The Crisis of the Present
and the Path to Healthy Thinking
GA 335
10 November 1920, Stuttgart
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The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking, tr. SOL
10. Die Geisteskrisis der Gegenwart und die Kräfte zum Menschheitsfortschritt
10. The Current Spiritual Crisis and the Forces Driving Human Progress
[ 1 ] Daß die zivilisierte Menschheit in der Gegenwart schwere Krisen durchmacht, das bemerkt wohl nicht bloß jeder, sondern erlebt eigentlich jeder. Es sind, so möchte ich sagen, zwei dieser Krisen, auch äußerlich ganz deutlich, sozusagen explosiv in der letzten Zeit hervorgetreten.
[ 1 ] The fact that civilized humanity is currently undergoing serious crises is not only something everyone notices, but something everyone is actually experiencing. I would say that two of these crises have emerged quite clearly—even outwardly—and, so to speak, explosively in recent times.
[ 2 ] Die eine, mehr schleichende Krisis, sie wird zwar von sehr vielen Menschen in der Gegenwart schon bemerkt, erwähnt, aber ihrem Wesen nach von den wenigsten durchschaut. Für diese Krise, die zunächst der Menschheit so schweres Elend, so schwere Not gebracht hat und die wir bezeichnen können als die staatliche Krisis der Gegenwart, für diese Krisis dürfen wir wohl 1914 als das Explosionsjahr ansetzen. Wir wissen ja, wie es dazumal im europäischen Staatensystem zu den furchtbarsten Kämpfen kam, wie die Menschheit heute noch unter den schrecklichen Nachwirkungen dieser Kämpfe zu leiden hat. Man darf sagen, daß es sich innerhalb des Ablaufes dieser Kämpfe, namentlich aber nachdem diese Kämpfe 1918 ein scheinbares Ende gefunden hatten, daß es sich da zeigte, wie wenig im Grunde durchschaut wird, worin die Quelle, die eigentliche Ursache dieser staatlich-rechtlichen Menschheitskrise zu suchen ist.
[ 2 ] One crisis, a more insidious one, is indeed already being noticed and discussed by a great many people today, but very few truly understand its nature. For this crisis—which initially brought such profound misery and hardship to humanity, and which we may describe as the political crisis of our time—we may well designate 1914 as the year it erupted. We know, after all, how the most terrible conflicts arose in the European system of states at that time, and how humanity continues to suffer today from the dreadful aftermath of those conflicts. It can be said that in the course of these conflicts—but especially after they had seemingly come to an end in 1918—it became apparent just how little people fundamentally understand where the source, the actual cause, of this crisis of state and law affecting humanity is to be found.
[ 3 ] Von zwei Seiten her konnte man gewissermaßen etwas wie eine Art Devise hören, welche die Richtung angeben sollte, nach der sich die furchtbare Krise entwickeln sollte. Die einen meinten - ich will jetzt auf die Charakteristik der einzelnen Parteien nicht eingehen, das gehört nicht hierher, sondern ich will nur es erwähnen -, sie meinten, daß herauskommen müsse aus den Kriegswirren ein anderes Gefüge des Staatensystems der zivilisierten Menschheit; wenigstens, so meinten viele, müßten die bestehenden Staaten ihre Grenzen ändern, Sicherungen da oder dort aufrichten. Die anderen wiederum, nicht minder zahlreich, wollten sich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus zur Devise machen: Weder Sieger noch Besiegte! - Das würde ja heißen, daß das Staatensystem der zivilisierten Menschheit aus den Kriegswirren in derselben Gestalt hervorgehen müsse, wie es vorher war.
[ 3 ] From two sides, one could, so to speak, hear something like a motto that was meant to indicate the direction in which the terrible crisis would unfold. Some believed—I do not wish to go into the characteristics of the individual parties now, as that is beyond the scope of this discussion; I merely wish to mention it—that a different structure of the system of states among civilized humanity must emerge from the turmoil of war; at the very least, many believed, the existing states would have to alter their borders and establish safeguards here and there. The others, in turn—no less numerous—wanted to adopt the motto, from a wide variety of perspectives: “Neither victors nor vanquished!”—which would mean, of course, that the system of states of civilized humanity must emerge from the turmoil of war in exactly the same form as it was before.
[ 4 ] Man muß sagen: Sowohl die einen, welche an Eroberungen dachten, an die Veränderung der Staatsgrenzen, wie auch die anderen, die das Schlagwort «weder Sieger noch Besiegte» aussprachen, sahen eigentlich ein, daß ja diese furchtbare Wirrnis im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts daraus hervorgegangen war, daß eben einfach die Staaten in ihrem gegenseitigen Verhältnis, mit ihren Grenzen, so wie sie waren, nicht bleiben konnten, daß sie aber auch nicht in sich die Kraft enthielten, sich in irgendeiner Weise so neu zu gestalten, daß ein erträgliches Verhältnis zwischen ihnen hervorgehen konnte. Daß es zu dem Ausgang «weder Sieger noch Besiegte» nicht hat kommen können, das zeigt ja eben der Kriegsausgang. Daß es aber auch mit dem «Siege» nicht getan ist, das zeigt dasjenige, was sich seither entwickelt hat, denn wenn man das betrachtet, was aus der Denkweise, aus der Anschauungsart derjenigen entsprungen ist, welche unter den Siegern sind, dann muß man sagen: In Versailles, in Saint-Germain, in Spa und so weiter, überall waren beisammen diejenigen, die mit denselben Gedanken dachten, mit denen man die Staaten aufgerichtet hat, die durcheinander gekommen, in Wirrwarr gekommen waren. Fortsetzen wollten sie dieselbe Denkweise, dieselbe Anschauungsart. Einrichten wollten sie irgendwelche neuen staatlichen Gebiete, die wir auch haben entstehen sehen - der Äußerlichkeit nach zunächst -, aber was man sich erhofft hat, ist daraus nicht hervorgegangen. Wer heute unbefangen die Verhältnisse der zivilisierten Menschheit überblickt, er wird sich gestehen müssen, daß dasjenige, was da aufgerichtet worden ist, namentlich in Europa, heute schon deutlich zeigt, daß es einen innerlichen Bestand nicht haben kann. Aus der Unordnung, in der sich alles dasjenige befindet, was aus den Friedensschlüssen hervorgegangen ist, muß der Unbefangene erkennen, daß man einfach die alte Denkweise, die staatliche Denkweise, die durch die neuzeitliche Geschichte heraufgekommen ist, nicht fortsetzen kann. Sie hat sich geltend gemacht in den Friedensschlüssen; sie hat ihre Unmöglichkeit durch die Tatsachen bewiesen.
[ 4 ] It must be said: Both those who thought of conquests and the redrawing of national borders, and those who invoked the slogan “neither victors nor vanquished,” actually recognized that this terrible turmoil in the second decade of the 20th century had arisen precisely because the states, in their mutual relations and with their borders, as they were, could not remain as they were, yet they also lacked the strength within themselves to reorganize themselves in any way that would allow a tolerable relationship to emerge between them. The fact that the outcome “neither victors nor vanquished” could not have come to pass is precisely demonstrated by the outcome of the war. But the fact that “victory” alone is not enough is shown by what has developed since then; for when one considers what has sprung from the mindset and worldview of those among the victors, one must say: At Versailles, at Saint-Germain, at Spa, and so on—everywhere, those who shared the same ideas were gathered together, the very ideas with which states that had fallen into disarray and chaos were established. They wanted to continue with the same way of thinking, the same perspective. They wanted to establish new state territories, which we have indeed seen come into being—at least outwardly at first—but what had been hoped for did not come to pass. Anyone who today takes an unbiased look at the state of civilized humanity will have to admit that what has been established—particularly in Europe—already clearly shows that it cannot have any inner stability. From the disorder in which everything that has emerged from the peace treaties finds itself, the impartial observer must recognize that one simply cannot continue the old way of thinking—the state-centered way of thinking—that has emerged through modern history. It asserted itself in the peace treaties; it has proven its impossibility through the facts.
[ 5 ] Die zweite Krisis - man könnte vielleicht besser sagen: das Explodieren der zweiten Krisis, denn sie hat sich ja lange vorbereitet —, ist etwa zu verzeichnen im Jahre 1918 und den folgenden Jahren. Man kann sie nennen die wirtschaftliche Krisis. Aus den Kriegswirren heraus entstand das an Sehnsucht der Menschheit, was man nennen könnte das Bestreben, zu solchen wirtschaftlichen Zuständen zu kommen, wie sie in den Instinkten, in den Bedürfnissen zahlreicher Mitglieder der heutigen zivilisierten Menschheit vorhanden sind. Was haben wir bis jetzt hervorgehen sehen aus dieser wirtschaftlichen Krisis? Sehen wir nach dem Westen: Wir sehen die absolute Hilflosigkeit; wir sehen auch da die Fortsetzung des Wirtschaftens so, wie es in der neuzeitlichen Geschichte heraufgekommen ist; wir sehen ein fortwährendes Experimentieren ohne leitende Ideen; wir sehen diejenigen, die sich Gedanken machen über dieses Wirtschaften, bis jetzt in höchster Besorgnis vor dem Ausgang dieses Experimentierens. Und sehen wir nach dem Osten, dann sehen wir, wie das rein wirtschaftliche Denken, insofern es sich geltend gemacht hat in den Köpfen des Proletariats, eine merkwürdige Gestalt angenommen hat. Wir sehen im europäischen Osten — und sehen dasselbe sich fortsetzen bis tief nach Asien hinein -, wir sehen das Bestreben, man könnte sagen ein militarisiertes WirtschaftsStaatsgefüge herzustellen. Dasjenige, was so Schiffbruch gelitten hat aus den alten Rechtsstaaten heraus, das rein militaristische Prinzip, das sehen wir im Osten angewendet. Ich möchte sagen: Wir sehen das rein militaristische Prinzip angewendet auf einen wirtschaftlichen Organismus, der geschaffen werden soll. Und heute sprechen auch für diese Bestrebungen die Tatsachen schon klar genug. Wer wollte heute behaupten, daß irgend etwas anderes geleistet werden könne durch diese Militarisierung des Wirtschaftslebens im Osten von Europa als lediglich Raubbau der alten Wirtschaft, Zerstörung des alten Wirtschaftsgefüges. Man macht sich Illusionen über irgend etwas, was für die Menschheit entstehen soll, was aber mit jedem Tage, mit jeder Woche mehr zerbröckelt. Wiederum sehen wir, wie aus den Gedanken, den Anschauungen der Menschen heraus, wie sie sich gebildet haben namentlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als sogenannte Gedanken wirtschaftlicher Reformen, sozialer Reformen, wie aus diesen Gedanken - da, wo man sie radikal anwenden will -, nicht im entferntesten etwas Fruchtbares hervorgehen kann.
[ 5 ] The second crisis—or perhaps it would be more accurate to say the outbreak of the second crisis, since it had been a long time in the making—can be traced back to around 1918 and the years that followed. One might call it the economic crisis. Out of the turmoil of war arose a longing among humanity—what one might call the aspiration to achieve economic conditions such as those inherent in the instincts and needs of numerous members of today’s civilized humanity. What have we seen emerge so far from this economic crisis? Let us look to the West: We see utter helplessness; we also see there the continuation of economic activity as it has developed in modern history; we see constant experimentation without guiding principles; we see those who reflect on this economic activity, so far, in the utmost concern about the outcome of this experimentation. And when we look to the East, we see how purely economic thinking—insofar as it has taken hold in the minds of the proletariat—has taken on a peculiar form. We see in Eastern Europe—and observe the same phenomenon continuing deep into Asia—we see the striving to establish, one might say, a militarized economic and political structure. That which has so utterly failed within the old constitutional states—the purely militaristic principle—we see applied in the East. I would say: We see the purely militaristic principle applied to an economic organism that is to be created. And today, the facts already speak clearly enough in favor of these efforts. Who would claim today that this militarization of economic life in Eastern Europe could achieve anything other than the mere exploitation of the old economy and the destruction of the old economic structure? People are under the illusion that something beneficial for humanity is to emerge, yet it crumbles further with every passing day and every passing week. Once again, we see how, from the ideas and views of people—as they took shape particularly in the second half of the 19th century as so-called ideas of economic and social reform—how from these ideas—wherever they are applied radically—nothing fruitful can possibly emerge.
[ 6 ] Und man darf daher schon sagen: Zwei Krisen, die staatliche Krisis und die wirtschaftliche Krisis, sie stehen heute vor der zivilisierten Menschheit da, ohne Aussicht auf irgendwelche Auswege. Man braucht keine weitläufigen Spiritisierungen auszubilden, um zu erkennen, daß das so ist, wie ich es einleitungsweise hier erwähnt habe; man braucht sich bloß unbefangen der Beobachtung dessen hinzugeben, was geschieht. Aus diesen Beobachtungen heraus, die man aber schon durch Jahrzehnte hindurch machen konnte, wenn man das seelische Augenmerk lenkte auf die Art und Weise, wie sich ganz deutlich diese zwei Krisen vorbereiteten, aus diesen Beobachtungen heraus entstand dasjenige, was in der letzten Zeit in Dornach als anthroposophische Hochschulkurse unternommen worden ist. Gewiß, diese anthroposophischen Hochschulkurse, die im September und Oktober dieses Jahres in Dornach von dreiBig Dozenten der verschiedensten Wissenschaftszweige abgehalten worden sind — man braucht sie in ihrer heutigen Bedeutung nicht zu überschätzen; sie sind ein allererster und vielleicht ein sehr schwacher Anfang, aber der Anfang eines ganz bestimmten zielbewußten Wollens. Es hat in Dornach durch diese dreißig Dozenten gezeigt werden sollen, daß jene anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, welche nun von mir seit beinah zwei Jahrzehnten auch in Stuttgart vorgetragen wird, die innere Kraft und die innere wissenschaftliche Methodik hat, um die verschiedensten menschlichen Wissenschaftszweige zu befruchten, so daß diese eine den Forderungen des Gegenwarts- und Zukunftslebens entsprechende Gestalt annehmen können.
