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The Future of Society
GA 332a

29 October 1919, Zurich

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The Future of Society, tr. SOL
  1. The Social Future, tr. Collison
  2. Soziale Zukunft

5. Die Zusammenwirkung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens zum einheitlichen dreigegliederten sozialen Organismus

5. The Interplay of Spiritual, Legal, and Economic Life in a Unified, Threefold Social Organism

[ 1 ] Im zweiten Vortrage habe ich bereits skizziert, wie eine solche Gestaltung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens, wie ich sie zu schildern versuchte in den drei vorangegangenen Vorträgen, nur erreichbar ist dadurch, daß dasjenige, was man bisher als einen streng in sich gestalteten Einheitsstaat gedacht hat, dreigegliedert werde, zum dreigliederigen sozialen Organismus werde, das heißt, daß alles, was sich auf Rechts-, politische, Staatsverhältnisse bezieht, in einem demokratischen Parlamente seine Verwaltung finde, daß dagegen abgegliedert werde von dieser politischen oder Rechtsorganisation alles, was sich auf das Geistesleben bezieht einerseits und dieses Geistesleben in seiner Freiheit selbständig verwaltet werde; daß sich andererseits abgliedere vom politischen das wirtschaftliche Leben, das wiederum aus seinen eigenen Verhältnissen heraus, aus seinen eigenen Bedingungen heraus seine Verwaltung finde, begründet auf Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit.

[ 1 ] In the second lecture, I have already outlined how such a structure of spiritual, legal, and economic life—as I have attempted to describe in the three preceding lectures—can only be achieved by dividing what has hitherto been conceived as a strictly unified state into three parts, transforming it into a threefold social organism, that is to say, that everything pertaining to legal, political, and state affairs be administered by a democratic parliament, while, on the other hand, everything pertaining to intellectual life be separated from this political or legal organization, and this intellectual life be administered independently in its freedom; that, on the other hand, economic life be separated from the political, and that economic life, in turn, be administered on the basis of its own circumstances and conditions, grounded in expertise and professional competence.

[ 2 ] Nun wird ja immer wieder der Einwand erhoben, daß eine solche Gliederung des sozialen Organismus der Notwendigkeit widerspreche, das gesellschaftliche Leben zu einer Einheit zu formen, denn alle einzelnen Einrichtungen, alles einzelne, was der Mensch vollbringen kann innerhalb des sozialen Organismus, müsse zusammenstreben zu einer solchen Einheit. Und eine solche Einheit würde durchbrochen, so wird gesagt, wenn man versuche, den sozialen Organismus in drei Glieder zu zersprengen. - Ein solcher Einwand ist aus den Denkgewohnheiten der Gegenwart heraus ganz begreiflich und verständlich. Aber er ist, wie wir heute sehen wollen, durchaus nicht gerechtfertigt. Er ist verständlich, weil man ja nur zunächst hinzuschauen braucht auf das wirtschaftliche Leben selbst: wie in diesem wirtschaftlichen Leben im kleinsten alles zusammenfließt, Geistiges, Rechtliches und eigentlich Wirtschaftliches. Demgegenüber kann man schon sagen: Wie soll da irgendeine Trennung, eine Gliederung zu einem Heil kommen?

[ 2 ] Now, the objection is repeatedly raised that such a division of the social organism contradicts the necessity of shaping social life into a unity, for all individual institutions—everything that a human being can accomplish within the social organism—must strive together toward such a unity. And such unity, it is said, would be disrupted if one were to attempt to break the social organism into three parts. — Such an objection is entirely comprehensible and understandable given the prevailing patterns of thought today. But, as we shall see today, it is by no means justified. It is understandable because one need only look, at first, at economic life itself: how, even on the smallest scale, everything flows together in this economic life—the spiritual, the legal, and what is actually economic. In contrast, one might well ask: How could any separation or division possibly lead to a remedy?

[ 3 ] Nehmen wir nur einmal das Wertproblem der Waren, der Güter selbst, so werden wir finden, daß der Güter-, der Warenwert für sich schon Dreifaches zeitigt, Dreifaches aber, das, indem das Gut im sozialen Organismus produziert wird, zirkuliert und konsumiert wird, sich als eine Einheit, ich möchte sagen, gebunden an die Einheit des Gutes, zeigt in der folgenden Weise: Was bedingt den Wert eines Gutes, durch das der Mensch seine Bedürfnisse befriedigen kann? — Zunächst muß der Mensch subjektiv irgendwelchen Bedarf für dieses Gut haben. Sehen wir aber zu, wodurch sich ein solcher Bedarf bestimmt. Das hängt zusammen, erstens, selbstverständlich mit der leiblichen Artung des Menschen. Die leibliche Artung bedingt namentlich den Wert der verschiedensten materiellen Güter. Aber auch materielle Güter werden verschieden beurteilt, je nachdem der Mensch diese oder jene Erziehung durchgemacht und diese oder jene Ansprüche hat. Und erst, wenn es sich um geistige Güter handelt, die ja oft gar nicht getrennt werden können von der Sphäre der leiblichen, physischen Güter, da werden wir sehen, daß die ganze Verfassung des Menschen durchaus die Art und Weise bedingt, wie einer irgendein Gut bewertet, was er für irgendein Gut für eine Arbeit leisten möchte, was er aufbringen möchte an eigenen Leistungen für solch ein Gut. Da sehen wir, daß das geistige Element, das im Menschen lebt, bestimmend ist für den Wert eines Gutes, für den Wert einer Ware.

[ 3 ] If we consider just the problem of the value of commodities—the goods themselves—we will find that the value of goods and commodities in and of itself gives rise to three aspects; yet these three aspects, as the good is produced, circulated, and consumed within the social organism, manifest themselves as a unity—I would say, bound to the unity of the good—in the following way: What determines the value of a commodity through which a person can satisfy their needs? — First of all, the person must subjectively have some need for this commodity. But let us examine what determines such a need. This is connected, first of all, of course, with the physical nature of human beings. Physical nature determines, in particular, the value of the most diverse material goods. But even material goods are evaluated differently, depending on whether a person has undergone this or that upbringing and has these or those expectations. And only when it comes to spiritual goods—which, after all, often cannot be separated from the sphere of physical goods—will we see that a person’s entire constitution thoroughly determines the way in which they value any given good, what they are willing to contribute in labor for any given good, and what they are willing to contribute of their own efforts for such a good. There we see that the spiritual element that lives within a person is decisive for the value of a good, for the value of a commodity.

[ 4 ] Auf der anderen Seite sehen wir, daß ja die Waren, indem sie ausgetauscht werden zwischen Mensch und Mensch, gebunden sind an Besitzverhältnisse, das heißt auch nichts anderes als an Rechtsverhältnisse. Indem irgendein Mensch von einem anderen ein Gut erwerben will, stößt er auf Rechte, die der andere in irgendeiner Weise an diesem Gut hat. So daß das Wirtschaftsleben, die Wirtschaftszirkulation durchaus durchdrungen ist von lauter Rechtsverhältnissen.

[ 4 ] On the other hand, we see that commodities, in being exchanged between people, are bound up with relations of ownership—which is nothing other than legal relations. When one person wishes to acquire a good from another, he encounters rights that the other person holds in some way over that good. Thus, economic life and economic circulation are thoroughly permeated by legal relationships.

[ 5 ] Und zum dritten: Ein Gut hat auch einen objektiven Wert, nicht nur denjenigen Wert, den wir ihm beilegen durch unsere Bedürfnisse und die subjektive Bewertung dieser Bedürfnisse, die sich dann auf das Gut überträgt, sondern ein Gut hat einen objektiven Wert, indem es haltbar oder unhaltbar, dauerhaft oder nicht dauerhaft ist, indem es durch seine Natur mehr oder weniger brauchbar ist, indem es mehr oder weniger häufig oder mehr oder weniger selten ist. Das alles bedingt einen objektiven, einen eigentlich wirtschaftlichen Wert, zu dessen Bestimmung eine objektive Sachkenntnis und zu dessen Herstellung eine objektive Fachtüchtigkeit notwendig ist.

[ 5 ] And thirdly: A good also has an objective value—not merely the value we attribute to it through our needs and the subjective assessment of those needs, which is then transferred to the good—but a good has an objective value in that it is durable or non-durable, permanent or non-permanent; in that it is more or less useful by its very nature; and in that it is more or less common or more or less rare. All of this determines an objective, truly economic value, the determination of which requires objective expertise and the establishment of which requires objective professional competence.

[ 6 ] Aber diese drei Wertbestimmungen sind in dem Gute zu einer Einheit vereinigt. Und daher kann man mit Recht sagen: Wie soll also, was indem Gute sich vereinigt, in drei Verwaltungsgebiete getrennt werden, die sich auf dieses Gut beziehen, die mit diesem Gute in seinen Zirkulationen irgend etwas zu schaffen haben?

[ 6 ] But these three determinations of value are united into a single entity within the good. And therefore, one can rightly ask: How, then, can that which is united in the good be divided into three spheres of administration that relate to this good and have something to do with this good in its circulation?

[ 7 ] Nun, zunächst handelt es sich, rein der Idee nach, darum, einzusehen, daß sich allerdings im Leben Dinge vereinigen können, die von den verschiedensten Seiten her verwaltet werden. Warum sollte nicht auf der einen Seite das, was der Mensch subjektiv von sich aus an Wertschätzung den Gütern entgegenbringt, von seiner Erziehung aus, die ihre selbständige Verwaltung hat, bestimmt sein? Warum sollte nicht von ganz anderer Seite her das in das wirtschaftliche Leben hineingestaltet werden, was Rechtsverhältnisse sind, und warum sollte nicht hinzukommen zu alldem und sich im Objekte zu einer Einheit vereinigen, was aus der Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit an objektivem Werte dem Gute zukommt? Aber das ist zunächst ideell und hat nicht viel besonderen Wert. Es muß vielmehr tiefer begründet werden, was in dieser Richtung die Dreigliederung des sozialen Organismus eigentlich will.

[ 7 ] Well, first of all—purely in theory—it is a matter of recognizing that, in life, things can indeed come together that are managed from a wide variety of perspectives. Why shouldn’t, on the one hand, the value that a person subjectively ascribes to goods be determined by his or her upbringing, which is governed independently? Why shouldn’t legal relationships be integrated into economic life from an entirely different perspective, and why shouldn’t the objective value that expertise and professional competence confer on goods be added to all of this and united into a single entity in the object itself? But this is, for the time being, merely a theoretical concept and has little practical value. Rather, the actual intent of the threefold social order in this regard must be grounded more deeply.

[ 8 ] Und da muß zunächst gesagt werden: Diese Dreigliederung des sozialen Organismus ist nicht irgendeine Idee, die heute aus subjektiven Antrieben eines oder ein paar Menschen heraus gefaßt wird, sondern dieser Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus ergibt sich aus einer objektiven Betrachtung der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in der neueren Zeit. So daß man sagen kann: Eigentlich schon seit Jahrhunderten tendiert unbewußt die Menschheit in den wichtigsten Antrieben nach dieser Dreigliederung. Sie hat nur niemals die Kraft gefunden, diese Dreigliederung wirklich durchzuführen, und aus dem Mangel an dieser Kraftentwickelung sind unsere heutigen Zustände, ist das Unheil unserer Umgebung entstanden. Heute aber sind die Dinge so weit reif, daß man sagen muß: Es muß in Angriff genommen werden, was sich seit Jahrhunderten für die Gestaltung des sozialen Organismus vorbereitet hat.

[ 8 ] And here it must first be said: This threefold structure of the social organism is not just some idea conceived today out of the subjective impulses of one or a few people; rather, this impulse toward the threefold structure of the social organism arises from an objective observation of the historical development of humanity in modern times. So one can say: In fact, for centuries now, humanity has been unconsciously tending toward this threefold structure in its most fundamental impulses. It has simply never found the strength to truly bring about this threefold structure, and it is from this lack of developed strength that our present conditions—the calamity of our surroundings—have arisen. Today, however, conditions have matured to such an extent that one must say: We must now undertake what has been preparing itself for centuries for the shaping of the social organism.

[ 9 ] Zunächst muß man sagen: Es hat sich ja eigentlich seit langer Zeit das wirklich freie Geistesleben abgegliedert von dem Staatsleben und von dem Wirtschaftsleben. Denn das Geistesleben, das abhängig ist vom Wirtschaftsleben und vom Rechts- und Staatsleben, dieses Geistesleben ist eben durchaus kein freies. Es ist ein Stück Geistesleben, das losgerissen worden ist von dem eigentlich fruchtbaren freien Geistesleben. Wir können vielmehr sagen, daß im Beginne der Zeit, in der der Kapitalismus, in der die moderne technische Wirtschaftsordnung mit ihrer großartigen Arbeitsteilung heraufgekommen ist, daß in dieser Zeit das eigentlich freie Geistesleben — jenes Geistesleben, das nur aus den Antrieben der Menschen selbst heraus schafft, so wie ich es gestern für das gesamte Geistesleben gefordert habe -, daß dieses freie Geistesleben, aber eben nur als ein Teil des Geisteslebens, in gewissen Gebieten der Kunst, der Weltanschauung, der religiösen Überzeugungen sich losgelöst hat vom Wirtschaftsleben und vom Staatsleben und gewissermaßen zwischen den Zeilen des Lebens getrieben wird, während wiederum losgerissen ist von diesem freien, aus den menschlichen Antrieben selbst heraus schaffenden Geistesleben, was das Wirtschaftsleben zu seiner Verwaltung braucht, was der Staat zu seiner Verwaltung braucht.

[ 9 ] First of all, it must be said: For a long time now, truly free spiritual life has been separated from political life and economic life. For spiritual life that is dependent on economic life and on legal and political life—such spiritual life is by no means free. It is a fragment of spiritual life that has been torn away from the truly fruitful, free spiritual life. Rather, we can say that at the beginning of the era in which capitalism—in which the modern technical economic order with its magnificent division of labor—emerged, that during this time the truly free spiritual life—that spiritual life which creates solely out of the impulses of human beings themselves, just as I called for yesterday with regard to the entire spiritual life—that this free spiritual life, but only as a part of spiritual life, became detached in certain areas of art, worldview, and religious convictions from economic life and political life and is, so to speak, driven between the lines of life, while, in turn, what economic life needs for its administration and what the state needs for its administration has been torn away from this free spiritual life that creates out of human impulses themselves.

[ 10 ] Was das Wirtschaftsleben zu seiner Verwaltung braucht, ist abhängig geworden von den wirtschaftlichen Mächten selbst. In den Stellen, in den Kreisen, in denen wirtschaftliche Macht ist, ist die Möglichkeit vorhanden, die Nachkommen auch wirtschaftswissenschaftlich vorzubilden, so daß sie wiederum geeignet sind, wirtschaftliche Macht zu erringen. Aber was da als Wirtschaftswissenschaft aus der Wirtschaft selbst hervorgeht, ist nur ein Teil desjenigen, was hineinfließen könnte in das Wirtschaftsleben, wenn das gesamte Geistesleben für das Wirtschaftsleben fruchtbar gemacht würde. Es ist nur das, was von der Zufallswirtschaft noch für das Nachdenken übrigbleibt, und was dann zur Wirtschaftswissenschaft gemacht wird.

[ 10 ] What economic life needs for its administration has become dependent on the economic powers themselves. In the positions and circles where economic power resides, there is the opportunity to educate the next generation in economics as well, so that they, in turn, are qualified to attain economic power. But what emerges from the economy itself as economic science is only a part of what could flow into economic life if the entire spiritual life were made fruitful for economic life. It is only what remains for reflection from the economy of chance, and what is then turned into economic science.

[ 11 ] Und wiederum das Staatsleben: Der Staat braucht seine Beamten, ja selbst seine Gelehrten so, daß sie den Schablonen entsprechen, die er einmal für seine Stellungen ausgebildet hat. Er wünscht, verlangt, daß in dem Menschen das herangebildet werde, was sich hineinschickt in den Umkreis dessen, was er für seine Stellungen bestimmt hat. Das aber ist ein unfreies Geistesleben, selbst wenn es wähnt, frei zu sein. Es bemerkt nicht seine Abhängigkeit, es bemerkt nicht, wie es in die Grenze der Stellungsschablonen hineingestellt wird.

[ 11 ] And again, regarding public life: The state needs its civil servants—and even its scholars—to conform to the templates it has established for its positions. It desires and demands that individuals be molded to fit within the parameters it has defined for its positions. But this is an unfree intellectual life, even if it imagines itself to be free. It does not recognize its dependence; it does not realize how it is being placed within the confines of the templates for these positions.

