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The Philosophy of Spiritual Activity
GA 4

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IV. Die Welt als Wahrnehmung

4. The World as Perception

[ 1 ] Durch das Denken entstehen Begriffe und Ideen. Was ein Begriff ist, kann nicht mit Worten gesagt werden. Worte können nur den Menschen darauf aufmerksam machen, daß er Begriffe habe. Wenn jemand einen Baum sieht, so reagiert sein Denken auf seineBeobachtung; zu demGegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet den Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig.Wenn der Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur das ideelle Gegenstück davon zurück. Das letztere ist der Begriff des Gegenstandes. Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer wird die Summe unserer Begriffe. Die Begriffe stehen aber durchaus nicht vereinzelt da. Sie schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen zusammen. Der Begriff «Organismus» schließt sich zum Beispiel an die andern: «gesetzmäßige Entwickelung, Wachstum» an. Andere an Einzeldingen gebildete Begriffe fallen völlig in eins zusammen. Alle Begriffe, die ich mir von Löwen bilde, fallen in den Gesamtbegriff «Löwe» zusammen. Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle hat. Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden. Sie sind nur inhaltsvollere, gesättigtere und umfangreichere Begriffe. Ich muß einen besonderen Wert darauf legen, daß hier an dieser Stelle beachtet werde, daß ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeichnet habe und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken gewonnen werden. Diese setzen das Denken bereits voraus. Es kann daher, was ich in bezug auf die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die Begriffe übertragen werden. (Ich bemerke das hier ausdrücklich, weil hier meine Differenz mit Hegel liegt. Dieser setzt den Begriff als Erstes und Ursprüngliches.)

[ 1 ] Thinking gives rise to concepts and ideas. What a concept is cannot be expressed in words. Words can only make a person aware that he has concepts. When someone sees a tree, their thinking reacts to their observation; an ideal counterpart is added to the object, and they regard the object and the ideal counterpart as belonging together. When the object disappears from their field of vision, only the ideal counterpart remains. The latter is the concept of the object. The more our experience expands, the greater the sum of our concepts becomes. However, the concepts do not stand in isolation. They coalesce into a systematic whole. The concept “organism,” for example, connects to the others: “systematic development, growth.” Other concepts formed from individual things merge completely into one. All the concepts I form of lions merge into the general concept “lion.” In this way, the individual concepts combine into a closed conceptual system in which each has its own specific place. Ideas are not qualitatively different from concepts. They are merely more content-rich, more saturated, and more comprehensive concepts. I must place particular emphasis on noting here that I have designated thinking as my starting point, and not concepts and ideas, which are only gained through thinking. These already presuppose thinking. Therefore, what I have said regarding the self-contained, undetermined nature of thought cannot simply be applied to concepts. (I note this explicitly here because this is where my difference with Hegel lies. He posits the concept as the first and original.)

[ 2 ] Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden. Das geht schon aus dem Umstande hervor, daß der heranwachsende Mensch sich langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen bildet, die ihn umgeben. Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt.

[ 2 ] The concept cannot be derived from observation. This is evident from the fact that a growing person only slowly and gradually forms concepts about the objects that surround them. The concepts are added to the observation.

[ 3 ] Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart, Herbert Spencer, schildert den geistigen Prozeß, den wir gegenüber der Beobachtung vollziehen, folgendermaßen:

[ 3 ] Herbert Spencer, a widely read contemporary philosopher, describes the mental process we undergo in response to observation as follows:

[ 4 ] «Wenn wir an einem Septembertag durch die Felder wandelnd, wenige Schritte vor uns ein Geräusch hören und an der Seite des Grabens, von dem es herzukommen schien, das Gras in Bewegung sehen, so werden wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren, was das Geräusch und die Bewegung hervorbrachte. Bei unserer Annäherung flattert ein Rebhuhn in den Graben, und damit ist unsere Neugierde befriedigt: wir haben, was wir eine Erklärung der Erscheinungen nennen. Diese Erklärung läuft, wohlgemerkt, auf folgendes hinaus: weil wir im Leben unendlich oft erfahren haben, daß eine Störung der ruhigen Lage kleiner Körper die Bewegung anderer zwischen ihnen befindlicher Körper begleitet, und weil wir deshalb die Beziehungen zwischen solchen Störungen und solchen Bewegungen verallgemeinert haben, so halten wir diese besondere Störung für erklärt, sobald wir finden, daß sie ein Beispiel eben dieser Beziehung darbietet.» Genauer besehen stellt sich die Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben ist. Wenn ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den Begriff für diese Beobachtung. Dieser Begriff erst weist mich über das Geräusch hinaus. Wer nicht weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch und gibt sich damit zufrieden. Durch mein Nachdenken aber ist mir klar, daß ich ein Geräusch als Wirkung aufzufassen habe. Also erst wenn ich den Begriff der Wirkung mit der Wahrnehmung des Geräusches verbinde, werde ich veranlaßt, über die Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach der Ursache zu suchen. Der Begriff der Wirkung ruft den der Ursache hervor, und ich suche dann nach dem verursachenden Gegenstande, den ich in der Gestalt des Rebhuhns finde. Diese Begriffe, Ursache und Wirkung, kann ich aber niemals durch bloße Beobachtung, und erstrecke sie sich auf noch so viele Fälle, gewinnen. Die Beobachtung fordert das Denken heraus, und erst dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne Erlebnis an ein anderes anzuschließen.

[ 4 ] “If, on a September day, we are walking through the fields and hear a sound a few steps ahead of us, and see the grass moving at the edge of the ditch from which it seemed to come, we will probably head toward that spot to find out what caused the sound and the movement. As we approach, a partridge flutters into the ditch, and our curiosity is satisfied: we have what we call an explanation of the phenomena. This explanation, mind you, boils down to the following: because we have experienced countless times in life that a disturbance of the quiet state of small bodies is accompanied by the movement of other bodies situated between them, and because we have therefore generalized the relationships between such disturbances and such movements, we consider this particular disturbance explained as soon as we find that it presents an example of precisely this relationship.” On closer inspection, the matter presents itself quite differently than it is described here. When I hear a sound, I first seek the concept for this observation. It is this concept that points me beyond the sound. Those who do not think further simply hear the sound and are satisfied with that. Through my reflection, however, it becomes clear to me that I must understand a sound as an effect. Thus, only when I connect the concept of effect with the perception of the sound am I prompted to go beyond the individual observation and search for the cause. The concept of effect gives rise to that of cause, and I then search for the causative object, which I find in the form of the partridge. However, I can never arrive at these concepts—cause and effect—through mere observation, no matter how many instances they may cover. Observation challenges thought, and it is thought alone that shows me the way to link one individual experience to another.

[ 5 ] Wenn man von einer «streng objektiven Wissenschaft» fordert, daß sie ihren Inhalt nur der Beobachtung entnehme, so muß man zugleich fordern, daß sie auf alles Denken verzichte. Denn dieses geht seiner Natur nach über das Beobachtete hinaus.

[ 5 ] If one demands that a “strictly objective science” derive its content solely from observation, one must at the same time demand that it renounce all thinking. For thinking, by its very nature, goes beyond what is observed.

[ 6 ] Nun ist es am Platze, von dem Denken auf das denkende Wesen überzugehen. Denn durch dieses wird das Denken mit der Beobachtung verbunden. Das menschliche Bewußtsein ist der Schauplatz, wo Begriff und Beobachtung einander begegnen und wo sie miteinander verknüpft werden. Dadurch ist aber dieses (menschliche) Bewußtsein zugleich charakterisiert. Es ist der Vermittler zwischen Denken und Beobachtung. Insoferne der Mensch einen Gegenstand beobachtet, erscheint ihm dieser als gegeben, insoferne er denkt, erscheint er sich selbst als tätig. Er betrachtet den Gegenstand als Objekt, sich selbst als das denkende Subjekt. Weil er sein Denken auf die Beobachtung richtet, hat er Bewußtsein von den Objekten; weil er sein Denken auf sich richtet, hat er Bewußtsein seiner selbst oder Selbstbewußtsein. Das menschliche Bewußtsein muß notwendig zugleich Selbstbewußtsein sein, weil es denkendes Bewußtsein ist. Denn wenn das Denken den Blick auf seine eigene Tätigkeit richtet, dann hat es seine ureigene Wesenheit, also sein Subjekt, als Objekt zum Gegenstande.

