On Health and Illness
GA 348
19 October 1922, Dornach
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On Health and Illness, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Guten Morgen, meine Herren! Haben Sie sich noch etwas zu fragen ausgedacht?
[ 1 ] Good morning, gentlemen! Have you thought of any more questions?
Es wird gefragt in bezug auf die politische Lage: ob es der Engländer wohl ehrlich mit Deutschland meine, oder ob der nur vorgeschoben werde, und der Franzose doch mit dem Engländer Hand in Hand gehe, um Deutschland zu vernichten; auf der einen Seite wird von den Franzosen Deutschland zu bekämpfen versucht durch die Reparationen, und auf der anderen Seite stehen die Großkapitalisten. Und ebenso jetzt in Rußland. Von der einen Seite ist doch bekannt, daß Deutschland mit Rußland ein Wirtschaftsabkommen getroffen hat; jetzt liest man aber wieder, daß der Franzose ebenfalls mit Rußland ein Wirtschaftsabkommen getroffen haben soll, um eventuell das deutsche Abkommen zu hintertreiben? - und was sonst deutsche Angelegenheiten sind. Wenn Herr Doktor vielleicht in der Lage wäre, einige Andeutungen zu geben?
People are asking, with regard to the political situation: whether the English are truly sincere toward Germany, or whether they are merely a front, and the French are in fact working hand in hand with the English to destroy Germany; on the one hand, the French are attempting to fight Germany through reparations, and on the other hand, there are the big capitalists. And the same is true now in Russia. On the one hand, it is well known that Germany has concluded an economic agreement with Russia; but now one reads again that the French are also said to have concluded an economic agreement with Russia, possibly to thwart the German agreement?—and other matters pertaining to Germany. Might Dr. [Name] perhaps be in a position to offer some insight?
[ 2 ] Ja, wissen Sie, das ist ja vielleicht der Grund, warum wir in der letzten Zeit, ich möchte sagen, aus einer gewissen Übereinstimmung heraus, mehr über wissenschaftliche Angelegenheiten gesprochen haben, was in der gegenwärtigen Zeit nämlich viel gescheiter ist, als über politische Angelegenheiten zu sprechen, aus dem Grunde, weil alle diese Verhältnisse, alle diese Angelegenheiten, die Sie berührt haben, eigentlich zu nichts führen. Aus allen diesen Dingen kommt in Wirklichkeit doch gar nichts heraus. Sie müssen nur bedenken, daß die Sachen ja so liegen, daß gegenwärtig im Grunde genommen alle miteinander eigentlich nicht wissen, was sie in der Zukunft machen sollen. Und alle diese Dinge, die geschehen, sind eigentlich nur Angstprodukte, richtige Angstprodukte. Viel wichtiger als alle diese Dinge, die ja zum Beispiel einfach darauf beruhen, daß England augenblicklich nicht weiß, was es tun soll- denn auf der einen Seite kann es noch nicht recht von Frankreich sich trennen, nachdem in England immer die Meinung vertreten wird, man muß Versprechen einhalten —, viel wichtiger sind ja den Leuten ganz andere Dinge. Das ist eine allgemeine Meinung dort: Man muß Versprechen einhalten. Nicht wahr, inwiefern darinnen Aufrichtigkeit oder nicht Aufrichtigkeit ist, das ist ja etwas, was also eigentlich die wirklichen Verhältnisse nicht viel angeht; das geht die einzelnen Menschen an, ob sie wahre oder unwahre Menschen sind. Aber im öffentlichen Leben kann man eben nur sagen: Es herrscht so der Grundsatz, man muß Versprechen einhalten, man muß fair play machen, daß heißt, man muß anständiges Spiel machen. So also steht natürlich England auf dem Boden, man kann sich von der alten Entente nicht trennen. Auf der andern Seite widerspricht das ja im Grunde genommen wiederum dem ganzen Sinn, der vom Anfange an mit dieser Kriegsunternehmung verbunden war. Denn diese Kriegsunternehmung war ja darauf berechnet, die Produktion allmählich ganz nach dem Westen zu ziehen und die europäischen, die östlichen und mitteleuropäischen Produktionen zu unterdrücken, um diese mehr als Absatzgebiete zu haben. Das war ja eigentlich die ursprüngliche Absicht. Die Produktion ist einfach in Mitteleuropa — und das wäre auch in Osteuropa gekommen — den Leuten im Westen zu üppig geworden. Sie wollten sie nicht so haben.
[ 2 ] Yes, you know, that may well be the reason why we’ve been talking more about scientific matters lately—I’d say out of a certain shared understanding—which, in the current climate, is actually much wiser than talking about political matters, simply because all these circumstances, all these issues you’ve touched on, don’t really lead anywhere. In reality, nothing at all comes of all these things. You just have to consider that the situation is such that, at the moment, basically none of us really knows what to do in the future. And all these things that are happening are really just products of fear—true products of fear. Much more important than all these things—which, for example, are simply based on the fact that England doesn’t know what to do at the moment—because, on the one hand, it can’t quite bring itself to break away from France, given that the prevailing opinion in England is that one must keep one’s promises—much more important to people are entirely different matters. That is a common belief there: one must keep one’s promises. Isn’t it true that whether there is sincerity or insincerity in that is something that doesn’t really have much to do with the actual circumstances; that is a matter for individual people—whether they are truthful or untruthful. But in public life, one can only say: The principle prevails that one must keep one’s promises, one must play fair—that is, one must act honorably. So, naturally, England stands firm on the position that it cannot break away from the old Entente. On the other hand, this, in essence, contradicts the very purpose that was associated with this war effort from the very beginning. For this war effort was, after all, calculated to gradually shift production entirely to the West and to suppress production in Eastern and Central Europe, in order to have these regions serve primarily as markets. That was, in fact, the original intention. Production in Central Europe—and this would have extended to Eastern Europe as well—had simply become too abundant for the people in the West. They did not want it that way.
[ 3 ] Nun, jetzt besteht auch in England die Meinung: Wenn man Deutschland ganz unterdrückt, dann hat man kein Absatzland. Man will es aufrecht erhalten. Die Franzosen aber, die spüren vor allen Dingen ihren Mangel an Geld, an Finanzen, überhaupt ihren Mangel an finanzieller Kraft. Die wollen ja vor allen Dingen auf einem Gewaltwege aus Deutschland nun wieder etwas herausschlagen. Nun, nicht wahr, setzt man sich in England zwischen zwei Stühle. Und so pendelt man halt hin und her. Dabei kommt nichts Besonderes heraus. Wenn man einmal glaubt, man tut Deutschland zu weh, so macht man da und dort etwas, das ein bißchen bessere Stimmung machen soll. Dazu kommen die orientalischen Angelegenheiten, wo Frankreich und England einander schroff gegenüberstehen, weil England im gegenwärtigen Zeitpunkt die Türken zurückdrängen muß, weil es ja mit einem Schlag die Welt beherrschen will. Daß es die Christen in Schutz nimmt — nicht wahr, das tut es ja in Wirklichkeit wiederum auch; inwieweit das aufrichtig ist, braucht man wiederum nicht zu untersuchen. Aber Frankreich, das legt gegenwärtig darauf keinen Wert, da es vor allen Dingen sein Geld hereinbekommen will, und unterstützt also die Türken. So stehen sich im Orient die beiden Mächte schroff gegenüber. So ist im Grunde genommen alles in der Welt heute in der großen Politik ein Chaos.
[ 3 ] Well, now the prevailing view in England is this: if Germany is completely subjugated, there will be no market for German goods. They want to keep it afloat. The French, however, are feeling above all their lack of money, of finances—in short, their lack of financial power. Above all, they want to use force to wring something out of Germany again. Well, isn’t that right—England finds itself caught between a rock and a hard place. And so it just swings back and forth. Nothing much comes of it. Once they think they’ve hurt Germany too much, they do something here and there to improve the mood a little. Added to this are the affairs in the East, where France and England are sharply at odds with one another, because England must currently push back the Turks—since it wants to rule the world in one fell swoop. That it takes the Christians under its protection—well, in reality, it does that too; to what extent that’s sincere, there’s no need to examine. But France, which currently attaches no importance to that, since it wants above all to recoup its money, therefore supports the Turks. Thus, in the Orient, the two powers stand in sharp opposition to one another. So, basically, everything in the world today is chaos when it comes to high politics.
[ 4 ] Dazu kommt etwas anderes. Gerade in England zeigt sich das gegenwärtig. Da kommt man auf den Punkt, worauf es eigentlich ankommt. Das ist nun sehr wichtig, daß viele Leute sehen, worauf es eigentlich ankommt. Alle die Dinge, die so besprochen werden, auf die kommt es eigentlich gar nicht an. Sehen Sie, was Lloyd George postuliert, oder irgendeiner spricht, darauf kommt es gar nicht an, denn das redet alles an den Tatsachen vorbei - nicht bewußt, denn die Leute glauben, daß sie von den Tatsachen reden, aber sie reden eben gar nicht von den Tatsachen, sondern sie reden vorbei an den Tatsachen.
[ 4 ] There’s something else to consider as well. This is particularly evident in England right now. There, people are getting to the heart of what really matters. It is very important that many people see what really matters. All the things that are being discussed like this—they don’t really matter at all. Look at what Lloyd George is proposing, or whatever anyone else is saying—it doesn’t matter at all, because it all misses the point—not intentionally, since people believe they’re talking about the facts, but they’re not talking about the facts at all; rather, they’re talking right past the facts.
[ 5 ] Aber eine andere Sache ist viel wichtiger. Sehen Sie, jetzt ist ja in England der große Kampf um Lloyd George, ob er überhaupt bleiben soll oder gehen soll. Warum kann sich denn dieser Mensch, der immerhin die schönsten Worte der Welt gegenwärtig machen kann, nicht halten? Er kann sich nicht halten aus dem Grunde, weil er keine genügend große Partei mehr hat. Das sind lauter kleine Parteien, die er hat. Er kann sich nicht mehr halten, weil er nicht mehr genügend große Parteien hat. Wenn man Lloyd George jetzt ersetzen wollte, so könnte man es nicht recht. Man kann weiterhin einen Minister obenauf bringen, aber der würde sehr bald auch wieder abgesetzt. Und so ist es unmöglich, an die Stelle von Lloyd George jemand andern zu bringen. Also muß man ihn behalten! Und darauf beruht das Ganze. Es ist gegenwärtig kein Nachwuchs. Man muß überall diejenigen Leute nehmen, von denen man noch weiß: Ja, der ist einmal etwas gewesen. Aber irgend jemand darauf anzuschauen, ob er etwas versteht, ob er etwas kann, ob er die Verhältnisse überschaut, das ist bei niemandem mehr vorhanden.
[ 5 ] But there is another matter that is far more important. You see, there is currently a major struggle in England over Lloyd George—whether he should stay at all or step down. Why can’t this man, who is, after all, capable of articulating the most beautiful words in the world, hold on to power? He cannot hold on because he no longer has a party large enough. All he has are small parties. He can no longer hold on because he no longer has enough large parties. If one wanted to replace Lloyd George now, one couldn’t really do so. One could continue to put a minister in charge, but that person would very soon be removed as well. And so it is impossible to put someone else in Lloyd George’s place. So one must keep him! And that is what the whole situation hinges on. There is currently no new blood. Everywhere, one has to resort to those people about whom one still knows: “Yes, he used to be someone.” But to look at anyone and see if he understands anything, if he’s capable of anything, if he has a grasp of the situation—that’s no longer the case with anyone.
