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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit,
Soziale Praxis I
Band II
GA 337a

23 Juni 1920, Stuttgart

7. Über Außenpolitik im Lichte der Geisteswissenschaft und Dreigliederung

Zu Beginn des Studienabends hält Ludwig Graf Polzer-Hoditz einen Vortrag «Über Außenpolitik im Lichte der Geisteswissenschaft und Dreigliederung». Anschließend ergreift Rudolf Steiner das Wort.

[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich möchte über einiges, das Graf Polzer heute berührt hat, aphoristisch vielleicht das eine oder andere sagen, da ja wiederholt auch angespielt worden ist auf Dinge, die ich da oder dort im Laufe der Zeit berührt habe.

[ 2 ] Man kann an verschiedenen Erscheinungen ganz deutlich sehen, wie in der neueren politischen Entwicklung im 19. Jahrhundert die Tatsache auftritt, auf die Graf Polzer hat hinweisen wollen, dieser Bruch, möchte ich sagen, der dann in die Katastrophe hineingeführt hat. Er hat gesprochen von diesen Jahren des Übergangs und der völligen Ratlosigkeit namentlich der mitteleuropäischen Völker, von den siebziger, achtziger Jahren, wo in Österreich stattgefunden haben die Kämpfe über die Okkupation Bosniens, die Slawenfrage und so weiter. Dem vorangegangen sind die sechziger Jahre, in denen noch eine gewisse Nachwirkung vorhanden war jener europäischen politischen Stimmungen, die aus dem Jahre 1848 stammen. Man kann diese Stimmungen eigentlich in ganz Mitteleuropa verfolgen, sowohl in den österreichischen Ländern wie auch in dem, was dann später zu dem Deutschen Reich geworden ist: es ist dasjenige, was man nennen könnte das Auftreten eines gewissen abstrakten Liberalismus, eines abstrakt-theoretischen Liberalismus.

[ 3 ] In Österreich war es ja Ende der sechziger Jahre, als herauswuchs aus den Ministerien Schmerling, Belcredi das erste sogenannte Bürgerministerium Carlos Auersperg, das einen ausgesprochen liberalen, aber theoretisch-abstrakt-liberalen Charakter hatte. Dann, nach einer ganz kurzen Zwischenregierung, wo die slawische Frage zu einer gewissen Höhe geführt wurde unter Taaffe, Potocki, Hohenwart bildete sich dann heraus in den siebziger Jahren in Österreich das sogenannte zweite Bürgerministerium, das Ministerium Adolf Auersperg, wieder eine Art von bürgerlich-liberalistischer Richtung. Diesen Richtungen gingen parallel die Kämpfe, die geführt worden sind von den liberalistischen Parteien Preußens und der einzelnen deutschen Staaten gegen den auftauchenden Imperialismus Bismarcks und so weiter. Diese liberalistischen Strömungen, die da auftauchten, sie sind außerordentlich lehrreich, und es ist eigentlich schade, daß sich die heutige Generation so wenig erinnert an dasjenige, was in Deutschland gesprochen worden ist, in Preußen gesprochen worden ist in den siebziger, achtziger Jahren von Männern wie Lasker und so weiter, was in Österreich gesprochen worden ist von dem heute von Graf Polzer erwähnten Giskra und anderen ähnlich liberalisierenden Staatsmännern. Man würde eben sehen, wie da ein gewisser freisinniger, guter Wille heraufkam, der aber im Grunde genommen verlassen war von einer jeglichen positiven politischen Einsicht. Das ist das Charakteristische, daß heraufzieht in Mitteleuropa ein abstrakter Liberalismus, der viele schöne, freiheitliche Grundsätze hat, der aber nicht mit historischen Tatsachen zu rechnen weiß, der von allen möglichen Menschenrechten redet, der aber wenig von der Geschichte zu reden und namentlich wenig aus der Geschichte heraus zu wirken versteht. Und es ist vielleicht das Verhängnis für ganz Mitteleuropa gewesen — in Österreich hat ja der Weltkrieg begonnen, oder wenigstens von Österreich aus nahm er seinen Anfang -, es ist das Verhängnis gewesen, daß diese liberalisierende Richtung in Österreich so furchtbar unpolitisch gegenüberstand den großen Problemen, die gerade in Österreich zum Vorschein kamen und auf die ja in den wichtigsten Teilen Graf Polzer hingewiesen hat.

