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Anthroposophical Foundations
for a Renewed Christian-religious Work
GA 342

12 June 1921, Stuttgart

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Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Sie haben gewünscht, daß wir uns hier zusammenfinden, um Dinge zu besprechen, die innig mit Ihrem Berufe zusammenhängen, und ich darf annehmen, daß dieser Ihr Wunsch hervorgegangen ist aus der Erkenntnis des Ernstes unserer Zeitlage, jenes Ernstes, der ja ganz besonders zutage tritt, wenn man versucht, von religiösen Gesichtspunkten aus in das zivilisatorische Leben unserer Zeit zu wirken. Und ich darf fernerhin annehmen, daß es Ihnen in erster Linie nicht zu tun ist um etwas, das man eine Theologie-Angelegenheit nennen könnte, sondern um eine Religionsangelegenheit. Es ist ja zweifellos die eigentlich brennende Frage unserer Zeit nicht die theologische allein. Man könnte glauben, daß sogar bei einigem guten Willen einige Menschen sich über die theologische Frage klar werden könnten in verhältnismäßig kurzer Zeit. Aber dasjenige, was jedem, der unbefangen in unsere Zeit hineinsieht, verständlich sein muß, das ist gerade nicht die Frage des Dogmas, nicht die Frage der Theologie, es ist die Frage der Predigt und alles desjenigen, was damit zusammenhängt, es ist die Frage des Religiösen und namentlich des religiösen Wirkens als solchem. Damit aber deuten wir auf eine viel weitere und umfassendere Frage hin, als es die theologische jemals sein könnte.

[ 1 ] My dear friends! You have requested that we gather here to discuss matters closely related to your profession, and I may assume that this request arose from your recognition of the gravity of our current situation—a gravity that becomes particularly evident when one attempts to influence the civilizational life of our time from a religious perspective. And I may further assume that you are primarily concerned not with what one might call a theological matter, but with a matter of religion. After all, the truly pressing question of our time is undoubtedly not the theological one alone. One might think that, even with some good will, certain people could come to a clear understanding of the theological question in a relatively short time. But what must be clear to anyone who looks impartially at our time is precisely not the question of dogma, not the question of theology; it is the question of preaching and everything connected with it; it is the question of the religious and, in particular, of religious activity as such. But in doing so, we are pointing to a much broader and more comprehensive question than the theological one could ever be.

[ 2 ] Wenn man sich von vornherein auf den religiösen Standpunkt stellt, so handelt es sich ja darum, daß man die Möglichkeit wiederum findet, die geistigen Welten mit ihren verschiedenen Wirkenskräften den Menschen zugänglich zu machen, zugänglich zu machen zunächst — wenn wir eben uns auf das Religiöse beschränken — durch das Wort. Und da müssen wir uns schon klar sein darüber, daß die ganze neuere Entwickelung in dieser Beziehung uns vor eine Frage allertiefsten Ernstes stellt. Derjenige übersieht eigentlich die Frage nicht, der da meint, daß von dem Ausgangspunkte aus, auf den sich die älteren Leute unter uns heute noch stellen, etwas anderes sich ergeben könnte, als eigentlich die völlige Zersetzung des religiösen Lebens innerhalb unserer modernen Zivilisation. Wer glaubt, daß man aus den alten Voraussetzungen heraus das religiöse Leben wird noch retten können, der stellt sich eigentlich auf einen unmöglichen Standpunkt. Ich sage dies einleitungsweise nicht deshalb, weil ich etwa von vornherein von irgendeinem geisteswissenschaftlichen Dogma ausgehen möchte — das soll nicht der Fall sein —, sondern das, was ich sage, zeigt sich einfach der unbefangenen Beobachtung des Lebens in unserer Zeit.

[ 2 ] If one adopts a religious standpoint from the outset, the point is, of course, to rediscover the possibility of making the spiritual worlds—with their various active forces—accessible to human beings; accessible, to begin with—if we limit ourselves to the religious sphere—through the word. And here we must be clear that the entire recent development in this regard presents us with a question of the utmost gravity. Anyone who believes that, from the starting point still adopted today by the older generation among us, anything other than the complete disintegration of religious life within our modern civilization could result is not actually overlooking the issue. Anyone who believes that religious life can still be saved on the basis of the old premises is actually taking an untenable position. I say this by way of introduction not because I wish to start from some kind of spiritual-scientific dogma from the outset—that is not the case—but because what I am saying simply follows from an unbiased observation of life in our time.

[ 3 ] Man müßte sich darüber klar sein, ob man mit der Predigt heute Widerhall finden kann in den Herzen unserer Zeitgenossen, wenn man von denjenigen Dingen spricht, von denen einmal innerhalb des wirklichen Christentums gesprochen werden muß. Und ich setze voraus, daß diese Tage hier so verlaufen werden, daß wir uns in Frage und Antwort und in Disputationen über die Angelegenheiten unterhalten werden, die Ihnen eigentlich auf dem Herzen liegen, heute aber möchte ich einleitungsweise einiges andeuten von dem, was eigentlich vorliegt.

[ 3 ] We need to be clear about whether today’s sermon can resonate in the hearts of our contemporaries when we speak of those things that must eventually be addressed within true Christianity. And I assume that these days here will unfold in such a way that we will engage in questions, answers, and discussions about the matters that are truly close to your hearts; but today, by way of introduction, I would like to touch on some of what is actually at hand.

[ 4 ] Wir müssen uns klar darüber sein, daß dasjenige, was in den letzten drei bis vier Jahrhunderten als wissenschaftliche Bildung in der Menschheit heraufgezogen ist, einen weiten Umkreis bereits um sich gezogen hat. Wer älter geworden ist, kann den Unterschied noch bemerken, der in dieser Richtung besteht zwischen dem, was etwa in den 70er oder 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorhanden war, und dem, was uns heute umgibt. In den 70er, 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts konnte man immerhin zu einer großen Bevölkerung sprechen von Fragen des geistigen Lebens, wie sie sich aus den Traditionen der verschiedenen Bekenntnisse und auch der Sekten ergeben haben, und man konnte Herzen und Seelen finden, in denen solches Sprechen Widerhall fand. Heute stehen wir im Grunde genommen einer anderen Zeit gegenüber. Gewiß, es sind noch viele Menschen vorhanden, die nicht viel von dem aufgenommen haben, was an neuerer Bildung in unsere Zivilisation seinen Einzug gehalten hat; und wir könnten immerhin zu diesen Menschen noch sprechen über solche Begriffe wie Christus, wie Gnadenwirkung, wie Erlösung und so weiter, ohne daß sich sogleich in diesen Herzen etwas geltend machen würde wie Widerstand. Aber auch dies wird nicht mehr lange dauern. Denn mit einer rasenden Eile verbreitet sich eine gewisse populäre Bildungsanschauung, die auf dem Wege namentlich der Zeitungs- und der populären Zeitschriftenliteratur, im Grunde genommen auch auf dem Wege unserer Schulbildung, in die breitesten Massen hineindringt. Und wenn auch innerhalb dieser Bildungsanschauung nicht direkt Vorstellungen entwickelt werden, Empfindungen gedeihen, welche sich auflehnen gegen solche Begriffe wie Christus, Erlösung, Gnade und so weiter, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß diese Vorstellungen, die da aufgenommen werden, in Formen gegossen sind, durch die in den weitesten Kreisen eben einfach ein innerer Widerstand erwächst gegen das eigentliche religiöse Leben, wenn ihm nicht ein neuer Ausgangspunkt gesucht wird. Wir sollten uns eben in dieser Beziehung gar keiner Täuschung hingeben.

[ 4 ] We must be clear that what has emerged among humankind over the past three to four centuries as scientific education has already drawn a wide circle around itself. Those who are older can still perceive the difference in this regard between what existed in, say, the 1870s or 1880s and what surrounds us today. In the 1870s and 1880s, it was still possible to speak to a large segment of the population about questions of spiritual life as they arose from the traditions of various denominations and sects, and one could find hearts and souls in which such discourse found an echo. Today, we are essentially facing a different era. Certainly, there are still many people who have not absorbed much of what has found its way into our civilization in the form of modern education; and we could still speak to these people about concepts such as Christ, the workings of grace, redemption, and so on, without immediately encountering resistance in their hearts. But even this will not last much longer. For a certain popular view of education is spreading at a breakneck pace, penetrating the broadest masses primarily through newspapers and popular magazines, and, in essence, also through our school system. And even if this view of education does not directly foster ideas that rebel against concepts such as Christ, redemption, grace, and so on, we must not forget that these ideas, which are being absorbed, are cast in forms that, in the widest circles, simply give rise to an inner resistance against religious life itself—unless a new starting point is sought for it. We should not allow ourselves to be deluded in this regard at all.

[ 5 ] Sehen Sie, wenn jene Bildungsanschauung sich immer weiter und weiter verbreitet, welche aus scheinbar feststehenden naturwissenschaftlichen Voraussetzungen heraus das Weltenall so beschreibt, daß es in einer gewissen Weise mechanisch begonnen hat, daß aus mechanischen Verknäuelungen heraus sich das organische Leben entwickelt hat, und dann weiter herauf meinetwillen auch das Äußerlich-Körperlich-Leibliche des Menschen sich entwickelt hat, wenn dann verfolgt werden die Tatsachen, die zu solchen Hypothesen geführt haben, so daß man aus ihnen sich Vorstellungen bildet über ein entsprechendes Erdenende oder Ende unseres Planetensystems, dann haben bei all denjenigen, die ernsthaft und ehrlich diese Vorstellungen aufnehmen, die religiösen Vorstellungen, namentlich des Christentums, keine Möglichkeit mehr, zu gedeihen.

[ 5 ] You see, if that view of education continues to spread further and further—one that, based on seemingly established scientific premises, describes the universe in such a way that it began in a certain mechanical manner, that organic life developed out of mechanical entanglements, and then, for my sake, the external, physical, and corporeal aspects of the human being also developed— and if the facts that led to such hypotheses are then examined—so that one forms ideas based on them about a corresponding end of the Earth or of our planetary system—then, for all those who seriously and honestly embrace these ideas, religious concepts, particularly those of Christianity, will no longer have any chance of flourishing.

[ 6 ] Daß dies heute nicht schon in einem verhältnismäßig sehr hohen Grade bemerkt wird, das rührt nur davon her, daß eben so wenig innerliche Ehrlichkeit in den Menschen ist. Sie lassen einfach nebeneinander bestehen auf der einen Seite die mechanisch-physikalische Naturordnung und auf der anderen Seite das Christentum und versuchen sogar theoretisch zu beweisen, daß die beiden Dinge nebeneinander gehen können. Allein, damit wird nur dasjenige, was in jeder unbefangenen Seele empfindungsgemäß sich geltend macht, verdeckt. Und wenn auch der Verstand alle möglichen Harmonien sucht zwischen Christentum und neuerer Naturwissenschaft, das Gemüt wird alle diese Vermittlungsversuche auslöschen, und die Folge kann nur diese sein, daß für Religion immer weniger und weniger Platz in den Herzen und Gemütern unserer Mitmenschen sein wird.

[ 6 ] The fact that this is not already recognized to a relatively high degree today stems solely from the fact that there is just as little inner honesty in people. They simply allow the mechanical-physical order of nature on the one hand and Christianity on the other to coexist, and even attempt to prove theoretically that the two can go hand in hand. However, this merely obscures what naturally asserts itself in every open-minded soul. And even if the intellect seeks every possible harmony between Christianity and modern natural science, the heart will erase all these attempts at reconciliation, and the result can only be that there will be less and less room for religion in the hearts and minds of our fellow human beings.

[ 7 ] Wenn man die Frage nicht von diesen tieferen Gesichtspunkten aus betrachtet, so würdigt man eigentlich den Ernst der Lage nicht, in der wir gegenwärtig sind. Denn den angedeuteten Schwierigkeiten begegnet man eben nicht bloß in der Theologie, sondern gerade am meisten da, wo sie sich nicht deutlich aussprechen, wo sie im Unterbewußtsein unserer Mitmenschen verborgen bleiben; man begegnet ihnen gerade dann, wenn man nicht Theologie, sondern Religion treiben will. Und das ist das Wichtige, das vor allen Dingen eingesehen werden muß.

[ 7 ] If one does not consider the question from these deeper perspectives, one does not truly appreciate the gravity of the situation in which we currently find ourselves. For the difficulties alluded to are not encountered merely in theology, but most of all precisely where they are not clearly articulated, where they remain hidden in the subconscious of our fellow human beings; one encounters them precisely when one seeks to practice religion rather than theology. And that is the crucial point that must be understood above all else.

[ 8 ] Sehen Sie, besonders charakteristisch für dasjenige, was in der neueren Zeit auf diesem Gebiete geschehen ist, ist ja die Ritschlsche Schule mit allen ihren Ausläufern. Diese Ritschlsche Schule, sie wird — wie Ihnen ja wohl bekannt ist — heute noch von sehr vielen im Religionsgebiete Wirkenden als etwas außerordentlich Großes angesehen. Aber was ist denn eigentlich diese Ritschlsche Schule? Nicht wahr, diese Ritschlsche Schule steht auf dem Standpunkt: Die letzten Jahrhunderte, insbesondere das 19. Jahrhundert, haben uns eine große Summe wissenschaftlicher Erkenntnisse gebracht. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind dem religiösen Leben gefährlich. — So weit ist sich die Ritschlsche Schule klar: Lassen wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse, sei es zur Kritik, sei es zur Dogmenbildung, in das religiöse Leben herein, dann wird uns das religiöse Leben dadurch zersetzt. Wir müssen also für das religiöse Leben einen anderen Ausgangspunkt suchen, den Ausgangspunkt des Glaubens.

[ 8 ] You see, what is particularly characteristic of recent developments in this field is, of course, the Ritschlian school with all its offshoots. This Ritschlian school—as you are no doubt aware—is still regarded today by many who are active in the field of religion as something extraordinarily significant. But what, exactly, is this Ritschlian school? Isn’t it true that this Ritschlian school takes the position that the past few centuries—especially the 19th century—have brought us a vast body of scientific knowledge? These scientific insights are dangerous to religious life. — On this point, the Ritschlian School is clear: if we allow scientific insights—whether for the purpose of criticism or the formation of dogma—to enter religious life, then religious life will be undermined as a result. We must therefore seek a different starting point for religious life: the starting point of faith.

[ 9 ] Ja nun, damit hätten wir gewissermaßen die Seele doch entzweigespalten. Wir hätten auf der einen Seite die theoretischen Erkenntniskräfte der Seele, die sich mit der Wissenschaft abgeben, und wir hätten die Statuierung eines Seelengebietes, das etwas ganz anderes an Fähigkeiten aus sich heraus entwickelt, als das Erkenntnisgebiet ist: das Glaubensgebiet. Und nun wird gekämpft, gekämpft keineswegs um eine Harmonie zwischen Wissenschaft und Religion, sondern gekämpft wird um den Ausschluß der Wissenschaft von der Religion, gekämpft wird um ein Gebiet, in dem sich die Seele bewegen kann, ohne irgendwie das wissenschaftliche Denken hereinzulassen. So wenig wie möglich — wenn möglich gar nichts — von irgendwelchen wissenschaftlichen Erkenntnissen in das religiöse Leben hereinspielen zu lassen, das ist das Ideal der Ritschlianer.

[ 9 ] Well then, in a sense, we would have split the soul in two. On the one hand, we would have the soul’s theoretical cognitive faculties, which are concerned with science, and on the other, we would have established a realm of the soul that develops capabilities entirely different from those of the cognitive realm: the realm of faith. And now the battle is being waged—not at all for harmony between science and religion, but rather to exclude science from religion; the battle is for a realm in which the soul can move without allowing scientific thought to enter in any way. To allow as little as possible—if possible, nothing at all—of any scientific findings to influence religious life: that is the ideal of the Ritschlians.

[ 10 ] Nun aber: Abgeschen davon, daß man so etwas theoretisch feststellen kann, daß man sich auch einreden kann, so etwas wie diese Zweiteilung der Seele könnte bestehen, gilt es trotzdem, daß für das eigentliche Leben der Seele aus dem Unterbewußten herauf soviel aufrührerische Kräfte gegen diese Zweiteilung der Seele kommen, daß eben dadurch gerade das religiöse Leben untergraben wird. Aber man könnte selbst davon absehen. Man braucht nur auf das Positive des Ritschlianismus selber zu gehen, dann wird man sehen, wie diese Anschauung eigentlich für das religiöse Empfinden selber zuletzt allen Inhalt verlieren muß.

[ 10 ] But now: Setting aside the fact that one can theoretically establish such a thing, that one can even convince oneself that something like this dichotomy of the soul might exist, the fact remains that, in the actual life of the soul, so many rebellious forces rise up from the subconscious against this dichotomy of the soul that religious life itself is thereby undermined. But one could even disregard that. One need only consider the positive aspects of Ritschlianism itself to see how this view must ultimately lose all meaning for religious sentiment.

