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The Rudolf Steiner Archive

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Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen
GA 350

10 September 1923, Dornach

15. Druidenweisheit — Mithraskult — Katholischer Kultus — Kultus der Freimaurer — Kultus der Christengemeinschaft

[ 1 ] Meine Herren, haben Sie vielleicht während der langen Zeit, in der wir keine Vorträge haben konnten, etwas Besonderes aufstellen können an Fragen, das Sie gern besprechen möchten?

[ 2 ] Fragesteller: Ich möchte fragen, ob der heutige Kultus mit seinen Handlungen noch zur geitiugen Welt Beziehung hat und wie die verschiedenen Kulte der verschiedenen Völker zueinander stehen?

[ 3 ] Dr. Steiner: Ja, meine Herren, dabei ist interessant, einmal darauf Rücksicht zu nehmen, wodurch überhaupt ein Kultus entsteht, was ein Kultus will.

[ 4 ] Bei dieser Gelegenheit darf ich Ihnen vielleicht gleich etwas sagen, was jetzt insofern bei uns aktuell ist, als es anknüpft an die letzte Reise nach England, die ich hinter mir habe. Der Kursus in Penmaenmawr war ja geeignet, gerade in der Nähe einer alten Kultusstätte abgehalten zu werden, nämlich an der Westküste von England, in Wales, wo eine Insel vorgelagert ist, Anglesey heißt sie, und an der Stelle finden sich noch überall auf den Bergen ringsherum alte Kultusstätten. Sie sind verfallen, und sie sind heute nur noch, ich möchte sagen, in Trümmern zu sehen, aus denen man aber, wenn man Anthroposophie kennt, durchaus sehen kann, was sie eigentlich gerade dort bedeutet haben.

Wandtafel 1
Wandtafel 1

[ 5 ] Sehen Sie, es wäre gerade so, wie wenn man hier hinausgehen würde zu diesen Bergen und dort oben solche Kultstätten finden würde. Dort findet man sie sozusagen überall auf den Bergen, und zwar hauptsächlich dort, wo der Berg oben solch eine Ausflachung hat, wo oben auf dem Berg eine Mulde, eine Ebene ist, die noch extra etwas vertieft ist. Da standen dann diese alten Kultusstätten. Heute sind sie ein Trümmerhaufen von Steinen, aber man sieht noch ganz deutlich, wie sie ausgesehen haben. Die kleineren bestehen aus Steinen, die wahrscheinlich vom Eis einmal an die betreffende Stelle hingetragen worden sind, aber außerdem an die Stelle geschleppt worden sind, wo man sie verwenden wollte. Diese Steine stellte man so auf, daß sie eine Art Viereck bilden, so nebeneinander (siehe folgende Zeichnung). Wenn ich von der Seite daraufschaue, so schaut es dann so aus: Da ist ein Deckstein, der deckt das Ganze da oben zu. Das sind die kleinen. Die großen Kultstätten, die bestehen dann aus Steinen so ähnlicher Art (Zeichnung unten), die im Kreis ringsherum gestellt sind, und zwar gerade zwölf. Das ist ein Kultus, der wahrscheinlich in seiner Blütezeit drei bis vier Jahrtausende hinter unserer Zeit dort getrieben worden ist, in einer Zeit, als die Bevölkerung dort eine wenig dichte war, eine sehr dünne Bevölkerung, in einer Zeit außerdem, in der es kaum etwas anderes gab als etwas Ackerbau und Viehzucht. In dieser Bevölkerung war das Schreiben und Lesen in der Blütezeit, als dieser Kultus getrieben worden ist, ganz unbekannt. Also Schreiben und Lesen — man hat gar nicht daran gedacht, daß es so etwas geben könnte!

[ 6 ] Nun kann man fragen, was dieser Kultus eigentlich zu bedeuten hatte. Ich sage Ihnen ausdrücklich: Lesen und Schreiben hat es dazumal nicht gegeben. — Nun wissen Sie ja, daß man, wenn man in der allergünstigsten Weise zum Beispiel Feldfrüchte zum Wachsen, zum richtigen Gedeihen bringen will, man sie in verschiedenen Zeiten säen muß, in verschiedenen Zeiten das eine oder andere mit ihnen tun muß. Und bei dem Vieh muß man auch mit den verschiedenen Zeiten rechnen, daß es begattet wird und so weiter. Das hängt ab von dem Zusammenhang der Erde mit der ganzen Weltumgebung, wovon ich Ihnen öfter erzählt habe. Nun, heute hat man seinen Bauernkalender, da schaut man nach, da weiß man, was für ein Tag im Jahre ist, und die Leute vergessen dann, daß das ja nicht abhängt von der menschlichen Willkür. Man kann nicht die Tage festsetzen wie man will, sondern man muß die Tage festsetzen so, wie es aus dem Sternengang folgt, aus dem Mondenstand folgt und so weiter. Nun, heute geht der Kalendermacher so vor, daß er das nach den alten Überlieferungen berechnet. Man hat Berechnungen, nach denen man ausrechnen kann, wann dieser oder jener Tag ist. Das rechnet man nach, weil die Leute es einmal nach dem Sonnenstand bestimmt haben. Man kann heute auch nach dem Sonnenstand bestimmen, aber die Menschen, die im allgemeinen sich nach so etwas richten, richten sich nicht nach dem Sonnenstand oder Sternenstand, sondern einfach nach dem, was man berechnet, nach dem Kalender. Nun, das war dazumal undenkbar, weil es Lesen und Schreiben überhaupt nicht gegeben hat. Solche Dinge kamen ja erst später. Also das führt uns zurück, wie ich sagte, drei- bis viertausend Jahre vor der jetzigen Zeit. Und das Lesen und Schreiben in diesen Gegenden führt uns kaum auf etwas mehr als zwei- bis dreitausend Jahre zurück. Das sind sehr alte Verhältnisse, und das Lesen und Schreiben, das es dazumal gab, das war natürlich gegenüber dem heutigen durchaus nicht etwas, wovon man eigentlich ordentlich reden kann. Jedenfalls die Mehrzahl der Bevölkerung hat es nicht gekannt.

