The Future of Society
GA 332a
26 October 1919, Zurich
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The Future of Society, tr. SOL
3. Rechtsfragen – Aufgabe und Grenze der Demokratie öffentliche Rechtsverhältnisse und Strafrechtspflege
3. Legal Issues—The Role and Limits of Democracy: Public Legal Relationships and the Administration of Criminal Justice
[ 1 ] Ob man sachgemäße Anschauungen über das soziale Leben gewinnt, das hängt in vieler Beziehung davon ab, ob man sich klar darüber ist, welche Beziehung herrscht zwischen den Menschen, die in ihrem Zusammenleben ja doch das soziale Leben bewirken, und den Einrichtungen, innerhalb welcher die Menschen leben. Wer unbefangen in das soziale Leben hineinsieht, der wird entdecken können, daß zuletzt alles, was wir um uns herum an Einrichtungen haben, durch die Maßnahmen, durch den Willen der Menschen entsteht. Wer sich zu dieser Anschauung durchringt, der wird zuletzt sich sagen: Im sozialen Leben kommt es vor allen Dingen darauf an, ob die Menschen aus ihren Kräften, aus ihren Fähigkeiten, aus ihrer Gesinnung zu anderen Menschen und so weiter sich als soziale oder als unsoziale Menschen bewähren. Menschen mit sozialer Gesinnung, sozialer Lebensanschauung werden sich Einrichtungen gestalten, welche sozial wirken. Und man kann in sehr weitem Umfange sagen: Ob der einzelne in der Lage ist, sich für seine Einnahmen den entsprechenden Lebensunterhalt zu erwerben, das wird davon abhängen, wie ihm seine Mitmenschen die Mittel zu diesem Lebensunterhalte herstellen, ob sie für ihn so arbeiten, daß er seinen Lebensunterhalt von seinen Mitteln bestreiten kann. Ob der einzelne genügend Brot kaufen kann — wenn man in das Allerkonkreteste eingeht -, wird eben davon abhängen, ob die Menschen solche Einrichtungen getroffen haben, durch die ein jeglicher, der arbeitet, der etwas leistet, für seine Arbeit, für seine Leistung sich das entsprechende Brot eintauschen kann. Und ob der einzelne in der Lage ist, seine Arbeit wirklich zur Anwendung zu bringen, wirklich an der Stelle zu stehen, auf der er die nötigen Mittel für seinen Unterhalt erwerben kann, das hängt wiederum davon ab, ob die Menschen, innerhalb welchen er lebt, soziale Einrichtungen getroffen haben, durch die er an seinen entsprechenden Platz kommen kann.
[ 1 ] Whether one gains a proper understanding of social life depends in many respects on whether one is clear about the relationship between people—who, after all, bring about social life through their coexistence—and the institutions within which people live. Anyone who looks at social life with an open mind will discover that, ultimately, all the institutions we have around us arise from the actions and the will of human beings. Anyone who brings themselves to adopt this view will ultimately conclude: In social life, what matters above all is whether people, through their strengths, their abilities, their attitude toward others, and so on, prove themselves to be social or antisocial individuals. People with a social mindset and a social outlook on life will create institutions that have a social impact. And to a very large extent, one can say: Whether the individual is able to earn a livelihood commensurate with his or her income will depend on how his or her fellow human beings provide the means for this livelihood—whether they work in such a way that he or she can support himself or herself with his or her own resources. Whether the individual can buy enough bread—to put it in the most concrete terms—will depend precisely on whether people have established such institutions through which anyone who works, who contributes, can exchange their work and contributions for the corresponding amount of bread. And whether the individual is in a position to actually put his work to use—to actually occupy the position where he can acquire the necessary means for his livelihood—depends, in turn, on whether the people among whom he lives have established social institutions through which he can attain his rightful place.
[ 2 ] Nun, es bedarf eigentlich nur wenig von einem unbefangenen Blicke in das gesellschaftliche Leben, um das, was eben ausgesprochen worden ist wie ein Axiom, wie eine Grunderkenntnis der sozialen Frage, anzuerkennen. Und wer es nicht anerkennt, dem wird man dieses Prinzip schwer beweisen können, weil er nicht die Neigung hat, unbefangen auf das Leben hinzuschauen, um sich — aus jedem Stück des Lebens kann er es zu überzeugen, daß es wirklich so ist.
[ 2 ] Well, it really takes very little more than an unbiased look at social life to recognize what has just been stated as an axiom, as a fundamental insight into the social question. And for those who do not acknowledge it, it will be difficult to prove this principle to them, because they lack the inclination to look at life with an open mind—yet they can be convinced from every aspect of life that this is indeed the case.
[ 3 ] Allerdings für den gegenwärtigen Menschen hat diese Anschauung etwas außerordentlich Unangenehmes. Denn der gegenwärtige Mensch legt großen Wert darauf, daß man nur ja nicht an ihn selbst herantippt. Er läßt es sich leicht gefallen, wenn man davon spricht, daß Einrichtungen verbessert werden sollen, daß Einrichtungen umgewandelt werden sollen, aber er empfindet es wie ein Antasten seiner Menschenwürde, wenn man davon zu sprechen genötigt ist, daß er selber in seiner Seelenverfassung, in seinem Lebensverhalten sich einer Umwandelung unterziehen soll. Er läßt es sich leicht gefallen, wenn man sagt, die Einrichtungen sollen sozial gestaltet werden; er läßt es sich schwer gefallen, wenn man das Verlangen stellt, er solle sich selber sozial gestalten.
[ 3 ] For modern people, however, this view has something extraordinarily unpleasant about it. For modern people place great importance on ensuring that no one dares to meddle with them. He readily accepts talk of improving institutions or transforming them, but he perceives it as an infringement on his human dignity when one is compelled to suggest that he himself should undergo a transformation in his state of mind or in his way of life. They readily accept it when people say that institutions should be made more socially oriented; they find it hard to accept when the demand is made that they themselves should become more socially oriented.
[ 4 ] Und so ist denn etwas außerordentlich Merkwürdiges in der neueren Geschichtsentwickelung der Menschheit eingetreten. Es hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte das wirtschaftliche Leben, wie ich bereits im ersten Vortrag auseinandergesetzt habe, hinausentwickelt über dasjenige, was die Menschen an Anschauungen, namentlich an rechtlichen und geistigen Anschauungen über dieses wirtschaftliche Leben ausgestaltet haben. Ich habe im ersten Vortrage darauf hingewiesen, wie gerade die Gesellschaftskritik des Woodrow Wilson darauf hinauslaufe, daß er sagt: Das wirtschaftliche Leben hat seine Forderungen gestellt, ist fortgeschritten, hat gewisse Formen angenommen; das rechtliche, das geistige Leben, durch das wir dieses Wirtschaftsleben zu beherrschen suchen, das steht noch auf alten Standpunkten, das ist nicht nachgekommen. Dadurch aber ist überhaupt eine tief bedeutsame Tatsache der neueren Menschheitsentwickelung ausgesprochen.
[ 4 ] And so something extraordinarily peculiar has occurred in the recent historical development of humanity. Over the course of the last few centuries, economic life—as I have already discussed in the first lecture—has developed beyond what people have formulated in terms of their views, particularly their legal and intellectual views, regarding this economic life. In the first lecture, I pointed out how Woodrow Wilson’s social critique ultimately boils down to his statement: Economic life has made its demands, has advanced, and has taken on certain forms; legal and intellectual life—through which we seek to govern this economic life—still stands on old ground and has not kept pace. This, however, highlights a profoundly significant fact of recent human development.
[ 5 ] Mit dem Heraufkommen der komplizierten technischen Verhältnisse und der dadurch notwendig gewordenen komplizierten kapitalistischen Verhältnisse, der Unternehmungsverhältnisse, hat das wirtschaftliche Leben seine Forderungen gestellt. Die Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens sind, ich möchte sagen, den Menschen allmählich entschlüpft; sie nehmen mehr oder weniger ihren eigenen Gang. Der Mensch hat nicht die Kraft gefunden, von sich aus durch seine Vorstellungen, durch seine Ideen dieses wirtschaftliche Leben zu beherrschen. Aus dem Denken über die ökonomischen Forderungen, aus dem Denken über das Wirtschaftliche, wie man es unmittelbar beobachtet, hat sich der neuere Mensch herbeigelassen, immer mehr und mehr seine Rechtsbegriffe und auch seine geistigen Begriffe zu gestalten. Und so kann man sagen: Das Charakteristische in der Entwickelung der Menschheit in den letzten Jahrhunderten ist, daß sowohl die Rechtsbegriffe, durch welche die Menschen miteinander in Frieden leben wollen, wie auch die Begriffe vom Geistesleben, durch die sie ihre Fähigkeiten entwickeln und gestalten wollen, im hohen Grade abhängig geworden sind vom wirtschaftlichen Leben.
[ 5 ] With the emergence of complex technical conditions and the resulting complex capitalist and business conditions, economic life has imposed its own demands. The realities of economic life have, I might say, gradually slipped beyond human control; they are, to a greater or lesser extent, taking their own course. Human beings have not found the strength to master this economic life of their own accord through their mental images or ideas. Through reflection on economic demands—on the economic reality as it is directly observed—modern humanity has come to shape its concepts of law and its spiritual concepts more and more. And so one can say: What is characteristic of the development of humanity in recent centuries is that both the legal concepts through which people seek to live together in peace, and the concepts of spiritual life through which they seek to develop and shape their abilities, have become highly dependent on economic life.
[ 6 ] Man bemerkt gar nicht, wie sehr in dieser neueren Zeit die menschlichen Vorstellungen und das Verhalten der Menschen zueinander von dem wirtschaftlichen Leben abhängig geworden sind. Natürlich haben die Menschen auch die Einrichtungen der letzten Jahrhunderte selbst geschaffen, aber sie haben sie zum großen Teile nicht aus neugegründeten Vorstellungen und Ideen heraus geschaffen, sondern mehr aus unbewußten Impulsen, unbewußten Antrieben heraus. Und dadurch hat sich etwas ergeben, was man in Wirklichkeit ein gewisses Anarchisches in der Struktur des sozialen Organismus nennen kann. Nach verschiedenen Gesichtspunkten habe ich in den zwei ersten Vorträgen dieses Anarchische schon auseinandergehalten.
[ 6 ] One hardly notices how much, in recent times, people’s mental images and their behavior toward one another have come to depend on economic life. Of course, people have created the institutions of the past few centuries themselves, but for the most part they did not create them out of newly formed mental images and ideas, but rather out of unconscious impulses and drives. And this has resulted in something that can actually be called a certain anarchic element in the structure of the social organism. I have already analyzed this anarchic element from various perspectives in the first two lectures.
[ 7 ] Aber innerhalb dieser anarchischen sozialen Struktur der neueren Zeit haben sich eben diejenigen Verhältnisse entwickelt, die zu der modernen Gestalt gerade der proletarischen Frage geführt haben. Der Proletarier, der hinweggerufen worden ist von seinem Handwerk, an die Maschine gestellt worden ist, in die Fabrik gepfercht worden ist was hat er hauptsächlich gesehen, indem er sich das Leben, das sich um ihn herum entwickelte, ansah? Er hat vorzüglich an seinem eigenen Leben gesehen, wie abhängig alles ist, was er denken kann, was er an Recht hat gegenüber anderen Menschen, wie alles das bestimmt ist von wirtschaftlichen Machtverhältnissen, von den wirtschaftlichen Machtverhältnissen, die vor allen Dingen für ihn dadurch gegeben sind, daß er der wirtschaftlich Schwache gegenüber dem wirtschaftlich Starken ist.
[ 7 ] But it is precisely within this anarchic social structure of recent times that the conditions have developed which have led to the modern form of the proletarian question. The proletarian, who has been torn away from his craft, placed at the machine, crammed into the factory—what did he see above all else as he observed the life unfolding around him? He saw, above all, in his own life how dependent everything is—everything he can think, every right he has vis-à-vis other people—on economic power relations, on the economic power relations that are determined for him, above all, by the fact that he is economically weak in relation to the economically strong.
[ 8 ] Und so kann man sagen: Bei den leitenden führenden Kreisen hat sich eine gewisse Verleugnung der Grundwahrheit eingestellt, daß die menschlichen Einrichtungen von den Menschen selber aus ihrem bewußten Leben herauskommen sollen. Die Menschen haben vergessen, diese Grundwahrheit im sozialen Leben wirklich anzuwenden. Die leitenden führenden Kreise haben sich allmählich instinktiv einem Leben hingegeben — wenn auch nicht einem Glauben -, das den Geist und das Recht abhängig gemacht hat von den wirtschaftlichen Machtmitteln. Daraus aber ist entstanden ein Dogma, eine Lebensauffassung sozialistisch denkender Persönlichkeiten und ihres Anhanges. Die Lebensauffassung ist daraus hervorgegangen, es müsse in der Menschheitsentwickelung so sein, daß keine Möglichkeit da ist, daß der Mensch von sich selber aus Rechtsverhältnisse organisiere, daß der Mensch selber sich das geistige Leben organisiere, sondern daß das geistige Leben und das Rechtsleben sich wie ein Anhängsel ergeben müssen aus den wirtschaftlichen Realitäten, aus den wirtschaftlichen Produktionszweigen und so weiter.
[ 8 ] And so one can say: Among the ruling circles, a certain denial has set in regarding the fundamental truth that human institutions should arise from human beings themselves, out of their conscious lives. People have forgotten to truly apply this fundamental truth in social life. The ruling circles have gradually and instinctively devoted themselves to a way of life—if not a belief—that has made the spirit and the law dependent on the means of economic power. From this, however, a dogma has arisen: a worldview held by socialist-minded individuals and their followers. This view of life has emerged from the belief that human development must be such that there is no possibility for human beings to organize legal relationships of their own accord, or to organize spiritual life for themselves; rather, spiritual life and legal life must arise as an appendage from economic realities, from the branches of economic production, and so on.
[ 9 ] Und so entstand die soziale Frage unter dem Gesichtspunkte einer bestimmten Forderung bei weiten Kreisen. Ihnen lag der Glaube zugrunde: Das wirtschaftliche Leben macht das Rechtsleben, das wirtschaftliche Leben macht das Geistesleben — also muß das wirtschaftliche Leben für sich so umgestaltet werden, daß es ein Rechtsleben, ein Geistesleben hervorbringt, wie es den Anforderungen dieser Kreise entspricht. Was zu Lebensgewohnheiten der leitenden führenden Kreise geworden war, hat das Proletariat gelernt, auch ins Bewußtsein heraufzuholen; was die anderen instinktiv dargelebt haben, hat es zum Dogma gemacht, und wir stehen heute der sozialen Frage so gegenüber, daß in weitesten Kreisen die Anschauung verbreitet ist: Wir müssen nur das Wirtschaftsleben umgestalten, die wirtschaftlichen Einrichtungen, dann wird alles andere, das Rechtsleben, das Geistesleben, von selber so kommen, wie aus wirtschaftlich richtig, gut, sozial gestalteten Einrichtungen dieses Geistes- und dieses Rechtsleben sich ergeben werden.
[ 9 ] And so the social question emerged among broad circles as a specific demand. This was based on the belief that economic life shapes legal life, and economic life shapes intellectual life—and therefore economic life must be restructured in such a way that it gives rise to a legal life and an intellectual life that meet the demands of these circles. What had become a way of life for the ruling classes, the proletariat learned to bring into conscious awareness; what the others had instinctively lived out, it turned into a dogma, and today we face the social question in such a way that the view is widespread in the broadest circles: We need only reorganize economic life and economic institutions; then everything else—legal life and intellectual life—will follow naturally, just as such intellectual and legal life will arise from economically sound, good, and socially structured institutions.
[ 10 ] Unter dem Einflusse dieses Gesichtspunktes ist verkannt worden, um was es sich eigentlich handelt in der neueren sozialen Frage. Es ist gewissermaßen durch eine große Täuschung, durch eine gewaltige Illusion von diesem Dogma zugedeckt, verhüllt worden. Es handelt sich nämlich eigentlich darum: Gerade dieses ist ein Ergebnis der neueren Geschichte der Menschheit, daß die Abhängigkeit des Rechts- und Geisteslebens vom Wirtschaftsleben überwunden werden muß. Und während weite sozialistische Kreise heute denken, das Wirtschaftsleben müsse zunächst anders gestaltet werden, dann ergebe sich alles andere von selbst, hat man sich die Frage vorzulegen: Welche Verhältnisse müssen auf dem Gebiete des Rechtes, des Geisteslebens für sich geschaffen werden, damit aus dem erneuerten geistigen, aus dem erneuerten Rechtsleben heraus wirtschaftliche Zustände entstehen, die den Forderungen eines menschenwürdigen Daseins entsprechen? Nicht: Wie machen wir immer mehr und mehr das Rechtsleben, das Geistesleben abhängig vom Wirtschaftsleben? — sondern: Wie kommen wir heraus aus der Abhängigkeit? — das ist es vor allen Dingen, was gefragt werden muß.
[ 10 ] Under the influence of this perspective, the true nature of the modern social question has been misunderstood. It has, so to speak, been obscured and veiled by a great deception, by a powerful illusion stemming from this dogma. For the issue is actually this: it is precisely a result of the recent history of humanity that the dependence of legal and intellectual life on economic life must be overcome. And while broad socialist circles today believe that economic life must first be restructured, after which everything else will follow naturally, we must ask ourselves: What conditions must be created in the realms of law and intellectual life so that, out of a renewed intellectual life and a renewed legal life, economic conditions may arise that meet the demands of a dignified existence? Not: How do we make legal life and intellectual life increasingly dependent on economic life? — but rather: How do we break free from this dependence? — that is, above all, the question that must be asked.
