From a Unitary State
to a Tripartite Social Organism
GA 334
5 May 1920, Basel
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From a Unitary State to a Tripartite Social Organism, tr. SOL
10. Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
10. The Soul and Moral Human Dignity in the Light of Spiritual Science (Anthroposophy)
[ 1 ] Im gestrigen Vortrag habe ich schon darauf hingewiesen, wie unter dem Einflusse der neueren, von der Naturwissenschaft her bestimmten Weltanschauung eine gewisse Unsicherheit in die Menschheit kommen mußte in bezug auf die Frage: Wie stellt sich dasjenige Weltgeschehen, das die Naturwissenschaft als eben naturnotwendig darstellt, zu der Geltung, zu der Bedeutung der sittlichen Menschenwerte?
[ 1 ] In yesterday’s lecture, I already pointed out how, under the influence of the newer worldview shaped by the natural sciences, a certain uncertainty had to arise among humanity regarding the question: How do the events of the world—which the natural sciences present as simply a necessity of nature—relate to the validity and significance of moral human values?
[ 2 ] Die naturwissenschaftliche Weltanschauung ist ja immer mehr und mehr dazu gekommen, darauf hinzuweisen, daß alles dasjenige, was in der Welt geschieht, naturgesetzlich notwendig geschieht. Und sie ist immer mehr und mehr dahin gekommen, in diese Naturgesetzlichkeit nur dasjenige einzuschließen, was im Grunde genommen gar nichts zu tun hat mit dem sittlichen Menschen. Und so haben wir entstehen sehen, eigentlich so recht deutlich erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, ein naturwissenschaftliches Weltbild, zusammengefügt aus den verschiedenen Ergebnissen des naturwissenschaftlichen Denkens, das ungefähr sagt zunächst für unsere Erde und was zu ihr gehört: diese Erde sei ein Glied eines allgemeinen Systems, unseres Sonnensystems, und sie sei mit demselben hervorgegangen aus einer Art Urnebelzustand, habe sich da herausgeballt, habe sich abgesondert im Laufe der Zeit. Dann seien entstanden die Wesen des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches, durch die Vervollkommnung der tierischen Form auch der Mensch. Es werde, indem jene naturgesetzliche Norwendigkeit des Kräftewirkens, welche den Weltengang bis zu diesem Zeitpunkt und bis zu dieser gegenwärtigen Gestalt geführt habe, weitergehe, einmal dasjenige, was jetzt von Menschen bewohnt ist als Erde, menschenleer sein, tierleer sein, pflanzenleer sein, es werde wiederum verschwinden in den allgemeinen Weltenprozefß hinein.
[ 2 ] The scientific worldview has, in fact, increasingly come to emphasize that everything that happens in the world occurs as a necessity dictated by the laws of nature. And it has increasingly come to include within these natural laws only those phenomena that, in essence, have nothing to do with the moral human being. And so we have seen the emergence—actually quite clearly only in the middle of the 19th century—of a scientific worldview, pieced together from the various findings of scientific thought, which initially states, with regard to our Earth and all that belongs to it: that this Earth is a part of a general system—our solar system—and that it emerged along with it from a kind of primordial nebular state, coalesced from it, and separated itself over the course of time. Then the beings of the mineral, plant, and animal kingdoms arose, and through the perfection of the animal form, so did humankind. As the natural law-governed necessity of the interplay of forces—which has guided the course of the world up to this point and into its present form—continues, what is now inhabited by humans as Earth will one day be devoid of humans, devoid of animals, and devoid of plants; it will once again disappear into the general process of the universe.
[ 3 ] Gewiß, wer energisch dasjenige fühlt, was Naturwissenschaft heute als Autorität den Menschen bedeutet, wird kaum daran zweifeln, daß dieses Weltbild eine gewisse ausschließliche Bedeutung hat. Ja, es werden sehr viele gerade unter den gegenwärtigen Gebildeten sein, welche strikte behaupten, daß derjenige, der die Bedeutung dieses Weltbildes nicht anerkennen will, sich blamiere.
[ 3 ] Certainly, anyone who strongly feels what natural science represents as an authority for people today will hardly doubt that this worldview holds a certain exclusive significance. Indeed, there will be many—especially among today’s educated people—who will insist that anyone who refuses to acknowledge the significance of this worldview is making a fool of himself.
[ 4 ] Allerdings sind unter denjenigen, die sich so blamieren, Leute, deren Stimmen ganz gewichtig ins Feld zu stellen sind. Ich habe hier schon einmal bei früheren Vorträgen aufmerksam darauf gemacht, wie der geistvolle Kunstforscher Herman Grimm in seinem Goethe-Buch darauf hinweist, wie wenig dem ursprünglichen, elementaren Empfinden des Menschen entsprechen kann dieses Weltbild. Er sagt geradezu: Der Anblick eines Knochens, um den herum ein hungriger Hund seine Kreise zieht, sei appetitlicher als dieses Weltbild. Es werde einer zukünftigen Geschichtsschreibung der Menschheit einigermaßen schwer werden, den Zeitwahnsinn zu erklären, der zu dieser Kant-Laplaceschen Theorie geführt habe.
[ 4 ] However, among those who make such a fool of themselves are people whose voices carry considerable weight. In previous lectures here, I have already drawn attention to how the insightful art historian Herman Grimm points out in his book on Goethe just how little this worldview corresponds to the original, elemental sensibility of human beings. He goes so far as to say that the sight of a bone around which a hungry dog circles is more appetizing than this worldview. It will be somewhat difficult for future historians of humanity to explain the madness of the age that led to this Kant-Laplacean theory.
[ 5 ] Gewiß, so etwas wird heute als Laienhaftigkeit, Dilettantismus und so weiter angesehen. Dasjenige, was naturwissenschaftlich festgestellt ist, bauscht sich gewissermaßen als Weltanschauung zu einem ganzen Weltbild auf, und dann macht es sich in dieser Weise geltend. Und wir stehen davor, zu fragen: Wie stellt sich nun gegenüber einem solchen Weltbilde, das in gewisser Beziehung seine Ausschließlichkeit in Anspruch nimmt, wie stellt sich einem solchen Weltbilde gegenüber die ja doch im Innern des Menschen vernehmbare Stimme des sittlichen Ideales, des Gewissens, die Stimme, welche uns auffordert, dieses zu tun, jenes zu unterlassen, die Stimme, welche uns sagt, dieses sei gut, jenes böse? Wie stellt sich das ganze sittliche Leben in dieses Weltbild hinein?
[ 5 ] Certainly, such a thing is regarded today as amateurishness, dilettantism, and so on. What has been established by the natural sciences swells, as it were, into a worldview—a complete picture of the world—and then asserts itself in this way. And we are left to ask: How does the voice of the moral ideal—the voice of conscience, which is, after all, audible within the human being—stand in relation to such a worldview, which in a certain sense claims exclusivity? How does this voice—the voice that urges us to do this and refrain from that, the voice that tells us this is good and that is evil—stand in relation to such a worldview? How does the whole of moral life fit into this worldview?
[ 6 ] Ich habe viele Menschen kennengelernt, die dieses sittliche Leben wie eine Art vergänglichen Rauch ansehen, der aufsteigt, eigentlich die Illusion eines Rauches, die aufsteige aus dem naturwissenschaftlichen Geschehen, den Menschen illusionär eine Zeitlang erfülle, um dann für immer zu verschwinden. Und wie sollte man denn eigentlich anders denken, wenn man ganz ehrlich ist, als daß dasjenige, was in dem Kopfe des Menschen entsteht, nachdem der Mensch im Laufe von Jahrmillionen aus niederen Tierformen sich herausgebildet hat, wie sollte man anders denken, als daß das, was da im Kopfe des Menschen als Ideale ersteht, auch wiederum spurlos verschwunden sein werde, wenn die Erde in den Zustand zurückfällt, in den sie sich in dem allgemeinen Weltenlauf auflöst. Es wäre eben eine Episode gewesen, daß die Menschen sich sittliche Ideale vorgesetzt hätten. Die Menschen hätten unter dem Einfluß dieser sittlichen Ideale gehandelt. Alle diese sittlichen Ideale hätten eben nichts mehr zu bedeuten, als daß sie illusionäre Blasen seien, die aufgestiegen wären, nach welchen die Menschen ihr Leben eingerichtet hätten, und die weiter keine Folgen in der Weltenentwickelung hätten.
[ 6 ] I have met many people who view this moral life as a kind of fleeting smoke that rises—actually, the illusion of smoke—arising from natural scientific processes, which fills people with an illusion for a time, only to disappear forever. And if one is completely honest, how could one think otherwise than that what arises in the human mind, after humans have evolved from lower animal forms over the course of millions of years—how could one think otherwise than that what arises in the human mind as ideals will, in turn, vanish without a trace when the Earth reverts to the state into which it dissolves in the general course of the universe? It would simply have been an episode that humans had set moral ideals for themselves. Humankind would have acted under the influence of these moral ideals. All these moral ideals would have meant nothing more than that they were illusory bubbles that had risen, according to which humankind had organized its life, and which would have no further consequences for the development of the world.
[ 7 ] Ich weiß, wieviel von materialistischer Seite auch heute eingewendet wird gegen eine solche volle Konsequenz dieses Weltbildes. Aber es gibt etwas, was auch einmal berührt werden muß gegenüber den Einwendungen, die heute Materialisten machen, wenn man ihnen sagt: Euer Weltbild, euer bloß aus Naturwissenschaft geholtes Weltbild läßt eigentlich den sittlichen Menschenwert doch zu nichts anderem werden als zu einer illusionären Blase.
[ 7 ] I know how many objections are still raised today from a materialist perspective against such a full-fledged application of this worldview. But there is something that must also be addressed in response to the objections raised by materialists today when one says to them: Your worldview—your worldview derived solely from the natural sciences—actually reduces human moral worth to nothing more than an illusory bubble.