[ 4 ] Nun muß man ein wenig näher studieren, was dieser Liberalismus in Österreich eigentlich vorstellt. Man kann ihn studieren, wenn man heute noch vernimmt die Reden des älteren und jüngeren Plener. Man kann ihn studieren, wenn man die Reden von Herbst vernimmt, jenes Herbst, der ein großer österreichischer Staatsmann sein wollte der liberalisierenden Richtung. Bismarck, der Realpolitiker, nannte die Anhänger von Herbst «die Herbstzeitlosen», eines von jenen Bonmots, welche ertötend sind im öffentlichen Leben. Und man kann diesen Liberalismus noch an einem anderen Orte studieren, in Ungarn, wo immer wieder und wiederum mit einem außerordentlich starken Machtgefühl im ungarischen Reichstag Koloman Tisza auftrat, gerade auch im äußeren Gebaren, möchte ich sagen, der richtige Vertreter des weltabgewandten, weltfremden Liberalismus, der — ohne die historische Tatsachen — nur rechnet mit dem, was aus abstrakten, allgemeinen Grundsätzen hervorgeht. Tisza, der ältere, also der Vater dessen, der im Weltkrieg eine Rolle spielte, zeigte das schon in seinem äußeren Gebaren. Er konnte nie anders als mit dem Bleistift in der Hand auftreten, wie wenn er seine Grundsätze, die in Bleistiftnotizen fixiert sind, abreden würde vor denjenigen, die ein gläubiges Publikum darstellen. In gewissem Sinne kann man eine etwas mindere Auflage studieren an dem Bismarckgegner Eugen Richter, der in Preußen-Deutschland aber einer späteren Zeit angehört. An diesen Leuten kann man analysieren dasjenige, was als so recht unfruchtbare Politik heraufgezogen ist. Namentlich haben alle diese Leute Politik in der englischen politischen Schule gelernt. Und das wichtigste Faktum, das Wesentliche war dieses, daß alles, was Plener, Giskra, Hausner, Berger, Lasker, Lasser vorbrachten, was der Tisza in Ungarn vorbrachte, daß das etwas Positives, Konkretes für die Engländer ist; daß es bei den Engländern etwas bedeutet, weil es sich da auf Tatsachen bezieht, weil tatsächlich dasjenige, was da als liberalisierende Grundsätze verfolgt wird, angewendet, in der Welt nach und nach zum Imperialismus führen kann. Ja, ich möchte sagen, es steckt in den englischen Vertretern dieser Grundsätze der Imperialismus stark in diesen Dingen drinnen. Indem dieselben Grundsätze von den eben genannten Persönlichkeiten in ihren Parlamenten vertreten wurden, waren das ausgepreßte Zitronen; da bezogen sich dieselben Grundsätze auf nichts; da waren sie Abstraktionen. Gerade da kann man am besten studieren, worin der Unterschied liegt zwischen einer Realität und einer Phrase. Der Unterschied liegt nicht im Wortlaut, sondern er liegt darin, ob man in der Wirklichkeit drinnensteht oder nicht. Wenn man im Wiener oder Berliner Parlament dieselben Dinge sagt wie im Londoner Parlament, so ist das etwas ganz anderes. Und deshalb war dasjenige, was als liberalisierende Richtung von England herkam und in England positive, konkrete Politik war, in Berlin und Wien Phrase, phrasenhafte Politik.

