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The Philosophy of Spiritual Activity
GA 4

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IX. Die Idee der Freiheit

9. The Idea of Free Spiritual Activity

[ 1 ] Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung des Baumes bedingt. Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem herausheben. Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt. Die Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der Sache selbst bestimmt.

[ 1 ] The concept of a tree is conditioned by the perception of the tree. In response to a specific perception, I can only isolate a very specific concept from the general system of concepts. The relationship between concept and perception is determined indirectly and objectively by thinking about the perception. The connection between perception and its concept is recognized after the act of perception; however, their inherent connection is determined in the thing itself.

[ 2 ] Anders stellt sich der Vorgang dar, wenn die Erkenntnis, wenn das in ihr auftretende Verhältnis des Menschen zur Welt betrachtet wird. In den vorangehenden Ausführungen ist der Versuch gemacht worden, zu zeigen, daß die Aufhellung dieses Verhältnisses durch eine auf dasselbe gehende unbefangene Beobachtung möglich ist. Ein richtiges Verständnis dieser Beobachtung kommt zu der Einsicht, daß das Denken als eine in sich beschlossene Wesenheit unmittelbar angeschaut werden kann. Wer nötig findet, zur Erklärung des Denkens als solchem etwas anderes herbeizuziehen, wie etwa physische Gehirnvorgänge, oder hinter dem beobachteten bewußten Denken liegende unbewußte geistige Vorgänge, der verkennt, was ihm die unbefangene Beobachtung des Denkens gibt. Wer das Denken beobachtet, lebt während der Beobachtung unmittelbar in einem geistigen, sich selbst tragenden Wesensweben darinnen. Ja, man kann sagen, wer die Wesenheit des Geistigen in der Gestalt, in der sie sich dem Menschen zunächst darbietet, erfassen will, kann dies in dem auf sich selbst beruhenden Denken.

[ 2 ] The process presents itself differently when we consider cognition—specifically, the relationship between human beings and the world that arises within it. In the preceding discussion, an attempt has been made to show that this relationship can be clarified through an unbiased observation directed at it. A correct understanding of this observation leads to the insight that thinking can be directly perceived as a self-contained entity. Anyone who feels it necessary to invoke something else to explain thinking as such—such as physical brain processes, or unconscious mental processes lying behind the observed conscious thinking—misunderstands what the unbiased observation of thinking reveals. Whoever observes thinking lives, during the observation, directly within a spiritual, self-sustaining web of being. Indeed, one can say that whoever wishes to grasp the essence of the spiritual in the form in which it first presents itself to the human being zunächst can do so in thinking that rests upon itself.

[ 3 ] Im Betrachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer getrennt auftreten muß: Begriff und Wahrnehmung. Wer dies nicht durchschaut, der wird in an Wahrnehmungen erarbeiteten Begriffen nur schattenhafte Nachbildungen dieser Wahrnehmungen sehen können, und die Wahrnehmungen werden ihm die wahre Wirklichkeit vergegenwärtigen. Er wird auch eine metaphysische Welt nach dem Muster der wahrgenommenen Welt sich auf-erbauen; er wird diese Welt Atomenwelt, Willenswelt, unbewußte Geistwelt und so weiter nennen, je nach seiner Vorstellungsart. Und es wird ihm entgehen, daß er sich mit alledem nur eine metaphysische Welt hypothetisch nach dem Muster seiner Wahrnehmungswelt auferbaut hat. Wer aber durchschaut, was bezüglich des Denkens vorliegt, der wird erkennen, daß in der Wahrnehmung nur ein Teil der Wirklichkeit vorliegt und daß der andere zu ihr gehörige Teil, der sie erst als volle Wirklichkeit erscheinen läßt, in der denkenden Durchsetzung der Wahrnehmung erlebt wird. Er wird in demjenigen, das als Denken im Bewußtsein auftritt, nicht ein schattenhaftes Nachbild einer Wirklichkeit sehen, sondern eine auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit. Und von dieser kann er sagen, daß sie ihm durch Intuition im Bewußtsein gegenwärtig wird. Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen Inhaltes. Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfaßt werden.

[ 3 ] When we examine thought itself, two elements merge that would otherwise always appear separately: concept and perception. Whoever fails to see through this will be able to see in concepts derived from perceptions only shadowy reproductions of those perceptions, and the perceptions will present true reality to him. They will also construct a metaphysical world modeled on the perceived world; they will call this world the world of atoms, the world of will, the unconscious world of spirit, and so on, depending on their mode of imagination. And it will escape them that, with all this, they have merely constructed a metaphysical world hypothetically modeled on their world of perception. But whoever sees through what is at stake with regard to thinking will recognize that only a part of reality is present in perception and that the other part belonging to it—which is what makes it appear as full reality—is experienced in the thinking elaboration of perception. He will not see in that which appears as thought in consciousness a shadowy afterimage of reality, but a spiritual essence resting in itself. And of this he can say that it becomes present to him in consciousness through intuition. Intuition is the conscious experience of a purely spiritual content taking place within the purely spiritual realm. Only through intuition can the essence of thought be grasped.

[ 4 ] Nur wenn man sich zu der in der unbefangenen Beobachtung gewonnenen Anerkennung dieser Wahrheit über die intuitive Wesenheit des Denkens hindurchgerungen hat, gelingt es, den Weg frei zu bekommen für eine Anschauung der menschlichen leiblich-seelischen Organisation. Man erkennt, daß diese Organisation an dem Wesen des Denkens nichts bewirken kann. Dem scheint zunächst der ganz offenbare Tatbestand zu widersprechen. Das menschliche Denken tritt für die gewöhnliche Erfahrung nur an und durch diese Organisation auf. Dieses Auftreten macht sich so stark geltend, daß es in seiner wahren Bedeutung nur von demjenigen durchschaut werden kann, der erkannt hat, wie im Wesenhaften des Denkens nichts von dieser Organisation mitspielt. Einem solchen wird es dann aber auch nicht mehr entgehen können, wie eigentümlich geartet das Verhältnis der menschlichen Organisation zum Denken ist. Diese bewirkt nämlich nichts an dem Wesenhaften des Denkens, sondern sie weicht, wenn die Tätigkeit des Denkens auftritt, zurück; sie hebt ihre eigene Tätigkeit auf, sie macht einen Platz frei; und an dem freigewordenen Platz tritt das Denken auf. Dem Wesenhaften, das im Denken wirkt, obliegt ein Doppeltes: Erstens drängt es die menschliche Organisation in deren eigener Tätigkeit zurück, und zweitens setzt es sich selbst an deren Stelle. Denn auch das erste, die Zurückdrängung der Leibesorganisation, ist Folge der Denktätigkeit. Und zwar desjenigen Teiles derselben, der das Erscheinen des Denkens vorbereitet. Man ersieht aus diesem, in welchem Sinne das Denken in der Leibesorganisation sein Gegenbild findet. Und wenn man dieses ersieht, wird man nicht mehr die Bedeutung dieses Gegenbildes für das Denken selbst verkennen können. Wer über einen erweichten Boden geht, dessen Fußspuren graben sich in dem Boden ein. Man wird nicht versucht sein, zu sagen, die Fußspurenformen seien von Kräften des Bodens, von unten herauf, getrieben worden. Man wird diesen Kräften keinen Anteil an dem Zustandekommen der Spurenformen zuschreiben. Ebensowenig wird, wer die Wesenheit des Denkens unbefangen beobachtet, den Spuren im Leibesorganismus an dieser Wesenheit einen Anteil zuschreiben, die dadurch entstehen, daß das Denken sein Erscheinen durch den Leib vorbereitet. 1Wie innerhalb der Psychologie, der Physiologie usw. sich die obige Anschauung geltend macht, hat der Verfasser in Schriften, die auf dieses Buch gefolgt sind, nach verschiedenen Richtungen dargestellt. Hier sollte nur das gekennzeichnet werden, was die unbefangene Beobachtung des Denkens selbst ergibt.

[ 4 ] Only when one has struggled through to the recognition of this truth—gained through unbiased observation—regarding the intuitive nature of thinking, is it possible to clear the way for an understanding of the human physical-psychic organization. One recognizes that this organization cannot affect the essence of thinking. At first glance, the seems to contradict this obvious fact. In ordinary experience, human thinking appears only through and by means of this organization. This appearance asserts itself so strongly that its true significance can be grasped only by those who have recognized that nothing of this organization plays a role in the essential nature of thinking. Such a person, however, will then also be unable to fail to notice how peculiar the relationship between the human organism and thinking is. For the organism does not affect the essential nature of thinking; rather, when the activity of thinking arises, it withdraws; it suspends its own activity, it makes room; and in the space thus freed, thinking arises. The essential nature that operates in thinking has a twofold task: first, it pushes the human organism back in its own activity, and second, it takes its place. For even the first—the pushing back of the physical organism—is a consequence of the activity of thinking. Specifically, of that part of it which prepares the appearance of thinking. From this one can see in what sense thinking finds its counterpart in the physical organism. And once one sees this, one will no longer be able to misjudge the significance of this counterpart for thinking itself. When one walks over soft ground, one’s footprints sink into the ground. One will not be tempted to say that the shapes of the footprints were driven by forces from the ground, rising from below. One will not attribute to these forces any part in the formation of the footprints. Nor will anyone who observes the nature of thinking impartially attribute to the traces in the physical organism any part of this nature, which arise because thinking prepares its manifestation through the body. 1The author has described in various ways, in writings that followed this book, how the above view asserts itself within psychology, physiology, etc. Here, only what results from the unbiased observation of thinking itself should be indicated.

[ 5 ] Aber eine bedeutungsvolle Frage taucht hier auf. Wenn an dem Wesen des Denkens der menschlichen Organisation kein Anteil zukommt, welche Bedeutung hat diese Organisation innerhalb der Gesamtwesenheit des Menschen? Nun, was in dieser Organisation durch das Denken geschieht, hat wohl mit der Wesenheit des Denkens nichts zu tun, wohl aber mit der Entstehung des Ich-Bewußtseins aus diesem Denken heraus. Innerhalb des Eigenwesens des Denkens liegt wohl das wirkliche «Ich», nicht aber das Ich-Bewußtsein. Dies durchschaut derjenige, der eben unbefangen das Denken beobachtet. Das «Ich» ist innerhalb des Denkens zu finden; das «Ich-Bewußtsein» tritt dadurch auf, daß im allgemeinen Bewußtsein sich die Spuren der Denktätigkeit in dem oben gekennzeichneten Sinne eingraben. (Durch die Leibesorganisation entsteht also das Ich-Bewußtsein. Man verwechsele das aber nicht etwa mit der Behauptung, daß das einmal entstandene Ich-Bewußtsein von der Leibesorganisation abhängig bleibe. Einmal entstanden, wird es in das Denken aufgenommen und teilt fortan dessen geistige Wesenheit.)