[ 11 ] Nehmen wir die wichtigsten Kräfte, die ja doch im religiösen Leben spielen. Es ist zuerst das Gebiet des Glaubens — ob das nun ins Wissen hineinmündet oder nicht, darüber wollen wir uns später unterhalten —, es ist zweitens das Gebiet der eigentlichen religiösen Erfahrung — auch dieses Gebiet der religiösen Erfahrung wollen wir späterhin etwas genauer betrachten —, und es ist drittens das Gebiet der religiösen Autorität. Nun, am Autoritätsbegriff hat ja das evangelische Leben, man möchte sagen, seit Luther außerordentlich viel zur Berichtigung, zur Ergründung und so weiter getan. Und im Kampfe gegen die katholische Kirche hat das evangelische Leben in bezug auf den Autoritätsbegriff, man möchte sagen, eine reinliche Empfindung herausgelöst. Man ist sich klar darüber innerhalb des evangelischen Lebens, daß von einer äußeren Autorität in der Religion nicht gesprochen werden sollte, daß als Autorität für die einzelnen Seelen nur der Christus Jesus selber zu gelten habe. Aber sobald man gerade vom Gesichtspunkt der Ritschlschen Schule aus zu dem Inhalte des religiösen Lebens, also zu dem zweiten Punkte kommt, dann ergibt sich ja sogleich eine ungeheure Schwierigkeit, die ja, wie Sie wissen, all den neueren Ritschlianern sehr, sehr bedeutsam entgegengetreten ist. Ritschl selbst will ja nicht ein nebuloses, dunkles, mystisches Glaubenserlebnis haben, sondern Ritschl will den Inhalt der Evangelien zum Seeleninhalte des religiösen Lebens machen. Es soll von dem religiösen Menschen erlebt werden können der Inhalt des Evangeliums, das heißt mit anderen Worten, man soll auch für die Predigt den Inhalt des Evangeliums benützen können. — Nun aber fanden sich da gleich die neueren Ritschlianer in einer schwierigen Lage. Nehmen wir zum Beispiel die Paulusbriefe: In den Paulusbriefen steckt selbstverständlich eine ganze Summe von religiöser Erfahrung des Paulus selber, von einer solchen religiösen Erfahrung, die von einem gewissen Gesichtspunkt aus ganz subjektiv ist, die nicht ohne weiteres eine allgemeinmenschliche religiöse Erfahrung ist, zu der man sich nur so verhalten kann, daß man sich sagt: Paulus hatte diese Erfahrung, er hat sie hineingelegt in seine Briefe, und man kann eigentlich nur den Bezug dazu haben, daß man sich sagt: Ich blicke hin zu Paulus, ich versuche mich hineinzufinden in dasjenige, was sein religiöses Erleben ist, und ich gewinne dazu ein Verhältnis. — Aber das möchten die neueren Ritschlianer ja gerade ausschließen. Sie sagen: Dasjenige, was in dieser Weise subjektives religiöses Erleben ist, das kann nicht eigentlich Inhalt des allgemeinen evangelischen Glaubens sein, denn es führt dazu, eben eine äußere Autorität, wenn auch eine geschichtliche Autorität, einfach anzuerkennen, aber man soll ja appellieren an dasjenige, was in jeder einzelnen Menschenseele erlebt werden kann. Dadurch würden vom Inhalte des Evangeliums die Paulusbriefe also schon wegfallen. Man würde zum Beispiel die Paulusbriefe nicht ohne weiteres aufnehmen können in den Inhalt der allgemeinen Predigt.

[ 11 ] Let us consider the most important forces at work in religious life. First is the realm of faith—whether or not this leads to knowledge is a topic we will discuss later— second, there is the realm of actual religious experience—we will also examine this realm of religious experience in somewhat greater detail later—and third, there is the realm of religious authority. Now, when it comes to the concept of authority, Protestant life has, one might say, done an extraordinary amount since Luther to clarify, explore, and so on. And in the struggle against the Catholic Church, Protestantism has, one might say, developed a clear sense of the concept of authority. It is well understood within Protestantism that one should not speak of an external authority in religion, that only Jesus Christ himself is to be regarded as the authority for individual souls. But as soon as one approaches the content of religious life—that is, the second point—from the perspective of the Ritschlian school, an immense difficulty immediately arises, one which, as you know, has posed a very, very significant challenge to all the more recent Ritschlians. Ritschl himself does not want a nebulous, obscure, mystical experience of faith; rather, Ritschl wants to make the content of the Gospels the spiritual substance of religious life. The religious person should be able to experience the content of the Gospel—in other words, one should also be able to use the content of the Gospel in preaching. — But this immediately placed the newer Ritschlians in a difficult position. Take, for example, the Epistles of Paul: The Epistles of Paul naturally contain a wealth of Paul’s own religious experience—an experience that, from a certain point of view, is entirely subjective and is not simply a universally human religious experience to which one can only respond by saying: Paul had this experience; he incorporated it into his letters; and one can really only relate to it by saying to oneself: I look to Paul; I try to immerse myself in what his religious experience is, and I develop a relationship to it. — But that is precisely what the newer Ritschlians wish to rule out. They say: That which is a subjective religious experience of this kind cannot actually be part of the content of the general Protestant faith, for it leads to simply acknowledging an external authority—albeit a historical one—whereas one should appeal to that which can be experienced in every individual human soul. As a result, the Pauline epistles would already be excluded from the content of the Gospel. For example, one would not be able to readily incorporate the Pauline epistles into the content of a general sermon.

[ 12 ] Nun werden Sie, wenn Sie die Sache unbefangen ansehen, auch kaum daran zweifeln, daß dasjenige, was nun die Ritschlsche Schule heute, ich möchte sagen, als den Rest hinstellt, der da bleiben soll als objektive Erlebnisse, für eine unbefangene Betrachtung auch nur als ein subjektives Erlebnis gelten kann. Man sagt zum Beispiel, die Darstellung des Lebens des Christus Jesus könne so, wie sie in den Evangelien erzählt wird, im Grunde genommen von jedem nacherlebt werden, nicht aber zum Beispiel die Lehre von der stellvertretenden Sündensühnung. Man müsse also aufnehmen in die allgemeine Predigt dasjenige, was sich auf die Erlebnisse des Christus Jesus bezieht, nicht aber so etwas wie die Lehre von der stellvertretenden Sündensühnung und anderem, was damit zusammenhängt. Aber bei unbefangener Betrachtung werden Sie auch kaum in der Lage sein zuzugeben, daß es einen solchen Kern von allgemeinem Erleben gegenüber dem Christus Jesus gibt, an den man appellieren könnte bei der ganz allgemeinen Predigt. Die Ritschlianer werden eben zum Schluß, wenn sie nur unbefangen genug sind, sich doch genötigt sehen, Stück für Stück fallen zu lassen, um zuletzt vom Inhalte des Evangeliums im Grunde genommen kaum mehr viel übrig zu behalten.

[ 12 ] Now, if you look at the matter impartially, you will hardly doubt that what the Ritschlian school today presents—I might say—as the remnant that is to remain as objective experiences can, upon impartial consideration, be regarded as nothing more than a subjective experience. It is said, for example, that the account of the life of Jesus Christ, as narrated in the Gospels, can in essence be relived by anyone, but not, for example, the doctrine of vicarious atonement for sin. One must therefore include in general preaching that which relates to the experiences of Jesus Christ, but not such things as the doctrine of vicarious atonement for sin and other related matters. But upon impartial consideration, you will hardly be able to admit that there is such a core of general experience regarding Jesus Christ to which one could appeal in entirely general preaching. In the end, if they are only impartial enough, the Ritschlians will find themselves compelled to let go of one element after another, until ultimately, in essence, hardly anything remains of the content of the Gospel.

[ 13 ] Wenn aber der Inhalt des Evangeliums überhaupt wegfällt als Inhalt der Predigt, als Inhalt der religiösen Unterweisung überhaupt, dann bleibt uns ja gar nichts zurück von einem konkreten, von einem auszugestaltenden Inhalte; dann bleibt uns lediglich dasjenige zurück, was man bezeichnen könnte als das allgemeine — und als solches wird es immer nebulos —, als das allgemeine nebulos-mystische Gotteserlebnis. Und das tritt uns ja auch immer mehr und mehr entgegen bei einzelnen Leuten der neueren Zeit, die damit aber trotzdem glauben, gut christlich sein zu können. Das tritt uns immer mehr entgegen, daß jeder Inhalt, der zur Gestaltung führt — obwohl er aus den Tiefen des ganzen Menschen herausgeholt ist, muß er doch zu einer gewissen Formulierung führen —, daß jeder solche Inhalt abgelehnt wird und eigentlich nur auf eine bestimmte Gefühlsrichtung gesehen wird, auf eine Gefühlsrichtung nach einem AllgemeinGöttlichen hin, so daß schon in der Tat vielfach gerade das ehrliche religiös-christliche Bestreben heute auf dem Wege ist zu einem solchen verschwommenen Gefühlsinhalt.

[ 13 ] But if the content of the Gospel is entirely omitted as the content of the sermon, as the content of religious instruction in general, then we are left with absolutely nothing in the way of concrete content that can be developed; then all that remains is what one might call the general—and as such it always becomes nebulous—the general, nebulous-mystical experience of God. And indeed, this is something we encounter more and more in certain people of recent times, who nevertheless believe they can still be good Christians. We are increasingly confronted with the fact that any content that leads to concrete form—even though it is drawn from the depths of the whole human being, it must still lead to a certain formulation—that any such content is rejected and attention is focused instead on a specific emotional orientation, an emotional orientation toward a general divinity, so that, in fact, in many cases, it is precisely the sincere religious-Christian striving that is today on the path toward such a vague emotional content.

[ 14 ] Nun, sehen Sie, damit ist aber gerade das Evangelische an einem außerordentlich bedeutsamen Wendepunkt angekommen und sogar an demjenigen Wendepunkte angekommen, wo die allerstärkste Gefahr droht, daß das evangelische gegenüber dem katholischen Prinzip in eine außerordentlich schlimme Lage kommen könnte. Denn, sehen Sie, das katholische Prinzip hat nie außerordentlich viel gegeben auf den Evangelien-Inhalt, das katholische Prinzip hat immer, auch in der Predigt, gearbeitet mit der Symbolik. Und bei denjenigen katholischen Predigern, die ihrer Aufgabe wirklich gewachsen sind, werden Sie es bis zum heutigen Tage — ja, man möchte sagen, heute, wo der Katholizismus wirklich nach einer Regenerierung strebt, erst recht — bemerken, wie stark wiederum die Symbolik auflebt, wie gewissermaßen dogmatische Inhalte, gewisse Inhalte über Tatsachen und Wesenheiten des übersinnlichen Lebens, in Symbole gekleidet werden. Und es ist ein volles Bewußtsein vorhanden schon bei den verhältnismäßig noch niederen Klerikern, daß das Symbolum ausgesprochen sich außerordentlich tief in die Seele hineinlebt, viel tiefer als der dogmatische Inhalt, als der Lehrinhalt, und daß man zur Verbreitung des religiösen Lebens eben viel mehr beitragen kann, wenn man die Heilswahrheiten in symbolischer Form ausspricht, den Symbolen einen durch und durch bildlichen Charakter gibt und nicht sich einläßt auf den eigentlichen Lehrgehalt. Sie wissen ja, daß der Inhalt des Evangeliums selbst nur den Gegenstand einer Vorlesung bildet innerhalb des Meßopfers in der katholischen Kirche, daß gerade die Predigt innerhalb der katholischen Kirche vermeidet, den Evangelieninhalt als einen Lehrgegenstand an die Gläubigen heranzubringen.

[ 14 ] Well, you see, this means that Protestantism has now reached an extraordinarily significant turning point—and indeed the very turning point at which the greatest danger looms that the Protestant principle could find itself in an extremely dire situation vis-à-vis the Catholic principle. For, you see, the Catholic principle has never placed an extraordinary emphasis on the content of the Gospels; the Catholic principle has always, even in preaching, worked with symbolism. And among those Catholic preachers who are truly up to the task, you will notice to this very day—indeed, one might say, especially today, when Catholicism is truly striving for a renewal—how strongly symbolism is reviving once again, how, in a sense, dogmatic content, certain teachings about the facts and realities of the supersensible life, are clothed in symbols. And even among the relatively lower-ranking clergy, there is a full awareness that the symbol penetrates extraordinarily deeply into the soul—much deeper than dogmatic content or doctrinal content— and that one can contribute far more to the spread of religious life precisely by expressing the truths of salvation in symbolic form, by giving the symbols a thoroughly figurative character, and by not delving into the actual doctrinal content. You know, of course, that the content of the Gospel itself is merely the subject of a lecture within the Mass in the Catholic Church, and that the sermon in the Catholic Church specifically avoids presenting the content of the Gospel to the faithful as a subject of doctrine.

[ 15 ] Wer ermessen kann, welche Kraft in einer Neubildung des symbolischen Predigtgehaltes liegt, der wird schon verstehen, daß wir in der Tat heute an diesem wichtigen Wendepunkt stehen, daß die Hauptergebnisse des evangelischen Lebens der letzten Jahrhunderte sehr, sehr stark gegenüber den sich ausbreitenden Kräften des Katholizismus in eine Zwangslage, in eine außerordentlich schwierige Lage kommen konnten.

[ 15 ] Anyone who can appreciate the power inherent in a renewal of the symbolic content of preaching will understand that we are indeed standing at this important turning point today, and that the main achievements of Protestant life over the past centuries could very, very easily find themselves in a predicament—an extraordinarily difficult situation—in the face of the spreading forces of Catholicism.

[ 16 ] Nun, wenn man daneben eben sieht, wie das evangelische Leben selbst den Zusammenhang mit dem Evangelieninhalt verliert, und auf der anderen Seite wiederum sieht, wie dann als Inhalt eine nebulose Mystik bleibt, dann kann man ja auch sagen: Die Glaubenskraft selber steht eigentlich auf sehr schwankendem Boden. Und auch darüber muß man sich klar sein, daß die Glaubenskraft heute auf einem sehr schwankenden Boden steht. Außerdem kommt man wirklich nicht darüber hinweg, sich sagen zu müssen: Wenn man auch noch so sehr Barrieren aufrichtet um das Glaubensgebiet herum, die man in irgendeiner Weise zimmert, noch so sehr Barrieren aufrichtet gegen das Eindringen von wissenschaftlichen Erkenntnissen, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse werden schließlich doch die Barrieren niederreißen, aber von ihnen kann dann nur irreligiöses Leben, nicht religiöses Leben ausgehen. Was die neuere Denkweise in der Wissenschaft leisten kann, soweit sie heute offiziell vertreten wird, das ist doch so — Sie mögen es zunächst vielleicht nicht so annehmen, aber wenn Sie die Sache historisch studieren, so werden Sie es erkennen müssen —, daß es zuletzt doch solche Auseinandersetzungen gäbe, wie in David Friedrich Strauß’ «Alter und neuer Glaube». Gewiß ist das Buch banal und oberflächlich; aber nur solches Banale und Oberflächliche kommt heraus, wenn man wirklich das heute geltende wissenschaftliche Leben nimmt und daraus irgendwelchen Glaubensinhalt formen will.

[ 16 ] Well, when one sees, on the one hand, how the Protestant life itself is losing its connection to the content of the Gospel, and, on the other hand, how what remains as its content is a nebulous mysticism, then one might well say: The power of faith itself actually stands on very shaky ground. And one must also be clear about the fact that the power of faith stands on very shaky ground today. Furthermore, one really cannot avoid having to admit: No matter how many barriers one erects around the realm of faith—barriers one constructs in whatever way—no matter how many barriers one erects against the intrusion of scientific findings, these scientific findings will ultimately tear down those barriers; but what will then emerge from them is only an irreligious life, not a religious one. What the newer way of thinking in science can achieve—insofar as it is officially represented today—is this: You may not accept it at first, but if you study the matter historically, you will have to recognize that ultimately there would be debates such as those in David Friedrich Strauss’s Old and New Faith. Admittedly, the book is banal and superficial; but only such banality and superficiality emerge when one takes the scientific mindset prevalent today and attempts to derive any kind of religious content from it.

[ 17 ] Nun habe ich schon vorhin angedeutet, daß wir solche Begriffe wie Christus, Gnadenwirkung, Erlösung und so weiter auf dem Gebiete des religiösen Lebens doch unbedingt brauchen. Aber wie sollte die einzigartige Wirkung des Mysteriums von Golgatha möglich sein in einer Welt, die sich so entwickelt hat, wie sie von der heutigen Naturwissenschaft angesehen werden muß in ihrer Entwickelung? Wie kann man in eine solche Welt einen einzigartigen Christus hineinstellen?

[ 17 ] I have already indicated earlier that we absolutely need concepts such as Christ, the workings of grace, redemption, and so on in the realm of religious life. But how could the unique effect of the Mystery of Golgotha be possible in a world that has developed in the way modern science views its evolution? How can one place a unique Christ within such a world?