[ 6 ] And so one can certainly say: Two crises—the political crisis and the economic crisis—now confront civilized humanity, with no prospect of any way out. One need not engage in far-fetched speculations to recognize that this is indeed the case, as I mentioned here in my introduction; one need only observe impartially what is happening. From these observations—which, however, could already have been made over the course of decades if one had directed one’s spiritual attention to the way in which these two crises were quite clearly brewing—from these observations arose what has recently been undertaken in Dornach as the Anthroposophical University Courses. Certainly, these anthroposophical university courses, which were held in Dornach in September and October of this year by three lecturers from a wide variety of scientific disciplines—one need not overestimate their significance at this stage; they are a very first and perhaps very tentative beginning, but the beginning of a very specific, purposeful endeavor. Through these thirty lecturers in Dornach, it was intended to demonstrate that the anthroposophically oriented Spiritual Science—which I have now been lecturing on in Stuttgart for nearly two decades—possesses the inner strength and the inner scientific methodology to enrich the most diverse branches of human science, so that these may take on a form that corresponds to the demands of present and future life.
[ 7 ] Allerdings, damit so etwas überhaupt in zielbewußter Weise unternommen werden kann - was ist dazu notwendig? Dazu ist notwendig, daß man durchschaue dasjenige, was die wichtigste, die dritte Krisis ist, von der im Grunde genommen die beiden anderen erwähnten Krisen nur der äußere Ausdruck sind. Diese dritte Krisis aber wird heute fast von der gesamten Menschheit noch nicht in gebührender Weise ihrem Wesen nach angeschaut: es ist die Krisis unseres ganzen Geisteslebens. Ich weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, daß damit etwas ausgesprochen wird, was in weitesten Kreisen heute den ärgsten Zweifeln begegnet. Ich weiß auch, daß damit etwas ausgesprochen wird, das anzuhören man eigentlich als unbequem empfindet. Das zeigt sich zum Beispiel schon darin, daß ja viele die staatliche Krisis und viele die wirtschaftliche Krisis zugeben, daß sie aus diesem Zugeben heraus gründliche Wandlungen verlangen in der Auffassung und den Einrichtungen des staatlichen und des wirtschaftlichen Lebens, daß aber äußerst wenige davon überzeugt sind, daß auch das Geistesleben bis in die einzelnen Wissenschaften hinein eine Umwandlung erfahren müsse. Man denkt ja heute in vielen Kreisen, daß das geistige Leben die Quellen liefern müsse zu weiteren gedeihlichen Fortschritten der Menschheit, zum Herauskommen aus Not und Elend und sozialem Wirrwarr. Aber man denkt sich die Beteiligung des Geisteslebens so, daß man eben einfach nur das an «Geistesgütern» nimmt, was bisher als sogenannte «sichere Wissenschaften» geleistet worden ist, und das nun durch die verschiedensten Kanäle, durch Volkshochschulen, Volksbildungsvereine und so weiter in die weitesten Kreise hineinleiten will. Aber - ich habe es schon einmal hier erwähnt - man ist nicht unbefangen genug, die folgende Tatsache gründlich in Erwägung zu ziehen: Wenn man erkennt, daß ja gerade diejenigen Kreise es waren, welche bisher teilgenommen haben an dem Geistesleben, wie es sich in der neuzeitlichen Menschheitsentwicklung herausgebildet hat, und daß gerade diese gebildeten Kreise es waren, welche im wesentlichen die Träger der Verwirrung geworden sind, wenn man dies erkennt, so muß man zugeben, daß dieselbe Verwirrung nicht dadurch beseitigt werden kann, daß man solche durch diese Geistesbewegung heraufgebrachten Gedanken, die ins Unheil hineingeführt haben, daß man die noch popularisiert - denn es müßte aus den weitesten Kreisen dann derselbe Wirrwarr hervorgehen, der schon aus dem engen Kreise der Träger dieses Geisteslebens hervorgegangen ist.
[ 7 ] However, in order for something like this to be undertaken in a purposeful manner at all—what is necessary for that? It is necessary to understand what constitutes the most important, the third crisis, of which the other two crises mentioned are, in essence, merely the outward expression. Yet today, almost all of humanity still fails to view this third crisis in its true nature: it is the crisis of our entire spiritual life. I know, my esteemed audience, that this statement is met with the gravest skepticism in the widest circles today. I also know that it expresses something that people actually find uncomfortable to hear. This is evident, for example, in the fact that while many acknowledge the political crisis and many acknowledge the economic crisis—and on the basis of this acknowledgment demand fundamental changes in the conception and structures of political and economic life—extremely few are convinced that spiritual life, extending even into the individual sciences, must also undergo a transformation. After all, in many circles today it is thought that intellectual life must provide the sources for further beneficial progress for humanity, for a way out of hardship, misery, and social turmoil. But people conceive of the intellectual life’s contribution in such a way that they simply take whatever “intellectual assets” have been produced so far by the so-called “hard sciences,” and now seek to channel these through a wide variety of avenues—such as adult education centers, public education associations, and so on—into the broadest possible circles. But—as I have already mentioned here once before—people are not objective enough to give thorough consideration to the following fact: When one recognizes that it was precisely those circles that have hitherto participated in spiritual life as it has developed in modern human history, and that it was precisely these educated circles that have essentially become the bearers of confusion—when one recognizes this, then one must admit that this same confusion cannot be eliminated by further popularizing the very thoughts brought forth by this spiritual movement—thoughts that have led into disaster—for this would result in the same confusion emerging from the broadest circles as has already emerged from the narrow circle of the bearers of this spiritual life.
[ 8 ] Deshalb geht von Dornach, wo diese anthroposophischen Hochschulkurse stattgefunden haben, das Ziel aus, nicht etwa bloß in konservativer Weise dasjenige, was wir nun einmal haben an sogenannter sicherer Wissenschaft oder an anderen Geistesgütern, innerhalb derer sich die Verwirrungen geltend gemacht haben, nun in weitesten Kreisen zu popularisieren, sondern dieses Geistesgut neu zu befruchten, ihm einen Einschlag zu geben, durch den es der Träger auch eines anderen staatlichen, eines anderen wirtschaftlichen Lebens werden kann. Erneuerung des Geisteslebens, nicht Verbreiterung des alten Geisteslebens, das ist das Ziel der anthroposophisch orientierten Geistesbewegung. Erkannt soll werden innerhalb der anthroposophisch orientierten Geistesbewegung, daß die Impulse, die Gedanken, die Anschauungen, welche in den Wirrwarr der Staaten, in den Wirrwarr der Wirtschaft hineingeführt haben, schon in der alten Geistesrichtung lagen. Aber wenige Menschen geben sich heute noch die Mühe, wirklich auf die Ursprünge unserer Not und unseres Lebens, auf die Krisis in unserem Geistesleben hinzuschauen. Das ist eben unbequem. Irgend etwas sollte doch «sicher» sein, auf irgendeinem Boden soll man doch stehen können. Man glaubt, alles käme ins Wanken, wenn man auf dieses Geistesleben selber reformierend wirken soll. Deshalb hat es anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft so schwer, zu den Menschen der Gegenwart zu sprechen, weil im Grunde genommen das Interesse, das sie aus ihrem inneren welthistorischen Pflichtgefühl heraus geltend machen muß, unter den Menschen in weitesten Kreisen gar nicht regsam ist. Man möchte überall, im Wirtschaftlichen, im Staatlichen die Quellen der Krisen suchen, aber man schreckt davor zurück, sie im Geistesleben zu suchen.
[ 8 ] That is why Dornach, where these anthroposophical university courses took place, has set itself the goal not merely to preserve in a conservative manner what we currently have in the way of so-called “certain” science or other intellectual assets—within which confusion has taken hold— but rather to revitalize this spiritual heritage, to give it a new direction through which it can become the foundation for a different kind of political and economic life. Renewal of spiritual life, not the dissemination of the old spiritual life—that is the goal of the anthroposophically oriented spiritual movement. It must be recognized within the anthroposophically oriented spiritual movement that the impulses, the thoughts, and the views that have led into the confusion of the states and into the confusion of the economy were already present in the old spiritual orientation. But few people today still take the trouble to truly look at the origins of our distress and our lives, at the crisis in our spiritual life. That is simply inconvenient. Something should be “certain,” after all; one should be able to stand on some firm ground. People believe that everything would be thrown into turmoil if they were to take it upon themselves to reform this spiritual life. That is why anthroposophically oriented Spiritual Science has such a hard time speaking to the people of today, because, fundamentally speaking, the interest it must assert out of its inner sense of duty to world history is not at all alive among people in the broadest circles. People want to look for the sources of crises everywhere—in the economy, in the state—but they shy away from seeking them in spiritual life.
[ 9 ] Aber ehe man sie nicht suchen wird im Geistesleben, ehedem wird nichts, gar nichts besser - auch im wirtschaftlichen, auch im staatlichen Leben nicht. Denn das, was im staatlichen, im wirtschaftlichen Leben äußere Wirklichkeit ist, das ist doch, wenn es heute die Menschen auch nicht einsehen wollen, nur der Ausdruck dessen, was die Menschen denken, was sie denken gelernt haben durch das Geistesleben, das in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, insbesondere im 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit heraufgezogen ist. Die staatliche, die wirtschaftliche Krise, sie sind zu bemerkbar, als daß sie geleugnet werden könnten, als daß man nicht darauf kommen müßte, daß sowohl der staatlichen wie der wirtschaftlichen Entwicklung neue Impulse zugeführt werden müssen. Daß etwas geschehen müsse auch im Geistesleben, das geben viele Menschen zu. Daß gerade so etwas geschehen muß, wie anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will, dagegen stemmen sich diejenigen Menschen der Gegenwart, die auch das erstere zugeben, sehr häufig. Wir können dafür heute schon genügend Beispiele angeben - Beispiele, die in der Gegenwart entnommen werden können sowohl aus den unter furchtbarem Kulturdruck leidenden Weltgebieten, die zu den besiegten gehören, wie auch aus denjenigen Kulturgebieten, die den Siegern angehören.
[ 9 ] But until people begin to seek it in their spiritual life, nothing—absolutely nothing—will improve—not even in economic life, nor in political life. For what is external reality in political and economic life is, after all—even if people today are unwilling to recognize it—merely the expression of what people think, of what they have learned to think through the spiritual life that has emerged in the history of human development over the last three to four centuries, particularly in the 19th century and at the beginning of the 20th. The political and economic crises are too evident to be denied; one cannot help but conclude that both political and economic development must be infused with new impulses. Many people admit that something must also happen in spiritual life. However, even those people today who acknowledge the former very often resist the very kind of change advocated by anthroposophically oriented Spiritual Science. We can already cite sufficient examples of this today—examples that can be drawn from the present day, both from those regions of the world suffering under terrible cultural pressure—which belong to the vanquished—and from those cultural regions belonging to the victors.
[ 10 ] Wir sehen, nachdem die kriegerischen Wirren ein vorläufiges, aber nur scheinbares Ende gefunden haben, nachdem die Revolutionsgesinnung heraufgezogen war, wie innerhalb von Deutschland sich geltend gemacht hat der Ruf, das kirchliche, das religiöse Element vom staatlichen abzutrennen. Ich möchte sagen, so abstrakt genommen, ist dies zunächst der erste Morgenruf für einen Teil desjenigen, was die Dreigliederung des sozialen Organismus will: Sie will das gesamte Geistesleben vom staatlichen und wirtschaftlichen Leben loslösen und in seine eigene, nur auf seine eigenen Prinzipien gebaute Selbstverwaltung stellen. Man begreift heute nur diesen innerlichsten Teil des Geisteslebens, so daß man, aber auch eigentlich nur ganz im abstrakten Sinn, verlangt hat seine Lostrennung vom staatlichen Leben.
[ 10 ] We see that, after the turmoil of war had come to a provisional—though only apparent—end, and after revolutionary sentiment had risen, a call began to be heard within Germany to separate the ecclesiastical and religious elements from the state. I would like to say that, taken in the abstract, this is, at first, the first call of the morning for a part of what the threefold social order seeks: It seeks to detach the entire spiritual life from state and economic life and place it in its own self-government, built solely on its own principles. Today, people understand only this innermost part of spiritual life, so that they have demanded—though really only in a completely abstract sense—its separation from state life.
[ 11 ] Nun haben sich aber gerade auf diesem Gebiet auch innerhalb Deutschlands noch andere Erscheinungen gezeigt: Von einer gewissen Seite her machte sich eine ganz entschiedene antireligiöse, antichristliche Gesinnung geltend, und dasjenige, was sich da geltend machte, verband sich mit dem Kriegsruf: Lostrennung der Kirche vom Staate. Insbesondere wurde es für den Protestantismus schwer, sich hineinzufinden in dasjenige, was da als die Folge des Krieges, der Revolution heraufgezogen ist. Man mußte auf der einen Seite sehen, wie die katholische Kirche durch ihre uralte Konstitution nicht viel verlieren würde durch die Trennung vom Staate, denn sie hat selbst so viele politische und administrative und auch volkstümliche Impulse in sich, daß sie in der Tat durch diese Trennung vom Staate nur gewinnen könnte, insbesondere wenn sie noch in intriganter Weise die Trennung vom Staate umgeht. Dagegen war die Verbindung der evangelischen Kirchen mit den Staatsgewalten eine so enge - die evangelischen Kirchen waren so angelegt, die kirchliche Gewalt von staatlichen Mächten ausüben zu sehen -, daß sie sich durch die Trennung vom Staate gewissermaßen wie ausgeliefert vorkommen mußten. Das machte sich als eine gewisse Stimmung geltend, die dazu führte, daß eine Art Kampfruf entstand nach einer Sammlung all desjenigen, was noch von dem religiösen Gesichtspunkte aus den Blick nach dem Geistigen hin richten konnte. Organisiert sollten werden die verschiedenen Bekenntnisse, damit sie das, was sie in der Trennung nicht erreichen können, in der Gemeinsamkeit erreichen können durch eine Art von Selbstverwaltung.
