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Introductions to Goethe's Scientific Writings
GA 1

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15. Goethe und der naturwissenschaftliche Illusionismus

15. Goethe and Scientific Illusionism

[ 1 ] Diese Darstellung ist nicht aus dem Grunde geschrieben worden, weil in eine Goethe-Ausgabe (in Kürschners Deutscher National-Literatur) eben auch die Farbenlehre, mit einer begleitenden Einleitung versehen, aufgenommen werden muß. Sie entstammt einem tiefen Geistesbedürfnisse des Herausgebers dieser Ausgabe. Derselbe ist von dem Studium der Mathematik und Physik ausgegangen und wurde durch die vielen Widersprüche, die das System unserer modernen Naturanschauung durchsetzen, mit innerer Notwendigkeit zur kritischen Untersuchung über die methodologische Grundlage derselben geführt. Auf das Prinzip des strengen Erfahrungswissens wiesen ihn seine anfänglichen Studien, auf eine streng wissenschaftliche Erkenntnistheorie die Einsicht in jene Widersprüche. Gegen ein Umschlagen in rein Hegelsche Begriffskonstruktionen war er durch seinen positiven Ausgangspunkt geschützt. Er fand endlich mit Hilfe seiner erkenntnistheoretischen Studien den Grund vieler Irrtümer der modernen Naturwissenschaft in der ganz falschen Stellung, welche die letztere der einfachen Sinnesempfindung angewiesen hat. Unsere Wissenschaft verlegt alle sinnlichen Qualitäten (Ton, Farbe, Wärme usw..) in das Subjekt und ist der Meinung, daß «außerhalb» des Subjektes diesen Qualitäten nichts entspreche als Bewegungsvorgänge der Materie. Diese Bewegungsvorgänge, die das einzige im «Reiche der Natur» Existierende sein sollen, können natürlich nicht mehr wahrgenommen werden. Sie sind auf Grund der subjektiven Qualitäten erschlossen..

[ 1 ] This essay was not written simply because *The Theory of Colors*, accompanied by an introductory essay, needed to be included in an edition of Goethe’s works (in Kürschner’s *German National Literature*). It stems from a deep intellectual need on the part of the editor of this edition. He began his studies with mathematics and physics , and was led—by the many contradictions that pervade the system of our modern view of nature—with an inner necessity to undertake a critical examination of its methodological foundations. His initial studies pointed him toward the principle of rigorous empirical knowledge, while his insight into those contradictions led him toward a strictly scientific theory of knowledge. His positive starting point protected him from veering into purely Hegelian conceptual constructs. Finally, with the help of his epistemological studies, he discovered the root of many errors in modern natural science in the entirely mistaken position that the latter has assigned to simple sensory perception. Our science attributes all sensory qualities (sound, color, heat, etc.) to the subject and holds that “outside” the subject, these qualities correspond to nothing but the motion of matter. These motions, which are supposed to be the only things existing in the “realm of nature,” can of course no longer be perceived. They are inferred on the basis of subjective qualities .

[ 2 ] Nun kann aber diese Erschließung konsequentem Denken gegenüber nicht anders denn als eine Halbheit erscheinen. Bewegung ist zunächst nur ein Begriff, den wir aus der Sinnenwelt entlehnt haben, d. h. der uns nur an Dingen mit jenen sinnlichen Qualitäten entgegentritt. Wir kennen keine Bewegung außer einer solchen an Sinnesobjekten. Überträgt man nun dieses Prädikat auf nichtsinnliche Wesen, wie es die Elemente der diskontinuierlichen Materie (Atome) sein sollen, so muß man sich doch dessen klar bewußt sein, daß durch diese Übertragung einem sinnlich wahrgenommenen Attribut eine wesentlich anders als sinnlich gedachte Daseinsform beigelegt wird. Demselben Widerspruch verfällt man, wenn man zu einem wirklichen Inhalte für den zunächst ganz leeren Atombegriff kommen will. Es müssen ihm eben sinnliche Qualitäten, wenn auch noch so sublimiert, beigelegt werden. Der eine legt dem Atome Undurchdringlichkeit, Kraftwirkung, der andere Ausdehnung u. dgl. bei, kurz ein jeder irgendwelche aus der Sinnenwelt entlehnte Eigenschaften. Wenn man das nicht tut, bleibt man vollständig im Leeren..