[ 6 ] Das ist auch nicht mehr bei der Sozialdemokratischen Partei vorhanden. Die hält auch nur ihre alten Bonzen aufrecht, läßt nicht die neuen heran. Also überall haben die Menschen die Möglichkeit verloren, noch irgendwie zu sehen, ob einer etwas versteht oder nicht. Und daher ist man gezwungen, die alten Leute, die gar nichts mehr von der Gegenwart wissen, überall in den Stellungen zu haben. Dadurch kann natürlich nirgends etwas herauskommen! So daß es heute ganz gleich ist, ob einer der oder jener Partei angehört, der dann irgendwie in eine Stellung hineinkommt; sondern darauf kommt es an, daß wir wiederum die Zeit herbeiführen, wo es Leute gibt, die von den Verhältnissen etwas verstehen, die also tatsächlich aus den Tatsachen heraus reden, nicht immer an den Tatsachen vorbeireden und -handeln. Das wird mit jedem Tag weniger, daß die Leute erkennen, was eigentlich geschehen soll. Das wird mit jedem Tag schlechter. Und daher ist es im Grunde genommen auch heute ein ganz unnützes Reden, wenn man sagt: Ja, wäre es nun gescheiter, wenn die Engländer das täten, oder die Franzosen das täten, oder die Deutschen oder die Türken das und das täten. — Nicht wahr, was auch geschieht von alten Standpunkten aus, das ist eine Sache, die gar keine Erfolge hat,
[ 6 ] That’s no longer the case with the Social Democratic Party either. It, too, just props up its old bigwigs and doesn’t let the new ones in. So everywhere, people have lost the ability to even tell whether someone understands anything or not. And that’s why we’re forced to have old people—who know absolutely nothing about the present—in positions of power everywhere. Naturally, nothing can come of that anywhere! So today it doesn’t matter at all whether someone belongs to this or that party when they somehow end up in a position; what matters is that we bring about a time again when there are people who understand the circumstances—people who actually speak based on the facts, rather than always talking and acting at cross-purposes with the facts. Every day, people are less and less able to recognize what is actually supposed to happen. It’s getting worse every day. And that’s why, fundamentally speaking, it’s still completely pointless today to say: “Yes, wouldn’t it be wiser if the English did this, or the French did that, or the Germans or the Turks did such and such?” — Isn’t it true that whatever happens based on old points of view is something that yields absolutely no success,
[ 7 ] Nehmen Sie irgendeine Tatsache in den allerletzten Tagen. Eine Tatsache: Nicht wahr, Deutschland leidet in der letzten Zeit ungeheuer unter den sogenannten Devisenspekulationen. Die Schulbuben kauften schon Devisen, «machten in Devisen». Es war ja so: Wenn irgendeiner 50 Mark hatte, so kaufte er sich Devisen, und am nächsten Tage hatte er 75 Mark. Man konnte durch die Devisenspekulationen ungeheuer viel verdienen. Was tut also die deutsche Regierung? Sie macht ein Gesetz — Sie wissen ja, ein Notgesetz ist gemacht worden gegen diese Devisenspekulationen —, also die Regierung macht ein Gesetz: Die Devisenspekulation soll kontrolliert werden. Nehmen wir an, die Regierung ist so gescheit in ihren Organen — was ich ja noch nicht glaube —, aber nehmen wir an, sie kann wirklich mit Devisen spekulieren: sie hat dann günstige Erfolge. Nehmen wir das an. Dann wird also in den nächsten Wochen in Deutschland weniger mit Devisen gehandelt. Wie gesagt, es ist nicht übertrieben, daß dreizehn-, vierzehnjährige Schulbuben in Devisen Spekulationen gemacht haben. Nehmen wir also an, das wird für einige Wochen untergraben. Was wird kommen? Es wird eine riesige Differenz eintreten zwischen dem, was Nahrungsmittel und andere lebensnotwendige Dinge kosten, und demjenigen, was man haben wird zum Bezahlen. Also nehmen Sie zum Beispiel an, eine Zigarette kostet heute in Deutschland 7 Mark. Nun, sie wird gekauft. Warum? Weil die Devisenspekulation da war. Nicht wahr, ein alter Mann kann ja heute keine Zigarette kaufen; die jungen Leute kaufen sie sich, diejenigen, die unter allen möglichen Devisenspekulationen viel Geld verdienen. Nun nehmen wir an, sie verdienen nicht mehr. Ja, jetzt, in den nächsten Tagen und Wochen kauft keiner eine gute Zigarette. Dies nur als Beispiel. Noch ein anderer Punkt: Dann ist es ganz selbstverständlich, daß die Zigarettenfabrikation in die Notwendigkeit kommt, wiederum die Arbeitslöhne zu drücken. Und dann haben Sie das: Die Dinge haben noch ihren Preis von früher; keiner kann sie kaufen. Eine neue Krisis ist da. Das ist die nächste Krisis, die kommen wird.
[ 7 ] Take any fact from the very last few days. One fact: Isn’t it true that Germany has been suffering tremendously lately from so-called currency speculation? Even schoolboys were buying foreign currency, “making money on currency.” Here’s how it worked: If someone had 50 marks, he’d buy foreign currency, and the next day he’d have 75 marks. You could make an enormous amount of money through currency speculation. So what does the German government do? It passes a law—as you know, an emergency law has been enacted against this currency speculation—so the government passes a law: Foreign exchange speculation is to be controlled. Let’s assume the government is smart enough in its decision-making—which I don’t believe yet—but let’s assume it can actually speculate in foreign exchange: it will then achieve favorable results. Let’s assume that. Then, in the coming weeks, there will be less foreign exchange trading in Germany. As I said, it’s no exaggeration that thirteen- and fourteen-year-old schoolboys have been speculating in foreign exchange. So let’s assume that this is curtailed for a few weeks. What will happen? There will be a huge disparity between the cost of food and other necessities and the money people will have to pay for them. So take, for example, a cigarette that costs 7 marks in Germany today. Well, people are buying it. Why? Because of foreign exchange speculation. After all, an old man can’t buy a cigarette today; it’s the young people who buy them—those who make a lot of money through all kinds of foreign exchange speculation. Now let’s assume they’re no longer making money. Yes, now, in the coming days and weeks, no one will buy a good cigarette. This is just an example. Another point: It then goes without saying that cigarette manufacturers will be forced to cut wages again. And then you have this: Goods still carry their old prices; no one can afford them. A new crisis has arrived. That is the next crisis that will come.
[ 8 ] Alles dasjenige, was kommen wird, wird nur aus dem allernächsten Augenblick gemacht. Die Leute sehen nur das nächste, und das ist, daß immer dafür gesorgt wird auf diese Weise, daß die eine Krise in die nächste hinüberläuft. Auf diese Weise kann man ja nicht zu einem Resultat kommen. Das ist ganz unmöglich, daß man aus diesen Verhältnissen, die ein Chaos sind, heute anders herauskommt als dadurch, daß man wieder tüchtige Kerle hat, die zu irgendeinem Resultat kommen. Das allerwichtigste ist, daß wieder tüchtige Kerle da sind. Und da ist es eben doch so — das zeigt die gegenwärtige Zeit -: es werden keine wirklich tüchtigen Menschen herangezogen. Also müssen wir sehen, daß wir wieder eine Zeit haben, die tüchtige Menschen heranzieht. Mit den alten Phrasen geht es nicht weiter. Die alten Phrasen sprechen alle Leute aus. Daher hat es gar keinen Wert. Wenn Sie heute irgendeine Zeitung in die Hand nehmen, welcher Partei sie auch angehört, da lesen Sie allerlei — es kann Ihnen gerade gefallen, daß die Zeitung aus einer Partei heraus spricht, der Sie selber angehören -, aber dasjenige, was Ihnen da an Tatsachen aufgetischt wird, hat ja nicht den allergeringsten Wert. Es kommt dabei gar nichts heraus. So daß man sagen kann: Es ist heute fast eine verlorene Zeit, wenn man sich mit all diesen Dingen beschäftigt, die da in der Welt als politische herumgehen. Es kommt nichts dabei heraus! Und wenn irgend etwas behandelt werden soll, ist es nur das, daß wiederum tüchtige Kerle erzogen werden. Das ist das einzige, was man anstreben kann; denn es weiß eben niemand heute etwas.
[ 8 ] Everything that is to come is shaped solely by the very next moment. People see only what is immediately ahead, and that is why it is always ensured in this way that one crisis flows into the next. You can’t possibly reach a solution this way. It’s completely impossible to escape these chaotic circumstances today except by once again having capable people who can achieve some kind of result. The most important thing is that capable people are back in the picture. And that’s just how it is—as the present times show—truly capable people are not being brought forward. So we must ensure that we once again have an era that brings capable people to the fore. We can’t move forward with the old clichés. Everyone spouts the old clichés. That’s why they have absolutely no value. If you pick up any newspaper today, no matter which party it represents, you’ll read all sorts of things—you might even be pleased that the newspaper speaks for a party to which you yourself belong—but the so-called facts presented to you there have not the slightest value. Nothing comes of it at all. So one can say: It’s almost a waste of time today to concern oneself with all these things that circulate in the world as “political.” Nothing comes of it! And if anything is to be addressed, it is only that capable young men be educated once again. That is the only thing one can strive for; for no one knows anything today.
[ 9 ] Am meisten wissen schließlich diejenigen, die den Europäern gegenüberstehen. Die Türken zum Beispiel wissen ganz genau, was sie wollen. Die Japaner wissen auch, was sie wollen. Die wollen aber alle ihre eigene Kultur fördern - ihre eigene Kultur! Und just dem Europäer ist seine Kultur ganz einerlei! Und das ist dasjenige, was es heute macht, daß man eigentlich nichts mehr sagen kann zur Politik. Es ist so, nicht wahr, wie wenn Sie sich in eine Gesellschaft setzen und Sie hören eine Zeitlang zu, und Sie kommen darauf, daß die Leute eigentlich bloß leere Phrasen dreschen. Da werden Sie sagen: Da rede ich nicht mit. — So ist es nämlich fast mit der Politik der Gegenwart.
[ 9 ] After all, those who are in direct contact with Europeans know the most. The Turks, for example, know exactly what they want. The Japanese also know what they want. But they all want to promote their own culture—their own culture! And Europeans, of all people, couldn’t care less about their own culture! And that is precisely what makes it impossible today to say anything meaningful about politics. It’s just like when you sit down in a group and listen for a while, only to realize that people are really just spouting empty platitudes. Then you’ll say: “I’m not getting involved in that.”—That’s pretty much how it is with politics today.
[ 10 ] Sehen Sie, der Lloyd George hat vor ein paar Tagen eine Rede gehalten. Wenn Sie diese Rede bildlich ausdrücken wollen und Sie nehmen Strohhalme, in denen man einzelne Weizenkörner noch drinnengelassen hat, trifft das Bild nicht mehr zu; es muß ganz ausgedroschenes Stroh sein, es muß das letzte Weizenkorn herausgedroschen sein, dann ist das ein Bild der Rede, die der Lloyd George vor einigen Tagen gehalten hat. Aber trotzdem stehe ich keinen Augenblick an zu sagen, daß es die bedeutendste Rede ist, die ein Staatsmann in den letzten Wochen gehalten hat. Denn, nicht wahr, wenn schon gar nichts mehr drinnen ist, so ist doch das einzige, was drinnen ist, die Faust. Man spürt, wenn er es auch nicht wirklich tut, wie er alle Augenblicke auf den Tisch geschlagen hat. Das kann er. In der Faust ist etwas drinnen. Aber in den Worten ist nichts drinnen.
