Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit,
Soziale Praxis I
Band II
GA 337a
28 Juni 1920, Stuttgart
8. Historische Gesichtspunkte zur auswärtigen Politik
[ 1 ] Rudolf Steiner: Meinen sehr verehrten Anwesenden! Man muß in der Gegenwart - und ich meine damit auch die allerunmittelbarste Gegenwart des Tages -— immer wieder betonen, daß ein Weiterkommen in den mitteleuropäischen wirtschaftlichen, staatlichen und geistigen Verhältnissen nicht möglich ist, wenn nicht in die ganze Vorstellungsweise derjenigen Menschen, die sich am öffentlichen Leben beteiligen, größere Gesichtspunkte eingreifen, als es leider bisher in weitesten Kreisen der Fall war. Und deshalb wollen sie es verzeihen, daß ich heute etwas weiter ausholen werde und gewissermaßen die europäische Kulturpolitik von einigen, allerdings nur aphoristisch darzustellenden, historischen Gesichtspunkten aus beleuchten möchte.
[ 2 ] Wir müssen, wenn wir einen Standpunkt gewinnen wollen innerhalb der gegenwärtigen öffentlichen Verhältnisse, schon einmal scharf ins Auge fassen den Gegensatz, der in staatlicher, in geistiger und in wirtschaftlicher Beziehung vorhanden ist zwischen [drei Gebieten]: Das erste Gebiet könnte man nennen die Welt des Westens, die namentlich umfaßt die Bevölkerungen, welche dem anglo-amerikanischen Element angehören und in deren Schlepptau ja heute die romanischen Bevölkerungen sind. Dann müssen wir nach den drei angeführten Gesichtspunkten von jenem anglo-amerikanischen Gebiet im Westen scharf unterscheiden alles dasjenige, was man nennen könnte mitteleuropäisches Kulturgebiet. Und davon ist zu unterscheiden ein drittes Gebiet, das ist der Osten, der weite Osten, der ja immer mehr und mehr sich zu einem geschlossenen Gebiet eint -— mehr als man hier nach den sehr ungenauen Nachrichten anzunehmen geneigt ist —, ein Gebiet, das umfaßt das europäische Rußland mit all dem, worauf es heute schon und später noch mehr seine Herrschaft ausdehnen wird, und auch schon einen großen Teil von Asien. Man macht sich nicht immer in genügender Weise klar, welche beträchtlichen Unterschiede bestehen zwischen diesen drei Gebieten und wie aus diesen Unterschieden auch die einzelnen Maßnahmen des Tages nach den drei angeführten Gesichtspunkten geregelt werden müßten, wenn irgendwie bei diesen Maßnahmen etwas für die Zukunft Fruchtbares herauskommen sollte. Es ist ja wahrhaft kläglich, daß wir es immer wieder erleben müssen, wie ohne das Bewußtsein, daß neue Ideen notwendig sind zu einem neuen Aufbau, wiederum selbst so wichtige Verhandlungen wie diejenigen von Spa so getrieben werden, als ob man heute wirklich mit denselben Gedanken weiterwirtschaften könnte, die von 1914 ab sich selbst ins Absurde geführt haben. Ich werde versuchen — wie gesagt nur in aphoristischer Weise, und es wird so aussehen, als ob es ganz allgemein charakterisiert wäre, aber mit dem Allgemeinen sind sehr konkrete Dinge gemeint -, ich werde versuchen, die Unterschiede herauszuarbeiten zwischen den Vorstellungsweisen des Westens, der Mitte und des Ostens, und es wird sich schon zeigen, daß aus diesen Vorstellungen heraus fruchtbare Gesichtspunkte für die Gegenwart und Zukunft gewonnen werden können.
[ 3 ] Wir gehen vielleicht davon aus, daß mein Aufruf, der im Frühling 1919 erschienen ist, in einzelnen Kreisen Deutschlands deshalb so mißverstanden worden ist, weil der Aufruf seinen Ausgangspunkt davon genommen hat, daß Deutschland seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts seine eigentliche Aufgabe für dasjenige, was es staatlich zu umgrenzen und nach und nach zu konsolidieren versucht hat, verloren hat. Man möchte sagen: Dieses Deutschland hat sich darauf beschränkt, eine Art von sachlichem Rahmen zu schaffen, aber dieses Deutschland hat nicht dazu kommen können, innerhalb dieses Rahmens tragende Ideen, einen wirklichen substantiellen Inhalt, einen Kulturinhalt, auszubilden. Nun kann man ja ein sogenannter praktischer Mensch sein und die Ideenträger als Idealisten verketzern; aber die Welt kommt eben mit solchen praktischen Menschen doch nicht weiter als bis zu Krisen, zu einzelnen oder dann zu solch universellen Krisen, wie sich eine solche im Jahre 1914 eingeleitet hat. Man kann, wenn man in diesem Sinn ein praktischer Mensch ist, Geschäfte machen, kann einzelne Interessen befriedigen, scheinbar auch Interessen bis ins Große befriedigen; aber so gut es auch den einzelnen gehen mag und so gut dem einzelnen auch seine Unternehmungen scheinen mögen — immer wieder und wiederum muß es unter solchen Voraussetzungen zu Krisen führen, und diese müssen sich endlich zusammenschürzen in einer solchen Katastrophe, wie wir sie seit dem Jahre 1914 als die größte Weltkatastrophe erlebt haben.
[ 4 ] Nun, was tritt uns denn als ein Charakteristisches innerhalb des mitteleuropäischen Gebietes, namentlich seit den siebziger Jahren, immer mehr und mehr entgegen? Wir sehen, daß da, wo es auf das eigentlich ideelle Gebiet geht, aus dem heraus doch ein gewisser Kulturinhalt hätte kommen müssen, daß da innerhalb Mitteleuropas — auch im politischen und im sozialen Leben - außer einzelnen lobenswerten Maßnahmen im Grunde genommen doch nur eine Art theoretischer Diskussion getrieben wird. Sie finden ja fast alles, was da aufgewendet worden ist, um gewissermaßen zurechtzukommen mit den Forderungen der Zeit, mehr oder weniger verzeichnet in den Verhandlungen - sei es in den Parlamenten, sei es außerhalb der Parlamente -, die gepflogen worden sind zwischen der proletarischen Partei, die immer mehr und mehr einen sozialdemokratischen Charakter angenommen hat, und den verschiedenen anderen Parteien, die aus ihren Interessen oder Traditionen heraus glaubten, diese proletarische Partei bekämpfen zu müssen. Da ist viel aufgebracht worden an Kritik und an Antikritik, da ist viel geredet worden, aber: Was ist denn im Grunde genommen aus all dem herausgekommen? Was hat sich aus diesem Gerede ergeben als notwendig zu einem Aufbau für zukünftige soziale Verhältnisse, innerhalb welcher die Menschen leben können? Diejenigen der verehrten Anwesenden, die schon öfter meine Vorträge gehört haben, werden wissen, daß ich nicht liebe, mich in Theorien einzulassen, sondern daß ich da, wo es darauf ankommt, große Linien zu ziehen, auf die unmittelbare Lebenspraxis eingehen will. Und daher will ich auch heute dasjenige, was ich eben angedeutet habe, mit unmittelbarer Praxis belegen.
