Anthroposophische Grundlagen
für ein erneuertes christlich-religiöses Wirken
GA 342
13 Juni 1921, Stuttgart
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Von den zwei Gebieten, von denen Sie selbst auch gestern gesprochen haben, erscheint es mir notwendig, daß wir dasjenige zuerst behandeln, was gewissermaßen die Grundlage für das ganze Wirken wird abgeben müssen. Man muß natürlich zuerst den realen Boden zubereiten, und das kann heute in unserer Zeit doch nichts anderes sein als die Gemeinschaftsbildung. Wir werden mit dem, was sich dann auf diesem realen Boden entwickeln soll, umso besser zurechtkommen können in unseren Auseinandersetzungen, wenn wir zuerst uns unterhalten über diese Gemeinschaftsbildung.
[ 2 ] Einerseits ist sie zweifellos, trotzdem man das leicht unterschätzen kann, die schwierigste Ihrer Aufgaben, und andererseits ist sie aber auch die brennendste. Sie können das sehen an der Gestalt, welche die Jugendbewegung angenommen hat. Diese Jugendbewegung, wie sie heute lebt in ihren verschiedensten Formen, hat ja einen deutlichen religiösen Untergrund, und dieser religiöse Untergrund wird auch von den verständigen Angehörigen der Jugendbewegung immer betont. Und wenn man nun ganz unbefangen hineinsieht in diese Jugendbewegung, so fällt einem gerade an ihr das auf, was mit der Gemeinschaftsbildung innig zusammenhängt.
[ 3 ] Bedenken Sie nur einmal folgende Erscheinung dieser Jugendbewegung: Nicht wahr, sie trat vor einiger Zeit, vor Jahren auf. Womit trat sie auf? Zunächst mit dem ausdrücklichen Bestreben des Anschlusses des einen an den anderen. Sie trat ausdrücklich auf unter der Devise des Zusammenschlusses, der Gruppenbildung; und das Bedeutsame ist, daß in weiten Kreisen diese Jugendbewegung in den letzten Jahren die Metamorphose in ihr Gegenteil durchgemacht hat. Gerade diejenigen, die es vielleicht mit dieser Jugendbewegung am ernstesten genommen haben, stehen heute auf dem Standpunkt der Vereinzelung, des Eremitentums. Sie betonen die Unmöglichkeit des Zusammenschlusses mit anderen. Und warum ist das so?
[ 4 ] Es ist vielleicht gerade, wenn man die Dinge symptomatisch betrachtet, etwas, was zu den bedeutsamsten sozialen Erscheinungen unserer Zeit insbesondere im mittleren, südlichen und östlichen Europa gehört, daß sich so ungeheuer schnell aus dem Bestreben der Gemeinschaftsbildung in der Jugendbewegung herausgebildet hat das Bestreben, ein seelischer Eremit zu sein und eigentlich eine gewisse Furcht zu empfinden vor dem Zusammenschluß. Sie mögen ja, wenn Sie selbst mit dieser Jugendbewegung bekannt sind, da oder dort etwas anderes finden, aber wenn Sie unbefangen die Sache betrachten, so werden Sie sehen, daß diese Jugendbewegung in den maßgebenden Impulsen wird so charakterisiert werden müssen, wie ich es jetzt getan habe.
[ 5 ] Nun, was liegt alledem zugrunde? Alledem liegt zugrunde — es ist ja durchaus ersichtlich, daß diese Jugendbewegung einen deutlichen religiösen Impuls doch enthält —, alledem liegt zugrunde, daß es die religiösen Gemeinschaften nicht verstanden haben, diese Jugend in sich zu halten. Ursprünglich war es ja, wenn wir so sagen können, eine Auflehnung gegen das Prinzip des autoritativen Lebens, des väterlichen Lebens, des Hinaufschauens zu der Erfahrung der Älteren, was diese Jugendbewegung hervorgerufen hat; es war eine Erschütterung des menschheitlichen, väterlichen Autoritätsprinzipes. Die Zeit hat sich so entwickelt, daß man einfach an die Väter nicht mehr glaubte, daß man einfach zu den Vätern innerlich tief unterbewußt kein Vertrauen mehr hatte. Aber der Mensch braucht den Menschen, insbesondere dann, wenn es aufs Handeln, aufs Wirken abgesehen ist. Man suchte Zusammenschlüsse, aber man konnte diese Zusammenschlüsse nur mit dem Geistesleben suchen, das eben heute in den Herzen der Menschen verankert wird, wenn sie leben und aufgezogen werden in unseren gewöhnlichen Schulen, unter unseren religiösen Impulsen und so weiter. Natürlich regt sich die religiöse Sehnsucht in der Jugend gerade dann, wenn äußerlich in dem religiösen Leben etwas nicht in Ordnung ist, aber sie regt sich als unbestimmtes, abstraktes Gefühl; als irgend etwas Nebuloses regt sie sich. Auf der anderen Seite regt sich gerade im Zusammenhange mit diesem religiösen Trieb die Sehnsucht nach dem Gemeinschaftsleben. Aber aus alle dem, was nun die Jugend empfangen konnte, aus alle dem, was vorhanden ist, entsteht nicht die Möglichkeit einer wirklichen Gemeinschaftsbildung, sondern — wenn ich mich etwas radikal ausdrücken darf — bloß die Möglichkeit einer Cliquenbildung. Das ist ja das Charakteristikum unserer Zeit, daß da, wo [der Wunsch nach] Gemeinschaftsbildung auftritt, überall eigentlich dann nicht eine wirkliche innere Gemeinschaftsbildung, ein wirklicher innerer Gemeinschaftsbildungs-Sinn auftritt, sondern der Sinn, Cliquen zu bilden, das heißt, sich zusammenzuschließen durch die zufällige Gemeinschaft und Gemeinschaftsgefühle für das Nächstliegende. Dasjenige, was den einen zum anderen führt durch den Zufall des Ortes, den Zufall der Verhältnisse und so weiter, das führt zu Cliquenbildungen. Aber diese Cliquenbildungen haben alle, weil sie eben nicht auf einem gediegenen geistigen Grunde ruhen, den Keim der Auflösung in sich. Cliquen lösen sich auf. Cliquen sind keine dauernden Gemeinschaften.
[ 6 ] Dauernde Gemeinschaften gibt es nicht unter einer anderen Voraussetzung als der, daß sie sich begründen auf ein gediegenes gemeinsames Bekenntnis im gemeinschaftlichen Leben. Und für den, der die Geschichte des sozialen Lebens kennt, war es daher nichts Wunderbares, daß sich dasjenige, was nur die Ansätze der Cliquenbildung in sich trug, nicht zum Gemeinschaftsleben herausbilden konnte, und daß daher diese Jugendseelen eremitisch wurden, den Trieb in sich empfingen, sich nicht anzuschließen, ja sogar eine gewisse Furcht entwickelten vor dem Sichanschließen. Jeder geht mehr oder weniger für sich, der die Jugendbewegung, ich möchte sagen, voll mitgemacht hat. Da aber diese Jugendbewegung hervorgegangen ist aus einer Erschütterung des väterlichen Autoritätsprinzipes, so muß man sagen, daß dieses geschichtliche Leben der neueren Zeit eben nicht die Keime zu einer wirklichen Gemeinschaftsbildung enthält.
[ 7 ] Was Sie also in erster Linie werden suchen müssen, das ist schon die Gemeinschaftsbildung. Und da werden Sie nicht anders können, wenn Sie zu einem wahrhaftigen, zu einem wirklichkeitsgetränkten Ziel kommen wollen, als praktisch Dreigliederung zu treiben, sich wirklich bewußt zu sein, wie man praktisch Dreigliederung treiben kann. Sie brauchen dazu gerade in Ihrem Berufe absolut nicht in abstrakter Weise für die Dreigliederung zu agitieren. Es ist gerade in Ihrem Beruf gut [möglich], für die Dreigliederung ganz praktisch zu arbeiten. Aber das geht nicht anders, als daß Sie den Weg suchen zu denjenigen, zu denen Sie sprechen wollen. Es muß ein wirklicher Weg gefunden werden, Gemeinden zu gründen.