[ 5 ] Ich kann ja hier nicht diese Dinge alle entwickeln heute, sondern nur ein paar Aphorismen, vielleicht nur Bilder hinstellen. Aber wenn man sehen will, was da für Gegensätze vorhanden sind, ist es interessant, einmal zu hören oder sich wieder zu vergegenwärtigen, wie in dem damaligen österreichischen Parlament oder in den Delegationen solche Redner gesprochen haben wie Suess, Sturm oder Plener gerade bei jener Debatte, die sich angeknüpft hat an die beabsichtigte und dann sich vollziehende Okkupation von Bosnien und der Herzegowina. Und wie dann aufgetreten ist ein Mann, der aus dem slawischen Volkstum heraus gesprochen hat. Ich erinnere mich noch lebhaft einer Rede, die einen gewissen großen Eindruck dazumal gemacht hat, es ist die Rede, die dazumal Otto Hausner im österreichischen Parlament gehalten hat, die er dann auch erscheinen ließ «Deutschtum und Deutsches Reich» — ich konnte sie leider nicht wieder bekommen, ich würde sie sehr gerne wieder haben, aber ich weiß nicht, ob sie völlig vergriffen ist. Wenn man diese Rede im Zusammenhang liest mit einer anderen, die er gehalten hat, als der Arlbergtunnel gebaut worden ist, wenn man liest, was er da unter dem Gesichtspunkte höherer Politik gesagt hat und was er vom politischen Podium hineinwarf in das österreichische Parlament, als Andrássy daranging, für die Okkupation Bosniens zu wirken, da wurden Realitäten gesprochen. Hausner war, äußerlich angesehen, eine Art Geck, eine Art von abgelebtem, snobistischem und maskiertem Geck, der ständig mit dem Monokel im Wiener Herrenhaus zu sehen war, dem man im Café Central um ein bestimmte Stunde immer begegnete, ein alter Geck, aber durch und durch geistvoll und aus Realitäten heraus sprechend. Wenn man all diese Reden zusammenhält, so ist im Grunde genommen [die Katastrophe von] 1914 bis 1918 dazumal vorausverkündet worden, sogar auch das, was wir jetzt erleben, der Seelenschlaf, der sich über dieses Mitteleuropa ergießßt. Und da sieht man eben, wie derjenige, der die Realitäten anschaut — und ich könnte Ihnen solche noch viele, viele anführen -, tatsächlich zu der zweiten These, von der Ihnen heute Abend gesprochen worden ist, kommen mußte aus der Wirklichkeit heraus.

[ 6 ] Diese Dinge, die mit der Dreigliederung zusammenhängen, sind ja alle wahrhaftig nicht irgendwie theoretisch ausgedacht, sind nichts Professorenhaftes, sondern sie sind durchaus aus der Wirklichkeit herausgeholt. Und wer erlebt hat, wie dazumal zusammenstießen in Österreich dieses österreichische Deutschtum - denn das war im wesentlichen der Träger des österreichischen Liberalismus — mit dem damals heraufkommenden und seine Prätentionen erhebenden österreichischen Slawentum, in dem mußte sich die Anschauung zusammenkristallisieren: Der Panslawismus ist eine positive Macht. — Er hat sich wirklich heraufgelebt als eine positive Macht, dieser Panslawismus. Und vielleicht wichtiger als dasjenige, was von dem Tschechentum gekommen ist - von dem Palacki bis zu dem Rieger -, ist das, was vom Polentum gekommen ist. Die Polen haben gerade in Österreich als eine Art Vorstoßelement, als Vortrupp für das Slawentum, eine außerordentlich große Rolle gespielt, und umfassende politische Gesichtspunkte haben sie alle vertreten. Hausner, der ja polonisiert war, sagte selbst einmal in einer Rede, daß «rätisch-alemannische Blutkügelchen» — eine sonderbare Chemie - in seinen Adern rollen; er fühlte sich aber als Urpole. Aber es sprachen ja im Wiener Parlament gerade in diesen wichtigen Zeiten auch andere Polen: Grocholski, Goluchowski und Dzieduszycki und so weiter, und man muß sagen, da kamen schon große politische Gesichtspunkte heraus, währenddem das liberalisierende Deutschtum leider in die Phrase ausartete. Es konnte sich nicht halten, so daß es dann endlich einlief in diejenige Partei, die Polzer-Hoditz auch erwähnt hat, in die Christlichsoziale Partei diejenige Partei, die unter den jungen Leuten in Wien, die sich dazumal mit Politik beschäftigten, mit der auch ich mich damals beschäftigt habe, die «Partei der dummen Kerle von Wien» genannt wurde; es ist dann die Lueger-Partei daraus geworden.