[ 10 ] You see, Lloyd George gave a speech a few days ago. If you want to illustrate that speech using straws that still have individual grains of wheat left in them, the image no longer applies; it must be completely threshed straw; the very last grain of wheat must have been threshed out—only then does it serve as an image of the speech Lloyd George delivered a few days ago. Nevertheless, I have no hesitation in saying that it is the most significant speech any statesman has delivered in recent weeks. For, isn’t it true that if there is absolutely nothing left inside, then the only thing that remains is the fist? One senses—even if he does not actually do so—how he must have been pounding the table at every moment. He is capable of that. There is something inside the fist. But there is nothing inside the words.
[ 11 ] Und so ist es überall. Wirthsche Reden lese ich nicht mehr, weil ich genug habe aus den paar Zeilen, die vorne in den «Basler Nachrichten» stehen. Da hat man schon genug ungefähr über den Inhalt, und daß, was er geredet hat, nichts ist, kann man ja sehen. Also es ist absolut trostlos, das ganze Treiben. Und so ist es so, daß es eigentlich vollständig überflüssig ist, sich nach irgendeiner Seite hin zu begeistern oder zu entgeistern. Das ist eben die Sache. Also wer es heute ehrlich und aufrichtig mit der Menschheit meint, der muß eigentlich sich sagen: Es kommt alles darauf an, daß man tüchtige Kerle kriegt, die wiederum etwas von der Welt verstehen, die überhaupt denken können, wirklich denken können.
[ 11 ] And it’s like that everywhere. I don’t read Wirth’s speeches anymore because the few lines at the beginning of the *Basler Nachrichten* are enough for me. That gives you a good enough idea of the content, and you can clearly see that what he said amounts to nothing. So the whole affair is absolutely disheartening. And so it is that it’s actually completely unnecessary to get excited or disheartened about any particular side. That’s just the way it is. So anyone who is honest and sincere about humanity today must really tell themselves: It all comes down to finding capable people who, in turn, understand something about the world—who are capable of thinking at all, of truly thinking.
[ 12 ] Denn nicht wahr, wenn man Lloyd George betrachtet, vielleicht ist er eben durchaus der tüchtigste Mensch von allen diesen, aber er hat niemals einen Gedanken gehabt. Und gerade dadurch hält er sich, daß er keine Gedanken hat. Da kann er fortwährend nach dieser Richtung und nach jener Richtung hinüber schwimmeln, und er redet eigentlich dummes Zeug. Aber nicht wahr, sobald er einen Gedanken äußern würde, da kann die Unionistische Partei, oder die Konservative Partei, oder die Labour Party sehen, wie sie dran ist. Sowie er irgendeinen Gedanken äußert, dann weiß man, wie man dran ist mit ihm. Dann sägt man ihn ab selbstverständlich, wenn man weiß, wie man dran ist mit ihm. Seine ganze Kunst besteht darin, daß man nicht wissen kann, wie man dran ist mit ihm. Aber wenn einer immerfort inhaltloses Zeug redet, weiß niemand, wie man dran ist mit ihm — kein Mensch weiß es. Und seine große Kunst besteht darinnen, daß er eigentlich keine Gedanken hat. Die Kunst kann er nämlich ausüben, weil er selber auch nicht weiß, wie er dran ist.
[ 12 ] After all, if you look at Lloyd George—perhaps he really is the most capable of them all—but he’s never had a single thought. And that’s precisely how he gets by: by not having any thoughts. He can keep wavering back and forth in this direction and that, and he’s actually talking nonsense. But isn’t it true that as soon as he were to express a thought, the Unionist Party, or the Conservative Party, or the Labour Party would see where they stand with him? As soon as he expresses any thought at all, then you know where you stand with him. Then, of course, you cut him down once you know where you stand with him. His whole art lies in the fact that you can’t know where you stand with him. But if someone constantly spouts meaningless drivel, no one knows where they stand with him—not a single person knows. And his great art lies in the fact that he actually has no thoughts. He is able to practice this art precisely because he himself doesn’t know where he stands.
[ 13 ] So sind eben die Dinge heute. Aber das war noch nicht der Fall vor einigen Jahren. Vor zwei, drei Jahren mußte man immer sagen: Es muß etwas geschehen, ehe es zu spät ist. Heute ist es nach dieser Richtung zu spät. Es ist gar nichts zu sagen. Es ist zu spät - es ist zu spät. Heute kommt es darauf an, daß tüchtige Leute wiederum an die Oberfläche der Dinge kommen. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Denn, nicht wahr, Sie können ja Verträge schließen, so viel Sie wollen, zwischen Deutschland und Rußland; heraus kommt dabei nichts. Es kommt ja nicht darauf an, daß man Verträge schließt, sondern wirtschaftliches Leben entfaltet.
[ 13 ] That’s just the way things are today. But that wasn’t the case a few years ago. Two or three years ago, people were always saying: Something has to be done before it’s too late. Today, it’s too late in that regard. There’s nothing more to say. It’s too late—it’s too late. Today, what matters is that capable people once again rise to the surface. That is all I can tell you. Because, after all, you can sign as many treaties as you like between Germany and Russia; nothing will come of it. It is not a matter of signing treaties, but of developing economic life.
[ 14 ] Nehmen Sie den Stinnes-Konzern. Dieser ist ein Beispiel dafür. Glauben Sie einen einzigen Augenblick, daß der Stinnes irgendwie mit, sagen wir zum Beispiel der deutschen Arbeiterschaft etwas machen könnte? Das werden Sie doch nicht glauben! Das ist ja ausgeschlossen. Also er ist wirtschaftlicher Großunternehmer, der sich dadurch, daß er lange Zeit geschickt gewirtschafter hat mit seinen reinen Devisen, heraufgebracht hat. Er weiß sonst nichts, als wie man sich auf diese Weise heraufbringt. Er weiß sonst nichts. Nicht wahr, jetzt sehen einfach sehr viele Leute, daß mit der Regierung nichts zu machen ist. Die kann so viele Verträge schließen, als nur irgend möglich sind, es kommt nichts dabei heraus im wirtschaftlichen Leben. Nun sagen diese Leute: Wenn das der Stinnes ohne die Regierung macht, wird es vielleicht gescheiter sein. Aber sie haben keinen anderen Grund, als daß der Stinnes sowohl in Deutschland wie in Frankreich geschickt arbeitet. Das ist der einzige Grund. Aber, meine Herren, wenn Sie die Stinnes-Abkommen studieren, dann müssen Sie sehen, daß, wenn sie realisiert werden sollen, sie finanziert werden müssen. Dasjenige, was der Stinnes beabsichtigt, muß ja finanziert werden. Nun ist es heute schon ungefähr so, daß, wenn man diese Dinge finanzieren sollte, man wirklich fast alle Wälder in Österreich abrasieren müßte! Nicht wahr, man kann sagen, man wird das tun, aber man kann es nie eigentlich ausführen. Es geht nicht. Sobald man die Dinge daraufhin ansieht, wie man sie ausführen soll, da geht es nicht mehr. Nun, die Leute haben gesehen: Mit den Regierungsverträgen geht es nicht; da kommt kein wirtschaftliches Leben heraus. Der Stinnes macht es ohne die Regierung; so wird es auf diese Weise gehen. — Es wird auf diese Weise auch nicht gehen. Der Stinnes macht es natürlich mit Großkapitalisten. Aber es kommt auch da nichts weiter heraus. Es gibt keine Möglichkeit, das zu realisieren, denn selbst der Stinnes kann nicht die Finanzkräfte finden, um da irgend etwas zu realisieren. Also ist es auch nichts.
[ 14 ] Take the Stinnes Group. It’s a prime example. Do you believe for a single moment that Stinnes could somehow do anything with, let’s say, the German working class? You surely don’t believe that! That’s out of the question. He’s a major business magnate who has built himself up by skillfully managing his foreign currency reserves over a long period of time. He knows nothing else but how to build himself up this way. He knows nothing else. Isn’t it true that a great many people now simply see that nothing can be done with the government? It can sign as many treaties as are humanly possible, but nothing comes of it in economic life. Now these people say: If Stinnes does this without the government, it might turn out better. But they have no other reason than that Stinnes operates skillfully in both Germany and France. That is the only reason. But, gentlemen, if you study the Stinnes agreements, you must realize that if they are to be implemented, they must be financed. What Stinnes intends to do must, after all, be financed. Now, the situation is already roughly such that, if one were to finance these things, one would really have to clear-cut almost all the forests in Austria! Isn’t that right? You can say you’ll do it, but you can never actually carry it out. It’s not possible. As soon as you look at these things in terms of how they’re supposed to be carried out, it just doesn’t work anymore. Well, people have seen that it won’t work with government agreements; no economic activity will come of it. Stinnes is doing it without the government; that’s how it will work. — It won’t work that way either. Stinnes is doing it with big capitalists, of course. But nothing will come of it there either. There’s no way to make it happen, because even Stinnes can’t find the financial resources to make anything happen there. So that’s no good either.
[ 15 ] Es ist ja für denjenigen, der bloß ein Feuilleton oder einen Zeitungsartikel überhaupt schreiben will, ganz interessant, dieses ungeheuer interessante Treiben zu beobachten, wie der da mit allerlei Zahlenreihen aufspielt. Ja, meine Herren, Leitartikel oder Feuilletons schreiben, das legt heute keine Verpflichtung, keine Verantwortung auf. Das kann man ganz nett machen, denn, ich bitte Sie, lesen Sie jetzt einmal — Sie heben sich vielleicht die Zeitungen nicht auf -, aber lesen Sie jetzt einmal die Artikel, die im Jahre 1912 geschrieben sind, und vergleichen Sie sie mit den Artikeln derselben Zeitung von heute, so werden Sie ein kurioses Bild finden. Nicht wahr, Zeitungsartikel, die verfliegen; um die kümmert sich später kein Mensch. Daher kann man natürlich da allerlei interessante Betrachtungen anstellen. Aber wer unter Verantwortlichkeit redet, wer nicht Zeitungsartikel in den Tag hinein fabriziert, sondern unter Verantwortung reden will, kann natürlich nicht in den Tag hinein reden. Der weiß, daß das alles Wischiwaschi ist. So sind eben die Dinge einmal, und so kann man über alle Dinge reden. Es ist eben trostlos, wenn die Leute keine neuen Gedanken haben. Und was wir vor allen Dingen brauchen, das sind neue Gedanken. Wenn wir nicht neue Gedanken kriegen, so geht alles in die Binsen — ich weiß nicht, ob man hier auch so sagt -, alles geht in die Binsen. Eine Zahnbürste kostet jetzt in Deutschland 215 Mark. Nun ja, aber was sind 215 Mark? Das ist ja kein Franken; also ist das eine billige Zahnbürste. Aber, nicht wahr, woher soll man schließlich die 215 Mark nehmen? Und entsprechend teurer sind ja alle anderen Dinge. Einen Regenschirm kann sich ja heute überhaupt kein Mensch mehr leisten. Also da ist nichts zu machen.
