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Social Ideas, Social Reality
and Social Practice I
GA 337a

23 June 1920, Stuttgart

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Social Ideas, Social Reality and Social Practice I, tr. SOL
  1. Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit, Soziale Praxis I

7. Über Außenpolitik im Lichte der Geisteswissenschaft und Dreigliederung

7. On Foreign Policy in Light of Spiritual Science and the Threefold Social Order

Zu Beginn des Studienabends hält Ludwig Graf Polzer-Hoditz einen Vortrag «Über Außenpolitik im Lichte der Geisteswissenschaft und Dreigliederung». Anschließend ergreift Rudolf Steiner das Wort.

At the beginning of the study evening, Ludwig Graf Polzer-Hoditz gives a lecture titled “On Foreign Policy in the Light of the Spiritual Science and the Threefold Social Order.” Rudolf Steiner then takes the floor.

[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich möchte über einiges, das Graf Polzer heute berührt hat, aphoristisch vielleicht das eine oder andere sagen, da ja wiederholt auch angespielt worden ist auf Dinge, die ich da oder dort im Laufe der Zeit berührt habe.

[ 1 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! I would like to say a few things—perhaps in the form of aphorisms—about some of the points Count Polzer touched on today, since there have been repeated allusions to matters I have addressed here and there over the years.

[ 2 ] Man kann an verschiedenen Erscheinungen ganz deutlich sehen, wie in der neueren politischen Entwicklung im 19. Jahrhundert die Tatsache auftritt, auf die Graf Polzer hat hinweisen wollen, dieser Bruch, möchte ich sagen, der dann in die Katastrophe hineingeführt hat. Er hat gesprochen von diesen Jahren des Übergangs und der völligen Ratlosigkeit namentlich der mitteleuropäischen Völker, von den siebziger, achtziger Jahren, wo in Österreich stattgefunden haben die Kämpfe über die Okkupation Bosniens, die Slawenfrage und so weiter. Dem vorangegangen sind die sechziger Jahre, in denen noch eine gewisse Nachwirkung vorhanden war jener europäischen politischen Stimmungen, die aus dem Jahre 1848 stammen. Man kann diese Stimmungen eigentlich in ganz Mitteleuropa verfolgen, sowohl in den österreichischen Ländern wie auch in dem, was dann später zu dem Deutschen Reich geworden ist: es ist dasjenige, was man nennen könnte das Auftreten eines gewissen abstrakten Liberalismus, eines abstrakt-theoretischen Liberalismus.

[ 2 ] One can see quite clearly from various phenomena how, in the political developments of the 19th century, the fact that Count Polzer sought to highlight emerged—this rupture, I would say, which ultimately led to catastrophe. He spoke of those years of transition and utter bewilderment, particularly among the Central European peoples—the 1870s and 1880s—when struggles took place in Austria over the occupation of Bosnia, the Slavic question, and so on. This was preceded by the 1860s, during which a certain aftereffect of those European political sentiments dating back to 1848 was still present. One can actually trace these sentiments throughout all of Central Europe, both in the Austrian lands and in what later became the German Empire: it is what one might call the emergence of a certain abstract liberalism, an abstract-theoretical liberalism.

[ 3 ] In Österreich war es ja Ende der sechziger Jahre, als herauswuchs aus den Ministerien Schmerling, Belcredi das erste sogenannte Bürgerministerium Carlos Auersperg, das einen ausgesprochen liberalen, aber theoretisch-abstrakt-liberalen Charakter hatte. Dann, nach einer ganz kurzen Zwischenregierung, wo die slawische Frage zu einer gewissen Höhe geführt wurde unter Taaffe, Potocki, Hohenwart bildete sich dann heraus in den siebziger Jahren in Österreich das sogenannte zweite Bürgerministerium, das Ministerium Adolf Auersperg, wieder eine Art von bürgerlich-liberalistischer Richtung. Diesen Richtungen gingen parallel die Kämpfe, die geführt worden sind von den liberalistischen Parteien Preußens und der einzelnen deutschen Staaten gegen den auftauchenden Imperialismus Bismarcks und so weiter. Diese liberalistischen Strömungen, die da auftauchten, sie sind außerordentlich lehrreich, und es ist eigentlich schade, daß sich die heutige Generation so wenig erinnert an dasjenige, was in Deutschland gesprochen worden ist, in Preußen gesprochen worden ist in den siebziger, achtziger Jahren von Männern wie Lasker und so weiter, was in Österreich gesprochen worden ist von dem heute von Graf Polzer erwähnten Giskra und anderen ähnlich liberalisierenden Staatsmännern. Man würde eben sehen, wie da ein gewisser freisinniger, guter Wille heraufkam, der aber im Grunde genommen verlassen war von einer jeglichen positiven politischen Einsicht. Das ist das Charakteristische, daß heraufzieht in Mitteleuropa ein abstrakter Liberalismus, der viele schöne, freiheitliche Grundsätze hat, der aber nicht mit historischen Tatsachen zu rechnen weiß, der von allen möglichen Menschenrechten redet, der aber wenig von der Geschichte zu reden und namentlich wenig aus der Geschichte heraus zu wirken versteht. Und es ist vielleicht das Verhängnis für ganz Mitteleuropa gewesen — in Österreich hat ja der Weltkrieg begonnen, oder wenigstens von Österreich aus nahm er seinen Anfang -, es ist das Verhängnis gewesen, daß diese liberalisierende Richtung in Österreich so furchtbar unpolitisch gegenüberstand den großen Problemen, die gerade in Österreich zum Vorschein kamen und auf die ja in den wichtigsten Teilen Graf Polzer hingewiesen hat.

[ 3 ] In Austria, it was in the late 1960s that the first so-called “Citizens’ Ministry”—led by Carlos Auersperg—emerged from the ministries of Schmerling and Belcredi; this ministry had a distinctly liberal, though theoretically and abstractly liberal, character. Then, after a very brief interim government—during which the Slavic question was brought to a certain head under Taaffe, Potocki, and Hohenwart—the so-called second “civilian ministry,” the ministry of Adolf Auersperg, emerged in Austria in the 1870s, again representing a sort of bourgeois-liberal orientation. Parallel to these movements were the struggles waged by the liberal parties of Prussia and the individual German states against the emerging imperialism of Bismarck and so on. These liberal currents that emerged are extraordinarily instructive, and it is actually a pity that today’s generation remembers so little of what was said in Germany, in Prussia, in the 1870s and 1880s by men like Lasker and others, and what was said in Austria by Giskra—mentioned today by Count Polzer—and other similarly liberal-minded statesmen. One would see how a certain liberal-minded goodwill emerged there, which, however, was fundamentally devoid of any positive political insight. This is the defining feature: an abstract liberalism is taking hold in Central Europe—one that espouses many fine, liberal principles but fails to reckon with historical facts; one that speaks of all manner of human rights but knows little about history and, above all, knows little how to draw lessons from it. And it may have been the downfall of all of Central Europe—after all, the World War began in Austria, or at least it originated there—it was the downfall that this liberalizing movement in Austria took such a terribly apolitical stance toward the major problems that were coming to the fore precisely in Austria, and to which Count Polzer has pointed out the most important aspects.