[ 18 ] Man kann hinstellen einen hervorragenden Menschen; aber Sie werden dann immer sehen, wenn versucht wird, das Leben dieses hervorragenden Menschen zu schildern, daß man dann nicht mehr ehrlich sein kann, wenn man der Frage nicht ausweichen will: Wie unterscheidet sich das Leben dieses vorzüglichsten Menschen von dem eines Plato, eines Sokrates oder irgendeines anderen vorzüglichen Menschen? Man kommt dann mit dieser Frage nicht mehr zurecht. Ist man außerstande, irgendwelche anderen Geschehensimpulse in der Erdenmenschheitsentwickelung zu sehen als diejenigen, die die Wissenschaft heute, wenn sie ehrlich ist, annehmen kann, dann ist man auch nicht imstande, das Mysterium von Golgatha irgendwie in die Geschichte hineinzustellen. Wir haben ja erlebt das bedeutsame Ignorabimus Rankes in Bezug auf die Christus-Frage, und mir scheint, daß hier das Ignorabimus Rankes eine viel bedeutsamere Rolle für uns spielen sollte als alle Versuche, die von Ritschlianern oder anderen ausgehen, um ein besonderes Gebiet als ein religiöses Gebiet zu erobern, auf dem dann der Christus gelten kann deshalb, weil man Barrieren gegen.das wissenschaftliche Leben aufrichtet.

[ 18 ] One can hold up an outstanding person as an example; but you will always find, when attempting to describe the life of this outstanding person, that one can no longer be honest if one does not wish to evade the question: How does the life of this most exceptional person differ from that of Plato, Socrates, or any other exceptional person? One can no longer come to terms with this question. If one is unable to perceive any other driving forces in the development of humanity on Earth than those that science today—if it is honest—can accept, then one is also unable to place the Mystery of Golgotha within history in any way. We have, after all, experienced Ranke’s significant “Ignorabimus” regarding the Christ question, and it seems to me that Ranke’s “Ignorabimus” should play a much more significant role for us here than all the attempts by Ritschlians or others to carve out a special domain as a religious domain in which Christ can then be accepted—precisely because barriers are erected against scientific life.

[ 19 ] Sehen Sie, ich möchte in diesen einleitenden Worten geradezu auf die Kardinalfrage losgehen; ich möchte Sie veranlassen, darüber nachzudenken: Wie kann man denn in einer Welt, die sich nach denjenigen Gesetzen vollzieht, die der Naturwissenschaftler heute annehmen muß, wie kann man in einer solchen Welt davon sprechen, daß sich irgendwie ethische Impulse realisieren? Wo sollten denn ethische Impulse eingreifen, wenn wir eine universelle Naturkausalität haben? — Man kann höchstens noch annehmen, daß in einer Welt mechanischer Naturkausalität ein Ethisches beim Ausgangspunkte einmal eingegriffen habe und gewissermaßen die mechanische Grundrichtung gegeben hat, die sich jetzt automatisch fortsetzt, aber ein Durchsetztsein dieses Naturmechanismus mit irgendwelchen ethischen Impulsen können wir nicht denken, wenn wir ehrlich sind.

[ 19 ] You see, in these introductory remarks I would like to tackle the fundamental question head-on; I want to prompt you to reflect on this: How is it possible, in a world that operates according to the laws that the natural scientist must accept today—how is it possible, in such a world, to speak of ethical impulses being realized in any way? Where, then, would ethical impulses come into play if we have universal natural causality? — At most, one can still assume that in a world of mechanical natural causality, an ethical force intervened at the very beginning and, so to speak, set the basic mechanical direction that now continues automatically; but if we are honest, we cannot conceive of this natural mechanism being permeated by any ethical impulses.

[ 20 ] Und so können wir auch nicht daran denken, wenn wir den universellen Naturmechanismus und die universelle Naturkausalität annehmen, daß unsere eigenen ethischen Impulse irgendetwas auslösen in der Welt der Naturkausalität. Man ist eben heute nur nicht ehrlich genug, sonst würde man sich sagen: Nimmt man die allgemeine Naturkausalität an, dann sind unsere ethischen Impulse eben schöne menschliche Impulse, aber die schönen menschlichen Impulse bleiben doch nur Illusionen. — Wir können sagen, in uns leben ethische Ideale, wir können sogar sagen, auf diese ethischen Ideale strahle der Glanz einer von uns verehrten und angebeteten Göttlichkeit, aber eine positive Realität diesem Göttlichen zuzuschreiben und gar irgendeinen Bezug zu konstatieren zwischen unserem Gebet und dem Göttlichen und seinen Willensimpulsen, das bleibt eine Illusion.

[ 20 ] And so, even if we accept the universal natural mechanism and universal natural causality, we cannot imagine that our own ethical impulses trigger anything in the world of natural causality. People today are simply not honest enough; otherwise, they would admit to themselves: If we accept general natural causality, then our ethical impulses are merely beautiful human impulses—but these beautiful human impulses remain nothing more than illusions. — We can say that ethical ideals live within us; we can even say that these ethical ideals are illuminated by the radiance of a divinity we revere and worship—but to attribute a positive reality to this divine being, and indeed to assert any connection whatsoever between our prayer and the divine and its impulses of will, remains an illusion.

[ 21 ] Gewiß sind der Fleiß und der gute Wille anzuerkennen, welche von den verschiedensten Seiten aufgewendet worden sind, um auf der einen Seite, auf der Seite der Naturkausalität bestehen zu können, und auf der anderen Seite dem religiösen Leben ein besonderes Gebiet zu erobern. Das ist anzuerkennen. Aber es ist darin trotzdem eine innere Unehrlichkeit, es ist nicht möglich bei innerlicher Ehrlichkeit, diesen Zwiespalt gelten zu lassen.

[ 21 ] Certainly, we must acknowledge the diligence and good will that have been expended from a wide variety of quarters, on the one hand to maintain the position of natural causality, and on the other hand to carve out a special domain for religious life. This must be acknowledged. But there is nevertheless an inherent dishonesty in this; it is not possible, with inner honesty, to accept this dichotomy.

[ 22 ] Nun wird uns wahrscheinlich im weiteren Fortgange unserer Verhandlungen nicht allzusehr beschäftigen müssen gerade das Ergebnis geisteswissenschaftlicher Untersuchungen; wir werden für die religiösen Fragen schon Inhalt bekommen gewissermaßen aus dem ganz rein Menschlichen heraus. Aber ich möchte Sie, um eben auf den Kardinalpunkt hinzuweisen, aufmerksam darauf machen, daß Geisteswissenschaft, die ja mit positiven, wirklichen Ergebnissen dasteht, die ebenso Ergebnisse sind wie die naturwissenschaftlichen Ergebnisse, daß die Geisteswissenschaft nicht in der Lage ist, sich auf den Boden einer allgemeinen Naturkausalität zu stellen. Verstehen wir uns gerade in diesem Punkte recht, meine lieben Freunde.

[ 22 ] Now, as our discussions proceed, we will likely not need to concern ourselves too much with the specific findings of research in the humanities; we will, so to speak, derive the substance for religious questions from what is purely human. But I would like to draw your attention—precisely to highlight this key point—to the fact that spiritual science, which does indeed present positive, real findings that are just as valid as those of the natural sciences, is not in a position to base itself on the principle of general natural causality. Let us be clear on this point, my dear friends.

[ 23 ] Sehen Sie, das äußerste, was uns die Naturbetrachtung gebracht hat, ist das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Erhaltung der Kraft im Universum. Sie wissen, daß in die neuere Seelenkunde, in die Psychologie, dieses Gesetz von der Erhaltung der Kraft verheerend eingegriffen hat. Man kommt mit dem Seelenleben und seiner Freiheit nicht zurecht, wenn man dieses Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Erhaltung der Kraft ernst nimmt. Und die Grundlagen, die uns die heutige Wissenschaft gibt, um den Menschen zu begreifen, sind eben doch solche, daß wir gar nicht anders können, als in den gesamten Menschen herein scheinbar auch wirksam zu denken dieses Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Erhaltung der Kraft.

[ 23 ] You see, the ultimate insight that the study of nature has given us is the law of the conservation of matter and the conservation of energy in the universe. You know that this law of the conservation of energy has had a devastating impact on modern psychology. One cannot come to terms with the life of the soul and its freedom if one takes this law of the conservation of matter and the conservation of energy seriously. And the foundations that modern science provides us for understanding human beings are such that we have no choice but to apply this law of the conservation of matter and the conservation of energy—apparently with effect—to the whole human being.

[ 24 ] Nun wissen Sie, daß Geisteswissenschaft — nicht als ein Vorurteilsdogma, sondern als ein Ergebnis [der Geistesforschung] — die Erkenntnis von den wiederholten Erdenleben hat. Im Sinne dieser Erkenntnis leben wir zum Beispiel jetzt in diesem Leben zwischen der Geburt und dem Tode so, daß wir auf der einen Seite in uns haben die Impulse der physischen Vererbung — auf diese Impulse der physischen Vererbung wollen wir noch genauer zurückkommen —, daß wir außerdem in uns haben die Impulse, welche den früheren Lebensläufen angehören und dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die Welt, in der wir leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, schließt nun Fakten ein, die nicht unter dem Gesetze von der Erhaltung des Stoffes und der Erhaltung der Kraft stehen. Wenn wir also gewissermaßen die geistige Verbindung suchen zwischen unserem jetzigen Leben und unserem nächsten Erdenleben und auch weiter in die Leben hinein, die dann nicht mehr physisch verlaufen, sondern die, nach dem Untergange des Erdenseins, geistig verlaufen, wenn wir diese Verbindungslinie ziehen, so treffen wir auf Weltinhalte, die nicht unter unseren Naturgesetzen stehen, folglich auch nicht unter dem Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Erhaltung der Kraft gedacht werden dürfen. Wie also ist der Zusammenhang zwischen demjenigen, was aus einem früheren Erdenleben in ein späteres spielt, und demjenigen, was der Mensch dann in seinen Taten auslebt unter dem Einfluß früherer Erdenleben? Dieser Zusammenhang ist ein solcher, daß er von Naturgesetzen, auch wenn sie sich bis ins innerste Gefüge der menschlichen Leiblichkeit hinein erstrecken, nicht erfaßt werden kann.

[ 24 ] Now you know that spiritual science—not as a dogmatic prejudice, but as a result [of spiritual research]—has come to the realization of repeated earthly lives. In light of this insight, we live, for example, in this present life between birth and death in such a way that, on the one hand, we carry within us the impulses of physical heredity—we will return to these impulses of physical heredity in greater detail later—and, on the other hand, we also carry within us the impulses that belong to our previous lifetimes and to the life between death and a new birth. The world in which we live between death and a new birth now encompasses facts that are not subject to the laws of the conservation of matter and the conservation of energy. So when we seek, as it were, the spiritual connection between our present life and our next earthly life, and further still into the lives that no longer unfold physically but, after the end of earthly existence, unfold spiritually—when we draw this line of connection—we encounter aspects of the world that are not subject to our natural laws, and consequently cannot be conceived as being subject to the laws of conservation of matter and conservation of energy. What, then, is the connection between what carries over from an earlier earthly life into a later one, and what a person then acts out in their deeds under the influence of earlier earthly lives? This connection is such that it cannot be grasped by the laws of nature, even if they extend into the innermost structure of human physicality.

[ 25 ] Jedes Wirken desjenigen, was schon in den früheren Erdenleben in mir veranlagt ist, in das jetzige Erdenleben hinein, jede solche Wirkung ist eine solche, daß ihre Gesetzmäßigkeit nichts zu tun hat mit den universalen Naturgesetzen. Das heißt, haben wir im jetzigen Erdenleben ethische Impulse, so können wir ruhig sagen: Zuletzt können sich diese ethischen Impulse in ihrem Vollgehalte nicht ausleben im Physischen, sie haben aber eine Möglichkeit, sich auszuleben von dem jetzigen Erdenleben in die folgenden hinüber, denn wir gehen [dazwischen] durch eine Sphäre, die der Naturgesetzlichkeit enthoben ist, hindurch.

[ 25 ] Every influence exerted in my present earthly life by what was already predisposed within me during my earlier earthly lives—every such influence is such that its regularity has nothing to do with the universal laws of nature. This means that if we have ethical impulses in our present earthly life, we can safely say: Ultimately, these ethical impulses cannot be fully realized in the physical realm, but they have the potential to carry over from this earthly life into the next, for in between we pass through a sphere that is exempt from the laws of nature.

[ 26 ] Wir kommen dabei zu einem, allerdings umgestalteten, aber durchaus auch erkenntnismäßig festzuhaltenden Wunderbegriff. Der Wunderbegriff bekommt wiederum einen Sinn. Der Wunderbegriff kann ja nur den Sinn haben, daß sich in etwas nicht bloß Naturgesetze auswirken, sondern ethische Impulse. Aber wenn wir ganz eingesponnen sind in den Naturzusammenhang, so fließen unsere ethischen Impulse nicht in die Naturordnung hinein. Werden wir aber herausgehoben [aus diesem Naturzusammenhang], setzen wir gewissermaßen zwischen Ursache und Wirkung die Zeit, dann bekommt der Wunderbegriff wiederum einen ganz erkenntnisgemäßen Inhalt; ja, er bekommt in einem noch tieferen Sinne einen Inhalt.

[ 26 ] In doing so, we arrive at a concept of the miracle—albeit a transformed one—that is nonetheless worthy of epistemological consideration. The concept of the miracle regains its meaning. After all, the concept of the miracle can only mean that it is not merely the laws of nature that are at work in something, but ethical impulses. But when we are completely entangled in the natural context, our ethical impulses do not flow into the natural order. If, however, we are lifted out [of this natural context]—if, so to speak, we insert time between cause and effect—then the concept of the miracle once again acquires a content that is fully in line with epistemological principles; indeed, it acquires a content in an even deeper sense.

[ 27 ] Sehen wir vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus, sagen wir, auf den Erdenursprung, so sehen wir in diesem Erdenursprung nicht diejenigen Kräfte wirken, die heute im universellen Naturzusammenhang wirken, sondern wir sehen beim Herübergehen der der Erde vorangehenden Metamorphose dieser Erde in die jetzige Erdenmetamorphose die Naturgesetze ausgeschaltet. Und wenn wir ans Erdenende gehen, wenn gewissermaßen die Clausiussche Formel erfüllt ist und die Entropie so weit gestiegen ist, daß sie an ihrem Maximum angekommen ist, wenn also der Wärmetod für die Erde eingetreten ist, dann tritt dasselbe ein: Wir sehen, wie sowohl am Erdenanfang wie am Erdenende die Naturkausalität ausgeschaltet und eine andere Wirkungsweise da ist. Wir sehen also gerade in solchen Ausschaltungszeiten, wie sie für uns Menschen liegen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wie sie für die Erde selber vor und nach ihrer jetzigen Metamorphose liegen, die Möglichkeit des Eingreifens desjenigen, was heute einfach zurückgestoßen wird von der Naturkausalität, die Möglichkeit des Eingreifens von ethischen Impulsen.

[ 27 ] If we look at the origin of the Earth from a spiritual-scientific perspective, we do not see the forces at work in that origin that are active today within the universal context of nature; rather, we see the laws of nature suspended during the transition from the Earth’s preceding metamorphosis to its present metamorphosis. And when we turn to the end of the Earth—when, so to speak, Clausius’s formula is fulfilled and entropy has risen to such an extent that it has reached its maximum, that is, when the heat death of the Earth has occurred—then the same thing happens: We see how, both at the beginning and at the end of the Earth, natural causality is suspended and a different mode of action is at work. Thus, it is precisely during such periods of suspension—such as those that lie for us humans between death and a new birth, and such as those that lie for the Earth itself before and after its current metamorphosis—that we see the possibility of intervention by that which is today simply repelled by natural causality: the possibility of intervention by ethical impulses.

[ 28 ] Sehen Sie, die Menschheit hat, ich möchte sagen, den einen Schritt von zwei notwendigen Schritten bereits getan. Der eine Schritt ist der, daß von allen vernünftigen Menschen, auch von den religiösen Menschen, aufgegeben worden ist der alte abergläubische Magiebegriff, jener Magiebegriff, der eine Möglichkeit voraussetzt, daß man durch diese oder jene Machinationen eingreifen könne in das Naturwirken. An die Stelle eines solchen Magiebegriffes ist heute die Anschauung getreten, daß man eben dem Naturwirken seinen Lauf lassen müsse, daß man nicht mit geistigen Kräften die Naturkausalität meistern könne. Die Naturkausalität geht ihren Gang, wir haben auf sie keinen Einfluß, so sagt man, daher ist die Magie im alten abergläubischen Sinne von unseren Erkenntnisgebieten auszuschalten.

[ 28 ] You see, humanity has—I would say—already taken one of the two necessary steps. That step is that all rational people, including religious people, have abandoned the old, superstitious concept of magic—the concept that presupposes the possibility of intervening in the workings of nature through this or that manipulation. In place of such a concept of magic, the view has now taken hold that one must simply let natural processes run their course, that one cannot master natural causality with spiritual forces. Natural causality follows its own course; we have no influence over it, so they say; therefore, magic in the old superstitious sense must be excluded from our fields of knowledge.

[ 29 ] Aber, so richtig dies auch ist für gewisse Zeiträume, so unrichtig ist es, wenn wir auf größere Zeiträume hinschauen. Wenn wir hinschauen auf den Zeitraum, der für uns Menschen liegt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, da gehen wir eben einfach durch durch ein Gebiet, welches vor der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis in der folgenden Weise sich ausnimmt: Denken Sie einmal, wir sterben am Ende unseres gegenwärtigen Lebens; da treten wir zunächst hinaus aus der Welt, in der wir wahrgenommen haben durch unsere Sinne und unseren Intellekt die universelle Naturkausalität. Diese universelle Naturkausalität herrscht weiter auf der Erde, die wir dann durch den Tod verlassen haben, und wir können zunächst nach dem Tode, wenn wir von dem jenseitigen Leben herunterschauen auf das diesseitige, nichts anderes konstatieren, als daß aus den Ursachen, die tätig waren während unseres Lebens, Wirkungen herauswachsen; aus diesen Wirkungen, die dann wieder Ursachen werden, werden wiederum Wirkungen. Wir sehen nach unserem Tode fortlaufen, fortwähren diese Naturkausalität.