[ 5 ] But a significant question arises here. If the essence of thought plays no part in the human organism, what significance does this organism have within the total being of the human person? Well, what happens in this organization through thinking has nothing to do with the essence of thinking itself, but rather with the emergence of ego-consciousness from this thinking. Within the inner nature of thinking lies the true “I,” but not ego-consciousness. This is understood by those who observe thinking impartially. The “I” is to be found within thinking; “I-consciousness” arises because the traces of thought activity in the sense described above become imprinted in the general consciousness. (I-consciousness thus arises through the physical organization. But this should not be confused with the assertion that, once it has arisen, self-consciousness remains dependent on the physical constitution. Once it has arisen, it is incorporated into thinking and henceforth shares in its spiritual essence.)

[ 6 ] Das «Ich-Bewußtsein» ist auf die menschliche Organisation gebaut. Aus dieser erfließen die Willenshandlungen. In der Richtung der vorangegangenen Darlegungen wird ein Einblick in den Zusammenhang zwischen Denken, bewußtem Ich und Willenshandlung nur zu gewinnen sein, wenn erst beobachtet wird, wie die Willenshandlung aus der menschlichen Organisation hervorgeht. 2S. 142 bis zur obigen Stelle ist Zusatz, beziehungsweise Umarbeitung für die Neuausgabe (1918).

[ 6 ] “Self-consciousness” is based on the human organism. Acts of the will flow from this. In line with the preceding explanations, an insight into the connection between thinking, the conscious self, and acts of the will can only be gained by first observing how acts of the will arise from the human organism. 2Pages 142 through the passage above constitute an addition or revision for the new edition (1918).

[ 7 ] Für den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die Trieb feder. Das Motiv ist ein begrifflicher oder vorstellungsgemäßer Faktor; die Triebfeder ist der in der menschlichen Organisation unmittelbar bedingte Faktor des Wollens. Der begriffliche Faktor oder das Motiv ist der augenblickliche Bestimmungsgrund des Wollens; die Triebfeder der bleibende Bestimmungsgrund des Individuums. Motiv des Wollens kann ein reiner Begriff oder ein Begriff mit einem bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen sein, das ist eine Vorstellung. Allgemeine und individuelle Begriffe (Vorstellungen) werden dadurch zu Motiven des Wollens, daß sie auf das menschliche Individuum wirken und dasselbe in einer gewissen Richtung zum Handeln bestimmen. Ein und derselbe Begriff, beziehungsweise eine und dieselbe Vorstellung wirkt aber auf verschiedene Individuen verschieden. Sie veranlassen verschiedene Menschen zu verschiedenen Handlungen. Das Wollen ist also nicht bloß ein Ergebnis des Begriffes oder der Vorstellung, sondern auch der individuellen Beschaffenheit des Menschen. Diese individuelle Beschaffenheit wollen wir — man kann in bezug darauf Eduard von Hartmann folgen — die charakterologische Anlage nennen. Die Art, wie Begriff und Vorstellung auf die charakterologische Anlage des Menschen wirken, gibt seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder ethisches Gepräge.

[ 7 ] For each individual act of volition, the following factors come into play: the motive and the driving force. The motive is a conceptual or imaginative factor; the driving force is the factor of volition that is directly determined by the human organism. The conceptual factor or motive is the immediate determinant of volition; the driving force is the enduring determinant of the individual. The motive of volition can be a pure concept or a concept with a specific reference to perception, which is a mental image. General and individual concepts (mental images) become motives of volition in that they act upon the human individual and determine the individual to act in a certain direction. However, one and the same concept, or one and the same mental image, acts differently upon different individuals. They prompt different people to different actions. Willing is thus not merely a result of the concept or the mental image, but also of the individual nature of the person. We shall call this individual nature—and here we may follow Eduard von Hartmann—the characterological disposition. The way in which concepts and mental images act upon a person’s characterological disposition gives their life a certain moral or ethical character.

[ 8 ] Die charakterologische Anlage wird gebildet durch den mehr oder weniger bleibenden Lebensgehalt unseres Subjektes, das ist durch unseren Vorstellungs, und Gefühlsinhalt. Ob mich eine in mir gegenwärtig auftretende Vorstellung zu einem Wollen anregt, das hängt davon ab, wie sie sich zu meinem übrigen Vorstellungsinhalte und auch zu meinen Gefühlseigentümlichkeiten verhält. Mein Vorstellungsinhalt ist aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen Begriffe, die im Verlaufe meines individuellen Lebens mit Wahrnehmungen in Berührung gekommen, das heißt zu Vorstellungen geworden sind. Diese hängt wieder ab von meiner größeren oder geringeren Fähigkeit der Intuition und von dem Umkreis meiner Beobachtungen, das ist von dem subjektiven und dem objektiven Faktor der Erfahrungen, von der inneren Bestimmtheit und dem Lebensschauplatz. Ganz besonders ist meine charakterologische Anlage durch mein Gefühlsleben bestimmt. Ob ich an einer bestimmten Vorstellung oder einem Begriff Freude oder Schmerz empfinde, davon wird es abhängen, ob ich sie zum Motiv meines Handelns machen will oder nicht. — Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in Betracht kommen. Die unmittelbar gegenwärtige Vorstellung oder der Begriff, die zum Motiv werden, bestimmen das Ziel, den Zweck meines Wollens; meine charakterologische Anlage bestimmt mich, auf dieses Ziel meine Tätigkeit zu richten. Die Vorstellung, in der nächsten halben Stunde einen Spaziergang zu machen, bestimmt das Ziel meines Handelns. Diese Vorstellung wird aber nur dann zum Motiv des Wollens erhoben, wenn sie auf eine geeignete charakterologische Anlage auftrifft, das ist, wenn sich durch mein bisheriges Leben in mir etwa die Vorstellungen gebildet haben von der Zweckmäßigkeit des Spazierengehens, von dem Wert der Gesundheit, und ferner, wenn sich mit der Vorstellung des Spazierengehens in mir das Gefühl der Lust verbindet.

[ 8 ] Characterological disposition is formed by the more or less enduring substance of our subject’s life, that is, by the content of our mental images and feelings. Whether a mental image currently arising within me stimulates a volition depends on how it relates to the rest of my mental content and also to my emotional characteristics. My mental images, however, are in turn determined by the sum of those concepts that have come into contact with perceptions in the course of my individual life—that is, have become mental images. This, in turn, depends on my greater or lesser capacity for intuition and on the scope of my observations—that is, on the subjective and objective factors of experience, on inner determination, and on the setting of life. My characterological disposition is determined in a very special way by my emotional life. Whether I experience joy or pain in connection with a particular mental image or concept will determine whether I wish to make it the motive for my action or not. — These are the elements that come into play in an act of will. The immediately present mental image or concept that becomes the motive determines the goal, the purpose of my volition; my characterological disposition determines that I direct my activity toward this goal. The mental image of taking a walk in the next half-hour determines the goal of my action. However, this mental image is elevated to the motive of volition only if it encounters a suitable characterological disposition—that is, if, through my life up to this point, mental images have formed within me regarding the usefulness of going for a walk, the value of health, and furthermore, if the feeling of pleasure is associated with the mental image of going for a walk within me.

[ 9 ] Wir haben somit zu unterscheiden: 1. Die möglichen subjektiven Anlagen, die geeignet sind, bestimmte Vorstellungen und Begriffe zu Motiven zu machen; und 2. die möglichen Vorstellungen und Begriffe, die imstande sind, meine charakterologische Anlage so zu beeinflussen, daß sich ein Wollen ergibt. Jene stellen die Triebfedern, diese die Ziele der Sittlichkeit dar.

[ 9 ] We must therefore distinguish between: 1. The potential subjective dispositions that are capable of turning certain mental images and concepts into motives; and 2. the potential mental images and concepts that are capable of influencing my characterological disposition in such a way that a volition arises. The former represent the driving forces, the latter the goals of morality.

[ 10 ] Die Triebfedern der Sittlichkeit können wir dadurch finden, daß wir nachsehen, aus welchen Elementen sich das individuelle Leben zusammensetzt.

[ 10 ] We can identify the driving forces of morality by examining the elements that make up individual life.

[ 11 ] Die erste Stufe des individuellen Lebens ist das Wahrnehmen, und zwar das Wahrnehmen der Sinne. Wir stehen hier in jener Region unseres individuellen Lebens, wo sich das Wahrnehmen unmittelbar, ohne Dazwischentreten eines Gefühles oder Begriffes in Wollen umsetzt. Die Triebfeder des Menschen, die hierbei in Betracht kommt, wird als Trieb schlechthin bezeichnet. Die Befriedigung unserer niederen, rein animalischen Bedürfnisse (Hunger, Geschlechtsverkehr usw.) kommt auf diesem Wege zustande. Das Charakteristische des Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit der die Einzelwahrnehmung das Wollen auslöst. Diese Art der Bestimmung des Wollens, die ursprünglich nur dem niedrigeren Sinnenleben eigen ist, kann auch auf die Wahrnehmungen der höheren Sinne ausgedehnt werden. Wir lassen auf die Wahrnehmung irgendeines Geschehens in der Außen weit, ohne weiter nachzudenken und ohne daß sich uns an die Wahrnehmung ein besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung folgen, wie das namentlich im konventionellen Umgange mit Menschen geschieht. Die Triebfeder dieses Handelns bezeichnet man als Takt oder sittlichen Geschmack. Je öfter sich ein solches unmittelbares Auslösen einer Handlung durch eine Wahrnehmung vollzieht, desto geeigneter wird sich der betreffende Mensch erweisen, rein unter dem Einfluß des Taktes zu handeln, das ist: der Takt wird zu seiner charakterologischen Anlage.

[ 11 ] The first stage of individual life is perception, specifically sensory perception. Here we are in that region of our individual life where perception is immediately transformed into volition, without the intervention of a feeling or a concept. The driving force of the human being that comes into play here is referred to simply as the drive. The satisfaction of our lower, purely animal needs (hunger, sexual intercourse, etc.) comes about in this way. The characteristic feature of the life of the drives consists in the immediacy with which individual perception triggers volition. This mode of determining volition, which is originally peculiar only to the lower sensory life, can also be extended to the perceptions of the higher senses. We allow an action to follow the perception of some event in the external world without further thought and without any particular feeling being attached to the perception, as happens notably in conventional social interaction. The driving force behind this action is referred to as tact or moral taste. The more often such an immediate triggering of an action by a perception takes place, the more suited the person in question will prove to be to acting purely under the influence of tact; that is to say, tact becomes part of their characterological disposition.