[ 8 ] Nun braucht man nicht zu glauben, daß man, indem man so etwas tut, in einem gewissen radikalen Sinn ein Revolutionär werden muß. Das braucht man gar nicht. Es kann sich in dem einen Fall ergeben, daß Sie auf dem ganz regulären Wege in irgendein Pfarramt, in ein Predigeramt kommen. Es kann sich auch ergeben, daß es Ihnen gelingt, die äußeren materiellen Verhältnisse da oder dort so zu dirigieren, daß Sie eine völlig freie Gemeinde begründen. Aber solche freie Gemeinden und solche, in die man das Bestreben hat, Freiheit des religiösen Lebens hineinzutragen, sie müssen zusammengehören; und das kann nur sein, wenn in einer gewissen Weise dasjenige, was Sie anstreben — ich bitte das nicht mißzuverstehen, es soll nicht das Predigen des reinen Machtprinzips sein, aber des berechtigten Machtprinzips —, wenn dasjenige, was Sie anstreben, eine Macht wird, das heißt, wenn Sie eine bestimmte Zahl von Gesinnungsgenossen haben. Etwas anderes wird auf die Welt keinen Eindruck machen. Sie müssen tatsächlich die Möglichkeit haben, über ein großes Territorium hin Leute als Prediger zu haben, die aus Ihren ganz konkreten Kreisen sind. Dazu wird es schon einmal notwendig sein, daß Sie diesen Kreis, den Sie jetzt haben, mindestens noch zehnmal größer machen. Das wird gewissermaßen Ihre erste Aufgabe sein, daß Sie sich einen so großen Kreis von Gesinnungsgenossen zunächst auf dem Wege, auf dem der kleinere Kreis zustande gekommen ist, eben suchen. Nur dann, wenn in den entferntesten Orten — relativ natürlich entferntesten Orten — gesehen wird, wie die gleiche Bestrebung auftritt, wenn ein Zusammenhalt mit Ihnen über ein größeres Territorium ist, dann werden Sie praktisch zu einer solchen Gemeindebildung schreiten können, gleichgültig, ob Sie auf einem heute anerkannten Wege ins Predigeramt gekommen sind oder sonstwie.
[ 9 ] Sie werden so wirken können, daß Sie nun wirklich Ihre Gemeindekinder innerlich, gemüthaft an sich ketten können. Wenn ich sage «ketten», so bedeutet das nicht, Sklavenketten anzulegen. Dazu gehört allerdings, daß die Gemeindemitglieder durch Sie das Bewußtsein bekommen, in einer gewissen Brüderlichkeit zu leben. Die Gemeinden müssen konkrete brüderliche Gefühle in sich haben und sie müssen ihren Prediger-Leiter als eine selbstverständliche Autorität anerkennen, an die sie sich auch wenden in konkreten Fragen. Das heißt, Sie müssen zuerst in diesen Gemeinden, die Sie nicht in agitatorischer Weise Brüdergemeinschaften oder dergleichen zu nennen brauchen, eine selbstverständliche Autorität vor allen Dingen sich verschaffen — so sonderbar es zunächst erscheint — in bezug auf das Wirtschaftsleben. Es muß möglich sein, daß bei Ihnen Rat gesucht wird in wirtschaftlichen Angelegenheiten und in alle dem, was mit wirtschaftlichen Angelegenheiten zusammenhängt, aus der persönlichen Erkenntnis der Gemeindemitglieder heraus. Es muß möglich werden, daß man das Gefühl hat, man bekommt eine Art Direktive aus der geistigen Welt heraus, wenn man den Prediger fragt.
[ 10 ] Sehen Sie, wenn man das Leben betrachten kann, dann tritt einem in scheinbar kleinen Symptomen dasjenige entgegen, was eigentlich richtunggebend sein soll. Ich ging einmal in Berlin durch eine Straße und begegnete einem mir seit langer Zeit bekannten Prediger. Der trug eine Reisetasche. Ich wollte höflich sein und irgendeine Frage an ihn richten. Das nächste war natürlich, daß ich die Frage an ihn richtete, die sich aus der Situation heraus ergab: «Treten Sie eine Reise an?» — «Nein», antwortete er mir, «ich gehe eben zu einer Amtshandlung». — Nun mögen Sie darin etwas außerordentlich Unbedeutsames sehen; aus dem ganzen Zusammenhang erschien mir aber die Sache außerordentlich bedeutsam. Der betreffende Prediger war allerdings mehr Theologe als Prediger in seinem Wirken, aber er war durchaus ein innerlich tiefernster Mensch; er hatte in seiner Reisetasche die Dinge, die er brauchte zu einer Taufe und sprach dennoch so, fühlte so, daß er auch einem Menschen gegenüber, von dem er die Voraussetzung haben konnte, daß er eine andere Redewendung verstehen würde, aussprechen konnte: «Ich gehe zu einer Amtshandlung». — Das ist so ungefähr wie bei einem Polizeimann, wenn ein Dieb gesucht werden soll, der geht auch zu einer Amtshandlung.
[ 11 ] Das müßte überhaupt ganz aus dem Wirken des Predigers verschwinden, daß irgendwie bei ihm der Zusammenhang mit dem äußeren staatlichen oder sonstigen Leben im Bewußtsein hervortritt. Es muß schon in der ganzen Gefühlsweise, wie sie sich dann in die Rede ergießt, das enthalten sein, daß dasjenige, was da vollzogen wird, durch eine solche Persönlichkeit vollzogen wird, die aus der sich ihres Gottes bewußten menschlichen Persönlichkeit, aus dem freien Antrieb der menschlichen Persönlichkeit heraus handelt. Es muß das Bewußtsein vorhanden sein: Ich tue das nicht als Amtshandlung, ich tue es selbstverständlich aus meinem Innersten heraus, weil die göttliche Kraft mich dahin führt.
[ 12 ] Sie mögen das als eine Nebensache ansehen. Gerade die Tatsache, daß man solche Tatsachen als Nebensachen ansieht, die ist vielleicht das Allerwichtigste in den Schäden des heutigen religiösen Wirkens. Wenn solche Dinge wiederum einmal als Hauptsache angesehen werden, daß bis in die kleinste Empfindung hinein der Mensch sich als durchdrungen weiß von dem unmittelbaren Dasein des Göttlichen im Physischen, und wenn sich der Prediger als solche Autorität fühlt, daß er weiß, ich trage das göttliche Leben da hinein, ich vollbringe nicht eine Amtshandlung im heutigen Sinne, sondern ich führe einen Auftrag des Gottes aus —, dann erst wird er auf seine Gemeindekinder dasjenige übertragen, was an Imponderabilien übertragen werden muß.
[ 13 ] Dies ist scheinbar recht weit weg von dem Wirtschaftsleben. Und dennoch, man darf nicht so, wie die Sachen heute liegen, die Dinge, die wir hier in Stuttgart anstreben auf dem Gebiete der Dreigliederung, etwa auch für maßgebend halten für andere Gebiete des Lebens. Wir arbeiten die Dreigliederung aus dem Gesamten des sozialen Organismus heraus. Für Ihren Beruf handelt es sich aber um etwas anderes. Für Ihren Beruf handelt es sich darum, jedes der drei Glieder — die ja, auch wenn sie nicht richtig organisiert sind, eben in Wirklichkeit doch da sind —, jedes dieser drei Glieder mit religiös-geistlichem Leben zu durchdringen; so daß — obwohl völlige Freiheit des Ratholens herrscht innerhalb der Gemeinden, innerhalb derer sich ja natürlich auch das Wirtschaftsleben abspielt — gewissermaßen die selbstverständliche Voraussetzung sein muß, daß man in den wirtschaftlichen Dingen, bei denen es sich darum handelt, daß geistiges Leben hineinfließt in die Gemeinde, die Entscheidung bei dem Prediger, bei dem Pfarrer holt. Es muß ein solcher Einklang sein, und vor allen Dingen muß der Pfarrer in innigem Zusammenhang leben mit dem gesamten Wohltätigkeitsleben seiner Gemeinde. Gewissermaßen mit dem Ausgleiche der sozialen Ungleichheiten muß er in einem wissenden Zusammenhang stehen. Das muß in der Gemeinde angestrebt werden. Man muß tatsächlich der Berater der Männer sein, und man muß in gewisser Beziehung auch der helfende Berater der Frauen sein, man muß der Wohltätigkeit der Frauen eine Hilfe sein und so weiter.