[ 29 ] But, as true as this may be for certain periods of time, it is just as untrue when we look at longer periods. When we look at the period that lies for us humans between death and a new birth, we are simply passing through a realm that, prior to spiritual scientific insight, appears as follows: Imagine that we die at the end of our present life; we then first step out of the world in which we have perceived universal natural causality through our senses and our intellect. This universal natural causality continues to prevail on Earth, which we have then left behind through death, and at first after death, when we look down from the life beyond onto this life here, we can observe nothing other than that effects arise from the causes that were at work during our life; from these effects, which then become causes in turn, further effects arise. We see this natural causality continuing and persisting after our death.

[ 30 ] Wenn wir ein einigermaßen seelisch normales Leben geführt haben, so setzt sich ja dieses Leben nach dem Tode solange fort, bis die sämtlichen Impulse, die während unseres irdischen Lebens tätig waren, im Erdenwirken selber ihr Ende erfahren haben und ein neuer geistiger Einschlag stattfindet, bis also die letzten Kausalitäten aufhören und ein neuer Einschlag da ist. Dann erst verkörpern wir uns wieder, wenn das Geistige einen neuen Einschlag gibt, so daß der Strom der früheren Kausalitäten aufhört. Wir steigen herunter zu einem neuen Leben, nicht indem wir die Wirkungen der alten Ursachen unseres früheren Lebens wiederfinden — die finden wir dann nicht —, sondern wir finden eine neue Phase des Rhythmus, einen neuen Einschlag. Hier haben wir gewissermaßen über einen Knotenpunkt der rhythmischen Entwickelung hinüber geistig gelebt. Wir können im nächsten Leben nicht sagen, da wirken sich die Ursachen aus, die schon im früheren Leben vorhanden waren, sondern die sind für unser menschliches Leben an einen Knotenpunkt angekommen, wo sie sich alle erschöpft haben, — noch nicht die Wirkungen des tierischen, pflanzlichen, mineralischen Reiches, die erst am Ende der Erdenzeit [erschöpft sein werden]. Aber alles dasjenige, was uns Menschen angeht an ethischem Leben, für das ist eine Null eingetreten und ein neuer Ansatz notwendig. Und die Impulse für diesen neuen Ansatz nehmen wir aus dem geistigen Leben heraus mit, das wir durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so daß wir uns verbinden können mit jenen Impulsen, die aus dem Ethisch-Göttlichen heraus die Erde formen. Mit denen können wir uns verbinden, wenn wir selber in der Welt sind, aus der dann der neue Impuls strömt. So daß wir sagen müssen: Sehen wir jetzt auf unser Leben hin zwischen Geburt und Tod, so ist gewiß das Abergläubisch-Magische nicht drinnen, aber zum nächsten Leben hinüber vollzieht sich der Zusammenhang so, daß man da wirklich von Magie reden kann, unmöglich aber von einem unmittelbaren Einflusse des Geistigen in das Physische. Das ist das Wichtige, daß man durch Geisteswissenschaft kennenlernt, daß nicht von Anfang bis zu Ende einfach ein zusammenhängender Strom von Kausalitäten geht, sondern es gehen durch gewisse Zeiträume, die gar nicht einmal im Verhältnis zu der gesamten Entwickelung der Erde so furchtbar lang sind, Kausalitätsrhythmen; die kommen am Nullpunkte an, dann kommt ein neuer Kausalitätsrhythmus. Wir finden nicht, wenn wir in einen nächsten Kausalitätsrhythmus hineinkommen, die Wirkungen des früheren Kausalitätsrhythmus, wir müssen sie im Gegenteil erst herübertragen in unsere eigene Seele in den Nachwirkungen, die wir durch das Karma hinüberzutragen haben.

[ 30 ] If we have led a reasonably normal spiritual life, then this life continues after death until all the impulses that were active during our earthly life have come to an end within earthly activity itself and a new spiritual impulse takes place—that is, until the last causal forces cease and a new impulse arises. Only then do we incarnate again, when the spiritual brings about a new impetus, so that the flow of earlier causalities ceases. We descend into a new life, not by encountering the effects of the old causes from our previous life—we do not find those then—but rather we find a new phase of the rhythm, a new impetus. Here, we have, so to speak, lived spiritually beyond a turning point in the rhythmic development. In the next life, we cannot say that the causes already present in the previous life are now taking effect; rather, they have reached a juncture in our human life where they have all been exhausted—though not yet the effects of the animal, plant, and mineral kingdoms, which will only be exhausted at the end of the Earth’s history. But as for everything that concerns us humans in terms of ethical life, a new beginning is necessary. And we draw the impulses for this new beginning from the spiritual life we experience between death and a new birth, so that we can connect with those impulses that shape the Earth from the ethical-divine realm. We can connect with them when we ourselves are in the world from which the new impulse then flows. So we must say: If we now look at our life between birth and death, the superstitious-magical element is certainly not present; but as we transition to the next life, the connection unfolds in such a way that one can truly speak of magic there—though it is impossible to speak of a direct influence of the spiritual upon the physical. This is the crucial point that spiritual science reveals: that there is not simply a continuous stream of causality from beginning to end, but rather that rhythms of causality run through certain periods of time—which, in relation to the Earth’s entire evolution, are not even terribly long—; these reach a zero point, and then a new rhythm of causality begins. When we enter the next causal rhythm, we do not find the effects of the previous one; on the contrary, we must first carry them over into our own soul in the aftereffects that we must carry forward through karma.

[ 31 ] Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur andeuten, daß es tatsächlich die Geisteswissenschaft gar nicht nötig hat, etwas anzunehmen von denjenigen, die heute die Religion regenerieren wollen — das würde für viele die Annahme eines neuen Dogmatismus bedeuten —; ich wollte nur andeuten, daß es der Geisteswissenschaft möglich ist, der Wissenschaft von der äußeren Welt, unbeschadet der scheinbar notwendigen Geltung der Naturgesetze, eine solche Konfiguration zu geben, daß der Mensch wiederum hineinpaßt, und zwar so hineinpaßt, daß er wirklich seine ethischen Impulse wiederum Weltimpulse nennen kann, daß er nicht zurückgestoßen wird mit seinen ethischen Impulsen auf einen bloß machtlosen Glauben. Das wenigstens muß man als eine Möglichkeit in sein Bewußtsein aufnehmen, denn ohne diese Möglichkeit im eigenen Bewußtsein zu tragen, wird man nicht verstanden von denjenigen, zu denen man predigen soll.

[ 31 ] You see, I just wanted to suggest to you that spiritual science actually has no need to adopt anything from those who today seek to revitalize religion—for many, that would mean embracing a new form of dogmatism—; I just wanted to suggest that spiritual science is capable of giving the science of the external world—without detracting from the seemingly necessary validity of the laws of nature—a configuration such that the human being fits into it once again, and fits in such a way that he can truly call his ethical impulses “world impulses” once more, so that he is not pushed back with his ethical impulses into a mere, powerless faith. At the very least, one must take this into account as a possibility, for without carrying this possibility within one’s own consciousness, one will not be understood by those to whom one is meant to preach.

[ 32 ] Ich möchte da auch für Sie etwas hinstellen, was ich oftmals für die Lehrer der Waldorfschule hinstellte, was einen wichtigen pädagogischen Grundsatz bildet. Sehen Sie, wenn man Kinder lehren will, daß irgend etwas gilt, so darf man nicht glauben, daß dieses Geltende aufgenommen wird von dem Kinde, wenn man selbst nicht daran glaubt, wenn man selbst nicht davon überzeugt ist. Ich nehme gewöhnlich das Beispiel, daß man kleinere Kinder von der Unsterblichkeit der Seele gut so unterrichten kann, daß man zu einem Symbolum greift. Man redet dem Kinde von dem aus der Puppe auskriechenden Schmetterling und führt den Vergleich, daß man sagt: So wie der Schmetterling in der Puppe lebt, lebt unsere Seele in uns, nur sieht man sie nicht, sie fliegt fort, wenn der Tod eintritt. — Nun ist ein Zweifaches möglich, wenn man einen solchen Unterricht geben will. Einmal, wenn man sich einbildet: Ich bin ein furchtbar gescheiter Kerl, der ja nicht glaubt, daß damit irgend etwas über die Unsterblichkeit gesagt ist, wenn ich diesen Vergleich gebrauche, aber ich brauche ihn für das Kind, das dumm ist, dem bringt man das bei. — Man wird, wenn man unbefangen ist, bald erkennen, daß diese Erhabenheit über die kindliche Auffassung nicht zu einem fruchtbaren Unterricht führen kann. Was man nicht selber in sich als Überzeugung hat, überzeugt am Schlusse auch das Kind nicht. So wirken die Imponderabilien. Erst wenn ich selber glauben kann, daß mein Symbolum in jedem einzelnen Wort einer Realität entspricht, dann ist mein Unterricht für das Kind fruchtbar. Und dazu gibt ja natürlich Geisteswissenschaft den genügenden Anlaß, denn vor der Geisteswissenschaft ist der Schmetterling, der aus der Puppe kriecht, nicht bloß ein erdachtes Symbolum, sondern es ist tatsächlich so, daß auf einer niederen Stufe dasselbe erscheint, was auf einer höheren Stufe als Unsterblichkeit erscheint. Es ist von den Weltenmächten selbst so angeordnet, daß dasjenige, was Übergang der Seele in das Unsterbliche ist, im Bilde erscheint in dem auskriechenden Schmetterling.

[ 32 ] I’d also like to share something with you that I’ve often shared with Waldorf school teachers—something that forms an important pedagogical principle. You see, if you want to teach children that something is true, you must not assume that the child will accept this truth if you yourself do not believe in it, if you yourself are not convinced of it. I usually give the example that you can teach younger children about the immortality of the soul quite effectively by using a symbol. You tell the child about the butterfly emerging from the chrysalis and draw the comparison by saying: Just as the butterfly lives inside the chrysalis, so does our soul live within us—only we cannot see it; it flies away when death occurs. — Now, two things are possible when one wants to give such instruction. First, one might imagine: “I am a terribly clever fellow who certainly does not believe that this comparison says anything about immortality, but I need it for the child, who is stupid—that’s how you teach it to them.” — If one is open-minded, one will soon realize that this condescension toward the child’s understanding cannot lead to fruitful teaching. What one does not hold as a conviction within oneself will ultimately fail to convince the child as well. Such is the nature of the imponderables. Only when I myself can believe that my symbol corresponds to a reality in every single word will my teaching be fruitful for the child. And, of course, spiritual science provides ample reason for this, for in the light of spiritual science, the butterfly emerging from the chrysalis is not merely an imagined symbol; rather, it is indeed the case that what appears on a lower level is the same as what appears on a higher level as immortality. It is ordained by the world powers themselves that what is the soul’s transition into immortality appears symbolically in the emerging butterfly.

[ 33 ] Also, sieht man auf das Bild als auf eine Realität hin, dann ist der Unterricht fruchtbar, nicht aber, wenn man sich einbildet, man sei ein gescheiter Kerl, der das Bild formt, sondern wenn man weiß, die Welt selbst gibt einem das Bild. So wirken die imponderablen Kräfte zwischen der Seele des Lehrers und der Seele des Kindes; und so ist es auch in der religiösen Unterweisung, in der Predigt. Man muß in seiner Seele selbst die vollinhaltlichen Grundlagen haben für dasjenige, wovon man voraussetzt, daß es verstanden wird von denjenigen, zu denen man spricht. Ja, man darf nicht einmal solche Begriffe haben, die dieser Sache widersprechen. Ich möchte mich folgendermaßen ausdrücken, ich möchte sagen: Nehmen Sie an, Sie seien ein Mensch im Sinne der heutigen Ritschlianer oder so etwas, der durchaus gläubig ist in bezug auf Seelenunsterblichkeit, Gottesdasein und so weiter, aber Sie sind zu gleicher Zeit schwach genug, die Kant-Laplacesche Theorie anzunehmen, und zwar so, wie sie aus der heutigen Naturwissenschaft heraus gelehrt wird. Schon daß in Ihrem Gemüt diese Kant-Laplacesche Theorie sitzt und ein objektiver Widerspruch ist gegenüber dem, was Sie als den Inhalt Ihres christlichen Bekenntnisses zu vertreten haben, schon das beeinträchtigt Ihre überzeugende Kraft, die Sie als Prediger haben müssen. Selbst wenn Sie gar nicht wissen, daß ein Widerspruch da ist, der Widerspruch wirkt; das heißt derjenige, der predigen will, muß in sich selber alle die Elemente tragen, die seine Weltanschauung zu einer widerspruchslosen machen. Gewiß wird uns Theologie bei der Predigt nicht viel dienen; aber wir müssen sie selber in uns haben als eine widerspruchslose, nicht als eine solche, die neben der äußeren Wissenschaft existiert, sondern die die äußere Wissenschaft in sich umspannen, das heißt verständnisvoll zu dieser sich verhalten kann.

[ 33 ] So, if one regards the image as a reality, then the teaching is fruitful; but not if one imagines oneself to be a clever fellow who shapes the image, but rather if one knows that the world itself provides the image. This is how the intangible forces between the teacher’s soul and the child’s soul work; and this is also true in religious instruction and in preaching. One must possess within one’s own soul the comprehensive foundations for what one assumes will be understood by those to whom one speaks. Indeed, one must not even hold any concepts that contradict this matter. Let me put it this way: Suppose you are a person in the sense of today’s Ritschlians or the like, who is thoroughly devout regarding the immortality of the soul, the existence of God, and so on, but at the same time you are weak enough to accept the Kant-Laplacean theory—specifically, as it is taught by modern natural science. The very fact that this Kant-Laplacean theory resides in your mind and constitutes an objective contradiction to what you are called upon to uphold as the content of your Christian confession—that alone undermines the persuasive power you must possess as a preacher. Even if you are completely unaware that a contradiction exists, the contradiction still takes effect; that is to say, anyone who wishes to preach must possess within themselves all the elements that make their worldview free of contradiction. Certainly, theology will not be of much use to us in preaching; but we must possess it within ourselves as a consistent whole—not as something that exists alongside external scholarship, but as something that encompasses external scholarship, that is, something that can relate to it with understanding.

[ 34 ] Wir können die Sache von einer anderen Seite noch ansehen. Sehen Sie, in der Philosophie, in der Wissenschaft redet man heute von allen möglichen Verhältnissen des Menschen zu der ihn umgebenden Welt; aber die Dinge, von denen man da redet, die trifft man eigentlich kaum bei den Menschen, die ja als einfache, primitive Menschen, auch der Stadtbevölkerung, ungelehrt uns heute zuhören. Die Beziehungen, die zum Beispiel unsere Psychologen zwischen dem Menschen, der die Natur beobachtet, und dem Menschen selber hinstellen, sind gar nicht real, sie sind eigentlich nur künstlich ausgedacht. Dasjenige aber, was in dem einfachsten Bauern lebt, in dem primitivsten Menschen unserer Welt lebt, ist das, daß er tief in seinem Inneren sucht — ich sage sucht —, tief in seinem Inneren etwas sucht, was da draußen in der Natur nicht ist. Er sucht nach einem anderen Weltinhalt [als dem] aus der Natur heraus, und von diesem Weltinhalt muß man ihm sprechen, wenn überhaupt diejenige Empfindung, die er als religiöse Empfindung hat, heraufkommen soll. Der primitive Mensch sagt einfach, wie es lebt in seinem Unterbewußtsein: Ich bin nicht aus diesem Stoff, aus dem die Welt ist, die ich mit meinen Sinnen überschaue; sage mir etwas von dem, was ich nicht mit meinen Sinnen überschaue! — Das ist der direkte Appell, der an uns gestellt wird, wenn der Mensch uns zu seinen religiösen Führern machen soll: man soll ihm von dem positiven Inhalt der übersinnlichen Welt etwas sagen.

[ 34 ] We can look at the matter from another angle. You see, in philosophy and science today, people talk about all sorts of relationships between human beings and the world around them; but the things being discussed there are actually rarely found among the people—even among the urban population—who are listening to us today as simple, primitive, uneducated individuals. The relationships that our psychologists, for example, posit between the person who observes nature and the person himself are not real at all; they are, in fact, merely artificially contrived. But what lives within the simplest peasant, within the most primitive person in our world, is this: deep within himself he seeks—I say seeks—deep within himself he seeks something that is not out there in nature. He is searching for a different worldview [than that] derived from nature, and it is this worldview that must be spoken to him if the feeling he experiences as a religious feeling is to arise at all. The primitive human simply expresses what lives in his subconscious: “I am not made of the same stuff as the world I perceive with my senses; tell me something about what I cannot perceive with my senses!” — This is the direct appeal made to us when a person is to make us his religious guides: we must tell him something about the positive content of the supersensible world.