[ 5 ] Eine der allerinteressantesten Publikationen der Gegenwart ist das Buch «Die wirtschaftspolitischen Probleme der proletarischen Diktatur» von Professor Varga, in dem er dasjenige schildert, was er selbst erlebt, selbst gemacht hat innerhalb eines zwar kleinen, aber doch nicht allzu kleinen europäischen Wirtschaftsgebietes. Das Buch von Varga ist deshalb außerordentlich interessant, weil hier eben ein Mensch dasjenige schildert, was er selber erlebt, selber getan hat und was ihm passiert ist, während er selbst die Macht hatte - auch wenn diese nur kurz dauern konnte -, ein beschränktes Gebiet fast selbstherrlich zu gliedern, sozial zu gestalten. Der Professor Varga war ja Wirtschaftskommissär, also Minister für die wirtschaftlichen Angelegenheiten während der kurzen Herrlichkeit der ungarischen Räterepublik, und er hat dasjenige, was er da versucht hat mit seinen Kollegen, in diesem eben erschienenen Buch dargestellt. Er war insbesondere für wirtschaftliche Angelegenheiten [verantwortlich], und er schildert, wie er Ungarn wirtschaftlich zurechtrichten wollte aus marxistischer Denkweise — aus einer solchen Denkweise, die der leninschen ganz nahesteht -, und er schildert mit einer gewissen Aufrichtigkeit im einzelnen die Erfahrungen, die er dabei gemacht hat. Vor allen Dingen schildert er dabei genau, wie er nach dem besonderen Rezept, das sich da in Ungarn anwenden ließ, die einzelnen Betriebe enteignet hat, wie er versucht hat, eine Art Betriebsräte aus den Arbeiterschaften der einzelnen Betriebe heraus zu gestalten, wie er dann versucht hat, diese einzelnen Betriebe zu größeren Wirtschaftskörpern zusammenzugliedern, und wie dann diese ihre Spitze haben sollten in einem obersten Wirtschaftsrat mit Wirtschaftskommissären, die dann von Budapest aus dieses Wirtschaftsleben verwalten sollten. Ziemlich in den Einzelheiten schildert er, wie er diese Dinge gemacht hat. Er ist, wie gesagt, ein Mann, der seine ganze Denkweise — also jene Denkweise, die unmittelbar da praktisch werden sollte, die ein paar Monate innerhalb Europas wirtschaften konnte -, er hat diese Denkweise durchaus als ein Ergebnis alles desjenigen gewonnen, was sich abgespielt hat im Laufe der letzten fünfzig Jahre zwischen der sozialdemokratischen Partei und all dem, was diese sozialdemokratische Partei aus den verschiedensten Gesichtspunkten heraus bekämpft hat. Er steht, wie gesagt, mit seinen Anschauungen dem Leninismus sehr nahe; er hebt insbesondere einen Gesichtspunkt scharf hervor. Es ist klar für einen solchen Mann, wie es der Professor Varga ist, der mit einer gewissen stiermäßigen Impulsivität die Vorgänge schildert —- eine stiermäßige Impulsivität, wie wir sie ja genügend kennen innerhalb des Parteilebens Mitteleuropas -, es ist für ihn klar, daß nur die stramme, strenge Ausführung der marxistischen Grundsätze, so wie sie auch Lenin will, mit dieser oder jener Modifikation dem sozialen Organismus Heil bringen könnte; davon war er sehr überzeugt. Nun ist er außerdem ein Mensch, dieser Professor Varga, der zwar nicht sehr groß, nicht sehr gescheit denkt, der aber immerhin denken kann; und so weiß er - und er schildert es auch -, daß im Grunde genommen diese ganze Bewegung getragen wird von dem Industrieproletariat. Nun ist ihm aus den besonderen Verhältnissen, aus seinen Erfahrungen bei Einführung dessen, was er verwirklichen wollte in Ungarn, eines klar geworden: daß zwar die Industrieproletarier die einzigen Menschen sind, die ebenso stramm wie er selbst an den Forderungen des Marxismus festhalten wollten und sich von ihnen etwas versprachen, daß aber das Industrieproletariat, wie die städtische Bevölkerung überhaupt, diejenigen sind, die am schlechtesten dabei wegkommen, wenn man nun wirklich praktisch darangeht, irgend etwas zu machen mit diesen Grundsätzen. Die ganz kurzen Erfahrungen zeigten ihm, daß zunächst eigentlich nur die Landbevölkerung eine Möglichkeit hat, irgendwie besser wegzukommen bei diesen Grundsätzen. Die Landbevölkerung kommt deshalb besser weg, weil diese marxistischen Grundsätze die ganze Kultur auf eine gewisse primitive Stufe zurückbringen. Diese primitive Stufe der Kultur ist aber nicht anwendbar auf die Struktur des städtischen Lebens, höchstens auf diejenige des bäuerlichen Lebens auf dem Lande. Und so muß sich der Professor Varga gestehen, trotzdem er Marxist ist - das ist für ihn ungefähr so selbstverständlich, wie die Tatsache, daß der pythagoräische Lehrsatz richtig ist -, er muß sich gestehen: Wir müssen uns gefaßt machen darauf, daß das Industrieproletariat und die Stadtbevölkerung am Hungertuche nagen werden.
[ 6 ] Nun kommt dasjenige, was ein Mann wie der Professor Varga als Konsequenzen an solche Voraussetzungen knüpft. Er sagt: Ja, aber erstens wird das Industrieproletariat in den Städten Idealismus haben, wird nachhängen diesem Ideellen auch dann, wenn es hungern muß. Nun, es gehört selbstverständlich zu der Phrasenhaftigkeit der modernen Zeit, daß man dann, wenn irgendeine Idee nicht klappt - eine Idee, die man aber für absolut richtig halten will -, daß man dann diese Idee für einen Idealismus aufmaskiert, für den man eventuell auch hungern müsse. Die andere Konsequenz, die Varga zieht, ist diese, daß er sagt: Nun ja, zunächst wird es in den Städten und für die Industriebevölkerung viel, viel schlechter werden; aber dann, wenn es lange genug schlecht gegangen sein wird, dann wird es einmal besser werden; daher müssen die Industrieproletariier und die Städter überhaupt auf die Zukunft verwiesen werden. So sagt er also: Ja, zunächst macht man allerdings recht trübe Erfahrungen; aber in der Zukunft wird es schon besser gehen. — Und er hat ja nicht vor sich die sehr zahmen Betriebsräte, die wir nach dem Westen zu vorfinden, sondern diejenigen ganz radikalen Betriebsräte, welche entstanden sind aus dem Radikalismus nach leninscher Form und wie sie in Räte-Ungarn eingeführt worden sind. Weil nicht durch irgendeine frühere regierungsmäßige Art diejenigen Leute bestimmt werden, welche den ganzen Wirtschaftsapparat in Ordnung halten, so werden die Leute aus ihren eigenen Reihen heraus gewählt. Und da hat sich ja für den Professor Varga die Erfahrung ergeben - er hat das selbst alles als Erfahrungen erleben können -, er sagte, und das ist ein interessantes Geständnis: Ja, zunächst hat sich allerdings ergeben, daß diejenigen Menschen, die da nun ausgewählt werden und die eigentlich für die Produktivität der Arbeit sorgen sollen, daß sich die damit beschäftigen, in den Werken herumzulungern und zu streiten, und die anderen sehen das, finden das angenehmer und möchten auch alle zu diesen Stellen aufrücken; und so entspinnt sich ein allgemeines Bestreben, zu diesen Stellen aufzurücken. Das ist ein interessantes Geständnis eines Mannes, der nicht bloß Gelegenheit hatte, Theorien auszuarbeiten über die Wirklichkeitsgemäßheit des Marxismus und Leninismus, sondern der auch die Möglichkeit hatte, die Dinge in die Wirklichkeit umzusetzen. Aber etwas ist noch viel interessanter. Varga zeigt nun, wie solche Wirtschaftskommissäre - die eben für größere Gebiete aufzustellen waren, wobei man übrigens recht bürokratisch vorgehen mußte — eigentlich weder die Neigung noch die Möglichkeit hatten, etwas Wirkliches zu tun.