[ 14 ] Sowohl die Männer als auch die Frauen müssen da, wenn es sich darum handelt, ihre Angelegenheiten des wirtschaftlichen Lebens, wirtschaftlicher Hilfe, wirtschaftlichen Zusammenarbeitens in einem höheren Sinne einzurichten, unbedingt das selbstverständliche Gefühl haben, da hat der Prediger mitzusprechen. Ohne ein Interesse, ein mittuendes Interesse im Wirtschaftsleben, lassen sich religiöse Gemeinschaften nicht begründen, insbesondere nicht in der heutigen schwierigen Zeit des Wirtschaftslebens.
[ 15 ] Nicht wahr, solche Dinge können wir zunächst als ein Ideal hinstellen, aber auf dem einen oder anderen Gebiet wird man die Möglichkeit haben, sich dem Ideal mehr oder weniger zu nähern. Sie werden natürlich unendlich viel Widerstände finden, wenn Sie so etwas anstreben. Sie werden Zurückweisungen finden, aber Sie müssen es dazu bringen, daß Ihre Gemeindemitglieder dieses Bewußtsein empfangen, das ich eben charakterisiert habe, und daß durch ihr Verlangen die Notwendigkeit sich herausstellt, dieses richtunggebende Hineinsprechen des Predigers in das Wirtschaftsleben zu erzielen.
[ 16 ] Ich muß an dieser Stelle sagen, daß vieles Ideal bleiben muß, vor allen Dingen muß heute noch vielfach Ideal bleiben das, was vom Rechtsleben, vom Staatsleben der Anteil desjenigen sein muß, der als Prediger in einer Gemeinde lebt. Ich will ein konkretes Beispiel anführen. Dadurch, daß das religiöse Leben immer mehr den realen Boden verloren hat, sind solche Dinge zustande gekommen, wie sie den heutigen Menschen außerordentlich aufgeklärt erscheinen, wie sie aber aus dem sozialen Leben heraus das religiöse Leben gründlich untergraben. Da ist zum Beispiel die Ansicht, die man heute über die Ehegesetzgebung hat. Es ist ganz zweifellos notwendig, daß die Ehegesetzgebung — mag man sie nun sonst aus anderen Verhältnissen heraus straff oder weniger straff denken —, es ist unter allen Umständen notwendig, daß diese Ehegesetzgebung gewissermaßen sich hineinfügt in die Dreigliederung des sozialen Organismus. Dazu ist aber natürlich notwendig, daß deutlich gefühlt wird gegenüber der Ehe, daß sie in ihrer eigenen Institution durchaus ein Bild des dreigliedrigen sozialen Organismus darstellt. Sie ist erstens eine Wirtschaftsgemeinschaft und muß sich hineingliedern in den sozialen Organismus, insofern er seinen wirtschaftlichen Teil hat. Es muß also ein Zusammenhang gesucht werden zwischen jener Wirtschaftsgemeinschaft, die die Ehe darstellt und den Assoziationen. An das kann heute kaum mehr als gedacht werden, aber aus den Gemeinschaften heraus muß dieses Bewußtsein entstehen, daß vor allen Dingen die wirtschaftliche Seite der Ehe mitgetragen werden muß durch die Maßnahmen der Assoziationen, durch die Maßnahmen des wirtschaftlichen Lebens.
[ 17 ] Das zweite ist, daß das Rechtsverhältnis deutlich empfunden wird als ein Verhältnis für sich, und daß der Staat nur in das Rechtsverhältnis der Ehe hineinzureden hat, daß also die Eheschließung zwischen Mann und Weib den Staat nur insofern angeht, als sie eine Angelegenheit des Rechts ist, das vom Staate ausgeht.
[ 18 ] Dagegen werden Sie als Ihre ureigene Angelegenheit innerhalb der religiösen Gemeinschaft den geistigen Segen der Ehe beanspruchen müssen in einer völlig freien Weise aus Ihrer Entscheidung heraus. Sie werden also anstreben müssen als ein Ideal, daß in die Freiheit der religiösen Entscheidung hineingestellt wird der religiöse Segen der Ehe und daß diese Entscheidung durchaus respektiert wird, so daß sie als Grundlage angeschaut wird für das andere, daß also tatsächlich durch das Vertrauen, das in der Gemeinschaft existiert, gesucht wird zunächst für die Ehe die Entscheidung des Pfarrers oder des Predigers. Ich weiß natürlich, daß solch eine Sache heute vielleicht sogar von vielen evangelischen Leuten als etwas ganz Unzeitgemäßes angesehen wird, aber wieder kann ich nur sagen: Daß man solche Dinge als unzeitgemäß ansieht, darin zeigen sich ja die Schäden des Zivilisationslebens, die das religiöse Leben ganz unweigerlich untergraben.
[ 19 ] Also, Sie werden Ihren Gemeindemitgliedern das Bewußtsein beibringen müssen, daß der eigentliche innere geistige Kern der Ehe mit dem religiösen Leben zu tun hat und daß durchaus auf diesem Gebiete Dreigliederung praktisch werden muß, das heißt, daß alle drei Teile der Ehe allmählich im sozialen Leben ihre Ausgestaltung finden müssen, daß also alle diese drei Dinge drinnen sein müssen. Man soll sich Dreigliederung nicht so vorstellen, daß man ein Programm utopistischer Art aufstellt und sagt, man soll die Dinge dreigliedern. Man gliedert sie in bester Art in diese drei Glieder, wenn man erfaßt, daß in jeder Institution des Lebens die Dreigliederung implizit enthalten ist, und wie man die einzelnen Dinge so gestalten kann, daß die Dreigliederung zugrunde liegt. Man braucht vielleicht gerade innerhalb Ihres Berufes nicht zu starkes Gewicht darauf zu legen, die Dreigliederung in abstracto zu vertreten; aber man muß verstehen, wie das Leben fordert, daß diese Dreigliederung kommt, das heißt, daß jedes der einzelnen Glieder des sozialen Organismus eine wirklich konkrete, daseiende Realität ist.
[ 20 ] Natürlich werden Sie heute großen Widerstand dagegen erfahren, aber Sie können gerade in einem solchen Punkte, wenn Sie zunächst aufklärerisch in Ihrer Gemeinde wirken, das Verhältnis, in dem das freie Geistesleben — in dem ja vor allen Dingen das religiöse Element enthalten sein muß — mit dem steht, welches werden soll, am allerbesten entfalten, nicht in, ich möchte sagen, wohlwollenden gegenseitigen Beanredungen, daß man sich gegenseitig duldet, sondern dadurch, daß man tatsächlich das von der Sache Geforderte wirklich auch als sein Ideal hinstellt. Natürlich müssen Sie gewärtig sein, daß man Ihnen da den allergrößten Widerstand entgegenbringt.
[ 21 ] Und drittens: Sie müssen die Möglichkeit haben, nun wirklich das zu entwickeln, was im dreigliederigen sozialen Organismus das freie Geistesleben bedeuten soll. Wir haben heute in dem allgemeinen sozialen Organismus überhaupt kein Geistesleben mehr, wir haben ein intellektuelles Leben, wir haben aber kein Geistesleben. Wir haben, ich möchte sagen, keinen Umgang der Götter mit den Menschen. Wir haben nicht das Bewußtsein, daß in allem, was äußerlich in der physischen Welt vorgeht, das göttliche Wirken durch uns selber da sein soll, und daß der wirkliche reale Geist in die Welt getragen werde, daß also sowohl die Handlungen, die sich innerhalb des Wirtschaftslebens abspielen, als auch die rechtlichen Festsetzungen, die sich innerhalb des Staatslebens abspielen, und namentlich, daß der Jugendunterricht und auch die Unterweisung des Alters die freie Tat der an diesem Geistesleben teilnehmenden Menschen sein muß. — Das ist dasjenige, was eben eingesehen werden muß.
[ 22 ] Daher werden Sie nicht anders können, als sich Ihre völlige individuelle Autorität zu erkämpfen für das freie Wollen. Das ist natürlich etwas, was unsere Zeit fordert, daß der einzelne, der predigt, unter seiner eigenen Autorität predigt. Sehen Sie, auf diesem Gebiet muß man schon einfach hinsehen auf diesen gewaltigen Zusammenstoß der Gegensätze, der in unserer Zeit herrscht.
