Social Ideas, Social Reality
and Social Practice I
GA 337a
15 September 1920, Stuttgart
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Social Ideas, Social Reality and Social Practice I, tr. SOL
9. Die heutigen wirtschaftlichen Krisenverhältnisse
9. Today's Economic Crisis
Emil Leinhas leitet die Versammlung ein und erteilt Rudolf Steiner das Wort.
Emil Leinhas opens the meeting and calls on Rudolf Steiner to speak.
[ 1 ] Rudolf Steiner: Sehr verehrte Anwesende! Wenn die Dinge so stehen würden im politischen, ja im öffentlichen Leben überhaupt, wie heute viele Menschen meinen, so müßte man eigentlich daran verzweifeln, durch persönliches Eingreifen, durch unmittelbares menschliches Tun auf die Besserung der sozialen Verhältnisse hinwirken zu können. Man muß sich dabei besonders daran erinnern, daß es heute eine ganze Anzahl von Menschen gibt, welche glauben, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse fast so ablaufen wie Naturerscheinungen. Sie glauben, daß wirtschaftliche Ereignisse sich der Reihe nach mit einer Ursachennotwendigkeit entfalten, die man durchaus vergleichen kann mit jener Notwendigkeit, mit der etwa ein Körper von einer bestimmten Beschaffenheit zu brennen beginnt, wenn man ihn in einer bestimmten Weise mit einem andern in Verbindung bringt. So denken sehr viele Menschen. Sie meinen, wenn sich eine Zeitlang so etwas entwickelt habe im wirtschaftlichen Leben wie ein günstiger Konjunkturbetrieb, daß dann einfach aus diesem günstigen Konjunkturbetrieb selber sich etwas herausentwickeln müsse wie eine Krisis. Es folge dann eine Zeitlang ein schlechter Geschäftsgang mit zurückgehenden wirtschaftlichen Verhältnissen, bis wieder eine Art von Erholung eintrete und gewissermaßen ein Aufstieg im wirtschaftlichen Leben stattfinden würde. Solche Darstellungen wurden in der letzten Zeit ganz besonders hervorgebracht von Theoretikern des wirtschaftlichen Denkens, von Nationalökonomen, die am liebsten alles aus dem äußeren Ursachenverlaufe selbst darstellen und das Eingreifen des menschlichen Willens ganz ausschließen wollen. Man hat geradezu behauptet, daß zum Beispiel die bedeutungsvolle volkswirtschaftliche Krise im Jahre 1907 eben mit einer gewissen Notwendigkeit folgen mußte aus dem Aufschwung, der vorangegangen war. Man kann vielleicht glauben, daß die Betrachtung solcher über weite Gebiete des Wirtschaftslebens sich erstreckenden Vorgänge wie günstige und ungünstige Konjunkturen - den einzelnen weniger berühre. Das ist aber nicht der Fall. Und namentlich derjenige, der selber irgend etwas zu irgendeiner Zeit unternehmen will, muß immer darauf aufmerksam sein, in welche Konjunkturkonstellation er hineinkommt.
[ 1 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! If things in political life—indeed, in public life in general—were as many people today believe them to be, one would actually have to despair of being able to work toward the improvement of social conditions through personal intervention and direct human action. In this context, it is particularly important to remember that there are quite a number of people today who believe that economic conditions unfold almost like natural phenomena. They believe that economic events unfold in sequence with a causal necessity that can certainly be compared to the inevitability with which, for example, a substance of a certain composition begins to burn when it is brought into contact with another substance in a specific way. This is how a great many people think. They believe that if a favorable economic cycle has developed in economic life for some time, then something like a crisis must simply emerge from that favorable economic cycle itself. This would then be followed by a period of poor business conditions with declining economic conditions, until a sort of recovery sets in and, so to speak, an upswing in economic life takes place. Such views have recently been put forward in particular by theorists of economic thought—by economists—who prefer to explain everything solely through the sequence of external causes and wish to completely rule out the intervention of human will. It has even been claimed, for example, that the significant economic crisis of 1907 was bound to follow, as a matter of necessity, from the economic upswing that preceded it. One might suppose that the examination of such processes—which span broad areas of economic life, such as favorable and unfavorable business cycles—has little bearing on the individual. But that is not the case. And especially those who wish to undertake any venture at any given time must always be mindful of the economic conditions into which they are entering.
[ 2 ] Es ist ja nur zu begreiflich, daß ein solcher Glaube an einen notwendigen Ursachenzusammenhang im Wirtschaftlichen sich herausgebildet hat als Folge der ganzen naturwissenschaftlichen Denkungsweise der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Sie wissen, es ist insbesondere die dem Marxismus huldigende theoretische Anschauung des Sozialen, die in solchen Ideen sich ergeht und die auch nach solchen Ideen ihr praktisches Handeln einrichten möchte. Es ist scheinbar für viele Menschen heute ganz dilettantisch, wenn man sich gegen so etwas wendet, denn man betrachtet ja geradezu das naturwissenschaftliche Denken wie ein Ideal, und man betrachtet es sogar als eine Errungenschaft, daß sich dieses naturwissenschaftliche Denken auch über das praktische Leben ausgedehnt hat. Da muß Geisteswissenschaft geradezu korrigierend eingreifen, denn nur aus diesen Anschauungen, die von hier aus immer vertreten wurden, kann allein eine gesunde soziale Denkweise hervorgehen. Und Geisteswissenschaft kann korrigierend eingreifen aus ihrer ganzen Wesenheit heraus, denn sie hat durchaus nichts von dem Theoretischen, Abstrakten, das gerade die materialistisch-naturwissenschaftliche Denkungsart der neueren Zeit angenommen hat. Diese Denkungsart bringt aber den Menschen dazu, nicht auf die Tatsachen des Lebens hinzuschauen, sondern sich diese Tatsachen des Lebens umnebeln zu lassen mit allerlei Theorien.
[ 2 ] It is only too understandable that such a belief in a necessary causal relationship in economic matters has developed as a consequence of the entire scientific way of thinking over the last three to four centuries. As you know, it is particularly the Marxist theoretical view of society that revels in such ideas and seeks to base its practical actions on them. To many people today, it seems quite amateurish to oppose such ideas, for scientific thinking is regarded as an ideal, and it is even seen as an achievement that this scientific way of thinking has extended into practical life. This is where Spiritual Science must intervene in a corrective manner, for only from these perspectives—which have always been advocated here—can a healthy social way of thinking emerge. And Spiritual Science can intervene in a corrective manner out of its very essence, for it has absolutely none of the theoretical, abstract character that the materialistic, scientific way of thinking of recent times has adopted. This way of thinking, however, leads people not to look at the facts of life, but to allow these facts of life to be obscured by all sorts of theories.
[ 3 ] Ich habe in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage» hervorgehoben, wie gerade das Proletariat der Gegenwart eigentlich am allermeisten einer durch und durch theoretischen Weltauffassung huldigt. Das kommt einfach davon her, daß dieses Proletariat der Gegenwart, unverstanden in seinen Bestrebungen von dem immer mehr und mehr materialistisch sich entwickelnden Bürgertum, eben nur den von diesem Bürgertum vertretenen Materialismus als Weltanschauung erhalten hat und daher an diesen Materialismus wie an ein unbesiegliches Evangelium glaubt und einfach nicht aus ihm herauskommen kann. Geisteswissenschaft darf nicht Theorien huldigen, darf vor allen Dingen nicht zu irgendeiner Phantastik neigen. Denn trägt man als Geisteswissenschaftler die Neigung zur Phantastik in sich, dann wird man alles, was man in der geistigen Welt beobachtet, verzerren, zur Karikatur machen; man wird nur zu einer ganz verzerrten Welt kommen können. Geisteswissenschaft verlangt als eine notwendige Grundlage von ihren Bekennern, daß sie sich für das Reale, für das - ich möchte sogar sagen - bis zu einem gewissen Grade Nüchterne erziehen. Dadurch aber, daß man gerade auf dem Geistgebiete sich erstens zu einer klaren, straffen Logik, zweitens aber zu einer Berücksichtigung der Tatsachen heranerzieht, ist man durchaus imstande, in das gewöhnliche praktische Leben diese Erziehung hineinzutragen und auch da die Tatsachen in der richtigen Weise mit ihrem ganzen Gewicht sprechen zu lassen.
[ 3 ] In my *Key Points of the Social Question*, I emphasized how the contemporary proletariat, in fact, adheres most of all to a thoroughly theoretical worldview. This simply stems from the fact that this contemporary proletariat, whose aspirations are misunderstood by a bourgeoisie that is becoming increasingly materialistic, has received only the materialism espoused by this bourgeoisie as its worldview; consequently, it believes in this materialism as if it were an invincible gospel and simply cannot break free from it. Spiritual Science must not adhere to theories; above all, it must not incline toward any form of fantasy. For if, as a spiritual scientist, one harbors a tendency toward fantasy, then one will distort everything one observes in the spiritual world, turning it into a caricature; one will be able to arrive at nothing but a completely distorted world. Spiritual Science demands, as a necessary foundation, that its adherents train themselves to embrace the real—and, I would even say, to a certain degree, the sober. But precisely by training oneself, especially in the spiritual realm, first toward clear, rigorous logic and second toward an appreciation of the facts, one is fully capable of carrying this training into ordinary practical life and allowing the facts to speak there as well in the proper way, with all their weight.
[ 4 ] Was tut der nationalökonomische Theoretiker, und was tun alle diejenigen, die zu einem solchen in die Schule gehen, wenn sie zum Beispiel so etwas studieren wollen wie die wirtschaftliche Krise des Jahres 1907? Sie studieren zunächst, was wirtschaftlich vorangegangen ist im Jahr 1906, kommen da in das Jahr einer günstigen Konjunktur hinein. Sie versuchen dann, innerhalb dieses Vorangegangenen die Ursachen für den nachfolgenden wirtschaftlichen Ruin zu finden. Wenn man so vorgeht, kann man sich mit allen möglichen nebulösen Begriffen durchsetzen und ist dann deshalb überhaupt unfähig, im sozialen Leben richtig zu denken. Wenn man sich aber an der Geisteswissenschaft erzogen hat, dann fragt man nach den wirtschaftlichen Tatsachen, und dann entdeckt man etwa für die Krise des Jahres 1907 - man könnte auch ein anderes Beispiel wählen -, daß es in Amerika eine mächtige Finanzmagnatengruppe gab, die über dreißig Banken und über dreißig lange Eisenbahnlinien und noch manches andere innehatte. Dieses mächtige Konsortium kaufte in aller Stille ein gewisses Spekulationspapier, das auch an europäischen Börsen gehandelt wurde, in so großen Mengen auf, daß fast alles von diesem Papier im Besitze dieses Finanzmagnatenkonsortiums war. Dann veranlaßte man durch allerlei wirtschaftliche Spekulationen europäische Banken - und europäische Unternehmungen überhaupt - dazu, solche Papiere «auf Lieferung» zu kaufen. Man brachte es dazumal dahin, daß eine ganz große Anzahl von Menschen solche Papiere auf Lieferung kauften. Nun nehmen wir aber an, irgendein Unternehmen habe in einem solchen Papier einen Kauf auf Lieferung abgeschlossen, um es dann wieder zu verkaufen; und es war nun so, daß dieselben Banken in Amerika mit europäischen Unternehmungen zu gleicher Zeit Käufe auf Lieferung in diesem Papier [in großem Umfange] abschlossen. Eine europäische Unternehmung begann also auf der einen Seite diese Papiere zu kaufen und verpflichtete sich auf der andern Seite, sie nach einer bestimmten Zeit zu verkaufen - hatte sie aber nicht, da diese Papiere zuvor alle von [dieser Finanzgruppe], der MorganGruppe, aufgekauft waren; sie mußte sie also erst wieder von dort kaufen. Es hatten also die europäischen Unternehmungen in großem Umfange die Verpflichtung übernommen, solche Papiere zu liefern. In der Zwischenzeit nun, die verlief zwischen der Spekulation und dem Lieferungstermin, brachte man es aber von Amerika aus dahin, den Wert dieses Papieres ungeheuer hinaufzuschrauben, und die Folge davon war eine ganz außerordentliche Überlastung des europäischen Geldmarktes, was dann jene Krise hervorrief. Das heißt, eine reine Finanzspekulation, hervorgerufen von einer gewiß geringen Anzahl von menschlichen Individuen, hat diese Krisis gemacht. Diejenigen, welche diese Krise kennen, werden sich erinnern, daß damals der Bankdiskont in England hinaufstieg bis zu 7%, in Deutschland sogar zeitweilig bis zu 8%, und ein erhöhter Bankdiskont ist immer ein Barometer für Krisen. Es war also diese Krise eigentlich aus dem Willen jener Menschen bewirkt.