[ 4 ] Nun muß man ein wenig näher studieren, was dieser Liberalismus in Österreich eigentlich vorstellt. Man kann ihn studieren, wenn man heute noch vernimmt die Reden des älteren und jüngeren Plener. Man kann ihn studieren, wenn man die Reden von Herbst vernimmt, jenes Herbst, der ein großer österreichischer Staatsmann sein wollte der liberalisierenden Richtung. Bismarck, der Realpolitiker, nannte die Anhänger von Herbst «die Herbstzeitlosen», eines von jenen Bonmots, welche ertötend sind im öffentlichen Leben. Und man kann diesen Liberalismus noch an einem anderen Orte studieren, in Ungarn, wo immer wieder und wiederum mit einem außerordentlich starken Machtgefühl im ungarischen Reichstag Koloman Tisza auftrat, gerade auch im äußeren Gebaren, möchte ich sagen, der richtige Vertreter des weltabgewandten, weltfremden Liberalismus, der — ohne die historische Tatsachen — nur rechnet mit dem, was aus abstrakten, allgemeinen Grundsätzen hervorgeht. Tisza, der ältere, also der Vater dessen, der im Weltkrieg eine Rolle spielte, zeigte das schon in seinem äußeren Gebaren. Er konnte nie anders als mit dem Bleistift in der Hand auftreten, wie wenn er seine Grundsätze, die in Bleistiftnotizen fixiert sind, abreden würde vor denjenigen, die ein gläubiges Publikum darstellen. In gewissem Sinne kann man eine etwas mindere Auflage studieren an dem Bismarckgegner Eugen Richter, der in Preußen-Deutschland aber einer späteren Zeit angehört. An diesen Leuten kann man analysieren dasjenige, was als so recht unfruchtbare Politik heraufgezogen ist. Namentlich haben alle diese Leute Politik in der englischen politischen Schule gelernt. Und das wichtigste Faktum, das Wesentliche war dieses, daß alles, was Plener, Giskra, Hausner, Berger, Lasker, Lasser vorbrachten, was der Tisza in Ungarn vorbrachte, daß das etwas Positives, Konkretes für die Engländer ist; daß es bei den Engländern etwas bedeutet, weil es sich da auf Tatsachen bezieht, weil tatsächlich dasjenige, was da als liberalisierende Grundsätze verfolgt wird, angewendet, in der Welt nach und nach zum Imperialismus führen kann. Ja, ich möchte sagen, es steckt in den englischen Vertretern dieser Grundsätze der Imperialismus stark in diesen Dingen drinnen. Indem dieselben Grundsätze von den eben genannten Persönlichkeiten in ihren Parlamenten vertreten wurden, waren das ausgepreßte Zitronen; da bezogen sich dieselben Grundsätze auf nichts; da waren sie Abstraktionen. Gerade da kann man am besten studieren, worin der Unterschied liegt zwischen einer Realität und einer Phrase. Der Unterschied liegt nicht im Wortlaut, sondern er liegt darin, ob man in der Wirklichkeit drinnensteht oder nicht. Wenn man im Wiener oder Berliner Parlament dieselben Dinge sagt wie im Londoner Parlament, so ist das etwas ganz anderes. Und deshalb war dasjenige, was als liberalisierende Richtung von England herkam und in England positive, konkrete Politik war, in Berlin und Wien Phrase, phrasenhafte Politik.

[ 4 ] Now we must examine a little more closely what this liberalism in Austria actually entails. One can examine it by listening today to the speeches of the elder and younger Plener. One can study it by listening to the speeches of Herbst—that Herbst who wanted to be a great Austrian statesman of the liberal persuasion. Bismarck, the realist politician, called Herbst’s followers “the Herbst anemones,” one of those witticisms that are devastating in public life. And one can study this liberalism in yet another place, in Hungary, where Koloman Tisza appeared time and again in the Hungarian Parliament with an extraordinarily strong sense of power; in his outward demeanor, I might say, he was the very embodiment of that otherworldly, unworldly liberalism which—disregarding historical facts—reli[es] solely on what follows from abstract, general principles. Tisza the elder—that is, the father of the man who played a role in the World War—already displayed this in his outward demeanor. He could never appear without a pencil in his hand, as if he were reciting his principles, which were recorded in pencil notes, to those who constituted a faithful audience. In a certain sense, one can study a somewhat lesser example in the Bismarck opponent Eugen Richter, who, however, belonged to a later period in Prussian-Germany. In these people, one can analyze what has emerged as such a fruitless form of politics. Notably, all of these people learned politics in the English political school. And the most important fact, the essential point, was this: that everything put forward by Plener, Giskra, Hausner, Berger, Lasker, and Lasser—and what Tisza put forward in Hungary—is something positive and concrete for the English; that it carries weight with the English because it is based on facts, because what is actually being pursued there as liberalizing principles, when applied, can gradually lead to imperialism in the world. Yes, I would say that imperialism is deeply ingrained in these matters among the English proponents of these principles. When the same principles were advocated by the aforementioned figures in their respective parliaments, they were like squeezed-out lemons; there, those same principles referred to nothing; there, they were abstractions. It is precisely there that one can best study the difference between reality and empty rhetoric. The difference does not lie in the wording, but in whether one is actually immersed in reality or not. If one says the same things in the Vienna or Berlin parliament as in the London parliament, it is something entirely different. And that is why what came from England as a liberalizing movement—and was positive, concrete policy in England—was mere rhetoric, rhetorical politics, in Berlin and Vienna.