[ 2 ] However, to the consistent mind, this interpretation cannot but appear as a half-measure. Motion is, at first, merely a concept we have borrowed from the sensory world—that is, one that we encounter only in things possessing those sensory qualities. We know of no movement other than that found in sensory objects. If one now applies this predicate to non-sensory entities—such as the elements of discontinuous matter (atoms)—one must nevertheless be clearly aware that, through this application, a form of existence conceived in a manner fundamentally different from the sensory is attributed to a sensually perceived attribute. One falls into the same contradiction when attempting to assign a real content to the initially completely empty concept of the atom. One must simply ascribe sensory qualities to it, however sublimated they may be. One person attributes impenetrability and force to the atom, another attributes extension and the like; in short, everyone attributes some qualities borrowed from the sensory world. If one does not do this, one remains completely in the void..

[ 3 ] Darin liegt die Halbheit. Man macht mitten durch das Sinnlich-Wahrnehmbare einen Strich und erklärt den einen Teil für objektiv, den anderen für subjektiv. Nur das eine ist konsequent: Wenn es Atome gibt, so sind diese einfach Teile der Materie mit den Eigenschaften der Materie und nur wegen ihrer für unsere Sinne unzugänglichen Kleinheit nicht wahrnehmbar..

[ 3 ] That is where the half-measure lies. One draws a line right through the realm of sensory perception and declares one part to be objective and the other to be subjective. Only one of these positions is consistent: If atoms exist, they are simply parts of matter with the properties of matter, and are imperceptible only because of their small size, which is inaccessible to our senses.

[ 4 ] Damit aber verschwindet die Möglichkeit, in der Bewegung der Atome etwas zu suchen, was als ein Objektives den subjektiven Qualitäten des Tones, der Farbe usw. gegenübergestellt werden dürfte. Und es hört auch die Möglichkeit auf, in dem Zusammenhang zwischen der Bewegung und der Empfindung des «Rot» z. B. mehr zu suchen als zwischen zwei Vorgängen, die ganz der Sinnenwelt angehören..

[ 4 ] This, however, eliminates the possibility of seeking, in the motion of atoms, something that could be contrasted as an objective reality with the subjective qualities of sound, color, etc. And it also eliminates the possibility of seeking, for example, anything more in the connection between motion and the perception of “red” than a relationship between two processes that belong entirely to the sensory world.

[ 5 ] Für den Herausgeber war es also klar: Ätherbewegung, Atomlagerung usw. gehören auf dasselbe Blatt wie die Sinnesempfindungen selbst. Die letzteren für subjektiv zu erklären, ist nur das Ergebnis einer unklaren Reflexion. Erklärt man die sinnliche Qualität für subjektiv, so muß man es mit der Ätherbewegung geradeso tun. Wir nehmen die letztere nicht aus einem prinzipiellen Grunde nicht wahr, sondern nur deswegen, weil unsere Sinnesorgane nicht fein genug organisiert sind. Das ist aber ein rein zufälliger Umstand. Es könnte sein, daß dann die Menschheit bei zunehmender Verfeinerung der Sinnesorgane dereinst dazu käme, auch Ätherbewegungen unmittelbar wahrzunehmen. Wenn dann ein Mensch jener fernen Zukunft unsere subjektivische Theorie der Sinnesempfindungen akzeptierte, so müßte er diese Ätherbewegungen ebenso für subjektiv erklären, wie wir heute Farbe, Ton usw..

[ 5 ] For the editor, it was therefore clear: ether motion, atomic arrangement, etc., belong on the same page as the sensory perceptions themselves. To declare the latter to be subjective is merely the result of unclear reflection. If one declares the sensory quality to be subjective, one must do the same with ether motion. We do not perceive the latter not for any principled reason, but only because our sense organs are not organized with sufficient precision. This, however, is a purely fortuitous circumstance. It could be that, as the sensory organs become increasingly refined, humanity might one day come to perceive etheric movements directly as well. If, then, a person in that distant future were to accept our subjective theory of sensory perceptions, he would have to declare these etheric movements to be just as subjective as we today regard color, sound, etc.

