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The Rudolf Steiner Archive

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Human History and the
World Views of Civilized Nations
GA 353

19 March 1924, Dornach

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6. Die Trinität — Die drei Formen des Christentums und der Islam — Die Kreuzzüge

6. The Trinity — The Three Forms of Christianity and Islam — The Crusades

[ 1 ] Die Frage, die gestellt worden war, meine Herren, ist ja eine recht ausführliche, und wir müssen schon noch ein paarmal einiges davon besprechen.

[ 1 ] The question that was asked, gentlemen, is quite a detailed one, and we will need to discuss some parts of it a few more times.

[ 2 ] Ich möchte nun heute doch noch Genaueres sagen über die spätere Ausbreitung des Christentums. Das Christentum, wenn es heute betrachtet wird, zeigt sich ja in drei Gestalten. Diese drei Gestalten muß man ins Auge fassen, wenn man in der richtigen Weise von den heutigen Begriffen aus zurückgehen will auf dasjenige, was eigentlich durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist.

[ 2 ] Today I would like to say a few more specific things about the later spread of Christianity. When viewed today, Christianity manifests itself in three forms. One must take these three forms into account if one wishes to trace back correctly, from today’s concepts, to what actually took place through the Mystery of Golgotha.

[ 3 ] Betrachten wir die Sache zunächst in bezug auf Europa. Ich habe Ihnen schon neulich gesagt, wie das war: Wir haben dadrüben Asien, und Europa ist eigentlich so eine Art Halbinsel von Asien. Es sieht ja, wie Sie wissen, so aus (es wird eine Landkarte entworfen). Hier wäre Norwegen, hier geht es gegen Rußland hinüber, hier kommen wir herüber nach der deutschen Nordküste; hier haben wir dann Dänemark. Da kommen wir herüber nach Holland, Frankreich, und hier würde Spanien sein. Hier kommen wir nach Italien, Griechenland; hier würde das Schwarze Meer sein, und da geht es nach Asien hinüber. Unten ist dann Afrika.

[ 3 ] Let’s first consider the matter in relation to Europe. I already told you the other day how it is: We have Asia over there, and Europe is actually a kind of peninsula of Asia. As you know, it looks like this (a map is sketched). Here would be Norway; here it extends toward Russia; here we cross over to the northern coast of Germany; here we have Denmark. From there we cross over to the Netherlands and France, and here would be Spain. Here we go to Italy and Greece; here would be the Black Sea, and from there it extends into Asia. At the bottom is Africa.

early Earthdie frühe Erdeearly Earthearly Earth

[ 4 ] Nun, sehen Sie, in unserer gegenwärtigen Zeit ist es schwer, über die Ausbreitung des Christentums zu sprechen, weil gegenwärtig auch besondere Verhältnisse in bezug auf diese Dinge herrschen. Aber wenn man sich das Christentum in diesen Gegenden Rußlands anschaut, damals, wie es war vor dem Weltkriege, dann kommt man darauf, sich zu sagen: Dieses östliche Christentum hat noch mehr von dem ursprünglichen religiösen Charakter von Asien, von dem ich Ihnen in seinen verschiedenen Gestalten bei den Ägyptern, bei den Indern, bei den Assyriern gesprochen habe. Vieles von dem, was an Kultushandlungen zum Beispiel, also an Opferhandlungen, üblich war, was man in Asien sehr gut verstanden hat, das ist eingeflossen in die Religion, die dann vom Christentum durchsetzt worden ist in diesen östlichen Gegenden. Wenn man die Religion in diesen östlichen Gegenden kennenlernt, dann hat man unmittelbar die Empfindung: Da kommt es eigentlich viel mehr auf den Kultus an als irgendwie auf die Lehre. Die Lehre will in menschlichen Worten zum Ausdruck bringen, was der geistigen Welt angehört, oder wenigstens was das menschliche Gefühl von der geistigen Welt erfassen kann. Die Lehre, die ist auch dasjenige, an das der Mensch immerfort heran will mit seiner Vernunft. Der Kultus dagegen ist etwas, was man hat, was viel konservativer bleibt. Und wo der Kultus besonders herrschend ist, da trägt auch die Religion einen konservativen Charakter. So daß man schon sagen muß: Die östliche Religion hier, die trägt einen konservativen Charakter, gibt viel mehr auf den Kultus als den eigentlichen inneren Anstoß der Religion, des religiösen Lebens im Menschen, als die mehr westlichen Religionen.

[ 4 ] Well, you see, in our present times it is difficult to speak about the spread of Christianity, because there are currently special circumstances surrounding these matters. But if one looks at Christianity in these regions of Russia, as it was back then, before the World War, one is led to say to oneself: This Eastern Christianity still retains more of the original religious character of Asia, which I have spoken to you about in its various forms among the Egyptians, the Indians, and the Assyrians. Much of what was customary in terms of religious rituals—for example, sacrificial rites—which were very well understood in Asia, has flowed into the religion that was subsequently permeated by Christianity in these eastern regions. When one becomes acquainted with the religion in these eastern regions, one immediately gets the impression: That it actually depends much more on the cult than on doctrine in any way. Doctrine seeks to express in human words what belongs to the spiritual world, or at least what human feeling can grasp of the spiritual world. Doctrine is also that which human beings constantly seek to approach with their reason. Worship, on the other hand, is something one possesses, something that remains much more conservative. And where worship is particularly dominant, religion also takes on a conservative character. So one must say: Eastern religion here has a conservative character; it places much greater emphasis on worship than on the actual inner impulse of religion—that is, religious life within the human being—than do the more Western religions.

[ 5 ] Nun, die zweite Strömung des Christentums ist von Rom ausgegangen und hat sich nach dem Norden ausgebreitet, ist dann stark von Irland aus beeinflußt worden, von wo die Missionare herübergekommen sind. Dieses von Rom aus beeinflußte, südliche mitteleuropäische Christentum hat zwar auch den Kultus bewahrt, aber schon viel mehr Wert auf die Lehre gelegt als das östliche Wesen. Daher wird der Kultus in seiner Bedeutung von dem römischen Katholizismus schon viel weniger gefühlt als die Predigt, die Lehre. Und es gab über den eigentlichen Inhalt der Lehre innerhalb der römisch-katholischen Kirche viel mehr Streitigkeiten als in der östlichen Kirche.

[ 5 ] Well, the second branch of Christianity originated in Rome and spread northward; it was then strongly influenced by Ireland, from where the missionaries came. This southern Central European Christianity, influenced by Rome, did indeed preserve the liturgy, but placed much greater emphasis on doctrine than the Eastern tradition. Consequently, Roman Catholicism attaches far less importance to the liturgy than to preaching and doctrine. And there were far more disputes regarding the actual content of doctrine within the Roman Catholic Church than in the Eastern Church.

[ 6 ] Dieses Christentum hat aber noch einen anderen Einfluß erlebt. Sehen Sie, das Christentum ist ja im Anfang unserer Zeitrechnung entstanden. Etwa sechs Jahrhunderte darnach, fünf, sechs Jahrhunderte darnach ist dann der Islam entstanden. Ich habe Ihnen neulich Arabien aufgezeichnet. Wenn ich Kleinasien da noch einmal aufzeichne, so kommen wir hier herunter zu Arabien, würden hier nach Indien hinübergehen; da würde dann Afrika sein, hier Ägypten. Nun, hier in Arabien entstand durch Mohammed der Islam. Dieser Islam breitete sich damals in der zweiten Hälfte des ersten christlichen Jahrtausends sehr schnell aus. Und zwar breitete er sich von Asien herüber aus, zuerst gegen Syrien herüber bis an das Schwarze Meer, dann durch Afrika herüber nach Italien, Spanien, bis hinauf in den europäischen Westen. Dieser Islam hat eine besondere Eigentümlichkeit: er vereinigt in seiner Religion das phantastische Element mit einem ungeheuer nüchternen verstandesmäßigen Element. Der Hauptgrundsatz der mohammedanischen Religion, die sich im 7., 8., 9. Jahrhunderte rasch ausgebreitet hat über den Süden und Westen Europas und in Asien drüben, ist der: Es gibt einen einzigen Gott, der euch durch Mohammed verkündigt wird.