[ 5 ] Ich kann ja hier nicht diese Dinge alle entwickeln heute, sondern nur ein paar Aphorismen, vielleicht nur Bilder hinstellen. Aber wenn man sehen will, was da für Gegensätze vorhanden sind, ist es interessant, einmal zu hören oder sich wieder zu vergegenwärtigen, wie in dem damaligen österreichischen Parlament oder in den Delegationen solche Redner gesprochen haben wie Suess, Sturm oder Plener gerade bei jener Debatte, die sich angeknüpft hat an die beabsichtigte und dann sich vollziehende Okkupation von Bosnien und der Herzegowina. Und wie dann aufgetreten ist ein Mann, der aus dem slawischen Volkstum heraus gesprochen hat. Ich erinnere mich noch lebhaft einer Rede, die einen gewissen großen Eindruck dazumal gemacht hat, es ist die Rede, die dazumal Otto Hausner im österreichischen Parlament gehalten hat, die er dann auch erscheinen ließ «Deutschtum und Deutsches Reich» — ich konnte sie leider nicht wieder bekommen, ich würde sie sehr gerne wieder haben, aber ich weiß nicht, ob sie völlig vergriffen ist. Wenn man diese Rede im Zusammenhang liest mit einer anderen, die er gehalten hat, als der Arlbergtunnel gebaut worden ist, wenn man liest, was er da unter dem Gesichtspunkte höherer Politik gesagt hat und was er vom politischen Podium hineinwarf in das österreichische Parlament, als Andrássy daranging, für die Okkupation Bosniens zu wirken, da wurden Realitäten gesprochen. Hausner war, äußerlich angesehen, eine Art Geck, eine Art von abgelebtem, snobistischem und maskiertem Geck, der ständig mit dem Monokel im Wiener Herrenhaus zu sehen war, dem man im Café Central um ein bestimmte Stunde immer begegnete, ein alter Geck, aber durch und durch geistvoll und aus Realitäten heraus sprechend. Wenn man all diese Reden zusammenhält, so ist im Grunde genommen [die Katastrophe von] 1914 bis 1918 dazumal vorausverkündet worden, sogar auch das, was wir jetzt erleben, der Seelenschlaf, der sich über dieses Mitteleuropa ergießßt. Und da sieht man eben, wie derjenige, der die Realitäten anschaut — und ich könnte Ihnen solche noch viele, viele anführen -, tatsächlich zu der zweiten These, von der Ihnen heute Abend gesprochen worden ist, kommen mußte aus der Wirklichkeit heraus.

[ 5 ] I can’t really go into all of these things here today—only offer a few aphorisms, or perhaps just present some images. But if one wants to see what kinds of contrasts exist there, it is interesting to hear—or to remind oneself—how speakers such as Suess, Sturm, or Plener addressed the Austrian Parliament or the delegations at that time, particularly during the debate that followed the planned and subsequently carried out occupation of Bosnia and Herzegovina. And then there was a man who spoke from the perspective of the Slavic people. I still vividly recall a speech that made quite an impression at the time; it is the speech that Otto Hausner delivered in the Austrian Parliament back then, which he later published as *Deutschtum und Deutsches Reich*—unfortunately, I haven’t been able to obtain a copy again; I would very much like to have it, but I don’t know if it is completely out of print. If one reads this speech in conjunction with another he delivered when the Arlberg Tunnel was being built—if one reads what he said there from the perspective of higher politics and what he threw from the political podium into the Austrian Parliament while Andrássy was working to bring about the occupation of Bosnia—then one sees that he was speaking the truth. Outwardly, Hausner was a sort of dandy—a sort of washed-up, snobbish, and pretentious dandy who was constantly seen wearing a monocle at the Vienna Herrenhaus, whom one always encountered at Café Central at a certain hour—an old dandy, yet witty through and through and speaking from a place of reality. If one considers all these speeches together, then [the catastrophe of] 1914 to 1918 was, in essence, foretold back then—even what we are now experiencing: the spiritual slumber that is spreading over Central Europe. And there you see how anyone who looks at reality—and I could cite many, many more examples like this—had to arrive at the second thesis, which was discussed with you this evening, based on reality itself.

[ 6 ] Diese Dinge, die mit der Dreigliederung zusammenhängen, sind ja alle wahrhaftig nicht irgendwie theoretisch ausgedacht, sind nichts Professorenhaftes, sondern sie sind durchaus aus der Wirklichkeit herausgeholt. Und wer erlebt hat, wie dazumal zusammenstießen in Österreich dieses österreichische Deutschtum - denn das war im wesentlichen der Träger des österreichischen Liberalismus — mit dem damals heraufkommenden und seine Prätentionen erhebenden österreichischen Slawentum, in dem mußte sich die Anschauung zusammenkristallisieren: Der Panslawismus ist eine positive Macht. — Er hat sich wirklich heraufgelebt als eine positive Macht, dieser Panslawismus. Und vielleicht wichtiger als dasjenige, was von dem Tschechentum gekommen ist - von dem Palacki bis zu dem Rieger -, ist das, was vom Polentum gekommen ist. Die Polen haben gerade in Österreich als eine Art Vorstoßelement, als Vortrupp für das Slawentum, eine außerordentlich große Rolle gespielt, und umfassende politische Gesichtspunkte haben sie alle vertreten. Hausner, der ja polonisiert war, sagte selbst einmal in einer Rede, daß «rätisch-alemannische Blutkügelchen» — eine sonderbare Chemie - in seinen Adern rollen; er fühlte sich aber als Urpole. Aber es sprachen ja im Wiener Parlament gerade in diesen wichtigen Zeiten auch andere Polen: Grocholski, Goluchowski und Dzieduszycki und so weiter, und man muß sagen, da kamen schon große politische Gesichtspunkte heraus, währenddem das liberalisierende Deutschtum leider in die Phrase ausartete. Es konnte sich nicht halten, so daß es dann endlich einlief in diejenige Partei, die Polzer-Hoditz auch erwähnt hat, in die Christlichsoziale Partei diejenige Partei, die unter den jungen Leuten in Wien, die sich dazumal mit Politik beschäftigten, mit der auch ich mich damals beschäftigt habe, die «Partei der dummen Kerle von Wien» genannt wurde; es ist dann die Lueger-Partei daraus geworden.