[ 6 ] Man sieht, diese physikalische Theorie führt auf einen Widerspruch, der nicht zu beheben ist.

[ 6 ] As you can see, this physical theory leads to a contradiction that cannot be resolved.

[ 7 ] Eine zweite Stütze hat nun diese subjektivische Ansicht an physiologischen Erwägungen.

[ 7 ] This subjective view is further supported by physiological considerations.

[ 8 ] Die Physiologie weist nach, daß die Empfindung erst als das letzte Resultat eines mechanischen Vorgangs auftritt, der sich zuerst von dem außerhalb unserer Leibessubstanz liegenden Teil der Körperwelt den Endorganen unseres Nervensystems in den Sinnesorganen mitteilt, von hier aus bis zum obersten Zentrum vermittelt wird, um dann erst als Empfindung ausgelöst zu werden. Die Widersprüche dieser physiologischen Theorie findet man in dem Kapitel «Das ˂Urphänomen˃» [s. S. 266ff. dieser Schrift] dargelegt. Als subjektiv kann man doch hier nur die Bewegungsform der Hirnsubstanz bezeichnen. Wie weit man auch in der Untersuchung der Vorgänge am Subjekte gehen mag, stets muß man auf diesem Wege im Mechanischen bleiben. Und die Empfindung wird man nirgends im Zentrum entdecken..

[ 8 ] Physiology demonstrates that sensation occurs only as the final result of a mechanical process that is first transmitted from the part of the physical world lying outside our bodily substance to the terminal organs of our nervous system in the sensory organs, is relayed from there to the highest center, and is only then triggered as a sensation. The contradictions of this physiological theory are set forth in the chapter “The ˂Primordial Phenomenon˃” [see pp. 266ff. of this work]. Here, one can only describe the form of movement of the brain substance as subjective. No matter how far one may go in investigating the processes occurring in the subject, one must always remain within the realm of the mechanical. And one will find no sensation anywhere in the center..

[ 9 ] Es bleibt also nur die philosophische Erwägung übrig, um über die Subjektivität und Objektivität der Empfindung Aufschluß zu bekommen. Und diese liefert folgendes:

[ 9 ] Thus, only the philosophical consideration remains to shed light on the subjectivity and objectivity of sensation. And this yields the following:

[ 10 ] Was kann als «subjektiv» an der Wahrnehmung bezeichnet werden? Ohne eine genaue Analyse des Begriffes «subjektiv» zu haben, kann man überhaupt gar nicht vorwärtsschreiten. Die Subjektivität kann natürlich durch nichts anderes als durch sich selbst bestimmt werden. Alles, was nicht durch das Subjekt bedingt nachgewiesen werden kann, darf nicht als «subjektiv» bezeichnet werden. Nun müssen wir uns fragen: Was können wir als dem menschlichen Subjekte eigen bezeichnen? Das, was es an sich selbst durch äußere oder innere Wahrnehmung erfahren kann. Durch äußere Wahrnehmung erfassen wir die körperliche Konstitution, durch innere Erfahrung unser eigenes Denken, Fühlen und Wollen. Was ist nun in ersterer Hinsicht als subjektiv zu bezeichnen? Die Konstitution des ganzen Organismus, also auch der Sinnesorgane und des Gehirnes, die wahrscheinlich bei jedem Menschen in etwas anderer Modifikation erscheinen werden. Alles aber, was hier auf diesem Wege nachgewiesen werden kann, ist nur eine bestimmte Gestaltung in der Anordnung und Funktion der Substanzen, wodurch die Empfindung vermittelt wird. Subjektiv ist also eigentlich nur der Weg, den die Empfindung durchzumachen hat, bevor sie meine Empfindung genannt werden kann. Unsere Organisation vermittelt die Empfindung und diese Vermittlungswege sind subjektiv; die Empfindung selbst aber ist es nicht..

