Anthroposophical Foundations
for a Renewed Christian-religious Work
GA 342
13 June 1921, Stuttgart
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Anthroposophical Foundations for a Renewed Christian-religious Work, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Von den zwei Gebieten, von denen Sie selbst auch gestern gesprochen haben, erscheint es mir notwendig, daß wir dasjenige zuerst behandeln, was gewissermaßen die Grundlage für das ganze Wirken wird abgeben müssen. Man muß natürlich zuerst den realen Boden zubereiten, und das kann heute in unserer Zeit doch nichts anderes sein als die Gemeinschaftsbildung. Wir werden mit dem, was sich dann auf diesem realen Boden entwickeln soll, umso besser zurechtkommen können in unseren Auseinandersetzungen, wenn wir zuerst uns unterhalten über diese Gemeinschaftsbildung.
[ 1 ] My dear friends! Of the two areas you yourselves spoke about yesterday, it seems to me necessary that we first address the one that, in a sense, will have to serve as the foundation for the entire endeavor. Of course, we must first prepare the real groundwork, and in our time today, that can be nothing other than the building of community. We will be all the better able to cope with what is then to develop on this real groundwork in our discussions if we first talk about this building of community.
[ 2 ] Einerseits ist sie zweifellos, trotzdem man das leicht unterschätzen kann, die schwierigste Ihrer Aufgaben, und andererseits ist sie aber auch die brennendste. Sie können das sehen an der Gestalt, welche die Jugendbewegung angenommen hat. Diese Jugendbewegung, wie sie heute lebt in ihren verschiedensten Formen, hat ja einen deutlichen religiösen Untergrund, und dieser religiöse Untergrund wird auch von den verständigen Angehörigen der Jugendbewegung immer betont. Und wenn man nun ganz unbefangen hineinsieht in diese Jugendbewegung, so fällt einem gerade an ihr das auf, was mit der Gemeinschaftsbildung innig zusammenhängt.
[ 2 ] On the one hand, it is undoubtedly—even though this is easy to underestimate—the most difficult of your tasks; on the other hand, it is also the most pressing. You can see this in the form that the youth movement has taken. This youth movement, as it exists today in its various forms, has a distinct religious foundation, and this religious foundation is also consistently emphasized by the discerning members of the youth movement. And when one looks at this youth movement with a completely open mind, what stands out is precisely that which is intimately connected with the formation of community.
[ 3 ] Bedenken Sie nur einmal folgende Erscheinung dieser Jugendbewegung: Nicht wahr, sie trat vor einiger Zeit, vor Jahren auf. Womit trat sie auf? Zunächst mit dem ausdrücklichen Bestreben des Anschlusses des einen an den anderen. Sie trat ausdrücklich auf unter der Devise des Zusammenschlusses, der Gruppenbildung; und das Bedeutsame ist, daß in weiten Kreisen diese Jugendbewegung in den letzten Jahren die Metamorphose in ihr Gegenteil durchgemacht hat. Gerade diejenigen, die es vielleicht mit dieser Jugendbewegung am ernstesten genommen haben, stehen heute auf dem Standpunkt der Vereinzelung, des Eremitentums. Sie betonen die Unmöglichkeit des Zusammenschlusses mit anderen. Und warum ist das so?
[ 3 ] Just consider the following aspect of this youth movement: Didn’t it emerge some time ago—years ago? How did it emerge? Initially, with the explicit aim of bringing people together. It explicitly emerged under the banner of unification and group formation; and what is significant is that, in recent years, this youth movement has undergone a metamorphosis into its opposite in many circles. Precisely those who perhaps took this youth movement most seriously now advocate isolation and a hermit-like existence. They emphasize the impossibility of uniting with others. And why is that?
[ 4 ] Es ist vielleicht gerade, wenn man die Dinge symptomatisch betrachtet, etwas, was zu den bedeutsamsten sozialen Erscheinungen unserer Zeit insbesondere im mittleren, südlichen und östlichen Europa gehört, daß sich so ungeheuer schnell aus dem Bestreben der Gemeinschaftsbildung in der Jugendbewegung herausgebildet hat das Bestreben, ein seelischer Eremit zu sein und eigentlich eine gewisse Furcht zu empfinden vor dem Zusammenschluß. Sie mögen ja, wenn Sie selbst mit dieser Jugendbewegung bekannt sind, da oder dort etwas anderes finden, aber wenn Sie unbefangen die Sache betrachten, so werden Sie sehen, daß diese Jugendbewegung in den maßgebenden Impulsen wird so charakterisiert werden müssen, wie ich es jetzt getan habe.
[ 4 ] Perhaps one of the most significant social phenomena of our time—particularly in Central, Southern, and Eastern Europe—when viewed symptomatically, is that the desire to form communities within the youth movement has so rapidly given way to the desire to be a spiritual hermit and, in fact, to feel a certain fear of coming together. If you are familiar with this youth movement yourself, you may find something different here and there, but if you look at the matter impartially, you will see that this youth movement, in terms of its defining impulses, must be characterized as I have just done.
[ 5 ] Nun, was liegt alledem zugrunde? Alledem liegt zugrunde — es ist ja durchaus ersichtlich, daß diese Jugendbewegung einen deutlichen religiösen Impuls doch enthält —, alledem liegt zugrunde, daß es die religiösen Gemeinschaften nicht verstanden haben, diese Jugend in sich zu halten. Ursprünglich war es ja, wenn wir so sagen können, eine Auflehnung gegen das Prinzip des autoritativen Lebens, des väterlichen Lebens, des Hinaufschauens zu der Erfahrung der Älteren, was diese Jugendbewegung hervorgerufen hat; es war eine Erschütterung des menschheitlichen, väterlichen Autoritätsprinzipes. Die Zeit hat sich so entwickelt, daß man einfach an die Väter nicht mehr glaubte, daß man einfach zu den Vätern innerlich tief unterbewußt kein Vertrauen mehr hatte. Aber der Mensch braucht den Menschen, insbesondere dann, wenn es aufs Handeln, aufs Wirken abgesehen ist. Man suchte Zusammenschlüsse, aber man konnte diese Zusammenschlüsse nur mit dem Geistesleben suchen, das eben heute in den Herzen der Menschen verankert wird, wenn sie leben und aufgezogen werden in unseren gewöhnlichen Schulen, unter unseren religiösen Impulsen und so weiter. Natürlich regt sich die religiöse Sehnsucht in der Jugend gerade dann, wenn äußerlich in dem religiösen Leben etwas nicht in Ordnung ist, aber sie regt sich als unbestimmtes, abstraktes Gefühl; als irgend etwas Nebuloses regt sie sich. Auf der anderen Seite regt sich gerade im Zusammenhange mit diesem religiösen Trieb die Sehnsucht nach dem Gemeinschaftsleben. Aber aus alle dem, was nun die Jugend empfangen konnte, aus alle dem, was vorhanden ist, entsteht nicht die Möglichkeit einer wirklichen Gemeinschaftsbildung, sondern — wenn ich mich etwas radikal ausdrücken darf — bloß die Möglichkeit einer Cliquenbildung. Das ist ja das Charakteristikum unserer Zeit, daß da, wo [der Wunsch nach] Gemeinschaftsbildung auftritt, überall eigentlich dann nicht eine wirkliche innere Gemeinschaftsbildung, ein wirklicher innerer Gemeinschaftsbildungs-Sinn auftritt, sondern der Sinn, Cliquen zu bilden, das heißt, sich zusammenzuschließen durch die zufällige Gemeinschaft und Gemeinschaftsgefühle für das Nächstliegende. Dasjenige, was den einen zum anderen führt durch den Zufall des Ortes, den Zufall der Verhältnisse und so weiter, das führt zu Cliquenbildungen. Aber diese Cliquenbildungen haben alle, weil sie eben nicht auf einem gediegenen geistigen Grunde ruhen, den Keim der Auflösung in sich. Cliquen lösen sich auf. Cliquen sind keine dauernden Gemeinschaften.
[ 5 ] Well, what lies at the root of all this? At the root of all this—and it is quite evident that this youth movement does indeed contain a distinct religious impulse—lies the fact that the religious communities have failed to keep these young people within their ranks. Originally, if we may put it that way, it was a rebellion against the principle of authoritarian life, of paternal life, of looking up to the experience of one’s elders—which is what gave rise to this youth movement; it was a shaking of the human, paternal principle of authority. Times had evolved to the point where people simply no longer believed in their fathers; deep down, in their subconscious, they no longer had any trust in them. But human beings need one another, especially when it comes to action and activity. People sought communities, but they could only seek these communities through the spiritual life that is anchored in people’s hearts today as they live and are raised in our ordinary schools, under our religious influences, and so on. Of course, religious longing stirs in young people precisely when something is amiss in religious life on the outside, but it stirs as an indefinite, abstract feeling; it stirs as something nebulous. On the other hand, the longing for community life stirs precisely in connection with this religious impulse. But from all that young people have been able to receive, from all that is available, what emerges is not the possibility of genuine community-building, but—if I may put it somewhat radically—merely the possibility of clique formation. That is, after all, the defining characteristic of our time: that wherever [the desire for] community formation arises, what actually emerges is not a genuine inner sense of community formation, but rather the impulse to form cliques—that is, to band together through chance associations and a sense of community with those closest at hand. That which brings one person to another through the chance of location, the chance of circumstances, and so on—that leads to the formation of cliques. But because these cliques do not rest on a solid spiritual foundation, they all contain within themselves the seed of their own dissolution. Cliques dissolve. Cliques are not lasting communities.
[ 6 ] Dauernde Gemeinschaften gibt es nicht unter einer anderen Voraussetzung als der, daß sie sich begründen auf ein gediegenes gemeinsames Bekenntnis im gemeinschaftlichen Leben. Und für den, der die Geschichte des sozialen Lebens kennt, war es daher nichts Wunderbares, daß sich dasjenige, was nur die Ansätze der Cliquenbildung in sich trug, nicht zum Gemeinschaftsleben herausbilden konnte, und daß daher diese Jugendseelen eremitisch wurden, den Trieb in sich empfingen, sich nicht anzuschließen, ja sogar eine gewisse Furcht entwickelten vor dem Sichanschließen. Jeder geht mehr oder weniger für sich, der die Jugendbewegung, ich möchte sagen, voll mitgemacht hat. Da aber diese Jugendbewegung hervorgegangen ist aus einer Erschütterung des väterlichen Autoritätsprinzipes, so muß man sagen, daß dieses geschichtliche Leben der neueren Zeit eben nicht die Keime zu einer wirklichen Gemeinschaftsbildung enthält.
[ 6 ] Lasting communities cannot exist unless they are founded on a solid, shared commitment to communal life. And for anyone familiar with the history of social life, it was therefore no surprise that what contained only the beginnings of clique formation could not develop into communal life, and that these young souls consequently became reclusive, felt an inner urge not to join in, and even developed a certain fear of joining in. Everyone who has, I would say, fully participated in the youth movement goes more or less their own way. But since this youth movement arose from a shaking of the principle of paternal authority, one must say that this historical life of modern times simply does not contain the seeds for the formation of a true community.
[ 7 ] Was Sie also in erster Linie werden suchen müssen, das ist schon die Gemeinschaftsbildung. Und da werden Sie nicht anders können, wenn Sie zu einem wahrhaftigen, zu einem wirklichkeitsgetränkten Ziel kommen wollen, als praktisch Dreigliederung zu treiben, sich wirklich bewußt zu sein, wie man praktisch Dreigliederung treiben kann. Sie brauchen dazu gerade in Ihrem Berufe absolut nicht in abstrakter Weise für die Dreigliederung zu agitieren. Es ist gerade in Ihrem Beruf gut [möglich], für die Dreigliederung ganz praktisch zu arbeiten. Aber das geht nicht anders, als daß Sie den Weg suchen zu denjenigen, zu denen Sie sprechen wollen. Es muß ein wirklicher Weg gefunden werden, Gemeinden zu gründen.
[ 7 ] So what you will have to seek first and foremost is the building of community. And if you want to achieve a genuine, reality-based goal, you will have no choice but to actively pursue threefolding in practice and to be truly aware of how threefolding can be put into practice. To do this, especially in your profession, you absolutely do not need to campaign for threefolding in an abstract way. It is precisely in your profession that it is quite possible to work toward threefolding in a very practical way. But this can only be achieved by seeking a way to reach those to whom you wish to speak. A real way must be found to establish communities.
