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The Future of Society
GA 332a

28 October 1919, Zurich

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The Future of Society, tr. SOL
  1. The Social Future, tr. Collison
  2. Soziale Zukunft

4. Geistesfragen Geisteswissenschaft (Kunst, Wissenschaft, Religion) Erziehungswesen – Soziale Kunst

4. Spiritual Questions; Spiritual Science (Art, Science, Religion); Education – Social Art

[ 1 ] Wenn man die Geschichte der letzten Jahre überblickt und sich dabei frägt: Wie nehmen sich die Fragen und Forderungen sozialer Natur, die ja seit mehr als einem halben Jahrhundert gestellt worden sind, innerhalb dieser Geschichte aus? — so wird man doch nicht umhin können, die folgende Antwort zu bekommen: In weiten Gebieten der zivilisierten Welt wurde Persönlichkeiten, die sich jahrzehntelang in ihrer Art der Betrachtung sozialer Fragen hingegeben haben, die Möglichkeit, in ihrem Sinne an einem Aufbau, an einer Neugestaltung der sozialen Verhältnisse positiv zu arbeiten, eingeräumt, und eine außerordentlich charakteristische Erscheinung ist wohl diese, daß sich all die Theorien, all die Anschauungen, die sich seit mehr als einem halben Jahrhundert von verschiedenen Seiten her als sozialistische ergeben haben, als machtlos erwiesen gegenüber einem wirklichen Aufbau, einer Neugestaltung der gegenwärtigen Verhältnisse. In den letzten Jahren ist viel gescheitert, wenig — für den Einsichtigen wird wahrscheinlich sogar gesagt werden müssen: gar nichts - aufgebaut worden. Muß sich da nicht die Frage hereindrängen in die menschliche Seele: Worinnen liegt eigentlich der Grund dieser Ohnmacht entwickelter Anschauungen gegenüber der positiven Arbeit?

[ 1 ] If one surveys the history of recent years and asks: How do the social issues and demands—which have, after all, been raised for more than half a century—fit into this history? — one cannot help but arrive at the following answer: In large parts of the civilized world, individuals who have devoted themselves for decades to their own way of viewing social issues have been given the opportunity to work constructively, in accordance with their convictions, toward building and reshaping social conditions, and an extraordinarily characteristic phenomenon is surely this: that all the theories, all the views that have emerged from various quarters as “socialist” for more than half a century have proved powerless in the face of a genuine reconstruction, a reshaping of present-day conditions. In recent years, much has failed, and little—and to the discerning observer, one might even have to say: nothing at all—has been built. Must not the question then press itself upon the human soul: What, in fact, is the reason for this powerlessness of developed views in the face of positive work?

[ 2 ] Auf diese Frage habe ich mir erlaubt, eine kurze Antwort zu geben — auf die ich heute hinweisen darf - in dem Zeitpunkte, welcher vorangegangen ist der großen Weltkriegskatastrophe: im Frühjahr des Jahres 1914, in einem kleinen Vortragszyklus, den ich dazumal in Wien vor einer kleinen Gemeinde gehalten habe - eine größere hätte mich damals wahrscheinlich über das Gesagte ausgelacht. Ich habe mir dazumal zu sagen erlaubt gegenüber alledem, was die sogenannten Praktiker des Lebens über die nächste Zukunft annahmen, daß in unseren sozialen Zuständen über die ganze zivilisierte Welt hin etwas lebt, was sich dem genauen Beobachter des inneren Lebens der Menschheit zeigt wie ein soziales Geschwür, wie eine soziale Krankheit, wie eine Art Krebsbildung, die in der nächsten Zeit in einer furchtbaren Weise über die zivilisierte Welt wird zum Ausbruche kommen müssen. Das konnten diejenigen, die dazumal von der politischen Entspannung sprachen und dergleichen — sie waren praktische Staatsmänner -, als den Pessimismus eines Idealisten ansehen. Allein das war herausgesprochen aus dem, was man als Überzeugung gewinnen kann aus einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung der menschlichen Entwickelung, aus einer solchen geisteswissenschaftlichen Betrachtung, wie ich sie heute Abend vor Ihnen charakterisieren will.

[ 2 ] I took the liberty of giving a brief answer to this question—which I may refer to today—at a time preceding the great catastrophe of World War I: in the spring of 1914, during a short series of lectures I gave at that time in Vienna to a small audience—a larger one would likely have laughed at what I said back then. At that time, in response to everything that the so-called “practitioners of life” assumed about the near future, I took the liberty of saying that, in our social conditions throughout the entire civilized world, there is something alive that appears to the keen observer of humanity’s inner life as a social ulcer, like a social disease, like a kind of cancerous growth that will inevitably erupt in a terrible way across the civilized world in the near future. Those who spoke at the time of political détente and the like—they were practical statesmen—could regard this as the pessimism of an idealist. Yet this was expressed precisely out of the conviction one can gain from a view of human development as described by Spiritual Science—a view of the kind I intend to describe to you this evening.

[ 3 ] Dieser geisteswissenschaftlichen Betrachtung ist gewidmet in einem nordwestlichen Winkel der Schweiz der Dornacher Bau, das Goetheanum. Dieser Bau soll der äußere Repräsentant sein für die geisteswissenschaftliche Bewegung, die ich hier meine. Sie können ja verschiedenes heute hören, verschiedenes heute lesen über das, was mit dem Dornacher Bau angestrebt werden soll, was mit der Bewegung gemeint ist, für die dieser Bau der Repräsentant sein soll. Und Sie können in den meisten Fällen sich sagen: Das Gegenteil von dem ist richtig, was zumeist über diese Dinge heute geschwätzt wird. Allerlei Mysteriöses, allerlei falsche, sinnlose Mystik, allerlei obskures Zeug sucht man in dem, was mit dieser Bewegung und ihrer Repräsentanz durch den Dornacher Bau angestrebt wird. Davon kann nicht anders die Rede sein, als daß eben über diese Strömung des Geisteslebens heute noch Mißverständnisse über Mißverständnisse walten. In Wahrheit handelt es sich darum, daß in bewußter Weise mit dieser Geistesströmung jene Erneuerung unseres gesamten zivilisierten Lebens angestrebt wird, wie es sich im Laufe der Menschheit in Kunst, Religion, Wissenschaft, Erziehung und so weiter ausgestaltet hat, und wie es für den Einsichtigen wahrhaftig einer Erneuerung bedarf, ja, man kann sagen, einer Erneuerung bedarf aus ihren Fundamenten heraus.

[ 3 ] The Dornach building, the Goetheanum, located in a northwestern corner of Switzerland, is dedicated to the perspective of Spiritual Science. This building is intended to be the outward representation of the movement of Spiritual Science I am referring to here. You can, of course, hear all sorts of things today, read all sorts of things today, about what the building in Dornach is intended to achieve, and what is meant by the movement that this building is meant to represent. And in most cases, you can tell yourself: The opposite of what is usually chattered about regarding these matters today is true. People look for all sorts of mysterious elements, all sorts of false, meaningless mysticism, and all sorts of obscure nonsense in what this movement and its representation through the Dornach building are striving to achieve. There is no other way to put it than to say that misunderstandings upon misunderstandings still prevail today regarding this current of spiritual life. In truth, the aim is to consciously use this spiritual current to bring about a renewal of our entire civilized life—as it has taken shape throughout human history in art, religion, science, education, and so on—and as the discerning person can see, this truly requires renewal; indeed, one might say it requires renewal from its very foundations.

[ 4 ] Und diese Geistesströmung führt zu der Überzeugung, die ich schon angedeutet habe in den Vorträgen, die diesem vorangegangen sind in diesem Zyklus: daß es heute gegenüber der sozialen Bewegung nicht getan ist mit dem Nachdenken über die eine oder die andere neue Einrichtung, sondern daß dasjenige, was aus den tiefsten Gründen der Menschheitsentwickelung gefordert wird, eine Umwandelung des Vorstellens, des Denkens, der innersten Seelenverfassung der Menschheit selber sei. Und eine solche Umwandelung strebt die hier gemeinte Geisteswissenschaft an. Und sie muß meinen, daß, weil die sozialen Anschauungen, von denen ich eben gesprochen habe, aus alten, nicht mehr der heutigen Menschheitsentwickelung und dem heutigen Leben gewachsenen Vorstellungsarten hervorgegangen sind, sie deshalb, da sie an einen Neuaufbau, an eine Neugestaltung gestellt wurden, so deutlich Schiffbruch erlitten.

[ 4 ] And this intellectual current leads to the conviction I have already hinted at in the lectures that preceded this one in this series: that, when it comes to the social movement today, it is not enough to reflect on one new institution or another, but that what is required by the deepest foundations of human development is a transformation of mental images, of thought, and of the innermost spiritual constitution of humanity itself. And it is precisely such a transformation that the Spiritual Science referred to here strives for. And it must be understood that, because the social views I have just spoken of arose from old modes of conception that no longer correspond to the current development of humanity and contemporary life, they have, when faced with the task of rebuilding and reshaping, so clearly foundered.

[ 5 ] Das, was wir brauchen, ist Einsicht. Was wollen eigentlich die unterbewußten, in das bewußte Denken noch nicht heraufgedrungenen Sehnsuchten und Forderungen der heutigen Menschheit? Was wollen sie vor allen Dingen gegenüber Kunst, gegenüber Wissenschaft, gegenüber Religion und gegenüber dem Erziehungswesen?

[ 5 ] What we need is insight. What, exactly, do the subconscious longings and demands of today’s humanity—which have not yet risen to the level of conscious thought—actually want? What, above all, do they want with regard to art, science, religion, and education?

[ 6 ] Sehen wir uns zum Beispiel dasjenige an, was sich gerade in der neueren Zeit als Kunst herausgebildet hat. Ich weiß sehr gut, indem ich das Folgende als eine kleine Charakteristik dessen geben werde, was sich als Kunst herausgebildet hat, werde ich bei vielen Anstoß erregen müssen, ja es wird von vielen die Sache so aufgefaßt werden, als ob damit die völlige Verständnislosigkeit gegenüber den Strömungen der neueren Kunst dokumentiert werde.

[ 6 ] Let us, for example, consider what has emerged as art in recent times. I am well aware that by presenting the following as a brief characterization of what has emerged as art, I will have to cause offense to many; indeed, many will interpret this as evidence of a complete lack of understanding of the trends in modern art.

[ 7 ] Das Hauptcharakteristikon der neueren Kunstentwickelung, wenn man von einzelnen eigentlich sehr anerkennenswerten Versuchen der letzten Jahre absieht, ist wohl dieses, daß diese Kunstentwickelung einen eigentlichen inneren Impuls verloren hat, um aus einer menschlichen Notwendigkeit heraus vor die Menschheit etwas hinzustellen, was diese Menschheit als ein unmittelbares Bedürfnis empfindet. Immer mehr und mehr ist doch die Meinung heraufgezogen, einem Kunstwerke gegenüber müsse man fragen, inwiefern in diesem Kunstwerke der Geist, der Sinn der äußeren Wirklichkeit lebe, inwiefern die äußere Natur oder das äußere Menschenleben durch die Kunst wiedergegeben wird. Man braucht sich bloß zu fragen: Was hat eine solche Meinung für eine Bedeutung gegenüber, sagen wir, einem Raffaelschen oder einem Leonardoschen Gemälde oder Kunstwerk? — Sehen wir daran nicht, daß die Beziehung zur unmittelbaren äußeren Wirklichkeit durchaus nicht das Maßgebende ist, daß das Maßgebende da ist das Schaffen aus etwas heraus, das der äußeren unmittelbaren Wirklichkeit fernsteht? Welche Welten strahlen uns an, wenn wir das jetzt schon kaum mehr überschaubare Bild in Mailand, das Abendmahl des Leonardo da Vinci sehen, oder wenn wir vor einem Bilde von Raffael stehen! Ist es nicht zum Schlusse eine völlige Nebensächlichkeit, inwiefern diese Künstler das eine oder das andere auch von den Gesetzen des natürlichen Daseins getroffen haben? Ist es nicht bei ihnen die Hauptsache, daß sie uns etwas sagen von einer Welt, die wir nicht sehen, wenn wir bloß mit Augen sehen, wenn wir bloß mit den äußeren Sinnen wahrnehmen? Und ist nicht immer mehr und mehr heraufgezogen wie das einzige Kriterium für ein Kunstwerk oder für ein Künstlerisches überhaupt, daß der moderne Mensch empfindet: Ist die Sache denn nun eigentlich wahr? — und wahr meint man da im gewöhnlichen naturalistischen Sinne. Fragen wir uns, so botokudisch es auch gewissen künstlerischen Anschauungen heute klingt: Was ist eine Kunst im Leben, also auch im sozialen Leben, was ist eine Kunst, die nichts anderes will als ein Stück Wirklichkeit wiedergeben?

[ 7 ] The main characteristic of recent developments in art—if one sets aside certain individual attempts from recent years that are actually quite commendable—is probably this: that these artistic developments have lost a genuine inner impulse to present to humanity, out of a human necessity, something that humanity perceives as an immediate need. Yet the view has increasingly gained ground that, when faced with a work of art, one must ask to what extent the spirit and meaning of external reality live within it, and to what extent external nature or human life is rendered through art. One need only ask: What significance does such a view have in relation to, say, a painting or work of art by Raphael or Leonardo? — Do we not see in them that the relationship to immediate external reality is by no means the decisive factor, but rather that what is decisive is creation from something that stands apart from immediate external reality? What worlds shine out at us when we view Leonardo da Vinci’s “The Last Supper” in Milan—a painting that is already almost beyond our comprehension—or when we stand before a painting by Raphael! Is it not, in the end, a complete triviality to what extent these artists may have captured one aspect or another of the laws of natural existence? Is not the main thing about them that they tell us something about a world we do not see when we see only with our eyes, when we perceive only with our external senses? And is not the question that modern people ask—Is this thing actually true?—increasingly emerging as the sole criterion for a work of art or for anything artistic at all?—and by “true” one means it in the ordinary, naturalistic sense. Let us ask ourselves—as “Botokudian” as it may sound to certain artistic views today: What is art in life, including social life? What is art that seeks nothing more than to reflect a piece of reality?

[ 8 ] In derselben Zeit, in welcher heraufgestiegen ist der moderne Kapitalismus, heraufgestiegen ist die moderne Technik, entwickelte sich ja vor allem auf künstlerischem Gebiete die Darstellung der Landschaft. Selbstverständlich kenne ich auch die malerische Berechtigung der Landschaft. Aber es ist auch die andere Frage voll berechtigt: Ich stehe vor einer noch so künstlerisch vollendeten Landschaft; kann sie in irgendeiner Weise das erreichen, was ich vor mir habe, wenn ich auf einem Berghang stehe und die Landschaft als Natur selber vor mir habe? — Gerade das Heraufkommen der Landschaft bezeugt, wie sehr die Kunst ihre Zuflucht nahm - weil sie nicht aus irgend etwas Geistigem, Übersinnlichem heraus schaffen konnte — zu dem bloßen Nachahmen des Natürlichen, das sie aber doch nicht erreichen kann.

[ 8 ] At the same time that modern capitalism and modern technology emerged, the depiction of landscape developed, particularly in the artistic realm. Of course, I am also aware of the artistic merit of landscape painting. But the following question is equally valid: I stand before a landscape, no matter how artistically perfect it may be; can it in any way match what I experience when I stand on a mountainside and behold the landscape as nature itself? — The very emergence of landscape painting testifies to how much art took refuge—because it could not create from anything spiritual or supernatural—in the mere imitation of nature, which it nevertheless cannot attain.

[ 9 ] Was wird eine Kunst, die von solchen Impulsen allein lebt? Eine solche Kunst wird nicht etwas, was wie eine Blüte aus dem Leben herauswächst; sie wird etwas, was sich neben das Leben hinstellt als ein Luxus, wie etwas, was nur derjenige begehren kann, der mit seinen Sorgen nicht voll im Leben drinnensteht. Und ist es nicht begreiflich, daß dann diejenigen Menschen, die ganz in Anspruch genommen werden vom Morgen bis zum Abend durch die unmittelbare Lebenssorge, die auch keine Bildung erringen können, die sich hinaufringt zum Verständnisse, das selber erst ein künstlerisches sein muß, dieser Kunst, daß diese Menschen sich durch eine Kluft geschieden fühlen von dieser Kunst? Und wenn man es auch nicht auszusprechen wagt heute, weil man es philiströs empfindet, im sozialen Leben prägt es sich aus: daß weite Kreise hinschauen zu dieser Kunst und sie unbewußt empfinden als einen Luxus des Lebens, als etwas, das nicht dazugehört zu jedem Menschenleben, das aber in Wirklichkeit dazugehört zu jedem menschenwürdigen Dasein, weil es jedes menschenwürdige Dasein erst zu seinem vollen Inhalte bringt.

[ 9 ] What becomes of an art that thrives solely on such impulses? Such art does not become something that blossoms from life itself; it becomes something that stands alongside life as a luxury—something that only those who, weighed down by their worries, are not fully immersed in life can desire. And is it not understandable that those people who are completely absorbed from morning to night by the immediate concerns of daily life—who are also unable to attain an education that strives toward understanding, which itself must first be artistic—feel separated from this art by a gulf? And even if one does not dare to say it aloud today, because it is considered philistine, it manifests itself in social life: that broad segments of society look upon this art and unconsciously perceive it as a luxury of life—as something that does not belong to every human life, yet which in reality belongs to every dignified existence, because it is what gives every dignified existence its full meaning.

[ 10 ] Naturalistische Kunst wird immer in einem gewissen Sinne eine Luxuskunst sein für diejenigen Menschen, die die Möglichkeit haben, außerhalb der Lebenssorgen zu stehen und sich besonders zu dieser Kunst erst zu bilden. Ich habe das empfunden, als ich jahrelang Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule war und gerade an dieser Arbeiterbildungsschule die Möglichkeit fand, zu den unmittelbaren Gemütern des Volkes zu sprechen, um verstanden zu werden, verstanden zu werden gegenüber alldem, was als sozialistische Theorie zum Verderben dieses Volkes manche hineintrichtern, die sich «Volksführer» nennen. Ich habe es kennengelernt — verzeihen Sie diese persönliche Bemerkung —, was es heißt, unmittelbar aus dem Allgemein-Menschlichen diese oder jene Wissenschaft dem einfachen Gemüte nahezubringen. Aber es ging aus einer gewissen Sehnsucht, nun auch kennenzulernen, was die neuere Kunst hervorbringt, bei meinen Zuhörern dann die Forderung hervor, daß ich sie an Sonntagen durch Museen und dergleichen führen sollte. Und siehe da: Man konnte ja den Leuten natürlich erklären, was sie verstehen sollten, denn sie hatten ja auch den Drang, gebildet zu werden; aber man wußte ganz genau: so wirkte es nicht auf diese Gemüter wie dasjenige, was aus allgemeiner Menschlichkeit heraus zu den einfachen Gemütern gesprochen worden ist. Man konnte es empfinden wie eine Bildungslüge, erzählte man den Leuten von dem, was sich in dem neueren Naturalismus hingestellt hat wie eine Luxuskunst, fern dem wirklichen Leben. Das auf der einen Seite.

[ 10 ] Naturalistic art will always be, in a certain sense, a luxury art form for those who have the opportunity to rise above the worries of daily life and to educate themselves specifically in this art form. I felt this when I was a teacher at a workers’ educational school for many years and found, precisely at that school, the opportunity to speak directly to the hearts and minds of the people—to be understood—in the face of all that is drummed into them as “socialist theory” for the ruin of this people by those who call themselves “leaders of the people.” I came to understand—forgive this personal remark—what it means to convey this or that branch of knowledge to the simple mind directly from the universal human experience. But a certain longing to now also experience what modern art has to offer led my listeners to ask that I guide them through museums and the like on Sundays. And lo and behold: Of course, one could explain to the people what they were supposed to understand, for they, too, had the urge to become educated; but one knew full well: this did not have the same effect on these minds as what had been communicated to simple minds from a universal human perspective. It could be perceived as an educational lie when one told people about what had established itself in modern naturalism as a form of luxury art, far removed from real life. That, on the one hand.