[ 12 ] Das eigentlich freie Geistesleben aber hat sich, unabhängig vom Wirtschaftsleben, vom Staatsleben, immerhin eine gewisse Stellung in der Welt erworben. Aber was für eine! Ich habe sie zum Teil schon charakterisiert. Es ist dieses Geistesleben, das sich seine Freiheit bewahrt hat, lebensfremd geworden. Es hat in einem gewissen Sinn einen abstrakten Charakter angenommen. Man braucht nur heute zu sehen, was in den ästhetischen, in den religiösen, selbst in den wissenschaftlich orientierten Weltanschauungen des freien Geisteslebens vorhanden ist, so wird man sehen: Es wird ja mancherlei gesagt, aber was gesagt wird, ist mehr oder weniger nur Predigt für die Menschheit. Es ist da, um den Verstand und das Gemüt zu ergreifen. Es ist da, um im Inneren des Menschen eine Rolle zu spielen, die Seele mit innerem Wohlbehagen und Wohlgefühl zu erfüllen, aber es hat nicht die Kraft, nicht die Stoßkraft, wirklich ins äußere Leben einzugreifen. Daher ist auch der Unglaube an dieses Geistesleben gekommen, jener Unglaube, den ich auch charakterisiert habe, der da ausgeht von sozialistischer Seite, der da sagt: Niemals wird irgendeine soziale Idee, und wenn sie noch so gut gemeint ist, wenn sie bloß aus dem Geiste heraus geboren ist, das soziale Leben umgestalten. Dazu bedarf es realer Kräfte. - Und zu den realen Kräften wird eben dieses abgespaltene Geistesleben gar nicht gerechnet. Wie weit entfernt ist das - ich habe das auch schon ausgesprochen -, was heute als sein inneres, religiöses, selbst sein wissenschaftliches Überzeugungsleben der Kaufmann, der Staatsbeamte, der industriell Tätige hat, von den Gesetzen, die er anwendet im wirtschaftlichen Leben, in seiner äußeren Stellung, in der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten! Vollständig eine zweifache Würdigung des Lebens! Auf der einen Seite gewisse Grundsätze, die aber ganz hervorgegangen sind aus Wirtschafts- und Staatsleben, auf der anderen Seite ein Rest von Freiheit, von Geistesleben, der aber zur Ohnmacht gegenüber den äußeren Angelegenheiten des Lebens verurteilt ist.

[ 12 ] The truly free spiritual life, however, has—independently of economic life and political life—nevertheless secured a certain position in the world. But what a position! I have already characterized it in part. It is this spiritual life, which has preserved its freedom, that has become detached from life. In a certain sense, it has taken on an abstract character. One need only look today at what is present in the aesthetic, religious, and even scientifically oriented worldviews of intellectual life to see that, while many things are said, what is said is, more or less, merely a sermon for humanity. It is there to captivate the intellect and the emotions. It is there to play a role within the human being, to fill the soul with inner contentment and well-being, but it lacks the power, the driving force, to truly intervene in external life. This is why disbelief in this spiritual life has arisen—that disbelief I have also characterized, which emanates from the socialist camp and which asserts: No social idea, however well-intentioned it may be, if it is born solely from the spirit, will ever transform social life. This requires real forces. — And this very spiritual life, which has been separated off, is not counted among those real forces at all. How far removed is what—as I have already stated—the merchant, the civil servant, and the industrialist today regard as their inner, religious, and even scientific convictions from the laws they apply in economic life, in their external positions, and in the administration of public affairs! A completely dual appreciation of life! On the one hand, certain principles that have, however, emerged entirely from economic and political life; on the other hand, a remnant of freedom, of spiritual life, which is, however, condemned to powerlessness in the face of life’s external affairs.

[ 13 ] Das muß auf der einen Seite gesagt werden, daß sich ein einheitliches freies Geistesleben schon seit Jahrhunderten abgegliedert hat, daß aber, weil man es nicht anerkennen wollte in der Gestaltung des öffentlichen Lebens, dieses freie Geistesleben abstrakt, lebensfremd geworden ist. Es fordert dieses Geistesleben aber heute, weil man den Einfluß des Geistes auf das äußere soziale Leben braucht, seine Macht, seine Kraft zurück. Das ist die Situation, die uns heute gegeben wird.

[ 13 ] On the one hand, it must be said that a unified, free spiritual life has been developing independently for centuries; but because people were unwilling to acknowledge it in the shaping of public life, this free spiritual life has become abstract and detached from reality. Today, however, this spiritual life is being called for again, because we need the influence of the spirit on external social life—its power and its strength. That is the situation we face today.

[ 14 ] Einen anderen Weg hat das Rechtsleben genommen. Während das Geistesleben sich gewissermaßen, insoferne es ein freies ist, emanzipiert hat, hat das Rechtsleben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte vollständig verschmelzen lassen mit den wirtschaftlichen Machtverhältnissen. Man hat es gar nicht bemerkt, aber beide sind völlig eins geworden. Was wirtschaftliche Interessen und Bedürfnisse waren, das wurde in öffentlichen Rechten ausgedrückt. Diese öffentlichen Rechte hält man oftmals für Menschheitsrechte. Genau besehen sind sie nur in den Rechtscharakter umgesetzte wirtschaftliche und staatliche Interessen und Bedürfnisse. Während das Geistesleben auf der einen Seite seine Kraft fordert, sehen wir auf der anderen Seite, wie nun eine Verwirrung eingetreten ist mit Bezug auf die Beziehung von Rechts- und Wirtschaftsverhältnissen. Weite Kreise unserer heutigen Bevölkerung durch die zivilisierte Welt hindurch fordern in dem, was sie die soziale Frage nennen, weitere Zusammenschweißung des Rechtslebens und des Wirtschaftslebens. Wir sehen, wie unter politischen, unter Rechtsbegriffen das gesamte Wirtschaftsleben gestaltet werden soll. Und wenn wir die bei vielen heute beliebten Schlagworte ansehen, was sind sie denn anderes als die letzte Konsequenz der Verschmelzung des Rechtslebens mit dem Wirtschaftsleben? Wir sehen heute die weite Kreise ziehende radikalsozialistische Partei fordern, daß — wie ich es hier schon ausgesprochen habe — über das Wirtschaftsleben ein politisches System zentral, hierarchisch übergebauter, gegliederter Verwaltungen gestülpt werde. Ganz eingefaßt werden soll das Wirtschaftsleben in lauter Rechtsverhältnisse. Wir sehen geradezu, wie die Macht der Rechtsverhältnisse ganz und gar ausgedehnt werden soll über die Wirtschaftsverhältnisse.

[ 14 ] Legal life has taken a different path. While intellectual life—insofar as it is a free one—has, in a sense, emancipated itself, legal life has, over the course of the last few centuries, allowed itself to merge completely with economic power structures. People have not even noticed it, but the two have become completely one. What were once economic interests and needs have been expressed in public laws. These public laws are often regarded as human rights. On closer inspection, however, they are merely economic and state interests and needs that have been translated into legal form. While intellectual life, on the one hand, demands its own strength, we see, on the other hand, how confusion has now arisen regarding the relationship between legal and economic conditions. Wide swaths of today’s population throughout the civilized world are calling, in what they call the “social question,” for a further fusion of legal and economic life. We see how the entire economic life is to be shaped according to political and legal concepts. And when we look at the catchphrases popular with so many today, what are they but the ultimate consequence of the fusion of legal and economic life? Today we see the radical socialist party, which has gained widespread support, demanding that—as I have already stated here—a political system of centrally controlled, hierarchically structured, and compartmentalized administrations be imposed upon economic life. Economic life is to be entirely encased in legal relationships. We can literally see how the power of legal relationships is to be extended entirely over economic relationships.

[ 15 ] Das ist das andere, was als die Krisis in unserer Zeit eintritt, was man dadurch aussprechen kann, daß man sagt: Indem in radikaler Weise diese politischen und Rechtsverhältnisse für das Wirtschaftsleben gefordert werden, soll gewissermaßen die Tyrannis des Staates, des Rechtssystems über das wirtschaftliche Wesen hereinbrechen. Wir sehen, daß für das Wirtschaftsleben und seine Heilung nicht eine Gestaltung des Wirtschaftslebens gefordert wird, die aus wirtschaftlichen Verhältnissen heraus selber gebildet ist, sondern daß Eroberung der politischen Macht gefordert wird, aber Eroberung der politischen Macht von dem Gesichtspunkte aus, das Wirtschaftsleben durch diese politische Macht an sich zu bringen und zu beherrschen. Diktatur des Proletariats, was ist es anderes, als die letzte Konsequenz der Zusammenschweißung von Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben?

[ 15 ] This is the other aspect of the crisis unfolding in our time, which can be expressed as follows: By demanding, in a radical manner, that these political and legal conditions be imposed on economic life, the tyranny of the state and the legal system is, in a sense, set to descend upon the economic order. We see that what is required for economic life and its recovery is not a structure of economic life that arises organically from economic conditions themselves, but rather the seizure of political power—a seizure of political power with the aim of bringing economic life under the control of that political power and dominating it. The dictatorship of the proletariat—what is it other than the ultimate consequence of the fusion of legal or state life with economic life?

[ 16 ] So wird hier, freilich auf eine negative Art, bewiesen, wie nötig es heute ist, über das Verhältnis von Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben gründlich nachprüfend zu Werke zu gehen. So sieht man auf der einen Seite, daß das in einem Teil seiner Kraft freie Geistesleben sich emanzipiert hat und seine ursprüngliche Kraft fordert; so sieht man auf der anderen Seite, daß das Rechtsleben, wenn es weiter immer enger und enger an das Wirtschaftsleben gebunden werden soll, den ganzen sozialen Organismus in Unordnung bringt.

[ 16 ] Thus, it is demonstrated here—albeit in a negative way—how necessary it is today to thoroughly examine the relationship between legal or political life and economic life. On the one hand, we see that intellectual life—which is free in part—has emancipated itself and is reclaiming its original vitality; on the other hand, we see that legal life, if it is to remain bound ever more closely to economic life, throws the entire social organism into disarray.

[ 17 ] Genügend lange hat es gewährt, daß unter der Suggestion des Einheitsstaates, des einheitlichen sozialen Organismus gedacht wurde. Heute ist die Zeit gekommen, wo die Frucht dieses Denkens uns entgegentritt in dem sozialen Chaos, das über einen großen Teil der zivilisierten Welt ausgegossen ist. Die wirtschaftlichen Zustände fordern im strengsten Sinne, getrennt zu werden von dem Rechtsleben, weil es sich gezeigt hat, welchen Unfug dieses Rechtsleben selber nach und nach für das Wirtschaftsleben anrichten müßte, wenn die letzte Konsequenz von dem gezogen würde, was sich im Lauf der letzten Jahrhunderte herausgebildet hat.

[ 17 ] For long enough, people have been led to think in terms of a unified state, a unified social organism. Today, the time has come when the fruit of this thinking confronts us in the form of the social chaos that has engulfed a large part of the civilized world. Economic conditions demand, in the strictest sense, that they be separated from the legal system, because it has become clear what havoc this legal system itself would gradually wreak on economic life if the ultimate consequences were drawn from what has developed over the course of the last few centuries.

[ 18 ] Mit diesen Tatsachen rechnet der Impuls vom dreigliederigen sozialen Organismus. Und ich möchte Ihnen an einem anschaulichen Beispiel zeigen, wie durch diese Tatsache gerade dasjenige auseinandergerissen worden ist, was im Leben als eine Einheit wirken sollte. Man sagt heute, die Dreigliederung des sozialen Organismus wolle die Einheit des sozialen Lebens zerreißen. Man wird in der Zukunft sagen: Diese Dreigliederung begründet erst im rechten Sinne diese Einheit. Daß das abstrakte Streben nach der Einheit gerade diese Einheit zerstört hat, das kann man eben an einem anschaulichen Beispiel sehen. Heute sind gewisse Leute außerordentlich stolz darauf, den theoretischen Unterschied zu machen zwischen Recht und Moral. Moral ist die Schätzung einer Handlung eines Menschen rein nach inneren Gesichtspunkten der Seele. Die Beurteilung einer Handlung, ob sie gut oder böse ist, wird nur von solchen inneren Gesichtspunkten der Seele geleitet. Und man unterscheidet sehr sorgfältig, gerade in Weltanschauungsfragen, von dieser moralischen Beurteilung die rechtliche Beurteilung, die das äußere öffentliche Leben angehe, die bestimmt sein soll durch die Verfügungen, durch die Maßnahmen des staatlichen oder sonstigen sozialen öffentlichen Lebens.

[ 18 ] The impulse toward a threefold social organism takes these facts into account. And I would like to show you, using a concrete example, how this very fact has torn apart precisely that which should function as a unity in life. People say today that the threefold structure of the social organism seeks to tear apart the unity of social life. In the future, people will say: This threefold division is what truly establishes this unity in the proper sense. That the abstract striving for unity has in fact destroyed this very unity can be seen precisely through a concrete example. Today, certain people take great pride in making the theoretical distinction between law and morality. Morality is the evaluation of a person’s action purely according to inner aspects of the soul. The judgment of whether an action is good or evil is guided solely by such inner aspects of the soul. And one distinguishes very carefully—especially in matters of worldview—between this moral judgment and the legal judgment, which concerns external public life and is to be determined by the decrees and measures of the state or other forms of social public life.

[ 19 ] Von dieser Trennung von Moral und Recht wußte man die ganze Zeit nichts bis zu jenem Zeitpunkte, als die neuere technische wirtschaftliche Entwickelung und der neuere Kapitalismus heraufzogen. Erst in den letzten Jahrhunderten wurden die Impulse des Rechtes und der Moral auseinandergerissen. Und warum? Weil die moralische Beurteilung abgewälzt wurde in jenes freie Geistesleben hinein, das sich emanzipiert hat, das aber gegenüber dem äußeren Leben machtlos geworden ist, das gewissermaßen nur zum Predigen, zum Beurteilen da ist, dem aber die Kraft geschwunden ist, wirklich einzugreifen in das Leben. Diejenigen Maximen aber, die in das Leben eingreifen können, die brauchen, weil sie rein menschliche Antriebe nicht mehr finden können, die auf die Moral abgeschoben sind, wirtschaftliche Antriebe, und die werden dann in das Recht umgesetzt. So ist mitten auseinandergerissen, was im Leben wirkt: Rechtsbestimmung und ihre Durchwärmung mit menschlicher Moral - mitten auseinandergerissen zu einer Zweiheit, was gerade eine Einheit sein sollte.

[ 19 ] People were completely unaware of this separation of morality and law until the advent of modern technological and economic development and modern capitalism. It was only in the last few centuries that the forces of law and morality were torn apart. And why? Because moral judgment was shifted into that free spiritual life which has emancipated itself but has become powerless in the face of external life—a life that, in a sense, exists only to preach and to judge, but which has lost the power to truly intervene in life. But those maxims that can intervene in life—which are needed because purely human impulses can no longer be found, and which have been relegated to morality—economic impulses—are then translated into law. Thus, what acts in life is torn apart: legal provisions and their infusion with human morality—torn apart into a duality, when it should be a unity.

[ 20 ] Wer daher die Entwickelung der modernen Staaten genauer studiert, der wird finden, daß gerade die Suggestion des Einheitsstaates eine Trennung der Kräfte herbeigeführt hat, die eigentlich zu einer Einheit zusammenwirken sollen. Gerade gegen diese Trennung will der Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus wirken. Schon wenn man das eigentliche Prinzip dieses Impulses richtig betrachtet, wird man sehen, daß von einer Spaltung des Lebens dabei gar nicht die Rede sein kann.

[ 20 ] Anyone who studies the development of modern states more closely will find that it is precisely the notion of the unitary state that has brought about a separation of the forces that are actually meant to work together toward unity. The impulse toward the threefold social order is intended to counteract this very separation. Even a correct consideration of the very principle of this impulse reveals that there can be no question of a division of life here.

[ 21 ] Das Geistesleben, das seine eigene Verwaltung haben soll — steht nicht jeder Mensch zu diesem Geistesleben, wenn es so, wie ich es geschildert habe, völlig frei sich entwickelt, in einer Beziehung? Er wird in diesem freien Geistesleben erzogen, er läßt wiederum seine Kinder erziehen, er hat seine unmittelbaren geistigen Interessen bei diesem Geistesleben, er ist mit diesem Geistesleben verbunden. Und dieselben Menschen, die auf diese Weise mit diesem Geistesleben verbunden sind, die ihre Kraft aus diesem Geistesleben ziehen, stehen im Rechts- oder Staatsleben und bestimmen in diesem, was als Rechtsordnung zwischen ihnen wirkt. Sie bestimmen aus dem Geiste heraus, den sie aus diesem Geistesleben aufnehmen, diese Rechtsordnung. Diese Rechtsordnung ist unmittelbar bewirkt durch das, was durch die Beziehung zum Geistesleben erworben wird. Und wiederum, was von Mensch zu Mensch demokratisch auf dem Boden der Rechtsordnung entwickelt wird, das, was so der Mensch aufnimmt als den Impuls seiner Beziehung zu anderen Menschen, das trägt er, weil es ja wiederum dieselben Menschen sind, die zum Geistesleben Beziehungen haben, im Rechtsleben drinnenstehen und wirtschaften, hinein in das Wirtschaftsleben. Die Einrichtungen, die er trifft, die Art und Weise, wie er sich mit anderen Menschen assoziiert, die Art und Weise, wie er überhaupt wirtschaftet, das alles ist durchdrungen von dem, was er im Geistesleben ausbildet, was er als Rechtsordnung regelt im Wirtschaftsleben, denn dieselben Menschen sind es, die in dem dreigegliederten sozialen Organismus drinnenstehen, und nicht durch irgendeine abstrakte Ordnung, sondern durch den lebendigen Menschen selber wird die Einheit bewirkt. Nur daß jedes der Glieder seine eigene Natur und Wesenheit durch seine Selbständigkeit sich ausbilden und so gerade in der kraftvollsten Weise zur Einheit wirken kann. Jedes der Glieder kann so wirken, während wir eben sehen können, wie durch die Suggestion des Einheitsstaates gerade das, was im Leben zusammengehört, selbst was so innerlich zusammengehört wie Recht und Moral, auseinanderfällt. Also nicht um Zusammengehöriges zu trennen, sondern um Zusammenwirkendes oder dasjenige, was zum Zusammenwirken bestimmt ist, wirklich zum Zusammenwirken zu bringen, macht sich der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus geltend.

