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Introductions to Goethe's Scientific Writings
GA 1

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16. Goethe als Denker und Forscher

16. Goethe as a Thinker and Scholar

Goethe und die moderne Naturgewissenschaft

Goethe and Modern Natural Science

[ 1 ] Gäbe es nicht eine Pflicht, die Wahrheit rückhaltlos zu sagen, wenn man sie erkannt zu haben glaubt, dann wären die folgenden Ausführungen wohl ungeschrieben geblieben. Das Urteil, das sie bei der heute herrschenden Richtung in den Naturwissenschaften von seiten der Fachgelehrten erfahren werden, kann für mich nicht zweifelhaft sein. Man wird in ihnen den dilettantenhaften Versuch eines Menschen sehen, einer Sache das Wort zu reden, die bei allen «Einsichtigen» längst gerichtet ist. Wenn ich mir die Geringschätzung all derer vorhalte, die sich heute allein berufen glauben, über naturwissenschaftliche Fragen zu sprechen, dann muß ich mir gestehen, daß Verlockendes im landläufigen Sinne in diesem Versuche allerdings nicht gelegen ist. Allein ich konnte mich durch diese voraussichtlichen Einwände doch nicht abschrecken lassen. Denn ich kann mir alle diese Einwände ja selbst machen und weiß daher, wie wenig stichhaltig sie sind. «Wissenschaftlich» im Sinne der modernen Naturlehre zu denken, ist nicht eben schwer. Wir haben ja vor nicht zu langer Zeit einen merkwürdigen Fall erlebt. Eduard von Hartmann trat mit seiner «Philosophie des Unbewußten» auf. Es wird heute am wenigsten dem geistvollen Verfasser dieses Buches selbst beifallen, dessen Unvollkommenheiten zu leugnen. Aber die Denkrichtung, der wir da gegenüberstehen, ist eine eindringende, den Sachen auf den Grund gehende. Sie ergriff daher mächtig alle Geister, die nach tieferer Erkenntnis Bedürfnis hatten. Sie durchkreuzte aber die Bahnen der an der Oberfläche der Dinge tastenden Naturgelehrten. Diese lehnten sich allgemein dagegen auf. Nachdem verschiedene Angriffe von ihrer Seite ziemlich wirkungslos blieben, erschien eine Schrift von einem anonymen Verfasser: «Das Unbewußte vom Standpunkte des Darwinismus und der Deszendenztheorie» [1872], die mit aller nur denkbaren kritischen Schärfe alles gegen die neubegründete Philosophie vorbrachte, was sich vom Standpunkte moderner Naturwissenschaft gegen dieselbe sagen läßt. Diese Schrift machte Aufsehen. Die Anhänger der gegenwärtigen Richtung waren von ihr im höchsten Maße befriedigt. Sie erkannten es öffentlich an, daß der Verfasser einer der ihrigen sei und proklamierten seine Ausführungen als die ihrigen. Welche Enttäuschung mußten sie erfahren! Als sich der Verfasser wirklich nannte, war es - Ed. v. Hartmann. Damit ist aber eines mit überzeugender Kraft dargetan: es ist nicht Unbekanntschaft mit den Ergebnissen der Naturforschung, nicht Dilettantismus der Grund, der es gewissen, nach tieferer Einsicht strebenden Geistern unmöglich macht, sich der Richtung anzuschließen, welche heute sich zur herrschenden aufwerfen will. Es ist aber die Erkenntnis, daß die Wege dieser Richtung nicht die rechten sind. Der Philosophie wird es nicht schwer, sich auf den Standpunkt der gegenwärtigen Naturanschauung probeweise zu stellen. Das hat Ed. v. Hartmann durch sein Verhalten für jeden, der sehen will, unwiderleglich gezeigt. Dies zur Bekräftigung meiner oben gemachten Behauptung, daß es auch mir nicht schwer wird, die Einwände, die man wider meine Ausführungen erheben kann, mir selbst zu machen..

[ 1 ] Were it not for the duty to speak the truth unreservedly when one believes one has recognized it, the following remarks would likely have remained unwritten. I have no doubt as to the judgment they will receive from scholars within the prevailing school of thought in the natural sciences today. They will be seen as the amateurish attempt of a person to speak up for a cause that has long been settled among all “people of sound judgment.” When I consider the contempt of all those who today believe themselves to be the only ones qualified to speak on scientific matters, I must admit that there is certainly nothing alluring—in the conventional sense—about this endeavor. Yet I could not allow myself to be deterred by these foreseeable objections. For I can raise all these objections myself and therefore know how little merit they have. Thinking “scientifically” in the sense of modern natural science is not particularly difficult. After all, we experienced a remarkable case not too long ago. Eduard von Hartmann came forward with his *Philosophy of the Unconscious*. Today, the witty author of this book himself would be the last to deny its imperfections. But the school of thought we are dealing with here is a penetrating one that gets to the bottom of things. It therefore powerfully captivated all minds that had a need for deeper understanding. However, it ran counter to the approaches of natural scientists who were groping at the surface of things. They generally rebelled against it. After various attacks on their part proved largely ineffective, a treatise by an anonymous author appeared: “The Unconscious from the standpoint of Darwinism and the Theory of Descent” [1872], which, with every conceivable critical acuity, brought forth against the newly established philosophy everything that could be said against it from the standpoint of modern natural science. This treatise caused a sensation. The adherents of the prevailing school were highly satisfied with it. They publicly acknowledged that the author was one of their own and proclaimed his arguments as their own. What a disappointment they must have experienced! When the author finally revealed his identity, it turned out to be—Ed. von Hartmann. This, however, demonstrates with convincing force: it is not unfamiliarity with the findings of natural science, nor is it dilettantism, that makes it impossible for certain minds striving for deeper insight to align themselves with the school of thought that today seeks to establish itself as the dominant one. Rather, it is the realization that the paths of this school are not the right ones. It is not difficult for philosophy to adopt the standpoint of the current view of nature on a trial basis. Ed. v. Hartmann has irrefutably demonstrated this through his conduct to anyone who is willing to see it. This serves to reinforce my assertion made above that it is not difficult for me, either, to raise against myself the objections that might be raised against my arguments..

[ 2 ] Man sieht wohl gegenwärtig jeden für einen Dilettanten an, der überhaupt philosophisches Nachdenken über das Wesen der Dinge ernst nimmt. Eine Weltanschauung haben gilt bei unseren Zeitgenossen von der «mechanischen» oder gar bei jenen von der «positivistischen» Denkart für eine idealistische Schrulle. Begreiflich wird diese Ansicht freilich, wenn man sieht, in welcher hilflosen Unkenntnis sich diese positivistischen Denker befinden, wenn sie sich über das «Wesen der Materie», über «die Grenzen des Erkennens», über «die Natur der Atome» oder dergleichen Dinge vernehmen lassen. An diesen Beispielen kann man wahre Studien über dilettantisches Behandeln von einschneidenden Fragen der Wissenschaft machen.*

[ 2 ] It seems that nowadays anyone who takes philosophical reflection on the nature of things seriously is regarded as a dilettante. Among our contemporaries—whether those of the “mechanistic” or even the “positivist” school of thought—having a worldview is considered an idealistic quirk. This view becomes understandable, of course, when one sees the helpless ignorance in which these positivist thinkers find themselves when they express their views on the “nature of matter,” “the limits of knowledge,” “the nature of atoms,” or similar matters. These examples provide a valuable case study of the amateurish treatment of crucial scientific questions.*

[ 3 ] Man muß den Mut haben, sich alles das gegenüber der Naturwissenschaft der Gegenwart zu gestehen, trotz der gewaltigen, bewunderungswürdigen Errungenschaften, die dieselbe Naturwissenschaft auf technischem Gebiete zu verzeichnen hat. Denn diese Errungenschaften haben mit dem wahrhaften Bedürfnis nach Naturerkenntnis nichts zu tun. Wir haben es ja gerade an Zeitgenossen erlebt, denen wir Erfindungen verdanken, deren Bedeutung für die Zukunft sich noch lange gar nicht einmal ahnen läßt, daß ihnen ein tieferes wissenschaftliches Bedürfnis abgeht. Es ist etwas ganz anderes, die Vorgänge der Natur zu beobachten, um ihre Kräfte in den Dienst der Technik zu stellen, als mit Hilfe dieser Vorgänge tiefer in das Wesen der Naturwissenschaft hineinzublicken suchen. Wahre Wissenschaft ist nur da vorhanden, wo der Geist Befriedigung seiner Bedürfnisse sucht, ohne äußeren Zweck.

[ 3 ] One must have the courage to admit all of this in the face of contemporary natural science, despite the tremendous, admirable achievements that this same natural science has made in the technical realm. For these achievements have nothing to do with the true need for knowledge of nature. We have seen this very clearly in our contemporaries, to whom we owe inventions whose significance for the future cannot even be surmised for a long time to come, yet who lack a deeper scientific need. It is one thing to observe the processes of nature in order to harness its forces for the service of technology, and quite another to seek, with the help of these processes, to look more deeply into the essence of natural science. True science exists only where the mind seeks satisfaction of its needs, without any external purpose.

[ 4 ] Wahre Wissenschaft im höheren Sinne des Wortes hat es nur mit ideellen Objekten zu tun; sie kann nur Idealismus sein. Denn sie hat ihren letzten Grund in Bedürfnissen, die aus dem Geiste stammen. Die Natur erweckt in uns Fragen, Probleme, die der Lösung zustreben. Aber sie kann diese Lösung nicht selbst liefern. Nur der Umstand, daß mit unserem Erkenntnisvermögen eine höhere Welt der Natur gegenübertritt, das schafft auch höhere Forderungen. Einem Wesen, dem diese höhere Natur nicht eigen wäre, gingen diese Probleme einfach nicht auf. Sie können daher ihre Antwort auch von keiner anderen Instanz als nur wieder von dieser höheren Natur erhalten. Wissenschaftliche Fragen sind daher wesentlich eine Angelegenheit, die der Geist mit sich selbst auszumachen hat. Sie führen ihn nicht aus seinem Elemente heraus. Das Gebiet aber, in welchem, als in seinem ureigenen, der Geist lebt und webt, ist die Idee, ist die Gedankenwelt. Gedankliche Fragen durch gedankliche Antworten erledigen, das ist wissenschaftliche Tätigkeit im höchsten Sinne des Wortes. Und alle übrigen wissenschaftlichen Verrichtungen sind zuletzt nur dazu da, diesem höchsten Zwecke zu dienen. Man nehme die wissenschaftliche Beobachtung. Sie soll uns zur Erkenntnis eines Naturgesetzes führen. Das Gesetz selbst ist rein ideell. Schon das Bedürfnis nach einer hinter den Erscheinungen waltenden Gesetzlichkeit entstammt dem Geiste. Ein ungeistiges Wesen hätte dieses Bedürfnis nicht. Nun treten wir an die Beobachtung heran! Was wollen wir durch sie denn eigentlich erreichen? Soll uns auf die in unserem Geiste erzeugte Frage von außen, durch die Sinnenbeobachtung, etwas geliefert werden, das Antwort auf dieselbe sein könnte? Nimmermehr. Denn warum sollten wir bei einer zweiten Beobachtung uns befriedigter fühlen als bei der ersten? Wäre der Geist überhaupt mit dem beobachte ten Objekte zufrieden, so müßte er es gleich mit dem ersten sein. Aber die eigentliche Frage ist gar nicht die nach einer zweiten Beobachtung, sondern nach der ideellen Grundlage der Beobachtungen. Was läßt diese Beobachtung für eine ideelle Erklärung zu, wie muß ich sie denken, damit sie mir möglich erscheint? Das sind die Fragen, die uns der Sinnenwelt gegenüber kommen. Ich muß aus den Tiefen meines Geistes selbst das heraussuchen, was mir der Sinnenwelt gegenüber fehlt. Wenn ich mir die höhere Natur, nach der mein Geist der sinnlichen gegenüber strebt, nicht schaffen kann, dann schafft sie mir keine Macht der äußeren Welt. Die Resultate der Wissenschaft können also nur aus dem Geiste kommen; sie können somit nur Ideen sein. Gegen diese notwendige Überlegung kann man nichts einwenden. Mit ihr ist aber der idealistische Charakter aller Wissenschaft gesichert.

[ 4 ] True science, in the higher sense of the word, deals only with ideal objects; it can only be idealism. For it has its ultimate basis in needs that arise from the mind. Nature awakens within us questions and problems that seek a solution. But it cannot provide this solution itself. It is only the fact that a higher world confronts nature through our cognitive faculties that gives rise to higher demands. A being that did not possess this higher nature would simply not be able to grasp these problems. Therefore, they can receive their answer from no other source than this higher nature itself. Scientific questions are therefore essentially a matter that the mind must resolve within itself. They do not lead it out of its own element. But the realm in which the mind lives and operates—as its very own—is the realm of ideas, the world of thought. Resolving intellectual questions through intellectual answers—that is scientific activity in the highest sense of the word. And all other scientific activities ultimately exist only to serve this highest purpose. Take scientific observation, for example. It is meant to lead us to the knowledge of a law of nature. The law itself is purely ideal. Even the need for a regularity governing the phenomena stems from the mind. A non-rational being would not have this need. Now let us turn to observation! What do we actually hope to achieve through it? Is something to be provided to us from the outside—through sensory observation—that could serve as an answer to the question generated in our mind? Never. For why should we feel more satisfied with a second observation than with the first? If the mind were at all satisfied with the observed object, it would have to be satisfied with it right from the start. But the real question is not at all about a second observation, but rather about the ideal foundation of observations. What kind of ideal explanation does this observation allow for? How must I conceive of it, so that it appears possible to me? These are the questions that confront us in relation to the sensory world. I must seek out from the depths of my own mind what I lack in relation to the sensory world. If I cannot create for myself the higher nature toward which my mind strives in contrast to the sensory world, then no power in the external world can create it for me. The results of science can therefore come only from the mind; they can thus be nothing but ideas . Nothing can be objected to this necessary consideration. With it, however, the idealistic character of all science is secured.

[ 5 ] Die moderne Naturwissenschaft kann ihrem ganzen Wesen nach nicht an die Idealität der Erkenntnis glauben. Denn ihr gilt die Idee nicht als das Erste, Ursprünglichste, Schöpferische, sondern als das letzte Produkt der materiellen Prozesse. Sie ist sich dabei aber des Umstandes gar nicht bewußt, daß diese ihre materiellen Prozesse nur der sinnenfällig beobachtbaren Welt angehören, die sich aber, tiefer erfaßt, ganz in Idee auflöst. Der in Betracht kommende Prozeß stellt sich nämlich der Beobachtung folgendermaßen dar: Wir nehmen mit unseren Sinnen Tatsachen wahr, Tatsachen, die ganz nach den Gesetzen der Mechanik verlaufen, dann Erscheinungen der Wärme, des Lichtes, des Magnetismus, der Elektrizität, endlich des Lebensprozesses usw. Auf der höchsten Stufe des Lebens finden wir, daß sich dasselbe bis zur Bildung von Begriffen, Ideen erhebt, deren Träger eben das menschliche Gehirn ist. Aus einer solchen Gedankensphäre erwachsend finden wir unser eigenes «Ich». Dasselbe scheint das oberste Produkt eines durch eine lange Reihe physikalischer, chemischer und organischer Vorgänge vermittelten komplizierten Prozesses zu sein. Untersuchen wir aber die ideelle Welt, die den Inhalt jenes «Ich» ausmacht, so finden wir in ihr wesentlich mehr als bloß das Endprodukt jenes Prozesses. Wir finden, daß die einzelnen Teile derselben in einer ganz anderen Weise miteinander verknüpft sind, als die Teile jenes bloß beobachteten Prozesses. Indem der eine Gedanke in uns auftaucht, der dann einen zweiten erfordert, finden wir, daß da ein ideeller Zusammenhang zwischen diesen zwei Objekten ist in ganz anderer Art, als wenn ich die Färbung eines Stoffes z. B. als Folge eines chemischen Agens beobachte. Es ist ja ganz selbstverständlich, daß die aufeinanderfolgenden Stadien des Gehirnprozesses im organischen Stoffwechsel ihre Quelle haben, wenngleich der Gehirnprozeß selbst der Träger jener Gedankengebilde ist. Aber warum der zweite Gedanke aus dem ersten folgt, dazu finde ich in diesem Stoffwechsel nicht, wohl aber in dem logischen Gedankenzusammenhang den Grund. In der Welt der Gedanken herrscht somit außer der organischen Notwendigkeit eine höhere ideelle. Diese Notwendigkeit nun aber, die der Geist innerhalb seiner Ideenwelt findet, diese sucht er auch in dem übrigen Universum. Denn diese Notwendigkeit ersteht uns ja nur dadurch, daß wir nicht nur beobachten, sondern auch denken. Oder, mit anderen Worten: Die Dinge erscheinen nicht mehr in einem bloß tatsächlichen Zusammenhange, sondern durch eine innere, ideelle Notwendigkeit verknüpft, wenn wir sie nicht bloß durch die Beobachtung, sondern durch den Gedanken erfassen.