[ 8 ] Nun braucht man nicht zu glauben, daß man, indem man so etwas tut, in einem gewissen radikalen Sinn ein Revolutionär werden muß. Das braucht man gar nicht. Es kann sich in dem einen Fall ergeben, daß Sie auf dem ganz regulären Wege in irgendein Pfarramt, in ein Predigeramt kommen. Es kann sich auch ergeben, daß es Ihnen gelingt, die äußeren materiellen Verhältnisse da oder dort so zu dirigieren, daß Sie eine völlig freie Gemeinde begründen. Aber solche freie Gemeinden und solche, in die man das Bestreben hat, Freiheit des religiösen Lebens hineinzutragen, sie müssen zusammengehören; und das kann nur sein, wenn in einer gewissen Weise dasjenige, was Sie anstreben — ich bitte das nicht mißzuverstehen, es soll nicht das Predigen des reinen Machtprinzips sein, aber des berechtigten Machtprinzips —, wenn dasjenige, was Sie anstreben, eine Macht wird, das heißt, wenn Sie eine bestimmte Zahl von Gesinnungsgenossen haben. Etwas anderes wird auf die Welt keinen Eindruck machen. Sie müssen tatsächlich die Möglichkeit haben, über ein großes Territorium hin Leute als Prediger zu haben, die aus Ihren ganz konkreten Kreisen sind. Dazu wird es schon einmal notwendig sein, daß Sie diesen Kreis, den Sie jetzt haben, mindestens noch zehnmal größer machen. Das wird gewissermaßen Ihre erste Aufgabe sein, daß Sie sich einen so großen Kreis von Gesinnungsgenossen zunächst auf dem Wege, auf dem der kleinere Kreis zustande gekommen ist, eben suchen. Nur dann, wenn in den entferntesten Orten — relativ natürlich entferntesten Orten — gesehen wird, wie die gleiche Bestrebung auftritt, wenn ein Zusammenhalt mit Ihnen über ein größeres Territorium ist, dann werden Sie praktisch zu einer solchen Gemeindebildung schreiten können, gleichgültig, ob Sie auf einem heute anerkannten Wege ins Predigeramt gekommen sind oder sonstwie.
[ 8 ] Now, one need not believe that, by doing something like this, one must become a revolutionary in some radical sense. That is not necessary at all. It may happen in some cases that you are appointed to a parish or a preaching position through entirely regular channels. It may also happen that you succeed in managing the external material circumstances here or there in such a way that you establish a completely free congregation. But such free congregations—and those in which one strives to bring freedom into religious life—must belong together; and that can only happen if, in a certain sense, what you are striving for—please do not misunderstand me; this is not meant to be the preaching of the pure principle of power, but of the justified principle of power—if what you are striving for becomes a force, that is, if you have a certain number of like-minded people. Anything else will make no impression on the world. You must in fact have the ability to have people from your very specific circles serving as preachers across a large territory. To achieve this, it will first be necessary for you to expand the circle you currently have at least tenfold. This will, so to speak, be your first task: to seek out such a large circle of like-minded people, initially following the same path by which the smaller circle came into being. Only when people in the most remote places—relatively speaking, of course—see that the same aspiration is emerging, and when there is a sense of unity with you across a larger territory, will you be able to proceed practically toward forming such a congregation, regardless of whether you entered the ministry through a path recognized today or by some other means.
[ 9 ] Sie werden so wirken können, daß Sie nun wirklich Ihre Gemeindekinder innerlich, gemüthaft an sich ketten können. Wenn ich sage «ketten», so bedeutet das nicht, Sklavenketten anzulegen. Dazu gehört allerdings, daß die Gemeindemitglieder durch Sie das Bewußtsein bekommen, in einer gewissen Brüderlichkeit zu leben. Die Gemeinden müssen konkrete brüderliche Gefühle in sich haben und sie müssen ihren Prediger-Leiter als eine selbstverständliche Autorität anerkennen, an die sie sich auch wenden in konkreten Fragen. Das heißt, Sie müssen zuerst in diesen Gemeinden, die Sie nicht in agitatorischer Weise Brüdergemeinschaften oder dergleichen zu nennen brauchen, eine selbstverständliche Autorität vor allen Dingen sich verschaffen — so sonderbar es zunächst erscheint — in bezug auf das Wirtschaftsleben. Es muß möglich sein, daß bei Ihnen Rat gesucht wird in wirtschaftlichen Angelegenheiten und in alle dem, was mit wirtschaftlichen Angelegenheiten zusammenhängt, aus der persönlichen Erkenntnis der Gemeindemitglieder heraus. Es muß möglich werden, daß man das Gefühl hat, man bekommt eine Art Direktive aus der geistigen Welt heraus, wenn man den Prediger fragt.
[ 9 ] You will be able to have such an impact that you can truly bind the children of your congregation to you in a heartfelt, warm way. When I say “bind,” I do not mean to put them in chains like slaves. However, this does involve helping the congregation members develop an awareness, through you, that they are living in a certain spirit of brotherhood. The congregations must possess genuine feelings of brotherhood, and they must recognize their pastor and leader as a natural authority to whom they can turn for specific questions. This means that, first and foremost, you must establish a natural authority within these congregations—which you need not call “brotherhoods” or the like in an agitational manner—above all, as strange as it may seem at first, with regard to economic life. It must be possible for people to seek your advice on financial matters and everything related to them, based on the personal insight of the congregation members. It must become possible for people to feel that they are receiving a kind of guidance from the spiritual world when they ask the preacher.
[ 10 ] Sehen Sie, wenn man das Leben betrachten kann, dann tritt einem in scheinbar kleinen Symptomen dasjenige entgegen, was eigentlich richtunggebend sein soll. Ich ging einmal in Berlin durch eine Straße und begegnete einem mir seit langer Zeit bekannten Prediger. Der trug eine Reisetasche. Ich wollte höflich sein und irgendeine Frage an ihn richten. Das nächste war natürlich, daß ich die Frage an ihn richtete, die sich aus der Situation heraus ergab: «Treten Sie eine Reise an?» — «Nein», antwortete er mir, «ich gehe eben zu einer Amtshandlung». — Nun mögen Sie darin etwas außerordentlich Unbedeutsames sehen; aus dem ganzen Zusammenhang erschien mir aber die Sache außerordentlich bedeutsam. Der betreffende Prediger war allerdings mehr Theologe als Prediger in seinem Wirken, aber er war durchaus ein innerlich tiefernster Mensch; er hatte in seiner Reisetasche die Dinge, die er brauchte zu einer Taufe und sprach dennoch so, fühlte so, daß er auch einem Menschen gegenüber, von dem er die Voraussetzung haben konnte, daß er eine andere Redewendung verstehen würde, aussprechen konnte: «Ich gehe zu einer Amtshandlung». — Das ist so ungefähr wie bei einem Polizeimann, wenn ein Dieb gesucht werden soll, der geht auch zu einer Amtshandlung.
[ 10 ] You see, when one looks at life, what is actually meant to set the course for one’s life often presents itself in seemingly small signs. I was once walking down a street in Berlin when I ran into a preacher I had known for a long time. He was carrying a travel bag. I wanted to be polite and ask him a question. Naturally, the next thing I did was ask him the question that arose from the situation: “Are you going on a trip?”—“No,” he replied, “I’m just on my way to perform a religious ceremony.”—Now you may see this as something utterly insignificant; but in the overall context, the matter struck me as extraordinarily significant. The pastor in question was, admittedly, more of a theologian than a preacher in his work, but he was certainly a man of profound inner depth; he had in his travel bag the items he needed for a baptism, and yet he spoke and felt in such a way that he could say, even to someone whom he could assume would understand a different turn of phrase: “I’m going to perform an official duty.” — It’s roughly the same as with a police officer: when a thief is to be sought, he, too, is going to perform an official duty.
[ 11 ] Das müßte überhaupt ganz aus dem Wirken des Predigers verschwinden, daß irgendwie bei ihm der Zusammenhang mit dem äußeren staatlichen oder sonstigen Leben im Bewußtsein hervortritt. Es muß schon in der ganzen Gefühlsweise, wie sie sich dann in die Rede ergießt, das enthalten sein, daß dasjenige, was da vollzogen wird, durch eine solche Persönlichkeit vollzogen wird, die aus der sich ihres Gottes bewußten menschlichen Persönlichkeit, aus dem freien Antrieb der menschlichen Persönlichkeit heraus handelt. Es muß das Bewußtsein vorhanden sein: Ich tue das nicht als Amtshandlung, ich tue es selbstverständlich aus meinem Innersten heraus, weil die göttliche Kraft mich dahin führt.
[ 11 ] It should disappear entirely from the preacher’s ministry—that any connection to external political or other aspects of life should come to the fore in his consciousness. The entire emotional tone—as it then pours forth into speech—must convey that what is being accomplished is being accomplished by a personality who acts out of a human personality conscious of its God, out of the free impulse of the human personality. There must be an awareness: I am not doing this as an official act; I am, of course, doing it from the depths of my being, because the divine power is guiding me to do so.
[ 12 ] Sie mögen das als eine Nebensache ansehen. Gerade die Tatsache, daß man solche Tatsachen als Nebensachen ansieht, die ist vielleicht das Allerwichtigste in den Schäden des heutigen religiösen Wirkens. Wenn solche Dinge wiederum einmal als Hauptsache angesehen werden, daß bis in die kleinste Empfindung hinein der Mensch sich als durchdrungen weiß von dem unmittelbaren Dasein des Göttlichen im Physischen, und wenn sich der Prediger als solche Autorität fühlt, daß er weiß, ich trage das göttliche Leben da hinein, ich vollbringe nicht eine Amtshandlung im heutigen Sinne, sondern ich führe einen Auftrag des Gottes aus —, dann erst wird er auf seine Gemeindekinder dasjenige übertragen, was an Imponderabilien übertragen werden muß.
[ 12 ] You may regard this as a minor matter. Yet it is precisely the fact that such matters are regarded as minor that is perhaps the most significant aspect of the damage caused by today’s religious activity. When such things are once again regarded as the main issue—that down to the smallest sensation, a person knows themselves to be permeated by the immediate presence of the Divine in the physical world—and when the preacher feels such authority that he knows, “I am bringing the divine life into this,” I am not performing an official act in the modern sense, but rather carrying out a mission from God—only then will he impart to the members of his congregation that which must be imparted in terms of the intangible.
[ 13 ] Dies ist scheinbar recht weit weg von dem Wirtschaftsleben. Und dennoch, man darf nicht so, wie die Sachen heute liegen, die Dinge, die wir hier in Stuttgart anstreben auf dem Gebiete der Dreigliederung, etwa auch für maßgebend halten für andere Gebiete des Lebens. Wir arbeiten die Dreigliederung aus dem Gesamten des sozialen Organismus heraus. Für Ihren Beruf handelt es sich aber um etwas anderes. Für Ihren Beruf handelt es sich darum, jedes der drei Glieder — die ja, auch wenn sie nicht richtig organisiert sind, eben in Wirklichkeit doch da sind —, jedes dieser drei Glieder mit religiös-geistlichem Leben zu durchdringen; so daß — obwohl völlige Freiheit des Ratholens herrscht innerhalb der Gemeinden, innerhalb derer sich ja natürlich auch das Wirtschaftsleben abspielt — gewissermaßen die selbstverständliche Voraussetzung sein muß, daß man in den wirtschaftlichen Dingen, bei denen es sich darum handelt, daß geistiges Leben hineinfließt in die Gemeinde, die Entscheidung bei dem Prediger, bei dem Pfarrer holt. Es muß ein solcher Einklang sein, und vor allen Dingen muß der Pfarrer in innigem Zusammenhang leben mit dem gesamten Wohltätigkeitsleben seiner Gemeinde. Gewissermaßen mit dem Ausgleiche der sozialen Ungleichheiten muß er in einem wissenden Zusammenhang stehen. Das muß in der Gemeinde angestrebt werden. Man muß tatsächlich der Berater der Männer sein, und man muß in gewisser Beziehung auch der helfende Berater der Frauen sein, man muß der Wohltätigkeit der Frauen eine Hilfe sein und so weiter.
[ 13 ] This seems quite far removed from economic life. And yet, given the current state of affairs, we must not regard the goals we are pursuing here in Stuttgart in the area of the threefold social order as applicable to other areas of life. We are developing the threefold order out of the social organism as a whole. For your profession, however, the issue is different. For your profession, the task is to permeate each of the three members—which, even if they are not properly organized, do in fact exist—with religious and spiritual life; so that—although there is complete freedom of deliberation within the congregations, within which economic life naturally also takes place—it must, so to speak, be a self-evident prerequisite that in economic matters, where the aim is for spiritual life to flow into the congregation, the decision is sought from the preacher, from the pastor. There must be such harmony, and above all, the pastor must live in close connection with the entire charitable life of his congregation. In a sense, he must be intimately involved in addressing social inequalities. This must be the goal within the congregation. One must truly be an advisor to men, and in a certain sense, one must also be a supportive advisor to women; one must be a source of support for women’s charitable work, and so on.