[ 21 ] Spiritual life, which is supposed to have its own administration—isn’t every human being connected to this spiritual life, if it develops completely freely, as I have described, within a relationship? He is educated within this free spiritual life; he, in turn, has his children educated within it; his immediate spiritual interests lie in this spiritual life; he is connected to this spiritual life. And the very same people who are connected in this way to this spiritual life—who draw their strength from it—are active in legal and political life and determine within it what functions as the legal order among them. They determine this legal order out of the spirit they draw from this spiritual life. This legal order is directly brought about by what is acquired through the relationship to spiritual life. And in turn, what is developed democratically from person to person on the basis of the legal order—that which a person takes up as the impulse for his relationship with other people—he carries into economic life, because it is, after all, these same people who have a connection to spiritual life, who are active in legal life, and who engage in economic activity. The institutions he establishes, the way he associates with other people, the way he conducts economic activity in general—all of this is permeated by what he develops in spiritual life, which he regulates as a legal order in economic life, for it is the same people who are part of the threefold social organism, and unity is brought about not through some abstract order but through the living human being himself. It is only because each of the members can develop its own nature and essence through its independence that it can thus contribute to unity in the most powerful way. Each of the members can thus function, whereas we can see how, through the suggestion of the unitary state, precisely that which belongs together in life—even that which is so intrinsically connected as law and morality—falls apart. Thus, the impulse for the threefold social order asserts itself not to separate what belongs together, but to bring into genuine cooperation that which works together or is destined to do so.

[ 22 ] Das Geistesleben, das ich gestern geschildert habe, das kann nur auf seinem eigenen freien Boden sich entwickeln. Aber wenn es sich auf seinem eigenen freien Boden entwickelt, dann wird es, wenn man ihm zugesteht, daß es gleiches Recht habe neben den beiden übrigen Gliedern des sozialen Organismus, nicht ein lebensfremdes Gebilde sein wie dasjenige Geistesleben, das sich seit Jahrhunderten eben lebensfremd und abstrakt entwickelt hat, sondern es wird die Stoßkraft entwickeln, unmittelbar in das wirkliche, äußerlich wirkliche Rechts- und Wirtschaftsleben einzugreifen. Es könnte als ein grotesker, als ein paradoxer Widerspruch erscheinen, wenn auf der einen Seite behauptet wird, das Geistesleben solle völlig selbständig werden, solle sich aus seinen eigenen Grundlagen heraus, so wie ich es gestern geschildert habe, entwickeln, und es könne doch auf der anderen Seite eingreifen in die praktischsten Gebiete des Lebens. Aber gerade dann, wenn der Geist sich selber überlassen ist, dann entwickelt er die Impulse, die das ganze Leben umfassen können. Denn dieser sich selbst überlassene Geist, der ist nicht darauf angewiesen, hinzuhorchen auf das, was der Mensch in sich ausbilden soll zum Zwecke irgendeiner Staatsschablone; er ist nicht bestimmt dadurch, daß nur derjenige ausgebildet werden kann, dem eine gewisse wirtschaftliche Macht zusteht, sondern es wird aus den Bedingungen der menschlichen Individualität heraus, aus der Beobachtung der menschlichen Fähigkeiten heraus entwickelt, was zutage treten will in irgendeiner Generation.

[ 22 ] The spiritual life that I described yesterday can develop only on its own free ground. But if it develops on its own free ground, then—if it is granted the same rights as the other two members of the social organism—it will not be an otherworldly construct like the intellectual life that has developed for centuries in an otherworldly and abstract manner, but rather it will develop the driving force to intervene directly in real, externally real legal and economic life. It might seem like a grotesque, paradoxical contradiction to claim, on the one hand, that spiritual life should become completely independent—that it should develop from its own foundations, as I described yesterday—and yet, on the other hand, that it could intervene in the most practical areas of life. But it is precisely when the spirit is left to its own devices that it develops the impulses capable of encompassing all of life. For this spirit, left to its own devices, is not dependent on listening to what a person is supposed to cultivate within themselves for the sake of some state template; it is not determined by the notion that only those who possess a certain economic power can be educated; rather, what seeks to come to light in any given generation is developed out of the conditions of human individuality and out of the observation of human abilities.

[ 23 ] Das aber, was so zutage treten will in irgendeiner Generation, das wird, weil der Geist sein Interesse über das ganze Leben hin ausdehnt, nicht nur die Natur in ihren Erscheinungen und Tatsachen umfassen, sondern das wird vor allen Dingen das Menschenleben selbst umfassen. Wir waren verurteilt, unpraktisch zu sein auf geistigem Gebiete, weil uns für das freie Geistesleben nur diejenigen Gebiete überlassen waren, die nicht eingreifen durften in die äußere Wirklichkeit. In dem Augenblicke, wo man dem Geiste es zugestehen wird, nicht bloß zu registrieren, was Parlamente als Staatsrecht bestimmen, sondern wo er von sich aus, wie es sein soll, das Staatsrecht zu bestimmen hat, in diesem Augenblicke wird er das Staatsrecht zu seiner Schöpfung machen und er wird eingreifen in das Getriebe, in die Ordnung der Wirtschaft in dem Augenblicke, wo man nicht bloß nach einer sich selbst überlassenen Wirtschaft, die nach ihren Tatsachen weiterrollt, ohne daß sie von Gedanken beherrscht wird, gewisse Gesichtspunkte und Maximen ausbilden wird für dieses Wirtschaftsleben, sondern wenn es dem Geiste überlassen wird, in dieses Wirtschaftsleben einzugreifen. Dann wird er sich auch fähig erweisen zur Lebenspraxis innerhalb des Wirtschaftskreislaufes. Man braucht ihm nur die Kraft zuzugestehen, ins praktische Leben einzugreifen, dann wird er es tun. Aber diese Wirklichkeitsanschauung ist notwendig, daß man den Geist nicht hermetisch abschließe in die Abstraktion, sondern daß man ihm den Einfluß in das Leben gebe. Dann wird er aus sich heraus jederzeit das Wirtschaftsleben gerade befruchten, während es sonst unbefruchtet bleibt oder nur durch Zufallserscheinungen befruchtet wird.

[ 23 ] But what seeks to come to light in any given generation—because the spirit extends its interest across the whole of life—will encompass not only nature in its phenomena and facts, but above all, human life itself. We were condemned to be impractical in the realm of the spirit because the only areas left to us for free intellectual life were those that were not allowed to interfere with external reality. The moment the spirit is granted not merely to take note of what parliaments establish as constitutional law, but is allowed—as it ought to be—to determine constitutional law of its own accord, at that very moment it will make constitutional law its own creation and will intervene in the workings into the order of the economy—at the moment when, rather than merely allowing the economy to run its course on its own, rolling along according to its own facts without being guided by thought, certain perspectives and principles are formulated for this economic life, and when the spirit is permitted to intervene in this economic life. Then it will also prove capable of practical application within the economic cycle. One need only grant it the power to intervene in practical life, and it will do so. But this view of reality is necessary so that the spirit is not hermetically sealed off in abstraction, but rather so that it is allowed to influence life. Then, of its own accord, it will always enrich economic life, whereas otherwise it remains unenriched or is enriched only by chance occurrences.

[ 24 ] Das muß berücksichtigt werden, wenn man klar sehen will, wie im dreigliederigen sozialen Organismus Geist, Recht und Staat und Wirtschaft zusammenwirken sollen. Über diese Dinge sind auch sehr einsichtige Persönlichkeiten der Gegenwart durchaus im unklaren. Diese einsichtigen Persönlichkeiten sehen oftmals, wie sich unter dem Wirtschaftsleben, das gewissermaßen von sich den Geist herausgetrieben hat, Zustände entwickelt haben, die heute sozial unhaltbar geworden sind. Da haben wir einen heute sehr angesehenen Denker über das Wirtschaftsleben, der findet zum Beispiel das Folgende. Er sagt: Wenn wir uns heute das Wirtschaftsleben anschauen, so sehen wir vor allen Dingen ein Verbrauchssystem, das im höchsten Grade zu sozialen Schäden führt. Die Menschen, die es können, die verbrauchen dies oder jenes, was eigentlich nur Luxus ist. - Dieser Denker weist darauf hin, welche Rolle das, was er Luxus nennt, im Leben der Menschen heute spielt, welche Rolle das auch spielt im wirtschaftlichen Leben der Menschen. Gewiß, man kann das leicht; man braucht nur auf solche Erscheinungen hinzuweisen, wie zum Beispiel, wenn sich, sagen wir, heute eine Dame eine Perlenkette kauft. Das werden manche heute noch immer für einen ganz geringen Luxus ansehen. Aber es wird dabei nicht bedacht, was innerhalb der heutigen wirtschaftlichen Struktur diese Perlenkette eigentlich wert ist. Für diese Perlenkette, für den Wert dieser Perlenkette kann man sechs Monate hindurch fünf Arbeiterfamilien erhalten! Das hängt die betreffende Dame um den Hals. Ja, man kann das einsehen, und man kann aus dem heutigen Geiste heraus nach Abhilfe suchen. Der angesehene Denker, den ich hier im Auge habe, der findet heraus, daß es notwendig sei, daß der Staat — selbstverständlich, vom Staat ist jeder suggeriert! - hohe Luxussteuern einführe, und zwar solche Luxussteuern, daß es den Leuten überhaupt vergeht, solchen Luxus sich anzuschaffen. Er läßt den Einwand nicht gelten, den sehr viele machen, daß wenn man den Luxus besteuere, dann ja der Luxus nachlasse und der Staat nichts habe von diesem Luxus. Er sagt: Nein, das ist gerade richtig, daß der Luxus aufhört, denn das Besteuern soll einen sittlichen Zweck haben. Die menschliche Sittlichkeit soll durch die Besteuerung gefördert werden.

[ 24 ] This must be taken into account if one wishes to clearly see how spirit, law, and the state and economy are to interact within the threefold social organism. Even very discerning individuals of our time remain entirely in the dark about these matters. These discerning individuals often see how, within economic life—which has, in a sense, driven out the spirit—conditions have developed that have now become socially untenable. Take, for example, a thinker on economic life who is highly regarded today; he observes the following. He says: “When we look at economic life today, we see above all a system of consumption that leads to social harm to the highest degree. People who can afford it consume this or that, which is really nothing but luxury.”—This thinker points out the role that what he calls “luxury” plays in people’s lives today, as well as the role it plays in their economic lives. Certainly, it is easy to do this; one need only point to phenomena such as, for example, when, let’s say, a woman buys a pearl necklace today. Some people today will still regard this as a very minor luxury. But they fail to consider what this pearl necklace is actually worth within today’s economic structure. For the value of this pearl necklace, one could support five working-class families for six months! The lady in question hangs it around her neck. Yes, one can see this, and one can seek a remedy in keeping with the spirit of our times. The distinguished thinker I have in mind here concludes that it is necessary for the state—of course, everyone assumes it’s the state!—to introduce high luxury taxes, and specifically such high luxury taxes that people will lose all desire to acquire such luxuries. He rejects the objection raised by many—that if luxury is taxed, then luxury will decline and the state will gain nothing from it. He says: No, it is precisely right that luxury should cease, for taxation is meant to serve a moral purpose. Human morality is to be promoted through taxation.

[ 25 ] Sehen Sie, so ist das Denken. So wenig Glauben hat man an die Kraft des menschlichen Seelischen, des menschlichen Geistigen, daß man das, was aus dem menschlichen Seelischen, aus dem menschlichen Geistigen heraussprießen soll, herstellen will auf dem Wege der Besteuerung, das heißt des Rechtes! Kein Wunder, daß man da allerdings nicht zu einer einheitlichen Gliederung des Lebens kommt.

[ 25 ] You see, that is how people think. They have so little faith in the power of the human soul and the human spirit that they want to bring about—through taxation, that is, through the law—what should spring forth from the human soul and the human spirit! No wonder, then, that one cannot arrive at a unified structure of life.

[ 26 ] Derselbe Denker weist dann darauf hin, wie Besitzerwerbung dadurch Unrecht wird, daß in unserem Leben Monopole möglich sind, daß noch immer das soziale Leben unter dem Einflusse des Erbrechtes steht und dergleichen. Wiederum macht er den Vorschlag, diese Dinge alle durch die Steuergesetzgebung zu regeln. Wenn man vererbten Besitz so stark als möglich besteuere, dann werde eine Gerechtigkeit in bezug auf den Besitz, wie er meint, herauskommen. Ebenso könnte man durch Staatsgesetze, das heißt durch rechtliche Maximen, gegen die Monopole wirken und dergleichen mehr. Das Merkwürdige ist, daß dieser Denker sagt: Ja, aber es komme gar nicht darauf an, daß durch Staatsgesetze, Steuergesetze und so weiter dies alles, was er ja in Aussicht stellt, wirklich bestimmt werde, denn es zeige sich ja, daß der Wert solcher Staatsgesetze ein durchaus anfechtbarer sei, daß solche Staatsgesetze gar nicht immer das bewirken, was sie bewirken sollen. Aber nun sagt er: Darauf komme es nicht an, daß diese Gesetze tatsächlich die Sittlichkeit heben, die Monopole verhindern und so weiter, sondern es käme auf die Gesinnung an, aus welcher heraus diese Gesetze gegeben werden.

[ 26 ] The same thinker then points out how the acquisition of property becomes unjust because monopolies are possible in our society, because social life is still influenced by inheritance law, and so on. He again proposes regulating all these matters through tax legislation. If inherited property were taxed as heavily as possible, he believes, this would result in justice with regard to property. Similarly, state laws—that is, legal principles—could be used to counter monopolies and the like. The curious thing is that this thinker says: Yes, but it does not matter at all whether state laws, tax laws, and so on actually bring about all that he envisions, for it is evident that the value of such state laws is thoroughly open to question, and that such state laws do not always achieve what they are intended to achieve. But now he says: What matters is not that these laws actually promote morality, prevent monopolies, and so on, but rather the mindset from which these laws are enacted.

[ 27 ] Jetzt sind wir ja nun doch wirklich bei dem absolutesten Drehen im Kreise angelangt. Ein angesehener politischer Denker der Gegenwart sagt ungefähr, was ich Ihnen hier charakterisiert habe. Gesinnung, ethische Gesinnung will er durch die Gesetzgebung hervorrufen; aber es komme nicht darauf an, daß die Erfolge dieser Gesetzgebung einträten, sondern daß dieMenschen die Gesinnung zu dieser Gesetzgebung haben! Es ist der reine Chinese, der sich an seinem eigenen Zopfe auffangen will. Es ist ein merkwürdiger Zirkelschluß, aber ein Zirkelschluß, der gründlich in unserem heutigen sozialen Leben drinnen wirkt. Denn unter dem Einflusse einer solchen Denkweise macht man heute das öffentliche Leben. Und man sieht nicht, daß alle diese Dinge letzten Endes doch dahin führen, anzuerkennen, daß die Grundlagen werden müssen für eine wirkliche Neugestaltung des sozialen Lebens: das Geistesleben in seiner Selbständigkeit, das Rechtsleben in seiner Selbständigkeit, in seiner Losgelöstheit vom Wirtschaftsorganismus, und die freie Ausgestaltung der Wirtschaftsorganisation als eine solche.

[ 27 ] Now we have truly reached the point of going in circles to the absolute extreme. A respected contemporary political thinker says roughly what I have described to you here. He wants to bring about a mindset—an ethical mindset—through legislation; but what matters is not that this legislation actually succeeds, but that people have the right mindset toward this legislation! It is like a Chinese man trying to catch himself by his own pigtail. It is a strange circular argument, but one that is deeply embedded in our social life today. For public life today is shaped under the influence of such a way of thinking. And people fail to see that all these things ultimately lead to the recognition that the following must become the foundations for a genuine restructuring of social life: intellectual life in its independence, legal life in its independence—detached from the economic organism—and the free structuring of the economic organization as such.