[ 7 ] Sehen Sie, das Buch von Varga über Räte-Ungarn ist ja gegenwarts-kulturhistorisch außerordentlich interessant durch die Schilderungen, die sehr ins einzelne gehen und nun wirklich auch in ihren Einzelheiten so interessant sind wie die paar Dinge, die ich jetzt angegeben habe. Im Buch aber war mir das Interessanteste etwas, was ungefähr in drei Zeilen steht. Ich möchte sagen, das Allerwichtigste ist gerade das, was der Professor Varga sagt, als er über die Aufgaben der Wirtschaftskommissäre spricht und über die Art und Weise, wie sie diese Aufgaben nicht erfüllen konnten. Er sagt: Ja, diese Wirtschaftskommissäre werden aber doch nur irgendeine Bedeutung haben und in der Zukunft gewinnen, wenn man für ihre Stellen die richtigen Persönlichkeiten findet. Der gute Professor Varga scheint gar nicht zu erkennen, welch mächtiges Geständnis in diesen drei Zeilen eigentlich liegt, die zum Interessantesten des ganzen Buches gehören. Wir sehen ganz unvermerkt das Geständnis eines Menschen, der, ich möchte sagen mit leninscher Stärke, hervorgewachsen ist aus den Ideen des 20. Jahrhunderts und der die Möglichkeit hatte, diese Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen; wir sehen das Geständnis [ins Gegenteil] gehen dessen, was immer und immer wieder gepredigt wurde in fast jeder sozialdemokratischen Versammlung: Ja, es ist falsch, durch und durch falsch, wenn die Leute glauben, Geschichte gehe aus den Ideen, aus den Genialitäten der einzelnen Persönlichkeiten hervor; richtig ist vielmehr, daß die Persönlichkeiten selbst und alles das, was sie an Ideen entwickeln können, hervorgeht aus den wirtschaftlichen Verhältnissen. -— Es wurde also von diesen Leuten immer wieder gesagt, wie unrecht die Menschen gehabt haben, die auf die Ideen und Persönlichkeiten gerechnet haben, und wie man rechnen müsse einzig und allein mit den Produktionsverhältnissen, die als einen Überbau aus sich heraustreiben dasjenige, was leitende Ideen sind. Nun kommt ein Mann dazu, [die marxistischen Ideen wirklich] einzuführen, und er sagt: Ja, diese Ideen sind alle sehr schön, aber sie werden erst ausgeführt werden können, wenn wir die richtigen Persönlichkeiten dazu haben. — Man kann sich kaum denken, daß stärker ad absurdum geführt werden könnte dasjenige, was gerade das Wesentliche, den Nerv, den innersten Impuls der Denkweise eines solchen Menschen ausmacht, wie Varga einer ist, dieser Zentralwirtschaftskommissär, dieser Minister für wirtschaftliche Angelegenheiten in Räte-Ungarn. Er zeigt ganz deutlich, daß dasjenige, was da in den mitteleuropäischen Gebieten zusammengebraut worden ist an Zukunftsideen, scheitern mußte in dem Augenblick, wo man daranging, irgend etwas Positives daraus aufbauen zu wollen. Man braucht nur diese Schilderungen zu lesen, dieses Geständnis zu vernehmen, und man sieht, wie machtlos eigentlich ein solcher Mensch ist, den die Zeitverhältnisse in einem immerhin wichtigen Land an die Oberfläche zur Führerschaft hingetrieben haben, und zu [welchen Schlüssen] ein solcher Mensch gelangt auf wirtschaftlichem Gebiet.
[ 8 ] Aber interessant ist es auch, wozu ein solcher Mensch auf staatlichem Gebiet gelangt. Sehen Sie, da muß man schon die Ausführungen von Professor Varga mit den Zeitverhältnissen zusammenhalten. Vielleicht erinnern Sie sich daran, wie immer mehr und mehr in den letzten Jahrzehnten gewisse Beschwerden erhoben worden sind von den verschiedensten Seiten, daß alle Ämter überschwemmt würden nicht mit technischen, nicht mit kommerziellen Fachleuten, sondern überschwemmt würden mit Juristen. Erinnern Sie sich, wieviel über dieses Faktum geredet worden ist aus dem Getriebe des alten Staatswesens heraus. Auch bei anderen Angelegenheiten, namentlich bei der Verstaatlichung der Eisenbahnen, waren ja immer die eigentlichen Fachleute diejenigen, die in den Hintergrund treten mußten, und die Juristen waren diejenigen, auf die im wesentlichen aller Wert gelegt worden ist und die in den wichtigsten Stellungen waren. Nun, der Professor Varga, wie redet er über die Juristen, zu denen er übrigens auch zählt? Wie redet er über andere Staatsträger, Staatsführer, Staatsbeamte? Er redet so über sie, daß er sagt: Auf die wird überhaupt keine Rücksicht genommen, die werden einfach abgeschafft, die hören auf, eine Bedeutung zu haben; die Juristen aller Sorten, die müssen sich einreihen ins Proletariat, denn die braucht man nicht, wenn man das Wirtschaftsleben sozialisieren will. - Man merke, wie da unmittelbar zwei Dinge aneinanderstoßen: der elitäre Juristenstaat, der die Juristen an die Oberfläche getrieben hat, und der sozialistische Staat, der dieses ganze System von Juristerei für unnötig erklärt. Also, im sozialistischen Staat werden die Juristen einfach beseitigt, da macht man sich keine Gedanken darüber. Das sind Leute, auf die man nicht weiter zählt. Man rechnet sie nicht mit, wenn man eine neue soziale Ordnung hervorrufen will. Und das geistige Leben, das wird einfach nebenbei vom wirtschaftlichen Staat geordnet. Das heißt, es wurde selbstverständlich in den paar Monaten ungarischer Räterepublik gar nicht geordnet. Deshalb hat Varga da noch keine Erfahrungen; da trägt er seine bloßen Theorien vor. Und so sehen wir gerade, wie dieser Professor Varga, der ein, ich möchte sagen in welthistorischer Beziehung, bemerkenswertes Werk der gegenwärtigen Literatur eingefügt hat, wir sehen, wie dieser Mann eigentlich nirgends in der Wirklichkeit wurzelt. Höchstens wurzelt er in der Wirklichkeit mit dem einzigen trivialen Satz, mit der einzigen Selbstverständlichkeit: Wenn man will, daß ein Amt ordentlich versorgt wird, dann muß man den rechten Menschen darauf setzen. Alles übrige ist Stroh, ist wertloses Zeug; aber dieses wertlose Zeug, das hätte Wirklichkeit werden sollen auf einem immerhin nicht eng begrenzten Gebiet. Da findet natürlich ein solcher Mensch allerlei Ausreden für die Tatsache, daß RäteUngarn so rasch zu Ende gegangen ist — durch den rumänischen Einfall und was sonst noch alles. Aber wer tiefer in diese Dinge hineinschaut, der muß sich sagen: Einfach, weil Ungarn ein kleineres Gebiet ist, also weil all das Abbauende, all das Auflösende und Zersetzende einen kleineren Weg hatte von dem Zentrum Budapest bis zur Peripherie des Landes, deshalb hat sich bei Räte-Ungarn sehr rasch das gezeigt, was sich im Osten, in Rußland, wo der Weg größer ist vom Zentrum Moskau bis zur Peripherie, auch noch zeigen wird, wenn auch freilich in Dingen, die uns sehr Sorge machen können.
[ 9 ] Sehen Sie, im Grunde genommen haben wir es ja bei den führenden Persönlichkeiten, bei den wirklich führenden Persönlichkeiten, nur mit zweierlei zu tun. Auf der einen Seite haben wir diejenigen Führenden, die etwa wie der gegenwärtige Reichskanzler - man sagt noch immer «Reichskanzler» -, eine urälteste Figur spielen bei internationalen Verhandlungen, die noch immer mit den allerabgegriffensten Ideen arbeiten, und auf der anderen Seite solche Persönlichkeiten, wie der Professor Varga eine ist, der Neues begründen wollte - ein Neues, das aber nur dadurch neu ist, daß seine Ideen schneller zum Abbau führen. Die Ideen der anderen führen auch zum Abbau, aber weil sie nicht so radikal vorgehen, so geht der Abbau schlampiger, langsamer vor sich; wenn der Professor Varga mit seinen Ideen kommt, geht es gründlicher, radikaler.
