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The Crisis of the Present
and the Path to Healthy Thinking
GA 335

20 September 1920, Stuttgart

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The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking, tr. SOL
  1. Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken

9. Die großen Aufgaben von heute im Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben Eine dritte Gegenwartsrede

9. Today’s Major Challenges in Intellectual, Legal, and Economic Life: A Third Lecture on Contemporary Issues

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Die Verhältnisse des öffentlichen Lebens der zivilisierten Welt sind im Laufe der letzten 50 Jahre für einen nicht genauen Blick unübersehbar; ihre gegenseitigen Verhältnisse sind schwer durchschaubar geworden, unübersichtlich. Aus demjenigen, was man nennen könnte den großen, namentlich den wirtschaftlichen Aufschwung vor dem Jahre 1914, hat sich das heutige Elend herausgebildet; es ragen hinein in unseren Niedergang die kompliziertesten Verhältnisse durch die mannigfaltigsten Tatsachen - Tatsachen wiederum schwer überschaubarer Art. Kein Wunder, wenn beim Menschen, der heute in dem Niedergang leben muß, arbeiten muß, streben muß, aus der Tiefe seiner Seele sich herauswindet die Sehnsucht nach einem Aufgang, daß der Mensch zunächst irgendwo in kleinem Kreise seine Fragen stellt und zu erkunden versucht, wie man dies oder jenes einzelne bessern könnte. Aber so begreiflich das ist — wer tiefer in die heutigen Verhältnisse hineinschaut, der muß erkennen, daß aus dem Niedergang zu einem Aufbau heute und in der nächsten Zukunft nichts anderes führen kann als ein Erfassen der großen Aufgaben der Zeit, der großen Aufgaben der Zeit aus gewissen Quellen heraus, die eigentlich gar nicht innerhalb kleiner Gebiete liegen können. So gut es an einem Abend geht, werde ich mich bemühen zu versuchen, über einzelne solcher großen Aufgaben der Zeit in bescheidener Weise — ich möchte sagen, man kann es ja gegenüber diesen Aufgaben nicht anders — einige Betrachtungen anzustellen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! To the casual observer, the state of public life in the civilized world over the past 50 years has been impossible to overlook; the interrelationships between its various elements have become difficult to fathom and confusing. Today’s misery has emerged from what one might call the great—namely, the economic—boom prior to 1914; our decline is marked by the most complex circumstances arising from the most diverse facts—facts that are, in turn, of a nature that is difficult to grasp. It is no wonder that, for people who today must live, work, and strive amid this decline, a longing for a new beginning wells up from the depths of their souls—that people first begin, somewhere within small circles, to ask questions and try to explore how this or that particular aspect might be improved. But as understandable as this is—anyone who looks more deeply into today’s circumstances must recognize that, from this decline to a process of rebuilding today and in the near future, nothing else can lead the way except a grasp of the great tasks of our time—tasks that must be drawn from certain sources which, in fact, cannot lie within the confines of small spheres. As best as I can in the course of one evening, I will endeavor to offer some modest reflections—I would say, for one cannot do otherwise in the face of these challenges—on individual aspects of these great challenges of our time.

[ 2 ] Es scheint, wenn irgend etwas ganz offenbar darauf hinweist, wie wir uns die großen Aufgaben stellen müssen, so sind es die großen Fehler, die in dieser Zeit gemacht worden sind. Zwei Etappen bezeichnen heute unser ganzes öffentliche Leben in seiner unmittelbaren gegenwärtigen Entwicklung, und mir scheint, daß diese Etappen nicht nur auf äußere, wirtschaftliche Verhältnisse hinweisen, sondern auch hinweisen auf die Rechtsverhältnisse, auf die moralischen und namentlich auf die geistigen Verhältnisse innerhalb der gegenwärtigen Zivilisation. Wenn man aber diese zwei Etappen nennt, Versailles, Spa und alles, was sie im Gefolge haben, wenn man sich erinnert an alles, was sie uns gebracht haben, dann wird es einem etwas schwer, diese zu charakterisieren, denn man wird heute verdächtig in dem Streben nach einer gewissen Objektivität. Die Meinungen der Menschen stehen einander schroff gegenüber: Wer als Angehöriger der mitteleuropäischen Zivilisation über den Westen urteilen will, kann ganz sicher sein, daß seine Objektivität in sehr, sehr starker Weise angezweifelt wird bei den Menschen des Westens. Ich will daher lieber zunächst nicht ein eigenes Urteil über das abgeben, was, noch immer herein-elendend in unsere Gegenwart, in Versailles geschehen ist; ich möchte mich vielmehr anlehnen an das Urteil des Engländers John Maynard Keynes, der das bedeutungvolle Buch «The Economic Consequences of the Peace», «Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages», geschrieben hat, auf das ich schon einmal in meinen Stuttgarter Vorträgen von einem anderen Gesichtspunkt aus als heute hinwies.

[ 2 ] It seems that if anything clearly points to how we must tackle the great challenges facing us, it is the major mistakes that have been made in this era. Two stages currently define our entire public life in its immediate, present development, and it seems to me that these stages point not only to external, economic conditions, but also to legal conditions, to moral conditions, and, in particular, to intellectual conditions within our present civilization. But when one names these two stages—Versailles, Spa, and all that followed in their wake—and recalls everything they have brought us, it becomes somewhat difficult to characterize them, for today one is viewed with suspicion when striving for a certain objectivity. People’s opinions stand in stark contrast to one another: Anyone who, as a member of Central European civilization, wishes to pass judgment on the West can be quite certain that their objectivity will be very, very strongly questioned by the people of the West. I would therefore prefer, for the time being, not to offer my own judgment on what happened at Versailles—an event that still casts a shadow over our present; rather, I would like to draw on the judgment of the Englishman John Maynard Keynes, who wrote the significant book *The Economic Consequences of the Peace*, to which I have already referred in my Stuttgart lectures from a different perspective than I am taking today.

[ 3 ] Keynes war ja ein Mensch, der bis zu einem gewissen Zeitpunkte, bis es ihm zu bunt geworden ist, in hervorragender Stellung bei den Verhandlungen in Versailles zugegen war, und er urteilte [in seinem Buch] über das, was geschehen ist, und auch über das, was seiner Meinung nach hätte geschehen sollen. Man möchte sagen, in drei Sätzen faßt er das Schlagende, das für unsere Gegenwart so Symptomatische der Versailler Tatsachen ungefähr zusammen. Er, der Engländer, den Lenin erst vor kurzer Zeit den «englischen Spießbürger» genannt hat, er sagt ganz einfach: Nichts, aber gar nichts ist in Versailles geschehen von einer Bewältigung der großen Aufgabe, die diejenigen gehabt hätten, die sich als Sieger fühlen können. Was hat Clemenceau getan? Er hat die Wirtschaftsmittel Europas zugrunde gerichtet und nichts für die Aufrichtung der Wirtschaft in Frankreich selbst getan. Was hat Lloyd George getan? Er hat einige Geschäfte gemacht, mit denen er für kurze Zeit in London glänzen konnte. Was ist von Wilson gekommen? Wilson hat gute Absichten gehabt über das Rechte und Gerechte - meint Keynes -, aber kein Weg hat sich ihm ergeben, um das, was er vielleicht gutmeinend im Sinne hatte, irgendwie in Wirklichkeit umzusetzen. Die drei wichtigsten Männer, sie haben die großen Fehler der Zeit gemacht.

[ 3 ] Keynes was, after all, a man who, up to a certain point—until things became too much for him—held a prominent position at the Versailles negotiations, and he offered his assessment [in his book] of what had happened, as well as of what, in his opinion, should have happened. One might say that in three sentences he roughly sums up the essence of the events at Versailles—that which is so symptomatic of our present time. He, the Englishman whom Lenin had only recently called the “English petty bourgeois,” says quite simply: Nothing—absolutely nothing—was done at Versailles to address the great task that should have fallen to those who could consider themselves victors. What did Clemenceau do? He ruined Europe’s economic resources and did nothing to rebuild the economy in France itself. What did Lloyd George do? He made a few deals that allowed him to shine in London for a short time. What did Wilson accomplish? Wilson had good intentions regarding what was right and just—so says Keynes—but no way presented itself to him to somehow translate what he perhaps meant well into reality. These three most important men committed the great errors of the age.

[ 4 ] Und nun schauen wir uns einmal an, was eigentlich aus den furchtbaren Ereignissen, die sich seit dem Jahre 1914 abgespielt haben, für Deutschland herausgewachsen ist. Ich brauche es Ihnen ja nicht zu schildern. Südostwärts von Deutschland ist zu einem verhältnismäßig großen Reich die Tschechoslowakei geworden. Herausgeboren aus nationalen Aspirationen, erweist sich alles, was dort regiert, als wirtschaftlich ohnmächtig gegenüber den Aufgaben, welche gerade der Wirtschaft für diese Gebiete gestellt werden. Nordwärts davon Polen. Nun, Sie brauchen sich nur an die letzten Wochen zu erinnern, um auf der einen Seite zu sehen, wie das, was dort gebildet worden ist, nur zur Beunruhigung Europas beigetragen hat; und auf der andern Seite brauchen Sie sich nur zu erinnern an die Ratlosigkeit der maßgebenden führenden europäischen Persönlichkeiten gegenüber dem, was dort brodelt und siedet. Man braucht nur zu denken an das "Tragikomische in der Umwandlung der Anschauung von den polnischen «Niederlagen» zu den polnischen «Siegen», wie man ohne Meinung, ohne große Richtlinien gegenübergestanden war heute diesem, morgen dem Entgegengesetzten. Und geht man weiter nach Osten, so kann es heute so scheinen, als ob der Leninismus und Trotzkismus, namentlich wenn man dazu die verheerenden Verhältnisse in Italien nimmt, keine anderen Richtlinien mehr hätte, als aus einem phänomenalen Größenwahnsinn heraus alle diejenigen Kräfte zu entwickeln, die zur Zerstörung des durch die neuere Zivilisation Errungenen dienen können. Die Deutschen Österreichs liegen am Boden, von Ungarn gar nicht zu reden, wo das traurige Schauspiel sich abspielt, daß, wenn Angehörige derjenigen Partei, die vor kurzer Zeit noch am Ruder war, durch die Straßen geführt werden, gefangen und gebunden, sie dann von den Damen in vornehmer, prunkvoller Toilette mit dem Regenschirm in die Augen gestochen werden. Diese Schilderung könnte noch lange fortgesetzt werden, und man könnte sehen, was seit dem Jahre 1914 aus den Verhältnissen heraus für die Menschheit entstanden ist.

[ 4 ] And now let’s take a look at what has actually come of the terrible events that have unfolded since 1914 for Germany. I certainly don’t need to describe it to you. To the southeast of Germany, Czechoslovakia has emerged as a relatively large state. Born of national aspirations, the government there has proven economically powerless in the face of the challenges that the economy in particular poses for these regions. To the north of it lies Poland. Well, you need only recall the past few weeks to see, on the one hand, how what has been established there has only contributed to Europe’s unease; and on the other hand, you need only recall the helplessness of Europe’s leading figures in the face of what is simmering and boiling there. One need only think of the “tragicomic nature of the shift in perspective from Polish ‘defeats’ to Polish ‘victories,’ how, without a clear stance or overarching principles, one found oneself facing one thing today and its opposite tomorrow. And if one goes further east, it may seem today as though Leninism and Trotskyism—especially when one considers the devastating conditions in Italy—have no other guiding principles than to develop, out of a phenomenal delusion of grandeur, all those forces that can serve to destroy the achievements of modern civilization. The Germans in Austria are down and out, not to mention Hungary, where the sad spectacle is unfolding in which members of the party that was at the helm until recently are paraded through the streets, captured and bound, only to have ladies in elegant, sumptuous attire stab them in the eyes with their umbrellas. This account could go on at length, and one could see what has emerged for humanity from these circumstances since 1914.

[ 5 ] Und schaut man hin auf das, was von Persönlichkeiten kommt, die innerhalb dieses furchtbaren Niederganges irgendwie tätig sind - von Persönlichkeiten, die oftmals sich sogar tragikomischen Illusionen hingeben können über einen Aufstieg, der durch ihre Intentionen bewirkt werden könnte —, so möchte man sagen: Im Kurzsichtigen, im Uneinsichtsvollen geradezu monumental war jene Rede, die Lenin auf dem zweiten Kongreß der Dritten Internationale gehalten hat, wo er wieder einmal ganz im alten marxistischen Stile den westlichen Kapitalismus mit all den Banaliitäten belegte, die so oft gehört worden sind. Wenn man von einem gewissen weltgeschichtlichen Standpunkte aus auf das eingeht, was in dieser großangelegten Rede darüber gesagt wird, wie der zum Imperialismus angewachsene Kapitalismus fünf Siebentel der Menschheit tyrannisiert, dann muß heute auf der andern Seite doch die Frage aufgeworfen werden: Was wäre denn aus der ganzen modernen Zivilisation geworden, wenn es schließlich nicht Kapitalzusammenhäufungen gegeben hätte? Und muß man nicht fragen: Ist es denn nicht selbstverständlich nach all den Kräften, die unsere neuere Zeit heraufgetragen haben, daß solche Kapitalanhäufungen auch zum Fortschritt der Menschheit stattgefunden haben? Kommt man gegenüber unserer zusammenbrechenden Welt mit einer solchen Abstraktion heute noch aus, die nur den Kampf eben in ganz abstrakter Form proklamiert, oder muß man nicht fragen: Liegt nicht auch unserem Niedergang, gerade wenn diese Note angeschlagen wird, deutlich sichtbar etwas Moralisches zugrunde? Verwechseln nicht vielleicht gerade solche Kämpfer wie Lenin die Schädlichkeit des Kapitalismus überhaupt mit der Art von Moralität oder besser gesagt Unmoralität, mit welcher der Kapitalismus gewirkt hat? Kann man nicht auch diese geistige Note in den Wirkungen des Kapitalismus verfolgen? Und kommt man da vielleicht nicht zu tieferen Impulsen, als die sind, welche heute fortwährend deklamiert werden, und deren Deklamation doch so blutwenig praktische Erfolge zum Bessern gebracht hat?

