Introductions to Goethe's Scientific Writings
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Introductions to Goethe's Scientific Writings, tr. SOL
6. Goethes Erkenntnis-Art
6. Goethe's Approach to Knowledge
[ 1 ] Johann Gottlieb Fichte sandte im Juni 1794 die ersten Bogen seiner «Wissenschaftslehre» an Goethe. Dieser schrieb hierauf am 24. Juni an den Philosophen: «Was mich betrifft, werde ich Ihnen den größten Dank schuldig sein, wenn Sie mich endlich mit den Philosophen versöhnen, die ich nie entbehren und mit denen ich mich niemals vereinigen konnte.» [WA 10, 167] Was der Dichter hier bei Fichte, das hatte er früher bei Spinoza gesucht; später suchte er es bei Schelling und Hegel: eine philosophische Weltansicht, die seiner Denkweise gemäß wäre. Völlige Befriedigung aber brachte dem Dichter keine der philosophischen Richtungen, die er kennen lernte.
[ 1 ] Johann Gottlieb Fichte sent the first pages of his *Wissenschaftslehre* to Goethe in June 1794. Goethe replied to the philosopher on June 24: “As for me, I shall be most grateful to you if you can finally reconcile me with the philosophers, whom I have never been able to do without and with whom I have never been able to unite myself.” [WA 10, 167] What the poet sought here in Fichte, he had previously sought in Spinoza; later, he sought it in Schelling and Hegel: a philosophical worldview that would be in accordance with his own way of thinking. However, none of the philosophical schools he encountered brought the poet complete satisfaction.
[ 2 ] Das erschwert wesentlich unsere Aufgabe. Wir wollen Goethe von der philosophischen Seite näherkommen. Hätte er selbst einen wissenschaftlichen Standpunkt als den seinigen bezeichnet, so könnten wir uns auf diesen berufen. Das ist aber nicht der Fall. Und so obliegt uns denn die Aufgabe, aus alledem, was uns von dem Dichter vorliegt, den philosophischen Kern zu erkennen, der in ihm lag, und davon ein Bild zu entwerfen. Wir halten für den richtigen Weg, diese Aufgabe zu lösen, eine auf Grundlage der deutschen idealistischen Philosophie gewonnene Ideenrichtung. Diese Philosophie suchte ja in ihrer Weise denselben höchsten menschlichen Bedürfnissen zu genügen, denen Goethe und Schiller ihr Leben widmeten. Sie ging aus derselben Zeitströmung hervor. Sie steht daher auch Goethe viel näher als diejenigen Anschauungen, die heute vielfach die Wissenschaften beherrschen. Aus jener Philosophie wird sich eine Ansicht bilden lassen, als deren Konsequenz sich das ergibt, was Goethe dichterisch gestaltet, was er wissenschaftlich dargelegt hat. Aus unseren heutigen wissenschaftlichen Richtungen wohl nimmermehr. Wir sind heute sehr weit von jener Denkweise entfernt, die in Goethes Natur lag.
[ 2 ] This makes our task considerably more difficult. We wish to approach Goethe from a philosophical perspective. Had he himself designated a particular scientific standpoint as his own, we could have relied on it. But that is not the case. And so it falls to us to discern, from all that the poet has left us, the philosophical core that lay within him, and to construct a picture of it. We consider the correct approach to solving this task to be a line of thought derived from German idealist philosophy. This philosophy, in its own way, sought to satisfy the same highest human needs to which Goethe and Schiller dedicated their lives. It emerged from the same historical current. It is therefore much closer to Goethe than the views that often dominate the sciences today. From that philosophy, a perspective can be formed from which what Goethe shaped poetically and what he expounded scientifically follows as a consequence. This would certainly never be possible from our current scientific schools of thought. Today, we are very far removed from the way of thinking that was inherent in Goethe.