[ 10 ] Nehmen wir jetzt mal die westlichen Ideen. Wie gesagt, man kann da vieles schildern, noch lange, bis morgen, schildern, aber ich möchte nur einige Gesichtspunkte angeben. Sehen Sie, man kann ja vom moralischen Gesichtspunkt oder vom Gesichtspunkt menschlicher Sympathie und Antipathie denken, wie man will über diese Westländer, namentlich über die anglo-amerikanische Kulturpolitik — meinetwillen nenne man sie auch eine Unkulturpolitik; ich will nicht über Geschmacksfragen streiten. [Darüber will ich nicht sprechen], sondern ich will über welthistorische und politische Notwendigkeiten sprechen, über dasjenige, was als Impetus, als Impuls in der englischen Politik wirkte in denselben Jahrzehnten, in denen man in Mitteleuropa so theoretisch diskutierte, daß dann zunächst Vargasche Ideen herauskamen. Wer auf diese englische Politik hinschaut, der findet, daß ihr zugrundeliegt vor allen Dingen etwas, was ein Zug ist, ein Grundzug — er braucht niemandem zu gefallen, aber es ist ein Grundzug -, durch den Ideen wirken, durch den Ideen strömen.
[ 11 ] Wie soll man den Gegensatz dieses Mitteleuropas und dieser westlichen, anglo-amerikanischen Länder — es gehört ja auch der koloniale Nachwuchs in Amerika dazu - sachgemäß charakterisieren? Da möchte man sagen: Außerordentlich charakteristisch ist es, daß in diesem Zug, der vor allen Dingen durch die Handelspolitik, durch die Industriepolitik der Westländer geht, etwas immer deutlich spürbar ist-ich sage nicht verstehbar, aber deutlich spürbar -, etwas, was sich auch als Idee ausspricht. 1884 hat ein englischer Historiker, Professor Seeley, in dem Buche «Die Ausbreitung von Großbritannien» die Sache geschildert. Ich will Ihnen mit seinen eigenen Worten vorhalten, am besten die paar Sätze, die klar und deutlich zum Ausdruck bringen, um was es sich dabei handelt. Seeley sagt in seinem Buche «The Expansion of England»: «Wir gründeten unser Reich teils, wie zugegeben werden muß, durchdrungen vom Ehrgeiz der Eroberung, teils aus philanthropischen Absichten, um ungeheuren Übeln ein Ende zu machen.» - Er meint Übel in den Kolonien. Das heißt, es wird ganz bewußt angestrebt eine Expansionspolitik — das ganze Buch enthält ja diese Idee -, eine Ausdehnung der Machtsphäre Großbritanniens über die Welt. Und es wird angestrebt diese Ausdehnung, weil man glaubt, daß diese Mission, die dahin geht, wirtschaftliche Expansionskräfte zu verwenden, daß diese Mission dem britischen Volk zugefallen ist — so ungefähr, wie im Altertum dem hebräischen Volk eine gewisse Mission zugefallen ist. Ein Historiker spricht es aus: In denjenigen Leuten, die in England handeln - ich meine Handel treiben -, die Industrielle sind, die Kolonisatoren sind, die staatsverwaltende Menschen sind, in all diesen Menschen lebt eine geschlossene Phalanx der Welteroberung. Das ist dasjenige, was dieser Historiker Seeley ausspricht. Und die besten Leute Englands, die auch aus den Geheimgesellschaften heraus wissen, um was es sich handelt, die betonen ausdrücklich: Unser Reich ist das Inselreich, wir haben rings herum Meer, und nach der Konfiguration dieses unseres Reiches fällt uns diese Mission zu. Weil wir ein Inselvolk sind, deshalb müssen wir auf der einen Seite aus Ehrgeiz erobern und auf der anderen Seite aus Philanthropie — wirklicher oder geglaubter — versuchen, die Übel, die in ganz unkultivierten Ländern sind, zu beseitigen. Das alles ist aus volksmäßigem Instinkt heraus, aber so aus volksmäßigem Instinkt heraus, daß man jederzeit bereit ist, das eine zu tun, das andere nicht zu tun, wenn es darauf ankommt, irgendwie dem großen Ziel der Ausdehnung des britischen Wesens sich zu nähern. Was weiß man denn [von dem britischen Wesen]? Ich bitte Sie, meine verehrten Anwesenden, gerade dasjenige, was ich jetzt gesagt habe, sehr genau ins Auge zu fassen — was weiß man denn davon? Man weiß, die Engländer denken: Wir sind ein Inselvolk. Das ist der Charakter unseres Reiches, daß es auf einer Insel errichtet ist. Wir können nichts anderes als ein Eroberervolk sein. - Wenn jemand den Geschmack hat zu sagen «ein Räubervolk», so mag er das tun, darauf kommt es heute nicht an, es kommt nur auf Tatsachen an und auf die politische Tendenz, denn die bewirken etwas; Geschmacksurteile bewirken auf dem Gebiete, auf dem wir uns da unterhalten, nichts. Man weiß also [in England], eine Politik zu treiben, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiete, welche ausgeht von einer klaren Erkenntnis dessen, was man als Volk ist auf dem Gebiete der Erde, auf dem man lebt. Das ist Wirklichkeitssinn, das ist Realitätsgeist.
[ 12 ] Wie ist es denn in Mitteleuropa? Was hilft es denn, daß man sich hier immerfort Illusionen hingibt? Da wird man nie weiterkommen. Weiterkommt man lediglich dadurch, daß man die Wirklichkeit ins Auge faßt. Wie ist es denn in Mitteleuropa in derselben Zeit, in der sich immer mehr und mehr kristallisierte das englische Wollen in dem, wovon ich eben jetzt gesprochen habe, das ausgeht von einer klaren Erkenntnis des Gebietes, auf dem man wirkt -, wie ist es in derselben Zeit in Mitteleuropa? Nun, in Mitteleuropa, da haben wir es keineswegs zu tun mit einem ähnlichen Erkennen der Aufgaben, die sich aus den Territorien ergeben, auf denen man lebt - ganz und gar nicht. Nehmen wir das Gebiet, von dem das Unglück in Europa ausgegangen ist, Österreich-Ungarn; dieses Österreich-Ungarn ist gewissermaßen von der neueren Geschichte geschaffen, um den Beweis zu liefern, wie ein moderner Staat nicht sein soll.
[ 13 ] Sehen Sie, dieses Österreich-Ungarn faßte in sich - ich kann das nicht weiter ausführen heute, ich will heute nur ganz aphoristisch und äußerlich charakterisieren -, dieses Österreich-Ungarn faßte in sich zunächst die in den Alpenländern und in Nieder- und Oberösterreich lebenden Deutschen, die in sich in verschiedenste Gesinnungen gespalten waren, faßte weiter in sich im Norden die Tschechen mit starken deutschen Einschlüssen in Deutsch-Böhmen, weiter im Osten die polnische Bevölkerung, noch weiter im Osten die ruthenische Bevölkerung, dann die verschiedenen anderen im Osten von Österreich-Ungarn liegenden Völkerschaften, vorzugsweise die Magyaren und weiter nach Süden die südslawischen Völker. Meine sehr verehrten Anwesenden, wird all das in ähnlicher Weise von einer Realität tragenden Idee zusammengehalten wie diejenige [der Engländer]: Wir sind ein Inselvolk und müssen deshalb erobern? Nein! Wodurch wurden denn diese dreizehn verschiedenen, staatlich anerkannten [Sprach]gebiete ÖsterreichUngarns zusammengehalten? Zusammengehalten — ich darf das sagen, denn ich habe die Hälfte meiner Lebenszeit, fast dreißig Jahre, in Österreich verbracht -, zusammengehalten wurden sie einzig und allein durch die habsburgische Hauspolitik, durch diese unglückselige habsburgische Hauspolitik. Man möchte sagen, alles dasjenige, was in Österreich-Ungarn gemacht worden ist, ist eigentlich gemacht worden unter dem Gesichtspunkt: Wie läßt sich diese habsburgische Hauspolitik aufrechterhalten? Diese habsburgische Hauspolitik ist ein Produkt des Mittelalters. Nichts also ist vorhanden [für den Zusammenhalt] als das selbstische Interesse eines Fürstenhauses, nichts dergleichen, wie es etwa bei dem englischen Historiker Seeley im Jahre 1884 zum Ausdruck kommt.