[ 6 ] Now is the time to move from thought to the thinking being. For it is through this that thought is linked to observation. Human consciousness is the arena where concept and observation meet and where they are linked together. This, however, is also what characterizes this (human) consciousness. It is the mediator between thought and observation. Insofar as a person observes an object, it appears to him as given; insofar as he thinks, he appears to himself as active. He regards the object as object, himself as the thinking subject. Because he directs his thinking toward observation, he has consciousness of the objects; because he directs his thinking toward himself, he has consciousness of himself or self-consciousness. Human consciousness must necessarily be self-consciousness at the same time, because it is thinking consciousness. For when thinking directs its gaze toward its own activity, it has its very own essence—that is, its subject—as its object.

[ 7 ] Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen können. Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive Tätigkeit aufgefaßt werden. Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt, sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag. Die Tätigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe hinausgehende. Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt.

[ 7 ] However, we must not overlook the fact that it is only through thinking that we can define ourselves as subjects and set ourselves apart from objects. Therefore, thinking must never be understood as a merely subjective activity. Thinking is beyond subject and object. It forms these two concepts just as it forms all others. Thus, when we, as thinking subjects, apply a concept to an object, we must not regard this relationship as something merely subjective. It is not the subject that brings about the relationship, but thinking. The subject does not think because it is a subject; rather, it appears to itself as a subject because it is capable of thinking. The activity that human beings exercise as thinking beings is therefore not merely subjective, but one that is neither subjective nor objective, one that transcends these two concepts. I must never say that my individual subject thinks; rather, it lives by the grace of thought itself. Thought is thus an element that leads me beyond my self and connects me with objects. But at the same time, it separates me from them by setting me against them as a subject.

[ 8 ] Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen: er denkt und umschließt damit sich selbst und die übrige Welt; aber er muß sich mittels des Denkens zugleich als ein den Dingen gegenüberstehendes Individuum bestimmen.

[ 8 ] This is the basis of the dual nature of human beings: they think, thereby encompassing themselves and the rest of the world; but at the same time, through thinking, they must define themselves as individuals standing in opposition to things.

[ 9 ] Das nächste wird nun sein, uns zu fragen: Wie kommt das andere Element, das wir bisher bloß als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben, und das sich mit dem Denken im Bewußtsein begegnet, in das letztere?

[ 9 ] The next step is to ask ourselves: How does the other element—which we have so far referred to merely as an object of observation, and which encounters thought within consciousness—enter into the latter?

[ 10 ] Wir müssen, um diese Frage zu beantworten, aus unserem Beobachtungsfelde alles aussondern, was durch das Denken bereits in dasselbe hineingetragen worden ist. Denn unser jeweiliger Bewußtseinsinhalt ist immer schon mit Begriffen in der mannigfachsten Weise durchsetzt.

[ 10 ] To answer this question, we must eliminate from our field of observation everything that has already been introduced into it by thought. For the content of our consciousness is always already interwoven with concepts in the most varied ways.

[ 11 ] Wir müssen uns vorstellen, daß ein Wesen mit vollkommen entwickelter menschlicher Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt gegenübertrete. Was es da gewahr würde, bevor es das Denken in Tätigkeit bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt. Die Welt zeigte dann diesem Wesen nur das bloße zusammenhanglose Aggregat von Empfindungsobjekten: Farben, Töne, Druck, Wärme, Geschmacks, und Geruchsempfindungen; dann Lust und Unlustgefühle. Dieses Aggregat ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen Beobachtung. Ihm gegenüber steht das Denken, das bereit ist, seine Tätigkeit zu entfalten, wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet. Die Erfahrung lehrt bald, daß er sich findet.DasDenken ist imstande, Fäden zu ziehen von einem Beobachtungselement zum andern. Es verknüpft mit diesen Elementen bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch in ein Verhältnis. Wir haben oben bereits gesehen, wie ein uns begegnendes Geräusch mit einer anderen Beobachtung dadurch verbunden wird, daß wir das erstere als Wirkung der letzteren bezeichnen.

[ 11 ] We must create a mental image of a being with fully developed human intelligence arising out of nothing and encountering the world. What it would perceive there, before it begins to think, is the pure content of observation. The world would then present to this being only the mere, disjointed aggregate of objects of sensation: colors, sounds, pressure, heat, tastes, and smells; then feelings of pleasure and displeasure. This aggregate is the content of pure, thoughtless observation. Opposed to this is thought, which is ready to unfold its activity when a point of entry is found. Experience soon teaches that such a point is found. Thought is capable of drawing connections from one element of observation to another. It links certain concepts to these elements and thereby relates them to one another. We have already seen above how a sound we encounter is linked to another observation by our designating the former as the effect of the latter.

[ 12 ] Wenn wir uns nun daran erinnern, daß die Tätigkeit des Denkens durchaus nicht als eine subjektive aufzufassen ist, so werden wir auch nicht versucht sein zu glauben, daß solche Beziehungen, die durch das Denken hergestellt sind, bloß eine subjektive Geltung haben.

[ 12 ] If we now recall that the act of thinking is by no means to be understood as a purely subjective one, we will not be tempted to believe that such relationships, which are established through thinking, have merely subjective validity.

[ 13 ] Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende Überlegung die Beziehung zu suchen, die der oben angegebene unmittelbar gegebene Beobachtungsinhalt zu unserem bewußten Subjekt hat.

[ 13 ] The task now is to use reason to identify the relationship between the immediately given observational content described above and our conscious subject.

[ 14 ] Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir geboten, daß ich mich mit meinem Leser über den Gebrauch eines Wortes verständige, das ich im folgenden anwenden muß. Ich werde die unmittelbaren Empfindungsobjekte, die ich oben genannt habe, insoferne das bewußte Subjekt von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt, Wahrnehmungen nennen. Also nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt dieser Beobachtung bezeichne ich mit diesem Namen.

[ 14 ] Given the variability in language usage, it seems necessary for me to clarify with my reader the meaning of a word that I must use in what follows. I shall call the immediate objects of sensation that I have mentioned above perceptions, insofar as the conscious subject takes note of them through observation. Thus, I use this term not to denote the process of observation, but rather the object of this observation.

[ 15 ] Ich wähle den Ausdruck Empfindung nicht, weil dieser in der Physiologie eine bestimmte Bedeutung hat, die enger ist als die meines Begriffes von Wahrnehmung. Ein Gefühl in mir selbst kann ich wohl als Wahrnehmung, nicht aber als Empfindung im physiologischen Sinne bezeichnen. Auch von meinem Gefühle erhalte ich dadurch Kenntnis, daß es Wahrnehmung für mich wird. Und die Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem Denken erhalten, ist eine solche, daß wir auch das Denken in seinem ersten Auftreten für unser Bewußtsein Wahrnehmung nennen können.

[ 15 ] I do not choose the term sensation because it has a specific meaning in physiology that is narrower than my concept of perception. I can certainly describe a feeling within myself as perception, but not as sensation in the physiological sense. I also become aware of my feelings through the fact that they become perception for me. And the way in which we gain knowledge of our thinking through observation is such that we can also call thinking, in its first appearance to our consciousness, perception.

[ 16 ] Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem Sinne, wie sie ihm unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm ganz unabhängiges Dasein haben. Wenn er einen Baum sieht, so glaubt er zunächst, daß dieser in der Gestalt, die er sieht, mit den Farben, die seine Teile haben usw., dort an dem Orte stehe, wohin der Blick gerichtet ist. Wenn derselbe Mensch morgens die Sonne als eine Scheibe am Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser Scheibe verfolgt, so ist er der Meinung, daß das alles in dieser Weise (an sich) bestehe und vorgehe, wie er es beobachtet. Er hält so lange an diesem Glauben fest, bis er anderen Wahrnehmungen begegnet, die jenen widersprechen. Das Kind, das noch keine Erfahrungen über Entfernungen hat, greift nach dem Monde und stellt das, was es nach dem ersten Augenschein für wirklich gehalten hat, erst richtig, wenn eine zweite Wahrnehmung sich mit der ersten im Widerspruch befindet. Jede Erweiterung des Kreises meiner Wahrnehmungen nötigt mich, mein Bild der Welt zu berichtigen. Das zeigt sich im täglichen Leben ebenso wie in der Geistes-entwickelung der Menschheit. Das Bild, das sich die Alten von der Beziehung der Erde zu der Sonne und den andern Himmelskörpern machten, mußte von Kopernikus durch ein anderes ersetzt werden, weil es mit Wahrnehmungen, die früher unbekannt waren, nicht zusammenstimmte. Als Dr. Franz einen Blindgeborenen operierte, sagte dieser, daß er sich vor seiner Operation durch die Wahrnehmungen seines Tastsinnes ein ganz anderes Bild von der Größe der Gegenstände gemacht habe. Er mußte seine Tastwahrnehmungen durch seine Gesichtswahrnehmungen berichtigen.