[ 8 ] Sehen wir uns einmal um in der Zeit, in der mit voller Frische und mit vollem Feuer das naturwissenschaftliche Weltbild heraufgezogen ist in der zivilisierten Welt. Es war ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wo, ich möchte sagen, nicht so schläfrig und inkonsequent wie heute, sondern aus vollem Feuer heraus die Materialisten die Nägel geschlagen haben dazu, wie man aus dem Gedanken heraus - alles ist nur so geordnet, wie Physik, Chemie, Biologie es wollen —, wie man aus diesem Gedanken heraus gedacht hat über die sittlichen Werte; davon möchte ich doch einige Proben geben, die vielleicht heute nicht mehr genügend bekannt sind. Sehen Sie, in der Zeit, in welcher der Materialismus, ich möchte sagen, in seiner Jugendfrische durch die europäische Zivilisation zog, da war ein Geschichtsschreiber Hellwald; er schrieb vom Standpunkte des naturwissenschaftlichen Weltbildes aus eine Kulturgeschichte. Er sagte sich, indem er die wirkliche, wahre Konsequenz dieses naturwissenschaftlichen Weltbildes zog: Sittliche Ideale, überhaupt sittliche Ideen des Menschen, das sind Illusionen. Wie soll man nach dem notwendigen Geschehen, wie es die Chemie annimmt, wie es die Physik annimmt, an irgendwelche objektive Berechtigung von sittlichen Ideen denken? Aber die Menschen haben immer sittliche Ideen gehabt. Das muß einfach naturwissenschaftlich erklärt werden, sagt der Kulturhistoriker Friedrich von Hellwald. Vorerst aber drückt er sich über die sittlichen Ideale vom rein wissenschaftlichen, das heißt damals naturwissenschaftlichen Standpunkte aus. Diese Art des Sich-Ausdrückens, die möchte ich doch einmal in einer Probe vorführen. Er sagt: «Aufgabe der Wissenschaft ist es, alle Ideale zu zerstören, ihre Hohlheit, Nichtigkeit zu erweisen, zu zeigen, daß Gottesglaube und Religion Trug, daß Sittlichkeit, Liebe, Freiheit und Menschenrecht Lügen sind.»
[ 8 ] Let’s take a look back at the time when the scientific worldview emerged in the civilized world with full vigor and passion. It was around the middle of the 19th century, when, I would say, not as lethargically and inconsistently as today, but with full fervor, the materialists hammered home the idea that—based on the notion that everything is ordered exactly as physics, chemistry, and biology dictate—this was the basis from which they conceived of moral values; I would like to offer a few examples of this that may no longer be sufficiently well-known today. You see, in the era when materialism—I might say—swept through European civilization in the vigor of its youth, there was a historian named Hellwald; he wrote a cultural history from the standpoint of the scientific worldview. Drawing the true, inevitable conclusion from this scientific worldview, he told himself: Moral ideals—indeed, all human moral ideas—are illusions. How can one conceive of any objective justification for moral ideas in light of the necessary course of events, as assumed by chemistry and physics? But people have always had moral ideas. This simply must be explained scientifically, says the cultural historian Friedrich von Hellwald. For the time being, however, he expresses himself on moral ideals from a purely scientific—that is, from the natural-scientific—point of view. I would like to demonstrate this manner of expression with an example. He says: “The task of science is to destroy all ideals, to prove their hollowness and futility, to show that belief in God and religion are delusions, and that morality, love, freedom, and human rights are lies.”
[ 9 ] Sehen Sie, so hat man gesprochen, als man glaubte, naturwissenschaftliche Kausalität sei einzig hinzustellen als ein Weltbild, in der Zeit, in der das frisch in die Herzen einzog, in der man nicht inkonsequent und kalt diesen Dingen gegenübertrat.
[ 9 ] You see, this is how people spoke when they believed that scientific causality was the only worldview to be upheld—at a time when this idea had just taken root in people’s hearts, when they did not approach these matters with cold indifference or inconsistency.
[ 10 ] Aber, sagt nun derselbe Historiker, warum haben sich die Menschen nun diese sittlichen Ideale vorgemacht, die ja nichtig sind? Die Wissenschaft bezeugt ihre Nichtigkeit. Weil die Menschen, sagt er, sie brauchten; im Kampf ums Dasein brauchten sie diese. Hat man sittliche Illusionen, glaubt man an den Trug der sittlichen Ideale oder der Wahrheitsideale, so kommt man besser im Kampf ums Dasein vorwärts, als wenn man nicht an diese Trugbilder glaubt. Deshalb stiegen diese Blasen auf. Deshalb hat man sich dieser sittlichen Ideale bemächtigt. Sie sind die richtigen Mittel im Kampf ums Dasein gewesen.
[ 10 ] But, says the same historian, why did people invent these moral ideals, which are, after all, meaningless? Science attests to their meaninglessness. Because, he says, people needed them; in the struggle for existence, they needed them. If one harbors moral illusions—if one believes in the delusion of moral ideals or ideals of truth—one fares better in the struggle for existence than if one does not believe in these illusions. That is why these illusions arose. That is why people embraced these moral ideals. They were the right means in the struggle for existence.
[ 11 ] Das war Konsequenz vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts! Das ist etwas, was allerdings nocht murkst in den Seelen; aber die Seelen sind nicht mehr so konsequent, wie diejenigen der damaligen Leute waren, und daher gestehen sich die heutigen Seelen nicht die Konsequenz, die darinnen besteht: Entweder nehme ich das KantLaplacesche oder ein ähnliches Naturbild an, dann muß ich die sittlichen Ideale als Trugbilder und Lügen erklären, oder aber ich muß abreißen dasjenige, was bloß naturwissenschaftliches Weltbild ist.
[ 11 ] That was the logical consequence of the last third of the 19th century! It is something that still lingers in people’s souls; but souls today are no longer as consistent as those of the people of that time, and therefore today’s souls do not admit to the logical consequence that lies within it: Either I accept the Kantian-Laplacian or a similar view of nature, in which case I must declare moral ideals to be illusions and lies, or else I must tear down what is merely a scientific worldview.
[ 12 ] Ja, die Menschen waren konsequenter. Ich möchte Ihnen noch eine Probe vorlesen. Eine Dame schrieb an einen der tonangebenden naturwissenschaftlichen Weltbildgestalter der damaligen Zeit, an Moleschott. Diese Dame schrieb dazumal über ihre Anschauung in bezug auf den sittlichen Menschenwert das Folgende: «Das sittliche Maß für jeden Menschen liegt nur in seiner eigenen Natur, und ist darum für jeden ein anderes. Was sind Ausschweifungen und Leidenschaften an sich? Nichts anderes als ein größeres oder kleineres Ausmaß eines vollberechtigten Triebes.» Und weiter schreibt die Dame: «Die Menschheit habe ich lieb, wie sie ist, und selbst den Dieb und den Mörder hat ihre Lehre» - sie meint Moleschotts Lehre — «mich achten und seine Menschenrechte anerkennen gelehrt. Vollberechtigt im Kreise menschlicher Anlagen ist alles, was den Dieb sowohl als den Kaufmann macht. List und Verschlagenheit, mit dem Erwerbstrieb verbunden, ist hier wie dort nur eine Zusammenstellung mit anderen Geisteskräften, das belebende Prinzip. Alles, was ins Leben eintritt, hat mit diesem Eintritt auch sein Recht zu leben erworben. Darum muß ich es noch einmal aussprechen: Auch der zum Dieb gewordene Mensch brachte das Recht mit sich, seine Natur zu vollenden, und sie allseitig zu machen, und kann auf diese Weise nur eine kraftvolle, eine sittliche Natur sein. Und wie der Dieb, so jeder Lasterhafte, auch der zum Mörder Gewordene. Dieser kann zur Vollendung seiner Menschheit nur gelangen, indem er seine Mordlust befriedigt.»
[ 12 ] Yes, people were more consistent back then. I’d like to read you another excerpt. A woman wrote to Moleschott, one of the leading scientists shaping the worldview of that time. At that time, this lady wrote the following about her view regarding the moral value of human beings: “The moral standard for every human being lies solely in their own nature, and is therefore different for everyone. What are excesses and passions in and of themselves? Nothing other than a greater or lesser degree of a fully legitimate instinct.” And the lady goes on to write: “I love humanity as it is, and even the thief and the murderer have been taught by his doctrine”—she means Moleschott’s doctrine—“to respect me and recognize my human rights. Within the realm of human dispositions, everything that makes both the thief and the merchant is fully justified. Cunning and craftiness, combined with the drive to acquire, are here as there merely a combination with other mental faculties—the animating principle. Everything that enters life has, by virtue of that entry, also acquired the right to live. That is why I must say it once more: Even the person who has become a thief brought with him the right to fulfill his nature and to make it all-encompassing, and in this way can be nothing but a powerful, moral nature. And just as with the thief, so it is with every vice-ridden person, even the one who has become a murderer. The latter can attain the fulfillment of his humanity only by satisfying his lust for murder.”
[ 13 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, das ist nicht eine Revolutionärin, das ist eine ganz brave, bürgerlich gesinnte Dame gewesen, die nur in der damaligen Zeit der Jungfräulichkeit jener Weltanschauung, die heute im Grunde genommen auch vertreten, aber nur nicht ernst genommen wird, die diese Weltanschauung eben ernst genug genommen hat, die nur wuflte: wenn man so denkt, wie auch heute noch in bezug auf das naturwissenschaftliche Weltbild die meisten Menschen denken, dann muß man über den sittlichen Menschenwert so denken, wie sie denkt. Es war eine tiefinnerliche Verpflichtung, die da gefühlt wurde von einer solchen Persönlichkeit zu dem Bekenntnis, das ich hier anführte, das ja im Grunde genommen zur Auflösung alles Wahrheitsstrebens, zur Auflösung aller Ideale führt und durchaus keinen Anhaltspunkt hat, sittlichen Menschenwert in der Welt irgendwie verankert zu denken.
[ 13 ] Ladies and gentlemen, she was not a revolutionary; she was a very respectable, middle-class-minded lady who, in the early days of that worldview—which is essentially still held today, though it is simply not taken seriously—took that worldview seriously enough, and who simply believed: if one thinks the way most people still do today with regard to the scientific worldview, then one must think about human moral worth the way she does. It was a deeply felt inner obligation on the part of such a personality toward the conviction I have cited here—a conviction that, in essence, leads to the dissolution of all striving for truth, to the dissolution of all ideals, and offers absolutely no basis for conceiving of human moral worth as anchored in the world in any way.
[ 14 ] Ich habe Ihnen diese Proben, die noch vermehrt werden könnten, vorgelesen, damit Sie sehen, wie es gekommen ist, daß dasjenige, was heute über Europa geht, in den Menschenseelen Platz gegriffen hat. Braucht man sich zu wundern, daß über Europa heute jene Stimmung geht, die Sie genügend kennen, wenn diese Stimmung herausgeboren wurde gerade in den konsequent denkenden und empfindenden Menschen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts und im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts diese Weltanschauung vertreten haben?
[ 14 ] I have read these examples to you—and there are many more—so that you may see how it came to be that what is happening in Europe today has taken root in people’s souls. Is it any wonder that the mood you know all too well is sweeping across Europe today, when this mood was born precisely among those people who thought and felt consistently and who held this worldview around the middle of the 19th century and at the beginning of the last third of the 19th century?
