Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit,
Soziale Praxis I
Band II
GA 337a
15 September 1920, Stuttgart
9. Die heutigen wirtschaftlichen Krisenverhältnisse
Emil Leinhas leitet die Versammlung ein und erteilt Rudolf Steiner das Wort.
[ 1 ] Rudolf Steiner: Sehr verehrte Anwesende! Wenn die Dinge so stehen würden im politischen, ja im öffentlichen Leben überhaupt, wie heute viele Menschen meinen, so müßte man eigentlich daran verzweifeln, durch persönliches Eingreifen, durch unmittelbares menschliches Tun auf die Besserung der sozialen Verhältnisse hinwirken zu können. Man muß sich dabei besonders daran erinnern, daß es heute eine ganze Anzahl von Menschen gibt, welche glauben, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse fast so ablaufen wie Naturerscheinungen. Sie glauben, daß wirtschaftliche Ereignisse sich der Reihe nach mit einer Ursachennotwendigkeit entfalten, die man durchaus vergleichen kann mit jener Notwendigkeit, mit der etwa ein Körper von einer bestimmten Beschaffenheit zu brennen beginnt, wenn man ihn in einer bestimmten Weise mit einem andern in Verbindung bringt. So denken sehr viele Menschen. Sie meinen, wenn sich eine Zeitlang so etwas entwickelt habe im wirtschaftlichen Leben wie ein günstiger Konjunkturbetrieb, daß dann einfach aus diesem günstigen Konjunkturbetrieb selber sich etwas herausentwickeln müsse wie eine Krisis. Es folge dann eine Zeitlang ein schlechter Geschäftsgang mit zurückgehenden wirtschaftlichen Verhältnissen, bis wieder eine Art von Erholung eintrete und gewissermaßen ein Aufstieg im wirtschaftlichen Leben stattfinden würde. Solche Darstellungen wurden in der letzten Zeit ganz besonders hervorgebracht von Theoretikern des wirtschaftlichen Denkens, von Nationalökonomen, die am liebsten alles aus dem äußeren Ursachenverlaufe selbst darstellen und das Eingreifen des menschlichen Willens ganz ausschließen wollen. Man hat geradezu behauptet, daß zum Beispiel die bedeutungsvolle volkswirtschaftliche Krise im Jahre 1907 eben mit einer gewissen Notwendigkeit folgen mußte aus dem Aufschwung, der vorangegangen war. Man kann vielleicht glauben, daß die Betrachtung solcher über weite Gebiete des Wirtschaftslebens sich erstreckenden Vorgänge wie günstige und ungünstige Konjunkturen - den einzelnen weniger berühre. Das ist aber nicht der Fall. Und namentlich derjenige, der selber irgend etwas zu irgendeiner Zeit unternehmen will, muß immer darauf aufmerksam sein, in welche Konjunkturkonstellation er hineinkommt.
[ 2 ] Es ist ja nur zu begreiflich, daß ein solcher Glaube an einen notwendigen Ursachenzusammenhang im Wirtschaftlichen sich herausgebildet hat als Folge der ganzen naturwissenschaftlichen Denkungsweise der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Sie wissen, es ist insbesondere die dem Marxismus huldigende theoretische Anschauung des Sozialen, die in solchen Ideen sich ergeht und die auch nach solchen Ideen ihr praktisches Handeln einrichten möchte. Es ist scheinbar für viele Menschen heute ganz dilettantisch, wenn man sich gegen so etwas wendet, denn man betrachtet ja geradezu das naturwissenschaftliche Denken wie ein Ideal, und man betrachtet es sogar als eine Errungenschaft, daß sich dieses naturwissenschaftliche Denken auch über das praktische Leben ausgedehnt hat. Da muß Geisteswissenschaft geradezu korrigierend eingreifen, denn nur aus diesen Anschauungen, die von hier aus immer vertreten wurden, kann allein eine gesunde soziale Denkweise hervorgehen. Und Geisteswissenschaft kann korrigierend eingreifen aus ihrer ganzen Wesenheit heraus, denn sie hat durchaus nichts von dem Theoretischen, Abstrakten, das gerade die materialistisch-naturwissenschaftliche Denkungsart der neueren Zeit angenommen hat. Diese Denkungsart bringt aber den Menschen dazu, nicht auf die Tatsachen des Lebens hinzuschauen, sondern sich diese Tatsachen des Lebens umnebeln zu lassen mit allerlei Theorien.
[ 3 ] Ich habe in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage» hervorgehoben, wie gerade das Proletariat der Gegenwart eigentlich am allermeisten einer durch und durch theoretischen Weltauffassung huldigt. Das kommt einfach davon her, daß dieses Proletariat der Gegenwart, unverstanden in seinen Bestrebungen von dem immer mehr und mehr materialistisch sich entwickelnden Bürgertum, eben nur den von diesem Bürgertum vertretenen Materialismus als Weltanschauung erhalten hat und daher an diesen Materialismus wie an ein unbesiegliches Evangelium glaubt und einfach nicht aus ihm herauskommen kann. Geisteswissenschaft darf nicht Theorien huldigen, darf vor allen Dingen nicht zu irgendeiner Phantastik neigen. Denn trägt man als Geisteswissenschaftler die Neigung zur Phantastik in sich, dann wird man alles, was man in der geistigen Welt beobachtet, verzerren, zur Karikatur machen; man wird nur zu einer ganz verzerrten Welt kommen können. Geisteswissenschaft verlangt als eine notwendige Grundlage von ihren Bekennern, daß sie sich für das Reale, für das - ich möchte sogar sagen - bis zu einem gewissen Grade Nüchterne erziehen. Dadurch aber, daß man gerade auf dem Geistgebiete sich erstens zu einer klaren, straffen Logik, zweitens aber zu einer Berücksichtigung der Tatsachen heranerzieht, ist man durchaus imstande, in das gewöhnliche praktische Leben diese Erziehung hineinzutragen und auch da die Tatsachen in der richtigen Weise mit ihrem ganzen Gewicht sprechen zu lassen.