[ 11 ] However, other developments have also emerged in this very area, even within Germany: From a certain quarter, a very decisive anti-religious, anti-Christian sentiment asserted itself, and what asserted itself there was linked to the battle cry: the separation of church and state. In particular, it became difficult for Protestantism to come to terms with what had emerged as a consequence of the war and the revolution. On the one hand, one had to observe how the Catholic Church, by virtue of its age-old constitution, would not lose much through separation from the state, for it possesses so many political, administrative, and popular impulses within itself that it could in fact only gain from this separation from the state—especially if it continues to circumvent the separation from the state through intrigue. In contrast, the Protestant churches’ connection to the state powers was so close—the Protestant churches were structured in such a way that they viewed the exercise of ecclesiastical authority as stemming from state powers—that, through their separation from the state, they must have felt, in a sense, as if they were at the mercy of others. This manifested itself as a certain mood that gave rise to a kind of rallying cry for the unification of everything that, from a religious perspective, could still direct its gaze toward the spiritual. The various denominations were to be organized so that they could achieve, through a form of self-governance, what they could not achieve in isolation, but rather through their unity.
[ 12 ] Ja, noch etwas anderes kam zum Vorschein, das höchst charakteristisch ist: Diejenigen, die die Träger dieses «Sammlung»Gedankens der verschiedenen kirchlichen Bekenntnisse waren, sie sprachen es offen aus, daß es gut sei, daß die Lösung der kirchlichen, der religiösen Angelegenheiten von den staatlichen noch möglichst vertrauensvoll gegenüber den staatlichen Gewalten vor sich ginge, daß die Loslösung — wie man sich ausdrückte - sozusagen «wohlwollend» geschehe. Sie sprachen es offen aus, daß wenigstens der Religionsunterricht noch vom Staate besorgt wird und so weiter, daß die Kirche nicht einfach entlassen werde aus der Staatsgewalt, sondern in einer gewissen Weise abgefunden werde - nun, und was dergleichen Dinge mehr sind -: «wohlwollende Loslösung vom Staate». Man sieht daraus: Die religiösen Bekenntnisse sind gewöhnt, staatlich geleitet zu werden; sie können sich gar nicht hineinfinden in eine gewisse staatliche Unabhängigkeit. Das hat allerdings seinen Grund nicht allein in wirtschaftlichen Verhältnissen, das hat durchaus auch seine Gründe in der Denkungsart der Menschen. Und so sehen wir, wie die Kirchen, die ihre Selbständigkeit gewinnen sollen, gewissermaßen, wenn auch mit einer Halbheit, doch noch hinschielen nach der staatlichen Leitung, in die sie sich hineingewöhnt haben durch Jahrhunderte. So etwa können wir sagen von Mitteleuropa.
[ 12 ] Yes, something else came to light that is highly characteristic: Those who championed this idea of a “collection” of the various church confessions, openly stated that it was good for the resolution of ecclesiastical and religious matters to proceed with as much trust as possible toward the state Powers, and that the separation—as they put it—should take place, so to speak, “benevolently.” They openly stated that at least religious instruction should still be provided by the state, and so on; that the church should not simply be removed from state authority but should, in a certain sense, be compensated—well, and other such matters—“benevolent separation from the state.” From this we can see: Religious denominations are accustomed to being guided by the state; they cannot at all come to terms with a certain degree of independence from the state. This, however, is not due solely to economic circumstances; it is certainly also rooted in people’s way of thinking. And so we see how the churches, which are supposed to gain their independence, still look—in a sense, albeit half-heartedly—toward state guidance, to which they have become accustomed over the centuries. We can say this, for example, of Central Europe.
[ 13 ] Sehen wir nun nach dem Auslande. Es ist außerordentlich interessant, daß sich zum Beispiel in der Schweiz jetzt Redner aus Amerika hören lassen, welche kirchliche Vertreter von Religionsbekenntnissen sind. Was bringen sie in ihren Reden vor? Sie bringen in ihren Reden etwa das folgende vor - ich kann das, was ausführlich dargelegt wird, nur in ein paar Sätzen kurz zusammenfassen —, sie bringen etwa das folgende vor, vom amerikanischen Standpunkte aus selbstverständlich: Die Menschheit strebt, so sagen sie, nach dem Völkerbund. Der Völkerbund soll die Menschheit aus den alten, militaristischen Verhältnissen herausführen; er soll den ersehnten Frieden und ein Neues an menschlicher Kultur und menschlicher Zivilisation bringen. Aber, so sagen sie, dasjenige, was die Staatsmänner bis jetzt geleistet haben, was sie bis jetzt erreicht haben, kann keinen lebensfähigen Völkerbund zustande bringen - sie greifen dabei durchaus den Woodrow Wilson an, den sie als einen gutmütigen, aber eigentlich etwas törichten Idealisten schildern. Denn ein solcher Völkerbund würde zusammengeschmiedet durch äußerliche, staatliche Verhältnisse, die sich eigentlich überlebt haben, die keine Tragkraft mehr für die menschliche Zivilisation haben. Dasjenige, was der wahre Völkerbund ist — so sagen diese amerikanischen Pastoren -, das muß wurzeln in den Herzen der Menschen. Das könne aber nur in den Herzen der Menschen wurzeln, wenn christliches Fühlen, religiöses Bekennen sich über die Erde hin findet. Und so möchten diese amerikanischen Redner eigentlich vom religiösen Gesichtspunkte aus mit den Europäern zur Konstituierung des Völkerbundes kommen; sie möchten religiös die Herzen der Menschheit gewinnen.
[ 13 ] Let us now turn our attention abroad. It is extremely interesting that, for example, speakers from America—who are church representatives of various religious denominations—are now making their voices heard in Switzerland. What do they argue in their speeches? In their speeches, they argue something along the following lines—I can only briefly summarize in a few sentences what is presented in detail—they argue something along the following lines, from the American point of view, of course: Humanity, they say, is striving for the League of Nations. The League of Nations is to lead humanity out of the old, militaristic conditions; it is to bring about the longed-for peace and a new era of human culture and civilization. But, they say, what statesmen have accomplished so far, what they have achieved to date, cannot bring about a viable League of Nations—in this regard, they explicitly attack Woodrow Wilson, whom they portray as a good-natured but actually somewhat foolish idealist. For such a League of Nations would be forged by external, state-based conditions that have actually outlived their usefulness, that no longer have the capacity to sustain human civilization. What the true League of Nations is—so say these American pastors—must be rooted in the hearts of people. But this can only take root in people’s hearts if Christian sentiment and religious commitment spread throughout the world. And so these American speakers actually wish to work with Europeans to establish the League of Nations from a religious perspective; they wish to win the hearts of humanity through religion.
[ 14 ] Das, was ich Ihnen da anführe, meine sehr verehrten Anwesenden, ist ja etwas, was aus dem geistigen Leben hervorgeht. Allein, wer die Reden solcher amerikanischen Pastoren hört, der sagt sich, wenn er auf der andern Seite dasjenige unbefangen zu erblicken in der Lage ist, was nun über Europa wirtschaftlich tobt: Und mögen die Worte noch so schön sein - sie sind zuweilen sehr schön, diese Worte, die da gesprochen werden -, mögen die Worte noch so schön sein, die Wege zu den Menschenherzen finden sie nicht; einen innerlichen Völkerbund zu gründen, sind sie ohnmächtig. Denn diejenigen Menschen, aus deren Instinkten und Trieben heraus heute die sozialen Schlachtrufe ertönen, die haben kein Ohr mehr für diese schön gesprochenen Worte, die fordern etwas anderes; für diese Worte öffnen sich die Herzen nicht. Hier zeigt sich — ebenso wie auf dem Boden, wo der Ruf ertönt, wohlwollend vom Staate sich loszulösen, zu sammeln dasjenige, was zerstreut ist -, überall da zeigt sich, daß man schon bemerkt die schleichende Geisteskrisis der Gegenwart. Aber man muß wirklich ganz befangen sein, wenn man glauben kann, daß auf der einen Seite durch die schönen Worte der amerikanischen Pastoren der Weltbund begründet werden könne in den Herzen der Menschen oder daß auf der anderen Seite durch die Sammlung desjenigen, was über Mitteleuropa an verschiedenen Bekenntnissen existiert, eine geistige Erneuerung zustande gebracht werden könne - eine geistige Erneuerung, die nun wirklich mächtig genug ist, um Kraft zum sozialen Menschheitsfortschritt hervorzubringen, um Kraft hervorzubringen, die auf staatlichem und wirtschaftlichem Gebiet reformieren kann. Nur wenn man befangen ist, kann man solches glauben.
[ 14 ] What I am presenting to you here, my esteemed audience, is, of course, something that arises from spiritual life. However, anyone who listens to the sermons of such American pastors—and who is able, at the same time, to view with an open mind what is currently raging across Europe in economic terms—will say to himself: And no matter how beautiful the words may be—and they are sometimes very beautiful, these words that are spoken—no matter how beautiful the words may be, they do not find their way into people’s hearts; they are powerless to establish an inner League of Nations. For those people from whose instincts and impulses the social battle cries ring out today no longer have an ear for these beautifully spoken words; they demand something else; hearts do not open to these words. Here it becomes evident—just as it does in the very places where the call resounds to break away from the state in a spirit of goodwill and to gather together what has been scattered—everywhere it becomes evident that people are already noticing the creeping spiritual crisis of the present. But one must truly be quite biased to believe, on the one hand, that the world federation could be established in people’s hearts through the fine words of American pastors, or, on the other hand, that by gathering together the various confessions existing across Central Europe, a spiritual renewal could be brought about—a spiritual renewal that is truly powerful enough to generate the strength for social progress for humanity, to generate the strength capable of bringing about reforms in the political and economic spheres. Only someone who is biased could believe such a thing.
[ 15 ] Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, sie studiert aus ihren Erkenntnissen, aus ihrer Anschauungsweise heraus dasjenige, was eigentlich sich vollzieht, und sie bemerkt: Ja, der Wille ist da, ein Geistesleben wieder mächtig zu machen unter den Menschen, so daß das staatliche, das wirtschaftliche Leben hervorgehen könne aus Gedanken, die in einem fruchtbaren Geistesleben wurzeln. - Anders kann ja das wirtschaftliche und staatliche Leben nicht reformiert werden. Der Wille ist da, aber etwas fehlt: es fehlt die schöpferische Kraft. Denn heute kommt es nicht darauf an, daß amerikanische Pastoren die altbackenen Worte wiederholen - wenn sie auch noch so schön geschmiedet sind -, die aber ihren Wert für die Menschenherzen verloren haben. Heute kommt es nicht darauf an, daß man dasjenige, was an Bekenntnissen aus der Vorzeit vorhanden ist, sammelt; heute kommt es darauf an, daß ein neues Geistesleben durch eine Neuschöpfung unter die Menschen komme. Nur derjenige versteht die Geisteskrisis, der nicht bloß das Alte wiederholen, nicht bloß das Alte sammeln will, sondern der den Willen entwickelt zu geistiger Neuschöpfung.
[ 15 ] Anthroposophically oriented Spiritual Science studies, based on its insights and its perspective, what is actually taking place, and it observes: Yes, the will is there to restore a powerful spiritual life among human beings, so that political and economic life can emerge from thoughts rooted in a fruitful spiritual life. — After all, political and economic life cannot be reformed in any other way. The will is there, but something is missing: the creative power is missing. For today it does not matter that American pastors repeat the stale words—no matter how beautifully crafted they may be—which have lost their value for human hearts. Today, it is not a matter of collecting the confessions that exist from times past; today, it is a matter of bringing a new spiritual life among people through a new creation. Only those who do not merely want to repeat the old or collect the old, but who develop the will for spiritual re-creation, understand the spiritual crisis.