[ 4 ] What does an economic theorist do—and what do all those who study under such a theorist do—when, for example, they want to study something like the economic crisis of 1907? They first study what happened economically in 1906, finding that it was a year of favorable economic conditions. They then try to find, within this preceding period, the causes of the subsequent economic collapse. If one proceeds in this way, one can get away with all sorts of nebulous concepts and is therefore completely incapable of thinking correctly in social life. But if one has been educated in the Spiritual Science, one looks for the economic facts, and then one discovers, for example, regarding the crisis of 1907—one could also choose another example—that there was a powerful group of financial magnates in America that owned over thirty banks, over thirty long railroad lines, and many other assets. This powerful consortium quietly bought up a certain speculative security—which was also traded on European stock exchanges—in such large quantities that almost all of this security was in the possession of this consortium of financial magnates. Then, through all manner of economic speculation, they induced European banks—and European enterprises in general—to buy such securities “on credit.” At that time, they managed to get a very large number of people to buy such securities on delivery. Now, let us assume that some company entered into a purchase agreement on delivery for such a security with the intention of reselling it; and it so happened that the same banks in America were simultaneously concluding purchase agreements on delivery for this security [on a large scale] with European companies. A European company thus began, on the one hand, to buy these securities and, on the other hand, committed itself to selling them after a certain period of time—but it did not have them, since these securities had all been bought up beforehand by [this financial group], the Morgan Group; it therefore first had to buy them back from there. The European firms had thus assumed a large-scale obligation to deliver such securities. In the meantime—the period between the speculation and the delivery date—those in America managed to drive up the value of these securities enormously, and the result was an extraordinary strain on the European money market, which then triggered that crisis. In other words, pure financial speculation, instigated by a certainly small number of individuals, caused this crisis. Those familiar with this crisis will recall that at that time the bank discount rate in England rose to 7 percent, and in Germany even temporarily to 8 percent—and an elevated bank discount rate is always a barometer of crises. This crisis was, therefore, essentially brought about by the will of those people.
[ 5 ] Und auf solche Tatsachen, also auf ganz spezielle, konkrete Tatsachen des Lebens - nicht auf allgemeine Theorien - muß man hinschauen, wenn man das Leben verstehen will, auch in seinen sozialen Erscheinungen. Es kann ja geistreich, ungeheuer geistreich und imponierend sein, wenn zum Beispiel Karl Marx aus den Wirtschaftsformen mit einer gewissen Notwendigkeit hervorgehen läßt das, was dann die Menschen denken. Aber im Grunde genommen ist das alles in der Studierstube abgewickelt, und es ist gerade ein sehr charakteristisches Kennzeichen, daß das reinste Studierstubenprodukt, das «Kapital» von Karl Marx, im Proletariat so populär geworden ist wie ein Evangelium. Will man aber das Leben kennenlernen, dann muß man das Leben selber anschauen. Dann wird man finden, wie gerade Geisteswissenschaft heranerzieht zu einer Anschauung des Lebens — allerdings zu einer unbequemen. Es ist nämlich im Grunde genommen viel bequemer, abstrakte Theorien aufzustellen, als sich einzulassen auf das wirkliche Leben.
[ 5 ] And it is such facts—that is, very specific, concrete facts of life, not general theories—that one must examine if one wants to understand life, including its social manifestations. It can, of course, be ingenious—incredibly ingenious and impressive—when, for example, Karl Marx derives from economic systems, with a certain inevitability, what people then come to believe. But fundamentally, all of this takes place in the study, and it is precisely a very characteristic feature that the purest product of the study—Karl Marx’s *Capital*—has become as popular among the proletariat as a gospel. But if one wants to get to know life, then one must look at life itself. Then one will discover how the Spiritual Sciences, in particular, lead to a view of life—albeit an uncomfortable one. For, fundamentally speaking, it is much more comfortable to formulate abstract theories than to engage with real life.
[ 6 ] Und nun werden Sie sagen: Aber die Dinge stimmen ja, welche die Theoretiker sagen und welche die Agitatoren in das Volk als etwas Plausibles hineintragen - denn man braucht sich nur daran zu erinnern, mit wieviel Zahlen, mit welch sicherer Statistik gewöhnlich diese Dinge belegt werden. Unsere Bücher, welche es heute über den Gang des öffentlichen Lebens gibt, besonders über die Wirtschaftsanschauungen - sie wimmeln ja nur so von statistischen Angaben, denn was könnte selbstverständlich richtiger sein als das, was man mit Zahlen belegen kann. Aber es gibt auch noch andere Statistiken, welche sich in einer bestimmten Richtung sogar so ausnehmen, als ob sie einen natürlichen und durch die Naturwissenschaft ausdrückbaren Gang des Menschenlebens darstellen könnten. Nehmen Sie zum Beispiel die Versicherungsstatistiken als Grundlage eines ganz praktischen Lebenszweiges, der Lebensversicherung. Man rechnet sich aus, wieviele Menschen von einer bestimmten Anzahl Zwanzigjähriger nach dreißig Jahren noch leben werden und wieviele gestorben sein werden. Das gibt, wenn man nur die Anzahl groß genug nimmt, sehr konstante Zahlen: Von soundsoviel Zwanzigjährigen leben nach dreißig Jahren nur noch soundso viele. Daraus kann man dann die Summe errechnen, die der Betreffende einzuzahlen hat, und man kann sagen: Es ist durchaus so, daß hier die Statistik sogar etwas abgibt, womit man im praktischen Leben bis zu einem gewissen Grade rechnen kann. Sie wissen vielleicht, daß es auch eine Selbstmordstatistik gibt; Sie wissen, daß man für eine solche Statistik nur ein genügend großes Territorium und einen genügend großen Zeitraum zu nehmen braucht, um ziemlich genau sagen zu können: In diesen Jahren werden sich auf diesem Territorium soundso viel Menschen ermorden. - Aber hat derjenige recht, der aus der scheinbaren Notwendigkeit, daß in fünf Jahren auf einem bestimmten Territorium soundso viele Selbstmorde vorkommen, nun den Denkschluß ziehen will, daß die Menschen nicht frei sind, sondern daß aus demselben Zwang, wonach ein Stein zur Erde fällt, nun auch diese Menschen sich ermorden müssen? Er hat nicht recht. Dadurch, daß soundso viele statistische «Gesetze» existieren, wird der freie Wille des Menschen nicht ausgeschaltet. Es kann gar keine Rede davon sein, daß statistische «Gesetze » etwas aussagen können über den freien Willen des Menschen, selbst dann nicht, wenn es vorkommen sollte, daß Sie als Fünfzigjähriger feststellen müssen, daß mit Ausnahme von Ihnen alle diejenigen schon gestorben sind, die als Zwanzigjährige von der Statistik in Aussicht genommen waren, spätestens bis zum fünfzigsten Jahre zu sterben - [Sie müssen sich deshalb noch lange nicht umbringen]. Die Statistik, ja auch die Selbstmordstatistik, ist zu etwas ganz anderem da, als etwas auszusagen über den freien Willen des Menschen. Und ebensowenig sind irgendwelche wirtschaftlichen Gesetze in der Lage, etwas auszusagen über das freie Eingreifen der menschlichen Initiative in die wirtschaftlichen Angelegenheiten. Allerdings liegt da noch etwas anderes vor.
[ 6 ] And now you will say: But the things the theorists say—and which the agitators present to the people as plausible—are indeed true—for one need only recall how many figures and how reliable statistics are usually used to substantiate these claims. Our books today on the course of public life, especially on economic views—they’re simply teeming with statistical data, for what could be more correct, of course, than what can be substantiated with numbers? But there are also other statistics that, when viewed from a certain angle, even appear as if they could represent a natural course of human life that can be expressed through the natural sciences. Take, for example, insurance statistics as the basis for a very practical branch of life: life insurance. One calculates how many people out of a certain number of twenty-year-olds will still be alive after thirty years and how many will have died. If the sample size is large enough, this yields very consistent figures: out of so many twenty-year-olds, only so many will still be alive after thirty years. From this, one can then calculate the premium the individual must pay, and one can say: It is certainly the case that, in this instance, statistics actually provide something that can be relied upon to a certain degree in practical life. You may know that there are also statistics on suicide; you know that for such statistics, one need only take a sufficiently large territory and a sufficiently long period of time to be able to say with considerable accuracy: In these years, so-and-so many people will commit suicide in this territory. - But is the person correct who, based on the apparent inevitability that a certain number of suicides will occur in a specific territory over the next five years, now wishes to conclude that human beings are not free, but that—by the same force that causes a stone to fall to the ground—these people, too, must take their own lives? He is not right. The existence of so many statistical “laws” does not negate human free will. There can be no question whatsoever that statistical “laws” can say anything about human free will—not even if it should happen that, as a fifty-year-old, you were to discover that, with the exception of yourself, all those who, as twenty-year-olds, were statistically predicted to die by the age of fifty at the latest have already died— [that does not mean you should go and kill yourself]. Statistics—including suicide statistics—serve a completely different purpose than making statements about human free will. Nor are any economic laws capable of saying anything about the free exercise of human initiative in economic matters. However, there is something else at play here.
[ 7 ] Nehmen Sie an, die Ereignisse kommen so, wie sie mit Beginn des Jahres 1907 gekommen sind. 1906 war eine günstige Wirtschaftskonjunktur; das erzeugte bei einer großen Anzahl von Menschen gewisse Lebensgewohnheiten. Und man kann sagen: Wenn die Menschen ein paar Jahre in einer erträglichen Situation sind, dann nehmen sie gewisse Lebensgewohnheiten an. Und wenn solche Lebensgewohnheiten sich entwickelt haben, dann können diejenigen, die gerade eine solche Situation ausnutzen wollen, so etwas tun, wie es die Morgan-Gruppe 1907 getan hat. Die können sich dann sagen: Jetzt haben die Leute Lust, dies oder jenes zu tun, also spekulieren wir darauf! Es ist geradeso, wie wenn in einem Lande gewisse ungünstige Einflüsse da sind, die die Menschen zum Selbstmord verleiten. Aber trotzdem: die Menschen greifen doch zum Selbstmord aus freiem Willen, sofern man im gewöhnlichen Leben von freiem Willen sprechen kann - ich habe mich darüber in meiner «Philosophie der Freiheit» ausgesprochen. Nun ist es aber durchaus so, daß nicht aus der vorhergehenden Konstellation des Wirtschaftslebens dasjenige folgt, was nachher geschieht, sondern es folgt lediglich aus dem, was die Menschen tun. Und wenn nun diese Menschen etwas tun, was man gewissermaßen «errechnen» kann, was bezeugt das dann?
