Introductions to Goethe's Scientific Writings
GA 1
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Introductions to Goethe's Scientific Writings, tr. SOL
17. Goethe gegen den Atomismus
17. Goethe Against Atomism
[ 1 ] Es ist heute viel die Rede von der fruchtbaren Entwicklung der Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert. Ich glaube, man kann mit Recht nur von bedeutungsvollen naturwissenschaftlichen Erfahrungen sprechen, die gemacht worden sind, und von einer Umgestaltung der praktischen Lebensverhältnisse durch diese Erfahrungen. Was aber die Grundvorstellungen betrifft, durch welche die moderne Naturanschauung die Erfahrungswelt zu begreifen sucht, so halte ich diese für ungesund und einem energischen Denken gegenüber für unzulänglich. Ich habe mich darüber bereits auf S. 258ff. dieser Schrift ausgesprochen. In jüngster Zeit hat nun ein namhafter Naturforscher der Gegenwart, der Chemiker Wilhelm Ostwald dieselbe Ansicht geäußert. 102«Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus»; Vortrag,gehalten in der 3. allgemeinen Sitzung der Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Lübeck am 20. 9. 1895; Leipzig 1895. - Dies ist kurze Zeit, nachdem die betreffenden Äußerungen Ostwalds gemacht worden sind, geschrieben. Er sagt: «Vom Mathematiker bis zum praktischen Arzt wird jeder naturwissenschaftlich denkende Mensch auf die Frage, wie er sich die Welt «im Innern» gestaltet denkt, seine Ansicht dahin zusammenfassen, daß die Dinge sich aus bewegten Atomen zusammensetzen, und daß diese Atome und die zwischen ihnen wirkenden Kräfte die letzten Realitäten seien, aus denen die einzelnen Erscheinungen bestehen. In hundertfältigen Wiederholungen kann man diesen Satz hören und lesen, daß für die physikalische Welt kein anderes Verständnis gefunden werden kann, als indem man sie auf «Mechanik der Atome» zurückführt; Materie und Bewegung erscheinen als die letzten Begriffe, auf welche die Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen bezogen werden muß. Man kann diese Auffassung den wissenschaftlichen Materialismus nennen.» Ich habe in dieser Schrift S. 258ff. gesagt, daß die modernen physikalischen Grundanschauungen unhaltbar sind. Dasselbe spricht Ostwald (S. 6. seines Vortrages) mit folgenden Worten aus: «Daß diese mechanistische Weltansicht den Zweck nicht erfüllt, für den sie ausgebildet worden ist; daß sie mit unzweifelhaften und allgemein bekannten und anerkannten Wahrheiten in Widerspruch tritt.» Die Übereinstimmung der Ausführungen Ostwalds und der meinigen geht noch weiter. Ich sage (S. 274 dieser Schrift): «Das sinnenfällige Weltbild ist die Summe sich metamorphosierender Wahrnehmungsinhalte ohne eine zugrunde liegende Materie.» Ostwald sagt (S. 12 f.): «Wenn wir uns aber überlegen, daß alles, was wir von einem bestimmten Stoffe wissen, die Kenntnis seiner Eigenschaften ist, so sehen wir, daß die Behauptung, es sei ein bestimmter Stoff zwar noch vorhanden, hätte aber keine von seinen Eigenschaften mehr, von einem reinen Nonsens nicht sehr weit entfernt ist. Tatsächlich dient uns diese rein formelle Annahme nur dazu, die allgemeinen Tatsachen der chemischen Vorgänge, insbesondere die stöchiometrischen Massengesetze, mit dem willkürlichen Begriffe einer an sich unveränderten Materie zu vereinigen.» Und S. 256 dieser Schrift ist zu lesen: «Diese Erwägungen sind es, die mich dazu zwangen, jede Theorie der Natur, die prinzipiell über das Gebiet der wahrgenommenen Welt hinausgeht, als unmöglich abzulehnen und lediglich in der Sinnenwelt das einzige Objekt der Naturwissenschaft zu suchen.» Das Gleiche finde ich in Ostwalds Vortrag ausgesprochen auf S. 25 und 22: «Was erfahren wir denn von der physischen Welt? Offenbar nur das, was uns unsere Sinneswerkzeuge davon zukommen lassen.» «Realitäten, aufweisbare und meßbare Größen miteinander in bestimmte Beziehung zu setzen, so daß, wenn die einen gegeben sind, die anderen gefolgert werden können, das ist die Aufgabe der Wissenschaft und sie kann nicht durch Unterlegung irgendeines hypothetischen Bildes, sondern nur durch Nachweis gegenseitiger Abhängigkeitsbeziehungen meßbarer Größen gelöst werden.» Wenn man davon absieht, daß Ostwald im Sinne eines Naturforschers der Gegenwart spricht, und deshalb in der Sinnenwelt nichts als aufweisbare und meßbare Größen sieht, so entspricht seine Ansicht vollständig der meinigen, wie ich sie z. B. in dem Satze (S. 299) ausgesprochen habe: «Die Theorie muß sich auf das.. Wahrnehmbare erstrecken und innerhalb desselben die Zusammenhänge suchen.»
[ 1 ] There is much talk today about the fruitful development of the natural sciences in the nineteenth century. I believe it is only right to speak of the significant scientific experiments that were conducted and of the transformation of practical living conditions brought about by these experiments. However, as for the fundamental concepts through which the modern view of nature seeks to understand the empirical world, I consider them unhealthy and inadequate for vigorous thinking. I have already expressed my views on this on p. 258 ff. of this work. Recently, a prominent contemporary natural scientist, the chemist Wilhelm Ostwald, has expressed the same view. 102“The Overcoming of Scientific Materialism”; Lecture delivered at the 3rd general session of the Assembly of the Society of German Natural Scientists and Physicians in Lübeck on September 20, 1895; Leipzig 1895. — This was written shortly after Ostwald made the remarks in question. He says: “From the mathematician to the practicing physician, every person who thinks in scientific terms, when asked how they conceive of the world ‘from within,’ will summarize their view by saying that things are composed of moving atoms , and that these atoms and the forces acting between them are the ultimate realities of which individual phenomena consist. One can hear and read this statement countless times: that no other understanding of the physical world can be found except by reducing it to the ‘mechanics of atoms’; matter and motion appear as the ultimate concepts to which the diversity of natural phenomena must be related. One can call this view scientific materialism.” In this work, on p. 258 ff., I have stated that modern fundamental physical views are untenable. Ostwald (p. 6 of his lecture) expresses the same idea with the following words: “That this mechanistic worldview does not fulfill the purpose for which it was developed; that it contradicts unquestionable, generally known, and universally accepted truths.” The agreement between Ostwald’s explanations and my own goes even further. I say (p. 274 of this work): “The intuitive worldview is the sum of metamorphosing perceptual contents without any underlying matter.” Ostwald says (pp. 12 ff.): “But if we consider that all we know about a particular substance is the knowledge of its properties, we see that the assertion that a particular substance still exists but no longer possesses any of its properties is not very far from pure nonsense. In fact, this purely formal assumption serves only to reconcile the general facts of chemical processes—in particular, the stoichiometric laws of mass—with the arbitrary concept of matter that remains unchanged in itself .” And on p. 256 of this work, we read: “It is these considerations that compelled me to reject as impossible any theory of nature that, in principle, extends beyond the realm of the perceived world, and to seek the sole object of natural science solely within the sensory world.” I find the same idea expressed in Ostwald’s lecture on pp. 25 and 22: “What, then, do we learn about the physical world? Apparently only what our sense organs convey to us.” “Establishing specific relationships between realities—demonstrable and measurable quantities—so that, when some are given, the others can be inferred: that is the task of science, and it cannot be solved by positing any hypothetical model, but only by demonstrating the interdependent relationships of measurable quantities.” If one disregards the fact that Ostwald speaks in the spirit of a contemporary natural scientist, and therefore sees nothing in the sensory world but demonstrable and measurable quantities , then his view corresponds completely to my own, as I have expressed it, for example, in the sentence (p. 299): “Theory must extend to the... perceptible and seek the connections within it.”
[ 2 ] Ich habe in meinen Ausführungen über Goethes Farbenlehre den gleichen Kampf gegen die naturwissenschaftlichen Grundvorstellungen der Gegenwart geführt wie Prof. Ostwald in seinem Vortrage «Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus». Was ich an die Stelle dieser Grundvorstellungen gesetzt habe, stimmt allerdings nicht überein mit den Aufstellungen Ostwalds. Denn dieser geht, wie ich weiter unten zeigen werde, von denselben oberflächlichen Voraussetzungen aus wie seine Gegner, die Anhänger des wissenschaftlichen Materialismus. Ich habe auch ausgeführt, daß die Grundvorstellungen der modernen Naturanschauung die Ursache der ungesunden Beurteilung sind, die Goethes Farbenlehre erfahren hat und noch fortwährend erfährt.
[ 2 ] In my discussions of Goethe’s Theory of Colors, I waged the same battle against the fundamental scientific assumptions of the present day as Prof. Ostwald did in his lecture “The Overcoming of Scientific Materialism.” What I have proposed in place of these fundamental concepts, however, does not correspond to Ostwald’s propositions. For, as I will show below, he proceeds from the same superficial premises as his opponents, the adherents of scientific materialism. I have also explained that the fundamental concepts of the modern view of nature are the cause of the unfair judgment that Goethe’s Theory of Colors has faced and continues to face.
[ 3 ] Ich möchte nun etwas genauer mich mit der modernen Naturanschauung auseinandersetzen. Aus dem Ziel, das sich diese Naturanschauung gesetzt hat, suche ich zu erkennen, ob sie eine gesunde ist oder nicht.
[ 3 ] I would now like to examine the modern view of nature in a little more detail. Based on the goal that this view of nature has set for itself, I will try to determine whether it is a healthy one or not.