[ 6 ] These ideas related to the threefold social order are certainly not some kind of theoretical construct; they are not the product of academic speculation, but are drawn entirely from reality. And anyone who experienced how, back then in Austria, this Austrian German identity—for that was essentially the vehicle of Austrian liberalism—clashed with the emerging Austrian Slavic identity, which was asserting its claims, could not help but come to the realization: Pan-Slavism is a positive force. — This Pan-Slavism has truly established itself as a positive force. And perhaps more important than what came from the Czech movement—from Palacký to Rieger—is what came from the Polish movement. The Poles played an extraordinarily significant role in Austria as a kind of vanguard, as the advance guard for Slavic culture, and they represented a wide range of political perspectives. Hausner, who was, after all, Polonized, once said in a speech that “Rhaetian-Alemannic blood cells”—a strange chemical mixture—flowed through his veins; yet he considered himself a true Pole. But other Poles also spoke in the Vienna Parliament during these very important times: Grocholski, Goluchowski, Dzieduszycki, and so on, and it must be said that significant political perspectives emerged from their words, whereas the liberalizing German movement, unfortunately, degenerated into empty rhetoric. It could not sustain itself, so that it eventually merged into the very party that Polzer-Hoditz also mentioned—the Christian Social Party—the party that, among the young people in Vienna who were involved in politics at the time (and with which I, too, was involved back then), was called the “Party of the Stupid Guys of Vienna”; it later became the Lueger Party.

[ 7 ] Dieser Gegensatz von einer niedergehenden Richtung gegenüber einer aufgehenden ist sehr interessant. Und in einem gewissen Sinn waren die Polen skrupellos, so daß alles mögliche herauskam, zum Beispiel das folgende: Man wollte in Österreich zurückkehren zum alten Schulgesetz, zum alten, klerikalen Schulgesetz — ich sage «Österreich», aber, um seine Konkretheit auszudrücken, sprach man im österreichischen Parlament, [dem Reichsrat], nicht von «Österreich» oder sowas, sondern von den «im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern»; Österreich-Ungarn hatte ja eine dualistische Regierungsform; der eine Teil hieß «die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder», der andere «die Vertretung der Länder der Heiligen Stephanskrone». Als man also in Österreich wiederum zu einem klerikalen Schulgesetz zurückkommen wollte, konnte aber eine Majorität nicht gebildet werden durch die Deutschen bloß, sondern damit mußten entweder die Polen oder die Ruthenen sich verbinden. Immer wenn gerade die Meinung nach einer bestimmten Richtung ging, wurde eine Koalition gebildet zwischen Deutschen und Ruthenen, und, wenn sie nach einer anderen Richtung ging, zwischen Deutschen und Polen. Damals handelte es sich also darum, ein klerikales Schulgesetz zu bilden. Die Polen gaben den Ausschlag, aber was haben sie getan? Sie sagten: Ja, gut, wir stimmen diesem Schulgesetz zu, aber Galizien, das nehmen wir aus. — Also das eigene Land nahmen sie aus. So entstand dazumal ein Schulgesetz durch eine Majorität, die polnische Delegierte in ihrem Schoß hatte, aber diese polnischen Delegierten nahmen das eigene Land aus, sie verhängten ein Schulgesetz über die anderen österreichischen Länder. Das hat zum Schluß ergeben, daß ein Gebiet über das andere regierte und etwas verfügte, was es im eigenen Gebiet nicht angewendet wissen wollte. So standen die Dinge. Wie sollte man da politisch gewachsen sein den Riesenaufgaben, die herankamen!

[ 7 ] This contrast between a declining trend and a rising one is very interesting. And in a certain sense, the Poles were unscrupulous, so that all sorts of things came to light, for example the following: In Austria, there was a desire to return to the old school law, the old, clerical school law—I say “Austria,” but to be precise, in the Austrian Parliament [the Imperial Council], they did not speak of “Austria” or anything of the sort, but rather of the “kingdoms and provinces represented in the Imperial Council”; Austria-Hungary, after all, had a dualistic form of government; one part was called “the kingdoms and provinces represented in the Imperial Council,” the other “the representation of the provinces of the Holy Crown of St. Stephen.” So when there was a move in Austria to revert to a clerical school law, a majority could not be formed by the Germans alone; instead, either the Poles or the Ruthenians had to join forces with them. Whenever opinion leaned in a certain direction, a coalition was formed between Germans and Ruthenians, and when it leaned in another direction, between Germans and Poles. At that time, the issue at hand was the enactment of a clerical school law. The Poles tipped the balance, but what did they do? They said: “Yes, fine, we agree to this school law, but we’ll exclude Galicia.” — So they excluded their own country. That is how an education law came into being at that time through a majority that included Polish delegates, but these Polish delegates excluded their own country; they imposed an education law on the other Austrian provinces. This ultimately meant that one region ruled over another and decreed something that it did not want applied in its own territory. That was the state of affairs. How could one possibly be politically prepared to face the enormous challenges that lay ahead!

[ 8 ] Es kam dann so, daß die Regierung nach diesem zweiten bürgerlichen Ministerium schließlich überging an dieses Ministerrum Taaffe, das ja selbst sich das Zeugnis ausstellte: In Österreich kann man, wenn man richtig regieren will, nur wursteln -, das heißt also von einer Schwierigkeit zur anderen jonglierend sich bewegen, eines durch das andere retten und so weiter. Das Ministerium, das Taaffe an der Spitze hatte als Ministerpräsidenten, wurde dann auch «geistreich» geführt. Taaffe verdankte ja seine Stellung weniger seinen intellektuellen Kapazitäten, sondern der Tatsache, daß dazumal am Wiener Hofe -— der Wiener Hof war ja auch schon in einem Zustande, der hineinsegelte in das schauerliche Drama von Mayerling —, daß dazumal am Wiener Hofe eine große Empfänglichkeit vorhanden war für die besondere Kunst des Grafen Taaffe, die darin bestand, daß er mit dem Taschentuch und Fingern kleine Häschen und Schattenfiguren machen konnte. Die gefielen dazumal den Wiener Hofleuten ganz besonders, und dadurch wurde Taaffes Stellung gefestigt. Er konnte durch ein Jahrzehnt hindurch dieses österreichische Chaos in einer entsprechenden Strömung halten. Es ist eigentlich ganz trostlos gewesen, wenn man die Sache mit angesehen hat. Ich habe dazumal wahrhaftig mit recht vernünftigen Leuten gesprochen. Man wußte, daß sich dieser Taaffe hielt durch die Häschen. Aber solche Menschen, wie zum Beispiel der Dichter Rollett, der sagte mir: Ja, aber dieser Taaffe, das ist schließlich noch unser Gescheitester. -— Es waren schon trostlose Verhältnisse. Und man darf nicht außer acht lassen, wie nach und nach im Verlauf jenes halben Jahrhunderts, auf das Graf Polzer hingewiesen hat, sich das vorbereitet hat, das dann während des Weltkrieges der ganz geistreiche, aber durch und durch frivole Czernin eine führende Rolle einnehmen konnte in dem wichtigsten Augenblick. Wie konnte man da hoffen, daß anders als durch die Not so etwas wie die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus aufgefaßt würde, die, nun aus den inneren Kräften der Geschichte heraus geboren, im Jahre 1917 an die mitteleuropäischen Mächte herangebracht worden ist. Die Leute haben nur nichts davon verstanden, und das ist ja auch nicht zu verwundern, denn schließlich mit Häschenmachen ist die Dreigliederung nicht zu verstehen. Es werden andere Künste notwendig sein, um in diese Dinge einzudringen.