[ 7 ] Wenn Sie sich einen solchen Kreis oben auf dem Berg anschauen, dann können Sie sich denken: Die Sonne geht scheinbar — wir wissen ja, sie steht still, aber nicht wahr, man kann davon reden, weil die Sachen ja trotzdem so sind —, die Sonne geht also im Kreis ringsherum im Weltenraume. Dadurch wirft sie von diesen Steinen aus immer einen anderen Schatten, und diesen Schatten, den kann man verfolgen den Tag hindurch. Man kann sagen: Wenn die Sonne morgens aufgeht, so ist da der Schatten, jetzt geht sie etwas weiter, so ist da der Schatten und so weiter. — Aber der Schatten ändert sich auch im Laufe eines Jahres, weil die Sonne da jedesmal an einem anderen Punkte aufgeht. Dadurch ändert sich der Schatten. Er ist im März so geworden, etwas später so geworden. Und die Weisheit des Gelehrten oder Priesters, wie Sie wollen, des Druidenpriesters, der dazumal aufgestellt war zur Beobachtung dieser Dinge, bestand darinnen, daß er diesen Schatten beurteilen konnte, daß er also wissen konnte: Wenn der Schatten, sagen wir zum Beispiel auf diesen Punkt da auffällt, dann muß dieses oder jenes im Frühling vorgenommen werden auf den Äckern. — Das konnte er den Leuten sagen. Er konnte das nach dem Sonnenstand sehen. Oder wenn der Schatten, sagen wir, an diesen Punkt fiel, dann mußte der Stier herumgeführt werden, mußten die Tiere begattet werden, weil das an einem bestimmten Tag des Jahres sein mußte. Also der Priester las von diesen Dingen ab, was im ganzen Jahre zu geschehen hatte.

[ 8 ] Dadurch wurde aber überhaupt das ganze Leben eigentlich nach dem Sonnenumgange bestimmt. Heute denken eben, wie ich Ihnen sagte, die Leute nicht daran, daß sie das ja selber auch tun, weil sie die Sache im Kalender finden. Aber dazumal mußte man an die Quellen selber gehen, mußte sozusagen vom Weltenall die Sache ablesen.

[ 9 ] Zu einer ganz bestimmten Zeit, sagen wir zum Beispiel im Herbst, wurde genau bestimmt, was mit den Äckern zu geschehen hatte; da wurde auch zu einer bestimmten Zeit des Jahres das sogenannte Stierfest festgesetzt aus den Angaben dieser Leute. Da wurde dann der Stier herumgeführt; sonst wurde er weggehalten von dem Vieh und so weiter. Nach diesen Dingen wurden auch die alten Feste eingerichtet, die aber durchaus im Zusammenhange mit solchen Dingen stehen. — So eine Anordnung nennt man heute Druidenzirkel, Druidenkreis. Dieses dahier (es wird auf die Zeichnung verwiesen) ist ein Dolmen oder Tafel 23 Kromlech. Das ist das Eigentümliche, daß die Steine so stehen und oben bedeckt sind, daß drinnen im Inneren Schatten ist.

[ 10 ] Nun, sehen Sie, meine Herren, die Menschen, die wissen ungefähr, daß das Sonnenlicht manchmal stärker, manchmal schwächer ist, weil sie das spüren an der Art, wie sie schwitzen oder frieren. Aber was die Leute nicht wissen, das ist das, daß der Schatten geradeso wie das Licht verschieden ist. Je nachdem das Licht verschieden ist, ist der Schatten verschieden. Aber die Leute haben es sich heute abgewöhnt, die Verschiedenheit des Schattens zu bestimmen. Die alten Menschen haben sich zunächst einmal die Fähigkeit angeeignet, die Unterschiede des Schattens zu bestimmen. Im Schatten drinnen aber sieht man das Geistige. Die Sonnenstrahlen haben nicht nur ein Physisches, sondern sie haben ein Geistiges. Und da drinnen hat der Druidenpriester die Geistigkeit der Sonnenstrahlen beobachtet, von der wiederum abgehangen hat, ob man in einem bestimmten Lande besser diese oder jene Pflanze anbaut, denn das hängt von der Geistigkeit ab, die von der Sonne zu der Erde heruntergetragen wird. Und außerdem waren in diesem Schatten außerordentlich gut die Mondenwirkungen zu beobachten. Die Mondenwirkungen haben zum Beispiel wiederum einen großen Einfluß gerade auf die Begattung des Viehs, und das wurde zu Hilfe genommen, um die Zeit der Begattung zu bestimmen. So daß eigentlich das ganze Jahr nach diesen Sonnenbeobachtungen eingeteilt worden ist.