[ 4 ] Was tut der nationalökonomische Theoretiker, und was tun alle diejenigen, die zu einem solchen in die Schule gehen, wenn sie zum Beispiel so etwas studieren wollen wie die wirtschaftliche Krise des Jahres 1907? Sie studieren zunächst, was wirtschaftlich vorangegangen ist im Jahr 1906, kommen da in das Jahr einer günstigen Konjunktur hinein. Sie versuchen dann, innerhalb dieses Vorangegangenen die Ursachen für den nachfolgenden wirtschaftlichen Ruin zu finden. Wenn man so vorgeht, kann man sich mit allen möglichen nebulösen Begriffen durchsetzen und ist dann deshalb überhaupt unfähig, im sozialen Leben richtig zu denken. Wenn man sich aber an der Geisteswissenschaft erzogen hat, dann fragt man nach den wirtschaftlichen Tatsachen, und dann entdeckt man etwa für die Krise des Jahres 1907 - man könnte auch ein anderes Beispiel wählen -, daß es in Amerika eine mächtige Finanzmagnatengruppe gab, die über dreißig Banken und über dreißig lange Eisenbahnlinien und noch manches andere innehatte. Dieses mächtige Konsortium kaufte in aller Stille ein gewisses Spekulationspapier, das auch an europäischen Börsen gehandelt wurde, in so großen Mengen auf, daß fast alles von diesem Papier im Besitze dieses Finanzmagnatenkonsortiums war. Dann veranlaßte man durch allerlei wirtschaftliche Spekulationen europäische Banken - und europäische Unternehmungen überhaupt - dazu, solche Papiere «auf Lieferung» zu kaufen. Man brachte es dazumal dahin, daß eine ganz große Anzahl von Menschen solche Papiere auf Lieferung kauften. Nun nehmen wir aber an, irgendein Unternehmen habe in einem solchen Papier einen Kauf auf Lieferung abgeschlossen, um es dann wieder zu verkaufen; und es war nun so, daß dieselben Banken in Amerika mit europäischen Unternehmungen zu gleicher Zeit Käufe auf Lieferung in diesem Papier [in großem Umfange] abschlossen. Eine europäische Unternehmung begann also auf der einen Seite diese Papiere zu kaufen und verpflichtete sich auf der andern Seite, sie nach einer bestimmten Zeit zu verkaufen - hatte sie aber nicht, da diese Papiere zuvor alle von [dieser Finanzgruppe], der MorganGruppe, aufgekauft waren; sie mußte sie also erst wieder von dort kaufen. Es hatten also die europäischen Unternehmungen in großem Umfange die Verpflichtung übernommen, solche Papiere zu liefern. In der Zwischenzeit nun, die verlief zwischen der Spekulation und dem Lieferungstermin, brachte man es aber von Amerika aus dahin, den Wert dieses Papieres ungeheuer hinaufzuschrauben, und die Folge davon war eine ganz außerordentliche Überlastung des europäischen Geldmarktes, was dann jene Krise hervorrief. Das heißt, eine reine Finanzspekulation, hervorgerufen von einer gewiß geringen Anzahl von menschlichen Individuen, hat diese Krisis gemacht. Diejenigen, welche diese Krise kennen, werden sich erinnern, daß damals der Bankdiskont in England hinaufstieg bis zu 7%, in Deutschland sogar zeitweilig bis zu 8%, und ein erhöhter Bankdiskont ist immer ein Barometer für Krisen. Es war also diese Krise eigentlich aus dem Willen jener Menschen bewirkt.
[ 5 ] Und auf solche Tatsachen, also auf ganz spezielle, konkrete Tatsachen des Lebens - nicht auf allgemeine Theorien - muß man hinschauen, wenn man das Leben verstehen will, auch in seinen sozialen Erscheinungen. Es kann ja geistreich, ungeheuer geistreich und imponierend sein, wenn zum Beispiel Karl Marx aus den Wirtschaftsformen mit einer gewissen Notwendigkeit hervorgehen läßt das, was dann die Menschen denken. Aber im Grunde genommen ist das alles in der Studierstube abgewickelt, und es ist gerade ein sehr charakteristisches Kennzeichen, daß das reinste Studierstubenprodukt, das «Kapital» von Karl Marx, im Proletariat so populär geworden ist wie ein Evangelium. Will man aber das Leben kennenlernen, dann muß man das Leben selber anschauen. Dann wird man finden, wie gerade Geisteswissenschaft heranerzieht zu einer Anschauung des Lebens — allerdings zu einer unbequemen. Es ist nämlich im Grunde genommen viel bequemer, abstrakte Theorien aufzustellen, als sich einzulassen auf das wirkliche Leben.
[ 6 ] Und nun werden Sie sagen: Aber die Dinge stimmen ja, welche die Theoretiker sagen und welche die Agitatoren in das Volk als etwas Plausibles hineintragen - denn man braucht sich nur daran zu erinnern, mit wieviel Zahlen, mit welch sicherer Statistik gewöhnlich diese Dinge belegt werden. Unsere Bücher, welche es heute über den Gang des öffentlichen Lebens gibt, besonders über die Wirtschaftsanschauungen - sie wimmeln ja nur so von statistischen Angaben, denn was könnte selbstverständlich richtiger sein als das, was man mit Zahlen belegen kann. Aber es gibt auch noch andere Statistiken, welche sich in einer bestimmten Richtung sogar so ausnehmen, als ob sie einen natürlichen und durch die Naturwissenschaft ausdrückbaren Gang des Menschenlebens darstellen könnten. Nehmen Sie zum Beispiel die Versicherungsstatistiken als Grundlage eines ganz praktischen Lebenszweiges, der Lebensversicherung. Man rechnet sich aus, wieviele Menschen von einer bestimmten Anzahl Zwanzigjähriger nach dreißig Jahren noch leben werden und wieviele gestorben sein werden. Das gibt, wenn man nur die Anzahl groß genug nimmt, sehr konstante Zahlen: Von soundsoviel Zwanzigjährigen leben nach dreißig Jahren nur noch soundso viele. Daraus kann man dann die Summe errechnen, die der Betreffende einzuzahlen hat, und man kann sagen: Es ist durchaus so, daß hier die Statistik sogar etwas abgibt, womit man im praktischen Leben bis zu einem gewissen Grade rechnen kann. Sie wissen vielleicht, daß es auch eine Selbstmordstatistik gibt; Sie wissen, daß man für eine solche Statistik nur ein genügend großes Territorium und einen genügend großen Zeitraum zu nehmen braucht, um ziemlich genau sagen zu können: In diesen Jahren werden sich auf diesem Territorium soundso viel Menschen ermorden. - Aber hat derjenige recht, der aus der scheinbaren Notwendigkeit, daß in fünf Jahren auf einem bestimmten Territorium soundso viele Selbstmorde vorkommen, nun den Denkschluß ziehen will, daß die Menschen nicht frei sind, sondern daß aus demselben Zwang, wonach ein Stein zur Erde fällt, nun auch diese Menschen sich ermorden müssen? Er hat nicht recht. Dadurch, daß soundso viele statistische «Gesetze» existieren, wird der freie Wille des Menschen nicht ausgeschaltet. Es kann gar keine Rede davon sein, daß statistische «Gesetze » etwas aussagen können über den freien Willen des Menschen, selbst dann nicht, wenn es vorkommen sollte, daß Sie als Fünfzigjähriger feststellen müssen, daß mit Ausnahme von Ihnen alle diejenigen schon gestorben sind, die als Zwanzigjährige von der Statistik in Aussicht genommen waren, spätestens bis zum fünfzigsten Jahre zu sterben - [Sie müssen sich deshalb noch lange nicht umbringen]. Die Statistik, ja auch die Selbstmordstatistik, ist zu etwas ganz anderem da, als etwas auszusagen über den freien Willen des Menschen. Und ebensowenig sind irgendwelche wirtschaftlichen Gesetze in der Lage, etwas auszusagen über das freie Eingreifen der menschlichen Initiative in die wirtschaftlichen Angelegenheiten. Allerdings liegt da noch etwas anderes vor.