[ 14 ] Und was haben wir in dem übrigen Mitteleuropa, zum Beispiel in Deutschland, erlebt? Ja, ich muß sagen: Mir hat es immer tief ins Herz geschnitten, wenn ich zum Beispiel so etwas gelesen habe, wie es öfter bei Herman Grimm vorkommt, der klar und deutlich schildert, was er empfunden hat während seiner eigenen Studienjahre, in den Zeiten noch, in denen es ein Verbrechen war, sich einen Deutschen zu nennen. Die Leute wissen das heute nicht mehr; man darf nicht vergessen, man war Württemberger, man war Bayer, Preuße, Thüringer und so weiter, aber man war nicht Deutscher. Und Deutscher zu sein, Großdeutscher, das war dazumal Revolution, das konnte man nur im intimsten Kreise gestehen, das war ein Verbrechen gegen die selbstischen Interessen der Fürstenhäuser. Bis 1848, sagt Herman Grimm, war bei den Deutschen das das größte Verbrechen auf politischem Felde, was bei den Franzosen die größte Ehre war: sich einen Franzosen zu nennen; sich einen Deutschen zu nennen war [bei den Deutschen das größte Verbrechen]. Und ich glaube, heute lesen viele Menschen Fichtes «Reden an die Deutsche Nation» und sie verstehen die Eingangsworte gar nicht richtig, denn sie beziehen sie auf etwas anderes. Fichte sagt: Ich spreche für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg. — Er meint, er spricht, ohne die Unterschiede von Österreichern, Sachsen, Thüringern, Bayern und so weiter zu berücksichtigen, eben zu Deutschen — er meint das streng [im Sinne] von innerlicher Politik; nichts in diesem Satz enthält etwas, was nach außen ginge. [Deutscher zu sein im politischen Sinn] war etwas, was nicht sein durfte, was verboten war. Es sieht fast albern aus, aber es war verboten - so ein bißchen nach jenem Prinzip, das vorkommt in einer Anekdote von Kaiser Ferdinand, den man den Gütigen nannte, Ferdinand den Gütigen, weil er sonst keine brauchbaren Eigenschaften hatte. Von ihm wird erzählt, daß ihm Metternich gemeldet habe: In Prag beginnen die Leute zu revolutionieren -, da sagte Kaiser Ferdinand: Dürfen Sie denn das überhaupt? — Ungefähr nach diesem Prinzip des Nichtdürfens wurde ja das Deutschsein bis zum Jahre 1848 behandelt. Und dann gebar sich allerdings aus diesem Deutschsein ein Ideal, das dann später in der Machtpolitik zugrundeging; jenes Ideal [der Einheit] gebar sich, nach dem man heute noch immer lechzt. Wie es schicksalsmäßig seinen Weg genommen hat, kann man im einzelnen wohl am besten sehen am Beispiel des Ästhetikers Vischer, des «V-Vischer», der hier in Stuttgart lebte; er war erfüllt bis in die siebziger Jahre von dem großdeutschen Ideal, das in den Worten Fichtes steckt: Ich rede für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg. Er hat sich dann aber in diejenigen Verhältnisse gefügt, die Nietzsche im Beginne der siebziger Jahre mit den Worten charakterisierte: Sie waren eine Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des Deutschen Reiches. - Aber man sieht, wie zähneknirschend solch ein Mann wie Vischer sich ummetamorphosiert das alte Ideal in das neue, wie furchtbar schwer es ihm wird, das neue als eine Wahrheit hinzustellen, zu der er sich bekehrt hat. Die Selbstbiographie «Altes und Neues» von Vischer ist in dieser Beziehung außerordentlich interessant. Und darin, was ich jetzt ausgeführt habe, liegt es vielfach, daß, als die Weltverhältnisse Weltpolitik forderten, eben sich in Mitteleuropa nichts anderes entwickelte als jene wertlose Diskussion, von der ich gesprochen habe. Was in den sechziger, siebziger Jahren in Wirklichkeit geschah, war Hauspolitik gegen Hauspolitik; die hatte abgelöst dasjenige, was aus dem deutschen Ideal heraus geboren werden sollte. Im Grunde genommen, meine sehr verehrten Anwesenden, wären Italiener, Franzosen, vielleicht sogar Engländer froh, wenn sie einen solchen Historiker hätten, wie es Treitschke für die Deutschen war. Man mag ihn einen Polterer nennen — das war er vielleicht, und man mag wenig Geschmack finden an der Art und Weise, wie er darstellt -, aber dieser Deutsche hat doch gerade für seine ihm so lieben Deutschen recht schöne Worte gefunden. Man mußte nur [durch die Polterei] durchsehen — das mußte man auch persönlich. Als ich ihn in Weimar einmal traf, zum erstenmal traf - er konnte damals schon nicht mehr hören, man mußte ihm alles aufschreiben, aber er sprach sehr laut, akzentuiert, deutlich -, da fragte er mich: Woher kommen Sie, was sind Sie für ein Landsmann? - Ich schrieb ihm auf, daß ich Österreicher bin. Nach einigen kurzen Sätzen, die gewechselt wurden, sagte er mir: Ja, die Österreicher, entweder sind das ganz geniale Leute oder sie sind Dummköpfe. — Man hat nun natürlich die Wahl gehabt, sich in eine dieser Kategorien einzuschreiben, denn eine dritte gab es nicht. Er war also ein Mann, der dezidiert sprach. Bei Treitschke kann man recht gut lesen über jenen Hausmächtestreit, der eigentlich das Schicksal des deutschen Volkes herbeigeführt hat, den Hausmächtestreit zwischen Habsburgern und Hohenzollern, und Treitschke findet schon die Worte, um auch den Hohenzollern die herbsten Wahrheiten zu sagen. Nun, das Merkwürdige ist, wenn man in der Unkenntnis der eigenen territorialen Verhältnisse Politik macht, Politik macht, wie sie in der neueren Zeit nicht mehr gemacht werden kann, dann bilden sich eben unnatürliche Verhältnisse heraus. Und wenn man in etwas so Unnatürlichem drinnensteht, dann lechzt man darnach, so wie der Professor Varga darnach gelechzt hat und heute noch lechzt: Ja, wenn man es nur zuwegekriegen würde, daß an den richtigen Stellen die richtigen Persönlichkeiten stehen.