[ 7 ] Suppose events unfold as they did at the beginning of 1907. The economic climate in 1906 was favorable; this led a large number of people to adopt certain lifestyle habits. And one can say: When people find themselves in a tolerable situation for a few years, they adopt certain lifestyle habits. And once such habits have developed, those who wish to exploit such a situation can do something like what the Morgan Group did in 1907. They can then say to themselves: Now that people are inclined to do this or that, let’s speculate on it! It is just as if there were certain unfavorable influences in a country that lead people to commit suicide. But even so: people still resort to suicide of their own free will—insofar as one can speak of free will in ordinary life—I have addressed this in my *Philosophy of Freedom*. Now, however, it is certainly the case that what happens afterward does not follow from the preceding constellation of economic life, but rather follows solely from what people do. And if these people do something that can, so to speak, be “calculated,” what does that prove?
[ 8 ] Dann braucht man nur hinzuschauen auf einen Vorgang, der Ihnen allen bekannt sein wird. Nehmen Sie an, da steht der Hund Tyras, und Sie halten ihm ein Stück Fleisch vor; Sie werden ziemlich genau errechnen können, was er tut: Er schnappt danach. Und es wird in den seltensten Fällen vorkommen, daß der Hund Tyras nicht nach dem Stück Fleisch schnappt. Wenn aber der Mensch in einer ganz bestimmten Situation etwas Errechenbares tut, so bezeugt das nur, daß sein Seelen-Niveau heruntergesunken ist; und je mehr man im sozialen Leben errechnen oder kausal bestimmen kann, desto mehr weist man damit darauf hin, daß die Menschen mehr auf ein tierisches Niveau heruntergesunken sind. Und so beweisen Selbstmord-Statistiken und andere Berechnungen, zum Beispiel über günstige oder ungünstige Konjunkturen, nichts anderes als die Art der Seelenverfassung der Menschen; allerdings muß man dann auch die Zeitumstände, die Allgemein-Atmosphäre prüfen, in der die eine oder die andere Seelenverfassung möglich ist. So etwas, wie es die Morgan-Gruppe 1907 getan hat und wodurch unzählige Existenzen in Europa ins Elend gestürzt worden sind, konnte sich nur abspielen in dieser Zeit; so etwas wäre zum Beispiel einhundertfünfzig Jahre früher nicht möglich gewesen.
[ 8 ] Then one need only look at a situation that will be familiar to all of you. Suppose there is a dog named Tyras, and you hold a piece of meat in front of him; you will be able to predict with considerable accuracy what he will do: He will snap at it. And it will be extremely rare for the dog Tyras not to snap at the piece of meat. But when a person does something predictable in a very specific situation, this merely attests to the fact that his spiritual level has declined; and the more one can predict or causally determine in social life, the more one thereby indicates that people have sunk to a more animal-like level. And so suicide statistics and other calculations—for example, regarding favorable or unfavorable economic conditions—prove nothing other than the nature of people’s spiritual state; however, one must also examine the circumstances of the time and the general atmosphere in which one spiritual state or another is possible. Something like what the Morgan Group did in 1907—which plunged countless lives in Europe into misery—could only have taken place at that time; such a thing, for example, would not have been possible one hundred and fifty years earlier.
[ 9 ] Wodurch ist es denn gekommen, daß so etwas möglich wurde? Es ist gekommen durch die Emanzipation des Geldmarktes von dem Warenmarkt. Diese Emanzipation rührt her etwa aus den Jahren 1810 bis 1815. Erst in dieser Zeit wurde aus dem früheren bloß [auf dem Warenverkehr beruhenden] wirtschaftlichen Beherrschen des öffentlichen Lebens ein Beherrschen durch den Geldmarkt. Erst zu dieser Zeit wurde eigentlich das Bankwesen Herrscher im wirtschaftlichen Leben. Und solche wirtschaftlichen Situationen hervorzurufen durch den Verkehr auf dem bloßen Geldmarkt - in einem Umfange, wie es 1907 auf eine grandiose Weise möglich geworden war -, das ist erst dadurch entstanden, daß das Geld zu einem wirklichen Abstraktum geworden ist. Es ist zu einem Abstraktum geworden, das sich seitdem einfach über unser ganzes Wirtschaftsleben und auch über unser übriges Leben ausbreitet.
[ 9 ] How did it come about that something like this became possible? It came about through the emancipation of the money market from the commodity market. This emancipation dates back to roughly the years 1810 to 1815. It was only during this period that the former economic domination of public life—which had been based solely on the exchange of goods—gave way to domination by the money market. It was only at this time that the banking system truly became the ruler of economic life. And the ability to bring about such economic situations through transactions on the money market alone—on a scale that became possible in a spectacular way in 1907—arose only because money had become a true abstraction. It has become an abstraction that has since simply spread throughout our entire economic life and indeed throughout the rest of our lives as well.
[ 10 ] Wir denken dabei zurück an Zeiten, in welchen der Mensch zusammengewachsen war mit dem, was er hervorbrachte. Da war das Geld im Grunde genommen nur eine Art Äquivalent für das hervorgebrachte Warenerzeugnis; da hing man an dem Warenerzeugnis. Da war es eigentlich durchaus nicht gleichgültig, was man erzeugte, sondern man wuchs mit seinem Warenerzeugnis zusammen. Das ist heute schon etwas Legendenhaftes, und es konnte früher einem so etwas passieren, was ich jetzt als Beispiel anführen möchte. Als ich einmal nach Budapest kam und mir die Haare schneiden lassen wollte, fand ich einen Friseur, der wirklich noch mit Enthusiasmus die Haare schnitt und der sagte: «Ich strebe nicht nach einem Verdienst, ich strebe nur nach einem schönen Schnitt.» Er brachte dies so vor, daß es wirklich den Eindruck innerer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit machte. Dieses Zusammengewachsensein mit seinem Erzeugnis ist heute ganz verlorengegangen, und man hat nur noch das Bestreben, soundso viel einzunehmen, um seine Bedürfnisse zu versorgen. Heute handelt es sich nur noch um das Erträgnis an Kapital oder um den Lohn. Und geradeso, wie sich allgemeine abstrakte Prinzipien ausbreiten über alles Mögliche, so breitet sich auch das abstrakt gewordene Geld über alles Mögliche aus. Es ist schließlich im Sinne vieler Menschen heute ganz gleichgültig, wenn man soundso viel Mark am Tage einnehmen will, ob man dafür Schuhe oder Lehrbücher fabriziert. Dieses von der eigentlichen Realität des Lebens emanzipierte Geld hat jene Atmosphäre möglich gemacht, in der dann solche Vorgänge sich abspielen konnten wie derjenige vom Jahre 1907 - und trotzdem gehen diese Vorgänge ganz und gar aus dem Willen der Menschen hervor!
[ 10 ] We think back to times when people were closely connected to what they produced. Back then, money was essentially just a kind of equivalent for the goods produced; people were attached to those goods. Back then, it really did matter what one produced; rather, one became one with the goods one produced. Today, this seems almost legendary, and in the past, something like this could actually happen—which I’d like to illustrate with an example. Once, when I went to Budapest and wanted to get a haircut, I found a barber who still cut hair with genuine enthusiasm and who said: “I’m not after a profit; I’m only after a beautiful cut.” He expressed this in such a way that it truly gave the impression of inner sincerity and honesty. This sense of being one with one’s product has been completely lost today, and people are now driven solely by the desire to earn a certain amount to meet their needs. Today, it’s all about the return on capital or the wage. And just as general, abstract principles spread to every conceivable area, so too does money—which has become abstract—spread to every conceivable area. After all, in the eyes of many people today, it makes no difference at all—if one wants to earn a certain number of marks a day—whether one manufactures shoes or textbooks to earn it. This money, emancipated from the actual reality of life, has made possible the very atmosphere in which events such as those of 1907 could unfold—and yet these events arise entirely from the will of human beings!
[ 11 ] Ich wollte mit diesen Worten lediglich darauf hinweisen, wie Geisteswissenschaft darauf ausgeht, die Wirklichkeit in ihrer wahren Gestalt zu erfassen. Gerade der Materialismus - sowohl der naturwissenschaftliche wie der historische - ist von der Wirklichkeit ganz abgekommen; der theoretisiert nur mehr. Geisteswissenschaft muß auf die Wirklichkeit gehen. Daher läßt sie sich auch nicht benebeln von theoretischen Anschauungen; aber sie kommt gerade dadurch zu einem wirklichen Verständnis des Lebens. Gerade dadurch wird sie berufen sein, einen sozialen Neuaufbau in der Zukunft wirksam fördern zu können.
[ 11 ] With these words, I simply wanted to point out how the Spiritual Science aims to grasp reality in its true form. Materialism in particular—both scientific and historical—has strayed entirely from reality; it now engages only in theorizing. Spiritual Science must engage with reality. That is why it does not allow itself to be clouded by theoretical views; but precisely through this, it arrives at a genuine understanding of life. It is precisely through this that it will be called upon to effectively promote a social reconstruction in the future.
[ 12 ] Es hat sich ja allmählich die Usance herausgebildet, im Volkswirtschaftlichen überhaupt nur noch mit solchen Dingen zu rechnen wie Angebot und Nachfrage oder dergleichen, mit den Markt-, Verkehrs- oder Wechselverhältnissen. Da meint man eigentlich immer nur etwas Abstraktes, das, was sich als Erträgnis, als Ertrag darstellt. Und wenn die Menschen heute über wirtschaftliche Fragen nachdenken, so geschieht das eigentlich gar nicht anders als so, daß nur mit dem Ertragsfaktor gerechnet wird. Dadurch wird gewissermaßen das ganze wirtschaftliche Leben einseitig betrachtet, denn es wird all das ausgeschaltet, was mit dem Konsum zusammenhängt. Der Konsum soll sich einfach - ich möchte sagen - automatisch ergeben aus dem, was man als Ertrag für irgendein Produkt einnimmt. Man sieht darauf, wenn man in irgendein Geschäft entriert, wieviel es einträgt, aber nicht darauf, welche Art von Konsum mit diesem Geschäft in Verbindung steht. Man rechnet gar nicht mit der besonderen Qualität des Artikels, insofern er ein Konsumartikel ist; man denkt volkswirtschaftlich nur nach der Ertragsseite, der Produktionsseite hin, nicht nach der Konsumseite. Aber wenn man es vollständig unterläßt, das wirtschaftliche Denken nach der Konsumseite hin zu wenden, dann veranarchisiert sich nach und nach der Konsum, dann entwächst einem nach und nach der Konsum.