[ 3 ] Es ist ja richtig: Wir haben auf allen Gebieten der Kultur Fortschritte zu verzeichnen. Daß das aber Fortschritte in die Tiefe sind, kann kaum behauptet werden. Für den Gehalt eines Zeitalters sind aber doch nur die Fortschritte in die Tiefe maßgebend. Unsere Zeit möchte man aber am besten damit bezeichnen, daß man sagt: Sie weist überhaupt Fortschritte in die Tiefe als für den Menschen unerreichbar zurück. Wir sind mutlos auf allen Gebieten geworden, besonders aber auf jenem des Denkens und des Wollens. Was das Denken betrifft: Man beobachtet endlos, speichert die Beobachtungen auf und hat nicht den Mut, sie zu einer wissenschaftlichen Gesamtauffassung der Wirklichkeit zu gestalten. Die deutsche idealistische Philosophie aber zeiht man der Unwissenschaftlichkeit, weil sie diesen Mut hatte. Man will heute nur sinnlich schauen, nicht denken. Man hat alles Vertrauen in das Denken verloren. Man hält es nicht für ausreichend, in die Geheimnisse der Welt und des Lebens einzudringen; man verzichtet überhaupt auf jegliche Lösung der großen Rätselfragen des Daseins. Das einzige, was man für möglich hält, ist: die Aussagen der Erfahrung in ein System zu bringen. Dabei vergißt man nur, daß man sich mit dieser Ansicht einem Standpunkt nähert, den man längst für überwunden hält. Die Abweisung alles Denkens und das Pochen auf die sinnliche Erfahrung ist, tiefer erfaßt, doch nichts als der blinde Offenbarungsglaube der Religionen. Der letztere beruht doch nur darauf, daß die Kirche fertige Wahrheiten überliefert, an die man zu glauben hat. Das Denken mag sich abmühen, in ihren tieferen Sinn einzudringen; benommen aber ist es ihm, die Wahrheit selbst zu prüfen, aus eigener Kraft in die Tiefen der Welt zu dringen. Und die Erfahrungswissenschaft: was fordert sie vom Denken? Daß es lausche, was die Tatsachen sagen, und diese Aussagen auslege, ordne usw. Selbständig in den Kern der Welt einzudringen, versagt auch sie dem Denken. Dort fordert die Theologie blinde Unterwerfung des Denkens unter die Aussprüche der Kirche, hier die Wissenschaft blinde Unterwerfung unter die Aussprüche der Sinnenbeobachtung. Da wie dort gilt das selbständige, in die Tiefen dringende Denken nichts. Die Erfahrungswissenschaft vergißt nur eins. Tausende und aber Tausende schauten eine sinnenfällige Tatsache und gingen an ihr vorüber, ohne etwas Auffälliges an ihr zu merken. Dann kam einer, der sie anblickte und ein wichtiges Gesetz an ihr gewahr wurde. Woher kommt das? Doch nur davon, weil der Entdecker anders zu schauen verstand als seine Vorgänger. Er sah die Tatsache mit andern Augen an als seine Mitmenschen. Er hatte bei dem Schauen einen bestimmten Gedanken, wie man die Tatsache mit andern in Zusammenhang bringen müsse, was für sie bedeutsam sei, was nicht. Und so legte er sich denkend die Sache zurecht und er sah mehr als die andern. Er sah mit den Augen des Geistes. Alle wissenschaftlichen Entdeckungen beruhen darauf, daß der Beobachter in der durch den richtigen Gedanken geregelten Weise zu beobachten versteht. Das Denken muß die Beobachtung naturgemäß leiten. Das kann es nicht, wenn der Forscher den Glauben an das Denken verloren hat, wenn er nicht weiß, was er von dessen Tragweite zu halten hat. Die Erfahrungswissenschaft irrt ratlos in der Welt der Erscheinungen umher; die Sinnenwelt wird ihr eine verwirrende Mannigfaltigkeit, weil sie nicht die Energie im Denken hat, in das Zentrum zu dringen.
