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From a Unitary State
to a Tripartite Social Organism
GA 334

6 May 1920, Basel

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From a Unitary State to a Tripartite Social Organism, tr. SOL
  1. Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus

11. Die geistigen und sittlichen Kräfte der gegenwärtigen Völker im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)

11. The Spiritual and Moral Forces of Contemporary Peoples in the Light of Spiritual Science (Anthroposophy)

[ 1 ] Es war gestern meine Bemühung, zu zeigen, wie mit dem Heraufkommen einer Weltanschauung, die ganz beeinflußt ist von naturwissenschaftlicher Grundlegung, die sittlichen Menschenwerte allmählich nicht mehr in Verbindung gebracht werden können im Bewußtsein der Menschen mit dem, was in dieser Art als ein Weltbild vor der menschlichen Seele steht. Und es wurde darauf hingewiesen, wie aus den Quellen geisteswissenschaftlicher Erkenntnis diese Festlegung des sitilichen Menschenwertes wiederum gefunden werden müsse. Da war gewissermaßen mein Bestreben gestern, zu zeigen, wie die Menschheit durch Aufnahme der Geisteswissenschaft zu einem vollen Bewußtsein ihrer sittlichen Würde wiederum kommen könne.

[ 1 ] Yesterday, I endeavored to show how, with the emergence of a worldview entirely influenced by a scientific foundation, moral human values can gradually no longer be associated in people’s consciousness with what stands before the human soul as a worldview of this kind. And it was pointed out how this definition of moral human values must once again be found in the sources of Spiritual Science knowledge. In a sense, my aim yesterday was to show how humanity, by embracing Spiritual Science, could once again attain a full awareness of its moral dignity.

[ 2 ] Man kann dieselbe Aufgabe von einer anderen Seite zu bewältigen suchen dadurch, daß man geisteswissenschaftlich untersucht die Wesenheiten der heute die Erde bewohnenden Völker, dasjenige untersucht, was in diesen Völkern zusammenwirkt an geistigen und sittlichen Kräften, um sich die Frage beantworten zu können: Inwiefern können die Menschen der Gegenwart aus den verschiedenen Volkskräften heraus nach dem hinstreben, was man eine soziale Gesundung auf Grundlage einer ethischen, einer sittlichen Gesundung nennen kann?

[ 2 ] One can attempt to approach the same task from a different angle by conducting a Spiritual Science investigation into the essences of the peoples inhabiting the Earth today—examining the spiritual and moral forces at work within these peoples—in order to answer the question: To what extent can people today, drawing upon the various forces of their peoples, strive toward what might be called a social renewal based on an ethical and moral renewal?

[ 3 ] Wir haben es als Menschheit erlebt, daß die äußeren materiellen, namentlich die wirtschaftlichen Zusammenhänge, sich nach und nach fast über die ganze bewohnte Erde hin erstreckt haben. Die Erde ; ist ein Wirtschaftsgebiet geworden. Und die Menschen waren gezwungen, nach den Erkenntnissen, die sie gehabt haben, sich dieses Wirtschaftsgebiet der Erde in einer gewissen Weise einzurichten: Die alten, aus ganz anderen Voraussetzungen heraus gegebenen Staatengebilde und Volksorganismen so zueinander in ein Verhältnis zu bringen, daß sie sich zusammengliedern könnten schlecht und recht zu diesem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet, wozu es eben die neuere Zivilisation der Menschheit gebracht hat.

[ 3 ] We, as humanity, have witnessed how external material conditions—namely, economic relationships—have gradually come to extend across almost the entire inhabited Earth. The Earth has become an economic sphere. And people were compelled, based on the knowledge they possessed, to organize this global economic sphere in a certain way: to bring the old state structures and national organisms—which had emerged from entirely different conditions—into such a relationship with one another that they could, for better or worse, be integrated into this common economic sphere, which is precisely what humanity’s modern civilization has brought about.

[ 4 ] Daß dieses Zusammengliedern nicht möglich geworden ist, zeigt die Entwickelung der letzten fünf bis sechs Jahre; das zeigt aber auch diejenige Entwickelung, in der wir noch drinnenstehen: das zeigt der Niedergang unseres öffentlichen Lebens. Man denke an all das, was an Lobsprüchen der neueren Zivilisation im Beginne des 20. Jahrhunderts vorgebracht worden ist, dahingehend, wie mit Windeseile die Menschen gewissermaßen über Landes- und Staatengrenzen hin ihre Angelegenheiten besorgten, wie mit ungeheurer, früher nie geahnter Schnelligkeit Telegraph, Telephon und so weiter wirkten, wie alle früher als unübersteiglich scheinenden Grenzen überwunden zu sein schienen. Und siehe da, so wenig fundiert war alles das, daß wir heute vor Landesgrenzen stehen, so scharf abgeschlossen, wie sie vor langer Zeit nicht waren, seit langer Zeit nicht mehr abgeschlossen waren. Und was die Hauptsache ist, dasjenige, was vor wenigen Jahrhunderten, vielleicht noch bis ins 19. Jahrhundert herein als natürlich empfunden worden ist, die Abschließung der Landes- und Staatengrenzen, heute können wir es nur wie etwas Völkisch-Perverses, Menschheits-Perverses ansehen, wie etwas, das keine Begründung haben kann in den wirklichen Verhältnissen der Menschheitsentwickelung. Und die Frage muß entstehen: Was hat dieses bewirkt, daß die Menschheit einen so furchtbaren Zug nach rückwärts angetreten hat?

[ 4 ] The developments of the past five to six years show that this integration has not been possible; but so do the developments we are still in the midst of: the decline of our public life demonstrates this. One need only recall all the praise heaped upon modern civilization at the beginning of the 20th century—how people were, as it were, conducting their affairs across national and state borders at lightning speed, how the telegraph, telephones, and so on operated with tremendous, previously unimaginable speed, and how all the boundaries that had once seemed insurmountable appeared to have been overcome. And lo and behold, all of that was so ill-founded that today we find ourselves facing national borders that are as sharply sealed off as they were not long ago—and have not been for a long time. And what is most important—that which, a few centuries ago, and perhaps even well into the 19th century, was regarded as natural—the sealing off of national and state borders—we can today view only as something ethnically perverse, something perverse to humanity, as something that can have no justification in the actual circumstances of human development. And the question must arise: What has caused humanity to take such a terrible step backward?

[ 5 ] Man wird sehr bald, wenigstens äußerlich darauf kommen, was der Grund ist, wenn man sich fragt: Ist mit alledem, was in materieller Beziehung sich gestaltet hat über den ganzen Erdball hin, auch das seelisch-geistige Leben der Menschheit gleichen Schritt gegangen? Wir haben die gleiche Art des Eisenbahnverkehrs über die ganze zivilisierte Welt ausgebreitet und auch über die unzivilisierte Welt; wir haben verstanden, die anderen Verkehrsmittel überallhin zu tragen, sogar die Art des Verkehrs überallhin zu tragen. Man hat nicht verstanden, hinzutragen überall ein gegenseitiges wirkliches Menschheits- und Weltenverständnis. Wir haben gewissermaßen den wirtschaftlich-materiellen Körper einer einheitlichen Erdenkultur erlebt, und wir haben es nicht gebracht zu einer Beseelung, zu einer Durchgeistigung dieses materiell-wirtschaftlichen Körpers einer einheitlichen Erdenkultur. Seelenlos ist dasjenige geblieben, was sich als ein wirtschaftlich-materiell Einheitliches über die Erde hin gestaltet hat. Da muß denn gefragt werden: Wie kommt man zur Seele der nach Gemeinsamkeit hinstrebenden Erdenmenschheit? Man wird nicht anders dahin kommen, als wenn man sich dazu entschließt, hinzusehen auf die wirkliche Wesenheit der die Erde heute bewohnenden Völker.

[ 5 ] One will very soon—at least on the surface—discover the reason for this when one asks: Has the spiritual and soul life of humanity kept pace with all that has taken shape in material terms across the entire globe? We have spread the same kind of railroad transportation throughout the entire civilized world and even into the uncivilized world; we have managed to bring other modes of transportation everywhere, indeed to bring this very mode of transportation everywhere. But we have failed to bring a mutual, genuine understanding of humanity and the world to every corner of the globe. We have, so to speak, experienced the economic-material body of a unified global culture, and we have failed to imbue this economic-material body of a unified global culture with a soul, to spiritualize it. That which has taken shape across the Earth as an economically and materially unified whole has remained soulless. We must therefore ask: How do we arrive at the soul of Earth’s humanity, which strives for unity? We will not reach it any other way than by resolving to look upon the true essence of the peoples inhabiting the Earth today.

[ 6 ] Nun, selbstverständlich, man kann nicht in einem kurzen Vortrage auf alle Einzelheiten verschiedener Völker eingehen; aber das ist vielleicht möglich, daß aus gewissen typischen Eigentümlichkeiten heraus ein Bild entworfen werde, wie die Menschen über die Erde hin ihrer Wesenheit nach, ihrer Seelenwesenheit nach leben. Und da darf man sagen: Wenn man mit dem Blick, den die Geisteswissenschaft heranerzieht, die Erdenmenschheit ansieht, dann sieht man in orientalischen Gegenden einen Menschentypus, welcher eine alte Kultur - allerdings in der neueren Zeit im Niedergang befindliche — bis heute bewahrt, einen Menschentypus, der in alten Zeiten Vorfahren hatte, von einer ungeheuer hohen Kultur und Zivilisation, allerdings einer solchen, die sehr verschieden von der unsrigen ist. Verschiedene Völker können wir sich herausdifferenzieren sehen aus diesem orientalischen Typus. Auf diese Differenzierung wird nicht eingegangen werden können; aber der Typus wird in einer gewissen Weise charakterisiert werden können.

[ 6 ] Well, of course, it is not possible to go into all the details of different peoples in a short lecture; but it may be possible, based on certain typical characteristics, to sketch a picture of how people live across the earth in terms of their essence, in terms of their soul nature. And here one may say: When one looks at humanity on Earth through the lens cultivated by Spiritual Science, one sees in the Oriental regions a type of human being who has preserved an ancient culture—albeit one that has been in decline in more recent times—to this day; a type of human being whose ancestors in ancient times possessed a culture and civilization of immense height, though one that is very different from our own. We can see various peoples emerging from this Eastern type. We will not be able to go into detail about this differentiation; but the type itself can be characterized to a certain extent.

[ 7 ] Dann sehen wir einen zweiten Menschentypus. Ich möchte ihn den mittleren Menschentypus nennen, denjenigen, der namentlich den Grundstock der europäischen Kultur, der mitteleuropäischen Kultur gebildet hat, der zurückgeht bis zum Griechenvolk, und der in einer gewissen Beziehung seine Fortsetzung gefunden hat in der Gegenwart in den mitteleuropäischen Völkern.

[ 7 ] Then we see a second type of person. I would like to call this the “middle type” of person—the one that has, in fact, formed the foundation of European culture, specifically Central European culture, dating back to the Greek people, and which, in a certain sense, has found its continuation in the present among the Central European peoples.

[ 8 ] Und wir sehen einen dritten Menschentypus, den Typus der Westvölker, der dann seine radikalste Ausgestaltung in den amerikanischen Völkern gefunden hat.