[ 12 ] Die zweite Sphäre des menschlichen Lebens ist das Fühlen. An die Wahrnehmungen der Außenwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle. Diese Gefühle können zu Triebfedern des Handelns werden. Wenn ich einen hungernden Menschen sehe, so kann mein Mitgefühl mit demselben die Triebfeder meines Handelns bilden. Solche Gefühle sind etwa: das Schamgefühl, der Stolz, das Ehrgefühl, die Demut, die Reue, das Mitgefühl, das Rache, und Dankbarkeitsgefühl, die Pietät, die Treue, das Liebes, und Pflichtgefühl. 3Eine vollständige Zusammenstellung der Prinzipien der Sittlichkeit findet man (vom Standpunkte des metaphysischen Realismus aus) in Eduard vonHartmanns «Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins»

[ 12 ] The second sphere of human life is feeling. Certain feelings are linked to our perceptions of the external world. These feelings can become the driving forces behind our actions. When I see a starving person, my compassion for them can serve as the driving force behind my actions. Such feelings include: shame, pride, honor, humility, remorse, compassion, vengeance, gratitude, piety, loyalty, love, and a sense of duty. 3A complete compilation of the principles of morality can be found (from the standpoint of metaphysical realism) in Eduard von Hartmann’s “Phenomenology of Moral Consciousness”

[ 13 ] Die dritte Stufe des Lebens endlich ist das Denken und Vorstellen. Durch bloße Überlegung kann eine Vorstellung oder ein Begriff zum Motiv einer Handlung werden. Vorstellungen werden dadurch Motive, daß wir im Laufe des Lebens fortwährend gewisse Ziele des Wollens an Wahrnehmungen knüpfen, die in mehr oder weniger modifizierter Gestalt immer wiederkehren. Daher kommt es, daß bei Menschen, die nicht ganz ohne Erfahrung sind, stets mit bestimmten Wahrnehmungen auch die Vorstellungen von Handlungen ins Bewußtsein treten, die sie in einem ähnlichen Fall ausgeführt oder ausführen gesehen haben. Diese Vorstellungen schweben ihnen als bestimmende Muster bei allen späteren Entschließungen vor, sie werden Glieder ihrer charakterologischen Anlage. Wir können die damit bezeichnete Triebfeder des Wollens die praktische Erfahrung nennen. Die praktische Erfahrung geht allmählich in das rein taktvolle Handeln über. Wenn sich bestimmte typische Bilder von Handlungen mit Vorstellungen von gewissen Situationen des Lebens in unserem Bewußtsein so fest verbunden haben, daß wir gegebenen Falles mit Überspringung aller auf Erfahrung sich gründenden Überlegung unmittelbar auf die Wahrnehmung hin ins Wollen übergehen, dann ist dies der Fall.

[ 13 ] The third stage of life, finally, is thinking and imagining. Through mere reflection, a mental image or a concept can become the motive for an action. Mental images become motives because, in the course of life, we continually link certain goals of volition to perceptions that recur in a more or less modified form. This is why, in people who are not entirely without experience, certain perceptions are always accompanied by the mental images of actions that they have performed or seen performed in a similar situation. These mental images remain before them as determining patterns in all subsequent decisions; they become elements of their characterological disposition. We can call the driving force of volition thus described practical experience. Practical experience gradually gives way to purely tactful action. When certain typical images of actions have become so firmly linked in our consciousness with mental images of certain life situations that, in a given case, we pass directly from perception to volition, bypassing all consideration based on experience, then this is the case.

[ 14 ] Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken ohne Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt. Wir bestimmen den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen Sphäre heraus. Ein solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug auf bestimmte Wahrnehmungen. Wenn wir unter dem Einflusse eines auf eine Wahrnehmung deutenden Begriffes, das ist einer Vorstellung, in das Wollen eintreten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege durch das begriffliche Denken bestimmt. Wenn wir unter dem Einflusse von Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns das reine Denken. Da man gewohnt ist, das reine Denkvermögen in der Philosophie als Vernunft zu bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt, die auf dieser Stufe gekennzeichnete moralische Triebfeder die praktischeVernunft zu nennen. Am klarsten hat von dieser Triebfeder des Wollens Kreyenbühl (Philosophische Monatshefte, Bd. XVIII, Heft 3) gehandelt. Ich rechne seinen darüber geschriebenen Aufsatz zu den bedeutsamsten Erzeugnissen der gegenwärtigen Philosophie, namentlich der Ethik. Kreyenbühl bezeichnet die in Rede stehende Triebfeder als praktisches Apriori, das heißt unmittelbar aus meiner Intuition fließenden Antrieb zum Handeln.

[ 14 ] The highest stage of individual life is conceptual thinking independent of any specific perceptual content. We determine the content of a concept through pure intuition from the ideal sphere. Such a concept initially contains no reference to specific perceptions. When, under the influence of a concept that points to a perception—that is, a mental image—we enter into volition, it is this perception that determines us indirectly through conceptual thinking. When we act under the influence of intuitions, the driving force of our action is pure thinking. Since one is accustomed to designating the pure faculty of thought in philosophy as reason, it is surely also justified to call the moral motive force characterized at this level practical reason. Kreyenbühl (Philosophische Monatshefte, Vol. XVIII, Issue 3). I count his essay on this subject among the most significant works of contemporary philosophy, particularly in the field of ethics. Kreyenbühl describes the motivating force in question as practical a priori, that is, an impulse to act flowing directly from my intuition.

[ 15 ] Es ist klar, daß ein solcher Antrieb nicht mehr im strengen Wortsinne zu dem Gebiete der charakterologischen Anlagen gerechnet werden kann. Denn was hier als Triebfeder wirkt, ist nicht mehr ein bloß Individuelles in mir, sondern der ideelle und folglich allgemeine Inhalt meiner Intuition. Sobald ich die Berechtigung dieses Inhaltes als Grundlage und Ausgangspunkt einer Handlung ansehe, trete ich in das Wollen ein, gleichgültig ob der Begriff bereits zeitlich vorher in mir da war, oder erst unmittelbar vor dem Handeln in mein Bewußtsein eintritt, das ist: gleichgültig, ob er bereits als Anlage in mir vorhanden war oder nicht.

[ 15 ] It is clear that such a drive can no longer be considered, in the strict sense of the word, to belong to the realm of characterological dispositions. For what acts as a driving force here is no longer merely something individual within me, but rather the ideal and, consequently, universal content of my intuition. As soon as I regard the validity of this content as the basis and starting point of an action, I enter into volition, regardless of whether the concept was already present in me at an earlier time or only enters my consciousness immediately before the action—that is, regardless of whether it was already present in me as a disposition or not.

[ 16 ] Zu einem wirklichen Willensakt kommt es nur dann, wenn ein augenblicklicher Antrieb des Handelns in Form eines Begriffes oder einer Vorstellung auf die charakterologische Anlage einwirkt. Ein solcher Antrieb wird dann zum Motiv des Wollens.

[ 16 ] A true act of volition occurs only when an immediate impulse to act, in the form of a concept or a mental image, influences one’s characterological disposition. Such an impulse then becomes the motive of volition.

[ 17 ] Die Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und Begriffe. Es gibt Ethiker, die auch im Gefühle ein Motiv der Sittlichkeit sehen; sie behaupten zum Beispiel, Ziel des sittlichen Handelns sei die Beförderung des größtmöglichen Quantums von Lust im handelnden Individuum. Die Lust selbst aber kann nicht Motiv werden, sondern nur eine vorgestellte Lust. Die Vorstellung eines künftigen Gefühles, nicht aber das Gefühl selbst kann auf meine charakterologische Anlage einwirken. Denn das Gefühl selbst ist im Augenblicke der Handlung noch nicht da, soll vielmehr erst durch die Handlung hervorgebracht werden.

[ 17 ] The motives of morality are mental images and concepts. There are moral philosophers who also see emotion as a motive of morality; they claim, for example, that the goal of moral action is to promote the greatest possible amount of pleasure in the acting individual. Pleasure itself, however, cannot be a motive, but only an imagined pleasure. The mental image of a future feeling, but not the feeling itself, can influence my characterological disposition. For the feeling itself is not yet present at the moment of action; rather, it is to be brought about by the action.

[ 18 ] Die Vorstellung des eigenen oder fremden Wohles wird aber mit Recht als ein Motiv des Wollens angesehen. Das Prinzip, durch sein Handeln die größte Summe eigener Lust zu bewirken, das ist: die individuelle Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus. Diese individuelle Glückseligkeit wird entweder dadurch zu erreichen gesucht, daß man in rücksichtsloser Weise nur auf das eigene Wohl bedacht ist und dieses auch auf Kosten des Glückes fremder Individualitäten erstrebt (reiner Egoismus), oder dadurch, daß man das fremde Wohl aus dem Grunde befördert, weil man sich dann mittelbar von den glücklichen fremden Individualitäten einen günstigen Einfluß auf die eigene Person verspricht, oder weil man durch Schädigung fremder Individuen auch eine Gefährdung des eigenen Interesses befürchtet (Klugheitsmoral). Der besondere Inhalt der egoistischen Sittlichkeitsprinzipien wird davon abhängen, welche Vorstellung sich der Mensch von seiner eigenen oder der fremden Glückseligkeit macht. Nach dem, was einer als ein Gut des Lebens ansieht (Wohlleben, Hoffnung auf Glückseligkeit, Erlösung von verschiedenen Übeln usw.), wird er den Inhalt seines egoistischen Strebens bestimmen.

[ 18 ] The mental image of one’s own or another’s well-being is, however, rightly regarded as a motive for volition. The principle of bringing about the greatest sum of one’s own pleasure through one’s actions—that is, of achieving individual happiness—is called egoism. This individual happiness is sought either by being ruthlessly concerned only with one’s own well-being and striving for it even at the expense of the happiness of other individuals (pure egoism), or by promoting the welfare of others on the grounds that one then indirectly expects a favorable influence on one’s own person from the happy individuals, or because one fears that harming others might also endanger one’s own interests (pragmatic morality). The specific content of egoistic moral principles will depend on the mental image a person has of their own or others’ happiness. Depending on what one regards as a good in life (a good life, hope for happiness, deliverance from various evils, etc.), one will determine the content of their egoistic striving.