[ 35 ] Alle unsere Erkenntnistheorie, die sagt, daß die Sinneswahrnehmungen und die Sinnesempfindungen subjektiv oder mehr oder weniger objektiv seien und so weiter, das kümmert im Grunde genommen eine große Mehrzahl der Menschen wenig. Daß aber etwas in der Welt leben muß, das seinem Leben nach nicht der Sinneswelt angehört, darüber will der Mensch von uns etwas erfahren. Und da handelt es sich wirklich schon darum: Wie kommen wir diesem Bedürfnis des Menschen entgegen? Wir kommen ihm nicht anders entgegen, als wenn wir den rechten Weg finden vom Lehrgut zum Kultus; und über diese Frage werde ich Ihnen dann morgen noch Einleitendes sagen. Heute wäre es mir schon sehr lieb, wenn Sie sich noch aussprechen würden, damit ich Ihre Bedürfnisse kennenlerne.

[ 35 ] Our entire theory of knowledge—which states that sensory perceptions and sensations are subjective or more or less objective, and so on—is, in essence, of little concern to the vast majority of people. But people want to learn from us whether there must be something in the world that, in its very nature, does not belong to the sensory world. And that is really what this is all about: How do we meet this human need? We can only meet it by finding the right path from doctrine to worship; and I will say a few introductory words about this question tomorrow. Today, I would very much appreciate it if you would share your thoughts so that I may come to understand your needs.

[ 36 ] Vielleicht werden wir mehr zur Formulierung von Fragen kommen als schon zu Antworten, aber es wäre doch ganz gut, wenn wir zur Formulierung der hauptsächlichsten Fragen kommen würden. Von meiner Seite aus möchte ich Ihnen während meines Hierseins vorzugsweise dasjenige geben, was Sie zu einer solchen Handhabung des Religiösen bringen kann, die, ich möchte sagen, im Beruf des religiösen Führers liegt, nicht in der Theologie. Also auf Religionsübung soll das abzielen, auf Einrichtung der religiösen Institution, nicht so sehr auf theologische Fragen. Wenn Ihnen aber solche Fragen auf der Seele sitzen, so können wir uns auch darüber unterhalten. Ich würde Sie bitten, wenn wir gerade heute über dasjenige, was Ihnen ganz besonders auf der Seele liegt, zunächst wenigstens die Fragen formulierten.

[ 36 ] Perhaps we will focus more on formulating questions than on providing answers, but it would still be quite good if we could get to the point of formulating the most important questions. For my part, while I am here, I would like to offer you, above all, what can lead you to an approach to religion that, I would say, lies in the vocation of a religious leader, not in theology. So this should be aimed at religious practice, at the organization of religious institutions, rather than so much at theological questions. But if such questions are weighing on your mind, we can discuss them as well. I would ask that, especially today, when we discuss what is particularly on your mind, we at least begin by formulating the questions.

[ 37 ] Ein Teilnehmer schlägt vor, Herr Bock aus Berlin möge die Fragen formulieren.

[ 37 ] One participant suggests that Mr. Bock from Berlin should formulate the questions.

[ 38 ] Emil Bock: Ich habe gestern abend über das berichtet, was wir uns in Berlin zur inneren Vorbereitung versucht haben klarzumachen, und da haben wir verschiedene Fragenkomplexe zu unterscheiden versucht. Und im Anschluß an das, was wir gehört haben, können wir wohl die eine Frage jetzt zunächst formulieren, die drei von den Gebieten, die wir unterschieden hatten, zusammenfaßt, die Fragen des Kultus und der Predigt und die Frage nach der Berechtigung des Gemeinschaftselementes in der Gemeinde. Ich habe das gestern abend zu verdeutlichen gesucht in einem Hinweis auf die kirchengeschichtliche Strömung der Gemeinschaftsbewegung. Und da haben wir eigentlich gefunden, daß es sich für uns handelt um eine Klarheit über das Verhältnis zwischen anthroposophischer Aufklärungsarbeit über religiöse Fragen und der rein religiösen Übung, also entweder im Kultus das Verhältnis zwischen Ritual und Predigt oder mit Umspannung dessen, was außerhalb des Kultus geschehen muß, das Verhältnis des Gottesdienstes als Ganzes zur religiösen Vortragsarbeit oder des religiösen Rituals zum Unterricht bei Kindern, denn was schließlich durch Symbolik gewonnen wird, das ist damit ja doch noch nicht dem Menschen zum Bewußtsein gekommen. Nun ist es für uns die Frage: Bis zu welchem Grade muß es denn überhaupt zum Bewußtsein kommen, und wenn es zum Bewußtsein kommen muß, wie muß es dann gemacht werden und ausbalanciert werden zwischen dem symbolischen Wirken auf den Teil des Menschen, der Impulse aufnimmt, und den Teil des Menschen, der sich darüber gleichzeitig ein Bewußtsein zu erarbeiten versucht, was ja auch wiederum in mehrere Probleme sich teilen wird, wenn wir die Verschiedenartigkeiten derjenigen ins Auge fassen, vor denen wir später stehen werden? Denn viele Menschen werden vielleicht das Bedürfnis nicht haben, die Impulse in das Bewußtsein zu heben, während viele Menschen zunächst überhaupt das Bewußtseinsproblem haben.

[ 38 ] Emil Bock: Last night I reported on what we had tried to clarify in Berlin as part of our internal preparation, and in doing so we attempted to distinguish between various sets of questions. And following what we have heard, we can now probably formulate, as a first step, the one question that summarizes the three areas we had distinguished: the questions of worship and preaching, and the question of the legitimacy of the communal element in the congregation. I sought to clarify this last night by referring to the historical trend of the communal movement within church history. And there we actually found that what is at stake for us is clarity regarding the relationship between anthroposophical educational work on religious questions and purely religious practice—that is, either within worship, the relationship between ritual and preaching, or, encompassing what must take place outside of worship, the relationship of the worship service as a whole to religious lecturing, or of religious ritual to teaching children, for what is ultimately gained through symbolism has not yet truly entered human consciousness. Now the question for us is: To what extent must it actually enter consciousness at all, and if it must enter consciousness, how must this be achieved and balanced between the symbolic influence on the part of the human being that receives impulses, and the part of the human being that simultaneously attempts to develop an awareness of it—which, in turn, will give rise to several problems when we consider the diversity of those we will later be dealing with? For many people may not feel the need to raise these impulses into consciousness, while many others will initially face the problem of consciousness itself.

[ 39 ] Und damit hing uns zusammen die Frage: Wie haben wir denn eigentlich da das Streben nach einem gemeinschaftlichen religiösen Leben in Einklang zu bringen mit dem Streben nach einer Verlebendigung des Ich-Impulses? Denn wir haben bei vielen Menschen, die dem bürgerlichen Leben angehören, damit zu rechnen, daß da zunächst, soweit wir es überschauen können, in Betracht käme eine richtige Verselbständigung des einzelnen Menschen gerade durch die religiöse Übung, ein Anschluß an die Ich-Kräfte, während wir bei vielen anderen Menschen eine Regulierung eines verirrten Ich-Strebens zu bewirken haben. Das wäre, was wir empfunden haben bei der Frage der Gemeinschaftskräfte, etwa wie wir sie uns kirchengeschichtlich an der Brüdergemeine klarmachen konnten.

[ 39 ] And this raised the question: How, then, can we actually reconcile the pursuit of a communal religious life with the pursuit of revitalizing the “I” impulse? For with many people who belong to bourgeois life, we must expect that—as far as we can see—what would initially come into consideration is a genuine self-actualization of the individual precisely through religious practice, a connection to the “I” forces, whereas with many other people we must bring about a regulation of a misguided “I” striving. This is what we have sensed regarding the question of communal forces, much as we were able to illustrate it in the context of church history through the Moravian Church.

[ 40 ] Damit habe ich jetzt den einen Fragenkomplex umschrieben, der uns gestern abend wichtig war. Wir hatten aber noch drei andere Gebiete, die uns auch mancherlei Fragen brachten, und da war zunächst das rein Organisatorische. Wenn wir uns darauf einstellen, uns fähig zu machen und die Konsequenzen zu ziehen für unser persönliches Arbeitsfeld, die dann entstehen, wenn wir uns klarmachen, es handelt sich schließlich einmal darum, Gemeinden nach einem neuen Grundsatz zu gründen, dann steht uns die Frage vor Augen, und das ist in jedem Falle praktisch natürlich differenziert, je nach der Situation, in der die einzelnen stehen: Welche Vorarbeit müssen wir tun? Können wir durch Vortragsarbeit Vorarbeiten tun? Wie können wir uns praktisch verteilen auf die Punkte, wo etwas gearbeitet werden muß, und wie können wir über diese Dinge etwas Gemeinsames ausmachen? Wobei uns klar war, daß natürlich wir nicht erwarten, daß uns jetzt die Sache leicht gemacht wird und wir einen Platz bekommen. Wir sind schon bereit, solche Arbeitsfelder zu schaffen. Aber vielleicht ist doch etwas dazu zu erfahren, wie uns das in gewissem Sinne erleichtert werden kann. Dann gehört sehr vieles, was vielleicht rein organisatorisch ist, zu dem, worüber wir gerne fragen möchten im Laufe unserer Besprechung.

[ 40 ] With that, I have now outlined the set of issues that were important to us last night. However, we also had three other areas that raised various questions for us, starting with purely organizational matters. If we set out to prepare ourselves and draw the necessary conclusions for our personal sphere of work—conclusions that arise when we realize that, ultimately, the goal is to establish congregations based on a new principle—then the question before us is this, and of course this varies in practice depending on the situation each individual faces: What preparatory work must we do? Can we lay the groundwork through public speaking? How can we practically divide up the tasks where work needs to be done, and how can we come to a common understanding about these matters? It was clear to us, of course, that we do not expect things to be made easy for us now or that we will simply be given a place. We are already prepared to create such areas of work. But perhaps there is something to be learned about how this can be made easier for us in a certain sense. Then there are many things—some of which may be purely organizational—that we would like to ask about during the course of our discussion.

[ 41 ] Dann war das zweite neben dem rein Organisatorischen unser Verhältnis zur theologischen Wissenschaft. Das waren vor allen Dingen die beiden Fragen: Erstens der theologischen Vorbildung derer, die später in solchen Gemeinden arbeiten müssen, insoferne solche Vorbildung mit den Universitätsbetrieben in Berührung stehen kann und wir daraus lernen können. Dann die Frage des neuen Bibelverständnisses, das ja doch ohne weiteres eine theologische Vorbildung voraussetzt, die auch in einem gewissen Sinne über eine Kenntnis der anthroposophischen Weltanschauung hinausgeht, als technische Bildung. Es ist vielleicht doch manche praktische Frage auf diesem oder jenem Herzen; vielleicht hat der eine oder andere mehr Neigung zur wissenschaftlichen Betätigung, und es wäre für uns alle interessant, einmal zu sehen, wie diese theologisch-wissenschaftliche Betätigung vielleicht doch für das religiöse Leben der Gegenwart fruchtbar gemacht werden kann.

[ 41 ] Then, the second issue—besides purely organizational matters—was our relationship to theological scholarship. This primarily involved two questions: First, the theological training of those who would later work in such congregations, insofar as such training might intersect with university programs and we could learn from them. Then there was the question of the new understanding of the Bible, which, after all, naturally presupposes a theological education that, in a certain sense, goes beyond a knowledge of the anthroposophical worldview as a technical education. Perhaps there are still some practical questions on one person’s or another’s mind; perhaps one or the other has a greater inclination toward scholarly activity, and it would be interesting for all of us to see how this theological-scholarly activity might, after all, be made fruitful for contemporary religious life.

[ 42 ] Und dann als letztes der sechs Gebiete, die wir sehen — das ist wohl dasjenige, was am wenigsten direkt in Fragen formuliert werden kann —, das ist eben die Frage der Priesterqualität, die wir von uns selbst erwarten müssen, wenn wir so etwas uns zu arbeiten vornehmen. Damit gehört dann aber etwas Praktisches wieder sehr eng zusammen, worüber man schon fragen müßte, das wäre die Frage der Auswahl der Persönlichkeiten, die dann schließlich in diese Arbeit hinein sollen, denn irgendwie müssen wir uns ja auch orientieren, wie wir uns selbst dazu auswählen sollen, ganz abgesehen davon, wo schließlich die Entscheidung darüber zunächst liegen wird zur Richtung für die Selbstbeurteilung. Ich glaube, damit ungefähr das gesagt zu haben, worum es sich gestern abend handelte.

[ 42 ] And finally, the last of the six areas we are considering—which is probably the one that is least easily formulated as a direct question—is precisely the question of the quality of priesthood that we must expect of ourselves if we undertake such a task. This, however, is closely linked to a practical matter that we really need to address: the question of selecting the individuals who will ultimately be involved in this work. After all, we must somehow determine how to select ourselves for this task, quite apart from the question of where the initial decision regarding the direction of our self-assessment will ultimately lie. I believe I have now said, more or less, what last night’s discussion was about.

[ 43 ] Rudolf Steiner: Es sind das ja schon diejenigen Fragen, die an diesem Wendepunkte, auf den ich hingedeutet habe, gestellt werden müssen, und es wird ja eigentlich der Inhalt unseres Zusammenseins sein müssen, gerade uns über diese Fragen klar zu werden und auch über einiges, das, ich möchte sagen, die Voraussetzung davon bildet. Ich möchte nur, nachdem die Fragen formuliert sind, bevor wir sie besprechen, auf einiges hindeuten: Es ist schon einmal so, daß wir heute in einer Zeit leben, in der gerade solche Fragen von einem höchsten Gesichtspunkte aus, auch von einem höchsten historischen Gesichtspunkte aus, beurteilt werden müssen. Es ist durchaus nicht in der Richtung des Geisteswissenschaftlers, immer die Phrase zu gebrauchen; «Wir leben in einer Übergangszeit.» Natürlich, jede Zeit ist eine Übergangszeit vom Früheren zum Späteren, aber es handelt sich doch darum, über das hinauszusehen, was man als Übergangszeit betrachtet, zu dem, was eben übergeht. Und da zeigt sich in unserer Zeit doch etwas sehr stark im Übergang Begriffenes, das ist das menschliche Bewußtsein selber, und wir irren sehr leicht, wenn wir glauben, daß das Bewußtsein, wie es sich heute noch in vieler Beziehung zeigt, gewissermaßen ein unveränderliches sei.

[ 43 ] Rudolf Steiner: These are, in fact, the very questions that must be asked at this turning point to which I have alluded, and the purpose of our gathering here will, in fact, have to be precisely to gain clarity on these questions—and also on certain matters that, I would say, form the prerequisite for them. Once the questions have been formulated, before we discuss them, I would just like to point out a few things: For one thing, we are living today in a time when precisely such questions must be assessed from the highest possible perspective—including from the highest historical perspective. It is by no means in the spirit of the spiritual scientist to always use the phrase, “We are living in a time of transition.” Of course, every era is a time of transition from what came before to what comes after, but the point is to look beyond what is regarded as a time of transition to that which is actually being transitioned into. And in our time, something that is very strongly in a state of transition does indeed reveal itself: human consciousness itself. We are very easily misled when we believe that consciousness, as it still manifests itself in many respects today, is, so to speak, unchanging.

[ 44 ] Wir sagen uns heute sehr leicht: Ja, da gibt es Menschen, die werden durch ihre höhere Bildung sich bewußt werden wollen über den Inhalt des Kultus; andere Menschen werden kein Bedürfnis danach haben, die werden gar nicht danach streben, die Sache ins bewußte Leben überzuführen. — Sehen Sie, wir leben gerade in einem Zeitpunkte der weltgeschichtlichen Menschheitsentwickelung, wo dies das Charakteristische ist, daß sehr schnell die Zahl derjenigen Menschen zunimmt, die in einer geeigneten Form aufgeklärt sein wollen über dasjenige, was auch bei ihnen Kultus ist. Und darauf müssen wir Rücksicht nehmen. Wir dürfen uns heute nicht das dogmatische Vorurteil bilden, den kannst du aufklären, den nicht. Denn wenn wir heute voraussetzen, daß auf einer gewissen Bildungsstufe lebende Menschen nicht aufgeklärt sein wollen, dann werden wir uns hier meist auf die Dauer irren. Die Zahl der Menschen, die einen gewissen Grad von Bewußtheit erringen wollen über das Symbolische und über das im Kultus Lebende, die wird tatsächlich mit jedem Tag größer, und die Hauptfrage ist eine ganz andere, nämlich diese: Wie kommen wir zu einem Kultus und symbolischen Inhalte, wenn wir zugleich die Forderung stellen, daß, sobald man sich bewußterweise aufklärt über diesen symbolischen Inhalt, dieser nicht abstrakt und gemütsfremd wird, sondern seinen vollen Wert, seine volle Geltung erhält? — Das ist das, was uns heute als Frage ganz besonders interessant ist.