[ 7 ] Dieser Gegensatz von einer niedergehenden Richtung gegenüber einer aufgehenden ist sehr interessant. Und in einem gewissen Sinn waren die Polen skrupellos, so daß alles mögliche herauskam, zum Beispiel das folgende: Man wollte in Österreich zurückkehren zum alten Schulgesetz, zum alten, klerikalen Schulgesetz — ich sage «Österreich», aber, um seine Konkretheit auszudrücken, sprach man im österreichischen Parlament, [dem Reichsrat], nicht von «Österreich» oder sowas, sondern von den «im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern»; Österreich-Ungarn hatte ja eine dualistische Regierungsform; der eine Teil hieß «die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder», der andere «die Vertretung der Länder der Heiligen Stephanskrone». Als man also in Österreich wiederum zu einem klerikalen Schulgesetz zurückkommen wollte, konnte aber eine Majorität nicht gebildet werden durch die Deutschen bloß, sondern damit mußten entweder die Polen oder die Ruthenen sich verbinden. Immer wenn gerade die Meinung nach einer bestimmten Richtung ging, wurde eine Koalition gebildet zwischen Deutschen und Ruthenen, und, wenn sie nach einer anderen Richtung ging, zwischen Deutschen und Polen. Damals handelte es sich also darum, ein klerikales Schulgesetz zu bilden. Die Polen gaben den Ausschlag, aber was haben sie getan? Sie sagten: Ja, gut, wir stimmen diesem Schulgesetz zu, aber Galizien, das nehmen wir aus. — Also das eigene Land nahmen sie aus. So entstand dazumal ein Schulgesetz durch eine Majorität, die polnische Delegierte in ihrem Schoß hatte, aber diese polnischen Delegierten nahmen das eigene Land aus, sie verhängten ein Schulgesetz über die anderen österreichischen Länder. Das hat zum Schluß ergeben, daß ein Gebiet über das andere regierte und etwas verfügte, was es im eigenen Gebiet nicht angewendet wissen wollte. So standen die Dinge. Wie sollte man da politisch gewachsen sein den Riesenaufgaben, die herankamen!

[ 8 ] Es kam dann so, daß die Regierung nach diesem zweiten bürgerlichen Ministerium schließlich überging an dieses Ministerrum Taaffe, das ja selbst sich das Zeugnis ausstellte: In Österreich kann man, wenn man richtig regieren will, nur wursteln -, das heißt also von einer Schwierigkeit zur anderen jonglierend sich bewegen, eines durch das andere retten und so weiter. Das Ministerium, das Taaffe an der Spitze hatte als Ministerpräsidenten, wurde dann auch «geistreich» geführt. Taaffe verdankte ja seine Stellung weniger seinen intellektuellen Kapazitäten, sondern der Tatsache, daß dazumal am Wiener Hofe -— der Wiener Hof war ja auch schon in einem Zustande, der hineinsegelte in das schauerliche Drama von Mayerling —, daß dazumal am Wiener Hofe eine große Empfänglichkeit vorhanden war für die besondere Kunst des Grafen Taaffe, die darin bestand, daß er mit dem Taschentuch und Fingern kleine Häschen und Schattenfiguren machen konnte. Die gefielen dazumal den Wiener Hofleuten ganz besonders, und dadurch wurde Taaffes Stellung gefestigt. Er konnte durch ein Jahrzehnt hindurch dieses österreichische Chaos in einer entsprechenden Strömung halten. Es ist eigentlich ganz trostlos gewesen, wenn man die Sache mit angesehen hat. Ich habe dazumal wahrhaftig mit recht vernünftigen Leuten gesprochen. Man wußte, daß sich dieser Taaffe hielt durch die Häschen. Aber solche Menschen, wie zum Beispiel der Dichter Rollett, der sagte mir: Ja, aber dieser Taaffe, das ist schließlich noch unser Gescheitester. -— Es waren schon trostlose Verhältnisse. Und man darf nicht außer acht lassen, wie nach und nach im Verlauf jenes halben Jahrhunderts, auf das Graf Polzer hingewiesen hat, sich das vorbereitet hat, das dann während des Weltkrieges der ganz geistreiche, aber durch und durch frivole Czernin eine führende Rolle einnehmen konnte in dem wichtigsten Augenblick. Wie konnte man da hoffen, daß anders als durch die Not so etwas wie die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus aufgefaßt würde, die, nun aus den inneren Kräften der Geschichte heraus geboren, im Jahre 1917 an die mitteleuropäischen Mächte herangebracht worden ist. Die Leute haben nur nichts davon verstanden, und das ist ja auch nicht zu verwundern, denn schließlich mit Häschenmachen ist die Dreigliederung nicht zu verstehen. Es werden andere Künste notwendig sein, um in diese Dinge einzudringen.