[ 16 ] The naive person regards his perceptions, in the sense in which they immediately appear to him, as things that have an existence entirely independent of him. When he sees a tree, he initially believes that it stands in the form he sees, with the colors of its parts, etc., at the place where his gaze is directed. When the same person sees the sun appear in the morning as a disk on the horizon and follows the course of this disk, he is of the opinion that all of this exists and proceeds in this way (in itself), just as he observes it. He holds fast to this belief until he encounters other perceptions that contradict it. The child, who has no experience of distances yet, reaches for the moon and only corrects what it initially took to be real when a second perception contradicts the first. Every expansion of the scope of my perceptions compels me to correct my picture of the world. This is evident in daily life as well as in the spiritual development of humanity. The picture that the ancients formed of the relationship between the Earth and the Sun and the other celestial bodies had to be replaced by a different one by Copernicus, because it did not agree with perceptions that were previously unknown. When Dr. Franz operated on a man born blind, the latter said that before his operation, he had formed a completely different picture of the size of objects through the perceptions of his sense of touch. He had to correct his tactile perceptions through his visual perceptions.

[ 17 ] Woher kommt es, daß wir zu solchen fortwährenden Richtigstellungen unserer Beobachtungen gezwungen sind?

[ 17 ] Why is it that we are forced to constantly correct our observations?

[ 18 ] Eine einfache Überlegung bringt die Antwort auf diese Frage. Wenn ich an dem einen Ende einer Allee stehe, so erscheinen mir die Bäume an dem andern, von mir entfernten Ende kleiner und näher aneinandergerückt als da, wo ich stehe. Mein Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn ich den Ort ändere, von dem aus ich meine Beobachtungen mache. Es ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt, abhängig von einer Bestimmung, die nicht an dem Objekte hängt, sondern die mir, dem Wahrnehmenden, zukommt. Es ist für eine Allee ganz gleichgültig, wo ich stehe. Das Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich davon abhängig. Ebenso ist es für die Sonne und das Planetensystem gleichgültig, daß die Menschen sie gerade von der Erde aus ansehen. Das Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist durch diesen ihren Wohnsitz bestimmt. Diese Abhängigkeit des Wahrnehmungsbildes von unserem Beobachtungsorte ist diejenige, die am leichtesten zu durchschauen ist. Schwieriger wird die Sache schon, wenn wir die Abhängigkeit unserer Wahrnehmungswelt von unserer leiblichen und geistigen Organisation kennen lernen. Der Physiker zeigt uns, daß innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall hören, Schwingungen der Luft stattfinden, und daß auch der Körper, in dem wir den Ursprung des Schalles suchen, eine schwingende Bewegung seiner Teile aufweist. Wir nehmen diese Bewegung nur als Schall wahr, wenn wir ein normal organisiertes Ohr haben. Ohne ein solches bliebe uns die ganze Welt ewig stumm. Die Physiologie belehrt uns darüber, daß es Menschen gibt, die nichts wahrnehmen von der herrlichen Farbenpracht, die uns umgibt. Ihr Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und Dunkel auf. Andere nehmen nur eine bestimmte Farbe, zum Beispiel das Rot, nicht wahr. Ihrem Weltbilde fehlt dieser Farbenton, und es ist daher tatsächlich ein anderes als das eines Durchschnittsmenschen. Ich möchte die Abhängigkeit meines Wahrnehmungsbildes von meinem Beobachtungsorte eine mathematische, die von meiner Organisation eine qualitative nennen. Durch jene werden die Größenverhältnisse und gegenseitigen Entfernungen meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch diese die Qualität derselben. Daß ich eine rote Fläche rot sehe — diese qualitative Bestimmung — hängt von der Organisation meines Auges ab.

[ 18 ] A simple consideration provides the answer to this question. When I stand at one end of an avenue, the trees at the other end—which is farther away from me—appear smaller and closer together than they do where I am standing. My perceptual image changes when I change the location from which I make my observations. It is therefore, in the form in which it presents itself to me, dependent on a condition that does not depend on the object, but rather on me, the observer. It makes no difference to an avenue where I stand. But the image I receive of it depends essentially on that. Likewise, it makes no difference to the sun and the planetary system that people are looking at them from Earth. The perceptual image that presents itself to them, however, is determined by their location. This dependence of the perceptual image on our place of observation is the one that is easiest to grasp. The matter becomes more difficult when we come to understand the dependence of our perceptual world on our physical and mental constitution. The physicist shows us that within the space in which we hear a sound, vibrations of the air take place, and that the body in which we seek the source of the sound also exhibits a vibrating movement of its parts. We perceive this movement as sound only if we have a normally functioning ear. Without such an ear, the whole world would remain eternally silent to us. Physiology teaches us that there are people who perceive nothing of the magnificent splendor of colors that surrounds us. Their perceptual image consists only of shades of light and dark. Others perceive only a certain color, for example red, not at all. Their worldview lacks this color tone, and it is therefore indeed different from that of the average person. I would call the dependence of my perceptual image on my vantage point a mathematical one, and that on my constitution a qualitative one. The former determines the proportions and mutual distances of my perceptions, the latter their quality. That I see a red surface as red—this qualitative determination—depends on the constitution of my eye.

[ 19 ] Meine Wahrnehmungsbilder sind also zunächst subjektiv. Die Erkenntnis von dem subjektiven Charakter unserer Wahrnehmungen kann leicht zu Zweifeln darüber führen, ob überhaupt etwas Objektives denselben zum Grunde liegt. Wenn wir wissen, daß eine Wahrnehmung, zum Beispiel die der roten Farbe, oder eines bestimmten Tones nicht möglich ist ohne eine bestimmte Einrichtung unseres Organismus, so kann man zu dem Glauben kommen, daß dieselbe, abgesehen von unserem subjektiven Organismus, keinen Bestand habe, daß sie ohne den Akt des Wahrnehmens, dessen Objekt sie ist, keine Art des Daseins hat. Diese Ansicht hat in George Berkeley einen klassischen Vertreter gefunden, der der Meinung war, daß der Mensch von dem Augenblicke an, wo er sich derBedeutung des Subjekts für dieWahrnehmung bewußt geworden ist, nicht mehr an eine ohne den bewußten Geist vorhandene Welt glauben könne. Er sagt: «Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so einleuchtend, daß man nur die Augen zu öffnen braucht, um sie zu sehen. Für eine solche halte ich den wichtigen Satz, daß der ganze Chor am Himmel und alles, was zur Erde gehört, mit einem Worte alle die Körper, die den gewaltigen Bau der Welt zusammensetzen, keine Subsistenz außerhalb des Geistes haben, daß ihr Sein in ihrem Wahrgenommen — oder Erkanntwerden besteht, daß sie folglich, solange sie nicht wirklich von mir wahrgenommen werden oder in meinem Bewußtsein oder dem eines anderen geschaffenen Geistes existieren, entweder überhaupt keine Existenz haben oder in dem Bewußtsein eines ewigen Geistes existieren.» Für diese Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr übrig, wenn man von dem Wahrgenommenwerden absieht. Es gibt keine Farbe, wenn keine gesehen, keinen Ton, wenn keiner gehört wird. Ebensowenig wie Farbe und Ton existieren Ausdehnung, Gestalt und Bewegung außerhalb des Wahrnehmungsaktes. Wir sehen nirgends bloße Ausdehnung oder Gestalt, sondern diese immer mit Farbe oder andern unbestreitbar von unserer Subjektivität abhängigen Eigenschaften verknüpft. Wenn die letzteren mit unserer Wahrnehmung verschwinden, so muß das auch bei den ersteren der Fall sein, die an sie gebunden sind.