[ 11 ] Und sehen wir nicht, wie auf der anderen Seite die Kunst den Zusammenhang mit dem Leben verloren hat? Auch da sind wiederum sehr löbliche Bestrebungen aufgetaucht in den letzten Jahrzehnten, aber durchaus nicht durchgreifend. Da sind Bestrebungen aufgetaucht auf dem Gebiete des Kunstgewerbe. Diese Bestrebungen haben gesehen, wie unsere alltägliche Umgebung kunstlos geworden ist. Die Kunst hat ihren scheinbaren Fortschritt genommen. Alles, was uns an Häusern umgibt, worauf wir täglich stoßen für unsere Gebrauchsgegenstände, das ist so kunstlos als möglich geworden. Das praktische Leben konnte nicht heraufgehoben werden zur künstlerischen Form, weil die Kunst sich selber vom Leben getrennt hatte. Eine Kunst, die nur die Natur nachahmt, wird keine Möglichkeit finden, Tische und Stühle und andere Gebrauchsgegenstände so zu gestalten, daß man, indem man auf sie stößt, zugleich den Eindruck des Künstlerischen haben kann, weil diese Gegenstände über die Natur hinausgehen mü liche Leben selbst über das menschliche Leben hinausgeht. Will eine Kunst bloß nachahmen, so strauchelt sie vor der Gestaltung des praktischen Lebens, das gerade dadurch prosaisch nüchtern und trocken wird, daß wir nicht imstande sind, es so zu formen, daß wir unmittel ‚sen, wie das mensch bar vom Künstlerischen in diesem alltäglichen Leben umgeben sind. Solches könnte noch weiter charakterisiert werden. Ich will nur die Richtung angeben, welche unsere Kunstentwickelung nun doch ganz deutlich genommen hat.

[ 11 ] And don’t we see how, on the other hand, art has lost its connection to life? Here, too, very commendable efforts have emerged in recent decades, but they have by no means been far-reaching. Such efforts have emerged in the field of arts and crafts. These efforts have recognized how our everyday surroundings have become devoid of art. Art has made its apparent progress. Everything that surrounds us in our homes, everything we encounter daily in our everyday objects—all of it has become as devoid of art as possible. Practical life could not be elevated to an artistic form because art had separated itself from life. An art that merely imitates nature will find no way to design tables, chairs, and other everyday objects in such a way that, upon encountering them, one might simultaneously experience an impression of the artistic—because these objects must transcend nature, just as practical life itself transcends human life. If art seeks merely to imitate, it stumbles in the face of shaping practical life, which becomes prosaic, sober, and dry precisely because we are unable to shape it in such a way that we can immediately perceive how closely we are surrounded by the artistic in this everyday life. This could be characterized even further. I merely wish to indicate the direction that our artistic development has now quite clearly taken.

[ 12 ] Und in einer ähnlichen Weise haben wir uns bewegt auf den anderen Gebieten der modernen Zivilisation. Haben wir es nicht gesehen, wie die Wissenschaft immer mehr und mehr abgekommen ist davon, eine Künderin zu sein von etwas, das dem äußeren Sinnesleben zugrunde liegt? Kein Wunder, daß die Kunst nicht den Weg aus dem Sinnensein heraus fand, da die Wissenschaft ja selbst diesen Weg verloren hat! Immer mehr und mehr kam die Wissenschaft dazu, bloß die äußeren Sinnestatsachen zu registrieren oder höchstens in Naturgesetzen zusammenzufassen. Immer mehr und mehr breitete sich über der ganzen wissenschaftlichen Betätigung der neueren Zeit ein ausgesprochener Intellektualismus aus, und es herrscht bei Wissenschaftern eine furchtbare Angst davor, bei ihrem Forschen nicht diesem Intellektualismus sich hinzugeben, sondern vielleicht in die Wissenschaft selber etwas von Phantasie, von künstlerischer Intuition hineinzutragen. Lesen Sie es nach oder hören Sie es bei denen, die sich in dieser Richtung äußern als Wissenschafter, welchen furchtbaren Schrecken sie davor haben, es könnte irgend etwas anderes als der nüchterne, trockene Verstand und die Sinneserforschung in der Wissenschaft Eingang finden. Bei allen Betätigungen, so sagen diese Leute, die sich nicht an die bloßen Begriffe halten, habe der Mensch nicht die genügende Distanz von der Wirklichkeit, um sie richtig zu beurteilen. Und so sucht der heutige Forscher, der heutige Wissenschafter seine Tätigkeit ganz und gar nur zu regeln durch den Intellekt, weil er dadurch glaubt, genügend weit von der Wirklichkeit weg zu sein, um sie objektiv, wie er sagt, beurteilen zu können. Da könnte vielleicht doch die Frage aufgeworfen werden: Sucht man durch den Intellektualismus nicht so weit von der Wirklichkeit wegzukommen, daß man sie überhaupt nicht mehr erlebt? Und dieser Intellektualismus ist es vor allen Dingen, der uns dazu gebracht hat, diese Wirklichkeit mit unserer Wissenschaft nicht mehr meistern zu können, wie ich es schon in den letzten Vorträgen angedeutet habe und heute weiter werde auszuführen haben.

[ 12 ] And we have moved in a similar direction in other areas of modern civilization. Have we not seen how science has increasingly strayed from its role as a herald of that which underlies external sensory life? No wonder art has not found its way out of the realm of the senses, since science itself has lost that path! More and more, science has come to merely record external sensory facts or, at most, summarize them in natural laws. More and more, a pronounced intellectualism has spread over all scientific activity in modern times, and there is a terrible fear among scientists that, in their research, they might not succumb to this intellectualism but might instead introduce some element of imagination or artistic intuition into science itself. Read about it or listen to those scientists who speak out in this vein—you will hear what a terrible dread they have that anything other than sober, dry reason and sensory investigation might find its way into science. In all activities, these people say, that do not adhere to mere concepts, human beings lack sufficient distance from reality to judge it correctly. And so today’s researcher, today’s scientist, seeks to govern his work entirely through the intellect, because he believes that this keeps him far enough removed from reality to be able to judge it objectively, as he puts it. This might raise the question: Does intellectualism not seek to distance us so far from reality that we no longer experience it at all? And it is this intellectualism, above all else, that has led us to no longer be able to master this reality through our science, as I have already hinted at in my previous lectures and will elaborate on further today.

[ 13 ] Und mit Bezug auf das religiöse Leben: Wie wird von seiten der Religionsgemeinschaften jeder solche Versuch, wie er auf geisteswissenschaftlichem Gebiete, wie es hier gemeint ist, unternommen wird, in den Geist einzudringen, mit Mißtrauen, mit abfälliger Kritik aufgenommen! Aus welchem Grunde? Ja, den Grund sehen die Leute heute durchaus nicht ein. Wir vernehmen von unseren offiziellen Stätten aus eine Wissenschaft, die sich an die bloße äußere Sinneswelt halten will, und wir hören, wie von diesen Stätten aus scheinbar objektiv gerechtfertigt wird, daß nur dadurch eine strenge, eine wahre Wissenschaft entstehen könne. Für den Kenner der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit ist die Sache nicht so. Für ihn stellt sich die Sache vielmehr so heraus, daß im Laufe der neueren Zeit, eigentlich schon seit den letzten Jahrhunderten, immer mehr und mehr die Religionsgemeinschaften das Monopol in Anspruch genommen haben, über Geist und Seele Anschauungen zu entwickeln und nur diejenigen Anschauungen gelten zu lassen, welche von ihnen der Menschheit anzuerkennen gestattet werden. Und unter dem Einflusse dieser Monopolansprüche haben es die Wissenschaften unterlassen, sich mit etwas anderem als dem äußerlich Sinnlichen zu befassen. Höchstens mit einigen abstrakten Begriffen haben sie in das geistige Gebiet einzudringen versucht. Sie glauben, um der Objektivität der Wissenschaft willen das zu tun, und ahnen nicht, daß sie es tun unter der Wirkung des Monopols des Wissens, der Erkenntnis über Geist und Seele auf seiten der religiösen Bekenntnisse. Was durch Jahrhunderte den Wissenschaften verboten worden ist, das erklären heute die Wissenschaften als eine objektive Notwendigkeit für ihre Exaktheit, für ihre Objektivität. Und so kommt es, daß, weil die Religionsgemeinschaften die Einsicht in die geistige, die Einsicht in die seelische Welt nicht vorwärts entwickelt, sondern alte Traditionen bewahrt haben, daß man in dem Forschen mit neuen Vorstellungsarten, nach neuen Wegen zur Seele und zum Geist, den Feind des Religiösen sieht, während man in diesem Forschen, in diesen Wegen gerade den besten Freund des Religiösen sehen sollte.

[ 13 ] And with regard to religious life: How is every such attempt—as is being made in the field of Spiritual Science, as referred to here—to penetrate the spirit met with suspicion and disparaging criticism by religious communities! For what reason? Indeed, people today do not understand the reason at all. From our official institutions, we hear of a science that seeks to confine itself to the mere external sensory world, and we hear how these institutions seemingly objectively justify the claim that only in this way can a rigorous, true science emerge. For those familiar with the historical development of humanity, this is not the case. To them, the situation appears rather to be that, in the course of modern times—indeed, for the past few centuries—religious communities have increasingly claimed a monopoly on developing views about the spirit and the soul, and have permitted only those views to be accepted that they themselves allow humanity to acknowledge. And under the influence of these claims to a monopoly, the sciences have refrained from dealing with anything other than the outwardly sensory. At most, they have attempted to penetrate the spiritual realm with a few abstract concepts. They believe they are doing this for the sake of scientific objectivity, and do not realize that they are acting under the influence of the religious denominations’ monopoly on knowledge and understanding of the mind and soul. What has been forbidden to the sciences for centuries is now declared by the sciences to be an objective necessity for their precision and objectivity. And so it is that, because religious communities have not advanced insight into the spiritual and psychological worlds but have instead preserved old traditions, research that employs new modes of thought and seeks new paths to the soul and the spirit is viewed as the enemy of religion, whereas this very research and these very paths should be seen as religion’s best friend.

[ 14 ] Über diese drei Gebiete werden wir zunächst zu sprechen haben. Denn auf diesen drei Gebieten an einem Neuaufbau zu arbeiten, das stellt sich die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu ihrer Aufgabe. Dazu, um dieses auseinanderzusetzen, muß ich mit einigen Worten hinweisen auf den eigentlichen Nerv dieser Geisteswissenschaft. Diese Geisteswissenschaft geht von ganz anderen Voraussetzungen aus als die heutige landläufige Wissenschaft. Sie anerkennt vollständig die naturwissenschaftlichen Methoden. Sie anerkennt auch vollständig die Triumphe der neueren Naturwissenschaft. Allein gerade weil sie glaubt, die naturwissenschaftliche Forschung besser zu verstehen als die Naturforscher selbst, muß sie für die Erkenntnis des Geistes und der Seele andere Wege einschlagen als diejenigen sind, die von breiten Kreisen heute noch als die durchaus allein richtigen angesehen werden. Ja, weil man mit so großen Vorurteilen jedem Forschen nach Geist und Seele entgegenkommt, verbreiteten sich eben die großen Irrtümer und Mißverständnisse über dasjenige, was durch die Dornacher Bewegung eigentlich gemeint ist.

[ 14 ] We will first discuss these three areas. For the anthroposophically oriented Spiritual Science referred to here has set itself the task of working toward a new structure in these three areas. To explore this, I must say a few words about the very essence of this Spiritual Science. This Spiritual Science is based on entirely different premises than today’s mainstream science. It fully acknowledges the methods of the natural sciences. It also fully acknowledges the triumphs of modern natural science. But precisely because it believes it understands scientific research better than the natural scientists themselves, it must take different paths toward the knowledge of the spirit and the soul than those still regarded by broad circles today as the only correct ones. Indeed, it is precisely because people approach any research into the spirit and the soul with such deep-seated prejudices that the great errors and misunderstandings regarding what the Dornach Movement actually means have become so widespread.

[ 15 ] Daß mit ihr wahrhaftig nichts falsch Mystisches gemeint ist, nichts irgendwie Obskures, das könnte man aus demjenigen ersehen, was von mir versucht worden ist schon im Beginne der neunziger Jahre als Ausgangspunkt für die geisteswissenschaftliche Bewegung, die ich hier meine, und für die der Dornacher Bau eben der Repräsentant ist. Ich habe damals, im Beginne der neunziger Jahre, dasjenige, von dem ich dazumal glaubte, daß es am notwendigsten sei für die soziale Erkenntnis der Gegenwart, zusammengefaßt in meiner «Philosophie der Freiheit». Wer diese «Philosophie der Freiheit» liest, der wird wohl kaum die hier gemeinte Geisteswissenschaft irgendwie einer falschen Mystik beschuldigen. Allein er wird auch erkennen, welcher Abstand herrscht zwischen der dort gegebenen Auffassung der menschlichen Freiheit und dem, was sonst heute aus unserer modernen Zivilisation heraus als Impuls, als Idee von Freiheit dem Menschen entgegentritt.

[ 15 ] That this truly does not imply anything mystical or obscure can be seen from what I attempted as early as the beginning of the 1890s as a starting point for the Spiritual Science movement I am referring to here—a movement of which the Dornach building is the very embodiment. At that time, in the early 1890s, I summarized in my Philosophy of Freedom what I believed then to be most necessary for a social understanding of the present. Anyone who reads this Philosophy of Freedom will hardly accuse the Spiritual Science referred to here of any kind of false mysticism. Yet they will also recognize the gulf that exists between the conception of human freedom presented there and what otherwise emerges today from our modern civilization as an impulse, as an idea of freedom, directed toward human beings.

[ 16 ] Als ein Beispiel für dieses letztere möchte ich die Idee Woodrow Wilsons von der Freiheit anführen, eine merkwürdige Idee, aber eine Idee, die durchaus charakteristisch ist gerade für die Bildung, für die Zivilisation unserer Zeit. Woodrow Wilson fordert aus einem ehrlichen Herzensgrunde heraus für das politische Leben der Gegenwart die Freiheit. Aber was stellt er sich unter der Freiheit vor? Man gelangt dazu, zu erkennen, was er sich unter der Freiheit vorstellt, wenn man Worte bei ihm liest wie diese: Ein Schiff, sagt er, es bewegt sich frei, wenn es angepaßt ist all den Kräften, die sich aus der Windrichtung, aus der Wellenrichtung und so weiter ergeben, wenn es in seiner Konstruktion genau seiner Umgebung angepaßt ist, so daß nirgends durch die Kräfte, die aus Wind und Welle kommen, ein Hemmnis entstehen kann für die Vorwärtsbewegung des Schiffes. So muß auch die menschliche Wesenheit frei durch das Leben gehen können, daß sie angepaßt ist dem, was ihr an Kräften aus dem Leben entgegentritt, daß nirgendsher ein Hemmnis eintritt. - Auch mit dem Teil einer Maschine vergleicht Woodrow Wilson das freie Leben des Menschenwesens, indem er sagt: Von irgendeinem Glied, das in eine Maschine eingebaut ist, sagt man, daß es sich frei bewegen könne, wenn es nirgends aufstoße, sondern wenn die übrige Maschine so konstruiert wird, daß eben das Glied drinnen frei läuft.

[ 16 ] As an example of the latter, I would like to cite Woodrow Wilson’s idea of freedom—a strange idea, but one that is quite characteristic of the education and civilization of our time. Woodrow Wilson, out of a sincere and heartfelt conviction, calls for freedom in contemporary political life. But what is his mental image of freedom? One comes to understand what he means by freedom when reading words like these from him: A ship, he says, moves freely when it is adapted to all the forces arising from the direction of the wind, the direction of the waves, and so on; when its design is precisely adapted to its surroundings, so that nowhere can the forces arising from the wind and waves create an obstacle to the ship’s forward motion. In the same way, the human being must be able to move freely through life, adapted to the forces it encounters in life, so that no obstacle arises from any source. - Woodrow Wilson also compares the free life of the human being to a part of a machine, saying: “Any component built into a machine is said to be able to move freely not because it encounters no resistance, but because the rest of the machine is designed so that the component runs freely within it.”

[ 17 ] Ich habe wohl nur das eine zu sagen: daß man von Freiheit des Menschenwesens nur sprechen kann, wenn man in ihr das Gegenteil von einer solchen Anpassung an die Umgebung versteht, daß man von Freiheit des Menschen nicht sprechen kann, wenn seine Äußerungen nur so sind wie die eines Schiffes auf dem Meere, das in der besten Weise den Winden und den Wellenkräften angepaßt ist, sondern dann, wenn man es etwa vergleichen kann mit einem Schiffe, das gegen Wind und Welle sich umkehren und stoppen kann, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Kräfte, für die es angepaßt ist. Das heißt: In der Wilsonschen Anschauung über die Freiheit ist die ganze mechanistische Auffassung der Welt zugrunde gelegt, wie man sie in der Gegenwart für die allein mögliche hält und wie sie sich aus dem in der neueren Zeit heraufgekommenen Intellektualismus ergeben hat.

[ 17 ] I suppose I have only one thing to say: that one can speak of human freedom only if one understands it as the opposite of such an adaptation to the environment; that one cannot speak of human freedom if human behavior is merely like that of a ship at sea, which is optimally adapted to the winds and the forces of the waves, but only when one can compare it, for example, to a ship that can turn around and come to a stop against the wind and waves, without regard for the forces to which it is adapted. That is to say: Wilson’s view of freedom is based entirely on the mechanistic conception of the world, which is currently regarded as the only possible one and which has emerged from the intellectualism that has arisen in recent times.

[ 18 ] Solchen Anschauungen mußte ich mich gegenüberstellen in meiner «Philosophie der Freiheit». Ich weiß sehr gut — gestatten Sie mir auch noch diese persönliche Bemerkung -, daß dieses Buch gewissermaßen die Eierschalen der Brutstätte hat, aus der es hervorgegangen ist. Es ist selbstverständlich hervorgegangen aus der europäischen philosophischen Weltanschauung. Es mußte sich auseinandersetzen mit den Begriffen, die innerhalb dieser Weltanschauung üblich waren. Und so kann dieses Buch manchem schulmäßig erscheinen, allein, es ist wahrhaftig nicht schulmäßig gemeint. Es ist so gemeint, daß, was drinnen als Impulse angedeutet wird, Ingredienz werden kann des unmittelbar praktischen Lebens, daß, was in den menschlichen Willen einströmen kann durch die dort entwickelten Ideen, einlaufen kann in das unmittelbare soziale Leben des Menschen.

[ 18 ] I had to confront such views in my Philosophy of Freedom. I know very well—allow me this personal remark as well—that this book, in a sense, bears the traces of the incubator from which it emerged. It naturally emerged from the European philosophical worldview. It had to grapple with the concepts that were common within that worldview. And so this book may seem academic to some, yet it is truly not intended to be academic. It is intended so that what is suggested within it as impulses may become ingredients of immediate practical life, and that what can flow into the human will through the ideas developed there may flow into the immediate social life of human beings.