[ 7 ] Nehmen Sie an, die Ereignisse kommen so, wie sie mit Beginn des Jahres 1907 gekommen sind. 1906 war eine günstige Wirtschaftskonjunktur; das erzeugte bei einer großen Anzahl von Menschen gewisse Lebensgewohnheiten. Und man kann sagen: Wenn die Menschen ein paar Jahre in einer erträglichen Situation sind, dann nehmen sie gewisse Lebensgewohnheiten an. Und wenn solche Lebensgewohnheiten sich entwickelt haben, dann können diejenigen, die gerade eine solche Situation ausnutzen wollen, so etwas tun, wie es die Morgan-Gruppe 1907 getan hat. Die können sich dann sagen: Jetzt haben die Leute Lust, dies oder jenes zu tun, also spekulieren wir darauf! Es ist geradeso, wie wenn in einem Lande gewisse ungünstige Einflüsse da sind, die die Menschen zum Selbstmord verleiten. Aber trotzdem: die Menschen greifen doch zum Selbstmord aus freiem Willen, sofern man im gewöhnlichen Leben von freiem Willen sprechen kann - ich habe mich darüber in meiner «Philosophie der Freiheit» ausgesprochen. Nun ist es aber durchaus so, daß nicht aus der vorhergehenden Konstellation des Wirtschaftslebens dasjenige folgt, was nachher geschieht, sondern es folgt lediglich aus dem, was die Menschen tun. Und wenn nun diese Menschen etwas tun, was man gewissermaßen «errechnen» kann, was bezeugt das dann?
[ 8 ] Dann braucht man nur hinzuschauen auf einen Vorgang, der Ihnen allen bekannt sein wird. Nehmen Sie an, da steht der Hund Tyras, und Sie halten ihm ein Stück Fleisch vor; Sie werden ziemlich genau errechnen können, was er tut: Er schnappt danach. Und es wird in den seltensten Fällen vorkommen, daß der Hund Tyras nicht nach dem Stück Fleisch schnappt. Wenn aber der Mensch in einer ganz bestimmten Situation etwas Errechenbares tut, so bezeugt das nur, daß sein Seelen-Niveau heruntergesunken ist; und je mehr man im sozialen Leben errechnen oder kausal bestimmen kann, desto mehr weist man damit darauf hin, daß die Menschen mehr auf ein tierisches Niveau heruntergesunken sind. Und so beweisen Selbstmord-Statistiken und andere Berechnungen, zum Beispiel über günstige oder ungünstige Konjunkturen, nichts anderes als die Art der Seelenverfassung der Menschen; allerdings muß man dann auch die Zeitumstände, die Allgemein-Atmosphäre prüfen, in der die eine oder die andere Seelenverfassung möglich ist. So etwas, wie es die Morgan-Gruppe 1907 getan hat und wodurch unzählige Existenzen in Europa ins Elend gestürzt worden sind, konnte sich nur abspielen in dieser Zeit; so etwas wäre zum Beispiel einhundertfünfzig Jahre früher nicht möglich gewesen.
[ 9 ] Wodurch ist es denn gekommen, daß so etwas möglich wurde? Es ist gekommen durch die Emanzipation des Geldmarktes von dem Warenmarkt. Diese Emanzipation rührt her etwa aus den Jahren 1810 bis 1815. Erst in dieser Zeit wurde aus dem früheren bloß [auf dem Warenverkehr beruhenden] wirtschaftlichen Beherrschen des öffentlichen Lebens ein Beherrschen durch den Geldmarkt. Erst zu dieser Zeit wurde eigentlich das Bankwesen Herrscher im wirtschaftlichen Leben. Und solche wirtschaftlichen Situationen hervorzurufen durch den Verkehr auf dem bloßen Geldmarkt - in einem Umfange, wie es 1907 auf eine grandiose Weise möglich geworden war -, das ist erst dadurch entstanden, daß das Geld zu einem wirklichen Abstraktum geworden ist. Es ist zu einem Abstraktum geworden, das sich seitdem einfach über unser ganzes Wirtschaftsleben und auch über unser übriges Leben ausbreitet.
[ 10 ] Wir denken dabei zurück an Zeiten, in welchen der Mensch zusammengewachsen war mit dem, was er hervorbrachte. Da war das Geld im Grunde genommen nur eine Art Äquivalent für das hervorgebrachte Warenerzeugnis; da hing man an dem Warenerzeugnis. Da war es eigentlich durchaus nicht gleichgültig, was man erzeugte, sondern man wuchs mit seinem Warenerzeugnis zusammen. Das ist heute schon etwas Legendenhaftes, und es konnte früher einem so etwas passieren, was ich jetzt als Beispiel anführen möchte. Als ich einmal nach Budapest kam und mir die Haare schneiden lassen wollte, fand ich einen Friseur, der wirklich noch mit Enthusiasmus die Haare schnitt und der sagte: «Ich strebe nicht nach einem Verdienst, ich strebe nur nach einem schönen Schnitt.» Er brachte dies so vor, daß es wirklich den Eindruck innerer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit machte. Dieses Zusammengewachsensein mit seinem Erzeugnis ist heute ganz verlorengegangen, und man hat nur noch das Bestreben, soundso viel einzunehmen, um seine Bedürfnisse zu versorgen. Heute handelt es sich nur noch um das Erträgnis an Kapital oder um den Lohn. Und geradeso, wie sich allgemeine abstrakte Prinzipien ausbreiten über alles Mögliche, so breitet sich auch das abstrakt gewordene Geld über alles Mögliche aus. Es ist schließlich im Sinne vieler Menschen heute ganz gleichgültig, wenn man soundso viel Mark am Tage einnehmen will, ob man dafür Schuhe oder Lehrbücher fabriziert. Dieses von der eigentlichen Realität des Lebens emanzipierte Geld hat jene Atmosphäre möglich gemacht, in der dann solche Vorgänge sich abspielen konnten wie derjenige vom Jahre 1907 - und trotzdem gehen diese Vorgänge ganz und gar aus dem Willen der Menschen hervor!
[ 11 ] Ich wollte mit diesen Worten lediglich darauf hinweisen, wie Geisteswissenschaft darauf ausgeht, die Wirklichkeit in ihrer wahren Gestalt zu erfassen. Gerade der Materialismus - sowohl der naturwissenschaftliche wie der historische - ist von der Wirklichkeit ganz abgekommen; der theoretisiert nur mehr. Geisteswissenschaft muß auf die Wirklichkeit gehen. Daher läßt sie sich auch nicht benebeln von theoretischen Anschauungen; aber sie kommt gerade dadurch zu einem wirklichen Verständnis des Lebens. Gerade dadurch wird sie berufen sein, einen sozialen Neuaufbau in der Zukunft wirksam fördern zu können.
[ 12 ] Es hat sich ja allmählich die Usance herausgebildet, im Volkswirtschaftlichen überhaupt nur noch mit solchen Dingen zu rechnen wie Angebot und Nachfrage oder dergleichen, mit den Markt-, Verkehrs- oder Wechselverhältnissen. Da meint man eigentlich immer nur etwas Abstraktes, das, was sich als Erträgnis, als Ertrag darstellt. Und wenn die Menschen heute über wirtschaftliche Fragen nachdenken, so geschieht das eigentlich gar nicht anders als so, daß nur mit dem Ertragsfaktor gerechnet wird. Dadurch wird gewissermaßen das ganze wirtschaftliche Leben einseitig betrachtet, denn es wird all das ausgeschaltet, was mit dem Konsum zusammenhängt. Der Konsum soll sich einfach - ich möchte sagen - automatisch ergeben aus dem, was man als Ertrag für irgendein Produkt einnimmt. Man sieht darauf, wenn man in irgendein Geschäft entriert, wieviel es einträgt, aber nicht darauf, welche Art von Konsum mit diesem Geschäft in Verbindung steht. Man rechnet gar nicht mit der besonderen Qualität des Artikels, insofern er ein Konsumartikel ist; man denkt volkswirtschaftlich nur nach der Ertragsseite, der Produktionsseite hin, nicht nach der Konsumseite. Aber wenn man es vollständig unterläßt, das wirtschaftliche Denken nach der Konsumseite hin zu wenden, dann veranarchisiert sich nach und nach der Konsum, dann entwächst einem nach und nach der Konsum.