[ 19 ] My perceptual images are, therefore, initially subjective. The realization of the subjective nature of our perceptions can easily lead to doubts as to whether anything objective underlies them at all. If we know that a perception—for example, of the color red or a certain tone—is not possible without a specific configuration of our organism, one may come to believe that it has no existence apart from our subjective organism, that it has no mode of existence without the act of perception of which it is the object. This view found a classic proponent in George Berkeley, who believed that from the moment a person becomes aware of the importance of the subject for perception, they can no longer believe in a world that exists without the conscious mind. He says: “Some truths are so obvious and so self-evident that one need only open one’s eyes to see them. I consider the important proposition that the entire host in heaven and everything that belongs to the earth—in a word, all the bodies that make up the mighty structure of the world— have no subsistence outside the mind, that their being consists in their being perceived—or recognized—that consequently, as long as they are not actually perceived by me or exist in my consciousness or that of another created mind, they either have no existence at all or exist in the consciousness of an eternal mind.” For this view, nothing remains of perception if one disregards the act of being perceived. There is no color if none is seen, no sound if none is heard. Just as little as color and sound do, extension, shape, and motion exist outside the act of perception. We see nowhere mere extension or form, but always these linked with color or other properties that are indisputably dependent on our subjectivity. If the latter disappear with our perception, then this must also be the case for the former, which are bound to them.

[ 20 ] Dem Einwand, daß, wenn auch Figur, Farbe, Ton usw. keine andere Existenz als die innerhalb des Wahrnehmungsaktes haben, es doch Dinge geben müsse, die ohne das Bewußtsein da sind und denen die bewußten Wahrnehmungsbilder ähnlich seien, begegnet die geschilderte Ansicht damit, daß sie sagt: eine Farbe kann nur ähnlich einer Farbe, eine Figur ähnlich einer Figur sein. Unsere Wahrnehmungen können nur unseren Wahrnehmungen, aber keinerlei anderen Dingen ähnlich sein. Auch was wir einen Gegenstand nennen, ist nichts anderes als eine Gruppe von Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise verbunden sind. Nehme ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung, Farbe usw., kurz alles, was nur meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr übrig. Diese Ansicht führt, konsequent verfolgt, zu der Behauptung: Die Objekte meiner Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden, und zwar nur insoferne und solange ich sie wahrnehme; sie verschwinden mit dem Wahrnehmen und haben keinen Sinn ohne dieses. Außer meinen Wahrnehmungen weiß ich aber von keinen Gegenständen und kann von keinen wissen.

[ 20 ] The objection that, even if figure, color, tone, etc., have no existence other than that within the act of perception, there must still be things that exist without consciousness and to which the conscious perceptual images are similar, is met by the view described above with the statement: a color can only be similar to a color, a figure similar to a figure. Our perceptions can only be similar to our perceptions, but to no other things whatsoever. Even what we call an object is nothing other than a group of perceptions connected in a certain way. If I remove from a table its shape, extension, color, etc.—in short, everything that is merely my perception—nothing remains. This view, taken to its logical conclusion, leads to the assertion: The objects of my perceptions exist only through me, and indeed only insofar as and as long as I perceive them; they disappear with perception and have no meaning without it. Apart from my perceptions, however, I know of no objects and cannot know of any.

[ 21 ] Gegen diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden, als ich bloß im allgemeinen den Umstand in Betracht ziehe, daß die Wahrnehmung von der Organisation meines Subjektes mitbestimmt wird. Wesentlich anders stellte sich die Sache aber, wenn wir imstande wären, anzugeben, welches die Funktion unseres Wahrnehmens beim Zustandekommen einer Wahrnehmung ist. Wir wüßten dann, was an der Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht, und könnten auch bestimmen, was an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen wird.

[ 21 ] There is no objection to this claim as long as I merely consider, in general terms, the fact that perception is influenced by the organization of my subject. The situation would be fundamentally different, however, if we were able to specify what role our perception plays in the formation of a perception. We would then know what happens to the perception during the act of perceiving, and could also determine what must already be present in it before it is perceived.

[ 22 ] Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt der Wahrnehmung auf das Subjekt derselben abgeleitet. Ich nehme nicht nur andere Dinge wahr, sondern ich nehme mich selbst wahr.. Die Wahrnehmung meiner selbst hat zunächst den Inhalt, daß ich das Bleibende bin gegenüber den immer kommenden und gehenden Wahrnehmungsbildern. Die Wahrnehmung des Ich kann in meinem Bewußtsein stets auftreten, während ich andere Wahrnehmungen habe. Wenn ich in die Wahrnehmung eines gegebenen Gegenstandes vertieft bin, so habe ich vorläufig nur von diesem ein Bewußtsein. Dazu kann dann die Wahrnehmung meines Selbst treten. Ich bin mir nunmehr nicht bloß des Gegenstandes bewußt, sondern auch meiner Persönlichkeit, die dem Gegenstand gegenüber steht und ihn beobachtet. Ich sehe nicht bloß einen Baum, sondern ich weiß auch, daß ich es bin, der ihn sieht. Ich erkenne auch, daß in mir etwas vorgeht, während ich den Baum beobachte. Wenn der Baum aus meinem Gesichtskreise verschwindet, bleibt für mein Bewußtsein ein Rückstand von diesem Vorgange: ein Bild des Baumes. Dieses Bild hat sich während meiner Beobachtung mit meinem Selbst verbunden. Mein Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt hat ein neues Element in sich aufgenommen. Dieses Element nenne ich meine Vorstellung von dem Baume. Ich käme nie in die Lage, von Vorstellungen zu sprechen, wenn ich diese nicht in der Wahrnehmung meines Selbst erlebte. Wahrnehmungen würden kommen und gehen; ich ließe sie vorüberziehen. Nur dadurch, daß ich mein Selbst wahrnehme und merke, daß mit jeder Wahrnehmung sich auch dessen Inhalt ändert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung des Gegenstandes mit meiner eigenen Zustandsveränderung in Zusammenhang zu bringen und von meiner Vorstellung zu sprechen.

[ 22 ] This shifts our focus from the object of perception to the subject of perception. I do not merely perceive other things; I also perceive myself. The perception of myself initially consists in the fact that I am the enduring element in contrast to the constantly coming and going images of perception. The perception of the self can always occur in my consciousness while I am having other perceptions. When I am immersed in the perception of a given object, I am initially conscious only of that object. The perception of my self can then join this. I am now not merely conscious of the object, but also of my personality, which stands opposite the object and observes it. I do not merely see a tree, but I also know that it is I who sees it. I also recognize that something is happening within me while I observe the tree. When the tree disappears from my field of vision, a residue of this process remains in my consciousness: an image of the tree. This image has become connected with my self during my observation. My self has been enriched; its content has incorporated a new element. I call this element my mental image of the tree. I would never be in a position to speak of mental images if I did not experience them in the perception of my self. Perceptions would come and go; I would let them pass by. Only because I perceive my self and notice that with every perception its content also changes, am I compelled to relate the observation of the object to the change in my own state and to speak of my mental image.