[ 8 ] It so happened that, following this second bourgeois cabinet, the government eventually passed to Taaffe’s cabinet, which essentially issued its own verdict: In Austria, if one wants to govern properly, one can only muddle through—that is, navigate by juggling from one difficulty to the next, saving one situation through another, and so on. The cabinet, headed by Taaffe as prime minister, was then led in a “witty” manner. Taaffe owed his position less to his intellectual abilities than to the fact that at the Viennese court at that time —the Viennese court was, after all, already in a state that would eventually lead to the horrific drama of Mayerling—there was a great receptiveness to Count Taaffe’s special art, which consisted of his ability to make little bunnies and shadow figures with a handkerchief and his fingers. These were particularly popular with the Viennese courtiers at the time, and this solidified Taaffe’s position. For a decade, he was able to keep this Austrian chaos moving in a certain direction. It was actually quite disheartening to witness the whole affair. I truly spoke with some very sensible people back then. People knew that Taaffe was keeping his head above water thanks to the bunnies. But people like the poet Rollett, for example, told me: “Yes, but this Taaffe—he’s still the smartest among us, after all.” — It really was a bleak situation. And one must not overlook how, little by little over the course of that half-century to which Count Polzer referred, the groundwork was laid for the highly witty but thoroughly frivolous Czernin to assume a leading role at the most crucial moment during the World War. How could one hope, then, that anything like the idea of the threefold social order—which, born of the inner forces of history, was presented to the Central European powers in 1917—would be grasped by any means other than through necessity? People simply did not understand any of this, and that is hardly surprising, for after all, the threefold social order cannot be understood by playing around. Other arts will be necessary to penetrate these matters.

[ 9 ] Nun, sehen Sie, ich habe dieses alles so wie eine Art Bilder vorgebracht. Man könnte an vielen ähnlichen Bildern zeigen, wie nun diese ganze Katastrophe aus vielem, vielem heraus sich lange vorbereitet hat und wie [in Mitteleuropa] zur Phrase geworden ist dasjenige, was im Westen eine Realität war und ist. Und das bildete hauptsächlich etwas, was ich [damals in Gesprächen] als Einkleidung immer gebrauchte gegenüber Leuten [wie zum Beispiel Kühlmann] - Kühlmann gegenüber brauchte man ja eine Einkleidung -: dieses im Realen der großen historischen Gesichtspunkte Drinnenstehen der englischen Politik. Diese englische Politik hat eben seit Jahrhunderten vorbereitet dasjenige, was dann geschehen ist, aus historischen Dingen heraus. Ich glaube, daß natürlich, um die ganze Sache einzusehen, es schon notwendig ist, sich zu vertiefen in das, was der äußeren Geschichtsentwicklung, Geschichtsdarstellung zugrundeliegt.

[ 9 ] Well, you see, I’ve presented all of this as a kind of series of images. One could use many similar images to show how this entire catastrophe has been a long time in the making, stemming from many, many factors, and how [in Central Europe] what was and is a reality in the West has become nothing more than a cliché. And that essentially formed the framework I always used [back then in conversations] when speaking to people [such as Kühlmann]—after all, with Kühlmann, one needed such a framework—namely, the fact that English politics is rooted in the reality of the grand historical perspectives. This English politics has, for centuries, been laying the groundwork for what subsequently happened, based on historical developments. I believe that, of course, in order to understand the whole matter, it is indeed necessary to delve deeply into what underlies the external development and presentation of history.

[ 10 ] Aber, sehr verehrte Anwesende, lesen Sie die Memoiren der Leute. Sie werden sehen, wie tatsächlich da, wo sich die Leute in einer gewissen Weise geben, wie sie sind, wie da uns das entgegentritt, was man nennen kann: Mitteleuropa verkommt nach und nach in bezug auf die Größe der Ideen, und die Ideen, die gerade für Mitteleuropa die fruchtbaren sind, die gehen in England drüben auf. Es ist interessant — verfolgen Sie zum Beispiel die Figur des Vorgängers des Andrässy, den Grafen Beust, jenen merkwürdigen Minister, der jeden Patriotismus vertreten konnte, der allen dienen konnte. Ich möchte Ihnen den Grafen Beust auch bildlich schildern — es gibt in Memoiren verschiedene Darstellungen, wie er in Beziehung trat zu westeuropäischen Persönlichkeiten: Da knickt er in die Knie zusammen, sehr höflich, aber er knickt in die Knie. So also ist der mitteleuropäische Staatsmann, der eigentlich nicht mitkann. Ich muß das alles erwähnen, weil ich direkt daraufhin gefragt worden bin vom Grafen Polzer: Wie zeigt sich das, was seit Jahrhunderten vom Westen her arbeitete, namentlich als eine bewußte, mit den historischen Mächten arbeitende englische Politik?

[ 10 ] But, ladies and gentlemen, read people’s memoirs. You will see how, in fact, where people present themselves in a certain way—as they are—we are confronted with what one might call: Central Europe is gradually declining in terms of the grandeur of its ideas, and the ideas that are particularly fruitful for Central Europe are flourishing over in England. It is interesting—take, for example, the figure of Andrássy’s predecessor, Count Beust, that remarkable minister who could champion any form of patriotism and serve everyone. I’d also like to paint a picture of Count Beust for you—there are various accounts in memoirs of how he interacted with Western European figures: He bends at the knees, very politely, but he does bend at the knees. Such, then, is the Central European statesman who, in truth, cannot keep up. I must mention all this because Count Polzer asked me directly about it: How does this manifest itself—what has been at work from the West for centuries, namely as a deliberate English policy working in concert with the historical powers?