[ 13 ] Nun hat aber dieser Konsum eine bestimmte Eigentümlichkeit: Er steht in einem gewissen ursächlichen Zusammenhang mit der menschlichen Moral, mit der menschlichen Seelenverfassung; im Vergleich zur Produktion hängt er aber in entgegengesetzter Weise mit der menschlichen Seelenverfassung zusammen. In die Produktion spielt ja auch die Moral, das Seelische, hinein; also da ist das Seelische die Ursache. Wenn ich einen Artikel produziere, durch den ich die Menschen betrüge, so geht das aus einer schiefen Moral hervor. Wie aber die Menschen leben, das heißt welche Möglichkeiten des Konsums sie in Anspruch nehmen, ob sie dies oder jenes konsumieren, das wirkt ursächlich auf die Seelenverfassung, auf die Moral ein. Und diesen Faktor rechnet man in der ganzen neueren Volkswirtschaftslehre nicht mit. Daher entläuft einem diese Volkswirtschaft. Wenn man gesund denkt, dann ist einem klar: Es ist schier unmöglich, aus den Produktionsverhältnissen heraus zu begreifen, warum die Streiks vom Jahre 1907 bis zum Jahr 1919 um 87 % zugenommen haben - einiges liegt zwar auch in den Produktionsverhältnissen begründet. Aber man bekommt sogleich ein Bild, worum es sich eigentlich handelt, wenn man auf die Konsumverhältnisse sieht. Nun sind in dem heutigen Wirtschaftsleben all diese Dinge in einem bestimmten Zusammenhang. Über den haben zwar die Nationalökonomen und die Wirtschafter nachgedacht, aber über die wirklichen Ursachen und Zusammenhänge haben diese Leute nicht nachgedacht, weil ihr Rechnen nur auf das Rentieren ging. Der heutige Wirtschafter weiß ja sehr wenig zu sagen über den Zusammenhang irgendeiner Produktion mit den Streiks, [und erst recht nichts über den Zusammenhang der Konsumtion mit diesen Streiks], Er weiß aus dem, was er gewohnt ist zu denken, was die eine oder die andere Produktion an Erträgnissen abwirft.
[ 14 ] Er weiß zum Beispiel, wenn er ein Pariser Cri-Cri-Fabrikant ist - nehmen wir einen radikalen Fall aus der Vergangenheit -, daß die Cri-Cris ein sehr günstiger Artikel für ein paar Jahre sein können. Diese Cri-Cris waren ganz besonders kleine Instrumente; in einem Metallkörperchen war eine Stahlplatte eingespannt, und wenn man mit diesem Instrument in der Tasche auf die Straße ging und diese Metallplatte berührte, machte sie dann einen scheußlichen Ton, so daß die Leute auf der Straße furchtbar geärgert wurden durch diesen Ton. Es war so in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts; da waren die Straßen geradezu durch diese Cri-Cris unleidlich geworden. Aber das Erträgnis des Cri-Cri-Erfinders war ein sehr großes; er ist vielfacher Millionär geworden, aber er hat gar nicht damit gerechnet, was das auf der Konsumseite ausmacht. Denn selbstverständlich, für das menschliche Leben hätte es genügt, wenn keine Cri-Cris fabriziert worden wären. Aber nun rechnen Sie sich aus, wieviele Menschen in diesen Cri-Cri-Fabriken beschäftigt wurden; mit diesen Erträgnissen haben sie ihren Konsum bestritten. Dieser Konsum soundso vieler Cri-Cri-Arbeiter ist also entstanden aus unnötiger Menschenarbeit. Das alles wirkt im sozialen Leben; unnötige Menschenarbeit hat ungeheure Folgen im sozialen Leben.
[ 15 ] Ich könnte auch ein anderes Beispiel wählen. Schon Lichtenberg sagte einmal: Es werden 99% mehr Literaturwerke verfertigt in einem Jahre, als die ganze Menschheit zu ihrem Glück braucht. Man kann das mit Bezug auf die Gegenwart wohl auch behaupten: Wenn 99% weniger Bücher erzeugt würden, so würde es wahrscheinlich ein großes Glück für die Menschheit sein. Denken Sie doch nur an die Stöße von Lyrik - die kommen ja selbstverständlich immer von verkannten Genies -, wo eine dreihundert bis fünfhundert Stück starke Auflage erzeugt wird und meistens keine fünfzig abgesetzt werden, wieviel unnötige Arbeit da geleistet wird. Die könnte erspart werden, und das würde auf die Konsumverhältnisse der Menschen eine außerordentliche Wirkung haben. Das heißt, wenn man bloß mit den Erträgen rechnet, so braucht man ja gar keine Beziehung zu den wirklichen Bedürfnissen des Lebens zu haben, kann ganz abseits von ihnen das Leben regulieren wollen. Das steckt in unserer jetzigen großen Krise, in unserem NiederZur persönlichen Nutzung durch Christopher Wietrzykowski (chris.wietro.dds@gmail.com) gang drinnen. Denn diejenigen, die im alten volkswirtschaftlichen Stile rechnen, können keine Zusammenhänge sehen zwischen unnötiger Menschenarbeit und Menschenelend.
[ 16 ] Da kann nun Geisteswissenschaft eintreten und die großen Zusammenhänge geben, weil Geisteswissenschaft nie auf etwas Einseitiges ausgeht, sondern auf das Allseitige. Ich meine nicht eine Geisteswissenschaft, die in abstrakte, mystische Höhen strebt, sondern eine Geisteswissenschaft, die den Menschen dazu erziehen will, daß er für das Leben brauchbar und praktisch wird. Geisteswissenschaft ist, wenn sie richtig angewendet wird, eine Erzieherin für das Leben, für einen wirklich lebensvollen Aufbau des Lebens. Daher wird sie eine Volkswirtschaftslehre begründen können, die den Zusammenhang kennt zwischen Arbeits-Unlust und der Erzeugung irgendwelcher unnötiger Produkte.
[ 17 ] Daß aus einer solchen geisteswissenschaftlichen Denkweise nun auch einmal praktische Unternehmungen hervorgehen sollen, das war eigentlich der Grundgedanke von so etwas wie dem «Kommenden Tag». Selbstverständlich kann man nicht gleich eine solche Unternehmung mit Bezug auf alle konkreten Einzelmaßnahmen auf eine gesunde Basis stellen. Wenn aber eine solche Einzelunternehmung von lauter Leuten geleitet wird, die durchdrungen sind von einer Erziehung, die aus der Geisteswissenschaft kommt, dann werden die praktischen Maßregeln auch von selbst darauf hinauslaufen, die Menschen nicht mit unnötiger Arbeit zu belasten, sondern nur mit nötiger Arbeit; man wird eben zu rechnen haben mit dem Konsum in der Volkswirtschaft. Nur so wird dasjenige entstehen können, was wieder zu einem Aufstieg führt.