[ 11 ] Diese Betrachtung ist eine sehr wichtige, denn sie zeigt uns, welche Hindernisse da sind für eine vorurteilslose Auffassung der sozialen Frage der Gegenwart, und wie eines der wichtigsten Hindernisse ein Dogma ist, das sich im Lauf der Jahrhunderte herausgebildet hat. Und dieses Dogma hat sich so festgesetzt, daß zahlreiche Gebildete und Ungebildete der Gegenwart, Proletarier und Nichtproletarier, einen heute geradezu auslachen, wenn man glaubt, daß irgendwie von einer anderen Seite her als durch eine Umgestaltung des Wirtschaftslebens auch eine Gesundung des Rechtslebens und des Geisteslebens kommen könne.
[ 11 ] This observation is a very important one, for it shows us what obstacles stand in the way of an unbiased understanding of the social issues of our time, and how one of the most significant obstacles is a dogma that has developed over the centuries. And this dogma has become so firmly entrenched that many educated and uneducated people today—proletarians and non-proletarians alike—will practically laugh at anyone who believes that a revitalization of the legal and intellectual spheres could come about through any means other than a transformation of economic life.
[ 12 ] Nun ist heute meine Aufgabe, über das Rechtsleben, übermorgen, über das Geistesleben zu sprechen. Das Rechtsleben hat ja auch in seiner eigenen Wesenheit und Bedeutung die Menschen vielfach vor die Frage gestellt: Welchen Ursprung hat eigentlich das Recht? Welchen Ursprung hat das, wovon die Menschen in ihrem gegenseitigen Verhalten sagen, es sei rechtens? — Diese Frage ist ja immer für die Menschen eine sehr, sehr wichtige gewesen. Allein es ist sehr merkwürdig, daß bei einem weiten Kreise sozial betrachtender Persönlichkeiten die eigentliche Rechtsfrage, man möchte sagen, in ein Loch gefallen ist, gar nicht mehr da ist. Gewiß, akademisch theoretische Erörterungen sind auch heute viele vorhanden über Wesen, Bedeutung des Rechtes und so weiter, aber in der sozialen Betrachtung weiter Kreise ist gerade dieses das Charakteristische, daß die Rechtsfrage mehr oder weniger durchgefallen ist.
[ 12 ] Today, my task is to speak about legal life; the day after tomorrow, about spiritual life. Legal life, in its very nature and significance, has often confronted people with the question: What is the actual origin of law? What is the origin of that which people, in their interactions with one another, describe as “just”? — This question has always been a very, very important one for people. Yet it is very strange that, among a wide circle of socially minded individuals, the actual question of law has, one might say, fallen through the cracks—it is no longer even there. Certainly, there are still many academic and theoretical discussions today about the nature and significance of law and so on, but what is characteristic of the social perspective of broad circles is precisely that the question of law has more or less fallen by the wayside.
[ 13 ] Wenn ich Ihnen das erörtern soll, muß ich Sie auf etwas aufmerksam machen, das in der Gegenwart ja schon immer häufiger und häufiger hervortritt, während es noch vor kurzer Zeit ganz übersehen worden ist. Die Menschen haben unhaltbare soziale Zustände heraufkommen sehen. Auch diejenigen, die in ihrer eigenen Lebenshaltung mehr oder weniger unberührt geblieben sind von diesen unsozialen Zuständen, haben versucht, darüber nachzudenken. Und während vor verhältnismäßig kurzer Zeit es wirklich radikal so war, wie ich es eben ausgesprochen habe, daß man eigentlich nur gelacht hat, wenn etwas erwartet worden ist von Rechts- und Geistesfragen für die wirtschaftlichen Zustände, tritt einem heute - aber wie aus dunklen Geistestiefen, könnte man sagen — schon immer mehr und mehr die Behauptung entgegen: Ja, im gegenseitigen sozialen Verhalten der Menschen komme doch auch so etwas in Betracht wie seelische Fragen und Rechtsfragen; und vieles in der Verwirrung der sozialen Zustände rühre heute davon her, daß man die seelischen Verhältnisse der Menschen, die psychischen Verhältnisse und die rechtlichen Verhältnisse in ihrer Selbständigkeit zu wenig berücksichtigt habe. - Also es wird schon ein wenig, weil es handgreiflich ist, darauf hingewiesen, daß von einer anderen als von der rein tatsächlichen, wirtschaftlichen Seite her das Heil kommen müßte. Aber in der praktischen Besprechung der Frage kommt das noch wenig zur Geltung.
[ 13 ] If I am to discuss this with you, I must draw your attention to something that is becoming increasingly evident in the present, even though it was completely overlooked until recently. People have witnessed the emergence of untenable social conditions. Even those whose own way of life has remained more or less unaffected by these antisocial conditions have tried to reflect on them. And while it was indeed the case—as I just stated—that not so long ago people would simply laugh at the very idea that legal and philosophical questions could have any bearing on economic conditions, today—as if from the dark depths of the human spirit, one might say—we are increasingly confronted with the assertion: Yes, in people’s mutual social behavior, factors such as spiritual and legal issues do indeed come into play; and much of the confusion in social conditions today stems from the fact that too little consideration has been given to the spiritual, psychological, and legal circumstances of human beings in their own right. - So, to some extent—because it is tangible—it is pointed out that salvation must come from a perspective other than the purely factual, economic one. But in practical discussions of the issue, this aspect is still given little weight.
[ 14 ] Es ist wie ein roter Faden, der sich durch alles, was neuere sozialistisch Denkende von sich geben, hindurchzieht: daß eine gesellschaftliche Struktur herbeigeführt werden müsse, in welcher die Menschen leben können nach ihren Fähigkeiten und nach ihren Bedürfnissen. Ob das mehr oder weniger grotesk radikal ausgestaltet wird oder mehr nach konservativer Gesinnung, darauf kommt es nicht an; wir hören überall: Die Schäden der gegenwärtigen sozialen Ordnung beruhten zum großen Teile darauf, daß der Mensch nicht in der Lage sei, innerhalb der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung seine Fähigkeiten wirklich voll anzuwenden; auf der anderen Seite, daß diese gesellschaftliche Ordnung eine solche sei, daß er seine Bedürfnisse nicht befriedigen könne, namentlich daß nicht eine gewisse Gleichmäßigkeit in der Befriedigung der Bedürfnisse herrsche.
[ 14 ] It is like a common thread running through everything that modern socialist thinkers have to say: that a social structure must be brought about in which people can live according to their abilities and their needs. Whether this is presented in a more or less grotesquely radical manner or in a more conservative vein is irrelevant; we hear it everywhere: The ills of the current social order stem largely from the fact that people are unable to fully utilize their abilities within the current social order; on the other hand, that this social order is such that they cannot satisfy their needs—namely, that there is no certain uniformity in the satisfaction of those needs.
[ 15 ] Man geht, indem man dieses ausspricht, auf zwei Grundelemente des menschlichen Lebens zurück. Fähigkeiten, das ist etwas, das sich mehr bezieht auf das menschliche Vorstellen. Denn alle Fähigkeiten entspringen zuletzt beim Menschen, da er bewußt handeln muß, aus seiner Vorstellung, aus seinem Denkwillen. Gewiß, das Gefühl muß fortwährend die Fähigkeiten des Vorstellens anfeuern, sie begeistern; aber das Gefühl als solches kann nichts machen, wenn nicht die grundlegende Vorstellung da ist. Also wenn man von den Fähigkeiten spricht, auch wenn man von den praktischen Geschicklichkeiten spricht, kommt man zuletzt auf das Vorstellungsleben. Das ging also einer Anzahl von Menschen auf, daß da gesorgt werden müsse dafür, daß der Mensch in der sozialen Struktur sein Vorstellungsleben zur Geltung bringen könne. Das andere, was dann geltend gemacht wird, geht mehr auf das Lebenselement des Wollens im Menschen. Das Wollen, das mit dem Begehren, mit der Bedürftigkeit nach diesen oder jenen Erzeugnissen zusammenhängt, ist eine Grundkraft des menschlichen Wesens. Und wenn man sagt, der Mensch solle leben können in einer sozialen Struktur nach seinen Bedürfnissen, so sieht man auf das Wollen.
[ 15 ] By saying this, one goes back to two fundamental elements of human life. Abilities are something that relate more to human mental images. For all abilities ultimately arise in human beings—since they must act consciously—from their mental image, from their will to think. Certainly, feeling must continually spur on and inspire the faculties of imagination; but feeling as such can do nothing unless the fundamental mental image is present. So when one speaks of faculties—even when speaking of practical skills—one ultimately arrives at the life of imagination. It thus dawned on a number of people that care must be taken to ensure that human beings can bring their imaginative life to bear within the social structure. The other point that is then raised pertains more to the life element of volition in human beings. The will—which is connected to desire and to the need for certain products—is a fundamental force of the human being. And when one says that people should be able to live within a social structure according to their needs, one is referring to the will.
[ 16 ] Ohne daß sie es wissen, reden also selbst die Marxisten vom Menschen, indem sie ihre soziale Frage aufwerfen und eigentlich glauben machen möchten, daß sie nur von Einrichtungen sprechen. Sie sprechen wohl von Einrichtungen, aber diese Einrichtungen wollen sie so gestalten, daß das Vorstellungsleben, die menschlichen Fähigkeiten, zur Geltung kommen können, und daß die menschlichen Bedürfnisse gleichmäßig befriedigt werden können, so wie sie vorhanden sind.
[ 16 ] Without realizing it, even the Marxists are talking about human beings when they raise their social question and actually want to give the impression that they are speaking only of institutions. They may well be speaking of institutions, but they want to shape these institutions in such a way that the life of the imagination and human abilities can come to the fore, and that human needs can be satisfied equally, just as they exist.
[ 17 ] Nun gibt es etwas sehr Eigentümliches in dieser Anschauung. In dieser Anschauung kommt nämlich ein Lebenselement des Menschen gar nicht zur Geltung, und das ist das Gefühlsleben. Sehen Sie, wenn man sagen würde: Man bezwecke, man wolle erzielen eine soziale Struktur, in der die Menschen leben können nach ihren Fähigkeiten, nach ihren Gefühlen, nach ihren Bedürfnissen —, so würde man den ganzen Menschen treffen. Aber kurioserweise läßt man, indem man in umfänglicher Weise charakterisieren will, welches das soziale Ziel für den Menschen ist, das Gefühlsleben des Menschen aus. Und wer das Gefühlsleben in seiner Menschheitsbetrachtung ausläßt, der läßt eigentlich jede Betrachtung über die wirklichen Rechtsverhältnisse im sozialen Organismus aus. Denn die Rechtsverhältnisse können sich nur so entwickeln im Zusammenleben der Menschen, wie sich in diesem Zusammenleben der Menschen Gefühl an Gefühl abstreift, abschleift. So wie die Menschen gegenseitig zueinander fühlen, so ergibt sich, was öffentliches Recht ist. Und daher mußte, weil man in der Grundfrage der sozialen Bewegung das Lebenselement des Gefühls wegließ, die Rechtsfrage eigentlich, wie ich sagte, in ein Loch fallen, verschwinden. Und es handelt sich darum, daß man gerade diese Rechtsfrage in das richtige Licht rückt. Gewiß, man weiß, daß ein Recht vorhanden ist, aber man möchte das Recht bloß als ein Anhängsel der wirtschaftlichen Verhältnisse hinstellen.
[ 17 ] Now there is something very peculiar about this view. In this view, in fact, one element of human life is completely overlooked, and that is the emotional life. You see, if one were to say: The aim is to achieve a social structure in which people can live according to their abilities, their feelings, and their needs—then one would be addressing the whole person. But curiously, in attempting to comprehensively characterize what the social goal for human beings is, one leaves out their emotional life. And whoever omits emotional life from their view of humanity actually omits any consideration of the real legal relationships within the social organism. For legal relationships can only develop in human coexistence in such a way that, in this coexistence, emotion is gradually shed and worn away. Just as people feel toward one another, so does public law emerge. And therefore, because the vital element of feeling was omitted from the fundamental question of social movement, the question of law actually had to, as I said, fall into a void and disappear. And the point is to place precisely this question of law in the proper light. Certainly, one knows that a right exists, but one would like to present the right merely as an appendage to economic conditions.
[ 18 ] Und wie entwickelt sich im menschlichen Zusammenleben das Recht? Sehen Sie, eine Definition des Rechtes zu geben, ist oftmals versucht worden, aber niemals ist eigentlich eine befriedigende Definition des Rechtes herausgekommen. Ebensowenig ist viel herausgekommen, wenn man den Ursprung des Rechtes untersucht hat, wo das Recht herstammt. Man wollte diese Frage beantworten. Es ist niemals richtig etwas dabei herausgekommen. Warum nicht? Es ist geradeso wie wenn man irgendwie aus der menschlichen Natur und bloß aus der menschlichen Natur die Sprache entwickeln wollte. Es ist oftmals gesagt worden, und es ist richtig: Der Mensch, der auf einer einsamen Insel aufwächst, würde niemals zum Sprechen kommen, denn die Sprache entzündet sich an den anderen Menschen, an der ganzen menschlichen Gesellschaft.
[ 18 ] And how does law develop in human society? You see, attempts have often been made to define law, but no truly satisfactory definition of law has ever emerged. Nor has much come of examining the origin of law—where law comes from. People have sought to answer this question. Nothing worthwhile has ever come of it. Why not? It is just as if one were to try to develop language somehow from human nature alone—and from human nature alone. It has often been said, and it is true: a person who grows up on a deserted island would never learn to speak, for language is sparked by other people, by the whole of human society.
[ 19 ] So entzündet sich aus dem Gefühl im Zusammenwirken mit dem Gefühl des anderen innerhalb des öffentlichen Lebens das Recht. Man kann nicht sagen, es entspringe das Recht aus diesem oder jenem Winkel des Menschen oder der Menschheit, sondern man kann nur sagen: Die Menschen kommen durch ihre Gefühle, die sie gegenseitig füreinander entwickeln, in solche Beziehungen, daß sie diese Beziehungen in Rechten festlegen, festsetzen. Das Recht ist also etwas, nach welchem so gefragt werden sollte, daß man vor allen Dingen auf seine Entwickelung innerhalb der menschlichen Gesellschaft hinsieht. Dadurch aber kommt die Rechtsbetrachtung für den modernen Menschen gerade in unmittelbare Nähe dessen, was sich heraufentwickelt hat in der Geschichte der neueren Menschheit als die demokratische Forderung.
[ 19 ] Thus, within public life, law arises from one’s own feelings in interaction with the feelings of others. One cannot say that law arises from this or that aspect of the individual or of humanity; rather, one can only say: Through the feelings they develop toward one another, people enter into such relationships that they define and establish these relationships as rights. Law is therefore something that should be examined by focusing, above all, on its development within human society. Consequently, for modern people, the consideration of law comes into direct proximity to what has emerged in the history of modern humanity as the democratic demand.
[ 20 ] Man kommt dem Wesen solcher Forderungen, wie es die demokratische Forderung ist, nicht nahe, wenn man nicht die menschliche Entwickelung selber wie eine Art Organismus ansieht. Aber davon sind die gegenwärtigen Betrachtungsweisen sehr, sehr weit entfernt. Jeder Mensch empfindet es gewiß als etwas sehr Lächerliches und Paradoxes, wenn man erklären wollte, wie der Mensch von der Geburt bis zum Tode sich entwickelt unter dem Einfluß der Nahrungsmittel; wenn man erklären wollte, weil der Kohl so ist, der Weizen so ist, das Rindfleisch so ist, entwickelt sich der Mensch von seiner Geburt bis zum Tode so und so. Nein, niemand wird zugeben, daß das eine vernünftige Betrachtungsweise ist, sondern jeder wird zugestehen, daß man fragen muß: Wie ist es in der menschlichen Natur selbst begründet, daß zum Beispiel um das siebente Jahr herum aus dieser menschlichen Natur heraus die Kräfte kommen, die den Zahnwechsel bewirken? Man kann nicht aus dem Kohl, aus dem Rindfleisch die Konsequenzen ziehen, daß der Zahnwechsel sich vollzieht. Ebenso muß man fragen: Wie entwikkelt sich aus dem menschlichen Organismus heraus dasjenige, was zum Beispiel die Geschlechtsreife darstellt? - und so weiter. Man muß auf das, was sich entwickelt, auf seine innere Natur eingehen.
[ 20 ] One cannot come close to understanding the nature of such demands—such as the demand for democracy—unless one views human development itself as a kind of organism. But current ways of thinking are very, very far removed from this. Surely everyone would find it utterly ridiculous and paradoxical if one were to try to explain how a person develops from birth to death under the influence of food; if one were to claim that because cabbage is this way, wheat is that way, and beef is another way, a person develops in such-and-such a way from birth to death. No, no one will admit that this is a reasonable way of looking at things; rather, everyone will concede that one must ask: How is it rooted in human nature itself that, for example, around the age of seven, the forces that bring about the change of teeth arise from this human nature? One cannot draw the conclusion from cabbage or beef that the change of teeth takes place. Similarly, one must ask: How does that which constitutes, for example, sexual maturity develop from within the human organism? — and so on. One must address what is developing in terms of its inner nature.
[ 21 ] Suchen Sie sich unter den heutigen Vorstellungsarten aber eine, welche das auf die menschliche Entwickelungsgeschichte anwenden kann, welche sich zum Beispiel klar darüber wäre, daß, indem die Menschheit auf der Erde sich entwickelt, sie aus sich, aus ihrem Wesen heraus in den verschiedenen Zeitaltern gewisse Kräfte und Fähigkeiten, gewisse Eigentümlichkeiten entwickelt!