[ 11 ] Der eigentliche äußerliche Träger [dieser englischen Politik], der ist König Jakob L, und ich möchte sagen, die Pulververschwörung ist noch etwas ganz anderes, als es in der Geschichte dargestellt wird. Sie ist ja eigentlich das äußere Zeichen, das äußere Symptom für die Wichtigkeit desjenigen, was da von England aus als Impuls durch Europa hindurchgeht. Das ist eben eine Politik der großen geschichtlichen Gesichtspunkte. Sie sehen durchaus ein die These, die heute Graf Polzer erwähnt hat und die ich aufgestellt habe gelegentlich dem ersten Vertreten der Dreigliederung: Man kann nicht durch irgendwelche Maßnahmen - man nennt sie heute blödsinnigerweise den Völkerbund - dasjenige, was sachlich gegeben ist und sachlich fortwährend wirken muß, nämlich den mitteleuropäisch-englisch-amerikanischen Wirtschaftskampf, aus der Welt schaffen. Dieser Kampf existiert, so wie der Kampf ums Dasein innerhalb der Tierreiches. Er muß da sein, er kann nicht aus der Welt geschafft werden, sondern er muß aufgenommen werden, weil er eine Tatsache ist. Das durchschauen die Träger dieser angloamerikanischen Politik sehr gut. Und da tritt uns etwas deutlich nachweisbar entgegen - ich erzähle nicht Hypothesen, sondern ich erzähle Dinge, die Sie in den Reden in England hören konnten in der zweiten Hälfte der 19. Jahrhunderts. Es wurde da ganz deutlich gesagt: In Europa muß ein großer Weltkrieg entstehen — wie gesagt, ich zitiere nur aus Reden der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts — dieser Weltkrieg wird dazu führen, daß in Rußland das große *Experimentierfeld eintritt für den Sozialismus. Dort, [in Rußland], werden Experimente ausgeführt werden für den Sozialismus, die uns in den westlichen Ländern nicht einfallen würden, anstreben zu wollen, weil da die Verhältnisse das nicht zulassen. Da sehen Sie große Gesichtspunkte, deren Größe Sie daran erkennen, daß sie zum großen Teil eingetroffen sind, und - Sie können sicher sein — weiter eintreffen werden. Aber diese Gesichtspunkte sind nicht von gestern; die «Verstande» der Menschen von heute, die sind von gestern, aber nicht diese Gesichtspunkte - die sind jahrhundertealt.

[ 11 ] The actual outward agent [of this English policy] is King James I, and I would say that the Gunpowder Plot is something quite different from how it is portrayed in history. It is, in fact, the outward sign, the outward symptom of the significance of what is spreading through Europe as an impulse originating in England. This is precisely a policy of great historical significance. You can certainly see the thesis that Count Polzer mentioned today and that I put forward on the occasion of the first presentation of the threefold social order: One cannot, through any measures—which are today foolishly called the League of Nations—eliminate what objectively exists and must objectively continue to operate, namely the Central European-English-American economic struggle. This struggle exists, just as the struggle for existence exists within the animal kingdom. It must exist; it cannot be eliminated, but must be accepted because it is a fact. The proponents of this Anglo-American policy understand this very well. And here we encounter something clearly verifiable—I am not presenting hypotheses, but recounting things you could have heard in speeches in England during the second half of the 19th century. It was stated quite clearly there: A great world war must break out in Europe—as I said, I am merely quoting from speeches from the second half of the 19th century—and this world war will lead to Russia becoming the great *testing ground for socialism. There, [in Russia], experiments will be carried out for socialism that we in the Western countries would not even think of attempting, because conditions there do not permit it. Here you see grand perspectives, the magnitude of which you can recognize by the fact that they have largely come to pass, and—you can be certain—will continue to come to pass. But these perspectives are not new; the “minds” of today’s people are of yesterday, but not these perspectives—they are centuries old.

[ 12 ] Und dasjenige, was Ihnen in acht Tagen Graf Polzer vorführen wird als eigentlichen Geist des Testamentes Peter des Großen, das war einfach dasjenige, was [vom Osten] imperialistisch entgegengesetzt werden sollte dem Imperialismus des Westens. Der westliche Imperialismus, das anglo-amerikanische Wesen, wollte gewissermaßen vom Standpunkte des universellen Produzenten das angloamerikanische Weltreich gründen. Im Osten ist wahrhaftig durch lange, lange Zeiten gehandelt, gedacht worden anknüpfend an die Prinzipien des Testamentes Peters des Großen - Sie werden noch hören, inwiefern das Testament Wahrheit oder Fälschung ist; das sind aber Dinge, die eigentlich sehr untergeordneten Wert haben. Und diesem, was da ist im Westen, hätte [im Osten] gewissermaßen ein universelles Reich der Konsumtion entgegengestellt werden sollen — das letztere hat heute schon schlimme Formen angenommen. Aber da stehen sich diese beiden Reiche gegenüber. Man kann sagen, es ist im Grunde genommen das eine wie das andere eine böse Einseitigkeit. Und dazwischen reibt sich dasjenige, was wie ein Vorstoß des Westens auftritt in der liberalisierenden Politik der Beust, Andrässy, Tisza, Berger, Lasker, Lasser und so weiter. Das, was da als Ausläufer des Westlertums auftritt, das reibt sich an dem, was von Osten herüberkommt, in Preußen ja nur in einer Form des undifferenzierten Polentums, in Österreich in den Charakterköpfen, die da sind. Denn in der Tat, in diesem Slawentum sind vertreten alle Charakterköpfe: der kurze, gedrungene, breitschultrige Rieger mit dem breiten, fast viereckigen Gesicht, mit dem ungeheuer kraftvollen Blick - ich möchte sagen, sein Blick war Kraft -; in Rieger lebte so etwas wie eine Nachwirkung des Palacky, der 1848 von Prag aus den Panslawismus vertreten hatte; der alte Geck Hausner, sehr geistreich, aber mit ihm tritt da wiederum eine andere Nuance desjenigen hervor, was da im Osten tätig ist; und dann solche Leute, wie etwa der Dzieduszycki, der so sprach, wie wenn er Klöße oder Knödel im Munde hätte, aber durchaus geistreich und durch und durch die Materie beherrschend. Da konnte man studieren, wie einen großen, wunderbaren Charakter namentlich das österreichische Deutschtum bewahrte. Als ich 1889 in Hermannstadt war und einen Vortrag zu halten hatte, konnte ich das untergehende Deutschtum in den Siebenbürger Sachsen studieren — Schröer hat eine Grammatik des Zipser Deutschtums und desjenigen des Gottscheerländchens geschrieben. Ich habe manches von der Größe dieses untergehenden Deutschtums hervorgehoben in meinem Buche «Vom Menschenrätsel». Da stehen diese merkwürdigen Gestalten da, die noch etwas von der elementaren Größe des Deutschtums in sich hatten, wie etwa Hamerling und Fercher von Steinwand. Aber gerade Fercher von Steinwand zum Beispiel hat eine Rede gehalten in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die die ganze Tragik Mitteleuropas in sich schließt. Da sagte er: An was soll man eigentlich denken, wenn man an die Zukunft des Deutschtums denkt? Da schildert er — die Zigeuner, die Heimatlosigkeit der Zigeuner. Es ist merkwürdig, wie den besten Leuten Mitteleuropas manches prophetisch aufgegangen ist. Und es ist so, die besten Leute sind eben eigentlich unterdrückt gewesen, und diejenigen, die oben waren, die waren furchtbare Menschen. Und so hat sich ja diese Not vorbereitet, die doch eigentlich die große Lehrmeisterin sein müßte.