[ 5 ] Modern natural science, by its very nature, cannot believe in the ideal nature of knowledge. For it does not regard the idea as the first, most primordial, or creative principle, but rather as the final product of material processes. However, it is completely unaware of the fact that these material processes belong only to the world observable by the senses, which, when understood more deeply, dissolves entirely into the idea. The process in question presents itself to observation as follows: We perceive facts with our senses—facts that proceed entirely according to the laws of mechanics—then phenomena of heat, light, magnetism, electricity, and finally the process of life, etc. At the highest level of life, we find that it rises to the formation of concepts and ideas, the bearer of which is precisely the human brain. Emerging from such a sphere of thought, we find our own “I.” This “I” appears to be the ultimate product of a complex process mediated by a long series of physical, chemical, and organic processes. But if we examine the ideal world that constitutes the content of that “I,” we find in it essentially more than merely the end product of that process. We find that its individual parts are linked to one another in a completely different way than the parts of that merely observed process. When one thought arises within us, which then requires a second, we find that there is an ideal connection between these two objects of a completely different nature than when, for example, I observe the coloration of a substance as a result of a chemical agent. It goes without saying that the successive stages of the cerebral process have their source in organic metabolism, even though the cerebral process itself is the vehicle of those thought-forms. But why the second thought follows from the first I find no reason for this in this metabolism , but rather in the logical connection of thoughts. In the world of thought, therefore, alongside organic necessity there prevails a higher, ideal necessity. But this necessity, which the mind finds within its world of ideas, it also seeks in the rest of the universe. For this necessity arises for us only because we not only observe, but also think. Or, in other words: Things no longer appear in a merely factual connection, but are linked by an inner, ideal necessity when we grasp them not merely through observation, but through thought.

[ 6 ] Man kann demgegenüber nicht sagen: Was soll alles Erfassen der Erscheinungswelt in Gedanken, wenn die Dinge dieser Welt vielleicht ein solches Erfassen ihrer Natur nach gar nicht zulassen? Diese Frage kann nur der stellen, der die ganze Sache nicht in ihrem Kerne erfaßt hat. Die Welt der Gedanken lebt in unserem Inneren auf, sie tritt den sinnlich beobachtbaren Objekten gegenüber und fragt nun, welchen Bezug hat diese mir da gegenübertretende Welt zu mir selbst? Was ist sie mir gegenüber? Ich bin da mit meiner über aller Vergänglichkeit schwebenden ideellen Notwendigkeit; ich habe die Kraft in mir, mich selbst zu erklären. Wie aber erkläre ich das, was mir gegenüber auftritt?

[ 6 ] In contrast, one cannot say: What is the point of comprehending the entire phenomenal world in thought if the things of this world, by their very nature, may not even allow for such comprehension? Only someone who has not grasped the essence of the whole matter can ask this question. The world of thought comes to life within us; it stands opposite the objects observable by the senses and now asks: What is the relationship between this world that stands before me and myself? What is it to me? I am here with my ideal necessity, which hovers above all transience; I have the power within me to explain myself. But how do I explain what appears before me?

[ 7 ] Hier ist es, wo sich uns eine bedeutungsvolle Frage beantwortet, die z. B. Friedrich Theodor Vascher wiederholt aufgeworfen und für den Angelpunkt alles philosophischen Nachdenkens erklärt hat: jene nach dem Zusammenhange von Geist und Natur. Was besteht für ein Verhältnis zwischen diesen beiden, uns stets voneinander geschieden erscheinenden Wesenheiten? Wenn man diese Frage recht aufwirft, dann ist ihre Beantwortung nicht so schwierig, wie es scheint. Was kann die Frage denn nur für einen Sinn haben? Dieselbe wird ja nicht von einem Wesen gestellt, das über Natur und Geist als dritter stünde und von diesem seinem Standpunkte aus jenen Zusammenhang untersuchte, sondern von der einen der beiden Wesenheiten, von dem Geiste, selbst. Der letztere fragt: Welcher Zusammenhang besteht zwischen mir und der Natur? Das heißt aber wieder nichts anderes als: Wie kann ich mich selbst in eine Beziehung zu der mir gegenüberstehenden Natur bringen? Wie kann ich nach den in mir lebenden Bedürfnissen diese Beziehung ausdrücken? Ich lebe in Ideen; was für eine Idee entspricht der Natur, wie kann ich das, was ich als Natur anschaue, als Idee ausdrücken? Es ist, als ob wir uns oftmals durch eine verfehlte Fragestellung selbst den Weg zu einer befriedigenden Antwort verlegten. Eine richtige Frage ist aber schon eine halbe Antwort..*

[ 7 ] It is here that we find the answer to a significant question that, for example, Friedrich Theodor Vascher has repeatedly raised and declared to be the linchpin of all philosophical reflection: the question of the relationship between mind and nature. What is the relationship between these two entities, which always seem to us to be separate from one another? If one poses this question properly , then answering it is not as difficult as it seems. What possible meaning can the question have? After all, it is not posed by a being who stands above nature and mind as a third entity and examines that connection from this vantage point, but by one of the two entities, by the mind, itself. The latter asks: What connection exists between me and nature? But this means nothing other than: How can I place myself in a relationship with the nature that stands opposite me? How can I express this relationship in accordance with the needs that live within me? I live in ideas; what kind of idea corresponds to nature, and how can I express what I perceive as nature as an idea ? It is as if we often block our own path to a satisfactory answer by asking the wrong question. But a correct question is already half the answer..*

[ 8 ] Der Geist sucht überall, über die Folge der Tatsachen, wie sie ihm die bloße Beobachtung liefert, hinauszukommen und bis zu den Ideen der Dinge zu dringen. Die Wissenschaft fängt eben da an, wo das Denken anfängt. In ihren Ergebnissen liegt das in ideeller Notwendigkeit, was den Sinnen nur als Tatsachenfolge erscheint. Diese Ergebnisse sind nur scheinbar das letzte Produkt des oben geschilderten Prozesses; in Wahrheit sind sie dasjenige, was wir im ganzen Universum als die Grundlage von allem ansehen müssen. Wo sie dann für die Beobachtung erscheinen, das ist gleichgültig; denn davon hängt ja, wie wir gesehen haben, ihre Bedeutung nicht ab. Sie breiten das Netz ihrer ideellen Notwendigkeit über das ganze Universum aus.

[ 8 ] The mind seeks everywhere to go beyond the sequence of facts as presented by mere observation and to penetrate to the ideas of things . Science begins precisely where thought begins. In its findings lies, as an ideal necessity, what appears to the senses merely as a sequence of facts. These results are only seemingly the final product of the process described above; in truth, they are what we must regard as the foundation of everything in the entire universe. Where they appear to observation is irrelevant; for, as we have seen, their significance does not depend on that. They spread the net of their ideal necessity over the entire universe.

[ 9 ] Wir mögen von wo immer ausgehen; wenn wir geistige Kraft genug haben, treffen wir zuletzt auf die Idee.

[ 9 ] No matter where we start, if we have enough intellectual power, we will ultimately arrive at the idea.

[ 10 ] Indem die moderne Physik dies vollständig verkennt, wird sie zu einer ganzen Reihe von Irrtümern geführt. Ich will hier nur auf einen solchen als Beispiel hinweisen.

[ 10 ] Because modern physics completely fails to recognize this, it is led into a whole series of errors. I will point out just one such example here.

[ 11 ] Nehmen wir die Definition des in der Physik gewöhnlich unter den «allgemeinen Eigenschaften der Körper» angeführten Beharrungsvermögens. Dies wird gewöhnlich folgendermaßen definiert: Kein Körper kann ohne äußere Ursache den Zustand der Bewegung, in dem er sich befindet, verändern. Diese Definition erweckt die Vorstellung, als wenn der Begriff des an sich trägen Körpers aus der Erscheinungswelt abstrahiert wäre. Und Mill, der nirgends auf die Sache selbst eingeht, sondern zum Behufe einer erzwungenen Theorie altes auf den Kopf stellt, würde keinen Augenblick anstehen, die Sache auch so zu erklären. Dies ist aber doch ganz unrichtig. Der Begriff des trägen Körpers entsteht rein durch eine begriffliche Konstruktion. Indem ich das im Raume Ausgedehnte «Körper» nenne, kann ich mir solche Körper vorstellen, deren Veränderungen von äußeren Einflüssen herrühren und solche, bei denen sie aus eigenem Antrieb geschehen. Finde ich nun in der Außenwelt etwas, was meinem gebildeten Begriffe: «Körper, der sich nicht ohne äußeren Antrieb verändern kann» entspricht, so nenne ich diesen träge oder dem Gesetzt des Beharrungsvermögens unterworfen. Meine Begriffe sind nicht aus der Sinnenwelt abstrahiert, sondern frei aus der Idee konstruiert, und mit ihrer Hilfe finde ich mich erst in der Sinnenwelt zurecht. Die obige Definition könnte nur lauten: Ein Körper, der nicht aus sich selbst heraus seinen Bewegungszustand ändern kann, heißt ein träger. Und wenn ich ihn als solchen erkannt habe, dann kann ich alles, was mit einem trägen Körper zusammenhängt, auch auf den in Rede stehenden anwenden.

[ 11 ] Let us consider the definition of inertia, which in physics is usually listed among the “general properties of bodies.” This is usually defined as follows: No body can change the state of motion in which it finds itself without an external cause. This definition gives the impression that the concept of an inherently inert body has been abstracted from the phenomenal world. And Mill, who never addresses the matter itself but turns old ideas upside down for the sake of a forced theory, would not hesitate for a moment to explain the matter in this way. But this is entirely incorrect. The concept of an inert body arises purely through a conceptual construction. By calling that which is extended in space a “body,” I can conceive of bodies whose changes result from external influences and others in which they occur of their own accord. If I now find something in the external world that corresponds to my formed concept: “body that cannot change without an external impulse,” I call it inert or subject to the law of conservation of motion. My concepts are not abstracted from the sensory world, but freely constructed from the idea, and it is only with their help that I am able to orient myself in the sensory world. The above definition could only read: A body that cannot change its state of motion of its own accord is called an inert body. And once I have recognized it as such, I can apply everything related to an inert body to the body in question.

2. Das «Urphänomen»

2. The “Primordial Phenomenon”

[ 12 ] Könnten wir die ganze Reihe von Vorgängen verfolgen, welche sich bei irgendeiner Sinneswahrnehmung vollziehen, von der peripherischen Endung des Nerven im Sinnesorgane bis in das Gehirn, so würden wir doch nirgends bis zu jenem Punkte gelangen, an dem die mechanischen, chemischen und organischen, kurz die raumzeitlichen Prozesse aufhören, und das auftritt, was wir eigentlich Sinneswahrnehmung nennen, z. B. die Empfindung der Wärme, des Lichtes, des Tones usw. Es ist die Stelle nicht zu finden, wo die verursachende Bewegung in ihre Wirkung, die Wahrnehmung, überginge. Können wir dann aber überhaupt davon sprechen, daß die beiden Dinge in dem Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen?

[ 12 ] If we could trace the entire series of processes that take place during any sensory perception—from the peripheral nerve endings in the sensory organ all the way to the brain—we would still never reach the point where the mechanical, chemical, and organic processes—in short, the spatiotemporal processes—cease, and that what we actually call sensory perception—for example, the sensation of heat, light, sound, etc.—occurs. There is no point at which the causative movement transitions into its effect, the perception. Can we, then, even speak of the two things as being in a cause-and-effect relationship?

[ 13 ] Wir wollen einmal die Tatsachen ganz objektiv untersuchen. Nehmen wir an, es trete eine bestimmte Empfindung in unserem Bewußtsein auf. Sie tritt dann zugleich so auf, daß sie uns auf irgendeinen Gegenstand verweist, von dem sie herstammt. Wenn ich die Empfindung des Rot habe, so verbinde ich, kraft des Inhaltes dieser Vorstellung, in der Regel damit zugleich ein bestimmtes Ortsdatum, d. i. eine Stelle im Raume, oder die Oberfläche eines Dinges, der ich das, was diese Empfindung ausdrückt, zuschreibe. Nur dann ist das nicht der Fall, wenn durch einen äußeren Einfluß das Sinnesorgan selbst in der ihm eigentümlichen Weise antwortet, wie wenn ich bei einem Schlag aufs Auge eine Lichtempfindung habe. Von diesen Fällen, in denen die Empfindungen übrigens niemals mit ihrer sonstigen Bestimmtheit auftreten, wollen wir absehen. Sie können uns ja, als Ausnahmefälle, über die Natur der Dinge nicht belehren. Habe ich die Empfindung des Rot mit einem bestimmten Ortsdatum, so werde ich zunächst an irgendein Ding in der Außenwelt als den Träger dieser Empfindung verwiesen. Ich kann mich nun ja wohl fragen: Welche räumlichzeitlichen Vorgänge spielen sich in diesem Dinge ab, während es mir als mit der roten Farbe behaftet erscheint? Es wird sich mir dann zeigen, daß mechanische, chemische oder andere Vorgänge als Antwort auf meine Frage sich darbieten. Nun kann ich weitergehen und die Vorgänge untersuchen, die sich auf dem Wege von jenem Dinge bis zu meinem Sinnesorgane vollzogen haben, um die Empfindung der roten Farbe für mich zu vermitteln. Da können sich mir nun doch auch wieder nichts anderes als Bewegungsvorgänge oder elektrische Ströme oder chemische Veränderungen als solche Vermittler darstellen. Das gleiche Resultat müßte sich mir ergeben, wenn ich die weitere Vermittlung vom Sinnesorgane bis zur Zentralstelle im Gehirne untersuchen könnte. Ws auf diesem ganzen Wege vermittelt wird, das ist die in Rede stehende Wahrnehmung des Rot. Wie sich diese Wahrnehmung in einem bestimmten Dinge, das auf dem Wege von der Erregung bis zur Wahrnehmung liegt, darstellt, das hängt lediglich von der Natur dieses Dinges ab. Die Empfindung ist an jedem Orte vorhanden, vom Erreger bis zum Gehirne, aber nicht als solche, nicht expliziert, sondern so, wie es der Natur des Gegenstandes entspricht, der an jenem Orte sich befindet.

[ 13 ] Let us examine the facts quite objectively. Let us assume that a certain sensation arises in our consciousness. It then arises in such a way that it refers us to some object from which it originates. If I have the sensation of red, then—by virtue of the content of this representation—I generally associate with it at the same time a specific spatial reference, that is, a location in space or the surface of an object to which I attribute what this sensation expresses. This is not the case, however, when, due to an external influence, the sense organ itself responds in its own characteristic way—as when I experience a sensation of light upon being struck in the eye. Let us set aside these cases, in which, incidentally, sensations never occur with their usual specificity. After all, as exceptional cases, they cannot teach us anything about the nature of things. If I have the sensation of red with a specific spatial location, I am first directed to some object in the external world as the bearer of this sensation. I can now well ask myself: What spatiotemporal processes are taking place in this object while it appears to me as endowed with the color red? It will then become clear to me that mechanical, chemical, or other processes present themselves as the answer to my question. Now I can go further and examine the processes that took place on the path from that object to my sensory organs in order to convey the sensation of the color red to me. Once again, nothing other than processes of motion, electrical currents, or chemical changes can present themselves to me as such mediators. I would arrive at the same result if I could investigate the further mediation from the sense organ to the central region of the brain. What is mediated along this entire path is the perception of red in question. How this perception manifests itself in a particular object that lies along the path from the stimulus to perception depends solely on the nature of that object. The sensation is present at every point along the way, from the stimulus to the brain, but not as such, not explicitly, rather in a form that corresponds to the nature of the object located at that point.

[ 14 ] Daraus ergibt sich aber eine Wahrheit, die geeignet ist, Licht zu verbreiten über die gesamte theoretische Grundlage der Physik und Physiologie. Was erfahre ich aus der Untersuchung eines Dinges, das von einem Prozesse, der in meinem Bewußtsein als Empfindung auftritt, ergriffen wird? Ich erfahre nicht mehr als die Art und Weise, wie jenes Ding auf die Aktion, die von der Empfindung ausgeht, antwortet, oder mit anderen Worten: wie sich eine Empfindung in irgendeinem Gegenstande der räumlichzeitlichen Welt auslebt. Weit entfernt, daß ein solcher räumlichzeitlicher Vorgang die Ursache ist, der in mir die Empfindung auslöst, ist vielmehr das ganz andere richtig: der räumlichzeitliche Vorgang ist die Wirkung der Empfindung in einem räumlichzeitlich ausgedehnten Dinge. Ich könnte noch beliebig viele Dinge einschalten auf dem Wege von dem Erreger bis zu dem Wahrnehmungsorgane: in jedem wird hierbei nur dasjenige vorgehen, was in ihm vermöge seiner Natur vorgehen kann. Deshalb bleibt aber doch die Empfindung dasjenige, was sich in allen diesen Vorgängen auslebt..