[ 11 ] Wenn man nun hineingraben würde unter einem solchen Kromlech, dann würde man außerdem finden, daß er noch nebenbei eine Grabstätte war. Man hat namentlich da, wo man zugleich die Menschen begraben hat, diese Dinge aufgestellt. Das hat wiederum die Bedeutung, daß tatsächlich, wenn auch der Mensch seinen Leib verlassen hat, dieser Leib eine andere Zusammensetzung hat als irgend etwas anderes. Die Seele, der Geist hat die ganze Lebenszeit in dem Körper gewohnt. Wenn sich der Leib auflöst, dann hat er andere Kräfte als diejenigen, die in der übrigen Gebirgsgegend sind. Und diese Kräfte namentlich haben gefördert, wenn sie da hinaufströmten, daß man im Schatten drinnen richtig sehen konnte. Diese Leute haben eben noch ganz andere Naturkräfte gekannt, als man später gekannt hat.

[ 12 ] Und wenn man an mancher Bergstätte — das ist übrigens dann weiter ausgeprägt über das Land, das sah ich in Ilkley, wo der erste Kursus stattfand während der englischen Reise — so einzelne Steine sieht hoch oben, aber so, daß der Platz gut ausgewählt ist — man konnte von solchen hoch oben weithin das ganze Land übersehen —, dann findet man solche Zeichen, Hakenkreuze, Swastiken, mit denen heute in Deutschland so viel Unfug getrieben wird. Dieses Hakenkreuz wird getragen von Leuten, die keine Ahnung mehr davon haben, daß dieses einmal ein Zeichen war, wodurch angegeben werden sollte für den, der von weither kam: Da sind Leute, die verstehen diese Dinge, die sehen nicht nur mit den physischen Augen, die sehen auch mit den geistigen Augen — ich habe diese geistigen Augen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als Lotusblumen beschrieben — und sie wollten aufmerksam darauf machen: Wir können sehen mit diesen Lotusblumen.

[ 13 ] So sehen Sie hier einen Kultus, der im wesentlichen darin bestanden hat, daß die Leute das Geistige aus der Weltumgebung für ihre sozialen Verhältnisse, für ihre Lebensverhältnisse hereinbekommen wollten auf die Erde. Dies kann man den Dingen heute noch ansehen, und deshalb ist diese Gegend dort außerordentlich interessant. Es waren das schon die letzten solcher Kultstätten, denn es sind diejenigen, nach denen man sich an die Westküste zurückgezogen hat, weil dann vom Osten herüber diejenigen Menschen gekommen sind, welche die Schrift ausgebreitet haben in der alten Zeit. Man nennt diese erste Schrift Runen. Durch Zusammenlegen von Stäbchen waren die Buchstaben gebildet, also ganz anders als in der heutigen Zeit. Und da ist dann dasjenige erst aufgekommen, was jetzt beschrieben wird als die nordische Mythologie: Wotan, Thor und so weiter. Das kam erst später, und das kam, indem die Schrift dahin verpflanzt worden ist.

[ 14 ] Wenn ich da von dem Schatten rede, so braucht man sich nicht weiter darüber so furchtbar zu verwundern, denn etwas im Schatten sieht schon das Tier. Sie müssen nur einmal achtgeben darauf, wie sich ein Pferd merkwürdig benimmt, wenn es abends irgendwo an einer Straße steht, wo es beleuchtet ist, und es sieht an einer Wand auf seinen Schatten hin. Man muß nur wissen: Das Tier, das Pferd sieht seinen Schatten nicht so, wie wir ihn sehen. Wir haben die Augen so, daß wir nach vorn schauen, das Pferd hat die Augen so, daß es nach der Seite sieht. Das bewirkt, daß es den Schatten als solchen überhaupt gar nicht sieht, aber es nimmt das Geistige im Schatten wahr. Natürlich sagen die Leute: Das Pferd fürchtet sich vor seinem Schatten. — Aber es ist wirklich so, daß es den Schatten gar nicht sieht, sondern es nimmt das Geistige im Schatten wahr. Und so haben eben auch diese primitiven Menschen da im Schatten Verschiedenheiten wahrgenommen das Jahr hindurch, wie man in der Sonnenhitze und in der Kälte Verschiedenheiten wahrnimmt. Das ist ein Kultus, der dort gepflegt worden ist. Und Sie sehen daraus, wie ich Ihnen schildere, schon ein, daß solche Kulte, die in alten Zeiten entstanden sind, notwendig waren. Sie waren da, weil man sie brauchte. Sie ersetzten alles dasjenige, was später gelesen werden konnte, denn das war zu gleicher Zeit der Verkehr der Menschen mit den Göttern. Die Leute beteten weniger, aber sie teilten dasjenige mit, was dann ins Leben überfloß, was zum Leben eine Beziehung, eine Bedeutung hat.

[ 15 ] Nun ein anderer Kultus, den Sie vielfach noch in Überresten, namentlich in Mitteleuropa, finden. Da finden Sie solche Kultstätten, da finden Sie bestimmte Abbildungen. Diese Abbildungen zeigen einen Stier, und auf dem Stier sitzt oben eine Art Reiter mit einer sogenannten phrygischen Mütze, mit einer Art Revolutionsmütze. Diese ist von da später übernommen worden. Und dann sieht man auf demselben Bilde unten eine Art Skorpion, der beißt gerade in den Geschlechtsteil des Stieres hinein. Dann sieht man auch, wie der, der oben sitzt, ein Schwert in den Vorderleib des Stieres hineinstößt. Und wenn also dieses so ist, daß da der Stier ist (es wird gezeichnet), da oben dieser Reiter, da hier der Skorpion, da das Schwert, das stößt, dann sieht man, wie der Sternenhimmel dadrüber gebildet ist. Oben breitet sich der Sternenhimmel aus. Das sind wiederum die sogenannten Mithraskulte. Das erste also sind die Druidenkulte; und was ich jetzt beschreibe, sind die Mithraskulte. Während die Druidenkulte im Westen an den Küsten sind — wir finden sie ja auch in anderen Gegenden, aber ich erzählte es Ihnen gerade von der Gegend, wo ich sie selbst nun habe prüfen können —, finden sich diese Kulte von Asien herüber der ganzen Donau entlang, also durch das heutige Südrußland, Bulgarien, Ungarn, Bayern, die Gegenden im Odenwald, Schwarzwald und so weiter. Da waren diese Kulte, diese Mithraskulte einmal ausgebreitet. Und damit war etwas ganz Bestimmtes gemeint. Denn sehen Sie, warum haben die Leute gerade einen Stier dort hingesetzt? Das müssen wir uns zunächst fragen.