[ 15 ] It’s actually quite interesting for anyone who simply wants to write a feature or a newspaper article to observe this incredibly fascinating spectacle of someone playing around with all sorts of series of numbers. Yes, gentlemen, writing editorials or features today imposes no obligation, no responsibility. You can do it quite nicely, because—I beg you—read for yourself now—you may not keep your newspapers—but read the articles written in 1912 and compare them with the articles in the same newspaper today, and you’ll find a curious picture. Isn’t that right? Newspaper articles—they vanish; no one cares about them later. That’s why, of course, you can make all sorts of interesting observations there. But anyone who speaks with a sense of responsibility—who doesn’t churn out newspaper articles on a whim, but wants to speak responsibly—cannot, of course, speak on a whim. They know that it’s all just hot air. That’s just the way things are, and that’s how you can talk about everything. It’s just disheartening when people don’t have any new ideas. And what we need above all else are new ideas. If we don’t come up with new ideas, everything goes down the drain—I don’t know if that’s how you say it here—everything goes down the drain. A toothbrush now costs 215 marks in Germany. Well, yes, but what’s 215 marks? That’s not even a franc; so it’s a cheap toothbrush. But, isn’t that right, where are you supposed to get the 215 marks in the end? And all the other things are correspondingly more expensive. No one can afford an umbrella at all these days. So there’s nothing to be done about it.
[ 16 ] Sehen Sie, als ich in Wien war, bin ich einmal in einem Auto gefahren, weil ich recht rasch wohin fahren mußte. Es war an einem Feiertag, und ich mußte rasch noch wohin fahren. Es war ungefähr so weit, als wenn ich von hier nach Dornach hinüber fahre, nur nach Dornach, Oberdornach, nicht weiter. Ja, meine Herren, als ich fragte, was es kostet, waren es 3600 Kronen! Das ist heute das Zehnfache; heute würde es 36 000 Kronen kosten für dieselbe Fahrt. An diesen Dingen sehen Sie das Kopflose, weil es einem ja jeden Tag entgegentritt. Aber dieses Kopflose ist in allen übrigen Dingen auch drinnen; da sehen es die Leute nur nicht. Was machen denn die Leute? Schließlich, wenn ein Auto für eine kurze Strecke 36 000 Kronen kostet, so müßten eben die Leute 500 000-Kronen-Noten drucken, und wenn es 360 000 Kronen kostet, so würde man halt 1-Million-Kronen-Noten drucken! Aber damit ändert man die Verhältnisse doch gar nicht! Es ändert sich doch gar nichts, als daß immer wieder diejenigen Leute, die heute etwas Geld in der Tasche haben, morgen nichts mehr haben, und diejenigen, die geschickt spekuliert haben, die haben morgen das Doppelte. Aber damit hat man doch wirklich nichts getan, daß man in Geld spekuliert. Damit ist nichts in der Welt getan. Es wird eigentlich mit dem Devisenhandel in der Valuta nichts erreicht, als daß jeder ohne Gedanken Geld erreichen kann, ohne Arbeit Geld erreichen kann. Wenn natürlich die Arbeit aufhört in der Welt und überwuchert wird von der Devisenspekulation, dann geht alles eben in die Brüche. Es ist also auf diese Weise nichts zu wollen. Es kommt ganz und gar darauf an, daß man endlich darauf kommt, daß wiederum Menschen da sein müssen, die etwas von der Welt verstehen, die wirklich etwas von der Welt verstehen. Anders geht es nicht.
[ 16 ] You see, when I was in Vienna, I took a ride in a car once because I had to get somewhere pretty quickly. It was a holiday, and I had to get somewhere in a hurry. It was about as far as driving from here to Dornach—just to Dornach, Oberdornach, no further. Yes, gentlemen, when I asked how much it would cost, it was 3,600 crowns! That’s ten times as much today; today the same trip would cost 36,000 crowns. You can see the recklessness in these things because it confronts you every day. But this recklessness is present in everything else as well; people just don’t see it. So what do people do? After all, if a car costs 36,000 crowns for a short distance, people would just have to print 500,000-crown bills, and if it costs 360,000 crowns, they’d just print 1-million-crown bills! But that doesn’t change the situation at all! Nothing changes at all, except that the people who have some money in their pockets today will have nothing tomorrow, and those who have speculated skillfully will have twice as much tomorrow. But speculating in money really accomplishes nothing. It accomplishes nothing in the world. In reality, foreign exchange trading achieves nothing other than allowing anyone to acquire money without a second thought, to acquire money without working. Of course, if work ceases to exist in the world and is overwhelmed by currency speculation, then everything simply falls apart. So this is not the way forward. It all comes down to finally realizing that there must once again be people who understand something about the world—who truly understand something about the world. There is no other way.
[ 17 ] Aber dazu muß man eben in der Schule anfangen. Das ist dringend notwendig, daß man in der Schule schon anfängt. Denn da ist notwendig, daß man wirklich etwas von den Dingen versteht. Ich habe neulich in einem Schulbuch gelesen; da wird eine Rechnungsaufgabe empfohlen für die Lehrer. Diese Rechnungsaufgabe will ich Ihnen einmal angeben, und Sie werden sagen: Das ist eine Lappalie. Aber es ist eine allerwichtigste Sache von der Welt, diese Rechnungsaufgabe, die in diesem Schulbuch angegeben wird. Es ist diese:
[ 17 ] But to do that, you have to start in school. It’s absolutely essential to start in school. Because there, it’s necessary to really understand these things. I recently read a schoolbook that recommends an arithmetic problem for teachers. I’d like to share this arithmetic problem with you, and you’ll say: “That’s a trifle.” But this arithmetic problem, as presented in this schoolbook, is one of the most important things in the world. It is this:
[ 18 ] Es gibt einen Menschen von 5 2/12 Jahren
einen anderen Menschen von 18 7/12 Jahren
einen anderen Menschen von 36 4/12 Jahren
einen anderen Menschen von 33 5/12 Jahren.
[ 18 ] There is a person who is 5 2/12 years old
another person who is 18 7/12 years old
another person who is 36 4/12 years old
another person who is 33 5/12 years old.
[ 19 ] Wieviel Jahre haben diese vier Menschen zusammen?
[ 19 ] How many years do these four people have combined?
[ 20 ] Das sollen nun die Kinder ausrechnen! Das wird in dem Schulbuch empfohlen. Nun frage ich Sie, meine Herren: Wenn die Kinder das ausrechnen — die Kinder rechnen brav das aus, das sind dann im ganzen 173 6/12 Jahre -, was bedeuten diese 173 6/12 Jahre? Was sind die in der Welt? Wer kommt jemals in die Lage, das ausrechnen zu müssen? Wenn Sie sich überlegen, daß das irgend die geringste Bedeutung haben sollte, so muß das so sein, daß die erste Persönlichkeit gerade stirbt, wenn die zweite in dem Momente geboren wird, und die zweite hier stirbt, wenn die dritte geboren wird und so weiter; dann weiß man wenigstens, wieviel Jahre verflossen sind von der Geburt des ersten bis zum Tode des letzten. Aber das wird niemals vorkommen in der Welt, daß man das überhaupt ausrechnet. Also denken Sie sich, wenn das Kindern geboten wird, so ist das doch die wesenloseste Rechnerei, die man den Kindern vormachen kann. Das ist ja ganz wesenlose Rechnerei! Und die Kinder müssen ihren Verstand dazu verwenden, unwirkliches Zeug zu rechnen.
[ 20 ] Now the children are supposed to figure that out! That’s what the textbook recommends. Now I ask you, gentlemen: If the children calculate this—and the children dutifully do so, coming up with a total of 173 6/12 years—what do these 173 6/12 years mean? What are they in the grand scheme of things? Who ever finds themselves in a situation where they have to calculate that? If you were to think that this might have even the slightest significance, it would have to be the case that the first person dies precisely as the second is born at that very moment, and the second dies here as the third is born, and so on; then at least one would know how many years have elapsed from the birth of the first to the death of the last. But it will never happen in this world that anyone would even calculate that. So just imagine: if children are made to do this, it is surely the most pointless arithmetic one could make them do. It’s completely pointless arithmetic! And the children have to use their minds to calculate such unreal nonsense.
[ 21 ] Also der Kerl, der das ausgedacht hat, der hat einmal gehört, daß man zusammenrechnen kann. Aber nehmen wir einen an, der zu einer bestimmten Zeit geboren wird, bis 14 1/2 Jahre in die Schule ging; dann hat er eine Lehrzeit von 5 1/2 Jahren; dann geht er noch 3 Jahre auf Wanderschaft; dann heiratet er, hat nach 4 Jahren einen Sohn, und als er stirbt, ist sein Sohn 22 Jahre alt. Wenn man diese Dinge zusammenzählt, kriegt man das Lebensalter des Menschen heraus: 49 Jahre. Das ist eine Realität, eine Wirklichkeit. Solche Rechnungsaufgaben soll man den Kindern geben. Das führt sie ins Leben hinein, wenn man ihnen diese Rechnung gibt aus dem Leben heraus. Und das überträgt sich auf alle Verhältnisse.
[ 21 ] So the guy who came up with this once heard that you can add things up. But let’s take someone who was born at a certain time, went to school until he was 14½ years old; then he had an apprenticeship lasting 5½ years; then he spent another 3 years traveling as a journeyman; then he got married, had a son after 4 years, and when he died, his son was 22 years old. If you add these things up, you get the person’s age: 49 years. That is a reality, a fact. Children should be given arithmetic problems like this. It introduces them to real life when you give them these calculations drawn from real life. And that applies to all situations.
[ 22 ] Sonst sitzen die Kinder eine Stunde lang über einer Rechnung, die eigentlich gar nicht auszuführen ist im Leben. Aber wenn Sie das heute einem Menschen sagen — ja, den schockiert das nicht! Der sagt: Das kommt ja nicht darauf an, daß die Kinder an dem oder jenem das Rechnen lernen. Der findet das gar nicht furchtbar wichtig. Aber das ist in erster Linie wichtig! Denn wenn ein solches Strohzeug in den Schulbüchern steht, reden die Leute, die aus solchen Schulbüchern unterrichtet werden, später in der Welt nur Unsinn, unwichtiges Zeug. Daraus ersehen Sie, daß es gar nicht irgendein Wischiwaschi ist, wenn man heute von einer Erneuerung des Erziehungswesens spricht. In dem Erziehungswesen, von dem ich rede, versucht man alles aus der Wirklichkeit heraus zu machen, von dem untersten Anfang an, so daß die Menschen in die Wirklichkeit hineinwachsen. Auf diese Dinge kommt es halt an. Und deshalb kann man sagen: Man kann ganz überzeugt sein, daß, wenn die Leute so fortmachen, wie sie es jetzt machen, so wird eben die alte Geschichte weitergehen; da können sie machen, was sie wollen. Da können sie noch so viel neue Zeitungen gründen — wenn sie aus demselben Geist heraus geschrieben werden, ist alles nur einfach Chaos. Deshalb ist es so wichtig, sich heute mit dem zu beschäftigen, was wiederum denkende Menschen macht, damit es nicht solche Schulbücher und solche Lehrer in der Schule gibt, die das (die erste Aufgabe aus dem Schulbuch) zusammenrechnen.