[ 14 ] This, however, yields a truth that is capable of shedding light on the entire theoretical foundation of physics and physiology. What do I learn from the examination of a thing that is affected by a process which appears in my consciousness as a sensation? I learn nothing more than the manner in which that thing responds to the action emanating from the sensation—or, in other words, how a sensation manifests itself in some object of the spatiotemporal world. Far from such a spatiotemporal process being the cause that triggers the sensation within me, the exact opposite is true: the spatiotemporal process is the effect of the sensation in a spatiotemporally extended object. I could insert any number of things along the path from the stimulus to the organ of perception: in each of them, only that which can occur by virtue of its nature will occur. Nevertheless, the sensation remains that which manifests itself in all these processes..

[ 15 ] Man hat also in den longitudinalen Schwingungen der Luft bei der Schallvermittlung oder in den hypothetischen Oszillationen des Äthers bei der Vermittlung des Lichtes nichts anderes zu sehen als die Art und Weise, wie die betreffenden Empfindungen in einem Medium auftreten können, das seiner Natur nach nur der Verdünnung und Verdichtung beziehungsweise der schwingenden Bewegung fähig ist. Die Empfindung als solche kann ich in dieser Welt nicht finden, weil sie einfach nicht da sein kann. In jenen Vorgängen habe ich aber durchaus nicht das Objektive der Empfindungsvorgänge gegeben, sondern eine Form ihres Auftretens..

[ 15 ] Thus, in the longitudinal vibrations of the air during the transmission of sound, or in the hypothetical oscillations of the ether during the transmission of light, one must see nothing other than the manner in which the sensations in question can occur in a medium that, by its very nature, is capable only of rarefaction and compression, or of oscillatory motion. I cannot find sensation as such in this world, because it simply cannot exist there. However, in those processes I have by no means presented the objective reality of sensory processes, but rather a form of their manifestation.

[ 16 ] Und fragen wir uns nun: Welcher Art sind denn jene vermittelnden Vorgänge selbst? Untersuchen wir sie denn mit anderen Mitteln als mit Hilfe unserer Sinne? Ja, kann ich denn meine Sinne selbst mit anderen Mitteln als nur wieder mit eben diesen Sinnen untersuchen? Ist die peripherische Nervenendung, sind die Windungen des Gehirnes durch etwas anderes gegeben denn durch Sinneswahrnehmung? All das ist gleich subjektiv und gleich objektiv, wenn diese Unterscheidung überhaupt als berechtigt angenommen werden könnte. Jetzt können wir die Sache noch genauer fassen. Indem wir die Wahrnehmung von ihrer Erregung bis zu dem Wahrnehmungsorgane verfolgen, untersuchen wir nichts anderes als den fortwährenden Übergang von einer Wahrnehmung zur andern. Das «Rot» liegt uns vor als dasjenige, um dessen willen wir überhaupt die ganze Untersuchung anstellen. Es weist uns auf seinen Erreger. In diesem beobachten wir andere Empfindungen als mit jenem Rot zusammenhängend. Es sind Bewegungsvorgänge. Dieselben treten dann als weitere Bewegungsvorgänge zwischen dem Erreger und dem Sinnesorgane auf usw. Alles dieses aber sind gleichfalls wahrgenommene Empfindungen. Und sie stellen nichts weiter dar als eine Metamorphose von Vorgängen, die, soweit sie überhaupt für die sinnliche Beobachtung in Betracht kommen, sich ganz restlos in Wahrnehmungen auflösen..

[ 16 ] And let us now ask ourselves: What, then, is the nature of these mediating processes themselves? Do we examine them by any means other than through our senses? Indeed, can I examine my senses themselves by any means other than through these very same senses? Are the peripheral nerve endings and the convolutions of the brain given by anything other than sensory perception? All of this is equally subjective and equally objective, if this distinction could even be considered valid. Now we can grasp the matter even more precisely. By tracing perception from its stimulus to the sensory organ, we are examining nothing other than the continuous transition from one perception to another. “Red” presents itself to us as the very thing for which we are conducting this entire investigation in the first place. It points us to its stimulus. In this stimulus, we observe other sensations associated with that red. These are processes of movement. They then occur as further processes of movement between the stimulus and the sense organ, and so on. All of these, however, are likewise perceived sensations. And they represent nothing more than a metamorphosis of processes which, insofar as they are at all relevant to sensory observation, dissolve entirely into perceptions..

[ 17 ] Die wahrgenommene Welt ist also nichts anderes als eine Summe von metamorphosierten Wahrnehmungen..

[ 17 ] The perceived world is therefore nothing more than a sum of transformed perceptions..

[ 18 ] Wir mußten der Bequemlichkeit halber uns ein er Ausdrucksweise bedienen, die mit dem gegenwärtigen Resultate nicht vollständig in Einklang zu bringen ist. Wir sagten, jedes in den Zwischenraum zwischen Erreger und Wahrnehmungsorgan eingeschaltete Ding bringe eine Empfindung in der Weise zum Ausdrucke, wie es seiner Natur gemäß ist. Streng genommen ist ja das Ding nichts weiter als die Summe jener Vorgänge, als welche es auftritt.

[ 18 ] For the sake of convenience, we had to use a mode of expression that cannot be fully reconciled with the present result. We said that every thing interposed in the space between the stimulus and the organ of perception expresses a sensation in a manner consistent with its nature. Strictly speaking, the thing is nothing more than the sum of those processes as which it appears.

[ 19 ] Man wird uns nun entgegnen: mit dieser unserer Schlußweise schaffen wir alles Dauernde im fortlaufenden Weltprozesse hinweg, wir machen wie Heraklit den Fluß der Dinge, in dem nichts bestehen bleibt, zum alleinigen Weltprinzipe. Es müsse hinter den Erscheinungen ein «Ding an sich», hinter der Welt der Veränderungen eine «dauernde Materie» geben. Wir wollen denn doch einmal genauer untersuchen, was es denn eigentlich mit dieser «dauernden Materie», mit dieser «Dauer im Wechsel» überhaupt für eine Bewandtnis habe..

[ 19 ] One might now object: with this line of reasoning, we do away with everything enduring in the ongoing process of the world; like Heraclitus, we make the flow of things—in which nothing remains the same—the sole principle of the world. There must be a “thing-in-itself” behind phenomena, a “permanent matter” behind the world of change. Let us therefore examine more closely what this “permanent matter,” this “permanence in change,” is actually all about...

[ 20 ] Wenn ich mein Auge einer roten Fläche gegenüberstelle, so tritt die Empfindung des Rot in meinem Bewußtsein auf. Wir haben nun an dieser Empfindung Anfang, Dauer und Ende zu unterscheiden. Der vorübergehenden Empfindung soll nun ein dauernder objektiver Vorgang gegenüberstehen, der als solcher wieder objektiv in der Zeit begrenzt ist, d. h. Anfang, Dauer und Ende hat. Dieser Vorgang aber soll an einer Materie vor sich gehen, die anfang- und endlos, d. i. unzerstörbar, ewig ist. Diese soll das eigentlich Dauernde im Wechsel der Prozesse sein. Die Schlußfolgerung hätte vielleicht einige Berechtigung, wenn der Zeitbegriff in der obigen Weise richtig auf die Empfindung angewendet wäre. Aber müssen wir denn nicht streng unterscheiden zwischen dem Inhalte der Empfindung und dem Auftreten derselben? In meiner Wahrnehmung sind freilich beide ein und dasselbe; denn es muß doch der Inhalt der Empfindung in derselben anwesend sein, sonst käme sie für mich ja gar nicht in Betracht. Aber ist es für diesen Inhalt, rein als solchen genommen, nicht ganz gleichgültig, daß er jetzt in diesem Zeitmomente gerade in mein Bewußtsein ein- und nach so und so viel Sekunden aus demselben wieder austritt? Das, was den Inhalt der Empfindung, d. i. dasjenige, was allein objektiv in Betracht kommt, ausmacht, ist davon ganz unabhängig. Nun kann aber das doch nicht für eine wesentliche Bedingung des Bestandes einer Sache angesehen werden, was für deren Inhalt ganz gleichgültig ist..

[ 20 ] When I direct my gaze toward a red surface, the sensation of red arises in my consciousness. We must now distinguish between the beginning, duration, and end of this sensation. This transient sensation must now be contrasted with a lasting objective process, which as such is again objectively limited in time—that is, has a beginning, duration, and end. This process, however, is said to take place in a substance that is without beginning or end—that is, indestructible and eternal. This substance is said to be the truly enduring element amidst the succession of processes. The conclusion might perhaps have some justification if the concept of time were correctly applied to sensation in the manner described above. But must we not strictly distinguish between the content of sensation and its occurrence? In my perception, of course, both are one and the same; for the content of sensation must surely be present within it, otherwise it would not even come into consideration for me. But is it not entirely irrelevant to this content, taken purely as such, that it now enters my consciousness at this very moment in time and, after so many seconds, exits it again? That which constitutes the content of sensation—that is, that which alone is objectively relevant—is entirely independent of this. Now, however, the cannot be regarded as an essential condition for the existence of a thing, since it is entirely irrelevant to its content..

[ 21 ] Aber auch für einen objektiven Prozeß, der Anfang und Ende hat, ist unsere Anwendung des Zeitbegriffes nicht richtig. Wenn an einem bestimmten Dinge eine neue Eigenschaft auftaucht, sich während einiger Zeit in verschiedenen Entwicklungszuständen erhält und dann wieder verschwindet, so müssen wir auch hier den Inhalt dieser Eigenschaft als das Wesentliche ansehen. Und dieses hat als solches absolut nichts zu tun mit den Begriffen Anfang, Dauer und Ende. Unter dem Wesentlichen verstehen wir hier das, wodurch ein Ding eigentlich gerade das ist, als was es sich darstellt. Nicht daß etwas in einem bestimmten Zeitmomente auftaucht, sondern was auftaucht, darauf kommt es an. Die Summe aller dieser mit dem «Was» ausgedrückten Bestimmungen macht den Inhalt der Welt aus. Nun lebt sich dieses «Was» aber in den mannigfaltigsten Bestimmungen, in den verschiedenartigsten Gestalten aus. Alle diese Gestalten sind in Beziehung zueinander, sie bedingen sich gegenseitig. Dadurch treten sie in das Verhältnis des Auseinander nach Raum und Zeit. Aber nur einer ganz verfehlten Auffassung des Zeitbegriffes verdankt der Begriff der Materie seine Entstehung. Man glaubt die Welt zum wesenlosen Schein zu verflüchtigen, wenn man der veränderlichen Summe der Geschehnisse nicht ein in der Zeit Beharrendes, ein Unveränderliches untergelegt dächte, das bleibt, während seine Bestimmungen wechseln. Aber die Zeit ist ja nicht ein Gefäß, in dem die Veränderungen sich abspielen; sie ist nicht vor den Dingen und außerhalb derselben da. Die Zeit ist der sinnenfällige Ausdruck für den Umstand, daß die Tatsachen ihrem Inhalte nach voneinander in einer Folge abhängig sind. Nehmen wir an, wir hätten es mit dem wahrzunehmenden Tatsachenkomplex a1 b1 c1 d1 e1 zu tun. Von diesem hängt mit innerer Notwendigkeit der andere Komplex a2 b2 c2 d2 e2 ab; ich sehe den Inhalt dieses letzteren ein, wenn ich ihn ideell aus dem ersteren hervorgehen lasse. Nun nehmen wir an, beide Komplexe treten in die Erscheinung. Denn was wir früher besprochen haben, ist das ganz unzeitliche und unräumliche Wesen dieser Komplexe. Wenn a2 b2 c2 d2 e2. in der Erscheinung auftreten soll, dann muß a1 b1 c1 d1 e1 ebenfalls Erscheinung sein, und zwar so, daß nun a2 b2 c2 d2 e2 auch in seiner Abhängigkeit davon erscheint. D. h. die Erscheinung a1 b1 c1 d1 e1 muß da sein, der Erscheinung a2 b2 c2 d2 e2 Platz machen, worauf diese letztere auftritt. Hier sehen wir, daß die Zeit erst da auftritt, wo das Wesen einer Sache in die Erscheinung tritt. Die Zeit gehört der Erscheinungswelt an. Sie hat mit dem Wesen selbst noch nichts zu tun. Dieses Wesen ist nur ideell zu erfassen. Nur wer diesen Rückgang von der Erscheinung zum Wesen in seinen Gedankengängen nicht vollziehen kann, der hypostasiert die Zeit als ein den Tatsachen Vorhergehendes. Dann braucht er aber ein Dasein, welches die Veränderungen überdauert. Als solches faßt er die unzerstörbare Materie auf. Damit hat er sich ein Ding geschaffen, dem die Zeit nichts anhaben soll, ein in allem Wechsel Beharrendes. Eigentlich aber hat er nur sein Unvermögen gezeigt, von der zeitlichen Erscheinung der Tatsachen zu ihrem Wesen vorzudringen, das mit der Zeit nichts zu tun hat. Kann ich denn von dem Wesen einer Tatsache sagen: es entsteht oder vergeht? Ich kann nur sagen, daß ihr Inhalt einen andern bedingt, und daß dann diese Bedingung als Zeitenfolge erscheint. Das Wesen einer Sache kann nicht zerstört werden; denn es ist außer aller Zeit und bedingt selbst die letztere. Damit haben wir zugleich eine Beleuchtung auf zwei Begriffe geworfen, für die noch wenig Verständnis zu finden ist, auf Wesen und Erscheinung. Wer die Sache in unserer Weise richtig auffaßt, der kann nach einem Beweis von der Unzerstörbarkeit des Wesens einer Sache nicht suchen, weil die Zerstörung den Zeitbegriff in sich schließt, der mit dem Wesen nichts zu tun hat.

[ 21 ] But even for an objective process that has a beginning and an end, our use of the concept of time is not correct. If a new property appears in a particular thing, persists for some time in various stages of development, and then disappears again, we must regard the content of this property as the essential aspect. And this, as such, has absolutely nothing to do with the concepts of beginning, duration, and end. By “essential,” we mean here that which makes a thing actually be precisely what it appears to be. It is not that something appears at a specific moment in time, but what appears—that is what matters. The sum of all these determinations expressed by the “what” constitutes the content of the world. Now, however, this “what” manifests itself in the most manifold determinations, in the most diverse forms. All these forms are related to one another; they are mutually dependent. Through this, they enter into a relationship of separation in space and time. But the concept of matter owes its origin solely to a completely mistaken understanding of the concept of time. People believe they can reduce the world to an insubstantial illusion if they do not assume that underlying the ever-changing sum of events there is something that persists in time—something unchanging that remains while its manifestations change. But time is not, after all, a vessel in which changes take place; it does not exist before things and outside of them. Time is the sensory expression of the fact that events, in terms of their content, are dependent on one another in a sequence. Let us assume we are dealing with the perceptible complex of facts a1 b1 c1 d1 e1. The other complex, a2 b2 c2 d2 e2, depends on this one with internal necessity; I grasp the content of the latter when I allow it to emerge conceptually from the former. Now let us assume that both complexes appear in reality. For what we discussed earlier is the entirely timeless and spaceless nature of these complexes. If a2 b2 c2 d2 e2 is to appear in reality, then a1 b1 c1 d1 e1 must likewise be reality, and in such a way that a2 b2 c2 d2 e2 now also appears in its dependence on them. That is to say, the appearance a1 b1 c1 d1 e1 must be present to make way for the appearance a2 b2 c2 d2 e2, whereupon the latter appears. Here we see that time only comes into play when the essence of a thing enters into appearance . Time belongs to the world of phenomena. It has nothing to do with essence itself. This essence can be grasped only ideally. Only those who cannot make this transition from phenomenon to essence in their thought processes hypostasize time as something preceding the facts. But then they need an existence that outlasts changes. As such, they conceive of indestructible matter. In doing so, they have created for themselves a thing that time cannot affect—something that persists amid all change. In reality, however, they have merely demonstrated their inability to penetrate from the temporal appearance of facts to their essence, which has nothing to do with time. Can I, then, say of the essence of a fact that it comes into being or ceases to be? I can only say that its content conditions another, and that this condition then appears as a succession of time. The essence of a thing cannot be destroyed; for it is beyond all time and itself conditions the latter. In doing so, we have simultaneously shed light on two concepts for which little understanding is yet to be found: essence and appearance. Whoever correctly grasps the matter in our way need not seek proof of the indestructibility of a thing’s essence, because destruction implies the concept of time, which has nothing to do with essence.