[ 19 ] Dazu aber mußte ich allerdings die Frage nach der menschlichen Freiheit ganz anders stellen, als es üblich ist, sie zu stellen. Wo Sie sich umsehen, überall, durch Jahrhunderte der Menschheitsentwickelung, ist die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens und des menschlichen Wesens so gestellt worden, daß man sich fragte: Ist dieses Menschenwesen frei oder ist es unfrei? — Ich mußte zeigen, wie diese ganze Frage, so gestellt, falsch gestellt ist, wie diese Frage auf eine ganz neue Grundlage gestellt werden müsse. Denn wenn man das nimmt, was der Mensch durch die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung und auch durch das moderne menschliche Bewußtsein als sein eigentliches Wesen ansieht, was der Mensch aber ansehen muß als sein natürliches Wesen: das kann niemals ein freies Wesen sein. Das muß aus innerer Notwendigkeit heraus handeln. Wäre der Mensch nur das, als was ihn die moderne Naturwissenschaft anschaut, dann wäre das, was er für seine Freiheit hält, das, wofür Woodrow Wilson die Freiheit hält. Aber diese Freiheit wäre keine Freiheit, sondern sie wäre nur das, was man nennen kann bei jeder einzelnen Handlung das notwendige Ergebnis aus natürlichen Ursachen.

[ 19 ] To do this, however, I had to frame the question of human freedom in a completely different way than is customary. Wherever you look, throughout centuries of human development, the question of the freedom of the human will and the human being has been posed in such a way that one asked: Is this human being free, or is it not free? — I had to show how this entire question, posed in this way, is posed incorrectly, and how it must be posed on an entirely new foundation. For if one takes what human beings regard as their true nature—based on the modern scientific worldview and also on modern human consciousness—but what human beings must regard as their natural nature: that can never be a free being. It must act out of inner necessity. If human beings were only what modern natural science regards them as, then what they consider their freedom would be what Woodrow Wilson considers freedom. But this freedom would not be freedom; rather, it would be nothing more than what one might call, in every single action, the necessary result of natural causes.

[ 20 ] Aber von dem anderen, bei dem die Frage nach der Freiheit erst im menschlichen Wesen beginnt, hat sich dieses moderne menschliche Bewußtsein nicht viele Gedanken gemacht. Dieses moderne menschliche Bewußtsein spricht nur von dem, was im Menschen als das Naturgemäße, als das bloß von Naturkausalität abhängige Wesen zugrunde liegt. Derjenige, der aber tiefer in das menschliche Wesen eindringt, der muß sich sagen: Der Mensch kann im Laufe seines Lebens mehr werden, als das ist, zu dem er durch die Natur geboren ist. - In dem Augenblick lernt man erst erkennen, was der Mensch ist, wenn man dieses letztere Ziel hat, wenn man sich sagt: Eines von der menschlichen Wesenheit, das ist das, wozu der Mensch geboren ist, was in ihm vererbt ist; das andere ist das, was der Mensch aus sich machen kann, wozu er nicht veranlagt ist durch seine leibliche Wesenheit, indem er einen schlummernden Menschen in seinem Inneren zum Erwachen bringt. Weil dies so ist, habe ich die Frage nicht gestellt: Ist der Mensch frei oder nicht frei? - sondern ich habe die Frage so gestellt: Kann der Mensch durch seine innere Entwickelung zum freien Wesen werden oder nicht? - Und er kann zum freien Wesen werden, wenn er das in sich entwickelt, was in ihm sonst schlummert, was erweckt werden und erst frei werden kann. Das heißt, Freiheit eignet dem Menschen nicht von Natur aus. Freiheit eignet dem im Menschen, das der Mensch aus sich heraus erst erwecken kann und erwecken muß.

[ 20 ] But this modern human consciousness has given little thought to the other aspect, in which the question of freedom begins only within the human being. This modern human consciousness speaks only of what underlies the human being as that which is natural, as the essence that depends solely on natural causality. But anyone who delves deeper into human nature must acknowledge: In the course of their life, a person can become more than what they were born to be by nature. — It is only when one has this latter goal, when one says to oneself: One aspect of human nature is that for which a human being is born, what is inherited within them; the other is what a human being can make of themselves—something for which they are not predisposed by their physical nature—by awakening a slumbering human being within themselves. Because this is so, I did not ask the question: Is the human being free or not free? —but rather I posed the question this way: Can a human being, through inner development, become a free being or not? —And a human being can become a free being if they develop within themselves that which otherwise lies dormant, that which can be awakened and only then become free. This means that freedom is not inherent in human beings by nature. Freedom is inherent in that part of the human being which they can and must first awaken from within themselves.

[ 21 ] Sollte aber das, was in meiner «Philosophie der Freiheit» mehr ausgeführt worden ist, ich möchte sagen, mit Bezug auf das äußere soziale Leben, sollte das nun völligklar werden für einen weiteren Menschheitskreis, so mußte aufgebaut werden über der Grundlage dieser Philosophie das, was ich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nenne. Dann mußte gezeigt werden, wie der Mensch wirklich in die Lage kommen kann, dadurch, daß er seine Eigenentwickelung selbst in die Hand nimmt, ein schlummerndes Wesen in sich zum Erwachen zu bringen. Das versuchte ich namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in den anderen Büchern, die ich der geisteswissenschaftlichen Literatur gegeben habe. Da versuchte ich zu zeigen, daß der Mensch in der Tat seine eigene Entwickelung in die Hand nehmen kann, und daß er erst dadurch, daß er diese Entwickelung in die Hand nimmt und sich zu etwas anderem macht, als er geboren ist, zu einer wirklichen Erkenntnis des Seelischen, des Geistigen aufsteigen kann.

[ 21 ] However, if what has been elaborated upon in my Philosophy of Freedom—I would say, with regard to external social life—were to become completely clear to a wider circle of humanity, then what I call anthroposophically oriented Spiritual Science would have to be built upon the foundation of this philosophy. Then it had to be shown how a person can truly come to awaken a slumbering being within themselves by taking their own development into their own hands. I attempted to do this specifically in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? and in the other books I have contributed to the literature of Spiritual Science. There I sought to show that human beings can indeed take their own development into their own hands, and that only by taking this development into their own hands and transforming themselves into something other than what they were born as can they ascend to a true knowledge of the soul and the spirit.

[ 22 ] Allerdings, von einem großen Teil der Menschheit wird diese Anschauung heute noch als eine recht unglückliche empfunden. Denn, was setzt sie denn eigentlich voraus? Sie setzt voraus, daß der Mensch sich durchringt zu einer gewissen intellektuellen Bescheidenheit. Das wollen die wenigsten Menschen heute. Ich möchte diese intellektuelle Bescheidenheit, zu der der Mensch heute sich durchringen muß, in der folgenden Art charakterisieren.

[ 22 ] However, a large portion of humanity still considers this view to be quite unfortunate today. For what does it actually presuppose? It presupposes that human beings bring themselves to adopt a certain intellectual modesty. Very few people are willing to do that today. I would like to characterize this intellectual humility—which people today must bring themselves to embrace—in the following way.

[ 23 ] Wir können einem fünfjährigen Kind einen Band lyrischer Gedichte Goethes in die Hand geben. Das fünfjährige Kind wird sich ganz gewiß gegenüber diesem Band Goethescher lyrischer Gedichte nicht so benehmen, wie man sich ihm gegenüber benehmen soll; es wird ihn zerreißen oder irgend etwas anderes tun. Jedenfalls steht es oder sitzt es vor diesem Band Goethescher Lyrik, aber es weiß nicht, wovor es steht. Aber es ist möglich, daß das Kind zehn, zwölf Jahre älter wird, daß wir es entwickeln und heranbilden, dann wird es in anderer Weise vor diesem Band Goethescher Lyrik stehen oder sitzen. Und schließlich, auf das Äußere hin gesehen, ist kein großer Unterschied: Das Kind saß mit fünf Jahren vor dem Band lyrischer Gedichte von Goethe und sitzt mit zwölf oder vierzehn Jahren davor. Im Äußeren ist wenig Unterschied. Aber im Inneren des Kindes ist ein Unterschied. Wir haben es heranentwickelt, so daß es mit dem Band Goethescher Lyrik nunmehr das Richtige machen kann. So ungefähr, wie das Kind vor dem Band Goethescher Lyrik, müßte sich der Mensch empfinden, wenn er es mit Seele und Geist ernst nimmt, gegenüber der Natur, gegenüber dem Kosmos, der Welt überhaupt. Er müßte sich sagen: Ich muß die Entwickelung meines inneren Menschen erst dazu fördern, um lesen zu lernen in Natur und Welt, wie das fünfjährige Kind erst entwickelt werden muß, um zu verstehen, was in dem lyrischen Goethe-Bande steht.

[ 23 ] We can hand a five-year-old child a volume of Goethe’s lyric poems. The five-year-old child will certainly not behave toward this volume of Goethe’s lyric poems the way one is supposed to behave toward it; he will tear it up or do something else entirely. In any case, the child stands or sits in front of this volume of Goethe’s poetry, but does not know what it is looking at. But it is possible that the child will grow ten or twelve years older, that we will nurture and educate it; then it will stand or sit before this volume of Goethe’s poetry in a different way. And ultimately, viewed from the outside, there is no great difference: the child sat before the volume of Goethe’s lyric poems at age five and sits before it at age twelve or fourteen. Outwardly, there is little difference. But within the child, there is a difference. We have nurtured its development so that it can now engage with the volume of Goethe’s poetry in the right way. Much like the child facing the volume of Goethe’s poetry, so should a person feel—if they take it seriously with soul and spirit—when facing nature, the cosmos, and the world at large. They would have to say to themselves: I must first foster the development of my inner self in order to learn to read nature and the world, just as the five-year-old child must first be developed in order to understand what is written in the volume of Goethe’s poetry.

[ 24 ] Daß wir durch dasjenige, zu dem wir geboren sind, die Welt nicht durchschauen können, das müßten wir uns in intellektueller Bescheidenheit gestehen, und dann zugeben, daß es Wege geben kann zur Selbstentwickelung, zur Entwickelung der Kräfte im Inneren des Menschen, die dann imstande sind, in dem, was sonst nur den Sinnen vorliegt, dasjenige zu sehen, was Geistiges und was Seelisches ist. Und daß das in der Praxis möglich ist, das sollen die genannten Schriften zeigen. Das muß heute aus dem Grunde gezeigt werden, weil jener Intellektualismus, welcher sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben hat in der Entwickelung der Menschheit, nicht imstande ist, das Leben wirklich weiter zu meistern. Er ist imstande, in ein Gebiet dieses Lebens einzudringen, in das Gebiet der leblosen Natur, allein er muß straucheln gegenüber der menschlichen Wirklichkeit selbst, namentlich der sozialen Wirklichkeit.

[ 24 ] We ought to acknowledge with intellectual humility that we cannot comprehend the world through that for which we were born, and then admit that there may be paths to self-development—to the development of the powers within the human being—which are then capable of discerning, in what is otherwise accessible only to the senses, that which is spiritual and that which is soul-related. And the writings mentioned are intended to show that this is possible in practice. This must be demonstrated today because the intellectualism that has emerged in the course of the last few centuries in the development of humanity is incapable of truly mastering life any further. It is capable of penetrating one realm of this life—the realm of inanimate nature—but it must falter in the face of human reality itself, namely social reality.

[ 25 ] Und das, was ich eben als intellektuelle Bescheidenheit bezeichnet habe, das wird auch zugrunde liegen müssen jeder wirklich modernen Auffassung des menschlichen Freiheitsimpulses. Das wird aber auch zugrunde liegen müssen einer wirklichen Einsicht in die notwendige Umgestaltung von Kunst, Religion und Wissenschaft. Das bloße intellektuelle Leben hat deutlich, nur allzudeutlich gezeigt, wie es zu keiner Erkenntnis kommen kann, die das Geistige wirklich schaut, die das Seelische wirklich durchdringt. Es hat sich beschränkt, wie ich schon angedeutet habe, auf die äußere Sinneswelt und ihre Kombination, ihre Systematisierung. Daher konnte es nicht aufkommen gegen die Monopole der Religionsgemeinschaften, die allerdings auch nicht zu einer neueren Erkenntnis des Geistigen und Seelischen aufgestiegen sind, aber dafür eine ältere Anschauung in die neuere Zeit unzeitgemäß hereingetragen haben.

[ 25 ] And what I have just referred to as intellectual humility must also underlie every truly modern conception of the human impulse toward freedom. But it must also underlie a genuine understanding of the necessary transformation of art, religion, and science. Intellectual life alone has clearly—all too clearly—shown that it cannot lead to any insight that truly perceives the spiritual or truly penetrates the soul. As I have already indicated, it has confined itself to the external sensory world and its combination and systematization. Consequently, it could not stand up to the monopolies of the religious communities, which, admittedly, have not risen to a newer understanding of the spiritual and the soul, but have instead carried an older worldview into the modern era in a manner that is out of step with the times.

[ 26 ] Eines aber wird überwunden werden müssen: das ist die Furcht, die ich eben vorhin charakterisiert habe, zu stark in den Dingen drinnenzustehen, wenn man sie geistgemäß erkennen soll. Man findet es so bequem, sich zum Intellektualismus zu bekennen, weil man sich eben, wenn man sich bloß mit den abstrakten Ideen auch der Naturwissenschaft befaßt, so fern der Wirklichkeit bewegt, daß man Distanz von ihr hat, daß man nicht durch diese Wirklichkeit selbst sich irgendwie beeinflußt glauben darf. Aber man muß mit einer solchen Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, die man sich erst aneignet, wenn man seine eigene Entwickelung in die Hand nimmt, gerade in die Wirklichkeit des Lebens untertauchen, und man muß auch im Menschen selber in tiefere Tiefen seines Wesens hinuntersteigen, als man mit der bloßen Selbsterziehung innerhalb des Intellektualismus hinabsteigt. Innerhalb des bloßen Intellektualismus kommt man nur zu den Oberschichten des eigenen Lebens. Steigt man mit einer solchen Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, in die Tiefen des inneren Menschen wesens hinunter, so trifft man nicht bloß Gedanken, nicht bloß Empfindungen, etwas, was Bild einer Außenwelt ist, sondern da trifft man Geschehnisse, Tatsachen des menschlichen Inneren, vor denen der bloß intellektuell Erkennende zurückschaudert, die aber gleichartig sind mit dem, was in der Natur, in der Welt geschieht. Da lernt man in seinem eigenen Inneren das Wesen der Welt selber kennen.

[ 26 ] But one thing will have to be overcome: namely, the fear—which I described just a moment ago—of becoming too deeply immersed in things when one is supposed to perceive them in accordance with the spirit. It is so convenient to profess intellectualism because, when one deals solely with abstract ideas—even those of the natural sciences—one moves so far removed from reality that one maintains a distance from it, so that one need not believe oneself to be influenced in any way by that reality itself. But with the kind of insight meant here—which one acquires only when one takes one’s own development into one’s own hands—one must immerse oneself precisely in the reality of life, and one must also descend within the human being to deeper depths of his being than one does through mere self-education within intellectualism. Within mere intellectualism, one reaches only the upper layers of one’s own life. If one descends into the depths of the inner human being with the kind of insight referred to here, one encounters not merely thoughts, not merely feelings—something that is a reflection of the external world—but rather events, facts of the human inner life, before which the purely intellectual observer recoils, yet which are of the same nature as what happens in nature, in the world. There, within one’s own inner being, one comes to know the very essence of the world itself.

[ 27 ] Aber man lernt es nicht kennen, wenn man bei den bloßen abstrakten Begriffen oder Naturgesetzen bleibt. Man muß eindringen zu einem Verschmolzensein mit der Wirklichkeit. Man darf nicht Furcht haben davor, der Wirklichkeit nahezustehen, sondern man muß durch innere Entwickelung eben so weit kommen, daß man in der Wirklichkeit stehen kann und dennoch nicht von ihr aufgezehrt, nicht von ihr verbrannt, nicht erstickt werde, sondern, trotzdem man in ihr steht, trotzdem man nicht die Distanz des Intellektuellen hat, die Wirklichkeit der Dinge zu erfassen weiß. So findet man in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» die innere Entwickelung des Menschen geschildert zu der geistigen Erkenntnis hin, daß der Mensch untertaucht in die Wirklichkeit, aber er treibt dieses Untertauchen so, daß er Erkenntnisse schöpft durch dieses Untertauchen, die allerdings nicht die Distanz des Intellektuellen haben, aber dafür auch gesättigt sind von der Wirklichkeit selbst, daher in diese Wirklichkeit untertauchen können. Und das werden Sie finden als ein Grundkennzeichen der hier gemeinten Geisteswissenschaft: daß sie in der Lage ist, in die Wirklichkeit unterzutauchen, daß sie nicht von einem abstrakten Geiste bloß spricht, sondern daß sie von dem konkreten Geiste spricht, der so in der menschlichen Umgebung lebt, wie die Dinge der Sinneswelt in der menschlichen Umgebung leben.

[ 27 ] But one cannot come to know it by remaining at the level of mere abstract concepts or laws of nature. One must penetrate to a state of oneness with reality. One must not fear being close to reality; rather, through inner development, one must progress to the point where one can stand within reality without being consumed by it, burned by it, or suffocated by it—but rather, even while standing within it and lacking the intellectual distance required to grasp the reality of things, one is still able to comprehend it. Thus, in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, one finds a description of the inner development of the human being toward the spiritual realization that the human being immerses themselves in reality, but carries out this immersion in such a way that they gain insights through it—insights that, while lacking the intellectual’s distance, are nonetheless saturated with reality itself, and can therefore immerse itself in this reality. And you will find this to be a fundamental characteristic of the Spiritual Science referred to here: that it is capable of immersing itself in reality, that it does not merely speak of an abstract spirit, but rather of the concrete spirit that lives in the human environment just as the things of the sensory world live in the human environment.

[ 28 ] Abstrakte Betrachtungen, das sind die Ergebnisse des neueren Geisteslebens. Nehmen Sie irgend etwas in die Hand, was im neueren Geistesleben nicht rein naturwissenschaftliche Betrachtung ist, nicht rein philosophische Betrachtung ist, so werden Sie sehen, wie diese Lebensanschauungen dem wirklichen Leben, der wirklichen Erkenntnis der Dinge fernstehen. Lesen Sie zum Beispiel heute in einer Seelenlehre etwas über den Willen: kaum über das, was man einen bloßen Wortsinn nennen könnte, kommen die Dinge hinaus, die in den heutigen Psychologien oder Seelenkunden stehen. Die Menschen, die sich solchen Betrachtungen hingeben, haben in ihren Ideen nicht die Kraft, wirklich einzudringen in das Wesen der Natur selber. Sie haben die äußere Materie neben sich, weil sie mit dem Geiste nicht in diese äußere Materie hinuntertauchen können. Lassen Sie mich Ihnen das an einem Beispiel erörtern.

[ 28 ] Abstract considerations—these are the results of modern intellectual life. Pick up any work from modern intellectual life that is not purely scientific or purely philosophical in nature, and you will see how far these worldviews are removed from real life and from a true understanding of things. Read, for example, something about the will in a modern treatise on the soul: the ideas found in today’s psychology or studies of the soul barely go beyond what one might call a mere literal meaning. People who devote themselves to such considerations lack, in their ideas, the power to truly penetrate the very essence of nature itself. They have external matter right beside them because they are unable to dive down into this external matter with their spirit. Let me illustrate this with an example.

[ 29 ] Ich habe in meinem Buche «Von Seelenrätseln», einem der letzten meiner Bücher, angedeutet, wie eine althergebrachte naturwissenschaftliche Anschauung durch die moderne Geisteswissenschaft überwunden werden müsse. Ich weiß, wie stark paradox das für viele klingen wird, was ich jetzt sagen werde; aber dasjenige, was gewachsen sein wird den Forderungen an die menschliche Vorstellungsart, die schon in der Gegenwart sich zeigen und in der Zukunft immer mehr und mehr sich zeigen werden, das wird sich oftmals gegenüber dem, was man heute noch als das allein Richtige ansieht, als etwas sehr Paradoxes ergeben. Jeder Naturwissenschafter, der sich mit den Dingen befaßt hat, spricht heute davon, im menschlichen und tierischen Leibe - wir wollen uns jetzt nur für den Menschen interessieren — seien zwei Arten von Nerven enthalten. Die einen führen von den Sinnen zum Zentralorgan, es sind die sensitiven Nerven; auf sie wird ein Reiz ausgeübt, wenn man sinnlich wahrnimmt. Dieser Reiz pflanze sich fort bis zu dem Nervenzentrum der Menschen. Dann gebe es eine zweite Sorte, die sogenannten motorischen Nerven. Sie gehen vom Zentrum aus zu den menschlichen Gliedern. Durch sie, durch diese motorischen Nerven, sei der Mensch imstande, seine Glieder zu bewegen. Sie seien, wie die anderen die Sinnesnerven, die Willensnerven.