[ 22 ] Otherwise, the children spend an hour working on a calculation that can’t actually be applied in real life. But if you tell someone that today—well, it doesn’t shock them! They’ll say: It doesn’t really matter whether the children learn arithmetic through this or that. They don’t think it’s terribly important at all. But that is what matters most of all! Because when such nonsense is in the textbooks, the people who are taught from such textbooks will later go out into the world and talk nothing but nonsense, unimportant stuff. From this you can see that it is by no means just some vague, wishy-washy idea when we speak today of a renewal of the educational system. In the educational system I’m talking about, the aim is to base everything on reality, right from the very beginning, so that people grow into reality. These are the things that really matter. And that’s why we can say: We can be absolutely certain that if people keep going the way they are now, the same old story will just continue; they can do whatever they want. They can found as many new newspapers as they like—if they are written in the same spirit, it’s all just chaos. That is why it is so important today to focus on what makes people think again, so that there are no such textbooks and no such teachers in schools who simply add up the numbers (the first exercise in the textbook).
[ 23 ] Und so ist es auch im andern Unterricht. So lernen die Leute Sprachunterricht, so lernen die Leute Naturunterricht, und so zuletzt sozialen Unterricht. Alles, alles außerhalb der Wirklichkeit!
[ 23 ] And it is the same in other subjects. This is how people learn language, this is how people learn science, and finally, this is how they learn social studies. Everything, everything is outside of reality!
[ 24 ] Ich habe Ihnen erzählt: In England erhält man, wenn man «Master of Arts» wird, von der Universität dort ein mittelalterliches Gewand — das ist eine mittelalterliche Gewohnheit. Das war wenigstens vor Jahrhunderten eine Realität, hat etwas bedeutet. Aber heute bedeutet es nichts, wenn einer Regierungsrat oder so etwas ist; es bedeutet nichts. Das ist der Unterschied. In den Ländern, die eine Revolution durchgemacht haben, ist es auch nicht besser geworden, gar nicht besser geworden. Sie müssen sich klar machen, es kommt alles darauf an, daß einmal Erziehung und Unterricht von Grund auf geändert wird. Das ist das, was notwendig ist.
[ 24 ] I’ve told you: In England, when you earn a “Master of Arts” degree, the university there gives you a medieval robe—that’s a medieval custom. At least centuries ago, that was a reality; it meant something. But today, it means nothing if someone is a state councilor or something like that; it means nothing. That is the difference. In countries that have undergone a revolution, things haven’t gotten any better—not at all. You must realize that it all comes down to fundamentally changing education and instruction. That is what is necessary.
[ 25 ] Hat vielleicht sonst noch jemand eine Frage, die Sie sozial interessiert?
[ 25 ] Does anyone else have a question related to social issues?
Frage: In bezug auf Blinddarmoperationen: Es wird behauptet, daß es gar nicht schädlich sei für die Gesundheit des Menschen, wenn Organe herausoperiert werden, einfach fortgenommen werden. Es ist auffallend, daß heute so oft Organe herausgeschnitten werden bei den Operationen, und da von der Wichtigkeit der inneren Organe gesprochen worden sei, möchte der Fragesteller wissen, wie es damit sei, wenn diese Organe dann fehlen.
Question: Regarding appendectomies: It is claimed that it is not at all harmful to a person’s health when organs are surgically removed—simply taken out. It is striking that organs are so frequently removed during surgeries today, and since the importance of internal organs has been discussed, the questioner would like to know what happens when these organs are missing.
[ 26 ] Dr. Steiner: Diese Frage kann ich Ihnen erst beantworten, wenn wir noch etwas anderes besprochen haben. Das will ich nun ganz gern tun.
[ 26 ] Dr. Steiner: I can't answer that question until we've discussed something else first. I'd be happy to do that now.
Weitere Frage: In den letzten Vorträgen wurde über die Einwirkung der Planeten auf den Menschen gesprochen; kann darüber noch etwas mehr gehört werden?
Another question: The recent lectures discussed the influence of the planets on human beings; can we hear a little more about that?
[ 27 ] Dr. Steiner: Das führt uns alles darauf. Ich werde also heute anfangen, diese Fragen zu beantworten und sehen, wie weit wir kommen. Ich will Ihnen zunächst eine Geschichte erzählen, die Sie aufmerksam machen kann auf dasjenige, was wir jetzt weiter als Wissen, als Erkenntnis verfolgen wollen. Es war Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts — also es ist jetzt vielleicht dreißig oder einunddreißig Jahre her —, da hat eine nordamerikanische Handels- und Transportgesellschaft, eine amtliche Handels- und Transportgesellschaft einen Kongreß abgehalten, und zu diesem Kongreß war auch eine Finanzgröße eingeladen: William Windom hat der Mann geheißen. Der war tatsächlich ein recht gescheiter Mensch im Sinne der Leute, die eben da zusammengekommen sind, also jemand, dem man geradezu ansah, daß er eine Kapazität war. Und man hat erwartet, daß er auf diesem Handels- und Transportkongreß eine Rede hält. Die hat er auch gehalten. Diese Rede begann so, daß er sagte: Wir brauchen eine Reform unserer gesamten Handels- und Transportverhältnisse, denn innerhalb dieser Handels- und Transportverhältnisse, wie wir sie heute haben, da ist etwas Ungesundes. Und nun ging er dazu über, den Leuten in einer kurzen Rede zu erörtern, was das Geld ist, was das Geld bedeutet -- es waren natürlich nur so kurze Andeutungen, was das Geld bedeute. Er sagte: Ja, meine Herren, ich habe Ihnen jetzt auseinandergesetzt volkswirtschaftliche Sachen. Aber es kommt darauf an, daß man auch einsieht, daß das Ganze nicht geht. Mag das Geld noch so durch die Verkehrswege dahinrollen, von Hand zu Hand gehen, das macht nicht dasjenige aus, was eigentlich eine Volkswirtschaft gesund macht. Denn dasjenige, was eine Volkswirtschaft gesund macht, das sind die moralischen Begriffe, die die Leute haben. Und ohne daß die moralischen Begriffe durch die Verkehrswege gehen und das Geld so zirkuliert, daß auch moralische Begriffe damit verbunden sind, ohne das kommen wir nicht weiter. —- So sagte er. Und er sagte weiter: Wenn unmoralische Begriffe im Verkehrsleben und im Wirtschaftsleben drinnen sind, da ist es geradeso, wie wenn Gift durch die menschlichen Adern rollt und das Blut ungesund macht. Alles dasjenige, was an Geld durch die Verkehrswege und durch das Wirtschaftsleben geht, wenn nicht zugleich moralische Begriffe, sondern unmoralische Begriffe durchgehen, ist geradeso, wie wenn Gift durch die Adern geht und der Mensch durch dieses Gift zur Erkrankung getrieben wird, denn das rächt sich. So wird der Wirtschaftskörper krank, wenn Gift, das heißt unmoralische Begriffe, durch seine Adern getrieben wird.
[ 27 ] Dr. Steiner: That brings us to the heart of the matter. So today I will begin to answer these questions and see how far we can get. First, I would like to tell you a story that may draw your attention to what we now wish to pursue further as knowledge and insight. It was in the early 1890s—so perhaps thirty or thirty-one years ago—when a North American trade and transportation company, an official trade and transportation company, held a conference, and a financial heavyweight was also invited to this conference: the man’s name was William Windom. He was indeed a very clever man in the eyes of the people who had gathered there—someone whom you could tell at a glance was an authority on the subject. And it was expected that he would give a speech at this trade and transportation convention. And he did. He began his speech by saying: “We need a reform of our entire trade and transportation system, because there is something unhealthy about the way trade and transportation are organized today.” He then went on to explain to the audience, in a brief speech, what money is and what it means—though, of course, these were only brief hints as to the meaning of money. He said: “Yes, gentlemen, I have now explained economic matters to you. But what matters is that you also realize that this whole system doesn’t work. No matter how much money rolls through the channels of commerce, passing from hand to hand, that is not what actually makes an economy healthy. For what makes an economy healthy are the moral concepts that people hold.” And unless these moral concepts flow through the channels of commerce and money circulates in such a way that moral concepts are also associated with it—without that, we will get nowhere.” —- That is what he said. And he went on to say: “When immoral concepts are present in commercial and economic life, it is just as if poison were flowing through human veins and making the blood unhealthy.” Everything that flows as money through the channels of commerce and economic life—if, instead of moral concepts, immoral concepts flow through them—is just as if poison were flowing through the veins, driving a person to illness because of this poison, for it takes its toll. Thus, the economic body becomes ill when poison—that is, immoral concepts—is driven through its veins.
[ 28 ] Nun fiel den Leuten auf, die bei seiner Rede waren, daß er etwas grau wurde, als er dieses Bild brauchte von seinen Adern und das auf das Wirtschaftsleben anwendete. Und außerdem, man wunderte sich darüber, daß der Mensch, der früher immer bloß davon geredet hatte, was im Wirtschaftsleben ist und was Finanzen sind — so hat er ja auch angefangen -, nun plötzlich dieses eigentlich ganz schöne Bild brauchte, das er noch im einzelnen ausgeführt hat. Er hat es so beschrieben, wie das durch das ganze Blut geht. Dieses plötzliche Beschreiben der moralischen Begriffe, das war wie ein Abspringen vom Thema. Und wie er den Satz ausgesprochen hat: Das ist im Wirtschaftsleben so, daß dann ein Gift durch die Adern des wirtschaftlichen Verkehrs geht - fällt er um. Der Schlag hat ihn getroffen! Und er ist tot.
[ 28 ] Now it struck the people who were present at his speech that he looked a little pale when he used this metaphor about his veins and applied it to economic life. Moreover, people were surprised that the man who had previously spoken only about economic life and finance—which is, after all, how he had begun—now suddenly used this actually quite beautiful metaphor, which he then elaborated on in detail. He described it as something that flows through the entire bloodstream. This sudden description of moral concepts felt like a departure from the topic. And as soon as he uttered the sentence: “In economic life, it is as if a poison were coursing through the veins of economic transactions”—he collapsed. The blow had struck him! And he is dead.
[ 29 ] Nun, sehen Sie, das ist eines von jenen Naturexperimenten, von denen ich Ihnen oftmals gesprochen habe, an denen man viel lernen kann; denn da ist es nämlich mit Händen zu greifen, was vorgegangen ist. Der Mensch ist natürlich nicht von der Rede getötet worden, denn da hat er sich nicht so furchtbar aufgeregt. Der Mensch wäre selbstverständlich in dem Momente, in welchem er irgendwo etwas anderes getan hätte, auch vom Schlage getroffen worden. Die Bedingungen lagen in ihm. Also ich werde keinen Moment behaupten, daß er vom Schlag getroffen worden wäre, weil er die Rede gehalten hat. Das ist ganz gewiß nicht der Fall. Vielleicht ist es durch die Aufregung eine Stunde früher eingetreten. Das kann ja kommen. Aber jedenfalls ist das längst veranlagt gewesen in ihm. Es lag in ihm. Er wäre vom Schlag auch anderswo getroffen worden. Aber das andere, was der Fall ist, das ist, daß er plötzlich von seinem Thema abspringt, aber noch auf eine ganz logische Weise, und seinen eigenen Zustand, der dazumal in ihm vorgegangen ist, schildert, mitten aus seinem Thema heraus. Also denken Sie sich, der Mensch steht vor seinen Zuhörern und redet ihnen pflichtgemäß über ein ganz wirtschaftliches Thema. Plötzlich springt er ab, in dem Momente, wo er etwas grau wird, und schildert, was in ihm vor sich geht! Nur, daß er Rücksicht nimmt auf seine wirtschaftliche Rede. Denn das, was er da geschildert hat, das war sein eigener Zustand vor dem Tod, und zu dem ist er abgesprungen. Daß er so seine Rede eingerichtet hat, das war eine Folge seines Zustandes. Und aus einer solchen Sache kann man ungeheuer viel lernen. Denn sie kommt sonst auch vor, wenn auch nicht in dieser krassen Weise.