[ 15 ] Es ist ja in der Tat so, daß der heutige Mensch in der Halbheit seiner Seele sich nur nicht gesteht, daß er eigentlich über sittlichen Menschenwert so denken müßte, wenn er nicht sein Weltbild, wie es ihm die naturwissenschaftlich gesinnten Weltanschauungsgestalter vormachen, revidiert. Das ist der große Ernst all jener Fragen, die entstehen, wenn nach einem neuen Aufbau unseres Weltbildes gesehen wird. Das ist dasjenige, was so schwer lastend auf der Seele derjenigen liegt, die in der Geisteswissenschaft, von der ich Ihnen auch gestern wieder gesprochen habe, etwas sehen, was notwendig sich hineinstellen muß in den gegenwärtigen Gang der Menschheitsentwickelung und dem der nächsten Zukunft. Nur davon ist zu erwarten, daß der sittliche Menschenwert Grund und Boden gewinne, wahrhaftig Grund und Boden gewinne, daß die naturwissenschaftliche Weltanschauung selbst durch Geisteswissenschaft, durch die Erkenntnis des Geistes befruchtet werde.
[ 15 ] It is indeed the case that modern human beings, in the half-heartedness of their souls, simply refuse to admit that they ought to think this way about moral human dignity unless they revise their worldview—the one imposed on them by those who shape worldviews with a scientific mindset. This is the profound gravity of all those questions that arise when we seek a new structure for our worldview. This is what weighs so heavily on the souls of those who see in Spiritual Science—which I spoke to you about again yesterday—something that must necessarily be integrated into the current course of human development and that of the near future. Only in this way can we expect human moral worth to gain a firm foothold—truly gain a firm foothold—and for the scientific worldview itself to be enriched by Spiritual Science, by the knowledge of the spirit.
[ 16 ] Nun brauchen wir nur einige der Dinge zu bedenken, die hier gestern erwähnt worden sind, um so recht in allen Tiefen zu durchschauen, wie die Welt nicht erkannt werden kann von dem Menschen, wenn er nicht zuerst über sich selbst sich aufklären kann. Die Prozesse draußen in der Welt, wir werden sie nur in ihrer wahren Wesenheit erkennen, wenn wir sie von der Seelenwesenheit aus erforschen können. Da erinnern wir uns, wie gestern geltend gemacht worden ist, wie die hier gemeinte Geisteswissenschaft durch innere Seelenentwickelung ihre Methoden, ihre geistigen Erkenntnisse sucht. Und noch einmal will ich kurz hinweisen auf dasjenige, was da im Innern der menschlichen Seele heranentwickelt wird, wie dieses menschliche Seelenwesen weiter gebracht wird, als im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, um einzutreten in die Anschauungen der geistigen Welt. Ich habe darauf hingewiesen, wie das Haupt sich entwickelt, wie wir in dem Kinde sehen, indem es in die Welt hereintritt, wie von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr ein inneres Seelisch-Geistiges sich an die Oberfläche drängt. Wir sehen, wie die Züge des kindlichen Antlitzes immer seelischer, immer geistiger werden, wie da drinnen etwas arbeitet, das an die Oberfläche heraus plastisch das Menschenwesen gestaltet. Wir ahnen vielleicht nur, aber ein unbefangenes Beobachten, das weiter in die Dinge eingeht, durchschaut es, daß dasjenige, was sich so, ich möchte sagen, in den Zügen des Antlitzes ausdrückt, sich weiter hinein erstreckt in die kindliche Organisation. Und ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, wie der intensivste Ausdruck desjenigen, was da geschieht durch dieses plastische Durchgestalten des Menschenleibes von dem Seelisch-Geistigen, der Zahnwechsel ist, das Herausdringen der zweiten Zähne ist, die an die Stelle der Milchzähne treten. Diese zweiten Zähne zeigen in ihrer Bildung am markantesten, am auffälligsten, wie in den ersten sieben Lebensjahren der menschliche Organismus in seine Verhärtung schießt. Dann, wenn das Kind die Zähne bekommen hat, bekommen die Vorstellungen Gestalt, sie können bleibende Erinnerungen werden; sie bekommen Konturen. In dem Augenblicke des menschlichen Lebens, wo die Kräfte, die im Innern des Organismus bis zum siebenten Lebensjahre gewirkt haben ihre Aufgabe für den Organismus in einer gewissen Weise erfüllt haben, ist der Zahnwechsel da. Dann kommen diejenigen Kräfte, die im Organismus gewirkt haben bis zum Zahnwechsel hin, in ihre Freiheit. Sie zeigen sich in ihrer geistig-seelischen Gestalt; sie wirken dann im menschlichen Erinnerungsvermögen, im menschlichen Denkvermögen. Dasselbe, womit wir denken, womit wir unsere Erinnerung bilden, das hat bis zu unserem siebenten Lebensjahre in unserem Organismus als der menschliche Plastiker gearbeitet; das hat es dahin gebracht, daß aus der Ganzheit der menschlichen organischen Substanz die Zahnsubstanz sich abgesondert hat, wenn ich es so aphoristisch andeuten darf, sonst müßte man, um die Sache ganz zu erklären, viele Vorträge über diesen Zahnwechsel halten.
[ 15 ] It is indeed the case that modern human beings, in the half-heartedness of their souls, simply refuse to admit that they ought to think this way about moral human dignity unless they revise their worldview—the one imposed on them by those who shape worldviews with a scientific mindset. This is the profound gravity of all those questions that arise when we seek a new structure for our worldview. This is what weighs so heavily on the souls of those who see in Spiritual Science—which I spoke to you about again yesterday—something that must necessarily be integrated into the current course of human development and that of the near future. Only in this way can we expect human moral worth to gain a firm foothold—truly gain a firm foothold—and for the scientific worldview itself to be enriched by Spiritual Science, by the knowledge of the spirit.
[ 17 ] Sehen Sie, es ist nur eine kleine Probe, aber eben eine Probe davon, wie Geisteswissenschaft nicht im Wolkenkuckucksheim irgendwie sich ergehen will, wie sie nicht in mystischen Nebel aufsteigt, sondern wie sie gerade in die Erkenntnis der Wirklichkeit hineindeutet, wie sie zeigt, was als Geistig-Seelisches in den ersten sieben Jahren am menschlichen Organismus arbeitet. Diese Geisteswissenschaft lehrt ja erst den menschlichen Organismus erkennen! Das ist gerade das Schicksal des Materialismus, daß er die Materie nicht erkennen kann, daß er uns nichts sagt über die Materie. Geisteswissenschaft sagt uns gerade über die Materie solche Dinge, wie ich sie jetzt angedeutet habe in dem Arbeiten desjenigen, was später Gedankenbewegung wird, an dem menschlichen Organismus bis zum siebenten Jahre hin. Würde man eingehen können ins Einzelne, Konkrete, so würde man sehen, wie das Geistig-Seelische arbeitet an den menschlichen Organen, an Leber, Lunge, Niere und so weiter. Geisteswissenschaft wird die wirkliche Erkenntnis gerade der materiellen Vorgänge bringen, weil sie diese materiellen Vorgänge aus dem Geistigen heraus zu erklären in der Lage ist.
[ 17 ] You see, it is only a small sample, but it is precisely a sample of how Spiritual Science does not seek to lose itself in a fantasy world, how it does not rise into a mystical mist, but rather how it points directly toward an understanding of reality, how it reveals what works within the human organism as spiritual and soul-related forces during the first seven years. This Spiritual Science, after all, is what first teaches us to recognize the human organism! That is precisely the fate of materialism: that it cannot recognize matter, that it tells us nothing about matter. Spiritual Science tells us precisely such things about matter as I have just indicated in the workings of that which later becomes the movement of thought within the human organism up to the age of seven. If one could go into the details, the concrete aspects, one would see how the spiritual-soul forces work on the human organs—the liver, lungs, kidneys, and so on. Spiritual Science will bring true understanding of precisely these material processes, because it is able to explain these material processes from the spiritual perspective.
[ 18 ] Wenn man als Geistesforscher weitergeht in der Heranbildung jener Methode, durch die man eintreten kann in die geistige Welt, dann muß man ja dasjenige, was sich da abgegliedert hat im siebenten Jahre als denkerische Tätigkeit, als Vorstellungstätigkeit, durch Meditation — wie ich es gestern angedeutet habe — weiter ausbilden. Dann muß man so stark in Gedanken innerlich arbeiten, wie der Gedanke arbeitet in den ersten sieben Lebensjahren, wenn er nicht bloß Gedanken eben vor das Bewußtsein zu zaubern hat, sondern wenn die Gedankenkraft so stark im Organismus arbeitet, daß sie es zuletzt dahin bringt, die Zähne herauszugestalten aus dem Organismus. Arbeitet man durch Meditation sich in eine solche verstärkte Gedanken- und Vorstellungstätigkeit hinein, dann merkt man aber auch den Unterschied zwischen diesem Denken, das einem dann unmittelbar in die Anschauung der geistigen Welt hinein bringt, das einen unmittelbar erkennen läßt, wie der Mensch aus einem Geistig-Seelischen heruntergestiegen ist durch die Geburt in sein physisches Dasein, und kann dann vergleichen dasjenige, was man sich so, ich möchte sagen, künstlich durch Meditation errungen hat, mit dem, was das gewöhnliche menschliche Denken ist.
[ 18 ] If, as a spiritual researcher, one continues to develop the method through which one can enter the spiritual world, then one must, through meditation—as I indicated yesterday—further develop that which has separated itself in the seventh year as thinking activity and as imaginative activity. Then one must work inwardly with thoughts as intensely as thought works during the first seven years of life—not merely conjuring thoughts into consciousness, but with the power of thought working so strongly within the organism that it ultimately leads to the formation of teeth from within the organism. If one works one’s way through meditation into such intensified thinking and imaginative activity, then one also notices the difference between this kind of thinking—which then brings one directly into the perception of the spiritual world, allowing one to recognize immediately how the human being has descended from a spiritual-soul realm through birth into physical existence—and one can then compare what one has, so to speak, I would say, artificially achieved through meditation, with what ordinary human thinking is.
[ 19 ] Nicht wahr, auf diese Weise hat man erfahren, woraus das gewöhnliche menschliche Denken besteht, das der Mensch im täglichen Leben, in der gewöhnlichen Wissenschaft ausübt. Dieses Denken üben die Menschen aus; aber sie können ja nicht wissen, worinnen dieses Denken eigentlich besteht. Man lernt erst erkennen, worinnen dieses Denken besteht, wenn man daneben stellen kann das Denken, das leibfrei ist, das nicht an das Gehirn gebunden ist, das im rein Geistig-Seelischen, Ätherischen verläuft, das man sich nur durch Meditation aneignen kann. Man hat dann erst die Vergleichsmöglichkeit, kann dann erst das gewöhnliche Denken des Menschen vergleichen mit diesem ganz leibfreien Denken. Das ist wichtig, daß man das kann, denn das gibt dann erst eine wirkliche Wissenschaft über die ganze Bedeutung des menschlichen Seelenwesens.
