber im Bauerntum wird im wesentlichen, insofern nicht der Staat störend eingreift, durchaus in diesem Sinne gedacht und gehandelt.

[ 64 ] Not translated

[ 65 ] Es handelt sich also darum, daß sich die Gesichtspunkte im Konkreten und aus diesem heraus ergeben. Programme dürfen bei einer lebensfähigen sozialen Ordnung nicht gemacht werden, sondern darum handelt es sich, so zu charakterisieren, daß das Leben bestehen kann. Das Leben hat dann noch etwas zu tun.

[ 65 ] Not translated

[ 66 ] Sehen Sie, dadurch unterscheidet sich dieser Impuls der sozialen Dreigliederung, der hier vorgetragen wird, von mancherlei Programmen, die ja heute eigentlich billig wie Brombeeren sind. Diese sozialen Programme, die stellen auf: Erstens, zweitens, drittens und so weiter. Die schematisieren eigentlich alles. Diese Allwissenheit, die schreibt sich die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus nicht zu, sondern sie will, daß die Menschen aus sich heraus so zusammenwirken können, daß sie dazu kommen, den sozialen Organismus entsprechend zu gestalten. Sie möchte nur die Menschen in solche Verhältnisse bringen, daß daraus eine entsprechende soziale Ordnung entstehen kann. Wenn man nur das begreifen würde, daß dies ein prinzipieller Unterschied ist zwischen dem Impuls der Dreigliederung und dem anderen, was heute auftritt, so würde man sehen, wie diese Dreigliederung eben gerade aus der vollen Wirklichkeit heraus schöpft.

[ 66 ] Not translated

[ 67 ] Ich habe deshalb oftmals zu den Leuten gesagt: Es kommt gar nicht darauf an, ob das eine oder das andere so oder anders sein soll. Meinetwillen sogar, möchte ich radikal sagen: Man nehme die Sache in Angriff, vielleicht stellt sich heraus, daß kein Stein auf dem anderen bleibt, aber es wird etwas entstehen, was ganz gewiß Standfestigkeit hat, weil die Wirklichkeit an einem Zipfel angefaßt ist. Gerade wenn man die Wirklichkeit anfaßt, so ergibt sich vielleicht etwas ganz anderes, als man programmatisch zunächst gesagt hat. Aber es handelt sich darum, kein Programm aufzustellen, sondern hinzuweisen, wie man die Wirklichkeit anzufassen hat.

[ 67 ] Not translated

[ 68 ] Zu Beginn der Fragebeantwortung hatte ein Besucher zu längeren Ausführungen das Wort ergriffen. Dr. Steiner antwortete darauf:

[ 68 ] Not translated

[ 69 ] Nun noch ein paar Worte mit Bezug auf das, was der verehrte Herr Vorredner gesagt hat. Er sagte zum Beispiel, es habe die Dreigliederung immer bestanden. Ich verstand sehr gut, daß er das ausgesprochen hat, denn er hat das, was ich gesagt habe, mit etwas anderem verwechselt. Er hat auch deutlich angedeutet, daß er es verwechselt: er sprach nämlich immer von der «Dreigliederung des Sozialismus», wenn ich ihn richtig gehört habe.

[ 69 ] Not translated

[ 70 ] Ich würde natürlich niemals von der «Dreigliederung des Sozialismus» sprechen. Das erscheint mir als eine völlige Unmöglichkeit. Denn der Sozialismus kann natürlich als Weltanschauung nur etwas Einheitliches sein. Und nur, wenn man so abstrakt denkt, ist man versucht, zu sagen: Nun, das Leben war ja immer dreigeteilt, warum soll man denn erst von dieser Dreigliederung, Dreiteilung des Lebens reden?

[ 70 ] Not translated

[ 71 ] Ja, das ist es ja gerade, worum es sich handelt! Gewiß, das Leben war immer dreigeteilt, und es handelt sich nicht darum, daß man das Leben gerade dreiteilt. Das teilt sich von selber. Es handelt sich darum, daß man in der Verwaltung des Lebens nicht immer das Richtige getroffen hat, um das dreigliederige Leben eben in der richtigen Weise zu verwalten, zu ordnen, zu orientieren. Es ist ja eine Selbstverständlichkeit, daß das Leben dreigliederig ist. Darum redet man ja gerade! Weil das Leben dreigliederig ist, frägt man: Wie soll man es machen, wenn eine Einheit herauskommen soll, daß diese wirklich herauskommt? - Sie ist nicht herausgekommen für die letzten Jahrhunderte und die Gegenwart. Also darum handelt es sich, einen neuen Weg zu finden. Es ist eine im höchsten Sinne — wenn sie auch glaubt, der Wirklichkeit freundlich zu sein — abstrakte, lebensfremde Denkweise, wenn man mit Selbstverständlichkeiten abtun will, was durchaus mit diesen Selbstverständlichkeiten rechnet, aber gerade aus diesen Selbstverständlichkeiten heraus die Notwendigkeit einsieht, daß eben das Leben diesen Selbstverständlichkeiten gemäß gestaltet werden müßte. Im Leben kommt es eben nur zu häufig vor, daß man solche Selbstverständlichkeiten in ein falsches Fahrwasser rückt, und daraus kommen dann die Lebenskrisen. Das ist es, worauf ich im besonderen aufmerksam machen möchte.