[ 29 ] Well, you see, this is one of those experiments of nature I’ve often told you about—ones from which one can learn a great deal; for here, what happened is plain as day. Of course, the man wasn’t killed by the speech, because he didn’t get all that terribly worked up about it. Of course, the man would have suffered a stroke at the very moment he had been doing something else somewhere else. The conditions were already present within him. So I won’t claim for a moment that he suffered a stroke because he gave the speech. That is certainly not the case. Perhaps the excitement caused it to happen an hour earlier. That can certainly happen. But in any case, it had long been a predisposition within him. It lay within him. He would have suffered a stroke elsewhere as well. But what actually happened is that he suddenly veers off his topic—though still in a perfectly logical way—and describes his own state of mind at that moment, right in the middle of his speech. So imagine: the man is standing before his audience, dutifully speaking to them about a purely economic topic. Suddenly he digresses, just as he’s starting to sound a bit dull, and describes what’s going on inside him! Except that he remains mindful of his economic speech. For what he described there was his own state of mind before death, and that’s what he digressed to. The fact that he structured his speech this way was a consequence of his state of mind. And one can learn an immense amount from such an incident. For it happens in other contexts as well, even if not in such a stark manner.
[ 30 ] Und jetzt nehmen wir einmal an, es wäre passiert, daß dem Manne der Faden ausgegangen wäre. Nun, ich habe mehr als einmal Redner erlebt, denen der Faden einer Rede ausgegangen ist. Die haben dann gewöhnlich, während sie vorher stolz dagestanden waren, eine Bewegung gemacht, und hinuntergeschielt - sie hatten vorher ihren Zylinder vor sich hingetan: da war die Rede drunter! Da haben sie dann den Faden wieder gefunden. So etwas kommt ja vor. Ich habe einen Bürgermeister gesehen, der nach den ersten zehn Worten stecken blieb; da hat er seinen Klapphut genommen und hat dann dieRede wacker abgelesen! Nun, lesen hat er können. Wenn er das weiter geredet hätte, was ihm dazumal noch eingefallen wäre —nun ja, nicht wahr, dann wäre nichts herausgekommen; nur Kohl wäre herausgekommen.
[ 30 ] And now let's suppose it happened that the man lost his train of thought. Well, I’ve seen speakers more than once who’ve lost their train of thought during a speech. They usually—even though they’d been standing there proudly just a moment before—would make a slight movement and glance down—they’d placed their top hat in front of them: there was the speech underneath! That’s how they found their train of thought again. Things like that do happen. I once saw a mayor who got stuck after the first ten words; so he took his bowler hat and bravely read the speech from it! Well, he certainly knew how to read. If he had kept talking off the cuff about whatever else might have occurred to him at the time—well, you see, nothing would have come of it; only cabbage would have come of it.
[ 31 ] Nun, dem William Windom, wie war es dem gegangen? Nicht wahr, der Schlag saß in ihm, war in ihm. Und ob einen nun gerade der Schlag trifft, und die Zustände, die dem Schlag vorangehen, da sind, oder ob man so ist, wie der betreffende Bürgermeister dazumal, der eben fortwährend von der Intelligenz ist, wo einen ein Schlag treffen kann, das macht schon keinen großen Unterschied in bezug auf die ganze Verfassung des Menschen. Nun, lesen konnte der Bürgermeister noch. Und der, den gleich nachher der Schlag traf, der konnte auch noch lesen, aber wo las der? Der las in seinem eigenen Körper. Der las das ab, was in seinem eigenen Körper vor sich ging.
[ 31 ] Well, what about William Windom—how did it go for him? You see, the stroke had struck him, was inside him. And whether a stroke strikes you right then and there, with the symptoms preceding it already present, or whether you’re like that mayor back then—who was constantly in a state of mind where a stroke could strike—it doesn’t make much difference in terms of a person’s overall constitution. Well, the mayor could still read. And the man who suffered a stroke shortly afterward could still read as well, but where was he reading? He was reading his own body. He was reading what was happening inside his own body.
[ 32 ] Daraus können Sie aber sehen, daß das richtig ist, was man durch anthroposophische Geisteswissenschaft herauskriegt: daß wir eigentlich immer, wenn wir reden, etwas ablesen von unserem eigenen Körper. Natürlich, wir reden nach unseren äußeren Erfahrungen. Aber in das mischen wir dasjenige hinein, was wir in uns selber ablesen. Es ist nur nicht immer etwas so Trauriges, wie es vor sich geht, wenn uns gleich nachher der Schlag trifft. Aber eigentlich lesen wir das, was wir aussprechen, von unseren eigenen inneren Vorgängen im Körper ab. Jedesmal, und wenn Sie fünf Worte sagen, so ist das abgelesen, abgelesen von Ihren eigenen Körpervorgängen. Wenn Sie sich vor fünf Tagen etwas aufgeschrieben haben, und Sie nehmen Ihr Notizbuch heute heraus und lesen es ab, so lesen Sie es äußerlich ab. Wenn Sie es gedächtnismäßig aufschreiben, so ist es in Ihnen aufgeschrieben durch diejenige Schrift, die da innen ist - wir werden das jetzt nach und nach kennenlernen -, aber Sie lesen es von innen ab. Es ist ganz dasselbe, ob Sie von einem Buch oder von innen ablesen; da ist nur die Richtung, in der Sie hineinschauen, verschieden. Also es kommt tatsächlich nicht darauf an, ob Sie da in Ihrem Notizbuch sich notiert haben, sagen wir: 5 Nägel, 7 Heftel —, oder ob Sie sich das in Ihrem Gehirn notieren. Wenn Sie sich das im Buch notiert haben, so lesen Sie das ab von der Seite, wo Sie es notiert haben. Wenn in Ihnen aber dadurch, daß Sie vor fünf Tagen das notiert haben in Ihrem Gehirnkasten, sich da so eine Zelle, die das fünf bewirkt hat, verschlungen hat mit einer anderen Zelle, und das wieder mit einer anderen Zelle und dadurch das sieben bewirkt hat, und das wiederum sich verschlungen hat mit dem anderen: Heftel, so ist da eine ganze Schlingelei in Ihnen entstanden durch das, was Sie erlebt haben. Und unbewußt, ohne daß Sie es wissen, gucken Sie hin auf diese Schlingelei, die da in Ihnen entstanden ist und lesen das ab.
[ 32 ] From this, however, you can see that what we learn through anthroposophical Spiritual Science is correct: that whenever we speak, we are actually always reading something from our own body. Of course, we speak based on our external experiences. But we mix into that what we read within ourselves. It’s just not always as sad as what happens when we’re struck by a sudden realization right afterward. But in fact, what we say is derived from our own inner bodily processes. Every single time—even if you say just five words—it is derived from your own bodily processes. If you wrote something down five days ago, and you take out your notebook today and read it, you’re reading it from the outside. If you write it down from memory, it’s written within you by that script that exists inside—we’ll come to understand this little by little—but you’re reading it from within. It is exactly the same whether you read from a book or from within; only the direction in which you look is different. So it really doesn’t matter whether you’ve written down in your notebook, say: 5 nails, 7 staples—or whether you’ve stored that in your brain. If you’ve written that down in the book, you read it from the page where you wrote it down. But if, because you wrote that down in your brain five days ago, a cell that produced the “five” has intertwined with another cell, and that in turn with yet another cell—thereby producing the “seven”—and that has in turn intertwined with another: Heftel, a whole tangle has formed inside you as a result of what you’ve experienced. And unconsciously, without even realizing it, you look at this tangle that has formed inside you and read it.
[ 33 ] Das ist also das, worauf Sie geradezu geführt werden, wenn Sie ein solches eklatantes Beispiel haben wie dasjenige von diesem William Windom.
[ 33 ] So this is what you are practically led to conclude when you have such a striking example as that of this William Windom.
[ 34 ] Ein anderes Beispiel habe ich Ihnen schon erzählt. Wir wollen es kurz noch einmal ins Gedächtnis zurückrufen, was der Arzt Ludwig Schleich erzählt, der das selber einmal erlebt hat. Zu ihm kam eines Tages furchtbar schnell ein Mensch gelaufen und sagte: Ich habe mich jetzt gerade mit der Feder in die Hand gestochen. Sehen Sie, es ist noch Tinte drin. Sie müssen mir die Hand mit dem ganzen Arm wegnehmen, denn ich müßte sonst an Blutvergiftung sterben. — Schleich, den ich gut kannte - er ist erst vor kurzem gestorben —, hat es mir selber erzählt. Er sagte zu dem Mann: Was fällt Ihnen denn ein? Ich kann doch als Chirurg nicht die Verantwortung übernehmen, Ihnen jetzt den Arm wegzunehmen! Das brauchen wir ja nur auszusaugen, das ist eine ganz unbedeutende Sache. Das ist ja ein Unsinn, daß ich Ihnen den Arm wegnehmen soll! - Der Mann erwiderte: Ja, aber dann sterbe ich! Sie müssen mir den Arm wegnehmen, ich sterbe sonst! — Da sagte Schleich: Ich kann es nicht machen, ich kann doch nicht für nichts und wieder nichts den Arm wegnehmen! — Ja nun, sagte der Patient, dann sterbe ich. — Schleich ließ ihn weggehen. Der Mann aber lief zu einem zweiten Arzt und wollte haben, daß der ihm den Arm abnehme. Der tat es natürlich, selbstverständlich, wiederum nicht, und der Mensch lief den ganzen Abend noch herum und sagte, er stirbt in der Nacht. Das hatte er dem Schleich ja auch gesagt.
[ 34 ] I’ve already told you another example. Let’s briefly recall what Dr. Ludwig Schleich recounted, having experienced this himself. One day, a man came running toward him at breakneck speed and said: “I just pricked my hand with a pen.” See, there’s still ink in it. You have to amputate my hand along with my entire arm, otherwise I’ll die of blood poisoning.”—Schleich, whom I knew well—he passed away only recently—told me this himself. He said to the man, “What on earth are you thinking? As a surgeon, I can’t take responsibility for amputating your arm right now! “We just need to suck it out; it’s a completely trivial matter. It’s nonsense that I should have to amputate your arm!” The man replied, “Yes, but then I’ll die! You have to amputate my arm; otherwise I’ll die!” — Then Schleich said, “I can’t do it; I can’t just amputate your arm for nothing!” — “Well then,” said the patient, “I’ll die.” — Schleich sent him on his way. But the man ran to a second doctor and demanded that he amputate his arm. Of course, the doctor didn’t do it either—not at all—and the man spent the whole evening running around saying he’d die that night. He’d told Schleich that, too.
[ 35 ] Schleich war natürlich sehr besorgt um den Menschen; den Arm konnte er ihm natürlich nicht abnehmen, da gar kein Grund dazu vorlag, aber er hat sich gleich am nächsten Morgen erkundigt nach dem Manne, dem er die kleine Wunde ausgesaugt hatte. Das ist ja natürlich eine Kleinigkeit, wenn sich einer mit der Feder sticht; das ist durch Aussaugen bald draußen. Aber als der Schleich am nächsten Morgen hinkommt, da war der Mann tot, war gestorben! Nun, was sagte der Schleich? Der Mann ist an Autosuggestion gestorben, er hat sich den Tod eingeredet und ist an seinem eigenen Gedanken gestorben. Nicht wahr, man sagt da: Autosuggestion, Selbstsuggestion.
