Introductions to Goethe's Scientific Writings
GA 1
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Introductions to Goethe's Scientific Writings, tr. SOL
7. Über die Anordnung der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes
7. On the Organization of Goethe’s Scientific Writings
[ 1 ] Bei der Herausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, die ich zu besorgen hatte, leitete mich der Gedanke: das Studium der Einzelheiten derselben durch die Darlegung der großartigen Ideenwelt zu beleben, die ihnen zugrunde liegt. Es ist meine Überzeugung, daß jede einzelne Behauptung Goethes einen völlig neuen und zwar den richtigen Sinn erhält, wenn man an sie mit dem vollen Verständnis für seine tiefe und umfassende Weltanschauung herantritt. Es ist ja nicht zu leugnen: Manche der Aufstellungen Goethes in naturwissenschaftlicher Beziehung erscheint ganz bedeutungslos, wenn man sie vom Standpunkte der mittlerweile so fortgeschrittenen Wissenschaft ansieht. Das kommt aber gar nicht weiter in Betracht. Es handelt sich darum: was sie innerhalb der Weltansicht Goethes zu bedeuten hat. Auf der geistigen Höhe, auf der der Dichter steht, ist auch das wissenschaftliche Bedürfnis ein gesteigertes. Ohne wissenschaftliches Bedürfnis gibt es aber keine Wissenschaft. Was für Fragen stellte Goethe an die Natur? Das ist das Wichtige. Ob und wie er sie beantwortet hat, das kommt erst in zweiter Linie in Betracht. Haben wir heute zulänglichere Mittel, eine reichere Erfahrung: nun wohl, dann wird es uns gelingen, ausreichendere Lösungen der von ihm gestellten Probleme zu finden. Daß wir aber nicht mehr vermögen als eben dies: die von ihm vorgezeichneten Bahnen mit unseren größeren Mitteln zu wandeln, das sollen meine Darstellungen zeigen. Was wir von ihm lernen sollen, ist also vor allem das, wie man an die Natur Fragen zu stellen hat.
[ 1 ] In editing Goethe’s scientific writings, a task I was entrusted with, I was guided by the idea of bringing the study of their details to life by presenting the magnificent world of ideas that underlies them. It is my conviction that every single one of Goethe’s assertions takes on a completely new—and indeed the correct meaning—when approached with a full understanding of his profound and comprehensive worldview. After all, it cannot be denied: Some of Goethe’s statements in the natural sciences seem quite meaningless when viewed from the standpoint of science, which has since advanced so far. But that is of no consequence. The point is: what they signify within Goethe’s worldview. At the intellectual height on which the poet stands, the need for science is also heightened. But without a scientific need, there is no science. What kinds of questions did Goethe pose to nature? That is what matters. Whether and how he answered them is only of secondary importance. If we have more adequate means and richer experience today—well then, we will succeed in finding more satisfactory solutions to the problems he posed. But my arguments are intended to show that we are capable of nothing more than this: to follow the paths he laid out using our greater resources. What we should learn from him, therefore, is above all how to ask questions of nature.
[ 2 ] Man übersieht die Hauptsache, wenn man Goethe nichts anderes zugesteht, als daß er manche Beobachtung aufzuweisen habe, die von der späteren Forschung wieder gefunden, heute einen wichtigen Bestandteil unserer Weltanschauung bildet. Bei ihm kommt es gar nicht auf das überlieferte Ergebnis an, sondern auf die Art, wie er dazu gelangt. Treffend sagt er selbst: «Es ist mit Meinungen, die man wagt, wie mit Steinen, die man voran im Brette bewegt; sie können geschlagen werden, aber sie haben ein Spiel eingeleitet, das gewonnen wird.» [«Sprüche in Prosa»; Natw. Schr., 4. Bd., 2. Abt., S. 362.] Er kam zu einer durchaus naturgemäßen Methode. Er suchte diese Methode mit jenen Hilfsmitteln, die ihm zu Gebote standen, in die Wissenschaft einzuführen. Es mag nun sein, daß die hierdurch gewonnenen Einzelergebnisse durch die fortschreitende Wissenschaft umgewandelt worden sind; aber der wissenschaftliche Prozeß, der damit eingeleitet wurde, ist ein dauernder Gewinn der Wissenschaft.
[ 2 ] One overlooks the main point if one grants Goethe nothing more than that he made certain observations which were later confirmed by research and now form an important part of our worldview. For him, it is not the established conclusion that matters at all, but rather the way in which he arrives at it. He himself aptly says: “Opinions that one dares to voice are like stones moved forward on a board; they may be struck, but they have initiated a game that will be won.” [“Sayings in Prose”; Natw. Schr., Vol. 4, Part 2, p. 362.] He arrived at a method that was entirely in keeping with nature. He sought to introduce this method into science using the tools at his disposal. It may well be that the individual results obtained in this way have been modified by advancing science; but the scientific process that was thereby initiated is a lasting gain for science.