[ 22 ] Nach diesen Ausführungen können wir sagen: Das sinnenfällige Weltbild ist die Summe sich metamorphosierender Wahrnehmungsinhalte ohne eine zugrunde liegende Materie..

[ 22 ] Based on these remarks, we can say: The sensory worldview is the sum of metamorphosing perceptual contents without any underlying matter..

[ 23 ] Unsere Bemerkungen haben uns aber noch etwas anderes gezeigt. Wir haben gesehen, daß wir nicht von einem subjektiven Charakter der Wahrnehmungen sprechen können. Wir können, wenn wir eine Wahrnehmung haben, die Vorgänge von dem Erreger an bis zu unserem Zentralorgan verfolgen: nirgends wird hier ein Punkt zu finden sein, wo der Sprung von der Objektivität des Nicht-Wahrgenommenen zur Subjektivität der Wahrnehmung nachzuweisen wäre. Damit ist der subjektive Charakter der Wahrnehmungswelt widerlegt. Die Welt der Wahrnehmung steht als auf sich begründeter Inhalt da, der mit Subjekt und Objekt vorläufig noch gar nichts zu tun hat..

[ 23 ] Our observations, however, have shown us something else as well. We have seen that we cannot speak of a subjective character of perceptions. When we have a perception, we can trace the processes from the stimulus all the way to our central organ: nowhere here will we find a point where the leap from the objectivity of the unperceived to the subjectivity of perception can be demonstrated. This refutes the subjective character of the world of perception. The world of perception stands as a self-grounded content that, for the time being, has nothing at all to do with subject or object.

[ 24 ] Mit der obigen Ausführung ist natürlich nur jener Begriff der Materie getroffen, den die Physik ihren Betrachtungen zugrunde legt und den sie mit dem alten, ebenfalls unrichtigen Substanzbegriff der Metaphysik identifiziert. Etwas anderes ist die Materie als das den Erscheinungen zugrunde liegende eigentlich Reale, etwas anderes die Materie als Phänomen, als Erscheinung. Auf den ersteren Begriff allein geht unsere Betrachtung. Der letztere wird durch sie nicht berührt. Denn wenn ich das den Raum Erfüllende «Materie» nenne, so ist das bloß ein Wort für ein Phänomen, dem keine höhere Realität als anderen Phänomenen zugeschrieben wird. Ich muß mir dabei nur diesen Charakter der Materie stets gegenwärtig halten..

[ 24 ] The above discussion, of course, applies only to that concept of matter on which physics bases its considerations and which it identifies with the old, equally incorrect concept of substance in metaphysics. Matter, as the truly real underlying phenomena, is one thing; matter as a phenomenon, as an appearance, is another. Our discussion focuses solely on the former concept. The latter is not addressed here. For when I call that which fills space “matter,” this is merely a word for a phenomenon to which no greater reality is ascribed than to other phenomena. I must simply keep this character of matter constantly in mind.

[ 25 ] Die Welt dessen, was sich uns als Wahrnehmungen darstellt, d. h. Ausgedehntes, Bewegung, Ruhe, Kraft, Licht, Wärme, Farbe, Ton, Elektrizität usw.., das ist das Objekt aller Wissenschaft..

[ 25 ] The world of what presents itself to us as perceptions—that is, extension, motion, rest, force, light, heat, color, sound, electricity, etc.—is the object of all science..

[ 26 ] Wäre nun das wahrgenommene Weltbild ein solches, daß es so, wie es für unsere Sinne vor uns auftritt, sich ungetrübt seiner Wesenheit nach auslebte, mit anderen Worten, wäre alles, was in der Erscheinung auftritt, ein vollkommener, durch nichts gestörter Abdruck der inneren Wesenheit der Dinge, dann wäre Wissenschaft die unnötigste Sache von der Welt. Denn die Aufgabe der Erkenntnis wäre schon in der Wahrnehmung voll und restlos erfüllt. Ja, wir könnten dann überhaupt gar nicht zwischen Wesen und Erscheinung unterscheiden. Beides fiele als identisch völlig zusammen..

[ 26 ] If the perceived worldview were such that, just as it appears before our senses, it fully manifested its essence without distortion—in other words, if everything that appears in phenomenon were a perfect, undisturbed reflection of the inner essence of things—then science would be the most unnecessary thing in the world. For the task of cognition would already be fully and completely fulfilled in perception. Indeed, we would then be unable to distinguish at all between essence and appearance. The two would coincide entirely as identical.

[ 27 ] Das ist aber nicht der Fall. Nehmen wir an, das in der Tatsachenwelt enthaltene Element A stehe in einem gewissen Zusammenhang mit dem Element B. Beide Elemente sind natürlich nach unseren Ausführungen nichts weiter als Phänomene. Der Zusammenhang kommt wieder als Phänomen zur Erscheinung. Dieses Phänomen wollen wir C nennen. Was wir nun innerhalb der Tatsachenwelt feststellen können, ist das Verhältnis von A, B und C. Nun aber bestehen neben A, B und C in der wahrnehmbaren Welt noch unendlich viele solcher Elemente. Nehmen wir ein beliebiges viertes, D; es trete hinzu, und es wird sogleich alles sich als modifiziert darstellen. Statt daß A, im Verein mit B, C im Gefolge hat, wird durch das Hinzutreten von D ein wesentlich anderes Phänomen E auftreten..

[ 27 ] However, that is not the case. Let us assume that element A, which is contained in the world of facts, is related in some way to element B. According to our discussion, both elements are, of course, nothing more than phenomena. This connection again appears as a phenomenon. Let us call this phenomenon C. What we can now observe within the world of facts is the relationship between A, B, and C. However, in addition to A, B, and C, there are an infinite number of such elements in the perceptible world. Let us take any fourth element, D; let it be added, and everything will immediately appear to be modified. Instead of A, in conjunction with B, being accompanied by C, the addition of D will give rise to a fundamentally different phenomenon, E..

[ 28 ] Hierauf kommt es an. Wenn wir einem Phänomen gegenübertreten, so sehen wir es mannigfach bedingt. Wir müssen alle Beziehungen suchen, wenn wir das Phänomen verstehen sollen. Nun sind diese Beziehungen aber verschiedene, nähere und fernere. Daß mir ein Phänomen E gegenübertrete, daran sind andere Phänomene in näherer oder fernerer Beziehung die Veranlassung. Einige sind unbedingt notwendig, um überhaupt ein derartiges Phänomen entstehen zu lassen, andere hinderten wohl nicht, wenn sie abwesend wären, daß ein so geartetes Phänomen entstehe; aber sie bedingen, daß es gerade so entstehe. Daraus ersehen wir, daß wir zwischen notwendigen und zufälligen Bedingungen einer Erscheinung unterscheiden müssen. Phänomene nun, die so entstehen, daß dabei nur die notwendigen Bedingungen mitwirken, können wir ursprüngliche, die anderen abgeleitete nennen. Wenn wir die ursprünglichen Phänomene aus ihren Bedingungen verstehen, dann können wir durch Hinzusetzung von neuen Bedingungen die abgeleiteten ebenfalls verstehen..

[ 28 ] This is what matters. When we encounter a phenomenon, we see it as being conditioned in many ways. We must seek out all these relationships if we are to understand the phenomenon. Now, these relationships vary—some are closer, others more distant. The fact that I am confronted with a phenomenon E is caused by other phenomena that are in closer or more distant relationships to it. Some are absolutely necessary for such a phenomenon to arise at all; others, were they absent, would not prevent a phenomenon of this kind from arising, but they determine that it arise precisely in this way. From this we see that we must distinguish between necessary and contingent conditions of a phenomenon. Now, phenomena that arise in such a way that only the necessary conditions are involved can be called original, while the others can be called derived . If we understand the original phenomena from their conditions, then we can also understand the derived phenomena by adding new conditions.

[ 29 ] Hier wird uns die Aufgabe der Wissenschaft klar. Sie hat durch die phänomenale Welt so weit durchzudringen, daß sie Erscheinungen aufsucht, die nur von notwendigen Bedingungen abhängig sind. Und der sprachlich-begriffliche Ausdruck für solche notwendige Zusammenhänge sind die Naturgesetze..

[ 29 ] Here, the task of science becomes clear to us. It must penetrate the phenomenal world to such an extent that it seeks out phenomena that depend solely on necessary conditions. And the linguistic and conceptual expression for such necessary relationships is the laws of nature.

[ 30 ] Wenn man einer Sphäre von Erscheinungen gegenübertritt, dann hat man also, sobald man über die bloße Beschreibung und Registrierung hinaus ist, zunächst diejenigen Elemente festzustellen, die einander notwendig bedingen und sie als Urphänomene hinzustellen. Dazu hat man dann jene Bedingungen zu setzen, welche schon in einem entfernteren Bezug zu jenen Elementen stehen, um zu sehen, wie sie jene ursprünglichen Phänomene modifizieren.

[ 30 ] When one encounters a sphere of phenomena, then—once one has moved beyond mere description and recording—one must first identify those elements that are necessarily interdependent and treat them as primary phenomena. To do this, one must then establish those conditions that stand in a more remote relation to those elements, in order to see how they modify those original phenomena.

[ 31 ] Dies ist das Verhältnis der Wissenschaft zur Erscheinungswelt: in letzterer treten die Phänomene durchaus als abgeleitete auf, sie sind deshalb von vornherein unverständlich; in jener treten die Urphänomene an die Spitze und die abgeleiteten als Folge auf, wodurch der ganze Zusammenhang verständlich wird. Das System der Wissenschaft unterscheidet sich von dem System der Natur dadurch, daß in jenem der Zusammenhang der Erscheinungen vom Verstande hergestellt und dadurch verständlich gemacht wird. Die Wissenschaft hat nie und nimmer etwas zur Erscheinungswelt hinzuzubringen, sondern nur die verhüllten Bezüge derselben bloßzulegen. Aller Verstandesgebrauch darf sich nur auf die letztere Arbeit beschränken. Durch Zurückgehen auf ein Nicht-Erscheinendes, um die Erscheinungen zu erklären, überschreitet der Verstand und alles wissenschaftliche Treiben ihre Befugnis..

[ 31 ] This is the relationship between science and the world of phenomena: in the latter, phenomena appear entirely as derived phenomena; they are therefore incomprehensible from the outset; in the former, the original phenomena take precedence and the derived phenomena follow, thereby making the entire context understandable. The system of science differs from the system of nature in that, in the former, the connection between phenomena is established by the intellect and thereby made intelligible. Science never has anything to add to the world of phenomena, but only to uncover its veiled connections. All use of reason must be limited to this latter task. By resorting to a non-phenomenal reality to explain phenomena, reason and all scientific activity overstep their authority..

[ 32 ] Nur wer die unbedingte Richtigkeit dieser unserer Ableitungen einsieht, kann Goethes Farbenlehre verstehen. Nachzudenken darüber, was eine Wahrnehmung wie z. B. das Licht, die Farbe sonst noch sei, außer der Wesenheit, als welche sie auftreten, das lag Goethe ganz fern. Denn er kannte jene Befugnis des verständigen Denkens. Ihm war das Licht als Empfindung gegeben. Wenn er nun den Zusammenhang zwischen Licht und Farbe erklären wollte, so konnte das nicht durch eine Spekulation geschehen, sondern nur durch ein Urphänomen, indem er die notwendige Bedingung aufsuchte, die zum Lichte hinzutreten muß, um die Farbe entstehen zu lassen. Newton sah auch die Farbe in Verbindung mit dem Lichte auftreten, aber er dachte nun spekulativ nach: Wie entsteht die Farbe aus dem Lichte. Das lag in seiner spekulativen Denkweise; in Goethes gegenständlicher und richtig sich selbst verstehender Denkweise lag das nicht. Deshalb mußte ihm Newtons Annahme: «Das Licht ist aus farbigen Lichtern zusammengesetzt» als Ergebnis unrichtiger Spekulation erscheinen. Er hielt sich nur berechtigt, über den Zusammenhang von Licht und Farbe unter Hinzutritt einer Bedingung etwas auszusagen, nicht aber über das Licht selbst durch Hinzuziehung eines spekulativen Begriffes. Daher sein Satz: «Das Licht ist das einfachste, unzerlegteste, homogenste Wesen, das wir kennen. Es ist nicht zusammengesetzt..» Alle Aussagen über Zusammensetzung des Lichtes sind ja nur Aussagen des Verstandes über ein Phänomen. Die Befugnis des Verstandes erstreckt sich aber nur auf Aussagen über den Zusammenhang von Phänomenen..

[ 32 ] Only those who recognize the absolute correctness of our deductions can understand Goethe’s Theory of Colors. It was entirely foreign to Goethe to ponder what a perception—such as light or color—might be, apart from the essence as which it appears. For he was aware of the power of rational thought. Light was given to him as a sensation. When he sought to explain the connection between light and color, he could not do so through speculation, but only through a primordial phenomenon, by seeking out the necessary condition that must accompany light in order for color to arise. Newton, too, saw color arise in connection with light, but he then engaged in speculative reasoning: How does color arise from light? That was characteristic of his speculative way of thinking; it was not characteristic of Goethe’s concrete and self-consistent way of thinking. Therefore, Newton’s assumption—“Light is composed of colored lights”—must have appeared to him as the result of incorrect speculation. He considered himself justified in making statements only about the relationship between light and color under certain conditions, but not about light itself by invoking a speculative concept. Hence his statement: “Light is the simplest, most indivisible, and most homogeneous entity we know. It is not composite.” All statements about the composition of light are, after all, merely statements of the understanding regarding a phenomenon. The authority of the understanding, however, extends only to statements about the relationship between phenomena.

[ 33 ] Hiermit ist der tiefere Grund bloßgelegt, warum Goethe, als er durchs Prisma sah, nicht zu der Theorie Newtons sich bekennen konnte. Das Prisma hätte die erste Bedingung sein müssen für das Zustandekommen der Farbe. Es erwies sich aber eine andere Bedingung, die Anwesenheit eines Dunkeln, als ursprünglicher zur Entstehung derselben; das Prisma erst als zweite Bedingung.

[ 33 ] This reveals the deeper reason why Goethe, when he looked through the prism, could not endorse Newton’s theory. The prism would have had to be the first condition for the production of color. However, another condition—the presence of darkness—proved to be more fundamental to its production; the prism was only the second condition.

[ 34 ] Mit diesen Auseinandersetzungen glaube ich für den Leser der Goetheschen Farbenlehre alle Hindernisse beseitigt zu haben, die den Weg zu diesem Werke verlegen..

[ 34 ] With these discussions, I believe I have removed all obstacles for readers of Goethe’s Theory of Colors that might stand in the way of engaging with this work..

[ 35 ] Hätte man nicht immerfort diese Differenz der beiden Farbentheorien in zwei einander widersprechenden Auslegungsarten gesucht, die man einfach nach ihrer Berechtigung dann untersuchen wollte, so wäre die Goethesche Farbenlehre längst in ihrer hohen wissenschaftlichen Bedeutung gewürdigt. Nur wer ganz erfüllt ist von so grundfalschen Vorstellungen, wie diese ist, daß man von den Wahrnehmungen durch verständiges Nachdenken zurückgehen müsse auf die Ursache der Wahrnehmungen, der kann die Frage noch in der Weise aufwerfen, wie es die heutige Physik tut. Wer sich aber wirklich klar darüber geworden ist, daß Erklären der Erscheinungen nichts anderes heißt, als dieselben in einem von dem Verstande hergestellten Zusammenhange beobachten, der muß die Goethesche Farbenlehre im Prinzipe akzeptieren. Denn sie ist die Folge einer richtigen Anschauungsweise über das Verhältnis unseres Denkens zur Natur. Newton hatte diese Anschauungsweise nicht. Es fällt mir natürlich nicht ein, alle Einzelheiten der Goetheschen Farbenlehre verteidigen zu wollen. Was ich aufrecht erhalten wissen will, ist nur das Prinzip. Aber es kann auch hier nicht meine Aufgabe sein, die zu Goethes Zeit noch unbekannten Erscheinungen der Farbenlehre aus seinem Prinzipe abzuleiten. Sollte ich dereinst das Glück haben, Muße und Mittel zu besitzen, um eine Farbenlehre im Goetheschen Sinne ganz auf der Höhe der modernen Errungenschaften der Naturwissenschaft zu schreiben, so wäre in einer solchen allein die angedeutete Aufgabe zu lösen. Ich würde das als zu meinen schönsten Lebensaufgaben gehörig betrachten. Diese Einleitung konnte sich allein auf die wissenschaftlich strenge Rechtfertigung von Goethes Denkweise in der Farbenlehre erstrecken. In dem Folgenden soll nun auch noch ein Licht auf den inneren Bau derselben geworfen werden.