[ 23 ] Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem Sinne, wie Farbe, Ton usw. an andern Gegenständen. Ich kann jetzt auch den Unterschied machen, daß ich diese andern Gegenstände, die sich mir gegenüberstellen, Außenwelt nenne, während ich den Inhalt meiner Selbstwahrnehmung als Innenwelt bezeichne. Die Verkennung des Verhältnisses von Vorstellung und Gegenstand hat die größten Mißverständnisse in der neueren Philosophie herbeigeführt. Die Wahrnehmung einer Veränderung in uns, die Modifikation, die mein Selbst erfährt, wurde in den Vordergrund gedrängt und das diese Modifikation veranlassende Objekt ganz aus dem Auge verloren. Man hat gesagt: wir nehmen nicht die Gegenstände wahr, sondern nur unsere Vorstellungen. Ich soll nichts wissen von dem Tische an sich, der Gegenstand meiner Beobachtung ist, sondern nur von der Veränderung, die mit mir selbst vorgeht, während ich den Tisch wahrnehme. Diese Anschauung darf nicht mit der vorhin erwähnten Berkeleyschen verwechselt werden. Berkeley behauptet die subjektive Natur meines Wahrnehmungsinhaltes, aber er sagt nicht, daß ich nur von meinen Vorstellungen wissen kann. Er schränkt mein Wissen auf meine Vorstellungen ein, weil er der Meinung ist, daß es keine Gegenstände außerhalb des Vorstellens gibt. Was ich als Tisch ansehe, das ist im Sinne Berkeleys nicht mehr vorhanden, sobald ich meinen Blick nicht mehr darauf richte. Deshalb läßt Berkeley meine Wahrnehmungen unmittelbar durch die Macht Gottes entstehen. Ich sehe einen Tisch, weil Gott diese Wahrnehmung in mir hervorruft. Berkeley kennt daher keine anderen realen Wesen als Gott und die menschlichen Geister. Was wir Welt nennen, ist nur innerhalb der Geister vorhanden. Was der naive Mensch Außenwelt, körperliche Natur nennt, ist für Berkeley nicht vorhanden. Dieser Ansicht steht die jetzt herrschende Kantsche gegenüber, welche unsere Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf unsere Vorstellungen einschränkt, weil sie überzeugt ist, daß es außer diesen Vorstellungen keine Dinge geben kann, sondern weil sie uns so organisiert glaubt, daß wir nur von den Veränderungen unseres eigenen Selbst, nicht von den diese Veränderungen veranlassenden Dingen an sich erfahren können. Sie folgert aus dem Umstande, daß ich nur meine Vorstellungen kenne, nicht, daß es keine von diesen Vorstellungen unabhängige Existenz gibt, sondern nur, daß das Subjekt eine solche nicht unmittelbar in sich aufnehmen, sie nicht anders als durch das «Medium seiner subjektivenGedanken imaginieren, fingieren, denken, erkennen, vielleicht auch nicht erkennen kann» (O. Liebmann, Zur Analysis der Wirklichkeit, Seite 28). Diese Anschauung glaubt etwas unbedingt Gewisses zu sagen, etwas, was ohne alle Beweise unmittelbar einleuchtet. «Der erste Fundamentalsatz, den sich der Philosoph zu deutlichem Bewußtsein zu bringen hat, besteht in der Erkenntnis, daß unser Wissen sich zunächst auf nichts weiter als auf unsere Vorstellungen erstreckt. Unsere Vorstellungen sind das Einzige, was wir unmittelbar erfahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir sie unmittelbar erfahren, deswegen vermag uns auch der radikalste Zweifel das Wissen von denselben nicht zu entreißen. Dagegen ist das Wissen, das über unser Vorstellen — ich nehme diesen Ausdruck hier überall im weitesten Sinne, so daß alles psychische Geschehen darunter fällt — hinausgeht, vor dem Zweifel nicht geschützt. Daher muß zu Beginn des Philosophierens alles über die Vorstellungen hinausgehende Wissen ausdrücklich als bezweifelbar hingestellt werden», so beginnt Volkelt sein Buch über «Immanuel Kants Erkenntnistheorie». Was hiermit so hingestellt wird, als ob es eine unmittelbare und selbstverständliche Wahrheit sei, ist aber in Wirklichkeit das Resultat einer Gedankenoperation, die folgendermaßen verläuft: Der naive Mensch glaubt, daß die Gegenstände, so wie er sie wahrnimmt, auch außerhalb seines Bewußtseins vorhanden sind. Die Physik, Physiologie und Psychologie scheinen aber zu lehren, daß zu unseren Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist, daß wir folglich von nichts wissen können, als von dem, was unsere Organisation uns von den Dingen überliefert. Unsere Wahrnehmungen sind somit Modifikationen unserer Organisation, nicht Dinge an sich. Den hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard von Hartmann in der Tat als denjenigen charakterisiert, der zur Überzeugung von dem Satze führen muß, daß wir ein direktes Wissen nur von unseren Vorstellungen haben können (vergleiche dessen «Grundproblem der Erkenntnistheorie», S. 16-40). Weil wir außerhalb unseres Organismus Schwingungen der Körper und der Luft finden, die sich uns als Schall darstellen, so wird gefolgert, daß das, was wir Schall nennen, nichts weiter sei als eine subjektive Reaktion unseres Organismus auf jene Bewegungen in der Außenwelt. In derselben Weise findet man, daß Farbe und Wärme nur Modifikationen unseres Organismus seien. Und zwar ist man der Ansicht, daß diese beiden Wahrnehmungsarten in uns hervorgerufen werden durch die Wirkung von Vorgängen in der Außenwelt, die von dem, was Wärmeerlebnis oder Farbenerlebnis ist, durchaus verschieden sind. Wenn solche Vorgänge die Hautnerven meines Körpers erregen, so habe ich die subjektive Wahrnehmung der Wärme, wenn solche Vorgänge den Sehnerv treffen, nehme ich Licht und Farbe wahr. Licht, Farbe und Wärme sind also das, womit meine Sinnesnerven auf den Reiz von außen antworten. Auch der Tastsinn liefert mir nicht die Gegenstände der Außenwelt, sondern nur meine eigenen Zustände. Im Sinne der modernen Physik könnte man etwa denken, daß die Körper aus unendlich kleinen Teilen, den Molekülen bestehen, und daß diese Moleküle nicht unmittelbar aneinandergrenzen, sondern gewisse Entfernungen voneinander haben. Es ist also zwischen ihnen der leere Raum. Durch diese wirken sie aufeinander mittelst anziehender und abstoßender Kräfte. Wenn ich meine Hand einem Körper nähere, so berühren die Moleküle meiner Hand keineswegs unmittelbar diejenigen des Körpers, sondern es bleibt eine gewisse Entfernung zwischen Körper und Hand, und was ich als Widerstand des Körpers empfinde, das ist nichts weiter als die Wirkung der abstoßenden Kraft, die seine Moleküle auf meine Hand ausüben. Ich bin schlechthin außerhalb des Körpers und nehme nur seine Wirkung auf meinen Organismus wahr.