[ 6 ] But Christianity has also been influenced by another factor. You see, Christianity emerged at the beginning of our calendar. About six centuries later—five or six centuries later—Islam emerged. I recently drew a map of Arabia for you. If I were to draw a map of Asia Minor again, we would come down here to Arabia, cross over here toward India; then Africa would be there, and Egypt here. Well, here in Arabia, Islam arose through Muhammad. Islam spread very rapidly during the second half of the first Christian millennium. It spread from Asia, first toward Syria as far as the Black Sea, then across Africa to Italy, Spain, and all the way up into Western Europe. This religion has a distinctive characteristic: it combines the fantastical element with an incredibly sober, rational element. The fundamental principle of the Muslim religion, which spread rapidly throughout southern and western Europe and across Asia in the 7th, 8th, and 9th centuries, is this: There is one God, who is proclaimed to you through Muhammad.

[ 7 ] Man muß nun nur richtig einsehen, was das eigentlich in der Weltgeschichte bedeutet, daß Mohammed den Grundsatz verfocht: Es gibt nur einen Gott. Warum wurde denn das von Mohammed so stark betont? Mohammed hat schon das Christentum gekannt; und das Christentum hat zwar nicht drei Götter, aber es hat drei göttliche Gestalten. Das spürt man nur heute nicht mehr. Man spürt heute nicht, daß das Christentum vom Ursprung an nicht drei Götter hatte, aber drei göttliche Gestalten hat: Vater, Sohn und den sogenannten Heiligen Geist.

[ 7 ] One must now truly understand what it actually means in the context of world history that Muhammad championed the principle: “There is only one God.” Why, then, did Muhammad emphasize this so strongly? Muhammad was already familiar with Christianity; and while Christianity does not have three gods, it does have three divine figures. It’s just that people no longer sense this today. Today, people do not realize that from its very origins, Christianity did not have three gods, but rather three divine figures: the Father, the Son, and the so-called Holy Spirit.

[ 8 ] Was heißt das? Sehen Sie, «Person» heißt nämlich ursprünglich in der lateinischen Sprache gar nichts anderes als Gestalt, Maske, dasjenige, was sich nach außen offenbart. Und im ursprünglichen Christentum hat man nicht von drei Göttern geredet, sondern von drei Gestalten, in denen sich der eine Gott offenbart. Und man hat auch noch empfunden, wie es mit diesen drei Gestalten steht.

[ 8 ] What does that mean? You see, in Latin, the word “person” originally meant nothing other than a form, a mask—that which reveals itself to the outside world. And in early Christianity, people did not speak of three gods, but of three forms in which the one God reveals Himself. And they also had a sense of what these three forms entailed.

[ 9 ] Wollen wir einmal darauf sehen, wie es mit diesen drei Gestalten eigentlich steht. Nicht wahr, heute, wo neben der Religion eine ausgesprochene Wissenschaft da ist, kann man das ja gar nicht mehr verstehen. Denn die Wissenschaft wird heute ganz unabhängig von der Religion getrieben, und man sieht eigentlich nicht hin nach dem religiösen Leben, wenn von dem wissenschaftlichen Leben die Rede ist. Das war in alten Zeiten nicht der Fall, auch nicht in den ersten Zeiten des Christentums; sondern da war es so, daß man mit der Religion zugleich alle Wissenschaft, die es gegeben hat, empfangen hat. Es waren auch keine besonderen Priester und besonderen Lehrer da, sondern es waren eben diejenigen da, die zugleich Priester und Lehrer waren. Das war insbesondere in dem der Fall, was ich Ihnen als die letzten Mysterien geschildert habe.

[ 9 ] Let’s take a look at what the situation actually is with these three figures. Isn’t it true that today, when there is a distinct science alongside religion, one can no longer understand this at all? For science today is pursued entirely independently of religion, and one does not really look to religious life when speaking of scientific life. That was not the case in ancient times, nor even in the early days of Christianity; rather, back then, people received all the science that existed along with religion. There were also no separate priests and separate teachers; instead, there were those who were both priests and teachers. This was particularly the case with what I have described to you as the last mysteries.

[ 10 ] Nun, da sah man zunächst, daß der Mensch ein natürliches Wesen ist. Der Mensch ist ein natürliches Wesen, indem er mit Hilfe von Naturkräften als physischer Mensch aus dem Mutterleibe geboren wird. Da wirken - so dachte man sich, so fühlte man - die Naturkräfte im Menschen. Wenn ich darauf sehe, wie der Mensch als physisches Wesen entsteht, so schaue ich auf Kräfte, die ich auch finde, wenn ich draußen den Baum wachsen sehe, die schließlich auch vorhanden sind, wenn das Wasser verdunstet, der Regen herunterfällt. Es sind Naturkräfte. Aber hinter diesen Naturkräften hat man im Altertum die geistigen Kräfte gesehen. Überall in der Natur sind die geistigen Kräfte tätig. Wenn im Berg drinnen ein Kristall entsteht, wenn also der Stein wächst, sind die geistigen Kräfte tätig. Wenn die Pflanze im Frühling hervorkommt, sind die geistigen Kräfte tätig. Wenn das Wasser verdunstet, sich die Wolke bildet, das Regenwasser herunterfällt, sind die geistigen Kräfte tätig. Dieselben geistigen Kräfte sind im Menschen tätig, wenn er als Menschenkeim im Leibe der Mutter sich entwickelt. Dieselben geistigen Kräfte sind tätig, wenn sein Blut durch die Adern geht, sein Atem ein- und ausgeht. In allem, was man da als Geist in der Natur ansah, der auch im physischen Menschen gesehen wird, in dem sah man das Vaterprinzip, den Vater, weil Naturwissenschaft zugleich Religion war.

[ 10 ] Well, at first one saw that the human being is a natural being. The human being is a natural being in that, with the help of natural forces, he is born as a physical human being from the womb. There, it was thought—and felt—that the forces of nature are at work within the human being. When I look at how a human being comes into being as a physical being, I see forces that I also find when I watch a tree grow outside, forces that are ultimately present when water evaporates and rain falls. These are natural forces. But in ancient times, people saw spiritual forces behind these natural forces. Spiritual forces are at work everywhere in nature. When a crystal forms inside a mountain—that is, when the rock grows—spiritual forces are at work. When a plant sprouts in the spring, spiritual forces are at work. When water evaporates, a cloud forms, and rain falls, spiritual forces are at work. These same spiritual forces are at work in human beings as they develop as a human embryo in their mother’s womb. These same spiritual forces are at work when their blood flows through their veins and their breath moves in and out. In everything that was regarded as spirit in nature—which is also seen in the physical human being—people recognized the Father principle, the Father, because natural science was, at the same time, religion.

[ 11 ] Man sagte sich: Derjenige, der im Mysterium zu der höchsten Erleuchtung gekommen ist, der ist ein Abbild dieses Vatergeistes, der weiß Bescheid über alles, was überall in der Natur ist. - Das war die siebente Stufe, die Stufe, die der Mensch gehen konnte in den Mysterien, wenn er zur Vaterwürde aufgestiegen war.

[ 11 ] It was said: “The one who has attained the highest enlightenment in the Mystery is an image of this Father Spirit, who knows everything that exists throughout nature.” - That was the seventh stage, the stage a person could reach in the Mysteries once they had ascended to the dignity of the Father.

