Introductions to Goethe's Scientific Writings
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Introductions to Goethe's Scientific Writings, tr. SOL
5. Abschluss über Goethes morphologische Anschauungen
5. Conclusion on Goethe’s Morphological Views
[ 1 ] Wenn ich am Schlusse der Betrachtung über Goethes Metamorphosen-Gedanken auf die Anschauungen zurückblicke, die ich mich auszusprechen gedrungen fühlte, so kann ich mir nicht verhehlen, eine wie große Zahl hervorragender Vertreter verschiedener Richtungen der Wissenschaft anderer Ansicht sind. Ihre Stellung zu Goethe steht mir deutlich vor Augen; und das Urteil, das sie über meinen Versuch, den Standpunkt unseres großen Denkers und Dichters zu vertreten, aussprechen werden, dürfte im voraus zu ermessen sein.
[ 1 ] When, at the conclusion of my reflection on Goethe’s ideas regarding metamorphosis, I look back on the views I felt compelled to express, I cannot help but note how many distinguished representatives of various scholarly disciplines hold a different opinion. Their stance toward Goethe is clear to me; and the judgment they will pass on my attempt to represent the viewpoint of our great thinker and poet can likely be anticipated.
[ 2 ] In zwei Heerlager geteilt stehen sich die Ansichten über Goethes Bestrebungen auf naturwissenschaftlichem Gebiete geenüber.
[ 2 ] Opinions regarding Goethe’s endeavors in the field of natural science are divided into two camps.
[ 3 ] Die Vertreter des modernen Monismus mit dem Professor Haeckel an der Spitze erkennen in Goethe den Propheten des Darwinismus, der sich das Organische ganz in ihrem Sinne von den Gesetzen beherrscht denkt, die auch in der unorganischen Natur wirksam sind. Was Goethe fehlte, sei nur die Selektionstheorie gewesen, durch welche erst Darwin die monistische Weltanschauung begründet und die Entwicklungstheorie zur wissenschaftlichen Überzeugung erhoben habe.
[ 3 ] The proponents of modern monism, led by Professor Haeckel, see in Goethe the prophet of Darwinism, who conceives of the organic world—entirely in line with their own views—as governed by the same laws that are at work in inorganic nature. The only thing Goethe lacked, they argue, was the theory of natural selection, through which Darwin first established the monistic worldview and elevated the theory of evolution to a scientific conviction.
[ 4 ] Diesem Standpunkte steht ein anderer gegenüber, welcher annimmt, die Typusidee bei Goethe sei weiter nichts als ein allgemeiner Begriff, eine Idee im Sinne der platonischen Philosophie. Goethe hätte zwar einzelne Behauptungen getan, die an die Entwicklungstheorie erinnern, wozu er durch den in seiner Natur gelegenen Pantheismus gekommen sei; bis zum letzten mechanischen Grunde fortzuschreiten hätte er aber kein Bedürfnis gefühlt. Von Entwicklungstheorie im modernen Sinne des Wortes könne daher bei ihm nicht die Rede sein.
[ 4 ] This viewpoint is countered by another, which holds that Goethe’s concept of the “type” is nothing more than a general concept, an idea in the sense of Platonic philosophy. Although Goethe did make individual assertions reminiscent of evolutionary theory—to which he arrived through the pantheism inherent in his nature—he felt no need to proceed all the way down to the ultimate mechanical cause . Therefore, there can be no question of an evolutionary theory in the modern sense of the word in his work.
[ 5 ] Indem ich versuchte, Goethes Anschauungen ohne Voraussetzung irgendeines positiven Standpunktes, rein aus Goethes Wesen, aus dem Ganzen seines Geistes zu erklären, wurde klar, daß weder die eine noch die andere der erwähnten Richtungen - so außerordentlich bedeutend auch dasjenige ist, was sie beide zu einer Beurteilung Goethes geliefert haben - seine Naturanschauung vollkommen richtig interpretiert hat.
[ 5 ] As I attempted to explain Goethe’s views without presupposing any particular standpoint, purely from Goethe’s essence, from the entirety of his spirit—it became clear that neither of the two schools of thought mentioned—however extraordinarily significant their respective contributions to the assessment of Goethe may be—has interpreted his view of nature perfectly correctly.