[ 3 ] Diese Gesichtspunkte konnten nicht ohne Einfluß auf die Anordnung des herauszugebenden Stoffes bleiben. Man kann mit einigem Schein von Recht fragen, warum ich, da ich schon einmal von der bisher üblichen Einteilung der Schriften abgegangen bin, nicht gleich jenen Weg betreten habe, der sich vor allem zu empfehlen scheint: die allgemein-naturwissenschaftlichen Schriften im 1. Bande, die organischen, mineralogischen und meteorologischen im 2. und die physikalischen Schriften im 3. Bande zu bringen. Es enthielte dann der 1. Band die allgemeinen Gesichtspunkte, die folgenden die besonderen Ausführungen der Grundgedanken. So verlockend das nun auch ist: es hätte mir nie einfallen können, diese Anordnung zu treffen. Ich hätte damit - um auf das Gleichnis Goethes noch einmal zurückzukommen - nicht erreichen können, was ich wollte: an den Steinen, die voran im Brette gewagt, den Plan des Spieles erkenntlich zu machen.
[ 3 ] These considerations could not help but influence the organization of the material to be published. One might reasonably ask why, since I have already departed from the customary classification of the writings, I did not immediately adopt the approach that seems most advisable: placing the general scientific writings in Volume 1, the organic, mineralogical, and meteorological writings in Volume 2, and the physical writings in Volume 3. Volume 1 would then contain the general perspectives, and the subsequent volumes the specific elaborations of the fundamental ideas. As tempting as that may be, it would never have occurred to me to adopt this arrangement. I would not have been able—to return once more to Goethe’s analogy—to achieve what I wanted: to make the plan of the game recognizable through the pieces that are boldly placed at the front of the board.
[ 4 ] Nichts lag Goethe ferner, als in bewußter Weise von allgemeinen Begriffen auszugehen. Er geht immer von konkreten Tatsachen aus, vergleicht sie, ordnet sie. Darüber geht ihm die Ideengrundlage derselben auf. Es ist ein großer Irrtum, zu behaupten, nicht die Ideen seien das treibende Prinzip in Goethes Schaffen, weil er über die Idee des Faust jene sattsam bekannte Bemerkung gemacht. In der Betrachtung der Dinge bleibt ihm nach Abstreifung alles Zufälligen, Unwesentlichen etwas zurück, das Idee in seinem Sinne ist. Die Methode, der sich Goethe bedient, bleibt selbst da noch die auf reine Erfahrung gebaute, wo er sich zur Idee erhebt. Denn nirgends läßt er eine subjektive Zutat in seine Forschung einfließen. Er befreit nur die Erscheinungen von dem Zufälligen, um zu ihrer tieferen Grundlage vorzudringen. Sein Subjekt hat keine andere Aufgabe, als das Objekt so zurechtzulegen, daß es sein Innerstes verrät. «Das Wahre ist gottähnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir müssen es aus seinen Manifestationen erraten.» [«Sprüche in Prosa»; Natw. Schr., 4. Bd., 2. Abt., S. 378.] Es kommt darauf an, diese Manifestationen in solchen Zusammenhang zu bringen, daß das «Wahre» erscheint. In der Tatsache, der wir beobachtend gegenübertreten, steckt schon das Wahre, die Idee; wir müssen nur die Hülle entfernen, die es uns verbirgt. In der Entfernung dieser Hülle besteht die wahre wissenschaftliche Methode. Goethe schlug diesen Weg ein. Und wir müssen ihm auf demselben folgen, wenn wir ganz in ihn eindringen wollen. Mit anderen Worten: Wir müssen mit Goethes Studien über die organische Natur beginnen, weil er mit ihnen begann. Hier enthüllte sich ihm zuerst ein reicher Gehalt von Ideen, die wir dann als Bestandteile in seinen allgemeinen und methodischen Aufsätzen wiederfinden. Wollen wir die letzteren verstehen, müssen wir uns mit jenem Gehalte bereits erfüllt haben. Die Aufsätze über Methode sind dem bloße Gedankengewebe, der nicht den Weg nachzugehen bemüht ist, den Goethe gegangen. Was dann die Studien über physikalische Erscheinungen betrifft, so entstanden sie bei Goethe erst als die Konsequenz seiner Naturanschauung.
[ 4 ] Nothing was further from Goethe’s mind than to deliberately start from general concepts. He always begins with concrete facts , compares them, and organizes them. Through this process, the underlying ideas behind them become clear to him. It is a great mistake to claim that ideas are not the driving principle in Goethe’s work simply because he made that well-known remark about the idea of Faust. In his contemplation of things, after stripping away everything accidental and inessential, something remains that is idea in his sense. The method that Goethe employs remains one based on pure experience even when he rises to the idea. For nowhere does he allow a subjective element to enter into his inquiry. He merely frees phenomena from the contingent in order to penetrate to their deeper foundation. His subject has no other task than to arrange the object in such a way that it reveals its innermost essence. “The True is godlike; it does not appear immediately; we must deduce it from its manifestations.” [“Sayings in Prose”; Natural Scientific Writings, Vol. 4, Part 2, p. 378.] The key lies in placing these manifestations in such a context that the “True” becomes apparent. The “True”—the idea—is already present in the fact we observe; we need only remove the veil that conceals it from us. The true scientific method consists in removing this veil. Goethe embarked on this path. And we must follow him along the same path if we wish to penetrate fully into his thought. In other words: We must begin with Goethe’s studies on organic nature, because that is where he began. It was here that a rich body of ideas first revealed itself to him, ideas that we then find as components in his general and methodological essays. If we wish to understand the latter, we must already have imbued ourselves with that wealth of ideas. The essays on method are mere webs of thought for those who do not make the effort to follow the path that Goethe took. As for the studies on physical phenomena, they arose in Goethe only as a consequence of his view of nature.