[ 12 ] Die nächste Würde - ich habe es Ihnen gesagt - war die des Sonnengeistes. Was verstand man denn unter dem Sonnengeist, den man dann später als Sohn bezeichnet hat? Was verstand man darunter? Daß der Christus sich selber wiederum als Sonnengeist bezeichnet hat, das habe ich Ihnen ja auseinandergesetzt. Man sagte sich: Gewiß, der Mensch wird durch Naturkräfte geboren, durch dieselben Kräfte, durch die die Pflanze wächst und so weiter; aber wenn er auf der Erde lebt, da entwickelt er sich doch. - So wie er durch Naturkräfte geboren wird, so kann man zum Beispiel ebensowenig wie bei der Pflanze bei ihm reden von Gut und Böse. Es wird Ihnen nicht einfallen, eine Tollkirsche, weil sie als Gift auf den Menschen wirkt, böse zu nennen. Sie werden sagen: sie kann ja nichts dafür. Es lebt kein Wille in der Tollkirsche, wie er im Menschen lebt. Und so kann man auch nicht sagen, wenn das Kind geboren wird, daß es durch die Naturkräfte gut und böse sein kann. Gut und böse wird es dann, indem sein menschlicher Wille allmählich heraufkommt; und im Gegensatz zu denjenigen Kräften, die in der Natur wirken, nannte man dann dasjenige, was im menschlichen Willen wirkt, was gut und böse im Menschen werden kann, den Gottsohn oder den Sonnengeist. Und derjenige, der im Mysterium bis zu der sechsten Stufe aufsteigen konnte, war nur sein Vertreter. Alle diese einzelnen Vertreter der sechsten Stufe waren Stellvertreter des Gottes auf der Erde. Und dann wußte man, daß eben die Sonne nicht nur ein Gaskörper ist; die Sonne gibt nicht nur Licht und Wärme, sondern auch die Kräfte, die den Willen entwickeln. Daher kommt eben von der Sonne nicht nur Licht und Wärme, sondern auch der Sonnengeist. Der Sohnesgott ist zugleich derjenige, der der Sonnengeist ist. So daß man also sagte: Die Vatergottheit, die ist überall in der Natur; die Sohnesgottheit, die ist überall da, wo Menschen freien Willen entwickeln.

[ 12 ] The next rank—as I have told you—was that of the Sun Spirit. What, then, was meant by the Sun Spirit, who was later referred to as the Son? What was meant by this? I have already explained to you that Christ himself referred to himself as the Sun Spirit. People said to themselves: Certainly, human beings are born through natural forces—the same forces by which plants grow and so on—but as they live on Earth, they do develop. Just as they are born through natural forces, one cannot speak of good and evil in relation to them any more than one can in relation to plants. It would not occur to you to call a belladonna “evil” simply because it acts as a poison on humans. You would say: it can’t help it. There is no will living in the belladonna as there is in humans. And so one cannot say, when a child is born, that it can be good or evil through the forces of nature. It becomes good or evil as its human will gradually emerges; and in contrast to the forces at work in nature, what acts within the human will—that which can become good or evil in a human being—was called the Son of God or the Sun Spirit. And the one who was able to ascend to the sixth stage in the Mystery was merely its representative. All these individual representatives of the sixth stage were vicars of God on earth. And then it was understood that the sun is not merely a gaseous body; the sun provides not only light and heat, but also the forces that develop the will. Therefore, it is from the sun that not only light and heat come, but also the Sun Spirit. The God the Son is also the one who is the Sun Spirit. Thus, it was said: The Father God is everywhere in nature; the Son God is everywhere where human beings develop free will.

[ 13 ] Nun aber empfand man etwas ganz Eigentümliches. Man sagte sich: Ja, aber wird der Mensch eigentlich, indem er einen freien Willen entwickelt und unter dem Sohnesgott steht, wird er dadurch mehr wert oder weniger wert? - Diese Frage stellte man sich auch noch zur Zeit, als das Christentum begründet wurde.

[ 13 ] But then people began to feel something quite peculiar. They asked themselves: Yes, but does a person—by developing free will and standing under the Son of God—become more valuable or less valuable as a result? —This question was also being asked at the time when Christianity was founded.

[ 14 ] Meine Herren, sehen Sie sich irgendein Naturprodukt an, meinetwillen bis zum Tier herauf. Sie können zwar, wenn eine Kuh alt geworden ist, immerhin sagen, man bezahlt dann für diese Kuh weniger, als man bezahlt hat, als sie jung war. Also sie wäre weniger wert als in der Zeit, wo sie jung war. Nun, das ist schon ganz richtig; aber darauf kommt es dabei nicht an, sondern man ist sich klar darüber, daß die Kuh nicht durch etwas, was in ihrem Inneren als Wille wirkt, weniger wert geworden ist, sondern sie ist durch den Gang der Natur weniger wert geworden. Der Mensch aber, der im schlechten Sinne handelt, im schlechten Sinne seinen Willen entwickelt, der wird ja weniger wert, als er eigentlich von Natur aus ist! Daher braucht der Mensch noch eine dritte Gottheit, die ihn anleitet, seinen Willen wiederum gut zu machen, ganz gut zu machen, seinen ungesunden Willen zu heiligen. Und das war die dritte Gestalt der Gottheit: der Heilige Geist, der in den Mysterien überall dargestellt worden ist durch die fünfte Stufe der Einweihung, die man also je nach dem Volk bezeichnet hat.

[ 14 ] Gentlemen, take a look at any natural product—even an animal, for all I care. It is true that when a cow grows old, you can say that you pay less for her now than you did when she was young. So she would be worth less than she was when she was young. Well, that is quite true; but that is not the point here. Rather, it is clear that the cow has not become less valuable because of something acting within her as a will, but rather she has become less valuable through the course of nature. But a human being who acts in a bad sense—who develops his will in a bad sense—becomes less valuable than he actually is by nature! That is why human beings need a third divinity to guide them in making their will good again—truly good—and in sanctifying their unhealthy will. And that was the third form of the divinity: the Holy Spirit, who was depicted throughout the mysteries through the fifth stage of initiation, which was designated differently depending on the people.

[ 15 ] Und so haben diese alten Leute gesagt: Dreierlei Arten, wie sich die Gottheit offenbart, gibt es. - Sehen Sie, sie hätten sagen können: Es gibt einen Naturgott, einen Willensgott und einen Geistgott, wo der Wille wieder geheiligt, vergeistigt wird. - Sie haben auch so gesagt, denn die alten Wörter bedeuten das durchaus. «Vater» bedeutet eigentlich etwas, was mit dem Ursprung des Physischen zusammenhängt, etwas Naturhaftes. Nur in den neueren Sprachen ist die Bedeutung dieser Wörter verlorengegangen. Aber dann haben diese alten Leute noch etwas dazugefügt, wenn sie gesagt haben: Es gibt einen Naturgott, den Vater; einen Willensgott, den Sohn; und einen Gott, der alles, was im Menschen durch den Willen krankhaft werden kann, wiederum heilt, den Heiligen Geist; aber - haben sie noch hinzugefügt - diese drei sind eins. - Sie haben also gesagt als ihren wichtigsten Satz, als ihre wichtigste Überzeugung: Es gibt drei Gestalten der Gottheit, aber diese drei sind eins.

[ 15 ] And so these ancient people said: There are three ways in which the Divine reveals itself. — You see, they could have said: There is a God of Nature, a God of Will, and a God of Spirit, where the will is once again sanctified and spiritualized. - They also put it that way, because the ancient words certainly mean that. “Father” actually refers to something connected with the origin of the physical world, something natural. Only in the newer languages has the meaning of these words been lost. But then these ancient people added something else when they said: There is a God of Nature, the Father; a God of Will, the Son; and a God who heals everything in human beings that can become pathological through the will—the Holy Spirit; but—they added—these three are one. - So their most important statement, their most fundamental conviction, was: There are three forms of the Godhead, but these three are one.

[ 16 ] Und dann haben sie noch etwas gesagt. Wenn man den Menschen anschaut, haben sie gesagt, so stellt sich bei ihm ein großer Unterschied gegen die Natur dar. Wenn man einen Stein anschaut: was wirkt da drinnen? Der Vater. Wenn man die Pflanze anschaut: was wirkt da drinnen? Der Vatergott. Wenn man den Menschen als physischen Menschen anschaut: was wirkt da drinnen? Der Vatergott. Wenn man aber einen Menschen anschaut als seelischen Menschen, in seinem Willen: was wirkt drinnen? Der Gottsohn. Und wenn man auf die Zukunft der Menschheit rechnet, wie sie einmal werden soll, wenn wiederum alles im Willen gesund werden soll: da wirkt der Geistgott. Alle drei Götter, sagte man, wirken im Menschen. Es gibt drei Götter oder göttliche Gestalten; die sind aber eins, und die wirken im Menschen auch als eine Einheit.

[ 16 ] And then they said something else. When you look at a human being, they said, you see a great difference from nature. When you look at a stone: what is at work inside it? The Father. When you look at a plant: what is at work inside it? God the Father. When you look at a human being as a physical being: what is at work within? God the Father. But when you look at a human being as a spiritual being, in his will: what is at work within? God the Son. And when you consider the future of humanity, as it is to become, when everything is to be restored to health in the will: there God the Spirit is at work. All three Gods, they said, are at work within the human being. There are three Gods or divine figures; yet they are one, and they also work within human beings as a unity.