[ 19 ] Isn't it true that in this way we have come to understand what ordinary human thinking consists of—the kind of thinking that people engage in during daily life and in conventional science? People engage in this kind of thinking; but they cannot possibly know what this thinking actually consists of. One only begins to recognize what this thinking consists of when one can contrast it with thinking that is free from the body, that is not bound to the brain, that takes place in the purely spiritual-soul and etheric realms—a kind of thinking that can only be acquired through meditation. Only then does one have the ability to compare; only then can one contrast ordinary human thinking with this entirely body-free thinking. It is important to be able to do this, for only then does one gain a true scientific understanding of the full significance of the human soul.
[ 20 ] Sehen Sie, es ist eine außerordentlich bedeutungsvolle Erfahrung, die man macht, wenn man einmal soweit ist, das Denken in seinem leibfreien Zustande zu erfassen, und damit zu vergleichen, wie das Denken ist, wenn es als gewöhnliches Denken des Lebens an das Gehirn gebunden ist. Man sieht dann in bezug auf das Denken den Unterschied, der besteht zwischen dem Menschen und dem Tiere. Über diesen Unterschied des Menschen vom Tiere ist ja viel gefabelt worden, namentlich viel von der modernen Wissenschaft gefabelt worden. Aber erkennen, worinnen dieser Unterschied besteht man kann es erst durch solches Vergleichen, wie ich es eben angedeutet habe.
[ 20 ] You see, it is an extraordinarily significant experience one has when one is finally able to grasp thinking in its bodiless state and compare it to what thinking is like when it is bound to the brain as ordinary, everyday thinking. One then sees, with regard to thinking, the difference that exists between humans and animals. Much has been speculated about this difference between humans and animals—namely, much has been speculated by modern science. But one can only recognize what this difference consists of through such a comparison as I have just indicated.
[ 21 ] Und wenn man sich fragt: Ja, wodurch entsteht denn das gewöhnliche Denken im Gegensatze zu dem leibfreien Denken, das unmittelbar anknüpft an das seelische Sein des Menschen, indem es nur im Geistig-Seelischen verläuft, worinnen besteht denn - so kann man jetzt fragen — vom Gesichtspunkte dieses leibfreien Denkens, das gewöhnliche Denken? Dieses gewöhnliche Denken ist durchaus an das Gehirn gebunden. Es muß etwas da sein von organischer Organisation, wodurch dieses gewöhnliche Denken verläuft. Das leibfreie Denken, das durch Meditation erworben wird, braucht dieses Nervenwerkzeug nicht. Das gewöhnliche Denken braucht dieses Nervenwerkzeug. Dieses Nervenwerkzeug hat der Mensch nur dadurch, daß bei ihm die Organisation nicht so weit getrieben wird wie beim Tiere. Das Tier schießt gewissermaßen mit seiner tierischen Organisation bis zu einem gewissen Punkte vor, verhärtet sich bis zu einem gewissen Punkte. Der Mensch geht in der Verhärtung, in der Verknöcherung in das Sklerotisieren des Seelenlebens beim Beginne des Lebens nicht so weit, wie die Tiere am Beginne des Lebens. Aber während des Lebens entwickelt der Mensch dieses Verhärten. Denn dasjenige, was im Verhärten des Organismus sich dadurch ausdrückt, daß die zweiten Zähne als reine Verhärtungsprodukte erscheinen, das setzt sich ja auch im gewöhnlichen alltäglichen Denken fort; es werden nur nicht Zähne, es werden viel gelindere Einschiebsel, möchte ich sagen, in den Organismus, die sich wiederum auflösen. Aber dieses Denken, dieses gewöhnliche Denken besteht eben darinnen, daß der Mensch im fortlaufenden Prozesse fortwährend dasjenige, was entsteht in ihm, sprießendes, sprossendes Leben ist, daß er das fortwährend ertötet. Dasjenige tritt zutage, daß in uns fortwährend vorübergehend der Gedanke, der frühere Wirklichkeit hat als die Zähne, als abgestorbene Teile aus dem Organismus herausschießt und daß dieses Schießen in die Sklerotisierung, Verknöcherung sich wieder auflöst. Das Denken besteht eben darinnen, daß wir in bezug auf unser Kopfsystem, unser Nerven-Sinnessystem, fortwährend den Tod in uns tragen.
[ 21 ] And if one asks: Yes, what gives rise to ordinary thinking as opposed to body-free thinking, which is directly linked to the human soul’s being in that it takes place solely in the spiritual-soul realm—what, then, one might now ask, from the perspective of this body-free thinking, does ordinary thinking consist of? This ordinary thinking is entirely bound to the brain. There must be some aspect of organic organization through which this ordinary thinking takes place. Body-free thinking, which is acquired through meditation, does not require this nervous apparatus. Ordinary thinking requires this nervous apparatus. Human beings possess this nervous apparatus only because their organization is not driven to the same extreme as that of animals. The animal, so to speak, advances with its animal organization to a certain point and hardens to a certain point. At the beginning of life, human beings do not go as far in this hardening, this ossification, this sclerotization of the soul life as animals do at the beginning of their lives. But throughout life, human beings develop this hardening. For what is expressed in the hardening of the organism—in that the permanent teeth appear as pure products of hardening—continues in ordinary, everyday thinking as well; it is just that these are not teeth, but much milder, so to speak, insertions into the organism that in turn dissolve. But this thinking—this ordinary thinking—consists precisely in the fact that, in the ongoing process, human beings continually kill off that which arises within them: the sprouting, budding life. What becomes evident is that within us, the thought—which has an earlier reality than the teeth—constantly shoots out of the organism as temporary phenomena, and that this shooting out dissolves again into sclerotization, into ossification. Thinking consists precisely in the fact that, with regard to our head system—our nervous-sensory system—we constantly carry death within us.
[ 22 ] Das ist dasjenige, worauf ich in anderen Zusammenhängen auch hier an dieser Stelle schon aufmerksam gemacht habe. Unser Denken besteht darinnen, daß wir im fortlaufenden Zeitprozesse durch unsere eigene innere Aktivität dasjenige vollziehen, wozu das Tier von Anfang an angelegt ist: den Sklerotisierungs-, den Verknöcherungsprozeß, den Todesprozeß, den wir hineintragen in unseren Organismus. Man blickt hin vom Gesichtspunkte des leibfreien Denkens, das man sich durch Meditation angeeignet hat, auf dieses fortwährende Sterben, ohne das das gewöhnliche Denken des Menschen nicht vor sich gehen kann. Und dieses Sterben wird nur fortwährend ausgeglichen dadurch, daß wiederum aus der übrigen Organisation, aus der Blut- und Herz-Organisation, in den zum fortwährenden Sterben neigenden Kopf heraufschießen die belebenden Kräfte. Im Menschen ist, gerade indem er ein Denker ist, ein fortwährender Kampf zwischen Sterben und Leben. Und dasjenige, was am Ende des physischen Lebens auftritt, der einmalige Moment des Sterbens, ist eben nur die synthetische Zusammenfassung desjenigen, was im kleinen immer geschieht. Wir sterben von unserer Sinnes-Nervenorganisation aus fortwährend; nur wird dieses Sterben fortwährend aufgehoben. Erst wenn der übrige Organismus, nicht bloß der Organismus des Kopfes, nicht mehr die Fähigkeit hat, das Sterben aufzuheben, erst dann sterben wir wirklich. Der Tod ist nicht etwas, was eben nur einmal an den Menschen herantritt, der Tod ist ein dauernder Prozeß. Und diesem Tode verdanken wir das Denken. Dadurch, daß wir durch das Denken den Tod in uns eingliedern, dadurch ist erstens dieses Denken überhaupt nur in uns vorhanden, zweitens aber lernen wir erkennen, was das Tote eigentlich substantiell ist.
[ 22 ] This is precisely what I have already pointed out here in other contexts. Our thinking consists in the fact that, through our own inner activity within the ongoing process of time, we carry out what the animal is predisposed to do from the very beginning: the process of sclerotization, the process of ossification, the process of death, which we bring into our organism. From the perspective of body-free thinking—which one has acquired through meditation—one observes this continuous dying, without which ordinary human thinking cannot proceed. And this dying is only continually counterbalanced by the fact that, in turn, vitalizing forces surge upward from the rest of the organism—from the blood and heart—into the head, which is inclined toward continual dying. In human beings, precisely because they are thinkers, there is a constant struggle between dying and living. And what occurs at the end of physical life—that singular moment of death—is simply the synthetic synthesis of what is always happening on a small scale. We are constantly dying from within our sensory-nervous system; only this dying is constantly counteracted. Only when the rest of the organism—not merely the organism of the head—no longer has the ability to counteract this dying, only then do we truly die. Death is not something that simply befalls a person once; death is a continuous process. And it is to this death that we owe our ability to think. Because we incorporate death into ourselves through thinking, first of all, this thinking exists within us at all, and secondly, we learn to recognize what the dead actually are in substance.
[ 23 ] Wenn man sich das leibfreie, durch Meditation herangepflegte Denken ausgebildet hat, so sieht man erstens auf das andere Denken hin, sieht, wie es fortwährend mineralisiert, verknöchert die menschliche Substanz, und man lernt den Mineralisierungsprozeß kennen. Indem man im Menschen ein Mineralisches rein als das Produkt des Denkens, ausfüllend den Menschen, ausfüllend ihn mit dem Toten, kennenlernt, lernt man in sich das Mineralreich kennen. Und indem man das Denken in sich erhebt über den Grad des Todes, in sich selber erweckt, indem man erlebt, daß in uns etwas sterben muß, damit die Gedanken entstehen, indem man dieses erlebt, lernt man erkennen auch das Geheimnis des Weltenalls. Man lernt erkennen, was eigentlich dieses Mineralreich da draußen bedeutet. Dieses Mineralreich der außermenschlichen Welt, man lernt es eben nur dadurch erkennen, daß man das an das Denken gebundene Mineralreich im Menschen selbst erkennt. Die rechte Welterkenntnis wird einem nur durch die intime Menschenerkenntnis. Und indem man sieht, wie etwas erstirbt im Menschen, entgeht man dem Vorurteil, das als das schärtfste, intensivste Vorurteil sich in das 19. Jahrhundert hereingeschlichen hat und geblieben ist bis in unsere Tage; so starrte, möchte ich sagen, unter einer infamen Suggestion befangen, starrte der Mensch hin auf die mineralische Welt mit ihrer Kausalität. Er kannte ja nichts in sich, was ihn die Wesenheit dieser mineralischen Welt kennen gelehrt hätte. Er konnte sich nichts anderes sagen, als: Diese Welt war einstmals Weltennebel, Kant-Laplacescher Urnebel. Daraus ist hervorgegangen das Planetensystem, die Erde; daraus hat sich alles andere entwickelt, und das wird so fortgehen. Dieses Werden, dieses kausale Geschehen, das ist etwas Ewiges; darinnen sind die sittlichen Menschenwerte Blasen, die aufsteigen, noch dazu Blasen, die nur aus Illusionen bestehen. Lernt man erkennen dieses mineralische Reich, indem man es in sich selber erkennen lernt, dann lernt man seine Wesenheit in der äußeren Welt durchschauen. Man sieht in sich, wie das mineralische Reich ein fortwährendes Sterben ist. Und man konstruiert nicht mehr in der alten Weise das äußere Weltbild, sondern man weiß jetzt, wie dieses äußere Weltbild eigentlich konstruiert ist unter dem Vorurteil von Wissenschaft. Sehr geistvoll ist es konstruiert, darauf haben wir schon aufmerksam gemacht: Man könnte ja durch fünf Jahre die Veränderung des menschlichen Herzens verfolgen und man würde finden, daß heute das menschliche Herz etwas anderes ist als vor fünf Jahren. Man könnte dann weiter verfolgen, wie es nach weiteren fünf Jahren ist, könnte dann ausrechnen, wie es nach dreihundert Jahren ist, es ist nur nicht mehr da, aber die Ausrechnung kann sehr starksinnig und richtig sein. So rechnen die Geologen, so rechnen die Astronomen, wie es ausschauen würde auf dieser Erde nach Jahrmillionen. Diese Erde ist nur dann ebenso wenig da, wie der Mensch als physischer Mensch nach dreihundert Jahren noch da ist. Und ebensowenig, wie das menschliche Herz vor dreihundert Jahren da war, ebensowenig war die Erde zu der Zeit da, wofür die Geologen ihre Rechnung anstellen!