[ 12 ] A practice has gradually emerged in economics of considering only factors such as supply and demand—or the like—along with market conditions, trade conditions, or exchange rates. In reality, this always refers to something abstract: that which manifests itself as profit or yield. And when people today think about economic issues, they do so in no other way than by focusing solely on the profit factor. As a result, economic life as a whole is viewed one-sidedly, so to speak, because everything related to consumption is excluded. Consumption is simply supposed to result—I would say—automatically from the profit earned on a given product. When you walk into any store, you look at how much revenue it generates, but not at what kind of consumption is associated with that store. The specific quality of the item—insofar as it is a consumer good—is not taken into account at all; from an economic perspective, one thinks only in terms of the revenue side, the production side, and not the consumption side. But if one completely fails to direct economic thinking toward the consumption side, then consumption gradually becomes anarchic, and one gradually loses touch with consumption.
[ 13 ] Nun hat aber dieser Konsum eine bestimmte Eigentümlichkeit: Er steht in einem gewissen ursächlichen Zusammenhang mit der menschlichen Moral, mit der menschlichen Seelenverfassung; im Vergleich zur Produktion hängt er aber in entgegengesetzter Weise mit der menschlichen Seelenverfassung zusammen. In die Produktion spielt ja auch die Moral, das Seelische, hinein; also da ist das Seelische die Ursache. Wenn ich einen Artikel produziere, durch den ich die Menschen betrüge, so geht das aus einer schiefen Moral hervor. Wie aber die Menschen leben, das heißt welche Möglichkeiten des Konsums sie in Anspruch nehmen, ob sie dies oder jenes konsumieren, das wirkt ursächlich auf die Seelenverfassung, auf die Moral ein. Und diesen Faktor rechnet man in der ganzen neueren Volkswirtschaftslehre nicht mit. Daher entläuft einem diese Volkswirtschaft. Wenn man gesund denkt, dann ist einem klar: Es ist schier unmöglich, aus den Produktionsverhältnissen heraus zu begreifen, warum die Streiks vom Jahre 1907 bis zum Jahr 1919 um 87 % zugenommen haben - einiges liegt zwar auch in den Produktionsverhältnissen begründet. Aber man bekommt sogleich ein Bild, worum es sich eigentlich handelt, wenn man auf die Konsumverhältnisse sieht. Nun sind in dem heutigen Wirtschaftsleben all diese Dinge in einem bestimmten Zusammenhang. Über den haben zwar die Nationalökonomen und die Wirtschafter nachgedacht, aber über die wirklichen Ursachen und Zusammenhänge haben diese Leute nicht nachgedacht, weil ihr Rechnen nur auf das Rentieren ging. Der heutige Wirtschafter weiß ja sehr wenig zu sagen über den Zusammenhang irgendeiner Produktion mit den Streiks, [und erst recht nichts über den Zusammenhang der Konsumtion mit diesen Streiks], Er weiß aus dem, was er gewohnt ist zu denken, was die eine oder die andere Produktion an Erträgnissen abwirft.
[ 13 ] However, this consumption has a certain peculiarity: It is causally linked to human morality, to the human state of mind; yet, in contrast to production, it is related to the human state of mind in the opposite way. Morality and the psychological state also play a role in production; thus, in that context, the psychological state is the cause. If I produce a good through which I deceive people, this stems from a distorted sense of morality. But the way people live—that is, the consumption options they choose, whether they consume this or that—has a causal effect on their psychological state and on their morality. And this factor is not taken into account in all of modern economics. That is why this economy eludes our grasp. If one thinks clearly, it becomes evident: It is virtually impossible to understand, based solely on the relations of production, why strikes increased by 87% between 1907 and 1919—though some of this is indeed rooted in the relations of production. But one immediately gets a picture of what this is really about when one looks at consumption patterns. Now, in today’s economic life, all these things are interconnected in a specific way. Economists and businesspeople have certainly reflected on this interconnection, but they have not reflected on the real causes and interrelationships, because their calculations were aimed solely at profit. Today’s business manager has very little to say about the connection between any given form of production and strikes, [and certainly nothing about the connection between consumption and these strikes]. Based on his habitual way of thinking, he knows what returns one form of production or another yields.
[ 14 ] Er weiß zum Beispiel, wenn er ein Pariser Cri-Cri-Fabrikant ist - nehmen wir einen radikalen Fall aus der Vergangenheit -, daß die Cri-Cris ein sehr günstiger Artikel für ein paar Jahre sein können. Diese Cri-Cris waren ganz besonders kleine Instrumente; in einem Metallkörperchen war eine Stahlplatte eingespannt, und wenn man mit diesem Instrument in der Tasche auf die Straße ging und diese Metallplatte berührte, machte sie dann einen scheußlichen Ton, so daß die Leute auf der Straße furchtbar geärgert wurden durch diesen Ton. Es war so in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts; da waren die Straßen geradezu durch diese Cri-Cris unleidlich geworden. Aber das Erträgnis des Cri-Cri-Erfinders war ein sehr großes; er ist vielfacher Millionär geworden, aber er hat gar nicht damit gerechnet, was das auf der Konsumseite ausmacht. Denn selbstverständlich, für das menschliche Leben hätte es genügt, wenn keine Cri-Cris fabriziert worden wären. Aber nun rechnen Sie sich aus, wieviele Menschen in diesen Cri-Cri-Fabriken beschäftigt wurden; mit diesen Erträgnissen haben sie ihren Konsum bestritten. Dieser Konsum soundso vieler Cri-Cri-Arbeiter ist also entstanden aus unnötiger Menschenarbeit. Das alles wirkt im sozialen Leben; unnötige Menschenarbeit hat ungeheure Folgen im sozialen Leben.
[ 14 ] For example, if he is a Parisian Cri-Cri manufacturer—let’s take a radical case from the past—he knows that Cri-Cris can be a very profitable product for a few years. These Cri-Cris were particularly small instruments; a steel plate was clamped inside a small metal casing, and if you walked down the street with this instrument in your pocket and touched that metal plate, it would make a hideous sound, so that people on the street were terribly annoyed by it. This was the case in the 1870s; the streets had become downright unbearable because of these Cri-Cris. But the profits for the inventor of the Cri-Cri were enormous; he became a multimillionaire, yet he never considered what impact this would have on consumption. For, of course, it would have been enough for human life if no Cri-Cris had ever been manufactured. But now consider how many people were employed in these Cri-Cri factories; they used their earnings to cover their consumption. The consumption of so many Cri-Cri workers thus arose from unnecessary human labor. All of this has an impact on social life; unnecessary human labor has immense consequences in social life.
[ 15 ] Ich könnte auch ein anderes Beispiel wählen. Schon Lichtenberg sagte einmal: Es werden 99% mehr Literaturwerke verfertigt in einem Jahre, als die ganze Menschheit zu ihrem Glück braucht. Man kann das mit Bezug auf die Gegenwart wohl auch behaupten: Wenn 99% weniger Bücher erzeugt würden, so würde es wahrscheinlich ein großes Glück für die Menschheit sein. Denken Sie doch nur an die Stöße von Lyrik - die kommen ja selbstverständlich immer von verkannten Genies -, wo eine dreihundert bis fünfhundert Stück starke Auflage erzeugt wird und meistens keine fünfzig abgesetzt werden, wieviel unnötige Arbeit da geleistet wird. Die könnte erspart werden, und das würde auf die Konsumverhältnisse der Menschen eine außerordentliche Wirkung haben. Das heißt, wenn man bloß mit den Erträgen rechnet, so braucht man ja gar keine Beziehung zu den wirklichen Bedürfnissen des Lebens zu haben, kann ganz abseits von ihnen das Leben regulieren wollen. Das steckt in unserer jetzigen großen Krise, in unserem NiederZur persönlichen Nutzung durch Christopher Wietrzykowski (chris.wietro.dds@gmail.com) gang drinnen. Denn diejenigen, die im alten volkswirtschaftlichen Stile rechnen, können keine Zusammenhänge sehen zwischen unnötiger Menschenarbeit und Menschenelend.
[ 15 ] I could also choose another example. Lichtenberg once said: “99% more works of literature are produced in a single year than all of humanity needs for its happiness.” One could certainly say the same about the present day: If 99% fewer books were produced, it would likely be a great blessing for humanity. Just think of the flood of poetry—which, of course, always comes from unrecognized geniuses—where a print run of three hundred to five hundred copies is produced and usually not even fifty are sold; consider how much unnecessary work is being done there. That could be avoided, and it would have an extraordinary effect on people’s consumption patterns. In other words, if one calculates solely on the basis of profits, there is no need to have any connection to the real needs of life; one can seek to regulate life entirely apart from them. This is at the heart of our current major crisis, at the very core of our downfall. For those who calculate according to the old economic model cannot see the connection between unnecessary human labor and human misery.
[ 16 ] Da kann nun Geisteswissenschaft eintreten und die großen Zusammenhänge geben, weil Geisteswissenschaft nie auf etwas Einseitiges ausgeht, sondern auf das Allseitige. Ich meine nicht eine Geisteswissenschaft, die in abstrakte, mystische Höhen strebt, sondern eine Geisteswissenschaft, die den Menschen dazu erziehen will, daß er für das Leben brauchbar und praktisch wird. Geisteswissenschaft ist, wenn sie richtig angewendet wird, eine Erzieherin für das Leben, für einen wirklich lebensvollen Aufbau des Lebens. Daher wird sie eine Volkswirtschaftslehre begründen können, die den Zusammenhang kennt zwischen Arbeits-Unlust und der Erzeugung irgendwelcher unnötiger Produkte.
[ 16 ] This is where Spiritual Science can step in and provide the broader context, because Spiritual Science never focuses on anything one-sided, but rather on the all-encompassing. I do not mean a Spiritual Science that aspires to abstract, mystical heights, but one that seeks to educate people so that they become useful and practical in life. When applied correctly, Spiritual Science serves as a guide for life, for a truly vibrant way of living. Therefore, it will be able to establish an economic theory that recognizes the connection between a reluctance to work and the production of unnecessary goods.
[ 17 ] Daß aus einer solchen geisteswissenschaftlichen Denkweise nun auch einmal praktische Unternehmungen hervorgehen sollen, das war eigentlich der Grundgedanke von so etwas wie dem «Kommenden Tag». Selbstverständlich kann man nicht gleich eine solche Unternehmung mit Bezug auf alle konkreten Einzelmaßnahmen auf eine gesunde Basis stellen. Wenn aber eine solche Einzelunternehmung von lauter Leuten geleitet wird, die durchdrungen sind von einer Erziehung, die aus der Geisteswissenschaft kommt, dann werden die praktischen Maßregeln auch von selbst darauf hinauslaufen, die Menschen nicht mit unnötiger Arbeit zu belasten, sondern nur mit nötiger Arbeit; man wird eben zu rechnen haben mit dem Konsum in der Volkswirtschaft. Nur so wird dasjenige entstehen können, was wieder zu einem Aufstieg führt.
[ 17 ] The idea that such a way of thinking in the field of Spiritual Science might one day give rise to practical undertakings was, in fact, the fundamental concept behind something like “The Coming Day.” Of course, it is not possible to immediately establish such an undertaking on a sound foundation with regard to all specific individual measures. But if such an individual undertaking is led by people who are thoroughly imbued with an education rooted in Spiritual Science, then the practical measures will naturally tend to avoid burdening people with unnecessary work and limit them to only necessary work; one will simply have to take consumption into account in the national economy. Only in this way can that which leads to a new ascent come into being.