[ 5 ] And when one looks at what comes from figures who are somehow active within this terrible decline—figures who can often even indulge in tragicomic illusions about a resurgence that might be brought about by their intentions—one is tempted to say: To the short-sighted and the uninsightful, the speech Lenin delivered at the Second Congress of the Third International was nothing short of monumental; there, once again in the old Marxist style, he leveled all the familiar platitudes against Western capitalism that have been heard so often. If one considers, from a certain world-historical perspective, what is said in this sweeping speech about how capitalism—having grown into imperialism—oppresses five-sevenths of humanity, then today, on the other hand, the question must surely be raised: What would have become of modern civilization as a whole if, in the end, there had been no accumulation of capital? And must we not ask: Is it not self-evident, given all the forces that have shaped our modern era, that such accumulations of capital have also contributed to the progress of humanity? In the face of our collapsing world, can we still get by today with such an abstraction, which merely proclaims the struggle in a wholly abstract form, or must we not ask: Is there not also, precisely when this tone is struck, something clearly moral underlying our decline? Do not fighters like Lenin perhaps confuse the harmfulness of capitalism itself with the kind of morality—or rather, immorality—with which capitalism has operated? Can one not also trace this spiritual tone in the effects of capitalism? And does this not perhaps lead us to impulses that are deeper than those that are constantly being proclaimed today—proclamations that have, after all, brought about so very little practical success for the better?

[ 6 ] Nun kann man schon sagen: Bezeichnend für die heutige geistige, rechtliche und wirtschaftliche Lage ist doch das Gegenstück, das wieder von Keynes, dem Engländer, kommt, dem scharfen Verurteiler der Westmächte, aber das klingt etwas anders als die Worte Lenins. Keynes sagt zum Beispiel: Ja, Furchtbares ist in Versailles geschehen. Statt irgend etwas zu tun zum Aufbau Europas, ist alles getan worden, um Europa in einen Trümmerhaufen der Zivilisation umzuwandeln; Schlimmes ist zunächst da, Schlimmeres werden noch die nächsten Jahre bringen. — Ich zitiere dem Sinne nach, nicht dem Wortlaut nach. Und in einer noch merkwürdigeren Weise geht Keynes auf manches ein, was da als Geistesverfassung zugrunde liegt, die uns in diese Lage der Gegenwart hineingebracht hat. Es ist interessant, wie dieser Mann, der wochenlang bei den Verhandlungen dabeigesessen hat, die von Wilson, Clemenceau und Lloyd George geführt wurden, wie dieser Mann sich klarmacht, wodurch es eigentlich gekommen ist, daß dieser Wilson, der so viele Menschen mit seinen abstrakten Vierzehn Punkten betört hat, so ganz und gar versagt hat. Ein bedeutsames Problem wird das für den Engländer Keynes, und da kommt etwas höchst Merkwürdiges zutage.

[ 6 ] Now one might well say: What is truly characteristic of today’s intellectual, legal, and economic situation is, after all, the counterpoint offered once again by Keynes, the Englishman—a sharp critic of the Western powers—though his words sound somewhat different from Lenin’s. Keynes says, for example: “Yes, terrible things happened at Versailles. Instead of doing anything to rebuild Europe, everything was done to turn Europe into a heap of civilizational rubble; bad things are already here, and worse things will come in the years ahead.” — I am quoting the gist, not the exact wording. And in an even more remarkable way, Keynes addresses some of the underlying mindset that has brought us into our current situation. It is interesting how this man, who sat in on the negotiations for weeks—those led by Wilson, Clemenceau, and Lloyd George, how this man comes to understand what actually caused Wilson—who had beguiled so many people with his abstract Fourteen Points—to fail so completely. This becomes a significant problem for the Englishman Keynes, and something highly peculiar comes to light.

[ 7 ] Keynes konstruiert — wie gesagt, aus der Anschauung der Art und Weise heraus, wie Wilson dagesessen ist —, wie die anderen alles getan haben, um ihn zu täuschen, um ihn nur ja nicht dahinterkommen zu lassen, was sie eigentlich wollen. Ein merkwürdiges psychologisches Ereignis, das Keynes da schildert und zergliedert, das, ich möchte sagen tiefbedeutsam hineinleuchtet in den ganzen Kulturzustand der Gegenwart. Keynes meint offenbar: Hätte man Wilson gesagt, Frankreichs Wunsch sei es, daß den Deutschen Österreichs nicht erlaubt werde, sich mit den Deutschen Deutschlands zu vereinigen, hätte man das klipp und klar so ausgesprochen, daß Wilson diese Worte gehört hätte, so hätte sich sein Gerechtigkeitssinn dagegen aufgebäumt. Nun muß man sehen das Ringen einer solchen dumpfen Mentalität -— wenn ich dieses Entente-Wort gebrauchen darf -, man muß sich klarmachen, wie Wilson zumute ist — wie Keynes das tut -, wenn man nun das folgende als Zuschauer sich zur Anschauung bringt. Keynes sagt: Ja, die Leute um Clemenceau und Lloyd George haben nicht gesagt: «Es wird den Deutschen Österreichs nicht erlaubt, sich mit den Deutschen Deutschlands zu vereinigen», denn dagegen würde sich Wilson aufgebäumt haben; deshalb haben sie gesagt: «Die Unabhängigkeit Deutsch-Österreichs soll durch einen Vertrag mit den Ententemächten solange garantiert werden, bis der Völkerbund ein anderes Urteil ausspricht.» Das hat Wilson verstanden: die Unabhängigkeit, die Freiheit der Deutschen Österreichs müsse garantiert werden. — Hätte man ihm gesagt: Es wird ihnen verboten, sich mit den Deutschen Deutschlands zu vereinigen —, da hätte Wilson dasselbe, was er sonst als Freiheit und Unabhängigkeit verstanden hat, als den höchsten Zwang verstanden. Hätte man ihm gesagt - so setzt Keynes weiter auseinander -: «Danzig soll eine polnische Stadt werden, so hätte er sich dagegen aufgelehnt; das widerspricht ganz offensichtlich den Vierzehn Punkten. Also sagte man ihm: «Danzig wird eine freie Stadt, aber alle Zollangelegenheiten sollen von Polen aus besorgt werden, ebenso die Aufsicht über alle Verkehrsangelegenheiten, und die Polen sollen die Schützer der auswärts wohnenden Staatsangehörigen werden. Oh, das klang anders, als wenn man gesagt hätte, Danzig solle eine polnische Stadt werden. Und man kann geradezu sagen: Ja, wenn man es so ausspricht: ‹Danzig soll eine freie Stadt werden›, so begeistert sich die dumpfe Mentalität Wilsons. Hätte man ihm aber gesagt, Danzig solle eine polnische Stadt werden, so hätte das jener Ansicht Wilsons widersprochen, ein jedes Volk solle zur Freiheit hingeführt werden. Und hätte man Wilson weiter gesagt, die Entente solle die Oberaufsicht führen über die deutschen Flüsse, so hätte er nicht damit einverstanden sein können; so aber sagte man: ‹Die Schiffahrt, wo sie durch mehrere Staaten geht, ist eine internationale Angelegenheit.› Damit war Wilson wieder zufrieden.

[ 7 ] Keynes constructs—as I said, based on his observation of the way Wilson was sitting there—how the others did everything they could to deceive him, to make sure he never figured out what they actually wanted. This is a remarkable psychological event that Keynes describes and analyzes here—one that, I would say, sheds profound light on the entire cultural state of the present. Keynes evidently believes that if Wilson had been told—if it had been stated plainly and clearly that France’s wish was that the Germans of Austria not be allowed to unite with the Germans of Germany—and if Wilson had actually heard those words, his sense of justice would have rebelled against it. Now one must observe the struggle of such a narrow-minded mentality—if I may use this “Entente” term—and one must understand how Wilson feels—as Keynes does—when one considers the following as an observer. Keynes says: Yes, the people around Clemenceau and Lloyd George did not say: ‘The Germans of Austria shall not be permitted to unite with the Germans of Germany,’ for Wilson would have rebelled against that; therefore, they said: ‘The independence of German Austria shall be guaranteed by a treaty with the Entente powers until the League of Nations issues a different ruling.’ That is what Wilson understood: the independence, the freedom of the Germans of Austria, must be guaranteed. — If they had told him: “They are forbidden to unite with the Germans of Germany”—Wilson would have interpreted what he otherwise understood as freedom and independence as the ultimate form of coercion. If they had told him—as Keynes goes on to explain—“Danzig is to become a Polish city,” he would have objected; that quite obviously contradicts the Fourteen Points. So they told him: ‘Danzig will be a free city, but all customs matters are to be handled from Poland, as is the supervision of all transportation matters, and the Poles are to become the protectors of citizens residing abroad.’ Oh, that sounded different from if they had said that Danzig was to become a Polish city. And one might even say: Yes, when phrased this way—“Danzig is to become a free city”—it stirs the enthusiasm of Wilson’s narrow-minded mentality. But if one had told him that Danzig was to become a Polish city, that would have contradicted Wilson’s view that every people should be led toward freedom. And if one had further told Wilson that the Entente should exercise supreme control over the German rivers, he could not have agreed to that; but instead, it was said: “Navigation, where it passes through several states, is an international matter.” With that, Wilson was satisfied again.

[ 8 ] Man muß schon, wenn man heute auf das sehen will, was als die großen Kräfte durch die Welt geht, auf dasjenige hinschauen, was sich zwischen der - ich will jetzt deutsch reden und das Entente-Wort übersetzen - «Geistesverfassung» der aus den früheren Verhältnissen herausgewachsenen führenden Persönlichkeiten entwickelt. Lebt denn gerade da noch Geradheit, Ehrlichkeit? Lebt da noch gesunder Sinn und Offenheit? Es lebt von allem das Gegenteil, und noch dazu lebt es in der Weise, daß man bei allem noch davon überzeugt ist, man sei ein ehrlicher, offener Mensch, denn das, was eigentlich wirkt, ist zur unbewußten Gewohnheit geworden. Wie konnte eigentlich Wilson so getäuscht werden, wie er getäuscht worden ist in diesem Stile, wie ich es jetzt nach Keynes geschildert habe? Leute, die sich noch immer nicht davon überzeugen können, daß ein solcher abstrakter, theoretisierender Geist wie Wilson ein Unglück für Europa ist, reden manchmal die wohlwollenden Worte: Er, dieser Wilson, kannte die europäischen Verhältnisse viel zu wenig -, also, hypothetisch zugegeben, obwohl ich es nicht zugebe, Wilson habe die europäischen Verhältnisse viel zu wenig gekannt. Aber Wilson hat ein fast 500 Seiten umfassendes Werk über den Staat geschrieben, worin er bis in alle Einzelheiten die Verhältnisse der europäischen Staaten schildert, die staatlichen, die rechtlichen Verhältnisse und so weiter. Wir stehen also vor der Tatsache: Entweder ist es nicht wahr, daß Wilson die europäischen Verhältnisse nicht kannte, oder eine maßgebende Persönlichkeit der Gegenwart schreibt ein für Amerika maßgebendes Werk über die europäischen Verhältnisse eben ohne Kenntnis dieser europäischen Verhältnisse. Gerade das letztere würde ein helles Licht werfen auf die ganze Oberflächlichkeit unserer Zeit, auf alles, was nur aus dem Oberflächengeist herausschöpft und sich nicht einläßt auf das, was in den tieferen Untergründen der Dinge als die eigentliche Ursache der jetzigen Ereignisse, der jetzigen Entwicklungen und des ganzen Menschheitswerdens lebt. Aber es liegt eben etwas viel Bedeutsameres noch hinter dem, was ich dargestellt habe.

[ 8 ] If one wants to understand what are currently the major forces at work in the world, one must look at what is developing within the—I will now speak in German and translate the Entente term—“state of mind” of the leading figures who have emerged from earlier circumstances. Is there still integrity and honesty to be found there? Is there still sound judgment and openness? The exact opposite of all that prevails—and what’s more, it prevails in such a way that people remain convinced, despite everything, that they are honest, open individuals, because what is actually at work has become an unconscious habit. How, in fact, could Wilson have been so deceived, as he was in the manner I have just described, following Keynes? People who still cannot bring themselves to believe that such an abstract, theorizing mind as Wilson’s is a misfortune for Europe sometimes utter these well-meaning words: “He—this Wilson—knew far too little about European conditions”—so, hypothetically speaking, even though I do not admit it, let us concede that Wilson knew far too little about European conditions. But Wilson wrote a work spanning nearly 500 pages on the state, in which he describes in great detail the conditions of European states—their governmental and legal structures, and so on. So we are faced with the fact: Either it is not true that Wilson did not know European conditions, or a leading figure of our time has written a work on European conditions—a work of great significance for America—without actually having any knowledge of those European conditions. The latter, in particular, would shed a bright light on the sheer superficiality of our time—on everything that draws solely from the spirit of the surface and does not engage with what lies in the deeper foundations of things as the actual cause of current events, current developments, and the entire process of human evolution. But there is something even more significant behind what I have described.

[ 9 ] Es ist jetzt schon viele Jahre her, da habe ich in Helsingfors bei einem Vortragszyklus - in der Zeit, als Wilson überall verehrt wurde, weil dazumal zwei bedeutsam erscheinende literarische Werke von ihm herausgekommen waren -, auf etwas aufmerksam gemacht, was die ganze Art der Wilsonschen Geistesverfassung charakterisiert. Wilson sagt da einmal: Wenn man hinblickt auf die Zeit, in welcher zum Beispiel Newton, der große Physiker, gelebt hat, dann findet man, wie zum Beispiel in der Staatsrechtslehre oder bei denjenigen, die über wirtschaftliche und ökonomische Verhältnisse nachdenken, dieselben Gedankenformen, dieselben Vorstellungsgebilde zu finden sind für die wirtschaftlichen und für die politischen Verhältnisse, die Newton, der Physiker, für die Physiker gestaltet hat. - Und nun sagt Wilson: Von einer solchen Abhängigkeit der Denkweise in bezug auf öffentliche, politische oder ökonomische Verhältnisse müssen wir uns freimachen; wir müssen heute im Sinne des Organischen über die Politik, über die Weltökonomie und so weiter denken. Und nun entwickelt er eine Art politischer Ideen, von denen man sagen muß: Geradeso wie diejenigen, die er tadelt, weil sie zu ihrer Zeit von Newton abhängig waren, so ist er ganz und gar als Politiker, als Wirtschafter, als Rechtsmensch der Nachbeter des Darwinismus und denkt darwinistisch, wie die, welche er tadelt, newtonistisch dachten. Darwin ist Mode - also denkt Wilson, der Weltreformator, darwinistisch. Ich sagte aber damals: Wir sind jetzt in einer solchen Zeit, wo wir uns überhaupt nicht mehr den Blick für die wirklichen Verhältnisse des öffentlichen Lebens durch dasjenige trüben lassen dürfen, was uns von naturwissenschaftlicher Seite herkommt. Was uns von naturwissenschaftlicher Seite kommt - ich habe es oftmals hier gesagt -, es ist ganz ausgezeichnet geeignet, die Oberfläche der Dinge exakt zu erforschen; aber was Ideen bilden will über menschliches Handeln, über menschliches Zusammenleben, das muß in tiefere Weltengründe hineingehen, als es die Naturwissenschaft überhaupt nötig hat. Und deshalb - sagte ich ist das Gefährliche in unserer Zeit gerade eine solche Denkweise wie die des Woodrow Wilson.