[ 21 ] But look among today’s theories of evolution for one that can apply this to the history of human development—one that would, for example, clearly recognize that as humanity evolves on Earth, it develops certain powers and abilities, certain characteristics, from within itself, from its very nature, throughout the various ages!
[ 22 ] Wer lernt, sachgemäß zu sein in der Naturbetrachtung, kann diese sachgemäße Betrachtungsweise auch übertragen auf die Geschichtsbetrachtung. Und da findet man, daß aus den Tiefen der Menschennatur hervorgehend seit der Mitte des 15. Jahrhunderts eben gerade diese Forderung nach Demokratie sich entwickelt hat und in den verschiedenen Gegenden der Erde mehr oder weniger befriedigt worden ist, diese Forderung: daß der Mensch in seinem Verhalten zu anderen Menschen nur dasjenige gelten lassen kann, was er selbst als das Richtige, als das ihm Angemessene empfindet. Das demokratische Prinzip ist aus den Tiefen der Menschennatur heraus die Signatur des menschlichen Strebens in sozialer Beziehung in der neueren Zeit geworden. Es ist eine elementare Forderung der neueren Menschheit, dieses demokratische Prinzip.
[ 22 ] Anyone who learns to adopt an objective approach to observing nature can also apply this objective perspective to the study of history. And there one finds that, emerging from the depths of human nature since the mid-15th century, this very demand for democracy has developed and has been more or less fulfilled in various parts of the world—this demand: that in one’s conduct toward other people, one can accept only that which one oneself perceives as right and appropriate. The democratic principle, arising from the depths of human nature, has become the hallmark of human striving in social relations in modern times. This democratic principle is a fundamental demand of modern humanity.
[ 23 ] Wer diese Dinge durchschaut, der muß sie aber auch völlig ernst nehmen, der muß sich dann die Frage aufwerfen: Welches ist die Bedeutung und welches sind die Grenzen des demokratischen Prinzipes? — Das demokratische Prinzip - ich habe es eben charakterisiert - besteht darinnen, daß die in einem geschlossenen sozialen Organismus zusammenlebenden Menschen Beschlüsse fassen sollen, welche aus jedem einzelnen hervorgehen. Dann können sie natürlich nur für die Gesellschaft bindende Beschlüsse dadurch werden, daß sich Majoritäten ergeben.
[ 23 ] Anyone who sees through these things must, however, take them completely seriously; they must then ask themselves: What is the meaning of the democratic principle, and what are its limits? — The democratic principle—which I have just characterized—consists in the fact that people living together in a cohesive social organism should make decisions that emerge from each individual. Naturally, these decisions can only become binding on society through the formation of majorities.
[ 24 ] Demokratisch wird, was in solche Majoritätsbeschlüsse einläuft, nur dann sein, wenn jeder einzelne Mensch als einzelner Mensch dem anderen einzelnen Menschen als ein gleicher gegenübersteht. Dann aber können auch nur über diejenigen Dinge Beschlüsse gefaßt werden, in denen der einzelne Mensch als gleicher jedem anderen Menschen in Wirklichkeit gleich ist. Das heißt: Es können nur Beschlüsse gefaßt werden auf demokratischem Boden, über die jeder mündig gewordene Mensch dadurch, daß er mündig geworden ist, urteilsfähig ist. Damit aber haben sie - ich meine so klar als nur möglich - der Demokratie ihre Grenzen gezogen. Es kann ja nur dasjenige auf dem Boden der Demokratie beschlossen werden, was man einfach dadurch beurteilen kann, daß man ein mündig gewordener Mensch ist.
[ 24 ] Whatever is incorporated into such majority decisions will be democratic only if each individual, as an individual, stands before every other individual as an equal. But then, decisions can only be made on those matters in which the individual, as an equal, is in reality equal to every other individual. That is to say: Decisions can only be made on a democratic basis regarding matters on which every person who has attained legal capacity is capable of judgment by virtue of having attained that capacity. But in doing so—and I mean this as clearly as possible—they have drawn the boundaries of democracy. After all, the only things that can be decided on the basis of democracy are those that can be judged simply by virtue of being a person who has attained legal capacity.
[ 25 ] Dadurch schließt sich aus von demokratischen Maßregeln alles, was sich auf die Entwickelung der menschlichen Fähigkeiten im öffentlichen Leben bezieht. Alles, was Erziehung und Unterrichtswesen, was geistiges Leben überhaupt ist, erfordert die Einsetzung des individuellen Menschen - wir werden übermorgen im genaueren davon sprechen —, erfordert vor allen Dingen wirkliche individuelle Menschenkenntnis, erfordert in dem Unterrichtenden, in dem Erziehenden besondere individuelle Fähigkeiten, die durchaus nicht dem Menschen dadurch eignen können, daß er einfach ein mündig gewordener Mensch ist. Entweder nimmt man es mit der Demokratie nicht ernst: dann läßt man sie beschließen auch über alles, was an individuellen Fähigkeiten hängt; oder man nimmt es mit der Demokratie ernst: dann muß man ausschließen von der Demokratie die Verwaltung des Geisteslebens auf der einen Seite. Man muß aber auch ausschließen von dieser Demokratie, was Wirtschaftsleben ist. Alles was ich gestern entwickelt habe, beruht auf Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit, die sich der einzelne erwirbt in dem Lebenskreis wirtschaftlicher Art, in dem er drinnensteht. Niemals kann einfach die Mündigkeit, die Urteilsfähigkeit jedes mündig gewordenen Menschen darüber entscheiden, ob man ein guter Landwirt, ob man ein guter Industrieller und dergleichen ist. Daher können auch nicht Majoritätsbeschlüsse gefaßt werden von jedem mündig gewordenen Menschen über dasjenige, was auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens zu geschehen hat.
[ 25 ] Consequently, anything related to the development of human abilities in public life is excluded from democratic measures. Everything that constitutes education and the educational system—indeed, intellectual life in general—requires the involvement of the individual human being—we will discuss this in more detail the day after tomorrow—and requires, above all, a genuine understanding of human nature; it requires the teacher and the educator to possess special individual abilities that cannot possibly be acquired simply by becoming a mature adult. Either one does not take democracy seriously—in which case one allows it to decide even on matters pertaining to individual abilities—or one takes democracy seriously—in which case one must exclude the administration of intellectual life from the realm of democracy. But one must also exclude from this democracy what constitutes economic life. Everything I elaborated on yesterday is based on expert knowledge and professional competence, which the individual acquires within the sphere of economic life in which he or she is immersed. The maturity and judgment of every person who has come of age can never simply determine whether one is a good farmer, a good industrialist, or the like. Therefore, majority decisions cannot be made by every person who has come of age regarding what is to happen in the realm of economic life.
[ 26 ] Das heißt, das Demokratische muß ausgesondert werden von dem Boden des Geisteslebens, von dem Boden des Wirtschaftslebens. Dann ergibt sich zwischen beiden das eigentliche demokratische Staatsleben, in dem ein jeder Mensch dem anderen als urteilsfähiger, mündiger, gleicher Mensch gegenübersteht, in dem aber auch nur Majoritätsbeschlüsse gefaßt werden können über das, was abhängt von der gleichen Urteilsfähigkeit aller mündig gewordenen Menschen.
[ 26 ] This means that democracy must be separated from the realm of intellectual life and from the realm of economic life. Then, between the two, true democratic political life emerges, in which each person faces the other as a rational, responsible, and equal human being, but in which decisions can be made by majority vote only on matters that depend on the equal capacity for judgment of all people who have attained maturity.
[ 27 ] Wer diese Dinge, die ich eben ausgesprochen habe, nicht einfach abstrakt denkend sagt, sondern sie am Leben abmißt, der sieht, daß die Menschen gerade deshalb sich über diese Dinge täuschen, weil sie eigentlich unbequem vorzustellen sind, weil man nicht den Mut entwickeln möchte, in die letzten Konsequenzen dieses menschlichen Vorstellens einzudringen.
[ 27 ] Anyone who does not merely speak of the things I have just mentioned in abstract terms, but rather measures them against real life, will see that people are deceived about these things precisely because they are actually difficult to create as mental images—because they do not wish to muster the courage to delve into the ultimate consequences of this human conception.
[ 28 ] Das aber, daß man das nicht wollte, daß man der allgemeinen Forderung nach Demokratie nicht ganz andere Dinge entgegenstellte, das hatte in der neueren Menschheitsentwickelung eine sehr, sehr praktische Bedeutung. Ich möchte Ihnen diese Dinge viel weniger aus abstrakten Prinzipien als aus der historischen Entwickelung der Menschheit selber heraus gestalten.
[ 28 ] But the fact that people did not want this—that they did not counter the general demand for democracy with entirely different ideas—had a very, very practical significance in the recent development of humanity. I would like to present these ideas to you not so much on the basis of abstract principles as on the basis of the historical development of humanity itself.
[ 29 ] Wir haben in diesen Jahren einen Staat zugrunde gehen schen, man möchte sagen: aus seinen eigenen Bedingungen heraus zugrunde gehen sehen, und dieser Staat kann geradezu als Experimentierobjekt auch für Rechtsfragen angesehen werden. Es ist das alte, nicht mehr bestehende Osterreich-Ungarn. Wer die Kriegsjahre verfolgt hat, der weiß zwar, daß zuletzt Österreich gefallen ist durch die rein kriegerischen Ereignisse, aber die Auflösung dieses österreichischen Staates ist erfolgt als eine zweite Erscheinung, als etwas, was sich aus seinen inneren Zuständen heraus ergeben hat. Dieser Staat ist auseinandergefallen, und er wäre wahrscheinlich auch auseinandergefallen, wenn die kriegerischen Ereignisse für Osterreich glimpflicher ausgefallen wären. Das kann man sagen, wenn man diese Verhältnisse in Österreich - wie es dem möglich war, der hier vor Ihnen spricht; dreißig Jahre meines Lebens habe ich in Österreich zugebracht - durch Jahrzehnte hindurch sachgemäß beobachtet hat.
[ 29 ] In recent years, we have witnessed a state collapse—one might say, collapse as a result of its own internal conditions—and this state can be viewed as a case study, even for legal issues. It is the former Austro-Hungarian Empire, which no longer exists. Anyone who has followed the war years knows, of course, that Austria ultimately fell as a result of purely military events; yet the dissolution of this Austrian state occurred as a secondary phenomenon—as something that arose from its internal conditions. This state fell apart, and it would likely have fallen apart even if the military events had turned out more favorably for Austria. One can say this if one has properly observed these conditions in Austria—as I, who am speaking before you here, have been able to do; I have spent thirty years of my life in Austria—over the course of decades.
[ 30 ] Es war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, da trat aus diesem Österreich die Forderung hervor nach Demokratie, das heißt nach einer Volksvertretung. Wie wurde nun diese Volksvertretung gestaltet? Diese Volksvertretung wurde so gestaltet, daß die Volksvertreter sich rekrutierten im österreichischen Reichsrat aus vier Kurien, vier Kurien rein wirtschaftlicher Art: erstens die Kurie der Großgrundbesitzer, eine Kurie; zweitens die Städte, Märkte und Industrialorte, zweite Kurie; drittens die Handelskammern, dritte Kurie; die vierte Kurie waren die Landgemeinden, aber da kamen auch in den Landgemeinden nur eigentlich wirtschaftliche Interessen in Frage. Je nachdem man also Angehöriger einer Landgemeinde, Handelskammer und so weiter war, wählte man seine Vertreter in den österreichischen Reichsrat. Und da saßen nun die Vertreter rein wirtschaftlicher Interessen beisammen. Die Beschlüsse, die sie faßten, kamen, durch Majorität selbstverständlich, aus einzelnen Menschen heraus zustande, aber die einzelnen Menschen vertraten solche Interessen, wie sie sich ihnen ergaben aus ihrer wirtschaftlichen Zugehörigkeit zu den Grund- und Bodenbesitzern, zu den Städten, Märkten und Industrialorten, zu den Han delskammern oder zu den Landgemeinden. Und was kamen für öffentliche Rechte, die durch Majoritätsbeschlüsse gefaßt worden sind, dadurch zum Vorschein? Es kamen dadurch öffentliche Rechte zum Vorschein, die nur umgewandelte Wirtschaftsinteressen waren. Denn selbstverständlich, wenn zum Beispiel die Handelskammern mit den Großgrundbesitzern einig waren über irgend etwas, was ihnen wirtschaftliche Vorteile brachte, so konnte ein Majoritätsbeschluß gefaßt werden gegen die Interessen der Minderheit, die vielleicht gerade die Sache anging. Man kann immer, wenn Interessenvertretungen wirtschaftlicher Art in den Parlamenten sitzen, Majoritäten zusammenbringen, die aus den wirtschaftlichen Interessen heraus Beschlüsse fassen, dadurch Rechte schaffen, die aber gar nichts zu tun haben mit dem, was aus dem Gefühl heraus von Mensch zu Mensch als Rechtsbewußtsein waltet.
[ 30 ] It was in the 1860s that the demand for democracy—that is, for a representative government—emerged from Austria. How, then, was this popular representation structured? It was structured such that the representatives were drawn from four curiae within the Austrian Imperial Council—four curiae of a purely economic nature: first, the curia of large landowners; second, the cities, market towns, and industrial centers; third, the chambers of commerce; the fourth curia consisted of the rural communities, but even within the rural communities, only purely economic interests were considered. Thus, depending on whether one belonged to a rural community, a chamber of commerce, and so on, one elected one’s representatives to the Austrian Imperial Council. And there, the representatives of purely economic interests sat together. The resolutions they passed—by majority vote, of course—stemmed from individual people, but those individuals represented interests that arose from their economic affiliation with landowners, cities, markets, and industrial centers, chambers of commerce, or rural communities. And what public rights, adopted through majority decisions, came to light as a result? This gave rise to public rights that were nothing more than transformed economic interests. For, of course, if, for example, the chambers of commerce agreed with the large landowners on something that brought them economic advantages, a majority decision could be passed against the interests of the minority, which might have been directly affected by the matter. Whenever economic interest groups are represented in parliaments, it is always possible to assemble majorities that pass resolutions based on economic interests, thereby creating rights that have absolutely nothing to do with what prevails as a sense of justice based on human-to-human empathy.
[ 31 ] Oder nehmen Sie die Tatsache, daß zum Beispiel in dem alten deutschen Reichstag eine große Partei saß, die sich Zentrum nannte, und die rein geistige Interessen, nämlich katholisch-geistige Interessen vertrat. Diese Partei konnte sich zusammenschließen mit jeder anderen, um eine Majorität zu ergeben, und so wurden rein geistige Bedürfnisse in irgendwelche öffentlichen Rechte umgewandelt. Unzählige Male ist dies geschehen.
[ 31 ] Or consider the fact that, for example, in the old German Reichstag there was a large party called the Zentrum, which represented purely spiritual interests—namely, Catholic spiritual interests. This party could join forces with any other to form a majority, and in this way, purely spiritual needs were transformed into various public rights. This has happened countless times.
[ 32 ] Was da lebt in den demokratisch werden wollenden modernen Parlamenten, hat man oftmals bemerkt. Aber man ist nicht darauf gekommen, einzusehen, was zu geschehen hat: Eine reinliche Abscheidung desjenigen, was das Rechtsleben ist, von dem, was die Vertretung, die Verwaltung wirtschaftlicher Interessen ist. Der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus muß daher in entschiedenster Weise die Abgliederung des Rechtslebens, des Rechtsbodens von der Verwaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse, von der Verwaltung des Wirtschaftskreislaufes fordern.
[ 32 ] People have often noted what is happening in modern parliaments that aspire to become democratic. But they have not come to realize what must happen: a clear separation of what constitutes the legal sphere from what constitutes the representation and administration of economic interests. The impulse for the threefold social order must therefore most decisively demand the separation of the legal sphere—the legal foundation—from the administration of economic conditions and from the management of the economic cycle.
[ 33 ] Innerhalb des Wirtschaftskreislaufes sollen sich Assoziationen bilden, wie ich gestern auseinandergesetzt habe. Es werden Berufsstände einander gegenüberstehen, es werden Produzenten und Konsumenten einander gegenüberstehen. Was da geschehen wird an rein wirtschaftlichen Tatsachen und Maßnahmen, das wird beruhen auf Verträgen, die die Assoziationen miteinander schließen. Im Wirtschaftsleben wird alles auf Verträgen, alles auf gegenseitigen Leistungen beruhen. Da werden Korporationen Korporationen gegenüberstehen. Da wird Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit den Ausschlag zu geben haben. Da wird es sich nicht darum handeln, was ich für eine Meinung habe, sagen wir, wenn ich Industrieller bin, welche Geltung gerade mein Industriezweig im öffentlichen Leben haben soll; nein, darüber werde ich nichts beschließen können, wenn das Wirtschaftsleben selbständig ist, sondern ich werde zu leisten haben in meinem Industriezweige, werde Verträge zu schließen haben mit den Assoziationen anderer Industriezweige, und die werden mir die Gegenleistungen zu bieten haben. Ob ich in der Lage bin, sie zu Gegenleistungen zu verhalten, davon wird es abhängen, ob ich meine Leistungen anbringen kann. Vertragsweise wird sich eine Tüchtigkeitsassoziation abschließen. Das ist es, was Tatsachen sind.
[ 33 ] As I explained yesterday, associations are to form within the economic cycle. Professional groups will stand opposite one another; producers and consumers will stand opposite one another. Whatever happens there in terms of purely economic facts and measures will be based on contracts that the associations conclude with one another. In economic life, everything will be based on contracts, everything on mutual performance. Corporations will stand opposite corporations. Expertise and professional competence will be the deciding factors. It will not be a matter of what opinion I hold—say, if I am an industrialist—regarding the standing my particular industry should have in public life; no, I will have no say in that once economic life is autonomous, but rather I will have to perform in my industry, will have to enter into contracts with associations from other industries, and they will have to offer me reciprocal benefits. Whether I am in a position to demand compensation from them will depend on whether I can deliver on my end of the bargain. A competency association will be formed through contractual agreements. That is what the facts are.