[ 23 ] Once one has developed a thinking that is free from the body and cultivated through meditation, one first turns one’s attention to the other kind of thinking, sees how it continually mineralizes and ossifies human substance, and comes to understand the process of mineralization. By coming to know within the human being a mineral element purely as the product of thought—filling the human being, filling him with the dead—one comes to know the mineral kingdom within oneself. And by raising one’s own thinking above the level of death, by awakening it within oneself, by experiencing that something within us must die in order for thoughts to arise—by experiencing this—one also learns to recognize the mystery of the universe. One learns to recognize what this mineral kingdom out there actually means. This mineral kingdom of the world outside of humanity—one learns to recognize it only by recognizing the mineral kingdom bound to thinking within the human being itself. True knowledge of the world comes only through an intimate knowledge of the human being. And by seeing how something dies within the human being, one escapes the prejudice that, as the sharpest, most intense prejudice, crept into the nineteenth century and has remained to this day; thus, I would say, caught up in a vile suggestion, humanity stared at the mineral world with its causality. After all, they knew nothing within themselves that could have taught them the essence of this mineral world. They could tell themselves nothing other than: This world was once a cosmic nebula, a Kant-Laplacean primordial nebula. From it emerged the planetary system, the Earth; from it everything else developed, and this will continue indefinitely. This becoming, this causal process, is something eternal; within it, moral human values are bubbles that rise to the surface—and moreover, bubbles that consist solely of illusions. If one learns to recognize this mineral realm by learning to recognize it within oneself, then one learns to see through its true nature in the outer world. One sees within oneself how the mineral realm is a continuous process of dying. And one no longer constructs the external worldview in the old way; rather, one now knows how this external worldview is actually constructed under the preconception of science. It is constructed in a very ingenious way, as we have already pointed out: One could, for example, track the changes in the human heart over five years and would find that the human heart today is something different than it was five years ago. One could then continue to observe what it is like after another five years, and could then calculate what it will be like after three hundred years—it simply won’t be there anymore, but the calculation can be very sound and accurate. This is how geologists calculate, and how astronomers calculate what the Earth would look like millions of years from now. The Earth will be just as absent then as the human being, as a physical human being, will no longer be present after three hundred years. And just as the human heart was not present three hundred years ago, so too was the Earth not present at the time for which geologists are making their calculations!
[ 24 ] Das lernt man eben erkennen, indem man die Natur des Mineralreiches in der menschlichen Wesenheit selber auf dem Wege kennenlernt, den ich Ihnen angegeben habe. Dann aber, wenn man kennengelernt hat auf diese Weise das Wesen des Mineralreiches, dann weiß man: Dieses Mineralreich versinkt ebenso von der Erde, ohne daß die ganze Erde versinkt, wie beim Menschen aufhört dasjenige, was bei ihm verknöchert ist, im Tode, ohne daß der ganze Mensch seelisch-geistig aufhört.
[ 24 ] One learns to recognize this by coming to know the nature of the mineral kingdom within the human being itself, following the path I have indicated to you. But once you have come to know the essence of the mineral kingdom in this way, you will realize: Just as the mineral kingdom sinks into the earth without the entire earth sinking, so too does that part of the human being which has ossified cease to exist at death, without the whole human being ceasing to exist in a soul-spiritual sense.
[ 25 ] Und weiter: Man kann ebenso, wie man das Denken durch Meditation vorwärts bringt; ebenso kann man das menschliche Fühlen vorwärts bringen; wie man das menschliche Denken in einer gewissen Weise hellsichtig machen kann, so kann man das menschliche Fühlen hellfühlig machen, so daß man auch durch das menschliche Fühlen in die geistige Welt eintritt. Und wie man durch das Denken in der Art wie ich es eben angedeutet habe, das mineralische Reich kennenlernt, so lernt man dadurch, daß das Fühlen leibfrei wird, und man zurückschauen kann auf das alltägliche Fühlen, wie es gebunden ist an das menschliche Drüsensystem, man lernt erkennen, wie dieses alltägliche Fühlen an einen ähnlichen Prozeß im Organismus gebunden ist, wie es der Pflanzenprozeß in der äußeren Welt ist.
[ 25 ] And further: Just as one can advance thinking through meditation, so too can one advance human feeling; just as one can, in a certain way, make human thinking clairvoyant, so one can make human feeling clair-sensitive, so that one may also enter the spiritual world through human feeling. And just as one comes to know the mineral kingdom through thinking in the way I have just indicated, so, by making feeling free from the body and being able to look back at everyday feeling as it is bound to the human glandular system, one learns to recognize how this everyday feeling is bound to a process in the organism similar to the plant process in the external world.
[ 26 ] Und wiederum lernt man das Wesen des Pflanzenprozesses in der äußeren Welt kennen. Und man lernt erkennen - was dem heutigen Menschen sehr paradox erscheint —, daß das Pflanzenreich ein längeres Dasein hat als das mineralische Reich, daß das Pflanzenreich auch älter ist als das Mineralreich. Der heutige Mensch kann sich gar nichts anderes vorstellen, als daß das pflanzliche Reich aus dem Boden des Mineralischen herauswächst. Er sollte sich lieber anschauen, wie aus dem pflanzlichen Reich ein deutlich Mineralisches in der Steinkohle daraus wächst! Er würde von da ausgehend erschauen können, wie alles Mineralische, das heute existiert, eine Absonderung ist, ein Ergebnis eines ursprünglichen Pflanzlichen, und wie das Pflanzliche ein längeres Dasein haben wird als das Mineralische.
[ 26 ] And once again, one comes to understand the nature of the plant process in the external world. And one comes to recognize—which seems very paradoxical to people today—that the plant kingdom has a longer existence than the mineral kingdom, that the plant kingdom is also older than the mineral kingdom. People today have no mental image of anything other than that the plant kingdom grows out of the mineral realm. They would do well to observe how something distinctly mineral—coal—grows out of the plant kingdom! Starting from there, they would be able to see how everything mineral that exists today is a secretion, a result of an original plant form, and how the plant kingdom will have a longer existence than the mineral kingdom.
[ 27 ] Ebenso wie man leibfrei machen kann das Denken und Fühlen, so auch den Willen. Und erlangt man diesen leibfreien Willen — ich habe auch davon gestern gesprochen, wodurch man diesen leibfreien Willen erlangt, durch eine besonders geeignete, intensive Selbsterziehung, durch ein Sich-Selbsterfassen, durch Selbstzucht -, dann lernt man erkennen das besondere Wesen im Menschen, das nun verwandt ist dem tierischen Reiche. Dann lernt man auch erkennen das Wesen dieses tierischen Reiches. Aber auch wie das pflanzliche Reich wiederum eine Absonderung des tierischen Reiches ist, wie das tierische Reich älter ist als das pflanzliche, das pflanzliche aus sich herausgesondert hat, wie es länger bestehen wird, wie das pflanzliche Reich eher verschwinden wird als das tierische Reich. Allerdings natürlich nicht in den physischen Tierformen wie heute, aber in den Tierwesenheiten, die in diesem physischen Reiche verkörpert sind.
[ 27 ] Just as one can free thought and feeling from the body, so too can one free the will. And once one attains this will free from the body—I also spoke about this yesterday, explaining how one attains this will free from the body: through a particularly suitable, intensive process of self-education, through self-understanding, through self-discipline—then one learns to recognize the special nature within the human being that is related to the animal kingdom. Then one also learns to recognize the nature of this animal kingdom. But also how the plant kingdom, in turn, is a separation from the animal kingdom; how the animal kingdom is older than the plant kingdom, having separated the plant kingdom from itself; how it will endure longer; and how the plant kingdom will disappear before the animal kingdom does. Of course, not in the physical animal forms as they exist today, but in the animal beings embodied in this physical realm.