[ 9 ] It has been many years now since, during a series of lectures in Helsingfors—at a time when Wilson was revered everywhere because two of his literary works, which seemed significant at the time, had just been published—I drew attention to something that characterizes the entire nature of Wilson’s mindset. Wilson says at one point: If one looks back at the time in which, for example, Newton, the great physicist, lived, one finds—as, for instance, in the doctrine of constitutional law or among those who reflect on economic conditions—that the same patterns of thought, the same conceptual frameworks, apply to economic and political conditions as those that Newton, the physicist, developed for physicists. - And now Wilson says: We must free ourselves from such a dependence of thought with regard to public, political, or economic conditions; today we must think about politics, the global economy, and so on in an organic sense. And now he develops a kind of political ideology about which one must say: Just as those he criticizes were dependent on Newton in their time, so he, as a politician, an economist, and a legal scholar, is entirely a follower of Darwinism and thinks in Darwinian terms, just as those he criticizes thought in Newtonian terms. Darwin is in vogue—and so Wilson, the world reformer, thinks in Darwinian terms. But I said back then: We are now in such a time that we must no longer allow our view of the real conditions of public life to be clouded by what comes to us from the natural sciences. What comes to us from the natural sciences—as I have often said here—is perfectly suited to precisely investigating the surface of things; but anything that seeks to form ideas about human action and human coexistence must delve into deeper foundations of the world than natural science ever needs to. And that is why—as I said—the danger of our time lies precisely in a way of thinking such as that of Woodrow Wilson.

[ 10 ] Das war lange vor dem Krieg, das war in einer Zeit, nach der noch lange Wilson als der Weltheld glorifiziert worden ist. Dasjenige nämlich, worauf es heute ankommt, ist: hinwegzuwenden den Blick von allem, was den Menschen nur am Äußerlichen hält. Notwendig ist es, sich den Blick in die tieferen Gründe des Werdens und Geschehens schärfen zu können. Das aber, sehr verehrte Anwesende, versucht jene Weltanschauungsrichtung, die aus ebenso wissenschaftlichem Geiste heraus wie die Naturwissenschaft auf das Geistig-Seelische im Menschen losgeht. Es ist die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ich jetzt bald zwei Jahrzehnte - jedes Jahr öfter — hier in meinen Vorträgen in Stuttgart zu vertreten habe.

[ 10 ] That was long before the war, at a time when Wilson was still being glorified as a world hero for many years afterward. For what matters today is this: to turn our gaze away from everything that binds people solely to the external. It is necessary to be able to sharpen our gaze toward the deeper causes of becoming and events. But this, ladies and gentlemen, is what that school of thought attempts to do—a school that, with a spirit just as scientific as that of the natural sciences, turns its attention to the spiritual and soul aspects of the human being. It is the anthroposophically oriented Spiritual Science that I have been presenting here in my lectures in Stuttgart for nearly two decades now—more frequently each year.

[ 11 ] Was muß für unser Geistesleben erstrebt werden im Sinne derjenigen Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist? Nur kurz will ich darauf hindeuten, daß ja diese Geisteswissenschaft zu ihren Ergebnissen nicht auf äußerliche Weise kommt, sondern dadurch, daß der Mensch zunächst gewisse - intellektualistisch bezeichnet Übungen macht. Der Mensch muß sich immer und immer wieder das sagen, was ich bei einem meiner letzten Vorträge hier als einen Vergleich charakterisiert habe. Ich sagte: Wenn ein fünfjähriges Kind einen Band Goethescher Lyrik in die Hand nimmt - es wird mit ihm nichts anfangen können, es wird jedenfalls etwas ganz anderes damit tun, als was der Band Lyrik von Goethe bezweckt. Wird es aber zehn Jahre älter, so wird es in dieser Zeit eine Entwicklung durchgemacht und eine Reife erlangt haben, wodurch es dann mit diesem Band Lyrik etwas anzufangen weiß. - Der Geistesforscher, der hier gemeint ist, sagt sich: Mit derjenigen Bewußtseinsform, deren wir uns im gewöhnlichen Leben bedienen und die wir auch in der gebräuchlichen Wissenschaft anwenden, mit ihr stehen wir den höheren Weltenkräften so gegenüber wie das fünfjährige Kind einem Band Goethescher Lyrik. So schlummern in jedem Menschen Kräfte, die er selbst aus sich entwickeln kann und die ihm dann ein anderes, ein geistiges Erkennen der Welt zeigen, die ihm vor allen Dingen zeigen, daß man mit dem naturwissenschaftlichen Denken zwar grandios die Oberfläche der Dinge erforscht, daß in dieser Beziehung die Naturwissenschaft die größten Triumphe gerechterweise zu verzeichnen hat. Sie zeigen ihm, daß wir aber mit der naturwissenschaflichen Denkweise in keinem Augenblicke hinter die Naturdinge kommen, die in das Handeln des Menschen hereinspielen, wenn wir nicht zu solchen Methoden und Denkweisen greifen, die vom Geiste durchsetzt sind und womit wir in einer durchaus wissenschaftlichen Weise auch den Menschen und die in ihm liegenden Kräfte ergreifen können. Dann aber kommen wir aus einem solchen Erfassen des Menschen überhaupt zu einem ganz anderen Erfassen der Welt als durch das gebräuchliche Geistesleben, in dem wir heute drinnenstecken. Gegenüber diesem gebräuchlichen Geistesleben möchte man sich erinnern an ein tief ins Herz schneidendes Wort, das Hölderlin gesprochen hat, als sein Geist noch hell, noch nicht umnachtet war, aber fein, sensitiv war für das, was in seiner Kulturumgebung vorhanden war. Hölderlin, der sich in die harmonische Menschlichkeit des alten Griechentums vertieft hatte und sie liebgewonnen hatte, er sah, gewissermaßen übertreibend, wie das ein solcher Geist zu seiner Zeit wohl tut, die Menschen in seiner Umgebung so an, daß er sie, vergleichend mit den Griechen, in folgender Art kennzeichnete. Er sagte: Leben denn unter uns gewöhnlichen Deutschen Menschen? Ich sehe keine Menschen, wie es die Griechen waren, um mich; ich sehe Beamte, Lehrer, Professoren, aber keine Menschen; ich sehe Advokaten, Künstler und Gelehrte, aber keine Menschen; ich sehe junge und gesetzte Leute um mich, aber keine Menschen; was ich bei meiner Umgebumg vermisse, ist das ganze, volle, in sich entwickelte Menschentum, das auch ein harmonisches Verhältnis zum Weltenall gewinnen kann. - Ein solches Menschentum lebte auch bewußt-unbewußt, sinnlich-übersinnlich in Goethe, und aus einem solchen Menschentum heraus ist dasjenige zum Beispiel geworden, was Goethe selber noch höher schätzte als seine Dichtungen — obwohl es dann nach Goethe so wenig verstanden worden ist: seine naturwissenschaftlichen Schöpfungen. In diesen naturwissenschaftlichen Denkrichtungen Goethes lebt eben nicht einseitig der Physiker, wenn er eine Farbenlehre gibt, lebt nicht einseitig der Botaniker, wenn er die Pflanzen schildert, lebt nicht einseitig der Anatom, wenn er die Knochen des Menschen charakterisiert, sondern in dieser Denkweise lebt immer und in allem der ganze Mensch; und der ganze Mensch erfaßt in den einzelnen Stücken der Natur das, was eben nur sich enthüllen kann, wenn man es in seinem Wirken auf die ganze Menschheit in seinem Innern erlebt.

[ 11 ] What must we strive for in our spiritual life in the sense of the Spiritual Science referred to here? I would like to briefly point out that this Spiritual Science does not arrive at its results through external means, but rather through the fact that the individual first engages in certain exercises—which might be described as “intellectual.” A person must tell themselves over and over again what I characterized as a comparison in one of my recent lectures here. I said: If a five-year-old child picks up a volume of Goethe’s poetry—the child will not be able to make sense of it; in any case, the child will do something entirely different with it than what the volume of Goethe’s poetry is intended for. But when the child is ten years older, the child will have undergone a development and attained a maturity during that time, through which the child will then be able to make sense of this volume of poetry. - The spiritual researcher referred to here says to himself: With the form of consciousness that we use in ordinary life—and that we also apply in conventional science—we stand before the higher world forces just as the five-year-old child stands before a volume of Goethe’s poetry. Thus, powers lie dormant within every human being that they can develop from within themselves, and which then reveal to them a different, spiritual understanding of the world—one that shows them, above all, that while scientific thinking magnificently explores the surface of things, and that in this regard the natural sciences have, to their credit, achieved the greatest triumphs, They show us, however, that with a scientific way of thinking we can never, even for a moment, get to the bottom of the natural forces that influence human action unless we resort to methods and ways of thinking that are imbued with the spirit—and through which we can also grasp human beings and the powers lying within them in a thoroughly scientific manner. But then, through such an understanding of the human being, we arrive at a completely different understanding of the world than that offered by the conventional spiritual life in which we are currently mired. In contrast to this conventional intellectual life, one is reminded of a profoundly moving statement made by Hölderlin when his mind was still clear, not yet clouded, but finely attuned and sensitive to what existed in his cultural environment. Hölderlin, who had immersed himself in the harmonious humanity of ancient Greece and had come to love it, viewed the people around him—exaggerating, as such a spirit is prone to do in its own time—in such a way that, comparing them to the Greeks, he characterized them as follows. He said: “Do human beings live among us ordinary Germans? I see no human beings around me like the Greeks were; I see civil servants, teachers, professors, but no human beings; I see lawyers, artists, and scholars, but no human beings; I see young and mature people around me, but no human beings; what I lack in my surroundings is that whole, full, fully developed humanity that can also attain a harmonious relationship with the universe. - Such a humanity also lived—consciously and unconsciously, sensually and supersensually—within Goethe, and it was out of such a humanity that, for example, what Goethe himself valued even more highly than his poetry came into being—even though it was so poorly understood after Goethe’s time: his scientific works. In these scientific schools of thought of Goethe’s, it is not merely the physicist who lives one-sidedly when he presents a theory of colors, nor is it merely the botanist who lives one-sidedly when he describes plants, nor is it merely the anatomist who lives one-sidedly when he characterizes human bones; rather, in this way of thinking, the whole human being lives always and in everything; and the whole human being perceives in the individual aspects of nature that which can only reveal itself when one experiences it inwardly in its effect upon all of humanity.

[ 12 ] Diesem Denken trat im Laufe der Zeit immer mehr und mehr etwas gegenüber, was so viel gelobt, allerdings auch zuweilen getadelt worden ist: das Spezialistentum auf allen Gebieten des Lebens, jenes Spezialistentum, das namentlich in unsere höhere Erkenntnis eingezogen ist und von dieser aus seine Wirkungen entfaltet hat, zum Beispiel bis hinunter in die Volksschulerziehung. Dieses Spezialistentum machte den Menschen zum Physiker, zum Botaniker, zum Advokaten, zum Professor, zum Lehrer und so weiter, aber es trieb ihm den Menschen aus. Und wir müssen uns da fragen: Ist es denn wirklich eine Förderung der Erkenntnis selber, wenn diese Erkenntnis in der neueren Zeit sich so entwickelt hat, daß das Wissen, das zu einer Weltanschauung führte, sich in jene kleine Partien zerspaltet hat, von denen man eben das Menschliche verloren hat und sich keinen Blick mehr für die Welt bewahren konnte? Immer wieder und wieder wurden ein paar maßgebende Persönlichkeiten so geschildert, als wenn sie die Erkenntnis selber seien. Wer aber in die Entwicklung der neueren Zeit hineinsehen kann, der findet, daß es nicht so ist. Er sieht jene Erkenntnis und das Streben nach dem abstrakten Einheitsstaat, wie es sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten über die zivilisierte Welt hin entwickelt hat. Er sieht, daß der Einheitsstaat, der alles aufsog, was wir heute durch den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus wieder gliedern wollen, daß dieser Einheitsstaat mit seinem Zusammenrühren von Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben zu einem Gewebe Physiker und Chemiker, Professoren und Lehrer, kurz spezialisierte Menschen machte, und mit diesen mußte er, wenn er seinen Prinzipien folgte, seine Stellungen besetzen. Dieser Einheitsstaat war es, der das Vollmenschentum, das in Goethe so lebte, das Hölderlin so ersehnte für seine Deutschen, aus dem Menschen heraussog. Geisteswissenschaft ist es, welche dieses Vollmenschentum der heutigen Menschheit wieder zurückgeben will, denn aus diesem Vollmenschentum allein kann das kommen, was zu gleicher Zeit Erkenntnis, was Fühlen mit allem Menschlichen, was wirkliches Recht ist und zugleich vernünftiges Wirtschaftsleben.

[ 12 ] Over time, this way of thinking was increasingly countered by something that has been highly praised, though also occasionally criticized: specialization in all areas of life—that specialization which has made its way into our higher knowledge in particular and has exerted its influence from there, extending, for example, all the way down to elementary school education. This specialization turned people into physicists, botanists, lawyers, professors, teachers, and so on, but it drove the human element out of them. And we must ask ourselves: Is it truly a promotion of knowledge itself when, in recent times, this knowledge has developed in such a way that the body of knowledge that once led to a worldview has fragmented into those small compartments from which the human element has been lost, and through which one could no longer maintain a view of the world? Time and again, a few influential figures have been portrayed as if they were knowledge itself. But anyone who can look into the development of modern times will find that this is not the case. They see that knowledge and the striving for the abstract unitary state, as it has developed across the civilized world over the last three to four centuries. They see that the unitary state, which absorbed everything that we now wish to restructure through the impulse of the threefold social order, that this unitary state—with its mixing of spiritual life, legal life, and economic life—turned physicists and chemists, professors and teachers, in short, specialized people, into a single fabric; and, if it followed its own principles, it had to fill its positions with these very people. It was this unitary state that drained from human beings the wholeness of humanity that lived so vividly in Goethe and that Hölderlin so longed for his fellow Germans. It is Spiritual Science that seeks to restore this “whole humanity” to today’s humanity, for it is from this “whole humanity” alone that can arise what is at once knowledge, what is feeling in harmony with all that is human, what is true justice, and at the same time a rational economic life.