Wandtafel 2
Wandtafel 2

[ 16 ] Ich sagte Ihnen: Die Sonne geht im Frühling in einem bestimmten Sternbilde auf, heute eigentlich im Sternbild der Fische. — Die Astronomen zeigen noch das Sternbild des Widders. Das ist aber falsch, in Wirklichkeit ist es das Sternbild der Fische. Lange Zeit hindurch, durch zweitausend Jahre, ging die Sonne auf im Sternbilde des Widders, noch früher im Sternbilde des Stiers. Und da haben sich die Leute gesagt: Die Sonne geht immer im Frühling, wenn das Wachsen beginnt, im Sternbild des Stieres auf. — Und sie haben das, was im Menschenleib lebt, nicht im Kopf, aber im übrigen Menschenleib lebt, was namentlich mit dem Wachstum zusammenhängt, das haben sie ganz richtig darauf bezogen, daß die Sonnenstrahlen verändert werden, daß da das Sternbild des Stieres dahinter ist. Und deshalb haben sie gesagt: Wenn wir den tierischen Menschen bezeichnen wollen, müssen wir den Stier hinzeichnen, und der eigentliche Mensch, der von seinem Kopf beherrscht ist, der sitzt dann erst darauf. — So daß der Stier den niederen tierischen Menschen darstellt, und derjenige, der da oben sitzt mit der phrygischen Mütze, der stellt den höheren Menschen dar. Das Ganze ist aber eigentlich nur ein Mensch, niederer Mensch und höherer Mensch.

[ 17 ] Und nun sagten sich die Leute: Oh, schlimm ist es, wenn der niedere Mensch die Herrschaft hat, wenn der Mensch sich ganz seinen tierischen Trieben hingibt, wenn der Mensch nur seinen Leidenschaften folgt, die aus dem Bauche, aus der Sexualität und so weiter kommen! Es muß der höhere Mensch den niederen Menschen beherrschen. — Daher drückten sie das so aus: Dieser, der da reitet, der hat das Schwert und stößt es dem niederen Menschen in die Weichen. — Das heißt, der niedere Mensch muß klein werden gegenüber dem höheren Menschen. Außerdem ist der Skorpion da, der in die Geschlechtsteile hineinbeißt, um zu zeigen: Wenn der niedere Mensch durch den höheren nicht klein gemacht wird, nicht beherrscht wird, dann schädigt sich auch der niedere Mensch dadurch, daß die Naturkräfte über ihn kommen und ihn zerstören. — Also dieses ganze Menschenschicksal zwischen dem niederen und höheren Menschen wurde ausgedrückt in diesem Bilde.

[ 18 ] Darüber war der Sternenhimmel. Das ist sehr bezeichnend, daß da der Sternenhimmel ausgebreitet war. Die Sonne geht im Frühling auf in einem bestimmten Punkt, ist also dazumal aufgegangen im Sternbild des Stieres. Aber sie rückt jeden Tag ein Stückchen vor. Zweifach ist dieses Vorrücken. Einmal rückt der Frühlingspunkt vor. Die Sonne geht im nächsten Frühling ein Stückchen weiter weg von dem Punkt auf, in dem sie im vorigen Jahr aufgegangen ist, so daß also vor dreitausend Jahren die Sonne im Widder aufgegangen ist, noch früher im Stier. Heute geht sie im Frühling in den Fischen auf. Dadurch kommt sie allmählich ganz herum. Im Laufe von 25 920 Jahren kommt die Sonne ganz herum. Aber in jedem Jahre geht sie auch herum, so daß die Sonne am nächsten Tag nicht im Frühlingspunkt aufgeht — da geht sie nur am 21. März auf —, am nächsten Tag geht sie etwas weggerückt von diesem Punkt auf und so weiter. Das ganze Jahr geht sie auch im Tierkreis um alle Tierkreisbilder herum.

[ 19 ] Nun mußten diejenigen, die den Mithraskult zu bedienen hatten, beobachten, wann der niedere Mensch, der tierische Mensch, schwerer zu beherrschen ist: wenn die Sonne im Sternbild des Stiers steht, also besonders zu den Wachstumskräften treibt. Wenn jedoch die Sonne, sagen wir, im Sternbild der Jungfrau aufgeht, also im Oktober, mehr gegen den Dezember zu dazumal, da wirkte der niedere Mensch nicht so stark, da brauchte die Herrschaft nicht so stark ausgebildet zu werden. Die Bevölkerung hatte kein Gefühl für diese Dinge, aber diejenigen, die den Mithraskult beobachteten, die mußten das wissen. Und so konnten diejenigen, die da diesen Mithraskult bedienten, sagen: Jetzt ist es schwer, den niederen Menschen zu beherrschen, jetzt ist es Frühling; jetzt ist es leichter, jetzt ist eine bestimmte Zeit im Winter. — Und so wurde da beim Mithraskult der Mensch selber dazu benutzt, um die Jahreszeiten wiederum kennenzulernen, wie überhaupt den ganzen Gang von Sonne und Mond durch die Sternbilder. Bei den Druiden wurden mehr die äußeren Zeichen benützt, die Schatten; hier beim Mithrasdienst wurde mehr die Wirkung auf den Menschen benützt. Und so stand auch dieser Mithraskult durchaus im Zusammenhang mit dem Leben.