[ 34 ] Anders muß sich das Leben abspielen auf dem Rechtsboden. Auf dem Rechtsboden kann der Mensch dem Menschen gegenüberstehen. Auf dem Rechtsboden kann es sich nur handeln um die Festlegung von Gesetzen, die eben die öffentlichen Rechte durch Majoritätsbeschlüsse regeln. Gewiß, sehr viele Menschen sagen: Aber was ist denn schließlich das öffentliche Recht? Es ist ja nichts anderes als dasjenige, was, in Worte gefaßt, in Gesetze bringt, was in den wirtschaftlichen Zuständen lebt! - Es ist in vieler Beziehung so. Aber das läßt die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus, wie sie die Wirklichkeit überhaupt nicht unberücksichtigt läßt, durchaus nicht außer acht: Was sich durch die Beschlüsse auf demokratischem Boden als rechtens ergibt, das tragen selbstverständlich die Menschen, die wirtschaften, in das Wirtschaftsleben hinein. Nur sollen sie es nicht heraustragen und zum Rechte erst machen. Sie tragen es in das Wirtschaftsleben hinein.
[ 34 ] Life must unfold differently within the legal framework. Within the legal framework, one person can stand face to face with another. In the realm of law, the focus can only be on the enactment of laws that regulate public rights through majority decisions. Certainly, many people say: But what, after all, is public law? It is nothing other than that which, put into words, translates into laws what exists in economic conditions! — In many respects, this is true. But this by no means disregards the idea of the threefold social order, which does not ignore reality at all: What emerges as lawful through decisions made on a democratic basis is, of course, carried into economic life by the people who engage in economic activity. They are simply not supposed to take it out of economic life and turn it into law. They carry it into economic life.
[ 35 ] Abstraktlinge, die sagen: Ja, aber ist denn nicht im äußeren Leben dasjenige, was der eine mit dem anderen wirtschaftet, wenn er einen Wechsel ausstellt oder dergleichen, und was sich da im Wechselrecht ergibt, ganz in der Handlung des wirtschaftlichen Lebens drinnen enthalten? Ist denn das nicht eine völlige Einheit? Und du kommst, Dreigliederer, und willst das, was im Leben eine völlige Einheit ist, jetzt auseinandernehmen!
[ 35 ] Abstract thinkers who say: Yes, but isn’t what one person does with another in external life—when he issues a bill of exchange or the like—and what arises from the law of bills of exchange, entirely contained within the activity of economic life? Isn’t that a complete unity? And you, proponent of the threefold social order, come along and want to take apart what is a complete unity in life!
[ 36 ] Als ob es nicht im Leben - gerade in dem Leben, wo der Mensch keinen Zutritt hat mit seinen Meinungen und das er dadurch nicht verderben kann - viele Gebiete gäbe, wo sich Kräfteströmungen von verschiedenen Seiten her zu einer Einheit verbinden! Nehmen Sie einmal bei dem Menschen, der heranwächst, an: er hat verschiedene Eigenschaften, die er durch Vererbung bekommen hat. Die haften ihm an. Dann hat er gewisse Eigenschaften, die ihm anerzogen werden. Von zwei Seiten her bekommt der heranwachsende Mensch Eigenschaften: durch Vererbung, durch Erziehung. Aber tun Sie etwas, wenn Sie fünfzehn Jahre alt geworden sind, so können Sie nicht sagen, es sei keine Einheit, was Sie tun! Es fließen als eine Einheit zusammen das Ergebnis Ihrer Vererbung und das Ergebnis Ihrer Erziehung. Dadurch lebt eine Einheit drinnen, aber nur dadurch richtig als eine Einheit, daß es von zwei Seiten zusammenströmt. Gerade dadurch wird es eine gesunde Einheit, daß es von zwei Seiten zusammenströmt.
[ 36 ] As if there weren’t many areas in life—especially in that part of life where human beings have no access with their opinions and thus cannot corrupt it—where currents of energy from various sides come together to form a unity! Take, for example, a person growing up: he has various characteristics that he has inherited. These are inherent in him. Then he has certain characteristics that are instilled in him through upbringing. The growing person acquires characteristics from two sources: through heredity and through upbringing. But when you do something at the age of fifteen, you cannot say that what you do is not a unity! The result of your heredity and the result of your upbringing flow together as a single unity. Thus, a unity lives within you, but it is truly a unity only because it flows together from both sides. It is precisely because it flows together from both sides that it becomes a healthy unity.
[ 37 ] So ergibt sich aus der Wirklichkeit des Lebens für die Idee des sozialen dreigegliederten Organismus, daß eine gesunde Einheit für das Handeln im Wirtschaftlichen nur entsteht, insofern Rechtsbegriffe darinnen inbegriffen werden, dadurch, daß die wirtschaftlichen Maßnahmen aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten selbständig verwaltet werden, und daß auf dem demokratischen Rechtsboden die Rechte geschaffen werden. Die Menschen tragen das dann zu einer Einheit zusammen. Es wirkt zusammen, während Sie, wenn Sie die Rechte aus den Interessen des Wirtschaftens selber heraus entstehen lassen, diese Rechte zu Karikaturen machen. Es ist dann das Recht nur eine Photographie, nur ein Abdruck des wirtschaftlichen Interesses. Es ist das Recht gar nicht da. Nur dadurch, daß Sie das Recht ursprünglich und uranfänglich entstehen lassen auf seinem selbständigen demokratischen Boden, können Sie es hineintragen in das Wirtschaftsleben.
[ 37 ] Thus, it follows from the reality of life for the idea of the threefold social organism that a healthy unity for action in the economic sphere can only arise to the extent that legal concepts are incorporated into it—by ensuring that economic measures are administered independently from an economic perspective, and that rights are established on a democratic legal foundation. People then bring these elements together to form a unity. It all works together, whereas if you allow rights to arise solely from economic interests, you turn those rights into caricatures. The law then becomes merely a photograph, merely an imprint of economic interest. The law is not really there at all. Only by allowing the law to arise originally and from the very beginning on its own independent democratic foundation can you bring it into economic life.
[ 38 ] Man sollte glauben, dies wäre so ohne weiteres klar, daß man es eigentlich nicht weitläufig auseinanderzusetzen brauchte. Aber unsere Zeit hat gerade das Eigentümliche, daß die klarsten Wahrheiten durch das neuere Leben verdunkelt worden sind und daß man eigentlich die klarsten Wahrheiten verzerrt. Man denkt heute auf dem Boden, auf dem sich viele sozialistische Anschauungen entwickeln, die Abhängigkeit des Rechtslebens von dem Wirtschaftsleben müsse gerade fortgesetzt werden. Ich habe Ihnen gestern angedeutet, wie eine Art Hierarchie begründet werden soll nach politischem Muster, und wie das Wirtschaftsleben danach geregelt und verwaltet werden soll. Da, denkt man, werden diejenigen, die das Wirtschaftsleben verwalten, schon so nebenbei auch die Rechte entwickeln. Man hat, indem man das behauptet, keinen Sinn für das konkrete, wirkliche Leben. Nicht das Wirtschaftsleben, in dem man vor allen Dingen tüchtig zu sein hat für die Gestaltung der Produktionsverhältnisse, kann die Rechtsverhältnisse hervorbringen, sondern diese müssen neben dem Wirtschaftsleben aus ihrer eigenen Quelle hervorgebracht werden. Sie werden niemals bloß aus dem Nachdenken hervorgebracht, sondern dadurch, daß sich konkret neben dem Wirtschaftskreislauf ein staatliches Element entwickelt, in dem der einzelne individuelle Mensch dem anderen individuellen Menschen gegenübersteht.
[ 38 ] One would think this were so self-evident that there would be no need to discuss it at length. But what is peculiar about our times is precisely that the clearest truths have been obscured by modern life and that, in fact, the clearest truths are being distorted. Today, based on the groundwork from which many socialist views develop, people think that the dependence of legal life on economic life must simply be continued. Yesterday I hinted to you how a kind of hierarchy is to be established according to a political model, and how economic life is to be regulated and administered accordingly. There, people think, those who administer economic life will also develop the legal system as a matter of course. By making this claim, one lacks any sense of concrete, real life. It is not economic life—in which one must above all be competent in shaping the relations of production—that can give rise to legal relations; rather, these must arise alongside economic life from their own source. They are never produced merely through reflection, but rather through the concrete development, alongside the economic cycle, of a state element in which one individual human being stands face to face with another individual human being.
[ 39 ] Es handelt sich ja nicht darum, daß man aus irgendeinem ursprünglichen Bewußtsein heraus als Wirtschafter auch Rechtsgesetze hervorbringt, sondern darum, daß man erst den konkreten Boden schafft, auf dem die Menschen durch ihre Gefühle in solche Verhältnisse kommen, daß sie diese Verhältnisse in rechtliche Verhältnisse umgestalten können. Es handelt sich darum, daß man eine Realität schafft neben dem Wirtschaftsleben. Dann wird nicht das Recht ein bloßer Überbau über dem Wirtschaftsleben sein, sondern dann wird das Recht dastehen als eine selbständig sich gestaltende Wesenheit. Dann wird man nicht durch eine theoretische Antwort den Grundirrtum, den Aberglauben der sozialen Frage überwinden, als ob man nur das Wirtschaftsleben umzugestalten brauchte, um zu anderen Rechtsbegriffen zu kommen, dann wird man die Realität im dreigegliederten sozialen Organismus einfach dadurch schaffen, daß man den selbständigen Rechtsboden schafft, die Realität, aus der heraus durch Menschenverkehr und Menschenbeziehung diejenige starke Stoßkraft des Rechtslebens entsteht, die das Wirtschaftsleben meistern kann.
[ 39 ] The point is not that, as an economic actor, one creates legal laws out of some kind of primordial consciousness, but rather that one first creates the concrete foundation on which people, through their feelings, enter into such relationships that they can transform these relationships into legal ones. The point is to create a reality alongside economic life. Then the law will not be a mere superstructure above economic life, but will stand as an entity that takes shape independently. Then one will not overcome the fundamental error—the superstition—of the social question through a theoretical answer, as if one need only reorganize economic life to arrive at different legal concepts; then one will create reality within the threefold social organism simply by establishing an independent legal foundation—the reality from which, through human interaction and relationships, arises the powerful driving force of legal life capable of mastering economic life.
[ 40 ] Und schließlich zeigt auch noch die geschichtliche Betrachtung der neueren Zeit von einer anderen Seite her, wie das, was ich eben auseinandersetzte, noch bewiesen ist. Blicken Sie zurück auf die Antriebe, die die Menschen bis zum 13., 14. Jahrhundert noch gehabt haben für ihre handwerklichen und sonstigen Arbeiten. Es wird oftmals betont von den modernen sozialistischen Denkern, daß der Mensch getrennt sei von seinen Produktionsmitteln. Das ist er in so hohem Grade, wie es jetzt der Fall ist, erst durch die modernen Wirtschaftsverhältnisse geworden. Namentlich ist er getrennt von seinen Produkten. Der Arbeiter, der in der Fabrik arbeitet, wieviel Anteil hat er denn an dem, was dann der Unternehmer verkauft? Was weiß er denn davon? Was weiß er von dem Weg, den das macht in die Welt? Ein kleines Stück von einem großen Zusammenhang! Er bekommt vielleicht den großen Zusammenhang niemals zu Gesicht. Denken Sie sich, was das für ein gewaltiger Unterschied ist gegenüber dem alten Handwerk, wo der einzelne Arbeiter an dem, was er hervorbrachte, seine Freude hatte - wer die Geschichte kennt, weiß, wie das der Fall ist; denken Sie an die persönliche Beziehung eines Menschen zu der Hervorbringung eines Türschlüssels, eines Schlosses und dergleichen. Wenn man in primitive Gegenden kommt, kann man in dieser Beziehung noch recht nette Erfahrungen machen, aber wo die Gegenden weniger primitiv sind, da macht man solche Erfahrungen nicht mehr. Ich kam einmal — verzeihen Sie, daß ich so etwas Persönliches erzähle, aber vielleicht dient es zur Charakteristik - in eine solche Gegend und war wirklich außerordentlich entzückt, als ich in einen Friseurladen hineinging und der Friseurgehilfe seine helle Freude daran hatte, wie er einem Menschen schön die Haare schneiden konnte! Er hatte seine helle Freude an dem, was er leistete. Es ist immer weniger und weniger von solchen persönlichen Zusammenhängen zwischen dem Menschen und seinem Produkte da. Daß dieser Zusammenhang nicht da ist, das ist einfach eine Forderung des modernen Wirtschaftslebens. Das kann nicht anders sein unter den komplizierten Verhältnissen, wo wir unter Arbeitsteilung arbeiten müssen. Und hätten wir die Arbeitsteilung nicht, so hätten wir das moderne Leben mit alldem, was wir notwendig haben, nicht, hätten wir keinen Fortschritt. Es ist nicht möglich, daß die alte Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Produkte da ist.
[ 40 ] And finally, a historical examination of more recent times from a different perspective also demonstrates how what I have just discussed is further substantiated. Look back at the motivations that people still had for their craft and other work up until the 13th and 14th centuries. Modern socialist thinkers often emphasize that human beings are separated from their means of production. It is only through modern economic conditions that this separation has reached the extent it does today. Specifically, they are separated from their products. The worker who labors in the factory—what share does he actually have in what the entrepreneur then sells? What does he know about it? What does he know about the path that product takes out into the world? A tiny fragment of a vast whole! He may never even catch a glimpse of that vast whole. Just imagine what a colossal difference this is compared to the old craft traditions, where the individual worker took pleasure in what he produced—anyone familiar with history knows this to be true; think of a person’s personal connection to the creation of a door key, a lock, and the like. When you visit primitive regions, you can still have quite pleasant experiences in this regard, but in less primitive areas, you no longer have such experiences. I once—forgive me for sharing something so personal, but perhaps it serves to illustrate my point—visited such a region and was truly delighted when I walked into a barber shop and saw how the barber’s assistant took such obvious pleasure in cutting a person’s hair beautifully! He took genuine joy in what he was doing. There are fewer and fewer of these personal connections between people and the products they create. The fact that this connection is missing is simply a requirement of modern economic life. It cannot be otherwise under the complex conditions in which we must work according to the division of labor. And if we did not have the division of labor, we would not have modern life with all the necessities we require; we would have no progress. It is not possible for the old relationship between people and their products to exist.
[ 41 ] Aber der Mensch braucht eine Beziehung zu seiner Arbeit. Der Mensch hat nötig, daß Freude zwischen ihm und seiner Arbeit, daß eine gewisse Hingabe an seine Arbeit bestehen kann. Die alte Hingabe, das unmittelbare Beisammensein mit dem hervorgebrachten Objekte, das ist nicht mehr, das muß aber durch etwas anderes ersetzt werden. Denn das ist nicht erträglich für die menschliche Natur, daß nicht ein ähnlicher Antrieb zur Arbeit da sei, wie er da war durch die Freude am unmittelbaren Hervorbringen des Objektes. Das muß durch etwas anderes ersetzt werden. Durch was kann es ersetzt werden? Es kann allein dadurch ersetzt werden, daß der Horizont der Menschen vergrößert wird, daß die Menschen herausgerufen werden auf einen Plan, auf den sie mit ihren Mitmenschen in großem Kreise — zuletzt mit allen Mitmenschen, die den gleichen sozialen Organismus mit ihnen bewohnen — zusammentreffen werden, um als Mensch für den Menschen Interesse zu entwickeln. Das muß eintreten, daß selbst derjenige, der in dem verborgensten Winkel an einer einzelnen Schraube für einen großen Zusammenhang arbeitet, mit seinem persönlichen Verhältnisse nicht in dem Anblick dieser Schraube aufzugehen braucht, sondern daß er hineintragen kann in seine Werkstätte, was er als Gefühle für die anderen Menschen aufgenommen hat, daß er es wiederum findet, wenn er herausgeht aus seiner Werkstatt, daß er eine lebendige Anschauung hat von seinem Zusammenhang mit der menschlichen Gesellschaft, daß er arbeiten kann, auch wenn er nicht für das unmittelbare Produkt mit Freude arbeitet, aus dem Grunde, weil er sich als ein würdiges Glied innerhalb des Kreises seiner Mitmenschen fühlt.
[ 41 ] But people need a connection to their work. People need there to be joy between themselves and their work—a certain devotion to their work. That old sense of devotion—that direct connection with the object one has created—no longer exists, but it must be replaced by something else. For it is intolerable to human nature that there should be no motivation for work similar to that which existed through the joy of directly creating the object. This must be replaced by something else. By what can it be replaced? It can be replaced only by broadening people’s horizons, by calling people forth onto a stage where they will meet with their fellow human beings in a large circle—ultimately with all fellow human beings who inhabit the same social organism with them—in order to develop an interest in one another as human beings. This must come to pass: even the person who, in the most hidden corner, works on a single screw for a larger whole need not lose himself in the sight of that screw through his personal circumstances, but may carry into his workshop what he has absorbed as feelings for other people, and may find it again when he steps out of his workshop; that he has a vivid sense of his connection to human society; and that he can work—even if he does not take joy in the immediate product—simply because he feels himself to be a worthy member within the circle of his fellow human beings.