[ 14 ] Sowohl die Männer als auch die Frauen müssen da, wenn es sich darum handelt, ihre Angelegenheiten des wirtschaftlichen Lebens, wirtschaftlicher Hilfe, wirtschaftlichen Zusammenarbeitens in einem höheren Sinne einzurichten, unbedingt das selbstverständliche Gefühl haben, da hat der Prediger mitzusprechen. Ohne ein Interesse, ein mittuendes Interesse im Wirtschaftsleben, lassen sich religiöse Gemeinschaften nicht begründen, insbesondere nicht in der heutigen schwierigen Zeit des Wirtschaftslebens.
[ 14 ] When it comes to organizing their affairs of economic life, economic aid, and economic cooperation in a higher sense, both men and women must absolutely have the natural sense that the preacher has a say in the matter. Without an interest—an active interest—in economic life, religious communities cannot be established, especially not in today’s difficult economic times.
[ 15 ] Nicht wahr, solche Dinge können wir zunächst als ein Ideal hinstellen, aber auf dem einen oder anderen Gebiet wird man die Möglichkeit haben, sich dem Ideal mehr oder weniger zu nähern. Sie werden natürlich unendlich viel Widerstände finden, wenn Sie so etwas anstreben. Sie werden Zurückweisungen finden, aber Sie müssen es dazu bringen, daß Ihre Gemeindemitglieder dieses Bewußtsein empfangen, das ich eben charakterisiert habe, und daß durch ihr Verlangen die Notwendigkeit sich herausstellt, dieses richtunggebende Hineinsprechen des Predigers in das Wirtschaftsleben zu erzielen.
[ 15 ] Isn’t it true that we can initially present such things as an ideal, but in one area or another, we will have the opportunity to come closer to that ideal to a greater or lesser extent? You will, of course, encounter endless resistance if you strive for something like this. You will encounter rejection, but you must ensure that your parishioners receive this awareness that I have just described, and that their desire makes it clear that it is necessary to achieve this guiding influence of the preacher on economic life.
[ 16 ] Ich muß an dieser Stelle sagen, daß vieles Ideal bleiben muß, vor allen Dingen muß heute noch vielfach Ideal bleiben das, was vom Rechtsleben, vom Staatsleben der Anteil desjenigen sein muß, der als Prediger in einer Gemeinde lebt. Ich will ein konkretes Beispiel anführen. Dadurch, daß das religiöse Leben immer mehr den realen Boden verloren hat, sind solche Dinge zustande gekommen, wie sie den heutigen Menschen außerordentlich aufgeklärt erscheinen, wie sie aber aus dem sozialen Leben heraus das religiöse Leben gründlich untergraben. Da ist zum Beispiel die Ansicht, die man heute über die Ehegesetzgebung hat. Es ist ganz zweifellos notwendig, daß die Ehegesetzgebung — mag man sie nun sonst aus anderen Verhältnissen heraus straff oder weniger straff denken —, es ist unter allen Umständen notwendig, daß diese Ehegesetzgebung gewissermaßen sich hineinfügt in die Dreigliederung des sozialen Organismus. Dazu ist aber natürlich notwendig, daß deutlich gefühlt wird gegenüber der Ehe, daß sie in ihrer eigenen Institution durchaus ein Bild des dreigliedrigen sozialen Organismus darstellt. Sie ist erstens eine Wirtschaftsgemeinschaft und muß sich hineingliedern in den sozialen Organismus, insofern er seinen wirtschaftlichen Teil hat. Es muß also ein Zusammenhang gesucht werden zwischen jener Wirtschaftsgemeinschaft, die die Ehe darstellt und den Assoziationen. An das kann heute kaum mehr als gedacht werden, aber aus den Gemeinschaften heraus muß dieses Bewußtsein entstehen, daß vor allen Dingen die wirtschaftliche Seite der Ehe mitgetragen werden muß durch die Maßnahmen der Assoziationen, durch die Maßnahmen des wirtschaftlichen Lebens.
[ 16 ] I must say at this point that much must remain an ideal; above all, what must still remain an ideal in many respects today is the role that a preacher living in a congregation must play in legal and public life. I would like to give a concrete example. Because religious life has increasingly lost touch with reality, certain developments have arisen that appear extraordinarily enlightened to people today, yet which thoroughly undermine religious life from within social life. Take, for example, the view held today regarding marriage legislation. It is undoubtedly necessary that marriage legislation—whether one conceives of it as strict or less strict based on other circumstances—must, under all circumstances, fit into the threefold social organism. For this, however, it is of course necessary to clearly recognize that marriage, in its very institution, is indeed a reflection of the threefold social organism. First, it is an economic community and must integrate itself into the social organism insofar as the latter has an economic component. A connection must therefore be sought between the economic community that marriage represents and the associations. This is something that is scarcely even considered today, but this awareness must arise from within the communities themselves: that, above all, the economic aspect of marriage must be supported by the measures taken by the associations and by the measures of economic life.
[ 17 ] Das zweite ist, daß das Rechtsverhältnis deutlich empfunden wird als ein Verhältnis für sich, und daß der Staat nur in das Rechtsverhältnis der Ehe hineinzureden hat, daß also die Eheschließung zwischen Mann und Weib den Staat nur insofern angeht, als sie eine Angelegenheit des Rechts ist, das vom Staate ausgeht.
[ 17 ] The second point is that the legal relationship is clearly perceived as a relationship in its own right, and that the state has a say in the legal relationship of marriage only to the extent that the marriage between a man and a woman concerns the state as a matter of law emanating from the state.
[ 18 ] Dagegen werden Sie als Ihre ureigene Angelegenheit innerhalb der religiösen Gemeinschaft den geistigen Segen der Ehe beanspruchen müssen in einer völlig freien Weise aus Ihrer Entscheidung heraus. Sie werden also anstreben müssen als ein Ideal, daß in die Freiheit der religiösen Entscheidung hineingestellt wird der religiöse Segen der Ehe und daß diese Entscheidung durchaus respektiert wird, so daß sie als Grundlage angeschaut wird für das andere, daß also tatsächlich durch das Vertrauen, das in der Gemeinschaft existiert, gesucht wird zunächst für die Ehe die Entscheidung des Pfarrers oder des Predigers. Ich weiß natürlich, daß solch eine Sache heute vielleicht sogar von vielen evangelischen Leuten als etwas ganz Unzeitgemäßes angesehen wird, aber wieder kann ich nur sagen: Daß man solche Dinge als unzeitgemäß ansieht, darin zeigen sich ja die Schäden des Zivilisationslebens, die das religiöse Leben ganz unweigerlich untergraben.
[ 18 ] On the other hand, as a matter entirely your own within the religious community, you will have to claim the spiritual blessing of marriage in a completely free manner, based on your own decision. You will therefore have to strive for the ideal that the religious blessing of marriage be embedded within the freedom of religious decision-making and that this decision be fully respected, so that it is viewed as the foundation for the other—that is, that through the trust that exists within the community, the decision of the pastor or preacher is sought first and foremost for the marriage. I know, of course, that such a thing is perhaps regarded today—even by many Protestant people—as something completely out of step with the times, but again I can only say: The fact that such things are viewed as out of step with the times reveals the ills of modern civilization, which inevitably undermine religious life.
[ 19 ] Also, Sie werden Ihren Gemeindemitgliedern das Bewußtsein beibringen müssen, daß der eigentliche innere geistige Kern der Ehe mit dem religiösen Leben zu tun hat und daß durchaus auf diesem Gebiete Dreigliederung praktisch werden muß, das heißt, daß alle drei Teile der Ehe allmählich im sozialen Leben ihre Ausgestaltung finden müssen, daß also alle diese drei Dinge drinnen sein müssen. Man soll sich Dreigliederung nicht so vorstellen, daß man ein Programm utopistischer Art aufstellt und sagt, man soll die Dinge dreigliedern. Man gliedert sie in bester Art in diese drei Glieder, wenn man erfaßt, daß in jeder Institution des Lebens die Dreigliederung implizit enthalten ist, und wie man die einzelnen Dinge so gestalten kann, daß die Dreigliederung zugrunde liegt. Man braucht vielleicht gerade innerhalb Ihres Berufes nicht zu starkes Gewicht darauf zu legen, die Dreigliederung in abstracto zu vertreten; aber man muß verstehen, wie das Leben fordert, daß diese Dreigliederung kommt, das heißt, daß jedes der einzelnen Glieder des sozialen Organismus eine wirklich konkrete, daseiende Realität ist.
[ 19 ] So, you will have to instill in your parishioners the awareness that the true inner spiritual core of marriage has to do with religious life, and that threefolding must indeed be put into practice in this area—that is, that all three aspects of marriage must gradually take shape in social life, so that all three of these elements must be present. One should not imagine threefolding as drawing up some kind of utopian program and saying that things must be divided into three parts. One divides them into these three parts in the best way when one grasps that threefolding is implicitly contained in every institution of life, and how one can shape individual things so that threefolding underlies them. Perhaps, especially within your profession, there is no need to place too much emphasis on advocating the threefold structure in the abstract; but one must understand how life demands that this threefold structure emerge—that is, that each of the individual members of the social organism is a truly concrete, existing reality.
[ 20 ] Natürlich werden Sie heute großen Widerstand dagegen erfahren, aber Sie können gerade in einem solchen Punkte, wenn Sie zunächst aufklärerisch in Ihrer Gemeinde wirken, das Verhältnis, in dem das freie Geistesleben — in dem ja vor allen Dingen das religiöse Element enthalten sein muß — mit dem steht, welches werden soll, am allerbesten entfalten, nicht in, ich möchte sagen, wohlwollenden gegenseitigen Beanredungen, daß man sich gegenseitig duldet, sondern dadurch, daß man tatsächlich das von der Sache Geforderte wirklich auch als sein Ideal hinstellt. Natürlich müssen Sie gewärtig sein, daß man Ihnen da den allergrößten Widerstand entgegenbringt.
[ 20 ] Of course, you will encounter great resistance to this today, but it is precisely on such a point—if you begin by working to educate your community—that you can best develop the relationship between the free spiritual life—which, after all, must above all include the religious element—and the life that is to come, not through, I would say, through well-meaning mutual exchanges in which people merely tolerate one another, but rather by actually presenting what the matter itself demands as your ideal. Of course, you must be prepared for the greatest possible resistance to be directed against you.
[ 21 ] Und drittens: Sie müssen die Möglichkeit haben, nun wirklich das zu entwickeln, was im dreigliederigen sozialen Organismus das freie Geistesleben bedeuten soll. Wir haben heute in dem allgemeinen sozialen Organismus überhaupt kein Geistesleben mehr, wir haben ein intellektuelles Leben, wir haben aber kein Geistesleben. Wir haben, ich möchte sagen, keinen Umgang der Götter mit den Menschen. Wir haben nicht das Bewußtsein, daß in allem, was äußerlich in der physischen Welt vorgeht, das göttliche Wirken durch uns selber da sein soll, und daß der wirkliche reale Geist in die Welt getragen werde, daß also sowohl die Handlungen, die sich innerhalb des Wirtschaftslebens abspielen, als auch die rechtlichen Festsetzungen, die sich innerhalb des Staatslebens abspielen, und namentlich, daß der Jugendunterricht und auch die Unterweisung des Alters die freie Tat der an diesem Geistesleben teilnehmenden Menschen sein muß. — Das ist dasjenige, was eben eingesehen werden muß.
[ 21 ] And thirdly: They must have the opportunity to truly develop what the free spiritual life is meant to be within the threefold social organism. Today, in the general social organism, we no longer have any spiritual life at all; we have an intellectual life, but we do not have a spiritual life. We have, I would say, no interaction between the gods and human beings. We lack the awareness that in everything that takes place externally in the physical world, the divine activity is meant to be present through us, and that the true, real spirit be carried into the world—that is, that both the actions taking place within economic life and the legal provisions established within political life, and especially the education of the young and the guidance of the elderly, must be the free acts of people participating in this spiritual life. — This is precisely what must be understood.
[ 22 ] Daher werden Sie nicht anders können, als sich Ihre völlige individuelle Autorität zu erkämpfen für das freie Wollen. Das ist natürlich etwas, was unsere Zeit fordert, daß der einzelne, der predigt, unter seiner eigenen Autorität predigt. Sehen Sie, auf diesem Gebiet muß man schon einfach hinsehen auf diesen gewaltigen Zusammenstoß der Gegensätze, der in unserer Zeit herrscht.
[ 22 ] Therefore, you will have no choice but to fight for your complete individual authority in the name of free will. This, of course, is something that our times demand: that the individual who preaches do so under his own authority. You see, in this area, one simply has to look at this tremendous clash of opposites that prevails in our time.