[ 19 ] Als ein weiteres Motiv ist dann der rein begriffliche Inhalt einer Handlung anzusehen. Dieser Inhalt bezieht sich nicht wie die Vorstellung der eigenen Lust auf die einzelne Handlung allein, sondern auf die Begründung einer Handlung aus einem Systeme sittlicher Prinzipien. Diese Moralprinzipien können in Form abstrakter Begriffe das sittliche Leben regeln, ohne daß der einzelne sich um den Ursprung der Begriffe kümmert. Wir empfinden dann einfach die Unterwerfung unter den sittlichen Begriff, der als Gebot über unserem Handeln schwebt, als sittliche Notwendigkeit. Die Begründung dieser Notwendigkeit überlassen wir dem, der die sittliche Unterwerfung fordert, das ist der sittlichen Autorität, die wir anerkennen (Familienoberhaupt, Staat, gesellschaftliche Sitte, kirchliche Autorität, göttliche Offenbarung). Eine besondere Art dieser Sittlichkeitsprinzipien ist die, wo das Gebot sich nicht durch eine äußere Autorität für uns kundgibt, sondern durch unser eigenes Innere (sittliche Autonomie). Wir vernehmen dann die Stimme in unserem eigenen Innern, der wir uns zu unterwerfen haben. Der Ausdruck dieser Stimme ist das Gewissen.

[ 19 ] Another motive to be considered is the purely conceptual content of an action. Unlike the mental image of one’s own pleasure, this content does not refer to the individual act alone, but to the justification of an act based on a system of moral principles. These moral principles can regulate moral life in the form of abstract concepts, without the individual concerning himself with the origin of the concepts. We then simply perceive submission to the moral concept, which hovers over our actions as a commandment, as a moral necessity. We leave the justification of this necessity to the one who demands moral submission—that is, to the moral authority we recognize (head of the family, state, social custom, ecclesiastical authority, divine revelation). A special type of these moral principles is one in which the commandment is not revealed to us by an external authority, but through our own inner self (moral autonomy). We then hear the voice within ourselves to which we must submit. The expression of this voice is the conscience.

[ 20 ] Es bedeutet einen sittlichen Fortschritt, wenn der Mensch zum Motiv seines Handelns nicht einfach das Gebot einer äußeren oder der inneren Autorität macht, sondern wenn er den Grund einzusehen bestrebt ist, aus dem irgendeine Maxime des Handelns als Motiv in ihm wirken soll. Dieser Fortschritt ist der von der autoritativen Moral zu dem Handeln aus sittlicher Einsicht. Der Mensch wird auf dieser Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des sittlichen Lebens aufsuchen und sich von der Erkenntnis derselben zu seinen Handlungen bestimmen lassen. Solche Bedürfnisse sind: 1. das größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit rein um dieses Wohles willen; 2. der Kulturfortschritt oder die sittliche Entwickelung der Menschheit zu immer größerer Vollkommenheit; 3. die Verwirklichung rein intuitiv erfaßter individueller Sittlichkeitsziele.

[ 20 ] It constitutes moral progress when a person does not simply make the command of an external or internal authority the motive for his actions, but rather strives to understand the reason why a particular maxim of action should serve as a motive within him. This progress is the transition from authoritative morality to action based on moral insight. At this stage of morality, a person will seek out the needs of the moral life and allow the recognition of these needs to determine his actions. Such needs are: 1. the greatest possible good of all humanity purely for the sake of that good; 2. cultural progress or the moral development of humanity toward ever greater perfection; 3. the realization of individual moral goals grasped purely intuitively.

[ 21 ] Das größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit wird natürlich von verschiedenen Menschen in verschiedener Weise aufgefaßt werden. Die obige Maxime bezieht sich nicht auf eine bestimmte Vorstellung von diesem Wohl, sondern darauf, daß jeder einzelne, der dies Prinzip anerkennt, bestrebt ist, dasjenige zu tun, was nach seiner Ansicht das Wohl der Gesamtmenschheit am meisten fördert.

[ 21 ] The greatest possible good for all humanity will, of course, be understood differently by different people. The above maxim does not refer to a specific mental image of this good, but rather to the fact that every individual who accepts this principle strives to do what, in his or her view, most promotes the good of all humanity.

[ 22 ] Der Kulturfortschritt erweist sich für denjenigen, dem sich an die Güter der Kultur ein Lustgefühl knüpft, als ein spezieller Fall des vorigen Moralprinzips. Er wird nur den Untergang und die Zerstörung mancher Dinge, die auch zum Wohle der Menschheit beitragen, mit in Kauf nehmen müssen. Es ist aber auch möglich, daß jemand in dem Kulturfortschritt, abgesehen von dem damit verbundenen Lustgefühl, eine sittliche Notwendigkeit erblickt. Dann ist derselbe für ihn ein besonderes Moralprinzip neben dem vorigen.

[ 22 ] Cultural progress proves to be a special case of the previous moral principle for those who associate a sense of pleasure with the benefits of culture. They will simply have to accept the decline and destruction of certain things that also contribute to the good of humanity. However, it is also possible that someone might view cultural progress, apart from the pleasure associated with it, as a moral necessity. In that case, it constitutes a distinct moral principle for them alongside the previous one.

[ 23 ] Sowohl die Maxime des Gesamtwohles wie auch jene des Kulturfortschrittes beruht auf der Vorstellung, das ist auf der Beziehung, die man dem Inhalt der sittlichen Ideen zu bestimmten Erlebnissen (Wahrnehmungen) gibt. Das höchste denkbare Sittlichkeitsprinzip ist aber das, welches keine solche Beziehung von vornherein enthält, sondern aus dem Quell der reinen Intuition entspringt und erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung (zum Leben) sucht. Die Bestimmung, was zu wollen ist, geht hier von einer andern Instanz aus als in den vorhergehenden Fällen. Wer dem sittlichen Prinzip des Gesamtwohles huldigt, der wird bei allen seinen Handlungen zuerst fragen, was zu diesem Gesamtwohl seine Ideale beitragen. Wer sich zu dem sittlichen Prinzip des Kulturfortschrittes bekennt, wird es hier ebenso machen. Es gibt aber ein höheres, das in dem einzelnen Falle nicht von einem bestimmten einzelnen Sittlichkeitsziel ausgeht, sondern welches allen Sittlichkeitsmaximen einen gewissen Wert beilegt, und im gegebenen Falle immer fragt, ob denn hier das eine oder das andere Moralprinzip das wichtigere ist. Es kann vorkommen, daß jemand unter gegebenen Verhältnissen die Förderung des Kulturfortschrittes, unter andern die des Gesamtwohls, im dritten Falle die Förderung des eigenen Wohles für das richtige ansieht und zum Motiv seines Handelns macht. Wenn aber alle andern Bestimmungsgründe erst an zweite Stelle treten, dann kommt in erster Linie die begriffliche Intuition selbst in Betracht. Damit treten die andern Motive von der leitenden Stelle ab, und nur der Ideengehalt der Handlung wirkt als Motiv derselben.

[ 23 ] Both the maxim of the general good and that of cultural progress are based on the mental image—that is, on the relationship—that one assigns to the content of moral ideas in relation to specific experiences (perceptions). The highest conceivable moral principle, however, is one that does not contain such a relationship from the outset, but springs from the source of pure intuition and only subsequently seeks a relationship to perception (to life). The determination of what is to be willed proceeds here from a different source than in the preceding cases. Whoever adheres to the moral principle of the greatest good will, in all his actions, first ask what his ideals contribute to this greatest good. Whoever professes the moral principle of cultural progress will do the same here. There is, however, a higher principle that does not proceed from a specific moral goal in each individual case, but which assigns a certain value to all moral maxims and, in a given case, always asks whether one or the other moral principle is the more important one. It may happen that, under certain circumstances, a person regards the promotion of cultural progress, in others the promotion of the common good, and in a third case the promotion of one’s own well-being as the right course of action and makes it the motive for their conduct. But when all other determining factors take second place, then conceptual intuition itself comes into play first and foremost. Thus, the other motives step down from their leading position, and only the conceptual content of the action serves as its motive.

[ 24 ] Wir haben unter den Stufen der charakterologischen Anlage diejenige als die höchste bezeichnet, die als reines Denken, als praktische Vernunft wirkt. Unter den Motiven haben wir jetzt als das höchste die begriffliche Intuition bezeichnet. Bei genauerer Überlegung stellt sich alsbald heraus, daß auf dieser Stufe der Sittlichkeit Triebfeder und Motiv zusammenfallen, das ist, daß weder eine vorher bestimmte charakterologische Anlage, noch ein äußeres, normativ angenommenes sittliches Prinzip auf unser Handeln wirken. Die Handlung ist also keine schablonenmäßige, die nach irgendwelchen Regeln ausgeführt wird, und auch keine solche, die der Mensch auf äußeren Anstoß hin automatenhaft vollzieht, sondern eine schlechthin durch ihren idealen Gehalt bestimmte.

[ 24 ] Among the levels of characterological disposition, we have identified as the highest that which functions as pure thought, as practical reason. Among the motives, we have now identified conceptual intuition as the highest. Upon closer consideration, it soon becomes clear that at this level of morality, the driving force and the motive coincide; that is, neither a predetermined characterological disposition nor an external, normatively accepted moral principle influences our actions. The action is therefore not a formulaic one carried out according to any rules, nor is it one that a person performs automatically in response to an external stimulus, but rather one determined purely by its ideal content.

[ 25 ] Zur Voraussetzung hat eine solche Handlung die Fähigkeit der moralischen Intuitionen. Wem die Fähigkeit fehlt für den einzelnen Fall die besondere Sittlichkeitsmaxime zu erleben, der wird es auch nie zum wahrhaft individuellen Wollen bringen.

[ 25 ] Such an act presupposes the capacity for moral intuition. Anyone who lacks the ability to experience the specific moral maxim in each individual case will never be able to achieve truly individual volition.

[ 26 ] Der gerade Gegensatz dieses Sittlichkeitsprinzips ist das Kantsche: Handle so, daß die Grundsätze deines Handelns für alle Menschen gelten können. Dieser Satz ist der Tod aller individuellen Antriebe des Handelns. Nicht wie alle Menschen handeln würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem individuellen Falle zu tun ist.

[ 26 ] The direct opposite of this moral principle is Kant’s: Act in such a way that the maxims of your actions could apply to all human beings. This maxim is the death of all individual motives for action. It is not how all people would act that can be decisive for me, but rather what I must do in that individual case.