[ 71 ] Not translated

[ 72 ] Ebenso ist es wirklich eine bloße Redensart, wenn man sagt: Aus der Wirtschaft mit dem Geist zusammen kommt das Recht. Nun, ganz gewiß, es kommt schon; wenn einmal der dreigliederige Organismus da sein wird, dann wird auch das Recht kommen. Aber es wird eben auf die Art kommen, daß man findet, wie es kommen soll. Die Menschen müssen es einrichten. Also muß man über die Methode nachdenken, wie sie es einrichten sollen.

[ 72 ] Not translated

[ 73 ] Dann ist noch manches andere Beherzigenswerte gesagt worden über die Verbindung von geistigem Leben und praktischer Arbeit. Ich möchte nicht auf Persönliches eingehen, sonst könnte ich dem verehrten Vorredner leicht beweisen, wie ich mich bemüht habe mein ganzes Leben lang, praktische Arbeit zu verbinden mit dem Geistesleben. Aber man darf mir nur nicht zumuten, was man mir in manchen Diskussionen zugemutet hat, daß das praktische Leben auf diesem Gebiete darinnen bestehen soll, daß man im Rahmen irgendeiner Partei mitarbeitet. Das haben nämlich manche mit dem «praktischen sozialen Arbeiten» verstanden. Dieses praktische soziale Arbeiten ist manchmal ein sehr theoretisches und unpraktisches soziales Arbeiten. Also diese Dinge darf man durchaus nicht mit wirklicher Lebenspraxis verwechseln.

[ 73 ] Not translated

[ 74 ] Dann wurde gesagt, daß wenn wirklich eine Besserung, eine Gesundung der Verhältnisse eintreten solle, es sich darum handle, daß die Arbeiterschaft sich wirklich mit den geistigen Grundlagen des sozialen Lebens befasse. Ich bin vollständig damit einverstanden, glaube aber auch, in diesen Vorträgen schon das richtige Mittel angedeutet zu haben, wodurch sich die Arbeiterschaft eben befassen kann mit den geistigen Fragen. Ich habe bereits darauf hingedeutet, daß ich durch Jahre hindurch Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule war, daß ich da sehr wohl die Arbeiterschaft gefunden habe, auch den Ton, um gerade in Arbeiterherzen hinein wissenschaftlich zu sprechen. Allein dann sind die Führer gekommen; die haben mich herausgeschmissen, wenn ich das auf deutsch sagen soll, weil sie wollten, daß nur auf sie gehört werde und nur das gehört werde, was sie befehlen, daß es vertreten werde. Ich habe Ihnen das in diesen Vorträgen ja schon früher erzählt. Als ich sagte: Wenn nicht einmal hier Lehrfreiheit herrschen soll, wo soll sie denn herrschen? — Da erwiderte einer der Führer: Lehrfreiheit, das kann nicht sein bei uns, ein vernünftiger Zwang, das ist es, um was es sich handelt!

[ 74 ] Not translated

[ 75 ] Ja, sehen Sie, mit diesem zusammen könnte ich Ihnen vieles anführen, was ein gutes Mittel wäre, wodurch die gegenwärtige Arbeiterschaft tatsächlich zum Ergreifen der geistigen Grundlagen für eine soziale Neugestaltung kommen würde. Dieses Mittel wäre dieses: sich loszusagen von den meisten der gegenwärtigen Führer, die durchaus nicht im Auge haben, in ehrlicher Weise einen sozialen Neuaufbau herbeizuführen, sondern die etwas ganz anderes im Auge haben, denen aber in vieler Beziehung heute noch viel mehr gehorcht wird - das hat gerade die Praxis des Wirkens in der sozialen Dreigliederung ergeben -, als von den Katholiken ihren Erzbischöfen gehorcht wird. Das ist etwas, was beherzigt werden sollte. Und ich bin überzeugt davon: Es herrscht heute so viel gesunder Sinn in den breiten Massen des Volkes, daß in dem Augenblicke, wo mancher Führer fiele, viel wirkliche gesunde soziale Einsicht eintreten würde.

[ 75 ] Not translated

[ 76 ] Wir haben es heute nötig, daß die Menschen sich wiederum kristallisieren um Ideen, um wirkliche ideelle Impulse, aus denen heraus das Leben gestaltet werden kann, daß die alten Parteischablonen und Parteiprogramme überwunden werden, denn die sind es, was hauptsächlich eine gesunde Einsicht und auch ein gesundes Wirken im Sinne einer solchen Einsicht hindert. Man muß nur auch da aus der vollen Wirklichkeit heraus das aufsuchen, was zum Heile führen könnte. Die bloße Forderung tut es nicht, geradesowenig wie es die bloße Forderung tut: Abschaffung des Kapitals - sondern wie man sehen muß, wie das Kapital wirken soll. Denn «Abschaffung», das ist leicht. Das heißt, es ist deshalb nicht leicht, weil es zum Ruin führt. Aber wenn man hinauskommen soll über die Schäden des Kapitalismus, dann ist etwas anderes notwendig. Wie es notwendig ist, auf diesem konkreten Gebiete in die Wirklichkeit hineinzuschauen, so ist es schon auch notwendig, im heutigen Menschenleben in die volle Wirklichkeit hineinzuschauen und sich zu sagen, daß die Parteien vielfach nur noch leben von den abstrakten Fortführungen ihrer Programme, daß sie aber mit dem Leben nicht mehr zusammenhängen. Das aber ist insbesondere da notwendig, wo es sich um einen wirklichen Neuaufbau auf dem Gebiete des sozialen Lebens handelt.

[ 76 ] Not translated

[ 77 ] Das ist es, was ich heute sagen möchte, obwohl zur Aufhellung solcher Fragen noch manches gestreift werden müßte.

[ 77 ] Not translated