[ 17 ] Das war die ursprüngliche Überzeugung des Christentums. Und wenn man zurückgeht in die ersten Zeiten des Christentums, so haben die Menschen noch eine Überzeugung ausgesprochen. Sie haben gesagt: Nun, richtig, dieser heilende, dieser gesundmachende Geist, der muß auf zweierlei Weise wirken. Erstens muß er, weil die Natur krank werden kann, auf das Physische wirken, auf das, was vom Vatergott herkommt. Und weil der Wille auch gesund werden muß, muß er auf das, was vom Sohne herrührt, wirken. Sie sagten also: Dieser Heilige Geist muß wirken so, daß er vom Vater und vom Sohn zugleich ausgeht. - Das war die ursprüngliche Überzeugung des Christentums.

[ 17 ] That was the original belief of Christianity. And if we go back to the earliest days of Christianity, people expressed another belief as well. They said: “Well, that’s right—this healing, life-giving Spirit must work in two ways.” First, because nature can become ill, it must act upon the physical realm—that which comes from God the Father. And because the will must also be healed, it must act upon that which originates from the Son. So they said: This Holy Spirit must act in such a way that it proceeds from both the Father and the Son at the same time. —That was the original belief of Christianity.

[ 18 ] Nun, Mohammed hat eigentlich eine gewisse Angst bekommen. Er hat gesehen, wie das alte Heidentum, das viele Götter gehabt hat, entarten wird, schlecht werden wird, die Menschheit ruinieren wird. Nun hat er das Christentum aufkommen sehen und hat sich gesagt: Das hätte ja auch die Gefahr in sich, Vielgötterei zu treiben, nämlich drei Götter zu haben. - Er hat das nicht so durchschaut, daß das drei göttliche Gestalten sind. Daher ist er in Opposition getreten, hat das besonders betont: Es gibt nur einen einzigen Gott, und den verkündet euch der Mohammed. Alles übrige, was über die Götter gesagt wird, ist falsch.

[ 18 ] Well, Muhammad actually became somewhat afraid. He saw how the old paganism, which had many gods, would degenerate, become corrupt, and ruin humanity. Then he saw Christianity emerge and said to himself: That, too, carried the danger of falling into polytheism—namely, having three gods. —He did not fully grasp that these were three divine figures. Therefore, he took a stand against it and emphasized this point in particular: There is only one God, and it is Muhammad who proclaims Him to you. Everything else that is said about the gods is false.

[ 19 ] Diese Lehre wurde dann mit ungeheurem Fanatismus verbreitet. Nun, dadurch war im Islam, im Mohammedanismus, dieses Denken von den drei göttlichen Gestalten überhaupt nicht da. Man hat sich mehr darauf beschränkt, von dem einheitlichen Gott zu reden, den man dann eigentlich als den Vater von allem empfunden hat. Und deshalb hat auch der Islam immer mehr gedacht: Nun, wie der Stein keinen freien Willen hat, um so zu wachsen, wie er ist, wie die Pflanze keinen freien Willen hat, sondern gelbe oder rote Blüten von der Natur bekommt, so wächst auch alles beim Menschen von der Natur herauf. - Dadurch ist diese starre Schicksalsidee im Islam entstanden - Fatalismus nennt man das -, daß der Mensch sich eigentlich einem ganz unbedingten, starren Fatum fügen muß: Ist er glücklich, ist es vom Vatergott bestimmt; ist er unglücklich, ist es vom Vatergott bestimmt. Er muß sich nur hineinwerfen in dieses, wie man es nennt, Fatum.

[ 19 ] This doctrine was then spread with tremendous fanaticism. Well, as a result, this concept of the three divine figures was completely absent from Islam, from Mohammedanism. Instead, the focus was more on speaking of the one God, whom people actually perceived as the Father of all things. And that is why Islam came to believe more and more: Just as a stone has no free will to grow the way it does, and just as a plant has no free will but is given yellow or red flowers by nature, so too does everything in human life grow from nature. - This gave rise to the rigid concept of fate in Islam—known as fatalism—that humans must submit to an utterly unconditional, rigid fate: if they are happy, it is determined by God the Father; if they are unhappy, it is determined by God the Father. They must simply throw themselves into this so-called fate.

[ 20 ] Sehen Sie, meine Herren, das war die religiöse Seite des Mohammedanismus. Aber gerade dadurch, daß der Mohammed im Menschen alles auch so gesehen hat, wie es in der Natur ist, dadurch war er imstande, viel leichter die ganze alte Kunst und das ganze frühere Leben in sich aufzunehmen als das Christentum. Das Christentum hat ja hauptsächlich auf die Art und Weise gesehen, wie der menschliche Wille geheilt werden kann. Damit hat sich der Mohammedanismus nicht befaßt. Was soll man sich denn damit befassen? Ist das bestimmt, daß der Mensch schlecht wird, so ist es vom Vatergott bestimmt. Im Christentum hat man gesagt: Die alten Heiden, die haben hauptsächlich auf den Vatergott gesehen; da muß man dagegen den Sohnesgott setzen. - Mohammed, und namentlich seine späteren Anhänger, haben das nicht gesagt; die haben gesagt: Die alten Heiden haben, wenn sie auch viele Götter gehabt haben, doch auch das Naturhafte verehrt, in dem ja auch der eine Gott wirkt. - Daher hat sich in den Mohammedanismus hinein vieles von der alten Wissenschaft und Kunst fortgesetzt. Und es war schon so: Während zum Beispiel im 9. Jahrhunderte in Europa, im Frankenreich Karl der Große herrschte, der als einer der größten Herrscher des Mittelalters bekannt ist und überall in der Geschichte angeführt wird - er hat sich mit Mühe die Buchstaben angeeignet, er konnte noch nicht schreiben -, war dasjenige, was er in Kunst und Wissenschaft getan hat, eine Kleinigkeit gegen dasjenige, was in Asien drüben entstanden ist unter dem Herrscher - Harun al Raschid hat er geheißen -, der zur Zeit Karls des Großen im Islam, im Mohammedanismus wirkte. Da war viel Kunst und Wissenschaft, wie sie aus dem alten Heidentum geblieben ist. Und solche Kunst und Wissenschaft hat sich dann in Europa über den Süden nach Spanien herein verpflanzt.

[ 20 ] You see, gentlemen, that was the religious aspect of Islam. But precisely because Muhammad viewed everything in human nature exactly as it is in nature, he was able to assimilate all of the ancient art and the entire way of life of the past much more easily than Christianity did. Christianity, after all, focused primarily on the way in which the human will can be healed. Islam did not concern itself with that. Why should one concern oneself with it? If it is predestined that a person will become evil, then it is predestined by God the Father. In Christianity, it was said: The ancient pagans focused primarily on God the Father; therefore, one must set God the Son against him. - Muhammad, and especially his later followers, did not say this; they said: The ancient pagans, even though they had many gods, also worshipped the natural world, in which the one God is at work. - That is why much of the ancient science and art has been preserved within Islam. And it was indeed the case that, for example, in the 9th century in Europe, Charlemagne—who is known as one of the greatest rulers of the Middle Ages and is cited throughout history—reigned over the Frankish Empire; he struggled to learn the alphabet, he could not yet write—what he accomplished in art and science was a mere trifle compared to what emerged in Asia under the ruler—his name was Harun al-Rashid—who was active in Islam, in the Muslim faith, during the time of Charlemagne. There was a great deal of art and science there, as it had been preserved from ancient paganism. And such art and science then spread to Europe via the south, into Spain.

[ 21 ] Nun hat sich von Rom aus das Christentum ausgebreitet. Von Asien herüber, möchte ich sagen, ist das Christentum umgangen worden vom Mohammedanismus. Da waren ja auch starke Kämpfe zwischen dem Christentum und dem Mohammedanismus. Wirklich, der Mohammedanismus hat da etwas sehr Merkwürdiges gemacht. Sie wissen ja, wenn irgendwo eine Heeresmasse steht, so erreicht man in der Strategie manches, wenn man sie unbemerkt umgehen kann und sie dann von der andern Seite angreifen kann. Das hat eigentlich der Mohammedanismus mit dem Christentum gemacht; der hat das Christentum im Süden umgangen und har es dann von der linken Flanke aus angegriffen.