[ 28 ] Und dann bekommt man erst einen wahren Einblick in die Menschenwelt. Dann bekommt man einen solchen Einblick in diese Menschenwelt, daß man sich sagt: Der Mensch ist es ja, der herausgewachsen ist über all diese Reiche, weil er gewissermaßen so, wie das pflanzliche Reich das mineralische, das tierische Reich das pflanzliche abgesondert hat, so hat der Mensch wiederum das Tier aus sich herausgesondert; er ist älter als das tierische Reich und dauert länger als das tierische Reich. Zuerst geht das Mineralische zugrunde, dann das Pflanzliche, dann das Tierische. Dann wird dasjenige vom Menschen da sein, das man kennenlernte, indem man hinschaute auf dasjenige, was sich aus dem Tode des Mineralischen erhob, was sich erhob auf dem Tode des Pflanzlichen, auf dem Tode des Tierischen, wenn die übrigen drei Reiche verschwunden sein werden. -— Was wird sich dann erheben aus unserer Erde, aus unserem Erdendasein? Derjenige, der den Menschen kennenlernt, lernt das schon jetzt erkennen. Er sieht, wie das Denken, wie die Gedanken - und die sittlichen Ideale sind Gedanken -, wie die sich erheben aus dem Grabe des verknöchernden Teiles des Organismus in uns; so wird einstmals nur dasjenige da sein, was der Mensch hervorgebracht hat. Es wird sich, wenn verschwunden sein wird dasjenige, was im mineralischen Reich, was im pflanzlichen Reich, was im tierischen Reich ist, es wird sich das hervorheben aus allem diesem Untergegangenen, was gerade der Mensch hervorgezogen hat aus Überwindung des toten Mineralreiches, aus der Überwindung des Pflanzenreiches, aus der Überwindung des Tierreiches. Und wir werden darauf hingewiesen, daß dasjenige, was wir heute als sittliche Ideale ausbilden, in unseren keimhaften Gedanken weltbildend sein wird, wenn alles dasjenige verschwunden sein wird, was im heutigen mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reich enthalten ist. Wir stellen uns zur Welt nunmehr so, wie wir uns stellen müssen, wenn wir im Bilde die Pflanze anschauen: Da wächst sie herauf, bildet Blatt für Blatt; dann ist aber schon veranlagt der kleine Keim, der dann zur neuen Pflanze wird. Das alte Laub blättert von der Pflanze ab; die Blütenblätter, all das hat keine Bedeutung für den weiteren Fortgang. Wir stehen in der Welt als Mensch darinnen. Wir sehen, wie dasjenige in uns schon jetzt geschieht, was einmal Erdenprozeß sein wird. Wir sehen, wie in uns ein Mineralreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein Pflanzenreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein Tierreich sich bildet, weil wir denken. Über all dieses triumphiert dasjenige, was sich in uns als Denken, Fühlen und Wollen ausbildet. Damit ist der Keim gegeben. Wir müssen nur die Möglichkeit haben zu wissen, daß dasjenige, aus dem dieser Keim sich entwickelt, abfällt, wie die Blütenblätter, die Stengelblätter abfallen, daß das eben den Keim einer neuen Welt ergibt.
[ 28 ] And only then do you gain a true insight into the human world. Then one gains such an insight into this human world that one says to oneself: It is indeed the human being who has grown beyond all these kingdoms, because, just as the plant kingdom has separated itself from the mineral kingdom and the animal kingdom from the plant kingdom, so too has the human being separated the animal from within himself; he is older than the animal kingdom and endures longer than the animal kingdom. First the mineral kingdom perishes, then the plant kingdom, then the animal kingdom. Then what remains of humanity—which we came to know by observing what arose from the death of the mineral kingdom, what arose from the death of the plant kingdom, and what arose from the death of the animal kingdom—will be present when the other three kingdoms have disappeared. — What, then, will arise from our Earth, from our earthly existence? The one who comes to know humanity can already recognize this now. He sees how thinking, how thoughts—and moral ideals are thoughts—how these rise from the grave of the ossifying part of the organism within us; thus, one day, only that which humanity has brought forth will remain. When that which belongs to the mineral kingdom, the plant kingdom, and the animal kingdom has vanished, what will emerge from all that which has perished is precisely what humanity has drawn forth by overcoming the dead mineral kingdom, by overcoming the plant kingdom, and by overcoming the animal kingdom. And we are reminded that what we today cultivate as moral ideals will, in our embryonic thoughts, shape the world when all that is contained in today’s mineral, plant, and animal kingdoms has vanished. We now relate to the world as we must when we look at a plant: There it grows upward, forming leaf after leaf; but the small seed that will become the new plant is already present within it. The old foliage falls from the plant; the petals—none of that has any significance for what follows. We stand in the world as human beings within it. We see how what will one day be an earthly process is already taking place within us. We see how a mineral kingdom forms within us because we think, how a plant kingdom forms within us because we think, how an animal kingdom forms within us because we think. Triumphant over all of this is that which develops within us as thinking, feeling, and willing. Thus the seed is sown. We need only have the ability to know that that from which this seed develops falls away—just as the petals and stem leaves fall away—and that this very process gives rise to the seed of a new world.
[ 29 ] Der Feind dieser Anerkennung hat sich im 19. Jahrhundert heraufentwickelt, indem man sich nichts anderes vorstellen konnte als: Das mineralische Geschehen schließt in sich eine Substantialität, die konstant ist. Man redete von Konstanz der Materie, der Kraft. In dem Augenblick, wo man diese Dogmen hingestellt hat, in diesem Augenblick i5t dieses Mineralische etwas; in diesem Augenblick sieht man nicht ein, daß dieses Mineralische dem Untergange geweiht ist, später das Pflanzliche dem Untergange geweiht ist, später das Tierische dem Untergange geweiht ist, und daß sich auf diesem ganzen Grabe nicht ein Nichts erheben wird, sondern dasjenige erheben wird, was wir Menschen heute in uns tragen.
[ 29 ] The enemy of this recognition emerged in the 19th century, when people could not form any other mental image than this: that mineral processes contain within themselves a substantiality that is constant. People spoke of the constancy of matter and of force. At the very moment these dogmas were established, at that very moment, the mineral realm is something; at that very moment, one fails to realize that this mineral realm is doomed to perish, that later the plant realm is doomed to perish, that later the animal realm is doomed to perish, and that from this entire grave, it is not nothingness that will rise, but rather that which we humans carry within us today.
[ 30 ] Ja, diese Erde mit allem, was in den drei Reichen auf ihr ist, wird zugrunde gehen. Aber dasjenige, was wir schon heute in uns ausbilden, und dem wir sittlichen Menschenwert zuschreiben, das ist der Keim einer neuen Erde, der Keim eines neuen Weltendaseins. Wir sehen nicht auf den sittlichen Menschenwert hin, indem wir sagen: Das ist eine illusionäre Blase, die aufsteigt — weil wir einsehen, wie alles dasjenige rings herum, wie die Blätter der Pflanze abfallen, ebenso alles übrige von der Erde abfällt, aber als ein Keim sich entwickelt dasjenige, was wir als den sittlichen Menschenwert in uns tragen. Wir müssen nur solche Vorstellungen überwinden, wie das Vorurteil von der Konstanz der Materie, von der Konstanz der Kraft, diese furchtbaren Dogmen, welche die Naturwissenschaft hereingepflanzt hat im 19. Jahrhundert, weil sie keine Ahnung davon hatte, was der Mensch erkennen kann, wenn er sich zur Geist-Erkenntnis aufschwingt und das dann in sich selber erlebt, im Mikrokosmischen, im Menschlichen: den Tod des mineralischen Reiches, über den triumphiert der Gedanke, der sich nur entwickeln kann, indem wir fortwährend sterben, geradeso wie sich der neue Pflanzenkeim nur entwickeln kann, indem die alten Pflanzenblätter absterben und der Keim über die alten Pflanzenblätter triumphiert. Unser sittliches Menschenwesen, unser sittlicher Menschenwert ist der Triumphator über dasjenige, was untergeht in den übrigen Reichen, in demjenigen, was von uns selber auch diesen übrigen Reichen angehört.
[ 30 ] Yes, this Earth, with everything in the three realms upon it, will perish. But that which we are already developing within ourselves today, and to which we ascribe moral human worth—that is the seed of a new Earth, the seed of a new world existence. We do not regard moral human worth as an illusory bubble rising up—because we realize how everything around us, just as the leaves of a plant fall off, so too does everything else fall away from the earth; yet what we carry within us as moral human worth develops as a seed. We need only overcome such mental images as the prejudice regarding the constancy of matter, the constancy of force—these dreadful dogmas that natural science implanted in the 19th century because it had no inkling of what a human being can come to know when he soars toward spiritual knowledge and then experiences it within himself, in the microcosmic, in the human: the death of the mineral kingdom, over which triumphs the thought that can develop only as we continually die, just as the new plant seed can develop only as the old plant leaves die off and the seed triumphs over the old plant leaves. Our moral human nature, our moral human worth, is the triumphant force over that which perishes in the other kingdoms—in that part of ourselves that also belongs to these other kingdoms.
[ 31 ] Da sehen wir, wie die sittlichen Weltanschauungen hineinschießen in die naturwissenschaftlichen Weltanschauungen. Da sehen wir, wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung es mit demjenigen zu tun hat, was abstirbt an der Welt, die sittliche Weltanschauung es zu tun hat mit demjenigen, was jetzt als Keim in diesem Absterbenden als eine neue Welt aufgeht. Da erwächst in uns das Bewußtsein, daß wir, indem wir eine sittliche Welt mit Idealen aufbauen, arbeiten an dem Keime einer zukünftigen Welt. Da wird der sittliche Menschenwert auf dieselbe Linie gestellt mit dem Naturgeschehen. Da wird aber das Naturgeschehen in seine Grenzen zurückgewiesen, dieses Naturbetrachten, das ja ohnedies zu seinen Ergebnissen kommt, indem es den Menschen hineinnimmt in die Kliniken und an dem Kadaver die Untersuchungen macht. Die Naturwissenschaft macht die Untersuchungen an dem Absterbenden. Sie gelangt auch nur zu Erkenntnissen über das Absterbende. Dasjenige aber, was der Kliniker nicht in die Leichenkammer tragen kann, was nicht seziert werden kann, dasjenige was triumphiert über das Seziert-zu-Werdende, das ist dasjenige, was schon jetzt als sittlicher Menschenwert aufbaut eine neue Welt.
[ 31 ] Here we see how moral worldviews intermingle with scientific worldviews. Here we see how the scientific worldview deals with that which is dying in the world, while the ethical worldview deals with that which is now sprouting as a new world within this dying process. Here the awareness arises within us that, by building an ethical world with ideals, we are working on the seed of a future world. Here, the moral value of the human being is placed on the same level as natural processes. But here, natural processes are pushed back within their limits—this observation of nature, which in any case arrives at its conclusions by bringing people into clinics and conducting examinations on cadavers. Natural science conducts its investigations on the dying. It also arrives only at insights concerning the dying. But that which the clinician cannot carry into the morgue, that which cannot be dissected—that which triumphs over what is to be dissected—that is what is already building a new world as human moral value.
[ 32 ] Sehen Sie, Geisteswissenschaft hat allerdings die Aufgabe, die Anmaßungen, wenn ich so sagen darf, der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu brechen. Denn Geisteswissenschaft sieht klar und deutlich ein: Ja, es ist so, entweder man lehnt diese naturwissenschaftliche Weltanschauung - nicht die Naturwissenschaft mit ihren gesicherten Resultaten selbstverständlich —, man lehnt diese naturwissenschaftliche Anschauung ab, oder aber man muß den sittlichen Menschenwert ablehnen. Nur weil heute die Menschen so unkonsequent und erhaben sind, sehen sie nicht ein, daß sie sich entschließen müssen, um den sittlichen Menschenwert zu retten, zu einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung zu greifen. Die Menschheit sieht es nicht ein, weil sie diejenige Weltanschauung, die heute bloß auf Naturanschauung baut, behalten will. Dann aber müßte sie so sprechen, wie einstmals Mathilde Reichardt dem Moleschott, dem materialistischen Naturforscher geschrieben hat: «Darum muß ich es noch einmal aussprechen: Auch der zum Dieb gewordene Mensch brachte das Recht mit sich, seine Natur zu vollenden und sie allseitig zu machen, und kann auf diese Weise nur eine kraftvolle, eine sittliche Natur sein. Und wie der Dieb, so jeder Lasterhafte, auch der zum Mörder Gewordene. Dieser kann zur Vollendung seiner Menschheit nur gelangen, indem er seine Mordlust befriedigt.» Entweder man spricht so, und gibt damit der Naturwissenschaft als Weltanschauung ihr Recht, spricht ihr jeden sittlichen Menschenwert ab, oder man greift zur Geisteswissenschaft.