[ 42 ] Und aus diesem Drange ist hervorgegangen die moderne Forderung nach Demokratie und die moderne Art, auf demokratische Weise das Recht, das öffentliche Recht festzulegen. Die Dinge hängen innerlich mit dem Wesen der Menschheitsentwickelung zusammen. Und diese Dinge kann nur durchschauen, wer in das Wesen der Menschheitsentwickelung, wie sie sich auf sozialem Boden abspielt, wirklich hineinzuschauen die Neigung hat. Man muß fühlen, wie der Horizont der Menschen erweitert werden müßte, wie Sie fühlen müßten: Gewiß, ich weiß nicht, was ich meinen Mitmenschen tue, indem ich diese Schraube hier fabriziere, aber ich weiß, daß ich durch die lebendigen Beziehungen, in die ich durch das öffentliche Recht mit ihnen komme, innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung ein würdiges Mitglied, ein mit allen anderen gleich geltendes Mitglied bin.
[ 42 ] And it is from this impulse that the modern demand for democracy and the modern way of democratically establishing public law have emerged. These matters are intrinsically linked to the nature of human development. And only those who have a genuine inclination to look deeply into the nature of human development—as it unfolds in the social sphere—can truly understand these matters. One must sense how the horizon of human beings ought to be broadened, how they ought to feel: Certainly, I do not know what I am doing for my fellow human beings by manufacturing this screw here, but I know that through the living relationships I enter into with them via public law, I am a worthy member within the social order—a member who is equally valued alongside all others.
[ 43 ] Das ist es, was zugrunde liegen muß der modernen Demokratie, und was zugrunde liegen muß, als von Gefühl zu Gefühl zwischen Menschen wirkend, den modernen öffentlichen Rechtssatzungen. Und nur dadurch, daß man so in das innere Gefüge des Menschen hineinschaut, kommt man zu wirklich modernen Begriffen von dem, was sich als öffentliches Recht auf allen Gebieten entwickeln muß. Im Genaueren werden wir darüber noch im fünften Vortrag zu sprechen haben. Jetzt aber will ich Ihnen zum Schlusse noch zeigen, wie das Gebiet der Rechtsfindung hinüberspielt von dem eigentlichen Rechtsboden auf den Geistesboden.
[ 43 ] This is what must underlie modern democracy, and what must underlie modern public legal statutes, operating from one human emotion to another. And it is only by looking into the inner structure of the human being in this way that one arrives at truly modern concepts of what must develop as public law in all areas. We will discuss this in more detail in the fifth lecture. But now, in conclusion, I would like to show you how the realm of legal reasoning extends from the actual legal realm to the realm of the spirit.
[ 44 ] Man kann, indem man einfach die Verhältnisse durchblickt, die ich Ihnen jetzt charakterisiert habe, sehen, wie durch das Abschleifen von Gefühl an Gefühl zwischen gleichberechtigten Menschen auf demokratischem Boden die Gesetze entstehen, währenddem auf dem Wirtschaftsboden die Verträge zwischen den Koalitionen oder auch zwischen den einzelnen Menschen entstehen. Von dem Augenblicke an, wo es sich darum handelt, daß der einzelne zivilrechtlich, privatrechtlich oder sonst irgendwie, auch strafrechtlich, sein Recht zu suchen hat oder zu finden hat, in diesem Augenblicke geht das Recht über von dem eigentlichen Rechtsboden auf den Boden des Geisteslebens. Da liegt wiederum ein Punkt - geradeso wie bei der Steuergesetzgebung —, wo das moderne menschliche Vorstellen sich noch lange nicht anbequemen wird an das, was sich eigentlich, wenn man auf die Grundverhältnisse eingeht, als ein Selbstverständliches ergibt.
[ 44 ] By simply understanding the circumstances I have just described to you, one can see how laws arise through the gradual refinement of feelings among equals on democratic ground, whereas in the economic sphere, contracts arise between coalitions or even between individuals. From the moment it becomes a matter of the individual having to seek or find his rights—whether under civil law, private law, or in any other way, including criminal law—at that very moment, the law shifts from the realm of law itself to the realm of spiritual life. Here, too, there is a point—just as with tax legislation—where the modern human mental image is still far from coming to terms with what, when one examines the fundamental relationships, actually turns out to be self-evident.
[ 45 ] Sehen Sie, wenn es sich darum handelt, zu beurteilen, wie ein Gesetz, das gegeben ist, auf den einzelnen Menschen anzuwenden ist, da kommt die individuelle Beurteilung dieses einzelnen Menschen in Betracht; da kommt in Betracht, daß man wirklich durch seine geistigen Fähigkeiten eingehen kann auf diesen einzelnen Menschen. Die Strafrechtspflege, die Zivilrechtspflege, die kann nicht auf dem allgemeinen Rechtsboden stehen, die muß auf den Boden gerückt werden, dessen tiefere Eigentümlichkeit ich übermorgen bei der Besprechung des Geisteslebens klarlegen werde. Sie kann nur dadurch Rechts-Tat werden, daß jeder, der zum Richter wird, wirklich auch in die Lage versetzt wird, aus den individuellen Fähigkeiten, ja den individuellen Beziehungen zu dem Menschen, über den er zu richten hat, heraus zu richten. Vielleicht könnte man sich denken, daß so etwas auf die verschiedenste Art erreicht werden kann. Ich habe in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» darauf aufmerksam gemacht, wie es auf eine Art erreicht werden kann.
[ 45 ] You see, when it comes to assessing how a given law is to be applied to an individual, the individual assessment of that person comes into play; what matters is that one can truly engage with that individual through one’s spiritual faculties. Criminal justice and civil justice cannot be based on general legal principles; they must be grounded in a foundation whose deeper nature I will clarify the day after tomorrow when discussing spiritual life. It can only become a legal act if everyone who becomes a judge is truly enabled to judge based on the individual capacities—indeed, the individual relationships—with the person over whom they are to pass judgment. Perhaps one might imagine that such a thing could be achieved in a variety of ways. In my Key Points of the Social Question, I drew attention to how it can be achieved in one particular way.
[ 46 ] Es besteht im dreigliederigen sozialen Organismus die selbständige, Ihnen gestern charakterisierte Wirtschaftsverwaltung, es besteht der demokratische Rechtsboden, den ich heute skizziert habe und den ich im fünften Vortrag weiter auszuführen haben werde in seiner Wechselwirkung mit den anderen Gebieten. Es besteht aber auch das selbständige Geistesleben, wo vor allen Dingen das Unterrichts- und Erziehungswesen verwaltet wird in der Weise, wie ich es gestern angedeutet habe und übermorgen weiter ausführen werde. Diejenigen nun, die die Verwalter des Geisteslebens sind, werden zu gleicher Zeit die Richter zu stellen haben, und jeder Mensch wird das Recht und die Möglichkeit haben — sagen wir sogar bloß für Zeitdauer — sich zu bestimmen, von welchem Richter er abgeurteilt sein will, wenn er in die Lage kommt, für irgend etwas Zivil- oder Strafrechtliches abgeurteilt zu werden. Da wird aus den wirklichen individuellen Verhältnissen heraus der Mensch sich seinen Richter bestimmen. Da wird der Richter, der nicht ein juristischer Bürokrat ist, sondern der aus dem geistigen Organismus heraus bestellt wird, aus den Zusammenhängen, in die er mit seiner Umgebung in sozialer Beziehung versetzt ist, auch feststellen können, wie aus der sozialen Umgebung heraus derjenige zu beurteilen ist, über den zu richten ist. Es wird sich darum handeln, daß nicht aus staatlichen Bedürfnissen heraus die Richter bestellt werden, sondern daß die Gründe, aus denen heraus man einen Richter bestellt, ähnliche sind wie die, die man im freien Geistesleben geltend macht dafür, daß man den besten Erzieher an irgendeinen Platz hinbringt. Das Richterwerden wird etwas ähnliches sein wie das Lehrer- und Erzieherwerden.
[ 46 ] Within the threefold social organism, there is the independent economic administration that I described to you yesterday; there is the democratic legal foundation that I have outlined today and which I will elaborate on further in the fifth lecture in terms of its interaction with the other spheres. But there is also the independent spiritual life, where, above all, the system of teaching and education is administered in the manner I indicated yesterday and will elaborate on the day after tomorrow. Now, those who are the administrators of spiritual life will at the same time have to appoint the judges, and every person will have the right and the opportunity—let us say, even if only for a limited time—to choose which judge they wish to be judged by, should they find themselves in a situation where they are to be judged for any civil or criminal matter. Based on their actual individual circumstances, people will choose their own judge. The judge—who is not a legal bureaucrat but is appointed from within the spiritual organism, based on the social relationships in which the individual is situated—will also be able to determine, from the context of that person’s social environment, how the person to be judged should be assessed. The point will be that judges are not appointed based on the needs of the state, but rather that the reasons for appointing a judge are similar to those invoked in free spiritual life for placing the best educator in a particular position. Becoming a judge will be similar to becoming a teacher or educator.
[ 47 ] Natürlich drängt sich dadurch die Rechtsfindung ab von der Feststellung des Rechtes, die auf demokratischem Wege erwächst. Wir sehen gerade an diesem Beispiel der Strafrechtspflege, wie aus der Demokratie dasjenige herauswächst, was individuelle Angelegenheit des Menschen ist, was auch individuellerweise beurteilt werden muß. Die Feststellung des Rechtes ist ja im eminentesten Sinne eine soziale Angelegenheit. In dem Augenblicke, wo man genötigt ist, sich an einen Richter zu wenden, hat man es in der Regel mit einer über- oder antisozialen Angelegenheit zu tun, mit etwas, was aus dem sozialen Leben herausfällt. Solche Angelegenheiten sind im Grunde genommen alle individuellen Angelegenheiten der Menschen. Solche Angelegenheiten sind die Verwaltungszweige des geistigen Lebens, und unter diesen auch die Verwaltung der Rechtsfindung. Die Rechtsfindung wächst heraus, über die Grenzen der Demokratie hinweg.
[ 47 ] Of course, this shifts the focus of the adjudication of law away from the determination of law, which arises through democratic processes. It is precisely in this example of the administration of criminal justice that we see how democracy gives rise to that which is a matter of the individual and which must also be judged on an individual basis. The determination of the law is, after all, a social matter in the most eminent sense. The moment one is compelled to turn to a judge, one is generally dealing with a supra-social or anti-social matter—something that falls outside the realm of social life. Such matters are, at their core, all individual matters of human beings. Such matters constitute the administrative branches of intellectual life, including the administration of the adjudication of law. The adjudication of law extends beyond the boundaries of democracy.
[ 48 ] So handelt es sich darum, in Realität herzustellen, was zwischen Menschen als Realität das Rechtsleben bewirkt. Dann wird dieses Rechtsleben kein Überbau sein des Wirtschaftslebens, sondern dann wird dieses Rechtsleben hineinwirken in das Wirtschaftsleben. Niemals wird man durch eine bloße theoretische Betrachtungsweise auf das kommen, was auf diesem Gebiete zu geschehen hat, sondern allein dadurch, daß man ins praktische Leben hineinschaut und sich sagt: Ein wirkliches Rechtsleben mit einer entsprechenden Stoßkraft kann nur entstehen, wenn man einen selbständigen Rechtsboden schafft. Dieser Rechtsboden ist verschwunden unter dem alles überflutenden Wirtschaftsleben. Das Rechtsleben ist ein Anhängsel des Wirtschaftslebens geworden. Es muß wiederum selbständig werden, wie auch das Geistesleben emanzipiert werden muß vom Wirtschaftsleben. Der große Irrtum muß überwunden werden zum Klarsehen in der sozialen Frage — der große Irrtum, daß man bloß die wirtschaftlichen Einrichtungen umzugestalten habe, dann ergäbe sich alles übrige von selbst. Dieser Irrtum ist dadurch entstanden, daß das wirtschaftliche Leben in der neueren Zeit allein mächtig geworden ist. Man läßt sich suggestiv beeinflussen von der einzigen Macht des Wirtschaftslebens. Man wird dadurch niemals zu einer Lösung bringen, was die soziale Frage ist. Die Menschen werden sich Illusionen hingeben, gerade die vom Proletariat. Sie werden aus dem Wirtschaftsleben heraussaugen wollen, was sie «gerechte Verteilung der Güter» nennen. Die gerechte Verteilung der Güter wird aber nur bewirkt werden, wenn im sozialen Organismus Menschen drinnenstehen, die Fähigkeiten haben, die entsprechenden Einrichtungen, durch die die wirtschaftlichen Forderungen befriedigt werden können, zu schaffen. Das kann nur geschehen, wenn man einsehen wird: Es handelt sich zur Befriedigung der sozialen Forderung nicht allein um die Umgestaltung des Wirtschaftslebens, sondern darum, die Frage zu beantworten: Was muß neben das Wirtschaftsleben hingestellt werden, damit fortdauernd dieses Wirtschaftsleben von den sozialen Menschen, die im Rechtsleben, im Geistesleben soziale Menschen werden, sozial gestaltet werde?
[ 48 ] The point, then, is to establish in reality what, as a reality, brings about legal life among people. Then this legal life will not be a superstructure of economic life, but will instead have a direct impact on economic life. One will never arrive at what needs to be done in this area through a merely theoretical approach, but only by looking into practical life and saying to oneself: A genuine legal life with the necessary driving force can only arise if an independent legal foundation is created. This legal foundation has disappeared beneath the all-encompassing economic life. Legal life has become an appendage of economic life. It must once again become independent, just as spiritual life must be emancipated from economic life. The great error must be overcome in order to see clearly the social question—the great error that one need only restructure the economic institutions, and then everything else would follow of its own accord. This error has arisen because economic life alone has become powerful in recent times. People allow themselves to be influenced by the sole power of economic life. This will never lead to a solution to the social question. People will succumb to illusions—especially those of the proletariat. They will seek to extract from economic life what they call the “just distribution of goods.” However, the just distribution of goods will only be achieved if the social organism includes people who have the ability to create the appropriate institutions through which economic demands can be met. This can only happen when people come to realize that satisfying social demands is not merely a matter of restructuring economic life, but of answering the question: What must be established alongside economic life so that this economic life may be continuously shaped in a social way by social human beings—those who become social human beings through their participation in legal and spiritual life?
[ 49 ] Das muß sich als die Wahrheit einem Aberglauben, einem Dogma entgegensetzen. Und diejenigen, die im Wirtschaftsleben die alleinigen Heilmittel suchen für eine Gesundung des sozialen Lebens, müssen verwiesen werden auf den Geist und auf das Recht. Nicht träumen sollen sie davon, als ob das Recht nur ein Rauch wäre, der aufsteigt aus dem Wirtschaftsleben, sondern wirklichkeitsgemäß denken: Gerade weil das Recht und das Rechtsbewußtsein zurückgetreten sind in der neueren Zeit durch die Überflutung des Wirtschaftslebens, haben wir zur sozialen Gestaltung unseres gesellschaftlichen Organismus nötig die reale Schöpfung eines Rechtsorganismus mit der entsprechenden sozialen Stoßkraft.
[ 49 ] This truth must stand in opposition to superstition and dogma. And those who seek in economic life the sole remedy for the restoration of social life must be directed toward the spirit and the law. They should not delude themselves into thinking that the law is merely a wisp of smoke rising from economic life, but must think realistically: Precisely because the law and legal consciousness have receded in recent times due to the overwhelming influence of economic life, we need—for the social structuring of our social organism—the real creation of a legal organism with the corresponding social driving force.
Fragenbeantwortung nach dem dritten Vortrag
Q&A following the third presentation
[ 50 ] Es sind nun noch eine Anzahl von Fragen an mich gestellt worden. Die erste:
[ 50 ] I have now been asked a number of questions. The first:
[ 51 ] Wie kann durch ein auf selbständigem Boden beschlossenes Recht das Wirtschaftswesen geregelt werden?
[ 51 ] How can the economy be regulated by a law enacted on an independent basis?
[ 52 ] Nun ist es nur notwendig, daß man berücksichtigt, wie verschieden der hier gedachte dreigliederige Organismus ist von dem, was man im platonischen Staat findet als die Gliederung der Menschen eines sozialen Organismus in drei Stände: in den Nährstand, Wehrstand, Lehrstand. Ich habe es unter den mancherlei Mißverständnissen auch treffen müssen, daß Leute gesagt haben: Ja, diese Dreigliederung in einen geistigen Organismus, in einen Rechts- oder Staatsorganismus und in einen Wirtschaftsorganismus, das sei ja nur ein Aufwärmen des platonischen Prinzips von Lehrstand gleich geistiger Organismus — so glaubt man, Wehrstand gleich staatlicher rechtlicher Organismus, Nährstand gleich wirtschaftlicher Organismus. Das ist durchaus nicht so. Es ist das Gegenteil davon. Bei der Dreigliederung des sozialen Organismus handelt es sich nämlich darum, daß die Verwaltungen der betreffenden Zweige des menschlichen Lebens voneinander getrennt werden, daß also nicht etwa die Menschen gegliedert werden in Stände, sondern daß dasjenige, was vom Menschen abgesondert ist, die Verwaltung der Einrichtungen, in drei Glieder zerfällt, die ja zusammenzuwirken haben gerade durch den lebendigen Menschen. Der lebendige Mensch steht ja in allen drei Gebieten drinnen. Es ist nach und nach in der Menschheit das Bewußtsein entstanden, daß es eigentlich nicht menschenwürdig ist, Klassenunterschiede, Standesunterschiede und so weiter zu entwickeln. In der Realität werden diese nur überwunden werden, wenn man den sozialen Organismus nach dem Objektiven gliedert, nach dem, was vom Menschen abgesondert ist.