[ 20 ] So gab es die allerverschiedensten Kulte. Man muß ja natürlich sich klar sein darüber: Wenn man solche Dinge beobachten will, wie sie bei den Druiden beobachtet wurden, da braucht man ganz bestimmte Gegenden der Erde. — Das kann man heute noch sehen. Wenn man dort in Wales lebt — vierzehn Tage hat der Kursus dort gedauert —, dann hat man fortwährend den raschen Wechsel zwischen, ich möchte sagen, kleinen Wolkenbrüchen und Sonnenschein. Das wechselt stundenweise, so daß man eine ganz andere Luft hat als hier; die ist immer mehr von Wasser angefüllt. Wenn man eine solche Luft hat, wie sie dort ist, wo die Druiden waren, dann kann man solche Beobachtungen machen. In den Gegenden, in denen sich der Mithraskult ausgebreitet hat, hätte man solche Beobachtungen nicht machen können, weil das Klima ein anderes war. Da mußte man die Beobachtungen mehr dem Inneren des Menschen entnehmen. Der war empfindlicher für solche Dinge. Und so waren je nach den verschiedenen Gegenden die Kulte eben verschieden. Dieser Mithraskult ist ja ausgebreitet gewesen in den Donaugegenden, in Bayern, bis hier in die Schweiz herein, hier wohl weniger, in älteren Zeiten wohl auch. Nun, dieser Mithraskult, der war noch lange, als schon das Christentum in diesen Gegenden heraufkam, ausgebreitet. Die letzten Reste fanden sich durchaus noch in den Zeiten, als das Christentum sich ausgebreitet hat, besonders in den Donaugegenden zum Beispiel. Da findet man ja eben diese Bildnisse heute noch in Höhlen, in Felsenhöhlen drinnen enthalten. Denn diese Beobachtungen und Kulte wurden in Felsenhöhlen drinnen geübt. Da brauchte man nicht das äußere Sonnenlicht, sondern gerade die Ruhe und Stille in der Felsenhöhle drinnen. Die geistigen Wirkungen der Sonne und der Sterne gehen auch da hinein.

[ 21 ] Wenn ich Ihnen diese zwei Kulte angegeben habe, so können Sie ja den Sinn des Kultus überhaupt einsehen. Es gab die verschiedensten Kulte. Die Neger haben heute noch ihre Kulte, die einfacher, primitiver sind, die aber auch in einfacher Weise zeigen, wie man da die geistige Umgebung des Weltenalls kennenlernen will. Dann hat sich in einer bestimmten Zeit — diese Zeit liegt wiederum etwa eineinhalb bis zwei Jahrtausende zurück — aus den verschiedensten Kulten, die namentlich in Asien und Afrika waren, aus allen diesen Kulten gewissermaßen etwas ergeben, wo sie zusammengeschmolzen waren. Man hat ein Stück aus diesem Kultus genommen, ein anderes Stück aus jenem Kultus genommen, und aus dem Zusammenschmelzen der verschiedensten Kulte, namentlich der ägyptischen, persischen Kulte ist dann der Kult entstanden, den Sie heute als den katholischen Kultus kennen. Er ist zusammengeschmolzen aus alledem. Sie können sehen, wie er zusammengeschmolzen ist, wenn Sie zum Beispiel den Altar ansehen. Sie brauchen gar nicht besonders weit zu gehen, so werden Sie es dem Altar heute noch ansehen, daß er etwas ist wie ein Grabstein. Wenn auch darunter keine Leiche ist, so ist er doch in seiner Form einem Grabstein ähnlich. Wie man in alten Zeiten gewußt hat, daß von dem Leichnam Kräfte ausgehen, so hat man das in der Form noch festgehalten.

[ 22 ] Sie finden in den katholischen Kirchen das Merkwürdige, daß angedeutet ist die Beziehung zur Sonne und zum Mond. Sie werden ja aus den katholischen Kirchen kennen, was bei den besonders festlichen Gelegenheiten auf dem Altar steht (Zeichnung $. 282): die Monstranz, das sogenannte Sanktissimum. Ja, meine Herren, das ist nichts anderes als eine Sonne, und im Mittelpunkt der Sonne die Hostie, als Sonne gedacht, und hier unten der Mond, zum Zeichen dafür, daß dieser Kultus stammt aus einer Zeit, in der man direkt die Sonne und den Mond so beobachten wollte, wie ich es Ihnen für den Druidenkultus gezeigt habe. Nur haben die Leute das vergessen. Als die Schrift und das damit Zusammenhängende sich ausgebreitet hat, da haben sie nicht mehr in die große Natur geschaut. In ein Buch — und schließlich ist ja das Evangelium auch nur ein Buch —, in das haben sie geschaut. Aber das Andenken ist noch erhalten in dem Zeichen von Sonne und Mond, das im Sanktissimum, in der Monstranz auf dem Altar steht.