[ 16 ] Wir müssen uns fragen: Warum erweisen sich die schönsten Worte als ohnmächtig? Warum führt die Sammlung [der religiösen Bekenntnisse] zu nichts? Wir sehen, daß im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte über die ganze zivilisierte Menschheit hin dasjenige mächtig geworden ist, was man nennt das staatliche Leben und was man nennt das wirtschaftliche Leben. Die beiden haben das geistige Leben so vollständig ins Schlepptau genommen, daß diejenigen, die in Mitteleuropa in bezug auf ihr religiöses Bekenntnis vom Staate getrennt werden sollen, doch wiederum nach diesem Staate und seiner Führung lechzen. So stark ist das Geistesleben ins Schlepptau genommen worden, daß heute die schönsten Worte, die aus diesem alten Geistesleben heraus gesprochen werden können, nicht mehr den Weg finden zu den Herzen, in denen die Instinkte für die heutigen Reformen entstehen. Das beweist, aus den äußerlich-historischen Tatsachen heraus, daß wir nicht bloß eine neue Befruchtung des Alten, eine Anregung für das Alte, sondern daß wir eine vollständige Neuschöpfung brauchen. Auf diesem Standpunkte steht anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Sie will die einzelnen Wissenschaften befruchten, die ja die Gedanken hergeben sollen für das staatliche und für das wirtschaftliche Leben der Menschheit. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft soll aber auch das staatliche Leben selber und das wirtschaftliche Leben so befruchten, daß beiden neue Impulse zugeführt werden, die im Geistesleben selbst geschaffen werden. Bei einem größeren Teil der Wissenschaften ist uns das - wir dürfen das nach unseren Erfolgen, nach unseren Ergebnissen während der Dornacher Hochschulkurse betonen - wenigstens für einen Anfang gelungen. Geschichtliches, Physikalisches, Chemisches, Biologisches, Rechtswissenschaftliches, ja selbst Mathematisches, Philosophisches, Psychologisches - alle diese Gebiete haben durch unsere Hochschulkurse bereits eine Gestalt angenommen, durch die sich zeigt, was diese Wissenschaftszweige werden, wenn sie methodisch streng wissenschaftlich von demjenigen durchdrungen werden, was die geisteswissenschaftlichen Forschungen beabsichtigen, wie sie durch mehr als eineinhalb Jahrzehnte auch hier in Stuttgart vertreten werden. Gerade auf diese Geisteskrisis, die notwendig macht geistige Neuschöpfungen, will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hinweisen. Warum, so sagte ich, erweisen sich die schönsten Worte als ohnmächtig? Warum sehnt man sich nach der staatlichen Führung wieder zurück? Weil man im Grunde genommen allmählich ein Geistesleben erlangt hat, welches ganz und gar nur ein Anhängsel des Staats- oder Wirtschaftslebens war, welches ganz und gar eingerichtet wurde in bezug auf die Erziehungs- die Unterrichtsanstalten aus staatlichem Willen heraus, welches ganz und gar unterhalten wurde von den altgewordenen Wirtschaftsformen. Dasjenige, was sich Staats- und Wirtschaftsleben in den letzten Jahrhunderten als Geistesleben zurechtgezimmert haben, was sie gemacht haben aus den alten Glaubensbekenntnissen, das ist heute etwas geworden, was sich als ohnmächtig erweist, wenn es sich so geltend machen will, wie es bei den amerikanischen Pastoren für die Begründung eines Völkerbundes der Fall ist. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, zu dieser Ohnmacht ist das Geistesleben erzogen worden durch die staatliche Oberaufsicht, durch die wirtschaftliche Obergewalt. Dasjenige Geistesleben, nach dem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hinzielt, es muß, wie ich hier oftmals auseinandergesetzt habe, aus dem innersten Seelenerleben des Menschen selber hervorgehen. Dieses Seelenerleben aber kann unter gar keiner Oberaufsicht oder Obergewalt stehen, sondern es kann einzig und allein in voller Freiheit, durch die völlig freie Entwicklung der menschlichen Individualitäten, in der freien Selbstverwaltung dieses Geisteslebens selber entstehen. Wenn dieses Geistesleben in freier Selbstverwaltung steht, wenn dadurch hervorgetrieben werden kann gerade die Art von Wissenschaft, wie sie sich in Dornach gezeigt hat und wie sie die Waldorfschule jeden Tag für die pädagogische Kunst zeigt, wenn dieses Geistesleben in freier Selbstverwaltung die menschlichen individuellen Fähigkeiten wirklich hervorbringen kann, die mit jedem Menschen durch die Geburt oder Empfängnis aus geistigen Welten in die physische Welt hineingesendet werden, dann werden die Früchte, die aus einem solchen freien Geistesleben erblühen, dem Staatsleben und dem Wirtschaftsleben zugeführt werden können. Staatsleben und Wirtschaftsleben kamen in Krisen hinein, weil sie dasjenige entbehrten, was ihnen aus einem freien Geistesleben an befruchtenden Ideen zugeführt werden muß. Indem Staatsleben und Wirtschaftsleben selber das Geistesleben in die Hand genommen haben, haben sie unterdrückt das Befruchtende, das ihnen nur werden kann, wenn sie das Geistesleben freilassen, so daß aus dieser Freiheit das Geistesleben hinüberwirkt ins Staatsgebiet, ins Wirtschaftsgebiet. Das, was ich hier andeute, kann man durchaus auch durch eine unbefangene Beobachtung des Ganges der Zivilisationsgeschichte belegen. Ich will nur mit einigen Strichen auf diese Belege hindeuten, Wir sehen, wie seit dem 15., 16., 17. Jahrhundert, insbesondere seit dem 18. Jahrhundert, das Wirtschaftsleben immer komplizierter und komplizierter wird. Wir sehen, wie sich da die Notwendigkeit entwickelt, dieses Wirtschaftsleben, das früher selbst bis in die Städtekultur hinein, bis in das Zunftwesen hinein mehr instinktiv geführt worden ist, nun aus dem unbewußten Denken herauszuführen. Man braucht aber auch nur auf Leute hinzuschauen, welche unter den geistigen Begründern der neueren Wirtschaftswissenschaften zu nennen sind, auf Geister wie den Franzosen Frangois Quesnay und den Engländer Adam Smith, und man wird finden, wie in dem weltgeschichtlichen Zeitabschnitt, in dem es nötig geworden ist, vom Geiste aus die Wirtschaft zu ergreifen, das wissenschaftliche Denken selber ohnmächtig geworden ist, über das Wirtschaftsleben hin irgendwelche Gesichtspunkte auszubreiten. Sowohl Quesnay, der Franzose, der mehr aus naturwissenschaftlichen Untergründen heraus eine Volkswirtschaftslehre begründen wollte, wie auch Smith, der Engländer, der eine ebensolche Volkswirtschaftslehre begründet hat, sie haben beide im Grunde genommen aus wenigen, axiomatisch aussehenden Grundsätzen wie «die Geltung des Privateigentums» und «die wirtschaftliche Freiheit des menschlichen Individuums» die ganze Volkswirtschaft konstruieren wollen.
[ 16 ] We must ask ourselves: Why do the most beautiful words prove powerless? Why does the collection [of religious creeds] lead nowhere? We see that over the course of the last three to four centuries, what is called “political life” and what is called “economic life” have come to dominate all of civilized humanity. Both have dragged spiritual life so completely in their wake that those in Central Europe who are supposed to be separated from the state in terms of their religious beliefs nevertheless yearn for that state and its leadership. Spiritual life has been so thoroughly subjugated that today the most beautiful words that can be spoken from this ancient spiritual life no longer find their way to the hearts in which the instincts for today’s reforms arise. This proves, based on external historical facts, that we need not merely a new infusion of life into the old, a stimulus for the old, but rather a complete re-creation. This is the standpoint of anthroposophically oriented Spiritual Science. It seeks to enrich the individual sciences, which are, after all, meant to provide the ideas for humanity’s political and economic life. However, anthroposophically oriented Spiritual Science is also intended to enrich political life itself and economic life in such a way that both receive new impulses created within spiritual life itself. In a large part of the sciences—and we may emphasize this based on our successes and the results achieved during the Dornach College courses—we have succeeded in this, at least as a beginning. History, physics, chemistry, biology, jurisprudence, and even mathematics, philosophy, and psychology—all these fields have already taken on a form through our School of Spiritual Science courses that reveals what these branches of science will become when they are methodically and strictly scientifically permeated by what spiritual scientific research aims to achieve, as it has been represented here in Stuttgart for more than a decade and a half. It is precisely this spiritual crisis—which necessitates new spiritual creations—that anthroposophically oriented Spiritual Science seeks to highlight. Why, as I said, do the most beautiful words prove powerless? Why do people long once again for state leadership? Because, deep down, they have gradually come to possess a spiritual life that was entirely merely an appendage of political or economic life; a life that was entirely organized—in terms of educational and teaching institutions—by state decree; a life that was entirely sustained by economic forms that have grown obsolete. What state and economic life have cobbled together as a spiritual life over the past few centuries—what they have made of the old creeds—has today become something that proves powerless when it seeks to assert itself, as is the case with the American pastors advocating for the establishment of a League of Nations. Yes, ladies and gentlemen, spiritual life has been conditioned into this powerlessness by state supervision and by economic domination. The spiritual life toward which anthroposophically oriented Spiritual Science aims must, as I have often explained here, arise from the innermost soul experience of the human being himself. This inner experience, however, cannot be subject to any form of state supervision or economic domination; rather, it can arise solely and exclusively in complete freedom, through the entirely free development of human individualities, within the free self-governance of this spiritual life itself. If this spiritual life is governed by free self-administration, if it can thereby foster precisely the kind of science that has manifested itself in Dornach and that the Waldorf School demonstrates every day through the art of education, if this spiritual life, governed by free self-administration, can truly bring forth the individual human abilities that are sent into the physical world from the spiritual realms with every human being at birth or conception, then the fruits that blossom from such a free spiritual life can be channeled into political and economic life. Political and economic life have fallen into crisis because they lacked the fertilizing ideas that must be supplied to them from a free spiritual life. By taking spiritual life into their own hands, political and economic life have suppressed the very source of inspiration that can only come to them if they set spiritual life free, so that from this freedom, spiritual life can influence the political and economic spheres. What I am suggesting here can certainly be substantiated by an unbiased observation of the course of civilizational history. I will merely point to this evidence in broad strokes. We see how, since the 15th, 16th, and 17th centuries—and especially since the 18th century—economic life has become increasingly complex. We see how the need has arisen to guide this economic life—which was previously managed more instinctively, even extending into urban culture and the guild system—out of unconscious thinking. But one need only look at the figures who are counted among the intellectual founders of modern economic science—minds such as the Frenchman François Quesnay and the Englishman Adam Smith— and one will find that, in the period of world history when it became necessary to approach the economy from an intellectual perspective, scientific thinking itself had become powerless to apply any principles to economic life. Both Quesnay, the Frenchman, who sought to establish a theory of economics based more on natural scientific foundations, and Smith, the Englishman, who did establish such a theory, both essentially sought to construct the entire economy from a few axiomatic-seeming principles such as “the validity of private property” and “the economic freedom of the individual.”
[ 17 ] Sieht man insbesondere auf den Begründer der modernen Volkswirtschaft, auf Adam Smith hin — und sein Denken ist ja nur der Ausfluß des Denkens seines ganzen Zeitalters, des 17., 18. Jahrhunderts -, so findet man, daß dieses ins Wirtschaftsleben hineinspukende Denken von Adam Smith im Grunde genommen ein getreues Abbild desjenigen Denkens ist, das dazumal sich insbesondere im Westen der Zivilisation als wissenschaftliches Denken geltend machte. Es ist sehr interessant zu verfolgen, wie das, was zum Beispiel durch Newton in das physikalisch-astronomische Denken als Methode, als Anschauungsweise hineingekommen ist und dann hineingekommen ist in die Wissenschaft [überhaupt] als die Behandlungsweise der Probleme, wie das einem bei Smith in der Behandlung der volkswirtschaftlichen Aufgaben wiederum entgegentritt. Wie die mathematische Physik aus wenigen Grundsätzen heraus alles ableiten will, so möchte solch ein Mensch wie Adam Smith aus wenigen Grundsätzen, die abstrakt mit dem Verstande erfaßt werden können, die ganze Volkswirtschaft ableiten. Es ist interessant zu verfolgen, wie unbefangene Geister, selbst Bulwer in einem Roman, sich spottend hermachen über dasjenige, was jetzt sich als Denken in der Volkswirtschaft geltend machte. Da finden wir den spottenden Gedanken bei Bulwer: Früher hat man geglaubt, derjenige, der sich in die Volkswirtschaft mischen will, müsse weitgehende Kenntnisse über das haben, was die Menschen treiben, die untereinander wirtschaften. Heute brauche man nur ein paar abstrakte Prinzipien, und man leite die ganze Volkswirtschaft davon ab. - Und schon früher hat ein unbefangener Denker, Young, gesagt: Bisher habe er gemeint, daß derjenige, der über die Volkswirtschaft reden will, kennen müsse die Tugenden und Laster der Menschen, die Art und Weise, wie die Menschen sich im Wirtschaftsleben verständigen, was sie da treiben - kurz: daß ein solcher Mensch ausgebreitete Kenntnisse haben müsse. Adam Smith habe ihm aber gezeigt, so sagte Young, daß man nur ein paar Gedanken brauche, und daß man durch ein paar Federstriche all das ausgebreitete, wirtschaftliche Erfahrungswissen zusammendrängen kann in ein paar abstrakte Gedanken.
[ 17 ] If one looks in particular at the founder of modern economics, Adam Smith—and his thinking is, after all, merely an outgrowth of the thinking of his entire era, the 17th, 18th centuries—one finds that this way of thinking, which haunts economic life, is essentially a faithful reflection of the scientific thinking that prevailed at that time, particularly in the Western world. It is very interesting to observe how what, for example, was introduced by Newton into physical and astronomical thought as a method, as a way of viewing things—and then became established in science [in general] as the approach to problems—is encountered once again in Smith’s treatment of economic issues. Just as mathematical physics seeks to derive everything from a few basic principles, so a man like Adam Smith seeks to derive the entire economy from a few principles that can be grasped abstractly by the intellect. It is interesting to observe how open-minded minds—even Bulwer in a novel—mock what was then establishing itself as the prevailing way of thinking in economics. We find this mocking observation in Bulwer: In the past, it was believed that anyone wishing to engage in economics must have extensive knowledge of what people do when they conduct economic activities among themselves. Today, one needs only a few abstract principles, and from them one can derive the entire economy. - And even earlier, an unbiased thinker, Young, had said: Until then, he had believed that anyone who wished to speak about economics must know the virtues and vices of people, the way in which people interact in economic life, what they actually do there—in short: that such a person must have extensive knowledge. But Adam Smith, Young said, had shown him that one needs only a few ideas, and that with a few strokes of the pen, all that extensive, empirical economic knowledge can be condensed into a few abstract ideas.