[ 23 ] I perceive this mental image in myself in the same way that I perceive color, sound, etc., in other objects. I can now also make the distinction that I call these other objects, which stand opposite me, the external world, while I designate the content of my self-perception as the inner world. The misunderstanding of the relationship between mental image and object has led to the greatest misunderstandings in modern philosophy. The perception of a change within us—the modification that my self undergoes—has been thrust into the foreground, while the object causing this modification has been entirely lost sight of. It has been said: we do not perceive objects, but only our mental images. I am supposed to know nothing of the table in itself, which is the object of my observation, but only of the change that takes place within myself while I perceive the table. This view must not be confused with the Berkeleyan one mentioned earlier. Berkeley asserts the subjective nature of the content of my perception, but he does not say that I can know only my mental images. He limits my knowledge to my mental images because he believes that there are no objects outside of the mind. What I regard as a table ceases to exist in Berkeley’s sense as soon as I no longer direct my gaze toward it. Therefore, Berkeley posits that my perceptions arise directly through the power of God. I see a table because God evokes this perception within me. Berkeley therefore recognizes no real beings other than God and human minds. What we call the world exists only within the minds. What the naive person calls the external world, physical nature, does not exist for Berkeley. This view is contrasted by the now dominant Kantian one, which does not limit our knowledge of the world to our mental images because it is convinced that there can be no things outside these mental images, but because it believes us to be organized in such a way that we can only experience the changes in our own selves, not the things in themselves that cause these changes. It concludes from the fact that I know only my mental images, not that there is no existence independent of these mental images, but only that the subject cannot immediately apprehend such an existence within itself, cannot imagine, conceive, think, or recognize it—and perhaps cannot even fail to recognize it—other than through the “medium of its subjective thoughts” (O. Liebmann, On the Analysis of Reality, p. 28). This view believes it is stating something absolutely certain, something that is immediately self-evident without any proof. “The first fundamental proposition that the philosopher must bring to clear consciousness consists in the realization that our knowledge initially extends to nothing more than our mental images. Our mental images are the only thing we experience directly; and precisely because we experience them directly, even the most radical doubt cannot rob us of our knowledge of them. In contrast, knowledge that goes beyond our mental images—I am using this term here in the broadest sense, so that all mental activity falls under it—is not protected from doubt. “Therefore,” Volkelt begins his book on “Immanuel Kant’s Theory of Knowledge>, “at the outset of philosophical inquiry, all knowledge extending beyond mental images must be explicitly presented as subject to doubt.” What is presented here as if it were an immediate and self-evident truth is, however, in reality the result of a mental operation that proceeds as follows: The naive person believes that objects, just as he perceives them, also exist outside his consciousness. Physics, physiology, and psychology, however, seem to teach that our constitution is necessary for our perceptions, that we can consequently know nothing other than what our constitution conveys to us about things. Our perceptions are thus modifications of our organism, not things in themselves. The line of thought indicated here has in fact been characterized by Eduard von Hartmann as the one that must lead to the conviction that we can have direct knowledge only of our mental images (compare his “Grundproblem der Erkenntnistheorie,” pp. 16–40). Because we find vibrations of bodies and air outside our organism that present themselves to us as sound, it is concluded that what we call sound is nothing more than a subjective reaction of our organism to those movements in the external world. In the same way, it is held that color and heat are merely modifications of our organism. Specifically, it is believed that these two types of perception are evoked in us by the effect of processes in the external world that are entirely distinct from what constitutes the experience of heat or the experience of color. When such processes stimulate the skin nerves of my body, I have the subjective perception of heat; when such processes affect the optic nerve, I perceive light and color. Light, color, and heat are thus what my sensory nerves respond with to the external stimulus. Nor does the sense of touch provide me with the objects of the external world, but only with my own states. In the sense of modern physics, one might think, for example, that bodies consist of infinitely small parts, molecules, and that these molecules do not immediately adjoin one another, but are separated by certain distances. There is thus empty space between them. Through this space, they interact with one another by means of attractive and repulsive forces. When I bring my hand close to a body, the molecules of my hand do not touch those of the body directly at all, but a certain distance remains between the body and the hand, and what I perceive as the body’s resistance is nothing more than the effect of the repulsive force that its molecules exert on my hand. I am entirely outside the body and perceive only its effect on my organism.

[ 24 ] Ergänzend zu diesen Überlegungen tritt die Lehre von den sogenannten spezifischen Sinnesenergien, die J. Müller (1801-1858) aufgestellt hat. Sie besteht darin, daß jeder Sinn die Eigentümlichkeit hat, auf alle äußeren Reize nur in einer bestimmten Weise zu antworten. Wird auf den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, so entsteht Lichtwahrnehmung, gleichgültig ob die Erregung durch das geschieht, was wir Licht nennen, oder ob ein mechanischer Druck oder ein elektrischer Strom auf den Nerv einwirkt. Andrerseits werden in verschiedenen Sinnen durch die gleichen äußeren Reize verschiedene Wahrnehmungen hervorgerufen. Daraus scheint hervorzugehen, daß unsere Sinne nur das überliefern können, was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Außenwelt. Sie bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.

[ 24 ] Complementing these considerations is the theory of so-called specific sensory energies, which J. Müller (1801–1858) proposed. It holds that each sense has the characteristic of responding to all external stimuli only in a specific way. When an effect is exerted on the optic nerve, light perception arises, regardless of whether the stimulation is caused by what we call light, or whether mechanical pressure or an electric current acts on the nerve. On the other hand, the same external stimuli evoke different perceptions in different senses. It seems to follow from this that our senses can convey only what takes place within them, but nothing from the external world. They determine perceptions according to their nature.

[ 25 ] Die Physiologie zeigt, daß auch von einem direkten Wissen dessen keine Rede sein kann, was die Gegenstände in unseren Sinnesorganen bewirken. Indem der Physiologe die Vorgänge in unserem eigenen Leibe verfolgt, findet er, daß schon in den Sinnesorganen die Wirkungen der äußeren Bewegung in der mannigfaltigsten Weise umgeändert werden. Wir sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr. Beide sind sehr komplizierte Organe, die den äußeren Reiz wesentlich verändern, ehe sie ihn zum entsprechenden Nerv bringen. Von dem peripherischen Ende des Nervs wird nun der schon veränderte Reiz weiter zum Gehirn geleitet. Hier erst müssen wieder die Zentralorgane erregt werden. Daraus wird geschlossen, daß der äußere Vorgang eine Reihe von Umwandlungen erfahren hat, ehe er zum Bewußtsein kommt. Was da im Gehirne sich abspielt, ist durch so viele Zwischenvorgänge mit dem äußeren Vorgang verbunden, daß an eine Ähnlichkeit mit demselben nicht mehr gedacht werden kann. Was das Gehirn der Seele zuletzt vermittelt, sind weder äußere Vorgänge, noch Vorgänge in den Sinnesorganen, sondern nur solche innerhalb des Gehirnes. Aber auch die letzteren nimmt die Seele noch nicht unmittelbar wahr. Was wir im Bewußtsein zuletzt haben, sind gar keine Gehirnvorgänge, sondern Empfindungen. Meine Empfindung des Rot hat gar keine Ähnlichkeit mit dem Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn ich das Rot empfinde. Das letztere tritt erst wieder als Wirkung in der Seele auf und wird nur verursacht durch den Hirnvorgang. Deshalb sagt Hartmann (Grundproblem der Erkenntnistheorie, S. 37): «Was das Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur Modifikationen seiner eigenen psychischen Zustände und nichts anderes.» Wenn ich die Empfindungen habe, dann sind diese aber noch lange nicht zu dem gruppiert, was ich als Dinge wahrnehme. Es können mir ja nur einzelne Empfindungen durch das Gehirn vermittelt werden. Die Empfindungen der Härte und Weichheit werden mir durch den Tast, die Farben, und Lichtempfindungen durch den Gesichtssinn vermittelt. Doch finden sich dieselben an einem und demselben Gegenstande vereinigt. Diese Vereinigung muß also erst von der Seele selbst bewirkt werden. Das heißt, die Seele setzt die einzelnen durch das Gehirn vermittelten Empfindungen zu Körpern zusammen. Mein Gehirn überliefert mir einzeln die Gesichts, Tast, und Gehörempfindungen, und zwar auf ganz verschiedenen Wegen, die dann die Seele zu der Vorstellung Trompete zusammen setzt. Dieses Endglied (Vorstellung der Trompete) eines Prozesses ist es, was für mein Bewußtsein zu allererst gegeben ist. Es ist in demselben nichts mehr von dem zu finden, was außer mir ist und ursprünglich einen Eindruck auf meineSinnegemacht hat.Der äußereGegenstand ist auf dem Wege zum Gehirn und durch das Gehirn zur Seele vollständig verlorengegangen.

[ 25 ] Physiology shows that we cannot claim to have direct knowledge of what objects cause in our sense organs. By observing the processes within our own bodies, the physiologist finds that the effects of external movement are already altered in the most diverse ways within the sense organs. We see this most clearly in the eye and the ear. Both are highly complex organs that significantly alter the external stimulus before transmitting it to the corresponding nerve. From the peripheral end of the nerve, the already altered stimulus is then transmitted further to the brain. Only here must the central organs be stimulated again. From this, it is concluded that the external process has undergone a series of transformations before it reaches consciousness. What takes place in the brain is connected to the external process through so many intermediate processes that any resemblance to the latter can no longer be conceived. What the brain ultimately conveys to the soul are neither external processes nor processes in the sensory organs, but only those within the brain. Yet even the latter are not yet directly perceived by the soul. What we ultimately have in consciousness are not brain processes at all, but sensations. My sensation of red bears no resemblance whatsoever to the process that takes place in the brain when I perceive red. The latter only reappears as an effect in the soul and is caused solely by the brain process. That is why Hartmann (Grundproblem der Erkenntnistheorie, p. 37) says: “What the subject perceives are therefore always only modifications of its own mental states and nothing else.” When I have these sensations, however, they are still far from being grouped into what I perceive as things. After all, only individual sensations can be conveyed to me through the brain. The sensations of hardness and softness are conveyed to me through touch, while colors and light sensations are conveyed through sight. Yet these are found united in one and the same object. This unification must therefore first be effected by the soul itself. That is to say, the soul assembles the individual sensations conveyed by the brain into bodies. My brain conveys to me the sensations of sight, touch, and hearing individually, and in very different ways, which the soul then assembles into the mental image of a trumpet. This final link (the mental image of the trumpet) in a process is what is given to my consciousness first and foremost. In it, there is nothing left of what lies outside of me and originally made an impression on my senses. The external object has been completely lost on its way to the brain and through the brain to the soul.