[ 4 ] Nicht mit Unrecht hat man die Grundformel, nach der die moderne Naturanschauung die Welt der Wahrnehmungen beurteilt, in den Worten des Descartes gesehen: «Ich finde, wenn ich die körperlichen Dinge näher prüfe, daß darin sehr wenig enthalten ist, was ich klar und deutlich einsehe, nämlich die Größe, oder die Ausdehnung in Länge, Tiefe, Breite, die Gestalt, die von der Endigung dieser Ausdehnung herrührt, die Lage, welche die verschieden gestalteten Körper unter sich haben, und die Bewegung oder Änderung dieser Lage, welchen man die Substanz, die Dauer und Zahl hinzufügen kann. Was die übrigen Sachen betrifft, wie das Licht, die Farben, die Töne, Gerüche, Geschmacksempfindungen, Wärme, Kälte und die sonstigen, dem Tastsinn spürbaren Qualitäten (Glätte, Rauheit), so treten sie in meinem Geiste mit solcher Dunkelheit und Verworrenheit auf, daß ich nicht weiß, ob sie wahr oder falsch sind, d. h. ob die Ideen, die ich von diesen Gegenständen fasse, in der Tat die Ideen von irgendwelchen reellen Dingen sind, oder ob sie nur chimärische Wesen vorstellen, die nicht existieren können.» Im Sinne dieses Des-cartesschen Satzes zu denken, ist den Bekennern der modernen Naturanschauung in einem solchen Grade zur Gewohnheit geworden, daß sie jede andere Denkweise kaum der Beachtung wert finden. Sie sagen: Was als Licht wahrgenommen wird, wird durch einen Bewegungsvorgang bewirkt, der durch eine mathematische Formel ausgedrückt werden kann. Wenn eine Farbe in der Erscheinungswelt auftritt, führen sie diese zurück auf eine schwingende Bewegung und berechnen die Zahl der Schwingungen in einer bestimmten Zeit. Sie glauben, die ganze Sinnenwelt werde erklärt sein, wenn gelungen sein wird, alle Wahrnehmungen auf Verhältnisse zurückzuführen, die in solchen mathematischen Formeln sich aussprechen lassen. Ein Geist, der eine solche Erklärung geben könnte, hätte nach Ansicht dieser Naturgelehrten das Äußerste erreicht, was dem Menschen in bezug auf Erkenntnis der Naturerscheinungen möglich ist. Du Bois-Reymond, ein Repräsentant dieser Gelehrten, sagt von einem solchen Geiste: Ihm «wären die Haare auf unserem Haupte gezählt, und ohne sein Wissen fiele kein Sperling zur Erde». («Über die Grenzen des Naturerkennens», [5. Aufl., Leipzig 1882] S. 13.) Die Welt zu einem Rechenexempel zu machen, ist das Ideal der modernen Naturanschauung.
[ 4 ] It is not without reason that the basic formula by which the modern view of nature judges the world of perceptions has been seen in the words of Descartes : “I find, when I examine physical things more closely, that there is very little in them that I clearly and distinctly i>understand, namely size, or extension in length, depth, and width; shape, which results from the termination of this extension; position, which is the relationship between bodies of different shapes; and motion or change in this position, to which one may add substance, duration, and number. As for the remaining things, such as light, colors, sounds, smells, tastes, warmth, cold, and the other qualities perceptible to the sense of touch (smoothness, roughness), they appear in my mind with such obscurity and confusion that I do not know whether they are true or false—that is, whether the ideas I form of these objects are in fact the ideas of any real things, or whether they merely represent chimerical entities that cannot exist.” Thinking in accordance with this Des-Cartesian proposition has become so ingrained as a habit among the adherents of the modern view of nature that they consider any other way of thinking scarcely worthy of attention. They say: What is perceived as light is caused by a process of motion that can be expressed by a mathematical formula. When a color appears in the phenomenal world, they trace it back to an oscillating motion and calculate the number of oscillations in a given time. They believe that the entire sensory world will be explained once it is possible to reduce all perceptions to relationships that can be expressed in such mathematical formulas. In the view of these natural scientists, a mind capable of providing such an explanation would have attained the very limit of what is possible for human beings in terms of understanding natural phenomena. Du Bois-Reymond, a representative of these scholars, says of such a mind: “The hairs on our heads would be counted, and not a sparrow would fall to the ground without his knowledge.” (“On the Limits of the Knowledge of Nature,” [5th ed., Leipzig 1882], p. 13.) Turning the world into a mathematical problem is the ideal of the modern view of nature.
[ 5 ] Da ohne das Vorhandensein von Kräften die Teile der angenommenen Materie niemals in Bewegung geraten würden, so nehmen die modernen Naturgelehrten auch die Kraft unter die Elemente auf, aus denen sie die Welt erklären, und Du Bois-Reymond sagt: «Naturerkennen.. ist Zurückführen der Veränderungen in der Körperwelt auf Bewegungen von Atomen, die durch deren von der Zeit unabhängige Zentralkräfte bewirkt werden, oder Auflösung der Naturvorgänge in Mechanik der Atome.» [a. a. 0., S. 10] Durch die Einführung des Kraftbegriffs geht die Mathematik in die Mechanik über. Die Philosophen von heute 103Dies ist im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geschrieben. Was darüber heute zu sagen ist, darüber* [vgl. Anm. S.21]. stehen so sehr unter dem Einfluß der Naturgelehrten, daß sie allen Mut zu selbständigem Denken verloren haben. Sie nehmen die Aufstellungen der Naturgelehrten rückhaltlos an. Einer der angesehensten deutschen Philosophen, W. Wundt, sagt in seiner «Logik» («Logik. [Eine Untersuchung der Prinzipien der Erkenntnis und die Methoden wissenschaftlicher Forschung]», II. Bd. [Methodenlehre], 1. Abt., [2. Aufl., Stuttgart 1894], S. 266): «Mit Rücksicht.. und in Anwendung des Grundsatzes, daß wegen der qualitativen Unveränderlichkeit der Materie alle Naturvorgänge in letzter Instanz Bewegungen sind, betrachtet man als das Ziel der Physik ihre vollständige Überführung in .. angewandte Mechanik. »
[ 5 ] Since, without the existence of forces, the particles of the postulated matter would never be set in motion, modern natural scientists also include the force among the elements from which they explain the world, and Du Bois-Reymond says: “Understanding nature… is the reduction of changes in the physical world to the motions of atoms, which are caused by their central forces independent of time, or the resolution of natural processes into the mechanics of atoms.” [op. cit., p. 10] With the introduction of the concept of force , mathematics transitions into mechanics. Today’s philosophers 103This was written in the early 1890s. What can be said about this today* [see note on p. 21]. are so heavily influenced by natural scientists that they have lost all courage to think independently. They accept the natural scientists’ assertions unreservedly. One of the most respected German philosophers, W. Wundt, states in his *Logic* (*Logic. [An Investigation of the Principles of Knowledge and the Methods of Scientific Research]*, Vol. II [Methodology], Part 1, [2nd ed., Stuttgart 1894], p. 266): “Taking into account… and applying the principle that, due to the qualitative immutability of matter, all natural processes are ultimately movements, the goal of physics is regarded as their complete transformation into… applied mechanics.”
[ 6 ] Du Bois-Reymond findet: «Es ist eine psychologische Erfahrungstatsache, daß, wo solche Auflösung (der Naturvorgänge in Mechanik der Atome) gelingt, unser Kausalitätsbedürfnis vorläufig sich befriedigt fühlt.» [a. a. 0., S. 10] Das mag für Du Bois-Reymond eine Erfahrungstatsache sein. Aber es muß gesagt werden, daß es noch andere Menschen gibt, die sich durch eine banale Erklärung der Körperwelt - wie Du Bois-Reymond sie im Auge hat -durchaus nicht befriedigt fühlen.
[ 6 ] Du Bois-Reymond observes: “It is a psychological fact of experience that, where such an explanation (of natural processes in atomic mechanics) is successful, our need for causality feels provisionally satisfied.” [op. cit., p. 10] That may be a fact of experience for Du Bois-Reymond. But it must be said that there are others who are by no means satisfied with a banal explanation of the physical world—such as the one Du Bois-Reymond has in mind.
[ 7 ] Zu diesen anderen Menschen gehört Goethe. Wessen Kausalitätsbedürfnis befriedigt ist, wenn es ihm gelungen ist, die Naturvorgänge auf Mechanik der Atome zurückzuführen, dem fehlt das Organ, um Goethe zu verstehen.
[ 7 ] Among these other people is Goethe. Anyone whose need for causality is satisfied once they have succeeded in attributing natural phenomena to atomic mechanics lacks the capacity to understand Goethe.
2.
2.
[ 8 ] Größe, Gestalt, Lage, Bewegung, Kraft usw. sind genau in demselben Sinne Wahrnehmungen wie Licht, Farben, Töne, Gerüche, Geschmacksempfindungen, Wärme, Kälte usw. Wer die Größe eines Dinges von seinen übrigen Eigenschaften absondert und für sich betrachtet, der hat es nicht mehr mit einem wirklichen Dinge, sondern mit einer Abstraktion des Verstandes zu tun. Es ist das Widersinnigste, das sich denken läßt, einem von der sinnlichen Wahrnehmung abgezogenen Abstraktum einen andern Grad von Realität zuzuschreiben als einem Dinge der sinnlichen Wahrnehmung selbst. Die Raum- und Zahlverhältnisse haben von den übrigen Sinneswahrnehmungen nichts voraus als ihre größere Einfachheit und leichtere Überschaubarkeit. Auf dieser Einfachheit und Überschaubarkeit beruht die Sicherheit der mathematischen Wissenschaften. Wenn die moderne Naturanschauung alle Vorgänge der Körperwelt auf mathematisch und mechanisch Ausdrückbares zurückführt, so beruht dies darauf, daß das Mathematische und Mechanische für unser Denken leicht und bequem zu handhaben ist. Und das menschliche Denken neigt zur Bequemlichkeit. Man kann das gerade an Ostwalds oben erwähntem Vortrage sehen. Dieser Naturgelehrte will an Stelle von Materie und Kraft die Energie setzen. Man höre: «Welches ist die Bedingung, damit eines unserer (Sinnes-) Werkzeuge sich betätigt? Wir mögen die Sache wenden, wie wir wollen, wir finden nichts Gemeinsames, als das: Die Sinneswerkzeuge reagieren auf Energieunterschiede zwischen ihnen und der Umgebung. In einer Welt, deren Temperatur überall die unseres Körpers wäre, würden wir auf keine Weise etwas von der Wärme erfahren können, ebenso wie wir keinerlei Empfindung von dem konstanten Atmosphärendrucke haben, unter dem wir leben; erst wenn wir Räume anderen Druckes herstellen, gelangen wir zu seiner Kenntnis.» (S. 2Sf. des Vortrags.) Und weiter (S. 29): «Denken Sie sich, Sie bekämen einen Schlag mit einem Stocke! Was fühlen Sie dann, den Stock oder seine Energie? Die Antwort kann nur eine sein: die Energie. Denn der Stock ist das harmloseste Ding von der Welt, solange er nicht geschwungen wird. Aber wir können uns auch an einem ruhenden Stocke stoßen! Ganz richtig: was wir empfinden, sind, wie schon betont, Unterschiede der Energiezustände gegen unsere Sinnesapparate, und daher ist es gleichgültig, ob sich der Stock gegen uns oder wir uns gegen den Stock bewegen. Haben aber beide gleiche und gleichgerichtete Geschwindigkeit, so existiert der Stock für unser Gefühl nicht mehr, denn er kann nicht mit uns in Berührung kommen und einen Energieaustausch bewerkstelligen.» Diese Auslassungen beweisen, daß Ostwald die Energie aus dem Gebiete der Wahrnehmungswelt aussondert, d. h. von allem, was nicht Energie ist, abstrahiert. Er führt alles Wahrnehmbare auf eine einzige Eigenschaft des Wahrnehmbaren, auf die Äußerung von Energie, also auf einen abstrakten Begriff zurück. Die Befangenheit Ostwalds in den naturwissenschaftlichen Gewohnheiten der Gegenwart ist deutlich erkennbar. Auch er könnte, wenn er gefragt würde, zur Rechtfertigung seines Verfahrens nichts anführen, als daß es für ihn eine psychologische Erfahrungstatsache ist, daß sein Kausalitätsbedürfnis befriedigt ist, wenn er die Naturvorgänge in Äußerungen der Energie aufgelöst hat. Es ist im Wesen gleichgültig: ob Du Bois-Reymond die Naturvorgänge in Mechanik der Atome, oder Ostwald in Energieäußerungen auflöst. Beides entspringt der Neigung des menschlichen Denkens zur Bequemlichkeit.