[ 27 ] Ein oberflächliches Urteil könnte vielleicht diesen Ausführungen einwenden: Wie kann das Handeln zugleich individuell auf den besonderen Fall und die besondere Situation geprägt und doch rein ideell aus der Intuition heraus bestimmt sein? Dieser Einwand beruht auf einer Verwechselung von sittlichem Motiv und wahrnehmbarem Inhalt der Handlung. Der letztere kann Motiv sein, und ist es auch zum Beispiel beim Kulturfortschritt, beim Handeln aus Egoismus usw.; beim Handeln auf Grund rein sittlicher Intuition ist er es nicht. Mein Ich richtet seinen Blick natürlich auf diesen Wahrnehmungsinhalt, bestimmen läßt es sich durch denselben nicht. Dieser Inhalt wird nur benützt, um sich einen Erkenntnisbegriff zu bilden, den dazu gehörigen moralischen Begriff entnimmt das Ich nicht aus dem Objekte. Der Erkenntnisbegriff aus einer bestimmten Situation, der ich gegenüberstehe, ist nur dann zugleich ein moralischer Begriff, wenn ich auf dem Standpunkte eines bestimmten Moralprinzips stehe. Wenn ich auf dem Boden der allgemeinen Kulturentwickelungsmoral allein stehen möchte, dann ginge ich mit gebundener Marschroute in der Welt umher. Aus jedem Geschehen, das ich wahrnehme und das mich beschäftigen kann, entspringt zugleich eine sittliche Pflicht; nämlich mein Scherflein beizutragen, damit das betreffende Geschehen in den Dienst der Kulturentwickelung gestellt werde. Außer dem Begriff, der mir den naturgesetzlichen Zusammenhang eines Geschehens oder Dinges enthüllt, haben die letztem auch noch eine sittliche Etikette umgehängt, die für mich, das moralische Wesen, eine ethische Anweisung enthält, wie ich mich zu benehmen habe. Diese sittliche Etikette ist in ihrem Gebiete berechtigt, sie fällt aber auf einem höheren Standpunkte mit der Idee zusammen, die mir dem konkreten Fall gegenüber aufgeht.

[ 27 ] A superficial judgment might perhaps object to these remarks: How can an action be shaped individually by the specific case and situation, and yet be determined purely ideally by intuition? This objection is based on a confusion between the moral motive and the perceptible content of the action. The latter can be a motive, and indeed is one, for example, in cultural progress, in acting out of selfishness, etc.; in acting on the basis of purely moral intuition, it is not. My ego naturally directs its gaze toward this perceptual content, but it does not allow itself to be determined by it. This content is used only to form a concept of knowledge; the ego does not derive the corresponding moral concept from the object. The concept of knowledge derived from a specific situation I am facing is only simultaneously a moral concept if I stand on the standpoint of a specific moral principle. If I were to stand solely on the ground of the morality of general cultural development, then I would go about the world with a predetermined course. From every event that I perceive and that may concern me, a moral duty arises at the same time; namely, to do my part so that the event in question may be placed in the service of cultural development. In addition to the concept that reveals to me the natural-law connection of an event or thing, the latter have also been imbued with a moral etiquette that contains, for me, the moral being, an ethical instruction on how I am to behave. This moral label is justified within its own domain, but from a higher vantage point it coincides with the idea that dawns on me in relation to the concrete case.

[ 28 ] Die Menschen sind dem Intuitionsvermögen nach verschieden. Dem einen sprudeln die Ideen zu, der andere erwirbt sie sich mühselig. Die Situationen, in denen die Menschen leben, und die den Schauplatz ihres Handelns abgeben, sind nicht weniger verschieden. Wie ein Mensch handelt, wird also abhängen von der Art, wie sein Intuitionsvermögen einer bestimmten Situation gegenüber wirkt. Die Summe der in uns wirksamen Ideen, den realen Inhalt unserer Intuitionen, macht das aus, was bei aller Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem Menschen individuell geartet ist. Insofern dieser intuitive Inhalt auf das Handeln geht, ist er der Sittlichkeitsgehalt des Individuums. Das Auslebenlassen dieses Gehalts ist die höchste moralische Triebfeder und zugleich das höchste Motiv dessen, der einsieht, daß alle andern Moralprinzipien sich letzten Endes in diesem Gehalte vereinigen. Man kann diesen Standpunkt den ethischen Individualismus nennen.

[ 28 ] People differ in their intuitive abilities. For some, ideas come easily; others must work hard to acquire them. The situations in which people live, and which provide the setting for their actions, are no less diverse. How a person acts will therefore depend on the way in which their intuitive capacity responds to a particular situation. The sum of the ideas at work within us—the real content of our intuitions—constitutes what, despite the universality of the world of ideas, is unique to each individual. Insofar as this intuitive content relates to action, it constitutes the moral substance of the individual. The realization of this substance is the highest moral driving force and, at the same time, the highest motive of the person who recognizes that all other moral principles ultimately converge in this substance. One may call this standpoint ethical individualism.

[ 29 ] Das Maßgebende einer intuitiv bestimmten Handlung im konkreten Falle ist das Auffinden der entsprechenden, ganz individuellen Intuition. Auf dieser Stufe der Sittlichkeit kann von allgemeinen Sittlichkeitsbegriffen (Normen, Gesetzen) nur insofern die Rede sein, als sich diese aus der Verallgemeinerung der individuellen Antriebe ergeben. Allgemeine Normen setzen immer konkrete Tatsachen voraus, aus denen sie abgeleitet werden können. Durch das menschliche Handeln werden aber Tatsachen erst geschaffen.

[ 29 ] The defining feature of an intuitively determined action in a specific case is the discovery of the corresponding, entirely individual intuition. At this stage of morality, one can speak of general moral concepts (norms, laws) only insofar as these arise from the generalization of individual impulses. General norms always presuppose concrete facts from which they can be derived. However, it is through human action that facts are first created.

[ 30 ] Wenn wir das Gesetzmäßige (Begriffliche in dem Handeln der Individuen, Völker und Zeitalter) aufsuchen, so erhalten wir eine Ethik, aber nicht als Wissenschaft von sittlichen Normen, sondern als Naturlehre der Sittlichkeit. Erst die hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich zum menschlichen Handeln so wie die Naturgesetze zu einer besonderen Erscheinung. Sie sind aber durchaus nicht identisch mit den Antrieben, die wir unserm Handeln zugrunde legen. Will man erfassen, wodurch eine Handlung des Menschen dessen sittlichem Wollen entspringt, so muß man zunächst auf das Verhältnis dieses Wollens zu der Handlung sehen. Man muß zunächst Handlungen ins Auge fassen, bei denen dieses Verhältnis das Bestimmende ist. Wenn ich oder ein anderer später über eine solche Handlung nachdenken, kann es herauskommen, welche Sittlichkeitsmaximen bei derselben in Betracht kommen. Während ich handle, bewegt mich die Sittlichkeitsmaxime, insoferne sie intuitiv in mir leben kann; sie ist verbunden mit der Liebe zu dem Objekt, das ich durch meine Handlung verwirklichen will. Ich frage keinen Menschen und auch keine Regel: soll ich diese Handlung ausführen? — sondern ich führe sie aus, sobald ich die Idee davon gefaßt habe. Nur dadurch ist sie meine Handlung. Wer nur handelt, weil er bestimmte sittliche Normen anerkennt, dessen Handlung ist das Ergebnis der in seinem Moralkodex stehenden Prinzipien. Er ist bloß der Vollstrecker. Er ist ein höherer Automat. Werfet einen Anlaß zum Handeln in sein Bewußtsein, und alsbald setzt sich das Räderwerk seiner Moralprinzipien in Bewegung und läuft in gesetzmäßiger Weise ab, um eine christliche, humane, ihm selbstlos geltende, oder eine Handlung des kulturgeschichtlichen Fortschrittes zu vollbringen. Nur wenn ich meiner Liebe zu dem Objekte folge, dann bin ich es selbst, der handelt. Ich handle auf dieser Stufe der Sittlichkeit nicht, weil ich einen Herrn über mich anerkenne, nicht die äußere Autorität, nicht eine sogenannte innere Stimme. Ich erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an, weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung gefunden habe. Ich prüfe nicht verstandesmäßig, ob meine Handlung gut oder böse ist; ich vollziehe sie, weil ich sie liebe. Sie wird «gut», wenn meine in Liebe getauchte Intuition in der rechten Art in dem intuitiv zu erlebenden Weltzusammenhang drinnensteht; «böse», wenn das nicht der Fall ist. Ich frage mich auch nicht: wie würde ein anderer Mensch in meinem Falle handeln? — sondern ich handle, wie ich, diese besondere Individualität, zu wollen mich veranlaßt sehe. Nicht das allgemein Übliche, die allgemeine Sitte, eine allgemein-menschliche Maxime, eine sittliche Norm leitet mich in unmittelbarer Art, sondern meine Liebe zur Tat. Ich fühle keinen Zwang, nicht den Zwang der Natur, die mich bei meinen Trieben leitet, nicht den Zwang der sittlichen Gebote, sondern ich will einfach ausführen, was in mir liegt.

[ 30 ] When we seek out the lawful (the conceptual aspect of the actions of individuals, peoples, and eras), we arrive at an ethics, but not as a science of moral norms, rather as a natural science of morality. Only the laws thus derived relate to human action in the same way that the laws of nature relate to a particular phenomenon. However, they are by no means identical to the impulses upon which we base our actions. If one wishes to grasp how a human action arises from one’s moral will, one must first consider the relationship of this will to the action. One must first consider actions in which this relationship is the determining factor. When I or another person later reflect on such an action, it may become clear which moral maxims are relevant to it. While I am acting, the moral maxim moves me, insofar as it can live intuitively within me; it is connected to the love for the object that I wish to realize through my action. I do not ask any person or any rule: “Should I perform this action?”—but I perform it as soon as I have conceived the idea of it. Only in this way is it my action. Whoever acts merely because he acknowledges certain moral norms, his action is the result of the principles contained in his moral code. He is merely the executor. He is a higher automaton. Present a cause for action to his consciousness, and immediately the machinery of his moral principles sets in motion and runs its course in a lawful manner to accomplish a Christian, humane, selfless act, or an act of cultural-historical progress. Only when I follow my love for the object am I myself the one who acts. At this stage of morality, I do not act because I acknowledge a master over me, nor an external authority, nor a so-called inner voice. I do not acknowledge any external principle of my action, because I have found within myself the reason for the action: love for the action itself. I do not rationally examine whether my action is good or evil; I carry it out because I love it. It becomes “good” when my intuition, steeped in love, is rightly situated within the context of the world as intuitively experienced; “evil” when that is not the case. Nor do I ask myself: how would another person act in my situation? — but rather I act as I, this particular individuality, feel compelled to do. It is not the generally accepted norm, the common custom, a universal human maxim, or a moral standard that guides me directly, but my love for the act. I feel no compulsion—not the compulsion of nature that guides me in my instincts, nor the compulsion of moral commandments—but I simply wish to carry out what lies within me.