[ 23 ] Wenn ich heute in eine katholische Kirche gehe und gerade zur Predigt komme, dann weiß ich: der Prediger trägt die Stola. Ich weiß, wenn er die Stola trägt, kommt der Mensch, der da auf der Kanzel steht und predigt, als Mensch für mich überhaupt nicht in Betracht. Das liegt ja auch wirklich im Bewußtsein [des katholischen Priesters]. Er fühlt sich als Mensch für keines seiner Worte in Wirklichkeit verantwortlich, denn in dem Augenblick, wo er die Stola auf der Brust gekreuzt hat, in dem Augenblick spricht die Kirche. Und seit der Infallibilitätserklärung spricht ex cathedra für alle durch die katholische Kirche zu verkündenden Dinge der römische Papst. Also ich habe [im katholischen Prediger] einen Menschen vor mir, der sich im Moment [der Predigt] ganz aushöhlt und auch gar nicht daran denkt, irgendwie seine Meinung zu vertreten, der durchaus der Ansicht ist, er könne eine persönliche Meinung haben, die er ganz für sich behält, die gar nicht übereinzustimmen braucht mit dem, was er von der Kanzel herunter spricht, denn eine persönliche Meinung kommt da nicht in Betracht. In dem Augenblick, in dem er die Stola auf der Brust gekreuzt hat, in dem Augenblick ist er der Vertreter der Kirche.
[ 23 ] When I go into a Catholic church today and the sermon is just beginning, I know that the preacher is wearing the stole. I know that when he wears the stole, the person standing there in the pulpit and preaching does not come into consideration for me at all as a human being. This is, after all, very much part of [the Catholic priest’s] consciousness. He does not feel personally responsible for any of his words, because the moment he crosses the stole over his chest, it is the Church that speaks. And since the declaration of infallibility, the Roman Pope speaks ex cathedra on all matters to be proclaimed by the Catholic Church. So I have before me [in the Catholic preacher] a person who, at the moment [of the sermon], completely empties himself and does not even think of expressing his own opinion in any way; he is fully of the opinion that he can have a personal opinion, which he keeps entirely to himself, and which need not at all correspond to what he speaks from the pulpit, because a personal opinion is out of the question there. The moment he crosses the stole over his chest, at that very moment, he becomes the representative of the Church.
[ 24 ] Sehen Sie, das ist das eine Extrem. Es ist aber da, und es wird eine große Rolle spielen in der unmittelbar vor den Toren stehenden Kulturbewegung. Denn so verderblich wir diese Macht ansehen müssen, es ist eine Macht, eine ungeheure Macht; und man kommt ihr nicht anders nahe, als daß man sich ihrer voll bewußt wird. Sie werden nicht anders kämpfen können. Sie werden auf Schritt und Tritt in Ihrem Leben begegnen der Macht, die heute in unermeßlicher Weise sich ausbreitet, während die Menschheit schläft und es nicht bemerkt.
[ 24 ] You see, that is one extreme. But it exists, and it will play a major role in the cultural movement that is right at our doorstep. For as pernicious as we must regard this power, it is a power—a tremendous power—and the only way to approach it is to become fully aware of it. You will have no other choice but to fight it. At every turn in your life, you will encounter this power, which is spreading today on an immeasurable scale while humanity sleeps and remains unaware.
[ 25 ] Auf der anderen Seite ist nun die Zeitaufgabe, daß vertraut wird auf — wenn ich es so nennen darf — die göttliche Harmonie. Und das, meine lieben Freunde, hat man absolut nicht verstanden in meiner «Philosophie der Freiheit». Aber es ist etwas, was im allereminentesten Sinne verstanden werden sollte in der Gegenwart. In meiner «Philosophie der Freiheit» baut auch das Rechtsleben auf den völlig aus sich heraus wirkenden individuellen Menschen. Einer der ersten, und zwar der geistvollsten Kritiker, die über meine «Philosophie der Freiheit» geschrieben haben — im englischen «Athenaeum» —, schrieb einfach, diese ganze Anschauung führe hinein in einen theoretischen Anarchismus. — Dieses ist selbstverständlich der Glaube der heutigen Menschen. Warum? Weil dem heutigen Menschen jedes wirkliche durchgöttlichte soziale Vertrauen eigentlich fehlt, weil die Menschen das Folgende, für unsere Zeit Allerwichtigste nicht begreifen können, und das ist das: Wenn man den Menschen wirklich dazu bringt, daß er aus seinem Innersten heraus spricht, dann kommt nicht durch seinen Willen, sondern durch die göttliche Welteinrichtung die Harmonie unter die Menschen. Die Disharmonie rührt davon her, daß eben die Menschen nicht aus ihrem Inneren heraus sprechen. Man kann die Harmonie nicht erzeugen auf direkte Weise, sondern nur durch diese indirekte Weise, daß man die Menschen wirklich bis zu ihrem Innersten bringt. Dann tut der eine ganz von selber dasjenige, was dem anderen frommt, spricht auch dasjenige, was dem anderen frommt. Die Menschen reden und handeln nur aneinander vorbei, solange sie sich nicht selbst gefunden haben.
[ 25 ] On the other hand, the task of our time is to place our trust in—if I may call it that—divine harmony. And that, my dear friends, is something that was completely misunderstood in my Philosophy of Freedom. But it is something that should be understood in the most eminent sense in the present day. In my Philosophy of Freedom, legal life, too, is based on the individual human being acting entirely out of his own initiative. One of the first—and indeed the most insightful—critics to write about my Philosophy of Freedom—in the English Athenaeum—simply wrote that this entire view leads to theoretical anarchism. — This, of course, is the belief of people today. Why? Because people today actually lack any genuine, divinely imbued social trust, because people cannot grasp the following—which is of the utmost importance for our time—and that is this: If one truly leads people to speak from their innermost being, then harmony among people arises not through their will, but through the divine order of the world. Disharmony stems precisely from the fact that people do not speak from their innermost being. Harmony cannot be created directly, but only through this indirect means: by truly leading people to their innermost being. Then each person, of their own accord, does what benefits the other and speaks what benefits the other. People will continue to talk past one another and act at cross-purposes as long as they have not found themselves.
[ 26 ] Begreift man das als ein Mysterium des Lebens, dann sagt man sich: Ich suche den Quell meines Handelns in mir selber und habe das Vertrauen, daß der Weg, der mich da ins Innere führt, auch in die göttliche Weltordnung im Äußeren mich einschaltet und ich dadurch in Harmonie mit den anderen wirke. — Dadurch wird erstens das Vertrauen in das menschliche Innere gebracht, zweitens aber auch das Vertrauen in die äußere soziale Harmonie. Einen anderen Weg als diesen gibt es nicht, um die Menschen zusammenzubringen. Was daher von Ihnen errungen werden muß, wenn Sie durch Ihren Beruf tatsächlich auch sozial wirken wollen, göttlich sozial wirken wollen, geistig sozial wirken wollen, das ist die Möglichkeit, wirklich aus Ihrem Inneren heraus zu wirken, das heißt, daß jeder für sich, weil er sich gefunden hat, die Möglichkeit hat, eine Autorität sein zu dürfen.
[ 26 ] If one understands this as a mystery of life, then one says to oneself: I seek the source of my actions within myself and have confidence that the path leading me inward also connects me to the divine world order on the outside, and that through this I act in harmony with others. — This instills, first, trust in the human inner self, and second, trust in external social harmony. There is no other way than this to bring people together. Therefore, what you must achieve—if you truly wish to have a social impact through your profession, a divine social impact, a spiritual social impact—is the ability to act genuinely from within yourself; that is, because each person has found themselves, they have the opportunity to be an authority.
[ 27 ] Der katholische Prediger macht sich individualitätslos, kreuzt die Stola und ist nicht mehr er selbst, er ist die Kirche. Die katholische Kirche hat das magische Mittel, ohne Vertrauen [auf die Individualkraft], durch das äußere symbolische Seelenwirken machtvoll in das soziale Leben hineinzuwirken. Das war dasjenige, was notwendig war, um soziale Gemeinschaften zu begründen ungefähr gegen das Ende des 2. Jahrtausends vor dem Mysterium von Golgatha und ist am idealsten im alten Ägypten ausgebildet worden, und auf Umwegen, die genau historisch zu verfolgen sind, ist das die innere Essenz der katholischen Kirche geworden. Das Wesen der katholischen Kirche besteht darin, daß sie heute noch auf dem Standpunkt steht, auf dem die innere Konstitution des ägyptischen Priesterlebens und sozialen Lebens ungefähr im 2. vorchristlichen Jahrtausend stand. Das Katholische ist ein Hineinwirken des Alten in unsere Zeit.
[ 27 ] The Catholic preacher sets aside his individuality, crosses his stole, and is no longer himself; he is the Church. The Catholic Church possesses the magical means to exert a powerful influence on social life—without relying on [individual power]—through the external, symbolic workings of the soul. This was what was necessary to establish social communities around the end of the second millennium before the Mystery of Golgotha, and it was most fully developed in ancient Egypt; through a circuitous path that can be traced historically with precision, this has become the inner essence of the Catholic Church. The essence of the Catholic Church lies in the fact that it still stands today at the same point where the inner constitution of Egyptian priestly and social life stood around the second millennium B.C. The Catholic is a working-in of the ancient into our time.
[ 28 ] Demgegenüber besteht heute die Notwendigkeit, sich wirklich auf den Standpunkt unserer Zeit zu stellen, gar nicht sich als etwas anderes zu fühlen denn als Träger des zum Intellekt gewordenen göttlichen Lebens in sich selber. [Sie müssen] sich das freie Wort erkämpfen, so daß Ihnen in den Inhalt der Predigt niemand hereinzureden hat, daß es keine Norm gibt für den Inhalt der Predigt. Das ist dasjenige, was Sie sich erkämpfen müssen. Anders werden Sie nicht Gemeinschaften begründen, als wenn Sie sich zum Prinzip machen, sich die Freiheit für das Predigeramt zu erkämpfen.
[ 28 ] In contrast, there is a need today to truly adopt the perspective of our time, and not to feel ourselves to be anything other than bearers of the divine life within ourselves that has become intellect. [You must] fight for the freedom of speech, so that no one can dictate the content of your sermon to you, so that there is no standard for the content of the sermon. That is what you must fight for. You will not be able to establish communities unless you make it a principle to fight for freedom in the ministry.
[ 29 ] Damit habe ich zunächst in einigem fadengezeichnet dasjenige, was gewissermaßen aus dem Inneren heraus zur Gemeinschaftsbildung führen muß. Sind Sie imstande, diese Dinge zu verwirklichen, dann werden Sie auch wiederum die Jugend heranbekommen zu einer wirklichen Gemeinschaftsbildung, während die Jugend es aus sich selbst heraus nur zur Cliquenbildung gebracht hat. Ich habe die Überzeugung und auch das Vertrauen, daß, wenn solche Gemeinschaften zustande kommen können, dann vor allen Dingen sich die Jugend in solchen Gemeinschaften zusammenfinden wird und daraus etwas Ersprießliches werden kann, während eben vor vielleicht 15 bis 20 Jahren die Jugend in der sogenannten Jugendbewegung Zusammenschluß gesucht hat, aber führerlos war, weil man an die Väter nicht mehr geglaubt hat und dadurch ohne eigentlichen inneren Impuls zur Gemeinschaftsbildung hingestrebt hat. Es ist nur eine Cliquenbildung daraus geworden. Heute sind die Seelen Eremiten. Sie würden aber, wenn es eine Möglichkeit des Zusammenschlusses gäbe, sich sofort zusammenschließen, und da, wo wirklich freie Gemeinden auftreten, das heißt Gemeinden mit innerer Freiheit, würde vor allen Dingen die Jugend sich einfinden.
[ 29 ] With this, I have first outlined in some detail what, in a sense, must come from within to lead to the formation of a community. If you are able to bring these things to fruition, then you will in turn be able to draw young people into the formation of a genuine community, whereas on their own, young people have only managed to form cliques. I am convinced—and confident—that if such communities can come into being, then above all, young people will come together in them, and something fruitful can emerge from this; whereas perhaps 15 to 20 years ago, young people sought to unite in the so-called youth movement, but were leaderless because they no longer believed in their fathers and thus strove toward community-building without any real inner impulse. It merely resulted in the formation of cliques. Today, souls are like hermits. But if there were a possibility for them to come together, they would do so immediately, and wherever truly free communities arise—that is, communities with inner freedom—young people, above all, would gather there.