[ 28 ] Solche Dinge treten einem besonders deutlich heute entgegen, wenn man, wie es jetzt zum Beispiel bei Robert Wilbrandt der Fall ist, der sein Buch über Sozialismus schrieb, das eben erschienen ist, wenn man da sieht, wie bei außerordentlich wohlmeinenden Leuten, bei Leuten, die durchaus das Ethos haben für eine Neugestaltung des sozialen Lebens, auftritt, ich möchte sagen, ein leises Hindeuten auf die absolute Notwendigkeit zum Beispiel einer geistigen Grundlage des sozialen Aufbaues, wie aber überall die Einsicht fehlt, wodurch diese geistige Grundlage zu erringen sei. Robert Wilbrandt ist kein Mensch, der bloß rein aus der Theorie heraus redet. Erstens redet er aus einem warmen und sozial begeisterten Herzen heraus. Zweitens hat er schier die ganze Welt bereist, um die sozialen Verhältnisse kennenzulernen, und er schildert in seinem Buche treulich, wie hart das Elend dem Menschen heute noch mitspielt über die ganze zivilisierte Welt hin. Er gibt anschauliche Beispiele von dem Elend des Proletariats in der zivilisierten Welt. Er deutet aber auch von seinem Gesichtspunkte an, wie in den verschiedensten Gebieten, in denen heute die soziale Frage aktuell geworden ist, die Leute versucht haben, an einem Neuaufbau zu arbeiten, wie sie aber entweder gescheitert sind, oder wie es sich deutlich zeigt, wie zum Beispiel im heutigen Deutschland, daß sie scheitern müssen; und Robert Wilbrandt ist sich ganz klar darüber, daß alle die Versuche, die aus dem heutigen Sinne herausgemacht werden, scheitern müssen. Damit schließt er ungefähr sein Buch. Nachdem das schon in verschiedenen Tönen im Verlauf des Textes des Buches angedeutet worden ist, klingt dann das ganze Buch in dieser merkwürdigen Weise aus. Da sagt er: Scheitern müssen diese Versuche, die da gemacht werden; zu keinem Aufbau werden sie wiederum kommen, weil dem sozialen Organismus heute die Seele fehlt, und ehe er die Seele bekommt, wird er keine fruchtbare Arbeit leisten. - Das Interessanteste ist, daß das Buch mit diesem Tone schließt, daß es nicht spricht von der Art und Weise, wie diese Seele gefunden werden soll.

[ 28 ] Such things become particularly evident today when one sees—as is currently the case, for example, with Robert Wilbrandt, who wrote a book on socialism that has just been published—how, even among exceptionally well-meaning people, people who certainly possess the ethos for a restructuring of social life, there appears I would say, a subtle hint at the absolute necessity, for example, of a spiritual foundation for social reconstruction—yet everywhere there is a lack of insight into how this spiritual foundation might be achieved. Robert Wilbrandt is not someone who speaks purely from a theoretical standpoint. First, he speaks from a warm and socially passionate heart. Second, he has traveled virtually the entire world to learn about social conditions, and in his book he faithfully describes how severely misery still afflicts people today throughout the entire civilized world. He provides vivid examples of the misery of the proletariat in the civilized world. But he also points out, from his perspective, how in the most diverse regions where the social question has become pressing today, people have attempted to work toward a new social order—yet either have failed, or, as is clearly evident—for example, in today’s Germany—are bound to fail; and Robert Wilbrandt is fully aware that all attempts made from today’s perspective are bound to fail. This is more or less how he concludes his book. Since this has already been hinted at in various ways throughout the text, the entire book ends on this peculiar note. He says: These attempts that are being made are bound to fail; they will not lead to any reconstruction, because the social organism lacks a soul today, and until it acquires a soul, it will not accomplish any fruitful work. — The most interesting thing is that the book concludes on this note, without addressing how this soul is to be found.

[ 29 ] Das möchte eben der Impuls für den dreigliederigen sozialen Organismus: nicht theoretisch reden, daß Seele notwendig ist, und warten, bis die Seele von selber sich einstellt, sondern hinweisen darauf, wie diese Seele sich entwickeln wird. Sie wird sich entwickeln, wenn man herauslöst aus dem Staatsleben und aus dem Wirtschaftsleben das Geistesleben. Und dann wird dieses Geistesleben, wenn es nur den Antrieben folgen kann, die der Mensch sich selbst für den Geist gibt, stark werden, um auch in das übrige praktische Leben eingreifen zu können. Dann wird sich dieses Geistesleben so gestalten, wie ich das Geistesleben gestern zu schildern versuchte. Dann wird dieses Geistesleben Wirklichkeit in sich selber enthalten. Und dann wird man von diesem Geistesleben sagen können, daß man in der Lage ist, ihm aufzubürden, was ihm zum Beispiel aufgebürdet wird in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft».

[ 29 ] This is precisely the impetus behind the threefold social organism: not to speak theoretically about the necessity of the soul and wait for the soul to emerge on its own, but to point out how this soul will develop. It will develop when we separate spiritual life from political life and economic life. And then this spiritual life, if it is allowed to follow only the impulses that human beings themselves give to the spirit, will grow strong enough to influence the rest of practical life as well. Then this spiritual life will take the form I attempted to describe yesterday. Then this spiritual life will contain reality within itself. And then one will be able to say of this spiritual life that it is capable of bearing the burdens placed upon it—such as those described in my Key Points of the Social Question in the Necessities of Life in the Present and Future.

[ 30 ] Gewiß, man kann heute hinweisen darauf - und wir haben es im zweiten Vortrage getan —, wie das Kapital im sozialen wirtschaftlichen Prozeß heute wirkt. Allein, wenn man bloß davon spricht, daß das Kapital abgeschafft werden soll oder in Gemeineigentum übergeführt werden soll, so hat man keinen Begriff davon, wie eigentlich im wirtschaftlichen Leben drinnen, besonders unter den heutigen Produktionsverhältnissen, das Kapital wirkt, wie es notwendig ist, daß die Kapitalansammlungen stattfinden, damit die befähigten Menschen durch die Verwaltung dieser Kapitalmassen gerade zum Gemeindienste wirken können. Deshalb wurde im Grunde genommen in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» die Kapitalverwaltung abhängig gemacht von dem Geistesleben unter Mitwirkung des selbständigen Rechtslebens. Während wir heute sagen, daß das Kapital selber wirtschaftet, wird verlangt von dem Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus, daß es zwar immer möglich sein müsse, Kapitalansammlung zu bilden, daß es möglich sein müsse, daß diese Kapitalansammlung verwaltet werden könne von demjenigen, der für irgendeinen Betrieb die nötigen Fähigkeiten aus dem geistigen Leben heraus entwickelt hat, daß aber diese Kapitalansammlungen nur so lange von demjenigen, der sie angesammelt hat, verwaltet werden sollen, als er sie selbst verwalten kann. In dem Augenblicke, oder wenigstens bald nach diesem Augenblicke - auf das einzelne brauchen wir heute nicht einzugehen -, wenn der Betreffende nicht mehr mit seinen Fähigkeiten selbst hinter der Verwaltung des Kapitals stehen kann, hat er dafür zu sorgen, oder wenn er sich dazu unfähig fühlt, hat er irgendeine Korporation des Geisteslebens, die da sein muß, dafür sorgen zu lassen, daß dieser Betrieb wiederum an einen Fähigsten, der ihn verwalten kann zum Gemeindienste, übergehen könne. Das heißt: Die Überleitung eines Betriebes an eine Persönlichkeit oder Personengruppe ist nicht gebunden an Kauf oder an sonstigen Kapitalübergang, sondern ist gebunden an das, was sich aus den Fähigkeiten der Menschen selbst ergibt, von den Fähigen an die Fähigen, von denjenigen, die im Gemeinschaftsdienste arbeiten können an diejenigen, die wiederum im Gemeinschaftsdienste in der besten Weise arbeiten können. Von diesem Übergange hängt das soziale Heil der Zukunft ab. Dieser Übergang wird aber nicht ein wirtschaftlicher sein, wie er es jetzt ist, sondern dieser Übergang wird aus Impulsen der Menschen erfolgen, die er bekommt aus dem selbständigen Geistesleben und aus dem selbständigen Rechtsleben. Es werden sogar Korporationen im Geistesleben vorhanden sein, verbunden mit allen anderen Gebieten des Geisteslebens, denen sozusagen die Verwaltung des Kapitals obliegt.

[ 30 ] Certainly, one can point out today—and we did so in the second lecture—how capital functions in the social and economic process today. However, if one merely speaks of the need to abolish capital or to transfer it to communal ownership, one has no concept of how capital actually functions within economic life—especially under today’s conditions of production—or of how the accumulation of capital is necessary so that capable individuals can, through the administration of these masses of capital, work specifically for the common good. That is why, in essence, in my Key Points of the Social Question, the administration of capital was made dependent on spiritual life, with the cooperation of an independent legal system. While we say today that capital manages itself, the impulse for the threefold social order demands that, although it must always be possible to to form capital accumulations—that it must be possible for these capital accumulations to be managed by those who have developed the necessary abilities for a particular enterprise from the spiritual life—but that these capital accumulations should be managed by the person who accumulated them only as long as he is able to manage them himself. At the moment—or at least shortly after that moment—we need not go into the specifics today—when the person in question can no longer personally oversee the management of the capital with his own abilities, he must ensure—or, if he feels incapable of doing so, he must have some corporation of spiritual life, which must exist, to ensure that this enterprise can in turn be transferred to the most capable person who can manage it for the service of the community. This means: The transfer of an enterprise to an individual or a group of individuals is not tied to a sale or any other transfer of capital, but is tied to what arises from the abilities of the people themselves—from the capable to the capable, from those who can work in the service of the community to those who, in turn, can work in the service of the community in the best possible way. The social well-being of the future depends on this transition. However, this transition will not be an economic one, as it is now, but will arise from the impulses of people derived from an independent spiritual life and an independent legal life. There will even be corporations in the spiritual realm, connected to all other areas of spiritual life, which will, so to speak, be responsible for the administration of capital.

[ 31 ] So konnte ich an die Stelle des Übergangs der Produktionsmittel an die Gemeinschaft die Zirkulation der Produktionsmittel im sozialen Organismus setzen, den Übergang vom Fähigen zum Fähigen, das heißt, die Zirkulation; und diese Zirkulation hängt ab von der Selbständigkeit des Geisteslebens, der sie gewissermaßen untersteht, von der sie bewirkt wird. So daß man sagen kann: In dem, was im eminentesten Sinne im Wirtschaftskreislauf drinnensteht, wirkt, was als Kraft im Geistesleben vorhanden ist, im Rechtsleben vorhanden ist. Man kann sich die Einheit im Wirtschaftsleben nicht geschlossener denken, als sie bewirkt wird durch solche Maßnahmen. Aber die Strömung, die sich dem Wirtschaftsleben eingliedert, kommt aus dem selbständigen Geistesleben, aus dem selbständigen Rechtsleben her. Der Mensch wird nicht mehr dem Zufall preisgegeben sein, der da wirkt durch bloßes Angebot und Nachfrage ‚oder durch die sonstigen Faktoren, die heute im Wirtschaftsleben tätig sind, sondern in dieses Wirtschaftsleben wird hereinwirken Vernunft und rechtliche Beziehung zwischen Mensch und Mensch. Also zusammenwirken wird Geist, Recht und Wirtschaft, wenn sie auch getrennt voneinander verwaltet werden, weil der Mensch aus einem Gebiete in das andere — er gehört allen dreien an — dasjenige hineintragen wird, was hineinzutragen ist. Allerdings werden sich die Menschen von manchem Vorurteil frei machen müssen, wenn diese Dinge nach und nach zustande kommen sollen.

[ 31 ] Thus, I was able to replace the transfer of the means of production to the community with the circulation of the means of production within the social organism—the transfer from one capable individual to another, that is, circulation; and this circulation depends on the independence of spiritual life, to which it is, so to speak, subject and by which it is brought about. So that one can say: What is present as a force in spiritual life and in legal life is at work in what, in the most eminent sense, lies at the very heart of the economic cycle. One cannot conceive of a more complete unity in economic life than that brought about by such measures. But the current that integrates itself into economic life originates from the independent spiritual life and from the independent legal life. Human beings will no longer be at the mercy of chance—which operates there through mere supply and demand—or through the other factors active in economic life today; rather, reason and legal relationships between human beings will come to bear within this economic life. Thus, spirit, law, and the economy will work together, even if they are administered separately, because human beings will carry into each sphere—since they belong to all three—what needs to be carried there. Of course, people will have to free themselves from certain prejudices if these things are to come about gradually.

[ 32 ] Heute ist man sich noch durchaus klar darüber, daß Produktionsmittel, daß Grund und Boden Dinge des Wirtschaftslebens sind. Der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus verlangt, daß im Wirtschaftsleben nur verwaltet werden die gegenseitigen Werte, an die angenähert werden sollen die Preise, so daß bloß die Preisbestimmung dasjenige ist, was eigentlich zuletzt aus der Wirtschaftsverwaltung herauskommt.

[ 32 ] Today, it is still quite clear that the means of production—that is, land—are elements of economic life. The principle of the threefold social order demands that economic life be limited to the administration of mutual values, to which prices should be approximated, so that price determination is ultimately the only outcome of economic administration.

[ 33 ] Diese Preisbestimmung aber zu einer gerechten zu machen, ist unmöglich, wenn im Wirtschaftsleben drinnen wirkt das Produktionsmittel als solches und der Grund und Boden als solcher. Die Verfügung über Grund und Boden, was sich heute im Eigentumsrecht von Grund und Boden konzentriert, und die Verfügung über die fertigen Produktionsmittel können keine wirtschaftliche Angelegenheit sein, sondern die sollen zum Teil eine geistige, zum Teil eine rechtliche Angelegenheit. sein. Das heißt, die Überleitung von Grund und Boden von einer Person oder Personengruppe auf eine andere soll nicht durch Kauf oder Erbschaft, sondern durch eine Übertragung auf dem Rechtsboden beziehungsweise aus den Prinzipien des geistigen Lebens heraus erfolgen. Das Produktionsmittel, also dasjenige, wodurch in der Industrie oder dergleichen produziert wird, das vorzugsweise der Kapitalbildung zugrunde liegt, kann nur solange etwas kosten, bis es fertig ist. Ist es fertig, dann verwaltet es derjenige, der es zustande gebracht hat, weil er esam besten versteht, so lange als er selbst mit seinen Fähigkeiten bei dieser Verwaltung dabei sein kann. Aber es ist ferner nicht ein Gut, das verkauft werden kann, sondern das nur durch Rechts- beziehungsweise durch geistige Bestimmung, die durch das Recht realisiert wird, von einer Person oder Personengruppe auf eine andere Person oder Personengruppe übertragen werden kann.

[ 33 ] However, it is impossible to make this price-setting process a just one if, within the economic system, the means of production as such and land as such play a role. The disposal of land—which today is concentrated in the right of ownership of land—and the disposal of finished means of production cannot be purely economic matters; rather, they should be partly spiritual and partly legal matters. This means that the transfer of land from one person or group of people to another should not take place through purchase or inheritance, but rather through a transfer based on legal grounds or on the principles of intellectual life. The means of production—that is, that which is used for production in industry or similar sectors and which primarily forms the basis of capital formation—can only have a cost until it is completed. Once it is finished, it is managed by the person who brought it into being, because that person understands it best, for as long as that person can personally participate in its management using their abilities. Furthermore, it is not an asset that can be sold, but rather one that can only be transferred from one person or group of people to another person or group of people through legal or spiritual determination, which is realized through the law.

[ 34 ] So wird dasjenige, was heute zu Unrecht im Wirtschaftsleben drinnensteht, das Eigentumsverfügungsrecht, das Grund- und Bodenverfügungsrecht, das Verfügungsrecht über die Produktionsmittel, gestellt auf den selbständigen Rechtsboden unter Mitwirkung des selbständigen Geistesbodens.

[ 34 ] Thus, what is today wrongly embedded in economic life—the right to dispose of property, the right to dispose of land, and the right to dispose of the means of production—is placed on an independent legal foundation with the cooperation of an independent spiritual foundation.

[ 35 ] Fremd mögen den heutigen Menschen noch diese Ideen anmuten. Aber das ist ja gerade das Traurige, das Bittere, daß sie den gegenwä tigen Menschen fremd anmuten. Denn erst dadurch, daß diese Dinge wirklich einziehen in die Menschengeister, in die Menschenseelen und auch in die Menschenherzen, so daß sich die Menschen sozial im Leben nach ihnen verhalten, erst dadurch kann dasjenige kommen, was so viele Menschen auf ganz andere Art herbeiführen wollen, aber niemals werden herbeiführen können. Das ist es, was man endlich einsehen sollte: daß manches, was heute noch paradox erscheint, einem wirklich gesundenden sozialen Leben als etwas Selbstverständliches erscheinen wird.