[ 18 ] Als das Wirtschaftsleben kompliziert geworden ist — was ist über das wirtschaftliche Denken gekommen? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist etwas über dieses wirtschaftliche Denken gekommen, was sich zuerst im Westen geltend gemacht hat, was aus dem neueren Wirtschaftsleben heraus stammt, was nachgebildet ist dem neueren Wirtschaftsleben und was in seinen letzten Konsequenzen, ob man das nun zugibt oder nicht, in den paar abstrakten Gedanken der Lenins und Trotzkis jetzt als letzte Konsequenz im Östen von Europa erscheint. Das ist dasjenige, was man ins Auge fassen muß. Man versteht aber nur, um was es sich da handelt, wenn man nun nicht nur ein paar abstrakte Gedanken sich aneignet — was ja die heutige Menschheit sehr liebt -, sondern wenn man einen gründlichen Überblick über den Gang der Menschheitsentwicklung seit vielen Jahrhunderten sich verschafft, wie ich das schon öfter angedeutet habe und wie ich ihn jetzt mit ein paar Worten von einem anderen Gesichtspunkte aus andeuten werde.
[ 18 ] As economic life has become more complex—what has happened to economic thinking? Well, ladies and gentlemen, something has come over this economic thinking—something that first gained a foothold in the West, that stems from modern economic life, that is modeled on modern economic life, and that, in its ultimate consequences—whether one admits it or not—now appears in Eastern Europe as the final consequence in the few abstract ideas of Lenin and Trotsky. That is what we must take into account. However, one can only understand what this is all about if one does not merely appropriate a few abstract ideas—which, after all, modern humanity is very fond of—but rather if one gains a thorough overview of the course of human development over many centuries, as I have already indicated on several occasions and as I will now briefly outline from a different perspective.
[ 19 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, so wie eine solche Anschauung, wie sie durch Newton begonnen worden ist, die dann durch andere Denker hereingekommen ist in die menschliche Seelenlehre und durch die die menschliche Seelenlehre gerade so mechanisiert worden ist, wie Newton die Astronomie mechanisiert hat, so wie dieses mechanisch-mathematische Wissenschaftliche durch Adam Smith in die Nationalökonomie gekommen ist, geradeso hat es im Grunde genommen selbst die populären Anschauungen der modernen zivilisierten Welt ergriffen. Und heute, in der Zeit des Zeitungswesens, der Popularisierung der Wissenschaft, leben im Grunde nur noch wenig Menschen, die nicht in irgendeiner Weise, wenn sie auch nichts davon wissen, von dem Geiste dieser Wissenschaftsrichtung ergriffen sind. Diese Art von Wissenschaft lebt auf der einen Seite in der Mathematik; in der Mathematik hat sie das einzige, was aus dem Innern des Menschen heraus aufsprießt, denn die ganze Mathematik ist ja nicht irgend etwas, was durch Anschauung, durch Beobachtung gewonnen ist, sondern sie ist etwas, was aus dem Innern des Menschen aufsprießt. Diese Wissenschaftsrichtung, die das mathematische Denken hat, das zum Beispiel bei Smith, auch bei Ricardo, dem späteren Bearbeiter der Nationalökonomie, deutlich zu bemerken ist -— dieses mathematische Denken ist die eine Seite der modernen Wissenschaftlichkeit. Die andere Seite ist die sinnliche Beobachtung der Außenwelt und das Bilden von allerlei abstrakten Theorien, von atomistischen oder sonstigen materialistischen Theorien über diese sinnliche Außenwelt. Diese zwei Strömungen stehen eigentlich da: sinnliche Beobachtung der Außenwelt, mathematisierendes Denken. Man muß gerecht sein gegenüber dem, was da auftritt auf der einen Seite als mathematisierendes Denken, bis in die Nationalökonomie hinein, was auftritt auf der anderen Seite als gewissenhafte Beobachtung und gewissenhaftes Beobachten des Experimentierens in der Außenwelt. Man muß gerecht sein gegenüber dem, denn das hat die großen Triumphe der modernen, westlichen Wissenschaft heraufgebracht. Und ich habe es oftmals betont: Von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft werden diese Triumphe der modernen Wissenschaft durchaus nicht bekämpft, sondern voll anerkannt. Aber es muß eingesehen werden, daß es innerhalb der Menschheitsentwicklung eine Zeit gab, in welcher diese Art wissenschaftlicher Gesinnung überhaupt nicht vorhanden war. Heute sind von dem, was auf diesem Gebiete in der Menschheit vorhanden war, nur die letzten dekadenten Reste vorhanden.
[ 19 ] Ladies and gentlemen, just as a way of thinking such as that initiated by Newton—which was then introduced by other thinkers into the study of the human soul and through which the study of the human soul was mechanized in exactly the same way that Newton mechanized astronomy—and just as this mechanical-mathematical scientific approach was introduced into political economy by Adam Smith, it has, in essence, taken hold even of the popular views of the modern civilized world. And today, in the age of the newspaper and the popularization of science, there are, in fact, very few people left who are not, in some way—even if they are unaware of it—influenced by the spirit of this scientific movement. This kind of science lives, on the one hand, in mathematics; in mathematics it has the one thing that springs from within the human being, for all of mathematics is not something gained through intuition or observation, but rather something that springs from within the human being. This branch of science, which possesses mathematical thinking—clearly evident, for example, in Smith, and also in Ricardo, the later developer of political economy—this mathematical thinking is one side of modern scientific thought. The other side is the sensory observation of the external world and the formation of all manner of abstract theories—whether atomistic or other materialistic theories—about this sensory external world. These two currents actually exist side by side: sensory observation of the external world and mathematizing thinking. We must be fair toward what appears on the one hand as mathematical thinking—extending even into economics—and what appears on the other hand as conscientious observation and conscientious monitoring of experimentation in the external world. We must be fair toward this, for it has brought about the great triumphs of modern Western science. And I have often emphasized this: Anthroposophically oriented Spiritual Science by no means opposes these triumphs of modern science, but fully acknowledges them. But it must be recognized that there was a time in human development when this kind of scientific mindset did not exist at all. Today, only the last decadent remnants remain of what once existed in humanity in this realm.
[ 20 ] Ich weise wiederum hin auf den Orient. Aber wenn man die Dinge, auf die es ankommt, in ihrer eigentlichen Gestalt sehen will, so darf man nicht nach dem heutigen Orient hinblicken, wo alles schon im Untergang, in der Zerstörung begriffen ist, was einstmals eine Urweisheit der Menschheit war, was noch größer war, als es später geworden ist — Sie können das in meinem Buche «Geheimwissenschaft» nachlesen. Es war noch größer in der Zeit, bevor die Veden, bevor die Vedanta-Philosophie entstanden ist; was aus den Veden künstlerisch, aus der Vedanta-Philosophie nur in letzten Nachklängen noch herausleuchtet, das kann der unbefangene Erkenner aber noch schauen in der ganzen orientalischen Entwicklung. Da ist viel Großartiges, viel Gewaltiges an Weisheit drinnen. Da ist nichts darin von der besonderen Art und Weise, wie die westliche Wissenschaft der neueren Zeit wirkt. Die Art des Denkens, die Art, die Welt anzuschauen, die war da ganz anders. Die wissenschaftlichen Methoden, die wir heute, und zwar mit Recht, so sehr verehren, denen wir nacheifern müssen, sie fanden sich im alten orientalischen Denken nicht. Dafür hatte die alte orientalische Weisheit dasjenige, was ich nennen möchte Welt-Anschauung - im Gegensatz zur Wissenschaft: Welt-Anschauung -, Weltanschauung ohne Wissenschaft. Das war im Grunde das charakteristische Wesen des uralten Orients in seiner Weisheit.
[ 20 ] I refer once again to the Orient. But if one wishes to see the things that really matter in their true form, one must not look to the Orient of today, where everything that was once the primordial wisdom of humanity—which was even greater than it later became—is already in a state of decline and destruction. You can read about this in my book *The Secret Science*. It was even greater in the time before the Vedas, before the philosophy of Vedanta arose; what still shines through artistically from the Vedas, and from the philosophy of Vedanta only in its final echoes, the unbiased seeker of knowledge can still perceive throughout the entire Eastern tradition. There is much that is magnificent, much that is awe-inspiring in terms of wisdom there. There is nothing in it of the particular manner in which modern Western science operates. The way of thinking, the way of viewing the world—that was entirely different there. The scientific methods that we today, and quite rightly, hold in such high esteem, and which we must emulate, were not to be found in ancient Eastern thought. Instead, ancient Eastern wisdom possessed what I would like to call a “worldview”—in contrast to science: a “worldview”—a worldview without science. That was, in essence, the characteristic essence of the ancient East in its wisdom.
[ 21 ] Diese Weltanschauung, sie hat das Bedeutsame, daß sie sich über den ganzen Menschen erstreckt; sie hat das Bedeutsame, daß der Mensch sich erfaßt durch diese Weltanschauung als Geist, Seele und Leib. Allerdings trat diese Weltanschauung im alten Orient so auf, daß dem Leibe und demjenigen, was der äußeren, physischen Welt zugehörte, wenig Aufmerksamkeit zugewendet wurde. Dieses Leben war mehr eine Verständigung zwischen Seele und Geist, in dem der Mensch sich wurzelnd wußte, aber es war Welt-Anschauung. Das heißt, durch das, was der Mensch dachte und empfand, stellte er für sich fest seine Lage, sein Verhältnis zur Welt der Sinne und zur Welt des Geistes. Das tat er nicht auf wissenschaftliche Weise, sondern durch seelische Anschauung. Dasjenige, was da durch seelische Anschauung gewonnen worden ist, es lebte in seiner Urgestalt allerdings in alten Zeiten des Orients. Aber die Erbschaft davon lebte weiter, und im Grunde genommen verspürt man bis in die neueste Zeit hinein die Erbschaft dieses orientalischen Weltanschauungslebens. Dieses Weltanschauungsleben, es hat dasjenige abgegeben, wodurch zum Beispiel das erste Christentum - in dem noch lebendig war diese altorientalische Weisheit und Weltanschauung - begriffen hat das der Erde den Sinn gebende Mysterium von Golgatha. Aber an der Stelle des Anschauens, das der alte Orient hatte, setzte sich immer mehr und mehr, indem diese Anschauung Erbschaft blieb, das intellektualistische Element fest. Bevor heraufkam in der neueren Zeit die weltanschauungslose Wissenschaft des Westens, die auch der Seelenlehre und der Nationalökonomie die Gestalt gegeben hat, die ich erwähnt habe, bildete sich in der Mitte, schon beginnend mit dem alten Griechenland, klar sich ausprägend im alten Rom, dann sich festsetzend über Mitteleuropa hin, dasjenige heraus, was den Menschen, ich möchte sagen in einen innerlichen Kampf versetzte. Er begriff ein Ereignis, das nur mit dem Geiste zu erfassen ist, das Christus-Ereignis, noch durch die ererbten Anklänge alter, orientalischer Weisheit. Daneben schimmerte immer mehr und mehr, durch die besonderen Anlagen der westlichen Menschheit, auch in dieses Mitteleuropa hinein dasjenige, was bloße menschliche Intellektualität ist, was den gesamten Kosmos, vor allen Dingen unsere irdische Umgebung und den Menschen selbst, im Grunde genommen nur durch Mathematik und durch die Beobachtung der Außenwelt begreifen will.
[ 21 ] The significance of this worldview lies in the fact that it encompasses the whole human being; its significance lies in the fact that, through this worldview, the human being comes to understand himself as spirit, soul, and body. However, in the ancient Orient, this worldview manifested in such a way that little attention was paid to the body and to that which belonged to the external, physical world. This life was more of a communion between soul and spirit, in which the human being knew he was rooted, yet it was a worldview. That is to say, through what a person thought and felt, they determined for themselves their position, their relationship to the world of the senses and to the world of the spirit. They did not do this in a scientific manner, but through spiritual intuition. What was gained through this spiritual intuition certainly lived on in its original form in the ancient times of the Orient. But the legacy of this lived on, and, in essence, one can still sense the legacy of this Eastern way of life right up to the present day. This way of life gave rise to what enabled, for example, early Christianity—in which this ancient Eastern wisdom and worldview were still alive—to comprehend the Mystery of Golgotha, which gives meaning to the Earth. But in place of the vision that the ancient Orient possessed, as this worldview remained a legacy, the intellectualistic element became increasingly entrenched. Before the emergence in more recent times of the West’s science devoid of a worldview—which also gave psychology and political economy the form I have mentioned—there developed in the middle, beginning already in ancient Greece, clearly taking shape in ancient Rome, and then establishing itself across Central Europe, that which plunged humanity, I might say, into an inner struggle. It perceived an event that can only be grasped with the spirit—the Christ event—still through the inherited echoes of ancient, Eastern wisdom. Alongside this, thanks to the unique predispositions of Western humanity, what is mere human intellectuality began to shine ever more brightly, even into this Central Europe—a mindset that seeks to understand the entire cosmos, above all our earthly surroundings and human beings themselves, fundamentally only through mathematics and the observation of the external world.