[ 44 ] It is very easy for us to say today: Yes, there are people who, through their higher education, will want to become aware of the content of the cult; other people will have no need for this—they will not even strive to bring the matter into their conscious lives. — You see, we are living at a point in the development of humanity within world history where the defining characteristic is that the number of people who wish to be enlightened—in an appropriate way—about what constitutes their own culture is growing very rapidly. And we must take this into account. We must not form the dogmatic prejudice today that “you can enlighten this person, but not that one.” For if we assume today that people at a certain level of education do not wish to be enlightened, then we will, for the most part, be mistaken in the long run. The number of people who wish to attain a certain degree of awareness regarding the symbolic and the living elements of religious practice is indeed growing every day, and the main question is quite a different one, namely this: How do we arrive at a culture and symbolic content if, at the same time, we demand that, as soon as one consciously educates oneself about this symbolic content, it does not become abstract and alien to the soul, but rather attains its full value and significance? — That is the question that is of particular interest to us today.

[ 45 ] Sie können, wenn es nicht gerade auf das Religiöse ankommt, hinweisen auf Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, das hervorgegangen ist aus einem Menschen, von dem man sprechen kann, wenn man will, wenn man die Begriffe pressen will, wie von einem Menschen, der immer geträumt hat über solche Dinge. Man redet ja auch davon, daß Schiller Goethes Träume ausgedeutet habe. In gewisser Beziehung war Goethe aber dasjenige viel bewußter, was in seinem Märchen lebte, als es Schiller geworden ist. Aber sein Bewußtsein ist ein solches, das im Bilde selbst leben kann, es ist nicht jenes abstrakte Bewußtsein, das man heute einzig und allein als Bewußtsein erlebt. Heute verwechselt man den Verstand mit dem Bewußtsein überhaupt. Von demjenigen, der bildlich vorstellt, glaubt man, er ist dem Grade nach nicht so bewußt wie der andere, der verstandesmäßig vorstellt. Verstandesmäßiges Vorstellen verwechselt man heute mit Bewußtheit.

[ 45 ] Unless the focus is specifically on religion, one can point to Goethe’s fairy tale of the green snake and the beautiful lily, which emerged from a man whom one might describe—if one wishes, if one stretches the terms a bit—as someone who always dreamed of such things. It is also said that Schiller interpreted Goethe’s dreams. In a certain sense, however, Goethe was far more conscious of what lived in his fairy tale than Schiller ever became. But his consciousness is one that can live within the image itself; it is not that abstract consciousness which is experienced today as consciousness in and of itself. Today, people confuse the intellect with consciousness altogether. It is believed that someone who imagines in images is, to a certain degree, less conscious than someone who imagines intellectually. Today, intellectual imagination is confused with consciousness.

[ 46 ] Wir werden uns über die Frage von Bewußtheit und Unbewußtheit und Überbewußtheit eines Kultus und einer Symbolik zu unterhalten haben, die allerdings in allertiefstem Sinne unsere Gegenwart beschäftigen muß. Denn wir haben auf der einen Seite die katholische Kirche mit ihrem ja ganz mächtigen Kultus und ihrer ungeheuer mächtigen und zielbewußten Symbolik. Was liegt allein für eine ungeheure Kraft in dem Meßopfer, wenn es so vollzogen wird, wie es eben in den katholischen Kirchengemeinschaften vollzogen wird, das heißt, bei dem Bewußtsein der Gläubigen vollzogen wird, das da vorhanden ist. Und auch die Predigt hat beim katholischen Pfarrer durchaus den Inhalt, der auf die Symbolik bezüglich ist, und namentlich ist sie sehr durchsetzt vom Willen. [Auf der anderen Seite] wurde durch die evangelische Entwickelung der letzten Jahrhunderte die Entwickelung vom Kultus herübergeleitet zu dem eigentlichen Lehrinhalt, zum Lehrgehalt. Der Lehrgehalt ist nun dasjenige, was die Tendenz hat, immer mehr nur dann zu wirken, wenn er auf das Verständnis des Zuhörenden oder Lesenden abgestimmt ist. Deshalb stehen die evangelischen Kirchen vor der Gefahr der Atomisierung, vor der Gefahr, daß jeder seine eigene Kirche in seinem Herzen ausbildet, und gerade dadurch keine Gemeinschaftsbildung möglich ist. Und diese Gefahr ist schon eine solche, der begegnet werden muß.

[ 46 ] We will have to discuss the question of the conscious, unconscious, and superconscious aspects of a cult and its symbolism—a topic that, in the deepest sense, must concern us today. For on the one hand, we have the Catholic Church with its truly powerful cult and its immensely powerful and purposeful symbolism. What immense power lies in the Mass alone when it is performed as it is in Catholic congregations—that is, performed in full awareness of the faithful who are present. And the sermon delivered by a Catholic pastor also has content that relates to this symbolism, and in particular, it is deeply imbued with will. [On the other hand], through the Protestant development of the last few centuries, the focus has shifted from ritual to the actual doctrinal content, to the substance of the teaching. The doctrinal content, however, tends to be effective only to an ever-greater extent when it is attuned to the understanding of the listener or reader. For this reason, the Protestant churches face the danger of atomization—the danger that each person will form their own church within their heart—and precisely because of this, the formation of community becomes impossible. And this danger is indeed one that must be countered.

[ 47 ] Wir müssen die Möglichkeit einer Gemeinschaftsbildung haben, und zwar einer solchen, die nicht bloß auf äußere Einrichtungen, sondern auf das Seelisch-Innere gebaut ist, das heißt, wir müssen die Brücke schlagen können zwischen einem solchen Kultus, einem solchen Ritual, das vor dem modernen Bewußtsein bestehen kann und das doch, wie das evangelische Bekenntnis, wiederum in den vertiefteren Lehrgehalt hinüberführt.

[ 47 ] We must have the opportunity to form a community—one that is built not merely on external institutions but on the inner spiritual life; that is to say, we must be able to bridge the gap between a form of worship and ritual that can stand up to modern consciousness and yet, like the Protestant confession, leads us back to a deeper doctrinal content.

[ 48 ] Der Lehrgehalt individualisiert, analysiert die Gemeinschaft, bis man zuletzt beim einzelnen Menschen angelangt ist, analysiert sogar durch seine Tendenzen noch den einzelnen Menschen. Wer Psychologe ist, sieht die zerrissenen Naturen der Gegenwart; sie sind bis in die Individuen hinein individualisiert. Wir können tatsächlich heute die Menschen sehen, die nicht nur streben, ihr individuelles Bekenntnis zu haben, sondern die zwei und noch mehr Bekenntnisse haben, die sich in ihrer eigenen Seele bekämpfen. Die zahlreichen zerrissenen Naturen der Gegenwart sind nur die Fortsetzung der Tendenz, die die Gemeinschaft individualisiert, analysiert. Der Kultus, das Symbol, das Ritual ist das Synthetische, das führt wiederum zusammen; das kann man überall wahrnehmen, wo man auf diese Dinge praktisch eingeht. Daher ist diese Frage zu gleicher Zeit diejenige, die real der Frage der Gemeinschaftsbewegung zugrunde gelegt werden muß.

[ 48 ] The content of teaching individualizes; it analyzes the community until, ultimately, it reaches the individual human being; it even analyzes the individual through his or her tendencies. Anyone who is a psychologist sees the torn natures of the present; they are individualized right down to the level of the individual. Indeed, today we can see people who not only strive to have their own individual creed, but who have two or even more creeds that battle within their own souls. The numerous torn natures of the present are merely the continuation of the tendency that individualizes and analyzes the community. Cult, symbol, and ritual are the synthetic elements that, in turn, bring people together; this can be observed wherever one engages with these things in practice. Therefore, this question is at the same time the one that must truly underlie the question of the community movement.

[ 49 ] Die Frage nach der anthroposophischen Aufklärung und der rein religiösen Übung muß wiederum aus unserem heutigen wichtigen Zeitpunkte heraus gelöst werden. Wir erleben da allerdings heute etwas Tragisches; und da wäre es gerade bedeutsam, daß von Ihrer Gemeinschaft hier gewissermaßen eine Kraft ausgehen könnte, die zunächst über dieses Tragische etwas hinwegführen könnte. Wenn man eine solche Aufklärung hat, wie sie, ich möchte sagen, als religiöse Aufklärung sich ergibt in Konsequenz der gesamten anthroposophischen Aufklärung, die ja neben den religiösen auch historische Aufklärungen, naturwissenschaftliche Aufklärungen und so weiter hat, wenn man diese religiösen Aufklärungen der Anthroposophie betrachtet, so sind die Vorstellungen, die man bekommt, und in der Konsequenz dieser Vorstellungen die Empfindungen, die man bekommt, solche, die gar nicht anders können, als zu der Sehnsucht nach dem äußeren Symbol, nach dem Bilde, sich umzugestalten. Das wird eben so häufig verkannt, daß die anthroposophischen Vorstellungen schon andere sind als diejenigen Vorstellungen, die man heute sonst bekommt. Wenn man heute sonst Vorstellungen bekommt, sei es aus der Wissenschaft, sei es aus dem sozialen Leben heraus, so wirken diese in dem Sinne, den man schlechthin aufklärerisch nennt, und in dem Sinne, alles zu kritisieren, alles zu zersetzen. Wenn man die anthroposophischen Vorstellungen bekommt, so führen sie zu einer gewissen Hingabe des Menschen, sie verwandeln sich in eine gewisse Liebe. So wie das rote Blut nicht anders kann, als den Menschen aufbauen, so können die anthroposophischen Vorstellungen nicht anders, als den Menschen gefühls-, empfindungsgemäß, sogar willensgemäß anzuregen, so daß er die tiefste Sehnsucht empfängt nach einem Ausdruck desjenigen, was er zu sagen hat, im Symbolischen, überhaupt im Bildhaften. Es ist kein künstlich Herangeführtes, wenn Sie zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» so viel Bildhaftes finden; es kommt eben zuletzt dahin, daß man sich bildhaft ausdrückt.

[ 49 ] The question of anthroposophical enlightenment and purely religious practice must, in turn, be resolved in light of the important juncture we find ourselves at today. We are, however, experiencing something tragic at this time; and it would be particularly significant if a certain force could emanate from your community here—a force that could, for the time being, help us move beyond this tragedy. When one has a form of enlightenment such as that which, I would say, emerges as religious enlightenment as a consequence of the entire anthroposophical enlightenment—which, after all, includes not only religious but also historical, scientific, and other forms of enlightenment—when one considers these religious aspects of anthroposophical enlightenment, the ideas one gains and, as a consequence of these ideas, the feelings one experiences, are such that they cannot help but transform into a longing for the outer symbol, for the image. This is so often misunderstood—that anthroposophical ideas are fundamentally different from the ideas one otherwise encounters today. When one encounters ideas today—whether from science or from social life—they operate in the sense that is commonly called “enlightenment,” and in the sense of criticizing everything, of breaking everything down. When one encounters anthroposophical ideas, they lead to a certain devotion in the human being; they transform into a certain love. Just as red blood cannot help but build up the human being, so too can anthroposophical ideas not help but stimulate the human being emotionally, sensually, and even volitionally, so that he receives the deepest longing to express what he has to say through the symbolic, indeed through imagery in general. It is not something artificially introduced when, for example, you find so much imagery in my Occult Science; it simply comes down to the fact that one ultimately expresses oneself through images.

[ 50 ] In Dornach — diejenigen, die dort waren, haben es gesehen, später wird man es natürlich in Vollendung sehen — haben wir im Mittelpunkt des Baues eine Christus-Gruppe: Christus mit Luzifer und Ahriman, die sich beide durch ihn besiegt finden. Da ist in dem Christus eine Synthese alles Sinnlichen und Übersinnlichen dem Menschen vor das Auge hingestellt. Ja, sehen Sie, solche eine Gestalt plastisch auszubilden, das kommt nicht davon her, daß man sich einmal vorgenommen hat, man will dort eine Figur hinstellen, damit soll einmal der Ort geschmückt sein. Es ist ganz und gar nicht so, sondern, wenn man die anthroposophischen Begriffe ausbildet, so kommt man zuletzt mit den Begriffen an ein Ende. Es ist so, wie wenn man zu einem Teich kommt; jetzt kann man nicht weitergehen, sondern wenn man weiterkommen will, muß man schwimmen. So kann man, wenn man mit der Anthroposophie weitergehen will, an einem gewissen Punkt nicht weiter abstrakte Begriffe, nicht weiter Ideen bilden, sondern man muß in Bilder hineingehen. Die Ideen selber verlangen, daß man anfängt, in Bildern sich auszudrücken.

[ 50 ] In Dornach—those who were there saw it; later, of course, it will be seen in its completed form—we have a Christ group at the center of the building: Christ with Lucifer and Ahriman, both of whom find themselves defeated by him. In Christ, a synthesis of all that is sensory and supersensory is presented before the human eye. Yes, you see, sculpting such a figure does not come about simply because one has decided to place a figure there to adorn the site. It is not like that at all; rather, when one develops the anthroposophical concepts, one ultimately arrives at a conclusion with those concepts. It is like coming to a pond; you cannot go any further, but if you want to proceed, you must swim. Similarly, if you wish to go further with anthroposophy, at a certain point you can no longer form abstract concepts or ideas; instead, you must enter into images. The ideas themselves demand that you begin to express yourself in images.

[ 51 ] Ich habe oftmals zu meinen Zuhörern folgendes gesagt: Da gibt es gewisse Erkenntnistheorien. Besonders unter den evangelischen Theologen gibt es solche, die sagen: Ja, das, was man erkennt, muß in rein logische Formen gekleidet sein, man muß mit reiner Logik die Dinge ansehen, sonst hat man einen Mythus. Nicht wahr, [so sprechen] besonders solche Leute wie Bruhn. Er arbeitet sehr viel gegen die Anthroposophie, indem er sagt, sie bilde Mythen aus, eine neue Mythologie. — Ja, was aber, wenn einmal die Gegenfrage aufgestellt wird: Versucht nur einmal, das Weltenall mit eurer Logik zu ergründen, ohne ins Bildhafte überzugehen. Wenn das Weltenall selber nicht bloß logisch, sondern auch künstlerisch wirkt, dann müßt ihr es ja auch künstlerisch ansehen; wenn sich das Weltenall eurer logischen Betrachtung entzieht, was dann? — So entzieht sich auch die äußere menschliche Gestalt einer bloß logischen Spintisiererei. Man kommt eben, wenn man die wahren anthroposophischen Begriffe nimmt, ins Bild hinein, weil die Natur nicht nach bloßen Naturgesetzen, sondern nach Formen schafft.

[ 51 ] I have often said the following to my listeners: There are certain theories of knowledge. Especially among Protestant theologians, there are those who say: Yes, what one knows must be clothed in purely logical forms; one must view things through pure logic, otherwise one is dealing with a myth. Isn’t that right? [That’s how] people like Bruhn, in particular, speak. He works very hard against anthroposophy by saying that it creates myths, a new mythology. — Yes, but what if the counterquestion is posed: Just try, for once, to fathom the universe with your logic, without resorting to imagery. If the universe itself appears not merely logical but also artistic, then you must view it artistically as well; if the universe eludes your logical scrutiny, what then? — In the same way, the outer human form also eludes mere logical speculation. When one takes the true anthroposophical concepts, one enters into the image, because nature creates not according to mere natural laws, but according to forms.

[ 52 ] Und so kann man sagen, indem heute sich Anthroposophie auslebt, nimmt sie Rücksicht auf das, was in den Herzen unserer Zeitgenossen doch spielt, [auf das Bedürfnis,] über den Intellektualismus hinwegzukommen. Das gibt eigentlich jeder verständige, die Entwikkelung mitmachende Zeitgenosse zu. Er sieht das ein, daß wir über den Intellektualismus hinauskommen müssen, auch in der Theologie selbstverständlich. Aber die meisten sehen noch nicht ein, daß dieses Einmünden ins Bildhafte, das dann zum ritualen Kultus wird auf dem Gebiete der religiösen Übung, eine ebensolche Berechtigung und eine ebensolche Ursprünglichkeit hat wie das Logische.

[ 52 ] And so one can say that, as anthroposophy unfolds today, it takes into account what is truly at work in the hearts of our contemporaries—[the need] to move beyond intellectualism. In fact, every sensible contemporary who is keeping pace with these developments acknowledges this. They recognize that we must move beyond intellectualism—in theology as well, of course. But most do not yet realize that this turn toward the pictorial—which then becomes ritual worship in the realm of religious practice—has just as much legitimacy and just as much originality as the logical.

[ 53 ] Die meisten stellen sich ja vor: Bilder macht man, indem man Begriffe hat, und dann kleidet man diese in Symbolik ein. Dies ist immer eine stroherne Symbolik. Das ist [in Dornach] nicht der Fall. In Dornach ist kein Symbol, dem man einen Begriff zugrundegelegt hat, sondern da ist eben auf einer bestimmten Stufe von der Idee abgegangen, und jetzt lebt sich das Bild als ein Ursprüngliches aus. Es ist als Bild da. Und man kann nicht sagen, daß man einen Begriff übergeführt hat ins Bild. Das wäre eine stroherne Symbolik.

[ 53 ] Most people imagine that images are created by starting with concepts and then cloaking them in symbolism. This is always a hollow symbolism. That is not the case [in Dornach]. In Dornach, there is no symbol based on a concept; rather, at a certain level, one has moved away from the idea, and now the image lives out its existence as something primordial. It is there as an image. And one cannot say that a concept has been transposed into the image. That would be a hollow symbolism.