[ 35 ] These ideas may still seem foreign to people today. But that is precisely what is so sad and bitter—that they seem foreign to people today. For only when these things truly take root in people’s minds, in their souls, and also in their hearts—so that people behave in accordance with them in their social lives—only then can what so many people wish to bring about in a completely different way, but will never be able to bring about, actually come to pass. This is what we should finally come to realize: that many things which still seem paradoxical today will appear self-evident in a truly healthy social life.

[ 36 ] Nicht aus den Leidenschaften, aus den Antrieben und Emotionen heraus, aus denen heute oftmals soziale Forderungen gestellt werden, stellt der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus seine sozialen Forderungen. Er stellt sie aus einem Studium der wirklichen Entwickelung der Menschheit in der neueren Zeit und bis in die Gegenwart herein. Er sieht zum Beispiel, wie im Laufe langer Jahrhunderte eine soziale Form die andere abgelöst hat. Gehen wir zurück hinter das letzte Mittelalter - es hat sich noch etwas hineinerstreckt ins letzte Mittelalter, namentlich in der europäischen zivilisierten Welt —, so finden wir das gesellschaftliche Leben in einer solchen Struktur, daß wir sprechen können von einer Machtgesellschaft. Diese Machtgesellschaft war dadurch heraufgekommen, daß, um nur ein Beispiel anzuführen, meinetwillen irgendein Eroberer mit einer Gefolgschaft sich irgendwo seßhaft gemacht, seine Gefolgschaft gewissermaßen zu seiner Arbeiterschaft gemacht hat. Dann wurde dadurch, daß der Führer angesehen wurde vermöge seiner individuellen Eigenschaften, individuellen Tüchtigkeit oder vermeintlichen individuellen Tüchtigkeit, das soziale Verhältnis zustande gebracht zwischen seiner Macht und der Macht derer, die er erst anführte und die dann seine Diener beziehungsweise seine Arbeiterschaft waren. Da ging gewissermaßen als das Maßgebliche für den sozialen Organismus dasjenige, was in einem entsprang oder in einer aristokratischen Gruppe, auf die Gesamtheit über, das lebte in der Gesamtheit weiter. Der Wille, der in der Gesamtheit war, war gewissermaßen in dieser Machtgesellschaft nur die Abzeichnung, die Projektion des Einzelwillens.

[ 36 ] The impulse for the threefold social order does not derive its social demands from the passions, drives, and emotions that often underlie social demands today. Rather, it derives them from a study of the actual development of humanity from modern times up to the present. It observes, for example, how, over the course of many centuries, one social form has succeeded another. If we go back beyond the late Middle Ages—it extended somewhat into the late Middle Ages, particularly in the civilized world of Europe—we find social life structured in such a way that we can speak of a power-based society. This power-based society had arisen because—to cite just one example—let us say some conqueror with a retinue settled somewhere and, in a sense, turned his retinue into his workforce. Then, because the leader was held in high regard by virtue of his individual qualities, individual competence, or supposed individual competence, a social relationship was established between his power and the power of those whom he initially led and who then became his servants or, respectively, his workforce. In a sense, what arose within an individual or within an aristocratic group—and which, in turn, extended to the whole—served as the defining factor for the social organism; it continued to live on within the whole. The will that existed within the whole was, in a sense, in this power-based society merely the reflection, the projection, of the individual will.

[ 37 ] Unter dem Einflusse der neueren Zeit, der Arbeitsteilung, des Kapitalismus, der technischen Kultur, trat an die Stelle dieser Machtgesellschaft, aber durchaus ihre Impulse fortsetzend unter den Menschen und dem menschlichen Zusammenleben, die Tauschgesellschaft. Was der einzelne hervorbrachte, wurde zur Ware, die er mit dem anderen austauschte. Denn schließlich ist die Geldwirtschaft auch nichts anderes, insofern sie Verkehr mit dem anderen einzelnen oder mit der anderen Gruppe ist. Es ist ein Tauschverkehr. Die Gesellschaft ist eine Tauschgesellschaft geworden. Während in der Machtgesellschaft die Gesamtheit es zu tun hat mit dem Willen des einzelnen, den sie aufnimmt, hat es die Tauschgesellschaft, in der wir noch mitten drinnen sind und aus der ein großer Teil der heutigen Menschheit herausstrebt, zu tun mit dem Willen des einzelnen, der gegen den Willen des einzelnen steht, und aus dem Zusammenwirken von Einzelwille zu Einzelwille entsteht erst, wie ein Zufallsergebnis, der Gesamtwille. Da sprießt auf aus dem, was von einzelnem zu einzelnem geschieht, was sich bildet als Wirtschaftsgemeinschaft, was sich bildet als Reichtümer, was sich herausbildet in der Plutokratie und so weiter. In all dem wirkt aber dasjenige drinnen, was zu tun hat mit dem Aufeinanderprallen von Einzelwillen auf Einzelwillen.

[ 37 ] Under the influence of modern times—the division of labor, capitalism, and technological culture—the exchange society replaced this power society, while nonetheless continuing to channel its impulses among people and in human coexistence. What the individual produced became a commodity that he exchanged with others. After all, the monetary economy is nothing else, insofar as it involves interaction with other individuals or groups. It is an exchange economy. Society has become a society of exchange. Whereas in the power-based society the collective deals with the will of the individual, which it absorbs, the society of exchange—in which we are still immersed and from which a large part of today’s humanity is striving to break free—deals with the will of the individual that stands in opposition to the will of the individual, and it is only from the interaction of individual wills that the collective will emerges, as if by chance. From what takes place from individual to individual springs forth what takes shape as an economic community, what takes shape as wealth, what emerges in the plutocracy, and so on. But at the heart of all this lies that which has to do with the clash of individual wills against individual wills.

[ 38 ] Es ist kein Wunder, daß die alte Machtgesellschaft nicht nach irgendeiner Emanzipation des Geistigen streben konnte. Denn derjenige, der der Führer war, wurde vermöge seiner Tüchtigkeit auch anerkannt als der Führer des Geistigen und als der Führer der Rechtsordnung. Es ist aber auch begreiflich, daß das Rechts-, das Staats-, das politische Prinzip in der Tauschgesellschaft besonders überhandgenommen hat. Haben wir doch gesehen, worauf das Recht eigentlich beruhen will, wenn auch dieses Wollen nicht zum richtigen Ausdrucke kommt in der heutigen sozialen Ordnung. Das Recht hat es eigentlich zu tun mit dem, was der einzelne Mensch als ein gleicher dem anderen gegenüber, der ihm gleich ist, auszumachen hat. In der Tauschgesellschaft hat der einzelne mit dem einzelnen zu tun. So hat die Tauschgesellschaft das Interesse, ihr Wirtschaftsleben, wo auch der einzelne mit dem einzelnen zu tun hat, in ein Rechtsleben umzuwandeln, das heißt, zu Rechtssatzungen umzugestalten, was wirtschaftliche Interessen sind.

[ 38 ] It is no wonder that the old power-based society could not strive for any kind of intellectual emancipation. For whoever was the leader was, by virtue of his competence, also recognized as the leader in intellectual matters and as the leader of the legal system. But it is also understandable that the legal, state, and political principles took on particular prominence in the exchange society. After all, we have seen what the law is actually intended to be based on, even if this intention is not properly expressed in today’s social order. Law is actually concerned with what the individual, as an equal, must determine in relation to another who is his equal. In a barter society, the individual deals with the individual. Thus, the barter society has an interest in transforming its economic life—where the individual also deals with the individual—into a legal life; that is, in reshaping economic interests into legal statutes.

[ 39 ] Geradeso wie die alte Machtgesellschaft übergegangen ist in eine Tauschgesellschaft, so strebt heute aus innersten Impulsen der Menschheitsentwickelung heraus diese Tauschgesellschaft in eine neue Gesellschaft hinein, namentlich auf wirtschaftlichem Boden. Denn die Tauschgesellschaft ist nach und nach, indem sie sich angeeignet hat das Geistesleben, es unfrei gemacht hat, lebensfremd gemacht hat, eine bloße Wirtschaftsgesellschaft geworden, und sie wird als solche gefordert von gewissen radikalen Sozialisten. Aber aus tiefsten Impulsen der heutigen Menschheit heraus will diese Tauschgesellschaft, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiete, in das übergehen, was ich nennen möchte - wenn auch der Name etwas hinkt, es ist aber eben eine neue Sache, und man hat in der Regel für die neuen Sachen nicht zutreffende Bezeichnungen, die ja aus der Sprache heraus gebildet werden müssen — die Gemeingesellschaft. Es muß übergehen die Tauschgesellschaft in die Gemeingesellschaft.

[ 39 ] Just as the old power-based society gave way to a society of exchange, so today—driven by the innermost impulses of human development—this society of exchange is evolving into a new society, particularly in the economic sphere. For the exchange society has gradually—by appropriating spiritual life, enslaving it, and making it alien to life—become a mere economic society, and as such it is advocated by certain radical socialists. But driven by the deepest impulses of humanity today, this exchange society—particularly in the economic sphere—seeks to transition into what I would like to call—even if the name is somewhat inadequate, for it is, after all, a new phenomenon, and one generally lacks precise terms for new phenomena, which must, of course, be formed from language itself—the communal society. The exchange society must evolve into the communal society.

[ 40 ] Wie wird diese Gemeingesellschaft gestaltet sein? Geradeso wie in der Machtgesellschaft der Einzelwille oder der Wille einer Aristokratie, also auch eine Art Einzelwille, gewissermaßen fortwirkt in der Gesamtheit, so daß die einzelnen in ihren Wollungen nur darstellen Fortsetzungen des Willens der einzelnen, und wie die Tauschgesellschaft zu tun hatte mit dem Aufeinanderprallen von Einzelwille auf Einzelwille, so wird es die wirtschaftliche Ordnung der Gemeingesellschaft zu tun haben mit einer Art von Gesamtwille, der nun umgekehrt auf den Einzelwillen zurückwirkt. Denn ich habe es im zweiten Vortrage auseinandergesetzt, wie auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens Assoziationen der verschiedenen Produktionszweige auftreten sollen, Assoziationen von Produktionszweigen mit den Konsumierenden, so daß überall sich die Wirtschaftenden und auch die wirtschaftlich Konsumierenden zusammenschließen sollen. Die Assoziationen werden Verträge miteinander schließen. Es wird sich innerhalb von Gruppen, die größer oder kleiner sind, eine Art von Gesamtwille bilden. Nach diesem Gesamtwillen streben ja viele sozialistisch sich Sehnende. Nur stellen sie sich die Sache oftmals in einer höchst unklaren, durchaus nicht vernünftigen Weise vor.

[ 40 ] What form will this communal society take? Just as in the power-based society the individual will—or the will of an aristocracy, which is also a kind of individual will—continues to operate, so to speak, within the whole, so that the individuals, in their volitions, merely represent continuations of the will of the individuals; and just as the exchange-based society had to deal with the clash of individual wills against one another, so too will the economic order of the communal society have to contend with a kind of collective will that now, in turn, exerts an influence back on individual will. For I explained in the second lecture how, in the realm of economic life, associations of the various branches of production are to arise—associations of branches of production with consumers—so that everywhere those engaged in economic activity and also those who consume economically are to join together. These associations will enter into contracts with one another. A kind of collective will will form within groups, whether large or small. Many who yearn for socialism are, in fact, striving for this collective will. However, they often create a highly unclear and by no means rational mental image of the matter.

[ 41 ] Geradeso wie in der Gewaltgesellschaft, in der Machtgesellschaft der Einzelwille in der Gesamtheit gewirkt hat, so wird in der Gemeingesellschaft der Zukunft ein gemeinsamer Wille, ein Gesamtwille in dem einzelnen wirken müssen.

[ 41 ] Just as in the society of violence—in the society of power—the individual will operated within the whole, so too in the communal society of the future a common will, a collective will, must operate within the individual.

[ 42 ] Wie aber wird das möglich sein? Was muß in dem Gesamtwillen - er muß ja entstehen durch das Zusammenwirken der Einzelwillen, die Einzelwillen müssen etwas ergeben, was keine Tyrannis ist, keine demokratische Tyrannis ist für den einzelnen, innerhalb dessen sich der einzelne frei fühlen kann -, was muß denn drinnenstecken in diesem Gesamtwillen? In diesem Gesamtwillen muß drinnenstecken, was die einzelne Seele und der einzelne menschliche Geist aufnehmen können, womit sie sich einverstanden erklären können, worinnen sie sich einleben können. Das heißt, das, was im einzelnen Menschen lebt, Geist und Seele, das muß im Gesamtwillen der Gemeingesellschaft leben. Das ist nicht anders möglich, als wenn diejenigen, die diesen Gesamtwillen ausgestalten, aus dem Einzelwillen heraus in sich tragen in ihrem Wollen, in ihrem Empfinden, in ihrem Vorstellen das völlige Verständnis für den einzelnen Menschen. Einfließen muß in diesen Gesamtwillen, was der einzelne Mensch als sein eigenes Geistiges und Seelisches und Leibliches empfindet. Dann muß es aber hineingelegt werden.

[ 42 ] But how will this be possible? What must be contained within the collective will—which must, after all, arise from the interaction of individual wills; these individual wills must produce something that is not tyranny, not a democratic tyranny for the individual, within which the individual can feel free—what, then, must be contained within this collective will? This collective will must contain what the individual soul and the individual human spirit can accept, what they can agree to, and what they can come to terms with. That is to say, what lives within the individual human being—spirit and soul—must also live within the collective will of society. This is only possible if those who shape this collective will carry within themselves—arising from the individual will—a complete understanding of the individual human being in their willing, in their feeling, and in their mental image. What the individual human being experiences as their own spiritual, soul, and physical being must flow into this collective will. But then it must be incorporated into it.

[ 43 ] Anders war das in der instinktiven Machtgesellschaft, wo der einzelne anerkannt wurde von der Gesamtheit, weil die einzelnen in der Gesamtheit nicht geltend machten ihren eigenen Willen; anders war es in der Tauschgesellschaft, wo der Einzelwille aufgeprallt ist und eine Art Zufallsgemeinsamkeit herausgekommen ist; anders aber muß es sein, wenn ein organisierter Gesamtwille auf den einzelnen wirken soll. Dann darf niemand, der an der Gestaltung dieses Gesamtwillens teilnimmt, unverständig sein gegenüber dem, was das wahrhaft Menschliche ist. Dann darf man nicht mit einer abstrakten Naturwissenschaft, mit einer Naturwissenschaft, die bloß auf die äußere Natur gerichtet ist und die niemals den ganzen Menschen verstehen kann, heranrücken an die Lebensanschauung. Dann muß man mit Geisteswissenschaft an die Lebensanschauung heranrücken, mit jener Geisteswissenschaft, die, weil sie den ganzen Menschen umfaßt nach Leib, Seele und Geist, auch empfindungsgemäß und willensgemäß ein Verständnis hervorruft für diesen einzelnen Menschen.

[ 43 ] The situation was different in the instinctive power society, where the individual was recognized by the collective because the individuals did not assert their own will within the collective; it was different in the barter society, where individual wills clashed and a kind of random commonality emerged; but it must be different if an organized collective will is to influence the individual. Then no one who participates in shaping this collective will may be ignorant of what is truly human. Then one must not approach one’s view of life with an abstract natural science—a natural science that is directed solely toward external nature and can never understand the whole human being. Then one must approach one’s outlook on life through Spiritual Science—that Spiritual Science which, because it encompasses the whole human being in body, soul, and spirit, also evokes an understanding of this individual human being in accordance with feeling and will.

[ 44 ] Will man daher eine gemeinschaftliche Wirtschaftsordnung hervorrufen, wird man sie nur hervorrufen können, wenn man sie wird beseelen können aus dem selbständigen Geistesleben heraus. So wird nur möglich sein, eine gedeihliche Zukunft zu gestalten, wenn es andererseits wird geschehen können, daß widerstrahlt, was in freiem Geistesleben gedacht ist, aus dem Wirtschaftsleben heraus. Und dieses freie Geistesleben wird sich nicht als unpraktisch erweisen, es wird sich als sehr praktisch erweisen. Nur wer im unfreien Geistesleben verweilt, kann so leben, daß er nachdenkt über das Gute, daß er nachdenkt über das Böse, über das Richtige und über das Wahre, über das Schöne und über das Häßliche, und das nur im Inneren seiner Seele besteht. Derjenige aber, der den Geist als etwas Lebendiges durch Geisteswissenschaft anschaut, durch geisteswissenschaftliche Erkenntnis ergreift, der wird insbesondere in bezug auf das Menschenleben praktisch in allen seinen Handlungen. Was er aus der Geistanschauung in sich aufnimmt, das geht unmittelbar in die Hände, das geht in jede Lebensverrichtung über, das gestaltet sich wirklich so, daß es sich hineinleben kann in das unmittelbare praktische Leben. Nur eine aus dem praktischen Leben verdrängte Geisteskultur wird lebensfremd. Eine Geisteskultur, der man Einfluß gestattet auf das praktische Leben, die entwickelt sich zur Praxis. Ich möchte sagen: Wer das geistige Leben wirklich kennt, der weiß, wie wenig jenem geistigen Element, das seinem eigenen Antrieb überlassen ist, das praktische Leben fernsteht. Ich möchte sagen: Der ist kein guter Philosoph, der nicht im richtigen Augenblicke auch Holz hacken kann, denn wer eine Philosophie begründen will, ohne daß er Hand anlegen kann an das unmittelbar praktische Leben, der begründet keine Lebensphilosophie, der begründet eine lebensfremde Philosophie. Praktisch ist das wirkliche Geistesleben.