[ 18 ] Denjenigen Menschen, die bloß Erträgnisse haben wollen, ist es gleichgültig, für was sie produzieren oder für was sie entlohnt werden; denn sie bekommen dafür Geld. Das Geld ist abstrakt im wirtschaftlichen Leben, und man kann alles haben dafür. Es handelt sich eben darum, unsere Volkswirtschaft so zu gestalten, daß sie in ehrlicher Weise vom menschlichen Willen abhängig wird, nicht in unehrlicher Weise. Wie wird sie in ehrlicher Weise vom menschlichen Willen abhängig? Durch die Assoziationen. Wenn Sie Assoziationen haben, dann wirkt das, was im Wirtschaftsleben geschieht, aus dem Willen der an diesen Assoziationen beteiligten Menschen. Dann wird verhandelt werden zwischen den einzelnen Assoziationen; dann verhandeln lebendige Menschen untereinander, und was produziert wird im Wirtschaftsleben, das geht hervor aus einem solchen Verhandeln lebendiger Menschen untereinander in den Assoziationen. Wenn eine Fabrik gegründet werden soll, so wird man nicht darüber nachdenken bloß unter dem Gesichtspunkte, daß sie soundso viel Erträgnis abwerfen soll in der gegenwärtigen Konjunktur, sondern man wird ausgehen von der Übersicht über das, was nötig ist. Man braucht nicht Staatsmaximen dazu, denn das würde alles kasernieren, aber man braucht dazu die Kenntnisse derer, welche in den einzelnen Betrieben und in den einzelnen Branchen tätig sind. Nur so wird man herausbekommen, ob ein Betrieb nötig ist. Und ist er nötig, so kann produziert werden, und so darf an ihm auch verdient werden. Auf dem Wege der Assoziationen wird alles ausgeschaltet werden, was als Schädliches Einfluß gewinnen könnte. Dann wird man nicht aus rein finanziellen Überlegungen handeln können, so wie es zum Beispiel die Morgan-Gruppe gemacht hat, denn dann wird aus rein wirtschaftlichen Bedürfnissen heraus gearbeitet. Es ist merkwürdig, wie es manchen Menschen in der Gegenwart schwer wird, sich auf die Realitäten des Lebens einzulassen. Auf diese Realitäten des Lebens sich einzulassen, ist die allerwichtigste Forderung der Gegenwart. Man kann auch fragen: Woher kommt es, daß die Menschen in der Gegenwart sich vom realen Leben so sehr entfernt haben? - Das ist gerade durch den Materialismus gekommen, denn der Materialismus hat die Eigentümlichkeit, daß er zur Abstraktheit erzieht. Geisteswissenschaft dagegen hat gerade die Eigentümlichkeit, daß sie zum Konkreten, zur Wirklichkeit, zur Praxis erzieht.
[ 18 ] People who are interested only in profits do not care what they produce or what they are paid for; after all, they receive money in return. Money is an abstract concept in economic life, and one can obtain anything in exchange for it. The point is precisely to structure our national economy in such a way that it depends on human will in an honest manner, not in a dishonest one. How does it come to depend on human will in an honest manner? Through associations. When you have associations, what happens in economic life stems from the will of the people participating in those associations. Then negotiations will take place between the individual associations; then living people will negotiate among themselves, and what is produced in economic life will result from such negotiations among living people within the associations. When a factory is to be established, one does not consider it merely from the standpoint that it should yield a certain amount of profit in the current economic climate, but rather one proceeds from an overview of what is necessary. One does not need state directives for this, for that would stifle everything, but one does need the expertise of those who are active in the individual businesses and in the individual industries. Only in this way will one be able to determine whether a business is necessary. And if it is necessary, then production can take place, and profits may also be earned from it. Through the process of associations, everything that could exert a harmful influence will be eliminated. Then it will no longer be possible to act based on purely financial considerations, as the Morgan Group did, for example, because work will be carried out based on purely economic needs. It is remarkable how difficult it is for some people today to engage with the realities of life. Engaging with these realities of life is the most important requirement of our time. One might also ask: Why is it that people today have distanced themselves so greatly from real life?—This is precisely due to materialism, for materialism has the characteristic of fostering abstract thinking. Spiritual Science, on the other hand, has the very characteristic of fostering a focus on the concrete, on reality, and on practice.
[ 19 ] Das ist es, was ich heute in diese Diskussion habe hineinwerfen wollen. Vieles aber wird notwendig sein, um aus den alten Denk- und Empfindungsgewohnheiten herauszukommen. Das aber muß geschehen, um über all die Schäden hinwegzukommen, welche sich eben in das neuere Wirtschaftsleben und in das ganze neuere öffentliche Leben eingeschlichen haben. Ein solches sachliches Denken wird nur das Ergebnis sein können einer wirklichen Vertiefung in die geistige Welt. Nur aus dem Geistigen heraus wird der Aufstieg kommen können, nicht aus dem bloßen Fortsetzen dessen, was man sich angewöhnt hat, als das Richtige anzusehen in den letzten Jahrzehnten, ja fast schon in der ganzen zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und wer heute nicht den Willen hat, sich ganz radikal auf den Fortschritt nach dieser Richtung hin einzulassen, auf ein Umlernen, ein Umdenken - ich möchte fast sagen ein Umleben -, der wird nichts beitragen können zu einem wirklichen Aufstieg; der wird nur immer weiter dazu beitragen, daß wir in den Niedergang hineinrasseln werden. Und dann wird sich allerdings erfüllen, was Leute wie Oswald Spengler in seinem «Untergang des Abendlandes» ausgeführt haben. Dann wird sich tatsächlich das ergeben, was die abendländische Zivilisation in die Barbarei hineinführt. Und wird man nicht haben wollen, daß man in die Barbarei hineinkommt, dann wird man dasjenige wollen müssen, was diese Barbarei abwenden kann, und abwenden kann sie nur eine geistige Erziehung des Abendlandes. Nur eine solche geistige Erziehung wird erst den Menschen die Augen öffnen über die wahre Wirklichkeit. Ein solches Augenöffnen brauchen wir. Erringen wir es uns, dann kommen wir schon vorwärts!
[ 19 ] That is what I wanted to bring up in this discussion today. However, it will take a great deal to break free from old habits of thought and feeling. Yet this must happen in order to overcome all the damage that has crept into modern economic life and into modern public life as a whole. Such objective thinking can only be the result of a genuine deepening into the spiritual world. Progress can come only from the spiritual realm, not from merely continuing what we have become accustomed to regarding as correct over the past decades—indeed, almost throughout the entire second half of the 19th century. And anyone today who lacks the will to commit themselves radically to progress in this direction—to relearning, rethinking, and, I would almost say, living anew—will be unable to contribute to a genuine ascent; they will only continue to contribute to our hurtling toward decline. And then, indeed, what people like Oswald Spengler set forth in his *The Decline of the West* will come to pass. Then what will actually unfold is what leads Western civilization into barbarism. And if we do not want to descend into barbarism, then we must seek what can avert this barbarism—and only an intellectual education of the West can avert it. Only such an intellectual education will open people’s eyes to true reality. We need this opening of the eyes. If we achieve it, then we will indeed move forward!
Ein Diskussionsredner: Die Cri-Cri-Arbeiter haben zwar unnötigen Konsum veranlaßt, aber sie wären doch in jedem Fall, auch wenn sie andere Produkte hergestellt hätten, als Konsumenten aufgetreten. Wie expliziert Herr Dr. Steiner diesen Unterschied?
A panelist: While the Cri-Cri workers may have encouraged unnecessary consumption, they would have acted as consumers in any case, even if they had produced other goods. How does Dr. Steiner explain this difference?
[ 20 ] Rudolf Steiner: Die Frage kann an sich ja schon gestellt werden, aber wenn sie so gestellt wird, dann wird eigentlich nicht ganz durchdacht, auf was es ankommt. Es kommt nämlich darauf an, daß man nicht bloß auf das hinsieht, was an einem bestimmten Punkte des Lebens geschieht, sondern daß man darauf hinsieht, was die Zusammenhänge des Lebens ergeben. Es ist richtig: Diese Cri-Cri-Arbeiter wären auch als Konsumenten aufgetreten, wenn sie nicht Cri-Cris gemacht hätten, wenn sie also nicht diese unnötige Arbeit geleistet hätten. Aber sie würden in diesem Fall nötige Arbeit geleistet haben, und das hat eine ganz wesentliche volkswirtschaftliche Bedeutung. Und darauf kommt es an. Es gibt sehr viele Menschen, die sich für praktisch schätzen; sie lesen die «Kernpunkte» und finden, diese Gedanken seien eine Utopie. Der wahre Tatbestand ist der, daß gerade diese Leute utopistische Unpraktiker sind. Und weil diese utopistische Unpraxis im Grunde genommen das ganze Leben beherrscht, was uns jetzt in die gegenwärtige Lage hineingebracht hat, sind die Leute im allgemeinen wenig empfänglich für das, was im wirklichen Sinne praktisch gedacht ist.
[ 20 ] Rudolf Steiner: The question can certainly be asked in and of itself, but when it is posed in this way, the essential point is not fully considered. What matters, in fact, is that one does not merely look at what happens at a specific point in life, but rather that one looks at what the interconnections of life reveal. It is true: These Cri-Cri workers would also have acted as consumers if they had not made Cri-Cris—that is, if they had not performed this unnecessary work. But in that case, they would have performed necessary work, and that has a very significant economic importance. And that is what matters. There are many people who consider themselves practical; they read the “Key Points” and conclude that these ideas are utopian. The truth of the matter is that it is precisely these people who are utopian impracticalists. And because this utopian impracticality essentially dominates the whole of life—which has now brought us into our current situation—people are generally not very receptive to what is, in the true sense, practical thinking.
[ 21 ] Aber wenn gerade Praktiker auf das Praktische eingehen, dann freut man sich immer. So sagte mir jüngst ein Praktiker aus dem Norden, daß die «Kernpunkte» auf das Allerwichtigste hinlenken würden: auf das Preisproblem. Die Vertreter der Volkswirtschaftslehre beschäftigen sich jetzt mit allem Möglichen, aber nicht damit, daß der Preis einer Ware eigentlich etwas ist, was eine bestimmte Höhe nicht über- oder unterschreiten darf. Das sah dieser Praktiker ein. Und sobald man einsieht, daß das Preisproblem so wichtig ist, daß eigentlich die Lohn- oder die Kapitalprobleme dahinter verschwinden, dann steht man auf dem Boden eines gesunden Denkens. Gewiß, die Cri-Cri-Arbeiter wären auch als Konsumenten aufgetreten, aber man darf das nicht in diesem Zusammenhänge betrachten. Denn was das volkswirtschaftliche Leben macht und was zum Schluß mit der Preislage der Ware zusammenhängt, das hängt innig zusammen mit dem, ob nötige oder unnötige Arbeit geleistet wird.
[ 21 ] But when practitioners focus on practical matters, it’s always a cause for celebration. A practitioner from the north recently told me that the “key points” highlight what is most important: the price problem. Economists are now preoccupied with all sorts of things, but not with the fact that the price of a good is actually something that must not exceed or fall below a certain level. This practitioner recognized that. And as soon as one realizes that the price problem is so important that the issues of wages or capital actually pale in comparison, then one is standing on the ground of sound reasoning. Certainly, the Cri-Cri workers would also have acted as consumers, but one must not consider that in this context. For what economic life entails—and what ultimately relates to the price level of a commodity—is intimately connected to whether necessary or unnecessary labor is performed.