[ 6 ] Die erste der charakterisierten Ansichten hat ganz recht, wenn sie behauptet, Goethe habe dadurch, daß er die Erklärung der organischen Natur anstrebte, den Dualismus bekämpft, der zwischen dieser und der unorganischen Welt unübersteigliche Schranken annimmt. Aber Goethe behauptete die Möglichkeit dieser Erklärung nicht deshalb, weil er sich die Formen und Erscheinungen der organischen Natur in einem mechanischen Zusammenhange dachte, sondern weil er einsah, daß der höhere Zusammenhang, in dem dieselben stehen, unserer Erkenntnis keineswegs verschlossen ist. Er dachte sich das Universum zwar in monistischer Weise als unentzweite Einheit - von der er den Menschen durchaus nicht ausschloß [siehe den Brief Goethes an F. H. Jacobi vom 23. Nov. 1801; WA 15, 280f.] -, aber deshalb erkannte er doch an, daß innerhalb dieser Einheit Stufen zu unterscheiden sind, die ihre eigenen Gesetze haben. Er verhielt sich schon seit seiner Jugend ab- lehnend gegenüber Bestrebungen, welche sich die Einheit als Einförmigkeit vorstellen und die organische Welt, wie überhaupt das, was innerhalb der Natur als höhere Natur erscheint, von den in der unorganischen Welt wirksamen Gesetzen beherrscht denken (siehe «Geschichte meines botanischen Studiums» in Natw. Schr., 1. Bd., S. 61ff.). Diese Ablehnung war es auch, welche ihn später zur Annahme einer anschauenden Urteilskraft nötigte, durch welche wir die organische Natur erfassen im Gegensatze zum diskursiven Verstande, durch den wir die unorganische Natur erkennen. Goethe denkt sich die Welt als einen Kreis von Kreisen, von denen jeder einzelne sein eigenes Erklärungsprinzip hat. Die modernen Monisten kennen nur einen einzigen Kreis, den der unorganischen Naturgesetze.
[ 6 ] The first of the views described is quite correct in asserting that, by seeking to explain organic nature, Goethe opposed the dualism that posits insurmountable barriers between it and the inorganic world. But Goethe did not assert the possibility of this explanation because he conceived of the forms and phenomena of organic nature within a mechanical context, but because he recognized that the higher context in which they exist is by no means closed off to our understanding. He did indeed conceive of the universe in a monistic way as an undivided unity—from which he by no means excluded human beings [see Goethe’s letter to F. H. Jacobi dated Nov. 23, 1801; WA 15, 280f.]—he nevertheless acknowledged that within this unity, distinct levels can be distinguished, each with its own laws. Ever since his youth, he had been opposed to efforts that conceived of unity as uniformity and that viewed the organic world—and, indeed, everything within nature that appears as a higher form of nature—as governed by the laws operative in the inorganic world (see “History of My Botanical Studies” in Natw. Schr., Vol. 1, p. 61ff.). It was this rejection that later compelled him to accept the existence of an intuitive faculty of judgment, through which we grasp organic nature, in contrast to the discursive intellect, through which we recognize inorganic nature. Goethe conceives of the world as a circle of circles, each of which has its own explanatory principle. Modern monists recognize only a single circle: that of the laws of inorganic nature.
[ 7 ] Die zweite der angeführten Meinungen über Goethe sieht ein, daß es sich bei ihm um etwas anderes handelt als beim modernen Monismus. Da aber ihre Vertreter es als ein Postulat der Wissenschaft ansehen, daß die organische Natur gerade so wie die unorganische erklärt werde und eine Anschauung wie die Goethes von vornherein perhorreszieren, so sehen sie es überhaupt als nutzlos an, auf seine Bestrebungen näher einzugehen.
[ 7 ] The second of the opinions cited regarding Goethe acknowledges that his view differs from modern monism. However, since its proponents regard it as a scientific postulate that organic nature must be explained in exactly the same way as inorganic nature, and since they reject a view such as Goethe’s from the outset, they consider it entirely pointless to examine his endeavors in greater detail.
[ 8 ] So konnten Goethes hohe Prinzipien weder da noch dort zur vollen Geltung kommen. Und gerade diese sind das Hervorragende seiner Bestrebungen, sind das, was für denjenigen, der sich ihre ganze Tiefe vergegenwärtigt hat, auch dann an Bedeutung nicht verliert, wenn er einsieht, daß manches von den Einzelheiten Goethescher Forschung der Berichtigung bedarf.
[ 8 ] Thus, Goethe’s lofty principles could not be fully realized in either place. And it is precisely these principles that constitute the outstanding aspect of his endeavors; they are what, for those who have grasped their full depth, do not lose their significance even when they realize that some of the details of Goethe’s research require correction.