[ 44 ] If, therefore, one wishes to bring about a communal economic order, one will only be able to do so if one can infuse it with life from an independent spiritual life. Thus, it will only be possible to shape a prosperous future if, on the other hand, what is conceived in a free spiritual life can radiate back out into economic life. And this free spiritual life will not prove to be impractical; it will prove to be very practical indeed. Only those who remain in an unfree spiritual life can live in such a way that they reflect on the good, on the evil, on what is right and true, on the beautiful and the ugly—and this exists only within the depths of their soul. But the person who views the spirit as something living through Spiritual Science, who grasps it through spiritual scientific knowledge, becomes practical in all his actions, especially with regard to human life. What he takes in from this spiritual vision flows directly into his hands; it permeates every activity of life; it truly takes shape in such a way that it can be lived out in immediate, practical life. Only a spiritual culture that has been pushed aside from practical life becomes alien to life. A spiritual culture that is allowed to influence practical life develops into practice. I would like to say: Whoever truly knows spiritual life knows how little that spiritual element—when left to its own impulse—is removed from practical life. I would like to say: One is not a good philosopher if one cannot also chop wood at the right moment, for whoever seeks to establish a philosophy without being able to lend a hand in immediate practical life is not establishing a philosophy of life, but rather a philosophy alien to life. The true spiritual life is practical.

[ 45 ] Unter den Einflüssen, die im Laufe der Jahrhunderte heraufgezogen sind, kann man es begreifen, wenn heute gerade Menschen, die innerhalb des heutigen Kulturlebens, des heutigen führenden Geisteslebens stehen wie zum Beispiel Robert Wilbrandt, der seine Sozialisierung aus einer wirklichen guten Meinung heraus, aus einem wirklichen sozialen Ethos heraus geschrieben hat, doch sagen: Es kann keine praktische Aufbauarbeit geleistet werden, weil die Seele fehlt —, wenn sie sich nicht dazu aufschwingen können, nach der Realität der Seelenbildung, der Seelengestaltung zu fragen, sich nicht entschließen können zu fragen: Was bewirkt ein wirkliches freies Geistesleben auch für das Staats-, auch für das Wirtschaftsleben? Dieses freie Geistesleben wird in der richtigen Weise zusammenwirken, wie ich gezeigt habe, mit dem Wirtschaftsleben. Dann aber wird auch das Wirtschaftsleben, das mit dem Staats- und Geistesleben zusammenwirken kann, jederzeit solche Menschen ausbilden können, die wiederum die Anregung geben dem Geistesleben.

[ 45 ] Given the influences that have emerged over the centuries, it is understandable that today, precisely those people who are at the heart of contemporary cultural life and leading intellectual life—such as Robert Wilbrandt, who wrote about his socialization out of a genuine sense of goodwill and a genuine social ethos—still say: “No practical work of building can be accomplished because the soul is missing”—if they cannot bring themselves to ask about the reality of soul formation and soul development, if they cannot bring themselves to ask: What effect does a truly free spiritual life have on political life and on economic life? This free spiritual life will interact in the right way, as I have shown, with economic life. But then economic life, which can interact with political and spiritual life, will also be able at any time to nurture people who, in turn, will provide the impetus for spiritual life.

[ 46 ] Ein freies, unmittelbar wirkliches Zusammenleben wird durch die Dreigliederung des sozialen Organismus bewirkt. Daher möchte man den Menschen, die heute aus einem Instinkt heraus, aber durchaus nicht aus einem wirklichen Lebensmute heraus, nach einer unbestimmten Seele, nach einem unbestimmten Geist verlangen, entgegenrufen: Lernet erkennen, was die Wirklichkeit des Geistes ist; gebet dem Geiste, was des Geistes ist, gebet der Seele, was der Seele ist, und es wird auch dem Wirtschaftsleben erscheinen, was der Wirtschaft ist.

[ 46 ] A free, directly real form of communal life is brought about by the threefold structure of the social organism. Therefore, one would like to call out to those people who today, out of instinct but by no means out of a genuine courage to face life, long for an undefined soul and an undefined spirit: Learn to recognize what the reality of the spirit is; give to the spirit what belongs to the spirit, give to the soul what belongs to the soul, and then economic life, too, will appear as what it truly is.

Fragenbeantwortung nach dem fünften Vortrag

Q&A Session Following the Fifth Lecture

[ 47 ] Hier ist zunächst die Frage gestellt:

[ 47 ] The question posed here is:

[ 48 ] Ich fürchte, daß durch die Dreigliederung des sozialen Organismus ein ewiger Schematismus erzeugt werden wird, wie derjenige des deutschen Idealismus, speziell Kants war, der das gesamte reiche Geistesleben in das Schema der Dreigliedrigkeit von Denken, Fühlen und Wollen hineingepreßt hat.

[ 48 ] I fear that the threefold structure of the social organism will give rise to a perpetual schematism, such as that of German idealism—specifically Kant’s—which forced the entire rich life of the spirit into the schema of the threefold division of thinking, feeling, and willing.

[ 49 ] Verzeihen Sie, wenn ich zunächst auf etwas Persönliches hinweise. Ich habe mir in den verschiedensten Büchern — und es ist ja eine große Reihe, die ich geschrieben habe, eine viel zu große — die Aufgabe gestellt, das Unrichtige, das Verwerfliche in einer gewissen Beziehung sogar des Kantianismus in der Weltanschauung darzulegen. Es ist das heute noch ein recht unpopuläres Geschäft. Und ich habe insbesondere immer wiederum auf das Ungesunde der kantianischen Denkweise aus dem Grunde hinweisen müssen, weil ich fühlte, wie ein aus der Wirklichkeit heraus gestaltetes und geformtes Denken dem kantischen genau entgegengesetzt ist. Man möchte sagen: Das kantische Denken ist deshalb so beliebt, weil es schematisiert. Wer meine Vorträge hier verfolgt hat, der wird finden, daß ich ja zwar auch Worte gebrauchen muß, daß aber schematischen Geist in diesen Worten, in diesen Auseinandersetzungen nur finden könnte, wer ihn selbst erst hineinträgt. In der Art und Weise, wie ich versuche, die Wirklichkeit anzusehen, liegt wirklich nichts Schematisierendes, sondern, wenn man überhaupt redet - man kann da das Reden für unnütz halten, das tun ja doch nur wenige Menschen heute -, so muß man sich der Worte bedienen, und dann handelt es sich nur darum, daß man in der richtigen Weise verstanden wird. Ich spreche nicht so, daß ich irgendein philosophisches Thema im Auge habe, sondern ich möchte das Ganze des Lebens ins Auge fassen.

[ 49 ] Please forgive me if I begin by making a personal remark. In a wide variety of books—and it is indeed a large series that I have written, far too large—I have set myself the task of exposing what is incorrect and, in a certain sense, even reprehensible about Kantianism as a worldview. This is still a rather unpopular endeavor today. And I have, in particular, had to point out time and again the unhealthy nature of the Kantian way of thinking, precisely because I sensed how a way of thinking shaped and formed out of reality is the exact opposite of the Kantian one. One might say: Kantian thinking is so popular precisely because it schematizes. Anyone who has followed my lectures here will find that, while I must indeed use words, one could only find a schematic spirit in these words, in these discussions, if one were to introduce it oneself. There is truly nothing schematizing in the way I attempt to view reality; rather, if one speaks at all—and one might consider speaking to be useless, though few people do so today—then one must make use of words, and the only thing that matters is being understood correctly. I do not speak with any particular philosophical topic in mind, but rather I wish to take in the whole of life.

[ 50 ] Bei der Gelegenheit ist es schon notwendig, etwas Persönliches zu berühren. Ich habe ja mein sechstes Lebensjahrzehnt bald vollendet und habe tatsächlich manches durchgemacht, bin durch mein Schicksal getragen worden in mancherlei Lebensgebiete, habe kennenlernen können, was in den verschiedensten Klassen, Ständen der heutigen Menschen lebt, und zwar so kennenlernen, daß da wahrhaftig kein Schematismus zugrunde lag, sondern daß ich eben das volle Leben hinnehmen konnte. Und aus diesem vollen Leben heraus haben sich mir deshalb Anschauungen ergeben, die manche Menschen aus dem Grunde nicht gleich verständlich finden, weil eben gerade der Schematismus, der heute so beliebt ist, nicht genügt zu ihrem Verständnisse, sondern weil man einen gewissen Lebensinstinkt braucht, um diese Dinge in der richtigen Weise zu wissen. Allerdings, eines habe ich — trotzdem ich kennengelernt habe Parteimänner von der äußersten Rechten zur radikalsten Linken und auch in der Mitte — nie fertiggebracht: selber einer Partei anzugehören. Vielleicht verdanke ich gerade diesem Umstande — wenigstens nach meinem eigenen Glauben ist es so — eine gewisse Unbefangenheit.

[ 50 ] On this occasion, it is indeed necessary to touch on something personal. I have, after all, soon to complete my sixth decade of life and have indeed been through a great deal; fate has carried me into many different spheres of life, allowing me to come to know what lives within the most diverse classes and social strata of people today—and to know it in such a way that there was truly no schematism at its core, but rather that I was able to embrace life in its fullness. And out of this full life, views have therefore emerged for me that some people do not immediately find understandable, precisely because the schematism that is so popular today is not sufficient for their understanding—but rather because one needs a certain instinct for life to know these things in the right way. However, there is one thing I have never managed to do—even though I have gotten to know party members ranging from the far right to the most radical left, as well as those in the center—and that is to belong to a party myself. Perhaps it is precisely to this circumstance that I owe—at least in my own belief—a certain impartiality.

[ 51 ] Nun soll das, was ich für die Dreigliederung des sozialen Organismus vorbringe, wahrhaftig nicht irgendeinem Schematismus entsprechen, sondern überall, wo man das Leben anfaßt, zeigt es sich in dieser Dreigliederung. Lesen Sie in meinem Buche «Von Seelenrätseln» nach: da handelt es sich nicht um einen Schematismus, nach dem ich etwa den ganzen menschlichen natürlichen Organismus einteilen will, wie Kant so fein säuberlich das Geistesleben in seine drei Abteilungen eingeteilt hat, sondern da ist es so, daß da wirklich drei Glieder ineinanderwirken. Das ist nicht Schematismus, wenn man irgend etwas von der Wirklichkeit beschreibt, wo es ankommt auf die drei Glieder und dabei diese drei Glieder namhaft macht. Es ist etwas ganz anderes, wenn man einteilt nach subjektiven Gesichtspunkten, als wenn man versucht, die Wirklichkeit wiederzugeben. Und das liegt gerade der Denkweise zugrunde, die hier geltend gemacht wird: daß die Wirklichkeit als solche genommen wird, daß nichts behauptet wird, was nicht gerade von der Wirklichkeit selber diktiert wird. Ich möchte es Ihnen durch ein Beispiel klarmachen: Ich habe in einer kleinen süddeutschen Stadt einmal einen Vortrag gehalten über die Weisheit des Christentums. Da waren auch zwei katholische Pfarrer. Und weil der Vortrag gerade nichts enthielt, was sie inhaltlich anfechten konnten, so kamen sie nachher zu mir und sagten: Ja, sehen Sie, wir können ja nichts sagen gegen das, was Sie heute vorgebracht haben; aber Sie bringen das so vor, daß Sie nur zu einigen Menschen sprechen, die gerade durch ihre Bildung prädestiniert sind, sich diese Dinge anzuhören, während wir zu allen Menschen sprechen. — Ich sagte damals: Ja, wissen Sie, daß Sie und ich, daß wir uns etwa einbilden, wir sprechen zu allen Menschen, das ist subjektiv, das wird sich im Grunde genommen jeder Mensch einbilden können; denn warum sollte er denn sonst überhaupt zu Menschen sprechen, wenn er nicht glaubte, daß das allgemein gültig und einleuchtend ist, was er sagt. Aber auf dieses Subjektive kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, ob die objektiven Tatsachen sprechen und man im Sinne dieser objektiven Tatsachen sich verhält. Und nun frage ich Sie: Sie sagen, Sie sprechen zu allen Menschen; das ist Ihre subjektive Meinung, auch Ihr subjektives Bestreben meinetwillen; aber gehen alle Menschen zu Ihnen in die Kirche? Das würde der Beweis sein, daß Sie zu allen Menschen sprechen. - Da konnten sie natürlich nicht sagen: Ja, das sei so. Denn da sprachen die Tatsachen, nicht die subjektiven Meinungen. Nun sagte ich: Das nehmen wir jetzt als eine Tatsache, und zu denen, die nicht zu Ihnen in die Kirche gehen, zu denen spreche ich, denn die haben auch ein Recht, vom Christus zu hören.

[ 51 ] Now, what I put forward regarding the threefold structure of the social organism is truly not meant to correspond to any kind of schematism; rather, wherever one examines life, this threefold structure reveals itself. Look it up in my book On the Mysteries of the Soul: this is not a matter of schematism, whereby I seek to divide the entire natural human organism, just as Kant so neatly divided the spiritual life into its three sections; rather, it is the case that there are truly three members interacting with one another. It is not schematism to describe any aspect of reality where these three elements are at play and to name them as such. It is quite different to classify things according to subjective criteria than to attempt to reflect reality. And this is precisely the foundation of the way of thinking being asserted here: that reality is taken as such, that nothing is asserted that is not dictated directly by reality itself. I’d like to illustrate this with an example: I once gave a lecture in a small town in southern Germany on the wisdom of Christianity. Two Catholic priests were also present. And because the lecture contained nothing they could challenge in terms of content, they came up to me afterward and said: “Well, you see, we can’t really say anything against what you presented today; but you present it in such a way that you’re speaking only to certain people who, precisely because of their education, are predestined to listen to these things, whereas we speak to everyone.” — I said at the time: “Yes, you know, the fact that you and I imagine we’re speaking to everyone—that’s subjective; essentially, anyone could imagine that; for why else would they speak to people at all if they didn’t believe that what they’re saying is universally valid and plausible? But this subjective aspect isn’t what matters at all. What matters is whether the objective facts speak for themselves and whether one acts in accordance with these objective facts. And now I ask you: You say you speak to all people; that is your subjective opinion, and, for my sake, also your subjective aspiration; but do all people come to your church? That would be the proof that you speak to all people. - Of course, they couldn’t say, “Yes, that’s the case.” For it was the facts that spoke, not subjective opinions. So I said: “Let’s take that as a fact for now, and I speak to those who do not come to your church, for they, too, have a right to hear about Christ.”

[ 52 ] So läßt man die Wirklichkeit sprechen. Da schematisiert man wahrhaftig nicht, richtet sich überhaupt nicht nach Subjektivem, sondern versucht zu deuten, was wirkliche Zeitimpulse sind. Aus solchen wirklichen Zeitimpulsen heraus will gesprochen werden.

[ 52 ] This is how one lets reality speak. One certainly does not oversimplify here, nor does one rely on subjective considerations at all, but rather attempts to interpret what real temporal impulses are. It is from such real temporal impulses that one seeks to speak.

[ 53 ] Denken Sie sich die Dreigliederung der sozialen Ordnung innerhalb der bestehenden Staaten durchgeführt oder wie? Das heißt, ist der heutige Staat der Rahmen mit seinen politischen Grenzen auch in der neuen Ordnung?

[ 53 ] Do you envision the threefold social order being implemented within existing states, or how? In other words, will today’s state—with its political boundaries—also serve as the framework in the new order?

[ 54 ] Nun, es ist nur möglich, irgend etwas fruchtbar zu gestalten, wenn man nicht alles kurz und klein schlagen will, sondern wenn man auf die wirkliche Entwickelung bedacht ist, wenn man im Sinn der wirklichen Entwickelung arbeitet. Sie haben vielleicht schon bemerken können, wie gerade innerhalb der Ideen vom dreigliederigen sozialen Organismus hingearbeitet wird nach einer Ausgestaltung des Lebens aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus. Diese geisteswissenschaftlichen Grundlagen werden auch das ergeben, was angesehene Denker heute vermissen, nämlich eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft. Was heute Wirtschaftswissenschaft genannt wird, das sind ja nur zusammengetragene Brocken aus einzelnen Beobachtungen. Das ist nicht etwas, was wirklich ein Impuls für das soziale Wollen werden könnte. Eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft kann eben nur aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen erwachsen.