[ 3 ] It is true, of course: We have made progress in all areas of culture. However, it can hardly be claimed that this progress goes in depth . Yet it is precisely this progress in depth that is decisive for the substance of an era. The best way to describe our time, however, is to say that it rejects any progress in depth as unattainable for human beings. We have become disheartened in all areas, but especially in those of thought and will. As far as thought is concerned: people observe endlessly, store up their observations, and lack the courage to shape them into a comprehensive scientific understanding of reality. German idealist philosophy, however, is accused of being unscientific precisely because it possessed this courage. Today, people want only to perceive sensually, not to think. They have lost all confidence in thought. They do not consider it sufficient to penetrate the mysteries of the world and of life; they renounce any attempt whatsoever to solve the great enigmas of existence. The only thing people consider possible is: organizing the findings of experience into a system. In doing so, they simply forget that this view brings them closer to a standpoint they have long considered outdated. The rejection of all thinking and the insistence on sensory experience is, when examined more deeply, nothing more than the blind faith in revelation found in religions. The latter, after all, rests solely on the fact that the Church transmits ready-made truths that one must believe. Thought may strive to penetrate their deeper meaning; yet it is barred from examining the truth itself, from delving into the depths of the world by its own power. And empirical science: what does it demand of thought? That it listen to what the facts say, and interpret these statements, organize them, and so on. It, too, denies thought the ability to penetrate independently into the core of the world. There, theology demands blind submission of thought to the pronouncements of the Church; here, science demands blind submission to the findings of sensory observation. In both cases, independent thought that penetrates to the depths counts for nothing. Empirical science forgets only one thing. Thousands upon thousands observed a fact apparent to the senses and passed it by without noticing anything remarkable about it. Then came someone who looked at it and perceived an important law in it. Where does this come from? It is simply because the discoverer knew how to look at it differently than his predecessors. He viewed the fact through different eyes than his fellow human beings. As he looked, he had a specific thought—how the fact should be related to other things, what was significant for it, and what was not. And so, through thought, he made sense of the matter and saw more than the others. He saw with the eyes of the mind. All scientific discoveries rest on the observer’s ability to observe in a manner guided by correct thought. Thinking must naturally guide observation. It cannot do so if the researcher has lost faith in thinking, if he does not know what to make of its scope. Empirical science wanders aimlessly through the world of phenomena; the sensory world becomes a bewildering diversity to it because it lacks the energy of thought to penetrate to its core.
[ 4 ] Man spricht heute von Erkenntnisgrenzen, weil man nicht weiß, wo das Ziel des Denkens liegt. Man hat keine klare Ansicht, was man erreichen will und zweifelt daran, daß man es erreichen wird. Wenn heute irgend jemand käme und uns mit Fingern auf die Lösung des Welträtsels zeigte, wir hätten nichts davon, weil wir nicht wüßten, was wir von der Lösung zu halten haben.
[ 4 ] People today speak of the limits of knowledge because they do not know where the goal of thought lies. We have no clear idea of what we want to achieve, and we doubt that we will achieve it. If someone were to come along today and point out the solution to the mystery of the world, it would be of no use to us, because we would not know what to make of the solution.
[ 5 ] Und mit dem Wollen und Handeln ist es ja geradeso. Man weiß sich keine bestimmten Lebensaufgaben zu stellen, denen man gewachsen wäre. Man träumt sich in unbestimmte, unklare Ideale hinein und klagt dann, wenn man das nicht erreicht, wovon man kaum eine dunkle, viel weniger eine klare Vorstellung hat. Man frage einen der Pessimisten unserer Zeit, was er denn eigentlich will, und was er zu erreichen verzweifelt? Er weiß es nicht. Problematische Naturen sind sie alle, die keiner Lage gewachsen sind, und denen doch keine genügt. Man mißverstehe mich nicht. Ich will dem flachen Optimismus keine Lobrede halten, der, mit den trivialen Genüssen des Lebens zufrieden, nach nichts Höherem verlangt und deshalb nie etwas entbehrt. Ich will nicht den Stab brechen über Individuen, die