[ 21 ] Christianity spread from Rome. Coming from Asia, I would say, Christianity was bypassed by Islam. There were, after all, fierce battles between Christianity and Islam. Truly, Islam did something very remarkable there. As you know, when a large army is stationed somewhere, one can achieve a great deal in strategy by bypassing it unnoticed and then attacking it from the other side. That is essentially what Islam did to Christianity; it bypassed Christianity in the south and then attacked it from the left flank.

[ 22 ] Ja aber, meine Herren, wenn das nicht gekommen wäre, wenn sich bloß das Christentum ausgebreitet hätte, dann hätten wir heute noch keine Wissenschaft! Das religiöse Element des Mohammedanismus ist abgewehrt worden, das ist durch Kriege bekämpft worden. Aber das geistige Element, das sich nicht mit religiösen Streitigkeiten befaßte, sondern das die alte Wissenschaft fortgepflanzt hat, das ist mit dem Mohammedanismus nach Europa gekommen. Und das, was die Europäer da gelernt haben, das ist bis in die heutige Wissenschaft hineingeflossen. Daher haben wir heute in Europa eigentlich zweierlei in unserer Seele: Wir haben die Religion, die vom Christentum angeregt worden ist, und wir haben die Wissenschaft, die vom Mohammedanismus angeregt worden ist, wenn auch auf Umwegen. Und das Christentum konnte sich auch hier nur so entwickeln, daß der Mohammedanismus es wissenschaftlich beeinflußte.

[ 22 ] Yes, but, gentlemen, if that had not happened—if Christianity alone had spread—then we would still have no science today! The religious element of Islam was repelled; it was fought against through wars. But the intellectual element—which did not concern itself with religious disputes but rather carried on the ancient tradition of science—came to Europe along with Islam. And what the Europeans learned from that has flowed into modern science. That is why we actually have two things in our souls in Europe today: we have the religion inspired by Christianity, and we have the science inspired by Islam, albeit indirectly. And Christianity itself could only develop here in such a way that Islam influenced it scientifically.

[ 23 ] Dadurch aber ist gerade in diesem europäischen Westen eine um so größere Begierde entstanden, das Christentum immer mehr zu verteidigen. Wo der Kultus herrscht, da braucht man die Religion weniger zu verteidigen; da übt der Kultus einen großen Einfluß auf den Menschen aus. Hier war dann von Rom ausgehend der Kultus weniger herrschend, obwohl er bewahrt worden ist; die Lehre wurde herrschend. Aber die mußte man jetzt gegen den anstürmenden Mohammedanismus fortwährend verteidigen. Eigentlich ist das ganze Mittelalter verflossen unter diesen Kämpfen, die vom Mohammedanismus aus geblieben waren, diese Kämpfe, die zuerst kriegerische Kämpfe waren, später geistige Kämpfe geworden sind. In der zweiten Hälfte des Mittelalters hat sich allmählich dasjenige, was man europäische Kultur oder Zivilisation nennt, entwickelt. Was ist denn da allmählich geworden?

[ 23 ] This, however, has given rise—especially in this part of Western Europe—to an even greater desire to defend Christianity more and more. Where worship prevails, there is less need to defend religion; there, worship exerts a great influence on people. Here, starting from Rome, cult practices were less dominant—although they were preserved—and doctrine became dominant. But this doctrine now had to be continually defended against the onslaught of Islam. In fact, the entire Middle Ages passed amid these struggles stemming from Islam—struggles that began as military conflicts and later became spiritual ones. In the second half of the Middle Ages, what is called European culture or civilization gradually developed. What, then, gradually came into being?

[ 24 ] Drüben im Osten bis nach Rußland herein, ja bis nach Griechenland, da konnte das Christentum gar nicht anders, als im Kultus den alten Überlieferungen treu bleiben. Aber was heißt denn das? Das heißt ja, äußere Handlungen vollziehen, wenn sie auch nur einen sinnbildlichen Charakter haben. Da muß man sich nach der Natur richten. Da ist man viel mehr geneigt, den Vatergott zu betonen als den Sohnesgott. Und so wie bei Mohammed verstandesmäßig dieses Schicksalsprinzip aufgetaucht ist, daß man sich streng unterwerfen muß dem, was der Vatergott bestimmt, so ist dieser Vatergott auch im östlichen Christentum mehr zur Geltung gekommen, dem Sinne nach mehr zur Geltung gekommen als der Sohnesgott. Nur hat da eine merkwürdige Umschichtung des Denkens stattgefunden: An dem Christus haben diese Leute im Osten schon stark festgehalten, aber sie haben die Eigenschaften des Vatergottes auf den Christus übertragen. Man hat die Geschichte hier etwas vernebelt, hat nicht so viel vom Sohnesgott gesprochen, sondern man wurde Christ, erkannte Christus als seinen Gott an, aber man sah ihn mit den Eigenschaften des Vatergottes. So daß eigentlich für diese östliche Religion die Ansicht entstanden ist: Christus, unser Vater. Und das lebt eigentlich in dieser ganzen östlichen Religion drinnen: Christus, unser Vater.

[ 24 ] Over in the East, all the way into Russia—and even as far as Greece—Christianity had no choice but to remain faithful to the ancient traditions in its worship. But what does that mean? It means performing external acts, even if they are only symbolic in nature. One must follow nature in this regard. There, people are much more inclined to emphasize God the Father than God the Son. And just as with Muhammad, where this principle of fate emerged intellectually—that one must strictly submit to what God the Father determines—so too has God the Father come to the fore in Eastern Christianity, coming to the fore in spirit more than God the Son. However, a curious shift in thinking has taken place there: these people in the East have held fast to Christ, but they have transferred the attributes of God the Father onto Christ. The story has been somewhat obscured here; people did not speak much of the God the Son, but rather became Christians, recognized Christ as their God, yet viewed him with the attributes of the Father God. As a result, the view “Christ, our Father” actually emerged within this Eastern religion. And this idea is actually alive throughout the entire Eastern religion: Christ, our Father.

[ 25 ] Und wenn man jetzt nach Europa herüberkommt, da entstand eben, weil man sich gegen den Mohammedanismus, gegen die bloße Einheitsgottheit, die keine drei Gestalten hat, wehren wollte, eine durchdringende Auffassung von den drei göttlichen Personen.

[ 25 ] And when we turn our attention to Europe, a profound understanding of the three divine persons arose precisely because people wanted to defend themselves against Islam—against the belief in a single God who has no three forms.

[ 26 ] Nun, sehen Sie, meine Herren, Sie werden ja wissen, streiten kann man eine Zeitlang; die Leute können sich zusammensetzen und streiten und streiten und streiten; der eine sagt dem andern das, der andere sagt dem einen jenes! Nun, streiten werden sie. Aber was kommt denn gewöhnlich dabei heraus? Sie trennen sich zuletzt, gehen auseinander! Das Ende der Streitigkeiten ist, daß man sich veruneinigt, daß man auseinandergeht. Die Verständigung findet ja in den wenigsten Fällen statt, insbesondere dann nicht, wenn die Streitigkeiten großen Umfang annehmen. Sie wissen ja, zuerst gab es eine sozialistische Partei; die hat viel gestritten. Da gab es einen linken und einen rechten Flügel. Aber nachher sind die Flügel eigene Parteileitungen geworden. Und so war es auch mit der Ausbreitung des Christentums. Es hat sich ausgebreitet. In Asien drüben, also im Osten, hat man mehr gegeben auf den Vatergott, durchaus aber den Christus festgehalten; in Europa hat man mehr unterschieden zwischen dem Vater und dem Sohn. Da hat man diskutiert darüber, sich gestritten so bis ins 9., 10. Jahrhundert. Dann ist die große Kirchenspaltung eingetreten. Die östliche Kirche, die man heute die orthodoxe nennt, weil sie an ursprünglichen, alten Dingen festgehalten hat, und die westliche Kirche, die römisch-katholische Kirche, die haben sich voneinander getrennt. Da trat also zuerst dieser große Unterschied auf zwischen der östlichen Kirche, dem östlichen Christentum und dem westlichen Christentum.