[ 23 ] Und so kann man durch alle, alle Einzelheiten gerade im katholischen Kultus nachweisen, wie er zurückführt auf die alten Kulte, die noch ihre Beziehung zum großen Weltenall hatten. Das ist natürlich gänzlich vergessen worden. Es ist so gewesen, daß in den drei oder vier ersten nachchristlichen Jahrhunderten die Leute überall noch viel gewußt haben von diesem eigentlichen Sinn des Kultus, denn damals hat sich mehr von Rom aus der jetzige Kultus gebildet und verbreitet, ist zusammengestellt worden aus den verschiedensten einzelnen Kulten. Aber hier herum zum Beispiel und namentlich in den Donauländern hat man ja noch den Mithraskult gekannt. Dem hat man es angesehen, daß er eine Beziehung zum Weltenall hat. Daher wurde in ganz systematischer Weise in den ersten Jahrhunderten das, was von alten Kulten vorhanden war, ausgerottet, und es blieben nur diejenigen Kulte, denen man nicht mehr ansah, wie sie im Verhältnis zum Weltenall standen. Und so, nicht wahr, schauen sich heute die Leute den katholischen Kultus an und es wird ein großer Wert darauf gelegt, daß man ihn nicht, gerade nicht versteht, daß man also nicht einsieht, daß das sich einmal auf die Sonne und auf den Mond bezogen hat. Denn Religion und Wissenschaft waren in alter Zeit eines, und die Kunst gehörte dazu.

[ 24 ] Natürlich ist dann eine Zeit gekommen, in der sich die Leute gesagt haben: Ja, wozu ist denn das alles? Das ist doch zu nichts! Die Feste, die Zeiten, wo das oder jenes geschehen soll, das liest man ja im Kalender! — Das ist ja zu nichts —, sagten die Leute. Und da kam die Kultstürmerei, die Bilderstürmerei, da kam dann der Protestantismus, das evangelische Prinzip, das gegen den Kultus losging. Man begreift nun, warum auf der einen Seite für den Kultus einmal alles Volk eingetreten ist und später sich alles Volk gegen den Kultus gewendet hat, wenn man diesen Hergang sich vor die Seele stellt. In der Zeit, wo ich Ihnen gesagt habe, daß der Druidenkultus geherrscht hat — ja, meine Herren, dasjenige, was heute manchmal aufgebracht wird an Begeisterung, sagen wir für diese oder jene Bewegung, das ist alles nichts gegen die große Begeisterung, die bei den Leuten geherrscht hat für ihren Druidenkultus in der damaligen Zeit! Die hätten sich alle steinigen und köpfen lassen für diesen Druidenkultus. Aber warum? Weil sie gewußt haben: Man kann, ohne auf ordentliche Weise genau zu wissen, was im Weltenall vorgeht, überhaupt nicht leben, man kann nicht das Stierfest zur richtigen Zeit feiern, man kann nicht sein Korn, seinen Roggen zur richtigen Zeit aussäen.

[ 25 ] Später ist das eben verwischt worden, und dadurch haben die Leute gesagt: Ja, eine Sache muß doch einen Zweck haben im Leben! — und sind losgegangen dagegen. Daß sich die Menschheit zu verschiedenen Zeiten so ganz verschieden verhält zu diesen Dingen, das kann man eben nur daraus einsehen, daß solche Vorgänge stattgefunden haben, daß die Sache vollständig vergessen worden ist und man heute nur noch in diesen, wie man es nennt, Symbolen sehen kann, was eigentlich gewesen ist. Wo Symbole stehen, da ist nur noch das schwächste Verständnis vorhanden, aus dem Grunde, weil, wo man Wirklichkeiten hat, man nicht Symbole braucht. Wenn man den Altar wie bei den Druiden aufstellt, um wirklich die Sonne zu beobachten, stellt man nicht ein Bild der Sonne hin!

[ 26 ] Ja, das ist es, was zum Beispiel dann dazu geführt hat, daß sich gewisse Kulte, außer dem katholischen, mit einer großen Starrheit bis in die heutige Zeit herein erhalten haben.

[ 27 ] Sehen Sie, dieser Druidenkultus, der war ein reiner Ackerbau- und Viehzüchter-Kultus, wie er in seiner Blüte stand, denn das Leben bestand aus Ackerbau und Viehzucht. Dann kam später in solchen Gegenden, wo früher Ackerbau und Viehzucht allein war, wo also dieser Kultus ganz besonders berechtigt war, dasjenige auf, was dann mehr Handwerk wurde. Als der Druidenkultus besonders geblüht hat, da war ja alles Ackerbau und Viehzucht, und die Leute bedeckten sich mit Tierfellen und so weiter. Alles, was Handwerk war — Maschinen gab es nicht —, das war ja natürlich noch so: Was der einzelne selbst machte, das richtete sich nach dem anderen. Wenn er Zeit hatte, verfertigte er sich, was er zum Anziehen oder als Gegenstand brauchte, zum Beispiel sein Messer aus einem harten Stein, den er bearbeitete und so weiter. Wichtig waren die Zeiten für Ackerbau und Viehzucht; das wollte er von seinen Göttern erfahren, wann er da mit den nötigen Maßnahmen vorzugehen habe. Dann aber wurde das Handwerk wichtiger. Nun sehen Sie, meine Herren, das Handwerk, das hat ganz selbstverständlich keine so große Beziehung zum Sternenhimmel wie Ackerbau und Viehzucht. Aber auf der anderen Seite waren die Gewohnheiten geblieben, und so hat man dann auch für das Handwerk eine Art Kultus aufgestellt, den man wieder diesen alten Kulten, die zum Himmel eine Beziehung hatten, entnommen hat. Und einer derjenigen Kulte, die am starrsten stehengeblieben sind, ist der Freimaurerkult. Der besteht aber in reinen Symbolen. Da weiß man gar nicht mehr in Wirklichkeit, worauf sich diese Symbole beziehen. Namentlich als man angefangen hatte, Kunstbauten zu bauen, hat man das, was man gewohnt war, in diesem Kultus zu treiben, angewendet auf das Bauen von Kunstwerken. Und bei der Baukunst hat es ja tatsächlich, wenn man ganz fein vorgehen will, doch auch einen gewissen Sinn. Man bildet die Bauformen nach dem, was die Sterne ausdrücken und so weiter, wenn man wirklich bauen will. Und so hat sich der Freimaurerkultus herausgebildet. Aber die Leute haben, als der Freimaurerkultus sich herausgebildet hat, eben nicht mehr gewußt, was die einzelnen Symbole bedeuten. Und so besteht der Freimaurerkultus heute aus lauter Symbolen, und die Leute wissen gar nicht, worauf sich die Symbole beziehen, reden das konfuseste Zeug über die Sachen. Man kann schon sagen: Je mehr die Kulte wohlgepflogen sind, desto weniger versteht man von den Sachen. — Und so ist von den Kulten, die in der Gegenwart am meisten gepflogen sind, eigentlich überall das Verständnis am meisten verlorengegangen.