[ 22 ] Und so lebte in Mitteleuropa auf der einen Seite gerade dasjenige, was man nennen könnte ein Hinneigen zum alten orientalischen Erbgut. Alles, was durch das Mittelalter und die neuere Zeit hinauf an Inhalt der christlichen Lehre lebte und bis heute noch lebt, alles dasjenige, was darin an Weltanschauung lebt —- wenn es auch fast schon verglommen ist, wenn auch der reine Rationalismus die moderne Theologie ergriffen hat -, es ist zum größten Teil altes orientalisches Erbgut, denn nur erst wenige Ansätze zu einer Neuschöpfung sind vorhanden. Und verbunden damit ist dasjenige, was nun der Mensch zunächst durch Mathematik und Naturbeobachtung aus sich selber heraus findet an Wissenschaftlichkeit, die es aber nicht zur Weltanschauung bringt. Und so sehen wir im Mittelalter, in der Zeit, als Albertus Magnus und Thomas von Aquin gewirkt haben, in bewußter Weise auftreten diesen Zwiespalt zwischen dem, was menschliche Vernunft durch Beobachtung und durch Mathematik erreichen kann, was sich beschränken soll auf die äußere sinnliche Welt, und demjenigen, was Offenbarung, Weltanschauungsoffenbarung sein soll - das Mysterium von Golgatha, was man damals nicht so benannte, was aber seinem Inhalte nach, nicht der Tatsache nach, altorientalisches Erbgut war. Und im Grunde genommen lebt dieser Zwiespalt durchaus bis heute in allem öffentlichen Leben in Mitteleuropa, auch im Staats- und Wirtschaftsleben, aus dem Mittelalter heraufkommend - dieser Zwiespalt zwischen weltanschauungslosem, wissenschaftlichem Denken und alter, ererbter wissenschaftsloser Weltanschauung. Der Mensch der europäischen Mitte ist seit der Zeit des Griechentums zu diesem inneren Kampfe aufgerufen. Und gerade dieser innere Kampf hat ja in der Zeit der deutschen Kultur um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts die höchsten Geistesblüten hervorgebracht. Denn das, was in Herder, Schiller, Goethe, was in den Philosophen des deutschen Idealismus, in Fichte, Schelling, Hegel lebte, das lebte nur dadurch in all diesen Geistern, daß diese Geister tief innerlich in sich verdichteten den Kampf, der besteht zwischen weltanschauungsloser Wissenschaft und altererbter wissenschaftsloser Weltanschauung. Man kann es bei Goethe bis in seine einzelnen Aussprüche hinein verfolgen, wie er zusammenzubringen versuchte dasjenige, was die Wissenschaft auf der einen Seite gibt, und dasjenige, was in ihm lebte empfindungsgemäß, phantasiegemäß als altes Erbgut des Orients. Ja, bei Goethe geht es sogar weiter; er erlebte diesen Zwiespalt in seinem Innern bis in die achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts hinein. Da treibt es ihn nach dem Süden, damit er im Süden wenigstens die Nachklänge, die im Süden Europas geblieben sind, noch empfinden kann von dem, was altorientalische wissenschaftslose Weltanschauung war, die allerdings sehr, sehr im Abglimmen in Griechenland begriffen gewesen ist. Von dieser wissenschaftslosen Weltanschauung ist durch die Araber herübergekommen durch den europäischen Süden bis in den Westen hinein nichts anderes als die Mathematik, die trockene Mathematik. Sie ist im Grunde genommen Europas letzter Rest, allerdings bleibender Rest desjenigen, was als umfassend Universelles aus der wissenschaftslosen Weltanschauung des Orients entsprungen ist. Denn dort war alles, was an Weisheit vorhanden war, so aus dem Inneren des Menschen herausquellend, wie bei uns, in unserer Zivilisation, nur mehr die Mathematik ist. Das hat insbesondere Novalis empfunden gegenüber der Mathematik und stammelnd ausgesprochen.
[ 22 ] And so, in Central Europe, on the one hand, there existed precisely what one might call a tendency toward the ancient Oriental heritage. Everything that has lived on through the Middle Ages and modern times as part of Christian doctrine—and still lives on today—everything in it that constitutes a worldview—even if it has almost faded away, even if pure rationalism has taken hold of modern theology—is, for the most part, an ancient Eastern heritage, for there are only a few tentative steps toward a new creation. And connected to this is what human beings initially discover within themselves through mathematics and the observation of nature—a scientific approach—which, however, does not lead to a worldview. And so we see in the Middle Ages, during the time when Albertus Magnus and Thomas Aquinas were active, this conflict emerging in a conscious way between what human reason can achieve through observation and mathematics—which is to be limited to the external sensory world—and that which is meant to be revelation, revelation of a worldview—the Mystery of Golgotha, which was not called that at the time, but which, in terms of its content—not its factual basis—was part of the ancient Eastern heritage. And fundamentally, this dichotomy lives on to this very day in all public life in Central Europe—including in political and economic life—having emerged from the Middle Ages: this dichotomy between scientific thinking devoid of a worldview and an ancient, inherited worldview devoid of science. The people of Central Europe have been called upon to wage this inner struggle ever since the time of the Greeks. And it was precisely this inner struggle that produced the greatest intellectual blossoms during the era of German culture at the turn of the 18th and 19th centuries. For what lived in Herder, Schiller, Goethe, and in the philosophers of German idealism—Fichte, Schelling, and Hegel—lived within all these minds only because these minds deeply internalized the struggle that exists between non-ideological science and the old, inherited, non-scientific worldview. In Goethe’s case, one can trace this right down to his individual statements, as he attempted to reconcile what science offers on the one hand with what lived within him—based on feeling and imagination—as an ancient legacy of the Orient. Indeed, with Goethe it goes even further; he experienced this inner conflict right up into the 1780s. That is what drove him south, so that in the south he might at least still sense the echoes—which had remained in southern Europe—of what the ancient Oriental, non-scientific worldview had been, a worldview that was, admittedly, already in a state of very, very gradual decline in Greece. From this non-scientific worldview, nothing other than mathematics—dry mathematics—made its way across via the Arabs, through southern Europe, and into the West. It is, in essence, Europe’s last remnant—albeit a lasting one—of that which sprang forth as a comprehensive, universal principle from the non-scientific worldview of the Orient. For there, all the wisdom that existed welled up from within the human being, just as, in our civilization, only mathematics remains. Novalis, in particular, sensed this in relation to mathematics and expressed it haltingly.
[ 23 ] Und neu bekommen hat die Zivilisation des Westens dasjenige, was ich das Beobachtungs- und Experimentalsystem nennen möchte, aus dem die eigentliche Wissenschaft des Westens hervorgequollen ist, aus dem alles das herausquillt, was der Mensch zunächst nicht aus seinem Inneren gewinnt, sondern was er gewinnt dadurch, daß er die Welt der Sinne eben auf die Sinne wirken läßt. Und was da zunächst an wissenschaftlichem Geiste geworden ist, was an wissenschaftlichem Geiste nun übergegangen ist in alles dasjenige, wodurch unsere führenden Menschen ihre Bildung, ihre Wissenschaftlichkeit gewinnen, das, meine sehr verehrten Anwesenden, hat seine Ohnmacht geoffenbart gegenüber dem wirtschaftlichen, gegenüber dem staatlichen Leben, bei den Geistern, die ich erwähnt habe und zu denen noch viele andere Namen hinzugefügt werden könnten.
[ 23 ] And Western civilization has acquired anew what I would like to call the system of observation and experimentation, from which the true science of the West has sprung, from which springs everything that human beings do not initially derive from within themselves, but rather gain by allowing the world of the senses to act upon the senses. And what initially took shape as a scientific spirit—what has now passed into everything through which our leading figures acquire their education and their scientific expertise—that, my esteemed audience, has revealed its powerlessness in the face of economic and political life, as seen in the minds I have mentioned, to which many other names could be added.
[ 24 ] Und so sehen wir heraufziehen unser modernes Leben. Ich möchte es symbolisch ausdrücken, was sich da eigentlich geltend machte in den letzten drei bis vier Jahrhunderten als unser heraufziehendes modernes Leben. Äußerlich charakterisiert es sich so: Da sehen wir auf der einen Seite dasjenige, was sich nun an wesentlichem Wissenschaftsgeist entwickelt, die Schulen und Universitäten beherrschen. Wir sehen aber dasjenige, was in den Schulen, den Universitäten getrieben wird, zum Teil ein weltfremdes Dasein führen. Wir sehen, wie die Universitäten als einsame Bildungsinseln dastehen. Wir sehen aber, wie auch noch etwas anderes eintritt, wie dasjenige, was da an neuerer Wissenschaftlichkeit, an weltanschauungsloser Wissenschaftlichkeit getrieben wird, vor dem Menschen Halt macht. Charakteristisch dafür ist die Darwinsche Lehre, die mit einer solchen wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit verfolgt die Entwicklung der Lebewesen von einem einfachsten Wesen zu dem vollkommensten, welche aber den Menschen gewissermaßen an die Spitze dieser tierischen Organisation stellt und nur dazu kommt, zu erklären den Menschen, insofern er Tier ist. Aus diesem und vielem anderen könnte man zeigen, wie die mathematisierende und rein äußerlich beobachtende Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen vor dem Menschen Halt macht. So haben wir ein wissenschaftliches, weltanschauungsloses Bildungswesen, das in Abstraktionen lebt, das dem Menschen nicht das gibt, was noch die wissenschaftslose Weltanschauung des Orients gegeben hat - eine Empfindung von seiner Stellung zur Welt -, das nur seinen Kopf, nur seinen Intellekt befriedigt, das nicht den ganzen Menschen ergreift. Das auf der einen Seite.
[ 24 ] And so we see our modern life emerging. I would like to express symbolically what has actually been asserting itself over the last three to four centuries as our emerging modern life. Outwardly, it is characterized as follows: On the one hand, we see what is now developing as the essential spirit of science, which dominates schools and universities. But we see that what is being pursued in schools and universities leads, in part, to an existence detached from the real world. We see how universities stand as isolated islands of education. Yet we also see something else taking hold: how this new form of scientific inquiry—a scientific approach devoid of any worldview—comes to a halt when it encounters human beings. A characteristic example of this is Darwin’s theory, which, with such scientific rigor, traces the development of living beings from the simplest form to the most perfect—yet places human beings, as it were, at the pinnacle of this animal hierarchy and serves only to explain human beings insofar as they are animals. From this and many other examples, one could demonstrate how mathematics-oriented and purely externally observing science, with its findings, stops short of humanity. Thus we have a scientific, worldview-less educational system that lives in abstractions, that does not give human beings what even the non-scientific worldview of the Orient once provided—a sense of their place in the world—that satisfies only their minds, only their intellects, and that does not engage the whole person. That, on the one hand.
[ 25 ] Auf der anderen Seite kommt etwas herauf, was ich symbolisch bezeichnen möchte, indem ich Ihnen die Fabrik vorführe mit dem modernen Praktiker. Welche Beziehung ist zwischen der Fabrik und der Hochschule? Ja, es ist eine Beziehung, aber diese Beziehung hat einen sehr einseitigen Charakter angenommen. Dasjenige, was von den modernen Hochschulen in die Fabrik hineinleuchtet, das ist die mechanische Wissenschaft. Und dieses Hineinleuchten der mechanischen Wissenschaft hat es für die Fabrik und für alles das, was dazu gehört, zu jener großartigen Ausbildung der Technik gebracht, welche die moderne Zivilisation begründet hat. Bis zur Ausbildung der Technik im höchsten Sinn hat jene Wissenschaft wirken können, welche mit ihrem Erkennen vor dem Menschen stehenbleibt. Aber auch in der Fabrik bleibt der Praktiker vor dem Menschen stehen. Er erstreckt seine Routine — denn etwas anderes ist es nicht als Routine - nur bis in das Technische und in dasjenige, was mit dem Technischen zusammenhängt. Er kann keine Beziehung, keine menschlich gemüthafte Beziehung herstellen zwischen sich als Unternehmer, als Leiter, und denjenigen, die aus der breiten Menschenmasse heraus arbeiten an der modernen Zivilisation. Wissenschaft macht im Erkennen vor dem Menschen Halt; Praxis macht im Tun, im sozialen Gestalten vor dem Menschen Halt. Eine Grenze bezeichnet dieses Haltmachen. Man hat hineingenommen in das Gebiet, das diese Grenze hat, alles dasjenige, was aus der modernen mathematisch gearteten Wissenschaft heraus in die Technik hinein hat kommen können, was auch Handel und Verkehr hat befruchten können und so weiter. Aber aus der Wissenschaft, die Halt macht vor dem Menschenerkennen, aus dieser Wissenschaft heraus konnte man kein soziales Leben gewinnen, welches die großen Forderungen der neueren Zeit nach dieser rein menschlichen Seite hin hätte befriedigen können. Und so stand jenseits der Grenze die ganze Menschheit, die nun forderte ihre Menschenwürde in der neuesten Zeit; so stand jene Menschheit, zu der man den Weg nicht gefunden hatte in der Praxis, so wie man zu dem Menschen selbst und seinem Wesen den Weg nicht gefunden hat in dem modernen weltanschauungslosen Wissenschaftserkennen. Das ist die Tragik, die in die modernen Krisen hineingeführt hat, denn dasjenige, was von dem modernen praktischen Leben in den Büchern steht, was im Hauptbuch, im Kassenbuch steht, das hat nichts von dem, was draußen in den Seelen derer lebt, die jenseits der Grenze stehen, vor deren Menschentum man Halt machte. Diese aber traten auf mit ihren seelischen Forderungen, und aus diesen seelischen Forderungen entstand das Gegenbild der Geisteskrisis der Gegenwart.
[ 25 ] On the other hand, something is emerging that I would like to describe symbolically by presenting the factory with the modern practitioner. What is the relationship between the factory and the university? Yes, there is a relationship, but this relationship has taken on a very one-sided character. What shines from modern universities into the factory is mechanical science. And this influx of mechanical science has led the factory—and everything associated with it—to that magnificent development of technology upon which modern civilization is founded. That science, which stops short of the human being in its understanding, has been able to contribute to the development of technology in the highest sense. But even in the factory, the practitioner stops short of the human being. He extends his routine—for it is nothing other than routine—only as far as the technical realm and what is connected to it. He cannot establish any relationship, any warm, human relationship, between himself as an entrepreneur, as a manager, and those who, drawn from the broad masses of people, work to build modern civilization. Science stops short of the human being in its understanding; practice stops short of the human being in its action, in its social shaping. A boundary marks this stopping point. Everything that could flow from modern, mathematically oriented science into technology—and which could also enrich commerce and transportation, and so on—has been incorporated into the realm defined by this boundary. But from science, which stops short of human understanding, it was impossible to derive a social life capable of satisfying the great demands of modern times in this purely human regard. And so, on the other side of that boundary stood all of humanity, which in recent times was now demanding its human dignity; there stood that humanity to which no practical path had been found, just as no path had been found to the human being himself and his essence within modern, worldview-less scientific knowledge. This is the tragedy that has led into the modern crises, for what is written in books about modern practical life—what is recorded in the general ledger and the cash book—has nothing to do with what lives out there in the souls of those who stand beyond the boundary, before whose humanity one had drawn a line. But these people stepped forward with their spiritual demands, and from these spiritual demands arose the counter-image to the spiritual crisis of the present.