[ 9 ] Nun, sehen Sie, ich habe dieses alles so wie eine Art Bilder vorgebracht. Man könnte an vielen ähnlichen Bildern zeigen, wie nun diese ganze Katastrophe aus vielem, vielem heraus sich lange vorbereitet hat und wie [in Mitteleuropa] zur Phrase geworden ist dasjenige, was im Westen eine Realität war und ist. Und das bildete hauptsächlich etwas, was ich [damals in Gesprächen] als Einkleidung immer gebrauchte gegenüber Leuten [wie zum Beispiel Kühlmann] - Kühlmann gegenüber brauchte man ja eine Einkleidung -: dieses im Realen der großen historischen Gesichtspunkte Drinnenstehen der englischen Politik. Diese englische Politik hat eben seit Jahrhunderten vorbereitet dasjenige, was dann geschehen ist, aus historischen Dingen heraus. Ich glaube, daß natürlich, um die ganze Sache einzusehen, es schon notwendig ist, sich zu vertiefen in das, was der äußeren Geschichtsentwicklung, Geschichtsdarstellung zugrundeliegt.

[ 10 ] Aber, sehr verehrte Anwesende, lesen Sie die Memoiren der Leute. Sie werden sehen, wie tatsächlich da, wo sich die Leute in einer gewissen Weise geben, wie sie sind, wie da uns das entgegentritt, was man nennen kann: Mitteleuropa verkommt nach und nach in bezug auf die Größe der Ideen, und die Ideen, die gerade für Mitteleuropa die fruchtbaren sind, die gehen in England drüben auf. Es ist interessant — verfolgen Sie zum Beispiel die Figur des Vorgängers des Andrässy, den Grafen Beust, jenen merkwürdigen Minister, der jeden Patriotismus vertreten konnte, der allen dienen konnte. Ich möchte Ihnen den Grafen Beust auch bildlich schildern — es gibt in Memoiren verschiedene Darstellungen, wie er in Beziehung trat zu westeuropäischen Persönlichkeiten: Da knickt er in die Knie zusammen, sehr höflich, aber er knickt in die Knie. So also ist der mitteleuropäische Staatsmann, der eigentlich nicht mitkann. Ich muß das alles erwähnen, weil ich direkt daraufhin gefragt worden bin vom Grafen Polzer: Wie zeigt sich das, was seit Jahrhunderten vom Westen her arbeitete, namentlich als eine bewußte, mit den historischen Mächten arbeitende englische Politik?