[ 30 ] Sehen Sie, in solchen Dingen haben wir es mit unserer anthroposophischen Bewegung ja natürlich schwer. Denn diese anthroposophische Bewegung kann heute durch ihre innere Natur nichts anderes sein als eine ganz universelle Bewegung. Sie muß sich gewissermaßen auf alle Gebiete des Lebens verlegen, und wir stehen in bezug auf die anthroposophische Bewegung in einer außerordentlich schwierigen Situation drinnen. Wir stehen in der schwierigen Situation, daß auf der einen Seite ein gewisses anthroposophisches Gut heute der Welt mitgeteilt werden muß — das muß in die Welt, denn es fehlt der Welt an der Möglichkeit, geistige Inhalte zu bekommen —, auf der anderen Seite tritt überall das Bestreben auf, Gemeinden zu bilden, gewissermaßen anthroposophische Gemeinden zu bilden. Nennen Sie es Zweige, nennen Sie es, wie Sie wollen, es tritt das Bestreben auf, anthroposophische Zweige zu begründen. Und weil die anthroposophische Bewegung heute noch so etwas Universelles sein muß, können diese anthroposophischen Zweige nicht eigentlich zu einem wirklichen Leben kommen, denn sie pendeln hin und her zwischen dem religiösen Element und dem mehr auf alle Zweige des Lebens gerichteten geistigen Element. Sie kommen dadurch natürlich auch nicht zu einer wirklichen Brudergesinnung; sie kommen dadurch überhaupt nicht zu einem Erfassen der sozialen Aufgabe, die darin besteht, daß man in kleinen Gemeinden vorbildlich dasjenige konkret begründet, was dann in der Menschheit sich ausbreiten soll; sondern entweder arten sie aus in eine bloße Übertragung des Lehrgutes, oder aber sie fühlen in sich das menschliche Widerstreben gegen den Zusammenschluß und zersplittern sich in Meinungen, zanken sich und dergleichen. Aber wenn man fragt: Worin liegt der Fehler? — dann liegt er eben nicht in diesen Gemeinschaften, sondern darin, daß man ja eigentlich einen wirklichen Anschluß an ein religiöses Leben heute nicht findet, wenn man auf der anderen Seite erkennend die geistige Welt durchdringt. Bei all den Bekenntnissen, die heute existieren, finden die Anthroposophen ein religiöses Leben nicht. Diese Gemeinschaften müssen eben erst da sein. Sie können nicht anders da sein, als daß man in ganz ernster Weise sich alles das vorlegt, was zur Begründung solcher Gemeinschaften führen kann. Ich glaube, die äußeren Möglichkeiten, die Institutionsmöglichkeiten, die werden sich, wenn die Gesinnung, die ich versuchte Ihnen heute zu kennzeichnen, wirklich durchdringt, dann gar nicht so schwer finden, wenn Sie nur eine genügende Anzahl sind. Wenn Sie etwa zehnmal soviel Leute haben, die sich vorbereiten, den Predigerberuf über Deutschland hin, über ein größeres Territorium hin zu erfüllen, dann werden Sie auch die Möglichkeit haben, aus dieser Gesinnung heraus zur Gemeinschaftsbildung zu kommen. Aber die Gemeinschaftsbildung ist die Grundlage. Erst wenn wir über diese uns klar geworden sind, können wir über Kultus und Predigt weitersprechen.
[ 30 ] You see, in matters like these, we naturally face a difficult situation with our anthroposophical movement. For, by its very nature, this anthroposophical movement today cannot be anything other than a truly universal movement. It must, so to speak, extend to all areas of life, and we find ourselves in an extraordinarily difficult situation with regard to the anthroposophical movement. We find ourselves in the difficult situation that, on the one hand, a certain anthroposophical legacy must be shared with the world today—it must go out into the world, for the world lacks the opportunity to receive spiritual content—while, on the other hand, there is a widespread effort to form communities, to form, so to speak, anthroposophical communities. Call them branches, call them what you will—there is a growing effort to establish anthroposophical branches. And because the anthroposophical movement must still be something universal today, these anthroposophical branches cannot truly come to life, for they oscillate back and forth between the religious element and the spiritual element, which is directed more toward all branches of life. Consequently, they naturally fail to develop a genuine spirit of brotherhood; nor do they in any way come to grasp the social task, which consists in concretely establishing—in small communities—in an exemplary manner that which is then to spread throughout humanity; rather, they either degenerate into a mere transmission of doctrine, or they feel within themselves a human resistance to unity and fragment into differing opinions, quarrel among themselves, and so on. But if one asks: Where does the mistake lie? — then it lies not in these communities, but in the fact that one cannot actually find a genuine connection to a religious life today if, on the other hand, one penetrates the spiritual world with insight. Among all the denominations that exist today, the anthroposophists do not find a religious life. These communities simply have to come into being first. They cannot come into being in any other way than by seriously considering everything that can lead to the establishment of such communities. I believe that the external possibilities—the institutional possibilities—will not be all that difficult to find if the mindset I have tried to describe to you today truly takes hold, provided there are enough of you. If you have, say, ten times as many people preparing to take up the calling of preaching throughout Germany—across a larger territory—then you will also have the opportunity to form communities based on this mindset. But the formation of communities is the foundation. Only once we have become clear about this can we move on to discussing worship and preaching.
[ 31 ] Nun möchte ich Sie bitten, daß Sie von sich aus sagen und in Fragen formulieren, was Ihre speziellen Gedanken, Wünsche und so weiter sind. Es werden Ihnen vielleicht auch Bedenken aufgestiegen sein bei den einzelnen Dingen, die ich erwähnt habe, oder es wird in Ihnen das Gefühl sein, daß die eine oder andere Frage nicht erschöpft ist, daß Sie noch praktischere Dinge brauchen.
[ 31 ] Now I would like to ask you to speak up on your own and express your specific thoughts, wishes, and so on in the form of questions. You may also have had some reservations about the specific points I mentioned, or you may feel that one or another issue hasn’t been fully addressed, or that you need more practical guidance.
[ 32 ] Ein Teilnehmer: Wenn auch vielleicht das Praktische sich leicht ergeben wird, so ist vielleicht doch dies oder das Praktische für uns von größter Bedeutung jetzt, zumal einige von uns in gewissen praktischen Situationen schon stehen. Deshalb würde ich bitten, uns vielleicht noch etwas zu sagen über die Anschlußmöglichkeiten. Es sind ja zunächst zwei Anknüpfungsmöglichkeiten vorhanden, entweder vielleicht von der Kirche aus oder die Anknüpfung an die bisherigen anthroposophischen Gemeinden. Ist überhaupt eine Anknüpfung von kirchlicher Arbeit aus dann hinterher zu finden? Diese Befürchtung, daß sie nicht zu finden ist, hält noch manche von uns zurück, obwohl sie schon in den Kirchendienst eintreten könnten. Was soll denn nun geschehen? Es ist vielleicht die Frage nach praktischen Dingen schon enthalten, aber es liegt die prinzipielle Frage nach der Anknüpfungsmöglichkeit schon darin, es besteht eben nicht Klarheit bei uns darüber, wo wir nun gleich praktisch anknüpfen können. Verscherzen wir uns eine Möglichkeit, wenn wir jetzt in den Kirchendienst eintreten in der Hoffnung, später da anknüpfen zu können? Sollen wir nicht lieber etwas anderes tun, denn irgendwo müssen wir anknüpfen.
[ 32 ] A participant: Even if the practical aspects may work themselves out easily, perhaps this or that practical matter is of the utmost importance to us right now, especially since some of us are already facing certain practical situations. That is why I would ask that you perhaps tell us a little more about the possibilities for getting involved. There are, after all, two possible points of connection to begin with: either through the church or through the existing anthroposophical communities. Is it even possible to find a connection through church work later on? This fear—that such a connection cannot be found—is still holding some of us back, even though we could already enter church service. So what is to happen now? The question of practical matters may already be implied, but the fundamental question of how to make the connection is also inherent in it; we simply lack clarity about where we can make a practical connection right now. Are we missing out on an opportunity if we enter church service now in the hope of being able to build on it later? Shouldn’t we rather do something else, since we have to start somewhere?
[ 33 ] Rudolf Steiner: Die Sache liegt ja so, daß die Antwort darauf eine mannigfaltige sein muß. Sie ist nicht gleichartig zu geben, weil es in der Tat trotz der Schwierigkeiten, die heute die Kirche darbietet, doch noch immer Möglichkeiten gibt, aus der Kirche selbst heraus zu arbeiten, die man vielleicht nicht ungenützt lassen soll. Denn wenn Sie die besonderen Verhältnisse da oder dort berücksichtigen, werden Sie sich sagen können, nach der ganzen Art der Gemeinde ist es möglich, daß Sie Ihre Gemeinde selber begründen können, wenn Sie aus den bestehenden Formen heraus das Amt suchen, aber dann die Gemeinde gewissermaßen nach und nach aus den heutigen kirchlichen Verhältnissen herausführen, während Sie die Gemeindeglieder nicht zusammenbekommen würden, wenn Sie sich außerhalb der Kirche stellen und eben sie einfach sammeln wollten. Dagegen wird auf gewissen Gebieten ein Herausarbeiten aus der Kirche überhaupt nicht mehr möglich sein. Da ist es dann natürlich durchaus geboten, den Versuch zu machen, freie Gemeinden zu gründen: Nur würde ich unter allen Umständen empfehlen, die Sache nicht so zu versuchen, daß mit Bezug auf die anthroposophischen Zweige und so weiter ein Sichzusammenschließen angestrebt wird, daß nicht angestrebt wird ein Herausarbeiten aus der Anthroposophie selber, denn da würde Ihnen der Faden abreißen, bevor Sie zu irgend etwas kommen. Anthroposophie als solche wird einfach in der unerhörtesten Weise in der nächsten Zeit bekämpft werden von allen möglichen Seiten; und um innerhalb dieses Kampfes zu ruhiger Gemeindebildung zu kommen, dazu, sehen Sie, dazu reicht eigentlich die Kraft, die Sie heute haben, durch Ihre Zahl — selbst wenn sie zehnmal größer ist — noch nicht aus. Wir leben noch nicht in den sozialen Verhältnissen, die es möglich machen würden, aus der Anthroposophie selbst heraus zur religiösen Gemeindebildung zu kommen. Sie müssen die religiöse Gemeindebildung für sich vornehmen und dann den Zusammenschluß mit der anthroposophischen Bewegung suchen. Die anthroposophische Bewegung — das kann ich ja durchaus sagen — wird niemals ermangeln, diesen Zusammenschluß zu fördern, selbstverständlich; aber es würde nicht gut sein, gewissermaßen aus den anthroposophischen «Gemeinden» heraus kirchliche Gemeinden zu bilden.
[ 33 ] Rudolf Steiner: The fact is that the answer to this question must be multifaceted. It cannot be given in a single, uniform way, because—despite the difficulties the Church presents today—there are still opportunities to work from within the Church itself that one should perhaps not let go to waste. For if you take into account the specific circumstances here and there, you will be able to say to yourself that, depending on the nature of the congregation, it is possible for you to establish your own congregation if you seek the ministry within the existing structures, but then gradually lead the congregation out of today’s church conditions, whereas you would not be able to gather the congregation members if you positioned yourself outside the church and simply tried to bring them together. In certain areas, however, it will no longer be possible at all to break away from the church. There, of course, it is absolutely necessary to attempt to establish free congregations: However, I would recommend under all circumstances that you not attempt this in a way that seeks to bring people together with reference to the anthroposophical branches and so on, and that you do not aim to break away from anthroposophy itself, for then you would lose your way before you achieve anything. Anthroposophy as such will simply be attacked in the most outrageous way in the near future from all possible sides; and to achieve the peaceful formation of communities within the midst of this struggle—you see, the strength you have today, even if your numbers were ten times greater, is still not sufficient for that. We do not yet live in the social conditions that would make it possible to establish religious communities based solely on anthroposophy itself. You must undertake the formation of religious communities on your own and then seek to unite with the anthroposophical movement. The anthroposophical movement—and I can certainly say this—will never fail to promote this union, of course; but it would not be good to form church congregations, so to speak, out of the anthroposophical “congregations.”