[ 35 ] Schleich was, of course, very concerned about the man; he couldn’t, of course, remove his arm, since there was absolutely no reason to do so, but he inquired the very next morning about the man whose small wound he had sucked clean. That’s, of course, a minor matter when someone pricks themselves with a quill; it’s quickly taken care of by sucking it out. But when Schleich arrived the next morning, the man was dead—he had died! Well, what did Schleich say? The man died of autosuggestion; he talked himself to death and died because of his own thoughts. Isn’t that right? That’s what they call it: autosuggestion, self-suggestion.
[ 36 ] Ich sagte zu Schleich: Es kommt ja manches vor in der Autosuggestion, aber ein solcher Tod tritt nicht durch bloße Autosuggestion ein; das ist ein Unsinn. Aber der Schleich hat es nicht geglaubt.
[ 36 ] I said to Schleich: “All sorts of things can happen through autosuggestion, but a death like that doesn’t occur through mere autosuggestion; that’s nonsense.” But Schleich didn’t believe me.
[ 37 ] Was ist aber in Wirklichkeit vorgegangen? Sehen Sie, nur derjenige, der den Menschen ganz durchschaut, kann in diesem Falle sehen, was wirklich vorgegangen ist. Nicht wahr, die Ärzte haben dann natürlich eine Sektion ausgeführt, haben gefunden, daß nicht im geringsten eine Blutvergiftung vorlag, und waren damit zufrieden: Tod durch Autosuggestion, weil gar nichts da war. Aber was geschehen ist, war, daß der Mann in Wirklichkeit auch von einem sehr schwer konstatierbaren Schlag getroffen worden war. Der Schlag hat sich aber schon tagelang vorbereitet, wie Sie sehen, denn das geschieht natürlich auch nicht auf einmal; der Schlag hat sich in den feineren Organen tagelang vorbereitet. Da hat er in seinem Innern gesehen — geradeso wie der Windom im letzten Momente sieht, wie das Gift durch seine Adern geht, das durch irgendwelche Nahrungsmittel hereingekommen ist —, da hat er gesehen: mein Körper ist im Absterben. Man kann äußerlich natürlich lange herumgehen, gar nicht verändert, im Innern bereitet sich der Tod schon vor. Das hat er gesehen, und dadurch ist er nervös geworden. Daß er sich in die Hand gestochen hat, war bloß die Nervosität. Er hätte sich gar nicht gestochen, wenn er nicht im Innern so nervös gewesen wäre. Weil er sich das nicht im Innern klar gemacht hat, hat er es vorher nicht gewußt. Jetzt, wo er sich gestochen hat, hat er gesagt, was er natürlich vorher nicht sagen konnte - es sagt auch keiner: ich fühle es in meinem Innern, daß der Tod herankommt, wenn er sich sonst als ein gesunder Mensch fühlt -, aber das hat er jetzt gesagt, was er eigentlich ganz falschen Ursachen zugeschrieben hat: Von dem Federstich sterbe ich! - Das war nicht eine Autosuggestion, denn er wäre in der nächsten Nacht auf jeden Fall gestorben. Nur ist er nervös geworden und hat sich die Feder in die Hand gestochen, und dadurch ist der Gedanke in einer ganz falschen Form bewußt geworden. Er hat die Ärzte konsultiert; aber selbst Schleich, der ein ganz gescheiter Mann war, glaubte nicht daran, glaubte, daß eine Autosuggestion vorliege. Er glaubte also, daß der Mann sich den Tod selber eingeredet hätte. Das ist aber ein Unsinn. Die Todesursache war da, und dieser Federstich war erst die Folge der Nervosität.
[ 37 ] But what actually happened? You see, only someone who truly understands human nature can see what really happened in this case. Isn’t that right? The doctors, of course, then performed an autopsy, found that there was not the slightest trace of blood poisoning, and were satisfied with that: death by autosuggestion, because there was nothing there at all. But what actually happened was that the man had in fact also been struck by a stroke that was very difficult to diagnose. But the stroke had already been building up for days, as you can see, because of course that doesn’t happen all at once; the stroke had been developing in the finer organs for days. Then he saw within himself—just as Windom sees at the very last moment how the poison, which has entered through some food, is coursing through his veins—he saw: my body is dying. Outwardly, of course, one can go about for a long time, completely unchanged, while inwardly death is already taking shape. He saw that, and it made him nervous. The fact that he stabbed himself in the hand was merely a result of that nervousness. He would not have stabbed himself at all if he hadn’t been so nervous inside. Because he hadn’t made that clear to himself inwardly, he didn’t know it beforehand. Now that he has pricked himself, he has said what he naturally could not say before—and what no one else says either: “I feel it deep inside that death is approaching,” even though he otherwise feels like a healthy person—but he has now said this, attributing it to entirely false causes: “I’m going to die from this pen prick!” - That was not a case of autosuggestion, for he would have died the very next night in any case. He simply became nervous and pricked his hand with the pen, and as a result, the thought came to consciousness in a completely distorted form. He consulted the doctors; but even Schleich, who was a very intelligent man, did not believe it, thinking instead that it was a case of autosuggestion. So he believed that the man had talked himself into death. But that is nonsense. The cause of death was already there, and this pen prick was merely the result of his nervousness.
[ 38 ] Daraus sehen Sie aber, daß viel im Innern vorgeht. Und wenn man diese Dinge nicht ordentlich studiert, so kommt man einfach nicht zur Klarheit über den Menschenursprung und über die Art und Weise, wie der Mensch schon gelebt hat in der uralten Zeit, wo die Ichthyosaurier und die Plesiosaurier und die MegÄtherien in einer dicklichen Sauce herumgeschwommen sind. Man kommt gar nicht darauf, wie das alles zusammenhängt, wenn man nicht wiederum zurückgeht und den Menschen ordentlich studiert. Man muß den Menschen ordentlich studieren.
[ 38 ] But from this you can see that a great deal is going on internally. And if one does not study these things properly, one simply cannot gain clarity about the origin of humankind and about the way in which humans already lived in ancient times, when the ichthyosaurs, the plesiosaurs, and the megatheres were swimming around in a thick broth. One cannot even begin to understand how it all fits together unless one goes back and studies humankind properly. One must study humans thoroughly.
[ 39 ] Da aber muß man wieder viel zu Hilfe nehmen. In welchem Lebensalter sterben die allermeisten Menschen? Nun weiß man, daß die Säuglinge am häufigsten sterben in den allerersten Monaten, und allmählich nimmt die Sterblichkeit ab. Die Kinder bekommen noch ihre Kinderkrankheiten bis ungefähr zum Zahnwechsel. Und dann, wenn die Menschen mehr vernünftig wären, würden während der Schulzeit die wenigsten Krankheiten kommen — manche sind aber auch durch falsches Sitzen und so weiter gekommen. Zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre kommen die allerwenigsten Krankheiten. Dann fängt es wieder an. Aber es ist ein großer Unterschied zwischen den Krankheiten, die im allerersten Kindesalter auftreten und denen, die dann in der Geschlechtsreifezeit auftreten. Wenn wir die Krankheiten nehmen, die die Kinder ruinieren im allerersten Lebensalter, so ist es erstens immer eine ganz bestimmte Art von Bluteiterung. Das Blut wird eiterig. Das Kind, das zarte Lebensverhältnisse hat, stirbt eben sehr bald, und daher wird das nicht konstatiert, was aus jeder solchen Eiterung würde. Das Kind würde eben die Gelbsucht bekommen. Wenn ein erwachsener Mensch die Sache kriegt, die das Kind kriegt, so kommt es eben bis zu der Gelbsucht, die man sogar in den meisten Fällen glattweg heilen kann. Aber das Kind bringt es gar nicht bis zur Gelbsucht, sondern stirbt schon vorher.
[ 39 ] But here, once again, we have to rely heavily on other sources. At what age do the vast majority of people die? Well, we know that infants die most frequently in the very first few months, and mortality gradually decreases. Children still suffer from childhood illnesses until around the time their baby teeth fall out. And then, if people were more sensible, very few illnesses would occur during school age—though some are also caused by poor posture and so on. Between the ages of seven and fourteen, very few illnesses occur. Then it starts again. But there is a big difference between the illnesses that occur in early childhood and those that occur during puberty. If we consider the illnesses that ruin children in the very earliest years of life, the first is always a very specific type of blood suppuration. The blood becomes purulent. A child living in precarious conditions dies very soon, and therefore it is not determined what the outcome of such suppuration would have been. The child would simply develop jaundice. If an adult contracts the same condition as the child, it progresses to jaundice, which in most cases can even be completely cured. But the child does not even reach the stage of jaundice; instead, it dies before that.
[ 40 ] Eine Krankheit, die sehr viele Kinder bekommen, ist Durchfall. Und da stellt sich das Wichtige heraus: Wenn man einen solchen Durchfall beim Kind ebenso kurieren will wie beim erwachsenen Menschen, erreicht man dadurch nichts. Man muß durch ein Klistier behandeln, nur durch äußere Eingriffe, höchstens noch durch Umschläge, jedenfalls nicht durch Eingeben von Arzneimitteln. Da erreicht man nichts beim Kinde. Und so ist es, daß die Kinder die bekannten Schwämmchen kriegen, die Blasen, die aufsprießen, namentlich auf der Zunge, später die bekannten Kinderkrankheiten, die aus dem Inneren heraufsprießen, wie wenn das ganze Innere blühen würde, Scharlach, Masern und so weiter. Gewiß, diese Dinge können die alten Leute auch bekommen, aber vorwiegend sind sie doch Kinderkrankheiten. Und die Neigung zu diesen Kinderkrankheiten hört auf, wenn der Mensch die Zähne bekommen hat. Da kommen diese Krankheiten, die also vorzugsweise auch von außen behandelt werden müssen und bei denen man den Kindern sorgfältigste Diät geben muß, in dieser Art nicht mehr vor.
[ 40 ] Diarrhea is a common illness among children. And here’s the important point: If you try to treat diarrhea in a child the same way you would in an adult, you won’t achieve anything. One must treat it with an enema, using only external interventions—at most, compresses—but certainly not by administering medication. That achieves nothing in a child. And so it is that children develop the familiar little blisters—the blisters that burst open, particularly on the tongue—and later the well-known childhood illnesses that erupt from within, as if the entire interior were in bloom: scarlet fever, measles, and so on. Certainly, older people can also contract these illnesses, but they are primarily childhood diseases. And the susceptibility to these childhood diseases ceases once a person has developed permanent teeth. From then on, these diseases—which must therefore be treated primarily from the outside and for which children must be given the most careful diet—no longer occur in this form.
[ 41 ] Wenn das Kind eiteriges Blut hat, so kann man eigentlich niemals so recht sagen, woher das kommt. Es kommt eben aus dem tiefsten Inneren des Kindes heraus. —- Eine oftmals vorkommende Kinderkrankheit sind ja die Krämpfe, die sogenannten Kinderkrämpfe.
[ 41 ] When a child has pus-filled blood, one can never really say for certain where it comes from. It simply comes from the very depths of the child's being. —- A common childhood illness is convulsions, the so-called childhood convulsions.