[ 54 ] Dieses Streben, den Intellektualismus zu überwinden, das ist heute da, dieses Streben nach einem Seelenleben, das wegen der Objektivität ins Bildhafte übergeht. Auf der anderen Seite ist heute gar kein Glaube ans Bild da. Dadurch wird es tragisch. Man glaubt, man müsse das Bild überwinden, wenn man recht gescheit ist; man glaubt, man würde erst bewußt, wenn man das Bild überwunden hat. — Solche Bilder wie in Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie werden immer ihrer Realität entkleidet, wenn man versucht, sie gedanklich spintisierend zu erklären, zu interpretieren. Man kann nur dazu führen, daß der Betreffende diese Bilder aufnehmen kann, daß sie für ihn gegenständlich werden können, aber nicht gedanklich kommentieren. Dadurch unterscheidet sich alles das, was ich beigetragen habe zur Interpretation von Goethes Märchen, von dem, was die anderen Kommentatoren machen. Die machen Anmerkungen und erklären die Bilder gedanklich.

[ 54 ] This striving to overcome intellectualism exists today—this striving for a life of the soul that, because of objectivity, transitions into the pictorial. On the other hand, there is no faith in the image at all today. This is what makes it tragic. People believe that if they are truly intelligent, they must overcome the image; they believe that they only become truly conscious once they have overcome the image. — Images such as those in Goethe’s fairy tale of the green snake and the beautiful lily are always stripped of their reality when one attempts to explain or interpret them through intellectual speculation. One can only help the person in question to absorb these images, so that they can become concrete for them, but not comment on them intellectually. This is what distinguishes everything I have contributed to the interpretation of Goethe’s fairy tales from what other commentators do. They make annotations and explain the images intellectually.

[ 55 ] Für das, was der wirklichen Imagination zugrundeliegt, ist das gedankliche Erklären ebenso fremd wie das, was ich zum Beispiel über die chinesische Sprache in deutscher Sprache sage. Ich muß, wenn ich jemandem Chinesisch beibringen will, ihn dazu führen, daß der aus dem Nichtchinesischen so weit kommt, das Chinesische in der Gänze so zu erfassen, daß er in dasselbe übergeht. Und so muß man auch vorbereiten zur wirklichen Bildhaftigkeit; so muß man vorgehen, damit der Betreffende die Bilder dann in sich präsent machen kann und nicht eine Erklärung daranfügen muß.

[ 55 ] Intellectual explanation is just as foreign to what underlies true imagination as, for example, what I say in German about the Chinese language. If I want to teach someone Chinese, I must guide them from a non-Chinese state of mind to the point where they can grasp Chinese in its entirety, so that they transition into it. And in the same way, one must prepare the way for true imagery; this is how one must proceed so that the person in question can then make the images present within themselves and does not have to attach an explanation to them.

[ 56 ] Das ist das Tragische, daß auf der einen Seite das tiefste Bedürfnis zum Bilde vorhanden ist, und auf der anderen Seite jeder Glaube an das Bild eigentlich verglommen ist. Wir glauben nicht daran, daß wir in Bildern etwas haben, das eben im Verstand, in den intellektuellen Begriffen nicht gegeben werden kann. Das müssen wir erst verstehen, wenn wir uns nächstens über die Frage unterhalten werden von Symbolum und Bewußtheit. Namentlich die Frage nach dem Balancieren zwischen Unterbewußtem und Bewußtem, die ja heute so viele Leute quält, werden wir erst fruchtbar beantworten können, wenn wir uns über diese Sache klar sind.

[ 56 ] The tragedy is that, on the one hand, there is a profound need for images, while on the other hand, any faith in images has essentially faded away. We do not believe that images offer us something that cannot be expressed through reason or intellectual concepts. We must first understand this when we discuss the question of symbol and consciousness in the near future. In particular, we will only be able to answer the question of the balance between the subconscious and the conscious—a question that torments so many people today—in a fruitful way once we are clear on this matter.

[ 57 ] Ich möchte Sie also vielleicht bitten, sich dieses bis morgen zu überlegen, was ich jetzt nach dieser Richtung hin über die Beziehung der Verstandesbegriffe zu den Realbildern angedeutet habe. Von diesem Gesichtspunkt aus werden wir auch finden, daß wir in die Gemeinschaftsbildung hineinkommen können, denn die Gemeinschaftsbildung hängt sehr an der Möglichkeit eines Kultus. Auch die praktischen Erfolge der Gemeinschaftsbildung hängen eigentlich an der Möglichkeit eines Kultus.

[ 57 ] So perhaps I would like to ask you to think about this until tomorrow—what I have just hinted at in this vein regarding the relationship between concepts of the intellect and real images. From this perspective, we will also find that we can enter into the formation of community, for the formation of community depends greatly on the possibility of a cult. The practical success of community-building also actually depends on the possibility of a cult.

[ 58 ] Sehen Sie, von Leuten, die Indien kennenlernen und die indischen Religionen, von denen wird eines immer mit großem Recht hervorgehoben: In Indien gibt es natürlich ja sehr viele Sekten; diese haben ein sehr starkes, bis in die Seelen hineinwirkendes Gemeinschaftsleben, das schon durchaus auch sich zeigen kann als praktisches Gemeinschaftsleben, und das es aufnehmen kann — in gewisser Beziehung natürlich, mit der Version, die nach dem Orient hinüber stattfinden muß — mit manchem, was den Brüdergemeinen zugrundeliegt. Das ist vielfach innerlich darin begründet, daß der Orientale im individuellen Leben eigentlich gar nicht dasjenige kennt, was wir subjektive, persönliche Überzeugung nennen in ihrem Verhältnis zu der ihn umgebenden Gemeinschaft. Der Orientale, wenn er überhaupt teilnimmt am geistigen Leben, der versteht das gar nicht, daß man nicht über alles bei sich selber seine eigene Meinung haben kann, zum Beispiel über eine Gemeinschaft und ein Lehrgut; das ist etwas, was er gar nicht versteht. Dem Begriff nach kann jeder seine eigene Meinung haben; das Gemeinsame ist dort überhaupt nur das Bild, und man hat nur das Bewußtsein, daß das Gemeinsame das Bild ist. Es ist das Eigentümliche, daß im Abendlande die Tendenz besteht, den Wert zu legen auf die Überzeugung, und daß dadurch das Atomisieren kommt. Wenn man die Überzeugung sucht und darauf in erster Linie den Wert legt, dann kommt man zum Atomisieren. Das tritt dann nicht ein, wenn man die Gemeinsamkeit in etwas anderem sucht als in der Überzeugung. Die Überzeugung muß ganz individuell sein können.

[ 58 ] You see, among people who get to know India and its religions, one aspect is always rightly emphasized: Of course, there are many sects in India; these have a very strong communal life that penetrates deep into the soul, which can certainly manifest itself as practical communal life, and which can incorporate—in a certain sense, of course, in the form that must be adapted to the East—many of the principles underlying the Moravian Church. This is often rooted in the fact that, in his individual life, the Eastern person does not actually know what we call subjective, personal conviction in relation to the community surrounding him. The Eastern person, if he participates at all in spiritual life, does not understand at all that one cannot have one’s own opinion about everything within oneself—for example, about a community and a body of teachings; this is something he does not understand at all. Conceptually, everyone can have their own opinion; the common element there is merely the image, and one is merely aware that the common element is the image. What is peculiar is that in the West there is a tendency to place value on conviction, and that this leads to atomization. If one seeks conviction and places value on it first and foremost, then one ends up with atomization. This does not occur if one seeks commonality in something other than conviction. Conviction must be able to be entirely individual.

[ 59 ] Wir müssen uns die Frage aufwerfen: Das Ich auf der einen Seite steht da als der Gipfelpunkt des individuellen Lebens, Christus steht da als diejenige Kraft und Wesenheit, die nicht nur den Christen gemeinschaftlich ist bis ins Innerste des Ich hinein, sondern von der der Anspruch erhoben werden muß, daß er allen Menschen gemeinsam werden kann. Und wir müssen die Möglichkeit finden, von dem ganz individuellen Ich, das gewissermaßen glauben möchte, was es kann, bis zu der Gemeinsamkeit des Christus hin die Brücke zu finden.

[ 59 ] We must ask ourselves this question: On the one hand, the “I” stands as the pinnacle of individual life; on the other, Christ stands as the power and being that is not only shared by Christians down to the very core of the “I,” but of whom it must be claimed that he can become common to all people. And we must find a way to bridge the gap between the entirely individual “I”—which, in a sense, wants to believe what it can—and the universality of Christ.

[ 60 ] Ganz besonders soll uns dann beschäftigen die Frage nach der Gemeindebildung, und wie der Herr sehr richtig sagte, nach den Vorarbeiten dazu. Denn das sind natürlich Dinge, die ganz andere Schwierigkeiten finden werden. Auf der einen Seite sind wir heute fast angewiesen darauf, Vorarbeiten durch Unterweisung zunächst so zu führen, daß wir eine genügend große Anzahl von Menschen finden, in deren Seelen zunächst Verständnis ist für das, was eigentlich gewollt werden kann, und auf der anderen Seite stehen wir eben der ganz und gar zersplitterten Menschheit gegenüber. Schon die einfache Tatsache, daß wir mit der Prätention auftreten, über irgend etwas etwas zu wissen, was ein anderer vielleicht, um es zu beurteilen, sich einen Tag überlegen sollte, schon das ist heute fast genügend, daß wir gleich im Augenblick abgekanzelt werden. Die Wirkung von Mensch zu Mensch ist heute ungeheuer schwer. Und das erschwert natürlich auch die Gemeindebildung.

[ 60 ] We should then focus in particular on the question of forming congregations, and—as the Lord quite rightly said—on the preparatory work involved. For these are, of course, matters that will present entirely different challenges. On the one hand, we are almost compelled today to conduct preparatory work through instruction in such a way that we find a sufficiently large number of people whose souls are initially receptive to what can actually be intended; on the other hand, we are faced with a humanity that is utterly fragmented. The mere fact that we presume to know something about a subject—something that another person might need a day to think about in order to judge it—is almost enough today to have us rebuked on the spot. The impact of one person on another is incredibly difficult today. And that, of course, also makes building a community more difficult.

[ 61 ] Dennoch aber, wenn Sie etwas in dem erreichen wollen, was Sie einzig und allein angestrebt haben können, indem Sie hier erschienen sind, dann werden wir gerade über diese Frage der Gemeindebildung uns in ausgiebigstem Maße unterhalten müssen und vor allen Dingen auch über die Vorarbeiten dazu, die im wesentlichen eigentlich darin bestehen müßten, daß wir uns fühlen, schon spirituell, geistig, als Gemeindebildner. Und das können wir kaum anders, als indem wir — vielleicht wird es auf den ersten Anhub nicht gleich verständlich sein, was ich sagen will, denn es berührt eine der tiefsten Fragen der Gegenwart — zunächst versuchen, möglichst darauf zu verzichten, die anderen Leute zu belehren. Die Leute lassen sich einfach nicht belehren heute; dies soll nicht unsere Hauptaufgabe sein.

[ 61 ] Nevertheless, if you wish to achieve anything in the one and only goal you could possibly have had in mind by coming here, then we will have to discuss this very question of community-building at great length—and above all, the preparatory work involved, which essentially must consist of our seeing ourselves, already spiritually and mentally, as community-builders. And we can hardly do this in any other way than by—perhaps what I mean will not be immediately clear at first, for it touches on one of the deepest questions of our time—first attempting, as far as possible, to refrain from lecturing other people. People simply do not want to be lectured to today; this should not be our main task.

[ 62 ] Sehen Sie, immerhin, so klein auch der Erfolg der anthroposophischen Arbeit ist, die ich mir zu meiner Aufgabe setzen mußte, in einem gewissen Sinne ist doch dieser Erfolg da, wenn auch in kleinem Kreise; er ist da. Und das, was da ist, beruht darauf, daß ich eigentlich —in dem Sinne, wie man das auffaßt an unseren Bildungsanstalten — nie habe in erster Linie gewaltmäßig jemanden belehren wollen. Ich bin nach einem Naturgesetze eigentlich immer vorgegangen, ich sagte mir immer: Die Heringe legen unendlich viele Eier ins Meer ab, die allerwenigsten davon werden zu Heringen, sondern da muß eine gewisse Selektion stattfinden. Und wer weiß, daß dasjenige, was über das Materialistische hinausgeht, weiter wirkt, der weiß, daß auch die unbefruchteten Heringseier schon ihre Aufgabe in der Gesamtwelt haben — die haben ihre große Wirkung in der Ätherwelt, die Selektionen finden nur statt für die physische Welt —, der kommt dann über diese Frage hinweg: Warum bleiben solche Heringseier unbefruchter? Dasjenige, was unbefruchtet bleibt, das hat seine große Aufgabe in einer anderen Welt. Diese unbefruchteten Heringseier sind nicht ganz ohne Bedeutung. Und so steht es im Grunde genommen mit der Unterweisung der Menschen. Ich habe nie geglaubt, wenn ich zu einem Auditorium von fünfzig Menschen gesprochen habe oder zu einem Auditorium von fünfhundert — ich habe auch schon zu größeren Auditorien gesprochen —, daß man etwa die Hälfte oder ein Viertel davon belehren kann, sondern ich habe angenommen, unter fünfhundert werden vielleicht fünf sein zunächst auf den ersten Anhub, deren Herzen man anspricht mit dem, was man zu sagen hat, die gewissermaßen zunächst prädestiniert sind dazu. Unter fünfzig einer und unter fünf Menschen ein Zehntel von einem Menschen. Das ist nicht anders, und darauf muß man sich einstellen. Dann geschieht dasjenige, was durch Belehrung in der heutigen Zeit nicht geschehen kann, durch Selektion. Die Menschen finden sich zusammen, bei denen man einen Widerhall erregt hat. Selektion ist das, was wir heute zunächst suchen müssen; dann werden wir doch vorwärts kommen.

[ 62 ] You see, after all, however small the success of the anthroposophical work may be—which I had to make my task—in a certain sense this success is there, even if only within a small circle; it is there. And what is there is based on the fact that I have actually—in the sense in which this is understood at our educational institutions—never wanted, first and foremost, to forcefully instruct anyone. I have actually always proceeded according to a law of nature; I always told myself: Herring lay an infinite number of eggs in the sea, but only a very small fraction of them become herring; rather, a certain selection must take place. And anyone who knows that what transcends the material realm continues to have an effect—who knows that even the unfertilized herring eggs have their purpose in the totality of the world—they have their great effect in the etheric world, while selection takes place only for the physical world—such a person then moves beyond this question: Why do such herring eggs remain unfertilized? That which remains unfertilized has its great purpose in another world. These unfertilized herring eggs are not entirely without significance. And this is essentially how it is with the instruction of human beings. I have never believed—whether speaking to an audience of fifty people or an audience of five hundred —and I have spoken to even larger audiences—that one could instruct perhaps half or a quarter of them; rather, I have assumed that among five hundred there might be five, at first glance, whose hearts are touched by what one has to say—who are, so to speak, predestined for this from the outset. Among fifty, one; and among five people, one-tenth of a person. It is no different, and one must adjust to this. Then what cannot be achieved through instruction in the present day happens through selection. Those in whom one has stirred a response come together. Selection is what we must seek first and foremost today; then we will indeed make progress.

[ 63 ] Es gehört eine gewisse Resignation dazu, nicht in diesem Machtgefühl zu leben: man will belehren, man will den anderen überzeugen. Aber diese Resignation muß man unbedingt haben. Und warum man diese so vielfach nicht hat, das hängt gerade — ich habe ja hier nur von Religionsausübenden zu sprechen —, das hängt gerade mit der theologischen Vorbildung zusammen. Diese theologische Vorbildung fußt ja im Grunde genommen ganz darauf, daß man jeden belehren kann, daß man nicht eigentlich auf Selektionen ausgehen soll. Daher müssen Mittel und Wege gefunden werden, wie man in die theologische Vorbildung aufnehmen kann vor allen Dingen das Gemütsverhältnis zum Inhalt des Geistigen.

[ 63 ] It takes a certain degree of resignation not to live in this sense of power: one wants to instruct, one wants to convince others. But this resignation is absolutely essential. And the reason why so many lack it—and here I am speaking only of those who practice religion—is precisely related to their theological training. This theological training is, after all, based entirely on the idea that one can instruct anyone, and that one should not, in fact, make distinctions. Therefore, ways and means must be found to incorporate, above all, the emotional attitude toward spiritual content into theological training.