[ 35 ] Had one not constantly sought this difference between the two theories of color in two contradictory interpretations—which one then simply wished to examine for their validity—Goethe’s theory of color would long ago have been recognized for its great scientific significance. Only someone who is completely imbued with such fundamentally false notions—such as the idea that one must, through rational reflection, trace perceptions back to their cause—can still pose the question in the manner that contemporary physics does. But anyone who has truly come to realize that explaining phenomena means nothing other than observing them in a context established by the intellect must accept Goethe’s theory of colors in principle . For it is the result of a correct perspective on the relationship between our thinking and nature. Newton did not possess this perspective. Of course, it would not occur to me to defend every detail of Goethe’s theory of colors. What I wish to uphold is only the principle. But even here, it cannot be my task to derive from his principle those phenomena of color theory that were still unknown in Goethe’s time. Should I one day have the good fortune to possess the leisure and resources to write a theory of color in the Goethean sense that is fully in line with the modern achievements of natural science, then the task I have outlined here would be solved in such a work alone. I would consider this to be one of the most beautiful tasks of my life. This introduction could only cover the scientifically rigorous justification of Goethe’s way of thinking in the theory of colors. In what follows, light will now also be shed on its internal structure.

3. Das System der Naturwissenschaft

3. The System of Natural Science

[ 36 ] Es könnte leicht erscheinen, als ob wir mit unseren Untersuchungen, die dem Denken nur eine auf die Zusammenfassung der Wahrnehmungen abzielende Befugnis zugestehen, die selbständige Bedeutung der Begriffe und Ideen, für die wir uns erst so energisch eingesetzt haben, nun selbst in Frage stellen.

[ 36 ] It might easily seem as though, with our investigations—which attribute to thought only the capacity to synthesize perceptions—we are now calling into question the independent significance of the concepts and ideas for which we have so vigorously advocated.

[ 37 ] Nur eine ungenügende Auslegung dieser Untersuchung kann zu dieser Ansicht führen.

[ 37 ] Only an inadequate interpretation of this study can lead to this view.

[ 38 ] Was erzielt das Denken, wenn es den Zusammenhang der Wahrnehmungen vollzieht?

[ 38 ] What does thought accomplish when it establishes the connection between perceptions?

[ 39 ] Betrachten wir zwei Wahrnehmungen A und B. Diese sind uns zunächst als begriffsfreie Entitäten gegeben. Die Qualitäten, die meiner Sinneswahrnehmung gegeben sind, kann ich durch kein begriffliches Nachdenken in etwas anderes verwandeln. Ich kann auch keine gedankliche Qualität finden, durch die ich dasjenige, was in der sinnenfälligen Wirklichkeit gegeben ist, konstruieren könnte, wenn mir die Wahrnehmung mangelte. Ich kann nie einem Rotblinden eine Vorstellung der Qualität «Rot» verschaffen, auch wenn ich ihm dieselbe mit allen nur erdenklichen Mitteln begrifflich umschreibe. Die Sinneswahrnehmung hat somit ein Etwas, das nie in den Begriff eingeht; das wahrgenommen werden muß, wenn es überhaupt Gegenstand unserer Erkenntnis werden soll. Was für eine Rolle spielt also der Begriff, den wir mit irgendeiner Sinneswahrnehmung verknüpfen? Er muß offenbar ein ganz selbständiges Element, etwas Neues hinzubringen, das wohl zur Sinneswahrnehmung gehört, das aber in der Sinneswahrnehmung nicht zum Vorschein kommt..

[ 39 ] Let us consider two perceptions, A and B. These are initially given to us as entities free of concepts. I cannot transform the qualities given to my sensory perception into anything else through conceptual reflection. Nor can I find any mental quality through which I could construct what is given in sensuous reality if I lacked the perception. I can never provide a person who is color-blind to red with a conception of the quality “red,” even if I were to describe it to them conceptually using every conceivable means. Sensory perception thus has a certain something that never enters into the concept; it must be perceived if it is to become the object of our knowledge at all. What, then, is the role of the concept that we associate with any given sensory perception? It must evidently introduce a completely independent element, something new that certainly belongs to sensory perception but does not come to light within it..

[ 40 ] Nun ist es aber doch gewiß, daß dieses neue «Etwas», das der Begriff zur Sinneswahrnehmung hinzubringt, erst das ausspricht, was unserem Erklärungsbedürfnis entgegenkommt. Wir sind erst imstande, irgendein Element in der Sinnenwelt zu verstehen, wenn wir einen Begriff davon haben. Was die sinnenfällige Wirklichkeit uns bietet, darauf können wir ja immer hinweisen; und jeder, der die Möglichkeit hat, gerade dieses in Rede stehende Element wahrzunehmen, weiß, um was es sich handelt. Durch den Begriff sind wir imstande, etwas von der Sinnenwelt zu sagen, was nicht wahrgenommen werden kann..

[ 40 ] It is, however, certain that this new “something” that the concept adds to sensory perception is precisely what satisfies our need for explanation. We are only able to understand any element in the sensory world once we have a concept of it. We can, of course, always point to what sensory reality offers us; and anyone who has the ability to perceive precisely this element in question knows what it is. Through the concept, we are able to say something about the sensory world that cannot be perceived..

[ 41 ] Daraus erhellt aber unmittelbar das Folgende. Wäre das Wesen der Sinneswahrnehmung in der sinnlichen Qualität erschöpft, dann könnte nicht in Form des Begriffes etwas völlig Neues hinzukommen. Die Sinneswahrnehmung ist also gar keine Totalität, sondern nur eine Seite einer solchen. Und zwar jene, die bloß angeschaut werden kann. Durch den Begriff erst wird uns das klar, was wir anschauen.

[ 41 ] However, the following immediately follows from this. If the essence of sensory perception were exhausted in sensory quality, then something entirely new could not be added in the form of a concept. Sensory perception is therefore not a totality at all, but only one aspect of such a totality—namely, the aspect that can merely be observed. It is only through the concept that it becomes clear to us what we are observing.

[ 42 ] Jetzt können wir die inhaltliche Bedeutung dessen, was wir im vorigen Kapitel methodisch entwickelt haben, aussprechen: Durch die begriffliche Erfassung eines in der Sinnenwelt Gegebenen gelangt erst das Ws des im Anschauen Gegebenen zur Erscheinung. Wir können den Inhalt des Angeschauten nicht aussprechen, weil dieser Inhalt sich in dem Wie des Angeschauten, d. h. in der Form des Auftretens erschöpft. Somit finden wir im Begriffe das Was, den andern Inhalt des in der Sinnenwelt in Form der Anschauung Gegebenen..

[ 42 ] Now we can articulate the substantive meaning of what we methodically developed in the previous chapter: It is only through the conceptual grasp of what is given in the sensory world that the “what” of what is given in perception comes to light. We cannot articulate the content of what is perceived, because this content is exhausted in the how of what is perceived—that is, in the form of its presentation. Thus, in the concepts , we find the “what,” the other content of what is given in the sensory world in the form of perception..

[ 43 ] Erst im Begriffe also bekommt die Welt ihren vollen Inhalt. Nun haben wir aber gefunden, daß uns der Begriff über die einzelne Erscheinung hinaus auf den Zusammenhang der Dinge verweist. Somit stellt sich das, was in der Sinnenwelt getrennt, vereinzelt auftritt, für den Begriff als einheitliches Ganzes dar. So entsteht durch unsere naturwissenschaftliche Methodik als Endziel die monistische Naturwissenschaft; aber sie ist nicht abstrakter Monismus, der die Einheit schon vorausnimmt, und dann die einzelnen Tatsachen des konkreten Daseins in gezwungener Weise darunter subsumiert, sondern der konkrete Monismus, der Stück für Stück zeigt, daß die scheinbare Mannigfaltigkeit des Sinnendaseins sich zuletzt nur als eine ideelle Einheit erweist. Die Vielheit ist nur eine Form, in der sich der einheitliche Weltinhalt ausspricht. Die Sinne, die nicht in der Lage sind, diesen einheitlichen Inhalt zu erfassen, halten sich an die Vielheit; sie sind geborene Pluralisten. Das Denken aber überwindet die Vielheit und kommt so durch eine lange Arbeit auf das einheitliche Weltprinzip zurück..

[ 43 ] It is only in the concept, then, that the world acquires its full content. But we have now found that the concept points us beyond the individual phenomenon to the interconnection of things. Consequently, what appears in the sensory world as separate and isolated presents itself to the concept as a unified whole. Thus, our scientific methodology leads, as its ultimate goal, to monistic natural science; but it is not abstract monism, which presupposes unity and then forcibly subsumes the individual facts of concrete existence under it, but rather concrete monism, which demonstrates, step by step, that the apparent multiplicity of sensory existence ultimately proves to be nothing but an ideal unity. Multiplicity is merely a form through which the unified content of the world expresses itself. The senses, which are unable to grasp this unified content, cling to multiplicity; they are natural pluralists. Thinking, however, overcomes multiplicity and thus, through a long process of work, returns to the unified principle of the world..

[ 44 ] Die Art nun, wie der Begriff (die Idee) in der Sinnenwelt sich auslebt, macht den Unterschied der Naturreiche. Gelangt das sinnenfällig wirkliche Wesen nur zu einem solchen Dasein, daß es völlig außerhalb des Begriffes steht, nur von ihm als einem Gesetze in seinen Veränderungen beherrscht wird, dann nennen wir dieses Wesen unorganisch. Alles, was mit einem solchen vorgeht, ist auf die Einflüsse eines anderen Wesens zurückzuführen; und wie die beiden aufeinander wirken, das läßt sich durch ein außer ihnen stehendes Gesetz erklären. In dieser Sphäre haben wir es mit Phänomenen und Gesetzen zu tun, die, wenn sie ursprünglich sind, Urphänomene heißen können. In diesem Falle steht also das wahrzunehmende Begriffliche außerhalb einer wahrgenommenen Mannigfaltigkeit.

[ 44 ] The way, then, in which the concept (the idea) manifests itself in the sensory world constitutes the distinction between the kingdoms of nature. If a sensibly real entity exists in such a way that it stands entirely outside the concept, governed in its changes solely by the concept as a law , then we call this entity inorganic. Everything that happens to such a being can be attributed to the influences of another being; and the way the two interact can be explained by a law external to them. In this sphere, we are dealing with phenomena and laws which, if they are primordial, can be called “primordial phenomena” . In this case, therefore, the conceptual that is to be perceived lies outside a perceived multiplicity.

[ 45 ] Es kann aber eine sinnenfällige Einheit selbst schon über sich hinausweisen; sie kann, wenn wir sie erfassen wollen, uns nötigen, zu weiteren Bestimmungen als zu den uns wahrnehmbaren fortzugehen. Dann erscheint das begrifflich Erfaßbare als sinnenfällige Einheit. Die beiden, Begriff und Wahrnehmung, sind zwar nicht identisch, aber der Begriff erscheint nicht außer der sinnlichen Mannigfaltigkeit als Gesetz, sondern in derselben als Prinzip. Er liegt ihr als das sie Durchsetzende, nicht mehr sinnlich Wahrnehmbare zugrunde, das wir Typus nennen. Damit hat es die organische Naturwissenschaft zu tun..

[ 45 ] However, a sensually given unity can itself point beyond itself; if we wish to grasp it, it may compel us to proceed to determinations beyond those perceptible to us. Then what is conceptually graspable appears as a sensually given unity. Although the two—concept and perception—are not identical, the concept does not appear outside sensory multiplicity as a law, but rather within it as a principle. It underlies it as that which pervades it—no longer perceptible to the senses—which we call type . This is the subject of organic natural science.

[ 46 ] Aber auch hier erscheint der Begriff noch nicht in seiner ihm eigenen Form als Begriff, sondern erst als Typus. Wo nun derselbe nicht mehr bloß als solcher, als durchsetzendes Prinzip, sondern in seiner Begriffsform selbst auftritt, da erscheint er als Bewußtsein, da kommt endlich das zur Erscheinung, was auf den unteren Stufen nur dem Wesen nach vorhanden ist. Der Begriff wird hier selbst zur Wahrnehmung. Wir haben es mit dem selbstbewußten Menschen zu tun.

[ 46 ] But even here, the concept does not yet appear in its proper form as a concept, but only as a type. Where it now appears no longer merely as such—as a pervasive principle—but in its conceptual form itself, there it appears as consciousness; there, at last, what is present on the lower levels only in essence comes to light. Here, the concept itself becomes perception. We are dealing with the self-conscious human being.

[ 47 ] Naturgesetz, Typus, Begriff sind die drei Formen, in denen sich das Ideelle auslebt. Das Naturgesetz ist abstrakt, über der sinnenfälligen Mannigfaltigkeit stehend, es beherrscht die unorganische Naturwissenschaft. Hier fallen Idee und Wirklichkeit ganz auseinander. Der Typus vereinigt schon beide in einem Wesen. Das Geistige wird wirkendes Wesen, aber es wirkt noch nicht als solches, es ist nicht als solches da, sondern muß, wenn es seinem Dasein nach betrachtet werden will, als sinnenfälliges angeschaut werden. So ist es im Reiche der organischen Natur. Der Begriff ist auf wahrnehmbare Weise vorhanden. Im menschlichen Bewußtsein ist der Begriff selbst das Wahrnehmbare. Anschauung und Idee decken sich. Es ist eben das Ideelle, welches angeschaut wird. Deshalb können auf dieser Stufe auch die ideellen Daseinskerne der unteren Naturstufen zur Erscheinung kommen. Mit dem menschlichen Bewußtsein ist die Möglichkeit gegeben, daß das, was auf den unteren Stufen des Daseins bloß ist, aber nicht erscheint, nun auch erscheinende Wirklichkeit wird..*

[ 47 ] Natural law, type, and concept are the three forms in which the ideal manifests itself. Natural law is abstract, standing above sensory diversity; it governs inorganic natural science. Here, idea and reality diverge completely. The type already unites both in a single being. The spiritual becomes an active being, but it does not yet act as such; it is not present as such, but must—if it is to be considered in terms of its existence—be perceived as a sensually perceptible entity. Such is the case in the realm of organic nature. The concept is present in a perceptible way. In human consciousness, the concept itself is what is perceptible. Intuition and idea coincide. It is precisely the ideal that is perceived. That is why, at this level, the ideal essences of the lower levels of nature can also come into appearance. Human consciousness makes it possible for that which, at the lower levels of existence, merely is but does not appear, to now also become an appearing reality..*

4. Das System der Farbenlehre

4. The System of Color Theory

[ 48 ] Goethes Wirken fällt in eine Zeit, in welcher das Streben nach einem absoluten, in sich selber seine Befriedigung findenden Wissen alle Geister mächtig erfüllte. Das Erkennen wagt sich wieder einmal mit heiligem Eifer daran, alle Erkenntnismittel zu untersuchen, um der Lösung der höchsten Fragen näher zu kommen. Die Zeit der morgenländischen Theosophie, Plato und Aristoteles, dann Descartes und Spinoza sind in den vorangehenden Epochen der Weltgeschichte die Repräsentanten einer gleich innerlichen Vertiefung. Goethe ist ohne Kant, Fichte, Schelling und Hegel nicht denkbar. War diesen Geistern vor allem der Blick in die Tiefe, das Auge für das Höchste eigen, so ruhte sein Anschauen auf den Dingen der unmittelbaren Wirklichkeit. Aber in diesem Anschauen liegt etwas von jener Tiefe selbst. Goethe übte diesen Blick in der Betrachtung der Natur. Der Geist jener Zeit ist wie ein Fluidum über seine Naturbetrachtungen ausgegossen. Daher das Gewaltige derselben, das bei der Betrachtung der Einzelheiten sich stets den großen Zug bewahrt. Goethes Wissenschaft geht immer auf das Zentrale..

[ 48 ] Goethe’s work falls within a period in which the pursuit of absolute knowledge—knowledge that finds its own fulfillment—powerfully inspired all minds. Once again, human understanding, with sacred zeal, ventures to examine all means of knowledge in order to draw closer to the solution of the highest questions. The era of Eastern theosophy, Plato and Aristotle, and later Descartes and Spinoza, represent a similar depth of inner reflection in the preceding epochs of world history. Goethe is inconceivable without Kant, Fichte, Schelling, and Hegel. While these minds were characterized above all by a gaze into the depths and an eye for the highest, their contemplation rested upon the things of immediate reality. Yet in this contemplation lies something of that depth itself. Goethe cultivated this gaze through his observation of nature. The spirit of that era is poured out like a fluid over his observations of nature. Hence their grandeur, which, even when considering the details, always preserves the overarching theme. Goethe’s scholarship always goes to the heart of the matter..