[ 8 ] Size, shape, position, motion, force, etc., are perceptions in exactly the same sense as light, colors, sounds, smells, tastes, heat, cold, etc. Anyone who isolates the size of a thing from its other properties and considers it on its own is no longer dealing with a real thing, but with an abstraction of the mind. It is the most absurd thing imaginable to attribute a different degree of reality to an abstraction derived from sensory perception than to a thing of sensory perception itself. Spatial and numerical relationships have no advantage over other sensory perceptions other than their greater simplicity and easier comprehensibility. The certainty of the mathematical sciences rests on this simplicity and comprehensibility. If the modern view of nature reduces all processes of the physical world to what can be expressed mathematically and mechanically, this is because the mathematical and the mechanical are easy and convenient for our thinking to handle. And human thinking tends toward convenience. This can be seen precisely in Ostwald’s lecture mentioned above. This natural scientist wishes to replace “matter” and “force” with “energy” . Listen: “What is the condition for one of our (sensory) organs to function? No matter how we look at the matter, we find nothing in common except this: The sensory organs react to differences in energy between themselves and their surroundings. In a world where the temperature were everywhere the same as that of our bodies, we would be unable to perceive heat in any way, just as we have no sensation of the constant atmospheric pressure under which we live; only when we create spaces with different pressures do we become aware of it.” (p. 2Sf. of the lecture.) And further (p. 29): “Imagine you were struck with a stick! What would you feel then—the stick or its energy? There can be only one answer: the energy. For the stick is the most harmless thing in the world as long as it is not swung. But we can also bump into a stationary stick! Quite right: what we perceive, as already emphasized, are differences in energy states relative to our sensory organs, and therefore it makes no difference whether the stick moves toward us or we move toward the stick. But if both have the same velocity in the same direction, then the stick no longer exists for our perception, for it cannot come into contact with us and effect an exchange of energy.” These omissions prove that Ostwald excludes energy from the realm of the perceptual world—that is, abstracts it from everything that is not energy. He reduces everything perceptible to a single property of the perceptible—the manifestation of energy—and thus to an abstract concept. Ostwald’s bias toward contemporary scientific conventions is clearly evident. He, too, if asked, could offer no justification for his method other than that it is a psychological fact of experience for him that his need for causality is satisfied once he has reduced natural processes to manifestations of energy . It is essentially irrelevant whether Du Bois-Reymond reduces natural processes to atomic mechanics, or Ostwald to expressions of energy. Both stem from the tendency of human thought toward convenience.
[ 9 ] Ostwald sagt am Schlusse seines Vortrags (S. 34): «Ist die Energie, so notwendig und nützlich sie auch zum Verständnis der Natur ist, auch zureichend für diesen Zweck (nämlich die Erklärung der Körperwelt)? Oder gibt es Erscheinungen, welche durch die bisher bekannten Gesetze der Energie nicht vollständig dargestellt werden können? . . . Ich glaube der Verantwortlichkeit, die ich heute durch meine Darlegung Ihnen gegenüber eingenommen habe, nicht besser gerecht werden zu können, als wenn ich hervorhebe, daß diese Frage mit Nein zu beantworten ist. So immens die Vorzüge sind, welche die energetische Weltauffassung vor der mechanistischen oder materialistischen hat, so lassen sich schon jetzt, wie mir scheint, einige Punkte bezeichnen, welche durch die bekannten Hauptsätze der Energetik nicht gedeckt werden, und welche daher auf das Vorhandensein von Prinzipien hinweisen, die über diese hinausgehen. Die Energetik wird neben diesen neuen Sätzen bestehen bleiben. Nur wird sie künftig nicht, wie wir sie noch heute ansehen müssen, das umfassendste Prinzip für die Bewältigung der natürlichen Erscheinungen sein, sondern wird voraussichtlich als ein besonderer Fall noch allgemeinerer Verhältnisse erscheinen, von deren Form wir zurzeit allerdings kaum eine Ahnung haben.»
[ 9 ] Ostwald says at the end of his lecture (p. 34): “Is energy, as necessary and useful as it is for understanding nature, also sufficient for this purpose (namely, the explanation of the physical world)? Or are there phenomena that cannot be fully accounted for by the laws of energy known to date? . . . I believe I cannot better fulfill the responsibility I have assumed toward you today through my presentation than by emphasizing that this question must be answered with No . As immense as the advantages of the energetic worldview are over the mechanistic or materialistic one, it seems to me that even now we can identify certain points that are not covered by the known fundamental principles of energetics, and which therefore point to the existence of principles that go beyond them. Thermodynamics will continue to exist alongside these new principles. However, in the future it will no longer be—as we must still regard it today—the most comprehensive principle for understanding natural phenomena, but will likely appear as a special case of even more general relationships, the form of which we currently have hardly any inkling of.»
3.
3.
[ 10 ] Würden unsere Naturgelehrten auch Schriften von Leuten lesen, die außerhalb ihrer Gilde stehen, so hätte Prof. Ostwald eine Bemerkung wie diese nicht machen können. Denn ich habe bereits 1891, in der erwähnten Einleitung der Goetheschen Farbenlehre, ausgesprochen, daß wir von solchen «Formen» allerdings eine Ahnung und mehr als eine solche haben können, und daß in dem Ausbau der naturwissenschaftlichen Grundvorstellungen Goethes die Aufgabe der Naturwissenschaft der Zukunft liegt.
[ 10 ] If our natural scientists were to read works by people outside their own circle, Prof. Ostwald would not have been able to make a remark like this. For I had already stated in 1891, in the aforementioned introduction to Goethe’s Theory of Colors, that we can indeed have an inkling—and more than just an inkling—of such “forms,” and that the task of future natural science lies in the further development of Goethe’s fundamental scientific concepts.
[ 11 ] So wenig wie die Vorgänge der Körperwelt sich in Mechanik der Atome, so wenig lassen sie sich in Energieverhältnisse «auflösen». Durch ein solches Verfahren wird nichts weiter erreicht, als daß die Aufmerksamkeit von dem Inhalt der wirklichen Sinnenwelt abgelenkt, und einem unwirklichen Abstraktum zugewendet wird, dessen ärmlicher Fond von Eigenschaften doch auch nur aus derselben Sinnenwelt entnommen ist. Man kann nicht die eine Gruppe von Eigenschaften der Sinnenwelt: Licht, Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke, Wärmeverhältnisse usw. dadurch erklären, daß man sie «auflöst» in die andere Gruppe von Eigenschaften derselben Sinnenwelt: Größe, Gestalt, Lage, Zahl, Energie usw. Nicht «Auflösung» der einen Art von Eigenschaften in die andere kann Aufgabe der Naturwissenschaft sein, sondern Aufsuchung von Beziehungen und Verhältnissen zwischen den wahrnehmbaren Eigenschaften der Sinnenwelt. Wir entdecken dann gewisse Bedingungen, unter denen eine Sinneswahrnehmung die andere notwendig nach sich zieht. Wir finden, daß zwischen gewissen Erscheinungen ein intimerer Zusammenhang be- steht als zwischen anderen. Wir verknüpfen die Erscheinungen dann nicht mehr in der Weise, wie sie sich der zufälligen Beobachtung darbieten. Denn wir erkennen, daß gewisse Zusammenhänge von Erscheinungen notwendig sind. Ihnen gegenüber sind andere Zusammenhänge zufällig. Notwendige Zusammenhänge von Erscheinungen nennt Goethe Urphänomene.
[ 11 ] Just as the processes of the physical world cannot be “reduced” to the mechanics of atoms, neither can they be “reduced” to energy relationships. Such an approach achieves nothing more than diverting attention from the content of the real sensory world and directing it toward an unreal abstraction, whose meager set of properties is, after all, drawn from that same sensory world. One cannot explain one group of properties of the sensory world—light, colors, sounds, smells, tastes, thermal conditions, etc.—by “reducing” them to another group of properties of the same sensory world: size, shape, position, number, energy, etc. The task of natural science cannot be the “resolution” of one type of property into another, but rather the search for relationships and connections between the perceptible properties of the sensory world. We then discover certain conditions under which one sensory perception necessarily entails another. We find that there is a more intimate connection between certain phenomena than between others. We no longer link these phenomena in the way they present themselves to casual observation. For we recognize that certain connections between phenomena are necessary . In contrast, other connections are accidental. Goethe calls these necessary connections between phenomena “Urphänomene.”