[ 26 ] Well, you see, gentlemen, as you surely know, people can argue for a while; they can sit down together and argue and argue and argue; one says this to the other, the other says that to the one! Well, they’ll argue. But what usually comes of it? They end up parting ways, going their separate ways! The end result of these disputes is that people fall out and go their separate ways. Reconciliation takes place in very few cases, especially not when the disputes become widespread. You know, at first there was a socialist party; it argued a great deal. There was a left wing and a right wing. But later, the wings became separate party leaderships. And so it was with the spread of Christianity. It spread. Over in Asia—that is, in the East—people placed greater emphasis on God the Father, though they certainly held fast to Christ; in Europe, people distinguished more clearly between the Father and the Son. There, they debated and argued about this all the way into the 9th and 10th centuries. Then the Great Schism occurred. The Eastern Church—which is called the Orthodox Church today because it held fast to the original, ancient traditions—and the Western Church, the Roman Catholic Church, separated from one another. Thus, this major difference first arose between the Eastern Church, Eastern Christianity, and Western Christianity.

[ 27 ] Das ging eine Zeitlang fort. Man lebte sich ein im 11., 12., 13. Jahrhundert in dieses Östliche und in dieses Westliche. Ja, da kam aber ein Ereignis hinein, das die ganze Sache, ich möchte sagen, in gewisser Beziehung durcheinanderbrachte. Und das waren eben die Kreuzzüge.

[ 27 ] This went on for a while. People settled into this Eastern and this Western way of life during the 11th, 12th, and 13th centuries. Yes, but then an event occurred that, I would say, threw the whole thing into disarray in a certain sense. And that was precisely the Crusades.

[ 28 ] Diejenigen, unter denen Mohammed ursprünglich gewirkt hat, die zuerst den Islam angenommen haben, das waren die Araber. Diese Araber, die haben eine ausgesprochene Naturreligion gehabt. Die taugten also eigentlich so recht klar zum Verstehen des «Vaters», zur Anerkennung der Vatergottheit. Und daher entwickelte sich auch in den ersten Zeiten des Mohammedanismus diese Anschauung von dem durch alle Natur und auch durch die menschliche Natur wirkenden Vatergott.

[ 28 ] Those among whom Muhammad originally ministered—those who first embraced Islam—were the Arabs. These Arabs practiced a distinct form of natural religion. They were therefore actually quite well-suited to understanding the “Father” and to recognizing the Father as God. And thus, even in the early days of Islam, this conception of the Father God—who works through all of nature and also through human nature—developed.

[ 29 ] Aber dann kamen aus den weiten Gegenden Asiens herüber andere Völkerschaften, deren Nachkommen heute die Türken sind. Mongolische, tatarische Völkerschaften kamen. Die wirkten in Kriegen gegen die arabischen Leute. Und das Eigentümliche dieser mongolischen Bevölkerung, deren Nachkommen dann die Türken sind, ist das, daß diese eigentlich gar keinen Naturgott gehabt haben. Die hatten dasjenige, was der Mensch in ältesten Zeiten hatte: keinen Blick für die Natur, den die Griechen dann so stark haben. Das haben sie sich bewahrt. Die Türken brachten sich aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen keinen Sinn für die Natur mit, aber einen ungeheuren Sinn für einen geistigen Gott, für einen Gott, den man nur in Gedanken fassen kann, den man gar nirgends anschauen kann. Und diese besondere Art, den Gott anzuschauen, die ging jetzt auf den Islam, auf den Mohammedanismus über. Die Türken nahmen die mohammedanische Religion von den Besiegten an, aber sie veränderten sie nach ihrer Gesinnung. Und während die mohammedanische Religion eigentlich viel von der alten Zeit, von Kunst und Wissenschaft, angenommen hat, schmissen die Türken eigentlich alles hinaus, was Kunst und Wissenschaft war, und wurden eigentlich kunst- und wissenschaftsfeind. Und sie waren der Schrecken der westlichen Bevölkerung, der Schrecken für alle diejenigen, die das Christentum angenommen hatten.

[ 29 ] But then other peoples came from the vast regions of Asia, whose descendants are the Turks of today. Mongol and Tatar peoples arrived. They fought in wars against the Arab peoples. And the peculiar thing about this Mongolian population—whose descendants are the Turks—is that they actually had no god of nature at all. They had what humans had in the earliest times: no appreciation for nature, which the Greeks later developed so strongly. They preserved that. The Turks did not bring with them from their original homelands a sense of nature, but rather an immense sense of a spiritual God—a God whom one can grasp only in thought, whom one cannot see anywhere at all. And this particular way of perceiving God was now transferred to Islam, to Mohammedanism. The Turks adopted the Muslim religion from the vanquished, but they reshaped it according to their own mindset. And while the Muslim religion actually incorporated much from antiquity—from art and science—the Turks effectively discarded everything related to art and science and became hostile to both. And they were the terror of the Western population, the terror of all those who had embraced Christianity.

[ 30 ] Sehen Sie, den Christen war die Gegend, in der das Christentum entstanden ist, Palästina mit Jerusalem, eine besonders heilige Gegend. Da pilgerten viele hin aus allen westlichen Gegenden, mit großen Opfern. Es gab viele Leute, die sehr arm waren, die sich furchtbar zusammenlegen mußten dasjenige, was sie brauchten, um eine Reise nach Palästina zu machen zum sogenannten Heiligen Grab. Ja, die machten aber diese Reise! Und erst als die Türken kamen, wurde diese Reise gefährlich, denn die Türken breiteten ihre Herrschaft auch über Palästina aus, und sie mißhandelten die christlichen Pilger, die da hinkamen. Und die Europäer wollten Palästina frei haben, damit man dort hinkommen könne. Sie wollten eine eigene europäische Herrschaft in Palästina aufrichten. Deshalb unternahmen sie diese großen Kriegszüge, die als die Kreuzzüge bekanntgeworden sind, die ihr Ziel ja nicht erreicht haben, die aber eigentlich den Krieg, den Kampf ausdrücken zwischen dem westlichen Christentum, auch zwischen dem östlichen Christentum und dem türkisch gewordenen Mohammedanismus. Das Christentum sollte gegen den türkisch gewordenen Mohammedanismus gerettet werden.

[ 30 ] You see, for Christians, the region where Christianity originated—Palestine, including Jerusalem—was a particularly holy place. Many people made pilgrimages there from all over the West, making great sacrifices. There were many people who were very poor and who had to scrimp and save terribly to gather what they needed to make a journey to Palestine, to the so-called Holy Sepulcher. Yes, but they made that journey! And it was only when the Turks arrived that this journey became dangerous, for the Turks extended their rule over Palestine as well, and they mistreated the Christian pilgrims who came there. And the Europeans wanted Palestine to be free so that people could travel there. They wanted to establish their own European rule in Palestine. That is why they undertook these great military campaigns, which became known as the Crusades—campaigns that did not achieve their goal, but which actually embodied the war, the struggle between Western Christianity, as well as between Eastern Christianity and Islam, which had become Turkish in character. Christianity was to be saved from Islam, which had become Turkish in character.

[ 31 ] Nun, da sind viele Leute zunächst als Krieger hinübergezogen nach Asien. Was hat man da gesehen? Die Kreuzzüge haben im 12. Jahrhundert begonnen, haben durch mehrere Jahrhunderte gedauert, fallen also gerade in die Mitte des Mittelalters hinein. Was haben diejenigen, die da als Kreuzfahrer, Kreuzkrieger nach Asien gezogen sind, zuerst gesehen? Zuerst haben sie gesehen, wie die Türken furchtbare Feinde sind. In den Türken standen sie also furchtbaren Feinden gegenüber. Aber wenn der eine oder andere der Kreuzfahrer sich ein bißchen umgesehen hatte in kampffreien Tagen, da konnte er merkwürdige Erlebnisse haben. Da hat er zum Beispiel irgendeinen alten Mann treffen können, der sich irgendwo in eine ärmliche Stube zurückgezogen hatte, der sich nicht kümmerte da um Türken, Christen und Araber, der aber mit einer merkwürdigen Treue dasjenige weiter fortgebildet hatte, was im alten Heidentum als Kultur, als Wissenschaft, als religiöse Wissenschaft gelebt hat. Die Türken haben sich darum nicht gekümmert. Das alles war eigentlich von der offiziellen Kultur ausgerottet; aber es gab solche Menschen, viele solche Menschen. Und da haben die Europäer vieles von alter Weisheit kennengelernt, vieles von dem, was im Christentum nicht mehr vorhanden war. Das haben sie sich mitgebracht, als sie wieder zurückgezogen sind nach Europa.