[ 18 ] Denjenigen Menschen, die bloß Erträgnisse haben wollen, ist es gleichgültig, für was sie produzieren oder für was sie entlohnt werden; denn sie bekommen dafür Geld. Das Geld ist abstrakt im wirtschaftlichen Leben, und man kann alles haben dafür. Es handelt sich eben darum, unsere Volkswirtschaft so zu gestalten, daß sie in ehrlicher Weise vom menschlichen Willen abhängig wird, nicht in unehrlicher Weise. Wie wird sie in ehrlicher Weise vom menschlichen Willen abhängig? Durch die Assoziationen. Wenn Sie Assoziationen haben, dann wirkt das, was im Wirtschaftsleben geschieht, aus dem Willen der an diesen Assoziationen beteiligten Menschen. Dann wird verhandelt werden zwischen den einzelnen Assoziationen; dann verhandeln lebendige Menschen untereinander, und was produziert wird im Wirtschaftsleben, das geht hervor aus einem solchen Verhandeln lebendiger Menschen untereinander in den Assoziationen. Wenn eine Fabrik gegründet werden soll, so wird man nicht darüber nachdenken bloß unter dem Gesichtspunkte, daß sie soundso viel Erträgnis abwerfen soll in der gegenwärtigen Konjunktur, sondern man wird ausgehen von der Übersicht über das, was nötig ist. Man braucht nicht Staatsmaximen dazu, denn das würde alles kasernieren, aber man braucht dazu die Kenntnisse derer, welche in den einzelnen Betrieben und in den einzelnen Branchen tätig sind. Nur so wird man herausbekommen, ob ein Betrieb nötig ist. Und ist er nötig, so kann produziert werden, und so darf an ihm auch verdient werden. Auf dem Wege der Assoziationen wird alles ausgeschaltet werden, was als Schädliches Einfluß gewinnen könnte. Dann wird man nicht aus rein finanziellen Überlegungen handeln können, so wie es zum Beispiel die Morgan-Gruppe gemacht hat, denn dann wird aus rein wirtschaftlichen Bedürfnissen heraus gearbeitet. Es ist merkwürdig, wie es manchen Menschen in der Gegenwart schwer wird, sich auf die Realitäten des Lebens einzulassen. Auf diese Realitäten des Lebens sich einzulassen, ist die allerwichtigste Forderung der Gegenwart. Man kann auch fragen: Woher kommt es, daß die Menschen in der Gegenwart sich vom realen Leben so sehr entfernt haben? - Das ist gerade durch den Materialismus gekommen, denn der Materialismus hat die Eigentümlichkeit, daß er zur Abstraktheit erzieht. Geisteswissenschaft dagegen hat gerade die Eigentümlichkeit, daß sie zum Konkreten, zur Wirklichkeit, zur Praxis erzieht.
[ 19 ] Das ist es, was ich heute in diese Diskussion habe hineinwerfen wollen. Vieles aber wird notwendig sein, um aus den alten Denk- und Empfindungsgewohnheiten herauszukommen. Das aber muß geschehen, um über all die Schäden hinwegzukommen, welche sich eben in das neuere Wirtschaftsleben und in das ganze neuere öffentliche Leben eingeschlichen haben. Ein solches sachliches Denken wird nur das Ergebnis sein können einer wirklichen Vertiefung in die geistige Welt. Nur aus dem Geistigen heraus wird der Aufstieg kommen können, nicht aus dem bloßen Fortsetzen dessen, was man sich angewöhnt hat, als das Richtige anzusehen in den letzten Jahrzehnten, ja fast schon in der ganzen zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und wer heute nicht den Willen hat, sich ganz radikal auf den Fortschritt nach dieser Richtung hin einzulassen, auf ein Umlernen, ein Umdenken - ich möchte fast sagen ein Umleben -, der wird nichts beitragen können zu einem wirklichen Aufstieg; der wird nur immer weiter dazu beitragen, daß wir in den Niedergang hineinrasseln werden. Und dann wird sich allerdings erfüllen, was Leute wie Oswald Spengler in seinem «Untergang des Abendlandes» ausgeführt haben. Dann wird sich tatsächlich das ergeben, was die abendländische Zivilisation in die Barbarei hineinführt. Und wird man nicht haben wollen, daß man in die Barbarei hineinkommt, dann wird man dasjenige wollen müssen, was diese Barbarei abwenden kann, und abwenden kann sie nur eine geistige Erziehung des Abendlandes. Nur eine solche geistige Erziehung wird erst den Menschen die Augen öffnen über die wahre Wirklichkeit. Ein solches Augenöffnen brauchen wir. Erringen wir es uns, dann kommen wir schon vorwärts!
Ein Diskussionsredner: Die Cri-Cri-Arbeiter haben zwar unnötigen Konsum veranlaßt, aber sie wären doch in jedem Fall, auch wenn sie andere Produkte hergestellt hätten, als Konsumenten aufgetreten. Wie expliziert Herr Dr. Steiner diesen Unterschied?
[ 20 ] Rudolf Steiner: Die Frage kann an sich ja schon gestellt werden, aber wenn sie so gestellt wird, dann wird eigentlich nicht ganz durchdacht, auf was es ankommt. Es kommt nämlich darauf an, daß man nicht bloß auf das hinsieht, was an einem bestimmten Punkte des Lebens geschieht, sondern daß man darauf hinsieht, was die Zusammenhänge des Lebens ergeben. Es ist richtig: Diese Cri-Cri-Arbeiter wären auch als Konsumenten aufgetreten, wenn sie nicht Cri-Cris gemacht hätten, wenn sie also nicht diese unnötige Arbeit geleistet hätten. Aber sie würden in diesem Fall nötige Arbeit geleistet haben, und das hat eine ganz wesentliche volkswirtschaftliche Bedeutung. Und darauf kommt es an. Es gibt sehr viele Menschen, die sich für praktisch schätzen; sie lesen die «Kernpunkte» und finden, diese Gedanken seien eine Utopie. Der wahre Tatbestand ist der, daß gerade diese Leute utopistische Unpraktiker sind. Und weil diese utopistische Unpraxis im Grunde genommen das ganze Leben beherrscht, was uns jetzt in die gegenwärtige Lage hineingebracht hat, sind die Leute im allgemeinen wenig empfänglich für das, was im wirklichen Sinne praktisch gedacht ist.
[ 21 ] Aber wenn gerade Praktiker auf das Praktische eingehen, dann freut man sich immer. So sagte mir jüngst ein Praktiker aus dem Norden, daß die «Kernpunkte» auf das Allerwichtigste hinlenken würden: auf das Preisproblem. Die Vertreter der Volkswirtschaftslehre beschäftigen sich jetzt mit allem Möglichen, aber nicht damit, daß der Preis einer Ware eigentlich etwas ist, was eine bestimmte Höhe nicht über- oder unterschreiten darf. Das sah dieser Praktiker ein. Und sobald man einsieht, daß das Preisproblem so wichtig ist, daß eigentlich die Lohn- oder die Kapitalprobleme dahinter verschwinden, dann steht man auf dem Boden eines gesunden Denkens. Gewiß, die Cri-Cri-Arbeiter wären auch als Konsumenten aufgetreten, aber man darf das nicht in diesem Zusammenhänge betrachten. Denn was das volkswirtschaftliche Leben macht und was zum Schluß mit der Preislage der Ware zusammenhängt, das hängt innig zusammen mit dem, ob nötige oder unnötige Arbeit geleistet wird.