[ 29 ] In my book On the Mysteries of the Soul, one of my most recent works, I hinted at how a traditional scientific worldview must be overcome by modern Spiritual Science. I know how deeply paradoxical what I am about to say will sound to many; but what will have developed in response to the demands placed on the human mode of thinking—demands that are already evident in the present and will become increasingly apparent in the future—will often appear to be something very paradoxical in comparison to what is still regarded today as the only correct view. Every natural scientist who has studied these matters speaks today of two types of nerves contained within the human and animal body—let us concern ourselves here only with humans. One type leads from the senses to the central nervous system; these are the sensory nerves. A stimulus is exerted upon them when one perceives something through the senses. This stimulus propagates all the way to the human nervous center. Then there is a second type, the so-called motor nerves. They run from the center to the human limbs. Through them—through these motor nerves—humans are able to move their limbs. Like the sensory nerves, they are the nerves of the will.

[ 30 ] Nun, ich habe in meinem Buche «Von Seelenrätseln» das Folgende gezeigt, wenn auch nur skizzenweise zunächst: daß zwischen den Sinnesnerven und den sogenannten motorischen Willensnerven ein prinzipieller Unterschied nicht besteht, daß die sogenannten Willensnerven keine Diener des Willens sind. Die Dinge, durch die man das beweisen will, daß sie Diener des Willens seien, wie zum Beispiel die traurige Erkrankung der Tabes, die beweisen das gerade Gegenteil, wie leicht gezeigt werden kann, die beweisen, was ich sogleich als meine Meinung aussprechen werde: diese sogenannten Willensnerven sind auch sensitive Nerven. Während die anderen sensitiven Nerven von den Sinnen zum Zentralorgan gehen, damit das wahrgenommen werden kann, was die Sinne vermitteln, nehmen die sogenannten Willensnerven, die aber auch nichts anderes sind, alles wahr, was in uns selber als Bewegung ist. Sie dienen der Wahrnehmung von Bewegungen. Dagegen gibt es keine Willensnerven. Der Wille ist rein geistiger Natur, rein geistig-seelischer Natur, und wirkt unmittelbar als Geistig-Seelisches, und wir brauchen die sogenannten Willensnerven deshalb, weil sie Sinnesnerven sind für dasjenige Glied, das sich bewegen soll, das wahrgenommen werden muß, wenn der Wille es bewegen soll.

[ 30 ] Well, in my book On the Mysteries of the Soul, I have shown the following—albeit only in outline form for now—that there is no fundamental difference between the sensory nerves and the so-called motor nerves of the will, and that the so-called nerves of the will are not servants of the will. The very phenomena used to prove that they are servants of the will—such as the tragic disease of tabes—prove exactly the opposite, as can be easily demonstrated; they prove what I am about to state as my opinion: these so-called volitional nerves are also sensory nerves. While the other sensory nerves travel from the senses to the central organ so that what the senses convey can be perceived, the so-called volitional nerves—which are, in fact, nothing else—perceive everything within us that constitutes movement. They serve the perception of movements. On the other hand, there are no volitional nerves. The will is of a purely spiritual nature, of a purely spiritual-soul nature, and acts directly as a spiritual-soul force; and we need the so-called “volitional nerves” because they are sensory nerves for the limb that is to be moved—the limb that must be perceived if the will is to move it.

[ 31 ] Aus welchem Grunde führe ich dieses Beispiel an? Weil Sie heute zahlreiche Auseinandersetzungen sehen können, lesen können, hören können, in denen über den Willen gesprochen wird. Allein es werden Ideen entwickelt, die nicht die Stoßkraft haben, zum realen Erkennen vorzudringen, so vorzudringen, daß Sie den Willen erschauen, wo er wirkt. Solche Erkenntnisse bleiben abstrakt und lebensfremd. Neben ihnen kann die Naturwissenschaft davon reden, daß es den motorischen Willensnerv gebe. Die Geisteswissenschaft entwickelt Ideen über den Willen, die da zeigen, welcher Natur auch das Leibliche des menschlichen Willenssystems ist. Das heißt, Geisteswissenschaft wird die Naturerscheinung, die Naturtatsache durchdringen. Sie wird nicht in einem lebensfremden Gebiete stehenbleiben, sie wird untertauchen in dieWirklichkeit. Sie wird den Mut haben, das Materielle nicht außer sich stehen zu lassen, sondern das Materielle mit dem Geiste zu durchdringen. Alles wird für sie geistig werden.

[ 31 ] Why am I citing this example? Because today you can see, read about, and hear about numerous debates in which the will is discussed. Yet the ideas being developed lack the momentum to penetrate to real understanding—to penetrate in such a way that you can perceive the will where it is at work. Such insights remain abstract and detached from life. Alongside them, natural science may speak of the existence of a motor nerve of the will. Spiritual Science develops ideas about the will that reveal the physical nature of the human system of will. This means that Spiritual Science will penetrate natural phenomena and natural facts. It will not remain in a realm alien to life; it will immerse itself in reality. It will have the courage not to leave the material realm outside itself, but to permeate the material with the spirit. Everything will become spiritual for it.

[ 32 ] Daher will diese Geisteswissenschaft auch untertauchen können und eindringen können in die soziale Gestaltung und wird als solche mitarbeiten können an der Wirklichkeit des sozialen Lebens, vor der die abstrakte intellektualistische Naturwissenschaft straucheln muß. Und so wird diese Geisteswissenschaft wieder zu sprechen haben von einer Geist-Erkenntnis, von einem neuen Wege, in das Geistige und Seelische der Welt einzudringen. Sie wird den Mut haben dürfen, zu sagen: Diejenigen geistigen Welten, zu denen hingeschaut haben Künstler wie Raffael, wie Michelangelo, wie Leonardo da Vinci, die lieferten noch Bilder von der geistigen Welt, die heute für uns nicht mehr maßgebend sein können. Wir müssen in Gemäßheit der Fortentwickelung der Menschheit einen neuen Weg in die geistige Welt hinein suchen. Lernt man aber die geistige Welt wieder kennen, dringt man ein in die geistige Welt, lernt man sie nicht so erkennen, wie der nebulose Pantheismus, der redet von Geist, Geist, Geist, er müsse da sein, vom allgemeinen abstrakten dunklen Geist, sondern dringt man in die wirklichen Erscheinungen der geistigen Welt ein — nicht durch Spiritismus, sondern durch die Entwickelung der menschlichen Geist- und Seelenkräfte, wie sie hier geschildert worden ist -, dann weiß man in einer der heutigen Entwickelung der Menschheit gemäßen Weise wiederum von einer geistigen Welt, dann enthüllen sich die Geistgeheimnisse der Welt, und dann wird das eintreten, was Goethe, der in diesen Dingen zwar im Anfange stand, aber von diesen Dingen, die die neuere Geisteswissenschaft in seinem Sinne weiter ausbildet, schon geahnt hat - dann wird das eintreten, was Goethe so schön mit den Worten bezeichnet: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.»

[ 32 ] Therefore, the Spiritual Science also aims to be able to delve into and penetrate the social order and, as such, will be able to contribute to the reality of social life—a reality before which abstract, intellectualistic natural science must falter. And so this Spiritual Science will once again have to speak of spiritual knowledge, of a new way to penetrate the spiritual and soul aspects of the world. It will have the courage to say: Those spiritual worlds that artists such as Raphael, Michelangelo, and Leonardo da Vinci gazed upon provided images of the spiritual world that can no longer serve as a standard for us today. In keeping with the further development of humanity, we must seek a new path into the spiritual world. But when we come to know the spiritual world anew, when we penetrate into the spiritual world, we do not come to recognize it as does nebulous pantheism, which speaks of spirit, spirit, spirit, it must be there, or of a general, abstract, dark spirit—but rather penetrates the actual manifestations of the spiritual world—not through spiritualism, but through the development of the human powers of spirit and soul, as described here—then one comes to know of a spiritual world again in a way appropriate to the present-day development of humanity; then the spiritual mysteries of the world are revealed, and then what Goethe—who, though he was only just beginning to explore these matters, had already sensed them, matters that modern Spiritual Science is further developing in his spirit—will come to pass; then what Goethe so beautifully describes with the words: “Whoever to whom nature begins to reveal her manifest mystery feels an irresistible longing for her most worthy interpreter, art.”

[ 33 ] Dann wird der Künstler wiederum eine Offenbarung empfangen von einer geistigen Welt. Dann wird er nicht zu dem Glauben verführt werden, wenn er das Geistige darstelle im sinnlichen Bilde, so sei das eine abstrakt stroherne symbolische oder eine papierene Allegorie, sondern er wird wissen vom lebendigen Geiste, und er wird diesen lebendigen Geist durch die sinnlichen Mittel ausdrücken können. Und man wird das Beste an dem Kunstwerke nicht dasjenige nennen, in dem es die äußere Natur nachahmt, sondern dasjenige, in dem es offenbart, was der Mensch vom Geiste geoffenbart erhält. Es wird wiederum eine durchgeistigte Kunst entstehen, eine Kunst, die durchaus nicht Symbolismus, durchaus nicht Allegorismus ist, die aber auch nicht ihre Luxusart dadurch verrät, daß sie sich neben die Natur, die sie doch nie erreichen kann, hinstellt, sondern die ihre Notwendigkeit, ihre Berechtigung im menschlichen Leben dadurch erweist, daß sie von etwas kündet, von dem die gegenwärtige, die unmittelbare Sinnesanschauung der Natur, der unmittelbare Naturalismus nicht künden kann. Und selbst wenn es stümperhaft wäre, was der Mensch gestaltet, indem er aus dem Geiste heraus gestaltet: er gestaltet etwas, was neben dem Leben der Natur eine Bedeutung hat, weil es über das Leben der Natur hinausgeht, und er stümpert nicht nach, was die Natur doch besser kann als er. Hier eröffnet sich der Weg zu jener Kunst, die versucht worden ist auch im äußeren Bau und in der äußeren Ausgestaltung des Dornacher Goetheanum.

[ 33 ] Then the artist will once again receive a revelation from a spiritual world. Then he will not be led to believe that if he depicts the spiritual in a sensory image—be it an abstract, straw-like symbol or a paper allegory—but rather he will know the living Spirit, and he will be able to express this living Spirit through sensory means. And the best aspect of a work of art will not be that in which it imitates external nature, but that in which it reveals what human beings receive as a revelation from the spirit. Once again, a spirit-imbued art will emerge—an art that is by no means symbolism, by no means allegorism, but which also does not betray its elevated nature by placing itself alongside nature—which it can never truly attain— but rather proves its necessity and its justification in human life by speaking of something that the present, immediate sensory perception of nature—immediate naturalism—cannot convey. And even if what a person creates—by creating from the spirit—were amateurish: they create something that has meaning alongside the life of nature because it transcends the life of nature, and they do not attempt to imitate what nature can do better than they can. Here the path opens up to that art which has also been attempted in the external architecture and design of the Goetheanum in Dornach.

[ 34 ] Da wurde versucht, für das, was dort getrieben werden soll als Hochschule für Geisteswissenschaft, in jeder Wand, in alldem was an den Wänden gemalt ist, was in Holz geschnitzt ist und so weiter, das zu gestalten, was der Geisteswissenschaft sich offenbart, die darinnen vertreten werden soll. Daher ergab sich ganz naturgemäß dieser Bau. Es konnte nicht mit dem alten Baustil gebaut werden, weil darin von einer neuen Art des Geistes gesprochen werden soll. Wie in der Natur selbst — betrachten Sie nur eine Nußschale, sie ist so gestaltet, wie die Nuß darinnen das bestimmt — jede Hülle so gestaltet ist, wie der innere Kern es verlangt, so ist alles an dem Dornacher Bau so gestaltet, wie es dasjenige verlangt, was einstmals als Musik drinnen tönen soll, was aufgeführt werden soll an Mysterien, was gesprochen werden soll an Offenbarung der Geisteswissenschaft. Es soll das gleichsam widerklingen in dem, was in den Säulen, in den Kapitälen und so weiter in den Bau hineingeschnitzt worden ist. Es soll eine Kunst - die allerdings damit in ihrem Anfange steht, darinnen sind diejenigen, die daran arbeiten, wohl selbst die strengsten Kritiker - damit gegeben werden, die wirklich aus einem neuen Geiste und damit überhaupt wiederum aus einem Geiste heraus geboren ist. Man muß sich, wenn man so etwas unternimmt, schon durchaus den Mißverständnissen aussetzen, die eigentlich natürlich sind bei einer solchen Sache. Da sind Leute hineingekommen - auch andere, die nicht diesen Mißverständnissen sich ausgesetzt haben, die mit jedem Tag mehr werden, die diesen Dornacher Bau vorurteilsfrei ansehen -, die haben geschrieben: O ja, diese Anthroposophen haben einen Bau aufgeführt, der voller Symbole, voller Allegorien ist. - Das Charakteristische an diesem Bau ist, daß kein einziges Symbol, keine einzige Allegorie darinnen ist, sondern daß alles, was geistig geschaut worden ist, in die unmittelbar künstlerische Form aufgelöst worden ist. Nichts von Symbolen, nichts von Allegorie ist das, was darinnen ausgedrückt ist. Alles ist so, daß es durch seine Formen selber etwas sein will.

[ 34 ] An attempt was made to design—for what is to be pursued there as a School of Spiritual Science—every wall, everything painted on the walls, everything carved in wood, and so on, in a way that reflects the Spiritual Science that is to be represented there. Thus, this building arose quite naturally. It could not be built in the old architectural style, because it is meant to speak of a new kind of spirit. Just as in nature itself—just look at a nutshell; it is shaped as the nut inside dictates—every shell is shaped as the inner kernel demands—so everything in the Dornach building is shaped as demanded by what is to resound within as music, what is to be performed in the Mysteries, and what is to be spoken as the revelation of the Spiritual Science. This is to resonate, as it were, in what has been carved into the building—in the columns, the capitals, and so on. It is to present an art—which, admittedly, is still in its infancy, and in this regard those working on it are likely its own harshest critics—that is truly born of a new spirit and, thereby, once again, of the Spirit itself. When one undertakes such a project, one must certainly expose oneself to the misunderstandings that are, in fact, natural in such a matter. There are people—including others who have not exposed themselves to these misunderstandings, which are growing by the day, and who view this Dornach building without prejudice—who have written: “Oh yes, these anthroposophists have erected a building that is full of symbols, full of allegories.” - The distinctive feature of this building is that there is not a single symbol, not a single allegory within it, but rather that everything that has been spiritually perceived has been dissolved into the immediate artistic form. What is expressed within it is neither symbol nor allegory. Everything is such that, through its very forms, it seeks to be something in and of itself.

[ 35 ] Wir konnten ja allerdings in der Zeit, in der man im alten griechischen Stil, in dem man der Athene Häuser gebaut hat, Bankgebäude aufrichtet, bis jetzt nur einer geistigen Werkstätte eine Umhüllung schaffen. Denn das ist noch nicht gestattet worden von den äußeren sozialen Verhältnissen, etwa auch einen Bahnhof zu bauen oder gar ein Bankgebäude. Aus vielleicht Ihnen leicht begreiflichen Gründen konnten wir noch nicht den Stil eines modernen Bankgebäudes oder den Stil eines modernen Warenhauses finden. Aber auch diese Dinge müssen gefunden werden. Gefunden werden muß vor allen Dingen gerade auf diesem Wege der Zusammenhang mit einer künstlerischen Formung des unmittelbar praktischen Lebens.

[ 35 ] However, during this period—in which bank buildings are being erected in the ancient Greek style, the same style used to build temples to Athena—we have so far been able to create a physical structure only for an intellectual workshop. For external social conditions have not yet permitted us to build, say, a train station or even a bank building. For reasons that are perhaps easy for you to understand, we have not yet been able to find the style of a modern bank building or that of a modern department store. But these things, too, must be found. Above all, it is precisely in this way that the connection with an artistic shaping of immediate, practical life must be found.

[ 36 ] Denken Sie nur einmal, welche soziale Bedeutung das haben wird auch für das Brot der Menschen! Denn — wie ich neulich schon gesagt habe und weiter ausführen werde — dessen Bereitung hängt davon ab, wie die Menschen denken und empfinden. Eine große Bedeutung, eine soziale Bedeutung wird es für die Menschen haben, wenn das, was sie im Leben unmittelbar umgibt, in künstlerischer Formung vor die Menschenseele tritt, wenn jeder Löffel, wenn jedes Glas nicht eine Form hat, die zufällig ist für den Dienst, für den es gewidmet ist, sondern wenn die Form wohl angepaßt ist diesem Dienst, wenn man der Form unmittelbar anschaut und es auch als schön empfindet, wie die Sache im Leben drinnensteht. Dann erst werden weite Kreise das geistige Leben als lebensnotwendig empfinden, wenn dieses geistige Leben so mit dem Leben der Praxis in einer unmittelbaren Verbindung steht. So wie die Geisteswissenschaft imstande ist, hineinzuleuchten in das Materielle, wie ich es an dem Beispiel der sensitiven und motorischen Nerven gezeigt habe, so wird jene Kunst, welche geboren wird aus geisteswissenschaftlicher Gesinnung, imstande sein, auch vorzurücken bis zu einer unmittelbaren Gestaltung jedes Stuhles, jedes Tisches und so weiter.

[ 36 ] Just think for a moment what social significance this will have, even for the bread people eat! For—as I said recently and will elaborate on further—its preparation depends on how people think and feel. It will have great a social significance for people when what immediately surrounds them in life appears before the human soul in an artistic form—when every spoon, every glass, does not have a form that is merely incidental to the purpose for which it is intended, but when the form is well-suited to that purpose, so that when one looks directly at the form, one also perceives as beautiful the way the object fits into life. Only then will broad circles come to perceive spiritual life as essential to life, when this spiritual life stands in such a direct connection with practical life. Just as Spiritual Science is capable of shedding light on the material world—as I have shown using the example of the sensory and motor nerves—so too will the art born of a spiritual-scientific mindset be capable of advancing to the point of directly shaping every chair, every table, and so on.

[ 37 ] Und wenn es deutlich wahrzunehmen ist, daß gerade von seiten der religiösen Bekenntnisse die schwersten Vorurteile und Mißverständnisse dieser geisteswissenschaftlichen Richtung entgegengebracht werden, so ist darüber folgendes zu sagen. Wozu hat man es denn in den Religionsbekenntnissen zuletzt gebracht? Die Religionsbekenntnisse können es ihrer Natur nach nur mit dem Übersinnlichen zu tun haben, wenn sie eine Berechtigung haben sollen. Aber alte übersinnliche Anschauungen, die aus ganz anderen Voraussetzungen der Menschenseele heraus geboren sind, sind in unserer Zeit erhalten worden. Geisteswissenschaft bemüht sich, in der neuen Art des menschlichen Vorstellens, des inneren Seelenlebens zu der Geistwelt vorzudringen. Sollte ihr das gerade der religiöse Sinn der Menschheit verübeln, wenn er sich selbst richtig versteht? Kann er das? Nie und nimmermehr. Denn womit sollte es eigentlich der religiöse Sinn, somit alle religiöse Arbeit, zu tun haben? Alle religiöse Arbeit sollte es nicht damit zu tun haben, Theorien und Dogmen über die übersinnliche Welt zu verkündigen, sondern alle religiöse Arbeit sollte es damit zu tun haben, den Menschen die Gelegenheit zu geben, das Übersinnliche zu verehren. Religion ist eine Sache der Verehrung des Übersinnlichen. Die Menschennatur braucht diese Verehrung. Sie braucht das Hinaufschauen in Verehrung zu dem Erhabenen im Übersinnlichen. Verwehrt man ihr das gegenwärtige Eindringen in die übersinnliche Welt, dann muß man ihr allerdings ein altesEindringen in die übersinnliche Welt vorhalten. Da aber das dem gegenwärtigen Menschensinn nicht mehr gemäß sein kann, muß man es gebieten, muß man es befehlen, muß man es auf Autor: hin zur Anerkennung bringen. Daher das Außerliche, das die religiösen Bekenntnisse gegenüber der gegenwärtigen Menschennatur haben. Alte Einsichten in die übersinnliche Welt werden den Menschen von ihren religiösen Führern befohlen.