[ 12 ] And what Count Polzer will present to you in eight days as the true spirit of Peter the Great’s will was simply that which [from the East] was to be set against Western imperialism as an imperialist counterforce. Western imperialism—the Anglo-American mindset—sought, so to speak, to establish the Anglo-American world empire from the standpoint of the universal producer. In the East, indeed, for a long, long time, actions and thoughts have been guided by the principles of Peter the Great’s testament—you will yet hear to what extent the testament is true or false; but these are matters of very secondary importance. And what exists in the West should, in a sense, have been countered [in the East] by a universal empire of consumption—the latter has already taken on dire forms today. But these two empires stand opposed to one another. One could say that, fundamentally, both are equally a pernicious one-sidedness. And in between them lies what appears as a Western advance in the liberalizing policies of Beust, Andrässy, Tisza, Berger, Lasker, Lasser, and so on. What appears there as an offshoot of Western culture clashes with what comes over from the East—in Prussia, indeed, only in the form of undifferentiated Polishness; in Austria, in the distinctive personalities found there. For in fact, all these distinctive figures are represented within this Slavic movement: the short, stocky, broad-shouldered Rieger with his broad, almost square face and his immensely powerful gaze—I would say his gaze was power itself—; in Rieger lived something like an echo of Palacký, who had championed Pan-Slavism from Prague in 1848; the old dandy Hausner, very witty, but with him another nuance of what is at work in the East comes to the fore; and then people such as Dzieduszycki, who spoke as if he had dumplings in his mouth, yet was thoroughly witty and had a complete command of the subject matter. There one could observe how a great, marvelous character was preserved, particularly by the Austrian German community. When I was in Sibiu in 1889 and had to give a lecture, I was able to study the fading German culture among the Transylvanian Saxons—Schröer has written a grammar of the German language of the Spiš region and that of the Gottschee region. I have highlighted many aspects of the greatness of this fading German culture in my book *Vom Menschenrätsel*. There stand these remarkable figures who still possessed something of the elemental grandeur of German culture within them, such as Hamerling and Fercher von Steinwand. But Fercher von Steinwand, for example, gave a speech in the 1850s that encapsulates the entire tragedy of Central Europe. He said: “What should one actually think of when one thinks of the future of German culture?” There he describes—the Gypsies, the rootlessness of the Gypsies. It is remarkable how some things became prophetically clear to the finest people of Central Europe. And the fact is, the finest people were actually the ones who were oppressed, while those at the top were terrible people. And so this suffering was brought about—a suffering that should really be our greatest teacher.

[ 13 ] Es hat sich in diesem Staat, in Österreich, in dem es dreizehn offizielle Sprachen gab es vor dem Krieg, wirklich so recht gezeigt, wie unmöglich eigentlich dieses alte Staatsgebilde in der modernen Menschheit ist, wie unmöglich das ist, was man gewohnt war, einen Einheitsstaat zu nennen. Diese dreizehn verschiedenen Völkerschaften — es waren im Grunde genommen noch mehr, aber offiziell waren es dreizehn -, die forderten mit aller Macht dasjenige, was dann ausgesprochen werden mußte als Dreigliederungsidee. Und Österreich konnte geradezu die große Schule sein für diese weltgeschichtliche Politik. Namentlich, wenn man sie in Österreich studiert hat in den achtziger Jahren - ich hatte dazumal zu übernehmen die Redaktion der «Deutschen Wochenschrift» -, in den achtziger Jahren, als äußerlich der Taaffe regierte, als Lueger vorbereitet wurde, da hatte man wirklich Gelegenheit, die treibenden Kräfte zu sehen. Damals änderte sich die ganze Signatur von Wien. Wien wurde von einer Stadt, die einen deutschen Charakter hatte, zu einer Stadt von internationalem, fast kosmopolitischem Charakter durch das eindringende Slawentum. Man konnte studieren, wie sich die Dinge entwickelten. Da begriff man, es war etwas von Ohnmacht in dem, was herausgekommen war aus dem Liberalismus. Es war so wie Ohnmacht, wenn der Herbst sprach. Dann kam es endlich dazu, daß die Leute fanden: Diese Politik taugt nichts mehr! Aber sie fanden das nicht etwa, weil sie innerlich die Phrasenhaftigkeit einer solchen Politik wie die von Herbst einsahen, der nur Abstraktionen zuwegebrachte, sondern weil die Wiener Regierung nach Prestigebewahrung und nach Imperialismus strebte und die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina gebrauchte. Wenn sich solch ein Mensch wie Herbst dagegenwandte, sah man nicht die Leerheit seiner Sätze, sondern man sah nur, daß er sich nicht reinfinden konnte in die imperialistische Politik. [Im Gegensatz dazu] Plener, der im Grunde genommen ebensolche leeren Phrasen sprach, der aber sich hineinfand und sich zu den Leuten bekehrte, die für die Okkupation waren, weil er ein größerer Streber war. Damals war es, als unter dem Eindruck dieser bosnischen Okkupation Hausner seine großen Reden gehalten hat, in denen prophetisch vorausgesagt ist dasjenige, was im Grunde dann auch gekommen ist. Es war schon in dem, was da gesprochen wurde und wo das Testament Peters des Großen eine Rolle spielte, etwas von dem Wetterleuchten desjenigen, was dann in so furchtbarer Weise heraufgezogen ist. Gerade in den Reden, die heute Graf Polzer erwähnt hat und in denen so oft das Testament Peters des Großen, ebenso die großen Gesichtspunkte der Slawenpolitik berührt wurden, ist eine gewisse Gelegenheit da zu sehen, was man, wenn man vernünftig gewesen wäre, hätte tun müssen gegenüber der britischen Politik und ihren großen historischen Gesichtspunkten.