[ 13 ] Geht man nach den Methoden der Geistesforschung vor, so bekommt man nicht etwa einen oberflächlichen Blick über irgend etwas aus den Einzeldisziplinen Zusammengebrautes, sondern man bekommt voll lebendiges Geistwissen. Das aber ist wie ein Licht, das auf die einzelnen Gebiete geworfen werden kann. Und man bekommt damit wieder die Möglichkeit, den Menschen über die Spezialisten zu stellen; man bekommt die Möglichkeit, den Menschen voranzustellen und das soziale Gebilde nachher — und nicht umgekehrt das soziale Gebilde voran und nachher erst den Menschen zu stellen, und dadurch ihn verkümmern zu lassen zu einer System-Schablone. Weil Geisteswissenschaft etwas ist, was in dieser Art wirklich aus dem Vollmenschlichen kommt, das aber erst durch Geisesforschung gewonnen werden muß, deshalb kann sie auch befruchtend wirken auf das, was zersplittert in der Welt ist. Zersplittert in der Welt zum Beispiel ist unsere heutige Rechtswissenschaft, sind die einzelnen Zweige unseres heutigen Wirtschaftslebens - alles zersplittert.

[ 13 ] If one proceeds according to the methods of spiritual research, one does not merely gain a superficial overview of something cobbled together from the individual disciplines, but rather one gains fully living spiritual knowledge. This, however, is like a light that can be shed on the individual fields. And with it, one regains the ability to place the human being above the specialists; one gains the ability to put the human being first and the social structure second—and not, conversely, to put the social structure first and the human being second, thereby allowing the human being to wither away into a mere template of the system. Because Spiritual Science is something that truly arises in this way from the fullness of the human being—though it must first be gained through spiritual research—it can therefore have a fertilizing effect on that which is fragmented in the world. Fragmented in the world, for example, is our contemporary legal science, as are the individual branches of our contemporary economic life—everything is fragmented.

[ 14 ] Nun, wer mich längere Zeit gehört hat und den eigentlichen Sinn des von mir Gesagten zu verstehen vermag, der weiß, daß ich nicht aus Unbescheidenheit oder aus Albernheit so etwas sage. Aber ich darf wohl darauf hinweisen, daß ich im Februar vor über dreißig Fachärzten in Dornach versucht habe, das therapeutische Element der Medizin aus einer geisteswissenschaftlichen Erfassung der Natur des Menschen so darzustellen, daß man nun wirklich eine echte Therapie bekommt, die auf das Menschliche unmittelbar losgeht. An diesem einzelnen Falle versuchte ich zu zeigen, wie befruchtend eine Zentralanschauung des Wesens des Natürlichen, Seelischen und Geistigen wirken kann auf eine einzelne Wissenschaft. Und wer nun die soziale Wirkung des Strebens der von unserer Erkenntnis durchdrungenen Persönlichkeiten betrachtet, der wird doch über die Bedeutung dessen, was ich gesagt habe,

[ 14 ] Well, anyone who has listened to me for any length of time and is able to understand the true meaning of what I have said knows that I do not say such things out of immodesty or frivolity. But I may well point out that in February, before an audience of over thirty medical specialists in Dornach, I attempted to present the therapeutic element of medicine—based on a understanding of human nature derived from Spiritual Science—in such a way that one might truly receive a genuine therapy that addresses the human being directly. In this particular case, I sought to demonstrate how fruitful a central perspective on the essence of the natural, the psychological, and the spiritual can be for a single scientific discipline. And anyone who now considers the social impact of the efforts of individuals imbued with our insights will surely recognize the significance of what I have said,

[ 15 ] ar A nachdenken. Es ist etwas anderes, ob der Arzt im abgeschlossenen Kreise auferzogen wird und nicht hinausblicken kann über die Grenzen seiner Wissenschaft oder ob er seine Wissenschaft so erfaßt, daß sie ihm ein Licht wird für alles Physische, Seelische und Geistige im Menschen und daß er dadurch zugleich einen wahren Sinn bekommt für alles soziale Zusammenwirken und Zusammenleben der Menschen und er so von seiner Arztkunst aus ein lebendiges, fruchtbares Urteil gewinnt über die Behandlung großer sozialer Fragen.

[ 15 ] Consider A. It makes a difference whether a physician is educated within a closed circle and cannot look beyond the boundaries of his science, or whether he grasps his science in such a way that it becomes a source of insight for everything physical, psychological, and spiritual aspects of the human being—and that, through this, he simultaneously gains a true sense of all social interaction and coexistence among people, thereby enabling him to form a lively, fruitful judgment—based on his medical practice—regarding the handling of major social issues.

[ 16 ] In diesem Herbst, anfangend am 26. September, werden mehr als zwanzig Persönlichkeiten, die sich eingelebt haben in die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, in Dornach einen Kursus halten von neuen Hochschulvorträgen. In Dornach haben wir ja unsere Freie Hochschule für Geisteswissenschaft errichtet, die wir zwar, weil sie noch nicht fertig ist, nicht eröffnen können, aber wir werden an der uneröffneten Dornacher Hochschule vom 26. September bis zum 16. Oktober diese Hochschulkurse halten. Persönlichkeiten aus dem Gebiet der Physik, der Chemie, der Staatswissenschaften, der Nationalökonomie und Geschichte, Praktiker, die im Leben, in der Fabrik oder sonstwie im Leben praktisch stehen, künstlerische Persönlichkeiten aller Gebiete, sie werden zunächst in diesem Probekurs zeigen, wie das, was sich spezialisiert [in Einzelgebiete], durch die lebendige Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientiert ist, ein solches Licht bekommt, durch das diese Wissenschaften nicht mehr etwas Theoretisches sind - nicht etwas, was man sich aneignet und nachher wieder zum großen Teil von sich abzuschälen hat, um dann in einem Winkel des Lebens zu stehen und von diesem aus nichts zu überschauen als nur Spezialistisches. Nein, gezeigt wird, wie durch diese Belebung der Erkenntnis, die von der Geisteswissenschaft ausgehen kann, das Spezialistentum überwunden wird, und wie durch den neuen Geist, durch einen Geist, der ebenso streng wissenschaftlich ist wie der, der heute an den Universitäten gepflegt wird, ja, 'strenger wissenschaftlich ist, wie durch diesen Geist die Spezialisten zusammengebracht werden, so daß sie nicht in gegenseitigem Nichtverstehen ihre einsamen, aber die Menschheit schädigenden Wege gehen werden, sondern sozial zusammenwirken werden und vom Geiste aus unserer darniederliegenden Zeit wieder aufhelfen können.

[ 16 ] This fall, beginning on September 26, more than twenty individuals who have become deeply immersed in the anthroposophically oriented Spiritual Science referred to here will hold a series of new college lectures in Dornach. We have, after all, established our School of Spiritual Science in Dornach; although we cannot officially open it yet because it is not yet complete, we will hold these college courses at the as-yet-unopened Dornach School from September 26 through October 16. Leading figures from the fields of physics, chemistry, political science, economics, and history; practitioners with a practical approach to life, whether in industry or elsewhere; and artists from all disciplines—they will first demonstrate in this pilot course how that which is specialized [into individual fields] is illuminated by living Spiritual Science—which is anthroposophically oriented—in such a way that these sciences are no longer merely theoretical—not something one acquires and then, for the most part, has to shed again, only to end up in a corner of life from which one can survey nothing but specialized matters. No, we will show how, through this enlivening of knowledge that can emanate from Spiritual Science, specialization is overcome, and how, through the new spirit—a spirit that is just as rigorously scientific as that cultivated in universities today, indeed, ‘even more rigorously scientific,’ how this spirit brings specialists together so that they will not go their separate ways—isolated and yet harmful to humanity—out of mutual incomprehension, but will instead work together socially and, through the spirit, be able to lift our downtrodden age back up again.

[ 17 ] Diese Hochschulvorträge werden gehalten in unserem Dornacher Goetheanum, in dem jede Einzelheit einen solchen Stil, einen solchen architektonischen, bildhauerischen, malerischen Stil sucht, wie er aus der ganzen empfindungsgemäßen Auffassung, aus dem Künstlerischen heraus, das aus unserer Geisteswissenschaft folgt, sich ergibt. Alles soll da, bis zu dieser Umrahmung, gleichsam wie ein Wahrzeichen wirken für das, was von der geistigen Seite aus geschehen soll, geschehen muß. Denn der Geist muß es sein, der, seinen wahren Fäden nachgehend, wieder zurückkommt zur Wahrheit, zu einer Wahrheit, aus der die Güte, aus der die Moralität, aus der das gesunde, starke Wollen folgt. Aus der Oberflächenerkenntnis ergibt sich das nicht; aus der geistigen Tiefenerkenntnis ergibt sich das. Und noch viel mehr, als bloße Charakterisierungen ausdrücken können, hoffe ich, daß diese unsere Dornacher Vorträge zeigen werden, wie vom Geiste aus die Kräfte gesucht werden sollen zum Aufbau unserer darniederliegenden Zivilisation. Nicht logisch widerlegen wollen wir solche Ausführungen [über den Untergang des Abendlandes], wie ich sie das letzte Mal hier charakterisiert habe, sondern durch die Tat wollen wir dasjenige schaffen, was den Niedergangskräften gegenübergestellt werden kann. Und ich bin überzeugt davon, wir würden wahrhaftig in Dornach und in seiner weiteren Umgebung heute nicht alle die Zuhörer aufnehmen können, die kommen würden - die hoffentlich auch recht zahlreich kommen werden, trotz der heutigen Schläfrigkeit der Seelen -, wenn nicht die aus unserem Niedergang hervorgegangenen Verkehrsschwierigkeiten so unübersteigliche wären.

[ 17 ] These university lectures are held in our Goetheanum in Dornach, where every detail seeks to embody a style—an architectural, sculptural, and painterly style—that arises from the whole sensually-based conception, from the artistic expression that flows from our Spiritual Science. Everything there—right down to this setting—is meant to serve, as it were, as a symbol of what is to happen, what must happen, from the spiritual side. For it must be the spirit that, following its true threads, returns to the truth—to a truth from which goodness, morality, and a healthy, strong will arise. This does not arise from superficial understanding; it arises from deep spiritual understanding. And far more than mere characterizations can express, I hope that these lectures of ours in Dornach will show how the forces for rebuilding our fallen civilization are to be sought from the spirit. We do not wish to refute such arguments [about the decline of the West], as I characterized them here last time, through logic; rather, through action, we wish to create that which can stand in opposition to the forces of decline. And I am convinced that we truly would not be able to accommodate all the listeners who would come to Dornach and its surrounding area today—who, I hope, will come in large numbers despite the current drowsiness of the souls—if the transportation difficulties arising from our decline were not so insurmountable.

[ 18 ] Wenn ich auf etwas Näherliegendes hinweisen darf, so möchte ich noch einmal auf das zurückommen, was mit unserer Freien Waldorfschule hier gewollt ist. Diese Waldorfschule, die wir heute für das zweite Schuljahr eröffnet haben, wir haben sie hier vor einiger Zeit geschildert mit Bezug auf ihre Erfolge im ersten Schuljahre. Sie ist durchaus das, was sie geworden ist - mehr konnte sie in einem ersten Schuljahr nicht werden -, dadurch geworden, daß unsere Lehrer durchglüht und beseelt waren von denjenigen Empfindungen gegenüber dem werdenden Menschen, dem Kinde — Empfindungen, die da aus den Forschungen der Geisteswissenschaft kommen, jener Geisteswissenschaft, die allerdings in bezug auf gewisse geistige Dinge in ganz anderer Weise sich verhalten muß, als es bisher in bezug auf diese selben Dinge viele Menschen annehmen.

[ 18 ] If I may point out something more immediate, I would like to return once more to what we aim to achieve with our Waldorf School here. This Waldorf School, which we opened today for its second school year—we described it here some time ago in terms of its successes during the first school year—has become exactly what it is today—it could not have become more than this in its first school year—precisely because our teachers were deeply inspired and animated by those feelings toward the developing human being, the child — feelings that stem from the research of Spiritual Science, that Spiritual Science which, however, with regard to certain spiritual matters, must take a completely different approach than what many people have hitherto assumed regarding these very same matters.

[ 19 ] Wir haben ja in unserer heutigen Zeit Bekenntnisse, welche sich aussprechen über des Menschen Ewiges. Wozu sind alle diese Bekenntnisse gekommen? Wenn man wirklich unbefangen die Welt betrachten kann und sich alles anhört, was heute in Predigten oder Theologien an die Menschen über das Ewige in der Menschenseele herandringt, so ist es nicht das Appellieren an den Erkenntnisdrang, sondern es ist im Grunde genommen doch ein Appellieren an die feineren seelischen Instinkte des Menschen. Wer öfter meine Vorträge gehört hat, wird wissen, aus welchen Untergründen die hier gemeinte Geisteswissenschaft von dem Unsterblichen des Menschen redet, wie sie bestimmte Angaben macht über das, was der Mensch wird, wenn er, durchgehend durch die Pforte des Todes, seinen Leibesteil abgestreift hat. Aber aus einem anderen Untergrunde heraus wird gesprochen, als der ist, den man seit Jahrhunderten gewohnt geworden ist, in der abendländischen Zivilisation zu hören. Woran wird in dieser abendländischen Zivilisation immer wieder appelliert? An die feineren seelischen Instinkte; der Mensch will nicht, daß sein ganzes Wesen aufhöre zu sein, wenn sein Körper zu Staub zerfällt. Es geht des Menschen Wunsch nach Ewigkeit. Und ich bitte Sie, gehen Sie alles durch, was nach dieser Richtung in traditionellen Bekenntnissen, in Predigten und Theologien geboten wird: es ist der Appell an diesen menschlichen Egoismus, nicht sterben zu wollen. Und weil es nur dieser Appell an den Egoismus ist, so hat man sogar für das Leben bequem gesondert: Erkenntnis für die sinnliche Welt - Glaube für die übersinnliche Welt. Natürlich kann man zu den hier besprochenen Instinkten nur dann reden, wenn man in bezug auf das Ewige im Menschen nur zu einem Glauben, nicht zu einer Erkenntnis kommt. Wenn man aber mit den Methoden der Geisteswissenschaft, die nicht leichter sind als die chemischen oder astronomischen Methoden, sondern wesentlich schwieriger, das Menschenwesen untersucht — Näheres ist darüber zu finden in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder «Die Geheimwissenschaft im Umriß» und in anderen -, dann kommt man dahin, nicht bloß von Unsterblichkeit zu sprechen, das heißt von den Formen, welche das Geistig-Seelische des Menschen nach dem Tode annimmt, sondern man kommt dann dazu, auf dasjenige hinzuschauen, was der Mensch vor der Geburt oder Empfängnis gewesen ist, ehe er als geistiges Wesen durch die Geburt aus der geistigen Welt in die physische Welt herunterstieg und durch die Abstammung von Vater und Mutter einen physischen Leib angenommen hat. So etwas kann Erkenntnis werden, aber es ist eine Erkenntnis von solcher inneren Kraft, daß sie unser ganzes Wesen durchzuckt.