[ 37 ] And if it is clearly evident that the most serious prejudices and misunderstandings toward this movement of Spiritual Science come precisely from religious denominations, the following must be said about this. What, after all, have religious denominations ultimately achieved? By their very nature, religious denominations can only deal with the supersensible if they are to have any validity. Yet ancient supersensible views, born of entirely different conditions of the human soul, have been preserved to this day. Spiritual Science strives to penetrate the spiritual world through the new mode of human mental images and inner soul life. Should humanity’s religious sense—if it understands itself correctly—hold this against Spiritual Science? Can it do so? Never in a million years. For what, in fact, should the religious sense—and thus all religious work—be concerned with? All religious work should not be concerned with proclaiming theories and dogmas about the supersensible world; rather, all religious work should be concerned with giving people the opportunity to revere the supersensible. Religion is a matter of revering the supersensible. Human nature needs this reverence. It needs to look up in reverence toward the sublime in the supersensible. If one denies people the opportunity to enter the supernatural world in the present, then one must, of course, hold up to them an ancient way of entering the supernatural world. But since this can no longer be in accordance with the sensibilities of modern humanity, one must command it, one must order it, one must bring about its acceptance through authority. Hence the external nature that religious creeds have in relation to modern human nature. Ancient insights into the supersensible world are imposed on people by their religious leaders.

[ 38 ] Müssen Gemeinschaften, die Verständnis haben für das wahre Wesen des Religiösen, das in der Verehrung des Geistigen besteht, nicht das höchste Interesse daran haben, daß ihre Glieder eine lebendige Erkenntnis des Übersinnlichen entwickeln? Werden nicht gerade diejenigen Menschen am besten zur Verehrung des Übersinnlichen zu bringen sein, die in ihrer Seele ein Schauen des Übersinnlichen tragen, die in ihrem Erkennen dem Übersinnlichen nahestehen? Und es ist in der neueren Phase der Menschheitsentwickelung ja so, daß sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Entwickelung der Menschenwesenheit zum Individuellen, zur Ausbildung des Persönlichen hin ergeben hat. Mutet man heute dem Menschen zu, daß er nicht aus der Kraft seiner Individualität, seiner Persönlichkeit heraus, autoritätsfrei, zum Schauen, zum Auffassen des Übersinnlichen kommt, so mutet man ihm etwas zu, was gegen seine Natur ist. Läßt man ihm Gedankenfreiheit mit Bezug auf die Erkenntnis des Übersinnlichen, dann wird er sich an seinen Mitmenschen anschließen, damit in der Gemeinschaft gepflegt werden könne die Verehrung desjenigen Übersinnlichen, das jeder auf seine persönliche, eigene Art erkennt. Und gerade der gemeinsame Dienst zum Übersinnlichen, die wahre Religiosität, wird sich am besten entwickeln, wenn die Menschen Gedankenfreiheit haben, sich zu nähern durch ihre eigene Individualität der Erkenntnis der übersinnlichen Welt.

[ 38 ] Shouldn’t communities that understand the true nature of religion—which consists in the veneration of the spiritual—have the greatest interest in ensuring that their members develop a living understanding of the supernatural? Will not those people who carry within their souls a vision of the supersensible, who are close to the supersensible in their cognition, be the ones most easily led to the veneration of the supersensible? And it is indeed the case in the more recent phase of human development that, since the middle of the 15th century, the development of the human being has been directed toward individuality and the formation of the personal. If we expect people today to perceive and grasp the supersensible not out of the power of their individuality and personality—free from authority—we are asking them to do something that goes against their nature. If one grants them freedom of thought with regard to the knowledge of the supersensible, then they will join with their fellow human beings so that, within the community, the reverence for that supersensible realm—which each person perceives in their own personal way—may be cultivated. And it is precisely this shared service to the supersensible—true religiosity—that will develop best when people have the freedom of thought to approach the knowledge of the supersensible world through their own individuality.

[ 39 ] Das wird sich insbesondere zeigen können an der Auffassung der Christus-Wesenheit selbst. Diese Christus-Wesenheit selbst, sie war etwas anderes in früheren Jahrhunderten, als sie selbst bei vielen Theologen der letzten Jahrhunderte, insbesondere des 19. Jahrhunderts geworden ist. Wie weit ist die Menschheit abgekommen von einem Hinschauen zur wirklich übersinnlichen Wesenheit des Christus, der in dem Menschen Jesus gelebt hat! Wie weit ist die Menschheit davon abgekommen, einzusehen, daß durch das Mysterium von Golgatha die Verbindung einer übersinnlichen Wesenheit mit einem menschlichen Leibe stattgefunden hat, damit die Erde in ihrer Entwickelung einen eigentlichen tieferen Sinn erhalte. Diese Ehe zwischen Übersinnlichem und Sinnlichem, die sich vollzogen hat durch das Mysterium von Golgatha, wie wenig ist sie im Grunde genommen selbst von Theologen einer gewissen Art in der letzten Zeit verstanden worden! Immer mehr und mehr wurde der Christus zu dem «schlichten Mann aus Nazareth»; immer mehr und mehr wurde die Auffassung der Religion eine materialistische. Weil man nicht in der Lage war, die der neueren Menschheit gemäßen Wege ins Übersinnliche zu finden, verlor man auch den übersinnlichen Weg zu der Christus-Wesenheit selber. Und viele Menschen, die heute glauben, zu dem Christus aufschauen zu können, die glauben es eben nur. Sie ahnen nicht, wie wenig das, was sie über den Christus reden oder über den Christus denken, wirklich dem entspricht, was derjenige findet, der in einer geistgemäßen Erkenntnis sich wiederum diesem Urmysterium der Menschheit nähert.

[ 39 ] This will become particularly evident in the conception of the Christ-being itself. This Christ-being itself was something different in earlier centuries than it has become for many theologians of recent centuries, especially the 19th century. How far has humanity strayed from a focus on the truly supersensible essence of Christ, who lived in the human being Jesus! How far has humanity strayed from recognizing that, through the Mystery of Golgotha, a union of a supersensible being with a human body took place so that the Earth might attain a true, deeper meaning in its evolution. This marriage between the supersensible and the sensible, which was accomplished through the Mystery of Golgotha—how little has it, in truth, even been understood by certain kinds of theologians in recent times! More and more, Christ has become the “simple man from Nazareth”; more and more, the conception of religion has become materialistic. Because people were unable to find paths into the supersensible that were appropriate for modern humanity, they also lost the supersensible path to the Christ Being itself. And many people today who believe they can look up to Christ—they merely believe it. They have no inkling of how little what they say or think about Christ truly corresponds to what is found by those who, through spiritual insight, once again approach this primal mystery of humanity.

[ 40 ] So kann man sagen: Geisteswissenschaft will gewiß keine neue Religionsbegründung sein, ganz gewiß nicht; Geisteswissenschaft will eine Wissenschaft, eine Erkenntnis sein. Aber anerkennen sollte man dafür auch, daß sie die Grundlage abgeben kann für eine Verjüngung des religiösen Lebens der Menschheit selbst. Wie sie verjüngen kann das wissenschaftliche, das künstlerische Leben, so kann sie auch das religiöse Leben der Menschen verjüngen.

[ 40 ] So one can say: Spiritual Science certainly does not aim to be a new foundation for religion—certainly not; Spiritual Science aims to be a science, a form of knowledge. But one should also recognize that it can serve as the foundation for a rejuvenation of humanity’s religious life itself. Just as it can rejuvenate scientific and artistic life, so too can it rejuvenate people’s religious life.

[ 41 ] Insbesondere wird diese Geisteswissenschaft befruchtend wirken können auch auf einem Gebiete, das von ganz besonderer Wichtigkeit dem erscheinen muß, der namentlich die soziale Zukunft der Menschheit ganz ernst zu nehmen in der Lage ist, auf dem Gebiet des Erziehungswesens. Über das Erziehungswesen ist in der letzten Zeit viel, sehr viel gesprochen worden. Allein man muß sich sagen, vieles von dem, was über das Erziehungswesen gesprochen worden ist, trifft gerade die Hauptsache nicht. Ich versuchte, dieser Hauptsache nahezukommen gerade in der letzten Zeit, da mir die Aufgabe gestellt war, einen seminaristischen Kursus für Lehrer abzuhalten, welche bilden sollten den Lehrkörper einer Schule, der Waldorfschule in Stuttgart, die begründet worden ist im September dieses Jahres im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus. Da versuchte ich nicht nur die Kußerlichkeiten bei dieser Schulgründung so zu gestalten, daß sie den Anforderungen, dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus entsprechen, sondern ich versuchte, die Pädagogik, die Didaktik, die ich vorzutragen hatte für die Lehrerschaft dieser neuartigen Schule, so zu gestalten, wie man sie sich denken muß, damit der Mensch hineinerzogen werden könne in diejenige Zukunft, die nach gewissen unbesieglichen Forderungen der Menschennatur eine soziale Zukunft im richtigen Sinne eben werden soll. Da kommt man dazu, sich zu sagen: Die alte Normpädagogik, die gewisse Regeln aufstellt, so und so soll man erziehen, diese Normpädagogik ist etwas, was überwunden werden soll. Gewiß, es reden heute viele Menschen davon, bei der Erziehung, beim Unterrichten müsse die Individualität desMenschen berücksichtigt werden. Es werden allerlei Regeln angeführt, wie diese Individualität des Menschen berücksichtigt werden soll. Allein Pädagogik wird in der Zukunft nicht eine Normwissenschaft sein, Pädagogik wird in der Zukunft eine wahrhaftige Menschheitskunst sein. Pädagogik wird in der Zukunft beruhen auf einer Erkenntnis des ganzen Menschen. Man wird wissen in der Zukunft: In diesem Menschen, der sich heranentwickelt von der Geburt durch die späteren Jahre, in dem arbeitet sich ein Geistig-Seelisches durch die Organe an die Oberfläche. Man wird es schauen, wie vom Schulbeginn jedes Jahr andere Kräfte sich aus den Tiefen der Menschennatur herausentwickeln. Man wird dieses Schauen nicht unterstützen können durch eine abstrakte Normpädagogik, sondern nur durch eine lebendige Anschauung der menschlichen Natur selber.

[ 41 ] In particular, this Spiritual Science will be able to have a fruitful influence in a field that must seem of very special importance to anyone who is in a position to take the social future of humanity very seriously—namely, the field of education. There has been a great deal—indeed, a great deal—of discussion about education in recent times. Yet one must admit that much of what has been said about education misses the point entirely. I have been trying to get to the heart of this matter, particularly in recent times, since I was tasked with conducting a seminar course for teachers who were to form the faculty of a school—the Waldorf School in Stuttgart—which was founded in September of this year in accordance with the threefold social order. In doing so, I sought not only to shape the external aspects of this school’s founding in such a way that they correspond to the requirements and the impulse of the threefold social order, but I also sought to structure the pedagogy and didactics I was to present to the teaching staff of this innovative school in such a way that it must be conceived so that human beings can be educated toward the future which, according to certain inescapable demands of human nature, is to become a social future in the true sense. This leads one to say to oneself: The old normative pedagogy, which establishes certain rules—that one should educate in such and such a way—this normative pedagogy is something that must be overcome. Certainly, many people today speak of the need to take the individuality of the human being into account in education and teaching. All sorts of rules are cited regarding how this individuality should be taken into account. Yet pedagogy in the future will not be a normative science; pedagogy in the future will be a true art of humanity. Pedagogy in the future will be based on an understanding of the whole human being. In the future, we will know: In this human being, who develops from birth through the later years, a spiritual-soul aspect works its way to the surface through the organs. One will observe how, from the start of school, different forces emerge each year from the depths of human nature. One will not be able to support this observation with an abstract, standardized pedagogy, but only through a living perception of human nature itself.

[ 42 ] Viel hat man gesprochen in der letzten Zeit vom Anschauungsunterricht. Da ist manches in gewissen Grenzen gewiß durchaus berechtigt. Aber es gibt Dinge, die sich nicht durch äußere Anschauung vermitteln lassen, die auch vermittelt werden müssen dem heranwachsenden Kinde, und die nur vermittelt werden können, wenn in dem Lehrenden, Erziehenden, Unterrichtenden eine wahrhaftige Erkenntnis des werdenden Menschen lebt, wenn er heraussprießen sieht mit jedem Jahr das, was mit jedem Jahr anders als im vorhergehenden Jahr herausspringt, wenn er weiß, was im siebenten, neunten, zwölften Jahre die menschliche Natur erfordert. Denn nur wenn man im Sinne der Natur erzieht, erzieht man den Menschen so, daß er stark werde im Leben.

[ 42 ] There has been much talk lately about visual instruction. Within certain limits, some of this is certainly justified. But there are things that cannot be conveyed through external observation, things that must also be conveyed to the growing child, and that can only be conveyed if the teacher, educator, or instructor possesses a genuine understanding of the developing human being—if they see what sprouts anew each year, different from the previous year, and if they know what human nature requires in the seventh, ninth, and twelfth years. For only by educating in accordance with nature can one raise a person to become strong in life.

[ 43 ] Heute sieht man im Leben viele gebrochene Existenzen, viele Menschen, die nichts Rechtes mit dem Leben anzufangen wissen, und mit denen das Leben nichts Rechtes anzufangen weiß. Viel mehr sind solche Existenzen vorhanden, als man gewöhnlich glaubt. Woher rührt dieses? Das rührt davon her, daß man die wichtigsten Gesetze des werdenden Menschen gerade bei der Erziehung und beim Unterricht nicht berücksichtigen kann.

[ 43 ] Today, one sees many broken lives, many people who don’t know what to do with their lives—and whom life doesn’t know what to do with. There are far more such lives than is commonly believed. Where does this come from? It stems from the fact that the most important laws governing the developing human being are not taken into account, particularly in education and instruction.

[ 44 ] Ich will nur eines anführen. Wie sehr wird heute bei gutmeinenden Pädagogen immer wieder und wiederum betont, man solle anschaulich dem Kinde entwickeln, was man vor seine Seele hinstellt, was es begreifen kann. Ja, in der Praxis kommen dann die Dinge schon zum Vorschein: in der Praxis entwickelt man eine Banalität, eine Trivialität! Man will zu dem Verständnis des Kindes hinuntersteigen, will das künstlich, und es ist heute schon zum Instinkt geworden, so zu erziehen. Wenn man so erziehen will, wenn man auf diese falsche Anschaulichkeit hinarbeitet, was bleibt da unberücksichtigt? Da bleibt unberücksichtigt ein wichtigstes Lebensgesetz. Da kennt man nicht, was es heißt für den Menschen, der, sagen wir, fünfunddreißig Jahre alt geworden ist und sich erinnert: Mein Lehrer hat mir einmal dies oder jenes gesagt, es war vielleicht in meinem neunten, zehnten Jahre; dazumal habe ich es bloß aufgenommen, weil ich verehrungsvoll zu der Autorität dieses Lehrers aufgesehen habe, weil in dem Lehrer etwas Lebendiges war, wodurch das, was er sagte, in mich überging. Jetzt blicke ich zurück: es hat in mir gelebt, jetzt bin ich reif, es zu verstehen! - Ein ungeheurer Glanz des Lebens geht davon aus, wenn man in seinem fünfunddreißigsten Jahre durch die eigene Reife zurückgeführt wird zu dem, was man nur in Liebe aufgenommen hat, was man dazumal noch nicht verstehen konnte. Dieser Glanz des Lebens, der Kraft des Lebens ist, geht verloren, wenn man hinuntersteigt zu der banalen Anschaulichkeit, die heute immer als ein Ideal angepriesen wird. Man muß erkennen, welche Kräfte man in dem Kinde zu entwickeln hat, damit die Kräfte dann in der Menschennatur sind, die das ganze Leben bleiben, so daß das Kind nicht nur zurückzuschauen hat gedächtnismäßig zu dem, was es zwischen dem siebenten und fünfzehnten Jahre aufgenommen hat, sondern daß, was es aufgenommen hat, sich immer erneut und erneut verwandelt zeigen kann gegenüber den späteren Lebensreifen, daß in jeder Epoche neu werden kann, was das Kind aufgenommen hat.

[ 44 ] I’ll mention just one thing. How often do well-meaning educators today emphasize, time and again, that one should present to the child in a vivid way what one places before its soul—what it is capable of comprehending. Yes, in practice, the results become apparent: in practice, what emerges is banality, triviality! People want to lower themselves to the child’s level of understanding; they want to do so artificially, and educating in this way has already become second nature today. If one wants to educate in this way, if one works toward this false concreteness, what is left out of consideration? A most important law of life is left out of consideration. One does not know what it means for a person who, let’s say, has reached the age of thirty-five and recalls: “My teacher once told me this or that; it was perhaps when I was nine or ten years old. At the time, I simply took it in because I looked up to the teacher’s authority with reverence, because there was something alive in the teacher that caused what he said to pass into me.” Now I look back: it has lived within me, and now I am mature enough to understand it!—An immense radiance of life emanates when, at the age of thirty-five, one is led back through one’s own maturity to what one had taken in only out of love, what one could not yet understand at the time. This radiance of life—which is the power of life—is lost when one descends into the banal concreteness that is always extolled as an ideal today. One must recognize which powers one must develop in the child, so that these powers may then be present in human nature and remain throughout one’s entire life, so that the child does not merely have to look back in memory on what it absorbed between the ages of seven and fifteen, but so that what it has absorbed can reveal itself, transformed again and again, in relation to the later stages of life, and so that what the child has absorbed can become new in every epoch.

[ 45 ] Was ich eben ausgesprochen habe, versuchte ich zur Grundcharakteristik einer Pädagogik zu machen, durch die in der Tat das Erziehen zur Kunst werden kann, wodurch der Mensch so ins Leben hineingestellt wird, daß er den sozialen Anforderungen der Zukunft gewachsen ist. Mögen — Sie können es an Einzelheiten sehen — die Leute heute deklamieren von diesen oder jenen sozialen Idealen, man überschaut ja den ganzen weiten Umfang des Lebens nicht im allergeringsten, den man überschauen müßte, wenn solche Ideale in Betracht kommen. Man redet zum Beispiel davon, man könne die Produktionsmittel in die Gemeinsamkeit überführen, und glaubt, wenn man sie so der Verwaltung des einzelnen entziehe, dann sei etwas getan. Ich habe ja über diese Sache mich schon ausgesprochen, werde mich in den folgenden Vorträgen noch genauer darüber aussprechen. Aber ich nehme jetzt für einen Augenblick an, man könnte wirklich für diese unmittelbare Gegenwart die Produktionsmittel in die Gemeinsamkeit überführen. Wären sie dann bei jener Gemeinsamkeit, die als die nächste Generation heraufwächst? Nein, denn wollte man sie ihr auch übergeben, so würde man nicht berücksichtigen, daß diese nächste Generation neue fruchtbare Kräfte heraufbringt und aus sich die ganze Produktion umwandeln muß.