die tiefe Tragik schmerzlich empfinden, die darinnen liegt, daß wir von Verhältnissen abhängig sind, die lähmend auf all unser Tun wirken, und die zu ändern, wir uns vergebens bestreben. Vergessen wir aber nur nicht, daß der Schmerz der Einschlag des Glückes ist. Man denke an die Mutter: wie wird ihr die Freude an dem Gedeihen ihrer Kinder versüßt, wenn sie es mit Sorgen, Leiden und Mühen dereinst errungen hat. Jeder besser denkende Mensch müßte ja ein Glück, das ihm irgendeine äußere Macht böte, zurückweisen, weil er doch nicht als Glück empfinden kann, was ihm als unverdientes Geschenk verabreicht wird. Wäre irgendein Schöpfer mit dem Gedanken an die Erschaffung des Menschen gegangen, daß er seinem Ebenbilde zugleich das Glück mit als Erbstück gäbe, so hätte er besser getan, ihn ungeschaffen zu lassen. Es erhöht die Würde des Menschen, daß grausam immer zerstört wird, was er schafft; denn er muß immer aufs neue bilden und schaffen; und im Tun liegt unser Glück, in dem, was wir selbst vollbringen. Mit dem geschenkten Glück ist es wie mit der geoffenbarten Wahrheit. Es ist allein des Menschen würdig, daß er selbst die Wahrheit suche, daß ihn weder Erfahrung noch Offenbarung leite. Wenn das einmal durchgreifend erkannt sein wird, dann haben die Offenbarungsreligionen abgewirtschaftet. Der Mensch wird dann gar nicht mehr wollen, daß sich Gott ihm offenbare oder Segen spende. Er wird durch eigenes Denken erkennen, durch eigene Kraft sein Glück begründen wollen. Ob irgendeine höhere Macht unsere Geschicke zum Guten oder Bösen lenkt, das geht uns nichts an; wir haben uns selbst die Bahn vorzuzeichnen, die wir zu wandeln haben. Die erhabenste Gottesidee bleibt doch immer die, welche annimmt, daß Gott sich nach Schöpfung des Menschen ganz von der Welt zurückgezogen und den letzteren ganz sich selbst überlassen habe.
[ 5 ] And it’s exactly the same with will and action. One doesn’t set oneself any specific life tasks that one would be capable of handling. One dreams of vague, unclear ideals and then complains when one fails to achieve what one has barely a dim, much less a clear, conception of. Ask one of the pessimists of our time what he actually wants and what he is desperately striving to achieve. He does not know. They are all troubled souls, unable to cope with any situation, and yet satisfied with none. Do not misunderstand me. I do not wish to eulogize that shallow optimism which, content with life’s trivial pleasures, desires nothing higher and therefore never lacks anything. I do not wish to condemn individuals who keenly feel the profound tragedy inherent in the fact that we are dependent on circumstances that paralyze all our actions, and which we strive in vain to change. But let us not forget that pain is the very essence of happiness. Consider the mother: how is her joy in her children’s flourishing sweetened when she has achieved it through worry, suffering, and toil? Any rational person would surely reject happiness offered by some external power, for they cannot perceive as happiness what is bestowed upon them as an undeserved gift. If any Creator had set out to create humankind with the idea of bestowing happiness as an inheritance upon his image, he would have been better off leaving humankind uncreated. It enhances human dignity that what humankind creates is always cruelly destroyed; for humankind must constantly shape and create anew; and our happiness lies in action, in what we ourselves accomplish. Happiness bestowed as a gift is like revealed truth. It is worthy of man alone that he seek the truth himself, that neither experience nor revelation guide him. Once this is thoroughly recognized, the revealed religions will have run their course. People will then no longer want God to reveal Himself to them or bestow blessings upon them. They will seek to recognize the truth through their own thinking and to establish their own happiness through their own strength. Whether some higher power directs our destinies toward good or evil is none of our concern; we must chart the course for ourselves that we are to follow. The most sublime conception of God, after all, remains the one that assumes that, after creating humankind, God withdrew entirely from the world and left humankind entirely to its own devices.
[ 6 ] Wer dem Denken seine über die Sinnesauffassung hinausgehende Wahrnehmungsfähigkeit zuerkennt, der muß ihm notgedrungen auch Objekte zuerkennen, die über die bloße sinnenfällige Wirklichkeit hinaus liegen. Die Objekte des Denkens sind aber die Ideen. Indem sich das Denken der Idee bemächtigt, verschmilzt es mit dem Urgrunde des Weltendaseins; das, was außen wirkt, tritt in den Geist des Menschen ein: er wird mit der objektiven Wirklichkeit auf ihrer höchsten Potenz eins. Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen.