[ 54 ] Well, it is only possible to make something fruitful if one does not seek to tear everything to pieces, but rather if one is mindful of true development and works in the spirit of true development. You may have already noticed how, particularly within the ideas of the threefold social organism, efforts are directed toward shaping life on the basis of Spiritual Science. These spiritual scientific foundations will also yield what distinguished thinkers today find lacking, namely, a true economic science. What is called economic science today is, after all, merely a collection of fragments gathered from individual observations. It is not something that could truly become an impulse for social will. A true economic science can only grow out of the foundations of Spiritual Science.

[ 55 ] Da wird sich mancherlei ergeben in bezug auf die Übergrenzung der sozialen Organisationen. So werden sich zum Beispiel Gesetze aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst ergeben, wie Wirtschaftsgebiete, Wirtschaftsterritorien in sich abgegrenzt werden sollen, so daß man auf eine Zukunft blicken kann, über dieman etwa in der folgenden Art sprechen müßte. Eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft zeigt: Wenn die Assoziationen, von denen ich im zweiten und im heutigen Vortrage gesprochen habe, zu groß werden, dann sind sie nicht mehr wirtschaftlich möglich; wenn sie zu klein werden, sind sie auch nicht mehr wirtschaftlich möglich. Durch die inneren Bedingungen eines Wirtschaftsterritoriums, durch die mannigfaltige Produktion, durch die mannigfaltigen Zweige, mannigfaltigen Gebiete, die da sind, ist auch die Größe dieses Territoriums bestimmt. Wollte ich das Gesetz für diese Größe aussprechen, so müßte ich etwa sagen: zu kleine Wirtschaftsgebiete irgendwelcher Artwirken dadurch schädlich, daß sie die assoziierten Menschen nicht aufkommen lassen, gewissermaßen die assoziierten Menschen verhungern lassen; zu große Wirtschaftsterritorien dagegen wirken so, daß sie die außerhalb des Territoriums Befindlichen schädigen, verhungern lassen. Man kann tatsächlich für kleinere Wirtschaftsgesichtspunkte und auch für größere Wirtschaftsgesichtspunkte aus inneren Gesetzen heraus die Größe der Wirtschaftsterritorien bestimmen lassen. Und es ist auch gar nicht geboten - ich werde davon noch zu sprechen haben -, wenn der soziale Organismus wirklich dreigegliedert ist, daß die Geistesgrenzen mit den Wirtschaftsgrenzen oder mit den Rechtsgrenzen zusammenfallen. Ein großer Teil des Unheiles in der Gegenwart, das sich entladen hat in dieser furchtbaren Weltkriegskatastrophe - die, wie ich am Ende des gestrigen Vortrages auseinandergesetzt habe, durchaus nicht zu Ende ist —, beruht darauf, daß man eben unter dem Einheitsstaat überall wirtschaftliche, politische und Geisteskulturgrenzen hat zusammenfallen lassen. Es handelt sich also darum, daß aus einer inneren Gesetzmäßigkeit, aus dem lebendigen Leben selbst heraus die Größe der Territorien sich ergeben wird.

[ 55 ] Various issues will arise regarding the demarcation of social organizations. For example, laws will emerge organically from economic life itself, specifying how economic spheres and economic territories are to be demarcated, so that one can look toward a future that might be described in the following manner. A true science of economics shows that if the associations I discussed in the second lecture and in today’s lecture become too large, they are no longer economically viable; if they become too small, they are also no longer economically viable. The size of an economic territory is determined by its internal conditions, by the diversity of production, and by the diverse branches and sectors that exist within it. If I were to articulate the law governing this size, I would have to say something like this: economic territories of any kind that are too small are harmful in that they do not allow the associated people to make a living—in a sense, they let the associated people starve; economic territories that are too large, on the other hand, have the effect of harming those outside the territory, causing them to starve. In fact, one can determine the size of economic territories based on inner laws, whether for smaller economic perspectives or for larger ones. And it is by no means necessary—I will have more to say about this later—for the spiritual boundaries to coincide with the economic boundaries or with the legal boundaries, provided the social organism is truly threefold. A large part of the calamity of the present, which has erupted in this terrible catastrophe of the World War—which, as I explained at the end of yesterday’s lecture, is by no means over—stems from the fact that, under the unitary state, economic, political, and spiritual-cultural boundaries have been allowed to coincide everywhere. The point, then, is that the size of territories will arise from an inner lawfulness, from life itself.

[ 56 ] Aber man muß mit der Entwickelung rechnen. Deshalb muß zunächst der Anfang gemacht werden mit dem Gegebenen. Und da kann man sagen: Zunächst wird sich allerdings herausstellen, daß die historischen Körperschaften und Gebilde hinarbeiten müssen nach diesem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus. Dann aber, wenn sie diese in gesunder Weise, ich will nicht sagen, durchgeführt haben, sondern in sich haben, dann wird aus dem Gesetze des Lebens, das sich dann ergibt, schon das andere hervorgehen.

[ 56 ] But one must take development into account. That is why one must begin, for the time being, with what is already given. And here one can say: At first, it will certainly become apparent that historical institutions and structures must work toward this impulse toward the threefold structure of the social organism. But then, once they have—not that they have “carried it out” in a healthy way, but rather have it within themselves—the other will already emerge from the law of life that results from this.

[ 57 ] Also diese Dinge dürften nicht theoretisch beantwortet werden, sondern lebensgemäß. So daß man sagt: Was sich etwa morgen ergibt, das wird erst die Grundlage sein für das Übermorgen. Also es handelt sich darum, auf ein Leben hinzuweisen, nicht irgendwelche Programme zu erfinden. Solche Programme sind furchtbar billig, und es sind ihrer wahrhaftig schon genug erfunden worden.

[ 57 ] So these matters should not be answered theoretically, but in a way that is true to life. So that one might say: Whatever happens tomorrow, for example, will only serve as the foundation for the day after tomorrow. So it’s a matter of pointing toward a way of life, not of inventing some kind of program. Such programs are terribly shallow, and truth be told, enough of them have already been invented.

[ 58 ] Wird sich wesentlich die Behandlung der agrarischen Produktionsmittel von derjenigen der industriellen unterscheiden?

[ 58 ] Will the treatment of agricultural means of production differ significantly from that of industrial ones?

[ 59 ] Die Behandlung der agrarischen Produktionsmittel, also vorzugsweise des Grundes und Bodens — denn insoferne andere Produktionsmittel in Betracht kommen, sind sie ja auch industrielle Produktionsmittel -, tritt einem besonders heute auf dem Boden desjenigen Kampfes entgegen, der geführt wird von den Bodenreformern. Sie können ja leicht das, was da in Betracht kommt, sich aneignen, wenn Sie zurückgehen auf den zunächst originellsten Bodenreformer, auf Henry Georges «Fortschritt und Armut» und auf sein Bestreben, durch die sogenannte «single tax» die Ungerechtigkeiten der gesellschaftlichen Ordnung, welche durch die Bodenverteuerung bewirkt werden können, auszugleichen, auszumerzen. Gewinnen kann unter Umständen derjenige, der am Bodenbesitz nicht die geringste Arbeit geleistet hat. So wird von dieser Seite her versucht, zunächst die agrarischen Produktionsmittel, in gewissen Grenzen wenigstens, in den Dienst der Gemeinsamkeit zu stellen.

[ 59 ] The treatment of agricultural means of production—that is, primarily land—for insofar as other means of production are considered, they are, after all, industrial means of production—is particularly evident today in the context of the struggle waged by land reformers. You can easily grasp what is at stake here if you go back to the most original land reformer, Henry George’s Progress and Poverty, and his effort to use the so-called “single tax” to compensate for and eradicate the injustices of the social order that can result from rising land prices. Under certain circumstances, the one who has not contributed the slightest bit of labor to land ownership may profit. Thus, from this perspective, an attempt is made to place the means of agricultural production—at least within certain limits—at the service of the common good.

[ 60 ] Nun hatte ich einmal vor vielen Jahren eine Diskussion mit Damaschke, der ja in gewissem Sinne durchaus auf Henry George fußt, und ich sagte ihm dazumal: Es dürfen nicht ohne weiteres die agrarischen Produktionsmittel mit den industriellen Produktionsmitteln verwechselt werden, denn es besteht ein beträchtlicher Unterschied, der einen Unterschied in der Wirkung der Produktionsmittel, des einen und des anderen, für die ganze soziale Ordnung bedingt. Der Boden hat eine bestimmte Größe, der Boden ist nicht elastisch. Wenn zwei Häuser nebeneinanderstehen, aneinandergrenzen, so kann man auch nicht den Boden, auf dem sie stehen, auseinanderziehen, so daß zwischen sie ein drittesHaus gebaut werden kann. Dagegen können industrielleProduktionsmittel, ich möchte sagen, in Elastizität gehalten werden, können vermehrt werden. Das bewirkt einen großen Unterschied. Deshalb muß beides verschieden behandelt werden. Es darf also nicht etwa die sozialdemokratische Theorie, die vorzugsweise zugeschnitten ist auf die industriellen Produktionsmittel, ohne weiteres auf das Produktionsmittel Grund und Boden übergeleitet werden. Worauf es ankommt, ist das, was ich gerade heute im Vortrag gesagt habe: daß Grund und Boden sowohl wie das fertige Produktionsmittel kein Gegenstand des Wirtschaftens sein soll, sondern ein Gegenstand der Rechtsübertragung aus geistigen Gesichtspunkten heraus. Wenn das bei beiden der Fall ist, dann ergeben sich die Unterschiede nicht auf theoretische Art, sondern aus dem unmittelbaren Leben. Denken Sie zum Beispiel nur das Folgende: Die industriellen Produktionsmittel nützen sich ab; sie müssen immer erneuert werden. Bei den agrarischen Produktionsmitteln ist das schon wiederum etwas anders; nicht nur, daß sie nicht elastisch sind, sondern sie nützen sich nur in viel geringerem Maße ab, müssen wenigstens ganz anders behandelt werden als die industriellen Produktionsmittel.

[ 60 ] Many years ago, I once had a discussion with Damaschke—who, in a certain sense, is very much rooted in the ideas of Henry George—and I told him at the time: Agricultural means of production must not be readily confused with industrial means of production, for there is a considerable difference that determines a difference in the effect of these two means of production on the entire social order. Land has a finite amount; land is not elastic. If two houses stand next to each other, adjoining one another, one cannot simply pull apart the land on which they stand so that a third house can be built between them. In contrast, industrial means of production—I would say—can be maintained in a state of elasticity; they can be increased. This makes a big difference. Therefore, the two must be treated differently. Thus, the Social Democratic theory—which is primarily tailored to industrial means of production—must not simply be applied to land as a means of production. What matters is what I just said in today’s lecture: that land, just like finished means of production, should not be an object of economic activity, but rather an object of legal transfer based on intellectual considerations. If this is the case for both, then the differences do not arise in a theoretical sense, but from real-life experience. Just consider the following, for example: Industrial means of production wear out; they must constantly be replaced. With agricultural means of production, however, the situation is somewhat different; not only are they not elastic, but they also wear out to a much lesser extent and must, at the very least, be treated quite differently from industrial means of production.

[ 61 ] Aber es besteht noch ein wesentlich anderes Verhältnis zwischen agrarischen Produktionsmitteln und industriellen Produktionsmitteln. Man mag daran denken, daß ja ein Teil des Erträgnisses der Industrie dazu verwendet werden muß, um diese Industrie höher zu bringen, um sie immer mehr und mehr auszugestalten. Da sehen wir, daß ein Teil desjenigen, was wir die Kapitalverwaltung der Industrie nennen können, von der Industrie wiederum verschluckt wird. Das ist in derselben Art nicht der Fall bei den agrarischen Produktionsmitteln. Die Bücher, wenn sie geführt würden als Gesamtbücher für ein Wirtschaftsleben, würden zwei Pole aufweisen: Der eine Pol würde ungefähr hinweisen nach der Kohlenproduktion; da würde man von der Kohlenproduktion ausgehend ungefähr alle diejenigen Posten haben, welche in das Industrielle hineinwandern. Der andere Pol geht zu dem Brot; wenn man alle Posten zusammenschreiben würde, welche sich auf das Brot - im weitesten Sinne selbstverständlich, wie die anderen Nahrungsmittel zeigen, die durch Grund und Boden beschaffen werden - beziehen, wenn man die aufschreiben würde, so würde man ungefähr das herausbekommen, was der Grund und Boden leistet.

[ 61 ] But there is another, fundamentally different relationship between agricultural means of production and industrial means of production. One might consider that a portion of industrial output must be used to advance that industry, to develop it further and further. Here we see that a portion of what we might call the capital management of industry is, in turn, absorbed by industry itself. This is not the case in the same way with agricultural means of production. If the books were kept as comprehensive records of economic life, they would reveal two poles: One pole would point roughly toward coal production; starting from coal production, one would have roughly all those items that flow into the industrial sector. The other pole points to bread; if one were to list all the items relating to bread—in the broadest sense, of course, as indicated by the other foodstuffs produced by the land—and were to record them, one would arrive at roughly what the land produces.

[ 62 ] Nun ist vieles von dem, was in diesem Gesamtbuch stecken würde, wenn Grund und Boden sowohl wie die Produktionsmittel aus der Wirtschaft heraußen wären und zugeteilt würden der Rechtsordnung, der Geistesordnung, vieles davon ist heute dadurch verdeckt, daß die Industrie mit der Verwaltung von Grund und Boden konfundiert wird. Man braucht ja nur Industrieller zu sein und Hypotheken zu haben auf Grund und Boden, so ist die Konfundierung schon da. Aber noch durch zahlreiche andere Dinge. Wenn das nicht der Fall wäre, würde man reinlich sehen, daß die Weltwirtschaft heute so steht - so paradox das für manchen heute noch scheint —, daß wirklich produktiv Grund und Boden ist; nicht produktiv, sondern erhalten aus den Erträgnissen in Wahrheit von Grund und Boden, ist die gesamte Industrie. So sonderbar das für manchen heute klingt, so ist es dennoch so der Fall. Es ist jedes industrielle Unternehmen im Grunde genommen das, was man in der Landwirtschaft nennt ein fressendes Gut, das heißt ein Gut, das seine Erträgnisse eigentlich aufzehrt.

[ 62 ] Much of what would be contained in this comprehensive book—if land, as well as the means of production, were removed from the economy and allocated to the legal order and the spiritual order—is obscured today by the fact that industry is conflated with the administration of land. After all, one need only be an industrialist and hold mortgages on land for the confusion to already exist. But there are also numerous other factors at play. If that were not the case, one would clearly see that the global economy today stands—as paradoxical as this may still seem to some—in such a way that land is truly productive; while industry as a whole is not productive in itself, but is in fact sustained by the yields from land. As strange as this may sound to some today, it is nevertheless the case. Every industrial enterprise is, in essence, what is called in agriculture a “consuming good”—that is, a good that actually consumes its own yields.

[ 63 ] Man betrachtet heute durchaus nicht die Gesamtwirtschaft. Sie ist verdeckt durch die mannigfaltigsten Umstände. Im wirklichen Leben aber würden sich die Gesichtspunkte ergeben, welche bei der Übertragung sowohl der agrarischen Produktionsmittel einerseits, wie der industriellen Produktionsmittel andererseits maßgebend sein können.

[ 63 ] Today, the economy as a whole is by no means taken into account. It is obscured by a wide variety of circumstances. In real life, however, the factors that could be decisive in the transfer of both agricultural means of production, on the one hand, and industrial means of production, on the other, would become apparent.

[ 64 ] Bei dem industriellen Pol wird ja vorzugsweise die individuelle geistige Fähigkeit der Menschen, dasjenige, was sie können, gelernt haben, wozu sie veranlagt sind, bei dieser Übertragung in Betracht kommen. Bei der agrarischen Übertragung kommt anderes in Betracht; da kommt zum Beispiel in Betracht das Zusammengewachsensein des Menschen mit Grund und Boden. Da muß durchaus berücksichtigt werden, daß derjenige, der die besten Fähigkeiten hat, um den Grund und Boden weiter zu bearbeiten, nicht in abstrakter Weise gewählt werden kann nach seiner geistigen Veranlagung, sondern in einer gewissen Weise mit dem Boden zusammengewachsen sein muß. Wenn in der richtigen Weise gerade auf dem Land draußen der Sinn der Dreigliederung klargemacht werden könnte, so würde das gesamte Bauerntum zustimmen. Selbstverständlich, wenn irgendeiner hinauskommt, der in dem üblen Ruf eines Gelehrten steht, dann werden ihn die Leute natürlich nicht anhören, dann hat er nichts zu sagen; aber wenn in der richtigen Weise die Sache an die Leute herangebracht wird, werden sie gar nichts dagegen haben. Denn eigentlich wird ja nach diesem Prinzip gehandelt, gerade im Agrariertum. Nicht im Großgrundbesitz, aber im Bauerntum wird im wesentlichen, insofern nicht der Staat störend eingreift, durchaus in diesem Sinne gedacht und gehandelt.