[ 15 ] Aber das Merkwürdige ist: in den besonderen englischen Verhältnissen hat sich das aus einem gewissen Wirklichkeitssinn von selbst herausgebildet. Während in Mitteleuropa über sozialistische und antisozialistische Theorien gestritten wurde, um dann einzufahren in soziale Aufbauversuche, die zu nichts führen konnten, war es das wirklichkeitsgemäße Erkennen der eigenen Verhältnisse, das im Westen Männer an die Oberfläche brachte, die nun wirklich an ihren Stellen für dasjenige, was man da erreichen wollte und was Seeley schildert, das Rechte taten. Da brachte der Wirklichkeitssinn die rechten Männer an die rechte Stelle - selbstverständlich, sie waren für uns die unrechten, aber es war nicht ihre Aufgabe, für uns die rechten zu sein. Nehmen Sie vielleicht gleich einen der größten — andere, kleinere gab es ja viele -, einen der typischsten: Cecil Rhodes. Seine ganze Tätigkeit geht eigentlich in wirklich praktischer Gestaltung auf, während man in Mitteleuropa theoretisiert. In Mitteleuropa theoretisiert man über den Zukunftsstaat. Cecil Rhodes, aus ganz kleinen Verhältnissen herausgekommen, arbeitete sich herauf zum größten Diamantenkönig. Wie ist ihm das gelungen? Weil sich das Merkwürdige ergibt —- für uns ist es merkwürdig -, daß ihm das zu seiner Zeit noch mächtige Bankhaus Rothschild die größten Weltkredite verschaffte; es verschaffte sie einem Mann, der eine praktische Hand hatte, genau nach der Richtung Geschäfte zu machen, wie Seeley aus den britischen Ideen heraus, die bis in die Geheimgesellschaften hineingehen, die Weltpolitik Britanniens schildert. Denn Cecil Rhodes war ein Mensch, der nicht nur Geschäfte trieb, sondern immer wieder und wiederum ging er nach England zurück, zog sich in die Einsamkeit zurück, studierte Carlyle und ähnliche Leute, aus denen ihm hervorleuchtete: Großbritannien hat eine Mission, und wir stellen uns in den Dienst dieser Mission. Und was ergibt sich daraus? Zunächst ist es das Bankhaus Rothschild, [das ihm Kredite verschafft] — also eine Bankunternehmung, die mit dem Staat verflochten, aber doch aus privaten Verhältnissen hervorgegangen ist. Dann aber: Wozu ist solch ein Mann wie Cecil Rhodes imstande? Er ist imstande, dasjenige, was man den britischen Staat nennen könnte, ganz als ein Instrument zu betrachten für die englische Eroberungspolitik und das mit einem großen Zug -, verbunden mit dem Glauben an die Mission Britanniens. Er ist imstande, wie viele andere - nur ist er einer der Größten - den britischen Staat als Instrument dazu zu benützen und dasjenige, was er leistet, zurückleuchten zu lassen auf die immer größer und größer werdende britische Macht. Das alles ist eben nur möglich dadurch, daß ein Bewußtsein vorhanden ist in der englischen Bevölkerung von der besonderen welthistorischen Aufgabe als Inselvolk. Und dem konnte von Mitteleuropa nichts entgegengesetzt werden, was ihm gewachsen gewesen wäre. Was geschieht denn da im Westen? Es wächst eine von Persönlichkeiten getragene Wirtschaftspolitik zusammen mit der Staatspolitik. Warum wachsen sie zusammen? Weil die englische Politik gegangen ist ganz im Sinne der neueren Zeit, und im Sinne der neueren Zeit ist es nur, wenn man in der Lage ist, Ideen aus der Wirklichkeit heraus, in der man lebt, zu verstehen. Da kann zusammenwachsen Staatspolitik und Wirtschaftspolitik. Aber der englische Staat ist ein Staat, der als solcher nur auf dem Papiere steht - er ist ein Konglomerat der privaten Verhältnisse. Es ist nur eine Phrase, wenn man vom britischen Staat spricht; man müßte sprechen vom britischen Wirtschaftsleben und von alten Traditionen, die da hineingehen, von alten geistigen Traditionen und dersgleichen. In dem Sinn, wie Frankreich ein Staat ist, wie Deutschland ein Staat zu werden strebt, war Britannien nie ein Staat. Da hat man aber das Gebiet verstanden, auf dem man lebte; man hat das Wirtschaftsleben so eingerichtet, wie es diesem Gebiete entspricht. Sehen Sie, heute denken die Leute nach, wie England etwas anderes sein sollte, wie England nicht Eroberungsweltpolitik treiben sollte, wie es «brav» werden sollte. So, wie es sich viele Leute heute bei uns vorstellen, so könnte England nicht mehr England sein; denn dasjenige, was es tut und getan hat, beruht auf seinem ganzen Wesen gerade als Inselreich. Es kann nur dadurch sich weiterentwickeln, daß es dieselbe Politik weiter betreibt.
[ 16 ] Wie war es dagegen in Mitteleuropa? Da, in Mitteleuropa, entwickelte sich kein Verständnis für die Territorien, auf denen man lebte; da fand man keine Idee von einer der eigenen Wirklichkeit angemessenen Mission, da fehlte dieser große Zug. Während im britischen Reich dasjenige, was man Staat nennt, aber keiner ist, sich sehr gut gerade von den begabtesten Wirtschaftspolitikern verwenden ließ als ein Instrument der Politik Englands, trennten sich [in Österreich-Ungarn] die Dinge; da konnte man sich nur einer Illusion hingeben, daß sich für dasjenige, was österreichisch-ungarische Politik sein sollte, gebrauchen lassen könnte das Territorium, worauf man sich befand. Da gingen die Dinge auseinander, die in England zusammengingen. Und das Studium der österreichisch-ungarischen Verhältnisse bietet geradezu etwas Groteskes dar, weil man versuchte, ein Wirtschaftsterritorium zu schaffen aus einem Gesichtspunkt heraus, aus dem heraus es gar nicht ging. Denn es hätte müssen die österreichische Hauspolitik von Anfang an eine Art [wirtschaftliche Hauspolitik sein]. Ja, wenn die habsburgische Hauspolitik die Politik des Welthauses Rothschild gewesen wäre, dann hätte sich eine wirtschaftliche Hauspolitik entwickeln können; aber aus der österreichischen Hauspolitik konnte sich nicht etwas entwickeln wie eben Orientpolitik oder dergleichen. Das ging nicht, da gingen die Dinge auseinander. Ebenso in Deutschland, trotzdem ich nicht Gelegenheit hatte, es so klar zu beobachten wie die österreichischen Verhältnisse.
[ 17 ] Man könnte nun auch die östlichen Verhältnisse schildern und zeigen, wie es da gar nicht einmal zu einer Diskussion kam. Im Westen hatte man alle Diskussionen hinter sich; die waren eigentlich seit Cromwells Zeiten, ich möchte sagen abgetan. Nachher entwickelte sich das Praktische. Im mittleren Gebiet diskutierte man und brachte es dahin zu glauben, daß das Praktische das ist, was sich mit einer bloß abstrakt-logischen Notwendigkeit ergibt. Dann im Osten kam man überhaupt nicht einmal zu [solchen Diskussionen], sondern da kam man dazu, daß einfach das Westliche genommen wurde, daß ein Zar, Peter der Große, es nach Osten trug oder daß ein Lenin sich in die westlichen Redereien hineinfand und sie nach Osten trug. Es ist wahrhaftig nur der Mantel gewechselt, denn im Grunde genommen ist Lenin genau so ein Zar, wie es die früheren Zaren waren. Ich weiß nicht, ob es ihm ebenso glückt, selbst den Mantel schon richtig geschnitten zu tragen, wie es zum Beispiel dem Herrn Ebert nachgesagt wird von denjenigen, die ihn in Schlesien beobachtet haben und die bemerkt haben wollen, daß er es in der Nachahmung des Wilhelminentums schon bis zum richtigen Nicken gebracht hat; ich weiß nicht, ob das bei Lenin auch so der Fall ist. Aber mag auch die Maske eine noch so andere sein, in Wirklichkeit haben wir einen Zaren, nur in anderer Form, noch vor uns, der den Westen da hineingetragen hat in den Osten. Das bewirkt jenes unnatürliche Aufeinanderprallen der erwartungsvollen Stimmung des ganzen Ostens mit unverstandenen Ideen aus dem Westen. Es ist ja merkwürdig, daß die Dinge für Rußland so liegen, daß 600 000 Menschen die Millionen der anderen ganz stramm beherrschen und daß diese 600 000 wieder nur von den paar Volkskommissären beherrscht werden. Aber das kann nur dadurch der Fall sein, daß demjenigen, der sich nach einer Neugestaltung der Welt so sehnt wie der Mensch des Ostens, daß dem im Grunde zunächst gar nicht auffällt, wie seine Sehnsucht befriedigt wird. Wäre nach Moskau ein anderer gekommen mit ganz anderen Ideen: er hätte dieselbe Macht entfalten können. Das beachten die wenigsten Menschen der Gegenwart, weil die meisten ganz im Unwirklichkeitsgemäßen drinnenstecken.