[ 31 ] Well, many people initially set out for Asia as warriors. What did they see there? The Crusades began in the 12th century, lasted for several centuries, and thus fall right in the middle of the Middle Ages. What did those who set out for Asia as crusaders, as warriors of the Cross, see first? First, they saw that the Turks were terrible enemies. In the Turks, they thus faced terrible enemies. But if one or another of the crusaders had looked around a bit on days when there was no fighting, he might have had some remarkable experiences. For example, he might have met some old man who had withdrawn to a humble room somewhere, who paid no heed to Turks, Christians, or Arabs, but who, with remarkable fidelity, had carried on and developed what had been lived as culture, as science, and as religious science in the old pagan era. The Turks paid no attention to this. All of this had, in fact, been eradicated by official culture; but there were such people—many such people. And there the Europeans came to know much of the ancient wisdom, much of what was no longer present in Christianity. They brought this back with them when they returned to Europe.

[ 32 ] Jetzt denken Sie sich, meine Herren, was da war. Schon in früheren Zeiten sind die Araber über Italien, Spanien herübergezogen, haben diese Kunst und diese wissenschaftliche Denkungsweise herübergebracht. Die hat sich ausgebreitet, die ist unsere Wissenschaft geworden. Jetzt brachte man die morgenländische uralte Wissenschaft herüber, und es hat sich miteinander vermischt. Und dadurch ist in Europa etwas ganz Besonderes entstanden.

[ 32 ] Now, gentlemen, just imagine what was there. Even in earlier times, the Arabs migrated through Italy and Spain, bringing this art and this scientific way of thinking with them. It spread and became our science. Then this ancient Eastern science was brought over, and the two blended together. And as a result, something truly special emerged in Europe.

[ 33 ] Sehen Sie, die römische Kirche, die hat den Kultus angenommen, obwohl sie ihn weniger gepflegt hat als die östliche Kirche; sie hat den Kultus angenommen, aber sie ging auch sehr stark auf die Lehre aus. Aber diese Lehre, dieser Unterricht, dieser religiöse Unterricht, der hing in der alten Kirche an der Person. Bis in die Kreuzzugszeit hinein hing er an der Person. Dasjenige, was von der Kanzel herunter verkündet worden ist, was die Konzilien, die abgehalten worden sind, gutgeheißen haben, das wurde gelehrt. Und daneben gab es auch noch das sogenannte Neue Testament, die Bibel. Aber die Bibel zu lesen war eigentlich den Menschen, die nicht Priester waren, verboten, und man hielt dieses Verbot streng inne. Es war eigentlich etwas Furchtbares, wenn in diesen alten Zeiten vor den Kreuzzügen jemand die Bibel lesen wollte, das Neue Testament. Das gestattete man nicht. Und dadurch hatte man eigentlich nur das, was die Priesterschaft lehrte. Die Bibel hatte man ja als Laie, als Gläubiger nicht in der Hand.

[ 33 ] You see, the Roman Church adopted this form of worship, although it practiced it less than the Eastern Church; it adopted the worship, but it also placed a very strong emphasis on doctrine. But this doctrine, this teaching—this religious instruction—was tied to the person in the early Church. It remained tied to the individual right up until the time of the Crusades. What was proclaimed from the pulpit, what the councils that were held had approved—that was what was taught. And alongside that, there was also the so-called New Testament, the Bible. But reading the Bible was actually forbidden to people who were not priests, and this prohibition was strictly enforced. It was actually a terrible thing in those early days before the Crusades if someone wanted to read the Bible—the New Testament. That was not permitted. And as a result, people really had only what the priesthood taught. As a layperson, as a believer, one did not have the Bible in one’s hands.

[ 34 ] Nun aber war etwas entstanden - dadurch, daß die Araber die Wissenschaft gebracht hatten, daß man die alte morgenländische Weisheit kennengelernt hatte -, von dem sehr viele das Gefühl bekamen: Das wissen die Priester ja gar nicht, die da lehren! Es gibt viel mehr Weisheit, als die da lehren. - Und daraus entstand dann die Absicht: Nun wollen wir einmal nachschauen, woraus die ihre Weisheit haben. - Und da entstand die Tendenz, die Absicht, die Bibel auch wirklich zu lesen, das Neue Testament kennenzulernen. Und daraus entstand die dritte Form des Christentums: das evangelische Christentum, das dann in Luther einen besonderen Vertreter gefunden hat, das sich aber eigentlich schon früher seiner Absicht nach herausgebildet hat.

[ 34 ] But now something had come about—as a result of the Arabs bringing science and people becoming acquainted with ancient Eastern wisdom—that led many to feel: “The priests who are teaching there don’t know this at all! There is much more wisdom than what they are teaching.” - And from this arose the intention: “Now let’s take a look at where they get their wisdom from.” - And so there arose a tendency, an intention, to actually read the Bible and become acquainted with the New Testament. And from this arose the third form of Christianity: Protestant Christianity, which then found a particular representative in Luther, but which had actually already taken shape earlier in terms of its intent.

[ 35 ] Nehmen Sie nur zum Beispiel diese Gegenden der heutigen Tschechoslowakei, Böhmen, Bayern, nehmen Sie diese Gegenden hier am Rhein, von Holland nach Deutschland herein - ich könnte auch noch viele andere Gegenden nennen -, da bildeten sich überall Brüderschaften. Hier bildete sich die «Brüderschaft des gemeinsamen Lebens» von Holland am Rhein herein. Hier (auf die Zeichnung weisend) bildeten sich die Brüderschaften, die man die «Mährischen Brüder» nannte. Was wollten diese Brüderschaften? Diese Brüderschaften sagten: Ja, von Rom aus ist eigentlich nicht das wirkliche Christentum verbreitet worden, sondern es liegt das Christentum so, daß man es eigentlich erst kennenlernen muß, durch das innere Leben kennenlernen muß. - Und zunächst war diese Absicht, das Christentum ursprünglich kennenzulernen, eigentlich etwas, was innerlich erstrebt wird. Erst später hat man gesagt: Man muß das Evangelium kennenlernen. - Aber beides geht aus demselben hervor.

[ 35 ] Take, for example, these regions of present-day Czechoslovakia, Bohemia, and Bavaria; take these regions here along the Rhine, stretching from Holland into Germany—I could also name many other regions—brotherhoods formed everywhere. Here, the “Brotherhood of Common Life” formed, extending from the Netherlands into the Rhine region. Here (pointing to the drawing), the brotherhoods known as the “Moravian Brethren” were formed. What did these brotherhoods seek? These brotherhoods said: Yes, true Christianity was not actually spread from Rome; rather, Christianity is such that one must first come to know it—through inner life. —And initially, this intention to come to know Christianity in its original form was actually something sought after inwardly. Only later did people say: One must come to know the Gospel. - But both stem from the same source.

[ 36 ] Sehen Sie, das ist der große Unterschied zwischen Hus, der in der heutigen Tschechoslowakei gewirkt hat, und Luther. Hus hat noch weniger auf das Evangelium gesehen, als darauf gesehen, daß der Mensch innerlich das Christentum erlebt. Später hat sich das mehr veräußerlicht in das Kennenlernen des Evangeliums.

[ 36 ] You see, that is the major difference between Hus, who was active in what is now Czechoslovakia, and Luther. Hus focused even less on the Gospel than on the idea that a person experiences Christianity inwardly. Later, this focus shifted more toward an outward understanding of the Gospel.

[ 37 ] Aber das Evangelium, das Neue Testament, das ist ja geschrieben unter ganz andern Verhältnissen. Da war eine bildliche Ausdrucksweise; und diese bildliche Ausdrucksweise, die hat man später gar nicht mehr verstanden. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen.

[ 37 ] But the Gospel, the New Testament—that was written under completely different circumstances. It used figurative language; and later on, people no longer understood that figurative language at all. Let me give you an example.