[ 12 ] Der Ausdruck eines Urphänomens besteht immer darin, daß man von einer bestimmten sinnlichen Wahrnehmung sagt, sie rufe notwendig eine andere hervor. Dieser Ausdruck ist das, was man ein Naturgesetz nennt. Wenn man sagt: «Durch Erwärmung wird ein Körper ausgedehnt», so hat man einen notwendigen Zusammenhang von Erscheinungen der Sinnenwelt (Wärme, Ausdehnung) zum Ausdrucke gebracht. Man hat ein Urphänomen erkannt und es in Form eines Naturgesetzes ausgesprochen. Die Urphänomene sind die von Ostwald gesuchten Formen für die allgemeinsten Verhältnisse der unorganischen Natur.
[ 12 ] The expression of a primordial phenomenon always consists in saying that a particular sensory perception necessarily gives rise to another. This expression is what is called a law of nature . When one says, “A body expands when heated,” one has expressed a necessary connection between phenomena of the sensory world (heat, expansion). One has recognized a primordial phenomenon and expressed it in the form of a law of nature . The primordial phenomena are the forms sought by Ostwald for the most general relationships in inorganic nature.
[ 13 ] Die Gesetze der Mathematik und Mechanik sind ebenso nur Ausdrücke von Urphänomenen wie die Gesetze, die andere sinnliche Zusammenhänge in eine Formel bringen. Wenn G. Kirchhoff sagt: Die Aufgabe der Mechanik ist: «Die in der Natur vor sich gehenden Bewegungen vollständig und auf die einfachste Weise zu beschreiben», so irrt er. Die Mechanik beschreibt die in der Natur vor sich gehenden Bewegungen nicht bloß auf die einfachste Weise und vollständig, sondern sie sucht gewisse notwendige Bewegungsvorgänge auf, die sie aus der Summe der in der Natur vor sich gehenden Bewegungen heraushebt, und spricht diese notwendigen Bewegungsvorgänge als mechanische Grundgesetze aus. Es muß als ein Gipfel der Gedankenlosigkeit bezeichnet werden, daß der Kirchhoffsche Satz immer und immer wieder als etwas besonders Bedeutendes angeführt wird, ohne Gefühl davon, daß die Aufstellung des einfachsten Grundgesetzes der Mechanik ihn widerlegt.
[ 13 ] The laws of mathematics and mechanics are just as much expressions of primordial phenomena as the laws that express other sensory relationships in a formula. When G. Kirchhoff says: “The task of mechanics is to describe the movements occurring in nature completely and in the simplest way ,” he is mistaken. Mechanics does not merely describe the motions occurring in nature in the simplest way and completely; rather, it seeks out certain necessary processes of motion, which it singles out from the sum of the motions occurring in nature, and articulates these necessary processes of motion as fundamental mechanical laws . It must be regarded as the height of thoughtlessness that Kirchhoff’s theorem is cited time and time again as something particularly significant, without any sense that the formulation of the simplest fundamental law of mechanics refutes it.
[ 14 ] Das Urphänomen stellt einen notwendigen Zusammenhang von Elementen der Wahrnehmungswelt dar. Es kann deshalb kaum etwas Unzutreffenderes gesagt werden, als was H. Helmholtz in seiner Rede auf der Weimarer Goethe Versammlung vom 11. Juni 1892 vorgebracht hat: «Es ist zu bedauern, daß Goethe zu jener Zeit die von Huyghens schon aufgestellte Undulationstheorie des Lichtes nicht gekannt hat; diese würde ihm ein viel richtigeres und anschaulicheres ˂Urphänomen˃ an die Hand gegeben haben, als der dazu kaum geeignete und sehr verwickelte Vorgang, den er sich in den Farben trüber Medien zu diesem Ende wählte.» 104H. L. F. v. Helmholtz, Goethes Vorahnungen kommender wissenschaftlicher Ideen usw.; Berlin 1892, S. 34.
[ 14 ] The primordial phenomenon represents a necessary connection between elements of the perceptual world. Therefore, hardly anything could be more inaccurate than what H. Helmholtz put forward in his speech at the Weimar Goethe Conference on June 11, 1892: “ It is regrettable that Goethe, at that time, was unaware of the undulation theory of light already formulated by Huyghens ; this would have provided him with a much more accurate and vivid ˂primordial phenomenon˃ than the highly convoluted process—which was hardly suitable for this purpose—that he chose for this end in the colors of opaque media.” 104H. L. F. von Helmholtz, Goethe’s Premonitions of Future Scientific Ideas, etc.; Berlin 1892, p. 34.
[ 15 ] Also die unwahrnehmbaren Undulationsbewegungen, die zu den Lichterscheinungen von den Bekennern der modernen Naturanschauung hinzu gedacht werden, sollen Goethe ein viel richtigeres und anschaulicheres «Urphänomen» an die Hand gegeben haben, als der keineswegs verwickelte, sondern sich vor unseren Augen abspielende Prozeß, der darin besteht, daß Licht durch ein trübes Mittel gesehen gelb, Finsternis durch ein erhelltes Mittel gesehen blau erscheint. Die «Auflösung» der sinnlich wahrnehmbaren Vorgänge in unwahrnehmbare mechanische Bewegungen ist den modernen Physikern so sehr zur Gewohnheit geworden, daß sie gar keine Ahnung davon zu haben scheinen, daß sie ein Abstraktum an die Stelle der Wirklichkeit setzen. Aussprüche wie den Helmholtzschen wird man erst tun dürfen, wenn alle Sätze Goethes von der Art des folgenden aus der Welt geschafft sein werden: «Das Höchste wäre: zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.» [«Sprüche in Prosa»; Natw. Schr., 4. Bd., 2. Abt., S. 376] Goethe bleibt innerhalb der Erscheinungswelt stehen; die modernen Physiker lesen einige Fetzen aus der Erscheinungswelt auf und versetzen diese hinter die Phänomene, um dann von diesen hypothetischen Realitäten die Phänomene der wirklich wahrnehmbaren Erfahrung abzuleiten.
[ 15 ] Thus, the imperceptible undulatory movements—which the proponents of the modern view of nature assume to underlie the phenomena of light—are said to have provided Goethe with a much more accurate and vivid “primordial phenomenon” than the by no means complicated process—which unfolds right before our eyes—consisting in the fact that light, when viewed through a cloudy medium, appears yellow, while darkness, when viewed through a luminous medium, appears blue . The “reduction” of sensually perceptible processes to imperceptible mechanical movements has become so much of a habit for modern physicists that they seem to have no idea whatsoever that they are substituting an abstraction for reality. Statements such as Helmholtz’s will only be permissible once all of Goethe’s propositions of the following kind have been eliminated: “The highest achievement would be to grasp that everything factual is already theory. The blue of the sky reveals to us the fundamental law of chromaticism. Let us not seek anything behind the phenomena; they themselves are the doctrine.” [“Sayings in Prose”; Natw. Schr., Vol. 4, Part 2, p. 376] Goethe remains within the world of appearances; modern physicists pick up a few scraps from the world of appearances and place them behind the phenomena, in order to then derive the phenomena of truly perceptible experience from these hypothetical realities.
4.
4.
[ 16 ] Einzelne jüngere Physiker behaupten, sie legen dem Begriffe der bewegten Materie keinen über die Erfahrung hinausgehenden Sinn bei. Einer von ihnen, der das merkwürdige Kunststück zustande bringt, Anhänger der mechanischen Naturlehre und der indischen Mystik zugleich zu sein. Anton Lampa (vgl. dessen «Nächte des Suchenden», Braunschweig 1893) bemerkt gegen die Ausführungen Ostwalds, daß dieser «einen Kampf führe, wie weiland der tapfere Manchaner gegen die Windmühlen. Wo ist denn der Riese des wissenschaftlichen (Ostwald meint naturwissenschaftlichen) Materialismus? Den gibt es ja gar nicht. Es hat einmal einen sogenannten naturwissenschaftlichen Materialismus der Herren Büchner, Vogt und Moleschott gegeben, ja gibt ihn noch, in der Naturwissenschaft selbst aber existiert er nicht, in der Naturwissenschaft war er auch nie zu Hause. Das hat Ostwald übersehen, sonst wäre er bloß gegen die mechanische Auffassungsweise zu Felde gezogen, was er zufolge seines Mißverständnisses nur nebenbei tut, was er aber ohne dieses Mißverständnis wahrscheinlich überhaupt nicht getan hätte. Kann man denn glauben, daß eine Naturforschung, welche die Bahnen wandelt, die Kirchhoff eingeschlagen, den Begriff der Materie 1n einem solchen Sinne fassen kann, wie der Materialismus es getan? Das ist unmöglich, das ist ein offen zutage liegender Widerspruch. Der Begriff der Materie kann, gleich wie jener der Kraft, bloß einen durch die Forderung nach einer möglichst einfachen Beschreibung präzisierten, d. h. kantisch ausgedrückt, bloß empirischen Sinn haben. Und wenn irgendein Naturforscher mit dem Worte Materie einen darüber hinausliegenden Sinn verbindet, so tut er das nicht als Naturforscher, sondern als materialistischer Philosoph.» («Die Zeit», Wien, Nr. 61 vom 30. Nov. 1895).
[ 16 ] Some younger physicists claim that they do not attribute any meaning to the concept of moving matter beyond what is supported by experience. One of them manages the remarkable feat of being a follower of both mechanical natural philosophy and Indian mysticism. Anton Lampa (see his *Nights of the Seeker*, Braunschweig 1893) remarks, in response to Ostwald’s arguments, that the latter “is waging a battle like the brave Manchaner of old against the windmills.” Where, then, is the giant of scientific (Ostwald means natural-scientific) materialism? It does not exist at all. There was once a so-called natural-scientific materialism espoused by Messrs. Büchner, Vogt, and Moleschott—indeed, it still exists—but it does not exist within natural science itself, nor has it ever been at home there. Ostwald overlooked this; otherwise, he would have taken up arms solely against the mechanistic view, which—due to his misunderstanding—he does only in passing, but which he probably would not have done at all without this misunderstanding. Can one really believe that a natural science which follows the path laid out by Kirchhoff could conceive of the concept of matter in the same sense as materialism has done? That is impossible; it is a glaringly obvious contradiction. The concept of matter, just like that of force, can have only an empirical meaning—one that is specified by the requirement for the simplest possible description; in Kantian terms, it can have only an empirical meaning. And if any natural scientist attaches a meaning to the word “matter” that goes beyond this, he does so not as a natural scientist, but as a materialist philosopher.” (“Die Zeit,” Vienna, No. 61, Nov. 30, 1895).