[ 26 ] So haben wir hinaufziehen sehen jene Universitäten, jene Hochschulen, jene Bildungsschulen, die nur bis zum Technischen, zum Verkehrsmäßigen, bis zum Menschheitsfreien möchte ich sagen, den Weg sich öffneten in die Fabrik, in die Industrie, in die moderne Geldwirtschaft hinein, welche aber nicht vordrangen bis zum Menschen selber. Und so haben wir auf der andern Seite entstehen sehen aus dem unvollkommenen Beobachtungssinn, der sich zunächst in der erkennenden, weltanschauungslosen Wissenschaft gefunden hatte, den Experimentiersinn der modernen Praktiker, welche nichts wissen wollen von leitenden Ideen, welche sich darauf beschränken, zu experimentieren mit dem Mathematisch-Mechanisch-Technischen, welche die Menschen herbeiriefen, sie arbeiten ließen, ohne sich um die soziale Struktur der Menschheit zu kümmern. Wir haben den Praktiker heraufziehen sehen, der heute einen förmlichen Haß gegen alle leitenden Ideen hat, der einen förmlichen Haß gegen alles Wissenschaftliche, gegen alles Erkenntnismäßige hat, der allerdings aber auf der einen Seite recht hat, daß diese moderne, weltanschauungslose Wissenschaft nichts hat von dem, was in die Praxis, insofern an der Praxis das Menschenherz beteiligt ist, hineinleuchten kann. Aber dieser Praktiker hat insofern unrecht, als er dasjenige, was er dieser Wissenschaftsrichtung zuschreibt, jedem Geistesleben zuschreibt. Und so möchte er Routinier bleiben, so möchte er das fortsetzen, was, ich möchte sagen geistloses, bloßes experimentelles Wirtschaften ist. Das macht es so schwer, die Brücke, die gezogen werden könnte von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft zu dem allerpraktischsten Leben hin, wirklich zu ziehen. Schuld ist daran nur die Abneigung der Praktiker, die Routiniers bleiben wollen gegenüber dem, was zum Beispiel als Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus von der Geisteswissenschaft ausgeht. Immer mehr und mehr haben wir heraufziehen sehen diesen Haß der Praxis gegen alles das, was Geistesleben ist. Und so sehen wir heute im Westen ein wirres Getriebe von experimentellem Wirtschaften, von experimentellem Staatsbetätigen entstanden. Und wir sehen im Osten dieses Wirtschaften, dieses Staatsbetätigen in einen militarisierten Wirtschaftsstaat ausmünden, der alles Menschliche lähmen muß.
[ 26 ] Thus we have seen the rise of those universities, those institutions of higher learning, those schools of education that opened their path only toward the technical, toward transportation—toward what I would call the inhuman—into the factory, into industry, into the modern monetary economy, but which did not penetrate to the human being itself. And so, on the other hand, we have seen emerge from the imperfect sense of observation—which had initially found expression in a cognitive, worldview-less science—the experimental spirit of modern practitioners, who want nothing to do with guiding ideas, who limit themselves to experimenting with the mathematical, mechanical, and technical, who summoned people, put them to work, without concerning themselves with the social structure of humanity. We have seen the rise of the practitioner who today harbors a veritable hatred for all guiding ideas, who harbors a veritable hatred for everything scientific, for everything based on knowledge—though he is, on the one hand, correct in that this modern, worldview-free science possesses nothing that can shed light on practice, insofar as the human heart is involved in that practice. But this practitioner is wrong insofar as he attributes to all spiritual life what he ascribes to this branch of science. And so he wishes to remain a routine-bound practitioner; he wishes to continue what I would call a spiritless, purely experimental way of operating. This is what makes it so difficult to truly build the bridge that could be drawn from anthroposophically oriented Spiritual Science to the most practical of lives. The fault lies solely in the aversion of practitioners—those who wish to remain routine-bound—toward what, for example, emanates from Spiritual Science as an impulse for the threefold organization of the social organism. More and more we have seen this hatred on the part of practitioners toward everything that constitutes spiritual life. And so today, in the West, we see a chaotic jumble of experimental economic practices and experimental state activities has arisen. And in the East, we see these economic practices and state activities culminating in a militarized economic state that is bound to paralyze everything human.
[ 27 ] So sehen wir, wie tatsächlich aus der Geisteskrisis die Staatsund die Wirtschaftskrisis sich ergeben haben. Aus dieser klaren Erkenntnis heraus möchte dasjenige, was hier vertreten wurde seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, entwickeln die Kräfte zum Menschheitsfortschritt. Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft möchte aus demselben wissenschaftlichen Geiste heraus, der sich weltanschauungslos im Westen entwickelt hat, aus innerstem menschlichen Seelenerleben lebendiges Wissen entwickeln - Wissen, das wiederum Weltanschauung wird, das nicht die alten Worte aufwärmt, die den Weg zu den Herzen der Menschen nicht mehr finden, Wissen, das nicht bloß sammelt die alten Bekenntnisse, das auch über denjenigen Ausblick Licht verbreiten will, der sich eröffnet beim Hiinschauen auf das gewaltigste Ereignis der Erdenentwicklung, das Mysterium von Golgatha. Man stemmt sich gegen eine solche Erneuerung des Geisteslebens, die die Grundtatsache des Christentums, die nur im Geiste recht erfaßt und angeschaut werden kann, aus dem Geiste der modernen Menschheit heraus anschauen will. Zum alten Orient können wir nicht mehr zurückkommen. Eine Weltanschauung, die nicht wissenschaftlich ist, können wir nicht mehr erstreben. Über die Zeiten, in denen wissenschaftslose Weltanschauung der Menschheit genügen konnte, sind wir hinaus. Wir stehen heute vor der großen Aufgabe, aus der Wissenschaft durch innere Entwicklung des Menschen Weltanschauung zu entwickeln. Das werden wir können, wenn wir den Wirklichkeitscharakter der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wirklich durchschauen. Solange es allerdings noch Menschen gibt, die geltend machen, daß das, was durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnismethode - eine innerliche, aber streng wissenschaftliche, ja den strengsten mathematischen Methoden nachgebildete Methode - gewonnen wird, ebenso Vision sein könnte wie jede beliebige Vision oder Halluzination, solange es Menschen gibt, die solches behaupten, weil sie zum Beispiel das, was in meinen Büchern «Geheimwissenschaft» oder «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, in Wirklichkeit gar nicht lesen können, solange es solche Menschen gibt und solange solche Menschen Glauben finden, wird allerdings Geisteswissenschaft einen schweren Weg zu wandeln haben. Ich werde davon noch zu sprechen haben. Denn solche Menschen sehen nicht ein, daß dasjenige, was mit geistiger Anschauung erfaßt wird, was ergriffen wird dadurch, daß der Mensch innerlich sich erweckt zu einem geistigen Anschauen, daß das geradeso ihn lehrt, Phantasie von Wirklichkeit zu unterscheiden, wie man im gewöhnlichen Bewußtsein Phantasie von Wirklichkeit unterscheiden lernt. Es ist im Grunde genommen eine sehr einfache Tatsachenlogik, welche dieser Unterscheidung zugrunde liegt, eine Tatsachenlogik, die nur unsere Gegner eben nicht erfassen können.
[ 27 ] Thus we see how the political and economic crises have indeed arisen from the spiritual crisis. Based on this clear insight, what has been advocated here for more than a decade and a half as an anthroposophically oriented Spiritual Science seeks to develop the forces necessary for humanity’s progress. Anthroposophically oriented Spiritual Science seeks, out of the same scientific spirit that has developed in the West without being bound by any particular worldview, to develop living knowledge from the innermost experiences of the human soul —knowledge that in turn becomes a worldview, that does not merely rehash old words that no longer find their way into people’s hearts, knowledge that does not merely collect old creeds, but also seeks to shed light on the perspective that opens up when we look upon the most momentous event in Earth’s evolution: the Mystery of Golgotha. People resist such a renewal of spiritual life, which seeks to view the fundamental truth of Christianity—a truth that can only be truly grasped and contemplated in the spirit—from the perspective of modern humanity. We can no longer return to the ancient Orient. We can no longer aspire to a worldview that is not scientific. We have moved beyond the times when a non-scientific worldview could suffice for humanity. Today we face the great task of developing a worldview out of science through the inner development of the human being. We will be able to do this if we truly grasp the reality of anthroposophically oriented Spiritual Science. However, as long as there are still people who claim that what is gained through the Spiritual Science method of knowledge—an inner, yet strictly scientific method, indeed one modeled after the strictest mathematical methods—could be just as much a vision as any other vision or hallucination; as long as there are people who assert such things because, for example, they cannot actually read what is written in my books *Secret Science* or *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?*—cannot actually read, as long as such people exist and as long as such people find a following, Spiritual Science will indeed have a difficult path to traverse. I will have more to say about this later. For such people do not realize that what is grasped through spiritual intuition—what is apprehended when a person awakens inwardly to spiritual perception—teaches them just as much to distinguish fantasy from reality as one learns to distinguish fantasy from reality in ordinary consciousness. It is, in essence, a very simple logic of facts that underlies this distinction—a logic of facts that our opponents, however, are simply unable to grasp.
[ 28 ] Woher weiß ich denn, daß, wenn ich zum Beispiel ein Kilogramm-Gewicht hebe, ich dann nicht einer Halluzination unterliege, sondern daß es äußere Wirklichkeit ist? Woran erkenne ich das? Das erkenne ich daran, daß ich einfach mein Selbstgefühl erstarken muß, wenn ich das Gewicht hebe. Ich muß mich innerlich stärker machen. Wenn ich eine bloße Vision oder Halluzination habe, so bleibt mein Selbstgefühl mit derselben [unveränderten] Intensität behaftet. Da gehe ich in der Vision auf, weil ich das Erlebnis nicht habe, das Selbstgefühl intensiver zu machen. Den Widerstand bemerke ich dadurch, daß ich beim Heben des Kilogramm-Gewichtes Kraft anwenden muß, die in mir ist; da gehe ich nicht in der Vision auf. Ebenso wenig gehe ich, wenn ich geistige Erlebnisse habe, in Halluzination, in Phantasie auf, in welchen sich das Selbstgefühl nicht erhöht. Sie finden überall geschildert in den geisteswissenschaftlichen Schriften, daß diejenigen Erlebnisse, durch die man eindringt in die Welt, in der der Mensch vor der Geburt oder Empfängnis ist, in der er nach dem Tode sein wird, in der sein Ewiges wurzelt, daß diejenigen Erlebnisse, durch die man in die Welt des Übersinnlichen eindringt, voraussetzen, daß man die Seele wacher machen muß, als sie im gewöhnlichen Leben ist, das heißt innerlich intensiver, innerlich stärker erlebend machen muß. Darin drückt sich aber gerade das aus, was die Wissenschaftlichkeit desjenigen verbürgt, was als geistige Anschauung geltend gemacht wird. Und macht man das geltend, was ich hier nur angedeutet habe, was ich oftmals auch hier in Stuttgart seit langen Jahren in Vorträgen besprochen habe, macht man das geltend, dann, ja dann erlangt man über das, was wie eine Krisis im Geistesleben die neuere Menschheit ergriffen hat, erst zutreffende Ansichten.
[ 28 ] How do I know that, for example, when I lift a one-kilogram weight, I am not experiencing a hallucination, but that it is external reality? How can I tell? I can tell because I simply have to strengthen my sense of self when I lift the weight. I have to make myself stronger internally. If I am merely experiencing a vision or a hallucination, my sense of self remains at the same [unchanged] intensity. In that case, I am absorbed in the vision because I do not have the experience of intensifying my sense of self. I notice the resistance in that, when lifting the one-kilogram weight, I must apply the strength that is within me; in that case, I am not absorbed in the vision. Similarly, when I have spiritual experiences, I am not absorbed in hallucinations or fantasies in which my sense of self is not heightened. You will find described throughout the Spiritual Science writings that those experiences through which one penetrates into the world in which the human being exists before birth or conception, in which they will be after death, and in which their Eternal Self is rooted—that those experiences through which one penetrates into the world of the supersensible— require that one make the soul more alert than it is in ordinary life—that is, make it experience things more intensely and more powerfully inwardly. But this is precisely what attests to the scientific validity of what is claimed to be spiritual insight. And if one takes into account what I have only hinted at here—what I have also discussed many times in lectures here in Stuttgart over the years—if one takes this into account, then, yes, then one will finally arrive at accurate views regarding what has gripped modern humanity like a crisis in spiritual life.
[ 29 ] Man sieht zum Beispiel, wie die Mathematik als altes Erbgut auf dem Umweg durch Arabien nach dem Westen gekommen ist, wie sie aber ohnmächtig war, das komplizierte Wirtschaftsleben und Staatsleben des Westens zu bezwingen, wie es sich zum Beispiel bei Adam Smith zeigt. Man macht die Beobachtung, daß dieses mathematische Denken, diese mathematische Anschauung ganz aus dem Innern des Menschen heraus gewonnen ist, und indem man nun die Seele innerlich erweckt, bildet man gerade das aus, was diesem mathematischem Denken anhaftet. Gerade dasjenige, was an Geist im mathematischen Denken lebt, das bildet man zu einer höheren Vollkommenbheit aus durch innerliche, geistige Methoden. Dadurch erlangt man eine ganz bestimmte geistige Anschauung. Indem man das Mathematisieren, das nur auf die Welt zwischen Geburt und Tod beschränkt ist, innerlich belebt durch geisteswissenschaftliche Methode, lernt man dasjenige erkennen, was in die Seele durch Inspiration hineinkommt. Es kommt so hinein, daß sich uns die Anschauung eröffnet für das, was der Mensch vor der Geburt oder Empfängnis in geistigen Welten übersinnlich durchlebt hat. Die Mathematik ist dasjenige, was uns wissenschaftlich einen letzten Ausgangspunkt bewahrt hat, um anschauend zum vorgeburtlichen menschlichen Leben zu kommen.