[ 34 ] Sehen Sie, als wir die Waldorfschule gegründet haben — es ist nicht ein Beispiel, aber es ist wenigstens eine Ähnlichkeit vorhanden —, gingen wir darauf aus, keine Weltanschauungsschule, keine Anthroposophenschule zu gründen, sondern lediglich in Pädagogik und Didaktik das hineinzubringen, was hineingebracht werden kann durch Anthroposophie. Ich habe durchaus darauf gehalten, daß die katholischen Kinder von den katholischen Pfarrern, evangelische Kinder von den evangelischen Pfarrern unterrichtet werden. Nun hat sich allerdings herausgestellt, dadurch, daß der erste Grundstock der Waldorfschule Arbeiterkinder waren, daß dann sehr viele Kinder überhaupt keine religiöse Unterweisung gehabt hätten. Und gleichsam ergab sich dann die Notwendigkeit, auch einen freien anthroposophischen Religionsunterricht zu erteilen. Aber ich halte in allen Einzelheiten, namentlich in meinem eigenen Verhalten zu der Sache, streng darauf, daß dieser anthroposophische Religionsunterricht nicht in die Konstitution dieser Schule hineinfällt, sondern daß er ebenso von außen hineinkommt wie der katholische, wie der evangelische Religionsunterricht, so daß nicht die Schule als solche aus sich heraus diesen Religionsunterricht gibt, sondern daß sie eben einfach der anthroposophischen Gemeinschaft gestattet, denjenigen Kindern, bei denen es die Eltern wollen, diesen anthroposophischen Religionsunterricht zu geben, wie den evangelischen Kindern der evangelische und den katholischen Kindern der katholische Religionsunterricht gegeben wird. Auf diesem Gebiet muß man schon Ernst damit machen, daß das Geistige nur durch das Geistige wirkt. Sobald man eine Schulverfassung treffen würde, um den Religionsunterricht einzufügen in den Lehrplan der Schule, würde man ja zunächst wahrscheinlich mehr erreichen, als wir jetzt erreichen, aber langsam wieder abbauen. Man muß das Vertrauen zum Geiste haben, daß er durch sich selber wirkt. Und deshalb stehen wir eben in der anthroposophischen Bewegung vor der großen Schwierigkeit, daß wir, sobald wir einen Zweig begründen, das äußerlich in der physischen Welt machen; und da haben die Menschen natürlich immer das Bestreben, nun durch äußere Mittel zu wirken. Aber Anthroposophie kann heute nicht durch äußere Mittel wirken, sie kann nur durch dasjenige wirken, was in ihr als geistiger Gehalt auf die Menschen wirkt. Diese zwei Dinge stehen immer miteinander im Kampf: äußerliche Zweigbildung — innerliche Wirksamkeit. Das kämpft ganz furchtbar durcheinander. Und das würde selbst in dem Momente in ein Gesundes übergehen, wenn wirklich aus dem religiösen Geiste heraus eine Gemeinschaftsbildung möglich wäre. Nun, da handelt es sich natürlich darum, daß man wirklich, ich möchte sagen, gewissermaßen höhere Unbequemlichkeiten überwindet.
[ 34 ] You see, when we founded the Waldorf School—it’s not exactly the same thing, but there is at least a similarity—our aim was not to establish an ideological school or an anthroposophical school, but simply to incorporate into pedagogy and didactics whatever could be contributed by anthroposophy. I was very much of the opinion that Catholic children should be taught by Catholic priests and Protestant children by Protestant pastors. However, it turned out—because the initial student body of the Waldorf School consisted of working-class children—that a great many of these children had received no religious instruction at all. And so, as it were, the need arose to also provide independent anthroposophical religious instruction. But I insist strictly, in every detail—particularly in my own attitude toward the matter—that this anthroposophical religious instruction not become part of the school’s constitution, but rather that it be introduced from outside, just as Catholic and Protestant religious instruction is, so that the school as such does not provide this religious instruction on its own initiative, but simply allows the anthroposophical community to provide this anthroposophical religious instruction to those children whose parents so desire, just as Protestant children receive Protestant religious instruction and Catholic children receive Catholic religious instruction. In this area, we must take seriously the fact that the spiritual works only through the spiritual. As soon as we were to establish a school structure to incorporate religious education into the school curriculum, we would probably achieve more at first than we do now, but we would gradually lose that again. We must have faith in the spirit, that it works through itself. And that is precisely why we in the anthroposophical movement face the great difficulty that, as soon as we establish a branch, we do so outwardly in the physical world; and there, people naturally always strive to act through external means. But anthroposophy cannot work through external means today; it can only work through that which, as spiritual content within it, acts upon people. These two things are always in conflict with one another: the external formation of branches—and inner effectiveness. They clash terribly with one another. And this would transform into something healthy the very moment it became possible to form a community truly rooted in the religious spirit. Well, of course, this involves truly overcoming—I would say, in a sense—certain higher inconveniences.
[ 35 ] Sehen Sie, wenn ich zu den schweizerischen Lehrern rede über die Befreiung des Geisteslebens, Befreiung des Unterrichtswesens, da erwidern in der Regel sogar die besten: Ja, wir sind in der Schweiz eigentlich ganz frei, wir können in der Schule machen, was wir wollen. — Keiner aber macht etwas anderes, als was der Staat will. Aus Freiheit sind sie im Grunde genommen so unfrei als möglich; sie fühlen nur ihre Unfreiheit nicht, sie fühlen die Unfreiheit als Freiheit, weil sie innerlich so damit zusammengewachsen sind. Wir müssen wiederum erst lernen, die Unfreiheit zu fühlen. Ich konnte es einmal bei einer Dreigliederungsversammlung, die ich in der Schweiz abgehalten hatte, in einer ganz merkwürdigen Weise empfinden; ich möchte sagen, es war da mehr auf ein humoristisches Gebiet gebracht. In der Diskussion hatte sich ein Mensch in einer gewissen fanatischen Weise darüber ungeheuer erhitzt, daß in Deutschland durch Gesetze, Polizeimaßregeln allen geboten wäre, sich loyal zu verhalten, das Monarchische loyal zu verehren und so weiter, das alles sei Gebot. Daran erhitzte er sich so furchtbar. Ich sagte ihm: Das mag ja nun natürlich alles ganz schön sein, daß sich Republikaner in einer solchen Weise gegen das Gebot der Monarchie erhitzen, aber ich erinnere mich, daß, als vor einigen Jahren der deutsche Kaiser in der Schweiz war, sich die Leute in einer ungeheuer devotionellen Weise benommen haben, so daß dazumal in der Tat das Bild des Devotionellen in Zürich dasjenige weit übertroffen hat, was man gewohnt war innerhalb Deutschlands. — Daraufhin sagte er: Ja, das ist gerade der Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz: in Deutschland ist das alles geboten, da müssen es die Leute tun, wir tun’s aber freiwillig. — Das ist der Unterschied zwischen freien Menschen und denjenigen, die unfrei sind.
[ 35 ] You see, when I speak to Swiss teachers about the liberation of intellectual life and the liberation of the educational system, even the best among them usually reply: “Yes, we’re actually quite free in Switzerland; we can do whatever we want in school.” — But no one does anything other than what the state wants. In terms of freedom, they are, in essence, as unfree as possible; they simply do not feel their lack of freedom—they perceive this lack of freedom as freedom because they have become so inwardly accustomed to it. We, in turn, must first learn to feel this lack of freedom. I once experienced this in a very peculiar way at a Threefold Order meeting I held in Switzerland; I would say it was presented there in a rather humorous light. During the discussion, one person had become incredibly worked up—in a somewhat fanatical way—over the fact that in Germany, laws and police measures compel everyone to behave loyally, to loyally revere the monarchy, and so on—that all of this is mandatory. He was so terribly worked up about it. I said to him: “Now, of course, it may all be well and good that Republicans get so worked up in this way against the monarchy’s dictates, but I recall that when the German Emperor was in Switzerland a few years ago, people behaved in an incredibly devout manner, so that at that time, in fact, the display of devotion in Zurich far exceeded what one was accustomed to seeing within Germany.” — To which he replied: “Yes, that is precisely the difference between Germany and Switzerland: in Germany, all of this is mandated—people have to do it—but we do it voluntarily.” — “That is the difference between free people and those who are not free.”
[ 36 ] Nun, nicht wahr, wir müssen, und zwar alle Menschen — ganz international ist das in unserer Zeit —, wir müssen eigentlich erst lernen, was es heißt, ein freier Mensch zu sein. Und deshalb glaube ich, daß es tatsächlich möglich sein muß, anzuknüpfen da, wo einige Freiheit noch möglich ist innerhalb der Kirche, aus der Kirche selbst heraus diese freien Gemeinden zu gründen.
[ 36 ] Well, don’t you think so? We all—and this is a truly international issue in our time—actually have to learn first what it means to be a free person. And that is why I believe it must indeed be possible to build upon the areas where some freedom is still possible within the Church and to found these free congregations from within the Church itself.
[ 37 ] Ich verkenne nicht die Schwierigkeit, aber nicht wahr, Sie müssen nur bedenken, wie die wirklichen Kulturverhältnisse, namentlich in Mitteleuropa, sind. Eine gewisse Gemeindebildung hat sich vollzogen damals — und man muß ja auch aus der Geschichte wirklich lernen —, als nach Verkündung des Infallibilitätsdogmas der Altkatholizismus entstanden war. Nun, wenn Sie den Altkatholizismus nehmen in bezug auf seinen Inhalt, so kann man sagen, er hat eigentlich in bezug auf Lehrgut und Priesterverhalten dasselbe, wie es das evangelische Pfarrertum hat. Er hat das schon in sich, der Altkatholizismus, und er hat nur bewahrt auf eine volkstümliche Weise einen Kultus, von dem wir noch zu sprechen haben werden. Man kann sagen: Im Altkatholizismus ist gerade dadurch, daß er als eine Reaktionserscheinung entstanden ist, schon dasjenige enthalten gewesen, was aus sich selbst heraus zur freien Gemeindebildung wirklich hätte führen können außerhalb der Kirche. Nun werden Sie ja wissen, der Altkatholizismus in Deutschland ist mit großem Enthusiasmus aufgenommen worden. Gemeinden wurden da oder dort gebildet, aber sie konnten nicht leben, nicht sterben. Natürlich mußten sie sich dazumal, weil man innerhalb der katholischen Kirche solche Gemeinden nicht bilden konnte, aus sich selbst heraus bilden. Das wäre gar nicht anders gegangen. In der Schweiz, wo sich viel mehr der Altkatholizismus erhalten hat — denn dort gibt es viele altkatholische Gemeinden —, tritt neuerdings ziemlich kraß hervor, daß diese Gemeinden ein konservatives Leben fortführen, aber sich nicht mehr vergrößern, sondern bleiben, sich eher verkleinern, daß sie also auch schon auf dem Boden einer absteigenden Entwickelung sind. Das ist heute die Schwierigkeit der Bildung der freien Gemeinden.
[ 37 ] I do not underestimate the difficulty, but isn’t it true that you simply have to consider what the actual cultural conditions are, particularly in Central Europe? A certain community formation took place back then—and we really must learn from history—when Old Catholicism emerged following the proclamation of the dogma of infallibility. Now, if you consider Old Catholicism in terms of its content, one can say that, in terms of doctrine and priestly conduct, it is essentially the same as the Protestant ministry. Old Catholicism already possesses this within itself, and it has merely preserved, in a folk-oriented manner, a form of worship that we will discuss later. One could say: Precisely because Old Catholicism arose as a reactionary phenomenon, it already contained within itself that which, of its own accord, could truly have led to the free formation of congregations outside the Church. Now, as you know, Old Catholicism was received with great enthusiasm in Germany. Congregations were formed here and there, but they could neither thrive nor die out. Of course, at that time—since such congregations could not be formed within the Catholic Church—they had to form themselves independently. It could not have been any other way. In Switzerland, where Old Catholicism has been preserved to a much greater extent—for there are many Old Catholic congregations there—it has recently become quite strikingly apparent that these congregations continue to lead a conservative existence, but are no longer growing; rather, they are stagnating or even shrinking, meaning that they, too, are already on a downward trajectory. That is the difficulty facing the formation of free congregations today.
[ 38 ] Daher wird es notwendig sein, soviele Menschen, wie Sie können — nicht von der Kirche, aber von denjenigen Menschen, die noch nicht dazu sich entschließen können, aus der Kirche auszutreten, um mit Ihnen freie Gemeinden zu gründen —, herauszuretten aus der Kirche, also sie wirklich in der Kirche zu erfassen und herauszubringen. Wenn sich die Sache so gestaltet, dann können Sie ganz sicher sein, dann wird der Anschluß an die anthroposophische Bewegung erreicht werden. Denn die anthroposophische Bewegung wird, obwohl sie furchtbare Kämpfe wird auszufechten haben, trotzdem sich ihre Geltung verschaffen, wenn es auch vielleicht nur mit manchen Opfern der in ihr Wirkenden möglich ist, mit starken Opfern, sie wird sich doch Geltung verschaffen, aber sie wird kaum heute in der Lage sein, aus sich heraus einen Zweig des religiösen Lebens zu begründen — deshalb sprach ich auch heute immer von der Besonderheit Ihres Berufes —, sie wird kaum in der Lage sein, etwa Gemeinden in einem besonderen religiösen Sinne zu gestalten. Es wird notwendig sein, daß dasjenige, was ich immer betone, zur Wahrheit wird: Die anthroposophische Bewegung als solche kann keine Begründerin von neuen religiösen Gemeinschaften und so weiter sein, sondern man muß irgendwie die religiöse Gemeinschaft aus sich heraus bilden, oder — soweit man kann — sie mit dem Menschenmaterial bilden, das heute rein aus Vorurteilen noch innerhalb der alten Kirche steht. Vielleicht aber können Sie die Frage noch weiter formulieren, so daß wir noch genauer darüber sprechen können.