[ 23 ] Wenn ich heute in eine katholische Kirche gehe und gerade zur Predigt komme, dann weiß ich: der Prediger trägt die Stola. Ich weiß, wenn er die Stola trägt, kommt der Mensch, der da auf der Kanzel steht und predigt, als Mensch für mich überhaupt nicht in Betracht. Das liegt ja auch wirklich im Bewußtsein [des katholischen Priesters]. Er fühlt sich als Mensch für keines seiner Worte in Wirklichkeit verantwortlich, denn in dem Augenblick, wo er die Stola auf der Brust gekreuzt hat, in dem Augenblick spricht die Kirche. Und seit der Infallibilitätserklärung spricht ex cathedra für alle durch die katholische Kirche zu verkündenden Dinge der römische Papst. Also ich habe [im katholischen Prediger] einen Menschen vor mir, der sich im Moment [der Predigt] ganz aushöhlt und auch gar nicht daran denkt, irgendwie seine Meinung zu vertreten, der durchaus der Ansicht ist, er könne eine persönliche Meinung haben, die er ganz für sich behält, die gar nicht übereinzustimmen braucht mit dem, was er von der Kanzel herunter spricht, denn eine persönliche Meinung kommt da nicht in Betracht. In dem Augenblick, in dem er die Stola auf der Brust gekreuzt hat, in dem Augenblick ist er der Vertreter der Kirche.
[ 24 ] Sehen Sie, das ist das eine Extrem. Es ist aber da, und es wird eine große Rolle spielen in der unmittelbar vor den Toren stehenden Kulturbewegung. Denn so verderblich wir diese Macht ansehen müssen, es ist eine Macht, eine ungeheure Macht; und man kommt ihr nicht anders nahe, als daß man sich ihrer voll bewußt wird. Sie werden nicht anders kämpfen können. Sie werden auf Schritt und Tritt in Ihrem Leben begegnen der Macht, die heute in unermeßlicher Weise sich ausbreitet, während die Menschheit schläft und es nicht bemerkt.
[ 25 ] Auf der anderen Seite ist nun die Zeitaufgabe, daß vertraut wird auf — wenn ich es so nennen darf — die göttliche Harmonie. Und das, meine lieben Freunde, hat man absolut nicht verstanden in meiner «Philosophie der Freiheit». Aber es ist etwas, was im allereminentesten Sinne verstanden werden sollte in der Gegenwart. In meiner «Philosophie der Freiheit» baut auch das Rechtsleben auf den völlig aus sich heraus wirkenden individuellen Menschen. Einer der ersten, und zwar der geistvollsten Kritiker, die über meine «Philosophie der Freiheit» geschrieben haben — im englischen «Athenaeum» —, schrieb einfach, diese ganze Anschauung führe hinein in einen theoretischen Anarchismus. — Dieses ist selbstverständlich der Glaube der heutigen Menschen. Warum? Weil dem heutigen Menschen jedes wirkliche durchgöttlichte soziale Vertrauen eigentlich fehlt, weil die Menschen das Folgende, für unsere Zeit Allerwichtigste nicht begreifen können, und das ist das: Wenn man den Menschen wirklich dazu bringt, daß er aus seinem Innersten heraus spricht, dann kommt nicht durch seinen Willen, sondern durch die göttliche Welteinrichtung die Harmonie unter die Menschen. Die Disharmonie rührt davon her, daß eben die Menschen nicht aus ihrem Inneren heraus sprechen. Man kann die Harmonie nicht erzeugen auf direkte Weise, sondern nur durch diese indirekte Weise, daß man die Menschen wirklich bis zu ihrem Innersten bringt. Dann tut der eine ganz von selber dasjenige, was dem anderen frommt, spricht auch dasjenige, was dem anderen frommt. Die Menschen reden und handeln nur aneinander vorbei, solange sie sich nicht selbst gefunden haben.
[ 26 ] Begreift man das als ein Mysterium des Lebens, dann sagt man sich: Ich suche den Quell meines Handelns in mir selber und habe das Vertrauen, daß der Weg, der mich da ins Innere führt, auch in die göttliche Weltordnung im Äußeren mich einschaltet und ich dadurch in Harmonie mit den anderen wirke. — Dadurch wird erstens das Vertrauen in das menschliche Innere gebracht, zweitens aber auch das Vertrauen in die äußere soziale Harmonie. Einen anderen Weg als diesen gibt es nicht, um die Menschen zusammenzubringen. Was daher von Ihnen errungen werden muß, wenn Sie durch Ihren Beruf tatsächlich auch sozial wirken wollen, göttlich sozial wirken wollen, geistig sozial wirken wollen, das ist die Möglichkeit, wirklich aus Ihrem Inneren heraus zu wirken, das heißt, daß jeder für sich, weil er sich gefunden hat, die Möglichkeit hat, eine Autorität sein zu dürfen.
[ 27 ] Der katholische Prediger macht sich individualitätslos, kreuzt die Stola und ist nicht mehr er selbst, er ist die Kirche. Die katholische Kirche hat das magische Mittel, ohne Vertrauen [auf die Individualkraft], durch das äußere symbolische Seelenwirken machtvoll in das soziale Leben hineinzuwirken. Das war dasjenige, was notwendig war, um soziale Gemeinschaften zu begründen ungefähr gegen das Ende des 2. Jahrtausends vor dem Mysterium von Golgatha und ist am idealsten im alten Ägypten ausgebildet worden, und auf Umwegen, die genau historisch zu verfolgen sind, ist das die innere Essenz der katholischen Kirche geworden. Das Wesen der katholischen Kirche besteht darin, daß sie heute noch auf dem Standpunkt steht, auf dem die innere Konstitution des ägyptischen Priesterlebens und sozialen Lebens ungefähr im 2. vorchristlichen Jahrtausend stand. Das Katholische ist ein Hineinwirken des Alten in unsere Zeit.
[ 28 ] Demgegenüber besteht heute die Notwendigkeit, sich wirklich auf den Standpunkt unserer Zeit zu stellen, gar nicht sich als etwas anderes zu fühlen denn als Träger des zum Intellekt gewordenen göttlichen Lebens in sich selber. [Sie müssen] sich das freie Wort erkämpfen, so daß Ihnen in den Inhalt der Predigt niemand hereinzureden hat, daß es keine Norm gibt für den Inhalt der Predigt. Das ist dasjenige, was Sie sich erkämpfen müssen. Anders werden Sie nicht Gemeinschaften begründen, als wenn Sie sich zum Prinzip machen, sich die Freiheit für das Predigeramt zu erkämpfen.
[ 29 ] Damit habe ich zunächst in einigem fadengezeichnet dasjenige, was gewissermaßen aus dem Inneren heraus zur Gemeinschaftsbildung führen muß. Sind Sie imstande, diese Dinge zu verwirklichen, dann werden Sie auch wiederum die Jugend heranbekommen zu einer wirklichen Gemeinschaftsbildung, während die Jugend es aus sich selbst heraus nur zur Cliquenbildung gebracht hat. Ich habe die Überzeugung und auch das Vertrauen, daß, wenn solche Gemeinschaften zustande kommen können, dann vor allen Dingen sich die Jugend in solchen Gemeinschaften zusammenfinden wird und daraus etwas Ersprießliches werden kann, während eben vor vielleicht 15 bis 20 Jahren die Jugend in der sogenannten Jugendbewegung Zusammenschluß gesucht hat, aber führerlos war, weil man an die Väter nicht mehr geglaubt hat und dadurch ohne eigentlichen inneren Impuls zur Gemeinschaftsbildung hingestrebt hat. Es ist nur eine Cliquenbildung daraus geworden. Heute sind die Seelen Eremiten. Sie würden aber, wenn es eine Möglichkeit des Zusammenschlusses gäbe, sich sofort zusammenschließen, und da, wo wirklich freie Gemeinden auftreten, das heißt Gemeinden mit innerer Freiheit, würde vor allen Dingen die Jugend sich einfinden.