[ 38 ] An einer Stelle des Evangeliums wird erzählt, wie Christus Kranke heilte. Nun waren in dieser Zeit, als Christus die Kranken heilte, viel mehr diejenigen Krankheiten verbreitet in den Gegenden, wo er lehrte, die man heute die nervösen, die Nervenkrankheiten nennt, als diejenigen Krankheiten, die in den eigentlichen Organen sitzen. Nun, die Nervenkrankheiten kann man vielfach durch Zuspruch, durch Liebe und so weiter von Mensch zu Mensch heilen. Die meisten Krankenheilungen, von denen da die Rede ist, gehen auf solche Heilung zurück. Aber dann steht an einer Stelle: «Als die Sonne untergegangen war, versammelte der Christus die Leute um sich und heilte sie.» Diese Stelle, wenn Sie sie heute im Evangelium lesen, kommt den Menschen so vor, als wenn sie bedeutungslos wäre, als wenn man eigentlich nur die Uhrzeitangabe machen wollte. Aber warum wird denn gerade an der Stelle die Zeitangabe gemacht? Weil man sagen will: Diese Kräfte, die da der Mensch entwickelt, wenn er den andern heilen will, die sind stärker, wenn die Sonne nicht am Himmel steht, wenn sie durch die Erde durchkommt mit ihren Strahlen, als wenn die Sonne am Himmel steht. - Das ist eine ganz bedeutungsvolle Stelle, die da steht: «Als die Sonne untergegangen war, versammelte der Christus die Leute um sich und heilte sie.» Die wird gar nicht mehr beachtet. Dadurch wollte man eben andeuten, wie der Christus die den Menschen eigenen Naturkräfte verwendet zur Heilung. Und so übersetzte man eigentlich das Evangelium erst in einer Zeit, wo man es nicht mehr verstehen konnte. Im Grunde genommen wird das Evangelium sehr, sehr wenig wirklich verstanden.

[ 38 ] One passage in the Gospel recounts how Christ healed the sick. Now, at the time when Christ was healing the sick, the illnesses prevalent in the regions where he taught—what we today call nervous disorders—were far more common than those affecting the actual organs. Now, nervous disorders can often be healed through encouragement, love, and so on, from person to person. Most of the healings mentioned there can be attributed to this kind of healing. But then it says in one passage: “When the sun had set, Christ gathered the people around him and healed them.” When you read this passage in the Gospel today, it seems to people as if it were meaningless, as if the intention were merely to state the time. But why is the time specified at this particular point? Because the intention is to say: The powers that a person develops when seeking to heal others are stronger when the sun is not in the sky—when its rays pass through the earth—than when the sun is in the sky. —This is a very significant passage: “When the sun had set, the Christ gathered the people around him and healed them.” People don’t pay any attention to that anymore. The intention was precisely to suggest how Christ uses the natural forces inherent in human beings for healing. And so, in fact, the Gospel was only translated at a time when people could no longer understand it. Basically, the Gospel is understood very, very little.

[ 39 ] Nun, eigentlich ging es auf allen diesen Gebieten so, sowohl im morgenländischen Christentum wie im abendländischen westlichen und im evangelischen Christentum, wie es in manchen andern Fällen gegangen ist, die ich auseinandersetzen mußte, wo etwas, was man ursprünglich gut verstanden hat, später zwar beibehalten, aber nicht mehr verstanden worden ist. Das Christentum wurde eben in allen drei Formen nicht mehr richtig verstanden. Ich möchte sagen, jede von diesen drei Formen hat eines hauptsächlich genommen: Das morgenländische Christentum hat den Vatergott genommen, wenn man ihn auch Christus nennt. Die römisch-katholische abendländische Religion hat den Sohnesgott genommen, sieht zum Vater nur als dem alten Manne mit wallendem Bart hinauf, der noch gemalt wird, aber vom Vatergott wird da wenig gesprochen. Und das evangelische Christentum hat den Geistgott. Im evangelischen Christentum hat man ja insbesondere diskutiert: Wie kommt man von der Sünde los? Wie wird der Mensch geheilt von der Sünde? Wie wird der Mensch gerechtfertigt vor Gott und so weiter? So ist eigentlich, während das Christentum ursprünglich die eine Gottheit in drei Gestalten hat, das Christentum auseinandergefallen in drei Bekenntnisse. Jedes Bekenntnis hat ein Stück, ein richtiges Stück vom Christentum.

[ 39 ] Well, actually, this was the case in all these areas—in Eastern Christianity as well as in Western and Protestant Christianity—just as it has been in some other instances that I have had to examine, where something that was originally well understood was later retained but no longer understood. Christianity, in all three of its forms, was simply no longer properly understood. I would say that each of these three forms focused primarily on one aspect: Eastern Christianity focused on God the Father, even though He is also called Christ. The Roman Catholic Western religion has taken the God-Son; it looks up to the Father only as the old man with a flowing beard who is still depicted in paintings, but little is said there about the God-Father. And Protestant Christianity has the God-Spirit. In Protestant Christianity, there has been a particular focus on the question: How does one be freed from sin? How is a person healed of sin? How is a person justified before God, and so on? So, while Christianity originally had the one Godhead in three forms, Christianity has actually fragmented into three creeds. Each creed has a piece—a genuine piece—of Christianity.

[ 40 ] Durch eine bloße Vereinigung der drei Stücke wird es aber nicht gehen, daß man das ursprüngliche Christentum wiederfindet. Man muß es aus der richtigen Menschenkraft heraus selber wiederfinden, wie ich schon angefangen habe zu zeigen in der Darstellung, die ich neulich gegeben habe. Aber ich wollte Ihnen auch das noch zeigen, damit Sie sehen, wie schwer es heute ist, auf das ursprüngliche Christentum zu kommen. Denn, fragen Sie beim orientalisch-östlichen Christentum: Welches ist das wahre Christentum ? - Ja, da sagt man Ihnen alles dasjenige, was sich auf den Vater bezieht, und nennt dann den Vater Christus. - Fragen Sie bei der römisch-katholischen Kirche um das Wesen des Christentums, so sagt man Ihnen alles dasjenige, was sich auf die Sündhaftigkeit des Menschen, die Schlechtigkeit der menschlichen Natur bezieht, daß der Mensch erlöst werden muß von seinen Leiden und so weiter. Man sagt Ihnen alles das, was sich auf den Sohn bezieht, auf den Christus. - Fragen Sie bei dem evangelischen Christentum, was das Wesen des Christentums ist, dann sagt man Ihnen: Alles kommt auf das Prinzip des Gesundens des Willens an, der Heilung, der Genesung des Willens, der Rechtfertigung vor Gott. - Man redet dann vom Heiligen Geist und nennt ihn Christus.

[ 40 ] However, simply combining these three elements will not be enough to rediscover original Christianity. One must rediscover it for oneself through genuine human effort, as I have already begun to show in the presentation I gave recently. But I also wanted to show you this so that you can see how difficult it is today to arrive at original Christianity. For if you ask about Eastern Christianity: “Which is the true Christianity?”—well, they will tell you everything that relates to the Father, and then call the Father “Christ.” - If you ask the Roman Catholic Church about the essence of Christianity, they’ll tell you everything that relates to human sinfulness and the wickedness of human nature—that human beings must be redeemed from their sufferings, and so on. They’ll tell you everything that relates to the Son, to Christ. - If you ask Protestant Christianity what the essence of Christianity is, they’ll tell you: It all comes down to the principle of the will’s restoration—the healing and recovery of the will, and justification before God. - They’ll then speak of the Holy Spirit and call Him Christ.

[ 41 ] Und dadurch ist das alles gekommen, was wir heute haben; nicht daß die Leute nun etwa gedacht hätten: Nun müssen wir die drei verschiedenen Seiten des Christentums vereinigen -, sondern sie haben gesagt: Da versteht man ja gar nichts mehr! - Und dadurch ist eben die Stimmung der Gegenwart gekommen und die Notwendigkeit, das Christentum wieder zu finden.

[ 41 ] And that is how everything we have today came about; not that people thought, “Now we must unite the three different aspects of Christianity”—but rather they said, “We don’t understand anything anymore!”—And that is precisely how the current mood came about, along with the need to rediscover Christianity.

[ 42 ] Und in dieser Weise möchte ich Ihnen dann am nächsten Samstag vom Mysterium von Golgatha reden. Da will ich dann sehen, daß ich mit dieser Fragenbeantwortung zu Ende komme.

[ 42 ] And so, next Saturday, I would like to speak to you about the Mystery of Golgotha. I will try to wrap up my answers to these questions by then.