[ 26 ] Es wird schwer sein, ein zweites Gedankengebäude in der Geschichte des menschlichen Geisteslebens zu finden, das mit größerem Scharfsinn zusammengetragen ist, und das bei genauerer Prüfung doch in nichts zerfällt. Sehen wir einmal näher zu, wie es zustande kommt. Man geht zunächst von dem aus, was dem naiven Bewußtsein gegeben ist, von dem wahrgenommenen Dinge. Dann zeigt man, daß alles, was an diesem Dinge sich findet, für uns nicht da wäre, wenn wir keine Sinne hätten. Kein Auge: keine Farbe. Also ist die Farbe in dem noch nicht vorhanden, was auf das Auge wirkt. Sie entsteht erst durch die Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande. Dieser ist also farblos. Aber auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden; denn da ist ein chemischer oder physikalischer Vorgang vorhanden, der erst durch den Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen andern auslöst. Dieser ist noch immer nicht die Farbe. Sie wird erst durch den Hirnprozeß in der Seele hervorgerufen. Da tritt sie mir noch immer nicht ins Bewußtsein, sondern wird erst durch die Seele nach außen an einen Körper verlegt. An diesem glaube ich sie endlich wahrzunehmen. Wir haben einen vollständigen Kreisgang durchgemacht. Wir sind uns eines farbigen Körpers bewußt geworden. Das ist das Erste. Nun hebt die Gedankenoperation an. Wenn ich keine Augen hätte, wäre der Körper für mich farblos. Ich kann die Farbe also nicht in den Körper verlegen. Ich gehe auf die Suche nach ihr. Ich suche sie im Auge: vergebens; im Nerv: vergebens; im Gehirne: ebenso vergebens; in der Seele: hier finde ich sie zwar, aber nicht mit dem Körper verbunden. Den farbigen Körper finde ich erst wieder da, wo ich ausgegangen bin. Der Kreis ist geschlossen. Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu erkennen, was der naive Mensch sich als draußen im Raume vorhanden denkt.

[ 26 ] It would be difficult to find a second body of thought in the history of human intellectual life that has been assembled with greater acumen and that, upon closer examination, does not fall apart. Let us take a closer look at how this comes about. One starts with what is given to naive consciousness, with the perceived object. Then one shows that everything found in this object would not be there for us if we had no senses. No eye: no color. Thus, color is not yet present in what acts upon the eye. It arises only through the interaction of the eye with the object. The object is therefore colorless. But color is not present in the eye either; for there is a chemical or physical process there that is first transmitted to the brain via the nerve, where it triggers another. This is still not the color. It is only brought about by the brain process in the soul. There it still does not enter my consciousness, but is only transferred outward to a body by the soul. It is in this that I finally believe I perceive it. We have completed a full cycle. We have become conscious of a colored body. That is the first step. Now the mental process begins. If I had no eyes, the body would be colorless to me. I cannot, therefore, locate the color within the body. I set out in search of it. I look for it in the eye: in vain; in the nerve: in vain; in the brain: just as in vain; in the soul: here I do find it, but not connected to the body. I find the colored body again only where I started. The circle is complete. I believe I recognize as a product of my soul what the naive person imagines to exist out there in space.

[ 27 ] So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in schönster Ordnung. Aber die Sache muß noch einmal von vorne angefangen werden. Ich habe ja bis jetzt mit einem Dinge gewirtschaftet: mit der äußeren Wahrnehmung, von dem ich früher, als naiver Mensch, eine ganz falsche Ansicht gehabt habe. Ich war der Meinung: sie hätte so, wie ich sie wahrnehme, einen objektiven Bestand. Nun merke ich, daß sie mit meinem Vorstellen verschwindet, daß sie nur eine Modifikation meiner seelischen Zustände ist. Habe ich nun überhaupt noch ein Recht, in meinen Betrachtungen von ihr auszugehen? Kann ich von ihr sagen, daß sie auf meine Seele wirkt? Ich muß von jetzt ab den Tisch, von dem ich früher geglaubt habe, daß er auf mich wirkt und in mir eine Vorstellung von sich hervorbringt, selbst als Vorstellung behandeln. Konsequenterweise sind dann aber auch meine Sinnesorgane und die Vorgänge in ihnen bloß subjektiv. Ich habe kein Recht, von einem wirklichen Auge zu sprechen, sondern nur von meiner Vorstellung des Auges. Ebenso ist es mit der Nervenleitung und dem Gehirnprozeß und nicht weniger mit dem Vorgange in der Seele selbst, durch den aus dem Chaos der mannigfaltigen Empfindungen Dinge aufgebaut werden sollen. Durchlaufe ich unter Voraussetzung der Richtigkeit des ersten Gedankenkreisganges die Glieder meines Erkenntnisaktes nochmals, so zeigt sich der letztere als ein Gespinst von Vorstellungen, die doch als solche nicht aufeinander wirken können. Ich kann nicht sagen: meine Vorstellung des Gegenstandes wirkt auf meine Vorstellung des Auges, und aus dieser Wechselwirkung geht die Vorstellung der Farbe hervor. Aber ich habe es auch nicht nötig. Denn sobald mir klar ist, daß mir meine Sinnesorgane und deren Tätigkeiten, mein Nerven, und Seelenprozeß auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden können, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner vollen Unmöglichkeit. Es ist richtig: für mich ist keine Wahrnehmung ohne das entsprechende Sinnesorgan gegeben. Aber ebensowenig ein Sinnesorgan ohne Wahrnehmung. Ich kann von meiner Wahrnehmung des Tisches auf das Auge übergehen, das ihn sieht, auf die Hautnerven, die ihn tasten; aber was in diesen vorgeht, kann ich wieder nur aus der Wahrnehmung erfahren. Und da bemerke ich denn bald, daß in dem Prozeß, der sich im Auge vollzieht, nicht eine Spur von Ähnlichkeit ist mit dem, was ich als Farbe wahrnehme. Ich kann meine Farbenwahrnehmung nicht dadurch vernichten, daß ich den Prozeß im Auge aufzeige, der sich während dieser Wahrnehmung darin abspielt. Ebensowenig finde ich in den Nerven, und Gehirnprozessen die Farbe wieder; ich verbinde nur neue Wahrnehmungen innerhalb meines Organismus mit der ersten, die der naive Mensch außerhalb seines Organismus verlegt. Ich gehe nur von einer Wahrnehmung zur andern über.

[ 27 ] As long as one stops there, everything seems perfectly fine. But the matter must be taken up again from the beginning. Up until now, I have been dealing with one thing: external perception, about which I, as a naive person, used to have a completely mistaken view. I used to believe that it had an objective existence just as I perceive it. Now I realize that it vanishes with my mental image, that it is merely a modification of my mental states. Do I still have any right at all to take it as my starting point in my reflections? Can I say that it affects my soul? From now on, I must treat the table—which I used to believe affects me and produces a mental image of itself within me—as a mental image itself. Consequently, however, my sense organs and the processes within them are also merely subjective. I have no right to speak of a real eye, but only of my mental image of the eye. The same applies to nerve conduction and brain processes, and no less so to the process within the soul itself through which things are to be constructed from the chaos of manifold sensations. If, assuming the correctness of the first train of thought, I go through the stages of my act of cognition once more, the latter reveals itself as a web of mental images that, as such, cannot interact with one another. I cannot say: my mental image of the object acts upon my mental image of the eye, and from this interaction the mental image of color arises. But I have no need to do so. For as soon as it becomes clear to me that my sense organs and their activities, my nervous and mental processes, can be given to me only through perception, the line of thought described above reveals itself in its complete impossibility. It is true: for me, there is no perception without the corresponding sense organ. But just as there is no sense organ without perception. I can move from my perception of the table to the eye that sees it, to the skin nerves that touch it; but what goes on in these, I can again only learn from perception. And there I soon notice that in the process taking place in the eye, there is not a trace of similarity to what I perceive as color. I cannot destroy my perception of color by pointing out the process in the eye that takes place there during this perception. Nor do I find the color again in the nerves and brain processes; I merely connect new perceptions within my organism with the first one, which the naive person locates outside his organism. I merely move from one perception to another.