[ 11 ] Der eigentliche äußerliche Träger [dieser englischen Politik], der ist König Jakob L, und ich möchte sagen, die Pulververschwörung ist noch etwas ganz anderes, als es in der Geschichte dargestellt wird. Sie ist ja eigentlich das äußere Zeichen, das äußere Symptom für die Wichtigkeit desjenigen, was da von England aus als Impuls durch Europa hindurchgeht. Das ist eben eine Politik der großen geschichtlichen Gesichtspunkte. Sie sehen durchaus ein die These, die heute Graf Polzer erwähnt hat und die ich aufgestellt habe gelegentlich dem ersten Vertreten der Dreigliederung: Man kann nicht durch irgendwelche Maßnahmen - man nennt sie heute blödsinnigerweise den Völkerbund - dasjenige, was sachlich gegeben ist und sachlich fortwährend wirken muß, nämlich den mitteleuropäisch-englisch-amerikanischen Wirtschaftskampf, aus der Welt schaffen. Dieser Kampf existiert, so wie der Kampf ums Dasein innerhalb der Tierreiches. Er muß da sein, er kann nicht aus der Welt geschafft werden, sondern er muß aufgenommen werden, weil er eine Tatsache ist. Das durchschauen die Träger dieser angloamerikanischen Politik sehr gut. Und da tritt uns etwas deutlich nachweisbar entgegen - ich erzähle nicht Hypothesen, sondern ich erzähle Dinge, die Sie in den Reden in England hören konnten in der zweiten Hälfte der 19. Jahrhunderts. Es wurde da ganz deutlich gesagt: In Europa muß ein großer Weltkrieg entstehen — wie gesagt, ich zitiere nur aus Reden der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts — dieser Weltkrieg wird dazu führen, daß in Rußland das große *Experimentierfeld eintritt für den Sozialismus. Dort, [in Rußland], werden Experimente ausgeführt werden für den Sozialismus, die uns in den westlichen Ländern nicht einfallen würden, anstreben zu wollen, weil da die Verhältnisse das nicht zulassen. Da sehen Sie große Gesichtspunkte, deren Größe Sie daran erkennen, daß sie zum großen Teil eingetroffen sind, und - Sie können sicher sein — weiter eintreffen werden. Aber diese Gesichtspunkte sind nicht von gestern; die «Verstande» der Menschen von heute, die sind von gestern, aber nicht diese Gesichtspunkte - die sind jahrhundertealt.