[ 49 ] Mehr als anderswo können wir diese Wahrnehmung an Goethes Farbenlehre machen. Sie ist ja neben dem Versuche über die Metamorphose der Pflanze allein zu einem abgeschlossenen Ganzen geworden. Und was für ein streng geschlossenes, von der Natur der Sache selbst gefordertes System stellt sie dar!

[ 49 ] More than anywhere else, we can see this in Goethe’s Theory of Colors. After all, it is the only work—alongside the *Essay on the Metamorphosis of Plants*—that has become a self-contained whole. And what a rigorously coherent system it represents—one demanded by the very nature of the subject itself!

[ 50 ] Wir wollen diesen Bau einmal, seinem inneren Gefüge nach, betrachten.

[ 50 ] Let us now examine this building in terms of its internal structure.

[ 51 ] Daß irgend etwas, was im Wesen der Natur begründet ist, zur Erscheinung komme, dazu ist die notwendige Voraussetzung, daß eine Gelegenheitsursache, ein Organ da sei, in dem das eben Besagte sich darstelle. Die ewigen, ehernen Gesetze der Natur würden zwar herrschen, auch wenn sie nie in einem Menschengeiste sich darstellten, allein ihre Erscheinung als solche wäre nicht möglich. Sie wären bloß dem Wesen, nicht der Erscheinung nach da. So auch wäre es mit der Welt des Lichtes und der Farbe, wenn kein wahrnehmendes Auge sich ihnen entgegenstellte. Die Farbe darf nicht in Schopenhauerscher Manier von dem Auge ihrem Wesen nach abgeleitet werden, wohl aber muß in dem Auge die Möglichkeit nachgewiesen werden, daß die Farbe erscheine. Das Auge bedingt nicht die Farbe, aber es ist die Ursache ihrer Erscheinung..

[ 51 ] For anything rooted in the essence of nature to come into being, the necessary prerequisite is that there be an occasional cause—an organ—in which what has just been stated manifests itself. The eternal, immutable laws of nature would indeed prevail even if they never manifested themselves in the human mind; yet their manifestation as such would not be possible. They would exist merely in essence, not in appearance. The same would be true of the world of light and color if no perceiving eye were to encounter them. Color must not, in the Schopenhauerian manner, be derived from the eye in terms of its essence; rather, the possibility for color to appear must be demonstrated within the eye. The eye does not determine color, but it is the cause of its appearance.

[ 52 ] Hier muß also die Farbenlehre einsetzen. Sie muß das Auge untersuchen, dessen Natur bloßlegen. Deshalb stellt Goethe die physiologische Farbenlehre an den Anfang. Aber seine Auffassung ist auch da von dem, was man gewöhnlich unter diesem Teile der Optik versteht, wesentlich verschieden. Er will nicht aus dem Baue des Auges dessen Funktionen erklären, sondern er will das Auge unter verschiedenen Bedingungen betrachten, um zur Erkenntnis seiner Fähigkeiten und Vermögen zu kommen. Sein Vorgang ist auch hier ein wesentlich beobachtender. Was stellt sich ein, wenn Licht und Finsternis auf das Auge wirken; was, wenn begrenzte Bilder in Beziehung zu demselben treten usw..? Er fragt zunächst nicht, welche Prozesse spielen sich im Auge ab, wenn diese oder jene Wahrnehmung zustande kommt, sondern er sucht zu ergründen, was durch das Auge im lebendigen Sehakt zustande kommen kann. Für seinen Zweck ist das zunächst die allein wichtige Frage. Die andere gehört streng genommen nicht in das Gebiet der physiologischen Farbenlehre, sondern in die Lehre von dem menschlichen Organismus, d. h. in die allgemeine Physiologie. Goethe hat es nur zu tun mit dem Auge, sofern es sieht und nicht mit der Erklärung des Sehens aus jenen Wahrnehmungen, die wir an dem toten Auge machen können.

[ 52 ] This is where the theory of colors must come into play. It must examine the eye and reveal its nature. That is why Goethe places the physiological theory of colors at the beginning. But even here, his approach differs significantly from what is usually understood by this branch of optics. He does not seek to explain the eye’s functions based on its structure, but rather to observe the eye under various conditions in order to gain insight into its capabilities and faculties. His method here, too, is essentially observational. What occurs when light and darkness act upon the eye; what happens when limited images come into relation with it, etc.? He does not initially ask what processes take place in the eye when this or that perception arises, but rather seeks to fathom what can come about through the eye in the living act of seeing. For his purpose, this is initially the only important question. Strictly speaking, the other question does not belong to the field of physiological color theory, but rather to the study of the human organism—that is, to general physiology. Goethe is concerned only with the eye insofar as it sees, and not with explaining vision based on those perceptions we can derive from the dead eye.

[ 53 ] Von da aus geht er dann über zu den objektiven Vorgängen, welche die Farbenerscheinungen veranlassen. Und hier ist wichtig festzuhalten, daß Goethe unter diesen objektiven Vorgängen keineswegs die nicht mehr wahrnehmbaren hypothetischen stofflichen oder Bewegungsvorgänge im Sinne hat, sondern daß er durchaus innerhalb der wahrnehmbaren Welt stehen bleibt. Seine physische Farbenlehre, welche den zweiten Teil bildet, sucht die Bedingungen, die vom Auge unabhängig sind und mit der Entstehung der Farben zusammenhängen. Dabei sind aber diese Bedingungen doch immer noch Wahrnehmungen. Wie mit Hilfe des Prismas, der Linse usw. an dem Lichte die Farben entstehen, das untersucht er hier. Er bleibt aber vorläufig dabei stehen, die Farbe als solche in ihrem Werden zu verfolgen, zu beobachten, wie sie an sich, abgesondert von Körpern entsteht.

[ 53 ] From there, he then moves on to the objective processes that give rise to color phenomena. And here it is important to note that, by these objective processes, Goethe by no means means the hypothetical material or kinetic processes that are no longer perceptible, but rather that he remains entirely within the realm of the perceptible world. His physical theory of colors, which forms the second part, seeks the conditions that are independent of the eye and are related to the formation of colors. However, these conditions are still perceptions. Here he investigates how colors arise from light with the aid of a prism, a lens, etc. For the time being, however, he limits himself to tracing color as such in its becoming, observing how it arises in and of itself, separate from bodies.

[ 54 ] Erst in einem eigenen Kapitel, der chemischen Farbenlehre, geht er über zu den fixierten, an den Körpern haftenden Farben. Ist in der physiologischen Farbenlehre die Frage beantwortet, wie können Farben überhaupt zur Erscheinung kommen, in der physischen jene, wie kommen die Farben unter äußeren Bedingungen zustande, so beantwortet er hier das Problem, wie erscheint die Körperwelt als farbige?

[ 54 ] It is only in a separate chapter, Chemical Theory of Color, that he moves on to fixed colors that adhere to objects. While physiological color theory answers the question of how colors can come into being at all, and physical color theory addresses how colors arise under external conditions, here he addresses the problem of how the physical world appears as colored?

[ 55 ] So schreitet Goethe von der Betrachtung der Farbe, als eines Attributes der Erscheinungswelt, zu dieser selbst als in jenem Attribute erscheinend vorwärts. Hier bleibt er nicht stehen, sondern er betrachtet zuletzt die höhere Beziehung der farbigen Körperwelt auf die Seele in dem Kapitel: «Sinnlichsittliche Wirkung der Farbe..»

[ 55 ] Goethe thus moves from considering color as an attribute of the phenomenal world to the phenomenal world itself as appearing in that attribute. He does not stop there, but ultimately examines the higher relationship between the colored physical world and the soul in the chapter: “The Sensual-Moral Effect of Color...”

[ 56 ] Dies ist der strenge, geschlossene Weg einer Wissenschaft: von dem Subjekte als der Bedingung wieder zurück zu dem Subjekte als dem sich in und mit seiner Welt befriedigenden Wesen.

[ 56 ] This is the rigorous, self-contained path of a science: from the subject as a condition back to the subject as a being that finds fulfillment in and with its world.

[ 57 ] Wer wird hier nicht den Drang der Zeit wiedererkennen - vom Subjekte zum Objekte und wieder in das Subjekt zurück -, der Hegel zur Architektonik seines ganzen Systems geführt hat..

[ 57 ] Who would not recognize here the impulse of the times—from subject to object and back again to the subject—that led Hegel to the architectural structure of his entire system...

[ 58 ] In diesem Sinne erscheint denn als das eigentlich optische Hauptwerk Goethes der «Entwurf einer Farbenlehre». Die beiden Stücke: «Beiträge zur Optik» und die «Elemente der Farbenlehre» müssen als Vorstudien gelten. Die «Enthüllungen der Theorie Newtons» sind nur eine polemische Beigabe seiner Arbeit..

[ 58 ] In this sense, Goethe’s “Outline of a Theory of Colors” appears to be his true magnum opus in the field of optics. The two works—“Contributions to Optics” and “Elements of the Theory of Colors”—must be regarded as preliminary studies. “Revelations of Newton’s Theory” is merely a polemical appendix to his work.

5. Der Goethesche Raumbegriff

5. Goethe's Concept of Space

[ 59 ] Da nur bei einer mit der Goetheschen ganz zusammenfallenden Anschauung vom Raume ein volles Verständnis seiner physikalischen Arbeiten möglich ist, so wollen wir hier dieselbe entwickeln. Wer zu dieser Anschauung kommen will, der muß aus unseren bisherigen Ausführungen folgende Überzeugung gewonnen haben: 1. Die Dinge, die uns in der Erfahrung als einzelne gegenübertreten, haben einen inneren Bezug aufeinander. Sie sind in Wahrheit durch ein einheitliches Weltenband zusammengehalten. Es lebt in ihnen allen ein gemeinsames Prinzip. 2. Wenn unser Geist an die Dinge herantritt und das Getrennte durch ein geistiges Band zu umfassen strebt, so ist die begriffliche Einheit, die er herstellt, den Objekten nicht äußerlich, sondern sie ist herausgeholt aus der inneren Wesenheit der Natur selbst. Die menschliche Erkenntnis ist kein außer den Dingen sich abspielender, aus bloßer subjektiver Willkür entspringender Prozeß, sondern, was da in unserem Geist als Naturgesetz auftritt, was sich in unserer Seele auslebt, das ist der Herzschlag des Universums selbst..

[ 59 ] Since a full understanding of his physical work is possible only with a conception of space that coincides entirely with Goethe’s, we shall develop that conception here. Anyone who wishes to arrive at this view must have gained the following conviction from our previous discussions: 1. The things that appear to us as separate entities in experience are intrinsically related to one another. In truth, they are held together by a unified cosmic bond. A common principle lives within them all . 2. When our mind approaches things and strives to encompass the separate through a spiritual bond, the conceptual unity it establishes is not external to the objects, but is drawn from the inner essence of nature itself. Human cognition is not a process that takes place outside of things, arising from mere subjective arbitrariness; rather, what appears in our mind as a law of nature, what plays out in our soul, is the heartbeat of the universe itself..

[ 60 ] Zu unserem jetzigen Zwecke wollen wir die alleräußerlichste Beziehung, die unser Geist zwischen den Objekten der Erfahrung herstellt, einer Betrachtung unterziehen. Wir betrachten den einfachsten Fall, in dem uns die Erfahrung zu einer geistigen Arbeit auffordert. Es seien zwei einfache Elemente der Erscheinungswelt gegeben. Um unsere Untersuchung nicht zu komplizieren, nehmen wir möglichst Einfaches, z. B. zwei leuchtende Punkte. Wir wollen ganz davon absehen, daß wir vielleicht in jedem dieser leuchtenden Punkte selbst schon etwas ungeheuer Kompliziertes vor uns haben, das unserem Geiste eine Aufgabe stellt. Wir wollen auch von der Qualität der konkreten Elemente der Sinnenwelt, die wir vor uns haben, absehen und ganz allein den Umstand in Betracht ziehen, daß wir zwei voneinander abgesonderte, d. h. für die Sinne abgesondert erscheinende Elemente vor uns haben. Zwei Faktoren, die jeder für sich geeignet sind, auf unsere Sinne einen Eindruck zu machen: das ist alles, was wir voraussetzen. Wir wollen ferner annehmen, daß das Dasein des einen dieser Faktoren jenes des anderen nicht ausschließt. Ein Wahrnehmungsorgan kann beide wahrnehmen..

[ 60 ] For our present purpose, let us examine the most external relationship that our mind establishes between the objects of experience. Let us consider the simplest case in which experience calls for mental effort on our part. Let there be two simple elements of the phenomenal world. To avoid complicating our investigation, let us take the simplest possible examples, such as two luminous points. Let us completely disregard the fact that each of these luminous points may in itself already present us with something immensely complex that poses a challenge to our mind. Let us also disregard the quality of the concrete elements of the sensory world before us and consider solely the fact that we have before us two elements that are separate from one another—that is, that appear separate to the senses. Two factors, each of which is capable in and of itself of making an impression on our senses: that is all we assume. Let us further assume that the existence of one of these factors does not exclude that of the other. A organ of perception can perceive both.

[ 61 ] Wenn wir nämlich annehmen, daß das Dasein des einen Elementes in irgendeiner Weise abhängig von dem des anderen ist, so stehen wir vor einem von unserem jetzigen verschiedenen Problem. Ist das Dasein von B ein solches, daß es das Dasein von A ausschließt und doch von ihm seinem Wesen nach abhängig ist, dann müssen A und B in einem Zeitverhältnis stehen. Denn die Abhängigkeit des B von A bedingt, wenn man sich gleichzeitig vorstellt, daß das Dasein von B jenes von A ausschließt, daß dies letztere dem ersteren vorangeht. Doch das gehört auf ein anderes Blatt..

[ 61 ] For if we assume that the existence of one element is in any way dependent on that of the other, we are faced with a problem different from our current one. If the existence of B is such that it excludes the existence of A and yet is, by its very nature, dependent on it, then A and B must stand in a temporal relationship . For the dependence of B on A implies—if we simultaneously assume that the existence of B excludes that of A—that the latter precedes the former. But that is a topic for another time...

[ 62 ] Für unseren jetzigen Zweck wollen wir ein solches Verhältnis nicht annehmen. Wir setzen voraus, daß die Dinge, mit denen wir es zu tun haben, sich hinsichtlich ihres Daseins nicht ausschließen, sondern vielmehr miteinander bestehende Wesenheiten sind. Wenn von jeder durch die innere Natur geforderten Beziehung abgesehen wird, so bleibt nur dies übrig, daß überhaupt ein Bezug der Sonderqualitäten besteht, daß ich von der einen auf die andere übergehen kann. Ich kann von dem einen Erfahrungselement zum zweiten gelangen. Für niemanden kann ein Zweifel darüber bestehen, was das für ein Verhältnis sein kann, das ich zwischen Dingen herstelle, ohne auf ihre Beschaffenheit, auf ihr Wesen selbst einzugehen. Wer sich fragt, welcher Übergang von einem Dinge zum anderen gefunden werden kann, wenn dabei das Ding selbst gleichgültig bleibt, der muß sich darauf unbedingt die Antwort geben: der Raum. Jedes andere Verhältnis muß sich auf die qualitative Beschaffenheit dessen gründen, was gesondert im Weltendasein auftritt. Nur der Raum nimmt auf gar nichts anderes Rücksicht als darauf, daß die Dinge eben gesonderte sind. Wenn ich überlege: A ist oben, B unten, so bleibt mir völlig gleichgültig, was A und B sind. Ich verbinde mit ihnen gar keine andere Vorstellung, als daß sie eben getrennte Faktoren der von mir mit den Sinnen aufgefaßten Welt sind..

[ 62 ] For our present purpose, let us not assume such a relationship. We assume that the things we are dealing with are not mutually exclusive in terms of their existence, but rather are entities that coexist with one another. If we set aside every relationship required by their intrinsic nature, all that remains is that there is, in general, a connection between their distinct qualities—that I can pass from one to the other. I can move from one element of experience to the next. No one can doubt what kind of relationship I establish between things without addressing their nature or their very essence. Anyone who asks what kind of transition from one thing to another can be found, while the thing itself remains irrelevant, must inevitably answer: space. Every other relationship must be based on the qualitative nature of what appears separately in the existence of the world. Only space takes into account nothing else but the fact that things are distinct . When I consider: A is above, B is below, it is completely irrelevant to me what A and B are. I associate no other concept with them than that they are simply separate factors of the world as I perceive it with my senses..

[ 63 ] Was unser Geist will, wenn er an die Erfahrung herantritt, das ist: er will die Sonderheit überwinden, er will aufzeigen, daß in dem Einzelnen die Kraft des Ganzen zu sehen ist. Bei der räumlichen Anschauung will er sonst gar nichts überwinden, als die Besonderheit als solche. Er will die allerallgemeinste Beziehung herstellen. Daß A und B jedes nicht eine Welt für sich sind, sondern einer Gemeinsamkeit angehören, das sagt die räumliche Betrachtung.. Dies ist der Sinn des Nebeneinander. Wäre ein jedes Ding ein Wesen für sich, dann gebe es kein Nebeneinander. Ich könnte überhaupt einen Bezug der Wesen aufeinander nicht herstellen..