[ 8 ] And we see a third type of people, the type of Western peoples, which has found its most radical expression in the American peoples.

[ 9 ] Von diesen drei Typen aus wird man versuchen können, ein Verständnis der Völkerwesenheiten der Erde zu finden.

[ 9 ] Based on these three types, we can attempt to gain an understanding of the national entities of the Earth.

[ 10 ] Sehen wir hinüber nach dem Oriente. Heute macht sich aus der orientalischen Zivilisation heraus solches geltend, wie Rabindranath Tagore, dessen Worte uns so eigentümlich klingen, zum Teil so verwandt, weil sie innerste Seiten unserer Seele berühren, zum Teil so fremd, weil sie aus ganz anderen Unterlagen wiederum herausgesprochen sind, als dasjenige gesprochen werden kann, was aus mittel- und westeuropäischer Kultur gesprochen werden muß. Man bekommt vor dieser orientalischen Zivilisation, ich möchte sagen, einen demütigen Respekt, wenn man sich vertieft in das, was sie hervorgebracht hat für den Orientalen mit seiner vollen Menschenwesenheit. Man braucht nur Einzelnes vorzunehmen, die Veden, dasjenige, was in der Vedanta-Weltanschauung die indische Kultur hervorgebracht hat; man kann sich vertiefen in dasjenige, was das Persertum hervorgebracht hat; man kann sich vertiefen in dasjenige, was die babylonisch-assyrische Welt hervorgebracht hat, überall darf man sagen: Gewiß, derjenige, der in der neueren Zeit mit der neueren wissenschaftlichen Erkenntnisart diese Dinge betrachtet, wird sie so betrachten, daß ihm vielleicht nicht das Herz aufgeht, sondern daß er nur allerlei seltsame, fremdartige Dinge entziffert aus dem Sanskrit, aus den heiligen Schriften. Derjenige aber, der mit vollem Herzen und mit gesundem, offenem freiem Sinn sich diesen orientalischen Kulturen nähert, der wird finden, wie wunderbar es ist, daß sie zurückweisen in eine Urzeit der Menschheit, wo allerdings die ganze Art des Menschen, sich zur Welt zu stellen, eine andere war, als sie heute bei uns und bei den Westvölkern geworden ist. Aber diese instinktive Art, diese intuitive Art, sich zur Welt zu stellen, dieses Träumen über die Welt, wenn wir es recht verstehen, gibt tiefe, ungeheuer tiefe Einblicke in das Weltenwesen des Menschen, Einblicke, zu denen wir trotz aller unserer wissenschaftlichen und sonstigen Bemühungen eben heute in der mittleren und westlichen Welt noch nicht gekommen sind.

[ 10 ] Let us look toward the East. Today, figures such as Rabindranath Tagore are making their mark within Oriental civilization; his words sound so peculiar to us—partly so familiar because they touch the innermost depths of our souls, and partly so foreign because they are spoken from a completely different foundation than what must be expressed through Central and Western European culture. One feels, I would say, a humble respect for this Eastern civilization when one delves into what it has produced for the Eastern person with his full humanity. One need only examine specific examples—the Vedas, that which Indian culture has produced within the Vedanta worldview; one can delve into what Persian culture has produced; one can delve into what the Babylonian-Assyrian world has produced; everywhere one may say: Certainly, anyone who, in modern times, views these things through the lens of modern scientific inquiry will regard them in such a way that perhaps their heart will not be lifted, but rather that they will merely decipher all manner of strange, foreign things from Sanskrit, from the sacred scriptures. But the one who approaches these Eastern cultures with a whole heart and a healthy, open, and free mind will discover how wondrous it is that they point back to a primeval age of humanity, when, admittedly, the very way human beings related to the world was different from what it has become today among us and among the peoples of the West. But this instinctive way, this intuitive way of relating to the world—this dreaming about the world—if we understand it correctly, provides deep, immensely deep insights into the human being’s relationship to the world—insights that, despite all our scientific and other efforts, we in the Central and Western world have not yet attained.

[ 11 ] Wenn wir fragen: Worauf beruhen solche Dinge? — muß ich Sie auf etwas verweisen, was ich hier schon erwähnt habe, da muß ich Sie verweisen, um überhaupt eine Leitlinie zu gewinnen durch die Wesenheit der Erdenvölker hindurch, auf dasjenige, was ich in meinem Buche «Von Seelenrätseln» geltend gemacht habe über die dreifache Wesenheit des Menschen.

[ 11 ] When we ask: What are such things based on? — I must refer you to something I have already mentioned here; I must refer you to it in order to gain any guiding principle at all through the nature of the peoples of the Earth—to what I have asserted in my book *On the Riddles of the Soul* regarding the threefold nature of the human being.

[ 12 ] Ich habe hier schon einmal erwähnt, wie es bei mir auf einem dreißigjährigen Studium beruht, was ich da geltend gemacht habe über die Dreigliederung des einzelnen Menschen, wie dieser einzelne Mensch tatsächlich aus drei voneinander verschieden organisierten Gliedern besteht: dem, was man nennen kann den NervenSinnesmenschen, dem, was man nennen kann den rhythmischen Menschen und dem, was man nennen kann den Stoffwechselmenschen.

[ 12 ] I have already mentioned here how my views are based on thirty years of study, specifically what I have asserted regarding the threefold constitution of the individual human being—how this individual human being actually consists of three distinct, differently organized aspects: what might be called the nervous-sensory human being, what might be called the rhythmic human being, and what might be called the metabolic human being.

[ 13 ] Diese drei Glieder der menschlichen Natur sind nicht etwa so voneinander verschieden, daß man sagen kann: Da mache ich eine Grenze, da hört der Nerven-Sinnesmensch auf, da fängt der rhythmische Mensch an. Diese drei Glieder sind ineinander verwoben. Aber sie sind für den, der sie unterscheiden will, voneinander zu unterscheiden; denn auch das Seelische weist zurück auf diesen dreigliedrigen Menschen. Alles dasjenige, was in unseren Sinneswahrnehmungen und in unserem Vorstellen sich in uns vollzieht, weist auf den Nerven-Sinnesmenschen als auf sein Werkzeug hin. Alles dasjenige, was sich auf unser Fühlen bezieht, was in unserem Fühlen erlebt wird, weist zurück auf den rhythmischen Menschen. Und es ist ein großer Irrtum — auf den man noch kommen wird, wenn unsere abstrakte Naturwissenschaft gesunden wird -, zu glauben, daß des Menschen Gefühls- und Gemütsleben mit dem Nervensystem direkt zusammenhängt. Es hängt nur indirekt mit dem Nervensystem zusammen. So wie das Gedankenleben mit dem Nervensystem unmittelbar zusammenhängt, so hängt das Gemüts-, das Gefühlsleben unmittelbar mit Atmung, mit Herzrhythmus, kurz, mit dem rhythmischen Menschen zusammen; und mit dem Nervensystem nur dadurch, daß wir den Rhythmus und damit die Gefühlswelt wahrnehmen. Bloß die Vorstellungen, die Wahrnehmungen von unseren Gefühlen, die werden durch das Nervensystem vermittelt. Die Gefühle selbst hängen unmittelbar mit dem rhythmischen Menschen zusammen. Und so hängen unmittelbar mit dem Stoffwechselmenschen zusammen die Willensimpulse, das Wollen. Und wiederum die Gedanken vom Willen, die Gedanken von unseren Willensimpulsen, sie sind es, die mit dem Nervensystem zusammenhängen, nicht der Wille selbst, der unmittelbar mit dem Stoffwechselsystem zusammenhängt. Das kann ich jetzt hier nur anführen.

[ 13 ] These three aspects of human nature are not so distinct from one another that one can say: “Here I draw a line; here the nervous-sensory human ends, and here the rhythmic human begins.” These three aspects are interwoven. But for those who wish to distinguish them, they can be distinguished from one another; for the soul, too, points back to this threefold human being. Everything that takes place within us in our sensory perceptions and in our mental images points to the nervous-sensory human being as its instrument. Everything that relates to our feeling, everything experienced in our feeling, points back to the rhythmic human being. And it is a great error—one that will be recognized once our abstract natural science has been restored to health—to believe that the human life of feeling and emotion is directly connected to the nervous system. It is connected to the nervous system only indirectly. Just as the life of thought is directly connected to the nervous system, so too is the life of mood and feeling directly connected to breathing, to the heart’s rhythm—in short, to the rhythmic human being—and to the nervous system only insofar as we perceive the rhythm and, through it, the world of feeling. Only the mental images, the perceptions of our feelings, are mediated by the nervous system. The feelings themselves are directly connected to the rhythmic human being. And so the impulses of the will—the act of willing—are directly connected to the metabolic human being. And in turn, the thoughts arising from the will—the thoughts about our impulses of the will—are what are connected to the nervous system, not the will itself, which is directly connected to the metabolic system. I can only mention this briefly here.

[ 14 ] Etwas, was ich heute als ein gesichertes wissenschaftliches Lebensgut betrachten darf, trotzdem die ganze äußere Wissenschaft heute noch dem widerstrebt — sie wird, durch die Tatsachen selber gezwungen, dieses annehmen müssen -, ist, daß dasjenige, was so beim einzelnen Menschen als drei Glieder seiner Wesenheit erscheint, nicht in der gleichen Art verteilt ist auf die Menschen, insofern sie den einzelnen Völkern angehören, die wir heute eben nur nach ihren Typen betrachten wollen. Denn das merkwürdige ist, gerade wenn wir hinüberschauen nach diesen orientalischen Völkern, namentlich nach jener Gestaltung der orientalischen Völker in alten Zeiten, in denen sie ihre wunderbare Kultur entwickelt haben, da finden wir, daß diese orientalischen Völker merkwürdig gerade in der Zeit, in der sie die geistigste Kultur entwickelt haben, ganz und gar hinorganisiert waren auf den Stoffwechsel. Das war das vorherrschende bei den orientalischen Urvölkern: der in ihnen wirkende Stoffwechsel. Zurück traten hinter den Stoffwechsel die rhythmische Tätigkeit und namentlich die Nerven-Sinnestätigkeit.

[ 14 ] Something that I may today regard as an established scientific fact, even though the entire field of external science still resists this—it will, compelled by the facts themselves, have to accept this—is that what appears in the individual human being as three aspects of his being is not distributed in the same way among human beings insofar as they belong to the various peoples, whom we wish to consider today solely according to their types. For the remarkable thing is that, precisely when we look toward these Eastern peoples—namely, at the form of the Eastern peoples in ancient times, when they developed their marvelous culture—we find that these Eastern peoples were, strangely enough, organized entirely around metabolism at the very time when they developed their most spiritual culture. This was the predominant feature among the ancient Oriental peoples: the metabolism at work within them. Rhythmic activity—and especially nervous-sensory activity—took a back seat to metabolism.

[ 15 ] Es überrascht den geisteswissenschaftlichen Forscher, wenn er zurückgeht in die orientalische Urzeit und die merkwürdig hochsinnige, feine Vedanta- und Vedenkultur findet und alles dasjenige, was sonst aus orientalischer Weisheit und orientalischer Weltauffassung hervorgegangen ist, es überrascht ihn, daß das gerade zusammenhängt mit einer besonderen Verfeinerung des Stoffwechsels und mit einem Zurücktreten der anderen Glieder der Menschennatur.