[ 45 ] I have just attempted to make what I have said the fundamental characteristic of a pedagogy through which education can truly become an art, thereby placing the individual in life in such a way that he or she is equipped to meet the social demands of the future. People today may—as you can see from the details—declare this or that social ideal, but they fail to grasp even the slightest bit of the vast scope of life that one would have to take into account if such ideals were to be considered. For example, people talk about transferring the means of production into common ownership, and believe that by removing them from individual management in this way, something has been accomplished. I have already expressed my views on this matter and will discuss it in even greater detail in the following lectures. But let me assume for a moment that one could actually transfer the means of production into common ownership for the immediate present. Would they then belong to that community that is growing up as the next generation? No, for even if one were to hand them over to that generation, one would fail to take into account that this next generation brings forth new, fruitful forces and must transform the entire system of production from within.

[ 46 ] Man muß sich hineinstellen in das volle, ganze Leben, wenn man an irgendeine Gestaltung der sozialen Zukunft denkt. Aus der Auffassung des Menschen als eines Wesens, das Leib, Seele und Geist ist, und aus der wirklichen Erkenntnis von Leib, Seele und Geist wird auch eine Erziehungskunst entstehen, so wie ich gezeigt habe, eine Kunst, die wirklich im sozialen Leben als eine Notwendigkeit empfunden werden kann.

[ 46 ] One must immerse oneself in life in its fullness and entirety when considering any vision of the social future. From the view of the human being as a being composed of body, soul, and spirit, and from a genuine understanding of body, soul, and spirit, an art of education will also emerge—as I have shown—an art that can truly be perceived as a necessity in social life.

[ 47 ] Aus solcher Denkweise ist dann auch dasjenige entstanden, was ja vielfach auch innerhalb der an Dornach sich anlehnenden Geistesbewegung in mißverständlicher Weise aufgefaßt wurde. Es hat ja immerhin Leute gegeben, die schon die Jahre her dazu gekommen sind, auch nicht ganz schlecht von unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung zu denken. Als wir aber vor einiger Zeit begonnen haben, hier in Zürich und anderswo die sogenannte eurythmische Kunst aufzuführen, die herausgeboren ist ihrer Idee nach aus der Geisteswissenschaft - aber sie ist auch erst im Anfange, das wissen wir sehr genau —, da haben die Leute gesagt: Nun kann auch die Geisteswissenschaft nichts Ordentliches sein, denn wenn man solche Tanzerei neben der Geisteswissenschaft pflegen kann, ist auch die Geisteswissenschaft für verrückt zu halten!

[ 47 ] It was from this way of thinking that what later emerged—and which was often misunderstood even within the spiritual movement inspired by Dornach—originated. After all, there have been people who, over the years, have come to think quite highly of our Spiritual Science movement. But when we began some time ago to perform the so-called art of eurythmy here in Zurich and elsewhere—an art that, in its conception, has sprung from Spiritual Science, though it is still in its infancy, as we know very well—people said: “Well, then Spiritual Science can’t be anything serious either, because if one can engage in such dancing alongside Spiritual Science, then Spiritual Science must also be considered crazy!”

[ 48 ] Nun, man berücksichtigt bei einer solchen Sache eben doch nicht, wie paradox erscheinen will, was gerade aus solchen Grundlagen heraus auf eine Neugestaltung der Welt in der Weise arbeitet, wie dasjenige, was Geisteswissenschaftlichem dient. Diese eurythmische Kunst will im allerbesten Sinne eine soziale Kunst sein, denn sie will vor allen Dingen die Geheimnisse des Menschen vermitteln. Sie will diejenigen Bewegungsanlagen anwenden, die im Menschen selbst sind, will sie vor allen Dingen aus dem Menschen herausholen in der Art, wie es auseinandergesetzt werden soll bei der nächsten Aufführung, die in eurythmischer Kunst stattfinden soll. Aber hier will ich noch andeuten, daß diese eurythmische Kunst erstens wirkliche Kunst ist, indem sie die tiefsten Geheimnisse der menschlichen Kunst selber offenbart. Indem sie eine wirkliche Sprache, eine sichtbare Sprache, ausgeführt durch den ganzen Menschen, ist, ist sie eine Kunst, diese eurythmische Kunst. Aber zu gleicher Zeit stellt sie neben dem bloßen leiblichen Tun, das bloß auf dem Physiologischen beruht, das bloß aus dem Studium des Gliederbaus in leiblicher Form hervorgeht, eine menschliche Bewegungsfähigkeit dar, durch die sich der Mensch Bewegungen hingibt, die durchseelt, durchgeistigt sind. Was ein materialistisches Zeitalter als bloßes physiologisches Turnen gelehrt hat, das wird auch den Kindern gelehrt werden können. Dazu muß kommen — wie es in der Waldorfschule, von der ich gesprochen habe, schon gemacht wird — durchseelte Bewegung, die nun wirklich den ganzen Menschen ergreift, während das bloße physiologische, das bloße materielle Turnen nur einen Teil der menschlichen Wesenheit ergreift und daher so vieles in dem werdenden Menschen verkümmern läßt.

[ 48 ] Well, in a matter such as this—as paradoxical as it may seem—one does not take into account what, based precisely on such foundations, works toward a reshaping of the world in the same way as that which serves Spiritual Science. This art of eurythmy aims to be a social art in the very best sense, for it seeks above all to convey the mysteries of the human being. It seeks to apply the innate capacities for movement that lie within the human being itself; above all, it seeks to draw them out of the human being in the manner that will be unfolded in the next performance to be held in the art of eurythmy. But here I would also like to point out that this art of eurythmy is, first and foremost, a true art in that it reveals the deepest mysteries of human art itself. Because it is a true language—a visible language—expressed through the whole human being, this art of eurythmy is indeed an art. But at the same time, alongside mere physical activity—which is based solely on the physiological and arises solely from the study of the structure of the limbs in physical form—it represents a human capacity for movement through which a person engages in movements that are imbued with soul and spirit. What a materialistic age has taught as mere physiological gymnastics can also be taught to children. To this must be added—as is already being done in the Waldorf school I have spoken of—movement imbued with spirit, which truly engages the whole human being, whereas mere physiological, mere material gymnastics engages only a part of the human being and thus causes so much in the developing human being to wither away.

[ 49 ] Aus den Tiefen der Menschennatur heraus muß ein neugestaltetes Geistesleben - das wollte ich heute vor Ihnen entwickeln - in die wichtigsten Lebenszweige eingreifen.

[ 49 ] From the depths of human nature, a newly shaped spiritual life—which is what I wanted to explore with you today—must take root in the most important aspects of life.

[ 50 ] Dann wird es in den nächsten Tagen meine Aufgabe sein, zu zeigen, wie dieses äußere Leben in der Gegenwart und gegen die Zukunft hin sich wirklich gestalten kann, wenn aus einem solchen neuen Geiste heraus dieses Leben zu formen versucht wird. Mancherlei Leute — heute sogar schon recht sonderbare Leute - empfinden die Notwendigkeit, vom Geiste aus die großen Forderungen des sozialen Lebens zu beherrschen, die an die Menschheit der Gegenwart herantreten. Man empfindet es tief schmerzlich, wie viele Menschen heute noch gegenüber diesen sozialen Forderungen des Lebens schlafen, wie viele ihnen nur in einer verkehrt agitatorischen Weise zugetan sind. Man findet auch schon leise Hindeutungen darauf, daß alle äußerlichen Programme nichts helfen werden, wenn nicht ein Umdenken, ein Umvorstellen, ein Umlernen vom Geiste aus stattfindet. Aber wie äußerlich ist es oftmals noch, wenn diese Sehnsucht nach einem neuen Geiste ausgesprochen wird! Und man kann sagen, dumpf und dunkel wird diese Sehnsucht nach dem neuen Geiste oftmals heute von ganz sonderbaren Menschen empfunden, die ganz gewiß nicht an das denken, wofür der Dornacher Bau der äußere Repräsentant sein soll. Aber man hört das Verlangen nach einem neuen Geiste aussprechen. Ein Beispiel für viele sei hier vor Sie hingestellt.

[ 50 ] In the coming days, it will be my task to show how this outer life can truly take shape in the present and as we look toward the future, if we attempt to shape this life out of such a new spirit. All sorts of people—even some rather peculiar ones today—feel the need to master, from a spiritual perspective, the great demands of social life that confront humanity today. It is deeply painful to see how many people today remain oblivious to these social demands of life, and how many are attached to them only in a misguided, agitational way. One also finds subtle hints that all external programs will be of no help unless a rethinking, a reimagining, and a relearning take place from the spirit. But how superficial it often still is when this longing for a new spirit is expressed! And one can say that this longing for a new spirit is often felt today in a dull and obscure way by very peculiar people who certainly do not think of what the Dornach building is meant to represent outwardly. But one hears the desire for a new spirit being expressed. Let one example among many be presented here.

[ 51 ] In der nächsten Zeit sollen zu den vielen Betrachtungen über die verflossene Weltkriegskatastrophe auch noch diejenige des österreichischen Staatsmannes Czernin treten, die außerordentlich interessant zu werden versprechen, weil — es ist schwer, diese Charakteristik, die ich jetzt geben werde, auszusprechen, ohne mißverstanden zu werden -, ich möchte also sagen: weil Czernin doch noch um ein gutes Stück weniger unbescheiden war als die anderen, die ihre Kriegsbetrachtungen bis jetzt losgelassen haben. So will ich mich glimpflich aussprechen. Aber in diesem Buch des Czernin soll vielleicht folgendes gelesen werden: «Der Krieg geht weiter, wenn auch in veränderter Form. Ich glaube, daß die kommenden Generationen das große Drama, welches seit fünf Jahren die Welt beherrscht, gar nicht den Weltkrieg nennen werden, sondern die Weltrevolution, und wissen werden, daß diese Weltrevolution nur mit dem Weltkriege begonnen hat.

[ 51 ] In the near future, the many reflections on the catastrophe of the past World War will be joined by those of the Austrian statesman Czernin, which promise to be exceptionally interesting because—it is difficult to articulate this characterization I am about to offer without being misunderstood— I would like to say: because Czernin was, after all, a good deal less immodest than the others who have published their reflections on the war thus far. So I will put it mildly. But in Czernin’s book, the following might perhaps be read: “The war continues, albeit in a different form.” I believe that future generations will not call the great drama that has dominated the world for five years the World War at all, but rather the World Revolution, and will know that this World Revolution began only with the World War.

[ 52 ] Weder Versailles noch St. Germain werden ein dauerndes Werk schaffen. In diesem Frieden liegt der zersetzende Keim des Todes. Die Krämpfe, die Europa schütteln, sind noch nicht im Abnehmen, so wie bei einem gewaltigen Erdbeben dauert das unterirdische Grollen an. Immer wieder wird sich bald hier, bald dort die Erde öffnen und Feuer gegen den Himmel schleudern, immer wieder werden Ereignisse elementaren Charakters und elementarer Gewalt verheerend über die Länder stürmen. Bis alles das hinweggefegt ist, was an den Wahnsinn dieses Krieges erinnert.

[ 52 ] Neither Versailles nor St. Germain will create a lasting peace. This peace contains the corrosive seed of death. The convulsions shaking Europe have not yet subsided; just as with a violent earthquake, the underground rumbling continues. Time and again, the earth will split open—here and there—and hurl fire toward the sky; time and again, events of elemental nature and elemental Powers will sweep devastatingly across the lands. Until everything that reminds us of the madness of this war has been swept away.

[ 53 ] Langsam, unter unsäglichen Opfern, wird eine neue Welt geboren werden. Die kommenden Generationen werden zurückblicken auf unsere Zeit wie auf einen langen bösen Traum; aber’ der schwärzesten Nacht folgt einmal der Tag. Generationen sind in das Grab gesunken, ermordet, verhungert, der Krankheit erlegen. Millionen sind gestorben in dem Bestreben, zu vernichten und zu zerstören, Haß und Mord im Herzen.

[ 53 ] Slowly, amid unspeakable sacrifices, a new world will be born. Future generations will look back on our time as if it were a long, evil dream; but even the darkest night is eventually followed by day. Generations have been laid to rest, murdered, starved to death, or succumbed to disease. Millions have died in the pursuit of destruction and ruin, with hatred and murder in their hearts.

[ 54 ] Aber andere Generationen erstehen, und mit ihnen ein neuer Geist. Sie werden aufbauen, was Krieg und Revolution zerstört haben. Jedem Winter folgt der Frühling. Auch das ist ein ewiges Gesetz im Kreislauf des Lebens, daß dem Tod die Auferstehung folgt.

[ 54 ] But other generations arise, and with them a new spirit. They will rebuild what war and revolution have destroyed. Every winter is followed by spring. This, too, is an eternal law in the cycle of life: that death is followed by resurrection.

[ 55 ] Wohl denen, die berufen sein werden, als Soldaten der Arbeit die neue Welt mitaufzubauen.»

[ 55 ] “Blessed are those who will be called upon to help build the new world as soldiers of labor.”

Fragenbeantwortung nach dem vierten Vortrag

Q&A following the fourth lecture

[ 56 ] Zunächst ist mir hier die Frage vorgelegt:

[ 56 ] First, the following question has been submitted to me:

[ 57 ] Ist Ihr Freiheitsbegriff mit dem Nietzsches vom Übermenschen in der «Fröhlichen Wissenschaft» nicht verwandt?

[ 57 ] Isn't your concept of freedom related to Nietzsche's concept of the “superman” in The Gay Science?

[ 58 ] Nun, über meine Auffassung des menschlichen Wesens kann ich auf die Darstellung in bezug auf den Freiheitsbegriff zuerst in meiner kleinen Schrift «Wahrheit und Wissenschaft», dann in der «Philosophie der Freiheit» hinweisen. Zu der Nietzscheschen Weltauffassung habe ich mich dann - ich schrieb, 1895 war es, das Buch - in meinem Buche «Friedrich Nietzsche. Ein Kämpfer gegen seine Zeit» ausgesprochen. Es ist durchaus richtig, daß auch derjenige, der so, wie ich selber, die Notwendigkeit einer Vertiefung und Erneuerung des Freiheitsbegriffes und, damit zusammenhängend, dann der ganzen menschlichen Wesenheit einsieht, in der ja von gewissen Seiten her durchaus stark anzufechtenden Nietzscheschen Weltanschauung aufsprießende Keime sehen kann zu dem, was eigentlich tiefste Sehnsucht der Menschen nach einer Zukunftsgestaltung der Zivilisation ist. Nietzsches Leben und Weltanschauung ist überhaupt außerordentlich interessant, und man wird vielleicht am besten eindringen, wenn man gerade das für ihn Charakteristische in seinem Verhältnis zum Ringen in der Zeit des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts ansieht. Nietzsches tragisches Leben rang allerdings nach einer Auffassung der Freiheit der menschlichen Natur und Wesenheit. Aber es rang heraus, ich möchte sagen, aus einem tief tragischen Verhältnis zu der ganzen Weltanschauungsentwickelung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.

[ 58 ] Well, regarding my view of human nature, I can refer to the discussion of the concept of freedom first in my short work Truth and Science, and then in The Philosophy of Freedom. As for Nietzsche’s worldview, I then—I wrote the book in 1895—expressed my views in my book Friedrich Nietzsche: A Fighter Against His Time. It is entirely correct that even someone who, I myself, recognizes the necessity of deepening and renewing the concept of freedom—and, in connection with that, the whole of human existence—can see in Nietzsche’s worldview, which is certainly subject to strong criticism from certain quarters, the sprouting seeds of what is actually humanity’s deepest longing for shaping the future of civilization. Nietzsche’s life and worldview are, in general, extraordinarily interesting, and one might best gain insight by examining precisely what was characteristic of him in his relationship to the struggles of the last third of the 19th century. Nietzsche’s tragic life did, indeed, grapple with a conception of the freedom of human nature and being. But it emerged, I would say, from a profoundly tragic relationship to the entire development of worldviews in the last third of the 19th century.

[ 59 ] Mir erscheint Nietzsches Persönlichkeit in der folgenden Art: In Nietzsche lebte vielleicht am intensivsten alles, was in den besten Menschen des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts lebte. Aber es lebte in ihm zum Teil in einer Natur, die der intensiven Fassung der Probleme nicht gewachsen war, die der Aufgabe nicht gewachsen war, die Probleme, die auf der Seele lasteten, voll durchzugestalten und durchzudenken. Man möchte sagen, Nietzsche habe das Schicksal gehabt, an allen möglichen Weltanschauungsströmungen zu leiden, an denen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gelitten werden konnte. Man nehme zunächst, wie er sich hineingefunden hat, nachdem er das Schulmäßige, das er geistreich als Philologe aufgenommen hatte, überwunden hatte, in die Wagner-Schopenhauersche Weltanschauung. Wer die schöne Schrift «Schopenhauer als Erzieher» von Nietzsche kennt, der wird wissen, daß dieses Hineinfinden in Schopenhauer und Wagner bei Nietzsche ein inneres Kämpfen, ein inneres Ringen war und zuletzt geendet hat und enden mußte mit einem Leiden an dieser Weltanschauung, die vieles in sich hatte von den Zukunftsimpulsen der Menschheit, aber eben nicht bis zu dem kam, was wirklich sozial gestaltend werden konnte.

[ 59 ] Nietzsche’s personality appears to me in the following way: Perhaps everything that lived within the finest people of the last third of the 19th century lived most intensely within Nietzsche. But it lived within him, in part, in a nature that was not up to the task of grappling with these problems in depth—that was not up to the task of fully shaping and thinking through the problems that weighed on his soul. One might say that Nietzsche was fated to suffer from every possible ideological current that could cause suffering in the last third of the 19th century. Consider, for starters, how he found his way—after having overcome the scholastic approach he had wittily adopted as a philologist—into the Wagner-Schopenhauerian worldview. Anyone familiar with Nietzsche’s beautiful essay “Schopenhauer as Educator” will know that this immersion in Schopenhauer and Wagner was, for Nietzsche, an inner struggle, an inner wrestling match, and ultimately ended—and had to end—with suffering caused by this worldview, which contained much of humanity’s future impulses but simply did not reach the point of what could truly shape society.

[ 60 ] So verließ Nietzsche, man kann sagen, 1876 diese Anschauung und wendete sich zu der mehr positivistischen Anschauung, der mehr wissenschaftlichen Anschauung. Während seines Drinnenlebens in Schopenhauers und Wagners Weltanschauung war sein Bestreben, sich aus dem Wissenschaftlichen herauszuarbeiten und der Wirklichkeit durch eine künstlerische Seelenstimmung nahe zu kommen, näher zu kommen, als man dieser Wirklichkeit durch Wissenschaft kommen kann. Nachdem er das Ungenügende darinnen empfunden hat, wandte er sich der positivistischen Richtung zu, suchte durch eine Übersteigerung des wissenschaftlichen Strebens dahin zu kommen, die Wirklichkeit zu durchdringen, und wagte sich zuletzt zu dem, was man findet als seine Idee von der «Wiederkunft des Gleichen» und als seine Idee vom «Übermenschen». Die letztere hat er ja namentlich in schöner Weise lyrisch in seinem «Zarathustra» zum Ausdrucke zu bringen versucht. Er brach dann zusammen in dem Augenblicke, als er das, was sich ihm als Übermenschenidee, als Herauswachsen eines höheren Menschen aus dem gewöhnlichen Menschen ergeben hatte, anwenden wollte auf die größeren Menschheitsentwickelungsprobleme der neueren Zeit.

[ 60 ] Thus, one might say, Nietzsche abandoned this view in 1876 and turned to a more positivist, more scientific perspective. While immersed in Schopenhauer’s and Wagner’s worldviews, his aim was to work his way out of the scientific realm and to approach reality through an artistic state of mind—to come closer to it than science alone can. Having found this approach insufficient, he turned to the positivist direction, seeking—through an intensification of scientific endeavor—to penetrate reality, and ultimately ventured into what is recognized as his idea of the “Return of the Same” and his idea of the “Superman.” He attempted to express the latter, in particular, in a beautiful and lyrical manner in his Zarathustra. He then collapsed at the very moment when he sought to apply what had emerged to him as the idea of the “Overman”—the emergence of a higher human being from the ordinary human being—to the greater problems of human development in modern times.