[ 22 ] Ich hatte einmal im Jahre 1902 oder 1903 mit einem Bekannten ein Tischgespräch über Ansichtspostkarten. Ich sagte, ich schreibe nicht gerne Ansichtspostkarten, schreibe überhaupt nicht Ansichtspostkarten; denn ich muß mir denken, daß bei jeder Ansichtspostkarte ein Briefträger unter Umständen viele Treppen hinauflaufen muß - bloß wegen einer Ansichtspostkarte -, und diese Arbeit möchte ich ihm ersparen, da die Ansichtspostkarten nicht gerade zu den Lebensnotwendigkeiten gehören. Darauf sagte der Betreffende: Ich weiß aber, ich mache den Leuten Freude mit Ansichtspostkarten, und ich schreibe sehr viele, und das trägt zur Freude bei; und wenn dann irgendwo der eine Briefträger nicht mehr ausreicht, um die Karten zu bestellen, so wird ein anderer noch eingestellt werden müssen, und das trägt dann zum Unterhalt des Lebens für einen zweiten bei. - Aber der Betreffende dachte nicht mehr weiter: Denn, wenn man einen Briefträger mehr für Ansichtspostkarten einstellt, so wird damit nichts erzeugt von dem, was zum Leben nötig ist. Wenn man aber nur die für die grundlegenden Lebensbedürfnisse nötigen Waren erzeugt, so bedeutet der Umfang dieser Produktion eine bestimmte Preislage. Wer dann unnötige Arbeit verrichtet, wird trotzdem Konsument von lebensnotwendigen Dingen bleiben, [wodurch sich eine Verfälschung der Preislage ergibt]. Wenn einer also nicht mehr unnötig Ansichtspostkarten austrägt, wird er nicht mehr die Masse der unnötigen Arbeit vermehren; vielmehr wird er dann eine richtige, den nötigen Bedürfnissen entsprechende Arbeit tun, und das wird einen wesentlichen Einfluß auf die ganze Preisgestaltung in der Volkswirtschaft haben. Es kommt bei den Dingen, die sich auf das praktische Leben beziehen, auf zwei Momente an, von denen man gewöhnlich nur eines berücksichtigt. Es kommt erstens darauf an, ob eine Sache richtig ist, und zweitens, ob sie wirklichkeitsgemäß ist. Die Menschen meinen, daß es schon genug sei, wenn eine Sache richtig ist; aber sie muß auch wirklichkeitsgemäß sein, und ehe nicht dieses wirklichkeitsgemäße Denken in breitester Weise Platz greift, eher können wir nicht aus der Misere des Lebens herauskommen. Wer also denkt, daß die Cri-Cri-Arbeiter in jedem Fall als Konsumenten auftreten, ob sie nun Cri-Cris fabrizieren oder nicht, der bedenkt nicht, daß in bezug auf nötige oder unnötige Arbeit die Volkswirtschaft verändert wird. Darauf kommt es an. Dieses AufdasWichtige-und-Nötige-Hinschauen, das ist es, was wir uns aneignen müssen für das soziale Leben. Das sollte inauguriert werden zunächst einmal durch die «Kernpunkte» und die ganze DreigliederungsBewegung.
Walter Kühne bedauert es, daß sich zur Diskussion keine Sozialisten gemeldet hätten. Man hätte erwarten können, daß sich bei Besprechung solcher Fragen gerade Sozialisten melden und die Diskussion in Fluß bringen würden, denn gerade bei Marx und Engels spiele ja die Frage nach der produktiven Arbeit und das Verhältnis zwischen Produktion und Konsum eine große Rolle. Auch Tolstoi habe diese Frage in Angriff genommen, im Gegensatz zu Marx und Engels habe er aber ihre Lösung mehr gesehen in der Gründung von kleinen Organisationen. Gegenüber diesen beiden Einseitigkeiten zeige erst die Dreigliederung die gesunde Mitte.
Ein Diskussionsteilnehmer meint, daß es außer den Cri-Cris noch weitere Gegenstände gäbe, die speziell zum Ruinieren geschaffen würden, zum Beispiel Granaten. Die Herstellung solcher Gegenstände, von denen der Arbeiter genau wisse, daß es keinen Sinn habe, sie herzustellen, müsse zu einer Verelendung des Arbeiters führen. Daher müsse das Proletariat verblöden, könne gar nicht mehr zu seiner Menschenwürde kommen, könne keine Freude mehr am Leben haben, und Unzufriedenheit würde systematisch gezüchtet. Dr. Steiner sage, uns würde bloß die Einstellung auf die Bedarfswirtschaft helfen, aber die könne auch wieder nur durch den Menschen bewirkt werden. Dr. Steiner lege gerade Wert auf den Menschen, aber mit den Menschen, die jahrzehntelang verblödet worden seien, sei es einfach unmöglich, in absehbarer Zeit ein neues Wirtschaftssystem einzuführen. Daher möchte er die Frage an Herrn Dr. Steiner richten: Kann man denn mit der gegenwärtigen Generation überhaupt ein neues Wirtschaftssystem begründen?
Siegfried Dorfner: Und wie könnte man in einem neuen Wirtschaftssystem die Frage nach dem Konsum regeln? Es sind die Bedürfnisse der Menschen sehr verschieden; manche haben Bedürfnisse nach hohen Lackstiefeln, andere nach Ansichtspostkarten. Welche Bedürfnisse kann man verbieten oder verhindern, oder wie kann man die Bedürfnisse regeln?
Herr Roser: Herr Dr. Steiner hat auf die tieferen Ursachen der Krise von 1907 hingewiesen. Damals waren riesige Aussperrungen von Arbeitern an der Tagesordnung. Man sagte damals, wir Arbeiter hätten so viel auf Vorrat gearbeitet, daß es nicht mehr möglich wäre, die Industrie weiter hochzuhalten. Man wird solche Finanzkrisen nur verhindern können, wenn dem Kapitalisten das Trieböl, das Kapital, entzogen wird. Krisen werden dadurch hervorgerufen, weil das Kapital Produktionsmittel ist und weil man versucht, es auf einer Stelle zusammenzuziehen oder es auf einer anderen lahmzulegen. Ich bin überzeugt, daß sich deshalb in ganz wenigen Wochen die neuen Katastrophen zum Ausdruck bringen werden, und nun ist mir interessant zu erfahren, welches die nächsten Krisen sein und wie sie verlaufen werden.
Ein Diskussionsteilnehmer fragt, wie die Überproduktion auf dem Gebiete der Literatur auf vernünftigem Wege in eine normale Produktion geleitet werden könne, die den wirklichen Bedürfnissen der Menschheit entspreche.
Zum Schluß wird noch schriftlich die Frage gestellt: Welches sind die geistigen Untergründe der Loslösung des Geldmarktes vom Warenmarkt von 1810 bis 1815? Wie wirken diese Untergründe in andere Gebiete, die nicht Wirtschaftsgebiete sind?