[ 15 ] It comes as a surprise to the researcher in Spiritual Science when he goes back to the ancient past of the East and finds the remarkably spiritual and refined culture of the Vedanta and the Vedas, as well as everything else that has emerged from Eastern wisdom and the Eastern worldview, it surprises him that this is precisely connected with a particular refinement of metabolism and with a receding of the other aspects of human nature.

[ 16 ] Man muß sagen, gerade durch diese Verfeinerung des Stoffwechsels erreichte aber der Orientale das, was ich hier als seine feine, als seine hochsinnige Kultur meine. So wie die Pflanze mit ihren Wurzeln im Boden eingesenkt ist, unmittelbar in aller Ursprünglichkeit die Bodensäfte in sich einzieht, wie sie mit ihren Blüten anzieht dasjenige, was in ihrer Umgebung ist, wie sie mit ihrem ganzen Stoffwechsel zusammenhängt mit ihrer natürlichen Umgebung, mit dem allem, was sie wie spiegelnd widergibt, so ist es mit der orientalischen Wesenheit des Menschen in jenen Zeiten der asiatischen Urkultur. Da nimmt der Mensch nicht bloß so, wie jetzt bei uns, die Stoffe der Umgebung auf, da saugt er nicht so unbewußt wie wir, die umgebende Luft ein, da nimmt er alles dasjenige, was in ihm den Stoffwechsel bewirkt, mit ursprünglicher, elementarer Kraft auf. Da lebt er in dem, was er im Stoffwechsel in sich aufnimmt. Und man kann sagen: Dasjenige, was im Menschen dann weiter lebt aus dem Stoffwechsel heraus, was in ihm Empfindung, was in ihm Gedanke wird, das ist geradeso ein natürlicher Ausdruck seines Wesens aus dem Stoffwechsel-Verhältnis heraus mit seiner Umgebung, wie die Baumblüte und die Baumfrucht, die man am Baume sieht, die unmittelbar widerspiegeln das Verhältnis zur Umgebung; der Baum spiegelt in seiner Blüte, in seiner Frucht dasjenige, was in seiner Umgebung klimatisch, den Stoffen, den Substanzen nach lebt. Der Mensch des Orients hat allerdings zu hoher Blüte und hoher Frucht dasjenige getrieben, was er von außen aufnahm. Aber dasjenige, was nun auftritt in der älteren orientalischen Urkultur, erscheint uns so, wie wenn es von der Natur selbst geboren wäre, wie wenn da in Menschenwissen und Menschensinnigkeit die Natur selber ihre Blüte getrieben hätte, und der Mensch nur das Durchgangsorgan für dasjenige hätte werden sollen, was die Natur selber herstellen will an weisem, an sinnigem Vorstellen über die Welt.

[ 16 ] It must be said, however, that it was precisely through this refinement of metabolism that the Oriental achieved what I mean here by his refined, his highly spiritual culture. Just as the plant is rooted in the soil, drawing in the earth’s juices directly in all their primal purity; just as it attracts through its blossoms whatever is in its surroundings; just as its entire metabolism is interconnected with its natural environment and with everything it reflects—so it was with the Oriental nature of human beings in those times of Asian primordial culture. There, human beings did not merely take in the substances of their surroundings, as we do today; there, they did not breathe in the surrounding air as unconsciously as we do; there, they absorbed everything that brought about their metabolism with a primal, elemental force. There, they lived within what they took in through their metabolism. And one can say: That which then lives on in the human being through metabolism—what becomes feeling within him, what becomes thought—is just as much a natural expression of his being, arising from his metabolic relationship with his environment, as the blossoms and fruits of a tree, which one sees on the tree and which directly reflect its relationship to the environment; the tree reflects in its blossoms and fruit what lives in its environment in terms of climate, materials, and substances. The people of the Orient, however, have brought to a high bloom and a rich harvest what they have taken in from the outside. But what now emerges in the ancient Oriental primordial culture appears to us as if it were born of nature itself, as if nature itself had brought forth its own blossoms within human knowledge and human sensibility, and as if human beings were merely meant to be the conduit for what nature itself seeks to create in terms of wise and meaningful mental images of the world.

[ 17 ] Das ist das eigentümliche dieser orientalischen Urkultur, daß sie förmlich den Beweis liefert: wenn die Natur selber sprechen darf, wrenn sie sich im Menschen ein Organ machen darf, dann spricht sie in höchster Geistigkeit. Und diese orientalische Urkultur ist höchste Geistigkeit gerade deshalb geworden, weil sie nur durch den Menschen durchgehend dasjenige ist, was die Natur selber spricht. Diese orientalische Urkultur, sie hob hinauf bis zu den Blüten jene Weisheit, die von der Natur selber getrieben werden kann, sie hob sie hinauf zu einer neuen Sinneswesenheit. Die Natur offenbart sich in übersinnlicher Anschauung. Die Natur offenbart sich nicht — das wird unmittelbar dadurch bewiesen — durch materialistische Anschauung, durch materialistische Gesinnung; die Natur offenbart sich durch geistige Anschauung, durch geistige Gesinnung. Die Natur spricht nicht von Materie, wenn sie ihr Wesen durch den Menschen ausspricht, die Natur spricht von Geist, wenn ihr der Mensch nur nicht entgegenhält aus sich heraus die Anschauung von der bloßen groben Materie.

[ 17 ] What is unique about this ancient Eastern culture is that it literally provides proof: when nature itself is allowed to speak—when it is allowed to make an organ of itself within the human being—then it speaks with the highest spirituality. And this ancient Eastern culture has become the highest form of spirituality precisely because, through human beings, it is consistently what nature itself speaks. This ancient Eastern culture elevated the wisdom that can be driven by nature itself up to the level of blossoms; it elevated it to a new sensory reality. Nature reveals itself in supersensory perception. Nature does not reveal itself—as is immediately evident—through materialistic perception or a materialistic mindset; nature reveals itself through spiritual perception and a spiritual mindset. Nature does not speak of matter when it expresses its essence through human beings; nature speaks of spirit, provided that human beings do not counter it with their own perception of mere gross matter.

[ 18 ] Das ist die wunderbare Lehre, welche aus der alten orientalischen Urkultur herauftönt. Sie lebte einstmals im Oriente. Sie wirkte im Oriente auch in das äußere Leben hinein die Theokratie. Die Menschen, welche die von der Natur selber gepflegten Kinder der Natur waren, nicht die Schüler der Natur, welche ihre Weisheit entwickelten wie die Bäume ihre Früchte, diese Menschen sprachen, indem sie sprachen von der Welt, nur vom Göttlichen, vom Übermenschlichen. Sie sprachen von dem, was übersinnlich ist. Sie verwendeten auch in das soziale Leben hinein diese Anschauung des Übersinnlichen: sie gründeten ihre Theokratien. Es ist dasjenige in diesem Menschentypus herausgekommen in der Urkultur Asiens, was wir nennen können die Anschauung des Göttlichen durch die Menschen. Es ist die Anschauung des Göttlichen als eines Geistigen eine Erbschaft dieser alten orientalischen Zeiten.

[ 18 ] This is the wonderful teaching that resounds from the ancient Eastern primordial culture. It once flourished in the East. In the East, theocracy also influenced outward life. These people—who were children of nature, nurtured by nature itself, rather than students of nature who developed their wisdom as trees bear fruit—spoke, when they spoke of the world, only of the divine, of the superhuman. They spoke of what is supersensory. They also applied this view of the supersensory to social life: they established their theocracies. What emerged in this type of human being within the primordial culture of Asia is what we might call the human conception of the Divine. The conception of the Divine as a spiritual entity is a legacy of those ancient Oriental times.

[ 19 ] Das Christentum beruht auf einer Tatsache. Derjenige, der den Ursprung des Christentums nicht in der Tatsache von Golgatha sieht, versteht das Christentum nicht richtig. Etwas anderes ist es aber mit den Anschauungen über dieses Christentum, mit dem, wodurch wir das Christentum verstehen. Diejenigen Anschauungen, die es uns ermöglichen, das Christentum zu verstehen, wenn wir nur auf das Historische sehen, ohne neue geisteswissenschaftliche Vertiefung, sind die aus orientalischen Erbschaften. Denn dagelangte man hinauf zu dem Übermenschlichen, da gelangte man hinauf zu dem Übersinnlich-Geistigen. Daher ist im Grunde genommen selbst das Christentum nach den mittleren Gegenden der Erde und nach den Westgegenden der Erde vom Oriente ausgezogen.

[ 19 ] Christianity is based on a fact. Anyone who does not see the origin of Christianity in the event at Golgotha does not truly understand Christianity. However, the situation is different when it comes to our views on this Christianity—that is, the way in which we understand it. The views that enable us to understand Christianity—if we look only at the historical aspects, without a deeper understanding of Spiritual Science—are those derived from Eastern traditions. For it was through these that people ascended to the superhuman, that they ascended to the supersensible-spiritual. Therefore, in essence, even Christianity spread from the East to the central regions of the Earth and to the western regions of the Earth.

[ 20 ] Als ein Ideal betrachten kann der Mensch immer dasjenige Glied, welches gewissermaßen über dem liegt, das ihm elementar von der Natur eingepflanzt ist. Der Orientale hat eingepflanzt dasjenige Glied, das scheinbar das niedrigste der Menschennatur ist, das aber, wenn es eingegliedert ist in den jungfräulich-elementaren Naturzusammenhang, in die höchste geistige Höhe hinaufführt, der Orientale hat eingegliedert das Stoffwechselsystem als sein Elementares. Das darüber liegende ist das rhythmische System. In dem sucht er daher sein Ideal. Er sucht sich aufzuschwingen aus dem, was ihm die Natur gibt, zu dem, was er sich selbst in bewußster menschlicher Tätigkeit erobern kann. Daher wird angestrebt bei dem orientalischen Volkstypus, bei denjenigen, die nach einem Ideal hin streben, das Hinstreben nach dem rhythmischen Menschen. Und wir sehen, wie diejenigen, die wie eine Naturblüte die Veden, die Vedantaweisheit, die wunderbarste Naturanschauung heraufgebracht haben in die menschliche Kultur, wie diese als ihr Ideal betrachten eine besondere Art und Weise, durch den rhythmischen Menschen in geistige Welten sich zu erheben mit Bewußtsein. Unbewußt erheben sie sich zu derjenigen Geistigkeit, von der ich eben jetzt gesprochen habe. Mit Bewußtsein erheben sie es zu einem Ideal, durch den rhythmischen Menschen sich zu erheben. Das ist: das Atmen in einer Weise zu regeln, Jogaphilosophie, Jogapraktik zu üben, dasjenige, was im rhythmischen Menschen ist, in einer bestimmten Art zu trainieren, zu schulen. Aus dem rhythmischen Menschen soll ihnen werden das Ideal. Dasjenige, was, ich möchte sagen, eine Stufe über dem Stoffwechselmenschen liegt, das wird diesen Menschen zum Ideal.