[ 6 ] Anyone who acknowledges that thought possesses a capacity for perception that extends beyond sensory perception must necessarily also acknowledge that it has objects that lie beyond mere sensuous reality. The objects of thought, however, are ideas. As thought takes hold of the idea, it merges with the very foundation of the world’s existence; that which acts from without enters the human mind: he becomes one with objective reality at its highest potency. The realization of the idea in reality is humanity’s true communion.
[ 7 ] Das Denken hat den Ideen gegenüber dieselbe Bedeutung wie das Auge dem Lichte, das Ohr dem Ton gegenüber. Es ist Organ der Auffassung.
[ 7 ] Thinking has the same significance for ideas as the eye has for light and the ear for sound. It is the organ of perception.
[ 8 ] Diese Ansicht ist in der Lage, zwei Dinge zu vereinigen, die man heute für völlig unvereinbar hält: empirische Methode und Idealismus als wissenschaftliche Weltansicht. Man glaubt, die Anerkennung der ersteren habe die Abweisung des letzteren im Gefolge. Das ist durchaus nicht richtig. Wenn man freilich die Sinne für die einzigen Auffassungsorgane einer objektiven Wirklichkeit hält, so muß man zu dieser Ansicht kommen. Denn die Sinne liefern bloß solche Zusammenhänge der Dinge, die sich auf mechanische Gesetze zurückführen lassen. Und damit wäre die mechanische Weltansicht als die einzig wahre Gestalt einer solchen gegeben. Dabei begeht man den Fehler, daß man die andern ebenso objektiven Bestandteile der Wirklichkeit, die sich auf mechanische Gesetze nicht zurückführen lassen, einfach übersieht. Das objektiv Gegebene deckt sich durchaus nicht mit dem sinnlich Gegebenen, wie die mechanische Weltauffassung glaubt. Das letztere ist nur die Hälfte des Gegebenen. Die andere Hälfte desselben sind die Ideen, die ebenso Gegenstand der Erfahrung sind, freilich einer höheren, deren Organ das Denken ist. Auch die Ideen sind für eine induktive Methode erreichbar.
[ 8 ] This view is capable of uniting two things that are today considered completely incompatible: the empirical method and idealism as a scientific worldview. It is believed that acceptance of the former necessarily entails the rejection of the latter. This is by no means correct. Of course, if one regards the senses as the sole organs of perception of an objective reality, one must arrive at this view. For the senses provide only those relationships between things that can be traced back to mechanical laws. And with that, the mechanical worldview would be presented as the only true form of such a reality. In doing so, one commits the error of simply overlooking the other, equally objective components of reality that cannot be traced back to mechanical laws. The objectively given does not at all coincide with the sensually given, as the mechanical worldview believes. The latter is only half of what is given. The other half consists of ideas, which are likewise the object of experience—albeit of a higher kind, whose organ is thought. Ideas, too, are accessible to an inductive method.
[ 9 ] Die heutige Erfahrungswissenschaft befolgt die ganz richtige Methode: am Gegebenen festzuhalten; aber sie fügt die unstatthafte Behauptung hinzu, daß diese Methode nur SinnenfälligTatsächliches liefern kann. Statt bei dem, wie wir zu unseren Ansichten kommen, stehenzubleiben, bestimmt sie von vornherein das Was derselben. Die einzig befriedigende Wirklichkeitsauffassung ist empirische Methode mit idealistischem Forschungsresultate. Das ist Idealismus, aber kein solcher, der einer nebelhaften, geträumten Einheit der Dinge nachgeht, sondern ein solcher, der den konkreten Ideengehalt der Wirklichkeit ebenso erfahrungsgemäß sucht wie die heutige hyperexakte Forschung den Tatsachengehalt.