[ 28 ] Aber nicht wahr, diese alten Leute, die haben den Kultus für ihr Leben in der Außenwelt gebraucht. Wenn man heute wieder einen Kultus haben will — und wir sind ja daran, an einer Erneuerung des Christentums, in Deutschland hat es schon einzelne Kirchen unter der Leitung von Dr. Rittelmeyer —, ja, wenn man daran geht, heute noch einen Kultus zu bilden, so muß der wiederum einen etwas anderen Sinn haben als die alten Kulte. Denn die alten Kulte, die haben gewirkt, und man weiß eben heute einfach aus der Berechnung heraus, wann ein Tag fällt, wann der 21. März ist und so weiter, aus der gewöhnlichen Sternkunde. Das konnten die Alten nicht. Die mußten in der alten Zeit auf diesen Schatten weisen, wie ich es Ihnen ja beschrieben habe. Aber heute ist erwas anderes notwendig. Heute ist das notwendig, daß die Leute überhaupt dazu kommen können, wiederum irgend etwas überhaupt zu verstehen von dem, was es im geistigen Weltenall gibt. Keine Astronomie, nichts sagt den Menschen heute etwas von dem, was im Weltenall vorgeht!

[ 29 ] Da geben sich die Leute den größten Irrtümern hin. Sie richten zum Beispiel Teleskope hinaus in die Sternenwelt. Jetzt schen sie in einer bestimmten Richtung einen Stern. Ja, meine Herren, ich drehe das Teleskop, das Fernrohr, da sehe ich in einer anderen Richtung wieder einen Stern. Und auf der anderen Seite wird berechnet, daß die Sterne so weit sind, daß das überhaupt nicht mehr klar gesehen werden kann, sondern nur nach Lichtjahren berechnet wird, nach dem, wie rasch der Lichtstrahl sich fortbewegt. Man rechnet aus, wie groß der Weg ist, den der Lichtstrahl in einem Jahr zurücklegt. Das ist ein Weg, der noch schwieriger auszudrücken ist in Zahlen, als wenn man heute in Deutschland ein Mittagsmahl bezahlt in deutscher Valuta. Das ist schon schwer genug auszudrücken! Aber dieses auszudrücken, wie rasch sich ein Lichtstrahl bewegt, welch einen großen Weg der in einem Jahr zurücklegt, diese Zahl geht in riesige Milliarden. Man redet daher auch nicht von ihr, sondern man sagt nur: Ein Stern liegt so weit, daß das Licht so und so viele Lichtjahre brauchen würde. Ja, meine Herren, jetzt richte ich mein Fernrohr in der Richtung, ich gucke hinein und sehe den Stern. Der braucht, sagen wir, 300 000 Lichtjahre, um hierher zu kommen; das Licht braucht so lange. Der andere Stern, der ist aber vielleicht weit zurück, der braucht vielleicht 600 000 Lichtjahre. Dann schaue ich dahin, bekomme aber doch gar nicht die gegenwärtige Gestalt des Sterns, sondern eine vergangene. Und wenn ich dort hinschaue, da ist jetzt gar nicht dasjenige in Wirklichkeit, was ich sehe. Der Stern erscheint mir trotzdem, aber ich sehe nur das, was er früher war, weil das Licht 300 000 Jahre gebraucht hat, um hierher zu kommen. Da sehe ich also einen Gegenstand, der in Wirklichkeit gar nicht da ist, der erst die 300 000 Jahre gebraucht hat, um da sichtbar zu werden!

[ 30 ] Also Sie sehen, wenn man mit dem Teleskop herumschaut, so sieht man doch gar nicht die wahre Gestalt des Sternenhimmels! Das ist das eine. Das andere ist dieses: Die Leute glauben nämlich, da wo sie die Sterne sehen, da ist etwas. Aber die Wahrheit ist diese, daß nichts dort ist, daß dort wo man Sterne sieht, gerade der Äther aufhört! Das bezieht sich nicht auf Sonne und Mond, auf die Sonne etwas, auf den Mond gar nicht, aber auf die Sterne bezieht es sich: da ist gar nichts! Da ist ein Loch im Weltenall. Es ist merkwürdig, wie da die Anthroposophie mit der wirklichen Wissenschaft geradezu wie zusammenkommt. Als wir in Stuttgart unsere Institute gegründet haben, habe ich gesagt: Eine unserer ersten Aufgaben ist, nachzuweisen, daß, wo ein Stern ist, überhaupt nichts ist, daß da das Nichts erglänzt. Weil ringsherum etwas ist, sieht man dort, wo nichts ist, eine Art Licht. — Nun, nicht wahr, wir sind eigentlich arme Leute mit unseren Forschungsinstituten, und die Amerikaner sind reich. Seit jener Zeit ist von Amerika die Nachricht gekommen, daß man auch mit der gewöhnlichen Wissenschaft schon darauf gekommen ist, daß eigentlich dort nichts ist, wo Sterne sind.