[ 20 ] Human beings can always regard as an ideal that aspect of themselves which, in a sense, lies above what is fundamentally instilled in them by nature. The Eastern person has as an innate element that aspect which appears to be the lowest of human nature, but which, when integrated into the pristine, elemental context of nature, leads up to the highest spiritual heights; the Eastern person has integrated the metabolic system as his elemental aspect. The aspect above it is the rhythmic system. It is in this that he therefore seeks his ideal. He seeks to rise from what nature gives him to what he can attain for himself through conscious human activity. Hence, among the Eastern people, among those who strive toward an ideal, the aspiration is toward the rhythmic human being. And we see how those who, like a flower of nature, brought the Vedas, the wisdom of the Vedanta, and the most wondrous view of nature into human culture regard as their ideal a particular way of consciously ascending into spiritual worlds through the rhythmic human being. Unconsciously, they rise to the spirituality of which I have just spoken. Consciously, they elevate it to an ideal: to rise through the rhythmic human being. This means regulating one’s breathing, practicing yoga philosophy and yoga, and training and cultivating in a specific way that which is present in the rhythmic human being. The rhythmic human being is to become their ideal. That which, I might say, lies one level above the metabolic human being—that becomes the ideal for these people.

[ 21 ] Und so sehen wir, wie eine Priesterschaft, eine Lehrerschaft oder eigentlich eine Menschheit, die beides zugleich ist, sich aus dem orientalischen Volkstypus herauskristallisiert, welche in dieser Jogatrainierung das Ideal sieht, den rhythmischen Menschen besonders zu organisieren, um etwas Höheres zu erlangen als dasjenige, was man durch die elementar eingepflanzten Kräfte erreicht.

[ 21 ] And so we see how a priesthood, a teaching order—or, in fact, a humanity that is both at once—is emerging from the Eastern type of people, who see in this yoga training the ideal of organizing the rhythmic human being in a special way in order to attain something higher than what is achieved through the forces implanted at the elemental level.

[ 22 ] Wenn wir nun in all das, wovor wir stehen können gegenüber dieser orientalischen Urkultur, hineinschauen und finden, wie da Aufschwung ist zu dem reinsten, feinsten Geistigen, wie da wirklich aus dem Geistigen eine wunderbare konkrete Fülle herausquillt — denn voll Inhalt, mag man ihn auch im Abendlande als phantastisch empfinden, voll Inhalt ist diese Geistigkeit —, müssen wir sagen: Was diese Menschen sich niemals erwerben konnten, die so groß waren in dem angedeuteten Gebiete und in der Trainierung des rhythmischen Menschen ihr Ideal gesucht haben, was dort fehlt, das ist ein gewisses Leben im Rechte, eine gewisse Gliederung in eine Rechtsgemeinschaft. Das irgendwie hineinzudenken in die Kultur, die die Veden, die Vedanta hervorgebracht hat, die die anderen orientalischen geistigen Gebilde hervorgebracht hat - unmöglich! Man mag dasjenige, was sich von der Art findet, noch so sehr verkennen, indem man abendländische Begriffe hineinträgt, ein unbefangenes Urteil muß sagen: Da lebt geistiges Leben. Das rechtliche, das wirtschaftliche Leben, das ist instinktiv; das bleibt instinktiv. Es erhebt sich aus der Grundlage, in der das wirtschaftliche, in der das rechtliche oder staatliche Leben besteht, aus der hebt sich heraus zum höchsten Bewußtsein das geistige Leben. Und im Grunde genommen leben die abendländischen Menschen durchaus zu ihrem größten Teil von den Erbschaften des Orientalismus im geistigen Leben.

[ 22 ] If we now look into all that we can confront in this ancient Eastern culture and see how there is an ascent toward the purest, finest spiritual realm, how a wonderful, concrete abundance truly wells up from the spiritual—for this spirituality is full of content, even if we in the West might perceive it as fantastical—we must say: What these people, who were so great in the realm described and who sought their ideal in the training of the rhythmic human being, could never attain—what is missing there—is a certain life within the law, a certain structuring into a legal community. To somehow conceive of this within the culture that produced the Vedas, the Vedanta, and the other Eastern spiritual formations—impossible! One may misjudge what is found there of this nature, no matter how much one imposes Western concepts upon it; yet an unbiased judgment must acknowledge: there is spiritual life there. Legal and economic life are instinctive; they remain instinctive. Spiritual life rises from the foundation upon which economic, legal, or political life rests; from this foundation, spiritual life emerges as the highest form of consciousness. And, when all is said and done, Westerners, for the most part, live entirely from the legacy of Orientalism in their spiritual life.

[ 23 ] Haben wir ja sogar gesehen, wie in einer gewissen Richtung, die man die theosophische nennt, mit der böser Wille oder Unverstand unsere Bewegung oftmals verwechselt, wie da durch diese theosophische Richtung nun, ich möchte sagen, zuletzt aus voller Dekadenz heraus die Menschen wiederum suchen eine neue Geistigkeit aus dem Oriente nach dem Westen herüber zu tragen, immer dieser Zug, das Geistige vom Oriiente nach dem Westen herüber zu tragen. Heute bedeutet er eine äußerste Dekadenz. Zur Zeit, als der Orient dem Christentum die nötige geistige Vertiefung geben konnte, war das eine Selbstverständlichkeit.

[ 23 ] We have even seen how, in a certain movement—known as theosophy—which is often confused with our movement out of malice or ignorance, this theosophical movement is now, I would say, most recently out of sheer decadence, people are once again seeking to bring a new spirituality from the East to the West—always this tendency to carry the spiritual from the East to the West. Today, it signifies the height of decadence. At the time when the East was able to provide Christianity with the necessary spiritual depth, this was a matter of course.

[ 24 ] Anderes bietet sich unserem Blicke, wenn wir denjenigen Volkstypus betrachten, der, ich möchte sagen, am sympathischsten erscheint im alten Griechenvolke, der dann seine Fortsetzung aber überhaupt in Mitteleuropa erfahren hat. Da haben wir das andere Glied der Menschennatur gewissermaßen mit elementarer Notwendigkeit entwickelt. Das wissen ja gewöhnlich die Menschen nicht, was als selbstverständliche Wesenheit in ihnen vorhanden ist. Das wissen die Menschen Mitteleuropas nicht, daß in ihnen als Hauptsache vorhanden ist, gegenüber welcher die anderen Glieder der Menschenwesenheit zurücktreten, daß in ihnen als Hauptsache vorhanden ist der rhythmische Mensch. Alle Tugenden und alle Laster des mitteleuropäischen Menschen und derjenigen, die von ihm angesteckt sind, beruhen auf diesem Vorherrschen des rhythmischen Systems.

[ 24 ] A different picture presents itself when we consider the type of people who, I would say, appear most appealing among the ancient Greeks, but who subsequently found their continuation in Central Europe. There, we have developed the other aspect of human nature, so to speak, with elemental necessity. People generally do not realize what exists within them as a self-evident essence. The people of Central Europe do not realize that what exists within them as the primary element—in contrast to which the other aspects of human nature recede—is the rhythmic human being. All the virtues and all the vices of the Central European and of those influenced by him are based on this predominance of the rhythmic system.

[ 25 ] Das rhythmische System hängt seelisch mit dem zusammen, was das menschliche Fühlen ist. Im menschlichen Fühlen ist alles dasjenige beschlossen, was die Tugenden des Starkmuts, was die Leidenschaften des Mutes sind und so weiter. All das, was zum Beispiel Tacitus von den alten Germanen schildert, ist im Grunde genommen ein solches Seelisches, das begründet ist auf dem rhythmischen Menschen, geradeso wie orientalische Weisheit und orientalische Sinnigkeit auf dem Stoffwechsel begründet ist. Und dasjenige, was den Griechen zu einer solchen einheitlichen Menschenwesenheit macht, was wir am Griechen so bewundern, wenn wir ihn wirklich verstehen, dieses Gleichmaß, es beruht zuletzt auf einem der menschlichen Natur völlig angepaßten Gleichmaß des Einatmens, des Ausatmens und aller anderen Rhythmen. Griechisches Ebenmaß ist zum Schlusse eine Folge menschlichen ebenmäßigen rhythmischen Systems.

[ 25 ] The rhythmic system is intrinsically linked to what human feeling is. Human feeling encompasses everything that constitutes the virtues of fortitude, the passions of courage, and so on. Everything that Tacitus, for example, describes about the ancient Germanic peoples is, at its core, a spiritual quality grounded in the rhythmic human being, just as Eastern wisdom and Eastern sensibility are grounded in metabolism. And what makes the Greeks such a unified human being—what we admire so much about them when we truly understand them—this balance ultimately rests on a balance of inhalation, exhalation, and all other rhythms that is perfectly adapted to human nature. Greek balance is, in the end, a consequence of the human system of balanced rhythms.

[ 26 ] Dasjenige, was wir aufdämmern sehen in der griechischen Kunst, was uns als griechische Plastik entgegentritt, ist nichts dem Modell Nachgeahmtes. Das, was der Grieche formt, ist so gebildet, daß er in sich selber, wie einen zweiten Menschen, den rhythmisch-ebenmäßigen Menschen in Tätigkeit fühlte und den ausgestaltete. Oder wenn er sich auflöste, ihn so darstellt, wie den Laokoon in der bekannten Gruppe. All das, was dem Griechen als plastische Menschengestalt aufgegangen ist, beruht auf seinem Sich-in-sich-Fühlen aus dem Ebenmaß3 des rhythmischen Systems heraus.

[ 26 ] What we see emerging in Greek art, what presents itself to us as Greek sculpture, is not something imitated from a model. What the Greek sculptor shapes is formed in such a way that he sensed within himself—as if it were a second human being—the rhythmically balanced human figure in action, and sculpted it accordingly. Or, when the figure is in motion, they depict it as in the case of Laocoön in the famous group sculpture. Everything that emerged to the Greeks as a sculptural human form is based on their sense of being within themselves, arising from the symmetry³ of the rhythmic system.

[ 27 ] Und wenn wir zum Beispiel hinsehen auf die griechischen Tragödien —- man könnte auf alles mögliche sehen, was Ausdruck griechischen Wesens ist -: Leidenschaften sollen sich entwickeln durch die Tragödie, Furcht und Mitleid. Und wiederum soll durch dieselbe Tragödie, die Furcht und Mitleid erregt, diese Leidenschaft beruhigt werden, abreagiert werden. Das ist die Katharsis. Das ist dasjenige, was der Grieche als die Selbstregulierung, als das rhythmische in der Dramatik suchte, wie als Abbild seines eigenen Wesens. Und Aristoteles hören wir sagen, daß die wirkliche Tugend darinnen besteht, daß man nicht nach dem einen und nicht nach dem anderen Extrem, nicht nach dem zu Geistigen oder zu Materiellen, nicht nach dem zu Hoch oder zu Niedrig geht, sondern daß man die Mittellage einhält. Alles dasjenige, was der Grieche wie von selbst darlebt, das ist der ebenmäßßige Mensch, der durch seinen Lebensrhytmus ebenmäßig ist.

[ 27 ] And if we look, for example, at Greek tragedies—one could look at all sorts of things that express the Greek spirit—passions are meant to develop through tragedy: fear and pity. And in turn, through the very same tragedy that arouses fear and pity, this passion is to be calmed and resolved. That is catharsis. That is what the Greeks sought in drama as self-regulation, as rhythm, as a reflection of their own nature. And we hear Aristotle say that true virtue consists in not leaning toward one extreme or the other—neither toward the spiritual nor the material, neither toward the lofty nor the base—but in maintaining the middle ground. Everything that the Greeks live out as if by nature—that is the balanced human being, who is balanced through the rhythm of his life.