[ 42 ] Ganz anders geartet sind die Krankheiten, welche die Menschen bekommen, wenn sie geschlechtsreif geworden sind. Sie brauchen sich ja nur an die Krankheiten zu erinnern, die die Mädchen bekommen, wenn sie geschlechtsreif werden: Bleichsucht zum Beispiel. Da geht die Geschichte direkt vom Blut aus; da weiß man, daß der Körper das Blut nicht ordentlich ernährt. Wenn das Kind Bluteiterung kriegt, wird das Blut eben schlecht gemacht von etwas anderem im Innern. Wenn das Mädchen bleichsüchtig wird, wird direkt das Blut krank. Das ist etwas anderes, ob im Innern etwas sitzt, das das Blut krank macht, oder ob direkt das Blut krank wird, wenn das Blut beim Mädchen oder Knaben dick wird und sie nachher Hämorrhoiden bekommen.
[ 42 ] The illnesses that people contract once they reach sexual maturity are of an entirely different nature. One need only think of the illnesses that girls develop when they reach sexual maturity: pallor, for example. In that case, the problem originates directly from the blood; we know that the body is not properly nourishing the blood. When a child develops hemoptysis, the blood is corrupted by something else inside the body. When a girl develops pallor, the blood itself becomes diseased. It is one thing when there is something inside the body that corrupts the blood, and quite another when the blood itself becomes diseased—as happens when the blood thickens in a girl or boy, leading to hemorrhoids.
[ 43 ] Das sind also Tatsachen, daß der Mensch zweimal in seinem Leben vorzugsweise Krankheitsursachen ausgesetzt ist: zuerst in seinen ersten sieben Jahren, und dann in seinen dritten sieben Lebensjahren. Zwischendrinnen ist der Mensch zur Gesundheit veranlagt. Das ist eine wichtige Sache, daß der Mensch nicht immer in gleicher Weise zu Krankheit und Gesundheit veranlagt ist, sondern sehr unterschiedlich zu den verschiedenen Zeiten, und diese Krankheiten haben auch zu diesen verschiedenen Zeiten ganz verschiedenen Charakter. Das kann uns eben noch tiefer hineinweisen in das menschliche Innere, als uns dasjenige hineinweist, was wir schon besprochen haben. Dadurch, daß man es so betrachtet, lernt man die Organe kennen.
[ 43 ] It is therefore a fact that a person is particularly susceptible to causes of illness twice in their life: first during their first seven years, and then during their third seven-year period. In between, a person is predisposed to good health. It is important to note that human beings are not always equally predisposed to illness and health, but rather vary greatly at different times, and these illnesses also have very different characteristics at these different times. This can provide us with an even deeper insight into the human inner being than what we have already discussed. By viewing it in this way, one comes to understand the organs.
[ 44 ] Sehen Sie, auf der einen Seite haben Sie den Mr. William Windom, der plötzlich anfängt, als es zum Tode geht, von seinen Organen zu sprechen. Auf der anderen Seite verraten uns die Krankheiten, wenn wir sieim ersten Kindheitsalter und im späteren Kindheitsalter betrachten, daß da verschiedenes vorgeht in den aufeinanderfolgenden Lebensaltern. Aber wir müssen lesen lernen, was im Menschen vorgeht. Wir müssen lernen zu lesen. Wenn zum Beispiel das Kind Schwämmchen im Munde kriegt, oder wenn das Kind rote Stellen an verschiedenen Stellen des Körpers kriegt, müssen wir lernen zu lesen, was da im Innern vorgeht. Und dann erst kann man eine wirkliche Menschenkenntnis entwickeln, wenn man lernt zu lesen. Und so ist es schon einmal: Wenn Sie einfach den Menschen, wenn er tot ist, auf den Seziertisch legen und nun das einzelne Organ sich anschauen, was, wenn man es herausschneidet, keinen besonderen Einfluß hat, zum Beispiel die Milz — das ist solch ein Organ, das herausoperiert werden kann, wenn es krank wird, und der Mensch kann ja wirklich etwas von der Operation haben, er wird dann eine Zeitlang gesünder sein, als wenn er seine kranke Milz drinnen hat -, ja, meine Herren, wenn Sie sich einfach die Milz anschauen, nachdem sie herausoperiert worden ist, dann finden Sie eben nicht den Unterschied heraus zwischen der Milz und, sagen wir, dem Magen. Wenn man natürlich dem Menschen den ganzen Magen ausschneidet, so hat er es sehr schwer. Es geht ja auch fast nicht. Auf sehr lange Zeit wird ein solcher Mensch mit künstlichem Magen nicht mehr geheilt sein. Aber es gibt eben Organe, die nicht entfernt werden können, zum Beispiel die Lunge und so weiter, und am wenigsten das Gehirn — da gibt es einen Punkt, wenn Sie da nur mit einer Nadel hineinstechen und Sie treffen gerade diesen Punkt, dann fällt der Mensch sofort tot hin.
[ 44 ] You see, on the one hand, you have Mr. William Windom, who suddenly starts talking about his organs when death is approaching. On the other hand, when we examine illnesses in early childhood and later childhood, they reveal to us that different processes are at work during the successive stages of life. But we must learn to read what is going on inside a person. We must learn to read. For example, if a child develops thrush in the mouth, or if the child develops red spots on various parts of the body, we must learn to read what is happening inside. And only then can one develop a true understanding of human nature—by learning to read. And this is certainly true: If you simply place a person on the dissection table after they have died and then examine individual organs—organs that, when removed, have no particular effect—for example, the spleen—that is the kind of organ that can be surgically removed when it becomes diseased, and the person can indeed benefit from the operation, he’ll be healthier for a while than if he still had his diseased spleen inside him—well, gentlemen, if you simply look at the spleen after it’s been surgically removed, you simply won’t be able to tell the difference between the spleen and, say, the stomach. Of course, if you remove a person’s entire stomach, he’ll have a very hard time. It’s practically impossible. In the long run, such a person with an artificial stomach will never be cured. But there are simply organs that cannot be removed—for example, the lungs and so on—and least of all the brain—there’s a specific point there; if you just pierce it with a needle and hit that exact spot, the person will drop dead immediately.
[ 45 ] Dieses Organ hat zum Beispiel auch der Elefant. Wenn Sie da hineinstechen und gerade dieses Organ treffen - man braucht es gar nicht herauszuschneiden -, fällt dieses ganze große Tier tot hin. Sie können natürlich einem Elefanten, wenn Sie wollen, die Milz herausschneiden: er lebt noch Jahre. Da bekommen Sie den Unterschied. Es ist eben nicht so einerlei, ob Sie dem Menschen die Milz oder den Blinddarm herausschneiden, oder etwas anderes. Um das einzusehen, dazu ist aber notwendig, daß man den Menschen richtig studiert. Nun erinnern Sie sich, daß ich Ihnen gesagt habe: Diese Gehirnviecherchen, diese Zellen, die ich Ihnen da hingemalt habe für die Erinnerung, die sind beim Kind noch weich, lebendig, und erst allmählich verhärten sie, so daß diese Gehirnzellen erst in den ersten Kindesjahren, bis zum siebenten Jahre, verhärten müssen. Sie sind nämlich erst in der richtigen Verhärtung, wenn der Mensch durch den Zahnwechsel durchgegangen ist. Wenn nun der Mensch geschlechtsreif wird, dann werden nämlich die anderen Zellen, von denen ich Ihnen gesagt habe, daß sie sich durch das ganze Blut bewegen, später durch die Geschlechtsreife viel beweglicher — sie sind bis dahin wenigstens träge, und gehen träge durchs Blut bis zur Geschlechtsreife. Man hat zweimal Gelegenheit, krank zu werden: das eine Mal, wenn der Körper, eigentlich die Seele im Körper, sich Mühe geben muß, um die Gehirnzellen ordentlich steif zu machen bis zum siebenten Jahre hin. Auf der anderen Seite, wenn sie sich bei der Geschlechtsreife Mühe geben muß, um diese Tiere, die da herumschwimmen im Blute, beweglich zu machen.
[ 45 ] The elephant, for example, also has this organ. If you pierce it and hit this particular organ—you don’t even need to remove it—the entire large animal will collapse and die. Of course, if you want, you can remove an elephant’s spleen: it will still live for years. That’s where you see the difference. It really does matter whether you remove a person’s spleen, appendix, or something else. To understand this, however, it is necessary to study the human body properly. Now, remember that I told you: these little brain cells—the ones I drew for you as a reminder—are still soft and alive in a child, and they only gradually harden, so that these brain cells must harden during the first years of childhood, up to the age of seven. In fact, they are not fully hardened until a person has gone through the process of losing their baby teeth. When a person reaches sexual maturity, the other cells—the ones I told you about that move through the entire bloodstream—become much more mobile; up until then, they are at least sluggish, moving slowly through the blood until sexual maturity. There are two occasions when one is prone to illness: the first is when the body—or rather, the soul within the body—must exert itself to properly stiffen the brain cells up until the age of seven. The second is when, upon reaching sexual maturity, it must exert itself to make these creatures, which are swimming around in the blood, more mobile.
[ 46 ] Wenn man das äußerlich beschreiben wollte, könnte man sagen: Denken Sie sich, Sie bauen ein Haus und Sie verwenden einen Mörtel, der nicht richtig hart wird — es geht nicht. So ist es, wenn die Gehirnzellen nicht in der richtigen Weise erhärtet werden. Und das ist bei jenen Kindern der Fall, die diese oder jene Krankheit kriegen. Wir wollen diese Krankheitsursachen das nächste Mal noch weiter beschreiben. Nach der Geschlechtsreife hat man es zu tun mit einer ganzen Herde, riesigen Herde von Millionen solcher weißen Blutkörperchen. Die sind bis dahin träge, und wenn es eine richtige Herde wäre, eine Millionenherde, müßten schon sehr viele Hirten dahinter sein, die antreiben, damit sie fleißiger werden. Ja, dieses Antreiben muß da sein. Wenn es nicht da ist, kommt Bleichsucht heraus. Und so hängt es von diesen Dingen ab, daß im ersten Kindesalter der eine Ausgangspunkt ist für eine gewisse Art von Krankheiten, und im letzten Kindesalter, im Geschlechtsreifwerden, der andere Ausgangspunkt.
[ 46 ] If one were to describe this in layman’s terms, one might say: Imagine you’re building a house and you’re using mortar that doesn’t harden properly—it just won’t work. That’s what happens when brain cells aren’t hardened properly. And that’s the case with children who develop this or that illness. We’ll describe these causes of illness in even greater detail next time. After puberty, you’re dealing with an entire flock—a huge flock of millions of such white blood cells. Up until then, they’re sluggish, and if it were a real flock—a flock of millions—there would have to be a great many shepherds behind it, driving them on so they’d become more diligent. Yes, this driving force must be present. If it is not, anaemia results. And so it depends on these factors that, in early childhood, there is one starting point for a certain type of illness, and in late childhood, at puberty, there is another starting point.
[ 47 ] Aber so muß man den Menschen studieren, dann kommt man allmählich darauf, wie die Dinge zusammenhängen. Überhaupt, Sie können auch im sozialen Leben nichts machen, wenn Sie nicht diese Tatsachen der Naturwissenschaft kennen.
[ 47 ] But that is how one must study human beings; then one gradually comes to understand how things are connected. In general, you cannot accomplish anything in social life either if you do not know these facts of natural science.