[ 32 ] You see, the task of Spiritual Science is, if I may put it that way, to break down the presumptions of the scientific worldview. For Spiritual Science sees clearly and unambiguously: Yes, it is true—either one rejects this scientific worldview—not natural science itself, with its established results, of course—one rejects this scientific worldview, or else one must reject the moral value of the human being. It is only because people today are so inconsistent and aloof that they fail to realize they must resolve, in order to save the moral value of the human being, to embrace a worldview based on Spiritual Science. Humanity fails to realize this because it wants to hold on to the worldview that today is based solely on a naturalistic outlook. But then it would have to speak as Mathilde Reichardt once wrote to Moleschott, the materialist natural scientist: “That is why I must say it once more: Even the person who has become a thief brought with him the right to perfect his nature and make it all-encompassing, and in this way can only be a powerful, moral nature. And just as with the thief, so it is with every vicious person, even one who has become a murderer. The latter can attain the fulfillment of his humanity only by satisfying his lust for murder.” Either one speaks in this way—and thereby acknowledges the validity of natural science as a worldview while denying it any moral human value—or one turns to Spiritual Science.
[ 33 ] Es gibt noch ein Drittes. Man sagt: Alle Weltanschauung ist mir gleichgültig, ich will lieber das Weltendasein in instinktartiger Weise verschlafen. Gewiß, dieses Dritte ist auch möglich. Viele Menschen tun es heute. Wer ernstlich mit sich selbst und mit seinem Verhältnis zur Welt ins klare kommen will, kann nur den einen der bezeichneten Wege gehen. So liegen heute die Dinge. Diese Entscheidung ist da. Die Naturwissenschaft hat sich zur Weltanschauung ausgewachsen. Man predigt nicht theoretisch, so wie Mathilde Reichardt und der Kulturhistoriker Hellwald und andere getan haben, daß der Dieb, daß der Mörder zum vollen Menschen nur werden kann, wenn er sich auslebt, weil in ihm die Naturkausalität in genau derselben Weise wirtschaftet wie in dem sogenannten ehrlichen Menschen. Man predigt das nicht theoretisch. Aber dasjenige, was in dieser Gesinnung lebt, das geht durch Europa. Es hat die letzten fünf bis sechs Jahre erzeugt. Es wird weiter wirken. Europa wird barbarisiert; oder Europa muß einsehen, daß es keine Weltanschauung auf der Grundlage der Naturwissenschaft allein aufbauen kann.
[ 33 ] There is a third option. One might say: I am indifferent to all worldviews; I would rather sleep through my existence in this world in an instinctive manner. Certainly, this third option is also possible. Many people do this today. Anyone who seriously wants to come to terms with themselves and their relationship to the world can only follow one of the paths described. That is how things stand today. The decision is there. Natural science has matured into a worldview. One does not preach theoretically—as Mathilde Reichardt, the cultural historian Hellwald, and others have done—that the thief or the murderer can only become a fully realized human being by acting out their impulses, because natural causality operates within them in exactly the same way as it does in so-called honest people. One does not preach this theoretically. But what lives on in this mindset is sweeping through Europe. It has shaped the last five to six years. It will continue to have an effect. Europe is being barbarized; or Europe must realize that it cannot build a worldview based solely on the natural sciences.
[ 34 ] Das scheint heute vielleicht fanatisch gesprochen, das scheint heute vielleicht radikal gesprochen. Jeder klopfe sich selber an seine Brust und frage, aber er frage ernst genug, und ich glaube nicht, daß der Ernst eine andere Antwort geben könne. Und dann sehe man hin auf eine solche Weltanschauung, die so vom Seelenwesen aus den sittlichen Menschenwert wiederum erobern will, wie sie genötigt ist, eben vom Geiste aus den sittlichen Menschenwert wieder zu suchen, wie sie brechen muß mit demjenigen, was die mannigfaltigsten Vorurteile unserer Zeit geworden sind: Konstanz der Energie, Konstanz der Substanz und so weiter. Man sehe hin auf diese Geisteswissenschaft: sie muß eine ganz andere Art des Vorstellens, eine ganz andere Art des Sich-zur-Welt-Stellens sich aneignen. Sie kommt dadurch dazu, so auf dasjenige hinzuschauen, was scheinbar nur Gedanke ist, was scheinbar ganz verdünnter Gedanke nur ist, der dahinhuscht und verschwindet, sie kommt dazu, das als den Keim zu einer neuen Realität, nachdem die ganze Erde verschwunden sein wird, zu halten. Diese Geisteswissenschaft wird von dem, der die Sache ernst meint, als eine Notwendigkeit unserer Zeit empfunden werden. Sie wird aber auch von dem Religiösen, von dem wahrhaft Religiösen unserer Zeit als eine Notwendigkeit empfunden werden müssen. Unsere Zeit braucht die Möglichkeit, begreifen zu können, wie etwas Geistiges sich hineinstellen kann in diese physische Welt.
[ 34 ] That may sound fanatical today; that may sound radical today. Let each person search their own heart and ask themselves—but let them ask seriously enough—and I do not believe that such seriousness could yield any other answer. And then let us look at a worldview that seeks to reclaim moral human dignity from the essence of the soul—just as it is compelled to seek moral human dignity anew from the spirit—and that must break with what have become the most manifold prejudices of our time: the constancy of energy, the constancy of substance, and so on. Consider this Spiritual Science: it must adopt an entirely different way of forming mental images, an entirely different way of relating to the world. Through this, it comes to regard that which is seemingly only thought—that which is seemingly nothing but a highly diluted thought that flits by and vanishes—as the seed of a new reality, once the entire earth has disappeared. This Spiritual Science will be perceived by those who take the matter seriously as a necessity of our time. But it must also be perceived as a necessity by the religious, by the truly religious people of our time. Our time needs the ability to comprehend how something spiritual can take its place within this physical world.
[ 35 ] Nun sehe man sich dasjenige an, was der von der heutigen Bildung durchdrungene Mensch über das Ereignis von Golgatha sagen kann. Er kann nicht anders, als von dem Ereignis von Golgatha sagen: Nun ja, die ganze Zeit über, die vorangegangen ist diesem Ereignis von Golgatha, muß es sich vorbereitet haben im Geschehen der Erde, dann war es da. Dann hat es wieder seine Folgen gehabt. Es muß in der Reihe der Ursachen und der Wirkungen drinnenstehen. Denn woher sollte derjenige, der in dieser heutigen Bildung steht, die auf Naturwissenschaft allein gebaut ist, worinnen sollte er die Möglichkeit sehen, daß mit dem Ereignis von Golgatha etwas ganz Neues in die Erde sich hereinbegeben hat, um sich nunmehr mit dem Weiterentwickeln der Erde auch weiter zu gestalten! Einzig und allein dadurch, daß man schon begreift, wie in dem menschlichen innersten Leben, der eigentlichen Gedankenwelt etwas enthalten ist, was dauert über diese Erde hinaus und all ihre Reiche, nur dadurch, daß man dieses begreift, daß etwas in der Erde ist, was sich nicht erschöpft in dem verstandesmäßigen Äußeren, in dem sinnengemäßen Äußeren, was triumphiert über diese Erde, was seiner Substanz nach über dieses Irdische hinausgeht, ist man auch befähigt, hinzuschauen auf diejenige Wesenheit, auf die Geistwesenheit, die durch das Mysterium von Golgatha in die Erde her eingezogen ist und als der Christus Jesus der Erde ihren weiteren Sinn gibt.
[ 35 ] Now let us consider what a person steeped in modern education can say about the event at Golgotha. He cannot help but say of the event at Golgotha: Well, throughout the entire period preceding this event at Golgotha, it must have been prepared for in the course of earthly events; then it happened. Then it had its consequences. It must be embedded within the chain of causes and effects. For where would someone standing within today’s educational framework—which is based solely on the natural sciences—find the possibility that, with the event at Golgotha, something entirely new entered the Earth, only to continue shaping itself as the Earth evolves further! Solely by understanding that within the innermost life of the human being—the actual world of thought—there is something that endures beyond this Earth and all its realms; solely by understanding this—that there is something on Earth that is not exhausted in the intellectual exterior, in the sensory exterior, that triumphs over this Earth, that, in its very substance, transcends the earthly—only then is one also able to look upon that Being, that spiritual Being, who, through the Mystery of Golgotha, has entered into the Earth and, as Christ Jesus, gives the Earth its deeper meaning.
[ 36 ] Heute ist es notwendig, daß man sich mit dem, was Geisteswissenschaft entzündet im Menschen, dem Mysterium von Golgatha, den Geheimnissen des Christentums nähert. Denn heute muß das Chri stentum geistig verstanden werden. Sehen wir bei den Materialisten nach: Geradeso, wie sie den sittlichen Menschenwert, wenn sie konsequent sind, ableugnen, so muß ihnen das Christentum ein Unding sein. Auf dem Standpunkte der alten traditionellen Bekenntnisse können die Menschen nicht bleiben, denn, sehen Sie einmal nach bei den Vertretern, sagen wir zum Beispiel der katholischen Kirche, da sehen Sie, wenn diese Vertreter gerade Wissenschafter werden, wie sie die allermaterialistischste Wissenschaft pflegen! Sie können nachsehen bei denjenigen, die als katholische Priester Wissenschafter werden: Sie wollen nicht den Geist in die Wissenschaft hineintragen. Sie wollen gerade die Wissenschaft bewahrt wissen vor dem Hineintragen des Geistes, denn sie wollen die alten traditionellen Formen im Geiste weiterbewahren. Sie fürchten sich vor der neuen Entdeckung geistiger Substantialität, sie flüchten davor. Davon ist auch nichts zu holen. — Und sehen wir bei den protestantischen Formen der Christentums-Interpretation nach, da sehen wir, wie mächtig auf diese protestantische neuere Theologie die naturwissenschaftliche Weltanschauung drückt: Sie können nicht in dasjenige, was in der Welt geschieht, das Ereignis von Golgatha einreihen! Deshalb sagen sie, man müsse den Christus Jesus bloß auffassen hinsichtlich seiner moralischen Qualitäten, hinsichtlich desjenigen, was er als Ethos hereingebracht hat. — Aber dann steht wiederum dieses Ethos vollständig in der Luft, wenn man es nicht verankert in einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung.