[ 28 ] Und wir sehen bis herein in die Fortsetzung des Griechentums, im Goetheanismus, in demjenigen, was als ein neuerer Aufschwung geistigen Lebens in Mitteleuropa stattgefunden hat, wir sehen insbesondere in der Gestalt Goethes dieses Spiel des rhythmischen Systems.

[ 28 ] And we see this interplay of the rhythmic system continuing into Hellenism, into Goetheanism, and into what has taken place as a recent resurgence of spiritual life in Central Europe; we see it particularly in the figure of Goethe.

[ 29 ] Geradeso wie der Orientale dadurch, daß die Natur in ihm das Stoffwechselsystem sprechen ließ, gewissermaßen vor sich die höchste Geistigkeit hinstellte, so stellte das rhythmische System, das in dem Menschen das eigentliche Ebenmaß bewirkt, den Menschen selber vor sich hin. Und man kann sich nicht eigentlich einen schöneren Ausdruck vorstellen für dieses Bedürfnis, den Menschen in seinem Ebenmaß aus seiner Lebensrhythmik vor sich hinzustellen, als das Buch Goethes über Winckelmann, wo Goethe alles mögliche, was er über den ebenmäßigen Menschen zu sagen hat, in dieses Buch hineingeheimnißt. In diesem Buche finden sich die schönen Ausdrücke, wie: Wenn die Natur an ihrem Gipfel im Menschen gelangt ist, und der Mensch alles dasjenige, was in seiner Umgebung ist, Ordnung, Harmonie, Maß und Bedeutung zusammennimmt, so fühlt er sich wieder in sich selber als eine ganze Natur und erhebt sich zur Schöpfung des Kunstwerkes. Oder: Wenn im Menschen die Natur auf ihren Gipfel gelangt ist, so würde sie, wenn sie sich selbst verstehen könnten, aufjauchzen und diesen Gipfel ihres Werdens und Wesens bewundern.

[ 29 ] Just as the Oriental, through nature’s expression of his metabolic system, placed the highest spirituality before himself, so to speak, so too did the rhythmic system—which brings about true balance in human beings—place the human being himself before himself. And one cannot really imagine a more beautiful mental image of this need to present human beings in their balance, derived from the rhythms of their lives, than Goethe’s book on Winckelmann, in which Goethe weaves into this work everything he has to say about the balanced human being. In this book one finds such beautiful expressions as: “When nature has reached its pinnacle in man, and man takes in all that is in his surroundings—order, harmony, measure, and meaning—he feels himself once again within himself as a whole nature and rises to the creation of the work of art.” Or: “When nature has reached its pinnacle in man, it would—if it could understand itself—rejoice and admire this pinnacle of its becoming and being.”

[ 30 ] Und man kann sagen, wenn solch reife Worte, Worte, die so völlig süß vor Kulturreife sind, gesprochen werden, dann sind sie der Ausdruck für das ganze Wesen, das da völkisch zugrunde liegt.

[ 30 ] And one might say that when such mature words—words that are so utterly imbued with cultural maturity—are spoken, they are an expression of the entire national essence that underlies them.

[ 31 ] Und wenn Schiller jenen Brief im Anfange der neunziger Jahre an Goethe schrieb: Ich habe lange dem Gang Ihres Wesens zugesehen. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um aus ihren einzelnen Bestandteilen den Menschen aufzubauen. Aus einer Intuition heraus konstruieren Sie den Menschen. Das hätten Sie eigentlich vollkommen nur tun können, wenn Sie als ein Grieche, oder wenigstens als ein Italiener geboren wären. — Diese Schilderung des Menschen aus den Tiefen der Menschennatur heraus, dieses Hinstellen des Menschen vor den Menschen, so wie der Orientale das Göttliche vor die Welt hinstellt, gewissermaßen die Natur selbst ihr Wesentliches vor die Welt hinstellt — dieses Hinstellen des Menschen vor den Menschen, das ist das Wesentliche des mittelländischen Typus Mensch. Für ihn wird nun das Nächstdarüberstehende das Ideal.

[ 31 ] And when Schiller wrote that letter to Goethe in the early 1890s: “I have long observed the course of your nature. You take all of nature as a whole in order to construct the human being from its individual components.” You construct the human being out of intuition. You could actually have done this perfectly only if you had been born a Greek, or at least an Italian. — This portrayal of man drawn from the depths of human nature, this placing of man before humanity—just as the Oriental places the divine before the world, just as nature itself, so to speak, places its essence before the world—this placing of man before humanity: that is the essence of the Mediterranean type of man. For him, what lies just beyond becomes the ideal.

[ 32 ] Dasjenige, was der Nerven-Sinnesmensch ist, das wird für ihn das Ideal. Daher sehen wir aus diesen Mittelländern heraus mit einer gewissen Unbewußtheit, geradeso wie der Orientale seine Geistigkeit aus seinem Stoffwechsel heraus unbewußt geltend macht, so sehen wir aus dem Rhythmus heraus dasjenige, was selbstverständliche Kultur ist, sich geltend machen. Dafür aber sehen wir als das Ideal auftreten das Hinarbeiten zur Idee, das Hinarbeiten zum Idealismus. Und aufkeimt im Griechentum schon dasjenige, was der Idealismus der Gedanken ist in Plato und Aristoteles.

[ 32 ] What the nervous-sensory human being is becomes the ideal for him. Therefore, from these central regions, we perceive—with a certain unconsciousness, just as the Oriental unconsciously asserts his spirituality through his metabolism—we perceive, from within the rhythm, that which is self-evident culture asserting itself. In contrast, however, we see the striving toward the idea, the striving toward idealism, emerging as the ideal. And what is already emerging in Greek culture is precisely what constitutes the idealism of thought in Plato and Aristotle.

[ 33 ] Wiederum ersteht das in dem deutschen Idealismus der Weltanschauungen: in dem ganzen mitteleuropäischen Idealismus der Weltanschauungen ersteht das Ideal der Geistigkeit aus dem Nerven-Sinnesmenschen heraus, gerade so wie das Jogaideal im Oriente entsteht. Und da sehen wir, wie noch immer instinktiv bleibt, wirklich instinktiv bleibt dasjenige, was wirtschaftliche Organisation ist, wie aber ein Zweites auftritt, was im Morgenlande noch instinktiv war, was jetzt in die Bewußtheit eintritt: das ist das Nachdenken, das Nachsinnen über die Rechtsnatur des menschlichen sozialen Zusammenlebens.

[ 33 ] Once again, this emerges in the worldviews of German idealism: in the entire Central European idealism of worldviews, the ideal of spirituality arises from the nervous-sensory human being, just as the ideal of yoga arises in the East. And there we see how economic organization remains instinctive—truly instinctive—while a second element emerges, one that was still instinctive in the East but is now entering into consciousness: this is reflection, contemplation on the legal nature of human social coexistence.

[ 34 ] Und so sehen wir die Rechtsnatur des sozialen Zusammenlebens gerade in den mittleren Gegenden aus dem Typus der mittleren Völker heraus sich entwickeln. Die orientalischen Völker haben in alten Zeiten eine Geistigkeit entwickelt. Sie ist dann heruntergekommen. Und selbst, wenn wir heute Rabindranath Tagore sprechen hören, so ist es wie der Klang aus ferner, vergangener Zeit: Schön, fein, aber wir können nicht glauben, daß das noch da ist. Und es ist auch wirklich nicht da. Es ist, ich möchte sagen, gemütliche Verabstrahierung. Es ist tief zu uns sprechend, aber es spricht nicht eigentlich von einer gegenwärtigen Wirklichkeit. Indem im Oriente auch diese Geistigkeit in die Dekadenz gekommen ist, bewahrt die Menschheit gewissermaßen auf die Hinneigung zum geistigen Leben eine Erbschaft der orientalischen Urkultur.

[ 34 ] And so we see the legal nature of social coexistence developing precisely in the central regions, based on the model of the central peoples. The peoples of the East developed a spiritual dimension in ancient times. It then fell into decline. And even when we hear Rabindranath Tagore speak today, it is like a sound from a distant, bygone era: beautiful, refined, but we cannot believe that it still exists. And indeed, it does not exist. It is, I would say, a cozy abstraction. It speaks deeply to us, but it does not actually speak of a present reality. Since this spirituality has also fallen into decadence in the East, humanity retains, in a sense, a legacy of the original Eastern culture in its inclination toward spiritual life.

[ 35 ] Dazu ist gekommen dasjenige, was der Mensch über den Menschen zu sagen hat, was der Mensch über den Menschen auch anzuschauen hat. Und das ist gekommen durch die mittlere Bevölkerung. Da steht der Mensch vor sich selber. Im Oriente steht der Mensch vor dem Übermenschen, und aus der Welt des Übermenschlichen heraus quellen die sittlichen Ideen.

[ 35 ] Added to this is what human beings have to say about one another, and what they have to observe about one another. And this has come about through the middle class. There, human beings stand before themselves. In the East, human beings stand before the superhuman, and moral ideas spring forth from the world of the superhuman.

[ 36 ] Es ist gerade immer wieder und wiederum von Rabindranath Tagore auch heute betont, daß die Kultur des Orients vor allem auf Sittlichkeit gebaut ist, auf alle die sittlichen Qualitäten, während er der abendländischen und der amerikanischen Kultur vorwirft, daß sie auf Mechanismus, auf technischem Mechanismus, auf politischem Staatsmechanismus gebaut ist, daß sie entleert ist der sittlichen Ideen. Und es ist so, daß im Oriente aus der Anschauung - die auf die Art, wie wir sie geschildert haben, über die geistige Welt entsteht — eine Fülle von sittlichen Ideen herausquillt. Und im Grunde genommen leben wir heute eigentlich noch immer von diesen sittlichen Ideen. Denn der Materialismus des Abendlandes hat, das ist wohl aus dem gestrigen Vortrage zur Genüge hervorgegangen, keine sittlichen Ideen als solche erzeugt. Die sittlichen Ideen sind eine alte Erbschaft, denn sie quillen in diese Menschenseele nur hinein, wenn diese Menschenseele den Zusammenhang mit der geistigen Welt hat.

[ 36 ] Rabindranath Tagore has repeatedly emphasized, even today, that the culture of the East is founded above all on morality—on all moral qualities—while he accuses Western and American culture of being built on mechanism—on technical mechanism and political state mechanism—and of being devoid of moral ideas. And it is true that in the East, a wealth of moral ideas springs forth from the worldview—which arises, as we have described, from the spiritual world. And, when it comes down to it, we are actually still living today from these moral ideas. For Western materialism—as was made sufficiently clear in yesterday’s lecture—has not produced any moral ideas as such. Moral ideas are an ancient legacy, for they flow into the human soul only when that soul is connected to the spiritual world.