[ 12 ] Und dasjenige, was Ihnen in acht Tagen Graf Polzer vorführen wird als eigentlichen Geist des Testamentes Peter des Großen, das war einfach dasjenige, was [vom Osten] imperialistisch entgegengesetzt werden sollte dem Imperialismus des Westens. Der westliche Imperialismus, das anglo-amerikanische Wesen, wollte gewissermaßen vom Standpunkte des universellen Produzenten das angloamerikanische Weltreich gründen. Im Osten ist wahrhaftig durch lange, lange Zeiten gehandelt, gedacht worden anknüpfend an die Prinzipien des Testamentes Peters des Großen - Sie werden noch hören, inwiefern das Testament Wahrheit oder Fälschung ist; das sind aber Dinge, die eigentlich sehr untergeordneten Wert haben. Und diesem, was da ist im Westen, hätte [im Osten] gewissermaßen ein universelles Reich der Konsumtion entgegengestellt werden sollen — das letztere hat heute schon schlimme Formen angenommen. Aber da stehen sich diese beiden Reiche gegenüber. Man kann sagen, es ist im Grunde genommen das eine wie das andere eine böse Einseitigkeit. Und dazwischen reibt sich dasjenige, was wie ein Vorstoß des Westens auftritt in der liberalisierenden Politik der Beust, Andrässy, Tisza, Berger, Lasker, Lasser und so weiter. Das, was da als Ausläufer des Westlertums auftritt, das reibt sich an dem, was von Osten herüberkommt, in Preußen ja nur in einer Form des undifferenzierten Polentums, in Österreich in den Charakterköpfen, die da sind. Denn in der Tat, in diesem Slawentum sind vertreten alle Charakterköpfe: der kurze, gedrungene, breitschultrige Rieger mit dem breiten, fast viereckigen Gesicht, mit dem ungeheuer kraftvollen Blick - ich möchte sagen, sein Blick war Kraft -; in Rieger lebte so etwas wie eine Nachwirkung des Palacky, der 1848 von Prag aus den Panslawismus vertreten hatte; der alte Geck Hausner, sehr geistreich, aber mit ihm tritt da wiederum eine andere Nuance desjenigen hervor, was da im Osten tätig ist; und dann solche Leute, wie etwa der Dzieduszycki, der so sprach, wie wenn er Klöße oder Knödel im Munde hätte, aber durchaus geistreich und durch und durch die Materie beherrschend. Da konnte man studieren, wie einen großen, wunderbaren Charakter namentlich das österreichische Deutschtum bewahrte. Als ich 1889 in Hermannstadt war und einen Vortrag zu halten hatte, konnte ich das untergehende Deutschtum in den Siebenbürger Sachsen studieren — Schröer hat eine Grammatik des Zipser Deutschtums und desjenigen des Gottscheerländchens geschrieben. Ich habe manches von der Größe dieses untergehenden Deutschtums hervorgehoben in meinem Buche «Vom Menschenrätsel». Da stehen diese merkwürdigen Gestalten da, die noch etwas von der elementaren Größe des Deutschtums in sich hatten, wie etwa Hamerling und Fercher von Steinwand. Aber gerade Fercher von Steinwand zum Beispiel hat eine Rede gehalten in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die die ganze Tragik Mitteleuropas in sich schließt. Da sagte er: An was soll man eigentlich denken, wenn man an die Zukunft des Deutschtums denkt? Da schildert er — die Zigeuner, die Heimatlosigkeit der Zigeuner. Es ist merkwürdig, wie den besten Leuten Mitteleuropas manches prophetisch aufgegangen ist. Und es ist so, die besten Leute sind eben eigentlich unterdrückt gewesen, und diejenigen, die oben waren, die waren furchtbare Menschen. Und so hat sich ja diese Not vorbereitet, die doch eigentlich die große Lehrmeisterin sein müßte.

[ 13 ] Es hat sich in diesem Staat, in Österreich, in dem es dreizehn offizielle Sprachen gab es vor dem Krieg, wirklich so recht gezeigt, wie unmöglich eigentlich dieses alte Staatsgebilde in der modernen Menschheit ist, wie unmöglich das ist, was man gewohnt war, einen Einheitsstaat zu nennen. Diese dreizehn verschiedenen Völkerschaften — es waren im Grunde genommen noch mehr, aber offiziell waren es dreizehn -, die forderten mit aller Macht dasjenige, was dann ausgesprochen werden mußte als Dreigliederungsidee. Und Österreich konnte geradezu die große Schule sein für diese weltgeschichtliche Politik. Namentlich, wenn man sie in Österreich studiert hat in den achtziger Jahren - ich hatte dazumal zu übernehmen die Redaktion der «Deutschen Wochenschrift» -, in den achtziger Jahren, als äußerlich der Taaffe regierte, als Lueger vorbereitet wurde, da hatte man wirklich Gelegenheit, die treibenden Kräfte zu sehen. Damals änderte sich die ganze Signatur von Wien. Wien wurde von einer Stadt, die einen deutschen Charakter hatte, zu einer Stadt von internationalem, fast kosmopolitischem Charakter durch das eindringende Slawentum. Man konnte studieren, wie sich die Dinge entwickelten. Da begriff man, es war etwas von Ohnmacht in dem, was herausgekommen war aus dem Liberalismus. Es war so wie Ohnmacht, wenn der Herbst sprach. Dann kam es endlich dazu, daß die Leute fanden: Diese Politik taugt nichts mehr! Aber sie fanden das nicht etwa, weil sie innerlich die Phrasenhaftigkeit einer solchen Politik wie die von Herbst einsahen, der nur Abstraktionen zuwegebrachte, sondern weil die Wiener Regierung nach Prestigebewahrung und nach Imperialismus strebte und die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina gebrauchte. Wenn sich solch ein Mensch wie Herbst dagegenwandte, sah man nicht die Leerheit seiner Sätze, sondern man sah nur, daß er sich nicht reinfinden konnte in die imperialistische Politik. [Im Gegensatz dazu] Plener, der im Grunde genommen ebensolche leeren Phrasen sprach, der aber sich hineinfand und sich zu den Leuten bekehrte, die für die Okkupation waren, weil er ein größerer Streber war. Damals war es, als unter dem Eindruck dieser bosnischen Okkupation Hausner seine großen Reden gehalten hat, in denen prophetisch vorausgesagt ist dasjenige, was im Grunde dann auch gekommen ist. Es war schon in dem, was da gesprochen wurde und wo das Testament Peters des Großen eine Rolle spielte, etwas von dem Wetterleuchten desjenigen, was dann in so furchtbarer Weise heraufgezogen ist. Gerade in den Reden, die heute Graf Polzer erwähnt hat und in denen so oft das Testament Peters des Großen, ebenso die großen Gesichtspunkte der Slawenpolitik berührt wurden, ist eine gewisse Gelegenheit da zu sehen, was man, wenn man vernünftig gewesen wäre, hätte tun müssen gegenüber der britischen Politik und ihren großen historischen Gesichtspunkten.