[ 13 ] In this country, Austria—where there were thirteen official languages before the war—it really became clear just how impossible this old form of government actually is in modern society, how impossible it is to maintain what we used to call a unitary state. These thirteen different ethnic groups—there were actually even more, but officially there were thirteen—demanded with all their might what eventually had to be articulated as the threefold social order. And Austria could truly serve as a great school for this world-historical politics. Especially if one studied it in Austria in the 1880s—I had taken over as editor of the *Deutsche Wochenschrift* at that time—in the 1880s, when Taaffe was nominally in power and Lueger was being groomed, one truly had the opportunity to see the driving forces at work. At that time, the entire character of Vienna changed. Vienna transformed from a city with a German character into a city of an international, almost cosmopolitan character due to the encroaching Slavic influence. One could observe how things were unfolding. That’s when one realized there was a sense of powerlessness in what had emerged from liberalism. It was like a sense of powerlessness whenever Herbst spoke. Then it finally came to the point where people concluded: This policy is no good anymore! But they didn’t come to that conclusion because they inwardly recognized the empty rhetoric of a policy like Herbst’s—which dealt only in abstractions—but because the Viennese government strove to preserve its prestige and pursue imperialism, using the occupation of Bosnia and Herzegovina as a means to that end. When someone like Herbst opposed this, people did not see the emptiness of his statements; rather, they saw only that he could not bring himself to go along with imperialist policy. [In contrast], Plener, who essentially spouted just as many empty phrases, but who did go along with it and converted to the side of those who supported the occupation—because he was a greater opportunist. It was back then, under the impression of this Bosnian occupation, that Hausner delivered his grand speeches, in which he prophetically foretold what essentially came to pass. Even in what was said there—and where the will of Peter the Great played a role—there was already a glimpse of the lightning that would later descend in such a terrible manner. Precisely in the speeches that Count Polzer mentioned today—and in which Peter the Great’s will, as well as the broad principles of Slavic policy, were so often touched upon—one can see a certain opportunity to recognize what, had one been reasonable, one should have done in response to British policy and its grand historical principles.

[ 14 ] Politik, meine sehr verehrten Anwesenden, will als eine Realität studiert sein, als Realität erlebt sein. Und immer wiederum muß ich sagen, daß es mir eigentlich außerordentlich schmerzlich ist, wenn die Leute, die die «Kernpunkte» in die Hand bekommen, diesen nicht ansehen, daß sie herausgeschrieben sind aus treulicher Beobachtung der europäischen und sonstigen Verhältnisse des zivilisierten neueren Lebens und unter Berücksichtigung aller maßgebenden Einzelheiten. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, man kann doch wahrhaftig nicht in einem Buch, das als eine Art Programmbuch herausgegeben ist, alle diese Dinge im einzelnen schreiben. Ich habe heute nur einiges in Bildern angedeutet; wollte man aber darüber schreiben, so müßte man fünfzig Bände schreiben. Diese fünfzig Bände kann man natürlich nicht schreiben, aber sie sind ihrem Inhalt nach eingeflossen in die «Kernpunkte». Und das ist das große — oder kleine -, es ist das kleine Kennzeichen unserer Zeit, daß man nicht fühlt, daß ein Unterschied besteht zwischen den Sätzen, die aus der Wirklichkeit heraus gesprochen und geschrieben sind, und all dem Riesenquatsch, der heute durch die Welt geht und der heute eigentlich als etwas Gleichbedeutendes behandelt wird gegenüber dem, was aus der positiven Wirklichkeit heraus schöpft und was erlebt ist. Fühlen sollte man, daß das in den «Kernpunkten» drinnen ist und nicht erst den Beweis der fünfzig Bände brauchen. Es ist ein Armutszeugnis für die Menschheit, dieses Nichtfühlenkönnen, ob in einem Satz, der vielleicht nur zwei Zeilen lang ist, Leben ist oder bloß journalistische Phrase.

[ 14 ] Politics, my esteemed audience, must be studied as a reality and experienced as a reality. And time and again I must say that it is actually extremely painful for me when people who get their hands on the “Key Points” fail to recognize that they are drawn from faithful observation of European and other conditions of modern civilized life, taking into account all relevant details. But, my esteemed audience, one truly cannot write about all these things in detail in a book that has been published as a kind of programmatic treatise. Today I have only hinted at a few things in broad strokes; but if one were to write about them, one would have to write fifty volumes. Of course, one cannot write these fifty volumes, but their content has been incorporated into the “Key Points.” And that is the great—or small—it is the small hallmark of our time: that people do not sense that there is a difference between the statements spoken and written from reality and all the utter nonsense that is circulating in the world today—nonsense that is actually treated as equivalent to what is drawn from positive reality and what has been experienced. One should sense that this is contained within the “Key Points” and not need the evidence of the fifty volumes to prove it. This inability to sense whether a sentence—perhaps only two lines long—contains life or is merely journalistic rhetoric is a testament to humanity’s poverty.

[ 15 ] Das ist dasjenige, was notwendig ist und wozu wir kommen müssen und auch kommen können: unterscheiden zu können Journalismus und Phrase von erlebtem, erblutetem Inhalt. Ohne das kommen wir nicht weiter. Und gerade, wenn einmal an der großen Außenpolitik eine Orientierung versucht wird, so zeigt es sich, wie notwendig es heute ist, daß die Menschheit vordringe zu einer solchen Unterscheidung.

[ 15 ] This is what is necessary, what we must—and can—achieve: the ability to distinguish journalism and empty rhetoric from content that has been lived through and earned through struggle. Without this, we will not make any progress. And precisely when an attempt is made to establish a direction for major foreign policy, it becomes clear just how necessary it is today for humanity to make such a distinction.

[ 16 ] Das ist es, was ich mit ein paar wirklich recht ungenügenden Sätzen zu den Ausführungen des Grafen Polzer eben andeuten wollte.

[ 16 ] That is what I was just trying to imply with a few rather inadequate sentences regarding Count Polzer's remarks.

Im Anschluß an die Ausführungen von Rudolf Steiner wird die Gelegenheit zur Diskussion gegeben.

Following Rudolf Steiner’s remarks, there will be an opportunity for discussion.