[ 9 ] Hieraus erwächst nun für denjenigen, der Goethes Anschauungen darzulegen versucht, die Forderung, über die kritische Beurteilung des einzelnen, was Goethe in diesem oder jenem Kapitel der Naturwissenschaft gefunden, hinweg den Blick auf das Zentrale Goethescher Naturanschauung zu lenken.
[ 9 ] This now requires anyone attempting to expound Goethe’s views to look beyond a critical assessment of the specific points Goethe made in this or that chapter on the natural sciences and to focus instead on the core of Goethe’s view of nature.
[ 10 ] Indem ich dieser Forderung zu entsprechen suchte, liegt die Möglichkeit nahe, gerade von denjenigen mißverstanden zu werden, bei denen es mir am meisten leid tun würde, von den reinen Empirikern. Ich meine jene, welche den als tatsächlich nachzuweisenden Zusammenhängen der Organismen, dem empirisch gebotenen Stoffe nach allen Seiten nachgehen und die Frage nach den ursprünglichen Prinzipien der Organik als eine heute noch offene betrachten. Gegen sie können meine Ausführungen nicht gerichtet sein, denn sie berühren sie nicht. Im Gegenteile: Ich baue gerade auf sie einen Teil meiner Hoffnungen, weil sie die Hände nach allen Seiten noch frei haben. Sie sind es auch, die manches von Goethe Behauptete noch zu berichtigen haben werden, denn im Tatsächlichen irrte er zuweilen; hier kann natürlich auch das Genie die Schranken seiner Zeit nicht überwinden.
[ 10 ] In seeking to meet this demand, there is a real possibility that I might be misunderstood precisely by those whom I would most regret being misunderstood by: the pure empiricists. I am referring to those who thoroughly investigate the empirically verifiable relationships among organisms—the empirical material as it presents itself from all angles—and who regard the question of the fundamental principles of organic science as one that remains open to this day. My remarks cannot be directed against them, for they do not concern them. On the contrary: I base part of my hopes precisely on them, because their hands are still free in every respect. It is also they who will yet have to correct some of Goethe’s assertions, for in fact he was sometimes mistaken; here, of course, even genius cannot overcome the limitations of its time.
[ 11 ] Im Prinzipiellen kam er aber zu Grundanschauungen, die für die Wissenschaft vom Organischen dieselbe Bedeutung haben wie Galileis Grundgesetze für die Mechanik.
[ 11 ] In principle, however, he arrived at fundamental concepts that are as significant for the science of organic life as Galileo’s fundamental laws are for mechanics.
[ 12 ] Dies zu begründen, machte ich mir zur Aufgabe.
[ 12 ] I made it my mission to explain this.
[ 13 ] Mögen jene, die meine Worte nicht zu überzeugen vermögen, mindestens den redlichen Willen sehen, mit dem ich bemüht war, ohne Rücksicht auf Personen, nur der Sache zugewandt, das angedeutete Problem, Goethes wissenschaftliche Schriften aus dem Ganzen seiner Natur zu erklären, zu lösen und eine für mich erhebende Überzeugung auszusprechen.
[ 13 ] May those whom my words fail to convince at least recognize the sincere intention with which I endeavored—without regard for individuals, but focused solely on the matter at hand—to resolve the problem I have outlined, namely, to explain Goethe’s scientific writings in light of his entire nature, and to express a conviction that I find uplifting.
[ 14 ] Hat man in derselben Weise glücklich und erfolgreich begonnen, Goethes Dichtungen zu erklären, so liegt hierin schon die Forderung, alle Werke seines Geistes in diese Art der Betrachtung hereinzuziehen. Dies kann nicht für immer ausbleiben und ich werde nicht der letzte sein von denen, die sich herzlich freuen werden, wenn es meinem Nachfolger besser gelingt als mir. Möchten jugendlich strebende Denker und Forscher, namentlich jene, die mit ihren Ansichten nicht bloß in die Breite gehen, sondern direkt dem Zentralen unseres Erkennens ins Auge schauen, meinen Ausführungen einige Aufmerksamkeit schenken und in Scharen nachfolgen, um vollkommener auszuführen, was ich darzulegen bestrebt war.
[ 14 ] If one has begun to explain Goethe’s poetry in this way—happily and successfully—then this already implies the need to include all his intellectual works in this manner of analysis. This cannot be put off indefinitely, and I will not be the last of those who will rejoice wholeheartedly if my successor succeeds better than I have. May youthful, aspiring thinkers and researchers—especially those whose views not only reach far and wide but also look directly into the core of our cognition—pay some attention to my remarks and follow in droves to more fully carry out what I have endeavored to set forth.