[ 9 ] Contemporary empirical science follows the entirely correct method: holding fast to what is given; but it adds the impermissible assertion that this method can only yield facts that are immediately apparent to the senses. Instead of focusing on how we arrive at our views, it determines from the outset the content of those views. The only satisfactory conception of reality is the empirical method combined with idealistic research results. This is idealism, but not the kind that pursues a nebulous, dreamlike unity of things ; rather, it is the kind that seeks the concrete conceptual content of reality just as empirically as today’s hyper-precise research seeks factual content.
[ 10 ] Indem wir mit diesen Ansichten an Goethe herantreten, glauben wir in sein Wesen einzudringen. Wir halten an dem Idealismus fest, legen aber bei der Entwicklung desselben nicht die dialektische Methode Hegels, sondern einen geläuterten, höheren Empirismus zugrunde.
[ 10 ] By approaching Goethe with these views, we believe we are gaining insight into his essence. We hold fast to idealism, but in developing it, we do not base ourselves on Hegel’s dialectical method, but rather on a purified, higher form of empiricism.
[ 11 ] Ein solcher liegt auch der Philosophie Eduard v. Hartmanns zugrunde. Eduard v. Hartmann sucht in der Natur die ideengemäße Einheit, wie sie sich positiv für ein inhaltvolles Denken ergibt. Er weist die bloß mechanische Naturauffassung und den am Äußerlichen haftenden Hyper-Darwinismus zurück. Er ist in der Wissenschaft Begründer eines konkreten Monismus. In der Geschichte und Ästhetik sucht er die konkrete Idee. Das alles nach empirisch-induktiver Methode.
[ 11 ] Such a concept also underlies Eduard von Hartmann’s philosophy. Eduard von Hartmann seeks in nature the unity of ideas, as it positively emerges for a meaningful way of thinking. He rejects a purely mechanical view of nature and hyper-Darwinism, which clings to the superficial. In science, he is the founder of concrete monism. In history and aesthetics, he seeks the concrete idea. All of this is done using an empirical-inductive method.
[ 12 ] Hartmanns Philosophie ist von meiner nur durch die Pessimismus-Frage und durch die metaphysische Zuspitzung des Systems nach dem «Unbewußten» verschieden. Was den letzteren Punkt betrifft, wolle man weiter unten nachsehen. In bezug auf den Pessimismus aber sei folgendes bemerkt: Was Hartmann als Gründe für den Pessimismus anführt, d. h. für die Ansicht, daß uns nichts in der Welt voll befriedigen kann, daß stets die Unlust die Lust überwiegt, das möchte ich geradezu als das Glück der Menschheit bezeichnen. Was er vorbringt, sind für mich nur Beweise dafür, daß es vergebens ist, eine Glückseligkeit zu erstreben. Wir müssen eben ein solches Bestreben ganz aufgeben und unsere Bestimmung rein darinnen suchen, selbstlos jene idealen Aufgaben zu erfüllen, die uns unsere Vernunft vorzeichnet. Was heißt das anders, als daß wir nur im Schaffen, in rastloser Tätigkeit unser Glück suchen sollen?
[ 12 ] Hartmann’s philosophy differs from mine only in the question of pessimism and in the metaphysical radicalization of the system with regard to the “unconscious.” As for the latter point, see below. With regard to pessimism, however, the following should be noted: What Hartmann cites as reasons for pessimism—that is, for the view that nothing in the world can fully satisfy us, that displeasure always outweighs pleasure—I would go so far as to describe as the very happiness of humanity . To me, what he presents is merely evidence that it is futile to strive for bliss. We must simply abandon such a pursuit entirely and seek our purpose purely in selflessly fulfilling those ideal tasks that our reason sets before us. What does this mean other than that we should seek our happiness only in creation, in ceaseless activity?