[ 19 ] After all, in our time we have creeds that speak of the eternal nature of the human soul. Why have all these creeds come into being? If one can truly observe the world with an open mind and listen to everything that is conveyed to people today in sermons or theological treatises regarding the eternal in the human soul, it is not an appeal to the thirst for knowledge, but is, at its core, an appeal to the finer spiritual instincts of the human being. Anyone who has frequently attended my lectures will know from what underlying foundations the Spiritual Science referred to here speaks of the immortality of the human being, and how it provides specific insights into what a person becomes once they have shed their physical body, having passed through the gate of death. But the discourse here stems from a different foundation than the one we have become accustomed to hearing for centuries in Western civilization. What is it that is repeatedly appealed to in this Western civilization? The finer spiritual instincts; human beings do not want their entire being to cease to exist when their body crumbles to dust. It concerns humanity’s desire for eternity. And I ask you to examine everything that is presented in this vein in traditional creeds, sermons, and theological treatises: it is an appeal to this human egoism—the refusal to die. And because it is solely this appeal to egoism, people have even conveniently separated matters for the sake of life: knowledge for the sensory world—faith for the supersensory world. Of course, one can speak of the instincts discussed here only if, with regard to the eternal in the human being, one arrives at faith rather than knowledge. But when one investigates the human being using the methods of Spiritual Science—which are no easier than chemical or astronomical methods, but in fact considerably more difficult—further details on this can be found in my books *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* or *An Outline of Esoteric Science* and in others—then one arrives at a point where one does not merely speak of immortality, that is, of the forms that the human spirit and soul assume after death—but one then comes to look at what the human being was before birth or conception, before descending as a spiritual being from the spiritual world into the physical world through birth and assuming a physical body through descent from father and mother. Such knowledge can be attained, but it is a knowledge of such inner power that it pierces our entire being.

[ 20 ] Gehen wir mit einer solchen Erkenntnis als Erzieher an das Kind heran, so schauen wir ganz anders auf das Kind hin. Dann wissen wir etwas davon, wie das Geistig-Seelische aus tiefsten menschlichen Untergründen heraus den Menschenleib formt, wie das, was an Physiognomie, an Geschicklichkeiten von Lebensjahr zu Lebensjahr auftritt, im Leibe aus dem Geistig-Seelischen heraus geformt wird. Man bekommt, indem man als Lehrer und Erzieher dem Menschen gegenübersteht, ein Gefühl, ohne welches es eine fruchtbare Erziehung gar nicht geben kann, das Gefühl: Dasjenige, mit dem du in Verbindung trittst durch diesen Menschenleib, es entstammt geistigen Welten; dir ist es anvertraut, Götter haben es dir heruntergeschickt — du stehst davor mit heiliger Ehrfurcht.

[ 20 ] When we, as educators, approach the child with this understanding, we view the child in an entirely different light. Then we gain some understanding of how the spiritual-soul aspect shapes the human body from the deepest human depths, and how the features of the face and the skills that emerge from one year of life to the next are formed in the body from the spiritual-soul aspect. As a teacher and educator facing a human being, one develops a feeling without which fruitful education is simply impossible—the feeling that what you come into contact with through this human body originates in spiritual worlds; it has been entrusted to you; the gods have sent it down to you—and you stand before it with sacred reverence.

[ 21 ] Sehr verehrte Anwesende, ebenso wie es Kräfte gibt, die erst durch ihre Wirkungen in der äußeren, physischen Welt erkundet werden können, zum Beispiel Elektrizität oder Magnetismus, so wirkt das, was man als Lehrer oder Erzieher sich aneignet als Ehrfurcht, wie eine imponderable Kraft, wie etwas, an das man erst

[ 21 ] Dear attendees, just as there are forces that can only be explored through their effects in the external, physical world—such as electricity or magnetism—so too does what one acquires as a teacher or educator, such as reverence, act like an imponderable force, like something that one can only

[ 22 ] a en glauben lernt, wenn man es in seinen Wirkungen erschaut, wenn man sieht, wie das, was von solcher heiligen Lehrer-Ehrfurcht ausströmt, etwas ist, was des Kindes geistig-seelisches Wachstum so umgibt, wie das Sonnenlicht die Pflanze zum Blühen und Gedeihen umgibt. Eine Pädagogik aus dem Vollmenschlichen heraus, die getragen wird von Gefühlen und Empfindungen, aber von einer die Weltverhältnisse und Menschenverhältnisse durchschauenden Empfindung, eine Pädagogik, die selbstverständlich zur Kunst wird, die nicht abstrakt über Erziehung redet, eine solche Pädagogik ist es, die anstreben darf, aus der Generation, welche bestimmend sein wird für die nächsten Jahrzehnte, dasjenige zu machen, was aus unserem Niedergange zu einem Aufgange hinführen kann. Und wir dürfen sagen: Was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aus unserer Lehrerschaft hat machen können, das hat im ersten Schuljahre immerhin seine Früchte getragen.

[ 22 ] One learns to believe when one beholds its effects, when one sees how that which radiates from such holy reverence for the teacher is something that envelops the child’s spiritual and emotional growth just as sunlight envelops a plant, causing it to bloom and thrive. A pedagogy rooted in the fullness of humanity, sustained by feelings and sensibilities, but by a sensibility that penetrates the realities of the world and human relationships—a pedagogy that naturally becomes an art, that does not speak abstractly about education—it is such a pedagogy that may aspire to shape the generation that will be decisive for the coming decades into that which can lead us from our decline toward a new dawn. And we may say: What anthroposophically oriented Spiritual Science has been able to achieve among our teaching staff has, at any rate, borne fruit in the first school year.

[ 23 ] Nur eines steht gerade am heutigen Tage, wo wir das zweite Schuljahr eröffnet haben, gespenstisch vor dem Geistesauge desjenigen, dessen ganzes Herz und ganzer Sinn bei dieser Waldorfschule ist. Aus dem Geiste heraus könnten wir Waldorfschule über Waldorfschule zum Leben bringen; damit würde aus dem Geiste heraus praktisch — nicht theoretisierend — eine der großen Aufgaben unserer Zeit nach und nach gelöst werden. Aber Verständnis brauchen wir, Verständnis in weitesten Kreisen. Vom Geiste dürfen wir hoffen, daß er uns weiter beistehen wird in unserem Streben, weil das in gewisser Weise von uns abhängt. Aber Verständnis brauchen wir, denn die Häuser, in denen Schule gehalten wird, sollen gebaut werden; die Lehrer sollen in Wohnungen wohnen, und sie sollen auch essen. Das ist alles notwendig. Und schon steht das Gespenst der Mittellosigkeit für solche Sachen und für das, was dahintersteckt, der Verständnislosigkeit weitester Kreise für das, was zu den großen Aufgaben unserer Zeit gehört, vor unserer Seele und beeinträchtigt das, was wir gerade in diesen Tagen für das zweite Schuljahr machen möchten. So ist das, was man heute braucht für die großen Aufgaben der Zeit, im breitesten Sinne Verständnis. Den Idealismus haben viele, der da sagt: Ideale sind hoch, es ist nicht würdig, sie in Zusammenhang zu bringen mit den materiellen Verhältnissen des Tages, denn die materielle Welt ist etwas Niedriges; die Ideale sind hoch, sie müssen sich selbst ihren Weg suchen - daher halten wir die Hände auf unsere Geldtaschen und geben gar nichts mehr aus für unsere Ideale, denn warum sollte man schnödes Geld, das nicht würdig ist, dem Idealen zu dienen, für das Ideale hingeben? - Das klingt trivial. Wenn man aber für die Waldorfschule in unseren Tagen etwas Notwendiges machen möchte, dann darf es schon in diesem Falle ausgesprochen werden. Der Idealismus bekundet sich heute oft mehr durch den Enthusiasmus, das Materielle ja recht zusammenzuhalten und darin das Ideal zu pflegen.

[ 23 ] There is only one thing that stands out eerily today, as we open the second school year, in the mind’s eye of those whose whole heart and whole mind are devoted to this Waldorf school. From the spirit, we could bring Waldorf school after Waldorf school to life; and in this way, one of the great tasks of our time would gradually be solved through the power of the spirit—in a practical, not merely theoretical, way. But we need understanding—understanding in the broadest circles. We may hope that the spirit will continue to stand by us in our endeavor, because that depends, in a certain sense, on us. But we need understanding, for the buildings in which school is held must be constructed; the teachers need places to live, and they also need to eat. All of this is necessary. And already the specter of destitution—for such matters and for what lies behind them: the lack of understanding in the broadest circles regarding what belongs to the great tasks of our time—looms before our souls and hinders what we would like to accomplish in these very days for the second school year. Thus, what is needed today for the great tasks of our time, in the broadest sense, is understanding. Many possess the idealism that says: Ideals are lofty; it is unworthy to associate them with the material circumstances of the day, for the material world is something base; ideals are lofty; they must find their own way—therefore, we keep our hands on our wallets and spend nothing at all on our ideals, for why should we give up base money, which is unworthy of serving the ideal, for the sake of the ideal?—That sounds trivial. But if one wishes to do something necessary for the Waldorf School in our day, then it may well be stated even in this case. Today, idealism often manifests itself more through the enthusiasm to keep the material aspects in order and to nurture the ideal within them.

[ 24 ] Ich konnte Ihnen jetzt etwas schildern, was wieder zusammenhängt mit etwas ganz Neuem in unserem Geistesleben. Seit langem haben wir gerade jene Richtung und Strömung unseres Geisteslebens verloren, die auf das hinschaut, was ich charakterisieren will, auf den vorgeburtlichen Menschen. Schon die Sprache bezeugt es: Wenn wir von des Menschen Ewigem sprechen, was sagen wir dann? Unsterblichkeit. - Wir deuten damit nur auf das eine Ende des Lebens, wohin auch der menschliche Egoismus schaut. Wir haben kein Wort für das andere: «Ungeborenheit» etwa müßte man sagen. Denn ebensowenig, wie wir unser ewiges Wesen verlieren, wenn wir den Körper ablegen, ebensowenig haben wir es mit der Geburt bekommen. Und wenn wir von dem Ewigen im Menschen sprechen, müssen wir ebenso von Ungeborenheit reden wie von Unsterblichkeit. Wir ahnen nicht einmal, was uns nach dieser Richtung fehlt. Was wir erhoffen für die Zeit nach dem Tode, beflügelt uns wenig für Taten. Wenn wir aber wissen, was in uns lebt, was in uns lebt als heruntergestiegen aus den geistigen Welten, gleichsam nur in einem Abglanz der geistigen Welt, dann können wir sagen, daß wir uns fühlen als - ich möchte das Wort gebrauchen - Missionare der geistigen Welt. Im Erdenwirken wird unser Gefühl bewegt, unser Tun beflügelt für das, was unsere Aufgabe als Mensch im Erdendasein ist. Aus dem Geiste heraus müssen wir die Kräfte gewinnen, um wirklich in so etwas, was unsere Aufgabe als Mensch im Erdendasein ist, einzudringen; dazu genügt nicht, daß man sich nur an die nächsten Bezirke desjenigen hält, was uns im Leben umgibt. Da muß man schon auf das hinschauen, was uns im geistigen Leben umgibt, was innerlich als Geistiges in uns lebt und alles Leben bis in das Wirtschaftliche durchdringt. In dieser Beziehung geben sich die Menschen den merkwürdigsten Illusionen hin.

[ 24 ] I have now been able to describe to you something that is once again connected to something entirely new in our spiritual life. For a long time now, we have lost precisely that direction and current in our spiritual life that looks toward what I wish to characterize: the pre-born human being. Language itself bears witness to this: when we speak of what is eternal in the human being, what do we say? Immortality. — With this, we point only to one end of life, toward which human egoism also looks. We have no word for the other: “unbornness,” for example, is what we ought to say. For just as we do not lose our eternal being when we shed the body, neither did we acquire it at birth. And when we speak of the eternal in the human being, we must speak of “unbornness” just as much as of “immortality.” We do not even suspect what we are lacking in this regard. What we hope for in the time after death does little to inspire us to action. But if we know what lives within us—what lives within us as having descended from the spiritual worlds, as it were, merely as a reflection of the spiritual world—then we can say that we feel ourselves to be—I would like to use the word—missionaries of the spiritual world. In our earthly work, our feelings are stirred and our actions inspired by what constitutes our task as human beings in earthly existence. We must draw the strength from the spirit to truly penetrate into what our task as human beings in earthly existence is; it is not enough to limit ourselves to the immediate spheres of what surrounds us in life. We must look to what surrounds us in spiritual life—what lives within us as the spiritual and permeates all of life, right down to the economic sphere. In this regard, people succumb to the most remarkable illusions.