[ 52 ] Now it is simply necessary to take into account how different the threefold organism envisaged here is from what is found in the Platonic state as the division of the people of a social organism into three classes: the class of producers, the class of warriors, and the class of teachers. Among the various misunderstandings, I have also encountered people who have said: “Yes, this threefold division into a spiritual organism, a legal or state organism, and an economic organism is merely a rehash of the Platonic principle that the teaching class equals the spiritual organism—and so it is believed that the military class equals the state-legal organism, and the productive class equals the economic organism.” That is by no means the case. It is quite the opposite. For the threefold division of the social organism is, in fact, about separating the administrations of the respective branches of human life from one another—that is, it is not a matter of dividing people into estates, but rather of ensuring that what is separate from the human being—the administration of institutions—is divided into three parts, which must work together precisely through the living human being. The living human being is, after all, present in all three spheres. Gradually, the awareness has arisen within humanity that it is actually undignified to develop class distinctions, social distinctions, and so on. In reality, these will only be overcome if the social organism is structured according to the objective, according to that which is separate from the human being.
[ 53 ] So muß man sich zum Beispiel folgendes vorstellen. Ich werde im fünften Vortrag über Ähnliches noch zu sprechen haben. Wer eine Anschauung von dem wirklich freien Geistesleben gewinnt, der wird durchschauen können, wie dieses wirklich freie Geistesleben gar nicht jene Abstraktheit hat, die vielfach das heutige Geistesleben hat. Sie kennen heute, oder könnten sie wenigstens kennen, allerlei philosophische, religiöse Weltanschauungen und dergleichen. Denken Sie nur, wie abstrakt, wie lebensfremd diese Weltanschauungen geworden sind. Man braucht sich nur daran zu erinnern, wie heute ein Mensch seine ethischen, ästhetischen, wissenschaftlichen, religiösen Anschauungen haben kann als Kaufmann, als Staatsmann, als Industrieller, als Landwirt, und daneben hat er die Verwaltung seines Amtes, seiner Wirtschaft und so weiter. Ja, beides läuft gewissermaßen nebeneinander her. Eines ragt nicht in das andere hinein. Das rührt davon her, daß wir im Grunde genommen heute noch immer auf dem Gebiete des Geisteslebens die Fortsetzung des alten griechischen Geisteslebens haben, das aus ganz anderen sozialen Verhältnissen hervorgegangen ist. Das wissen die Menschen zum großen Teile nicht, aber wir haben tatsächlich in unserer sozialen Gesinnung die Fortsetzung des griechischen Geisteslebens, das darauf beruhte, daß ein vollständig menschenwürdiges Dasein nur derjenige führt, der eigentlich nicht arbeitet, der nur für Politik sorgt und höchstens Landwirtschaft beaufsichtigt und dergleichen. Derjenige, der arbeitete, der gehörte eigentlich nicht in Wirklichkeit zu den Menschen, die im höheren Sinne in Betracht kommen. Beim Griechen lag es gewissermaßen im Blute, sich so zum Menschtum zu stellen, und danach richtete sich sein ganzes Geistesleben ein. Das griechische Geistesleben ist nicht anders denkbar, denn als Oberbildung über eine breite Unterbildung von Leuten, die nicht an diesem Geistesleben teilnehmen konnten, die nicht das griechische Geistesleben als solches hatten.
[ 53 ] For example, one must create a mental image of the following. I will have more to say about something similar in the fifth lecture. Anyone who gains an insight into the truly free spiritual life will be able to see that this truly free spiritual life does not at all possess the abstractness that is so often characteristic of today’s spiritual life. Today you are familiar with—or at least could be familiar with—all sorts of philosophical and religious worldviews and the like. Just think how abstract, how detached from life these worldviews have become. One need only recall how, today, a person can hold ethical, aesthetic, scientific, and religious views as a merchant, a statesman, an industrialist, or a farmer—and at the same time manage the affairs of their office, their business, and so on. Yes, in a sense, both run parallel to one another. One does not encroach upon the other. This stems from the fact that, fundamentally speaking, we still have today, in the realm of spiritual life, a continuation of the ancient Greek spiritual life, which emerged from entirely different social conditions. Most people are unaware of this, but in our social outlook we do in fact have a continuation of Greek spiritual life, which was based on the idea that a truly dignified existence is led only by those who do not actually work, who concern themselves solely with politics and, at most, supervise agriculture and the like. Those who worked did not, in reality, belong to the category of people who are considered worthy in the higher sense. For the Greeks, this attitude toward humanity was, so to speak, in their blood, and their entire intellectual life was organized accordingly. Greek intellectual life is inconceivable as anything other than a higher culture superimposed upon a broad lower culture of people who could not participate in this intellectual life, who did not possess Greek intellectual life as such.
[ 54 ] Aber diese Anschauung vom Geistesleben ist in unserem Gefühl geblieben. Man braucht über solche Dinge wahrhaftig nicht mit Leidenschaft zu urteilen, aber man kann sie berücksichtigen: die leitenden, führenden Kreise haben sich oftmals in sehr abstrakter Weise mit dem beschäftigt, was menschliche Brüderlichkeit ist, Nächstenliebe ist und so weiter. Nehmen wir ein drastisches Beispiel. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, wo die Leute auch vom Standpunkt ihrer religiösen, ihrer ethischen Weltanschauung aus über Nächstenliebe, über Brüderlichkeit nachgedacht haben, hat man eine statistische Aufnahme gemacht über die Schäden der Bergarbeit in England. Da hat sich herausgestellt, daß in der Tat in die Bergschächte neun-, elf-, dreizehnjährige Kinder vor dem Aufgang der Sonne hinuntergelassen und nach dem Untergang der Sonne erst wieder heraufgeholt worden sind, so daß die armen Kinder den ganzen Tag über nicht das Sonnenlicht gesehen haben, die ganze Woche nicht, nur am Sonntag. Ja, bei den Kohlen, die auf diese Weise zutage gefördert worden sind, in gut geheizten Zimmern, haben sich dann die gebildeten Klassen unterhalten in ihrer lebensfremden Weltanschauung über Brüderlichkeit, über Nächstenliebe, haben ihre ethischen Ansichten entwickelt, haben sogar entwickelt, daß ein ethischer Mensch nur derjenige ist, welcher ohne Unterschied des Standes und so weiter alle seine Mitmenschen liebt.
[ 54 ] But this view of spiritual life has remained in our consciousness. One truly need not judge such matters with passion, but one can take them into account: the leading circles have often dealt in a very abstract way with what human brotherhood is, what charity is, and so on. Let’s take a striking example. In the mid-19th century, when people were also reflecting on charity and brotherhood from the perspective of their religious and ethical worldviews, a statistical survey was conducted on the hazards of mining in England. It turned out that, in fact, nine-, eleven-, and thirteen-year-old children were lowered into the mine shafts before sunrise and not brought back up until after sunset, so that the poor children did not see sunlight all day, nor all week—only on Sunday. Indeed, while the coal extracted in this manner was being burned in well-heated rooms, the educated classes entertained themselves in their unrealistic worldview with discussions of brotherhood and charity, developed their ethical views, and even came to believe that an ethical person is only one who loves all his fellow human beings without distinction of social status or the like.
[ 55 ] Aber ein solches Geistesleben — und im Grunde genommen geht dieser Zug durch unser ganzes Geistesleben - ist ein lebensfremdes Geistesleben. Das ist das Geistesleben, das man im Inneren führt, das nicht die Stoßkraft hat, bis ins Leben hinein sich zu erstrecken. Bedenken Sie, welche Kluft besteht zwischen dem, was der Kaufmann darlebt in seiner ästhetischen, seiner religiösen Bildung, und dem, was er notifiziert in seinem Kassenbuch. Da steht zwar auch auf der ersten Seite: «Mit Gott», aber es ist wenig bekannt mit dem Gott, den er da in seinem Herzen verehrt.
[ 55 ] But such an intellectual life—and, when you get right down to it, this trait runs through our entire intellectual life—is an intellectual life detached from reality. It is the intellectual life one leads inwardly, one that lacks the momentum to extend into actual life. Consider the gulf that exists between what the merchant experiences in his aesthetic and religious education and what he records in his ledger. Although the first page also reads, “With God,” he knows very little about the God he worships in his heart.
[ 56 ] Nun, sehen Sie, da haben Sie die tiefe Kluft zwischen dem abstrakten Geistesleben und der äußeren konkreten Wirklichkeit. An diese Kluft hat man sich heute gewöhnt als an etwas Selbstverständliches. Es gibt Philosophen, Ethiker, die behandeln Wohlwollen, die behandeln Güte, Nächstenliebe und alles mögliche. Aber nehmen Sie ein solches philosophisches Buch und fragen Sie, wie man zum Beispiel irgendeine Bank gestalten soll, so können Sie daraus nicht irgendeine Anleitung haben, wie man die Bank gestalten soll. Ein Geistesleben, das wirklich emanzipiert ist, auf seine eigenen Füße gestellt ist, das wird wiederum verbinden Lebenspraxis mit dem geistigen Betriebe, mit demjenigen, was Geistesleben ist.
[ 56 ] Well, you see, there you have the deep chasm between abstract intellectual life and external, concrete reality. Today, people have grown accustomed to this chasm as something that goes without saying. There are philosophers and ethicists who discuss benevolence, goodness, charity, and all sorts of things. But if you take such a philosophical book and ask, for example, how one should design a bank, you won’t find any guidance in it on how to design the bank. An intellectual life that is truly emancipated—one that stands on its own two feet—will, in turn, connect the practice of life with intellectual activity, with that which constitutes intellectual life.
[ 57 ] Wer namentlich den übermorgigen Vortrag hören wird von mir, wird nicht glauben, daß ich in irgendeiner Nuance nur dem Geistesleben einen materialistischen Zug geben will. Das gerade Gegenteil, werden Sie sehen, wird der Fall sein. Aber gerade wenn man das nicht will, wenn man das Geistesleben auf seine geistigen Grundlagen stellen will, dann kann das einen nicht dazu verleiten, das materielle Leben wie etwas dem Geistesleben Fremdes zu behandeln, sondern den Geist so zu behandeln, daß er untertauchen kann in die unmittelbare Wirklichkeit. Darüber sind heute schon Menschen erstaunt, wenn man zu ihnen im Konkreten so spricht.
[ 57 ] Anyone who, in particular, will hear my lecture the day after tomorrow will not believe that I intend, in any way whatsoever, to give spiritual life a materialistic character. You will see that the exact opposite will be the case. But precisely when one does not want that—when one wants to ground spiritual life on its spiritual foundations—this cannot lead one to treat material life as something alien to spiritual life, but rather to treat the spirit in such a way that it can immerse itself in immediate reality. People are already astonished by this today when one speaks to them in such concrete terms.
[ 58 ] Zum Beispiel fragte mich ein Industrieller: «Ja, also, Sie wollen, daß zum Beispiel an den Praktiker, der in einem praktischen Beruf arbeitet, drinnen sich auskennt, wenn er die Eignung hat — wenn die geistige Verwaltung findet, daß er die Eignung hat -, mag er fünfunddreißig, vierzig Jahre alt sein, der Ruf ergeht, ganz gleichgültig auf welchem Wissensgebiete es ist, nun zu lehren an irgendeiner höheren oder niedereren Schule eine gewisse Zahl von Jahren.» Dann tritt er wieder aus der Praxis heraus! Das Geistesleben ist getrennt vom Wirtschaftsleben. ‚Aber der Wirtschaftende verwendet gerade dasjenige, was er sich aneignet im getrennten Geistesleben: Ein fortwährendes Hinüber und Herüber.
[ 58 ] For example, an industrialist asked me: “Well, you want, for instance, the practitioner who works in a practical profession knows his way around the field—if he has the aptitude—if the spiritual administration determines that he has the aptitude—whether he is thirty-five or forty years old—the call goes out, regardless of the field of knowledge, for him to teach at some higher or lower school for a certain number of years.” Then he steps back out of practical work! Spiritual life is separate from economic life. “But the economic actor makes use of precisely what he acquires in the separate spiritual life: a constant back-and-forth.”
[ 59 ] «Aber es ist doch so, daß der Mensch seinen Fähigkeiten nach auf einen eingeschränkten Posten gestellt werden muß. Sehen Sie, ich habe einen Menschen in meinem Geschäft, in meiner Fabrik, der ist ganz so geschaffen, daß er immer fordert, ich soll für ihn ein chemisches Laboratorium einrichten, in dem er einzig und allein Experimente machen kann. Die Menschen sind eben verschiedenartig!» Sie sind es, sie sind verschieden geartet, weil sie durch die Verhältnisse der neueren Zeit so erzogen sind. In Wahrheit kann niemand wirklich im Geistesleben drinnenstehen, der nicht auch im praktischen Leben seinen Mann stellen kann. Nur dann, wenn man den Geist überall hineintragen kann ins praktische Leben, dann kann man auch im Geistesleben seinen Mann stellen.
[ 59 ] “But the fact is that people must be assigned to positions commensurate with their abilities. You see, I have someone in my business, in my factory, who is just the type of person who is always demanding that I set up a chemistry lab for him where he can do nothing but conduct experiments. People are simply different!” They are different because they have been raised in this way by the circumstances of modern times. In truth, no one can truly be at home in spiritual life unless they can also hold their own in practical life. Only when one can bring the spirit into every aspect of practical life can one also hold one’s own in spiritual life.
[ 60 ] So wird gerade dadurch, daß dasjenige, was vom Menschen getrennt ist, dreigliederig wird, das Getrennte durch den Menschen zusammengeführt. Wenn also im demokratischen Staatswesen das Recht entsteht, so werden die Menschen, die dann im Wirtschaftsleben tätig sind, das Recht hineintragen ins Wirtschaftsleben, werden solche Einrichtungen machen, die dem Rechte entsprechen. Durch die lebendigen Menschen wird es hineingetragen, nicht durch die abstrakten Maßnahmen und dergleichen. Das ist es, um was es sich handelt: wiederum die sozialen Einrichtungen auf die Grundlage des lebendigen Menschen zu stellen. Das möchte ich auf diese Frage erwidern.
[ 60 ] Thus, precisely because that which is separate from the human being becomes threefold, the separated elements are brought together by the human being. So when law arises in a democratic state, the people who are then active in economic life will carry that law into economic life and establish institutions that correspond to that law. It is carried into economic life by living human beings, not by abstract measures or the like. That is what this is all about: once again placing social institutions on the foundation of the living human being. That is my answer to this question.
[ 61 ] Sehen Sie, auch auf den einzelnen Gebieten wird sich ergeben, daß das Wissen wirklich dem Leben fruchtbar gemacht werden kann. Sehen Sie sich heute eine große Anzahl von Universitäten an. Da wird auch Pädagogik gelehrt. Nun ja, so im Nebenfach lehren die Philosophen Pädagogik, wovon sie in der Regel wenig verstehen. In einem gesunden sozialen Organismus wird irgendein geeigneter Schullehrer, der praktisch den Unterricht zu handhaben versteht, zwei oder drei Jahre Pädagogik zu lehren haben; dann wird er wiederum zurückkehren zu seinem praktischen Fach. So wird es im ganzen Leben sein. Dadurch, daß dasjenige, was vom Menschen getrennt ist, dreifach gegliedert ist, dadurch wird man gerade in der Lage sein, daß der Mensch in jedes dieser Gebiete dasjenige hineinträgt, was sich in seiner Selbständigkeit im anderen Gebiete auslebt.
[ 61 ] You see, even in individual fields it will become apparent that knowledge can truly be put to fruitful use in life. Take a look at a large number of universities today. Education is taught there as well. Well, philosophers teach pedagogy as a minor subject, about which they generally understand very little. In a healthy social organism, any suitable schoolteacher who knows how to handle instruction in practice will be required to teach pedagogy for two or three years; then he will return to his practical subject. This is how it will be throughout life. Because that which is separate from the human being is divided into three parts, this is precisely what enables the human being to bring into each of these areas that which is fully realized in his or her independence within the other area.
[ 62 ] Die zweite Frage:
[ 62 ] The second question:
[ 63 ] Wer richtet in handelsgerichtlichen Angelegenheiten, wohl nicht Räte aus dem Kulturgebiet allein, die der Fachkenntnisse ermangeln, nicht Fachexperten allein?
[ 63 ] Who adjudicates commercial court matters—surely not just council members from the cultural sphere who lack specialized knowledge, nor just technical experts?
[ 64 ] Im Grunde genommen ist viel von dieser Frage schon beantwortet mit dem, was ich eben jetzt gesagt habe. Durch die Gestaltung unseres Geisteslebens wird einer so vorgebildet, wie er sein muß, damit er ein richtiger Referendar ist, damit er ein richtiger Kaufmann ist und dergleichen. Es handelt sich darum, daß eben im dreigliederigen sozialen Organismus, mit dem selbständigen Geistesleben, nicht so unterrichtet werden wird, sondern daß der Mensch tatsächlich durch die Art und Weise, wie das Geistesleben seine eigenen Bedingungen stellt, zu einer gewissen Lebenspraxis kommen wird, und daß er diese Lebenspraxis auch wird ausgestalten können. Man braucht ja durchaus nicht ein sachgemäßes Urteil auf jedem Gebiete zu haben. Das ist es gerade, was nicht sein kann und worauf nicht gerechnet werden darf. Daß der richtige Mensch in einem Handelsgerichte sitzt, dafür wird allerdings aus der geistigen Verwaltung heraus zu sorgen sein, weil in der geistigen Verwaltung drinnen auch diejenigen Menschen sitzen werden, die etwas von den Handelsgesetzen verstehen. Es wird, was Wissen ist, nicht in Fächern in dieser Weise zentralisiert wie heute, sondern es wird durch dasjenige, wie die Menschen untereinander sind in den Korporationen der geistigen Organisation, möglich sein, solch ein Gericht in der entsprechenden Weise zusammenzusetzen, sachgemäß zusammenzusetzen, nicht aus irgendwelchem wirtschaftlichem Bedürfnis heraus und dergleichen.