[ 29 ] One can see, for example, how mathematics, as an ancient legacy, made its way to the West via Arabia, yet how it was powerless to master the complex economic and political life of the West, as is evident, for example, in the work of Adam Smith. One observes that this mathematical thinking, this mathematical insight, is derived entirely from within the human being, and by awakening the soul from within, one develops precisely that which is inherent in this mathematical thinking. It is precisely that which lives as spirit within mathematical thinking that is developed to a higher perfection through inner, spiritual methods. Through this, one attains a very specific spiritual insight. By inwardly enlivening mathematical thinking—which is limited only to the world between birth and death—through the method of Spiritual Science, one learns to recognize that which enters the soul through inspiration. It enters in such a way that a vision opens up to us of what the human being has experienced supersensually in spiritual worlds before birth or conception. Mathematics is what has scientifically preserved for us a final point of departure from which to gain a vision of human life before birth.
[ 30 ] Dasjenige, was die westliche weltanschauungslose Wissenschaft in ihrer äußeren Beobachtung sich aneignet, das liefert, wenn es hier [geisteswissenschaftlich] ausgebildet wird, zunächst etwas, was nun nicht abstrakte Anschauung bleibt - für die weltanschauungslose Wissenschaft bleibt es abstrakte Anschauung -, sondern was sich erhebt auch zum Sittlichen, wie ich es in meiner «Philosophie der Freiheit» nachgewiesen habe, was sich erhebt zur moralischen Phantasie und damit zur Grundlegung des sittlichen Lebens des Menschen. Alles, was wir an der Außenwelt an Gedanken gewinnen, das leitet zu Bildern, zu Imaginationen, die sich zuletzt mit der Inspiration verbinden. Das erleben wir. Und so unvollkommen dasjenige ist, was wir zwischen Geburt und Tod von der Außenwelt beobachten können, wenn wir es innerlich verarbeiten, wenn wir das äußerlich Beobachtete auch in der Seele erleben durch die geisteswissenschaftliche Methode, dann geht uns auf aus den Imaginationen auch das Anschauen des Lebens, in das wir eintreten nach unserem Tode. Aus dem Mathematisieren, aus dem Beobachten und Experimentieren der Wissenschaft wird, wenn die Geisteswissenschaft auf diese Wissenschaft angewendet wird, wiederum hervorgehen Weltanschauung - jetzt aber Weltanschauung, die der modernen Zivilisation die Kraft zum Menschheitsfortschritt geben kann. Denn die Weltanschauung hat die Eigenschaft — das zeigte sie bereits als orientalische, wissenschaftslose Weltanschauung -, daß sie auf Gemüt und Wille des Menschen wirkt, daß sie so wirkt, daß der Mensch ein rechtliches Leben nach diesen besonderen Anschauungen begründet, durch das er ein Verständnis von Mensch zu Mensch herbeiführt in der menschlichen Gemeinschaft, mit anderen Worten, daß er sich ein Staatsleben zimmert. Eine Weltanschauung regt den Willen an, durch den das Wirtschaftsleben bestimmt wird. Eine weltanschauungslose Wissenschaft spricht bloß zum Kopf, zum Intellekt; sie läßt das Gemüt und den Willen unbeeinflußt.
[ 30 ] What Western science—devoid of a worldview—acquires through its external observations provides, when it is [in Spiritual Science] developed, initially yields something that does not remain mere abstract intuition—for non-ideological science, it remains abstract intuition—but rather rises to the level of the ethical, as I have demonstrated in my *Philosophy of Freedom*, rising to moral imagination and thus to the foundation of human ethical life. Everything we gain in thought from the external world leads to images, to imaginations, which ultimately connect with inspiration. We experience this. And however imperfect that which we can observe of the external world between birth and death may be, when we process it inwardly—when we experience what we have observed externally within our soul through the method of Spiritual Science—then, out of these imaginations, the vision of the life into which we enter after our death also dawns upon us. From the mathematical analysis, observation, and experimentation of science—when Spiritual Science is applied to this science—a worldview will once again emerge—but now a worldview that can give modern civilization the power to advance humanity. For the worldview has the quality—as it already demonstrated in its form as an Eastern, non-scientific worldview—of acting upon the human soul and will; it acts in such a way that the human being establishes a life governed by these particular views, through which he fosters mutual understanding among human beings in the human community; in other words, that he shapes his civic life. A worldview stimulates the will, which in turn determines economic life. Science without a worldview speaks only to the head, to the intellect; it leaves the mind and the will unaffected.
[ 31 ] Und wir sehen daher, daß, während die intellektualistische Wissenschaft im Beginn des 20. Jahrhunderts in ihrer höchsten Blüte erstanden ist, unbeeinflußt geblieben ist das Fühlen, das den Staat durchwärmen sollte, unbeeinflußt geblieben ist der Wille, der das Wirtschaftsleben gestalten sollte. Daß Gefühl und Wille den animalischen Instinkten immer mehr und mehr hingegeben werden bei einer großartigen Ausbildung des Intellekts - dieser Barbarisierung würden wir entgegengehen, wenn Kopf und Intellekt immer mehr und mehr ausbilden das Instinktleben und ungepflegt lassen Gemüt und Wille, wie sich das schon im Osten der heutigen Zivilisation so furchtbar zeigt. Das Gefühl und den Willen wiederum ergreifen und damit eine neue Kraft zum Menschheitsfortschritt erzeugen, das kann die wiederum zur Weltanschauung sich erhebende anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft - das konnte die weltanschauungslose Wissenschaft nicht. Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dringt wiederum ins Gefühl, das heißt ins Staatsleben ein, sie dringt in den Willen, das heißt in das Wirtschaftsleben ein. An dieser Krise und an der Heilung dieser Krise muß man bemerken, welches die zwei anderen Krisen sind. Weltanschauungslose Wissenschaft, meine sehr verehrten Anwesenden, sie ergreift bloß den Intellekt. Sie läßt unbeeinflußt das Gefühlsleben, das zu jener rechtlichen Verständigung zwischen Mensch und Mensch führen soll, welche im Staate doch das Maßgebende ist, und sie läßt ebenso unbeeinflußt den Willen, welcher im Wirtschaftsleben gestaltend wirken soll.
[ 31 ] And so we see that, while intellectualist science reached its peak at the beginning of the 20th century, the sentiment that was supposed to warm the heart of the state remained unaffected, as did the will that was supposed to shape economic life. That feeling and will are increasingly surrendered to animal instincts amid a magnificent development of the intellect—we would counter this barbarization if the mind and intellect were to develop the instinctual life more and more while neglecting the heart and will, as is already so terribly evident in the East of today’s civilization. To reclaim feeling and will and thereby generate a new force for human progress—this is what the anthroposophically oriented Spiritual Science, which in turn rises to the level of a worldview, can achieve—something that science without a worldview could not. Anthroposophically oriented Spiritual Science, in turn, penetrates into feeling—that is, into political life—and into the will—that is, into economic life. In this crisis and in the remedy for this crisis, one must recognize what the other two crises are. Science without a worldview, ladies and gentlemen, addresses only the intellect. It leaves the emotional life—which is meant to lead to that mutual understanding between human beings that is, after all, the decisive factor in the state—unaffected, and it likewise leaves the will—which is meant to have a formative effect in economic life—unaffected.
[ 32 ] Und so sehen wir denn, was als die dreifache Krisis in der neueren Zeit aufgetreten ist. Wir sehen, wie die Menschen lechzen nach einer Erneuerung des Geisteslebens, wie sie aber nicht zugeben wollen, daß nur aus einer Neuschöpfung diese Erneuerung des Geisteslebens hervorgehen kann. Und so sehen wir in dem «Sammlung»-Gedanken, in den schönen Worten der amerikanischen Redner, die zu den Schweizern, den Europäern überhaupt sprechen, die Ohnmacht des alten Geisteslebens. Hingewiesen muß aber werden auf die Notwendigkeit einer Neuschöpfung des Geisteslebens. Nur aus dieser Neuschöpfung des Geisteslebens wird etwas Neues hervorgehen können, was nicht da war, was nicht seine Unmöglichkeit erwiesen hat wie das moderne Staatssystem, das 1914 in seine Katastrophe, nicht bloß in seine Krise eingetreten ist, weil es neben sich kein freies Geistesleben hatte, was nicht seine Unmöglichkeit erwiesen hat wie das Wirtschaftsleben, das in seine Katastrophe in der Gegenwart eingetreten ist, weil es die Befruchtung nicht hatte von dem freien Geistesleben.
[ 32 ] And so we see what has emerged as the threefold crisis in recent times. We see how people yearn for a renewal of spiritual life, yet how they refuse to admit that this renewal can come about only through a new creation. And so we see in the idea of “unity”—in the beautiful words of American orators addressing the Swiss and Europeans in general—the powerlessness of the old spiritual life. Yet we must point out the necessity of a new creation of spiritual life. Only from this new creation of spiritual life can something new emerge—something that did not exist before, something that has not proven itself impossible, unlike the modern state system, which in 1914 entered into its catastrophe—not merely its crisis—because it had no free spiritual life alongside it; something that has not proven itself impossible, unlike economic life, which has now entered into its catastrophe because it lacked the fertilizing influence of a free spiritual life.
[ 33 ] In der neueren Zeit sehen wir heraufkommen eine intellektualistische Wissenschaft, welche nicht erzeugen kann den Menschen, der dem Staatsleben, dem Wirtschaftsleben gewachsen ist, der fruchtbare Ideen für das Staats- und Wirtschaftsleben finden kann. Wir sehen heraufkommen denjenigen Menschen, der in den Staatseinrichtungen statt der Verständigung von Mensch zu Mensch durch das menschliche Gefühl nur die Befriedigung seines Egoismus sucht und damit das Gefüge dieser Staatseinrichtungen allmählich untergräbt. Wir sehen durch die bloß intellektuelle Wissenschaft, die den Kopf allein ergreift, den Willen ungepflegt im rein instinktiven Leben ausarten und damit auch in die Taten des Egoismus einfließen. Wir sehen aus der bloßen weltanschauungslosen Wissenschaft die Unbrüderlichkeit erstehen, die bloß auf die Erhöhung des Daseins des eigenen Wesens hinzielt. Wir werden aber die neuen Kräfte zum Menschheitsfortschritt gerade durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft finden und damit aus der modernen Wissenschaft heraus wiederum Weltanschauung finden. Sie wird einen denkenden Menschen erzeugen, dessen Denken nicht bloß intellektuelles Denken ist, dessen Denken hineinleuchtet in das Fühlen, dessen Denken hineinkraftet in den Willen. Wir werden den Tatmenschen aus dem Denker entspringen sehen, den Menschen, der statt der bloßen Befriedigung seines Egoismus Menschen-Verständigung in einem staatlichen Gemeinwesen sucht.
[ 33 ] In recent times, we have seen the emergence of an intellectualistic science that is incapable of producing individuals who are up to the task of public and economic life, who can generate fruitful ideas for these spheres. We see the emergence of a person who, within state institutions, seeks only the satisfaction of his own egoism rather than mutual understanding between people through human feeling, and thereby gradually undermines the fabric of these state institutions. Through purely intellectual science, which engages only the head, we see the will, left uncultivated, degenerate into a purely instinctive existence and thus also flow into acts of selfishness. From science devoid of any worldview, we see the emergence of a lack of brotherhood that aims solely at the exaltation of one’s own being. But we will find the new forces for human progress precisely through anthroposophically oriented Spiritual Science, and thereby rediscover a worldview within modern science. It will produce a thinking human being whose thinking is not merely intellectual, whose thinking shines into feeling, whose thinking exerts its power into the will. We will see the person of action spring forth from the thinker—the person who, instead of merely satisfying his or her own egoism, seeks mutual understanding among people within a civic community.
[ 34 ] Wir werden denjenigen Menschen erstehen sehen, der in den Assoziationen, die zusammenschließen die Menschen mit den verschiedensten wirtschaftlichen Bedürfnissen, mit verschiedenen wirtschaftlichen Fähigkeiten, wir werden aus dem Willen, der befruchtet ist von einem wirklichen geistgemäßen Denken, hervorgehen sehen den Bruderschaftssinn, der in assoziativer Gemeinschaft so wirkt, daß der Mensch mit den anderen Menschen zusammen verständnisvoll für alle und damit auch für sich selbst arbeitet. Wir werden hervorgehen sehen aus einer wirklichen geistgemäßen Welterkenntnis den denkenden Tatmenschen, den fühlenden Rechtsmenschen, den bruderschaftlich gesinnten wirtschaftenden Willensmenschen und damit aus einer solchen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft eine neue Kraft zum Menschheitsfortschritt aus der Geisteskrisis heraus gewinnen.
[ 34 ] We will see the emergence of a person who, within associations that bring together people with the most diverse economic needs and varying economic abilities, we will see, emerging from a will fertilized by genuine spiritual thinking, a sense of brotherhood that operates within associative communities in such a way that people work together with others in a spirit of understanding for the benefit of all—and thus also for themselves. We will see emerging from a genuine, spiritually grounded understanding of the world the thinking, active human being, the feeling, just human being, the will-driven human being who acts in a spirit of brotherhood—and thus, from such an anthroposophically oriented Spiritual Science, we will gain a new force for humanity’s progress out of the spiritual crisis.