[ 22 ] Ich hatte einmal im Jahre 1902 oder 1903 mit einem Bekannten ein Tischgespräch über Ansichtspostkarten. Ich sagte, ich schreibe nicht gerne Ansichtspostkarten, schreibe überhaupt nicht Ansichtspostkarten; denn ich muß mir denken, daß bei jeder Ansichtspostkarte ein Briefträger unter Umständen viele Treppen hinauflaufen muß - bloß wegen einer Ansichtspostkarte -, und diese Arbeit möchte ich ihm ersparen, da die Ansichtspostkarten nicht gerade zu den Lebensnotwendigkeiten gehören. Darauf sagte der Betreffende: Ich weiß aber, ich mache den Leuten Freude mit Ansichtspostkarten, und ich schreibe sehr viele, und das trägt zur Freude bei; und wenn dann irgendwo der eine Briefträger nicht mehr ausreicht, um die Karten zu bestellen, so wird ein anderer noch eingestellt werden müssen, und das trägt dann zum Unterhalt des Lebens für einen zweiten bei. - Aber der Betreffende dachte nicht mehr weiter: Denn, wenn man einen Briefträger mehr für Ansichtspostkarten einstellt, so wird damit nichts erzeugt von dem, was zum Leben nötig ist. Wenn man aber nur die für die grundlegenden Lebensbedürfnisse nötigen Waren erzeugt, so bedeutet der Umfang dieser Produktion eine bestimmte Preislage. Wer dann unnötige Arbeit verrichtet, wird trotzdem Konsument von lebensnotwendigen Dingen bleiben, [wodurch sich eine Verfälschung der Preislage ergibt]. Wenn einer also nicht mehr unnötig Ansichtspostkarten austrägt, wird er nicht mehr die Masse der unnötigen Arbeit vermehren; vielmehr wird er dann eine richtige, den nötigen Bedürfnissen entsprechende Arbeit tun, und das wird einen wesentlichen Einfluß auf die ganze Preisgestaltung in der Volkswirtschaft haben. Es kommt bei den Dingen, die sich auf das praktische Leben beziehen, auf zwei Momente an, von denen man gewöhnlich nur eines berücksichtigt. Es kommt erstens darauf an, ob eine Sache richtig ist, und zweitens, ob sie wirklichkeitsgemäß ist. Die Menschen meinen, daß es schon genug sei, wenn eine Sache richtig ist; aber sie muß auch wirklichkeitsgemäß sein, und ehe nicht dieses wirklichkeitsgemäße Denken in breitester Weise Platz greift, eher können wir nicht aus der Misere des Lebens herauskommen. Wer also denkt, daß die Cri-Cri-Arbeiter in jedem Fall als Konsumenten auftreten, ob sie nun Cri-Cris fabrizieren oder nicht, der bedenkt nicht, daß in bezug auf nötige oder unnötige Arbeit die Volkswirtschaft verändert wird. Darauf kommt es an. Dieses AufdasWichtige-und-Nötige-Hinschauen, das ist es, was wir uns aneignen müssen für das soziale Leben. Das sollte inauguriert werden zunächst einmal durch die «Kernpunkte» und die ganze DreigliederungsBewegung.
[ 22 ] Once, back in 1902 or 1903, I had a conversation over dinner with an acquaintance about picture postcards. I said that I don’t like to write postcards—in fact, I never write them at all—because I can’t help but think that for every postcard, a mail carrier might have to climb many flights of stairs—just for a single postcard—and I’d like to spare him that work, since postcards aren’t exactly a necessity of life. To this, the person in question replied: “But I know that I bring joy to people with postcards, and I write a great many of them, and that contributes to their happiness; and if, somewhere, one mail carrier is no longer enough to deliver the cards, then another will have to be hired, and that in turn contributes to the livelihood of a second person.” - But the person in question didn’t think it through: For if one hires an additional mail carrier for postcards, this does not produce anything necessary for life. However, if one produces only the goods necessary for basic needs, the scale of this production determines a certain price level. Anyone who then performs unnecessary work will nevertheless remain a consumer of necessities, [which results in a distortion of the price level]. So if someone stops delivering unnecessary postcards, they will no longer increase the volume of unnecessary labor; rather, they will then perform proper work that corresponds to necessary needs, and this will have a significant influence on the entire price structure of the national economy. When it comes to matters relating to practical life, two factors are crucial, though people usually consider only one. First, it matters whether something is correct, and second, whether it is realistic. People think that it is enough for something to be correct; but it must also be realistic, and until this realistic way of thinking takes hold on the broadest scale, we cannot escape the misery of life. So anyone who thinks that Cri-Cri workers act as consumers in every case, whether they are manufacturing Cri-Cris or not, fails to consider that the economy is transformed in terms of necessary versus unnecessary work. That is what matters. This focus on what is important and necessary—that is what we must adopt for social life. This should be initiated, first and foremost, through the “Key Points” and the entire Threefold Social Order movement.
Walter Kühne bedauert es, daß sich zur Diskussion keine Sozialisten gemeldet hätten. Man hätte erwarten können, daß sich bei Besprechung solcher Fragen gerade Sozialisten melden und die Diskussion in Fluß bringen würden, denn gerade bei Marx und Engels spiele ja die Frage nach der produktiven Arbeit und das Verhältnis zwischen Produktion und Konsum eine große Rolle. Auch Tolstoi habe diese Frage in Angriff genommen, im Gegensatz zu Marx und Engels habe er aber ihre Lösung mehr gesehen in der Gründung von kleinen Organisationen. Gegenüber diesen beiden Einseitigkeiten zeige erst die Dreigliederung die gesunde Mitte.
Walter Kühne regrets that no socialists spoke up during the discussion. One might have expected that, when such issues were being discussed, socialists in particular would speak up and get the discussion going, since the question of productive labor and the relationship between production and consumption plays such a major role in the works of Marx and Engels. Tolstoy, too, addressed this issue; however, unlike Marx and Engels, he saw the solution more in the establishment of small organizations. In contrast to these two one-sided approaches, it is the threefold social order that represents the healthy middle ground.
Ein Diskussionsteilnehmer meint, daß es außer den Cri-Cris noch weitere Gegenstände gäbe, die speziell zum Ruinieren geschaffen würden, zum Beispiel Granaten. Die Herstellung solcher Gegenstände, von denen der Arbeiter genau wisse, daß es keinen Sinn habe, sie herzustellen, müsse zu einer Verelendung des Arbeiters führen. Daher müsse das Proletariat verblöden, könne gar nicht mehr zu seiner Menschenwürde kommen, könne keine Freude mehr am Leben haben, und Unzufriedenheit würde systematisch gezüchtet. Dr. Steiner sage, uns würde bloß die Einstellung auf die Bedarfswirtschaft helfen, aber die könne auch wieder nur durch den Menschen bewirkt werden. Dr. Steiner lege gerade Wert auf den Menschen, aber mit den Menschen, die jahrzehntelang verblödet worden seien, sei es einfach unmöglich, in absehbarer Zeit ein neues Wirtschaftssystem einzuführen. Daher möchte er die Frage an Herrn Dr. Steiner richten: Kann man denn mit der gegenwärtigen Generation überhaupt ein neues Wirtschaftssystem begründen?
One participant in the discussion believes that, aside from Cri-Cris, there are other objects specifically designed to cause ruin—for example, grenades. The production of such objects—which workers know full well are pointless to manufacture—must inevitably lead to the impoverishment of the workers. Consequently, the proletariat must become stultified, unable to regain its human dignity, unable to find any joy in life, and dissatisfaction would be systematically fostered. Dr. Steiner says that only a shift to a needs-based economy would help us, but that, too, can only be brought about by people themselves. Dr. Steiner places great emphasis on the individual, but with people who have been dumbed down for decades, it is simply impossible to introduce a new economic system in the foreseeable future. Therefore, he would like to ask Dr. Steiner: Is it even possible to establish a new economic system with the current generation?
Siegfried Dorfner: Und wie könnte man in einem neuen Wirtschaftssystem die Frage nach dem Konsum regeln? Es sind die Bedürfnisse der Menschen sehr verschieden; manche haben Bedürfnisse nach hohen Lackstiefeln, andere nach Ansichtspostkarten. Welche Bedürfnisse kann man verbieten oder verhindern, oder wie kann man die Bedürfnisse regeln?
Siegfried Dorfner: And how could the issue of consumption be regulated in a new economic system? People’s needs vary greatly; some want high-heeled boots, others want picture postcards. Which needs can be prohibited or prevented, or how can needs be regulated?
Herr Roser: Herr Dr. Steiner hat auf die tieferen Ursachen der Krise von 1907 hingewiesen. Damals waren riesige Aussperrungen von Arbeitern an der Tagesordnung. Man sagte damals, wir Arbeiter hätten so viel auf Vorrat gearbeitet, daß es nicht mehr möglich wäre, die Industrie weiter hochzuhalten. Man wird solche Finanzkrisen nur verhindern können, wenn dem Kapitalisten das Trieböl, das Kapital, entzogen wird. Krisen werden dadurch hervorgerufen, weil das Kapital Produktionsmittel ist und weil man versucht, es auf einer Stelle zusammenzuziehen oder es auf einer anderen lahmzulegen. Ich bin überzeugt, daß sich deshalb in ganz wenigen Wochen die neuen Katastrophen zum Ausdruck bringen werden, und nun ist mir interessant zu erfahren, welches die nächsten Krisen sein und wie sie verlaufen werden.
Mr. Roser: Dr. Steiner has pointed out the underlying causes of the 1907 crisis. At that time, massive lockouts of workers were commonplace. It was said at the time that we workers had produced so much in advance that it was no longer possible to keep industry afloat. Such financial crises can only be prevented if the driving force—capital—is taken away from the capitalists. Crises are caused by the fact that capital is a means of production and because attempts are made to concentrate it in one place or paralyze it in another. I am convinced that, for this reason, new catastrophes will manifest themselves in just a few weeks, and now I am interested to find out what the next crises will be and how they will unfold.
Ein Diskussionsteilnehmer fragt, wie die Überproduktion auf dem Gebiete der Literatur auf vernünftigem Wege in eine normale Produktion geleitet werden könne, die den wirklichen Bedürfnissen der Menschheit entspreche.
One participant in the discussion asks how overproduction in the field of literature can be reasonably channeled into normal production that meets the real needs of humanity.
Zum Schluß wird noch schriftlich die Frage gestellt: Welches sind die geistigen Untergründe der Loslösung des Geldmarktes vom Warenmarkt von 1810 bis 1815? Wie wirken diese Untergründe in andere Gebiete, die nicht Wirtschaftsgebiete sind?
Finally, the following question is posed in writing: What are the intellectual foundations underlying the separation of the money market from the commodity market from 1810 to 1815? How do these foundations affect other areas that are not economic in nature?