[ 17 ] Lampa muß, nach diesen Worten, als Typus des normalen Naturforschers der Gegenwart bezeichnet werden. Dieser wendet die mechanische Naturerklärung an, weil sie bequem zu handhaben ist. Er vermeidet es aber, über den wahren Charakter dieser Naturerklärung nachzudenken, weil er sich vor der Verwickelung in Widersprüche fürchtet, denen sein Denken sich nicht gewachsen fühlt.
[ 17 ] According to these words, Lampa must be regarded as the archetype of the modern natural scientist. He employs mechanical explanations of nature because they are convenient to use. However, he avoids reflecting on the true nature of this explanation of nature because he fears becoming entangled in contradictions that his mind feels unable to resolve.
[ 18 ] Wie kann jemand, der klares Denken liebt, mit dem Begriffe der Materie einen Sinn verbinden, ohne über die Erfahrungswelt hinauszugehen? In der Erfahrungswelt sind Körper von bestimmter Größe und Lage, es sind Bewegungen und Kräfte, ferner die Phänomene des Lichtes, der Farben, der Wärme, der Elektrizität, des Lebens usw. vorhanden. Darüber, daß die Größe, die Wärme, die Farbe usw. an einer Materie haften, sagt die Erfahrung nichts aus. Aufzufinden ist die Materie innerhalb der Erfahrungswelt nirgends. Wer Materie denken will, der muß sie zu der Erfahrung hinzudenken.
[ 18 ] How can someone who values clear thinking attach any meaning to the concept of matter without going beyond the world of experience? In the world of experience, there are bodies of a certain size and location; there are movements and forces; and there are also the phenomena of light, color, heat, electricity, life, and so on. Experience says nothing about the fact that size, heat, color, etc., are inherent in matter. Matter cannot be found anywhere within the world of experience. Anyone who wishes to conceive of matter must add it to experience.
[ 19 ] Ein solches Hinzudenken der Materie zu den Erscheinungen der Erfahrungswelt ist in den physikalischen und physiologischen Erwägungen zu bemerken, die in der modernen Naturlehre unter dem Einflusse Kants und Johannes Müllers heimisch geworden sind. Diese Erwägungen haben zu dem Glauben geführt, daß die äußeren Vorgänge, die den Schall im Ohre, das Licht im Auge, die Wärme im Organe des Wärmesinnes usw. entstehen lassen, nichts gemein haben mit der Schallernpfindung, der Licht- und Wär-meempfindung usw. Diese äußeren Vorgänge sollen vielmehr gewisse Bewegungen der Materie sein. Der Naturforscher untersucht dann, welche Art von äußeren Bewegungsvorgängen in der menschlichen Seele Schall, Licht, Farbe usw. entstehen lassen. Er kommt zu dem Schlusse, daß sich außerhalb des menschlichen Organismus nirgends im ganzen Weltenraum Rot, Gelb oder Blau finde, sondern daß es nur eine wellenförmige Bewegung einer feinen, elastischen Materie, des Äthers, gebe, die, wenn sie durch das Auge empfunden wird, sich als Rot, Gelb oder Blau darstellt. Wenn kein empfindendes Auge vorhanden wäre, so wäre auch keine Farbe, sondern nur bewegter Äther vorhanden, meint der moderne Naturlehrer. Der Äther sei das Objektive, die Farbe bloß etwas Subjektives, im menschlichen Körper Gebildetes. Der Leipziger Professor Wundt, den man zuweilen als einen der größten Philosophen der Gegenwart preisen hört, sagt deshalb von der Materie, sie sei ein Substrat, «das uns niemals selbst, sondern immer nur in seinen Wirkungen anschaulich wird.» Und er findet, daß « eine widerspruchslose Erklärung der Erscheinungen erst gelingt», wenn man ein solches Substrat annimmt (Logik, II. Bd., [1. Abt., 2. Aufl.], S. 445). Der Descartessche Wahn von deutlichen und verworrenen Vorstellungen ist zur grundlegenden Vorstellungsart der Physik geworden.*
[ 19 ] This approach of adding matter to the phenomena of the empirical world can be observed in the physical and physiological considerations that have become established in modern natural philosophy under the influence of Kant and Johannes Müller . These considerations have led to the belief that the external processes that give rise to sound in the ear, light in the eye, heat in the organ of thermal sensation, and so on, have nothing in common with the sensation of sound, the sensation of light, the sensation of heat, and so on. Rather, these external processes are said to be certain movements of matter. The natural scientist then investigates what kind of external movements give rise to sound, light, color, etc., in the human mind. He concludes that nowhere outside the human organism, in the entire universe, can red, yellow, or blue be found; rather, there is only a wave-like movement of a fine, elastic substance—the ether—which, when perceived by the eye, appears as red, yellow, or blue. If there were no perceiving eye, there would be no color, but only moving ether, according to the modern natural philosopher. The ether is the objective reality; color is merely something subjective, formed within the human body. The Leipzig professor Wundt, who is sometimes hailed as one of the greatest philosophers of our time, therefore says of matter that it is a substrate, “which never becomes apparent to us in itself, but always only through its effects.” And he believes that “a consistent explanation of phenomena can only be achieved” if one assumes such a substrate (Logic, Vol. II, [Part 1, 2nd ed.], p. 445). Descartes’ delusion regarding clear and confused ideas has become the fundamental mode of thought in physics.*
5.
5.
[ 20 ] Wessen Vorstellungsvermögen durch Descartes, Locke, Kant und die moderne Physiologie nicht vom Grund aus verdorben ist, der wird niemals begreifen, wie man Licht, Farbe, Ton, Wärme usw. bloß für subjektive Zustände des menschlichen Organismus ansehen und dennoch das Vorhandensein einer objektiven Welt von Vorgängen außerhalb des Organismus behaupten kann. Wer den menschlichen Organismus zum Erzeuger der Ton-, Wärme-, Farben- usw. -Geschehnisse macht, der muß ihn auch zum Hervorbringer der Ausdehnung, Größe, Lage, Bewegung, der Kräfte usw. machen. Denn diese mathematischen und mechanischen Qualitäten sind in Wirklichkeit mit dem übrigen Inhalte der Erfahrungswelt untrennbar verbunden. Die Abtrennung der Raum-, Zahl- und Bewegungs-verhältnisse, sowie der Kraftäußerungen von den Wärme-, Ton-, Farben- und den anderen Sinnesqualitäten ist nur eine Funktion des abstrahierenden Denkens. Die Gesetze der Mathematik und Mechanik beziehen sich auf abstrakte Gegenstände und Vorgänge, die von der Erfahrungswelt abgezogen sind, und können daher auch nur innerhalb der Erfahrungswelt Anwendung finden. Werden aber auch die mathematischen und mechanischen Formen und Verhältnisse für bloß subjektive Zustände erklärt, dann bleibt nichts übrig, was dem Begriffe von objektiven Dingen und Ereignissen als Inhalt dienen könnte. Und aus einem leeren Begriffe können keine Erscheinungen abgeleitet werden.
[ 20 ] Anyone whose imagination has not been thoroughly corrupted by Descartes, Locke, Kant, and modern physiology will never understand how one can regard light, color, sound, heat, etc., as merely subjective states of the human organism and yet still assert the existence of an objective world of events outside the organism. Anyone who makes the human organism the producer of sound, heat, color, and other such phenomena must also make it the producer of extension, size, position, motion, forces, and so on. For these mathematical and mechanical qualities are, in reality, inseparably linked to the rest of the content of the empirical world. The separation of spatial, numerical, and kinetic relationships, as well as manifestations of force, from heat, sound, color, and other sensory qualities is merely a function of abstract thought. The laws of mathematics and mechanics pertain to abstract objects and processes abstracted from the world of experience and can therefore only be applied within that world. But if mathematical and mechanical forms and relationships are also explained as merely subjective states, then nothing remains that could serve as the content of the concept of objective things and events. And no phenomena can be derived from an empty concept.
[ 21 ] So lange die modernen Naturgelehrten und ihre Schleppträger, die modernen Philosophen, daran festhalten, daß die Sinneswahrnehmungen nur subjektive Zustände sind, die durch objektive Vorgänge hervorgerufen werden, wird ein gesundes Denken ihnen stets entgegenhalten, daß sie entweder mit leeren Begriffen spielen, oder dem Objektiven einen Inhalt zuschreiben, den sie aus der für subjektiv erklärten Erfahrungswelt entlehnen. Ich habe in einer Reihe von Schriften das Widersinnige der Behauptung von der Subjektivität der Sinnesempfindungen nachgewiesen. 105«Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller» (1886), Gesamtausgabe Dornach 1960; «Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel einer «Philosophie der Freiheit» (1892), Gesamtausgabe Dornach 1958; «Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung» (1894), Gesamtausgabe Dornach 1972.
[ 21 ] As long as modern natural scientists and their followers, the modern philosophers, cling to the view that sensory perceptions are merely subjective states brought about by objective processes, sound reasoning will always counter that they are either playing with empty concepts or attributing to the objective a content that they borrow from the world of experience, which they have declared to be subjective. In a series of writings, I have demonstrated the absurdity of the claim regarding the subjectivity of sensory perceptions. 105“Outlines of a Theory of Knowledge Based on Goethe’s Worldview, with Special Reference to Schiller” (1886), Complete Works, Dornach 1960; “Truth and Science: Prelude to a ‘Philosophy of Freedom’” (1892), Complete Edition, Dornach 1958; “Philosophy of Freedom: Outlines of a Modern Worldview” (1894), Complete Edition, Dornach 1972.