[ 10 ] What can be described as “subjective” in perception? Without a precise analysis of the term “subjective,” it is impossible to make any progress at all. Subjectivity, of course, can be determined by nothing other than itself. Anything that cannot be demonstrated to be conditioned by the subject must not be described as “subjective.” Now we must ask ourselves: What can we describe as inherent to the human subject? That which it can experience about itself through external or internal perception. Through external perception, we grasp our physical constitution; through internal experience, we grasp our own thinking, feeling, and willing. What, then, can be described as subjective in the former sense? The constitution of the entire organism—including the sense organs and the brain—which likely appears in slightly different forms in every human being. However, everything that can be demonstrated in this way is merely a specific configuration in the arrangement and function of the substances through which sensation is mediated. Thus, what is actually subjective is only the path that sensation must take before it can be called my sensation. Our organism mediates sensation, and these mediating pathways are subjective; sensation itself, however, is not.

[ 11 ] Nun bliebe also der Weg der inneren Erfahrung. Was erfahre ich in meinem Innern, wenn ich eine Empfindung als die meinige bezeichne? Ich erfahre, daß ich die Beziehung auf meine Individualität in meinem Denken vollziehe, daß ich mein Wissensgebiet auf diese Empfindung erstrecke; aber ich bin mir dessen nicht bewußt, daß ich den Inhalt der Empfindung erzeuge. Nur den Bezug zu mir stelle ich fest, die Qualität der Empfindung ist eine in sich begründete Tatsache..

[ 11 ] So that leaves the path of inner experience. What do I experience within myself when I identify a sensation as my own? I experience that I establish a connection to my individuality in my thinking, that I extend my sphere of knowledge to this sensation; but I am not aware that I generate the content of the sensation. I merely establish the connection to myself; the quality of the sensation is a fact grounded in itself.

[ 12 ] Wo wir auch anfangen, innen oder außen, wir kommen nicht bis zur Stelle, wo wir sagen könnten: Hier ist der subjektive Charakter der Empfindung gegeben. Auf den Inhalt der Empfindung ist der Begriff «subjektiv» nicht anwendbar.

[ 12 ] No matter where we start—from the inside or the outside—we cannot reach the point where we could say: “Here lies the subjective character of sensation.” The term “subjective” is not applicable to the content of sensation.

[ 13 ] Diese Erwägungen sind es, die mich dazu zwangen, jede Theorie der Natur, die prinzipiell über das Gebiet der wahrgenommenen Welt hinausgeht, als unmöglich abzulehnen und lediglich in der Sinnenwelt das einzige Objekt der Naturwissenschaft zu suchen. Dann aber mußte ich in der gegenseitigen Abhängigkeit der Tatsachen eben dieser Sinnenwelt das suchen, was wir mit Naturgesetzen aussprechen..

[ 13 ] It is these considerations that compelled me to reject as impossible any theory of nature that, in principle, extends beyond the realm of the perceived world, and to seek the sole object of natural science solely within the sensory world. But then I had to seek, in the interdependence of the facts of this very sensory world, what we express as laws of nature ..

[ 14 ] Und damit war ich zu jener Ansicht von der naturwissenschaftlichen Methode gedrängt, die der Goetheschen Farbenlehre zugrunde liegt. Wer diese Erwägungen für richtig findet, der wird diese Farbenlehre mit ganz anderen Augen lesen, als die modernen Naturforscher dies tun können. Er wird sehen, daß hier nicht Goethes Hypothese der Newtons gegenübersteht, sondern daß es sich hier um die Frage handelt: Ist die heutige theoretische Physik zu akzeptieren oder nicht? Wenn nicht, dann aber muß sich auch das Licht verlieren, das diese Physik über die Farbenlehre verbreitet. Welches unsere theoretische Grundlage der Physik ist, mag der Leser aus den folgenden Kapiteln erfahren, um dann von dieser Grundlage aus Goethes Auseinandersetzungen im rechten Lichte zu sehen..*

[ 14 ] And this led me to the view of the scientific method that underlies Goethe’s theory of colors. Anyone who finds these considerations valid will read this theory of colors with a completely different perspective than modern natural scientists can. They will see that this is not a matter of Goethe’s hypothesis standing in opposition to Newton’s, but rather a question of whether today’s theoretical physics is to be accepted or not. If not, then the light that this physics sheds on the theory of colors must also be lost. The reader may learn from the following chapters what our theoretical foundation of physics is, in order to then view Goethe’s arguments in their proper light from this foundation.*