[ 18 ] Was geht aber aus all dem hervor, was ich eben versuchte, ganz aphoristisch anzuführen? Daraus geht hervor, daß im Westen es lange Zeit brauchen wird, bis - durch das Zusammengewachsensein der sogenannten staatlichen Interessen mit den wirtschaftlichen Interessen — die Idee von der Dreigliederung populär wird. Und daraus geht auch hervor, daß die europäische Mitte das Gebiet ist, wo diese Idee unbedingt zunächst Wurzel fassen müßte, weil die Menschen einsehen müßten, daß die alten Verhältnisse hier alles auseinandergetrieben haben. Es ist ja schon im Grunde genommen alles zerspalten; man versucht es nur mit den nicht mehr geltenden, alten Klammern zusammenzuhalten. Die Dreigliederung ist ja im Grunde schon da unter der Oberfläche, es handelt sich nur darum, daß man sie ins Bewußtsein aufnimmt und die Wirklichkeit so gestaltet wie dasjenige, was unter der Oberfläche schon vorhanden ist. Dazu ist allerdings notwendig, endlich zu wissen, daß mit den alten Persönlichkeiten nichts anzufangen ist und solche Persönlichkeiten an ihre Stelle treten müssen, die sich klar darüber sind, daß dasjenige, was diese alten Persönlichkeiten denken, seit dem Jahre 1914 ad absurdum geführt ist und etwas Neues an diese Stelle treten muß. Das ist es, was ich versucht habe schon während des unglückseligen Weltkrieges denjenigen klarzumachen, die vielleicht die Möglichkeit gehabt hätten, für die Dinge zu wirken. Und darinnen liegen die Gründe, warum seit dem vorläufigen Auslaufen der Weltkatastrophe in die Weltrevolution versucht wird, die Idee von der Dreigliederung in so viele Köpfe hineinzutragen, als nur irgend möglich ist; denn was wir brauchen, sind möglichst viele Menschen mit den Ideen der Dreigliederung. Während des Weltkrieges hat man es nicht verstanden, daß den vierzehn abstrakten Punkten des Woodrow Wilson die konkrete Dreigliederung von autoritativer Stelle hätte entgegengetragen werden müssen. Die Praktiker haben sie unpraktisch gefunden, weil sie gar keine wirkliche Idee von dem Zusammenhang von Idee und Praxis haben. Gewiß, die Vierzehn Punkte Woodrow Wilsons sind so unpraktisch wie möglich. Und es ist vielleicht die größte Tragik, die dem deutschen Volk hat passieren können, daß selbst der Mann, auf den man in den letzten Tagen der katastrophalen Zeit gerechnet hat, der noch aus dem alten Regime heraus Reichskanzler werden konnte, daß selbst der imstande war, die Vierzehn Punkte Wilsons irgend A wie ernstzunehmen. Vorläufig sind diese Vierzehn Punkte in die Unmöglichkeit des abstrakten Völkerbundes ausgelaufen; ihre Unmöglichkeit zeigen sie praktisch in Versailles und Spa. Dasjenige aber, was sie vermocht haben, trotzdem sie abstrakt sind, das ist, sie haben Heere und Schiffe in Bewegung gebracht. Und etwas in Bewegung bringen, das sollten die Punkte, die durch die Dreigliederung in die Welt kommen, auch; wenn auch nicht gerade Heere und Schiffe, so sollten sie doch die Menschen in Bewegung bringen, so daß wieder ein lebensfähiger sozialer Organismus da sein könnte. Das kann nur auf dem Wege der Dreigliederung geschehen — das wurde von den verschiedensten Gesichtspunkten aus hier erörtert.
[ 19 ] Heute wollte ich es aus ein paar Gesichtspunkten der neueren Historie erörtern. Diese neuere Historie muß man natürlich von anderen Gesichtspunkten aus betrachten, als sie gewöhnlich betrachtet wird, wenn nur das Schulmäßige in ihr waltet. Aus diesem Schulmäßigen wird uns die Dreigliederung hinausführen dadurch, daß das Geistesleben befreit wird. Und aus dem befreiten Geistesleben werden dann diejenigen Persönlichkeiten an die Plätze gestellt werden können, von denen selbst ein Professor Varga heute sagen muß: Hätten wir sie, dann wäre vielleicht die Geschichte gut gegangen. — Aber sicher ist: Auf den Wegen des Professor Varga gelangt man nicht zu denjenigen Persönlichkeiten, die an ihrem rechten Platz stehen werden.
Nach der Einleitung von Rudolf Steiner melden sich verschiedene Persönlichkeiten mit Fragen und Meinungen zu Wort:
Max Benzinger: Wenn wir die Verwirklichung der Dreigliederung tatsächlich wollen, so müssen wir unbedingt mit dieser Idee an die Offentlichkeit gehen. Es genügt nicht, einfach aufzurufen, daß interessierte Menschen zum Studienabend mitgebracht werden sollen.
Siegfried Dorfner: In den «Kernpunkten» heißt es, daß die Produktionsmittel nur so lange etwas kosten dürfen, bis sie hergestellt sind. Wenn eine Fabrik Produktionsmittel herstellt, zum Beispiel Drehbänke: Darf also die Drehbank nur so lange etwas kosten, bis sie hergestellt ist? Dann hätte aber die Herstellungsfabrik keine Deckung dafür. Dürfen die fertigen Produktionsmittel denn nicht bezahlt werden?
[ 20 ] Rudolf Steiner: Wenn man Drehbänke erzeugt und als Drehbänke verkaufen will, so sind das noch keine Produktionsmittel. Sie sind doch noch Waren und keine Produktionsmittel; Produktionsmittel sind sie erst dann, wenn sie in der sozialen Gemeinschaft zum Produzieren da sind. Es kommt darauf an, daß man den Begriff des Produktionsmittels im wirklichen sozialen Prozeß sieht. Drehbänke sind erst da Produktionsmittel, wo sie nur noch als Produktionsmittel verwendet werden; bis dahin werden sie verkauft als Waren, und derjenige, der sie kauft, ist Konsument.
Ein anderer Diskussionsteilnehmer: Es ist von Waren gesprochen worden. Muß nicht unterschieden werden zwischen Waren aus der Landwirtschaft und Waren aus der Industrie? Waren aus dem landwirtschaftlichen Gebiet bringen ja gewöhnlich einen Überschuß hervor, während die Waren aus der Industrie mit Unterbilanz arbeiten.
[ 21 ] Rudolf Steiner: Diese Sache wird heute natürlich vielfach mißverständlich aufgenommen werden müssen, weil wir ja nicht in solchen Verhältnissen leben, daß gewissermaßen eine Großbilanz sich ergibt, wenn man einfach alles dasjenige, was produziert wird, in diese Bilanz eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes einbeziehen würde - eine solche Bilanz kann gar nicht herauskommen. Sie können nicht unsere gegenwärtige Landwirtschaft irgendwie in eine Totalbilanz einsetzen, wenn Sie so und so viele [hypothekarische] Belastungen auf den Gütern haben, und das dann vergleichen mit der Industrie. Wenn ich sage, im Grunde ist die Industrie immer darauf angewiesen, von all dem zu leben, was durch den Grund und Boden hervorgebracht wird, so muß man dabei wegdenken alles dasjenige, was sich bei uns hineingemischt hat und wodurch gewissermaßen nur eine verschleierte Totalbilanz zustandegebracht werden kann. Wenn das, was nicht Ware sein kann, aufhört, Ware zu sein, nämlich Grund und Boden und menschliche Arbeitskraft, wenn nur das Ware wird, was im Sinne der Dreigliederung zirkulieren kann zwischen Produzenten und Konsumenten, dann wird sich eine Bilanz aufstellen lassen, bei der sich zeigt, daß jedesmal die Aufwendungen, die für die Industrie notwendig sind, gedeckt werden müssen aus den Überschüssen der Landwirtschaft. Daß das gegenwärtig nicht der Fall ist, ist selbstverständlich. Aber wir leben eben in Zeiten, in denen eine wirklich auf die Produktion sich stützende Totalbilanz eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes sich ergeben müßte. Was ich da vorgebracht habe, ist auf der Seite des Wirtschaftslebens schon längst erkannt. Nicht wahr, Sie finden es sogar bei Walter Rathenau betont, daß jede Industrie ein fressendes Gut ist, das heißt, daß Erträgnisse immer wieder hineinkommen müssen in die Industrie und daß fort und fort zugeschossen werden muß. Das muß aber irgendwoher kommen, und das kann nur von dem kommen, was die Erträgnisse von Grund und Boden sind. Aber in unseren heutigen Bilanzen kommt das überhaupt nicht zum Ausdruck.