[ 37 ] In der mittelländischen Kultur: der Mensch steht vor sich selber; er bekommt als eine Erbschaft die sittlichen Ideen. Rechtsideen treten auf, Regelung des menschlichen Verhältnisses so, daß der einzelne Mensch dem einzelnen Menschen im sozialen Zusammenleben entgegensteht. Man möchte sagen: Dadurch, daß der Mensch auf seine eigene Wesenheit kommt, kommt er dazu, zu fragen: Wie befolge ich dasjenige, was sittliche Idee ist? Ein Bedürfnis tritt im Menschen auf, das der Orientale nicht hatte, gerade damals nicht hatte, als seine geistige, seine spirituelle Kultur am reinsten einfloß in seine Wesenheit. Innerhalb dieser ganzen Kultur des Orientes, gerade je weiter wir zurückgehen in ältere Zeiten, hat das Wort und die Wesenheit der Freiheit keine Bedeutung. Der Mensch ist ein Glied der Weltenordnung; er ist eingegliedert in die Weltenordnung. Freiheit ist etwas, was im Grunde genommen keinen Sinn hat. Man kann nicht davon sprechen. Denn die Gebote des sittlichen Lebens, die verknüpft sind mit der Anschauung des Göttlich-Geistigen, wirken so auf den Menschen, indem er sie anschaut aus seiner Geistigkeit heraus, daß sie selbstverständlich von ihm verwirklicht werden. Er fühlt kein menschliches Verhältnis zu ihnen. Ebenso wie er essen muß, so fühlt er, daß er die Gebote befolgen muß, wenn er sie nur erkennt.

[ 37 ] In Mediterranean culture: the individual stands before himself; he inherits moral ideas. Legal concepts emerge, regulating human relationships in such a way that the individual stands opposed to the individual in social coexistence. One might say: By coming to an understanding of his own essence, man is led to ask: How do I follow what constitutes a moral ideal? A need arises in man that the Oriental did not have—especially not at the very time when his intellectual and spiritual culture flowed most purely into his being. Within this entire culture of the East—especially the further back we go into ancient times—the word and the essence of freedom have no meaning. Human beings are a part of the world order; they are integrated into the world order. Freedom is something that, fundamentally speaking, makes no sense. One cannot speak of it. For the commandments of moral life, which are linked to the conception of the divine-spiritual, have such an effect on the human being—as he contemplates them from within his own spirituality—that he naturally puts them into practice. He feels no human relationship to them. Just as he must eat, so he feels that he must obey the commandments, provided he recognizes them.

[ 38 ] Das, was so wie selbstverständlich verbunden mit der geistigen Welt in der orientalischen Urweisheit quillt — allerdings in der orientalischen Niedergangskultur nicht mehr quillt -, das wird eine Frage in dem Augenblicke weltgeschichtlicher Entwickelung, wo der Mensch dem Menschen gegenübersteht, wo die mittelländische Kultur eintritt. Und das wird ganz besonders eine Frage dann, wenn die Kultur, die eigentliche Kulturrichtung der Westvölker auftritt. Das ist der dritte Typus.

[ 38 ] That which, as a matter of course, springs forth from the spiritual world in ancient Eastern wisdom—though it no longer springs forth in the declining culture of the East—becomes an issue at that moment in world history when human beings stand face to face, when Mediterranean culture makes its appearance. And this will become a matter of particular significance when the culture—the true cultural orientation—of the Western peoples emerges. This is the third type.

[ 39 ] Geradeso wie der Orientale ursprünglich veranlagt war für den Stoffwechsel, der Mittelländer für den rhythmischen Menschen, so ist der Westmensch veranlagt für den Nerven-Sinnesmenschen. Und wer verfolgen kann auch das Höchste, was sich entwickelt hat an geistiger und an materieller, an innerer und an äußerer Zivilisation im Westen Europas und in Amerika — abgesehen von den romanischen Völkern, die einen ganz anderen Weg gegangen sind, die Erbschaften übernommen haben von den alten lateinischen Völkern, die nicht in dieser Reinheit das darstellen, was Westeuropäisches, was Westländisches überhaupt ist —, wenn wir auf die andere westländische Bevölkerung sehen, so ist das diejenige Bevölkerung, bei der vorherrscht der Nerven-Sinnesmensch: Dieser Nerven-Sinnesmensch, der da hervorgebracht hat den Typus, mit Begriffen, mit Vorstellungen, mit Ideen verständig alles zu überschauen, der insbesondere auf das Abstrakte geht, der auf dasjenige geht, was nun nicht den Menschen vor den Menschen stellt wie beim mitteleuropäischen Menschen, was nicht stellt den Übermenschen vor den Menschen wie beim Orientalen, sondern was die Natur vor den Menschen stellt.

[ 39 ] Just as the Oriental was originally predisposed to a metabolic way of life, and the Mediterranean person to a rhythmic way of life, so is the Westerner predisposed to a nervous-sensory way of life. And anyone can also trace the highest achievements that have developed in spiritual and material, inner and outer civilization in Western Europe and America — with the exception of the Romance peoples, who have taken a completely different path, having inherited the legacy of the ancient Latin peoples, who do not represent in this purity what is essentially Western European or Western in general —, when we look at the other Western populations, we see that this is the population in which the nerve-sensory human being predominates: This “nervous-sensory human,” who has produced the type capable of comprehending everything through concepts, mental images, and ideas, who focuses particularly on the abstract, who focuses on that which does not place “humanity” before “the individual” as with the Central European, nor does it place the “superhuman” before “the individual” as with the Oriental, but rather places “nature” before “the individual.”

[ 40 ] Das ist das Eigentümliche: rückt man hinauf mit der natürlichen Organisation bis zum Nerven-Sinnesmenschen, dann steht die äußere Natur vor dem Menschen. Man denke sich nur, welche Absurdität es wäre für den Orientalen, zu fragen, ob er irgendwie nur zusammenhinge materialistisch mit der Tierheit. Er schaut, gerade weil er der Stoffwechselmensch ist, die geistige Welt, die übersinnliche Welt unmittelbar an. Der Westmensch hat diese Anschauung der geistigen Welt nicht. Er hat das Nachdenken über die geistige Welt, er hat die Abstraktion. Für ihn wird dasjenige, was sich vor ihn hinstellt, auch wenn es der Mensch selber ist, für ihn wird das die außermenschliche Natur. Für Goethe steht Mensch gegen Mensch, und er will den Menschen begreifen. Schiller sagt: Sie sind es, der aus allen Einzelheiten der Natur den ganzen Menschen aufbauen will. - Aber der Mensch ist es, den Goethe aufbauen will; und im Grunde genommen will er die Natur nur begreifen, um zuletzt den Menschen in der Natur überall zu erblicken.

[ 40 ] This is what is peculiar: if one ascends through the natural organization to the level of the nervous-sensory human being, then external nature stands before the human being. Just imagine what an absurdity it would be for an Eastern person to ask whether he is in any way connected to the animal realm in a purely materialistic sense. Precisely because he is the metabolic human being, he looks directly upon the spiritual world, the supersensible world. The Westerner does not have this direct perception of the spiritual world. He has reflection on the spiritual world; he has abstraction. For him, whatever stands before him—even if it is the human being himself—becomes, for him, nature outside of humanity. For Goethe, human stands opposed to human, and he seeks to understand the human being. Schiller says: “It is he who seeks to construct the whole human being from all the details of nature.”—But it is the human being that Goethe seeks to construct; and, fundamentally, he seeks to understand nature only so that he may ultimately perceive the human being everywhere within nature.

[ 41 ] Unter den Westmenschen, unter den Nerven-Sinnesmenschen entsteht der Darwinismus in derjenigen Form, wie ihn das 19. Jahrhundert erlebt hat. Da ist der Mensch nicht dasjenige, was in erster Linie dasteht; da dämmert gewissermaßen die Idee des Menschen ab, da weiß man nichts mehr von dem Menschen als solchem, da wird der Mensch das höchststehende Tier. Da wird die Tierreihe studiert, da wird alles das an Kräften studiert, was in dieser Tierreihe spielt. Nicht der Mensch wird begriffen, sondern das höchste Tier wird begriffen. Und der Mensch gilt nur als das höchste Tier. Das Menschliche tritt zurück. Dafür aber der ausgesprochenste Sinn für Naturerkenntnis, dafür jene wunderbare Vertiefung in die Einzelheiten alles desjenigen, was Entwickelungsanschauung ist zum Beispiel im Darwinismus.

[ 41 ] Among Westerners—among those who are driven by their nerves and senses—Darwinism arises in the form in which the 19th century experienced it. There, the human being is not the primary focus; there, the idea of the human being fades, as it were; there, one knows nothing more about the human being as such; there, the human being becomes the highest animal. There, the animal kingdom is studied; there, all the forces at play within this animal kingdom are studied. It is not humanity that is understood, but rather the highest animal. And humanity is regarded merely as the highest animal. The human aspect recedes into the background. In its place, however, there is the most pronounced sense of natural understanding, that wonderful immersion in the details of everything that constitutes the evolutionary perspective—as seen, for example, in Darwinism.

[ 42 ] Niemals selbstverständlich hätte aus orientalischer Anschauungsweise auch nur annähernd so etwas hervorgehen können wie Darwins Entstehung der Arten. Niemals auch hätte Goethe so etwas verfassen können. Was er verfaßt hat, ich habe es immer wieder darzustellen versucht: es ist ganz anders geartet. Es ist nicht Darwinismus im späteren Sinne, es ist etwas, was sich davon unterscheidet.

[ 42 ] From an Eastern perspective, something even remotely resembling Darwin’s *On the Origin of Species* could never have emerged. Nor could Goethe ever have written anything like that. What he did write—I have tried time and again to explain—is of an entirely different nature. It is not Darwinism in the later sense; it is something distinct from it.

[ 43 ] Dadurch aber, daß dieser westliche Menschentypus der NervenSinnesmensch ist, dadurch entsteht, ich möchte sagen, in rückläufiger Entwickelung nun das Ideal der Naturerkenntnis, das Ideal der materiellen Erkenntnis, das Einleben in das Materielle.

[ 43 ] But because this Western type of human being is the “nervous-sensory” human, this gives rise—I would say, in a regressive development—to the ideal of knowledge of nature, the ideal of material knowledge, and immersion in the material world.

[ 44 ] Und im Grunde genommen ist es die Denkweise der westlichen Welt, welche eingezogen ist in Mittel- und Osteuropa seit langen Zeiten. Denn dasjenige, was auf dem Grunde von Mitteleuropa selber erwachsen ist, das ist Fortsetzung des Griechentums. Was in Rußland aus eigenem russischem Wesen erwachsen ist, das ist sogar in Fortsetzung des alten Orientalismus; dasjenige aber, was moderne Kultur des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr geworden ist, das ist dasjenige, was aus dem Nerven-Sinnesmenschen des Westens ist.

[ 44 ] And, fundamentally, it is the Western way of thinking that has taken root in Central and Eastern Europe for a long time. For what has grown out of the very soil of Central Europe itself is a continuation of Hellenism. What has grown out of Russia’s own Russian essence is, in fact, a continuation of ancient Orientalism; but what modern 19th-century culture has increasingly become is that which stems from the Western “nervous-sensory” human being.