[ 61 ] Nun ist es sehr bedeutsam, gerade bei Nietzsche zu schen, wie er sich hineinleben konnte in all das, was da war. Denn im Grunde genommen ist sein Übermenschenproblem auch nichts anderes als die Ausdehnung des darwinistischen Prinzips auf die ganze Entwickelung des Menschlichen: Wie der Mensch selber etwas darstellt, was sich herausentwikkelt aus der Tierheit, so soll der Übermensch etwas sein, was sich herausentwickelt aus dem Menschen.

[ 61 ] It is very significant, especially in Nietzsche’s case, to observe how he was able to immerse himself in everything that existed. For, fundamentally speaking, his concept of the Übermensch is nothing other than the extension of the Darwinian principle to the entire evolution of humanity: just as humanity itself represents something that has evolved from the animal realm, so the Übermensch is to be something that evolves from humanity.

[ 62 ] Nun liegt das Tragische bei Nietzsche daran, daß er sich überall im Gegensatze fühlte gegen gewisses Charakteristisches seiner Zeit, also des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts. Und interessant ist zum Beispiel ja, daß Nietzsche vordrang bis zu seiner manchem so grotesk erscheinenden Idee von der Wiederkunft des Gleichen, also von einer Weltordnung, in der sich das, was geschieht, in rhythmischen Bewegungen immer in gleicher Weise wiederholen müsse. Diese Wiederkunftsidee war auch psychologisch vielen außerordentlich paradox erschienen. Als ich einmal Gelegenheit hatte, im Nietzsche-Archiv die Dinge mit verschiedenen Gelehrten zu besprechen, da wurde auch über diese Wiederkunft des Gleichen im Zusammenhange mit der Nietzscheschen Übermenschenidee gesprochen, und ich sagte dazumal: So wie die Wiederkunftsidee bei Nietzsche zutage trat, so erscheint sie mir wie die Gegenpolidee zu einer Idee, die ein sehr pedantischer, steifer Positivist des 19. Jahrhunderts, Eugen Dühring, gehabt hat. Dühring kommt nämlich merkwürdigerweise — ich glaube, es ist in seinem «Kursus der Philosophie» — an einer Stelle darauf zu sprechen. Ich sagte: Die Nietzschesche Idee der Wiederkunft des Gleichen ist die Gegenidee, und es kann eigentlich auch gar nicht anders sein, als daß Nietzsche sich diese Idee so gebildet hat, daß er sie bei Dühring gefunden und sich gesagt hat: Was so ein Kerl des 19. Jahrhunderts denkt, davon muß das Gegenteil richtig sein! — Und, sehen Sie, wir hatten ja nahe die Bibliothek Nietzsches; ich nahm den «Kursus der Philosophie» heraus, schlug die Seiten auf, die entsprechende Stelle bei Dühring - dick angestrichen «Esel» steht daneben! Das ist ja das, was in sehr vielen Büchern bei Nietzsche am Rande steht. Da ist ihm der Gedanke aufgesprossen, die Gegenidee gegen etwas zu geben, was er bei einem Geist im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gefunden hat.

[ 62 ] The tragedy of Nietzsche lies in the fact that he felt himself to be in constant opposition to certain defining characteristics of his time—that is, the last third of the 19th century. And it is interesting, for example, that Nietzsche went so far as to develop his idea—which seemed so grotesque to many—of the recurrence of the same, that is, of a world order in which what happens must always repeat itself in the same way in rhythmic movements. This idea of recurrence also seemed extraordinarily paradoxical to many from a psychological perspective. When I once had the opportunity to discuss these matters with various scholars at the Nietzsche Archive, the topic of this “eternal recurrence” in connection with Nietzsche’s concept of the Übermensch also came up, and I said at the time: Just as the idea of recurrence emerged in Nietzsche’s work, it strikes me as the antithesis of an idea held by a very pedantic, rigid 19th-century positivist, Eugen Dühring. Strangely enough, Dühring—I believe it is in his Course in Philosophy—touches on this at one point. I said: Nietzsche’s idea of the return of the same is the opposite idea, and it really cannot be any other way than that Nietzsche formed this idea by finding it in Dühring and saying to himself: Whatever a fellow like that from the 19th century thinks, the opposite must be true! — And, you see, we were right next to Nietzsche’s library; I took out the Course in Philosophy, opened it to the relevant passage in Dühring—and there, thickly underlined, was “donkey” written next to it! That’s exactly what’s written in the margins of so many of Nietzsche’s books. That’s when the idea sprang to his mind to propose the counter-idea to something he had found in a thinker from the last third of the 19th century.

[ 63 ] Das wiederholte sich bei Nietzsche ungeheuer oft: Ausführung von Dingen, die er für elementar hielt, die weiter gedeihen sollten, aus dem Widerspruch heraus. Wenn Sie einmal sein Exemplar in die Hand nehmen im Nietzsche-Archiv: «Französische Moralforschung», da werden Sie sehen, daß die ganzen Seiten voll angestrichen sind. Sie können verfolgen, wie er gelitten hat an den Ideen des 19. Jahrhunderts und wie er sie auszugestalten versuchte. Ebenso ist ein Exemplar von Emersons «Essays» interessant, wo nicht nur angestrichen ist, sondern wo ganze Abschnitte in Bleistiftstriche eingefaßt und numeriert sind; er hat sich da eine Systematik aus Emerson zurechtgerichtet.

[ 63 ] This happened time and again with Nietzsche: he elaborated on ideas he considered fundamental—ideas that were meant to develop further—by working through contradictions. If you ever pick up his copy at the Nietzsche Archive—“French Moral Research”—you’ll see that the entire pages are covered in underlines. You can trace how he struggled with the ideas of the 19th century and how he tried to develop them. Equally interesting is a copy of Emerson’s Essays, where not only are passages underlined, but entire sections are outlined in pencil and numbered; he had devised a systematic framework for himself based on Emerson.

[ 64 ] Das also kann sich einem ergeben, wie Nietzsche in der Tat danach strebte, solch einen Freiheitsbegriff zu finden. Allein ich kann doch nicht sagen, daß irgendwo bei Nietzsche dieser Impuls klar zum Vorscheine kommt, der durch die Geisteswissenschaft herauskommen soll, wie ich ihn Ihnen heute charakterisiert habe durch den Vergleich mit dem fünfjährigen Kind und dem Goetheschen lyrischen Bande. Nietzsche hatte doch nicht in sich jene Seelengesinnung, die dazu vorrücken möchte. Das können Sie entnehmen aus seinem «Antichrist», gleich im Anfange, im ersten, zweiten, dritten Kapitel, wo er nun doch wiederum davon spricht, daß der Übermensch nichts Geistiges sei, sondern etwas, was physisch herangezüchtet werden soll in der Zukunft und dergleichen. Also es schillert bei Nietzsche fast jeder Begriff. Das ist aber gerade das, über das wir hinauskommen müssen, dieses Schillernde. Und so glaube ich, daß Nietzsche im höchsten Grade ein anregender Geist ist, daß es aber nicht möglich ist, in irgend etwas bei Nietzsche stehenzubleiben. So möchte ich diese vorhin ausgesprochene Frage beantworten.

[ 64 ] So it may become clear that Nietzsche did, in fact, strive to find such a concept of freedom. However, I cannot say that this impulse—which is supposed to emerge through the Spiritual Science, as I have characterized it for you today through the comparison with the five-year-old child and Goethe’s lyrical volume—clearly comes to the fore anywhere in Nietzsche’s work. Nietzsche simply did not possess within himself that spiritual disposition that would allow him to advance in that direction. You can see this in his Antichrist, right at the beginning, in the first, second, and third chapters, where he once again speaks of how the Übermensch is not something spiritual, but rather something to be physically bred in the future, and so on. So almost every concept in Nietzsche shimmers. But that is precisely what we must move beyond—this shimmering quality. And so I believe that Nietzsche is, to the highest degree, a stimulating mind, but that it is not possible to remain fixed on any one thing in Nietzsche. This is how I would like to answer the question posed earlier.

[ 65 ] Aus Ihrem Vortrag scheint sich zu ergeben, daß wir dem Christus-Mysterium uns wieder nähern sollten. Soll das heißen, wir müßten ihm den gleichen Inhalt geben, wie ihn ihm die Zeit seiner Schöpfung gab?

[ 65 ] It seems to follow from your lecture that we should draw closer to the Mystery of Christ once again. Does that mean we should ascribe to it the same meaning that was ascribed to it at the time of its creation?

[ 66 ] Eine der besten Ausführungen in Schellings «Philosophie der Offenbarung» ist, daß er darauf hinweist, daß es beim Christentum weniger ankommt auf irgendeine Lehre, als auf die Auffassung einer Tatsache. Was geschehen ist am Ausgangspunkte des Christentums, das ist eine Tatsache. Wenn man nur von einer Lehre spricht, dann wird man sehr leicht verleitet werden können, auf diese Lehre hin dogmatisieren zu wollen. Wenn man sich aber über die Entwickelung der Menschheit klar ist, so muß man sich sagen: Lehren sind in lebendiger Fortentwikkelung; Lehren schreiten, so wie die Menschheit selber, fort. Tatsachen stehen natürlich an der Stelle der geschichtlichen Entwickelung, an der sie geschehen sind.

[ 66 ] One of the best points made in Schelling’s Philosophy of Revelation is that he points out that Christianity is less about any particular doctrine than about the understanding of a fact. What happened at the very beginning of Christianity is a fact. If one speaks only of a doctrine, one can very easily be led to want to dogmatize on the basis of that doctrine. But if one is clear about the development of humanity, one must say to oneself: Doctrines are in a state of living, ongoing development; doctrines, like humanity itself, move forward. Facts, of course, remain at the point in historical development where they occurred.

[ 67 ] Aber ist es denn nicht schon beim gewöhnlichen Menschen so? Wenn wir ihm entgegentreten, können wir irgend etwas von seinem Wesen lernen; werden wir vielleicht etwas klüger im Leben, lernen wir dieses Wesen anders und besser kennen. Insbesondere einem bedeutenden Menschen gegenüber können wir sagen: Wir verstehen dies oder jenes bei ihm; wenn wir selber weitergekommen sind, verstehen wir mehr von ihm. Das gilt auch einer Tatsache gegenüber, die in ihrer ganzen Grundgesetzlichkeit tiefer ist. Gewiß, in irgendeiner Weise haben die Christen des ersten Jahrhunderts die Tatsache des Mysteriums von Golgatha aufgefaßt. Aber es ist möglich, daß die Auffassungen eines solchen Ereignisses fortschreiten. Und das ist es, was der Geisteswissenschaft vorschwebt: Nicht eine Anschauung, die schon dagewesen ist, zu erneuern, sondern eine fortgeschrittene, menschengeistgemäße Auffassung dieses Mysteriums ahnen zu können. Das ist es, was ich gerade auf diese Frage sagen möchte.

[ 67 ] But isn’t this already the case with ordinary people? When we encounter them, we can learn something about their nature; perhaps we become a little wiser in life, and we come to know this nature differently and better. Especially when faced with a significant person, we can say: We understand this or that about them; as we ourselves have progressed, we understand more about them. This also applies to a fact that is deeper in its fundamental laws. Certainly, in some way, the Christians of the first century understood the fact of the Mystery of Golgotha. But it is possible that our understanding of such an event continues to evolve. And this is what Spiritual Science has in mind: not to renew a view that has already existed, but to be able to intuit a more advanced understanding of this mystery, one in keeping with the human spirit. That is precisely what I would like to say in response to this question.

[ 68 ] Kann man von einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis, wie zum Beispiel derjenigen der Nervennatur, sagen, sie sei in sich sozial oder unsozial?

[ 68 ] Can one say that a scientific finding—such as that concerning the nature of nerves—is, in and of itself, social or antisocial?

[ 69 ] Ja, das ist etwas, worüber ich ganz gern morgen einiges im Vortrage noch besprechen werde. Ich möchte heute das Folgende darüber sagen: Zuletzt geht wirklich auch alles äußere Geschehen im sozialen Zusammenleben der Menschen von der Art und Weise aus, wie die Menschen denken, empfinden und wollen. Es ist nur eine Schwäche unserer Zeit, wenn man alles, was der Mensch denkt und empfindet und will, herleiten möchte aus den äußeren Ereignissen, den Menschen gewissermaßen als ein Produkt der äußeren Ereignisse und Einrichtungen ansehen möchte. In Wahrheit geht alles, was es an äußeren Einrichtungen gibt, auf das zurück, was Menschen gedacht und empfunden und gewollt haben. Daher handelt es sich auch darum, daß gesunde äußere Einrichtungen auf gesunde Gedanken, ungesunde äußere Einrichtungen auf ungesunde Gedanken hinweisen und umgekehrt. Ein Zeitalter, das über viele Dinge ungesund denken muß, das wird über das äußere Leben nicht gesunde Wollungen, gesunde Willensimpulse entwickeln können.

[ 69 ] Yes, that is something I would very much like to discuss further in tomorrow’s lecture. Today, I would like to say the following about it: Ultimately, all external events in human social life really do stem from the way people think, feel, and will. It is merely a weakness of our time to want to derive everything that people think, feel, and will from external events—to view human beings, as it were, as a product of external events and institutions. In truth, all external institutions trace back to what people have thought, felt, and willed. Therefore, it is also the case that healthy external institutions point to healthy thoughts, while unhealthy external institutions point to unhealthy thoughts—and vice versa. An age that is compelled to think unhealthily about many things will not be able to develop healthy volitions or healthy impulses of will in its external life.

[ 70 ] Innerhalb unserer landläufigen sozial-ökonomischen Auffassung ist der fragwürdigste Begriff der der menschlichen Arbeit. Ich habe diesen Begriff der menschlichen Arbeit schon berührt. Ich habe gesagt, im Marxismus spiele der Begriff der Arbeitskraft eine große Rolle, aber es handle sich darum, daß innerhalb dieser marxistischen Theorie der Begriff der Arbeit ganz falsch angeschaut werde. Arbeit, Arbeitskraft als solche hat sozial eine Bedeutung durch die Leistung beziehungsweise durch die Funktion der Leistung im sozialen Zusammenleben der Menschen. Ich habe vor einigen Tagen hier gesagt, es sei ein großer Unterschied, ob jemand Sport treibt und dabei seine Arbeitskraft aufbraucht, oder ob er Holz hackt. Wenn er Holz hackt, so ist die Art, wie seine Arbeit hineinfließt in das soziale Zusammenleben das Bedeutsame, nicht der Verbrauch der Arbeitskraft als solcher. Und so wird sich uns in den nächsten Tagen herausstellen, daß wir gar nicht der Arbeit als sozialer Funktion gerecht werden, wenn wir sie nicht in diesem ihrem Einfließen in den sozialen Organismus betrachten, sondern wenn wir von dem Verbrauch der Arbeitskraft als solcher sprechen.

[ 70 ] Within our conventional socio-economic understanding, the most questionable concept is that of human labor. I have already touched on this concept of human labor. I said that in Marxism, the concept of labor power plays a major role, but the point is that within this Marxist theory, the concept of labor is viewed entirely incorrectly. Work, or labor power as such, has social significance through the output—or rather, through the function of that output—in people’s social coexistence. I said here a few days ago that there is a big difference between someone engaging in sports and expending their labor power in the process, and someone chopping wood. When someone chops wood, what is significant is the way their work flows into social coexistence, not the expenditure of labor power as such. And so it will become clear to us in the coming days that we do not do justice to work as a social function if we do not consider it in terms of how it flows into the social organism, but rather if we speak of the expenditure of labor power as such.

[ 71 ] Nun kann man sich fragen: Woher rühren denn die falschen Begriffe über die Arbeit? - Wer richtige Begriffe über die sogenannten motorischen Nerven hat, der wird sicher auch bald zu richtigen Begriffen über die Funktion der Arbeit im sozialen Organismus kommen. Wer nämlich einsieht, daß es keine motorischen Nerven gibt, sondern daß die sogenannten motorischen Nerven nur Empfindungsnerven für die Natur des betreffenden Gliedes sind, auf das der Wille seine Kraft überträgt, der wird finden, wie stark jeder Willensimpuls schon dadurch, daß er ein solcher ist, in der Arbeit zum Ausdruck kommt, wie stark er in der Außenwelt steht. Dadurch aber, durch einen wirklichen Begriff des Willens und der Beziehung des Willens zum menschlichen Organismus, wird er eine wirkliche Unterlage bekommen, die Verwandtschaft einzusehen zwischen Wille und Arbeit. Dadurch aber wird er auch zu richtigen sozialen Begriffen, zu richtigen sozialen Vorstellungen und auch Empfindungen über eine solche Idee kommen. Man kann sagen: Wie der Mensch sozial denkt, das ist in vieler Beziehung abhängig davon, ob er gewisse Naturbegriffe in richtiger oder unrichtiger Weise entwickeln kann. Man muß sich klar sein darüber, daß derjenige, der da meint, im Menschen selber seien motorische Nerven die Erreger des Willens, niemals eigentlich einen wirklichen Zusammenhang herausfinden kann zwischen dem Erreger der Arbeit, dem Willen, und der Funktion der Arbeit im sozialen Organismus. Das ist es, was ich heute voraus darüber sagen will.

[ 71 ] Now one might ask: Where do these misconceptions about labor come from? — Anyone who has a correct understanding of the so-called motor nerves will surely soon arrive at a correct understanding of the function of labor in the social organism. For whoever realizes that there are no motor nerves—but rather that the so-called motor nerves are merely sensory nerves for the nature of the relevant limb to which the will transmits its power—will discover how strongly every impulse of the will, simply by virtue of being such an impulse, finds expression in labor, and how strongly it manifests itself in the external world. But through this—through a true understanding of the will and the relationship of the will to the human organism—one will gain a solid foundation for understanding the connection between will and work. And through this, one will also arrive at correct social concepts, correct social mental images, and even feelings regarding such an idea. One might say: How a person thinks socially depends in many respects on whether they can develop certain concepts of nature in a correct or incorrect manner. One must be clear about the fact that anyone who believes that the motor nerves within the human being itself are the stimuli of the will can never truly discover a real connection between the stimulus of work—the will—and the function of work within the social organism. That is what I wish to say in advance about this today.

[ 72 ] Wie ist Expressionismus zu bewerten?

[ 72 ] How should Expressionism be evaluated?

[ 73 ] Nun, ich kann das gerade in Zusammenhang bringen mit dem, was hier noch gefragt worden ist:

[ 73 ] Well, I can relate this to what was just asked here:

[ 74 ] Inwiefern die moderne Kunst als naturalistisch charakterisiert werden kann.

[ 74 ] To what extent modern art can be characterized as naturalistic.

[ 75 ] Ich bin durchaus, wie ich ja schon im Vortrage angedeutet habe, nicht der Ansicht, daß etwa alle Künstler auf naturalistischem Boden stehen. Das wäre ja falsch. Denn gerade die letzten Jahrzehnte haben uns gezeigt, wie viele Künstler herausstreben aus dem Naturalismus. Etwas anderes ist es aber, von dieser Entwickelung der Kunst in allerlei Anfängen zu sprechen, die sich noch weiter ausgestalten müssen, etwas anderes, von der ganzen Erscheinung der Kunst in unserem gegenwärtigen Leben. Und mit der habe ich es heute zu tun.

[ 75 ] As I have already indicated in my lecture, I certainly do not believe that all artists stand on naturalistic ground. That would be wrong. For the last few decades in particular have shown us how many artists are striving to move away from naturalism. However, it is one thing to speak of this development of art in its various early stages—which still need to take further shape—and quite another to speak of the entire phenomenon of art in our present-day life. And that is what I am concerned with today.