[ 31 ] Die Verteidiger der allgemeinen sittlichen Normen könnten etwa zu diesen Ausführungen sagen: Wenn jeder Mensch nur darnach strebt, sich auszuleben und zu tun, was ihm beliebt, dann ist kein Unterschied zwischen guter Handlung und Verbrechen; jede Gaunerei, die in mir liegt, hat gleichen Anspruch sich auszuleben, wie die Intention, dem allgemeinen Besten zu dienen. Nicht der Umstand, daß ich eine Handlung der Idee nach ins Auge gefaßt habe, kann für mich als sittlichen Menschen maßgebend sein, sondern die Prüfung, ob sie gut oder böse ist. Nur im ersteren Falle werde ich sie ausführen.

[ 31 ] Defenders of universal moral standards might respond to these remarks by saying: If every person merely strives to live life to the fullest and do whatever they please, then there is no difference between a good deed and a crime; every mischievous impulse within me has just as much a right to be lived out as the intention to serve the common good. It is not the fact that I have conceived of an action in theory that can be decisive for me as a moral person, but rather the examination of whether it is good or evil. Only in the former case will I carry it out.

[ 32 ] Meine Entgegnung auf diesen naheliegenden und doch nur aus einer Verkennung des hier Gemeinten entspringenden Einwand ist diese: Wer das Wesen des menschlichen Wollens erkennen will, der muß unterscheiden zwischen dem Weg, der dieses Wollen bis zu einem bestimmten Grad der Entwickelung bringt, und der Eigenart, welche das Wollen annimmt, indem es sich diesem Ziele annähert. Auf dem Wege zu diesem Ziele spielen Normen ihre berechtigte Rolle. Das Ziel besteht in der Verwirklichung rein intuitiv erfaßter Sittlichkeitsziele. Der Mensch erreicht solche Ziele in dem Maße, in dem er die Fähigkeit besitzt, sich überhaupt zum intuitiven Ideengehalte der Welt zu erheben. Im einzelnen Wollen wird zumeist anderes als Triebfeder oder Motiv solchen Zielen beigemischt sein. Aber Intuitives kann im menschlichen Wollen doch bestimmend oder mitbestimmend sein. Was man soll, das tut man; man gibt den Schauplatz ab, auf dem das Sollen zum Tun wird; eigene Handlung ist, was man als solche aus sich entspringen läßt. Der Antrieb kann da nur ein ganz individueller sein. Und in Wahrheit kann nur eine aus der Intuition entspringende Willenshandlung eine individuelle sein. Daß die Tat des Verbrechers, daß das Böse in gleichem Sinne ein Ausleben der Individualität genannt wird wie die Verkörperung reiner Intuition, ist nur möglich, wenn die blinden Triebe zur menschlichen Individualität gezählt werden. Aber der blinde Trieb, der zum Verbrechen treibt, stammt nicht aus Intuitivem, und gehört nicht zum Individuellen des Menschen, sondern zum Allgemeinsten in ihm, zu dem, was bei allen Individuen in gleichem Maße geltend ist und aus dem sich der Mensch durch sein Individuelles heraus arbeitet. Das Individuelle in mir ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in diesem Organismus aufleuchtet. Meine Triebe, Instinkte, Leidenschaften begründen nichts weiter in mir, als daß ich zur allgemeinen Gattung Mensch gehöre; der Umstand, daß sich ein Ideelles in diesen Trieben, Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art auslebt, begründet meine Individualität. Durch meine Instinkte, Triebe bin ich ein Mensch, von denen zwölf ein Dutzend machen; durch die besondere Form der Idee, durch die ich mich innerhalb des Dutzend als Ich bezeichne, bin ich Individuum. Nach der Verschiedenheit meiner tierischen Natur könnte mich nur ein mir fremdes Wesen von andern unterscheiden; durch mein Denken, das heißt durch das tätige Erfassen dessen, was sich als Ideelles in meinem Organismus auslebt, unterscheide ich mich selbst von andern. Man kann also von der Handlung des Verbrechers gar nicht sagen, daß sie aus der Idee hervorgeht. Ja, das ist gerade das Charakteristische der Verbrecherhandlungen, daß sie aus den außerideellen Elementen des Menschen sich herleiten.

[ 32 ] My response to this obvious objection—which, however, stems solely from a misunderstanding of what is meant here—is as follows: Anyone who wishes to understand the nature of human volition must distinguish between the path that brings this volition to a certain degree of development and the character that volition assumes as it approaches this goal. On the path to this goal, norms play their rightful role. The goal consists in the realization of moral goals grasped purely intuitively. Human beings achieve such goals to the extent that they possess the ability to rise at all to the intuitive content of the world. In individual acts of volition, something other than such goals will usually be mixed in as a driving force or motive. But the intuitive can still be decisive or co-determining in human volition. What one ought to do, one does; one provides the setting in which ought becomes action; one’s own action is what one allows to spring forth from oneself as such. The impulse there can only be a wholly individual one. And in truth, only an act of will springing from intuition can be an individual one. That the criminal’s deed, that evil, is called an expression of individuality in the same sense as the embodiment of pure intuition, is only possible if blind drives are counted among human individuality. But the blind instinct that drives one to crime does not stem from the intuitive, and does not belong to the individuality of the human being, but to the most general aspect within him, to that which applies equally to all individuals and from which the human being works his way out through his individuality. The individual in me is not my organism with its drives and feelings, but rather the unique world of ideas that shines forth in this organism. My drives, instincts, and passions establish nothing more in me than that I belong to the general genus human; the fact that an ideal element expresses itself in these drives, passions, and feelings in a particular way constitutes my individuality. Through my instincts and drives, I am a human being, of whom there are a dozen; through the particular form of the idea by which I designate myself as “I” within that dozen, I am an individual. Given the diversity of my animal nature, only a being foreign to me could distinguish me from others; through my thinking—that is, through the active grasping of what manifests as the ideal in my organism—I distinguish myself from others. One cannot, therefore, say that the criminal’s action arises from the idea. Indeed, this is precisely the characteristic feature of criminal acts: that they derive from the non-ideal elements of the human being.

[ 33 ] Eine Handlung wird als eine freie empfunden, soweit deren Grund aus dem ideellen Teil meines individuellen Wesens hervorgeht; jeder andere Teil einer Handlung, gleichgültig, ob er aus dem Zwange der Natur oder aus der Nötigung einer sittlichen Norm vollzogen wird, wird als unfrei empfunden.

[ 33 ] An action is perceived as free to the extent that its motive arises from the ideal part of my individual being; every other aspect of an action, whether it is performed under the compulsion of nature or the coercion of a moral norm, is perceived as unfree.

[ 34 ] Frei ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblicke seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist. Eine sittliche Tat ist nur meine Tat, wenn sie in dieser Auffassung eine freie genannt werden kann. Hier ist zunächst die Rede davon, unter welchen Voraussetzungen eine gewollte Handlung als eine freie empfunden wird; wie diese rein ethisch gefaßte Freiheitsidee in der menschlichen Wesenheit sich verwirklicht, soll im folgenden sich zeigen.

[ 34 ] A person is free only insofar as he is capable of following his own will at every moment of his life. A moral act is only my act if, in this sense, it can be called a free one. Here, we are first discussing the conditions under which a deliberate act is perceived as free; how this purely ethical concept of freedom is realized in human nature will become clear in what follows.

[ 35 ] Die Handlung aus Freiheit schließt die sittlichen Gesetze nicht etwa aus, sondern ein; sie erweist sich nur als höherstehend gegenüber derjenigen, die nur von diesen Gesetzen diktiert ist. Warum sollte meine Handlung denn weniger dem Gesamtwohle dienen, wenn ich sie aus Liebe getan habe, als dann, wenn ich sie nur aus dem Grunde vollbracht habe, weil dem Gesamtwohle zu dienen ich als Pflicht empfinde? Der bloße Pflichtbegriff schließt die Freiheit aus, weil er das Individuelle nicht anerkennen will, sondern Unterwerfung des letztem unter eine allgemeine Norm fordert. Die Freiheit des Handelns ist nur denkbar vom Standpunkte des ethischen Individualismus aus.

[ 35 ] An action performed out of freedom does not exclude moral laws, but rather includes them; it simply proves to be superior to an action dictated solely by those laws. Why should my action serve the common good any less if I have done it out of love than if I have performed it merely because I regard serving the common good as a duty? The mere concept of duty excludes freedom because it refuses to acknowledge the individual, but demands the subjugation of the latter to a general norm. Freedom of action is conceivable only from the standpoint of ethical individualism.

[ 36 ] Wie ist aber ein Zusammenleben der Menschen möglich, wenn jeder nur bestrebt ist, seine Individualität zur Geltung zu bringen? Damit ist ein Einwand des falsch verstandenen Moralismus gekennzeichnet. Dieser glaubt, eine Gemeinschaft von Menschen sei nur möglich, wenn sie alle vereinigt sind durch eine gemeinsam festgelegte sittliche Ordnung. Dieser Moralismus versteht eben die Einigkeit der Ideenwelt nicht. Er begreift nicht, daß die Ideenwelt, die in mir tätig ist, keine andere ist, als die in meinem Mitmenschen. Diese Einheit ist allerdings bloß ein Ergebnis der Welterfahrung. Allein sie muß ein solches sein. Denn wäre sie durch irgend etwas anderes als durch Beobachtung zu erkennen, so wäre in ihrem Bereich nicht individuelles Erleben, sondern allgemeine Norm geltend. Individualität ist nur möglich, wenn jedes individuelle Wesen vom andern nur durch individuelle Beobachtung weiß. Der Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht darin, daß wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern daß er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich. Er will seine Intuitionen ausleben, ich die meinigen. Wenn wir beide wirklich aus der Idee schöpfen und keinen äußeren (physischen oder geistigen) Antrieben folgen, so können wir uns nur in dem gleichen Streben, in denselben Intentionen begegnen. Ein sittliches Mißverstehen, ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien Menschen ausgeschlossen. Nur der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb oder einem angenommenen Pflichtgebot folgt, stößt den Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem gleichen Instinkt und dem gleichen Gebot folgt. Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen. Sie kennen kein anderes Sollen als dasjenige, mit dem sich ihr Wollen in intuitiven Einklang versetzt; wie sie in einem besonderen Falle wollen werden, das wird ihnen ihr Ideenvermögen sagen.