[ 45 ] So muß man die drei Menschentypen, aus denen sich wiederum die Völker herausdifferenzieren, anschauen. So muß man gewahr werden, wie allerdings die geistigste Geistigkeit instinktiv in der orientalischen Urmenschheit vorhanden war; wie das gemütvolle Auffassen des Menschen im Griechentum vorhanden war und nur noch einen Nachklang gezeigt hat am Ende des 18. und am Anfange des 19. Jahrhunderts in der mitteleuropäischen Kultur, die im Goetheanismus zutage getreten ist, und wie wir stehen unter dem Einflusse der Nerven-Sinneskultur, wie wir aus dieser heraus denken müssen. Sie bringt als solche ganz gewiß unmittelbar keine sittlichen Ideale hervor. Hat sie deshalb keinen sittlichen Wert? Ich habe gestern von sittlicher Weltanschauung naturalistisch denkender Menschen Ihnen Proben vorgeführt, aus denen heraus man glauben könnte, daß dieser neuere Naturalismus allerdings gar keinen sittlichen Wert hätte. Das ist nicht der Fall. Gewiß, er hat keinen sittlichen Inhalt. Sein sittlicher Inhalt ist alte Erbschaft und muß alte Erbschaft sein. Aber er hat einen sittlichen Wert. Welchen sittlichen Wert hat er? Er hat den sittlichen Wert, daß der Mensch ein Naturbild als Weltbild sich bildet, das eben gerade ihm keine sittlichen Ideen gibt. Indem der Orientale sich vertiefte in seine Umwelt, bekam er die sittlichen Ideen mit seinem Naturbild mit. Und so, wie er der Natur folgte als Naturmensch, folgte er als sittlicher Mensch der sittlichen und der geistigen Welt.

[ 45 ] Thus, one must consider the three types of human beings, from which, in turn, the various peoples have differentiated themselves. Thus, one must become aware of how, indeed, the most spiritual spirituality was instinctively present in the primordial humanity of the East; how the warm-hearted conception of humanity was present in Greek civilization and showed only a faint echo at the end of the 18th and the beginning of the 19th centuries in Central European culture, which came to light in Goetheanism; and how we stand under the influence of the nervous-sensory culture, and how we must think from within it. As such, it certainly does not directly produce any moral ideals. Does it therefore have no moral value? Yesterday I presented you with examples of the moral worldview of people who think naturalistically, from which one might conclude that this newer naturalism indeed has no moral value at all. That is not the case. Certainly, it has no moral content. Its moral content is an ancient legacy and must be an ancient legacy. But it does have moral value. What moral value does it have? It has the moral value that human beings form a view of nature as a worldview that, precisely, does not provide them with any moral ideas. As the Oriental immersed himself in his environment, he acquired moral ideas along with his view of nature. And just as he followed nature as a natural being, he followed the moral and spiritual world as a moral being.

[ 46 ] Der mittelländische Mensch stellt den Menschen vor sich selber hin. Er bekam das Bild des Menschen, indem er in die Welt hineinblickte. Aber damit zugleich, möchte ich sagen, verabstrahierte sich die sittliche Idee. Sie mußte als eine Erbschaft sich geltend machen. Aber der Mensch fühlte noch das Erwärmende dieser sittlichen Idee. Und im wesentlichen war vieles vom religiösen Leben derjenigen Zeit, in welcher die mittelländischen Völker tonangebend waren, dieses warme Fühlen der sittlichen Weltenordnung. Verlassen, einsam gegenüber seinen sittlichen Empfindungen fühlt sich der Mensch erst, indem er allerdings um sich das sittenfreie Naturbild hat. Da sieht der Mensch hinaus in die Welt, in der er als Naturwesen steht, der er angehört als Naturwesen. Sie gibt ihm nichts Sittliches. Will er Sittliches, so muß er es aus dem Quell seines innersten Wesens hervorbringen. Er steht da vor der Welt, die ihm keine Direktive gibt. Er muß die Direktive suchen. Freiheit hat keinen Sinn in der orientalischen spirituellen Urkultur. Freiheit bekommt ihren Sinn aus dem Naturalismus heraus. Sittliche Bedeutung hat dieser Materialismus, der hervorgeht aus dem NervenSinnesmenschen der westlichen Völker. Diese Kultur verlangt vom Menschen, sich seiner Freiheit bewußt zu werden, sein Sittliches aus sich heraus zu gebären. Würde man beim bloßen Naturalismus bleiben — das war schon das Ergebnis der gestrigen Betrachtungen hier —, so würde man so wie diejenigen Persönlichkeiten, deren Aussprüche ich gestern angeführt habe, Sittlichkeit in Grund und Boden treten. Würde man aber nicht durch diesen gefährlichen Zustand der Menschenentwickelung durchgegangen sein, wo Sittlichkeit in Frage steht, wo Sittlichkeit in die Freiheit des menschlichen Entschlusses gegeben wird — die Menschheit könnte sich nicht zur Freiheit entwickeln! Das ist der Sinn der Menschheitsentwikkelung, von einer spirituellen Urkultur bis zu der materiellen Kultur des Westens, die insbesondere für das Wirtschaftsleben veranlagt ist, die eine Utilitätsethik im Grunde genommen an die Oberfläche gebracht hat, die aber den Menschen in bezug auf den eigentlichen sittlichen Impuls das Bewußtsein der Freiheit geben muß.

[ 46 ] The Mediterranean man places humanity before himself. He came to understand the image of humanity by looking out into the world. But at the same time, I would say, the moral idea became abstracted. It had to assert itself as a legacy. Yet humanity still felt the warmth of this moral idea. And essentially, much of the religious life of that era, in which the Mediterranean peoples set the tone, was this warm feeling of the moral world order. Man only feels abandoned and alone in the face of his moral sensibilities when he is surrounded by an image of nature devoid of morality. There, man looks out into the world in which he stands as a natural being, to which he belongs as a natural being. It offers him nothing moral. If he desires morality, he must draw it forth from the wellspring of his innermost being. He stands there before a world that offers him no guidance. He must seek that guidance himself. Freedom has no meaning in the original Eastern spiritual culture. Freedom derives its meaning from naturalism. This materialism, which arises from the nervous-sensory nature of Western peoples, has moral significance. This culture demands that human beings become conscious of their freedom and give birth to their morality from within themselves. If one were to remain with mere naturalism—which was already the conclusion of yesterday’s reflections here—one would, like those figures whose statements I cited yesterday, trample morality into the ground. But if we had not passed through this dangerous stage of human development—where morality is called into question, where morality is entrusted to the freedom of human decision-making—humanity could not have developed toward freedom! This is the meaning of human development, from a spiritual primordial culture to the material culture of the West, which is particularly oriented toward economic life, which has essentially brought a utilitarian ethic to the surface, but which must give human beings the consciousness of freedom with regard to the actual moral impulse.

[ 47 ] Wir bekommen eine Grundlage für die Betrachtung der Differenzierungen der Völker, wenn wir von diesen drei Menschentypen ausgehen. Aber wir erlangen nimmermehr eine Charakteristik der vollen Menschheit, die wir heute brauchen für den Menschen, wenn wir dasjenige nehmen, was aus diesen Einseitigkeiten hervorgeht.

[ 47 ] We gain a basis for considering the differences among peoples when we start from these three types of human beings. But we will never arrive at a characterization of humanity in its entirety—which we need today for human beings—if we take only what emerges from these one-sided views.

[ 48 ] Lernen kann man gerade aus einer solchen Betrachtung, daß dann, wenn der Mensch aus irgendeiner Lokalkultur, und wäre das Lokal noch so groß, herausgestaltet dasjenige, was in ihm veranlagt ist, so ist es eine Einseitigkeit. Die wunderbare Urkultur — eine Einseitigkeit, die Westkultur mit ihrem Materialismus — eine Einseitigkeit.

[ 48 ] One can learn from such a perspective that when a person, coming from any local culture—no matter how large that culture may be—develops what is innate within them, the result is one-sidedness. The wondrous primordial culture—a one-sidedness; Western culture with its materialism—a one-sidedness.

[ 49 ] Das alles gibt eine Vorstellung, wie einseitig dasjenige ist, was in den einzelnen Völkern lebt. Daher muß der moderne Mensch, der nun einsieht, daß über die ganze Erde hin eine gleichmäßige, nicht nur materiell-wirtschaftliche, sondern Seelenkultur wachsen muß, der muß aus anderen Untergründen heraus als dem Völkischen geistig-sittliche Ideen entwickeln. Die Menschheit ist dazu veranlagt, denn in ihren verschiedenen Völkern bringt sie die einseitigen Begabungen. Aber über das Völkische muß der Einzelmensch hinauswachsen. Er wächst nur hinaus über das Völkische, wenn er nicht aus irgendeinem Volkstum anderes begründet, als was zu diesem seinem Volkstum gehört, sondern wenn er aus diesem Volkstum heraus das allgemeine Menschentum zu gestalten vermag.

[ 49 ] All of this gives a mental image of how one-sided the values are that exist within individual nations. Therefore, modern human beings—who now recognize that a uniform culture of the soul, not merely a material and economic one, must flourish across the entire Earth—must develop spiritual and moral ideas from foundations other than those of “nationalism.” Humanity is predisposed to this, for it brings these one-sided gifts to life in its various nations. But the individual must transcend the national. He transcends the national only when he does not use any national heritage to establish anything other than what belongs to that heritage, but rather when he is able to shape universal humanity from within that heritage.

[ 50 ] Für die ethische Grundlegung der Weltanschauung habe ich das versucht in meinem Buche, das Anfang der neunziger Jahre zum ersten Male erschienen ist, in meiner «Philosophie der Freiheit». Da ist versucht worden, den Menschen den Weg zu Freiheit und zugleich zur Sittlichkeit zu zeigen, so daß in diesem Buche aber auch gar nichts gefunden werden kann, was nur aus einer einseitigen, völkischen Richtung heraus geboren wäre. Da ist alles so gedacht, daß es der Orientale so denken kann wie der Westmensch und wie der mittelländische Mensch. Da ist überhaupt von einer Volksdifferenzierung nichts darin.

[ 50 ] I attempted to lay the ethical foundation for this worldview in my book, *Philosophy of Freedom*, which was first published in the early 1990s. There, an attempt was made to show people the path to freedom and, at the same time, to morality, so that nothing in this book can be found that stems solely from a one-sided, ethnocentric perspective. Everything is conceived in such a way that people from the East can think of it just as people from the West and from the Mediterranean region do. There is absolutely no distinction based on ethnicity in it at all.

[ 51 ] Da ist wie eine selbstverständliche Note durch das ganze Buch durchgehend, daß der Mensch noch nicht Vollmensch ist, wenn er sich als Angehöriger einer menschlichen Differenzierung fühlt, einer Nation, eines Volkes fühlt, daß er Vollmensch ist erst, wenn er herauswächst aus dieser Differenzierung. Gewiß, der Mensch ist Russe, der Mensch ist Engländer, der Mensch ist Franzose; aber der Franzose, der Russe, der Engländer ist als solcher nicht Mensch, sondern der Mensch muß aus seinem Volkstum herauswachsen. Das zeigt gerade ein wirkliches verständnisvolles Betrachten dieses Volkstums.