[ 76 ] Man wird also erstens sagen können: Unsere Kunstauffassung als solche, die Stellung unserer Kunst im öffentlichen Leben, die ist durchaus so, daß nur das Naturalistische der Kunst dieser Stellung zugrunde liegt. Was herausstrebt aus dem Naturalismus, das hat sich durchaus noch nicht in irgendeiner Weise sozial zur Geltung bringen können. Daß das Wesentliche, das Maßgebende in unserem Kunststreben das Naturalistische ist, das erkennen Sie ja vielleicht am besten nicht dann, wenn Sie Kunstwerke charakterisieren wollen, wo Sie mehr zu den Künstlern hinblicken müssen, als wenn Sie heute das Publikum bei seinen Kunstgenüssen prüfen, prüfen, für wie viele Menschen der einzige Maßstab ist, ob eine Romanfigur gut oder schlecht ist, wenn sie sich sagen können: Das ist durchaus lebenswahr — womit sie meinen: naturalistisch dem äußeren Leben nachgebildet. Es ist das das unkünstlerischste Urteil, das man fällen kann, aber es ist das zumeist heute gefällte. Und es ist heute in vielen Dingen geradezu handgreiflich, wie alles in den Naturalismus hineinarbeitet. Nur sieht man nicht, wie die Dinge naturalistisch sind.

[ 76 ] First, one could say: Our conception of art as such—the place of our art in public life—is such that only the naturalistic aspect of art underlies this position. Whatever strives to move beyond naturalism has by no means yet been able to assert itself socially in any way. You may recognize best that the essential, the defining element in our artistic endeavors is naturalism—not when you seek to characterize works of art, where you must look more to the artists themselves, but when you examine the public’s enjoyment of art today, examining how many people have as their sole criterion for whether a novel’s character is good or bad the ability to say: “That is absolutely true to life”—by which they mean: naturalistically modeled after external life. It is the most unartistic judgment one can make, yet it is the one most commonly passed today. And in many respects today, it is downright palpable how everything contributes to naturalism. Only, one does not see how things are naturalistic.

[ 77 ] Nehmen wir die Deklamationskunst der Gegenwart. Ich erinnere daran, daß man heute zum großen Teil so deklamiert - und es für richtig hält, so zu deklamieren -, daß man vorzugsweise den Prosainhalt des Gedichtes in irgendeiner Weise durch Betonung, durch irgend etwas anderes zum Ausdruck zu bringen versucht. Gehen wir zurück in ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung. Wir finden - und man hat es bei primitiven Leuten auf dem Lande selber noch, wenn man etwas älter geworden ist in der heutigen Zeit, sehen können -, da rezitierten die Leute so, daß sie auf und ab gingen und den ganzen Organismus in Rhythmus brachten. Ich erinnere daran, daß sich da etwas zeigt, was auf das eigentlich Künstlerische auch der Dichtkunst zum Beispiel hinweist. Schiller hatte, wenn er ein Gedicht schrieb — bei vielen der Gedichte, die er schrieb, war das der Fall -, zumeist eine unbestimmte Melodie in seiner Seele. Dann fand er erst die Worte dazu. Das heißt: Melodiöses, Rhythmus, Takt, das lag ursprünglich zugrunde. Goethe studierte seine «Iphigenie», also eine dramatische Dichtung, wie ein Kapellmeister mit dem Taktstock ein und hielt darauf, daß das, was in der heutigen Rezitation unter den Tisch fällt, gerade den Ausschlag gab, während er sehr, sehr wenig darauf gab, das zum Ausdruck zu bringen, was man heute als das Wesentliche ansieht, den Prosainhalt.

[ 77 ] Let us consider the art of recitation today. I would like to point out that, for the most part, people today recite—and consider it correct to recite—in such a way that they primarily attempt to express the prose content of the poem through intonation or some other means. Let us go back to earlier periods of human development. We find—and one can still observe this among primitive people in the countryside, especially if one has grown somewhat older in the present day—that people recited in such a way that they walked back and forth, bringing their entire bodies into rhythm. I would like to point out that this reveals something that points to the truly artistic nature of poetry, for example. When Schiller wrote a poem—and this was the case with many of the poems he wrote—he usually had an indefinite melody in his soul. Only then did he find the words to go with it. In other words, melody, rhythm, and meter were the original foundation. Goethe studied his “Iphigenia”—a dramatic poem—like a conductor with a baton, insisting that what is often overlooked in modern recitation was precisely what made the difference, while he attached very, very little importance to expressing what is today regarded as the essential element: the prose content.

[ 78 ] Erst wenn wir über den Naturalismus der heutigen Zeit, der von vielen gar nicht als Naturalismus empfunden wird, sondern oftmals sogar, wie bei der Rezitationskunst, als der eigentliche Geist der Kunst, erst wenn wir über den Naturalismus hinauskommen, über den Naturalismus auf den verschiedensten Gebieten, werden wir sehen, wie die heutige Zeit in ihm drinnen stand.

[ 78 ] Only when we move beyond the naturalism of our time—which many do not even perceive as naturalism, but often, as in the art of recitation, regard as the very spirit of art—only when we move beyond naturalism in its various forms will we see how deeply our time was rooted in it.

[ 79 ] Allerdings, solche Dinge wie der Expressionismus suchen über den Naturalismus hinauszukommen. Und da muß man sagen: Wie viel man auch einzuwenden hat gegen das, was die heutigen Expressionisten leisten — es gibt aber schon sehr respektable Leistungen darunter -, so ist das gerade ein Anfang, das zu gestalten, was nicht in der äußeren Wirklichkeit geschaut wird, sondern was nur im inneren Schauen sich dem Menschen wirklich ergeben kann. Weil die Menschen heute noch nicht sehr weit sind in der Anschauung des Geistes, deshalb sind die expressionistischen Versuche oftmals so linkisch. Den Impressionismus aber rechne ich erst recht zu den letzten Extremen des Naturalismus. Denn da wird nicht der Versuch gemacht, irgend etwas naturalistisch an sich aufzufassen, sondern da wird der Versuch gemacht, die Impression eines einzigen Augenblicks aufzufassen. Dieser Impressionismus ist, so geistvoll er sein mag, die letzte Konsequenz nach dem Naturalismus hin gewesen. Und der Expressionismus ist, ich möchte sagen, ein krampfhaftes Sich-Herausarbeiten aus dem Naturalismus.

[ 79 ] However, movements such as Expressionism seek to go beyond Naturalism. And here one must say: No matter how much one may object to the work of today’s Expressionists—though there are certainly some very respectable achievements among them—this is precisely a beginning toward giving form to what is not seen in external reality, but what can truly reveal itself to a person only through inner vision. Because people today have not yet progressed very far in their spiritual perception, the Expressionist attempts are often so clumsy. Impressionism, however, I count all the more among the ultimate extremes of Naturalism. For there is no attempt to grasp anything naturalistically in and of itself; rather, the attempt is made to capture the impression of a single moment. This Impressionism, however spirited it may be, has been the ultimate consequence leading toward Naturalism. And Expressionism is, I would say, a convulsive struggle to break free from Naturalism.

[ 80 ] An diesen Dingen könnte äußerlich gesehen werden, wenn man es innerlich nicht empfindet, wie allerdings die moderne Kunstrichtung stark in dem Naturalismus drinnensteckt. Und schließlich: Ich glaube, wenn heute etwas auftritt, was nicht den Anspruch machen kann, mit der äußeren Wirklichkeit zu konkurrieren, sondern was offenbaren will ein geistig Erschautes, dann wird es herb getadelt. Das ist es, worauf ich hauptsächlich hinweisen wollte. Dann ist an mich noch die Frage gestellt worden,

[ 80 ] From an external perspective, one could see in these things—even if one does not feel it inwardly—how deeply the modern art movement is rooted in naturalism. And finally: I believe that if something emerges today that cannot claim to compete with external reality, but rather seeks to reveal a spiritual vision, it is harshly criticized. That is what I primarily wanted to point out. I was also asked the following question:

[ 81 ] wie sich dasjenige, was ich in diesen Vorträgen ausführe, in die Praxis überführen lasse.

[ 81 ] how what I discuss in these lectures can be put into practice.

[ 82 ] Derjenige, der auf dem Boden steht, daß schließlich alles, was im äußeren sozialen Menschenleben bewirkt wird, von Menschen kommt, wird keinen Augenblick daran zweifeln: Wenn eine genügend große Anzahl von Menschen durchdrungen ist von irgendeiner Sache, dann ist der Weg in die äußere Praxis gegeben. Es handelt sich nur darum, daß man endlich einmal einsähe, wie sich diese Beziehung des innerlich wirklich Erlebten, und solches ist heute auch für das Geisteswissenschaftliche gemeint, zur äußeren Praxis verhält. Nehmen Sie es heute im kleinen - über diese Dinge kann nur sprechen, wer eine Erfahrung darinnen hat —, Sie mögen es heute glauben oder nicht, mögen glauben, daß der Mensch, wenn er Geisteswissenschaft in sich aufnimmt, innerlich versteht, lebensvoll versteht, was die Geisteswissenschaft bedeutet, dadurch ein Wissen erwirbt, ein Wissen vielleicht von ganz interessanten Welten. Das ist nicht der Fall. Das ist es, wovon ich sagen möchte: Sie mögen es glauben oder nicht. Es ist so, wenn der Mensch das, was ich heute als Geisteswissenschaftliches gemeint habe, wirklich innerlich durchdringt, so ist das nicht bloß ein Abstraktes, so sind es nicht bloß solche Ideen, wie sie auch in den Naturwissenschaften oder in der heutigen Sozialökonomie gegeben werden, sondern das ist innerliche Kraft, das ist etwas, was innerlich Kraft gebiert. Geradeso wie das, was ich heute als Pädagogik gemeint habe, den Lehrer mit innerlicher Kraft durchdringt, so daß er nicht den Erziehungsnormen folgt, sondern dem, was sich als Imponderabilien zwischen dem Schüler und ihm abspielt. Der Mensch wird durch das, was ich heute als Geisteswissenschaft beschrieben habe, auch geschickter bis in die Fingerspitzen hinein. Nur muß man, wenn man solche Dinge verstehen will, sie wirklich auch im kleinen verstehen. Dann wird man keinen Zweifel mehr daran haben, daß, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen - und die gehören natürlich zum sozialen Zusammenleben — diese Impulse in sich aufnehmen, diese Impulse durch diese Menschen auch unmittelbar praktisch werden.

[ 82 ] Anyone who takes the view that, ultimately, everything that is brought about in external social life comes from human beings will not doubt for a moment that when a sufficiently large number of people are imbued with a particular cause, the path to external practice is opened. It is simply a matter of finally recognizing how this relationship between what is truly experienced inwardly—and this is what is meant today in the context of Spiritual Science—relates to external practice. Take it on a small scale today—only those who have experience in these matters can speak of them—believe it or not, you may believe that when a person takes Spiritual Science into themselves, understands it inwardly, understands it in a living way, they thereby acquire knowledge, perhaps knowledge of very interesting worlds. That is not the case. This is what I wish to say: Believe it or not. It is true that when a person truly internalizes what I have meant today by “Spiritual Science,” it is not merely an abstraction; it is not merely ideas of the kind found in the natural sciences or in contemporary social economics, but rather it is inner strength—it is something that generates inner strength. Just as what I have meant today by “pedagogy” permeates the teacher with inner strength, so that he does not follow educational norms but rather what unfolds as intangible forces between the student and himself. Through what I have described today as Spiritual Science, a person also becomes more dexterous, right down to the tips of their fingers. But if one wants to understand such things, one must truly understand them even on a small scale. Then one will no longer have any doubt that if a sufficiently large number of people—and they naturally belong to social life—take these impulses into themselves, these impulses will also become immediately practical through these people.

[ 83 ] Nehmen Sie zum Beispiel, um zu exemplifizieren an einem Beispiel im kleinen, die menschliche Handschrift. Es gibt zweierlei Handschriften. Die eine ist die Handschrift, die gewöhnlich angestrebt wird. Da schreibt der Mensch, indem er, nun, eben eine Handschrift hat. Solche Handschriften haben die meisten Menschen. Da geht aus ihrem Organismus wie mit einer Notwendigkeit eine Handschrift hervor. Aber Sie sehen, andere haben eine andere Handschrift, die im Grund genommen nach ihrer Art eine ganz andere Handschrift ist, als was man gewöhnlich Handschrift nennt. Die zeichnen nämlich die Buchstaben. Bei denen liegt das Schreiben im Anschauen, wie in der die Hand durchpulsenden Kraft. Es gibt Handschriften, die nur aus der Hand stammen, aber auch Handschriften, die niedergeschrieben werden mit dem Auge, indem Buchstabenformen verfolgt werden. Da lebt das Geistige nicht bloß organisch in den Gliedern, sondern da lebt das organisch in der Gliederung der Schrift. Es wird unmittelbar praktisch, was der Mensch geistig erlebt.

[ 83 ] Take, for example—to illustrate this on a small scale—human handwriting. There are two kinds of handwriting. One is the kind of handwriting that people usually strive for. In this case, a person writes simply because they have a certain style of handwriting. Most people have this kind of handwriting. A handwriting emerges from their organism as if by necessity. But you see, others have a different kind of handwriting, which is, in essence, a completely different kind of handwriting than what is usually called handwriting. They, in fact, draw the letters. For them, writing lies in observation, as in the force pulsing through the hand. There are handwritings that originate solely from the hand, but there are also handwritings that are written down with the eye by tracing the shapes of letters. Here, the spiritual does not merely live organically in the limbs, but rather lives organically in the structure of the writing. What a person experiences spiritually becomes immediately practical.

[ 84 ] So erlebt man alles Geisteswissenschaftliche. Und so wird derjenige, der den lebendigen Geist erfaßt, von dem heute gesprochen worden ist, auch mit der Anlage für die Praxis diese Dinge erfassen. Gewiß, er wird in der heutigen Zeit als Einsiedler, als Prediger in der Wüste dastehen, aber das macht für das heutige Leben die Sache nicht besser. Man fühlt sich, wenn man heute die wahre Lebenspraxis vertritt, allerdings kuriosen «Praktikern» gegenüber, die nur für die allernächsten Kreise eine gewisse Routine haben, während die wirkliche Lebenspraxis in der Beherrschung des äußeren Lebens durch lebenumspannende Ideen besteht.

[ 84 ] This is how one experiences everything related to Spiritual Science. And so the one who grasps the living spirit that has been spoken of today will also grasp these things with a disposition for practical application. Certainly, in this day and age, he will stand as a hermit, as a preacher in the wilderness, but that does not make things any better for life today. When one advocates the true practice of life today, one does, however, find oneself confronted by curious “practitioners” who have a certain routine only for their innermost circles, whereas the true practice of life consists in mastering external life through ideas that encompass all of life.

[ 85 ] So daß gesagt werden kann: Das erste, worauf es ankommt bei solchen Dingen, wie sie hier in diesem Vortrage gemeint sind, ist, Aufklärung darüber zu schaffen, sie möglichst vielen Menschen nahezubringen. Sind sie in Herz und Sinn vieler Menschen, dann werden sie unzweifelhaft praktisch. Sie werden nur deshalb nicht praktisch, weil sie heute noch nicht in genügend vielen Menschen eingedrungen sind. Für soziale Ideen ist nämlich nicht bloß notwendig, daß der einzelne, der einsam steht, sie beherrscht, sondern daß er diejenigen findet, bei denen er Verständnis findet zum Zusammenarbeiten mit ihnen. Die Praxis aber folgt bei wirklich praktischen Ideen aus dem Dasein der Ideen selber. Und nur der absolute Unglaube, die absolute Skepsis, nicht die Praxis der Ideen, nicht die Praxis des Geistes, ist es, was verhindert, daß unser Leben ein wirklich praktisches werde.

[ 85 ] So it can be said: The first thing that matters when it comes to matters such as those referred to in this lecture is to shed light on them and bring them to as many people as possible. If they take root in the hearts and minds of many people, then they will undoubtedly become practical. The only reason they are not yet practical is that they have not yet penetrated the minds of enough people. For social ideas, it is not merely necessary that the individual, standing alone, master them, but that he find those with whom he can collaborate in a spirit of mutual understanding. But with truly practical ideas, practice follows from the very existence of the ideas themselves. And it is only absolute disbelief, absolute skepticism—not the practice of ideas, not the practice of the mind—that prevents our lives from becoming truly practical.

[ 86 ] Man erlebt es ja überall, nicht wahr. Der Unpraktiker in dem Sinne von vielen Leuten — ich bezeichnete es Ihnen heute im Beginn des Vortrages—, der mußte sagen im Frühling 1914: Unser soziales Leben leidet an einem Krebsgeschwür, das in der nächsten Zeit in furchtbarer Weise zum Ausbruch kommen muß. — Ein paar Monate darauf folgte die Weltkriegskatastrophe, auf die ich damals hinweisen wollte. Natürlich hätten mich alle «Praktiker» ausgelacht. Aber diese «Praktiker», sie haben auch anders gesprochen. Staatsmänner könnte ich Ihnen anführen, die gesagt haben noch in diesem Frühling 1914, zum Beispiel Staatsmänner der mitteleuropäischen Staaten: Wir leben in den freundnachbarlichsten Beziehungen zu Petersburg; und diese freundnachbarlichen Beziehungen werden dem Weltfrieden in der nächsten Zeit eine sichere Grundlage bieten. — Ein Ähnliches hat der betreffende Herr gesprochen über die Beziehungen der Mittelmächte zu England. Dann hat er das zusammengefaßt in die Worte: Die allgemeine politische Entspannung macht gute Fortschritte. - Nun, die politische Entspannung hat so erfreuliche Fortschritte gemacht, daß wenige Wochen darauf jene Ereignisse gefolgt sind, wodurch zehn bis zwölf Millionen Menschen totgeschlagen und dreimal soviel zu Krüppeln geschlagen worden sind. In der letzten Art hat der «Praktiker» geredet, in der ersten Art derjenige, der von den «Praktikern» für einen Idealisten gehalten wurde.

[ 86 ] You see it everywhere, don’t you? The “unpractical” person—as many people would define him, as I explained to you at the beginning of today’s lecture—had to say in the spring of 1914: “Our social life is suffering from a cancerous tumor that is bound to erupt in a terrible way in the near future.” — A few months later came the catastrophe of the World War, which I had wanted to point out at the time. Of course, all the “practical people” would have laughed at me. But these “practical people” also spoke differently. I could cite statesmen who said as late as that spring of 1914—for example, statesmen from the Central European states: “We enjoy the most friendly and neighborly relations with St. Petersburg; and these friendly and neighborly relations will provide a secure foundation for world peace in the near future.” — The gentleman in question said something similar about the relations between the Central Powers and England. He then summed it up in these words: “The general political détente is making good progress.” - Well, the political détente made such encouraging progress that, just a few weeks later, events unfolded in which ten to twelve million people were killed and three times as many were maimed. The latter statement was made by the “practical man,” while the former was made by the one whom the “practical men” regarded as an idealist.

[ 87 ] Das ist es, was uns bitter not tut, daß wir gerade in der Praxis umlernen müssen, daß wir erkennen lernen müssen, daß für wahre Praxis erst dann ein Boden geschaffen werden kann, wenn ein wirkliches Umlernen mit Bezug auf das Leben des Geistes da ist. Daher müßte man eigentlich auf die Frage: Wie können solche Ausführungen in die Praxis hinausgetragen werden? — antworten: Man trage sie nur erst in die Seelen der Menschen hinein, dann, dann wird man bald sehen, wie sie aus der Praxis heraus den Menschen entgegenstrahlen werden.

[ 87 ] This is what we desperately need: we must relearn, especially in practice, and come to realize that a foundation for true practice can only be laid when there is a genuine process of relearning with regard to the life of the spirit. Therefore, one should actually answer the question, “How can such insights be carried out into practice?” by saying: Let them first be carried into the souls of human beings; then, then one will soon see how they will radiate out from practice toward people.