[ 23 ] Rudolf Steiner: Was zunächst die hohen Lackstiefel betrifft, so möchte ich sagen, daß es sicher hierfür Lebenszusammenhänge gibt, [wo man solche kaufen möchte], aber man würde schon sehen, wie auch gewisse Gelüste verschwinden, wenn einfach unnötige Produktionen aufhören würden. Natürlich, wenn man von einer Regelung des Konsums spricht, so ist man schon wieder in einem gewissen Sinne auf einer Art falschem Pfad. Irgendwie diktatorisch den Konsum zu regeln, geht nicht an. Aber wenn alle Wirtschaftsverhältnisse daraufhin angelegt wären, unnötige Arbeit allmählich verschwinden zu lassen, dann hätte das im ganzen Zusammenhang des Wirtschaftslebens eine gewisse Folge. Die Folge wäre, daß der, der unnötigerweise hohe Lackstiefel haben will, sie nicht würde bezahlen können. Und weil das eine mit dem andern in Zusammenhang steht, muß man sich darüber klar sein, daß man unnötige Bedürfnisse nicht direkt bekämpfen muß, weil sie notwendig mit anderen Wirtschaftsverhältnissen verschwinden werden. Denn dadurch würde man zum Tyrannen. Es ist im Leben so, daß, wenn man Freiheit wahren will, man nicht von heute auf morgen etwas abschaffen kann. Aber gewisse Dinge hören unter dem Einfluß von veränderten Verhältnissen von selbst auf. Wenn ein solches neues volkswirtschaftliches Denken Platz greift, daß unnötige Arbeit verschwinden muß, dann werden auch solche unnötigen Gelüste verschwinden, beziehungsweise es wird das Geld für sie nicht mehr da sein. Das ergibt sich nur durch Einsicht in den praktischen Lebenszusammenhang. Es können die Konsumverhältnisse nicht durch irgendwelche «Maßregeln» geordnet werden, sondern nur durch einen gewissen Fortschritt des Lebens.
[ 23 ] Rudolf Steiner: As far as those tall patent leather boots are concerned, I would like to say that there are certainly circumstances in life [where one might want to buy them], but one would certainly see how certain cravings would disappear if simply unnecessary production were to cease. Of course, when one speaks of regulating consumption, one is, in a certain sense, already on a kind of wrong path. It is not acceptable to regulate consumption in a dictatorial manner. But if all economic conditions were designed to gradually eliminate unnecessary labor, this would have a certain effect on the overall context of economic life. The result would be that anyone who unnecessarily wants a pair of expensive patent leather boots would not be able to afford them. And because one thing is connected to another, one must realize that unnecessary needs do not have to be combated directly, because they will inevitably disappear along with other economic conditions. For to do so would make one a tyrant. It is a fact of life that, if one wishes to preserve freedom, one cannot abolish something overnight. But certain things cease of their own accord under the influence of changing circumstances. When a new economic way of thinking takes hold—one that recognizes that unnecessary labor must disappear—then such unnecessary desires will also disappear, or rather, the money to satisfy them will no longer be available. This can only result from an understanding of the practical context of life. Consumption patterns cannot be regulated by any “measures,” but only through a certain progress in life.
[ 24 ] Das möchte ich auch mit Bezug auf die Literatur sagen, wobei natürlich nur die sozialen Verhältnisse in Betracht kommen; man kann ja durchaus ein Herz haben für den, der gern lyrische Gedichte gedruckt haben möchte. Da kann ich immer nur hinweisen auf das Beispiel unseres Berliner Verlages. Der hat nie Bücher gehabt, die nicht verkauft worden wären. Er hat viele Bücher nicht gehabt, die sehr stark verlangt wurden, aber nie Bücher, die stoßweise aufgestapelt und nicht verkauft worden wären. Er war immer auf das gebaut, was man ein geistiges Bedürfnis nennen kann. Es wurde ein Buch erst dann gedruckt, wenn man wußte, es sind für das Buch soundso viele Leser da. Die Arbeit begann damit, daß die Materie an die Menschen herangebracht und eine Leserschaft gefunden wurde; durch Diktatur wurde so etwas nicht gemacht. Vom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt aus muß gesagt werden, daß gerade durch diesen Verlag nicht unnötige Arbeit geleistet wurde.
[ 24 ] I’d like to say the same thing with regard to literature, although, of course, only social conditions come into play; one can certainly have sympathy for those who would like to see lyric poetry in print. In this regard, I can only point to the example of our Berlin publishing house. It never had books that didn’t sell. It didn’t have many books that were in very high demand, but it never had books that piled up in batches and remained unsold. It always relied on what one might call an intellectual need. A book was printed only when it was known that there were a certain number of readers for it. The work began by bringing the material to the people and finding a readership; such a thing was not achieved through dictatorship. From an economic standpoint, it must be said that it was precisely because of this publishing house that no unnecessary work was done.
[ 25 ] Es handelt sich darum, wo man mit der Arbeit im volkswirtschaftlichen Leben beginnt. Geht man dagegen vom Verständnis der Bedürfnisse aus, dann werden allmählich nur solche nötigen Produkte erzeugt, so daß sich die Produktion nicht fortwährend hinten zusammenschoppt, [sich staut an den lebensnotwendigen Bedürfnissen]; es wird dann nämlich vorn so produziert, daß hinten die wirklich vorhandenen Bedürfnisse befriedigt werden können. Wenn man nur über die Erträge spricht, so zäumt man gewissermaßen das Pferd beim Schwanz auf. Es handelt sich darum, daß man sich das Leben anschaut und weiß, wo die Arbeit begonnen werden soll; es handelt sich nicht darum, irgend etwas zu «regeln», sondern so in das Leben einzugreifen, daß die Dinge ihren richtigen Gang nehmen.
[ 25 ] The question is where to begin with work in economic life. If, on the other hand, one starts from an understanding of needs, then only those necessary products are gradually produced, so that production does not continually pile up at the back [becoming congested with essential needs]; production at the front is then organized in such a way that the actual needs at the back can be satisfied. If one speaks only of yields, one is, so to speak, putting the cart before the horse. The point is to look at life and know where work should begin; it is not a matter of “regulating” anything, but of intervening in life in such a way that things take their proper course.
[ 26 ] Bei der jetzigen Krise handelt es sich darum, daß sie eine letzte Folge einer langen Entwicklung ist; sie kann nicht so geprüft werden wie andere, aber dennoch, sie muß geprüft werden - nicht nach Theorien, sondern nach den Tatsachen. Ich bitte zu berücksichtigen, was in den letzten Jahren geschehen ist. Wieviel ist seit dem Jahre 1914 von menschlicher Arbeitskraft produziert worden, damit wir es dann glücklich dahin gebracht haben, daß zehn bis zwölf Millionen Menschen im Laufe von fünf Jahren totgeschossen und dreimal soviel zu Krüppeln gemacht wurden? Wieviel Arbeitskraft ist darauf verwendet und dadurch dem Leben als Arbeit entzogen worden, die dem Leben hätte anders dienen können! Ich meine, daß man doch auch die Ansicht vertreten kann: Das, was da zum Totschießen der Menschen produziert worden ist, ist eine «unnötige » Arbeit gewesen - sie hätte unterlassen werden können! Man denke nur einmal, wie lange man - noch 1912 - darüber nachdenken mußte, wenn man eine Million für Unterrichtszwecke brauchte - und wie schnell das Geld bei der Hand war, wenn man eine Million zum Verpulvern brauchte. Nehmen Sie das, was dann darauf gefolgt ist: Das Geld, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Abstraktum entwickelt hat, ist jetzt zur höchsten Potenzierung dieser Abstraktion geworden. Es ist jetzt wirklich zur größten Abstraktion geworden. Sehen Sie hin, wieviel die Notenpresse jeden Tag auswirft.
[ 26 ] The current crisis is the final consequence of a long process; it cannot be analyzed in the same way as others, but it must nevertheless be analyzed—not according to theories, but according to the facts. I ask that you consider what has happened in recent years. How much human labor has been expended since 1914, only for us to end up in a situation where ten to twelve million people were shot dead over the course of five years and three times as many were maimed? How much labor has been devoted to this and thereby withdrawn from life as work—labor that could have served life in other ways! I believe one can certainly take the view that: What was produced for the purpose of killing people was “unnecessary” labor—it could have been avoided! Just think for a moment how long it took—as late as 1912—to secure a million for educational purposes—and how quickly the money was at hand when a million was needed to be squandered. Consider what followed: The money that had evolved into an abstraction over the course of the 19th century has now become the highest potentialization of that abstraction. It has truly become the greatest abstraction. Look at how much the printing press spits out every day.
[ 27 ] Man braucht [soviel Geld] eigentlich nur, wenn in einer künstlichen Weise der Verbrauch dafür geregelt wird. Dahinter steckt das, daß man mit dem, was noch übriggeblieben ist an Produktivkräften aus der Zeit von 1914 bis 1918, Raubbau getrieben hat. Der hört aber einmal auf, und dann wird die Krise kommen. Die gegenwärtige Krise ist durch den allergrößten Leichtsinn der Menschen hervorgerufen, indem man glaubte, man könne die Menschen durch Jahre damit beschäftigen, Unnötiges zu fabrizieren, und sie von nötiger Arbeit abziehen.
[ 27 ] You really only need [that much money] if consumption is regulated in an artificial way. The reason behind this is that the remaining productive forces from the period between 1914 and 1918 were overexploited. But that will come to an end at some point, and then the crisis will strike. The current crisis has been brought about by the utmost recklessness of people, who believed they could keep people occupied for years manufacturing unnecessary goods and divert them from necessary work.
[ 28 ] Und nun die Frage, ob man mit der gegenwärtigen Generation nun wirklich zu einem Aufbau kommen könne: Ich bin in der Dreigliederungszeitung oftmals auf diese Frage zurückgekommen Zur persönlichen Nutzung durch Christopher Wietrzykowski (chris.wietro.dds@gmail.com) und habe es immer wieder als ein unfruchtbares Denken bezeichnet, derartige Fragen zu stellen. Worauf ich in diesem Zusammenhänge etwas gebe, ist der Wille - nicht so sehr die beobachtende Überschau über das, was ist -, sondern die Befeuerung des Willens. Und wenn ich höre, «mit der gegenwärtigen Generation ist nichts anzufangen», so muß ich doch voraussetzen, das die, welche in dieser Weise die gegenwärtige Generation kritisieren, doch der Ansicht sind, mit ihnen selber sei etwas anzufangen. Und da ich mehr auf den Willen gebe als auf die Beobachtung, so rufe ich denen eben zu: Nun, also kommt, dann wollen wir mit euch etwas anfangen! Die Zahl derer, die «mit der gegenwärtigen Generation nichts anfangen können», würde schon groß genug sein, [um etwas anzufangen]; daher wollen wir diese zusammenrufen und mit ihnen Zusammenarbeiten.
[ 28 ] And now the question of whether it is really possible to achieve a new structure with the present generation: I have often returned to this question in the *Dreigliederungszeitung* For personal use by Christopher Wietrzykowski (chris.wietro.dds@gmail.com) and have repeatedly described asking such questions as a fruitless way of thinking. What I value in this context is the will—not so much an observational overview of what is—but the kindling of the will. And when I hear, “There’s nothing to be done with the current generation,” I must assume that those who criticize the current generation in this way believe that something can be done with themselves. And since I value will more than observation, I call out to them: “Well then, come on—let’s do something with you!” The number of those who “can’t do anything with the current generation” would already be large enough [to get something started]; therefore, let’s bring them together and work with them.