[ 51 ] There is a kind of self-evident theme running throughout the entire book: that a person is not yet a fully realized human being as long as they identify as a member of a human distinction—a nation, a people—and that they become a fully realized human being only when they outgrow this distinction. Certainly, a person is Russian, a person is English, a person is French; but the Frenchman, the Russian, the Englishman is not a human being as such—rather, a person must outgrow his or her national identity. This is precisely what a truly understanding examination of this national identity reveals.

[ 52 ] Dann aber kommt man dazu, die Sittlichkeit auf die menschliche Individualität zu bauen. Und baut man sie auf die menschliche Individualität, dann kommt man darauf, worauf im sozialen Zusammenleben die Sittlichkeit beruhen muß: Die Sittlichkeit muß im sozialen Zusammenleben beruhen auf dem Vertrauen, das der einzelne Mensch zum einzelnen Menschen haben kann. Dieses Vertrauen muß da sein können. Dahin muß die Erziehung wirken, jene Erziehung, welche uns allein eine Besserung unserer sozialen Verhältnisse bringen kann.

[ 52 ] But then one comes to the conclusion that morality must be based on human individuality. And if one bases it on human individuality, one arrives at what morality must be founded upon in social life: In social life, morality must be based on the trust that one individual can have in another. This trust must be possible. Education must work toward this end—the kind of education that alone can bring about an improvement in our social conditions.

[ 53 ] Man erwähnt in gewissen Kreisen immer wieder und wiederum, daß nur der Zwang, daß nur die Macht, nur die Organisation dasjenige sein könne, was innerhalb des menschlichen sozialen Organismus Ordnung macht. Nein, nimmermehr wird die Organisation Ordnung machen; sondern der soziale Organismus kann nur gedeihen, insoweit als ein Mensch zu anderen Menschen Vertrauen haben kann, als die Sittlichkeit in der menschlichen Individualität verankert wird.

[ 53 ] In certain circles, it is repeatedly and constantly claimed that only coercion, only power, and only organization can bring order to the human social organism. No, organization will never bring about order; rather, the social organism can flourish only to the extent that one person can trust others, and to the extent that morality is anchored in human individuality.

[ 54 ] «Ethischer Individualismus» wurde genannt dasjenige, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» zu begründen versuchte, «Ethischer Individualismus» aus dem Grunde, weil in der Tat dasjenige, was als Ethik, was als sittliche Idee auftritt, aus der Individualität des einzelnen Menschen heraus auftreten muß.

[ 54 ] “Ethical individualism” was the term used to describe what I attempted to establish in my *Philosophy of Freedom*—“ethical individualism” because, in fact, what appears as ethics, what appears as a moral idea, must arise from the individuality of each person.

[ 55 ] Aber nun kommt das Bedeutsame. Ich habe Ihnen gestern eine Stelle vorgelesen von einer Persönlichkeit, die mit dem Materialisten Moleschott korrespondierte. Da wird gesagt: Die sittlichen Impulse sind in jedem Menschen, deshalb in jedem Menschen anders. — Sehen Sie, das ist Materialismus. Die wirkliche Einsicht ist die genau entgegengesetzte. Wahr ist es: die ethische Grundlegung ist in jedem menschlichen Individuum. Aber im höchsten Sinne tritt uns das wunderbar entgegen, daß sie in jedem menschlichen Individuum dieselbe ist; nicht eine irgendwie vorherbestimmte Gleichheit, nicht eine organisierte Gleichheit, sondern eine gegebene Gleichheit ist es, die unter den Menschen auftritt. Und immer wieder von neuem treten wir vor jeden Menschen hin, um mit jedem Menschen zusammen vertrauensvoll sittliche Impulse zu begründen.

[ 55 ] But now comes the important part. Yesterday I read you a passage from a person who corresponded with the materialist Moleschott. It says: Moral impulses are present in every human being, and therefore differ in each person. — You see, that is materialism. The true insight is exactly the opposite. It is true that the ethical foundation is present in every human individual. But in the highest sense, it is a marvel to us that it is the same in every human individual; it is not some kind of predetermined equality, not an organized equality, but a given equality that exists among human beings. And time and again, we approach each person anew to work together with them in trust to establish moral impulses.

[ 56 ] Das ist dasjenige, was den ethischen Individualismus, wenn er richtig erfaßt wird, wenn er begriffen wird als der wahre Akt der menschlichen Freiheit, zu gleicher Zeit zur universellen Ethik macht, und was uns hoffen läßt, daß wir dahin kommen als sittliche Menschen, daß wir ebensowenig, wie, wenn wir einander auf der Straße begegnen, es richtig finden, daß der eine den anderen, indem er an ihm vorbeigeht, anrempelt - man weicht sich selbstverständlich aus -, so wird, wenn jenes Menschenbewußtsein, von dem ich Ihnen gestern und vorgestern gesprochen habe, aus geisteswissenschaftlichen Untergründen die Menschen ergreift, so wird sie solches Empfinden, solches Denken in den Menschen erzeugen, daß dasjenige, was sittlich unter ihnen lebt, so selbstverständlich wird, wie das, daß man sich nicht anrempelt gegenseitig, wenn man aneinander vorbeigeht. Wir können, wenn wir so als Menschen nebeneinander leben, daß wir den Menschen, begegnend in welcher Lage immer im Leben, verstehen werden; wir können Sittlichkeit aus der Menschennatur selbst heraus bringen. Das zeigt, wie, ausgehend von geistig-orientalischen Urzeiten, zum Menschenfühlen in der Erdenmitte, zur menschlichen Abstrahierung, zum menschlichen Verstehen der Welt, zum Verstehen sowohl der Welt als der Natur, wie das der Weg ist, um endlich den Menschen wirklich zum Erfassen der Freiheit zu bringen.

[ 56 ] This is what makes ethical individualism—when properly understood, when conceived as the true act of human freedom—at the same time a universal ethic, and what gives us hope that we will arrive at a state as moral human beings where we will find it just as unacceptable—as when we encounter one another on the street— find it right for one person to bump into another as they pass by—we naturally step aside to avoid each other—so too, when that human consciousness, of which I spoke to you yesterday and the day before, takes hold of people from the foundations of the Spiritual Science, it will generate such a feeling, such a way of thinking in people that what lives morally among them will become as self-evident as the fact that people do not bump into one another when passing by. If we live side by side as human beings in this way, we will be able to understand one another, no matter what circumstances we encounter in life; we can bring morality out of human nature itself. This shows how—beginning with the spiritually-oriented primeval times of the East, through human feeling at the center of the Earth, through human abstraction, through human understanding of the world, and through understanding both the world and nature—this is the path to finally enabling human beings to truly grasp freedom.

[ 57 ] Aber nur dann, wenn er aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus die Sittlichkeit wieder findet. Im Oriente war sie gegeben durch den Inhalt der sittlichen Ideen, die aber noch wie mit einer Naturnotwendigkeit durch den Menschen hindurch wirken. Aus dieser Naturnotwendigkeit wurde herausgeworfen der Inhalt des Sittlichen. Der Mensch stand gewissermaßen sittlich nackt vor der Natur, sittlich bloß vor der Natur. Er soll in sich, in seiner Individualität, die Sittlichkeit wieder gebären. Er wird sie nur wieder gebären, wenn er sie aus dem wiedergefundenen Geistigen seines innersten Wesens heraus gebären kann.

[ 57 ] But only if he rediscovers morality from the foundations of Spiritual Science. In the East, it was provided by the content of moral ideas, which, however, still operate through human beings as if by a natural necessity. The content of morality was cast out of this natural necessity. Humanity stood, so to speak, morally naked before nature, morally bare before nature. Humanity must give birth to morality anew within itself, within its individuality. It will give birth to it anew only if it can do so from the rediscovered spiritual essence of its innermost being.

[ 58 ] Das ist dasjenige, was Geisteswissenschaft, Geisteserkenntnis will: ein sittliches Wollen zu gebären, das wirklich unseren sozialen Aufstieg bewirken kann. Geisteswissenschaft möchte das, weil sie glaubt, einsehen zu müssen, daß der Menschheit der Gegenwart und Menschheit der nächsten Zukunft insbesondere das notwendig sei, daß soziale Gesundung nur hervorgehen könne aus geistiger Gesundung.

[ 58 ] This is what Spiritual Science and spiritual insight seek: to give birth to a moral will that can truly bring about our social advancement. Spiritual Science seeks this because it believes it must recognize that this is particularly necessary for humanity today and in the near future—that social healing can arise only from spiritual healing.

[ 59 ] Sie haben in den gestrigen und vorgestrigen Bemerkungen viel davon gehört, wie schmählich oftmals die Angriffe sind, die sich gegen diese Geisteswissenschaft heute geltend machen. Ich könnte Ihnen davon noch vieles erzählen, doch will ich es nicht in diesem Augenblicke tun. Aber sagen möchte ich dies heute zum Schlusse: wie auch die Angriffe sich geltend machen, wenn sie selbst in der Lage wären, diejenigen Bestrebungen, die heute auf geisteswissenschaftlichem Gebiete gemacht werden, für diesen weltgeschichtlichen Augenblick zu zerstören: Geisteswissenschaft müßte doch wiederum von neuem entstehen! Denn ihre Hoffnung ist nicht begründet auf ein subjektives Wollen eines einzelnen oder einiger weniger oder auch einer Sekte, nein, ihre Hoffnung ist begründet darauf, daß die Menschheit mit Bezug auf ihre seelischsten, wichtigsten Angelegenheiten der Gegenwart und nächsten Zukunft diese Geisteswissenschaft und alles, was lebensvoll mit ihr zusammenhängt, braucht. Darauf wird gerechnet in den Hoffnungen der Geisteswissenschaft, daß diese Geisteswissenschaft gedeihen wird, weil die Menschheit sie braucht, was die Menschheit so verlangt, wie sie eine Erneuerung des Geisteslebens verlangt. Das kann vielleicht für den Augenblick durch Böswilligkeiten, durch Unverstand niedergetreten werden. Für die Dauer aber kann es nicht überwunden werden. Denn was die Menschheit brauchen wird, das wird ihr werden, mögen die Gegner noch so greulich, noch so böswillig oder mißverstehend sein, es wird dasjenige, was zum Besten der Menschheit geschehen soll, geschehen, weil es aus inneren, aus geistig-göttlichen Gründen heraus geschehen muß.

[ 59 ] In yesterday’s and the day before yesterday’s remarks, you heard a great deal about how shameful the attacks directed against the Spiritual Science often are today. I could tell you much more about this, but I do not wish to do so at this moment. However, I would like to say this in conclusion today: no matter how the attacks may manifest themselves, even if they were capable of destroying the efforts currently being made in the field of Spiritual Science at this moment in world history, Spiritual Science would still have to arise anew! For its hope is not grounded in the subjective will of an individual or a few people, or even a sect; no, its hope is grounded in the fact that humanity, with regard to its most spiritual and important concerns of the present and the near future, needs the Spiritual Science and everything that is vitally connected to it. This is what the hopes of Spiritual Science count on—that Spiritual Science will flourish because humanity needs it, just as humanity demands a renewal of spiritual life. This may perhaps be trampled underfoot for the moment by malice or ignorance. In the long run, however, it cannot be overcome. For what humanity will need will come to pass—no matter how dreadful, malicious, or misguided its opponents may be—and what is meant to happen for the good of humanity will happen, because it must happen for inner, spiritual-divine reasons.