[ 22 ] Doch ich will davon absehen, ob den Bewegungsvorgängen und den sie hervorrufenden Kräften, auf die die neuere Physik alle Naturerscheinungen zurückführt, eine andere Realitätsform zugeschrieben wird als den Sinneswahrnehmungen, oder ob das nicht der Fall ist. Ich will jetzt bloß fragen, was die mathematischmechanische Naturanschauung leisten kann. Anton Lampa meint («Nächte des Suchenden», S. 92): «Mathematische Methode und Mathematik sind nicht identisch, denn die mathematische Methode ist durchführbar ohne Anwendung von Mathematik. Einen klassischen Beleg für diese Tatsache bieten uns innerhalb der Physik die Experimentaluntersuchungen über Elektrizität von Faraday, der kaum ein Binom zu quadrieren verstand. Die Mathematik ist ja nichts als ein Mittel, logische Operationen abzukürzen und daher in so verwickelten Fällen noch durchzuführen, wo uns das gewöhnliche logische Denken im Stich lassen würde. Aber sie leistet gleichzeitig noch viel mehr: indem jede Formel implicite ihren Werdeprozeß ausdrückt, schlägt sie eine lebendige Brücke bis zu den elementaren Erscheinungen, welche als Ausgangspunkt der Untersuchung gedient hatten. Die Methode aber, welche sich der Mathematik nicht bedienen kann - was immer der Fall ist, wenn die in die Untersuchung eingehenden Größen nicht meßbar sind - hat daher, um der mathematischen gleich zu kommen, nicht nur streng logisch zu sein, sondern auch dem Geschäft der Zurückführung auf die Grunderscheinungen eine besondere Sorgfalt zuzuwenden, da sie der mathematischen Stütze entbehrend gerade hier leicht straucheln kann; wenn sie aber dieses leistet, wird sie wohl mit Recht auf den Titel einer mathematischen Anspruch erheben, insofern damit der Grad der Exaktheit ausgedrückt werden soll.»
[ 22 ] But I will set aside the question of whether the processes of motion and the forces that cause them—to which modern physics attributes all natural phenomena—are ascribed a different form of reality than sensory perceptions, or whether that is not the case. I simply want to ask what the mathematical-mechanical view of nature can achieve. Anton Lampa states (“Nights of the Seeker,” p. 92): “Mathematical method and mathematics are not identical, for the mathematical method can be carried out without the application of mathematics.” A classic example of this fact in physics is provided by the experimental investigations of electricity conducted by Faraday, who barely knew how to square a binomial. Mathematics is, after all, nothing more than a means of abbreviating logical operations and thus of carrying them out even in such complex cases where ordinary logical thinking would fail us. But at the same time, it accomplishes much more: by implicitly expressing its process of development in every formula, it builds a living bridge to the elementary phenomena that served as the starting point of the investigation. However, a method that cannot make use of mathematics—which is always the case when the quantities involved in the investigation are not measurable—must, in order to be on a par with the mathematical method, not only be strictly logical but also devote particular care to the task of tracing phenomena back to their fundamental manifestations, since, lacking mathematical support, it can easily falter precisely here; but if it accomplishes this, it will rightly lay claim to the title of “mathematical,” insofar as this is intended to express the degree of exactness.”
[ 23 ] Ich würde mich mit Anton Lampa nicht so ausführlich beschäftigen, wenn er nicht durch einen Umstand ein besonders geeignetes Beispiel eines Naturforschers der Gegenwart wäre. Er befriedigt seine philosophischen Bedürfnisse aus der indischen Mystik und verunreinigt deshalb die mechanische Naturanschauung nicht wie andere mit allerlei philosophischen Nebenvorstellungen. Die Naturlehre, die er im Auge hat, ist sozusagen die chemisch reine Naturansicht der Gegenwart. Ich finde, daß Lampa ein Hauptkennzeichen der Mathematik gänzlich unberücksichtigt gelassen hat. Wohl schlägt jede mathematische Formel eine «lebendige Brücke» bis zu den elementaren Erscheinungen, welche als Ausgangspunkt der Untersuchungen gedient haben. Aber diese elementaren Erscheinungen sind von derselben Art wie die nichtelementaren, von denen aus die Brücke geschlagen wird. Der Mathematiker führt die Eigenschaften komplizierter Zahl- und Raumgebilde, sowie deren wechselseitige Beziehungen auf die Eigenschaften und Beziehungen der einfachsten Zahl-und Raumgebilde zurück. Ebenso macht es der Mechaniker in seinem Gebiete. Er führt zusammengesetzte Bewegungsvorgänge und Kräftewirkungen auf einfache, leicht überschaubare Bewegungen und Kräftewirkungen zurück. Dabei bedient er sich der mathematischen Gesetze, insofern Bewegungen und Kraftäußerungen durch Raumgebilde und Zahlen ausdrückbar sind. In einer mathematischen Formel, die ein mechanisches Gesetz zum Ausdruck bringt, bedeuten die einzelnen Glieder nicht mehr rein mathematische Gebilde, sondern Kräfte und Bewegungen. Die Verhältnisse, in denen diese Glieder zueinander stehen, werden nicht durch eine rein mathematische Gesetzmäßigkeit bestimmt, sondern durch die Eigenschaften der Kräfte und Bewegungen. Sobald man von diesem besonderen Inhalte der mechanischen Formeln absieht, hat man es nicht mehr mit mechanischer, sondern lediglich mit mathematischer Gesetzlichkeit zu tun. Wie die Mechanik zur reinen Mathematik, verhält sich die Physik zur Mechanik. Die Aufgabe des Physikers ist, komplizierte Vorgänge auf dem Gebiete der Farben-, Ton-, Wärmeerscheinungen, der Elektrizität, des Magnetismus usw. auf einfache Geschehnisse innerhalb der gleichen Sphäre zurückzuführen. Er hat z. B. komplizierte Farbenvorkommnisse auf die einfachsten Farbenvorkommnisse zurückzuführen. Dabei hat er sich der mathematischen und mechanischen Gesetzlichkeit zu bedienen, insofern die Farbenvorgänge in räumlich und zahlenmäßig zu bestimmenden Formen sich abspielen. Nicht die Zurückführung der Farben-, Ton- usw. -Vorgänge auf Bewegungserscheinungen und Kräfteverhältnisse innerhalb einer farb- und tonlosen Materie, sondern die Aufsuchung der Zusammenhänge innerhalb der Farben-, Ton- usw. -Erscheinungen entspricht auf physikalischem Gebiete der mathematischen Methode.
[ 23 ] I would not devote so much attention to Anton Lampa were it not for the fact that he is a particularly suitable example of a contemporary natural scientist. He satisfies his philosophical needs through Indian mysticism and therefore does not, like others, taint the mechanical view of nature with all sorts of philosophical side notions. The natural philosophy he has in mind is, so to speak, the chemically pure view of nature prevalent today. I find that Lampa has completely disregarded a key characteristic of mathematics. It is true that every mathematical formula builds a “living bridge” to the elementary phenomena that served as the starting point for the investigations. But these elementary phenomena are of the same nature as the non-elementary ones from which the bridge is built. The mathematician traces the properties of complex numerical and spatial structures, as well as their mutual relationships, back to the properties and relationships of the simplest numerical and spatial structures. The mechanical engineer does the same in his field. He traces complex motion processes and the effects of forces back to simple, easily comprehensible motions and force effects. In doing so, he makes use of mathematical laws, insofar as motions and the manifestation of forces can be expressed through spatial structures and numbers. In a mathematical formula that expresses a mechanical law, the individual terms no longer represent purely mathematical constructs, but rather forces and motions. The relationships between these terms are not determined by a purely mathematical regularity, but by the properties of the forces and motions. As soon as one disregards this specific content of the mechanical formulas, one is no longer dealing with mechanical regularity, but merely with mathematical regularity. Just as mechanics relates to pure mathematics, so does physics relate to mechanics. The physicist’s task is to trace complex phenomena in the fields of color, sound, heat, electricity, magnetism, etc., back to simple occurrences within the same sphere . For example, he must trace complex color phenomena back to the simplest color phenomena. In doing so, he must make use of mathematical and mechanical laws, insofar as the color phenomena unfold in forms that can be defined spatially and numerically. It is not the reduction of phenomena such as color, sound, etc., to movements and force relationships within colorless and soundless matter, but rather the search for connections within the phenomena of color, sound, etc., that corresponds to the mathematical method in the field of physics.
[ 24 ] Die moderne Physik überspringt die Ton-, Farben- usw. Erscheinungen als solche und betrachtet nur unveränderliche, anziehende und abstoßende Kräfte und Bewegungen im Raume. Unter dem Einflusse dieser Vorstellungsart ist die Physik heute bereits angewandte Mathematik und Mechanik geworden, und die übrigen Gebiete der Naturwissenschaft sind auf dem Wege, das Gleiche zu werden.
[ 24 ] Modern physics disregards phenomena such as sound, color, and so on as such, and considers only invariant, attractive, and repulsive forces and motions in space. Under the influence of this way of thinking, physics has already become applied mathematics and mechanics, and the other fields of natural science are on their way to becoming the same.
[ 25 ] Es ist unmöglich, eine «lebendige Brücke» zu schlagen von der Tatsache: An diesem Orte des Raumes herrscht ein bestimmter Bewegungsvorgang der farblosen Materie, - der andern Tatsache: Der Mensch sieht an diesem Orte Rot. Aus Bewegung kann nur wieder Bewegung abgeleitet werden. Und aus der Tatsache, daß eine Bewegung auf ein Sinnesorgan und dadurch auf das Gehirn wirkt, folgt -nach mathematischer und mechanischer Methode - nur, daß das Gehirn von der Außenwelt zu gewissen Bewegungsvorgängen veranlaßt wird, nicht aber, daß es die konkreten Töne, Farben, Wärmeerscheinungen usw. wahrnimmt. Dies hat auch Du Bois-Reymond erkannt. Man lese S. 35 f. seiner «Grenzen des Naturerkennens» (5. Aufl.): «Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, andererseits den für mich ursprünglichen, nicht weiter definierbaren, nicht wegzuleugnenden Tatsachen: ich fühle Schmerz, fühle Lust; ich schmecke Süßes, rieche Rosenduft, höre Orgelton, sehe Rot» .. Und S. 34: «Bewegung kann nur Bewegung erzeugen.» Du Bois-Reymond ist deshalb der Meinung, daß hiermit eine Grenze des Naturerkennens zu verzeichnen ist.