[ 36 ] But how is human coexistence possible if everyone is solely concerned with asserting their individuality? This is characteristic of an objection rooted in a misunderstanding of moralism. Such moralism believes that a community of people is possible only if they are all united by a commonly established moral order. This moralism simply does not understand the unity of the world of ideas. It fails to grasp that the world of ideas active within me is none other than that within my fellow human beings. This unity is, admittedly, merely a result of worldly experience. Yet it must be such. For if it were to be recognized through anything other than observation, then what would prevail in its realm would not be individual experience, but a general norm. Individuality is only possible if each individual being knows the other solely through individual observation. The difference between me and my fellow human being lies by no means in the fact that we live in two entirely different mental worlds, but rather that he derives different intuitions from the world of ideas we share than I do. He wishes to live out his intuitions, I mine. If we both truly draw from the idea and follow no external (physical or mental) impulses, then we can only encounter one another in the same striving, in the same intentions. A moral misunderstanding, a clash, is impossible among morally free people. Only the morally unfree person, who follows natural instinct or an assumed duty, rejects his fellow man if he does not follow the same instinct and the same command. Living in the love of action and letting live in the understanding of another’s will is the fundamental maxim of free people. They know no other duty than that with which their will comes into intuitive harmony; how they will act in a particular case, their power of thought will tell them.

[ 37 ] Läge nicht in der menschlichen Wesenheit der Urgrund zur Verträglichkeit, man würde sie ihr durch keine äußeren Gesetze einimpfen! Nur weil die menschlichen Individuen eines Geistes sind, können sie sich auch nebeneinander ausleben. Der Freie lebt in dem Vertrauen darauf, daß der andere Freie mit ihm einer geistigen Welt angehört und sich in seinen Intentionen mit ihm begegnen wird. Der Freie verlangt von seinen Mitmenschen keine Übereinstimmung, aber er erwartet sie, weil sie in der menschlichen Natur liegt. Damit ist nicht auf die Notwendigkeiten gedeutet, die für diese oder jene äußeren Einrichtungen bestehen, sondern auf die Gesinnung, auf die Seelenverfassung, durch die der Mensch in seinem Sich-Erleben unter von ihm geschätzten Mitmenschen der menschlichen Würde am meisten gerecht wird.

[ 37 ] If the foundation for harmony were not inherent in human nature, no external laws could instill it! It is only because human individuals are of one spirit that they can coexist. The free person lives in the confidence that the other free person belongs with him to a spiritual world and will meet him in his intentions. The free person does not demand agreement from his fellow human beings, but he expects it because it lies in human nature. This does not refer to the necessities that exist for this or that external institution, but to the disposition, to the state of mind, through which a person most fully lives up to human dignity in their self-experience among fellow human beings they value.

[ 38 ] Es wird viele geben, die da sagen: der Begriff des freien Menschen, den du da entwirfst, ist eine Schimäre, ist nirgends verwirklicht. Wir haben es aber mit wirklichen Menschen zu tun, und bei denen ist auf Sittlichkeit nur zu hoffen, wenn sie einem Sittengebote gehorchen, wenn sie ihre sittliche Mission als Pflicht auffassen und nicht frei ihren Neigungen und ihrer Liebe folgen. — Ich bezweifle das keineswegs. Nur ein Blinder könnte es. Aber dann hinweg mit aller Heuchelei der Sittlichkeit, wenn dieses letzte Einsicht sein sollte. Saget dann einfach: die menschliche Natur muß zu ihren Handlungen gezwungen werden, solange sie nicht frei ist. Ob man die Unfreiheit durch physische Mittel oder durch Sittengesetze bezwingt, ob der Mensch unfrei ist, weil er seinem maßlosen Geschlechtstrieb folgt oder darum, weil er in den Fesseln konventioneller Sittlichkeit eingeschnürt ist, ist für einen gewissen Gesichtspunkt ganz gleichgültig. Man behaupte aber nur nicht, daß ein solcher Mensch mit Recht eine Handlung die seinige nennt, da er doch von einer fremden Gewalt dazu getrieben ist. Aber mitten aus der Zwangsordnung heraus erheben sich die Menschen, die freien Geister, die sich selbst finden in dem Wust von Sitte, Gesetzeszwang, Religionsübung und so weiter. Frei sind sie, insofern sie nur sich folgen, unfrei, insofern sie sich unterwerfen. Wer von uns kann sagen, daß er in allen seinen Handlungen wirklich frei ist? Aber in jedem von uns wohnt eine tiefere Wesenheit, in der sich der freie Mensch ausspricht.

[ 37 ] If the foundation for harmony were not inherent in human nature, no external laws could instill it! It is only because human individuals are of one spirit that they can coexist. The free person lives in the confidence that the other free person belongs with him to a spiritual world and will meet him in his intentions. The free person does not demand agreement from his fellow human beings, but he expects it because it lies in human nature. This does not refer to the necessities that exist for this or that external institution, but to the disposition, to the state of mind, through which a person most fully lives up to human dignity in their self-experience among fellow human beings they value.

[ 39 ] Aus Handlungen der Freiheit und der Unfreiheit setzt sich unser Leben zusammen. Wir können aber den Begriff des Menschen nicht zuende denken, ohne auf den freien Geist als die reinste Ausprägung der menschlichen Natur zu kommen. Wahrhaft Menschen sind wir doch nur, insofern wir frei sind.

[ 37 ] If the foundation for harmony were not inherent in human nature, no external laws could instill it! It is only because human individuals are of one spirit that they can coexist. The free person lives in the confidence that the other free person belongs with him to a spiritual world and will meet him in his intentions. The free person does not demand agreement from his fellow human beings, but he expects it because it lies in human nature. This does not refer to the necessities that exist for this or that external institution, but to the disposition, to the state of mind, through which a person most fully lives up to human dignity in their self-experience among fellow human beings they value.

[ 40 ] Das ist ein Ideal, werden viele sagen. Ohne Zweifel, aber ein solches, das sich in unserer Wesenheit als reales Element an die Oberfläche arbeitet. Es ist kein erdachtes oder erträumtes Ideal, sondern ein solches, das Leben hat und das sich auch in der unvollkommensten Form seines Daseins deutlich ankündigt. Wäre der Mensch ein bloßes Naturwesen, dann wäre das Aufsuchen von Idealen, das ist von Ideen, die augenblicklich unwirksam sind, deren Verwirklichung aber gefordert wird, ein Unding. An dem Dinge der Außenwelt ist die Idee durch die Wahrnehmung bestimmt; wir haben das unserige getan, wenn wir den Zusammenhang von Idee und Wahrnehmung erkannt haben. Beim Menschen ist das nicht so. Die Summe seines Daseins ist nicht ohne ihn selbst bestimmt; sein wahrer Begriff als sittlicher Mensch (freier Geist) ist mit dem Wahrnehmungsbilde «Mensch» nicht im voraus objektiv vereinigt, um bloß nachher durch die Erkenntnis festgestellt zu werden. Der Mensch muß selbsttätig seinen Begriff mit der Wahrnehmung Mensch vereinigen. Begriff und Wahrnehmung decken sich hier nur, wenn sie der Mensch selbst zur Deckung bringt. Er kann es aber nur, wenn er den Begriff des freien Geistes, das ist seinen eigenen Begriff gefunden hat. In der objektiven Welt ist uns durch unsere Organisation ein Grenzstrich gezogen zwischen Wahrnehmung und Begriff; das Erkennen überwindet diese Grenze. In der subjektiven Natur ist diese Grenze nicht minder vorhanden; der Mensch überwindet sie im Laufe seiner Entwickelung, indem er in seiner Erscheinung seinen Begriff zur Ausgestaltung bringt. So führt uns sowohl das intellektuelle wie das sittliche Leben des Menschen auf seine Doppelnatur: das Wahrnehmen (unmittelbares Erleben) und Denken. Das intellektuelle Leben überwindet die Doppelnatur durch die Erkenntnis, das sittliche durch die tatsächliche Verwirklichung des freien Geistes. Jedes Wesen hat seinen eingeborenen Begriff (das Gesetz seines Seins und Wirkens); aber er ist in den Außendingen unzertrennlich mit der Wahrnehmung verbunden und nur innerhalb unseres geistigen Organismus von dieser abgesondert. Beim Menschen selbst ist Begriff und Wahrnehmung zunächst tatsächlich getrennt, um von ihm ebenso tatsächlich vereinigt zu werden. Man kann einwenden: unserer Wahrnehmung des Menschen entspricht in jedem Augenblicke seines Lebens ein bestimmter Begriff, so wie jedem anderen Dinge auch. Ich kann mir den Begriff eines Schablonenmenschen bilden und kann einen solchen auch als Wahrnehmung gegeben haben; wenn ich zu diesem auch noch den Begriff des freien Geistes bringe, so habe ich zwei Begriffe für dasselbe Objekt.

[ 40 ] “That is an ideal,” many will say. Undoubtedly, but one that works its way to the surface of our being as a real element. It is not a conceived or imagined ideal, but one that has life and makes itself clearly felt even in the most imperfect form of its existence. If human beings were mere natural beings, then the pursuit of ideals—that is, of ideas that are currently ineffective but whose realization is demanded—would be an absurdity. In the case of things in the external world, the idea is determined by perception; we have done our part when we have recognized the connection between idea and perception. With human beings, this is not the case. The sum of their existence is not determined without them; their true concept as a moral human being (free spirit) is not objectively united in advance with the perceptual image of “human being,” only to be established afterward through cognition. Human beings must actively unite their concept with the perception of “human being.” Concept and perception coincide here only if human beings themselves bring them into alignment. But they can do so only if they have found the concept of the free spirit—that is, their own concept. In the objective world, our organization draws a boundary between perception and concept; cognition overcomes this boundary. In the subjective realm, this boundary is no less present; human beings overcome it in the course of their development by giving form to their concept in their appearance. Thus, both the intellectual and the moral life of human beings lead us to their dual nature: perception (immediate experience) and thought. The intellectual life overcomes this dual nature through cognition; the moral life through the actual realization of the free spirit. Every being has its innate concept (the law of its being and activity); but in external things it is inseparably linked to perception and is separated from it only within our spiritual organism. In human beings themselves, concept and perception are initially actually separated, only to be actually united by them. One might object: our perception of a human being corresponds at every moment of his life to a certain concept, just as it does for every other thing. I can form the concept of a stereotypical human being and may also have such a concept as a given in my perception; if I add to this the concept of the free spirit, I have two concepts for the same object.