[ 28 ] Außerdem enthält die ganze Schlußfolgerung einen Sprung. Ich bin in der Lage, die Vorgänge in meinem Organismus bis zu den Prozessen in meinem Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen immer hypothetischer werden, je mehr ich mich den zentralen Vorgängen des Gehirn es nähere. Der Weg der äußeren Beobachtung hört mit demVorgange in meinem Gehirne auf, und zwar mit jenem, den ich wahrnehmen würde, wenn ich mit physikalischen, chemischen usw. Hilfsmitteln und Methoden das Gehirn behandeln könnte. Der Weg der inneren Beobachtung fängt mit der Empfindung an und reicht bis zum Aufbau der Dinge aus dem Empfindungsmaterial. Beim Übergang von dem Hirnprozeß zur Empfindung ist der Beobachtungsweg unterbrochen.

[ 28 ] Furthermore, the entire line of reasoning contains a leap. I am able to trace the processes in my body all the way to the processes in my brain, even though my assumptions become increasingly hypothetical the closer I get to the brain’s central processes. The path of external observation ends with the processes in my brain, specifically with those I would perceive if I could examine the brain using physical, chemical, and other such tools and methods. The path of internal observation begins with sensation and extends to the construction of things from sensory material. The path of observation is interrupted at the transition from the brain process to sensation.

[ 29 ] Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum Standpunkte des naiven Bewußtseins, den sie naiven Realismus nennt, als kritischen Idealismus bezeichnet, macht den Fehler, daß sie die eine Wahrnehmung als Vorstellung charakterisiert, aber die andere gerade in dem Sinne hinnimmt, wie es der von ihr scheinbar widerlegte naiveRealismus tut. Sie will den Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen beweisen, indem sie in naiver Weise die Wahrnehmungen am eigenen Organismus als objektiv gültige Tatsachen hinnimmt und zu alledem noch übersieht, daß sie zwei Beobachtungsgebiete durcheinander wirft, zwischen denen sie keine Vermittlung finden kann.

[ 29 ] The mode of thought described here, which, in contrast to the standpoint of naive consciousness—which it calls naive realism—defines itself as critical idealism, makes the mistake of characterizing one perception as a mental image, while accepting the other precisely in the same sense as the naive realism it purports to refute. It seeks to prove the representational character of perceptions by naively accepting the perceptions of one’s own organism as objectively valid facts, and on top of that fails to realize that it is confusing two fields of observation between which it cannot find a mediation.

[ 30 ] Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur widerlegen, wenn er selbst in naiv-realistischer Weise seinen eigenen Organismus als objektiv existierend annimmt. In demselben Augenblicke, wo er sich der vollständigen Gleichartigkeit der Wahrnehmungen am eigenen Organismus mit den vom naiven Realismus als objektiv existierend angenommenen Wahrnehmungen bewußt wird, kann er sich nicht mehr auf die ersteren als auf eine sichere Grundlage stützen. Er müßte auch seine subjektive Organisation als bloßen Vorstellungskomplex ansehen. Damit geht aber die Möglichkeit verloren, den Inhalt der wahrgenommenen Welt durch die geistige Organisation bewirkt zu denken. Man müßte annehmen, daß die Vorstellung «Farbe» nur eine Modifikation der Vorstellung «Auge» sei. Der sogenannte kritische Idealismus kann nicht bewiesen werden, ohne eine Anleihe beim naiven Realismus zu machen. Der letztere wird nur dadurch widerlegt, daß man dessen eigene Voraussetzungen auf einem anderen Gebiete ungeprüft gelten läßt.

[ 30 ] Critical idealism can refute naive realism only if it itself assumes, in a naive-realist manner, that its own organism exists objectively. The very moment it becomes aware of the complete similarity between the perceptions of its own organism and those assumed by naive realism to exist objectively, it can no longer rely on the former as a secure foundation. It would also have to regard its own subjective organization as a mere complex of ideas. But this would mean losing the possibility of conceiving the content of the perceived world as brought about by the mental organization. One would have to assume that the mental image of “color” is merely a modification of the mental image of “eye.” So-called critical idealism cannot be proven without borrowing from naive realism. The latter is refuted only by allowing its own premises to remain unchallenged in another domain.

[ 31 ] Soviel ist hieraus gewiß: durch Untersuchungen innerhalb des Wahrnehmungsgebietes kann der kritische Idealismus nicht bewiesen, somit die Wahrnehmung ihres objektiven Charakters nicht entkleidet werden.

[ 31 ] One thing is certain: critical idealism cannot be proven through investigations within the realm of perception, and thus perception cannot be stripped of its objective character.

[ 32 ] Noch weniger aber darf der Satz: «Die wahrgenommene Welt ist meine Vorstellung» als durch sich selbst einleuchtend und keines Beweises bedürftig hingestellt werden. Schopenhauer beginnt sein Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» mit den Worten: «Die Welt ist meine Vorstellung: — dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte Bewußtsein bringen kann: und tut er dies wirklich, so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung da ist, das heißt durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstehende, welches er selbst ist. — Wenn irgend eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist es diese: denn sie ist die Aussage derjenigen Form aller möglichen und erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner als alle andern, als Zeit, Raum und Kausalität ist: denn alle diese setzen jene eben schon voraus ... » Der ganze Satz scheitert an dem oben bereits von mir angeführten Umstande, daß das Auge und die Hand nicht weniger Wahrnehmungen sind als die Sonne und die Erde. Und man könnte im Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung an seine Ausdrucksweise seinen Sätzen entgegenhalten: Mein Auge, das die Sonne sieht, und meine Hand, die die Erde fühlt, sind meine Vorstellungen gerade so wie die Sonne und die Erde selbst. Daß ich damit aber den Satz wieder aufhebe, ist ohne weiteres klar. Denn nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche Hand könnten die Vorstellungen Sonne und Erde als ihre Modifikationen an sich haben, nicht aber meine Vorstellungen Auge und Hand. Nur von diesen aber darf der kritische Idealismus sprechen.

[ 32 ] Even less, however, should the statement: «The perceived world is my mental image» be presented as self-evident and in need of no proof. Schopenhauer begins his magnum opus *The World as Will and Representation* with the words: «The world is my mental image: — this is the truth that applies to every living and cognizing being; although man alone can bring it into reflective, abstract consciousness: and if he truly does so, philosophical prudence has taken hold of him. It then becomes clear and certain to him that he knows neither a sun nor an earth; but always only an eye that sees a sun, a hand that feels an earth; that the world surrounding him exists only as a mental image, that is, entirely only in relation to something else, the preceding, which is himself. — If any truth can be stated a priori, it is this: for it is the statement of that form of all possible and conceivable experience which is more general than all others, than time, space, and causality: for all these already presuppose that very form... » The entire proposition fails due to the circumstance I have already cited above, namely that the eye and the hand are no less mental images than the sun and the earth. And one could, in the spirit of Schopenhauer and drawing on his mode of expression, counter his propositions as follows: My eye, which sees the sun, and my hand, which feels the earth, are my mental images just as much as the sun and the earth themselves. But it is immediately clear that in doing so I am negating the sentence. For only my real eye and my real hand could have the mental images of the sun and the earth as their modifications in themselves, but not my mental images of the eye and the hand. Yet critical idealism may speak only of these.

[ 33 ] Der kritische Idealismus ist völlig ungeeignet, eine Ansicht über das Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung zu gewinnen. Die auf Seite 67f. angedeutete Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht und was an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen wird, kann er nicht vornehmen. Dazu muß also ein anderer Weg eingeschlagen werden.

[ 33 ] Critical idealism is completely unsuited to forming a view of the relationship between perception and mental images. It cannot make the distinction, hinted at on page 67 and following, between what happens to perception during the act of perceiving and what must already be present in it before it is perceived. Therefore, a different approach must be taken.