[ 13 ] Nur der Tätige und zwar der selbstlos Tätige, der mit seiner Tätigkeit keinen Lohn anstrebt, erfüllt seine Bestimmung. Es ist töricht, für seine Tätigkeit belohnt sein zu wollen; es gibt keinen wahren Lohn. Hier sollte Hartmann weiterbauen. Er sollte zeigen, was denn unter solchen Voraussetzungen die einzige Triebfeder aller unserer Handlungen sein kann. Es kann, wenn die Aussicht auf ein erstrebtes Ziel wegfällt, nur die selbstlose Hingabe an das Objekt sein, dem man seine Tätigkeit widmet, es kann nur die Liebe sein. Nur eine Handlung aus Liebe kann eine sittliche sein. Die Idee muß in der Wissenschaft, die Liebe im Handeln unser Leitstern sein. Und damit sind wir wieder bei Goethe angelangt. «Dem tätigen Menschen kommt es darauf an, daß er das Rechte tue, ob das Rechte geschehe, soll ihn nicht kümmern.» «Unser ganzes Kunststück besteht darin, daß wir unsere Existenz aufgeben, um zu existieren.» («Sprüche in Prosa»; Natw. Schr., 4. Bd., 2. Abt., S. 464 u. 441.)
[ 13 ] Only the person who acts—and specifically the selfless person who acts without seeking reward—fulfills his or her purpose. It is foolish to want to be rewarded for one’s actions; there is no true reward. Here, Hartmann should have elaborated further. He should have shown what, under such conditions, can be the sole driving force behind all our actions. When the prospect of achieving a desired goal disappears, it can only be selfless devotion to the object to which one dedicates one’s actions, it can only be love. Only an act done out of love can be a moral one. The idea must be our guiding star in science, and love in action. And with that, we have returned to Goethe. “What matters to the active person is that he do what is right; whether what is right actually comes to pass should not concern him.” “Our entire feat consists in giving up our existence in order to exist.” (“Sayings in Prose”; Natural Scientific Writings, Vol. 4, Part 2, pp. 464 and 441.)
[ 14 ] Ich bin zu meiner Weltansicht nicht allein durch das Studium Goethes oder etwa gar des Hegelianismus gekommen. Ich ging von der mechanisch-naturalistischen Weltauffassung aus, erkannte aber, daß bei intensivem Denken dabei nicht stehengeblieben werden kann. Ich fand, streng nach naturwissenschaftlicher Methode verfahrend, in dem objektiven Idealismus die einzig befriedigende Weltansicht. Die Art, wie ein sich selbst verstehendes, widerspruchsloses Denken zu dieser Weltansicht gelangt, zeigt meine Erkenntnistheorie. 86 Rudolf Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller. Berlin u. Stuttgart 1886, 6. Aufl. Gesamtausgabe Dornach 1960. Ich fand dann, daß dieser objektive Idealismus seinem Grundzuge nach die Goethesche Weltansicht durchtränkt. So geht denn dann freilich der Ausbau meiner Ansichten seit Jahren parallel mit dem Studium Goethes; und ich habe nie einen prinzipiellen Gegensatz zwischen meinen Grundansichten und der Goetheschen wissenschaftlichen Tätigkeit gefunden. Wenn es mir wenigstens teilweise gelungen ist: erstens meinen Standpunkt so zu entwickeln, daß er auch in andern lebendig wird, und zweitens die Überzeugung herbeizuführen, daß dieser Standpunkt wirklich der Goethesche ist, dann betrachte ich meine Aufgabe als erfüllt.
[ 14 ] I did not arrive at my worldview solely through the study of Goethe or, for that matter, Hegelianism. I started from a mechanistic-naturalistic view of the world, but realized that one cannot remain there if one thinks deeply. Proceeding strictly according to the scientific method, I found in objective idealism the only satisfactory worldview. The way in which self-consistent, non-contradictory thinking arrives at this worldview is shown in my Theory of Knowledge. 86 Rudolf Steiner, *Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller*. Berlin and Stuttgart 1886, 6th ed. Complete Edition, Dornach 1960. I then found that this objective idealism, in its fundamental features, permeates Goethe’s worldview. Thus, of course, the development of my views has for years proceeded in parallel with my study of Goethe; and I have never found a fundamental contradiction between my basic views and Goethe’s scientific work. If I have succeeded, at least in part, in first developing my point of view in such a way that it comes alive for others as well, and second, in bringing about the conviction that this point of view is truly Goethe’s, then I consider my task fulfilled.