[ 64 ] Essentially, much of this question has already been answered by what I have just said. Through the shaping of our spiritual life, a person is formed in the way he must be in order to be a proper law clerk, a proper businessman, and so on. The point is that, within the threefold social organism—with its independent spiritual life—education will not be provided in the conventional sense; rather, through the way in which spiritual life sets its own conditions, a person will actually develop a certain way of living and will also be able to shape this way of life. After all, one certainly does not need to have a competent judgment in every field. That is precisely what cannot be the case and what must not be expected. It will, of course, be the responsibility of the spiritual administration to ensure that the right person sits on a commercial court, because within the spiritual administration there will also be people who understand something about commercial law. Knowledge will not be centralized into disciplines in the way it is today; rather, it will be possible—based on how people relate to one another within the corporations of the spiritual organization—to compose such a court in the appropriate manner, to compose it competently, not out of any economic necessity or the like.
[ 65 ] Wie kann man richtig die Bedürfnisse eines Menschen feststellen oder die richtige Wertschätzung eines von ihm erzeugten Gegenstandes bemessen, wo doch die Warenbedürfnisse des Menschen so verschieden sind?
[ 65 ] How can one accurately determine a person’s needs or assess the true value of an object they have produced, given that people’s material needs are so diverse?
[ 66 ] Gerade weil sie verschieden sind, müssen reale Einrichtungen geschaffen werden, welche darinnen bestehen, daß Menschen da sind, welche diese Bedürfnisse studieren, diese Bedürfnisse kennenlernen. Solche Dinge hängen nicht in der Luft, solche Dinge können durchaus auf einen realen Boden gestellt werden. Ein kleines Beispiel könnte ich Ihnen ja anführen. Es gibt eine Gesellschaft, sie steht sogar unterschrieben auf den Plakaten: die Anthroposophische Gesellschaft. Sie hat sich neben dem, was ihr manche Menschen zuschreiben, auch mit recht praktischen Angelegenheiten schon beschäftigt, die durchaus in der Linie liegen, wenn auch im kleinen, von dem, was ich hier über die soziale Frage auseinandergesetzt habe. So fand sich innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ein Mann, der Brot erzeugen konnte. Weil man gerade zur Verfügung hatte eine Korporation von Menschen, die ja natürlich auch Brotkonsumenten sind, eine Korporation von Anthroposophen, konnte man gewissermaßen eine Assoziation herbeiführen zwischen dem Mann als Broterzeuger und diesen Konsumenten; das heißt, er konnte sich in seiner Produktion nach den Bedürfnissen des Konsums richten, so, daß man die Bedürfnisse kennt und nach den vorhandenen Bedürfnissen dieProduktion durchaus einrichten kann. Das wird nicht der Markt tun, der das Ganze anarchisch zufällig gestaltet, sondern das kann nur geschehen, wenn Einrichtungen da sind, durch die Menschen, die die Bedürfnisse wirklich studieren, nach den Bedürfnissen die Produktion lenken, sie mit den Assoziationen regeln.
[ 66 ] Precisely because they are different, real institutions must be created—ones that consist of people who study these needs and come to understand them. Such things do not hang in the air; they can certainly be grounded in reality. I could give you a small example. There is an organization—its name is even printed on the posters: the Anthroposophical Society. In addition to what some people attribute to it, it has already dealt with quite practical matters that are very much in line—albeit on a small scale—with what I have discussed here regarding the social question. For example, within the Anthroposophical Society there was a man who could produce bread. Since there was already a group of people available—who are, of course, also bread consumers—a group of anthroposophists, it was possible, so to speak, to establish a connection between the man as a bread producer and these consumers; that is, he could tailor his production to consumer needs, so that the needs are known and production can be organized entirely according to those existing needs. This is not something the market will do—which shapes the whole process in an anarchic and haphazard manner—but it can only happen if there are institutions through which people who truly study these needs can direct production according to them and regulate it through these associations.
[ 67 ] Diese Feststellung der Bedürfnisse möchten sozialistische Denker heute nach der Statistik machen. Das kann nicht nach der Statistik gemacht werden. Das lebendige Leben läßt sich nie nach der Statistik formen, sondern allein nach dem unmittelbaren Beobachtungssinn der Menschen. Es müssen also innerhalb des Wirtschaftsorganismus die Menschen durch die sozialen Zustände in gewisse Ämter oder dergleichen gebracht werden, die da sind zur Verteilung der Bedürfniserkenntnisse an die Produktion. Gerade weil die Bedürfnisse verschieden sind, handelt es sich darum, nicht etwa eine Tyrannisierung der Bedürfnisse hervorzurufen, die ganz gewiß entstehen würde auf Grundlage des heutigen sozialdemokratischen Programms, sondern es handelt sich darum, aus den lebendigen Bedürfnissen zu erkennen, wie diese Bedürfnisse befriedigt werden sollen. Daß selbstverständlich gewisse Bedürfnisse dann nicht befriedigt werden können, das wird auch die Praxis als solche ergeben. Aus einem Dogma heraus, weil irgend jemand meint, dies oder das sei kein richtiges menschliches Bedürfnis, darf darüber nicht entschieden werden. Aber wenn eine Anzahl von Menschen Bedürfnisse haben, die nach Gütern rufen, zu deren Herstellung Menschen ausgenützt werden müßten — das wird sich gerade im lebendigen Wirtschaftsleben ergeben, das auf seine eigenen Füße gestellt ist-, wird man diese Güter nicht herstellen können, für die einzelne Bedürfnisse haben. Es wird sich gerade darum handeln, zu erfassen, ob die Bedürfnisse ohne Vernachlässigung, ohne Schaden für die menschlichen Kräfte wirklich berücksichtigt werden können.
[ 67 ] Socialist thinkers today would like to determine these needs based on statistics. This cannot be done based on statistics. Real life can never be shaped by statistics alone, but only through people’s immediate powers of observation. Therefore, within the economic organism, people must be placed—through social conditions—in certain positions or the like, which serve to convey the understanding of needs to the realm of production. Precisely because needs vary, the goal is not to bring about a tyranny of needs—which would certainly arise on the basis of today’s social democratic program—but rather to discern from these living needs how they should be satisfied. The fact that certain needs cannot be satisfied will, of course, become apparent in practice. Decisions must not be made based on dogma, simply because someone believes that this or that is not a genuine human need. But if a number of people have needs that call for goods whose production would require the exploitation of human labor—a situation that will arise precisely in a vibrant economic life that stands on its own two feet—then it will not be possible to produce those goods for which individuals have needs. The task will be precisely to determine whether these needs can truly be met without neglect and without harm to human capabilities.
[ 68 ] Wie denkt Dr. Steiner sich die praktische Verwirklichung der Dreigliederung? Ist es möglich, beim Bundesrat einzuwirken? Oder soll nach genügender Verbreitung der Gedanken ein Referendum stattfinden? Oder wird man abwarten müssen, bis Revolution und Bürgerkrieg die gegenwärtige Ordnung gestürzt haben werden?
[ 68 ] How does Dr. Steiner envision the practical implementation of the threefold social order? Is it possible to influence the Federal Council? Or should a referendum be held once these ideas have been sufficiently disseminated? Or will we have to wait until a revolution and civil war have overthrown the current order?
[ 69 ] Zunächst handelt es sich doch darum, ernst zu nehmen, daß hier eine neue Methode, wenigstens relativ neue Methode gegenüber den Methoden, die sonst eingehalten werden, eingeschlagen werden muß. Es handelt sich darum, daß nicht so, wie das bei den alten Parlamenten der Fall ist, Ziele angestrebt werden, sondern daß aus der Sache selbst heraus, ich möchte sagen, aus den Tendenzen des modernen Lebens heraus, erfaßt werde, was eigentlich die Menschen in ihrem Unterbewußtsein fordern, wenn sie sich auch nicht darüber klar sind. Und dann, wenn man in der Lage ist, das verständlich zu machen, um was es sich handelt, dann werden eine Anzahl von Menschen da sein, welche verstehen werden, was zu geschehen hat. Und wenn eine genügend große Anzahl von Menschen da ist, welche Verständnis dafür haben, was zu geschehen hat, dann werden sich, glaube ich, die Wege ergeben. Ich habe in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» gerade ausgeführt, wie an jedem Punkt des Lebens eigentlich angefangen werden kann mit dieser Dreigliederung, wenn man nur will, wenn man nur ihren Sinn wirklich versteht.
[ 69 ] First and foremost, we must take seriously the fact that a new method—or at least a relatively new method compared to those otherwise followed—must be adopted here. The point is not to pursue goals, as is the case with the old parliaments, but rather to grasp—from the matter itself, I would say, from the trends of modern life—what people actually demand in their subconscious, even if they are not aware of it. And then, when one is able to make it clear what this is all about, there will be a number of people who will understand what needs to happen. And when there is a sufficiently large number of people who understand what needs to happen, then, I believe, the paths will become clear. In my Key Points of the Social Question, I have just explained how this threefold structure can actually be applied to every aspect of life—if only one is willing, if only one truly understands its meaning.
[ 70 ] Daß nicht beabsichtigt wird, durch irgendeine Revolution herbeizuführen, was in der Dreigliederung lebt, das beruht auch auf einer geschichtlichen Betrachtung. Ich habe dabei eben das zu sagen, daß ja Umvwandelungen auf geistigen Gebieten - man nehme nur das Christentum - im Abendlande stattgefunden haben, daß auch auf politischen Gebieten Umwandelungen stattgefunden haben. Aber schon auf politischen Gebieten lassen die Umwandelungen gewisse Reste übrig. Heute denken die Menschen an wirtschaftliche Revolutionen - wir werden über die ganze Frage im fünften Vortrage noch zu sprechen haben, überhaupt in den nächsten Vorträgen -, aber solche Revolutionen werden alle dasSchicksal haben, das die Revolution des europäischen Ostens ganz gewiß haben wird: nur Abbau zu treiben, nicht Aufbau, das die ungarische Revolution hatte, das besonders die deutsche Revolution vom 9. November 1918 hat, die ja vollständig im Versanden ist, die im Versanden ist aus dem Grunde, weil sich deutlich zeigt, daß es heute wahrhaftig nicht darauf ankommt, irgendwelche gewaltigen Umwälzungen herbeizuführen, sondern Ideen zu haben, durch welche normale haltbare Zustände herbeigeführt werden.
[ 70 ] The fact that there is no intention to bring about through any kind of revolution what is alive in the threefold social order is also based on a historical perspective. What I have to say here is that transformations in spiritual realms—take Christianity, for example—have indeed taken place in the West, and that transformations have also taken place in the political realm. But even in the political realm, these transformations leave certain remnants behind. Today people think of economic revolutions—we will have to discuss the entire issue in the fifth lecture, and indeed in the upcoming lectures—but such revolutions will all share the fate that the revolution in Eastern Europe will most certainly face: they will only bring about destruction, not to build up—which is what the Hungarian Revolution did, and which the German Revolution of November 9, 1918, in particular, has done; a revolution that is, after all, completely fizzling out, fizzling out for the reason that it is clearly evident that what truly matters today is not bringing about any massive upheavals, but having ideas through which normal, sustainable conditions can be established.
[ 71 ] Bekennt sich eine genügend große Anzahl von Menschen zum Verständnisse einer solchen Sache, dann ergeben sich die Wege. Denn die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus ist nicht nur ein Ziel, sondern sie ist eben selbst ein Weg. Aber es handelt sich darum, daß man nicht etwa sich auf den Boden stellt, auf den sich so manche Leute stellen. Ich habe es zum Beispiel in gewissen Gebieten erlebt, als ich die Dreigliederung auseinandergesetzt habe, daß die Leute auch mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» gelesen haben. Sie haben das plausibel gefunden, was drinnensteht. Aber Leute aus dem radikalen Flügel der Linken haben gefunden: Ja, diese Dreigliederung ist sehr gut, aber da muß zuerst Revolution, Diktatur des Proletariats vorausgehen, dann werden wir auf die Dreigliederung zurückgreifen —und recht wohlwollend ist das gesagt worden -; jetzt aber bekämpfen wir sie bis aufs Messer! — Das war die Folgerung: Weil man eigentlich einverstanden ist, bekämpft man sie bis aufs Messer! Das ist mir ja vielfach entgegengetreten. Diese Dinge beruhen eigentlich durchaus auf einem falschen Denken: daß man irgend etwas machen kann, bevor Verständnis dafür geschaffen ist.
[ 71 ] If a sufficiently large number of people commit themselves to understanding such a matter, then the paths will emerge. For the idea of the threefold social order is not merely a goal; it is, in fact, a path in and of itself. But the point is that one must not take the stance that so many people adopt. For example, in certain areas where I have explained the threefold social order, I have found that people have also read my book The Core Points of the Social Question. They found what is written in it to be plausible. But people from the radical wing of the Left have said: Yes, this threefold social order is very good, but it must first be preceded by revolution and the dictatorship of the proletariat; then we will fall back on the threefold social order—and this was said quite sympathetically—but for now we will fight it tooth and nail! — That was the conclusion: Because one actually agrees with it, one fights it tooth and nail! I have encountered this many times. These things are actually based entirely on a false way of thinking: that one can do something before an understanding of it has been established.
[ 72 ] Besonders charakteristisch ist eine kleine Episode: Ich habe an einem Orte Süddeutschlands über diese Dinge gesprochen. Da trat ein Kommunist auf. Der Mann war eigentlich ein ganz netter Mensch. Aber er sagte ungefähr im Laufe seines Vortrags das Folgende zu seinen Zuhörern, er war auch ein ganz bescheidener Mensch nach seinem Oberbewußtsein, im Unterbewußtsein sehr, sehr erheblich weniger bescheiden: Sehen Sie, ich bin ein Schuhflicker. Ich weiß ganz gut, da ich ein Schuhflicker bin, daß ich nicht imstande bin, in der zukünftigen sozialen Gesellschaft ein Standesbeamter zu werden. Zum Standesbeamten, da braucht man einen, der dazu vorgebildet ist. - Aber der Mann, der hatte vorher in aller Ausführlichkeit seine Pläne entwickelt über die soziale Ordnung, woraus hervorging: zum Minister in dem Zukunftsstaate, dazu fühlte er sich wohl berufen - zum Standesbeamten nicht, wohl aber zum Minister!
[ 72 ] One small episode is particularly telling: I was speaking about these matters in a town in southern Germany. A communist then took the floor. The man was actually quite a nice person. But during the course of his talk, he said something like this to his audience—he was a very modest man on a conscious level, but on a subconscious level, he was far, far less modest: “You see, I’m a cobbler. Since I’m a cobbler, I know full well that I won’t be able to become a registrar in the future social order.” To be a registrar, you need someone who has been trained for that. — But this man had previously laid out his plans for the social order in great detail, from which it became clear: he felt well-suited to be a minister in the future state—but not a registrar, certainly not a minister!
[ 73 ] Daß solche Denkweise herrscht, das könnte ich Ihnen noch aus manchem anderen netten Beispiel beweisen. Aber es zeigt eben, daß es sich darum handelt, daß zunächst einmal wirklich Verständnis Platz greife für dasjenige, was der Inhalt der Dreigliederung ist. Dann werden sich die Wege ergeben. Und man sollte hoffen, daß dieses Verständnis Platz greifen könnte, ehe es zu spät ist. Wenn nur ein wenig die heutigen Menschen sich aufrütteln könnten zu dem Verständnis desjenigen, was notwendig ist, dann würde es schon dahin kommen. Dann würde man auch nicht eigentlich fragen, ob man beim Bundesrat vorstellig werden soll durch ein Referendum und dergleichen, sondern man würde wissen: Sobald genügend viel Menschen da sind, ist die Sache auch da - wenn genügend viel Menschen sie verstehen. Das ist es im Grunde genommen, was das Geheimnis gerade einer Gesellschaft ist, die nach Demokratie strebt: daß die Sache da ist, wenn sie wirklich inneres Verständnis findet und wenn sie wirklich innerlich klar ist. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 73 ] I could prove to you that this way of thinking prevails with many other good examples. But it simply shows that what is at stake is that, first and foremost, a genuine understanding of the content of the threefold social order must take root. Then the way forward will become clear. And one should hope that this understanding can take root before it is too late. If only a few people today could rouse themselves to understand what is necessary, then we would already be on our way. Then people wouldn’t really be asking whether they should appeal to the Federal Council through a referendum or the like, but they would know: As soon as there are enough people, the cause is there—if enough people understand it. That is, in essence, the secret of a society that strives for democracy: that the cause is there when it truly finds inner understanding and when it is truly clear within. That is what matters.
[ 74 ] Nun liegt die Frage vor:
[ 74 ] Now the question arises:
[ 75 ] Ist das Prinzip des Strafrechts nicht ein Überbleibsel?
[ 75 ] Isn't the principle of criminal law a relic?
[ 76 ] Weiter:
[ 76 ] Continue:
[ 77 ] Hat der Gedanke des Strafens eine Berechtigung gegenüber dem Gedanken der pädagogischen Besserung?
[ 77 ] Is the idea of punishment justified in comparison to the idea of educational reform?