[ 14 ] Politik, meine sehr verehrten Anwesenden, will als eine Realität studiert sein, als Realität erlebt sein. Und immer wiederum muß ich sagen, daß es mir eigentlich außerordentlich schmerzlich ist, wenn die Leute, die die «Kernpunkte» in die Hand bekommen, diesen nicht ansehen, daß sie herausgeschrieben sind aus treulicher Beobachtung der europäischen und sonstigen Verhältnisse des zivilisierten neueren Lebens und unter Berücksichtigung aller maßgebenden Einzelheiten. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, man kann doch wahrhaftig nicht in einem Buch, das als eine Art Programmbuch herausgegeben ist, alle diese Dinge im einzelnen schreiben. Ich habe heute nur einiges in Bildern angedeutet; wollte man aber darüber schreiben, so müßte man fünfzig Bände schreiben. Diese fünfzig Bände kann man natürlich nicht schreiben, aber sie sind ihrem Inhalt nach eingeflossen in die «Kernpunkte». Und das ist das große — oder kleine -, es ist das kleine Kennzeichen unserer Zeit, daß man nicht fühlt, daß ein Unterschied besteht zwischen den Sätzen, die aus der Wirklichkeit heraus gesprochen und geschrieben sind, und all dem Riesenquatsch, der heute durch die Welt geht und der heute eigentlich als etwas Gleichbedeutendes behandelt wird gegenüber dem, was aus der positiven Wirklichkeit heraus schöpft und was erlebt ist. Fühlen sollte man, daß das in den «Kernpunkten» drinnen ist und nicht erst den Beweis der fünfzig Bände brauchen. Es ist ein Armutszeugnis für die Menschheit, dieses Nichtfühlenkönnen, ob in einem Satz, der vielleicht nur zwei Zeilen lang ist, Leben ist oder bloß journalistische Phrase.

[ 15 ] Das ist dasjenige, was notwendig ist und wozu wir kommen müssen und auch kommen können: unterscheiden zu können Journalismus und Phrase von erlebtem, erblutetem Inhalt. Ohne das kommen wir nicht weiter. Und gerade, wenn einmal an der großen Außenpolitik eine Orientierung versucht wird, so zeigt es sich, wie notwendig es heute ist, daß die Menschheit vordringe zu einer solchen Unterscheidung.

[ 16 ] Das ist es, was ich mit ein paar wirklich recht ungenügenden Sätzen zu den Ausführungen des Grafen Polzer eben andeuten wollte.

Im Anschluß an die Ausführungen von Rudolf Steiner wird die Gelegenheit zur Diskussion gegeben.