Herr Roser: Es ist überhaupt ein Zeichen für unsere Zeit, daß ein Mensch wie Varga feststellen mußte, daß es an den rechten Männern gefehlt hat. Nötig ist eine Erziehung der Masse. Aber auch bei uns in der Dreigliederungsbewegung fehlt es an den rechten Männern. Solche wären unbedingt nötig, denn die Dreigliederung muß in großem Stile propagiert werden.
Emil Molt: Es muß wirklich etwas geschehen. Das müßte jeder einsehen, schon nur mit Rücksicht auf sich selbst.
Ein anderer Diskussionsteilnehmer: Ich möchte noch eine Frage an Herrn Dr. Steiner stellen. In der Frankfurter Zeitung kam kürzlich ein Artikel, wo die naheliegende Frage gestellt wurde: Wie kann das Geistesleben denn überhaupt freigemacht werden, da es doch vom Wirtschaftsleben finanziert werden muß? Wie beantwortet Herr Dr. Steiner diese Frage, die bei der Veranstaltung, über die der Artikel referiert, nicht genügend beantwortet wurde?
[ 22 ] Rudolf Steiner: Wir haben ja hier diese Frage sehr häufig behandelt, wie es sich verhalten wird mit dem wirtschaftlichen Stützen des geistigen Lebens. Und die Notiz in der Zeitung muß einfach unrichtig sein, wenn sie sich auf unsere Diskussionen in der Dreigliederungsbewegung als ganzes bezieht.
Zwischenruf
[ 23 ] Es kann sicher irgendwo vorgekommen sein, daß jemand nicht Auskunft geben konnte; aber wie oft ist von mir selbst gesagt worden, daß es sich wirklich in der Dreigliederung nicht handelt um eine Dreiteilung der Menschen, sondern um eine Gliederung [des sozialen Organismus] in drei Lebensorganisationen, die sich notwendig nebeneinander entwickeln müssen: das geistige, das staatliche und das wirtschaftliche Leben. Die Menschen werden ja in allen drei Gliedern darinnen sein. Und so ist es ganz selbstverständlich, daß das, was die Persönlichkeiten, die in der Organisation des geistigen Lebens drinnenstehen, zu verwalten haben als Geistiges des Geisteslebens, daß dieses nur das eine Glied bildet. Diese Persönlichkeiten, die das geistige Leben tragen, müssen aber auch leben. Deshalb werden sie sich gliedern in wirtschaftliche Organisationen. Und es wird kein Unterschied sein, ob eine solche Organisation, sagen wir, aus Lehrern oder Musikern bestehen wird oder aus Schustern oder Schneidern. Denn die wirtschaftliche Organisation ist nicht dazu da, daß nur gerade das eine oder das andere Gebiet des Wirtschaftslebens besorgt wird, sondern daß alle Menschen wirtschaftlich gestützt werden. Und indem sie im wirtschaftlichen Gebiet des sozialen Organismus drinnenstehen, werden sie wirtschaftlich gestützt.
[ 24 ] Man kann überrascht sein, wie da die Dinge mißverstanden werden. Es tauchte auch vor unseren, wenn ich so sagen darf, Dreigliedereraugen ein nettes Schema auf, das von einer radikalen sozialdemokratischen Partei in Halle ausgearbeitet worden ist schön schulmäßig, nicht wahr, wie man Schemen macht. Da sind (es wird gezeichnet) so schön oben die zentralen Stellen des Wirtschaftslebens — ganz oben ist natürlich nur einer. Dann gliedert sich das weiter nach unten. Wenn das so ginge, dann wäre der zukünftige sozialistische Staat etwas, was dem höchsten Ideale der Bürokratie entsprechen würde. Aber ganz am Schluß, da fand man drei so kleinere Abteilungen, die waren dem geistigen Leben gewidmet. Und von diesen drei Abteilungen waren einige Herren so entzückt, daß sie sagten: Da steckt ja die ganze Dreigliederungsidee drinnen.
[ 25 ] Nun, dem lag vor allen Dingen die falsche Idee zugrunde, daß man den sozialen Organismus jemals so einteilen werde. So soll er ja nicht eingeteilt sein, ebensowenig wie der menschlichen Organismus in drei nebeneinander liegende Teile eingeteilt ist. Und doch sind im menschlichen Organismus drei Teile drinnen: Wir sind einmal Kopfmensch, Brustmensch und Stoffwechselmensch. Aber nicht allein der Kopf ist Kopfmensch, sondern der Kopf ist auf den ganzen menschlichen Organismus ausgedehnt; zum Kopfmenschen gehört das ganze Nervensinnes-System. Und der Herzmensch wiederum findet sich nicht allein im Herzen; der Wärmesinn zum Beispiel ist über den ganzen Körper ausgedehnt, also ist der ganze Körper auch Herzmensch. Und wir haben den Rhythmus überall, auch im Kopfsystem. Die Systeme durchdringen sich gegenseitig. Ich kann das jetzt nur abstrakt ausführen, aber die Korporationen des geistigen Lebens werden einfach auch da sein als wirtschaftliche Korporationen. Nur werden diese geistigen Korporationen da ihre Organisationen im wirtschaftlichen Teil des gesamten sozialen Organismus haben, und es wird, was sie da tun, nicht hineinspielen können in die Organisation des geistigen Teiles des dreigegliederten ÖOrganismus.
[ 26 ] Es sind heute allerdings viele Gründe vorhanden, um in diesen Dingen mißverständliche Ansichten zu haben; solche Ansichten hat man immer wieder und wiederum gefunden, selbst bei Hochschullehrern. Diese Hochschullehrer, die sollten doch wenigstens drinnenstehen im Geistesleben. Aber wenn man zu ihnen sagt, es sollte doch selbstverständlich sein, daß diejenigen, die drinnenstehen im Geistesleben eine Gemeinschaft bilden mit ihresgleichen, um das geistige Leben selbst zu verwalten - sprach doch Klopstock schon von einer Gelehrtenrepublik -, da kann man vielfach erfahren, daß ein Hochschullehrer sagt: Nein, [das will ich nicht], denn da wäre ja dann derjenige, auf den es ankommt, nicht ein Referent im Kultusmintsterium, sondern mein Kollege; nein, da ist mir der Referent im Kultusministerium lieber als mein Kollege.
[ 27 ] Also es handelt sich darum, daß wir nichts von dem, was da lebt als die drei Stände, Lehrstand, Wehrstand und Nährstand, daß wir von dem gar nichts hineindenken [in die heutigen sozialen Verhältnisse], sondern daß wir klar sind, daß die Menschen heute nicht dreigeteilt, [in Ständen] abgesondert leben. [Wir müssen uns klar sein], daß der Mensch in allen drei Teilen des sozialen Organismus ganz darinnensteht. Dann wird auch begriffen werden können, wie jeder, der tätig sein muß im geistigen Leben oder tätig sein muß im staatlichen Leben, dennoch im wirtschaftlichen Leben drinnensteht und vom wirtschaftlichen Leben aus versorgt werden muß. Also es kommt darauf an, daß die Menschen drinnenstehen im gesamten sozialen Organismus.