[ 41 ] Das ist einseitig gedacht. Ich bin als Wahrnehmungsobjekt einer fortwährenden Veränderung unterworfen. Als Kind war ich ein anderer, ein anderer als Jüngling und als Mann. Ja, in jedem Augenblicke ist mein Wahrnehmungsbild ein anderes als in den vorangehenden. Diese Veränderungen können sich in dem Sinne vollziehen, daß sich in ihnen nur immer derselbe (Schablonenmensch) ausspricht, oder daß sie den Ausdruck des freien Geistes darstellen. Diesen Veränderungen ist das Wahrnehmungsobjekt meines Handelns unterworfen.

[ 41 ] That is a one-sided way of thinking. As an object of perception, I am subject to constant change. As a child, I was different; different as a young man, and different as an adult. Yes, at every moment, the image I perceive is different from the one before. These changes can take place in such a way that they merely express the same person (a stereotypical human being), or they can represent the expression of a free spirit. The object of perception in my actions is subject to these changes.

[ 42 ] Es ist in dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben, sich umzubilden, wie im Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur ganzen Pflanze zu werden. Die Pflanze wird sich umbilden wegen der objektiven, in ihr liegenden Gesetzmäßigkeit; der Mensch bleibt in seinem unvollende ten Zustande, wenn er nicht den Umbildungsstoff in sich selbst aufgreift, und sich durch eigene Kraft umbildet. Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen. Die Natur läßt den Menschen in einem gewissen Stadium seiner Entwickelung aus ihren Fesseln los; die Gesellschaft führt diese Entwickelung bis zu einem weiteren Punkte; den letzten Schliff kann nur der Mensch selbst sich geben.

[ 42 ] The human being, as an object of perception, possesses the potential to transform itself, just as a plant seed possesses the potential to become a fully grown plant. The plant will transform itself due to the objective law inherent within it; the human being remains in an unfinished state unless he takes up the material for transformation within himself and transforms himself through his own power. Nature makes of man merely a natural being; society makes him a being that acts in accordance with laws; he can only make himself a free being by his own efforts. Nature releases man from its bonds at a certain stage of his development; society carries this development forward to a further point; the final touch can be given only by man himself.

[ 43 ] Der Standpunkt der freien Sittlichkeit behauptet also nicht, daß der freie Geist die einzige Gestalt ist, in der ein Mensch existieren kann. Sie sieht in der freien Geistigkeit nur das letzte Entwickelungsstadium des Menschen. Damit ist nicht geleugnet, daß das Handeln nach Normen als Entwickelungsstufe seine Berechtigung habe. Es kann nur nicht als absoluter Sittlichkeitsstandpunkt anerkannt werden. Der freie Geist aber überwindet die Normen in dem Sinne, daß er nicht nur Gebote als Motive empfindet, sondern sein Handeln nach seinen Impulsen (Intuitionen) einrichtet.

[ 43 ] The perspective of free morality does not, therefore, claim that the free spirit is the only form in which a human being can exist. It regards free spirituality merely as the final stage of human development. This does not deny that acting in accordance with norms has its justification as a stage of development. It simply cannot be recognized as an absolute moral standpoint. The free spirit, however, transcends norms in the sense that it does not merely perceive commandments as motives, but rather directs its actions according to its impulses (intuitions).

[ 44 ] Wenn Kant von der Pflicht sagt: «Pflicht! du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», der du «ein Gesetz aufstellst.. ., vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich in Geheim ihm entgegenwirken», so erwidert der Mensch aus dem Bewußtsein des freien Geistes: «Freiheit! du freundlicher, menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte, was mein Menschentum am meisten würdigt, in dir fassest, und mich zu niemandes Diener machst, der du nicht bloß ein Gesetz aufstellst, sondern abwartest, was meine sittliche Liebe selbst als Gesetz erkennen wird, weil sie jedem nur auferzwungenen Gesetze gegenüber sich unfrei fühlt.»

[ 44 ] When Kant speaks of duty: “Duty! You sublime, great name, which contains nothing pleasing, nothing that carries flattery within you, but demands submission,” you who “establish a law... ...before which all inclinations fall silent, even if they secretly oppose it,” then man responds from the consciousness of the free spirit: “Freedom! You friendly, human name, which encompasses all that is morally beloved and most cherished by my humanity, and makes me no one’s servant; you who not only establish a law, but await what my moral love itself will recognize as law, because it feels unfree in the face of any law that is merely imposed.”

[ 45 ] Das ist der Gegensatz von bloß gesetzmäßiger und freier Sittlichkeit.

[ 45 ] This is the opposite of mere legal and free morality.

[ 46 ] Der Philister, der in einem äußerlich Festgestellten die verkörperte Sittlichkeit sieht, wird in dem freien Geist vielleicht sogar einen gefährlichen Menschen sehen. Er tut es aber nur, weil sein Blick eingeengt ist in eine bestimmte Zeitepoche. Wenn er über dieselbe hinausblicken könnte, so müßte er alsbald finden, daß der freie Geist ebenso wenig nötig hat, über die Gesetze seines Staates hinauszugehen, wie der Philister selbst, nie aber sich mit ihnen in einen wirklichen Widerspruch zu setzen. Denn die Staatsgesetze sind sämtlich aus Intuitionen freier Geister entsprungen, ebenso wie alle anderen objektiven Sittlichkeitsgesetze. Kein Gesetz wird durch Familienautorität ausgeübt, das nicht einmal von einem Ahnherrn als solches intuitiv erfaßt und festgesetzt worden wäre; auch die konventionellen Gesetze der Sittlichkeit werden von bestimmten Menschen zuerst aufgestellt; und die Staatsgesetze entstehen stets im Kopfe eines Staatsmannes. Diese Geister haben die Gesetze über die anderen Menschen gesetzt, und unfrei wird nur der, welcher diesen Ursprung vergißt, und sie entweder zu außermenschlichen Geboten, zu objektiven vom Menschlichen unabhängigen sittlichen Pflichtbegriffen oder zur befehlenden Stimme seines eigenen falsch mystisch zwingend gedachten Innern macht. Wer den Ursprung aber nicht übersieht, sondern ihn in dem Menschen sucht, der wird damit rechnen als mit einem Gliede derselben Ideenwelt, aus der auch er seine sittlichen Intuitionen holt. Glaubt er bessere zu haben, so sucht er sie an die Stelle der bestehenden zu bringen; findet er diese berechtigt, dann handelt er ihnen gemäß, als wenn sie seine eigenen wären.

[ 46 ] The philistine, who sees embodied morality in what is externally established, may even view the free spirit as a dangerous person. But he does so only because his perspective is confined to a specific historical era. If he could look beyond it, he would immediately find that the free spirit has just as little need to go beyond the laws of his state as the Philistine himself, but never to place himself in real contradiction with them. For the laws of the state have all sprung from the intuitions of free spirits, just as all other objective moral laws have. No law is enforced by family authority that has not first been intuitively grasped and established as such by an ancestor; even the conventional laws of morality are first established by specific individuals; and the laws of the state always arise in the mind of a statesman. These minds have established the laws over other people, and only those who forget this origin become unfree, turning them either into superhuman commandments, into objective moral concepts of duty independent of the human, or into the commanding voice of their own inner self, conceived in a falsely mystical and coercive manner. But whoever does not overlook the origin, but seeks it in human beings, will regard it as a part of the same world of ideas from which he also draws his moral intuitions. If he believes he has better ones, he seeks to replace the existing ones with them; if he finds the existing ones justified, then he acts in accordance with them, as if they were his own.

[ 47 ] Es darf nicht die Formel geprägt werden, der Mensch sei dazu da, um eine von ihm abgesonderte sittliche Weltordnung zu verwirklichen. Wer dies behauptete, stünde in bezug auf Menschheitswissenschaft noch auf demselben Standpunkt, auf dem jene Naturwissenschaft stand, die da glaubte: der Stier habe Hörner, damit er stoßen könne. Die Naturforscher haben glücklich einen solchen Zweckbegriff zu den Toten geworfen. Die Ethik kann sich schwerer davon frei machen. Aber so wie die Hörner nicht wegen des Stoßens da sind, sondern das Stoßen durch die Hörner, so ist der Mensch nicht wegen der Sittlichkeit da, sondern die Sittlichkeit durch den Menschen. Der freie Mensch handelt sittlich, weil er eine sittliche Idee hat; aber er handelt nicht, damit Sittlichkeit entstehe. Die menschlichen Individuen mit ihren zu ihrem Wesen gehörigen sittlichen Ideen sind die Voraussetzung der sittlichen Weltordnung.

[ 47 ] We must not adopt the notion that human beings exist to bring about a moral world order separate from themselves. Anyone who asserted this would, with regard to the science of humanity, still be standing on the same ground as that branch of natural science which believed that the bull has horns so that it can gore. Natural scientists have fortunately consigned such a concept of purpose to the dustbin of history. Ethics finds it harder to free itself from it. But just as the horns are not there for the sake of goring, but rather goring through the horns, so too is the human being not there for the sake of morality, but rather morality through the human being. The free human being acts morally because he has a moral idea; but he does not act so that morality may come into being. Human individuals, with the moral ideas inherent in their nature, are the prerequisite for the moral world order.

[ 48 ] Das menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit und Mittelpunkt des Erdenlebens. Der Staat, die Gesellschaft sind nur da, weil sie sich als notwendige Folge des Individuallebens ergeben. Daß dann der Staat und die Gesellschaft wieder zurückwirken auf das Individualleben, ist ebenso begreiflich, wie der Umstand, daß das Stoßen, das durch die Hörner da ist, wieder zurückwirkt auf die weitere Entwickelung der Hörner des Stieres, die bei längerem Nichtgebrauch verkümmern würden. Ebenso müßte das Individuum verkümmern, wenn es außerhalb der menschlichen Gemeinschaft ein abgesondertes Dasein führte. Darum bildet sich ja gerade die gesellschaftliche Ordnung, um im günstigen Sinne wieder zurück auf das Individuum zu wirken.

[ 48 ] The human individual is the source of all morality and the center of earthly life. The state and society exist only because they arise as a necessary consequence of individual life. That the state and society then have a reciprocal effect on individual life is just as understandable as the fact that the impact exerted by the horns has a reciprocal effect on the further development of the bull’s horns, which would atrophy if left unused for a long time. Likewise, the individual would wither away if he led a secluded existence outside the human community. This is precisely why social order comes into being—to exert a beneficial influence back upon the individual.