[ 23 ] Rudolf Steiner: Was zunächst die hohen Lackstiefel betrifft, so möchte ich sagen, daß es sicher hierfür Lebenszusammenhänge gibt, [wo man solche kaufen möchte], aber man würde schon sehen, wie auch gewisse Gelüste verschwinden, wenn einfach unnötige Produktionen aufhören würden. Natürlich, wenn man von einer Regelung des Konsums spricht, so ist man schon wieder in einem gewissen Sinne auf einer Art falschem Pfad. Irgendwie diktatorisch den Konsum zu regeln, geht nicht an. Aber wenn alle Wirtschaftsverhältnisse daraufhin angelegt wären, unnötige Arbeit allmählich verschwinden zu lassen, dann hätte das im ganzen Zusammenhang des Wirtschaftslebens eine gewisse Folge. Die Folge wäre, daß der, der unnötigerweise hohe Lackstiefel haben will, sie nicht würde bezahlen können. Und weil das eine mit dem andern in Zusammenhang steht, muß man sich darüber klar sein, daß man unnötige Bedürfnisse nicht direkt bekämpfen muß, weil sie notwendig mit anderen Wirtschaftsverhältnissen verschwinden werden. Denn dadurch würde man zum Tyrannen. Es ist im Leben so, daß, wenn man Freiheit wahren will, man nicht von heute auf morgen etwas abschaffen kann. Aber gewisse Dinge hören unter dem Einfluß von veränderten Verhältnissen von selbst auf. Wenn ein solches neues volkswirtschaftliches Denken Platz greift, daß unnötige Arbeit verschwinden muß, dann werden auch solche unnötigen Gelüste verschwinden, beziehungsweise es wird das Geld für sie nicht mehr da sein. Das ergibt sich nur durch Einsicht in den praktischen Lebenszusammenhang. Es können die Konsumverhältnisse nicht durch irgendwelche «Maßregeln» geordnet werden, sondern nur durch einen gewissen Fortschritt des Lebens.
[ 24 ] Das möchte ich auch mit Bezug auf die Literatur sagen, wobei natürlich nur die sozialen Verhältnisse in Betracht kommen; man kann ja durchaus ein Herz haben für den, der gern lyrische Gedichte gedruckt haben möchte. Da kann ich immer nur hinweisen auf das Beispiel unseres Berliner Verlages. Der hat nie Bücher gehabt, die nicht verkauft worden wären. Er hat viele Bücher nicht gehabt, die sehr stark verlangt wurden, aber nie Bücher, die stoßweise aufgestapelt und nicht verkauft worden wären. Er war immer auf das gebaut, was man ein geistiges Bedürfnis nennen kann. Es wurde ein Buch erst dann gedruckt, wenn man wußte, es sind für das Buch soundso viele Leser da. Die Arbeit begann damit, daß die Materie an die Menschen herangebracht und eine Leserschaft gefunden wurde; durch Diktatur wurde so etwas nicht gemacht. Vom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt aus muß gesagt werden, daß gerade durch diesen Verlag nicht unnötige Arbeit geleistet wurde.
[ 25 ] Es handelt sich darum, wo man mit der Arbeit im volkswirtschaftlichen Leben beginnt. Geht man dagegen vom Verständnis der Bedürfnisse aus, dann werden allmählich nur solche nötigen Produkte erzeugt, so daß sich die Produktion nicht fortwährend hinten zusammenschoppt, [sich staut an den lebensnotwendigen Bedürfnissen]; es wird dann nämlich vorn so produziert, daß hinten die wirklich vorhandenen Bedürfnisse befriedigt werden können. Wenn man nur über die Erträge spricht, so zäumt man gewissermaßen das Pferd beim Schwanz auf. Es handelt sich darum, daß man sich das Leben anschaut und weiß, wo die Arbeit begonnen werden soll; es handelt sich nicht darum, irgend etwas zu «regeln», sondern so in das Leben einzugreifen, daß die Dinge ihren richtigen Gang nehmen.
[ 26 ] Bei der jetzigen Krise handelt es sich darum, daß sie eine letzte Folge einer langen Entwicklung ist; sie kann nicht so geprüft werden wie andere, aber dennoch, sie muß geprüft werden - nicht nach Theorien, sondern nach den Tatsachen. Ich bitte zu berücksichtigen, was in den letzten Jahren geschehen ist. Wieviel ist seit dem Jahre 1914 von menschlicher Arbeitskraft produziert worden, damit wir es dann glücklich dahin gebracht haben, daß zehn bis zwölf Millionen Menschen im Laufe von fünf Jahren totgeschossen und dreimal soviel zu Krüppeln gemacht wurden? Wieviel Arbeitskraft ist darauf verwendet und dadurch dem Leben als Arbeit entzogen worden, die dem Leben hätte anders dienen können! Ich meine, daß man doch auch die Ansicht vertreten kann: Das, was da zum Totschießen der Menschen produziert worden ist, ist eine «unnötige » Arbeit gewesen - sie hätte unterlassen werden können! Man denke nur einmal, wie lange man - noch 1912 - darüber nachdenken mußte, wenn man eine Million für Unterrichtszwecke brauchte - und wie schnell das Geld bei der Hand war, wenn man eine Million zum Verpulvern brauchte. Nehmen Sie das, was dann darauf gefolgt ist: Das Geld, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Abstraktum entwickelt hat, ist jetzt zur höchsten Potenzierung dieser Abstraktion geworden. Es ist jetzt wirklich zur größten Abstraktion geworden. Sehen Sie hin, wieviel die Notenpresse jeden Tag auswirft.
[ 27 ] Man braucht [soviel Geld] eigentlich nur, wenn in einer künstlichen Weise der Verbrauch dafür geregelt wird. Dahinter steckt das, daß man mit dem, was noch übriggeblieben ist an Produktivkräften aus der Zeit von 1914 bis 1918, Raubbau getrieben hat. Der hört aber einmal auf, und dann wird die Krise kommen. Die gegenwärtige Krise ist durch den allergrößten Leichtsinn der Menschen hervorgerufen, indem man glaubte, man könne die Menschen durch Jahre damit beschäftigen, Unnötiges zu fabrizieren, und sie von nötiger Arbeit abziehen.
[ 28 ] Und nun die Frage, ob man mit der gegenwärtigen Generation nun wirklich zu einem Aufbau kommen könne: Ich bin in der Dreigliederungszeitung oftmals auf diese Frage zurückgekommen Zur persönlichen Nutzung durch Christopher Wietrzykowski (chris.wietro.dds@gmail.com) und habe es immer wieder als ein unfruchtbares Denken bezeichnet, derartige Fragen zu stellen. Worauf ich in diesem Zusammenhänge etwas gebe, ist der Wille - nicht so sehr die beobachtende Überschau über das, was ist -, sondern die Befeuerung des Willens. Und wenn ich höre, «mit der gegenwärtigen Generation ist nichts anzufangen», so muß ich doch voraussetzen, das die, welche in dieser Weise die gegenwärtige Generation kritisieren, doch der Ansicht sind, mit ihnen selber sei etwas anzufangen. Und da ich mehr auf den Willen gebe als auf die Beobachtung, so rufe ich denen eben zu: Nun, also kommt, dann wollen wir mit euch etwas anfangen! Die Zahl derer, die «mit der gegenwärtigen Generation nichts anfangen können», würde schon groß genug sein, [um etwas anzufangen]; daher wollen wir diese zusammenrufen und mit ihnen Zusammenarbeiten.