[ 63 ] What our mind seeks when it approaches experience is this: it seeks to overcome particularity; it seeks to show that the power of the whole can be seen in the individual. In spatial perception, it seeks to overcome nothing other than particularity as such. It seeks to establish the most universal relationship . Spatial perception tells us that A and B are not each a world unto themselves, but belong to a commonality. This is the meaning of coexistence. If every thing were an entity in and of itself, then there would be no coexistence. I could not establish any relationship whatsoever between the entities...

[ 64 ] Wir wollen nun untersuchen, was weiteres aus dieser Herstellung einer äußeren Beziehung zweier Besonderheiten folgt. Zwei Elemente kann ich nur auf eine Art in solcher Beziehung denken. Ich denke A neben B. Dasselbe kann ich nun mit zwei anderen Elementen der Sinnenwelt C und D machen. Ich habe dadurch einen konkreten Bezug zwischen A und B und einen solchen zwischen C und D festgesetzt. Ich will nun von den Elementen A, B, C und D ganz absehen und nur die konkreten zwei Bezüge wieder aufeinander beziehen. Es ist klar, daß ich diese als zwei besondere Entitäten geradeso aufeinander beziehen kann, wie A und B selbst. Was ich hier aufeinander beziehe, sind konkrete Beziehungen. Ich kann sie a und b nennen. Wenn ich nun noch um einen Schritt weiter gehe, so kann ich a wieder auf b beziehen. Aber jetzt habe ich alle Besonderheit bereits verloren. Ich finde, wenn ich a betrachte, kein besonderes A und B mehr, welche aufeinander bezogen werden; ebensowenig bei b. Ich finde in beiden nichts anderes, als daß überhaupt bezogen wurde. Diese Bestimmung ist aber in a und b ganz die gleiche. Was es mir möglich machte, a und b noch auseinander zu halten, das war, daß sie auf A, B, C und D hinwiesen. Lasse ich diesen Rest von Besonderheiten weg und beziehe ich nur a und b noch aufeinander, d. h. den Umstand, daß überhaupt bezogen wurde (nicht daß etwas Bestimmtes bezogen wurde), dann bin ich wieder ganz allgemein bei der räumlichen Beziehung angekommen, von der ich ausgegangen bin. Weiter kann ich nicht mehr gehen. Ich habe das erreicht, was ich vorher angestrebt habe: der Raum selbst steht vor meiner Seele..

[ 64 ] We will now examine what else follows from this establishment of an external relationship between two particularities. I can conceive of two elements in such a relationship only in one way. I conceive of A alongside B. I can now do the same with two other elements of the sensory world, C and D. In doing so, I have established a concrete relation between A and B and another between C and D. I now wish to set aside the elements A, B, C, and D entirely and relate only these two concrete relations to one another. It is clear that I can relate these to one another as two distinct entities just as I did with A and B themselves. What I am relating to one another here are concrete relations. I can call them a and b. If I now take it one step further, I can relate a to b again. But now I have already lost all particularity. When I consider a, I no longer find any specific A and B that are related to one another; nor do I find this in b. In both, I find nothing other than the fact that a relation was established at all. This characteristic, however, is exactly the same in a and b. What made it possible for me to distinguish between a and b was that they referred to A, B, C, and D. If I set aside this remnant of particularities and relate only a and b to one another—that is, the fact that a relation was established at all (not that a specific relation was established)—then I have returned, in a completely general sense, to the spatial relation from which I started. I cannot go any further. I have achieved what I had previously sought: space itself stands before my soul...

[ 65 ] Hierin liegt das Geheimnis der drei Dimensionen. In der ersten Dimension beziehe ich zwei konkrete Erscheinungselemente der Sinnenwelt aufeinander; in der zweiten Dimension beziehe ich diese räumlichen Bezüge selbst aufeinander. Ich habe eine Beziehung zwischen Beziehungen hergestellt. Die konkreten Erscheinungen habe ich abgestreift, die konkreten Beziehungen sind mir geblieben. Nun beziehe ich diese selbst räumlich aufeinander. Das heißt: ich sehe ganz davon ab, daß es konkrete Beziehungen sind; dann aber muß ich ganz dasselbe, was ich in der einen finde, in der zweiten wiederfinden. Ich stelle Beziehungen zwischen Gleichem her. Jetzt hört die Möglichkeit des Beziehens auf, weil der Unterschied aufhört.

[ 65 ] Herein lies the secret of the three dimensions. In the first dimension, I relate two concrete elements of the sensory world to one another; in the second dimension, I relate these spatial relationships to one another. I have established a relationship between relationships. I have stripped away the concrete phenomena; the concrete relationships remain. Now I relate these to one another spatially. That is to say: I completely disregard the fact that they are concrete relationships; but then I must find exactly the same thing, what I find in the first, in the second as well. I establish relationships between things that are the same. Now the possibility of relating ceases, because the difference ceases.

[ 66 ] Das, was ich vorher als Gesichtspunkt meiner Betrachtung angenommen habe, die ganz äußerliche Beziehung, habe ich jetzt selbst als Sinnenvorstellung wieder erreicht; von der räumlichen Betrachtung bin ich, nachdem ich dreimal die Operation durchgeführt habe, zum Raum, d. i. zu meinem Ausgangspunkte gekommen..

[ 66 ] What I had previously taken as the point of view for my consideration—the purely external relationship—I have now regained as a sensory perception; after performing the operation three times, I have returned from the spatial consideration to space, that is, to my starting point..

[ 67 ] Daher kann der Raum nur drei Dimensionen haben. Was wir hier mit der Raumvorstellung unternommen haben, ist eigentlich nur ein spezieller Fall der von uns immer angewendeten Methode, wenn wir an die Dinge betrachtend herantreten. Wir stellen konkrete Objekte unter einen allgemeinen Gesichtspunkt. Dadurch gewinnen wir Begriffe von den Einzelheiten; diese Begriffe betrachten wir dann selbst wieder unter den gleichen Gesichtspunkten, so daß wir dann nur mehr die Begriffe der Begriffe vor uns haben; verbinden wir auch diese noch, dann verschmelzen sie in jene ideelle Einheit, die mit nichts anderem mehr als mit sich selbst unter einen Gesichtspunkt gebracht werden könnte. Nehmen wir ein besonderes Beispiel. Ich lerne zwei Menschen kennen: A und B. Ich betrachte sie unter dem Gesichtspunkte der Freundschaft. In diesem Falle werde ich einen ganz bestimmten Begriff a von der Freundschaft der beiden Leute bekommen. Ich betrachte nun zwei andere Menschen, C und D, unter dem gleichen Gesichtspunkte. Ich bekomme einen anderen Begriff b von dieser Freundschaft. Nun kann ich weiter gehen und diese beiden Freundschaftsbegriffe aufeinander beziehen. Was mir da übrig bleibt, wenn ich von dem Konkreten, das ich gewonnen habe, absehe, ist der Begriff der Freundschaft überhaupt. Diesen kann ich aber realiter auch erhalten, wenn ich die Menschen E und F unter dem gleichen Gesichtspunkte und ebenso G und H betrachte. In diesem wie in unzähligen anderen Fällen kann ich den Begriff der Freundschaft überhaupt erhalten. Alle diese Begriffe sind aber dem Wesen nach miteinander identisch; und wenn ich sie unter dem gleichen Gesichtspunkte betrachte, dann stellt sich heraus, daß ich eine Einheit gefunden habe. Ich bin wieder zu dem zurückgekehrt, wovon ich ausgegangen bin..

[ 67 ] Therefore, space can have only three dimensions. What we have done here with the concept of space is actually just a special case of the method we always use when we approach things from an observational standpoint. We examine concrete objects from a general perspective. In doing so, we derive concepts from the details; we then examine these concepts themselves from the same perspectives, so that we are left with only the concepts of concepts; if we combine these as well, they merge into that ideal unity that could be considered from a single perspective with nothing other than itself. Let’s take a specific example. I meet two people: A and B. I consider them from the perspective of friendship. In this case, I will arrive at a very specific concept a of the friendship between these two people. I now consider two other people, C and D, from the same perspective. I arrive at a different concept b of this friendship. Now I can go further and relate these two concepts of friendship to one another. What remains for me, when I set aside the concrete instances I have obtained, is the concept of friendship in general. However, I can also arrive at this concept in reality by considering the people E and F from the same perspective, and likewise G and H. In this case, as in countless others, I can arrive at the concept of friendship in general . All these concepts, however, are essentially identical to one another; and when I consider them from the same perspective, it turns out that I have found a unity. I have returned to where I started.

[ 68 ] Der Raum ist also die Ansicht von Dingen, eine Art, wie unser Geist sie in eine Einheit zusammenfaßt. Die drei Dimensionen verhalten sich dabei in folgender Weise. Die erste Dimension stellt einen Bezug zwischen zwei Sinneswahrnehmungen her. 101Sinneswahrnehmung bedeutet hier dasselbe, was Kant Empfindung nennt. Sie ist also eine konkrete Vorstellung. Die zweite Dimension bezieht zwei konkrete Vorstellungen aufeinander und geht dadurch in das Gebiet der Abstraktion über. Die dritte Dimension endlich stellt nur noch die ideelle Einheit zwischen den Abstraktionen her. Es ist also ganz unrichtig, die drei Dimensionen des Raumes als völlig gleichbedeutend zu nehmen. Welche die erste ist, hängt natürlich von den wahrgenommenen Elementen ab. Dann aber haben die anderen eine ganz bestimmte und andere Bedeutung als diese erste. Es war von Kant ganz irrtümlich angenommen, daß er den Raum als totum auffaßte, statt als eine begrifflich in sich bestimmbare Wesenheit..

[ 68 ] Space is thus the view of things, a way in which our mind synthesizes them into a unity. The three dimensions relate to one another in the following way. The first dimension establishes a relationship between two sensory perceptions. 101Sensory perception here means the same thing that Kant calls sensation. It is thus a concrete representation. The second dimension relates two concrete representations to one another and thereby enters the realm of abstraction . Finally, the third dimension establishes only the ideal unity between the abstractions. It is therefore entirely incorrect to regard the three dimensions of space as completely synonymous. Which one is the first naturally depends on the perceived elements. But then the others have a very specific and different meaning from this first one. Kant was entirely mistaken in assuming that he conceived of space as a totum rather than as an entity that can be conceptually determined in and of itself.

[ 69 ] Wir haben nun bisher vom Raume als von einem Verhältnis, einer Beziehung, gesprochen. Es fragt sich nun aber: Gibt es denn nur dieses Verhältnis des Nebeneinander? Oder ist eine absolute Ortsbestimmung für ein jedes Ding vorhanden? Dieses letztere ist natürlich durch unsere obigen Erklärungen gar nicht berührt. Untersuchen wir aber einmal, ob es ein solches Ortsverhältnis, ein ganz bestimmtes «Da» auch gibt. Was bezeichne ich in Wirklichkeit, wenn ich von einem solchen «Da» spreche? Doch nichts anderes, als daß ich einen Gegenstand angebe, dem der eigentlich in Frage kommende unmittelbar benachbart ist. «Da» heißt in Nachbarschaft von einem durch mich bezeichneten Objekte. Damit ist aber die absolute Ortsangabe auf ein Raumverhältnis zurückgeführt. Die angedeutete Untersuchung entfällt somit.

[ 69 ] So far, we have spoken of space as a relationship, a connection. But the question now arises: Is there only this relationship of juxtaposition? Or does every thing have an absolute location? The latter, of course, is not at all addressed by our explanations above. Let us, however, examine whether such a spatial relation—a very specific “there”—actually exists. What am I really referring to when I speak of such a “there”? Nothing other than the fact that I am indicating an object to which the object in question is immediately adjacent. “There” means in the vicinity of an object designated by me. This, however, reduces the absolute indication of location to a spatial relationship . The suggested investigation is thus rendered unnecessary.

[ 70 ] Werfen wir nun noch ganz bestimmt die Frage auf: Was ist nach den vorausgegangenen Untersuchungen der Raum? Nichts anderes als eine in den Dingen liegende Notwendigkeit, ihre Besonderheit in ganz äußerlicher Weise, ohne auf ihre Wesenheit einzugehen, zu überwinden und sie in eine Einheit, schon als solche äußerliche, zu vereinigen. Der Raum ist also eine Art, die Welt als eine Einheit zu erfassen. Der Raum ist eine Idee. Nicht, wie Kant glaubte, eine Anschauung.

[ 70 ] Let us now explicitly pose the question: What, according to the preceding investigations, is space? Nothing other than a necessity inherent in things to overcome their particularity in a wholly external manner—without delving into their essence—and to unite them into a unity that is itself external. Space is thus a way of grasping the world as a unity. Space is an idea. Not, as Kant believed, an intuition.

6. Goethe, Newton und die Physiker

6. Goethe, Newton, and the Physicists

[ 71 ] Als Goethe an die Betrachtung des Wesens der Farben herantrat, war es wesentlich ein Kunstinteresse, das ihn auf diesen Gegenstand brachte. Sein intuitiver Geist erkannte bald, daß die Farbengebung in der Malerei einer tiefen Gesetzlichkeit unterliege. Worinnen diese Gesetzlichkeit besteht, das konnte weder er selbst entdecken, solange er sich nur im Gebiete der Malerei theoretisierend bewegte, noch vermochten ihm unterrichtete Maler darüber eine befriedigende Auskunft zu geben. Diese wußten wohl praktisch, wie sie die Farben zu mischen und anzuwenden hatten, konnten sich aber darüber nicht in Begriffen aussprechen. Als Goethe nun in Italien nicht nur den erhabensten Kunstwerken dieser Art, sondern auch der farbenprächtigsten Natur gegenübertrat, da erwachte in ihm besonders mächtig der Drang, die Naturgesetze des Farbenwesens zu erkennen.

[ 71 ] When Goethe set out to examine the nature of colors, it was essentially an artistic interest that drew him to this subject. His intuitive mind soon recognized that the use of color in painting was governed by a profound set of laws. Neither could he himself discover the nature of these laws as long as he remained confined to theoretical speculation within the realm of painting, nor were trained painters able to provide him with a satisfactory explanation. While they knew in practice how to mix and apply colors, they were unable to articulate these principles in conceptual terms. When Goethe found himself in Italy, confronted not only with the most sublime works of art of this kind but also with nature in all its colorful splendor, a particularly powerful urge arose within him to uncover the natural laws governing the nature of color.

[ 72 ] Über das Geschichtliche legt Goethe selbst in der «Geschichte der Farbenlehre» ein ausführliches Bekenntnis ab. Hier wollen wir nur das Psychologische und Sachliche auseinandersetzen..

[ 72 ] Goethe himself makes a detailed statement regarding the historical aspects in his *History of the Theory of Colors*. Here, we will focus only on the psychological and factual aspects.

[ 73 ] Gleich nach seiner Rückkehr aus Italien begannen Goethes Farbenstudien. Dieselben wurden besonders intensiv in den Jahren 1790 und 1791, um dann den Dichter fortdauernd bis an sein Lebensende zu beschäftigen..

[ 73 ] Goethe began his studies of color immediately upon his return from Italy. These studies became particularly intensive in 1790 and 1791, and continued to occupy the poet until the end of his life..

[ 74 ] Wir müssen uns den Stand der Goetheschen Weltanschauung in dieser Zeit, am Beginne seiner Farbenstudien, vergegenwärtigen. Damals hatte er bereits seinen großartigen Gedanken von der Metamorphose der organischen Wesen gefaßt. Es war ihm schon durch seine Entdeckung des Zwischenkieferknochens die Anschauung der Einheit alles Naturdaseins aufgegangen. Das Einzelne erschien ihm als besondere Modifikation des idealen Prinzipes, das im Ganzen der Natur waltet. Er hatte schon in seinen Briefen aus Italien ausgesprochen, daß eine Pflanze nur dadurch pflanze ist, daß sie die «Idee der Pflanze» in sich trage. Diese Idee galt ihm als etwas Konkretes, als mit geistigem Inhalte erfüllte Einheit in allen besonderen Pflanzen. Sie war mit den Augen des Leibes nicht, wohl aber mit dem Auge des Geistes zu erfassen. Wer sie sehen kann, sieht sie in jeder Pflanze.