[ 30 ] Sehen Sie, in solchen Dingen haben wir es mit unserer anthroposophischen Bewegung ja natürlich schwer. Denn diese anthroposophische Bewegung kann heute durch ihre innere Natur nichts anderes sein als eine ganz universelle Bewegung. Sie muß sich gewissermaßen auf alle Gebiete des Lebens verlegen, und wir stehen in bezug auf die anthroposophische Bewegung in einer außerordentlich schwierigen Situation drinnen. Wir stehen in der schwierigen Situation, daß auf der einen Seite ein gewisses anthroposophisches Gut heute der Welt mitgeteilt werden muß — das muß in die Welt, denn es fehlt der Welt an der Möglichkeit, geistige Inhalte zu bekommen —, auf der anderen Seite tritt überall das Bestreben auf, Gemeinden zu bilden, gewissermaßen anthroposophische Gemeinden zu bilden. Nennen Sie es Zweige, nennen Sie es, wie Sie wollen, es tritt das Bestreben auf, anthroposophische Zweige zu begründen. Und weil die anthroposophische Bewegung heute noch so etwas Universelles sein muß, können diese anthroposophischen Zweige nicht eigentlich zu einem wirklichen Leben kommen, denn sie pendeln hin und her zwischen dem religiösen Element und dem mehr auf alle Zweige des Lebens gerichteten geistigen Element. Sie kommen dadurch natürlich auch nicht zu einer wirklichen Brudergesinnung; sie kommen dadurch überhaupt nicht zu einem Erfassen der sozialen Aufgabe, die darin besteht, daß man in kleinen Gemeinden vorbildlich dasjenige konkret begründet, was dann in der Menschheit sich ausbreiten soll; sondern entweder arten sie aus in eine bloße Übertragung des Lehrgutes, oder aber sie fühlen in sich das menschliche Widerstreben gegen den Zusammenschluß und zersplittern sich in Meinungen, zanken sich und dergleichen. Aber wenn man fragt: Worin liegt der Fehler? — dann liegt er eben nicht in diesen Gemeinschaften, sondern darin, daß man ja eigentlich einen wirklichen Anschluß an ein religiöses Leben heute nicht findet, wenn man auf der anderen Seite erkennend die geistige Welt durchdringt. Bei all den Bekenntnissen, die heute existieren, finden die Anthroposophen ein religiöses Leben nicht. Diese Gemeinschaften müssen eben erst da sein. Sie können nicht anders da sein, als daß man in ganz ernster Weise sich alles das vorlegt, was zur Begründung solcher Gemeinschaften führen kann. Ich glaube, die äußeren Möglichkeiten, die Institutionsmöglichkeiten, die werden sich, wenn die Gesinnung, die ich versuchte Ihnen heute zu kennzeichnen, wirklich durchdringt, dann gar nicht so schwer finden, wenn Sie nur eine genügende Anzahl sind. Wenn Sie etwa zehnmal soviel Leute haben, die sich vorbereiten, den Predigerberuf über Deutschland hin, über ein größeres Territorium hin zu erfüllen, dann werden Sie auch die Möglichkeit haben, aus dieser Gesinnung heraus zur Gemeinschaftsbildung zu kommen. Aber die Gemeinschaftsbildung ist die Grundlage. Erst wenn wir über diese uns klar geworden sind, können wir über Kultus und Predigt weitersprechen.
[ 31 ] Nun möchte ich Sie bitten, daß Sie von sich aus sagen und in Fragen formulieren, was Ihre speziellen Gedanken, Wünsche und so weiter sind. Es werden Ihnen vielleicht auch Bedenken aufgestiegen sein bei den einzelnen Dingen, die ich erwähnt habe, oder es wird in Ihnen das Gefühl sein, daß die eine oder andere Frage nicht erschöpft ist, daß Sie noch praktischere Dinge brauchen.
[ 32 ] Ein Teilnehmer: Wenn auch vielleicht das Praktische sich leicht ergeben wird, so ist vielleicht doch dies oder das Praktische für uns von größter Bedeutung jetzt, zumal einige von uns in gewissen praktischen Situationen schon stehen. Deshalb würde ich bitten, uns vielleicht noch etwas zu sagen über die Anschlußmöglichkeiten. Es sind ja zunächst zwei Anknüpfungsmöglichkeiten vorhanden, entweder vielleicht von der Kirche aus oder die Anknüpfung an die bisherigen anthroposophischen Gemeinden. Ist überhaupt eine Anknüpfung von kirchlicher Arbeit aus dann hinterher zu finden? Diese Befürchtung, daß sie nicht zu finden ist, hält noch manche von uns zurück, obwohl sie schon in den Kirchendienst eintreten könnten. Was soll denn nun geschehen? Es ist vielleicht die Frage nach praktischen Dingen schon enthalten, aber es liegt die prinzipielle Frage nach der Anknüpfungsmöglichkeit schon darin, es besteht eben nicht Klarheit bei uns darüber, wo wir nun gleich praktisch anknüpfen können. Verscherzen wir uns eine Möglichkeit, wenn wir jetzt in den Kirchendienst eintreten in der Hoffnung, später da anknüpfen zu können? Sollen wir nicht lieber etwas anderes tun, denn irgendwo müssen wir anknüpfen.
[ 33 ] Rudolf Steiner: Die Sache liegt ja so, daß die Antwort darauf eine mannigfaltige sein muß. Sie ist nicht gleichartig zu geben, weil es in der Tat trotz der Schwierigkeiten, die heute die Kirche darbietet, doch noch immer Möglichkeiten gibt, aus der Kirche selbst heraus zu arbeiten, die man vielleicht nicht ungenützt lassen soll. Denn wenn Sie die besonderen Verhältnisse da oder dort berücksichtigen, werden Sie sich sagen können, nach der ganzen Art der Gemeinde ist es möglich, daß Sie Ihre Gemeinde selber begründen können, wenn Sie aus den bestehenden Formen heraus das Amt suchen, aber dann die Gemeinde gewissermaßen nach und nach aus den heutigen kirchlichen Verhältnissen herausführen, während Sie die Gemeindeglieder nicht zusammenbekommen würden, wenn Sie sich außerhalb der Kirche stellen und eben sie einfach sammeln wollten. Dagegen wird auf gewissen Gebieten ein Herausarbeiten aus der Kirche überhaupt nicht mehr möglich sein. Da ist es dann natürlich durchaus geboten, den Versuch zu machen, freie Gemeinden zu gründen: Nur würde ich unter allen Umständen empfehlen, die Sache nicht so zu versuchen, daß mit Bezug auf die anthroposophischen Zweige und so weiter ein Sichzusammenschließen angestrebt wird, daß nicht angestrebt wird ein Herausarbeiten aus der Anthroposophie selber, denn da würde Ihnen der Faden abreißen, bevor Sie zu irgend etwas kommen. Anthroposophie als solche wird einfach in der unerhörtesten Weise in der nächsten Zeit bekämpft werden von allen möglichen Seiten; und um innerhalb dieses Kampfes zu ruhiger Gemeindebildung zu kommen, dazu, sehen Sie, dazu reicht eigentlich die Kraft, die Sie heute haben, durch Ihre Zahl — selbst wenn sie zehnmal größer ist — noch nicht aus. Wir leben noch nicht in den sozialen Verhältnissen, die es möglich machen würden, aus der Anthroposophie selbst heraus zur religiösen Gemeindebildung zu kommen. Sie müssen die religiöse Gemeindebildung für sich vornehmen und dann den Zusammenschluß mit der anthroposophischen Bewegung suchen. Die anthroposophische Bewegung — das kann ich ja durchaus sagen — wird niemals ermangeln, diesen Zusammenschluß zu fördern, selbstverständlich; aber es würde nicht gut sein, gewissermaßen aus den anthroposophischen «Gemeinden» heraus kirchliche Gemeinden zu bilden.