[ 29 ] Es ist noch die einschneidende Frage gestellt worden, welches dìe geistigen Untergründe der Loslösung des Geldmarktes vom Warenmarkt seien. Wir können uns eine solche Frage nur beantworten, wenn wir uns bewußt werden, daß Behauptungen, wie ich sie heute ausgesprochen habe, im absolut richtigen Sinne genommen werden müssen und daß sie nicht etwa nur eine relativ richtige Geschichtskritik bedeuten. Wenn man sagt: durch die Emanzipation des Geldes ist diese oder jene Atmosphäre geschaffen worden - so kommt es doch darauf an, diese Atmosphäre zu betrachten. Wenn man dieses Abstraktwerden des Geldmarktes betrachtet, wo es gleichgültig ist, was das Geld bedeutet, dann wird man darauf hinweisen müssen, daß das für den allgemeinen Entwicklungsgang notwendig war. Ich habe in dieser Beziehung oft darauf hingewiesen, wie seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in der zivilisierten Menschheit der Drang lebt, die Individualität loszulösen von der Gruppenhaftigkeit, wie Demokratie immer mehr und mehr der Impuls der Menschheit geworden ist, wie der einzelne Mensch immer mehr und mehr zur Geltung kommen soll und wie auch das zur Geltung kommen soll, was mehr aus seinem Innern herauskommt. Für diesen ganzen Entwicklungsgang der Menschheit war das Abstraktwerden des Wirtschaftslebens unter dem Geldeinfluß eine Notwendigkeit. Und es handelt sich nur darum einzusehen, das alles, was entsteht, nach einem gewissen Zeitablauf eine Korrektur erfahren muß, oder es muß etwas anderes hinzukommen, was die Schäden ausgleicht. Denn im wirklichen Leben ist es nicht so, daß es etwas absolut Gutes gibt; alles im Leben ist nur relativ. Man kann nicht sagen, wenn ich heute zerrissene Stiefel habe, daß sie unbedingt schlecht sind; sondern es ist das Schicksal von guten Stiefeln, daß sie mit der Zeit schlecht werden. Auch im besten Wirtschaftsleben kommt es zu Schäden, wenn gewisse Aufgaben sich ausgelebt haben. So ist es auch mit der Geldwirtschaft. Sie war nicht von Anfang an schädlich. Man studiere die Geldverhältnisse in der Zeit der Mitte des 19. Jahrhunderts; sie haben Wesentliches beigetragen zum Heraufkommen der demokratischen Anschauungen. Dann aber kam die Zeit, wo eine solches Abstraktwerden des Geldes seine Grenzen finden mußte. Ich darf gewiß von einer Abstraktion sprechen, denn man darf die Funktion des Geldes zum Beispiel durchaus vergleichen mit dem inneren Seelenvorgang des Abstrahierens.
[ 30 ] Es gibt da eine auffallende Erscheinung, zum Beispiel in der theosophischen Bewegung. Diese theosophische Bewegung, mit der die anthroposophische Bewegung früher in einer gewissen Verbindung war, ist eigentlich eine materialistische Bewegung. Sie redet zwar von den höheren geistigen Gliedern des Menschen, aber sie meint doch nur, wenn sie zum Beispiel vom Ätherleib spricht, der sei etwas Dünneres, Feineres als der physische Leib, ebenso sei der astralische Leib dann noch etwas Dünneres und so weiter. Man wendet also immer nur materialistische Gedanken an, und diese materialistischen Gedanken setzen sich in den Köpfen ganz furchtbar fest. Und als die Leute in der theosophischen Bewegung einmal etwas ganz Gescheites machen wollten, begannen sie, in bezug auf die wiederholten Erdenleben vom «permanenten Atom» zu sprechen. Sie meinten, es müsse physisch doch etwas übergehen in die nächste Inkarnation des Menschen. Von der Naturwissenschaft hatten die Leute gelernt, der Mensch bestehe aus Atomen und beim Tode des Menschen würden die Atome in die Erde fallen. Und so hatten sich die Theosophen die Lehre vom «permanenten Atom» ausgedacht: Dieses eine Atom würde nicht begraben, das gehe durch den Tod durch, und um dieses eine permanente Atom herum würden sich dann im nächsten Leben die andern Atome herumgruppieren. Da haben wir unter dem Schein einer spirituellen Bewegung den krassesten Materialismus. So ist es, wenn man sich ganz in das Abstrakte hinein verstrickt. So haben Sie das Abstrakte im Seelenleben, und so haben Sie im Wirtschaftsleben das Geld als abstrakte Ware.
[ 31 ] Und weil das, was im wirtschaftlichen Leben geschieht, nur die äußere Seite des Geisteslebens ist, so hängt dieses Wirtschaftsleben mit dem Geistesleben wirklich zusammen. Denn die Ansicht ist falsch, welche glaubt, da unten gingen nur die wirtschaftlichen Prozesse vor sich und denen gegenüber sei das Geistesleben nur eine Ideologie. Richtig aber ist es: Das Wirtschaftsleben einer bestimmten Zeit und das Geistesleben einer bestimmten Zeit - nicht genau derselben Zeit - verhalten sich zueinander wie die Nuß zur Nußschale: Das wirtschaftliche Leben ist immer die Absonderung des Geisteslebens und bekommt von ihm seine Form. Daher kann, nachdem das Geistesleben sich so verabstrahiert hat, auch das Wirtschaftsleben sich nur verabstrahieren. Daher haben wir zuerst die Zeit der abstrakten Denkweise und erst dann die Zeit des abstrakten Geldwesens. Das sind Zusammenhänge, die beachtet werden sollten.
[ 32 ] Wenn man diese beachtet, so bekommt man den fruchtbaren Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus. Man wird einsehen, wie die drei Glieder des Gesamtlebens ineinandergreifen und dadurch eine Einheit bilden, wobei man jedem seine Selbständigkeit gibt. So ist es ja auch beim menschlichen Organismus der Fall. Wir unterscheiden beim Menschen das Nerven-SinnesSystem, das rhythmische System und das Stoffwechsel-System. Das ist, funktionell betrachtet, der ganze Mensch. Diese drei Systeme wirken zusammen, aber jedes ist für sich relativ selbständig, und sie müssen selbständig sein. Es kann nichts Günstiges dabei herauskommen, wenn man alles miteinander vermischt. Um eine abstrakte Einheit, wie sie der moderne Staat will, wie sie besonders der heutige sozialistische Staat des Ostens will, darum kann es sich nicht handeln. Es kann sich nur darum handeln, daß man die Bedingungen des individuellen Lebens kennenlernt, und man sieht dann, wie sich dieses dreigliedrig darstellt. Wer sich darauf einläßt, der muß einsehen, daß die drei Glieder des Lebens erstens selbständig sind, zweitens dann aber wieder Zusammenwirken und drittens am besten Zusammenwirken, wenn sie vorher ihre Selbständigkeit entfaltet haben. Dann wird die Einheit Ergebnis - und nicht von außen hereingetragen. Eine abstrakte, unfruchtbare Einheit zerstört sich selbst. Was aber aus den selbständigen Gliedern erst gebildet wird, das wird zu einer lebensvollen Einheit, wird zu dem, was überhaupt erst leben und wachsen kann.