[ 25 ] Wer, mit wirklichem Sinn für das Reale ausgestattet, den geschichtlichen Lauf der Menschheit verfolgt, der wird sehen, daß er die eigentlichen Quellen der etwas weiter zurückliegenden, nicht an der Oberfläche befindlichen geistigen Impulse im Menschenleben drüben im Orient suchen muß - allerdings nicht im heutigen Orient, denn der heutige Orient ist in dieser Beziehung in der Dekadenz. Was Quelle dieses ganz besonderen Geistesleben ist, wie ich es hier in jenem Vortrag geschildert habe, den ich über den geschichtlichen Entwicklungsgang der Menschheit gehalten habe, das lebte vor Jahrtausenden im Orient. Da lebte eine Menschheit, die nichts verstand von dem, was wir «beweisendes» oder «logisches Denken» nennen -— eine Menschheit, die aus denselben Quellen, welche auch die hier gemeinte Geisteswissenschaft, aber in anderer Art, in abendländischer Art, dem Menschen eröffnet, einst wissen konnte, daß in des Menschen Seele etwas leben kann, was ihm den Geist, der die Welt durchdringt, offenbart. Aber nicht beweisende, nicht logisierende Geist-Erkenntnis lebt im Orient drüben. Wir können uns heute, wenn wir uns nicht selber antiquieren wollen, nicht mehr mit diesem orientalischen Geistesleben durchdringen, aber in unserer gewöhnlichen Geistesbildung lebt noch immer etwas davon. Es ist eine gerade Linie von jenem Geist, der aufleuchtete in den Veden, in der Vedanta-Philosophie, im alten indischen Yoga-System, der selbst in der chaldäischen Lehre und im alten China lebte, es ist eine gerade Linie, die sich in vielen Strömungen durch viele Kanäle nach dem Abendlande bewegte. Und in dem, was wir im gewöhnlichen Leben an eigentlich Geistigem heute denken, haben wir noch immer Spuren jenes orientalischen Geisteslebens vor uns. Selbst als sich in die Menschheitsentwicklung das Mysterium von Golgatha hineinstellte, als es notwendig war, den Christus Jesus zu begreifen, da war es orientalische Weisheit, welche dieses nur durch übersinnliche Erkenntnis zu erfassende Ereignis zu begreifen suchte; es war orientalische Weisheit, die dann überging in die Lehre des Christentums und mit dem Christentum sich dann über das ganze Abendland verbreitete. In dieser orientalischen Weisheit lebt etwas, was der heutige Mensch nicht mehr in der rechten Weise empfinden und fühlen kann, wozu er eine Stütze braucht. Was in dem Orientalen als ursprüngliches Seelenleben vorhanden war, das mußte im Westen - seit Jahrhunderten schon — verankert werden in dogmatisch sich zusammenhaltenden Religionsgemeinschaften; weil der innere Quell des Geisteslebens nicht mehr in derselben Weise fließt, deshalb brauchte der Mensch solche Religionsgemeinschaften. Das ist das, was zunächst wie ein erster Ast in unser Öffentliches Leben hineinragt - ein Ast, der noch immer den Orient als den «Lebenssaft» in sich hat. Und würde man unbefangen auf unser Geistesleben hinblicken, so würde man in dem, was der heutige Mensch denkt, fühlt und empfindet und was selbst in den Wissenschaften, bis in die Physik hinein, was vor allem aber in den religiösen Bekenntnissen lebt, noch Wirkungen desjenigen entdecken, was aus dem Orient stammt.

[ 25 ] Anyone who, endowed with a genuine sense of reality, follows the historical course of humanity will see that they must look to the Orient for the true sources of those spiritual impulses in human life that lie somewhat further back in time and are not found on the surface—though not in the Orient of today, for the Orient of today is in a state of decadence in this regard. The source of this very special spiritual life—as I described it here in that lecture I gave on the historical development of humanity—existed in the Orient millennia ago. There lived a humanity that understood nothing of what we call “demonstrative” or “logical thinking”—a humanity that, drawing from the same sources that also open up Spiritual Science (as understood here) to human beings—albeit in a different way, in a Western way—was once able to know that something can live within the human soul that reveals to the individual the spirit that permeates the world. But a form of spiritual knowledge that is neither demonstrative nor logical lives on in the East. Today, if we do not wish to render ourselves obsolete, we can no longer fully immerse ourselves in this Eastern spiritual life; yet something of it still lives on in our ordinary intellectual development. There is a direct line from that spirit which shone forth in the Vedas, in Vedanta philosophy, in the ancient Indian yoga system—a spirit that lived even in Chaldean teachings and in ancient China—a direct line that moved toward the West through many currents and channels. And in what we today regard as the truly spiritual in our everyday lives, we still see traces of that Eastern spiritual life before us. Even when the Mystery of Golgotha entered human development, when it became necessary to comprehend Christ Jesus, it was Eastern wisdom that sought to grasp this event—which could be comprehended only through supersensible knowledge; it was Eastern wisdom that then passed into the teachings of Christianity and, together with Christianity, spread throughout the entire West. Within this Eastern wisdom lives something that modern people can no longer perceive or feel in the right way; they need a foundation for it. What existed in the Eastern soul as an original spiritual life had to be anchored in the West—for centuries now—in religious communities held together by dogma; because the inner source of spiritual life no longer flows in the same way, people needed such religious communities. This is what initially extends into our public life like a first branch—a branch that still carries the “life sap” of the East within it. And if one were to look impartially at our spiritual life, one would discover, in what modern people think, feel, and sense—and in what lives on even in the sciences, right down to physics, but above all in religious creeds—the lingering effects of that which originated in the East.

[ 26 ] Zu diesem eigentümlichen, heute in seiner ganzen Konfiguration wenig begriffenen orientalischen Geist, der in seiner Eigenart das Abendland durchströmt, kam hinzu - mehr den Weg über den Süden nehmend und sich nach Mitteleuropa ergießend, aber auch den Westen befruchtend — eine ganz andere Geistesrichtung. Es kam das, was ich in einem umfassenden Sinne das juristische, das staatliche, das politische Denken nennen möchte. In dem wunderbaren Griechentum sehen wir eine merkwürdige Vermischung dessen, was vom Orient herübertönt, was in dem griechischen Menschen noch lebt als von den Ägyptern herübergekommen, mit dem in Griechenland aber noch nicht sich voll enthüllenden, nun schon juristischen Denken, das die eigentümliche beweisende Art in das Vorstellen des Menschen brachte. Da sehen wir in Griechenland das Leben erst spärlich durchzogen von logisierendem, juristischem, staatlichem Denken, das gar nicht vorhanden war im Orient. Wenn im Orient zum Beispiel Gebote vorhanden waren, so waren sie dort etwas ganz anderes, als Gebote im Abendlande waren. Wir sehen dann im alten Rom den juristischen Geist im wesentlichen aufgehen. Wir sehen, wie dort das Beweisen, das Logisieren, das Zusammenhalten und Trennen von Begriffen zu einer besonderen Kunst ausgebildet wird. Wir sehen, wie sich so ein zweites Element in das hineinmischt, was vom Orient herüberströmt, wie in die geistige Strömung sich hineinergießt die juristische, die politische Strömung, die «Staatsmaschine». Und selbst das Geistig-Religiöse, das Geistig-Schulmäßige sehen wir von diesem juristischen Element durchzogen. Dem Orientalen wäre es ganz unmöglich gewesen, in den ursprünglichen Gedanken seiner Weltanschauung statt des Begriffes vom «Karma» so etwas zu denken wie «Schuld und Sühne» oder «Erlösung». Was im Orient im «Karma», im Weltenschicksal, lebte, war etwas ganz anderes. Dann aber tönte in die Weltanschauung hinein das juristische Element, es setzte sich selbst in die religiöse Weltauffassung hinein. Der Mensch wurde anders gedacht in der Zeitenwende als im Orientalischen. Jetzt wurde er so gedacht, daß er von den Weltenrichtern «gerichtet» wird, weil er «Schuld» auf sich geladen hat. Von anderem als von «Schuld» und «Gericht» sprach man im Orient. Im Abendlande hat sich selbst in das religiöse Element das Juristisch-Beweisende, das Trennend-Richtende hineingeschlichen. Und wenn wir zum Beispiel in die Sixtinische Kapelle in Rom gehen und dort von Michelangelo das Bild vor uns haben «Christus als Weltenrichter», wo er über die Guten und Bösen richtet, urteilt, so sehen wir selbst dort in die religiöse Weltauffassung hineingetragen juristischen, weltpolitischen Geist. Das ist der zweite Ast in unserer Zivilisation, der noch nachwirkt in Fichte, in Hegel und der das durchtränkt, was noch um die Wende des 18., 19. Jahrhunderts im deutschen Geistesleben herauskommt. Es ist nicht umsonst, daß Fichte und Hegel in ihrem Denken gerade ausgingen von den Wurzeln des Rechts, von den politischen, den staatlichen Verhältnissen, und die Art und Weise, wie diese Geister sich die Menschheitsentwicklung denken, ist gegenüber früher in einem «staatsmächtigen» Sinne aufzufassen.

[ 26 ] Added to this peculiar Oriental spirit—which, in its entirety, is little understood today and which, in its own unique way, permeates the West—was a completely different school of thought, one that traveled more via the South and spread into Central Europe, while also enriching the West. What emerged was what I would like to call, in a broad sense, legal, statecraft, and political thought. In the marvelous Greek civilization, we see a remarkable blending of what resonates from the East—what still lives in the Greek people as having come from the Egyptians—with the legal thinking that had not yet fully revealed itself in Greece but was already present, a thinking that introduced a distinctive, demonstrative mode into the mental image of humanity. There, in Greece, we see life only sparsely permeated by logical, legal, and political thinking, which did not exist at all in the East. If, for example, there were commandments in the East, they were something entirely different there than commandments were in the West. We then see the legal spirit essentially taking shape in ancient Rome. We see how, there, the process of proving, reasoning, and the grouping and separation of concepts developed into a distinct art form. We see how a second element intermingles with what flows in from the East, how the legal and political currents—the “state apparatus”—pour into the spiritual current. And we see even the spiritual-religious and the spiritual-scholastic realms permeated by this legal element. It would have been entirely impossible for an Oriental, within the original framework of his worldview, to conceive of such things as “guilt and atonement” or “redemption” in place of the concept of “karma.” What lived in the East in “karma,” in the destiny of the world, was something entirely different. But then the legal element resonated into the worldview; it established itself within the religious conception of the world. Human beings were conceived differently at the turn of the ages than in the Eastern tradition. Now human beings were conceived as being “judged” by the judges of the world because they had incurred “guilt.” In the East, people spoke of things other than “guilt” and “judgment.” In the West, the legal-evidential, the divisive-judgmental, has crept even into the religious element. And when, for example, we go to the Sistine Chapel in Rome and see Michelangelo’s painting “Christ as Judge of the World,” in which he judges the good and the evil, we see even there a legalistic, world-political spirit carried into the religious worldview. This is the second branch of our civilization, which continues to exert its influence in Fichte and Hegel and permeates what emerged in German intellectual life at the turn of the 18th and 19th centuries. It is no coincidence that Fichte and Hegel based their thinking precisely on the roots of law, on political and state conditions, and the way these thinkers conceive of human development must be understood, in contrast to earlier times, in a “state-centered” sense.

[ 27 ] Dann erst, in der neueren Zeit, kam zu dieser zweiten Strömung eine dritte hinzu, die sich im Westen entwickelte aus den westlichen Volksanlagen und Instinkten der Menschen heraus. Im Osten, in den Zeiten, als der Osten seine Größe hatte, gab die Natur das, was der Mensch brauchte, so, daß er die Verteilung der Naturprodukte wie auch die Verteilung desjenigen, was der Mensch hervorbrachte, aus seinem Geistesleben heraus vornahm. Da gab es kein wirtschaftliches Denken, da gab es nicht mal ein juristisches Denken. Wenn wir bis ins 18. Jahrhundert gehen, finden wir in Mitteleuropa noch ein geringes wirtschaftliches Denken. Wir finden aber alles beherrscht von einem immer intensiver werdenden juristischen Denken, von einem staatlichen, politischen Denken. Im Westen hatte dieses wirtschaftliche Denken sich schon seit langer Zeit entwickelt, und es entwickelte sich immer mehr und mehr aus den natürlichen Instinkten und Anlagen der Menschen heraus. Es entwickelten sich die Verhältnisse so, daß dort, wo man richtig «westlich» denkt, nun auch für das, was früher vom Gesichtspunkt der Logik aus erfaßt worden ist - für die Wissenschaft, für die Wahrheit - das wirtschaftliche Denken anwendet. Aus Amerika ist es gekommen. Dort hat man die Lehre des Pragmatismus, die ungefähr sagt: «Wahr» und «falsch» ist etwas, was nur Illusion ist; das haben wir aus der juristischen Weltauffassung entnommen. Unsere Ansicht ist diese: Wenn sich etwas im praktischen Leben als nützlich erweist, so ist es richtig, ist es wahr, und alles, was sich als nicht nützlich erweist, ist schädlich, ist falsch. Es wird nach dieser Lebensauffassung alles nur danach beurteilt, ob es «nützlich» oder «schädlich» ist. Diese Vorstellungen kamen dort in die menschlichen Denkgewohnheiten hinein und leben auch in den Philosophen. Ja, wenn man zum Beispiel Herbert Spencer und andere Philosophen richtig verstehen will, so versteht man sie nur, wenn man sich sagt: Dieser Herbert Spencer denkt philosophische Systeme aus, aber er hat Vorstellungen, die als solche nur auf einem falschen Platze stehen; statt philosophische Syteme auszudenken, sollte er mit seiner Vorstellungsart Fabriken bauen, Gewerkschaften einrichten und der Wirtschaft auf die Beine helfen; dazu sind seine Vorstellungen nützlich, nicht aber auf philosophischem Felde.

[ 27 ] It was only later, in more recent times, that a third current joined this second one—a current that developed in the West out of the Western character traits and instincts of the people. In the East, in the days when the East was at the height of its power, nature provided what people needed in such a way that they organized the distribution of natural products—as well as the distribution of what they themselves produced—based on their spiritual life. There was no economic thinking there; there wasn’t even any legal thinking. If we go back to the 18th century, we still find only a limited degree of economic thinking in Central Europe. However, we find everything dominated by an increasingly intense legal mindset, by a state-centered, political mindset. In the West, this economic thinking had already been developing for a long time, and it developed more and more out of people’s natural instincts and dispositions. Conditions developed in such a way that where people think in a truly “Western” way, economic thinking is now also applied to what was previously grasped from the standpoint of logic—to science, to truth. It came from America. There, the doctrine of pragmatism holds, roughly speaking, that “true” and “false” are merely illusions; we have derived this from the legal worldview. Our view is this: If something proves useful in practical life, then it is right, it is true, and everything that proves not to be useful is harmful, is false. According to this view of life, everything is judged solely on whether it is “useful” or “harmful.” These mental images have become ingrained in people’s ways of thinking there and are also present among philosophers. Indeed, if one wants to understand Herbert Spencer and other philosophers correctly, for example, one can only do so by telling oneself: Herbert Spencer devises philosophical systems, but his mental images, as such, are simply out of place; instead of devising philosophical systems, he should use his way of thinking to build factories, establish labor unions, and get the economy back on its feet; his mental images are useful for that, but not in the field of philosophy.