[ 36 ] Today it is necessary to approach what kindles Spiritual Science within the human being: the Mystery of Golgotha and the mysteries of Christianity. For today, Christianity must be understood spiritually. Let us consider the materialists: Just as they deny the moral value of the human being—if they are consistent—so Christianity must seem absurd to them. People cannot remain at the level of the old traditional creeds, for if you look, for example, at the representatives of the Catholic Church, you will see that when these very representatives become scientists, they practice the most materialistic form of science! You can look at those who, as Catholic priests, become scientists: they do not want to bring the spirit into science. They specifically want to keep science safe from the intrusion of the spirit, for they wish to preserve the old traditional forms in spirit. They fear the new discovery of spiritual substantiality; they flee from it. There is nothing to be gained from that either. — And if we look at the Protestant forms of interpreting Christianity, we see how powerfully the scientific worldview weighs down on this newer Protestant theology: They cannot place the event of Golgotha within the context of what happens in the world! That is why they say that one must understand Jesus Christ solely in terms of his moral qualities, in terms of the ethos he introduced. — But then, in turn, this ethos is completely up in the air if it is not anchored in a worldview based on Spiritual Science.
[ 37 ] Wer die Gefahren, in denen das Christentum gerade heute schwebt, erkennt, der wird sich sagen müssen: Gerade das Christentum ist darauf angewiesen, zur Erkenntnis seines Mittelpunktes, zur Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha selbst, zur Geisteswissenschaft zu greifen. Denn wie Geisteswissenschaft hinweist, wo der Keim ist zur zukünftigen Erde, so weist Geisteswissenschaft auch hin darauf, wo die Kräfte sind, die sich mit der Erde verbunden haben, ohne daß sie unmittelbar in dem Vorchristlichen der Erde enthalten waren. Man kann die Geistigkeit des Mysteriums von Golgatha nur begreifen, wenn man sich durch Geisteswissenschaft erst zu einem geistigen Begreifen überhaupt heraufgerungen hat. Gerade sollten diejenigen, die es mit dem Christentum ernst meinen, zur Rettung dieses Christentums an die Geisteswissenschaft appellieren. Das werden auch diejenigen tun, die es mit dem Christentum, die es überhaupt mit dem Religiösen ernst nehmen.
[ 37 ] Anyone who recognizes the dangers facing Christianity today will have to admit: Christianity, more than anything else, depends on turning to Spiritual Science to gain insight into its very core—into the mystery of Golgotha itself. For just as Spiritual Science points to where the seed of the future Earth lies, so too does it point to where the forces are that have become connected to the Earth without having been directly present in the pre-Christian Earth. One can only grasp the spiritual nature of the Mystery of Golgotha if one has first struggled, through Spiritual Science, to attain a spiritual understanding at all. Precisely those who are serious about Christianity should appeal to Spiritual Science for the sake of saving Christianity. So, too, will those who take Christianity—and religion in general—seriously.
[ 38 ] Warum haben denn die Menschen des rein naturwissenschaftlichen Zeitalters noch sittliche Ideale? Das können uns wiederum solche Stimmen wie die von Hellwald und Mathilde Reichardt lehren, die aber durch zahlreiche andere vermehrt werden könnten. Sie lehren uns: Aufgabe der Wissenschaft ist, alle Ideale zu zerstören, ihre Hohlheit, ihre Nichtigkeit zu erweisen, zu zeigen, daß Gottesglaube und Religion Trug seien, daß Sittlichkeit Lüge ist und so weiter. - So müßte man eigentlich aus einer bloß naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraus sagen, wenn man nicht zu feige dazu wäre!
[ 38 ] Why, then, do people in this purely scientific age still have moral ideals? This, in turn, can be taught to us by voices such as those of Hellwald and Mathilde Reichardt, though their number could be increased by many others. They teach us: The task of science is to destroy all ideals, to prove their hollowness and futility, to show that faith in God and religion are delusions, that morality is a lie, and so on. — That is what one would actually have to say from a purely scientific worldview, if one were not too cowardly to do so!
[ 39 ] Von einem solchen Standpunkte aus ist das Christentum nicht zu retten. Einzig und allein dadurch wird dem Christentum wiederum der Boden geschaffen, daß durch Geisteswissenschaft die Möglichkeit erreicht wird, ins Geistige selber hineinzuschauen, so hineinzuschauen, daß dieses geistige Leben als Realität erkannt wird und nicht als illusionäre Blasen, denen man sich nur hingibt, weil man es im Kampfe ums Dasein braucht. Nein, nicht weil man das Geistige im Kampfe ums Dasein braucht, sondern weil es erzeugt wird mit einer Notwendigkeit aus unserer Welt, wie der Keim der neuen Pflanze aus der alten mit der Notwendigkeit erzeugt wird! Aber nur, wenn man einsieht, daß das Alte nicht der Konstanz der Energie, der Unzerstörbarkeit des Stoffes unterliegt, sondern daß abfällt alles Stoffliche wie die Pflanzenblätter abfallen, und daß das Geistige der Keim desjenigen ist, was da kommt, wie der Pflanzenkeim die neue Pflanze hervorbringt. Nur wenn man diese geistgetragene Notwendigkeit einsieht, kommt man zu den Quellen im cher Menschenwert erzeugt wird, wo wiederum sittlicher Menschenwertlebt. Dasjenige, was Leuten vom Schlage der Mathilde Reichardt, des Hellwaid und anderen als sittliche Ideale noch geblieben ist, ist das konventionsmäflige Festhalten an den ererbten Idealen. Hätten sich nicht solche Ideale vererbt aus den Anschauungen, die uns aus dem 19. in das 20. Jahrhundert hereingekommen sind, wären sie niemals zu gewinnen! Fruchtbarer Boden für sittliche Ideale wird allein wiederum dasjenige sein, was durch die Geisteswissenschaft als solcher Boden geliefert wird.
[ 39 ] From such a standpoint, Christianity cannot be saved. The only way to lay the groundwork for Christianity once again is for Spiritual Science to make it possible to look into the spiritual realm itself—to look so deeply that this spiritual life is recognized as reality and not as illusory bubbles to which one surrenders only because one needs them in the struggle for existence. No, not because one needs the spiritual in the struggle for existence, but because it is brought forth with a necessity from our world, just as the seed of the new plant is brought forth from the old with a necessity! But only when one realizes that the old is not subject to the constancy of energy or the indestructibility of matter, but that all material things fall away just as the leaves of a plant fall away, and that the spiritual is the seed of what is to come, just as the plant seed brings forth the new plant. Only when one recognizes this spiritually driven necessity does one reach the sources from which human worth is generated, where moral human worth, in turn, lives on. What remains as moral ideals for people of the ilk of Mathilde Reichardt, Hellwaid, and others is merely a conventional clinging to inherited ideals. Had such ideals not been passed down from the views that carried us from the 19th into the 20th century, they would never have been attained! Fertile ground for moral ideals will, in turn, be found solely in what Spiritual Science provides as such ground.
[ 40 ] Aus all diesen Gründen heraus glaubt Geisteswissenschaft wirklich nicht aus bloßem subjektivem Bedürfnisse ihrer Bekenner zu wirken, sondern glaubt zu wirken aus der Notwendigkeit der Zeit heraus. — Wie sie wirken muß aus der Notwendigkeit des Charakters der heutigen Erdenvölker, wie diese Erdenvölker heute in bezug auf ihre Seele, in bezug auf ihre äußeren Kulturverhältnisse beschaffen sind, davon möchte ich dann morgen sprechen: wie es sich auch durch die Betrachtung, ich möchte sagen, dieser geistigen Biographie und Geschichte der Erde als eine Notwendigkeit erweist — was ich heute durch die Natur des menschlichen Seelenwesens mit Bezug auf den sittlichen Menschenwert zu erweisen versuchte —, den Blick hinzuwenden zu dem Aufgang eines neuen Geisteslebens. Denn nur dann, wenn wir diesen Weg zum Geiste finden, finden wir auch wiederum die Quellen des sittlichen Menschenwertes, brauchen wir nicht mehr zu verzweifeln darüber, daß einstmals die ganze Erde ein ödes Grab sein werde, und nicht einmal eine Erinnerung zurückgeblieben sein werde an dasjenige, was als sittliche Menschenwerte im Seelenwesen gelebt hat.
[ 40 ] For all these reasons, Spiritual Science truly does not believe it acts out of the mere subjective needs of its adherents, but rather believes it acts out of the necessity of the times. — How it must act out of the necessity inherent in the character of today’s peoples of the Earth—how these peoples are constituted today in terms of their souls and their external cultural conditions—is what I would like to speak about tomorrow: how, as I would like to say, I might say, this spiritual biography and history of the Earth—as a necessity—what I attempted to demonstrate today through the nature of the human soul in relation to moral human worth—we must turn our gaze toward the dawn of a new spiritual life. For only when we find this path to the spirit will we also rediscover the sources of moral human worth; only then will we no longer need to despair that one day the entire Earth will be a desolate grave, and not even a memory will remain of what once lived as moral human values within the soul.
[ 41 ] Geisteswissenschaft zeigt, daß sittliche Menschenwerte mit Recht im Seelenwesen aufgehen, weil sich künftige Welten ihre Keime gerade in den Menschenseelen durch sittliche Menschenwerte schaffen. Sittliche Menschenwerte von heute sind Naturwerte zukünftiger Welten. Wie wir heute in die Naturwerte hineinschauen und sehen die Ergebnisse vergangener Welten, so sehen wir in dem, was tief in unserer Brust entsteht, den Aufgang von neuen Welten. Nicht in abstrakter Form spricht Geisteswissenschaft von der Ewigkeit. Denn was so im ewigen Werden, im Wandel lebt, so daß es als Natürliches aus Sittlichem hervorgeht und wieder Sittliches für künftige Welten in seinem Schoße trägt, was so im Wandel der Zeiten lebt, das hat das Leben der Ewigkeiten. Und damit hat, weil der Keim für Ewigkeiten in der Menschen-Seelenwesenheit ruht, die Menschenseele ihre wahre Ewigkeit.
[ 41 ] Spiritual Science shows that moral human values are rightly rooted in the soul, because future worlds create their seeds precisely within human souls through moral human values. Today’s moral human values are the natural values of future worlds. Just as we look into the natural values of today and see the results of past worlds, so too do we see in what arises deep within our hearts the dawn of new worlds. Spiritual Science does not speak of eternity in abstract terms. For whatever lives in this eternal becoming, in this process of change—so that it emerges naturally from the moral and in turn carries within its bosom the moral for future worlds—whatever lives in this changing course of time possesses the life of eternities. And thus, because the seed of eternities rests within the human soul, the human soul possesses its true eternity.