[ 25 ] It is impossible to establish a “living bridge” between the fact that a certain process of motion of colorless matter prevails at this point in space and the other fact that a person sees red at this point. Movement can only be derived from movement. And from the fact that a movement acts upon a sensory organ and thereby upon the brain, it follows—according to mathematical and mechanical methods—only that the brain is prompted by the external world to carry out certain movement processes, but not that it perceives concrete sounds, colors, thermal phenomena, etc. Du Bois-Reymond also recognized this. See pp. 35 ff. of his *The Limits of Knowledge of Nature* (5th ed.): “What conceivable connection exists between, on the one hand, certain movements of certain atoms in my brain and, on the other hand, the facts that are original to me, cannot be further defined, and cannot be denied: I feel pain, I feel pleasure; I taste sweetness, smell the scent of roses, hear the sound of an organ, see red” ... And on p. 34: “Motion can only produce motion.” Du Bois-Reymond therefore believes that this marks a limit to the understanding of nature.
[ 26 ] Der Grund, warum man die Tatsache: «ich sehe Rot» nicht aus einem bestimmten Bewegungsvorgang herleiten kann, ist, meiner Ansicht nach, leicht anzugeben. Die Qualität «Rot» und ein bestimmter Bewegungsvorgang sind in Wirklichkeit eine untrennbare Einheit. Die Trennung der beiden Geschehnisse kann nur eine begriffliche, im Verstande vollzogene sein. Der dem «Rot» entsprechende Bewegungsvorgang hat an sich keine Wirklichkeit; er ist ein Abstraktum. Die Tatsache: «ich sehe Rot» aus einem Bewegungsvorgang herleiten zu wollen, ist genau so absurd, wie die Ableitung der wirklichen Eigenschaften eines in Würfelform kristallisierten Steinsalzkörpers aus dem mathematischen Würfel. Nicht weil eine Grenze des Erkennens uns hindert, können wir aus Bewegungen keine anderen Sinnesqualitäten ableiten, sondern weil eine derartige Forderung keinen Sinn hat.
[ 26 ] The reason why the fact “I see red” cannot be derived from a specific process of movement is, in my view, easy to explain. The quality “red” and a specific process of movement are, in reality, an inseparable unity. The separation of the two phenomena can only be a conceptual one, carried out in the mind. The process of movement corresponding to “red” has no reality in itself; it is an abstraction. Attempting to derive the fact “I see red” from a process of motion is just as absurd as deriving the real properties of a cube-shaped crystallized rock salt from a mathematical cube. It is not because a limit of cognition prevents us from deriving other sensory qualities from movements, but because such a demand makes no sense.
6.
6.
[ 27 ] Das Streben, die Farben, Töne, Wärmeerscheinungen usw. als solche zu überspringen und nur die ihnen entsprechenden mechanischen Vorgänge zu betrachten, kann nur aus dem Glauben entspringen, daß den einfachen Gesetzen der Mathematik und Mechanik ein höherer Grad von Begreiflichkeit entspricht, als den Eigenschaften und wechselseitigen Beziehungen der übrigen Gebilde der Wahrnehmungswelt. Dies ist aber durchaus nicht der Fall. Die einfachsten Eigenschaften und Verhältnisse der Raum- und Zahlgebilde werden ohne weiteres begreiflich genannt, weil sie sich leicht und vollkommen überschauen lassen. Zurückführung auf einfache, beim unmittelbaren Innewerden einleuchtende Tatbestände ist alles mathematische und mechanische Begreifen. Der Satz, daß zwei Größen, die einer dritten gleich sind, auch einander gleich sein müssen, wird durch unmittelbares Innewerden des Tatbestandes, den er ausdrückt, erkannt. In dem gleichen Sinne werden auch die einfachen Vorkommnisse der Ton- und Farbenwelt und der übrigen Sinneswahrnehmungen durch unmittelbare Anschauung erkannt.
[ 27 ] The tendency to overlook colors, sounds, phenomena of heat, etc., as such, and to consider only the mechanical processes corresponding to them, can only stem from the belief that the simple laws of mathematics and mechanics correspond to a higher degree of comprehensibility than the properties and interrelationships of the other entities in the world of perception. However, this is by no means the case. The simplest properties and relationships of spatial and numerical entities are readily called comprehensible because they can be easily and completely grasped. All mathematical and mechanical understanding is based on a reduction to simple facts that are self-evident upon immediate realization. The proposition that two quantities equal to a third must also be equal to each other is recognized through the immediate grasp of the fact it expresses. In the same sense, the simple phenomena of the world of sound and color and of the other sensory perceptions are also recognized through immediate intuition.
[ 28 ] Nur weil sie durch das Vorurteil verführt sind, daß ein einfaches mathematisches oder mechanisches Faktum begreiflicher ist, als ein elementares Vorkommnis der Tonoder Farbenerscheinung als solches, schalten die modernen Physiker das Spezifische des Tones oder der Farbe aus den Erscheinungen aus und betrachten nur die Bewegungsvorgänge, die den Sinneswahrnehmungen entsprechen. Und weil sie Bewegungen nicht denken können ohne etwas, das sich bewegt, nehmen sie die aller sinnenfälligen Eigenschaften entkleidete Materie als Träger der Bewegungen an. Wer in diesem Vorurteil der Physiker nicht befangen ist, der muß einsehen, daß die Bewegungsvorgänge Zustände sind, die an die sinnenfälligen Qualitäten gebunden sind. Der Inhalt der wellenförmigen Bewegungen, die den Tonvorkommnissen entsprechen, sind die Tonqualitäten selbst. Das gleiche gilt für die übrigen Sinnesqualitäten. Durch unmittelbares Innewerden erkennen wir den Inhalt der oszillierenden Bewegungen der Erscheinungswelt, nicht durch Hinzudenken einer abstrakten Materie zu den Erscheinungen.
[ 28 ] Simply because they are misled by the prejudice that a simple mathematical or mechanical fact is more comprehensible than an elementary phenomenon of sound or color as such, modern physicists eliminate the specific characteristics of sound or color from the phenomena and consider only the processes of motion that correspond to sensory perceptions. And because they cannot conceive of motion without something that moves, they assume that matter—stripped of all sensory qualities—is the carrier of these motions. Anyone who is not bound by this prejudice of physicists must recognize that the processes of motion are states that are bound to sensory qualities. The content of the wave-like motions corresponding to sound phenomena is the sound qualities themselves. The same applies to the other sensory qualities. We recognize the content of the oscillating motions of the phenomenal world through direct perception, not by adding an abstract matter to the phenomena.
7.
7.
[ 29 ] Ich weiß, daß ich mit diesen Ansichten etwas ausspreche, was den Physiker-Ohren der Gegenwart ganz unmöglich klingt. Ich kann mich aber nicht auf den Standpunkt Wundts stellen, der in seiner «Logik» (11. Bd., 1. Abt. [2. Aufl. 1894]) die Denkgewohnheiten der modernen Naturforscher für bindende logische Normen ausgibt. Die Gedankenlosigkeit, der er sich dabei schuldig macht, wird besonders an der Stelle klar, wo er den Versuch Ostwalds bespricht, an die Stelle der bewegten Materie die in oszillierender Bewegung befindliche Energie zu setzen. Wundt bringt folgendes vor: «Es ergibt sich ... aus der Existenz der Interferenzerscheinungen die Notwendigkeit der Voraussetzung irgendeiner oszillierenden Bewegung. Da aber eine Bewegung ohne ein Substrat, das sich bewegt, undenkbar ist, so ist damit auch die Ableitung der Lichterscheinungen aus einem mechanischen Vorgang ein unumgängliches Erfordernis. Allerdings hat Ostwald der letzteren Annahme zu entgehen gesucht, indem er die ˂strahlende Energie˃ nicht auf die Schwingungen eines materiellen Mediums zurückführt, sondern als eine in oszillierender Bewegung befindliche Energie definiert. Gerade dieser aus einem anschaulichen und einem rein begrifflichen Bestandteil zusammengesetzte Doppelbegriff scheint mir aber schlagend zu beweisen, daß der Energiebegriff selbst eine Zerlegung fordert, die auf Elemente der Anschauung zurückführt. Eine reale Bewegung kann nur als die Ortsveränderung eines im Raume gegebenen realen Substrates definiert werden. Dieses reale Substrat kann sich uns bloß durch Kraftwirkungen, die von ihm ausgehen, oder durch Kräftefunktionen, als deren Träger wir es betrachten, verraten. Aber daß solche bloß begrifflich zu fixierende Kräftefunktionen selbst sich bewegen, dies scheint mir eine Forderung zu sein, die nicht erfüllt werden kann, ohne daß man sich irgendein Substrat hinzudenkt.» [a. a. 0., S. 410]
[ 29 ] I know that with these views I am expressing something that sounds utterly impossible to the ears of contemporary physicists. However, I cannot adopt the standpoint of Wundt , who, in his *Logic* (Vol. 11, Part 1 [2nd ed., 1894]) presents the thought habits of modern natural scientists as binding logical norms. The thoughtlessness of which he is guilty in doing so becomes particularly clear in the passage where he discusses Ostwald’s experiment to substitute energy in oscillating motion for moving matter. Wundt argues as follows: “It follows … from the existence of interference phenomena that some kind of oscillating motion must be assumed. But since motion without a moving substrate is inconceivable, the derivation of light phenomena from a mechanical process is therefore an unavoidable requirement. However, Ostwald sought to avoid the latter assumption by not attributing “radiant energy” to the oscillations of a material medium, but rather by defining it as energy in oscillatory motion. Yet it is precisely this dual concept—composed of a concrete and a purely conceptual component—that seems to me to provide compelling proof that the concept of energy itself requires a decomposition that leads back to elements of intuition. A real motion can only be defined as the change in position of a real substrate given in space. This real substrate can reveal itself to us only through the effects of forces emanating from it, or through force functions, which we regard as being carried by it. But the fact that such force functions—which can be fixed merely conceptually—themselves move seems to me to be a requirement that cannot be fulfilled without postulating some kind of substrate . [op. cit., p. 410]
[ 30 ] Der Energiebegriff Ostwalds steht der Wirklichkeit um vieles näher als das angeblich «reale» Substrat Wundts. Die Erscheinungen der Wahrnehmungswelt, Licht, Wärme, Elektrizität, Magnetismus usw., lassen sich unter den allgemeinen Begriff der Kraftleistung, d. i. der Energie bringen. Wenn Licht, Wärme usw. in einem Körper eine Veränderung hervorrufen, so ist damit eben eine Kraftleistung vollzogen. Man hat, wenn man Licht, Wärme usw. als Energie bezeichnet, von dem den einzelnen Sinnesqualitäten spezifisch Eigenen abgesehen und betrachtet eine allgemeine, ihnen gemeinsam zukommende Eigenschaft.