[ 28 ] Wenn wir so verfolgen, was unsere Menschheit in ihrem historischen Werden durchwandert, so sehen wir: Erst bildet sich aus ein Geistesleben, welches auf eine Erbschaft aus früheren Jahrtausenden in der späteren Zeit zurück weist, dann kommt nach und nach auf ein staatliches, ein politisches Leben, ein juristisches Denken, später entwickelt sich dazu das wirtschaftliche Leben, und es entwickelt sich dieses Leben differenziert über die Erde hin. Aber dazu sehen wir noch, indem wir uns immer weiter der neuen Zeit nähern, wie jenes Geistesleben, das vom Orient herübergekommen ist, abgestorben ist, und das trockene Pedantische und Philiströse im heutigen Unterrichts- und Erziehungswesen rührt eben im besonderen von dem Absterben jener alten geistigen Erbschaft her. Das weist aber auch mit aller Lebendigkeit darauf hin, daß wir nicht zum Orient zurückwandern sollen, sondern durch uns selbst ein freies und ursprüngliches Geistesleben wieder entwickeln müssen, indem wir uns die Quellen dieses Geisteslebens eröffnen. Die alte Erbschaft ist zu Ende. Ein neues Geistesleben will unsere Zeit, und ein solches will die Geisteswissenschaft jetzt von Dornach aus verkünden. Mit solchem neuen Geistesleben wird sie die Pädagogik durchsetzen, die Erziehung durchdringen, und durch so etwas, wie es die Waldorfschule ist, will sie es für das moderne Leben fruchtbar machen.

[ 28 ] When we trace the path that humanity has taken throughout its historical development, we see: First, a spiritual life takes shape, one that in later times points back to a legacy from earlier millennia; then, little by little, a state-based, political life and a legal way of thinking emerge; later, economic life develops alongside these, and this life spreads across the earth in its various forms. But as we draw ever closer to the present age, we also see how that spiritual life, which came over from the East, has died out, and the dry, pedantic, and philistine nature of today’s educational system stems precisely from the withering away of that ancient spiritual heritage. But this also points out with the utmost vividness that we should not return to the East, but must redevelop a free and original spiritual life through our own efforts by opening ourselves to the sources of this spiritual life. The old heritage has come to an end. Our time calls for a new spiritual life, and this is precisely what Spiritual Science now seeks to proclaim from Dornach. With this new spiritual life, it will shape pedagogy, permeate education, and, through institutions such as the Waldorf School, make it fruitful for modern life.

[ 29 ] Aber auch für den alten juristischen Geist ist heute wenig zurückgeblieben. Ich rate Ihnen, lesen Sie charakteristische, symptomatische Erscheinungen der Gegenwart wie zum Beispiel das kleine Büchlein über Rechtswissenschaft von dem Mannheimer Lehrer Rumpf, dann werden Sie sehen: Ebenso, wie sich die religiösen Weltanschauungen heute an Äußeres anlehnen müssen, weil das Innere nicht mehr sprudelt, so macht auch die Jurisprudenz, die Staatslehre Anleihen bei den Wirtschaftsverhältnissen, weil sie aus dem Innern nichts mehr lebendig sprudeln hat. So sehen wir, daß heute ein Gemisch von wirtschaftlichem Denken und juristischem Denken zustande kommt, welches das Chaos über unser Leben breitet. Und wer die Dinge durchschaut, der weiß, wieviel von dieser chaotischen Verwirrung innerhalb unseres öffentlichen Lebens hereingedrungen ist bis in die Sphäre, wo dann die sozialen Umwälzungen, die sozialen Irrungen und Wirrungen in Taten sich äußern. Wir kommen nur vorwärts, wenn wir ein neues Geistesleben auf die Art, wie ich es geschildert habe, suchen. Das alte Geistesleben ist als Erbschaft vergangen. Aber wir finden das neue Geistesleben nur, wenn wir nicht dem Staate übergeben die Schule, wenn wir das ganze geistige Leben auf sich selbst stellen, denn dann allein können wir das Geistesleben herausheben aus dem, worin es jetzt ist. Aus der menschlichen Individualität und Persönlichkeit bringt der Mensch, wenn er aus geistigen Höhen in die physische Welt hereintritt, für jede Generation ein neues, reales Geistiges mit; das wollen wir heben. Wir wollen nicht dem Menschen vorschreiben lassen, daß er sich nach diesem oder jenem Reglement entwickeln muß, sondern wir wollen dieses reale Geistige durch Liebe kraftvoll sich vom Lehrer, vom Erzieher zum Kinde entwickeln lassen. Verwaltet werden kann dieses Geistesleben nur von denjenigen, die darinnen tätig sind. Ein neues Geistesleben wird den lebendigen Geist, den unser soziales Leben so notwendig braucht, wieder in die Gegenwart hereinstellen; es wird den tiefen Quell, den uns der Mensch mitbringt, indem er durch die Geburt ins physische Dasein hereintritt, fruchtbar machen für das menschliche Zusammenleben. Das ist eine der großen Aufgaben unserer Gegenwart.

[ 29 ] But even for the old legal spirit, little remains today. I advise you to read characteristic, symptomatic manifestations of the present, such as the little book on jurisprudence by the Mannheim professor Rumpf; then you will see: Just as religious worldviews today must rely on external forms because the inner life no longer bubbles forth, so too do jurisprudence and political theory draw upon economic conditions because they have nothing living left to bubble up from within. Thus we see that today a mixture of economic and legal thinking is emerging, which spreads chaos throughout our lives. And anyone who sees through these things knows how much of this chaotic confusion has penetrated our public life, right into the sphere where social upheavals and social trials and tribulations then manifest themselves in action. We can only move forward if we seek a new spiritual life of the kind I have described. The old spiritual life has passed away as a legacy. But we will find this new spiritual life only if we do not hand over the school to the state, if we ground the entire spiritual life in itself; for only then can we lift the spiritual life out of the state in which it now finds itself. From human individuality and personality, when a person enters the physical world from spiritual heights, they bring with them a new, real spiritual element for each generation; that is what we wish to cultivate. We do not want to allow anyone to dictate that a person must develop according to this or that set of rules; rather, we want this real spiritual essence to develop powerfully through love—from the teacher and educator to the child. This spiritual life can be managed only by those who are active within it. A new spiritual life will reintroduce into the present the living spirit that our social life so desperately needs; it will make the deep wellspring—which the human being brings with them when they enter physical existence through birth—fruitful for human coexistence. This is one of the great tasks of our time.

[ 30 ] Eine zweite Aufgabe ist die, wie wir wieder dazu kommen, lebendig — nicht nachkauend alte römische oder überhaupt alte Begriffe und logisierende Gewebe, sondern ursprünglich, durch das Zusammenleben von Mensch zu Mensch im demokratischen Staatsgefüge —, wie wir wieder dazu kommen, lebendig den menschlichen Sinn in der sozialen Gemeinschaft für den Pulsschlag zwischen Recht und Pflicht zu entwickeln. Kein Diktat-Recht wird jemals den Sinn für die Pflicht entwickeln. Nur dasjenige Recht, welches zwischen Gleichen, zwischen dem einen mündig gewordenen Menschen und dem anderen mündig gewordenen Menschen im lebendigen Verkehr entsteht, nur dieses Recht wird auch arbeitsfreudig machen, und dieses Recht wird die [Regelung der] Arbeit in sich aufnehmen müssen.

[ 30 ] A second task is how we can once again—not by regurgitating old Roman or any other ancient concepts and logical constructs, but in an original way, through person-to-person interaction within the democratic framework of the state—how we can once again develop, in a living way, the human sense within the social community for the interplay between rights and duties. No law imposed by decree will ever develop a sense of duty. Only the law that arises among equals—between one person who has come of age and another who has come of age—in living interaction; only this law will also inspire a joy in work, and this law will have to incorporate the [regulation of] work.

[ 31 ] Das Geistesleben, wie ich es meine, ist in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage» so geschildert, daß es werden muß zum Regulator gerade des Kapitals. Dann wird das, was für die neuere Entwicklung notwendig ist, die Anhäufung von Kapital oder Produktionsmitteln, durch den Geist - der es durchleuchtet, wenn der Geist in seiner Freiheit, in seiner Fruchtbarkeit, in seinem Fortschreiten von Generation zu Generation neu sich bilden wird -, dann wird das Kapital durch den Geist auch das in sich tragen, was zum Beispiel Keynes und andere vermissen: Moralität. Und dann wird im Wirtschaftsleben nicht ein auf Egoismus und nur Selbsterwerb gestellter Kapitalismus leben, dann wird ein geistdurchtränkter Kapitalismus leben, eben aus Einsicht in die Welt- und Menschheits- und Daseinsnotwendigkeiten, und wird im Sinne der im neuen Geistesleben erzogenen Menschen wirken. Dann wird auch die Arbeit nicht mehr eine Ware sein, sondern wird aufgenommen sein in den unabhängigen, für sich selbst sich entwickelnden Rechtsstaat; dann wird in demjenigen sozialen Gewebe, in welchem der mündig gewordene Mensch mit jedem andern mündig gewordenen Menschen auf der Basis eines gleichen Rechtes wirkt, die Arbeit zu ihrem Recht kommen. Und nur aus dem Gefühl für Arbeits-Pflicht in Freiheit kann hervorgehen der Aufschwung in unserem Leben, nicht aus der Forderung nach Kasernierung und Pflicht, die jedes Rechtsgefühl im Menschen ersticken muß. Aus einem selbständigen Geistesleben, aus einem selbständigen Rechtsleben muß man erfassen die großen Aufgaben unserer Zeit.

[ 31 ] The spiritual life, as I understand it, is described in my “Key Points of the Social Question” in such a way that it must become the regulator of capital itself. Then what is necessary for recent development—the accumulation of capital or means of production—will be guided by the spirit—which illuminates it, provided the spirit, in its freedom, in its fruitfulness, and in its progression from generation to generation, is able to renew itself—and then capital, through the spirit, will also embody within itself what Keynes and others, for example, find lacking: morality. And then economic life will no longer be dominated by a capitalism based on selfishness and mere self-enrichment; instead, a capitalism imbued with the spirit will prevail—arising precisely from an understanding of the necessities of the world, of humanity, and of existence—and will operate in accordance with the values of people educated in the new spiritual life. Then, too, labor will no longer be a commodity, but will be incorporated into the independent, self-developing constitutional state; then, within that social fabric in which the mature human being acts alongside every other mature human being on the basis of equal rights, labor will come into its own. And it is only from a sense of the duty to work in freedom that a new upsurge in our lives can emerge—not from the demand for regimentation and duty, which must stifle every sense of justice in human beings. It is from an independent spiritual life, from an independent legal life, that we must grasp the great tasks of our time.

[ 32 ] Gehen wir ins Wirtschaftsleben, so sehen wir, wenn wir alles herausgliedern, was heute darinnen ist und heraus gegliedert werden muß -— Recht auf Boden, denn das gehört in den Rechtsstaat, Arbeit, die heute bezahlt wird wie eine Ware, denn die gehört in den Rechtsstaat, und Produktionsmittel, insofern sie kapitalisiert werden können, denn sie gehören ins geistige Glied des sozialen Organismus -, wenn wir das alles herausnehmen aus dem Wirtschaftsleben, so bleibt in ihm Warenerzeugung und Warenkonsum. Ware, als menschliches Erzeugnis, hat es nicht nur mit einem Menschen zu tun; Ware geht von einem Menschen zu anderen über. Nicht bloß derjenige hat über die Ware etwas zu sagen, der sie produziert und über ihre Herstellung Erfahrung hat, sondern auch derjenige hat mit seinen Erfahrungen dabei zu sein, der die Verkehrsverhältnisse über die Sache schafft oder der über die Bedürfnisse zu richten hat. Menschen vielerlei Art sind also am Wirtschaftsleben beteiligt, und alles im Wirtschaftsleben ist Ware. Wenn wir so aus dem Wirtschaftsleben heraus haben auf der einen Seite die Verwaltung des Kapitals im Geistgliede und die Verwaltung der Arbeit im Rechtsgliede, dann bleibt für die Verwaltung des Wirtschaftslebens das übrig, was einzig und allein gerechtfertigt ist: die Preislage, der gegenseitige Preiswert der Waren. Der aber kann, wenn er vom Zufall zur Vernunft heraufgetragen werden soll, nur bestimmt werden durch Assoziationen. In Assoziationen müssen sich die verschiedenen Menschengruppen zusammenfassen, die von dem Gesichtspunkte aus, den ich charakterisiert habe, mit einer Ware zu tun haben; denn Menschen haben von verschiedenen Ausgangspunkten aus mit der Ware zu tun, um den Preis der einen Ware im Verhältnis zur andern Ware festlegen zu können, so daß Geld nur mehr das äußere Kennzeichen für den Warenwert sein kann. Es kann nur durch Assoziationen des Wirtschaftslebens möglich sein, den wahren Preis eines Produktes für das Wirtschaftsleben herauszubekommen - darauf kommt es an. Und das kann man nicht durch Diktate und so weiter bestimmen, sondern nur durch die Erfahrungen, die von Assoziation zu Assoziation gemacht werden.

[ 32 ] If we turn to economic life, we see—when we break down everything that is currently part of it and must be separated out— — the right to land, for that belongs in a constitutional state; labor, which is paid for today as a commodity, for that belongs in a constitutional state; and the means of production, insofar as they can be capitalized, for they belong to the intellectual component of the social organism—if we remove all of that from economic life, what remains is the production and consumption of commodities. A commodity, as a human product, does not concern just one person; a commodity passes from one person to another. It is not merely the person who produces the commodity and has experience with its production who has a say in the matter, but also the person who, through their experience, establishes the conditions of exchange for the commodity or who must judge the needs. People of many different kinds are thus involved in economic life, and everything in economic life is a commodity. If, within economic life, we have on the one hand the management of capital in the intellectual sphere and the management of labor in the legal sphere, then what remains for the management of economic life is the only thing that is truly justified: the price structure, the mutual exchange value of commodities. But if this is to be elevated from chance to reason, it can only be determined by associations. Associations must bring together the various groups of people who, from the perspective I have described, are involved with a commodity; for people engage with commodities from different starting points in order to determine the price of one commodity in relation to another, so that money can be nothing more than the external marker of a commodity’s value. It is only through associations in economic life that it is possible to determine the true price of a product for economic life—that is what matters. And this cannot be determined by decrees and the like, but only through the experiences gained from association to association.

[ 33 ] Wenn also ein Mensch zum Beispiel in einen Wirtschaftszweig hineingestellt ist und darin arbeitet, so muß der Preis für sein Arbeitsprodukt so festgelegt werden, daß es nicht zu teuer und auch nicht zu billig ist. Wenn ich also ein paar Stiefel mache, muß ich dann, wenn ich sie fertig habe, für das, was ich dafür erhalte, so viel an allerlei Waren dafür bekommen, daß ich meine und der Meinen Bedürfnisse damit befriedigen kann, bis ich wiederum ein paar Stiefel fertig habe. Das läßt sich nicht errechnen, das läßt sich nur erleben im lebendigen Zusammenwirken der Assoziationen. Um zu begreifen, daß das Preisproblem im Mittelpunkte des ganzen Wirtschaftslebens steht, dazu wird allerdings ein genaueres Studium der «Kernpunkte» und derjenigen Schriften notwendig sein, die darauf hindeuten, besonders zum Beispiel meine Aufsätze in der Dreigliederungs-Zeitung, die demnächst gesammelt im Verlag des Kommenden Tages erscheinen werden. Es läßt sich dort verfolgen, was wir brauchen, um wieder den Geist herauszubekommen, den wir für unseren Aufstieg nötig haben.