[ 34 ] Sehen Sie, als wir die Waldorfschule gegründet haben — es ist nicht ein Beispiel, aber es ist wenigstens eine Ähnlichkeit vorhanden —, gingen wir darauf aus, keine Weltanschauungsschule, keine Anthroposophenschule zu gründen, sondern lediglich in Pädagogik und Didaktik das hineinzubringen, was hineingebracht werden kann durch Anthroposophie. Ich habe durchaus darauf gehalten, daß die katholischen Kinder von den katholischen Pfarrern, evangelische Kinder von den evangelischen Pfarrern unterrichtet werden. Nun hat sich allerdings herausgestellt, dadurch, daß der erste Grundstock der Waldorfschule Arbeiterkinder waren, daß dann sehr viele Kinder überhaupt keine religiöse Unterweisung gehabt hätten. Und gleichsam ergab sich dann die Notwendigkeit, auch einen freien anthroposophischen Religionsunterricht zu erteilen. Aber ich halte in allen Einzelheiten, namentlich in meinem eigenen Verhalten zu der Sache, streng darauf, daß dieser anthroposophische Religionsunterricht nicht in die Konstitution dieser Schule hineinfällt, sondern daß er ebenso von außen hineinkommt wie der katholische, wie der evangelische Religionsunterricht, so daß nicht die Schule als solche aus sich heraus diesen Religionsunterricht gibt, sondern daß sie eben einfach der anthroposophischen Gemeinschaft gestattet, denjenigen Kindern, bei denen es die Eltern wollen, diesen anthroposophischen Religionsunterricht zu geben, wie den evangelischen Kindern der evangelische und den katholischen Kindern der katholische Religionsunterricht gegeben wird. Auf diesem Gebiet muß man schon Ernst damit machen, daß das Geistige nur durch das Geistige wirkt. Sobald man eine Schulverfassung treffen würde, um den Religionsunterricht einzufügen in den Lehrplan der Schule, würde man ja zunächst wahrscheinlich mehr erreichen, als wir jetzt erreichen, aber langsam wieder abbauen. Man muß das Vertrauen zum Geiste haben, daß er durch sich selber wirkt. Und deshalb stehen wir eben in der anthroposophischen Bewegung vor der großen Schwierigkeit, daß wir, sobald wir einen Zweig begründen, das äußerlich in der physischen Welt machen; und da haben die Menschen natürlich immer das Bestreben, nun durch äußere Mittel zu wirken. Aber Anthroposophie kann heute nicht durch äußere Mittel wirken, sie kann nur durch dasjenige wirken, was in ihr als geistiger Gehalt auf die Menschen wirkt. Diese zwei Dinge stehen immer miteinander im Kampf: äußerliche Zweigbildung — innerliche Wirksamkeit. Das kämpft ganz furchtbar durcheinander. Und das würde selbst in dem Momente in ein Gesundes übergehen, wenn wirklich aus dem religiösen Geiste heraus eine Gemeinschaftsbildung möglich wäre. Nun, da handelt es sich natürlich darum, daß man wirklich, ich möchte sagen, gewissermaßen höhere Unbequemlichkeiten überwindet.
[ 35 ] Sehen Sie, wenn ich zu den schweizerischen Lehrern rede über die Befreiung des Geisteslebens, Befreiung des Unterrichtswesens, da erwidern in der Regel sogar die besten: Ja, wir sind in der Schweiz eigentlich ganz frei, wir können in der Schule machen, was wir wollen. — Keiner aber macht etwas anderes, als was der Staat will. Aus Freiheit sind sie im Grunde genommen so unfrei als möglich; sie fühlen nur ihre Unfreiheit nicht, sie fühlen die Unfreiheit als Freiheit, weil sie innerlich so damit zusammengewachsen sind. Wir müssen wiederum erst lernen, die Unfreiheit zu fühlen. Ich konnte es einmal bei einer Dreigliederungsversammlung, die ich in der Schweiz abgehalten hatte, in einer ganz merkwürdigen Weise empfinden; ich möchte sagen, es war da mehr auf ein humoristisches Gebiet gebracht. In der Diskussion hatte sich ein Mensch in einer gewissen fanatischen Weise darüber ungeheuer erhitzt, daß in Deutschland durch Gesetze, Polizeimaßregeln allen geboten wäre, sich loyal zu verhalten, das Monarchische loyal zu verehren und so weiter, das alles sei Gebot. Daran erhitzte er sich so furchtbar. Ich sagte ihm: Das mag ja nun natürlich alles ganz schön sein, daß sich Republikaner in einer solchen Weise gegen das Gebot der Monarchie erhitzen, aber ich erinnere mich, daß, als vor einigen Jahren der deutsche Kaiser in der Schweiz war, sich die Leute in einer ungeheuer devotionellen Weise benommen haben, so daß dazumal in der Tat das Bild des Devotionellen in Zürich dasjenige weit übertroffen hat, was man gewohnt war innerhalb Deutschlands. — Daraufhin sagte er: Ja, das ist gerade der Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz: in Deutschland ist das alles geboten, da müssen es die Leute tun, wir tun’s aber freiwillig. — Das ist der Unterschied zwischen freien Menschen und denjenigen, die unfrei sind.
[ 36 ] Nun, nicht wahr, wir müssen, und zwar alle Menschen — ganz international ist das in unserer Zeit —, wir müssen eigentlich erst lernen, was es heißt, ein freier Mensch zu sein. Und deshalb glaube ich, daß es tatsächlich möglich sein muß, anzuknüpfen da, wo einige Freiheit noch möglich ist innerhalb der Kirche, aus der Kirche selbst heraus diese freien Gemeinden zu gründen.
[ 37 ] Ich verkenne nicht die Schwierigkeit, aber nicht wahr, Sie müssen nur bedenken, wie die wirklichen Kulturverhältnisse, namentlich in Mitteleuropa, sind. Eine gewisse Gemeindebildung hat sich vollzogen damals — und man muß ja auch aus der Geschichte wirklich lernen —, als nach Verkündung des Infallibilitätsdogmas der Altkatholizismus entstanden war. Nun, wenn Sie den Altkatholizismus nehmen in bezug auf seinen Inhalt, so kann man sagen, er hat eigentlich in bezug auf Lehrgut und Priesterverhalten dasselbe, wie es das evangelische Pfarrertum hat. Er hat das schon in sich, der Altkatholizismus, und er hat nur bewahrt auf eine volkstümliche Weise einen Kultus, von dem wir noch zu sprechen haben werden. Man kann sagen: Im Altkatholizismus ist gerade dadurch, daß er als eine Reaktionserscheinung entstanden ist, schon dasjenige enthalten gewesen, was aus sich selbst heraus zur freien Gemeindebildung wirklich hätte führen können außerhalb der Kirche. Nun werden Sie ja wissen, der Altkatholizismus in Deutschland ist mit großem Enthusiasmus aufgenommen worden. Gemeinden wurden da oder dort gebildet, aber sie konnten nicht leben, nicht sterben. Natürlich mußten sie sich dazumal, weil man innerhalb der katholischen Kirche solche Gemeinden nicht bilden konnte, aus sich selbst heraus bilden. Das wäre gar nicht anders gegangen. In der Schweiz, wo sich viel mehr der Altkatholizismus erhalten hat — denn dort gibt es viele altkatholische Gemeinden —, tritt neuerdings ziemlich kraß hervor, daß diese Gemeinden ein konservatives Leben fortführen, aber sich nicht mehr vergrößern, sondern bleiben, sich eher verkleinern, daß sie also auch schon auf dem Boden einer absteigenden Entwickelung sind. Das ist heute die Schwierigkeit der Bildung der freien Gemeinden.
[ 38 ] Daher wird es notwendig sein, soviele Menschen, wie Sie können — nicht von der Kirche, aber von denjenigen Menschen, die noch nicht dazu sich entschließen können, aus der Kirche auszutreten, um mit Ihnen freie Gemeinden zu gründen —, herauszuretten aus der Kirche, also sie wirklich in der Kirche zu erfassen und herauszubringen. Wenn sich die Sache so gestaltet, dann können Sie ganz sicher sein, dann wird der Anschluß an die anthroposophische Bewegung erreicht werden. Denn die anthroposophische Bewegung wird, obwohl sie furchtbare Kämpfe wird auszufechten haben, trotzdem sich ihre Geltung verschaffen, wenn es auch vielleicht nur mit manchen Opfern der in ihr Wirkenden möglich ist, mit starken Opfern, sie wird sich doch Geltung verschaffen, aber sie wird kaum heute in der Lage sein, aus sich heraus einen Zweig des religiösen Lebens zu begründen — deshalb sprach ich auch heute immer von der Besonderheit Ihres Berufes —, sie wird kaum in der Lage sein, etwa Gemeinden in einem besonderen religiösen Sinne zu gestalten. Es wird notwendig sein, daß dasjenige, was ich immer betone, zur Wahrheit wird: Die anthroposophische Bewegung als solche kann keine Begründerin von neuen religiösen Gemeinschaften und so weiter sein, sondern man muß irgendwie die religiöse Gemeinschaft aus sich heraus bilden, oder — soweit man kann — sie mit dem Menschenmaterial bilden, das heute rein aus Vorurteilen noch innerhalb der alten Kirche steht. Vielleicht aber können Sie die Frage noch weiter formulieren, so daß wir noch genauer darüber sprechen können.