[ 38 ] Therefore, it will be necessary to rescue as many people as you can—not from the Church, but from among those who have not yet been able to bring themselves to leave the Church in order to found free communities with you—from the Church; that is, to truly reach them within the Church and bring them out. If things turn out this way, then you can be quite certain that a connection to the anthroposophical movement will be achieved. For the anthroposophical movement, although it will have to fight terrible battles, will nevertheless assert itself—even if this is perhaps only possible through certain sacrifices on the part of those active within it, through great sacrifices— it will still assert itself, but it will hardly be in a position today to establish a branch of religious life on its own—which is why I have spoken repeatedly today about the unique nature of your vocation—it will hardly be in a position, for example, to form congregations in a specific religious sense. It will be necessary for what I always emphasize to become a reality: The anthroposophical movement as such cannot be the founder of new religious communities and so on; rather, one must somehow form the religious community from within, or—as far as one can—form it with the people who, purely out of prejudice, still remain within the old Church today. Perhaps, however, you could formulate the question more fully so that we can discuss it in even greater detail.
[ 39 ] Dr. Rittelmeyer — er ist nur krank geworden — hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, bei der Art, wie er sich verhalten hatte zu seinen Gemeindemitgliedern, eine ganz freie Gemeinde zu begründen mitten in Berlin. Und hat sie einmal eine bestimmte Macht, eine Geltung, ist sie groß, dann wagt man es nicht, an den Pfarrer irgendwie heranzukommen. Ist es eigentlich Ihre Meinung, daß man diesen letzten Rest des Berücksichtigens der Kirche nicht haben soll?
[ 39 ] Dr. Rittelmeyer—he simply fell ill—would certainly have had the opportunity, given the way he had behaved toward his parishioners, to establish a completely independent congregation right in the heart of Berlin. And once it has a certain power, a certain standing—once it’s large—then people don’t dare to approach the pastor in any way. Do you actually believe that we shouldn’t have even this last remnant of deference toward the church?
[ 40 ] Ein Teilnehmer: Ich glaube, daß es besonders schwer sein wird, in der Kirche zu arbeiten, und ich sehe auch noch nicht klar darüber, inwieweit wir das auch jetzt schon tun könnten. Wir müssen ja mit der eigentlichen Arbeit doch noch warten, bis wir gemeinsam losgehen können. Wäre es vielleicht möglich, in der Kirche schon jetzt Anknüpfungspunkte zu suchen? Aber wir würden dann eben bereits versandet sein, bis wir in der Gesamtheit so weit sind.
[ 40 ] A participant: I think it will be particularly difficult to work within the church, and I’m not yet clear on the extent to which we could even do that right now. After all, we’ll have to wait to start the actual work until we can begin together. Would it perhaps be possible to start looking for points of connection within the church right now? But then we’d just end up getting bogged down before we’re all ready as a group.
[ 41 ] Rudolf Steiner: Sie können jetzt, solange Sie nicht ein Predigeramt haben, solche Verbindungen nicht suchen. Sie müssen dasjenige, was die Vorbereitung ist zum religiösen Wirken, natürlich unabhängig von der Kirche suchen, wenigstens innerlich unabhängig. Solange Sie gewissermaßen Studierende sind, können Sie einen Zusammenschluß mit der Kirche nicht suchen. Sie können nur erst Umschau halten, wo es möglich wäre, solche Gemeinden herauszuziehen aus der Kirche. Und wenn Sie dann finden sollten, daß das überhaupt unmöglich ist in Mitteleuropa, dann müßte dennoch zur freien Gemeindebildung geschritten werden, und es müßten die Mittel und Wege gesucht werden, zu dieser freien Gemeindebildung zu schreiten.
[ 41 ] Rudolf Steiner: As long as you do not hold a pastoral office, you cannot seek such connections at this time. You must, of course, seek what constitutes the preparation for religious work independently of the Church—at least inwardly independent. As long as you are, so to speak, students, you cannot seek an affiliation with the Church. You can only begin by looking around to see where it might be possible to separate such congregations from the Church. And if you should then find that this is impossible in Central Europe, then you would still have to proceed toward the formation of free congregations, and you would have to seek the means and ways to proceed toward this formation of free congregations.
[ 42 ] Nun würde ich natürlich nur zwei Dinge haben gegen eine absolut freie Gemeindebegründung, das heißt also, daß der eine von Ihnen nach dem Orte X, der andere nach Y geht und einfach, indem er meinetwillen zuerst für fünf, dann für zehn, zwanzig Leute predigt, sich allmählich eine freie Gemeinde schafft. Was ich als Schwierigkeit bezeichnen möchte, ist nur das, daß dieser Weg erstens ein langsamer ist — Sie werden sehen, es ist ein langsamer —, es ist der sicherste, aber ein langsamer. Und das zweite ist die materielle Frage. Denn, nicht wahr, wenn die Sache sich so vollzöge, dann wäre es notwendig, daß im umfassendsten Sinne diese Sache finanziert wird, richtig finanziert wird, daß also einfach zunächst eine Gemeinschaft von Ihnen selber [begründet] würde, und daß gesucht würde die Finanzierung dieser Gemeinschaft.
[ 42 ] Now, of course, I would have only two objections to the establishment of an absolutely free congregation—that is, one of you goes to place X, the other to Y, and simply by preaching, say, first to five, then to ten or twenty people, gradually establishes a free congregation. What I would describe as a difficulty is simply that this path is, first of all, a slow one—you’ll see, it is a slow one—it is the surest, but a slow one. And the second is the financial issue. Because, isn’t it true that if things were to proceed this way, it would be necessary for this endeavor to be financed—properly financed—in the broadest sense, meaning that a community would first be established by you yourselves, and that funding for this community would be sought.
[ 43 ] Nun muß ich sagen, daß das ja natürlich der schönste Weg wäre; wenn er auch mit äußeren materiellen Dingen erkämpft werden muß, es wäre dieses natürlich der schönste Weg. Aber von all den Wegen gehört dazu — das sage ich Ihnen ganz offen — auf Ihrer Seite auch der größte Mut. Dazu gehört der größte Mut, dazu gehört natürlich, daß Sie selbst mittun an dem Kampf, der sich natürlich ergibt, daß Sie an den Schwierigkeiten, an dem Erkämpfen mittun, eben auch für die finanzielle Fundierung. Es wäre natürlich das Beste, wenn man umfassende Mittel gewinnen könnte, um Sie ganz unabhängig zu stellen, so daß Sie einfach dann wählen könnten: da oder dort sammle ich, und wenn es aus dem kleinsten Kreis heraus ist, meine Gemeinde. Sie kommt dann schon zustande. Dazu gehört Mut, daran zu glauben, daß sie zustande kommt. Sie kommt zustande, aber natürlich, man braucht die finanzielle Grundlage, und dem stellen sich heute wirklich außerordentliche Schwierigkeiten entgegen. Es wird ja sogleich die Gemeinschaft aller heute positiven Bekenntnisse da sein, die dem in der ausgiebigsten Weise widerstrebt, daß so etwas gemacht werde. Und man kann es nicht im einzelnen tun, man muß es als große Bewegung organisieren. Man muß tatsächlich eine Gemeinschaft begründen aus Ihnen allen, die sich also dieses Lebensziel setzen und für die dann eine finanzielle Fundierung gesucht wird.
[ 43 ] Now I must say that this would, of course, be the most beautiful path; even if it must be fought for through external, material means, this would naturally be the most beautiful path. But of all the paths—and I’ll be completely frank with you—yours requires the greatest courage. It requires the greatest courage; it naturally requires that you yourself take part in the struggle that inevitably arises, that you share in the difficulties and in the struggle—including, of course, the struggle to secure a financial foundation. It would, of course, be best if we could secure sufficient funds to make you completely independent, so that you could simply choose: I’ll gather here or there—even if it’s from the smallest circle—my community. It will then come into being. This requires the courage to believe that it will come into being. It will come into being, but of course, you need the financial foundation, and today there are truly extraordinary difficulties standing in the way of that. After all, there will immediately be a coalition of all the current positive movements that will resist such an endeavor in the most vigorous way. And one cannot do this on an individual basis; one must organize it as a large movement. One must in fact establish a community comprising all of you who set this as your life’s goal, and for whom a financial foundation will then be sought.
[ 44 ] Nun, man kann sich das ja ausrechnen. Es würde ja genügen bei diesem Wege, weil er gewissermaßen ein ganz sicherer ist und nicht auf solche Schnelligkeit angewiesen ist, wenn Sie, sagen wir, zweihundert wären. Nun können Sie sich selber ausrechnen, was das jährlich braucht. Sobald man die Mittel dazu hat, sobald kann man es machen. Dann ist es der sicherste Weg. Dann ist es aber auch der sichtbarste Weg, und der wäre eigentlich der natürlichere. Aber bei den heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen diese Mittel in Mitteleuropa aufzubringen — und nur um das könnte es sich ja handeln —, das ist eben ungeheuer schwierig. Denn Sie werden keine Möglichkeit finden, in einem anderen Reiche, in einem anderen Lande so etwas zu machen. Also sowohl in Ost- wie in Westeuropa ist es absolut ausgeschlossen; in Mitteleuropa könnte man es machen aus inneren Gründen heraus, und man würde ein Großes gerade damit machen.
[ 44 ] Well, you can do the math yourself. This approach would be sufficient because, in a sense, it’s a very safe one and doesn’t rely on such speed—if there were, say, two hundred of you. Now you can calculate for yourself what that would require annually. As soon as you have the resources for it, you can do it. Then it’s the safest way. But it’s also the most visible way, and that would actually be the more natural one. But given today’s social and economic conditions, raising those funds in Central Europe—and that’s really the only thing at stake here—is simply incredibly difficult. For you will find no way to do something like this in another empire or another country. So it is absolutely out of the question in both Eastern and Western Europe; in Central Europe, one could do it for internal reasons, and one would accomplish something great precisely by doing so.
[ 45 ] Werner Klein: Ich muß sagen hierzu, daß ich bisher nur diesen Weg gesehen habe, den letzteren, und ihn auch jetzt eigentlich noch als den einzig gangbaren betrachte. Wir haben mit der Finanzierung natürlich große Schwierigkeiten, aber wir könnten daran gehen, sie zu beseitigen. Ich glaube auch, daß man aus eigener Kraft heraus sich über Wasser halten kann, wenn man sich selbst ein Wirkungsfeld schafft in einer Stadt, vielleicht versucht, aus Vorträgen heraus Gelder zu bekommen. Man wird Freunde sich erwerben können, die einem helfen. Aber man kann auch in einen Beruf sich hineinstellen — wir leben doch heute in der Zeit der abgekürzten Arbeitszeit —, man wird also einen weniger bedeutsamen Beruf ausfüllen können auf dem Rathaus oder irgendwo, wo man sich zur Not erhalten kann, um daneben die Zeit zu gewinnen, das zu betreiben, was einem vorschwebt. Ich glaube, daß man da doch sich wird halten können. Aber daneben müßte eben eine großzügige Organisation gehen und es müßte versucht werden, doch wenigstens Gelder zu bekommen. Und nach dem, was in uns allen lebt in Deutschland, dieses allgemeine Sehnen nach etwas Neuem, Kräftigem, glaube ich, daß sich manches finden wird. Das wird von uns abhängen. — Aber nun sehe ich heute zum ersten Mal den zweiten Weg in Verbindung mit der Kirche und ich glaube, daß man da Hand in Hand gehen kann. Der Weg der freien Gemeinde verlangt eine ganz andere Taktik, ein gemeinsames Hingehen auf das Ziel, und ein gemeinsames Vorgehen zu einem gemeinsamen Zeitpunkt, aber doch jeder für sich, wenn man hervortritt als eine größere Bewegung; während die andere Taktik die ist, daß jeder für sich anfängt zu wirken und versucht, von der Kirche aus eine neue Gemeinde zu schaffen. Das eine wird das andere nicht stören. In dem Augenblick, wo wir auf diesem sicheren, aber auch schwereren Weg vielleicht soweit sind, um, kraß gesagt, loslegen zu können, dann werden diejenigen, die bisher den anderen Weg gegangen sind, in ihrer Arbeit sich uns anschließen und dann mit Früchten, die sich schon real und positiv gezeigt haben, uns unterstützen können, während, wenn es hie und da gelingt, Erfolge auf dem einen oder anderen Gebiete im Anschluß an die zu gewinnen, das nur zu begrüßen und als Faktor für sich zu betrachten wäre. Wenn wir wirklich in Anberracht der sozialen religiösen Not heute sozial etwas schaffen wollen, so scheint immer noch nur dieser erste, der sichere Weg, gegeben zu sein. Wir müssen ihn auf jeden Fall versuchen. Wenn wir scheitern, dann gehen wir noch immer den anderen und zwar, wenn der andere gleichzeitig beschritten wird von denen, die schon wirken wollen, um die Zwischenzeit auszufüllen, ist es zu begrüßen. Wenn wir Großes wollen, müssen wir auch das Große anstreben und versuchen.