[ 64 ] In the industrial sphere, it is primarily people’s individual intellectual abilities—what they are capable of, what they have learned, and what they are naturally inclined toward—that are taken into account in this transfer. In the agrarian transfer, other factors come into play; for example, the deep connection between people and the land is a key consideration. It must certainly be taken into account that the person best suited to continue working the land cannot be chosen in an abstract manner based on his intellectual aptitude, but must, in a certain sense, have grown together with the soil. If the meaning of the threefold order could be made clear in the right way, especially out in the countryside, the entire farming community would agree. Of course, if someone comes along who has the bad reputation of being a scholar, then people naturally won’t listen to him, and he will have nothing to say; but if the matter is presented to the people in the right way, they will have no objection at all. For in fact, this principle is already being put into practice, particularly among the farming community. Not among large landowners, but among the peasantry—insofar as the state does not interfere disruptively—people essentially think and act in this spirit.

[ 65 ] Es handelt sich also darum, daß sich die Gesichtspunkte im Konkreten und aus diesem heraus ergeben. Programme dürfen bei einer lebensfähigen sozialen Ordnung nicht gemacht werden, sondern darum handelt es sich, so zu charakterisieren, daß das Leben bestehen kann. Das Leben hat dann noch etwas zu tun.

[ 65 ] The point, then, is that these perspectives arise in concrete reality and from it. In a viable social order, programs should not be created; rather, the task is to shape that order in such a way that life can exist. Life then still has a role to play.

[ 66 ] Sehen Sie, dadurch unterscheidet sich dieser Impuls der sozialen Dreigliederung, der hier vorgetragen wird, von mancherlei Programmen, die ja heute eigentlich billig wie Brombeeren sind. Diese sozialen Programme, die stellen auf: Erstens, zweitens, drittens und so weiter. Die schematisieren eigentlich alles. Diese Allwissenheit, die schreibt sich die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus nicht zu, sondern sie will, daß die Menschen aus sich heraus so zusammenwirken können, daß sie dazu kommen, den sozialen Organismus entsprechend zu gestalten. Sie möchte nur die Menschen in solche Verhältnisse bringen, daß daraus eine entsprechende soziale Ordnung entstehen kann. Wenn man nur das begreifen würde, daß dies ein prinzipieller Unterschied ist zwischen dem Impuls der Dreigliederung und dem anderen, was heute auftritt, so würde man sehen, wie diese Dreigliederung eben gerade aus der vollen Wirklichkeit heraus schöpft.

[ 66 ] You see, this is what distinguishes the impulse toward social threefolding presented here from all sorts of programs that are, after all, as common as blackberries these days. These social programs lay out: first, second, third, and so on. They essentially reduce everything to a formula. The idea of the threefold social order does not claim such omniscience for itself; rather, it seeks to enable people to interact in such a way that they can shape the social organism accordingly. It merely aims to place people in circumstances from which an appropriate social order can emerge. If only people would grasp that this is a fundamental difference between the impulse toward threefolding and the other approaches that exist today, they would see how this threefolding draws precisely from the fullness of reality.

[ 67 ] Ich habe deshalb oftmals zu den Leuten gesagt: Es kommt gar nicht darauf an, ob das eine oder das andere so oder anders sein soll. Meinetwillen sogar, möchte ich radikal sagen: Man nehme die Sache in Angriff, vielleicht stellt sich heraus, daß kein Stein auf dem anderen bleibt, aber es wird etwas entstehen, was ganz gewiß Standfestigkeit hat, weil die Wirklichkeit an einem Zipfel angefaßt ist. Gerade wenn man die Wirklichkeit anfaßt, so ergibt sich vielleicht etwas ganz anderes, als man programmatisch zunächst gesagt hat. Aber es handelt sich darum, kein Programm aufzustellen, sondern hinzuweisen, wie man die Wirklichkeit anzufassen hat.

[ 67 ] That is why I have often told people: It doesn’t matter at all whether one thing or another should be this way or that way. For my part, I’d even go so far as to say: Let’s tackle the matter head-on; perhaps it will turn out that no stone will be left unturned, but something will emerge that is certainly stable, because reality has been grasped at its very core. Precisely when one grasps reality, something may emerge that is entirely different from what was initially stated in a programmatic way. But the point is not to draw up a program, but to point out how reality is to be grasped.

[ 68 ] Zu Beginn der Fragebeantwortung hatte ein Besucher zu längeren Ausführungen das Wort ergriffen. Dr. Steiner antwortete darauf:

[ 68 ] At the beginning of the question-and-answer session, a visitor had taken the floor to make a lengthy statement. Dr. Steiner replied:

[ 69 ] Nun noch ein paar Worte mit Bezug auf das, was der verehrte Herr Vorredner gesagt hat. Er sagte zum Beispiel, es habe die Dreigliederung immer bestanden. Ich verstand sehr gut, daß er das ausgesprochen hat, denn er hat das, was ich gesagt habe, mit etwas anderem verwechselt. Er hat auch deutlich angedeutet, daß er es verwechselt: er sprach nämlich immer von der «Dreigliederung des Sozialismus», wenn ich ihn richtig gehört habe.

[ 69 ] Now a few words regarding what the esteemed speaker before me said. He said, for example, that the threefold social order has always existed. I understood very well why he said that, because he confused what I said with something else. He also clearly indicated that he had made this mistake: namely, he kept speaking of the “threefold social order of socialism,” if I heard him correctly.

[ 70 ] Ich würde natürlich niemals von der «Dreigliederung des Sozialismus» sprechen. Das erscheint mir als eine völlige Unmöglichkeit. Denn der Sozialismus kann natürlich als Weltanschauung nur etwas Einheitliches sein. Und nur, wenn man so abstrakt denkt, ist man versucht, zu sagen: Nun, das Leben war ja immer dreigeteilt, warum soll man denn erst von dieser Dreigliederung, Dreiteilung des Lebens reden?

[ 70 ] Of course, I would never speak of the “threefold social order of socialism.” That strikes me as a complete impossibility. For socialism, as a worldview, can naturally be nothing but a unified whole. And only when one thinks in such abstract terms is one tempted to say: Well, life has always been divided into three parts, so why should we even talk about this threefold division of life?

[ 71 ] Ja, das ist es ja gerade, worum es sich handelt! Gewiß, das Leben war immer dreigeteilt, und es handelt sich nicht darum, daß man das Leben gerade dreiteilt. Das teilt sich von selber. Es handelt sich darum, daß man in der Verwaltung des Lebens nicht immer das Richtige getroffen hat, um das dreigliederige Leben eben in der richtigen Weise zu verwalten, zu ordnen, zu orientieren. Es ist ja eine Selbstverständlichkeit, daß das Leben dreigliederig ist. Darum redet man ja gerade! Weil das Leben dreigliederig ist, frägt man: Wie soll man es machen, wenn eine Einheit herauskommen soll, daß diese wirklich herauskommt? - Sie ist nicht herausgekommen für die letzten Jahrhunderte und die Gegenwart. Also darum handelt es sich, einen neuen Weg zu finden. Es ist eine im höchsten Sinne — wenn sie auch glaubt, der Wirklichkeit freundlich zu sein — abstrakte, lebensfremde Denkweise, wenn man mit Selbstverständlichkeiten abtun will, was durchaus mit diesen Selbstverständlichkeiten rechnet, aber gerade aus diesen Selbstverständlichkeiten heraus die Notwendigkeit einsieht, daß eben das Leben diesen Selbstverständlichkeiten gemäß gestaltet werden müßte. Im Leben kommt es eben nur zu häufig vor, daß man solche Selbstverständlichkeiten in ein falsches Fahrwasser rückt, und daraus kommen dann die Lebenskrisen. Das ist es, worauf ich im besonderen aufmerksam machen möchte.

[ 71 ] Yes, that is precisely what this is all about! Certainly, life has always been threefold, and the point is not that one should deliberately divide life into three parts. It divides itself. The point is that, in the management of life, one has not always done what is right to manage, organize, and direct this threefold life in the proper way. It goes without saying that life is threefold. That is precisely why we are talking about it! Because life is threefold, we ask: How should we go about it so that, if a unity is to emerge, it truly does emerge?—It has not emerged over the past few centuries or in the present. So that is what it is all about: finding a new path. It is, in the highest sense—even if one believes it to be in harmony with reality—an abstract, unrealistic way of thinking when one seeks to dismiss with “self-evident truths” that which certainly takes these self-evident truths into account, yet precisely because of these self-evident truths recognizes the necessity that life itself must be shaped in accordance with them. In life, it happens all too often that such self-evident truths are steered onto the wrong course, and this is what leads to life crises. That is what I would particularly like to draw attention to.

[ 72 ] Ebenso ist es wirklich eine bloße Redensart, wenn man sagt: Aus der Wirtschaft mit dem Geist zusammen kommt das Recht. Nun, ganz gewiß, es kommt schon; wenn einmal der dreigliederige Organismus da sein wird, dann wird auch das Recht kommen. Aber es wird eben auf die Art kommen, daß man findet, wie es kommen soll. Die Menschen müssen es einrichten. Also muß man über die Methode nachdenken, wie sie es einrichten sollen.

[ 72 ] Likewise, it is really just a figure of speech to say: “Law arises from the interplay of the spirit and the economy.” Well, certainly, it will come; once the threefold social order is in place, then the law will also come. But it will come in such a way that people will have to figure out how it should come about. People must bring it about. So one must reflect on the method by which they are to bring it about.

[ 73 ] Dann ist noch manches andere Beherzigenswerte gesagt worden über die Verbindung von geistigem Leben und praktischer Arbeit. Ich möchte nicht auf Persönliches eingehen, sonst könnte ich dem verehrten Vorredner leicht beweisen, wie ich mich bemüht habe mein ganzes Leben lang, praktische Arbeit zu verbinden mit dem Geistesleben. Aber man darf mir nur nicht zumuten, was man mir in manchen Diskussionen zugemutet hat, daß das praktische Leben auf diesem Gebiete darinnen bestehen soll, daß man im Rahmen irgendeiner Partei mitarbeitet. Das haben nämlich manche mit dem «praktischen sozialen Arbeiten» verstanden. Dieses praktische soziale Arbeiten ist manchmal ein sehr theoretisches und unpraktisches soziales Arbeiten. Also diese Dinge darf man durchaus nicht mit wirklicher Lebenspraxis verwechseln.

[ 73 ] Much else worth taking to heart has been said about the connection between spiritual life and practical work. I do not wish to go into personal matters; otherwise, I could easily demonstrate to the esteemed speaker who spoke before me how I have strived my entire life to combine practical work with spiritual life. But please do not expect of me what has been expected of me in some discussions—namely, that practical life in this area consists of working within the framework of some political party. That is precisely what some people have understood by “practical social work.” This so-called practical social work is sometimes a very theoretical and impractical form of social work. So these things must by no means be confused with genuine practical living.

[ 74 ] Dann wurde gesagt, daß wenn wirklich eine Besserung, eine Gesundung der Verhältnisse eintreten solle, es sich darum handle, daß die Arbeiterschaft sich wirklich mit den geistigen Grundlagen des sozialen Lebens befasse. Ich bin vollständig damit einverstanden, glaube aber auch, in diesen Vorträgen schon das richtige Mittel angedeutet zu haben, wodurch sich die Arbeiterschaft eben befassen kann mit den geistigen Fragen. Ich habe bereits darauf hingedeutet, daß ich durch Jahre hindurch Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule war, daß ich da sehr wohl die Arbeiterschaft gefunden habe, auch den Ton, um gerade in Arbeiterherzen hinein wissenschaftlich zu sprechen. Allein dann sind die Führer gekommen; die haben mich herausgeschmissen, wenn ich das auf deutsch sagen soll, weil sie wollten, daß nur auf sie gehört werde und nur das gehört werde, was sie befehlen, daß es vertreten werde. Ich habe Ihnen das in diesen Vorträgen ja schon früher erzählt. Als ich sagte: Wenn nicht einmal hier Lehrfreiheit herrschen soll, wo soll sie denn herrschen? — Da erwiderte einer der Führer: Lehrfreiheit, das kann nicht sein bei uns, ein vernünftiger Zwang, das ist es, um was es sich handelt!

[ 74 ] It was then said that if there were truly to be an improvement, a recovery in conditions, it would require the working class to genuinely engage with the intellectual foundations of social life. I fully agree with this, but I also believe that in these lectures I have already indicated the proper means by which the working class can indeed engage with these intellectual questions. I have already pointed out that for years I was a teacher at a workers’ educational school, that there I certainly found the working class and also the right tone to speak scientifically in a way that resonates with workers’ hearts. But then the leaders came; they kicked me out—to put it bluntly—because they wanted people to listen only to them and to hear only what they commanded and what they advocated. I have already told you this in these lectures. When I said, “If academic freedom is not to prevail even here, where is it to prevail?”—one of the leaders replied, “Academic freedom—that cannot exist among us; reasonable coercion—that is what it’s all about!”

[ 75 ] Ja, sehen Sie, mit diesem zusammen könnte ich Ihnen vieles anführen, was ein gutes Mittel wäre, wodurch die gegenwärtige Arbeiterschaft tatsächlich zum Ergreifen der geistigen Grundlagen für eine soziale Neugestaltung kommen würde. Dieses Mittel wäre dieses: sich loszusagen von den meisten der gegenwärtigen Führer, die durchaus nicht im Auge haben, in ehrlicher Weise einen sozialen Neuaufbau herbeizuführen, sondern die etwas ganz anderes im Auge haben, denen aber in vieler Beziehung heute noch viel mehr gehorcht wird - das hat gerade die Praxis des Wirkens in der sozialen Dreigliederung ergeben -, als von den Katholiken ihren Erzbischöfen gehorcht wird. Das ist etwas, was beherzigt werden sollte. Und ich bin überzeugt davon: Es herrscht heute so viel gesunder Sinn in den breiten Massen des Volkes, daß in dem Augenblicke, wo mancher Führer fiele, viel wirkliche gesunde soziale Einsicht eintreten würde.

[ 75 ] Yes, you see, along with this, I could cite many things that would serve as effective means to actually enable the current working class to grasp the intellectual foundations for a social transformation. This means would be this: to break away from most of the current leaders, who have no intention whatsoever of bringing about a social reconstruction in an honest way, but who have something entirely different in mind—and yet, in many respects, they are still obeyed far more today—as the practice of working within the threefold social order has shown—than Catholics obey their archbishops. This is something that should be taken to heart. And I am convinced that there is so much sound judgment among the broad masses of the people today that the moment certain leaders were to fall, a great deal of genuine, sound social insight would emerge.

[ 76 ] Wir haben es heute nötig, daß die Menschen sich wiederum kristallisieren um Ideen, um wirkliche ideelle Impulse, aus denen heraus das Leben gestaltet werden kann, daß die alten Parteischablonen und Parteiprogramme überwunden werden, denn die sind es, was hauptsächlich eine gesunde Einsicht und auch ein gesundes Wirken im Sinne einer solchen Einsicht hindert. Man muß nur auch da aus der vollen Wirklichkeit heraus das aufsuchen, was zum Heile führen könnte. Die bloße Forderung tut es nicht, geradesowenig wie es die bloße Forderung tut: Abschaffung des Kapitals - sondern wie man sehen muß, wie das Kapital wirken soll. Denn «Abschaffung», das ist leicht. Das heißt, es ist deshalb nicht leicht, weil es zum Ruin führt. Aber wenn man hinauskommen soll über die Schäden des Kapitalismus, dann ist etwas anderes notwendig. Wie es notwendig ist, auf diesem konkreten Gebiete in die Wirklichkeit hineinzuschauen, so ist es schon auch notwendig, im heutigen Menschenleben in die volle Wirklichkeit hineinzuschauen und sich zu sagen, daß die Parteien vielfach nur noch leben von den abstrakten Fortführungen ihrer Programme, daß sie aber mit dem Leben nicht mehr zusammenhängen. Das aber ist insbesondere da notwendig, wo es sich um einen wirklichen Neuaufbau auf dem Gebiete des sozialen Lebens handelt.

[ 76 ] What we need today is for people to rally once again around ideas—around genuine, idealistic impulses from which life can be shaped—and for us to move beyond the old party stereotypes and party platforms, for these are the main obstacles to sound judgment and to sound action in accordance with such judgment. One must simply seek out, from the full reality of the situation, what could lead to healing. Mere demands are not enough—just as the mere demand for the “abolition of capital” is not enough—but rather, one must see how capital should function. For “abolition” is easy. That is to say, it is not easy precisely because it leads to ruin. But if we are to move beyond the harms of capitalism, then something else is necessary. Just as it is necessary to look into reality in this specific area, so too is it necessary to look into the full reality of human life today and to recognize that political parties often survive only on the abstract continuation of their programs, yet they are no longer connected to real life. This is particularly necessary when it comes to a genuine reconstruction in the realm of social life.

[ 77 ] Das ist es, was ich heute sagen möchte, obwohl zur Aufhellung solcher Fragen noch manches gestreift werden müßte.

[ 77 ] That is what I would like to say today, although there are still many other points that would need to be touched upon to shed light on such questions.