[ 33 ] So, for example, if a person is employed in a particular industry and works there, the price of the product of his labor must be set so that it is neither too expensive nor too cheap. So if I make a pair of boots, once I have finished them, I must receive, in exchange for what I get for them, enough of all kinds of goods to satisfy my needs and those of my family until I have made another pair of boots. This cannot be calculated; it can only be experienced in the living interaction of associations. To understand that the problem of price lies at the very heart of all economic life, however, a more detailed study of the “Key Points” and of those writings that point to this will be necessary—in particular, for example, my essays in the *Dreigliederungs-Zeitung*, which will soon be published in collected form by the Verlag des Kommenden Tages. There, one can trace what we need to rediscover the spirit necessary for our ascent.

[ 34 ] Um diese eine große Aufgabe der Gegenwart zu lösen, müssen wir ein neues Geistesleben zur Pflege der Individualität haben; wir müssen herausholen die menschliche Selbstbedeutung und die menschlichen Fähigkeiten, die sich in den menschlichen Zusammenhang nur richtig hineinstellen können durch ein richtiges Erfassen der menschlichen Persönlichkeit und der menschlichen Individualität. Um in der richtigen Weise das Geistesleben zur Wirksamkeit zu bringen, brauchen wir das auf sich selbst gestellte — nicht das Geistesleben umfassende, sondern es aus sich herauslassende — Staats- oder Rechtsleben oder politische Leben in seiner parlamentarischen Struktur; das kann nie im Geistesleben oder im Wirtschaftsleben sein. Daraus wird dann wieder Moralität, gegenseitige Hilfeleistung hervorgebracht werden können, also alles das, was zwischen allen Menschen spielen muß, damit ein menschenwürdiges Dasein vorhanden sein kann. Und im Wirtschaftsleben brauchen wir die Lösung der Preisprobleme als eine große Aufgabe der Gegenwart. Wir können sie nur lösen, wenn wir das Wirtschaftsleben erst auf sich selbst, auf die Assoziationsgrundlage stellen.

[ 34 ] To solve this one great task of our time, we must cultivate a new spiritual life dedicated to fostering individuality; we must bring to the fore human self-significance and human capacities, which can only be properly integrated into the human context through a correct understanding of the human personality and human individuality. In order to bring spiritual life into effect in the right way, we need a state, legal, or political life—in its parliamentary structure—that stands on its own—not one that encompasses spiritual life, but one that allows it to emerge from within itself; this can never be found in spiritual life or in economic life. From this, morality and mutual aid can then be fostered—in other words, everything that must exist among all human beings so that a dignified existence can be realized. And in economic life, we need to address the problem of prices as a major task of the present. We can only solve it if we first ground economic life in itself, on the basis of association.

[ 35 ] Und wir kommen nur vorwärts, wenn wir diese drei selbständigen Glieder in einer gewissen freien Weise zusammenwirken lassen und uns nicht fürchten vor einer etwaigen «Teilung» oder «Zerschneidung» dieser drei Glieder. Man braucht nur ein wenig über den menschlichen Organismus nachzudenken und wird diese Furcht nicht mehr haben. In meinem Buche «Von Seelenrätseln» habe ich angedeutet, wie auch der menschliche Organismus aus drei selbständigen Gliedern besteht: aus der Nerven-Sinnestätigkeit, aus der rhythmischen Tätigkeit und der Stoffwechseltätigkeit. Aus diesen drei Tätigkeiten — als Tätigkeiten - gliedert sich die gesamte Funktion des menschlichen Lebens zusammen. Ebensowenig wie man mit den Augen atmen oder mit der Lunge sehen kann, ebensowenig sollte der Staat das Geistesleben bestimmen, ebensowenig sollte das Geistesleben in das Rechtsleben eingreifen. Und ebensowenig wie man mit dem Magen denken kann, ebensowenig sollte man vom Wirtschaftsleben aus politische Diktate geben oder Rechte bestimmen. Und gerade dadurch, daß die Lungen atmen, daß der Kopf sieht und denkt und daß der Magen verdaut, wirken die drei selbständigen Glieder im menschlichen Organismus in einer Einheit zusammen; diese Einheit ist nicht abstrakt vorhanden, sondern sie entsteht als eine lebendige aus den drei selbständigen Gliedern.

[ 35 ] And we can only move forward if we allow these three independent components to interact in a certain free manner and do not fear a possible “division” or “fragmentation” of these three components. One need only reflect a little on the human organism to overcome this fear. In my book *On the Mysteries of the Soul*, I have indicated how the human organism, too, consists of three independent components: nervous-sensory activity, rhythmic activity, and metabolic activity. The entire function of human life is structured from these three activities—as activities. Just as one cannot breathe with one’s eyes or see with one’s lungs, so too should the state not dictate spiritual life, nor should spiritual life interfere with legal life. And just as one cannot think with one’s stomach, so too should economic life not be used to issue political dictates or determine laws. And it is precisely because the lungs breathe, the head sees and thinks, and the stomach digests that these three independent parts of the human organism work together as a unity; this unity does not exist in the abstract, but arises as a living whole from the three independent parts.

[ 36 ] So wird die wahre Einheit des sozialen Organismus entstehen, wenn wir die drei großen Aufgaben der Gegenwart im Geistesleben, im Rechtsleben und im Wirtschaftsleben erfassen. Es sind diese drei großen Aufgaben gewiß für viele eine Utopie. Aber selbst den Menschen der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts wäre das, was sich entwickelt hat vom Jahre 1870 bis 1913 in Mitteleuropa, rein wirtschaftlich gedacht, eine Utopie gewesen. Wenn wir bloß daran denken, daß im Jahre 1870 in Deutschland 30 Millionen "Tonnen Kohle gefördert und verarbeitet worden sind, daß im Jahre 1913 dagegen 190 Millionen Tonnen gefördert und verarbeitet wurden — wahrhaftig, für einen Menschen der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts wäre das eine Utopie gewesen, wenn man damals von einer solchen Anschwellung der Kohlenförderung und -verarbeitung gesprochen hätte. Man soll sich nicht fürchten vor einem solchen Vorwurf der Utopie oder der Phantasterei. Und wenn auch das, was so als Dreigliederung hingestellt wird, nicht gleich verwirklicht werden könnte, so wollen wir uns erinnern an ein Wort, das Fichte einmal vor seinen Zuhörern ausgesprochen hat, als er über das Wesen und die Bestimmung des Gelehrten redete. Da meint er ungefähr: Daß sich die Ideale im praktischen Leben nicht gleich verwirklichen können, das wissen wir auch, aber wir wissen auch, daß in solchen Idealen große Impulse und große Kräfte liegen, welche die Menschheit vorwärtsbringen können; wenn die sogenannten Praktiker solches nicht anerkennen, dann bezeugen sie damit nichts anderes, als daß bei der Weltenentwicklung einst auf sie nicht gerechnet worden ist; und so möge ihnen denn eine gütige Gottheit zur rechten Zeit Licht und Sonnenschein, eine gute Verdauung und, wenn es sein kann, auch ein wenig Verstand gewähren! - Wer ein wirklicher Praktiker ist, der rechnet auf die realen praktischen Kräfte des Lebens und läßt sich nicht durch jene Einwände verdrießen, die so recht in dem Stile sind, wie sie Fichte charakterisiert, und die dann sagen: Was soll das niedergeworfene Deutschland, was soll die in Mitteleuropa ins Elend gekommene Menschheit allein machen, wenn alle andern nicht mit der Dreigliederung mitmachen wollen?

[ 36 ] This is how the true unity of the social organism will come into being when we grasp the three great tasks of the present day in spiritual life, legal life, and economic life. These three great tasks are certainly a utopia for many. But even to people in the 1830s, what developed in Central Europe from 1870 to 1913—from a purely economic perspective—would have been a utopia. If we merely consider that in 1870, 30 million metric tons of coal were mined and processed in Germany, whereas in 1913, 190 million metric tons were mined and processed—truly, for a person living in the 1830s, it would have been a utopia if anyone had spoken back then of such a surge in coal mining and processing. One should not fear such an accusation of utopianism or fantasy. And even if what is presented as this threefold social order could not be realized immediately, let us recall a statement Fichte once made to his audience when he spoke about the nature and purpose of the scholar. He said something to the effect that: We know, of course, that ideals cannot be realized immediately in practical life, but we also know that such ideals contain great impulses and great forces capable of propelling humanity forward; if the so-called practitioners do not acknowledge this, then they thereby testify to nothing other than the fact that they were not counted upon in the course of world history; and so may a benevolent deity grant them, at the right time, light and sunshine, good digestion, and, if possible, a little common sense as well! — Whoever is a true practitioner relies on the real, practical forces of life and does not allow himself to be disheartened by those objections that are so very much in the style Fichte characterizes, and which then say: “What is a defeated Germany to do, what is humanity—now reduced to misery in Central Europe—to do on its own, if everyone else refuses to participate in the threefold social order?”

[ 37 ] Sehr verehrte Anwesende, wenn wir mit aller Kraft - selbst heute noch, wo es schier zu spät ist - an dieser Dreigliederung des sozialen Organismus so viel arbeiten, daß sie in möglichst viele Köpfe hineingeht, und sie wirklich lebendig vor die Welt hinstellen, dann werden sie die anderen, selbst wenn sie die Sieger sind, als etwas für die Welt und die Menschheit Fruchtbares und Heilsames schon hinnehmen. Als die «Kernpunkte» ins Englische übersetzt worden sind, da konnte man sehen, wie fast jede Besprechung dieses Buches mit den Worten anfing: Man kann fast nicht anders, als dieses Buch mit Vorurteilen lesen -, aber selbst da ist man dann mit einer gewissen Objektivität an den Inhalt gegangen. Eines fehlt uns nur: die Menschen, die uns helfen beim Fruchtbarmachen dieser Ideen für das Leben. Wir brauchen Menschen, in denen Fortschrittsgeist lebt, aber Fortschrittsgeist - nicht Fortschrittsphrase. Und je mehr wir solche Menschen gewinnen, umso weniger brauchen wir uns vor dem Vorwurf zu fürchten, daß wir in Mitteleuropa gegen die andern nichts vermögen.

[ 37 ] Ladies and gentlemen, if we work with all our might—even today, when it is almost too late—to ensure that this threefold structure of the social organism takes root in as many minds as possible, and if we present it to the world in a truly living way, then others—even if they are the victors—will accept it as something fruitful and beneficial for the world and for humanity. When the “Key Points” were translated into English, it became apparent that almost every review of this book began with the words: “One can hardly help but read this book with preconceptions”—but even then, the reviewers approached the content with a certain objectivity. There is only one thing missing: the people who will help us make these ideas fruitful for life. We need people in whom the spirit of progress lives—but the spirit of progress, not mere progress-speak. And the more we win over such people, the less we need to fear the accusation that we in Central Europe are powerless against the others.

[ 38 ] Ein anderer Einwand, der oft gemacht wird, ist der: Was vermag denn der Einzelne, auch wenn er so etwas durchschaut wie die Fruchtbarkeit des Dreigliederungsimpulses? — Ach, möge sich nur keiner grämen, daß es die «andern» nicht durchschauen, möge er nur selbst als einzelner sehen, daß er es durchschaut, dann gibt er ein Beispiel für andere und betritt den Weg, wo aus einzelnen viele werden. Und auch der andere Vorwurf soll uns nicht zur Verdrießlichkeit gereichen, wenn die Leute immer wieder und wieder sagen: Wenn man auf solchem Weg den Aufstieg sucht, dann dauert es lange. - Wir wollen nicht darüber die Zeit verlieren, wie lange es dauert, sondern wir wollen uns darüber klar sein: Je stärker wir es wollen, um so schneller wird es kommen! Wir wollen nicht «Betrachtungen» anstellen, sondern wir wollen so denken und handeln, damit es durch unser Handeln, unser Wollen und Denken so schnell als möglich kommen muß.

[ 38 ] Another objection that is often raised is this: What can the individual actually do, even if he sees through something like the fruitfulness of the threefolding impulse? — Oh, let no one be disheartened that the “others” do not see through it; let him simply see for himself, as an individual, that he does see through it—then he sets an example for others and steps onto the path where the few become many. Nor should the other criticism cause us to lose heart when people say, time and again: If one seeks to ascend along such a path, it takes a long time. — Let us not waste time wondering how long it will take, but let us be clear about this: The more strongly we want it, the faster it will come! Let us not engage in “speculation,” but let us think and act in such a way that, through our actions, our will, and our thinking, it must come as quickly as possible.

[ 39 ] Wenn so der Mensch sich die richtigen Wege für das richtige soziale Zusammenleben in der Seele lebendig macht, wenn er seine Seele befeuert und ganz durchlebt mit diesen Impulsen, die uns zeigen, in welcher Weise aus dem Geistesleben, aus dem Rechts-, Staats- oder politischen Leben und aus dem Wirtschaftsleben heraus ein Aufstieg möglich ist, dann kann er von einem einzelnen Erdenterritorium aus selbst gegen die Vorurteile der ganzen Welt so wirken, daß viele einzelne Territorien entstehen, welche die Impulse aufnehmen und weitertragen zum Fortschritt und Heil der Menschheit. So kann dadurch aus einer langen Schmerzensperiode eine kurze werden; so kann man Raum und Zeit und mannigfaltige [Hemmnisse] überwinden, wenn man aus dem selbständigen Rechtsbewußtsein und aus dem richtigen Wirtschaftsbewußtsein der Gegenwart heraus das wahre Heil der Menschheit für einen neuen Aufstieg wirklich finden will.

[ 39 ] When a person brings to life within their soul the right paths to proper social coexistence, when they ignite their soul and live fully in accordance with these impulses—which show us how an ascent is possible from spiritual life, from legal, civic, or political life, and from economic life— then, even from a single territory on Earth, they can work against the prejudices of the entire world in such a way that many individual territories arise which take up these impulses and carry them forward for the progress and salvation of humanity. In this way, a long period of suffering can be shortened; in this way, one can overcome space, time, and manifold [obstacles] if, drawing from an independent sense of justice and a sound economic consciousness of the present, one truly seeks the true salvation of humanity for a new ascent.