[ 39 ] Dr. Rittelmeyer — er ist nur krank geworden — hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, bei der Art, wie er sich verhalten hatte zu seinen Gemeindemitgliedern, eine ganz freie Gemeinde zu begründen mitten in Berlin. Und hat sie einmal eine bestimmte Macht, eine Geltung, ist sie groß, dann wagt man es nicht, an den Pfarrer irgendwie heranzukommen. Ist es eigentlich Ihre Meinung, daß man diesen letzten Rest des Berücksichtigens der Kirche nicht haben soll?
[ 40 ] Ein Teilnehmer: Ich glaube, daß es besonders schwer sein wird, in der Kirche zu arbeiten, und ich sehe auch noch nicht klar darüber, inwieweit wir das auch jetzt schon tun könnten. Wir müssen ja mit der eigentlichen Arbeit doch noch warten, bis wir gemeinsam losgehen können. Wäre es vielleicht möglich, in der Kirche schon jetzt Anknüpfungspunkte zu suchen? Aber wir würden dann eben bereits versandet sein, bis wir in der Gesamtheit so weit sind.
[ 41 ] Rudolf Steiner: Sie können jetzt, solange Sie nicht ein Predigeramt haben, solche Verbindungen nicht suchen. Sie müssen dasjenige, was die Vorbereitung ist zum religiösen Wirken, natürlich unabhängig von der Kirche suchen, wenigstens innerlich unabhängig. Solange Sie gewissermaßen Studierende sind, können Sie einen Zusammenschluß mit der Kirche nicht suchen. Sie können nur erst Umschau halten, wo es möglich wäre, solche Gemeinden herauszuziehen aus der Kirche. Und wenn Sie dann finden sollten, daß das überhaupt unmöglich ist in Mitteleuropa, dann müßte dennoch zur freien Gemeindebildung geschritten werden, und es müßten die Mittel und Wege gesucht werden, zu dieser freien Gemeindebildung zu schreiten.
[ 42 ] Nun würde ich natürlich nur zwei Dinge haben gegen eine absolut freie Gemeindebegründung, das heißt also, daß der eine von Ihnen nach dem Orte X, der andere nach Y geht und einfach, indem er meinetwillen zuerst für fünf, dann für zehn, zwanzig Leute predigt, sich allmählich eine freie Gemeinde schafft. Was ich als Schwierigkeit bezeichnen möchte, ist nur das, daß dieser Weg erstens ein langsamer ist — Sie werden sehen, es ist ein langsamer —, es ist der sicherste, aber ein langsamer. Und das zweite ist die materielle Frage. Denn, nicht wahr, wenn die Sache sich so vollzöge, dann wäre es notwendig, daß im umfassendsten Sinne diese Sache finanziert wird, richtig finanziert wird, daß also einfach zunächst eine Gemeinschaft von Ihnen selber [begründet] würde, und daß gesucht würde die Finanzierung dieser Gemeinschaft.
[ 43 ] Nun muß ich sagen, daß das ja natürlich der schönste Weg wäre; wenn er auch mit äußeren materiellen Dingen erkämpft werden muß, es wäre dieses natürlich der schönste Weg. Aber von all den Wegen gehört dazu — das sage ich Ihnen ganz offen — auf Ihrer Seite auch der größte Mut. Dazu gehört der größte Mut, dazu gehört natürlich, daß Sie selbst mittun an dem Kampf, der sich natürlich ergibt, daß Sie an den Schwierigkeiten, an dem Erkämpfen mittun, eben auch für die finanzielle Fundierung. Es wäre natürlich das Beste, wenn man umfassende Mittel gewinnen könnte, um Sie ganz unabhängig zu stellen, so daß Sie einfach dann wählen könnten: da oder dort sammle ich, und wenn es aus dem kleinsten Kreis heraus ist, meine Gemeinde. Sie kommt dann schon zustande. Dazu gehört Mut, daran zu glauben, daß sie zustande kommt. Sie kommt zustande, aber natürlich, man braucht die finanzielle Grundlage, und dem stellen sich heute wirklich außerordentliche Schwierigkeiten entgegen. Es wird ja sogleich die Gemeinschaft aller heute positiven Bekenntnisse da sein, die dem in der ausgiebigsten Weise widerstrebt, daß so etwas gemacht werde. Und man kann es nicht im einzelnen tun, man muß es als große Bewegung organisieren. Man muß tatsächlich eine Gemeinschaft begründen aus Ihnen allen, die sich also dieses Lebensziel setzen und für die dann eine finanzielle Fundierung gesucht wird.
[ 44 ] Nun, man kann sich das ja ausrechnen. Es würde ja genügen bei diesem Wege, weil er gewissermaßen ein ganz sicherer ist und nicht auf solche Schnelligkeit angewiesen ist, wenn Sie, sagen wir, zweihundert wären. Nun können Sie sich selber ausrechnen, was das jährlich braucht. Sobald man die Mittel dazu hat, sobald kann man es machen. Dann ist es der sicherste Weg. Dann ist es aber auch der sichtbarste Weg, und der wäre eigentlich der natürlichere. Aber bei den heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen diese Mittel in Mitteleuropa aufzubringen — und nur um das könnte es sich ja handeln —, das ist eben ungeheuer schwierig. Denn Sie werden keine Möglichkeit finden, in einem anderen Reiche, in einem anderen Lande so etwas zu machen. Also sowohl in Ost- wie in Westeuropa ist es absolut ausgeschlossen; in Mitteleuropa könnte man es machen aus inneren Gründen heraus, und man würde ein Großes gerade damit machen.
[ 45 ] Werner Klein: Ich muß sagen hierzu, daß ich bisher nur diesen Weg gesehen habe, den letzteren, und ihn auch jetzt eigentlich noch als den einzig gangbaren betrachte. Wir haben mit der Finanzierung natürlich große Schwierigkeiten, aber wir könnten daran gehen, sie zu beseitigen. Ich glaube auch, daß man aus eigener Kraft heraus sich über Wasser halten kann, wenn man sich selbst ein Wirkungsfeld schafft in einer Stadt, vielleicht versucht, aus Vorträgen heraus Gelder zu bekommen. Man wird Freunde sich erwerben können, die einem helfen. Aber man kann auch in einen Beruf sich hineinstellen — wir leben doch heute in der Zeit der abgekürzten Arbeitszeit —, man wird also einen weniger bedeutsamen Beruf ausfüllen können auf dem Rathaus oder irgendwo, wo man sich zur Not erhalten kann, um daneben die Zeit zu gewinnen, das zu betreiben, was einem vorschwebt. Ich glaube, daß man da doch sich wird halten können. Aber daneben müßte eben eine großzügige Organisation gehen und es müßte versucht werden, doch wenigstens Gelder zu bekommen. Und nach dem, was in uns allen lebt in Deutschland, dieses allgemeine Sehnen nach etwas Neuem, Kräftigem, glaube ich, daß sich manches finden wird. Das wird von uns abhängen. — Aber nun sehe ich heute zum ersten Mal den zweiten Weg in Verbindung mit der Kirche und ich glaube, daß man da Hand in Hand gehen kann. Der Weg der freien Gemeinde verlangt eine ganz andere Taktik, ein gemeinsames Hingehen auf das Ziel, und ein gemeinsames Vorgehen zu einem gemeinsamen Zeitpunkt, aber doch jeder für sich, wenn man hervortritt als eine größere Bewegung; während die andere Taktik die ist, daß jeder für sich anfängt zu wirken und versucht, von der Kirche aus eine neue Gemeinde zu schaffen. Das eine wird das andere nicht stören. In dem Augenblick, wo wir auf diesem sicheren, aber auch schwereren Weg vielleicht soweit sind, um, kraß gesagt, loslegen zu können, dann werden diejenigen, die bisher den anderen Weg gegangen sind, in ihrer Arbeit sich uns anschließen und dann mit Früchten, die sich schon real und positiv gezeigt haben, uns unterstützen können, während, wenn es hie und da gelingt, Erfolge auf dem einen oder anderen Gebiete im Anschluß an die zu gewinnen, das nur zu begrüßen und als Faktor für sich zu betrachten wäre. Wenn wir wirklich in Anberracht der sozialen religiösen Not heute sozial etwas schaffen wollen, so scheint immer noch nur dieser erste, der sichere Weg, gegeben zu sein. Wir müssen ihn auf jeden Fall versuchen. Wenn wir scheitern, dann gehen wir noch immer den anderen und zwar, wenn der andere gleichzeitig beschritten wird von denen, die schon wirken wollen, um die Zwischenzeit auszufüllen, ist es zu begrüßen. Wenn wir Großes wollen, müssen wir auch das Große anstreben und versuchen.