[ 74 ] We must bear in mind the state of Goethe’s worldview at that time, at the beginning of his studies of color. By then, he had already conceived his magnificent idea of the metamorphosis of organic beings. Through his discovery of the intermaxillary bone, the concept of the unity of all natural existence had already dawned on him. The individual appeared to him as a specific modification of the ideal principle that governs the whole of nature. He had already expressed in his letters from Italy that a plant is a plant only because it carries within itself the “idea of the plant.” He regarded this idea as something concrete, as a unity filled with spiritual content present in all particular plants. It could not be perceived with the eyes of the body, but certainly with the eye of the spirit. Whoever can see it sees it in every plant.

[ 75 ] Damit erscheint das ganze Reich der Pflanzen und bei weiterer Ausgestaltung dieser Anschauung das ganze Naturreich überhaupt als eine mit dem Geiste zu erfassende Einheit.

[ 75 ] Thus, the entire plant kingdom—and, as this view is further developed, the entire natural world—appears as a unity that can be grasped by the mind.

[ 76 ] Niemand aber vermag aus der bloßen Idee heraus die Mannigfaltigkeit, die vor den äußeren Sinnen auftritt, zu konstruieren. Die Idee vermag der intuitive Geist zu erkennen. Die einzelnen Gestaltungen sind ihm nur zugänglich, wenn er die Sinne nach außen richtet, wenn er beobachtet, anschaut. Warum eine Modifikation der Idee gerade so und nicht anders als sinnenfällige Wirklichkeit auftritt, dazu muß der Grund nicht ausgeklügelt, sondern im Reich der Wirklichkeit gesucht werden..

[ 76 ] No one, however, is able to construct, from the mere idea alone, the diversity that presents itself to the external senses. The intuitive mind is capable of recognizing the idea. The individual forms are accessible to it only when it directs its senses outward, when it observes and looks. As for why a modification of the idea appears precisely in this way and not otherwise as sensuous reality, the reason for this need not be contrived but must be sought in the realm of reality..

[ 77 ] Dies ist Goethes eigenartige Anschauungsweise, die sich wohl am besten als empirischer Idealismus kennzeichnen läßt. Sie kann mit den Worten zusammengefaßt werden: Den Dingen einer sinnlichen Mannigfaltigkeit, soweit sie gleichartig sind, liegt eine geistige Einheit zugrunde, die jene Gleichartigkeit und Zusammengehörigkeit bewirkt.

[ 77 ] This is Goethe’s unique perspective, which can best be characterized as empirical idealism . It can be summarized as follows: The things of a sensory diversity, insofar as they are of the same kind, are based on a spiritual unity that brings about that similarity and interconnectedness.

[ 78 ] Von diesem Punkte ausgehend, entstand für Goethe die Frage: Welche geistige Einheit liegt der Mannigfaltigkeit der Farbenwahrnehmungen zugrunde? Was nehme ich in jeder Farbenmodifikation wahr? Und da ward ihm bald klar, daß das Licht die notwendige Grundlage jeder Farbe sei. Keine Farbe ohne Licht. Die Farben aber sind die Modifikationen des Lichtes. Und nun mußte er jenes Element in der Wirklichkeit suchen, welches das Licht modifiziert, spezifiziert. Er fand, daß dies die lichtlose Materie, die tätige Finsternis, kurz das dem Licht Entgegengesetzte ist. So war ihm jede Farbe durch Finsternis modifiziertes Licht. Es ist vollständig unrichtig, wenn man glaubt, Goethe habe mit dem Lichte etwa das konkrete Sonnenlicht, das gewöhnlich «weißes Licht» genannt wird, gemeint. Nur der Umstand, daß man sich von dieser Vorstellung nicht losmachen kann und das auf so komplizierte Weise zusammengesetzte Sonnenlicht als den Repräsentanten des Lichtes an sich ansieht, verhindert das Verständnis der Goetheschen Farbenlehre. Das Licht, wie es Goethe auffaßt, und wie er es der Finsternis als seinem Gegenteil gegenüberstellt, ist eine rein geistige Entität, einfach das allen Farbenempfindungen Gemeinsame. Wenn Goethe das auch nirgends klar ausgesprochen hat, so ist doch seine ganze Farbenlehre so angelegt, daß nur dieses darunter verstanden werden darf. Wenn er mit dem Sonnenlichte experimentiert, um seine Theorie durchzuführen, so ist der Grund davon nur der, daß das Sonnenlicht, trotzdem es das Resultat so komplizierter Vorgänge ist, wie sie eben im Sonnenkörper auftreten, doch für uns sich als Einheit darstellt, die ihre Teile nur als aufgehobene in sich enthält. Das, was wir mit Hilfe des Sonnenlichtes für die Farbenlehre gewinnen, ist aber doch nur eine Annäherung an die Wirklichkeit. Man darf Goethes Theorie nicht so auffassen, als wenn nach ihr in jeder Farbe Licht und Finsternis real enthalten waren. Nein, sondern das Wirkliche, das unserem Auge gegenübertritt, ist nur eine bestimmte Farbennuance. Nur der Geist vermag diese sinnenfällige Tatsache in zwei geistige Entitäten auseinanderzulegen: Licht und Nicht-Licht.

[ 78 ] Starting from this point, Goethe was led to ask: What spiritual unity underlies the diversity of color perceptions? What do I perceive in every color variation? And it soon became clear to him that light is the necessary foundation of every color. No color without light. But colors are the modifications of light. And now he had to seek in reality that element which modifies and specifies light. He found that this is lightless matter, active darkness—in short, the opposite of light. Thus, for him, every color was light modified by darkness. It is entirely incorrect to believe that Goethe meant by “light” the concrete sunlight commonly called “white light.” It is only the fact that one cannot free oneself from this notion—and regards sunlight, with its complex composition, as the representative of light in and of itself—that prevents an understanding of Goethe’s theory of colors. Light, as Goethe conceives it and as he contrasts it with darkness as its opposite, is a purely spiritual entity—simply that which is common to all color perceptions. Although Goethe never explicitly stated this anywhere, his entire theory of colors is structured in such a way that only this can be understood by it. When he experiments with sunlight to test his theory, the reason for this is simply that sunlight—despite being the result of such complex processes as those occurring within the sun itself—nevertheless appears to us as a unity that contains its parts only as sublated within itself. What we gain for color theory with the help of sunlight, however, is merely a proximate approximation to reality. Goethe’s theory should not be understood to mean that light and darkness are actually contained within every color. No, rather, what is real and appears to our eye is merely a specific shade of color. Only the mind is capable of breaking down this sensory fact into two mental entities: light and non-light.

[ 79 ] Die äußeren Veranstaltungen, wodurch dieses geschieht, die materiellen Vorgänge in der Materie, werden davon nicht im mindesten berührt. Das ist eine ganz andere Sache. Daß ein Schwingungsvorgang im Äther vorgeht, während vor mir «Rot» auftritt, das soll nicht bestritten werden. Aber was real eine Wahrnehmung zustande bringt, das hat, wie wir schon gezeigt haben, mit dem Wesen des Inhaltes gar nichts zu tun.

[ 79 ] The external events through which this occurs—the material processes within matter—are not affected by this in the least. That is an entirely different matter. That a vibrational process takes place in the ether while “red” appears before me—that is not to be disputed. But what actually brings about a perception has, as we have already shown, absolutely nothing to do with the nature of the content .

[ 80 ] Man wird mir einwenden: Es läßt sich aber nachweisen, daß alles an der Empfindung subjektiv ist und nur der Bewegungsvorgang, der ihr zugrunde liegt, das außer unserem Gehirne real Existierende. Dann könnte man von einer physikalischen Theorie der Wahrnehmungen überhaupt nicht sprechen, sondern nur von einer solchen der zugrunde liegenden Bewegungsvorgänge. Mit diesem Beweise verhält es sich ungefähr so: Wenn jemand an einem Orte A. ein Telegramm an mich, der ich mich in B. befinde, aufgibt, dann ist das, was ich von dem Telegramm in die Hände bekomme, restlos in B. entstanden. Es ist der Telegraphist in B..; er schreibt auf Papier, das nie in A. war, mit Tinte, die nie in A. war; er selbst kennt A. gar nicht usw.; kurz es läßt sich beweisen, daß in das, was mir vorliegt, gar nichts von A. eingeflossen ist. Dennoch ist alles, was von B. herrührt, für den Inhalt, das Wesen des Telegrammes ganz gleichgültig; was für mich in Betracht kommt, ist nur durch B. vermittelt. Will ich das Wesen des Inhaltes des Telegrammes erklären, dann muß ich ganz von dem absehen, was von B. herrührt.

[ 80 ] One might object: But it can be shown that everything about sensation is subjective, and that only the process of motion underlying it actually exists outside our brain. In that case, one could not speak of a physical theory of perceptions at all, but only of one concerning the underlying processes of motion. The situation with this proof is roughly as follows: If someone at a location A sends a telegram to me, who am located at B, then what I receive from the telegram originated entirely in B. It is the telegraph operator in B.; he writes on paper that was never in A., with ink that was never in A.; he himself does not even know A., and so on; in short, it can be proven that nothing from A. has found its way into what I have before me. Nevertheless, everything that originates from B. is entirely irrelevant to the content, the essence of the telegram; what matters to me is conveyed solely through B. If I wish to explain the essence of the telegram’s content, then I must completely disregard everything that originates from B.

[ 81 ] Ebenso verhält es sich mit der Welt des Auges. Die Theorie muß sich auf das dem Auge Wahrnehmbare erstrecken und innerhalb desselben die Zusammenhänge suchen. Die materiellen raumzeitlichen Vorgänge mögen recht wichtig sein für das Zustandekommen der Wahrnehmungen; mit dem Wesen derselben haben sie nichts zu tun..

[ 81 ] The same applies to the world of the eye. The theory must extend to what is perceptible to the eye and seek the connections within it. The material processes in space-time may well be quite important for the formation of perceptions; they have nothing to do with the nature of those perceptions..

[ 82 ] Ebenso verhält es sich mit der heute vielfach besprochenen Frage: ob den verschiedenen Naturerscheinungen: Licht, Wärme, Elektrizität usw. nicht ein und dieselbe Bewegungsform im Äther zugrunde liege? Hertz hat nämlich kürzlich gezeigt, daß die Verbreitung der elektrischen Wirkungen im Raume denselben Gesetzen unterliegt wie die Verbreitung der Lichtwirkungen. Daraus kann man schließen, daß Wellen, wie sie der Träger des Lichtes sind, auch der Elektrizität zugrunde liegen. Man hat ja auch bisher schon angenommen, daß im Sonnenspektrum nur eine Art von Wellenbewegung tätig ist, die sich, je nachdem sie auf wärme-, licht- oder chemisch-empfindende Reagentien fällt, Wärme-, Licht- oder chemische Wirkungen erzeugen..

[ 82 ] The same applies to the question that is widely discussed today: whether the various natural phenomena—light, heat, electricity, etc.—are not based on one and the same form of motion in the ether? Hertz has in fact recently shown that the propagation of electrical effects in space is subject to the same laws as the propagation of light effects. From this, one can conclude that waves, such as those that carry light, also underlie electricity. It has, after all, already been assumed that in the solar spectrum only one type of wave motion is at work, which, depending on whether it strikes heat-, light-, or chemically-sensitive reagents, produces thermal, light, or chemical effects..

[ 83 ] Dies ist ja aber von vornherein klar. Wenn man untersucht, was in dem Räumlich-Ausgedehnten vorgeht, während die in Rede stehenden Entitäten vermittelt werden, dann muß man auf eine einheitliche Bewegung kommen.. Denn ein Medium, in dem nur Bewegung möglich ist, muß auf alles durch Bewegung reagieren. Es wird auch alle Vermittelungen, die es übernehmen muß, durch Bewegung vollbringen. Wenn ich dann die Formen dieser Bewegung untersuche, dann erfahre ich nicht: was das Vermittelte ist, sondern auf welche Weise es an mich gebracht wird. Es ist einfach ein Unding, zu sagen: Wärme oder Licht seien Bewegung. Bewegung ist nur die Reaktion der bewegungsfähigen Materie auf das Licht.

[ 83 ] But this is clear from the outset. If one examines what is happening in the spatially extended realm while the entities in question are being mediated, one must conclude that there is a uniform motion. For a medium in which only motion is possible must react to everything through motion. It will also accomplish all the mediations it must undertake through motion. When I then examine the forms of this motion, I do not learn: what the mediated is, but rather in what way it is conveyed to me. It is simply absurd to say that heat or light are motion. Motion is merely the reaction of matter capable of motion to light.

[ 84 ] Goethe selbst hat die Wellentheorie noch erlebt und in ihr nichts gesehen, was mit seiner Überzeugung von dem Wesen der Farbe nicht in Einklang zu bringen wäre.

[ 84 ] Goethe himself lived to see the wave theory emerge and saw nothing in it that could not be reconciled with his conviction regarding the nature of color.

[ 85 ] Man muß sich nur von der Vorstellung losmachen, daß Licht und Finsternis bei Goethe reale Wesenheiten sind, sondern sie als bloße Prinzipien, geistige Entitäten ansehen; dann wird man eine ganz andere Ansicht über seine Farbenlehre gewinnen, als man sie gewöhnlich sich bildet. Wenn man wie Newton unter dem Lichte nur eine Mischung aus allen Farben versteht, dann verschwindet jeglicher Begriff von dem konkreten Wesen «Licht». Dasselbe verflüchtigt sich vollständig zu einer leeren Allgemeinvorstellung, der in der Wirklichkeit nichts entspricht. Solche Abstraktionen waren der Goetheschen Weltanschauung fremd. Für ihn mußte eine jegliche Vorstellung konkreten Inhalt haben. Nur hörte für ihn das «Konkrete» nicht beim «Physischen» auf..

[ 85 ] One need only free oneself from the notion that light and darkness are real entities in Goethe’s work, and instead regard them as mere principles, spiritual entities; then one will gain a completely different perspective on his theory of colors than one usually forms. If, like Newton, one understands light to be merely a mixture of all colors, then any concept of the concrete entity “light” disappears. It evaporates completely into an empty general concept that corresponds to nothing in reality. Such abstractions were foreign to Goethe’s worldview. For him, every concept had to have concrete content. Only, for him, the “concrete” did not end with the “physical.”

[ 86 ] Für «Licht» hat die moderne Physik eigentlich gar keinen Begriff. Sie kennt nur spezifizierte Lichter, Farben, die in bestimmten Mischungen den Eindruck: Weiß hervorrufen. Aber auch dieses «Weiß» darf nicht mit dem Lichte an sich identifiziert werden. Weiß ist eigentlich auch nichts weiter als eine Mischfarbe. Das «Licht» im Goetheschen Sinne kennt die moderne Physik nicht; ebensowenig die «Finsternis». Die Farbenlehre Goethes bewegt sich somit in einem Gebiete, welches die Begriffsbestimmungen der Physiker gar nicht berührt. Die Physik kennt einfach alle die Grundbegriffe der Goetheschen Farbenlehre nicht. Sie kann somit von ihrem Standpunkte aus diese Theorie gar nicht beurteilen. Goethe beginnt eben da, wo die Physik aufhört..

[ 86 ] Modern physics actually has no concept of “light” as such. It recognizes only specific types of light—colors—which, when mixed in certain ways, produce the impression of “white.” But even this “white” must not be identified with light itself. White is, in fact, nothing more than a mixed color. Modern physics does not recognize “light” in the Goethean sense, nor does it recognize “darkness.” Goethe’s theory of colors thus operates in a realm that does not overlap at all with the definitions used by physicists. Physics simply does not recognize any of the basic concepts of Goethe’s theory of colors. It is therefore unable to evaluate this theory from its own standpoint. Goethe begins precisely where physics ends.

[ 87 ] Es zeugt von einer ganz oberflächlichen Auffassung der Sache, wenn man fortwährend von dem Verhältnis Goethes zu Newton und zu der modernen Physik spricht und dabei gar nicht daran denkt, daß damit auf zwei ganz verschiedene Arten, die Welt anzusehen, gewiesen ist.

[ 87 ] It is evidence of a very superficial understanding of the matter to speak constantly of Goethe’s relationship to Newton and to modern physics without even considering that this points to two entirely different ways of viewing the world.

[ 88 ] Wir sind der Überzeugung, daß derjenige, welcher unsere Erörterungen über die Natur der Sinnesempfindungen im richtigen Sinne erfaßt hat, gar keinen andern Eindruck von der Goetheschen Farbenlehre gewinnen kann, als den geschilderten. Wer freilich diese unsere grundlegenden Theorien nicht zugibt, der bleibt auf dem Standpunkt der physikalischen Optik stehen und damit lehnt er auch Goethes Farbenlehre ab..*

[ 88 ] We are convinced that anyone who has properly grasped our discussions on the nature of sensory perceptions cannot form any other impression of Goethe’s theory of colors than the one described here. Of course, anyone who does not accept our fundamental theories remains at the level of physical optics and thus also rejects Goethe’s theory of colors..*