[ 29 ] Es ist noch die einschneidende Frage gestellt worden, welches dìe geistigen Untergründe der Loslösung des Geldmarktes vom Warenmarkt seien. Wir können uns eine solche Frage nur beantworten, wenn wir uns bewußt werden, daß Behauptungen, wie ich sie heute ausgesprochen habe, im absolut richtigen Sinne genommen werden müssen und daß sie nicht etwa nur eine relativ richtige Geschichtskritik bedeuten. Wenn man sagt: durch die Emanzipation des Geldes ist diese oder jene Atmosphäre geschaffen worden - so kommt es doch darauf an, diese Atmosphäre zu betrachten. Wenn man dieses Abstraktwerden des Geldmarktes betrachtet, wo es gleichgültig ist, was das Geld bedeutet, dann wird man darauf hinweisen müssen, daß das für den allgemeinen Entwicklungsgang notwendig war. Ich habe in dieser Beziehung oft darauf hingewiesen, wie seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in der zivilisierten Menschheit der Drang lebt, die Individualität loszulösen von der Gruppenhaftigkeit, wie Demokratie immer mehr und mehr der Impuls der Menschheit geworden ist, wie der einzelne Mensch immer mehr und mehr zur Geltung kommen soll und wie auch das zur Geltung kommen soll, was mehr aus seinem Innern herauskommt. Für diesen ganzen Entwicklungsgang der Menschheit war das Abstraktwerden des Wirtschaftslebens unter dem Geldeinfluß eine Notwendigkeit. Und es handelt sich nur darum einzusehen, das alles, was entsteht, nach einem gewissen Zeitablauf eine Korrektur erfahren muß, oder es muß etwas anderes hinzukommen, was die Schäden ausgleicht. Denn im wirklichen Leben ist es nicht so, daß es etwas absolut Gutes gibt; alles im Leben ist nur relativ. Man kann nicht sagen, wenn ich heute zerrissene Stiefel habe, daß sie unbedingt schlecht sind; sondern es ist das Schicksal von guten Stiefeln, daß sie mit der Zeit schlecht werden. Auch im besten Wirtschaftsleben kommt es zu Schäden, wenn gewisse Aufgaben sich ausgelebt haben. So ist es auch mit der Geldwirtschaft. Sie war nicht von Anfang an schädlich. Man studiere die Geldverhältnisse in der Zeit der Mitte des 19. Jahrhunderts; sie haben Wesentliches beigetragen zum Heraufkommen der demokratischen Anschauungen. Dann aber kam die Zeit, wo eine solches Abstraktwerden des Geldes seine Grenzen finden mußte. Ich darf gewiß von einer Abstraktion sprechen, denn man darf die Funktion des Geldes zum Beispiel durchaus vergleichen mit dem inneren Seelenvorgang des Abstrahierens.
[ 29 ] The crucial question has also been raised as to what the intellectual foundations of the separation of the money market from the commodity market are. We can only answer such a question if we realize that statements such as those I have made today must be taken in the absolutely correct sense and that they do not merely represent a relatively correct historical critique. When one says that the emancipation of money has created this or that atmosphere—it is, after all, essential to examine this atmosphere. When one considers this increasing abstraction of the money market, where it no longer matters what money signifies, one must point out that this was necessary for the general course of development. In this regard, I have often pointed out how, since the mid-15th century, there has been a drive within civilized humanity to detach individuality from group identity, how democracy has increasingly become the driving force of humanity, how the individual is to be given ever greater prominence, and how that which springs more from within the individual is also to be given prominence. For this entire course of human development, the increasing abstraction of economic life under the influence of money was a necessity. And it is simply a matter of recognizing that everything that comes into being must, after a certain period of time, undergo a correction—or something else must be added to compensate for the damage. For in real life, there is no such thing as something absolutely good; everything in life is only relative. One cannot say that if I have torn boots today, they are necessarily bad; rather, it is the fate of good boots that they become worn out over time. Even in the best economic system, damage occurs when certain functions have run their course. The same is true of the monetary economy. It was not harmful from the very beginning. Consider the monetary conditions in the mid-19th century; they contributed significantly to the emergence of democratic ideas. But then came the time when such an abstraction of money had to reach its limits. I can certainly speak of an abstraction, for one may, for example, quite rightly compare the function of money to the inner mental process of abstraction.
[ 30 ] Es gibt da eine auffallende Erscheinung, zum Beispiel in der theosophischen Bewegung. Diese theosophische Bewegung, mit der die anthroposophische Bewegung früher in einer gewissen Verbindung war, ist eigentlich eine materialistische Bewegung. Sie redet zwar von den höheren geistigen Gliedern des Menschen, aber sie meint doch nur, wenn sie zum Beispiel vom Ätherleib spricht, der sei etwas Dünneres, Feineres als der physische Leib, ebenso sei der astralische Leib dann noch etwas Dünneres und so weiter. Man wendet also immer nur materialistische Gedanken an, und diese materialistischen Gedanken setzen sich in den Köpfen ganz furchtbar fest. Und als die Leute in der theosophischen Bewegung einmal etwas ganz Gescheites machen wollten, begannen sie, in bezug auf die wiederholten Erdenleben vom «permanenten Atom» zu sprechen. Sie meinten, es müsse physisch doch etwas übergehen in die nächste Inkarnation des Menschen. Von der Naturwissenschaft hatten die Leute gelernt, der Mensch bestehe aus Atomen und beim Tode des Menschen würden die Atome in die Erde fallen. Und so hatten sich die Theosophen die Lehre vom «permanenten Atom» ausgedacht: Dieses eine Atom würde nicht begraben, das gehe durch den Tod durch, und um dieses eine permanente Atom herum würden sich dann im nächsten Leben die andern Atome herumgruppieren. Da haben wir unter dem Schein einer spirituellen Bewegung den krassesten Materialismus. So ist es, wenn man sich ganz in das Abstrakte hinein verstrickt. So haben Sie das Abstrakte im Seelenleben, und so haben Sie im Wirtschaftsleben das Geld als abstrakte Ware.
[ 30 ] There is a striking phenomenon, for example, in the Theosophical Movement. This Theosophical Movement, with which the Anthroposophical Movement used to have a certain connection, is actually a materialistic movement. Although it speaks of the higher spiritual aspects of the human being, it really only means—when, for example, it speaks of the etheric body—that this is something more ethereal and subtle than the physical body, and that the astral body is then something even more ethereal, and so on. Thus, they always apply only materialistic ideas, and these materialistic ideas become terribly entrenched in people’s minds. And when the people in the Theosophical Movement once wanted to do something truly intelligent, they began to speak of the “permanent atom” in connection with repeated earthly lives. They believed that something physical must surely pass over into the human being’s next incarnation. From natural science, people had learned that human beings consist of atoms and that upon a person’s death, the atoms would fall into the earth. And so the Theosophists had devised the doctrine of the “permanent atom”: this one atom would not be buried; it would pass through death, and in the next life, the other atoms would then group themselves around this one permanent atom. Here, under the guise of a spiritual movement, we have the most blatant materialism. This is what happens when one becomes completely entangled in the abstract. Thus, in the life of the soul, you have the abstract, and in economic life, you have money as an abstract commodity.
[ 31 ] Und weil das, was im wirtschaftlichen Leben geschieht, nur die äußere Seite des Geisteslebens ist, so hängt dieses Wirtschaftsleben mit dem Geistesleben wirklich zusammen. Denn die Ansicht ist falsch, welche glaubt, da unten gingen nur die wirtschaftlichen Prozesse vor sich und denen gegenüber sei das Geistesleben nur eine Ideologie. Richtig aber ist es: Das Wirtschaftsleben einer bestimmten Zeit und das Geistesleben einer bestimmten Zeit - nicht genau derselben Zeit - verhalten sich zueinander wie die Nuß zur Nußschale: Das wirtschaftliche Leben ist immer die Absonderung des Geisteslebens und bekommt von ihm seine Form. Daher kann, nachdem das Geistesleben sich so verabstrahiert hat, auch das Wirtschaftsleben sich nur verabstrahieren. Daher haben wir zuerst die Zeit der abstrakten Denkweise und erst dann die Zeit des abstrakten Geldwesens. Das sind Zusammenhänge, die beachtet werden sollten.
[ 31 ] And because what happens in economic life is merely the outer aspect of spiritual life, this economic life is truly connected to spiritual life. For the view that believes economic processes are the only things taking place “down there,” and that spiritual life is merely an ideology in contrast to them, is mistaken. What is true, however, is this: The economic life of a given era and the spiritual life of a given era—not necessarily the exact same era—relate to one another like the nut to the nut shell: Economic life is always a distillation of spiritual life and derives its form from it. Therefore, once spiritual life has become so abstract, economic life, too, can only become abstract. Consequently, we first have the era of abstract thinking and only then the era of the abstract monetary system. These are connections that should be taken into account.
[ 32 ] Wenn man diese beachtet, so bekommt man den fruchtbaren Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus. Man wird einsehen, wie die drei Glieder des Gesamtlebens ineinandergreifen und dadurch eine Einheit bilden, wobei man jedem seine Selbständigkeit gibt. So ist es ja auch beim menschlichen Organismus der Fall. Wir unterscheiden beim Menschen das Nerven-SinnesSystem, das rhythmische System und das Stoffwechsel-System. Das ist, funktionell betrachtet, der ganze Mensch. Diese drei Systeme wirken zusammen, aber jedes ist für sich relativ selbständig, und sie müssen selbständig sein. Es kann nichts Günstiges dabei herauskommen, wenn man alles miteinander vermischt. Um eine abstrakte Einheit, wie sie der moderne Staat will, wie sie besonders der heutige sozialistische Staat des Ostens will, darum kann es sich nicht handeln. Es kann sich nur darum handeln, daß man die Bedingungen des individuellen Lebens kennenlernt, und man sieht dann, wie sich dieses dreigliedrig darstellt. Wer sich darauf einläßt, der muß einsehen, daß die drei Glieder des Lebens erstens selbständig sind, zweitens dann aber wieder Zusammenwirken und drittens am besten Zusammenwirken, wenn sie vorher ihre Selbständigkeit entfaltet haben. Dann wird die Einheit Ergebnis - und nicht von außen hereingetragen. Eine abstrakte, unfruchtbare Einheit zerstört sich selbst. Was aber aus den selbständigen Gliedern erst gebildet wird, das wird zu einer lebensvollen Einheit, wird zu dem, was überhaupt erst leben und wachsen kann.
[ 32 ] If one takes these into account, one arrives at the fruitful idea of the threefold structure of the social organism. One will come to understand how the three aspects of life as a whole interlock and thereby form a unity, while each is granted its own independence. This is, after all, also the case with the human organism. In human beings, we distinguish between the nervous-sensory system, the rhythmic system, and the metabolic system. From a functional perspective, this constitutes the whole human being. These three systems work together, but each is relatively independent in itself, and they must be independent. Nothing beneficial can come of mixing everything together. It cannot be a matter of an abstract unity, as the modern state desires—and as today’s socialist states in the East in particular desire. It can only be a matter of coming to know the conditions of individual life, and then one sees how it manifests itself in threefold form. Anyone who engages with this must recognize that the three aspects of life are, first, independent; second, they interact with one another; and third, they interact best when they have first developed their independence. Then unity emerges as a result—and is not imposed from the outside. An abstract, barren unity destroys itself. But what is formed from the independent aspects becomes a vibrant unity—it becomes that which is capable of living and growing in the first place.