[ 46 ] Rudolf Steiner: Es ist ja so, daß wir gerade hier in Stuttgart einige Erfahrungen mit den Schwierigkeiten haben, die so etwas gegenüberstehen wie dem sichersten Weg, der hier gekennzeichnet worden ist. Natürlich bin ich durchaus der Meinung, daß dieser Weg gegangen werden kann, wenn die Kräfte dafür genügend eingesetzt werden. Aber seien Sie sich auch der Schwierigkeiten bewußt, die man heute auf allen Gebieten trifft. Es ist ein außerordentlich guter Wille darin, sich zu sagen, man kann auch irgendeine Stellung annehmen und daneben in der Sache so wirken, wie es wünschenswert ist. Aber es ist ja so ziemlich ein offenes Geheimnis, daß die Studierenden an den deutschen Hochschulen in den nächsten Jahren in die furchtbarsten materiellen Schwierigkeiten kommen werden, nicht wahr. Man hat an allerlei unpraktische Dinge gedacht; sogar ein Professor ist zu mir gekommen, der mir sagte, daß man daran denken müßte, Druckereien einzurichten, weil die Studierenden ihre Dissertationen nicht mehr bezahlen können, und sie sollten dort sich das selber drucken. — Ich habe natürlich nicht das geringste Verständnis für eine solche materielle Inzucht; denn ich weiß nicht, auf welche Weise die Studenten etwas verdienen sollten, wenn sie ihre eigenen Dissertationen drucken. Ich fand als den rationelleren Weg, auf den ich hinwies, wenn man überhaupt — für die Zeit der Not — den Zwangsdruck der Dissertationen abschaffen würde. — Also, man denkt an alles mögliche Unpraktische, aber die Sache ist schon eine sehr ernste. Mir wäre es zum Beispiel eine außerordentlich liebe Idee, wenn der «Kommende Tag» seinerseits eine gewisse materielle Grundlage wenigstens einer Anzahl von Studierenden geben könnte, das heißt, er müßte, sagen wir, abwechselnd drei Monate eine Gruppe von Studierenden beschäftigen in seinen Unternehmungen, während man in den nächsten drei Monaten andere beschäftigt. Dann könnten die letzteren an die Universitäten zurückgehen und studieren. Also, das wäre eine schöne zu verwirklichende Idee, wenn man es könnte. Aber in unserem eigenen Betriebe würden wir — in dem Momente, wo wir so etwas realisieren wollten, also eine Anzahl Studenten anstellen wollten — sofort die Revolution der Gewerkschaftsarbeiter haben, die uns erklären würden: das gibt es nicht. Sie würden uns hinauswerfen. Und, nicht wahr, etwas ähnlichem, wenn es auch nicht gerade so in Form eines Hinauswurfes einem entgegentreten würde, aber wahrscheinlich in der Art eines Nichthineinlassens, dem würde man schon begegnen. Außerdem sehe ich keine rechte Möglichkeit, daß man neben einem Beruf, selbst bei der heute verkürzten Arbeitszeit, noch einen solchen ausüben kann, wo man sich völlig hingibt, denn es erfordert eine ganze Hingabe, um einen solchen Beruf, zu dem Sie sich entschließen wollen, auch wirklich auszufüllen. Ich sehe da keine rechte Möglichkeit.
[ 47 ] Sehen Sie, wir stehen doch einfach vor der Tatsache, daß durch die schweren Lebensverhältnisse die Menschen eigentlich heute alle nicht so stark sind, wie sie eigentlich sein sollten. Also ich fürchte, es würde ein solcher Weg, wo der Betreffende auf sich selber angewiesen wäre in finanzieller Beziehung, mindestens in eine leise Neurasthenie hineinmünden. Daß es unter heutigen Umständen möglich ist, durch Vortragstätigkeit, durch eine freie Betätigung in dieser Weise einen Lebensunterhalt zu verschaffen, das scheint mir auch ziemlich unwahrscheinlich zu sein. Denn, sehen Sie, geistige Leistungen — wir haben das gerade auf besonderem Gebiete erfahren — werden nach der alten Geldwährung bezahlt, und essen muß man nach der neuen Geldwährung. Wenn man die Bezahlung für geistige Leistung nimmt, so bekommt man in der alten Währung 30 Mark, und ausgeben müßte man nach der neuen Währung 300 Mark. Also diese Sache wäre natürlich schwierig. Dagegen wäre es wirklich wert, sich einzusetzen für eine Finanzierung in umfassendstem Sinne.
[ 48 ] Ich halte auch das Zusammenwirken mit der Kirche, das also Herrn Klein sympathischer zu sein scheint als manchem anderen von Ihnen, nicht für aussichtslos. Denn die Zusammenkoppelung dieser Arbeit mit der Kirche, das hätte, glaube ich, Vorteile. [Es folgen einige vom Stenographen nur unvollständig und unklar festgehaltene Sätze, die sich auf die Finanzierung beziehen.]
[ 49 ] Man kann beides machen. Ich meine doch, die Erfahrung spricht heute dafür, daß, wenn es Ihnen gelingt, sich erst aus der Kirche heraus freie Gemeinden zu schaffen, Sie Nachfolge finden werden einfach durch Ihr Vorgehen. Sie werden Nachfolge finden. Denn man geht wohl nicht fehl damit, wenn man sagt, es sitzen heute viele Pastoren und Pfarrer in den evangelischen religiösen Gemeinschaften drinnen, die gerne heraus möchten aus ihrem Amt und nur einen Anstoß brauchen. Wenn es Ihnen gelingt, diese Leute aus ihren Gemeinden herauszuziehen, dann finden Sie schon bei heute im Amt sitzenden Pfarrern solche, die Ihnen nachfolgen. Das wäre doch ein guter Zuzug. Das würde die Bewegung rasch vergrößern können. Da fänden Sie nämlich dann Zuzug, während die Betreffenden aus sich selbst heraus eben einfach nicht die Initiative aufbringen können. Wenn der Anstoß von außen gegeben würde, da fänden Sie Zuzug.
[ 50 ] Das wäre natürlich ja außerordentlich wünschenswert, wenn es gelingen könnte, die Finanzierungsfrage irgendwie wenigstens in Angriff zu nehmen. Ich sage absichtlich «irgendwie in Angriff zu nehmen», denn wenn diese Finanzierungsfrage ordentlich in Angriff genommen wird, dann hat sie die Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Das Inangriffnehmen, das ist viel schwieriger als, wenn es einmal ordentlich in Angriff genommen ist, das Gelingen. Denn, was heute fehlt in umfassendstem Sinne, das ist das tüchtige Mitarbeiten der Menschen an den großen Aufgaben des Lebens. Die Menschen haben sich überall so in Routinen hineingewöhnt, daß man für die wichtigsten Aufgaben eigentlich doch nicht hinreichend tatkräftige Mitarbeiter gewinnt.
[ 51 ] Ich glaube, daß wir vielleicht unsere Zeit ausnützen sollten, und weil wir jetzt gerade auch unmittelbar auf die praktischen Fragen gekommen sind, die doch präliminarisch verhandelt werden sollten, würde ich Sie bitten, zur Fortsetzung heute abend um halb sieben Uhr zu kommen.