[ 45 ] Werner Klein: I must say, in this regard, that so far I have only seen this path—the latter one—and I still actually consider it the only viable option. Of course, we’re facing major difficulties with funding, but we could set about resolving them. I also believe that one can stay afloat through one’s own efforts by creating a sphere of activity for oneself in a city—perhaps by trying to raise funds through lectures. One will be able to make friends who will help. But one can also take on a job—after all, we live in an era of reduced working hours—so one will be able to fill a less significant position at city hall or somewhere else where one can make ends meet, in order to free up time on the side to pursue what one has in mind. I believe that one will be able to make a living that way. But alongside that, there would need to be a generous organization, and an effort should be made to at least secure funding. And given what lives within all of us in Germany—this general longing for something new and powerful—I believe that many opportunities will present themselves. That will depend on us. — But now, for the first time, I see the second path in connection with the church, and I believe that we can walk hand in hand along that path. The path of the free congregation requires a completely different tactic: a joint march toward the goal and a coordinated action at a common moment—yet each acting independently—when we emerge as a larger movement; whereas the other tactic is for each person to begin working on their own and to try to create a new congregation from within the Church. One will not interfere with the other. The moment we are perhaps ready on this safe—though also more difficult—path to, to put it bluntly, get started, then those who have so far followed the other path will join us in our work and will be able to support us with fruits that have already become evident in a real and positive way; whereas, if here and there we succeed in achieving successes in one area or another as a result of this, that should simply be welcomed and regarded as a factor in its own right. If we truly wish to achieve something socially in light of today’s social and religious distress, this first, safe path still seems to be the only one available. We must certainly try it. If we fail, we can still take the other path; indeed, if that other path is being pursued at the same time by those who already wish to take action to bridge the interim period, that is to be welcomed. If we want to achieve great things, we must also strive for and attempt the great.
[ 46 ] Rudolf Steiner: Es ist ja so, daß wir gerade hier in Stuttgart einige Erfahrungen mit den Schwierigkeiten haben, die so etwas gegenüberstehen wie dem sichersten Weg, der hier gekennzeichnet worden ist. Natürlich bin ich durchaus der Meinung, daß dieser Weg gegangen werden kann, wenn die Kräfte dafür genügend eingesetzt werden. Aber seien Sie sich auch der Schwierigkeiten bewußt, die man heute auf allen Gebieten trifft. Es ist ein außerordentlich guter Wille darin, sich zu sagen, man kann auch irgendeine Stellung annehmen und daneben in der Sache so wirken, wie es wünschenswert ist. Aber es ist ja so ziemlich ein offenes Geheimnis, daß die Studierenden an den deutschen Hochschulen in den nächsten Jahren in die furchtbarsten materiellen Schwierigkeiten kommen werden, nicht wahr. Man hat an allerlei unpraktische Dinge gedacht; sogar ein Professor ist zu mir gekommen, der mir sagte, daß man daran denken müßte, Druckereien einzurichten, weil die Studierenden ihre Dissertationen nicht mehr bezahlen können, und sie sollten dort sich das selber drucken. — Ich habe natürlich nicht das geringste Verständnis für eine solche materielle Inzucht; denn ich weiß nicht, auf welche Weise die Studenten etwas verdienen sollten, wenn sie ihre eigenen Dissertationen drucken. Ich fand als den rationelleren Weg, auf den ich hinwies, wenn man überhaupt — für die Zeit der Not — den Zwangsdruck der Dissertationen abschaffen würde. — Also, man denkt an alles mögliche Unpraktische, aber die Sache ist schon eine sehr ernste. Mir wäre es zum Beispiel eine außerordentlich liebe Idee, wenn der «Kommende Tag» seinerseits eine gewisse materielle Grundlage wenigstens einer Anzahl von Studierenden geben könnte, das heißt, er müßte, sagen wir, abwechselnd drei Monate eine Gruppe von Studierenden beschäftigen in seinen Unternehmungen, während man in den nächsten drei Monaten andere beschäftigt. Dann könnten die letzteren an die Universitäten zurückgehen und studieren. Also, das wäre eine schöne zu verwirklichende Idee, wenn man es könnte. Aber in unserem eigenen Betriebe würden wir — in dem Momente, wo wir so etwas realisieren wollten, also eine Anzahl Studenten anstellen wollten — sofort die Revolution der Gewerkschaftsarbeiter haben, die uns erklären würden: das gibt es nicht. Sie würden uns hinauswerfen. Und, nicht wahr, etwas ähnlichem, wenn es auch nicht gerade so in Form eines Hinauswurfes einem entgegentreten würde, aber wahrscheinlich in der Art eines Nichthineinlassens, dem würde man schon begegnen. Außerdem sehe ich keine rechte Möglichkeit, daß man neben einem Beruf, selbst bei der heute verkürzten Arbeitszeit, noch einen solchen ausüben kann, wo man sich völlig hingibt, denn es erfordert eine ganze Hingabe, um einen solchen Beruf, zu dem Sie sich entschließen wollen, auch wirklich auszufüllen. Ich sehe da keine rechte Möglichkeit.
[ 46 ] Rudolf Steiner: The fact is that here in Stuttgart, in particular, we have had some experience with the difficulties that stand in the way of what has been described here as the surest path. Of course, I am fully of the opinion that this path can be taken if sufficient resources are devoted to it. But you should also be aware of the difficulties one encounters today in all areas. It shows extraordinary goodwill to tell oneself that one can take on any position and, at the same time, work toward the cause in the way that is desirable. But it’s pretty much an open secret that students at German universities will face the most dire financial difficulties in the coming years, isn’t it? All sorts of impractical ideas have been floated; a professor even came to me and said that we should consider setting up printing presses because students can no longer afford to pay for their dissertations, and they should be able to print them there themselves. — Of course, I have not the slightest sympathy for such financial self-defeating behavior; for I don’t see how students are supposed to earn anything if they print their own dissertations. I suggested a more rational approach: that, if anything—for the duration of this crisis—the mandatory printing of dissertations should be abolished. — Well, people come up with all sorts of impractical ideas, but this is a very serious matter. For example, I would find it an exceptionally appealing idea if Kommende Tag could, for its part, provide at least some financial support to a number of students—that is, it would have to, say, employ a group of students in its operations for three months at a time, while employing others during the following three months. Then the latter could return to the universities and study. So, that would be a wonderful idea to put into practice, if it were possible. But in our own company—the moment we tried to implement something like that, that is, hire a number of students—we’d immediately face a revolt by the union workers, who would tell us: “That’s not going to happen.” They’d throw us out. And, wouldn’t you agree, something similar—even if it didn’t take the form of being thrown out, but rather something like being barred from entering—would certainly be encountered. Besides, I don’t see any real possibility of being able to pursue, alongside a regular job—even with today’s reduced working hours—a second profession to which one devotes oneself completely, because it requires total dedication to truly fulfill the kind of profession you’re considering. I don’t see any real possibility there.
[ 47 ] Sehen Sie, wir stehen doch einfach vor der Tatsache, daß durch die schweren Lebensverhältnisse die Menschen eigentlich heute alle nicht so stark sind, wie sie eigentlich sein sollten. Also ich fürchte, es würde ein solcher Weg, wo der Betreffende auf sich selber angewiesen wäre in finanzieller Beziehung, mindestens in eine leise Neurasthenie hineinmünden. Daß es unter heutigen Umständen möglich ist, durch Vortragstätigkeit, durch eine freie Betätigung in dieser Weise einen Lebensunterhalt zu verschaffen, das scheint mir auch ziemlich unwahrscheinlich zu sein. Denn, sehen Sie, geistige Leistungen — wir haben das gerade auf besonderem Gebiete erfahren — werden nach der alten Geldwährung bezahlt, und essen muß man nach der neuen Geldwährung. Wenn man die Bezahlung für geistige Leistung nimmt, so bekommt man in der alten Währung 30 Mark, und ausgeben müßte man nach der neuen Währung 300 Mark. Also diese Sache wäre natürlich schwierig. Dagegen wäre es wirklich wert, sich einzusetzen für eine Finanzierung in umfassendstem Sinne.
[ 47 ] You see, we are simply faced with the fact that, due to the difficult living conditions, people today are generally not as strong as they ought to be. So I fear that such a path—where the person in question would be financially dependent on themselves—would at the very least lead to a mild case of neurasthenia. It also seems quite unlikely to me that, under today’s circumstances, it would be possible to earn a living through lecturing or freelance work of this kind. Because, you see, intellectual work—as we’ve just experienced in a specific field—is paid for in the old currency, while one has to buy food using the new currency. If one takes the payment for intellectual work, one receives 30 marks in the old currency, but one would have to spend 300 marks according to the new currency. So this situation would naturally be difficult. On the other hand, it would truly be worth striving for funding in the broadest sense.
[ 48 ] Ich halte auch das Zusammenwirken mit der Kirche, das also Herrn Klein sympathischer zu sein scheint als manchem anderen von Ihnen, nicht für aussichtslos. Denn die Zusammenkoppelung dieser Arbeit mit der Kirche, das hätte, glaube ich, Vorteile. [Es folgen einige vom Stenographen nur unvollständig und unklar festgehaltene Sätze, die sich auf die Finanzierung beziehen.]
[ 48 ] I also do not consider cooperation with the Church—which seems to appeal more to Mr. Klein than to some of you—to be a lost cause. For linking this work to the Church would, I believe, have advantages. [The following sentences, which refer to financing, were recorded only incompletely and unclearly by the stenographer.]
[ 49 ] Man kann beides machen. Ich meine doch, die Erfahrung spricht heute dafür, daß, wenn es Ihnen gelingt, sich erst aus der Kirche heraus freie Gemeinden zu schaffen, Sie Nachfolge finden werden einfach durch Ihr Vorgehen. Sie werden Nachfolge finden. Denn man geht wohl nicht fehl damit, wenn man sagt, es sitzen heute viele Pastoren und Pfarrer in den evangelischen religiösen Gemeinschaften drinnen, die gerne heraus möchten aus ihrem Amt und nur einen Anstoß brauchen. Wenn es Ihnen gelingt, diese Leute aus ihren Gemeinden herauszuziehen, dann finden Sie schon bei heute im Amt sitzenden Pfarrern solche, die Ihnen nachfolgen. Das wäre doch ein guter Zuzug. Das würde die Bewegung rasch vergrößern können. Da fänden Sie nämlich dann Zuzug, während die Betreffenden aus sich selbst heraus eben einfach nicht die Initiative aufbringen können. Wenn der Anstoß von außen gegeben würde, da fänden Sie Zuzug.
[ 49 ] You can do both. I do believe that experience today shows that if you succeed in first establishing independent congregations outside the church, you will find followers simply by virtue of your actions. You will find followers. After all, it’s probably safe to say that there are many pastors and ministers in Protestant religious communities today who would like to leave their positions and just need a nudge. If you succeed in drawing these people out of their congregations, you’ll find even among those currently serving as pastors some who will follow you. That would be a good influx. That could rapidly expand the movement. You would then find new members, whereas those individuals simply cannot muster the initiative on their own. If the impetus came from outside, you would find new members.
[ 50 ] Das wäre natürlich ja außerordentlich wünschenswert, wenn es gelingen könnte, die Finanzierungsfrage irgendwie wenigstens in Angriff zu nehmen. Ich sage absichtlich «irgendwie in Angriff zu nehmen», denn wenn diese Finanzierungsfrage ordentlich in Angriff genommen wird, dann hat sie die Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Das Inangriffnehmen, das ist viel schwieriger als, wenn es einmal ordentlich in Angriff genommen ist, das Gelingen. Denn, was heute fehlt in umfassendstem Sinne, das ist das tüchtige Mitarbeiten der Menschen an den großen Aufgaben des Lebens. Die Menschen haben sich überall so in Routinen hineingewöhnt, daß man für die wichtigsten Aufgaben eigentlich doch nicht hinreichend tatkräftige Mitarbeiter gewinnt.
[ 50 ] It would, of course, be extremely desirable if we could somehow at least begin to address the issue of financing. I deliberately say “begin to address,” because if this issue of financing is properly addressed, then it has a good chance of success. Getting started is much more difficult than achieving success once it has been properly tackled. For what is lacking today in the broadest sense is people’s active participation in the great tasks of life. People everywhere have become so accustomed to their routines that it is actually impossible to find sufficiently energetic collaborators for the most important tasks.
[ 51 ] Ich glaube, daß wir vielleicht unsere Zeit ausnützen sollten, und weil wir jetzt gerade auch unmittelbar auf die praktischen Fragen gekommen sind, die doch präliminarisch verhandelt werden sollten, würde ich Sie bitten, zur Fortsetzung heute abend um halb sieben Uhr zu kommen.
[ 51 ] I believe we should perhaps make the most of our time, and since we have now turned directly to the practical issues—which should, after all, be discussed preliminarily—I would ask you to come back this evening at half past six to continue the discussion.