[ 64 ] Sehen Sie, auch die Theologie ist ja leider bei dem Standpunkt angekommen, daß man das Wissen von Gott immer höher stellt als das Leben in Gott, das Erleben des Göttlichen in der Seele. Das Erleben des Göttlichen in der Seele, das ist dasjenige, was einem die Kraft gibt, gerade auf den einfachsten, unverbildetsten Menschen zu wirken, und das müßte eigentlich ausgebildet werden. Die neuere Zeit hat dem ganz entgegengearbeitet. Man wird dem umso mehr entgegenarbeiten, je mehr man anstrebt, abstrakte Begriffe von irgendeinem übersinnlichen Sein zu suchen, und weniger dieses übersinnliche Sein in der Seele selber aufzunehmen. Wir brauchen wirklich eine lebensvolle Vorbereitung und Vorbildung für die theologische Wissenschaft. Und da tritt ja allerdings etwas Esoterisches ein, sehen Sie, wo man hinweisen muß auf ein Gesetz, das schon einmal existiert. Sie müssen erstens das in sich haben, was ich vorhin erwähnt habe, daß Sie nicht nur als gescheiter Mensch nachdenken, wie sollen Sie ein Bild oder irgend etwas einem anderen beibringen — das müssen Sie in vollem Maße haben —, aber Sie müssen auch das andere haben, daß Sie jederzeit noch mehr wissen müssen als das, was Sie sagen. Ich meine das gar nicht in üblem Sinne. Aber wenn Sie auf den Standpunkt sich stellen, auf dem heute eigentlich die professorale Welt steht, daß man sich selber nur das aneignen soll, was man dann den anderen mitteilen will, dann werden Sie ganz gewiß mit der religiösen Mitteilung nicht viel erreichen können. Sie müssen zum Beispiel, wenn Sie über die Bibel sprechen, neben dem Exoterischen das ja nichts anderes ist als ein ausgesprochenes Esoterisches, es gibt keine absolute Grenze zwischen exoterisch und esoterisch, das eine fließt in das andere über und das Esoterische wird exoterisch, wenn man es ausspricht —, Sie müssen immer noch einen eigenen Inhalt haben, in dem Sie leben.

[ 64 ] You see, even theology has, unfortunately, come to the point where knowledge of God is always placed above life in God—the experience of the divine in the soul. The experience of the divine in the soul—that is what gives one the strength to have an impact even on the simplest, most unspoiled of people, and that is what should actually be cultivated. Modern times have worked entirely against this. The more one strives to seek abstract concepts of some kind of supersensible being, and the less one seeks to take in this supersensible being within the soul itself, the more one will work against this. We truly need a vibrant preparation and grounding for the study of theology. And here, of course, something esoteric comes into play—you see, where one must point to a law that already exists. First of all, you must possess within yourselves what I mentioned earlier: that you do not merely think, as an intelligent person, about how to convey an image or anything else to another—you must have that to the fullest extent—but you must also possess the other quality: that at all times you must know even more than what you say. I don’t mean that in a negative sense at all. But if you adopt the standpoint that the academic world actually holds today—that one should acquire for oneself only what one then intends to communicate to others—then you will certainly not be able to achieve much with religious communication. For example, when you speak about the Bible—besides the exoteric, which is really nothing other than the esoteric expressed in words (there is no absolute boundary between the exoteric and the esoteric; one flows into the other, and the esoteric becomes exoteric when it is spoken)—you must still have your own inner content in which you live.

[ 65 ] Darauf beruht im Grunde genommen das Wirkungsvolle der katholischen Pfarrer. Das ist das, was in dem Brevierbeten besteht. Er sucht sich in einer über das Laienhafte hinausgehenden Weise dem Göttlichen zu nähern durch dieses Brevierbeten. Und der besondere Inhalt des Breviers, der über das hinausgeht, was man lehrt, der gibt zu gleicher Zeit eine Kraft, in der Predigt und sonst zu wirken. Es ist mir immer interessant gewesen — das ist nicht etwa einmal geschehen, sondern das habe ich ganz besonders häufig erlebt —, daß evangelische Pastoren, die lange schon im Amt waren, zu mir gekommen sind und gesagt haben, es müsse für sie doch etwas ähnliches geben [wie das katholische Brevier]. Bitte, mißverstehen Sie mich nicht, ich rede dem Katholizismus nicht das Wort, am wenigsten dem römischen. Es sind eben Pastoren zu mir gekommen, die, wie gesagt, lange im Amt standen, die gesagt haben: Worauf beruht denn das, daß wir nicht in dieser Weise mit den Seelen in Kontakt kommen können wie der katholische Priester, der das natürlich mißbraucht? — Das beruht im wesentlichen darauf, daß der [katholische Priester] ein esoterisches Verhältnis zu der geistigen Welt sucht.

[ 65 ] This is, in essence, the source of the effectiveness of Catholic priests. This is what the recitation of the Breviary consists of. Through this recitation of the Breviary, he seeks to draw closer to the divine in a way that transcends the layperson’s experience. And the specific content of the Breviary—which goes beyond what is taught—simultaneously provides the strength to be effective in preaching and in other ways. It has always interested me—this has not happened just once, but I have experienced it particularly often—that Protestant pastors who had been in ministry for a long time have come to me and said that there must surely be something similar for them [to the Catholic Breviary]. Please do not misunderstand me; I am not speaking in favor of Catholicism, least of all Roman Catholicism. It is simply that pastors have come to me—who, as I said, had been in ministry for a long time—and said: “What is the reason that we cannot connect with souls in this way, as the Catholic priest does, even though he naturally abuses this privilege?”—This is essentially because the [Catholic priest] seeks an esoteric relationship with the spiritual world.

[ 66 ] Das ist wirklich auch das, was wir anstreben in der Dreigliederung des sozialen Organismus. Dieses geistige Leben, das wir heute haben als allgemeines — von dem anderen reden wir ja nicht —, das geistige Leben, das wir haben, ist ja kein wirkliches geistiges Leben, es ist ein bloßes intellektuelles Leben. Man redet vom Geiste, man hat Begriffe, aber Begriffe sind doch kein lebendiger Geist. Wir müssen nicht nur den Geist haben irgendwie in Form von Begriffen, die in unseren Köpfen sitzen, sondern wir müssen den Geist herunterbringen auf die Erde, er muß in den Institutionen sein, er muß zwischen den Menschen walten. Das können wir aber nur, wenn wir ein selbständiges Geistesleben haben, wo wir nicht nur aus Begriffen über den Geist heraus wirken, sondern aus dem Geiste selbst heraus wirken.

[ 66 ] That is really what we are striving for in the threefold social order. This spiritual life that we have today as a general phenomenon—we are not talking about the other one, of course—this spiritual life that we have is not a true spiritual life; it is merely an intellectual life. People speak of the spirit; they have concepts, but concepts are not a living spirit. We must not only have the spirit in some form as concepts sitting in our heads, but we must bring the spirit down to earth; it must be present in the institutions; it must reign among people. But we can only do this if we have an independent spiritual life, in which we act not merely from concepts about the spirit, but from the spirit itself.

[ 67 ] Nun, natürlich hat sich die Kirche lange bemüht, diesen lebendigen Geist zu erhalten. Aus den Schulen ist er längst herausgewichen; aber wir müssen ihn dort wieder hereinbringen und auch in die übrigen Institutionen. Der Staat kann ihn nicht hereinbringen. Das kann nur dasjenige hereinbringen, was zu gleicher Zeit individuelles Priesterwirken ist und Gemeinschaftswirken. Aber ein Priesterwirken muß das sein, daß der Priester vor allen Dingen in sich das Bewußtsein hat eines esoterischen Zusammenhanges mit der geistigen Welt selbst, nicht bloß mit Begriffen über die geistige Welt. Und da kommt man natürlich dann auf die große Selektionsfrage, auf die Beurteilung der Priesterqualität. Nun, diese Beurteilung der Priesterqualität ist eine solche, daß sie im Grunde genommen sehr leicht mißverstanden werden kann, denn erstens tragen diese Qualität viel mehr Menschen in sich, als man glaubt, sie wird nur nicht in der richtigen Weise ausgebildet, in der richtigen Weise gepflegt; und zweitens ist diese Frage vielfach eine Frage des Schicksals. Wenn wir dazu kommen, überhaupt ein lebendiges Geistesleben zu haben und die Fragen des Schicksals für uns wieder lebendig werden, dann werden die Priester mehr aus der Gemeinschaft der Menschen heraus an ihren Platz gerückt werden, als aus einer Selbstprüfung, die doch immer einen stark egoistischen Charakter trägt. Es ist schon das so, daß man sich aneignen muß einen gewissen Blick für dasjenige, was objektiv einen auffordert, dies oder jenes zu tun.

[ 67 ] Well, of course, the Church has long striven to preserve this living spirit. It has long since disappeared from the schools; but we must bring it back there and into the other institutions as well. The state cannot bring it back. This can only be achieved by that which is at once an individual priestly ministry and a communal ministry. But a priestly ministry must be such that the priest, above all else, possesses within himself an awareness of an esoteric connection with the spiritual world itself—not merely with concepts about the spiritual world. And this naturally leads us to the crucial question of selection: the assessment of priestly qualities. Now, this assessment of priestly qualities is such that it can, in essence, be very easily misunderstood; for, first of all, far more people possess these qualities than one might think—they are simply not developed or nurtured in the right way; and secondly, this question is often a matter of destiny. When we come to have a living spiritual life at all, and the questions of destiny become alive for us once more, then priests will be called to their place more from within the community of people than from a process of self-examination, which always has a strongly egotistical character. It is indeed the case that one must cultivate a certain perspective on what objectively calls upon one to do this or that.

[ 68 ] Da darf ich vielleicht auch Ihnen das erzählen, was ich an verschiedenen Orten erzählt habe als ein Beispiel. Ich könnte auch andere Beispiele erzählen. Ich habe in Colmar vorgetragen über Bibel und Weisheit. Da kamen zwei katholische Pfarrer nach dem Vortrag zu mir. Sie können sich denken, katholische Pfarrer haben nichts von mir gelesen, denn es ist ihnen ja eigentlich verboten, und es ist ja im Grunde genommen so, daß man es schon als eine Abnormität betrachtet, wenn der katholische Pfarrer in einen anthroposophischen Vortrag geht. Aber die sind wahrscheinlich dazumal harmlos gewesen; sie kamen ganz treuherzig heran, da ich gerade in diesem Vortrag nichts gesagt habe, was ihnen widerstrebt hätte, kamen sogar nach dem Vortrag zu mir und sagten: Ja, eigentlich können wir nichts sagen [gegen das, was Sie vorgebracht haben, auch] wir haben das Purgatorium, auch wir haben den Hinweis auf übersinnliches Leben nach dem Purgatorium. — Nun habe ich gerade in diesem Falle es für gut befunden, zwei Vorträge zu halten. «Bibel und Weisheit» I und II, und im ersten Vortrag kam nichts vor von wiederholten Erdenleben, so daß sie nicht bemerkt haben, daß da ein Widerspruch wider die römisch-katholische Ansicht ist. Nun kamen sie und sagten also, gegen den Inhalt hätten sie gar nichts, aber es wäre doch sehr anders das «Wie», wie ich die Sache sagte, und da glaubten sie doch, mit diesem Wie nicht einverstanden sein zu können. Denn das Wie wäre bei ihnen richtig, denn sie redeten für alle Menschen und ich redete doch nur für gewisse vorbereitete Menschen, für Menschen, die also eine gewisse Vorbereitung dazu haben. — Da sagte ich nun nach einigem Hin und Her das Folgende: Sehen Sie, es kommt nicht darauf an, daß ich oder Sie — Sie oder ich, sagte ich — die Überzeugung haben: wir reden für alle Menschen. Diese Überzeugung ist ja sehr begreiflich. Wir würden ja vielleicht überhaupt nicht reden, wenn wir nicht die Überzeugung hätten, wir formulieren unsere Dinge so und durchdringen sie so mit dem Gehalt, daß wir für alle Menschen reden. Aber darauf kommt es nicht an, daß wir die Überzeugung haben, für alle Menschen zu sprechen, sondern es kommt auf die objektive Tatsache an, ob alle Menschen zu Ihnen in die Kirche kommen. Und da frage ich Sie: Kommen noch alle Leute zu Ihnen in die Kirche, wenn Sie reden? — Da konnten sie natürlich nicht sagen, alle kommen noch, sondern sie mußten zugeben, es kommen eben manche nicht. Das ist die Objektivität. Für diejenigen, die nun nicht zu Ihnen gehen und die auch das Recht haben, sich einen Weg zu Christus zu suchen, für die habe ich geredet. — Das ist von den Tatsachen abgelesen, was man für eine Aufgabe hat.

[ 68 ] Perhaps I can share with you as well what I’ve shared in various places as an example. I could also give other examples. I gave a lecture in Colmar on the Bible and wisdom. After the lecture, two Catholic priests came up to me. As you can imagine, Catholic priests haven’t read anything by me, since they’re actually forbidden to do so, and it’s basically considered an anomaly for a Catholic priest to attend an anthroposophical lecture. But they were probably harmless back then; they approached me quite innocently, and since I hadn’t said anything in that particular lecture that would have offended them, they even came up to me after the lecture and said: “Yes, actually we can’t say anything [against what you’ve presented]; we, too, have Purgatory, and we, too, have references to a supersensible life after Purgatory.” — Well, in this particular case, I thought it best to give two lectures: “The Bible and Wisdom” I and II. In the first lecture, I didn’t mention anything about repeated earthly lives, so they didn’t notice that there was a contradiction with the Roman Catholic view. Now they came and said that they had no objection to the content itself, but that the “how”—the way I presented the matter—was quite different, and they felt they could not agree with this “how.” For the “how” would be correct according to them, since they spoke on behalf of all people, whereas I spoke only on behalf of certain prepared individuals—people who have undergone a certain preparation for this. — After some back-and-forth, I then said the following: Look, it doesn’t matter whether I or you—you or I, I said—have the conviction that we speak for all people. That conviction is, after all, quite understandable. We might not speak at all if we didn’t have the conviction that we formulate our ideas in such a way and imbue them with such substance that we speak for all people. But what matters is not that we have the conviction that we speak for all people, but rather the objective fact of whether all people come to your church. And so I ask you: Do all people still come to your church when you speak? — Of course, they couldn’t say that everyone still comes; rather, they had to admit that some simply do not come. That is the objective reality. It is for those who do not come to you—and who also have the right to seek their own path to Christ—that I have spoken. — One’s task is determined by the facts.

[ 69 ] Ich wollte nur eine Wegleitung zeigen, wie man sich daran gewöhnen soll, sich durch die Schicksalsfrage und auch durch die große Frage der Objektivität die persönliche Aufgabe setzen zu lassen. Ich wollte zeigen, wie man nicht so sehr, wie es heute der Fall ist, brüten soll über die eigene Persönlichkeit — die ist doch im Grunde genommen nur dazu da, daß wir den Platz ausfüllen, den uns die göttliche Weltregierung anweist —, sondern wir sollen versuchen, Zeichen zu beobachten, aus denen wir erkennen können, an welchen Platz wir gestellt sein sollen. Und das können wir auch.

[ 69 ] I simply wanted to offer some guidance on how to get used to letting the question of fate—and also the great question of objectivity—define one’s personal mission. I wanted to show that we should not dwell so much on our own personality—as is often the case today—since, after all, it is essentially there only to enable us to fill the place assigned to us by the divine world government—but rather, we should try to observe signs from which we can recognize the place where we are meant to be. And we can do that.

[ 70 ] Immer wieder kommen heute Menschen, wenn sie aus ihrer Seele heraus sprechen, mit der Frage: Was entspricht meinen besonderen Fähigkeiten, wie kann ich meine Fähigkeiten zur Geltung bringen? — Diese Frage ist viel, viel weniger wichtig als die objektive Frage, die sich dadurch beantwortet, daß wir uns umsehen, wo etwas zu tun ist. Und wenn wir uns dann wirklich ernst einlassen auf das, was wir da bemerken, dann werden wir sehen, daß wir zu viel mehr die Fähigkeiten haben als wir glauben. Diese Fähigkeiten sind gar nicht so sehr spezifisch; wir können als Menschen ungeheuer viel, wir haben sehr universelle Seelenqualitäten, nicht so sehr spezifische. Dieses Hinbrüten auf das eigene Selbst, und zu stark zu glauben, daß wir jeder unsere spezifischen Fähigkeiten haben, die besonders kultiviert werden sollen, das ist im Grunde genommen ein innerlicher, sehr raffinierter Egoismus, der gerade von dem, der solche Qualitäten erringen will, wie sie hier gemeint sind, überwunden werden muß.

[ 70 ] Time and again today, when people speak from the depths of their souls, they ask: What matches my unique abilities, and how can I put my abilities to good use? — This question is far, far less important than the objective question, which is answered simply by looking around to see where there is work to be done. And if we then truly and earnestly engage with what we observe there, we will see that we possess far more abilities than we realize. These abilities are not all that specific; as human beings, we are capable of an immense amount; we possess very universal qualities of the soul, not so much specific ones. This brooding over one’s own self, and believing too strongly that each of us has specific abilities that need to be cultivated in particular—this is, at its core, an inner, very subtle form of egoism that must be overcome precisely by those who wish to attain the qualities referred to here.

[ 71 ] Nun glaube ich, habe ich Ihnen auch meinerseits gesagt, wie ich die Fragen auffasse. Nun können wir uns bis morgen die Sache überlegen; und wenn es Ihnen recht ist, möchte ich den Vorschlag machen, daß wir uns morgen etwa um 11 Uhr wieder treffen. Und ich bitte Sie, ja nicht bei irgendeiner Angelegenheit zurückzuhalten, sondern wir wollen die Dinge, die Sie auf dem Herzen haben, möglichst erschöpfend behandeln.

[ 71 ] Well, I believe I’ve also explained to you how I view these issues. We can now think things over until tomorrow; and if it’s all right with you, I’d like to suggest that we meet again tomorrow at around 11 a.m. And I ask that you not hold back on any matter—let’s discuss the issues on your mind as thoroughly as possible.