[ 31 ] So arbeitet gerade Anthroposophie mit der allerfortgeschrittensten Wissenschaft. Nur kann man eben durch Anthroposophie die Dinge besser beurteilen. Nicht wahr, diese Dinge sage ich Ihnen aus dem Grunde, weil Sie daraus sehen, daß ja jetzt eigentlich die Leute gar nichts wissen über das Weltenall. Sie beurteilen ja alles falsch im Weltenall. Und woher kommt das?

[ 32 ] Sehen Sie, meine Herren, das kommt von einer ganz bestimmten $ache. Denken Sie sich: Da ist ein menschlicher Kopf, da ist das Gehirn. Wenn der Mensch etwas Äußeres wahrnimmt, zum Beispiel durch das Auge, so nimmt er das Äußere wahr, braucht das Gehirn dazu, damit er die Wahrnehmung haben kann. Aber im Gehirn drinnen befindet sich ein kleines Gehirn, gerade dahinten (siehe Zeichnung). Das ist ganz anders gebaut als das große Gehirn. Dieses kleine Gehirn hat einen sehr merkwürdigen Bau. Es ist so wie aus Blättern zusammengesetzt, wenn man es durchschneidet. Das sitzt also dahinten drinnen.

[ 33 ] Dieses kleine Hirn, das nimmt nichts von außen wahr. Das große Hirn, das ich hier in der Zeichnung grün gemacht habe, das brauchen wir, um die äußeren irdischen Eindrücke zu haben. Das kleine Hirn, das nimmt nichts von außen wahr. Aber wenn der Mensch sich innerlich vertieft, wenn er so vorgeht, wie ich das in meinen Büchern beschrieben habe, dann fängt dieses kleine Hirn an besonders tätig zu sein, und man spürt innerlich, wie scheinbar dieses kleine Hirn immer größer und größer wird, wie wenn es wachsen würde. So wächst das, und man fühlt, wie wenn man nach und nach unter einem Baum stehen würde. Daher schildern die Orientalen den Buddha unter dem Bodhibaum. Der hat noch dieses Kleinhirn als ein Wahrnehmungsorgan gekannt. Das entdeckt man heute wiederum. Dieses kleine Hirn, das fängt an tätig zu sein, wenn man sich innerlich menschlich vertieft. Da nimmt man aber nicht das Äußerlich-Materielle wahr, sondern das Geistige. Da fängt man an, mit dem kleinen Hirn das Geistige wiederum wahrzunehmen, und in dem Geistigen eben wiederum Gesetze und so weiter wahrzunehmen. Die muß man heute in einen Kultus hineinbringen. Gerade das Allerinnerste im Menschen muß heute in einen Kultus hinein, weil der Mensch mit seinem Inneren eben in seinem kleinen, von dem großen Hirn getrennten Hirn den Weg hat, das Organ hat, das in die geistige Welt hinausführt.

[ 34 ] Heute kann man also höchstens wiederum am Anfang stehen, wie man einen Kultus vom Inneren des Menschen aus dann aufbaut. Dann wird dieser Kultus innere Wahrheiten enthalten. So wie man durch den Druidenkultus gewußt hat, wann man den Stier zu bekränzen hat, das Stierfest festzusetzen hat, den Stier zu führen hat durch die Gemeinde, damit in der richtigen Weise die Fortpflanzung geregelt wird, so wird man wissen — gerade wenn man in dieser Weise einen Kultus einrichtet, der nun die geistige Wahrnehmung, die durch das Kleinhirn unterhalten wird, entwickelt —, was man zu tun hat im sozialen Menschenleben. Vorher wird man nur spekulieren, wird nur allerlei ausdenken, wird es so machen wie in Rußland. Wenn man zugeben wird, daß man das erst wissen muß auf geistige Art, was in der Menschheit zu geschehen hat, weil es aus dem Weltenall fließt, dann wird man auch erst eine richtige Sozialwissenschaft haben, die wiederum gewollt sein wird aus der Weltenumgebung.

[ 35 ] So muß man lernen denken. Und sobald man so etwas sieht, wie heute etwa die zerstörten Gesteine herumliegen, so daß man nur noch aus den Spuren sehen kann, was einmal war, wie auf der Insel Anglesey oder in den anderen in den Küstengegenden dort gelegenen Orten, in Penmaenmawr, wo der Kursus war — ja, wenn man an solche Dinge herankommt, dann sieht man: Es ist vieles untergegangen in der Menschheit, was man aber braucht, und heute braucht man gerade in geistiger Beziehung neue Erkenntnisse. Es muß gearbeitet werden mit neuen Erkenntnissen.

[ 36 ] Das wollte ich Ihnen auf diese Frage antworten. Ich glaube, daß Sie daraus verstehen können, wie ein Kultus geradeso notwendig war wie ein Messer, das man zum Leben brauchte, und wie die Nutzlosigkeit des Kultus später gerade dazu geführt hat, daß man ihn ausgelöscht hat und ihn dann fortgesetzt hat, ohne daß man ihn mehr verstand.

[ 37 ] Wann ich die nächste Stunde haben kann — ich muß in diesen Tagen wiederum nach Stuttgart, aber ich komme in den nächsten Tagen zurück —, das werde ich Ihnen nächste Woche wiederum ankündigen lassen.