[ 78 ] Es ist tatsächlich der Gedanke des Strafens einer der allerschwierigsten, und alle möglichen Antworten sind im Laufe der geschichtlichen Betrachtung gerade auf diese Frage gegeben worden. Auf einem solchen Boden, aus dem Ideen hervorgehen wie die der Dreigliederung des sozialen Organismus, ergeben sich auch gewisse Konsequenzen, die sich auf einem anderen Boden nicht ergeben. Alles einzelne, was innerhalb einer sozialen Ordnung geschieht, ist im Grunde genommen doch eine Konsequenz der ganzen sozialen Ordnung. So wie jedes Stück Brot, das ich erwerben kann, mit seinem Preis eine Konsequenz der ganzen sozialen Ordnung ist, so sind auch die Antriebe beim Strafen in der ganzen Struktur des sozialen Organismus drinnen begründet. Und gerade an dem Umstande, daß Strafen notwendig werden, gerade darinnen zeigt sich, daß im ganzen sozialen Organismus etwas ist, was eigentlich nicht drinnen sein soll. Wenn man, ich sage jetzt nicht, den dreigliederigen sozialen Organismus als solchen vertritt, sondern überhaupt aus solchen Impulsen eine praktische Weltanschauung entwickelt, aus der heraus man die Idee vom dreigliederigen sozialen Organismus gewinnt, dann ergibt sich eigentlich die Anschauung, daß man allerdings mit Bezug auf Strafe und Strafvollzug zu anderen Dingen kommen wird, und die Notwendigkeit des Strafens wird viel weniger eintreten, wenn solche Dinge sozial wirklich sind, wie sie zum Beispiel gerade in dem heutigen Vortrage gefordert worden sind. Das Strafrecht, das wie der Schatten eigentlich unsoziale Zustände begleitet, wird in sozialen Zuständen auf ein Minimum herunter reduziert werden können. Daher werden die Fragen, die heute auftauchen gegenüber dem Strafrecht, ob es ein Überbleibsel ist und dergleichen, auf einen ganz neuen Boden gestellt werden, wenn eine solche Umwälzung wirklich geschieht. Ich möchte sagen: Wenn der Mensch krank ist, so tut er gewisse Dinge; wenn er gesund ist, tut er andere Dinge. So ist es auch hier. Es weist hin die Notwendigkeit, zu strafen, auf gewisse Krankheitssymptome innerhalb des ganzen sozialen Organismus. Wenn man anstrebt, den sozialen Organismus gesund zu machen, so werden die Begriffe über Strafe, Strafrecht, Strafvollzug eben doch auf einen ganz anderen Boden gestellt werden können. Also ich möchte sagen: Man muß versuchen, in der ganzen Auseinandersetzung über die soziale Umwandelung die Antwort zu suchen auf dasjenige, was dann auch aus dem einzelnen, wie zum Beispiel Strafrecht oder Strafvollzug, wird.
[ 78 ] The concept of punishment is indeed one of the most difficult, and throughout history, all manner of answers have been offered specifically to this question. On such ground, from which ideas such as the threefold social order emerge, certain consequences arise that do not arise on any other ground. Every single event that occurs within a social order is, at its core, a consequence of the entire social order. Just as every loaf of bread I can purchase, with its price, is a consequence of the entire social order, so too are the impulses behind punishment rooted in the entire structure of the social organism. And it is precisely in the fact that punishment becomes necessary—precisely in this—that it becomes evident there is something within the entire social organism that should not actually be there. If one—and I am not now advocating the threefold social organism as such—but rather develops a practical worldview from such impulses, from which one derives the idea of the threefold social organism, then the view actually emerges that one will indeed arrive at different conclusions regarding punishment and the penal system, and the need for punishment will arise far less frequently if such things are truly realized socially, as has been called for, for example, in today’s lecture. Criminal law, which, like a shadow, actually accompanies antisocial conditions, will be able to be reduced to a minimum in truly social conditions. Therefore, the questions arising today regarding criminal law—whether it is a relic and the like—will be placed on an entirely new footing if such a transformation truly takes place. I would like to say: When a person is sick, they do certain things; when they are healthy, they do other things. The same is true here. The need to punish points to certain symptoms of illness within the entire social organism. If one strives to restore the social organism to health, then the concepts of punishment, criminal law, and the penal system will indeed be placed on an entirely different foundation. So I would like to say: In the entire debate on social transformation, we must try to find the answer to what will then become of the individual aspects, such as criminal law or the penal system.
[ 79 ] Liegt es in der Urteilsfähigkeit jedes Menschen, zu bestimmen, wieviel Arbeitszeit ein bestimmter Produktionszweig erfordert?
[ 79 ] Is it within every person's capacity to determine how much labor time a particular branch of production requires?
[ 80 ] Ja, urteilsfähig zu sein mit anderen Menschen zusammen, über solche Fragen zu entscheiden, ist etwas anderes, als das Liegen in der Willkür eines einzelnen Menschen. Wenn Sie meine «Kernpunkte der sozialen Frage» lesen - und ich werde ja auf das Arbeitsrecht noch zurückkommen in den Vorträgen -, dann werden Sie sehen, daß im dreigliederigen sozialen Organismus die Regelung von Art der Arbeit, von Zeit der Arbeit eine Angelegenheit des öffentlichen Rechtes werden soll, daß also das, was hier gefragt wird, geregelt werden soll gerade auf dem demokratischen Rechtsboden. Da handelt es sich also darum, daß eine solche Frage geregelt wird von jedem Menschen mit allen anderen Menschen des sozialen Organismus zusammen. Dazu ist der Mensch urteilsfähig, daß er mit den anderen zusammen über eine solche Frage eine Regelung vornehmen kann. Also es ist nicht berechtigt zu fragen: Liegt es in der Urteilsfähigkeit jedes Menschen, zu bestimmen, wieviel Arbeitszeit ein bestimmter Produktionszweig erfordert? — Das liegt ganz gewiß nicht beim einzelnen Menschen, in seiner Willkür; aber es liegt in der Möglichkeit, darüber ein öffentliches Urteil zu gewinnen durch demokratische Regelung und demokratische Majorität auf einem solchen Rechtsboden, wie ich ihn heute geschildert habe.
[ 80 ] Yes, being able to exercise sound judgment together with other people and decide on such matters is different from being at the mercy of a single individual. If you read my “Key Points on the Social Question”—and I will, of course, return to labor law in my lectures—you will see that in the threefold social organism, the regulation of the nature of work and working hours is to become a matter of public law; that is, what is being asked here is to be regulated precisely on the basis of democratic law. The point, then, is that such a question should be regulated by each individual in collaboration with all other members of the social organism. Human beings possess the capacity for judgment to establish regulations regarding such a question together with others. So it is not justified to ask: Is it within the capacity for judgment of every individual to determine how much working time a particular branch of production requires? — That certainly does not lie with the individual, at his or her arbitrary discretion; but it lies in the possibility of reaching a public judgment on the matter through democratic regulation and democratic majority on the legal basis I have described today.
[ 81 ] Müssen wir nicht zuerst das Seelische im Menschen abklären, bevor wir an die Ausführungen im großen in diesem Staate gehen?
[ 81 ] Shouldn't we first clarify the spiritual aspect of human nature before we proceed to discuss the broader issues in this state?
[ 82 ] Nun, vieles von dem, was hier gemeint ist, wird ja gerade Gegenstand des nächsten Vortrages sein. Aber, sehen Sie, die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus ist eine praktische Idee. Daher sieht sie auch alle Dinge von einem wirklichkeitsgemäßen Gesichtspunkte an. Es gibt heute viele Menschen, die sagen einfach: Nun, wir haben die soziale Frage, also muß sie gelöst werden, also muß man über ein Programm nachdenken, durch das die soziale Frage gelöst wird; heute haben wir soziale Zustände, die nicht wünschenswert sind, wir werden eine Lösung der sozialen Frage finden; dann werden sich morgen soziale Zustände herausbilden, die sozial wünschenswert sind. — So liegt die Sache aber nicht. In jener Entwickelung der Menschheit, die ich heute geschildert habe, hat sich eben die soziale Frage ergeben aus gewissen Seelenverfassungen, Leibesverfassungen und den Konsequenzen davon in bezug auf das soziale Leben. Sie ist da, die soziale Frage, und man kann sie nicht theoretisch lösen, kann nicht Gesetze geben, durch die die soziale Frage gelöst wird. Sie ist da und wird da bleiben. Sie wird immer da sein. Sie wird jeden Tag aufs neue aufgeworfen werden. Dafür müssen auch immer Einrichtungen da sein, durch die sie jeden Tag aufs neue gelöst werden wird. Also es handelt sich nicht darum, daß man die Sache so hübsch einteilt: Zuerst machen wir die Menschenseelen geeignet, dann werden wir sozial wünschenswerte Zustände herbeiführen. — Nein, es handelt sich darum, daß man die soziale Frage anerkennt, daß man versucht, in der Realität so etwas zu verwirklichen, wie es zum Beispiel der selbständige Rechtsboden oder der selbständige Geistesboden ist, wodurch die soziale Frage fortdauernd gelöst werden kann.
[ 82 ] Well, much of what is meant here will in fact be the subject of the next lecture. But, you see, the idea of the threefold social order is a practical idea. That is why it also views all things from a realistic perspective. There are many people today who simply say: Well, we have the social question, so it must be solved; therefore, we must devise a program through which the social question will be resolved; today we have social conditions that are undesirable, so we will find a solution to the social question; then, tomorrow, social conditions will emerge that are socially desirable. — But that is not how things are. In the development of humanity that I have described today, the social question has arisen precisely from certain states of mind, physical conditions, and their consequences with regard to social life. The social question is there, and it cannot be solved theoretically; one cannot enact laws that will solve the social question. It is there and will remain there. It will always be there. It will be raised anew every day. For this reason, there must always be institutions in place through which it will be resolved anew every day. So it is not a matter of neatly dividing things up like this: First we’ll make human souls suitable, then we’ll bring about socially desirable conditions. — No, the point is to acknowledge the social question and to attempt to realize in reality something akin to, for example, an independent legal foundation or an independent spiritual foundation, through which the social question can be continuously resolved.
[ 83 ] Ich habe in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» mich dagegen verwahrt, daß man das, was ich gesagt habe über die Ähnlichkeit zwischen dem einzelnen menschlichen Organismus und dem sozialen Organismus mit Bezug auf die Dreigliederung als ein müßiges Analogiespiel ansieht. Ich wollte wahrhaftig nicht irgendein dem Meray oder dem älteren Schäffle entsprechendes Analogiespiel treiben zwischen dem menschlichen Organismus und dem sozialen Organismus. Aber was ich in meinem Buche «Von Seelenrätseln» ausgeführt habe, daß eine wirkliche Naturbetrachtung dazu kommt, den menschlichen Organismus als eine Zusammenwirkung von drei selbständigen Gliedern anzusehen, das erfordert ein Denken und eine Betrachtungsweise, die dann fruchtbar auch auf den sozialen Organismus angewendet werden können, aber nicht durch Übertragung, sondern gerade durch unbefangene Betrachtung des sozialen wie des natürlichen Organismus. Da ist manches, was man an dem einen und an dem anderen lernen kann.
[ 83 ] In my book The Key Points of the Social Question, I objected to the view that what I said about the similarity between the individual human organism and the social organism—with reference to the threefold order—should be regarded as a futile exercise in analogy. I certainly did not intend to engage in some kind of analogical exercise—similar to that of Meray or the elder Schäffle—between the human organism and the social organism. But what I explained in my book On the Mysteries of the Soul—namely, that a genuine observation of nature leads us to view the human organism as an interplay of three independent members—requires a way of thinking and a perspective that can then be fruitfully applied to the social organism as well, not through transposition, but precisely through an unbiased observation of both the social and the natural organism. There is much that can be learned from both.
[ 84 ] Nicht wahr, die Menschen möchten den sozialen Organismus so betrachten, daß da Einrichtungen enthalten sind, die ja alles in Idealzuständen erhalten, daß alles in der besten Weise gemacht wird. Es wird nie gefragt, ob das auch möglich ist. Die Leute möchten ein Wirtschaftsleben begründen, in dem Einrichtungen sind, durch die nie Schäden entstehen können. Man bedenkt nicht, daß es sich im Leben eben um Leben handelt und nicht um Abstraktionen! Im Menschen, im natürlichen Organismus, ist zum Beispiel die Einrichtung, daß wir den Sauerstoff einatmen; der wird umgewandelt in Kohlensäure. Der Sauerstoff spielt eine Rolle im menschlichen Organismus durch gewisse Organe, die ihn so in Verbindung bringen mit anderen Stoffen, daß gewisse Funktionen des menschlichen Organismus vor sich gehen können. Ja, da müssen besondere Organe da sein, welche das eine tun. Würden nur sie da sein, so würden Schäden im Organismus entstehen. Diese Schäden muß man auch entstehen lassen, aber im Entstehen müssen sie verhindert werden. Das ist das Wesen des Lebendigen. Diejenigen, die sagen: Wir haben einen Wirtschaftsorganismus, gestalten wir ihn so, daß er durch sich selber funktioniert; dann brauchen wir neben diesem einen Rechts- oder einen Geistesorganismus — die reden geradeso wie diejenigen, die sagen: Es wäre doch viel besser von dem Schöpfer oder den Naturkräften, wenn man bloß einmal im Leben zu essen brauchte und dann der menschliche Organismus so eingerichtet wäre, daß das nicht immer wiederum zerstört wird und immer wieder von neuem gegessen werden muß. — Wenn es sich ums Lebendige handelt, handelt es sich um Absteigen und Aufsteigen der Prozesse. Ein Wirtschaftsleben, das wirtschaftlich richtig eingerichtet ist, das läßt Schäden entstehen gerade durch seine Tüchtigkeit; und im Entstehen, im Status nascendi, muß man gleichzeitig diese Schäden aufheben. Das kann man nicht durch den Wirtschaftsorganismus selber, sondern durch den danebenstehenden Geistes- und Rechtsorganismus. Die müssen da sein, damit sie im Entstehen die Schäden des Wirtschaftsorganismus aufheben. Das ist der Charakter des Lebendigen, daß die Dinge in reger Wechselbeziehung stehen.
[ 84 ] Isn’t it true that people want to view the social organism as containing institutions that maintain everything in an ideal state, ensuring that everything is done in the best possible way? No one ever asks whether that is even possible. People want to establish an economic system with institutions that can never cause harm. They fail to consider that life is, after all, about life itself and not about abstractions! In human beings, in the natural organism, for example, there is a mechanism by which we inhale oxygen; this is converted into carbon dioxide. Oxygen plays a role in the human organism through certain organs that combine it with other substances in such a way that certain functions of the human organism can take place. Yes, there must be specific organs that perform this function. If only those organs were present, damage would occur in the organism. This damage must be allowed to occur, but it must be prevented as it arises. That is the essence of life. Those who say: “We have an economic organism; let’s structure it so that it functions on its own”; then we need, alongside this, a legal or spiritual organism”—they speak just like those who say: “Wouldn’t it be much better if, by the will of the Creator or the forces of nature, one only needed to eat once in a lifetime, and if the human organism were arranged in such a way that it is not constantly destroyed and does not have to be replenished again and again.” — When it comes to living things, it is a matter of processes rising and falling. An economic life that is properly organized economically gives rise to damage precisely because of its efficiency; and as it arises, in its nascent state, one must simultaneously counteract this damage. This cannot be done by the economic organism itself, but rather by the accompanying spiritual and legal organisms. They must be present so that they can counteract the damage caused by the economic organism as it emerges. This is the nature of the living: that things are in a dynamic interrelationship.
[ 85 ] Eine solche Betrachtung ist freilich viel unbequemer, ist aber eine solche, die mit den Wirklichkeiten rechnet, die nicht den Wirtschaftsorganismus so reformieren will, daß er sich selber aufhebt, selber zerstört. Es ist leicht zu sagen: Diese und jene Schäden sind entstanden aus der modernen Produktion, also schafft man sie ab, setzt eine andere ein. — Nicht darum handelt es sich, einfach irgend etwas zu fordern, sondern zu studieren die Möglichkeiten eines lebendig Bestehenden. Und eine Möglichkeit ist diese, daß es in diesem einen Gliede auf der einen Seite gewisse Dinge hervorruft, die, wenn Sie den einseitigen Prozeß nur verfolgen würden von diesem Organsystem aus, zum Tod des betreffenden Organismus führen würden. Andere Glieder des Organismus wirken entgegen, und schon im Status nascendi, im Entstehungszustande, wird Korrektur geübt durch das andere. So müssen die drei Glieder das Korrigieren aneinander üben. So ist es wirklichkeitsgemäß gedacht. Und wer sich wirklich heute mit der sozialen Frage beschäftigen will, der muß sich an wirklichkeitsgemäßes Denken gewöhnen. Wir segeln in die furchtbarsten Zustände hinein, wenn das verrenkte, karikierte Denken, das nichts zu tun hat mit Wirklichkeit, das Programme macht aus den menschlichen Leidenschaften, Emotionen heraus, überall Platz greift. Ein wirklichkeitsgemäßes Denken wird aber Wirklichkeit schaffen. Daher handelt es sich zunächst darum, ein wirklichkeitsgemäßes Denken zu gewinnen.
[ 85 ] Such a perspective is, of course, far more uncomfortable, but it is one that takes reality into account—one that does not seek to reform the economic organism in such a way that it negates itself, that it destroys itself. It is easy to say: This or that harm has arisen from modern production, so let’s do away with it and replace it with something else. — The point is not simply to demand something, but to study the possibilities of a living entity. And one such possibility is that, within this one part, certain things are brought about on the one hand which—if you were to follow only the one-sided process from the perspective of this organ system—would lead to the death of the organism in question. Other members of the organism counteract this, and even in the status nascendi—the state of becoming—correction is exercised by the other. Thus, the three members must exercise correction upon one another. This is how it is conceived in accordance with reality. And anyone who truly wishes to engage with the social question today must accustom themselves to thinking in accordance with reality. We are sailing toward the most terrible conditions if distorted, caricatured thinking—which has nothing to do with reality and which devises programs based on human passions and emotions—takes hold everywhere. Realistic thinking, however, will create reality. Therefore, the first task is to develop realistic thinking.