[ 30 ] Ostwald’s concept of energy is much closer to reality than Wundt’s supposedly “real” substrate. The phenomena of the perceptual world—light, heat, electricity, magnetism, etc.—can be subsumed under the general concept of work, i.e., energy. When light, heat, etc., bring about a change in a body, a force is thereby exerted. By designating light, heat, etc., as energy, one has set aside what is specific to the individual sensory qualities and is considering a general property common to them all.
[ 31 ] Diese Eigenschaft erschöpft zwar nicht alles, was in den Dingen der Wirklichkeit vorhanden ist; aber sie ist eine reale Eigenschaft dieser Dinge. Der Begriff der Eigenschaften hingegen, welche die von den Physikern und ihren philosophischen Verteidigern hypothetisch angenommene Materie haben soll, schließt einen Unsinn ein. Diese Eigenschaften sind aus der Sinnenwelt entlehnt und sollen doch einem Substrat zukommen, das nicht zur Sinnenwelt gehört.
[ 31 ] Although this property does not encompass everything that exists in real things, it is a real property of these things. The concept of the properties, on the other hand, that matter —as hypothetically assumed by physicists and their philosophical defenders—is said to possess, contains a contradiction. These properties are borrowed from the sensory world and are nevertheless supposed to pertain to a substrate that does not belong to the sensory world.
[ 32 ] Es ist unbegreiflich, wie Wundt behaupten kann, der Begriff «strahlende Energie» sei deshalb ein unmöglicher, weil er einen anschaulichen und einen begrifflichen Bestandteil enthalte. Der Philosoph Wundt sieht also nicht ein, daß jeder Begriff, der sich auf ein Ding der sinnlichen Wirklichkeit bezieht, notwendig einen anschaulichen und einen begrifflichen Bestandteil enthalten muß. Der Begriff «Steinsalzwürfel » hat doch den anschaulichen Bestandteil des sinnlich wahrnehmbaren Steinsalzes und den anderen rein begrifflichen, den die Stereometrie feststellt.
[ 32 ] It is incomprehensible how Wundt can claim that the concept of “radiant energy” is impossible simply because it contains a intuitive and a conceptual component. The philosopher Wundt thus fails to recognize that every concept referring to an object of sensory reality must necessarily contain both a concrete and a conceptual component. After all, the concept of a “cube of rock salt” has the intuitive component of rock salt as perceived by the senses and the other purely conceptual component established by stereometry.
8.
8.
[ 33 ] Die Entwicklung der Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten hat zur Zerstörung aller Vorstellungen geführt, durch welche diese Wissenschaft Glied einer Weltauffassung sein kann, die den höheren menschlichen Bedürfnissen genügt. Sie hat dazu geführt, daß die «modernen» wissenschaftlichen Köpfe es als absurd bezeichnen, wenn man davon spricht, daß die Begriffe und Ideen ebenso zur Wirklichkeit gehören, wie die im Raume wirkenden Kräfte und die den Raum erfüllende Materie. Begriffe und Ideen sind diesen Geistern ein Produkt des menschlichen Gehirns und nichts weiter. Noch die Scholastiker wußten, wie es um diese Sache steht. Aber die Scholastik wird von der modernen Wissenschaft verachtet. Sie wird verachtet, aber man kennt sie nicht. Man weiß vor allem nicht, was an der Scholastik gesund und was an ihr krank ist. Gesund an ihr ist, daß sie eine Empfindung dafür hatte, daß Begriffe und Ideen nicht nur Hirngespinste sind, die der menschliche Geist ersinnt, um die wirklichen Dinge zu verstehen, sondern daß sie mit den Dingen selbst etwas, ja mehr zu tun haben als Stoff und Kraft. Diese gesunde Empfindung der Scholastiker ist ein Erbstück von den großen Weltanschauungsperspektiven Platos und Aristoteles'. Krank ist an der Scholastik die Vermischung dieser Empfindung mit den Vorstellungen, die in die mittelalterliche Entwicklung des Christentums eingezogen sind. Diese Entwicklung findet den Quell alles Geistigen, also auch der Begriffe und Ideen in dem unerkennbaren, weil außerweltlichen Gott. Es hat den Glauben an etwas nötig, das nicht von dieser Welt ist. Ein gesundes menschliches Denken hält sich aber an diese Welt. Es kümmert sich um keine andere. Aber es vergeistigt zugleich diese Welt. Es sieht in Begriffen und Ideen Wirklichkeiten dieser Welt ebenso wie in den durch die Sinne wahrnehmbaren Dingen und Ereignissen. Die griechische Philosophie ist ein Ausfluß dieses gesunden Denkens. Die Scholastik nahm noch eine Ahnung dieses gesunden Denkens in sich auf. Aber sie strebte darnach, diese Ahnung im Sinne des als christlich geltenden Jenseitsglaubens umzudeuten. Nicht die Begriffe und Ideen sollten das Tiefste sein, was der Mensch in den Vorgängen dieser Welt erschaut, sondern Gott, sondern das Jenseits. Wer die Idee einer Sache erfaßt hat, den zwingt nichts, noch nach einem weiteren «Ursprung» der Sache zu suchen. Er hat das erreicht, was das menschliche Erkenntnisbedürfnis befriedigt. Aber was kümmerte die Scholastiker das menschliche Erkenntnisbedürfnis? Sie wollten retten, was sie als christliche Gottesvorstellung ansahen. Sie wollten im jenseitigen Gott den Ursprung der Welt finden, obwohl ihnen ihr Suchen nach dem Innern der Dinge nur Begriffe und Ideen lieferte.
[ 33 ] The development of the natural sciences over the past few centuries has led to the destruction of all concepts through which this science can be part of a worldview that satisfies higher human needs. It has led “modern” scientific minds to regard it as absurd to speak of concepts and ideas as belonging to reality just as much as the forces acting in space and the matter filling space. To these minds, concepts and ideas are merely a product of the human brain and nothing more. Even the Scholastics knew the truth of the matter. But Scholasticism is despised by modern science. It is despised, yet it is not understood. Above all, people do not know what is sound in Scholasticism and what is flawed. What is sound about it is that it had a sense that concepts and ideas are not merely figments of the imagination that the human mind devises to understand real things, but that they have something to do with the things themselves—indeed, more than matter and force. This sound intuition of the Scholastics is a legacy of the great worldviews of Plato and Aristotle . What is flawed about Scholasticism is the mingling of this intuition with the notions that crept into the medieval development of Christianity. This development locates the source of all that is spiritual—including concepts and ideas—in the unknowable God, who is outside the world. It requires faith in something that is not of this world. Healthy human thinking, however, remains grounded in this world. It concerns itself with no other. Yet at the same time, it spiritualizes this world. It perceives realities of this world in concepts and ideas just as it does in things and events perceptible through the senses. Greek philosophy is an outgrowth of this healthy thinking. Scholasticism still absorbed a glimmer of this healthy thinking. But it sought to reinterpret this insight in the light of the Christian belief in the afterlife. It was not concepts and ideas that were to be the deepest reality that human beings perceive in the events of this world, but God, or rather, the afterlife. Once one has grasped the idea of a thing, nothing compels one to search for a further “origin” of that thing. They have attained what satisfies the human need for knowledge. But what did the Scholastics care about the human need for knowledge? They wanted to preserve what they regarded as the Christian conception of God. They wanted to find the origin of the world in the God of the afterlife, even though their search for the inner nature of things yielded only concepts and ideas.
9.
9.
[ 34 ] Im Verlauf der Jahrhunderte wurden die christlichen Vorstellungen wirksamer als die dunklen Empfindungen, die aus dem griechischen Altertum ererbt waren. Man verlor die Empfindung für die Wirklichkeit der Begriffe und Ideen. Man verlor damit aber auch den Glauben an den -Geist selbst. Es begann die Anbetung des rein Materiellen: die Ära Newtons in der Naturwissenschaft begann. Nun war nicht mehr die Rede von der Einheit, die der Mannigfaltigkeit der Welt zugrunde liegt. Nun wurde alle Einheit geleugnet Die Einheit wurde herabgewürdigt zu einer «menschlichen» Vorstellung. In der Natur sah man nur die Vielheit, die Mannigfaltigkeit. Diese allgemeine Grundvorstellung war es, die Newton verführte, nicht eine ursprüngliche Einheit im Lichte zu sehen, sondern ein Zusammengesetztes. Goethe hat in den «Materialien zur Geschichte der Farbenlehre» einen Teil der Entwicklung naturwissenschaftlicher Vorstellungen dargelegt. Aus seiner Darstellung ist zu ersehen, daß die neuere Naturwissenschaft durch die allgemeinen Vorstellungen, deren sie sich zum Erfassen der Natur bedient, in der Farbenlehre zu ungesunden Ansichten gelangt ist. Diese Wissenschaft hat das Verständnis dafür verloren, was das Licht innerhalb der Reihe der Naturqualitäten ist. Deshalb weiß sie auch nicht, wie unter gewissen Bedingungen das Licht gefärbt erscheint, wie im Reiche des Lichtes die Farbe entsteht.
[ 34 ] Over the course of the centuries, Christian concepts became more influential than the obscure notions inherited from ancient Greece. People lost their sense of the reality of concepts and ideas. But with that, people also lost faith in the Spirit itself. The worship of the purely material began: the Newtonian era in natural science dawned. Now there was no longer any talk of the unity that underlies the world’s diversity. Now all unity was denied; unity was reduced to a “human” concept. In nature, one saw only multiplicity, diversity. It was this general fundamental conception that led Newton to perceive not an original unity in light, but rather a composite. In his “Materials on the History of the Theory of Colors,” Goethe outlined part of the development of scientific concepts. From his account, it is evident that modern natural science, through the general concepts it employs to grasp nature, has arrived at unhealthy views in the theory of colors. This science has lost its understanding of what light is within the series of natural qualities. That is why it also does not know how, under certain conditions, light appears colored, or how color arises in the realm of light.
