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The Philosophy of Spiritual Activity
GA 4

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XIII. Der Wert des Lebens
Pessimismus und Optimismus

13. The Value of Life (Pessimism and Optimism)

[ 1 ] Ein Gegenstück zu der Frage nach dem Zwecke oder der Bestimmung des Lebens (vgl. S. 184 ff.) ist die nach dessen Wert. Zwei entgegengesetzten Ansichten begegnen wir in dieser Beziehung, und dazwischen allen denkbaren Vermittlungsversuchen. Eine Ansicht sagt: Die Welt ist die denkbar beste, die es geben kann, und das Leben und Handeln in derselben ein Gut von unschätzbarem Werte. Alles bietet sich als harmonisches und zweckmäßiges Zusammenwirken dar und ist der Bewunderung wert. Auch das scheinbar Böse und Üble ist von einem höheren Standpunkte als gut erkennbar; denn es stellt einen wohltuenden Gegensatz zum Guten dar; wir können dies um so besser schätzen, wenn es sich von jenem abhebt. Auch ist das Übel kein wahrhaft wirkliches; wir empfinden nur einen geringeren Grad des Wohles als Übel. Das Übel ist Abwesenheit des Guten; nichts was an sich Bedeutung hat.

[ 1 ] A counterpart to the question of the purpose or meaning of life (see p. 184 ff.) is the question of its value. We encounter two opposing views on this matter, along with every conceivable attempt at reconciliation between them. One view holds: The world is the best conceivable world that could exist, and life and action within it are a good of inestimable value. Everything presents itself as a harmonious and purposeful interplay and is worthy of admiration. Even what appears to be evil and bad can be recognized as good from a higher vantage point; for it represents a beneficial contrast to the good; we can appreciate this all the more when it stands out from the good. Moreover, evil is not truly real; we merely perceive a lesser degree of good as evil. Evil is the absence of good; it has no significance in itself.

[ 2 ] Die andere Ansicht ist die, welche behauptet: das Leben ist voll Qual und Elend, die Unlust überwiegt überall die Lust, der Schmerz die Freude. Das Dasein ist eine Last, und das Nichtsein wäre dem Sein unter allen Umständen vorzuziehen.

[ 2 ] The other view is the one that asserts: life is full of torment and misery; displeasure outweighs pleasure everywhere, and pain outweighs joy. Existence is a burden, and non-existence would be preferable to existence under any circumstances.

[ 3 ] Als die Hauptvertreter der ersteren Ansicht, des Optimismus, haben wir Shaftesbury und Leibniz, als die der zweiten, des Pessimismus, Schopenhauer und Eduard von Hartmann aufzufassen.

[ 3 ] The main proponents of the former view, optimism, are Shaftesbury and Leibniz, while those of the latter, pessimism, are Schopenhauer and Eduard von Hartmann.

[ 4 ] Leibniz meint, die Welt ist die beste, die es geben kann. Eine bessere ist unmöglich. Denn Gott ist gut und weise. Ein guter Gott will die beste der Welten schaffen; ein weiser kennt sie; er kann sie von allen anderen möglichen schlechteren unterscheiden. Nur ein böser oder unweiser Gott könnte eine schlechtere als die bestmögliche Welt schaffen.

[ 4 ] Leibniz believes that the world is the best that can possibly exist. A better one is impossible. For God is good and wise. A good God wants to create the best of all possible worlds; a wise God knows it; he can distinguish it from all other possible, worse worlds. Only an evil or unwise God could create a world worse than the best possible one.

[ 5 ] Wer von diesem Gesichtspunkte ausgeht, wird leicht dem menschlichen Handeln die Richtung vorzeichnen können, die es einschlagen muß, um zum Besten der Welt das Seinige beizutragen. Der Mensch wird nur die Ratschlüsse Gottes zu erforschen und sich danach zu benehmen haben. Wenn er weiß, was Gott mit der Welt und dem Menschengeschlecht für Absichten hat, dann wird er auch das Richtige tun. Und er wird sich glücklich fühlen, zu dem andern Guten auch das Seinige hinzuzufügen. Vom optimistischen Standpunkt aus ist also das Leben des Lebens wert. Es muß uns zur mitwirkenden Anteilnahme anregen.

[ 5 ] Anyone who starts from this perspective will easily be able to chart the course that human action must take in order to contribute to the good of the world. Human beings need only seek to understand God’s will and act in accordance with it. If they know what God’s intentions are for the world and the human race, then they will also do what is right. And they will feel happy to add their own contribution to the greater good. From an optimistic standpoint, therefore, life is worth living. It must inspire us to participate actively.

[ 6 ] Anders stellt sich Schopenhauer die Sache vor. Er denkt sich den Weltengrund nicht als allweises und allgütiges Wesen, sondern als blinden Drang oder Willen. Ewiges Streben, unaufhörliches Schmachten nach Befriedigung, die doch nie erreicht werden kann, ist der Grundzug alles Wollens. Denn ist ein erstrebtes Ziel erreicht, so entsteht ein neues Bedürfnis und so weiter. Die Befriedigung kann immer nur von verschwindend kleiner Dauer sein. Der ganze übrige Inhalt unseres Lebens ist unbefriedigtes Drängen, das ist Unzufriedenheit, Leiden. Stumpft sich der blinde Drang endlich ab, so fehlt uns jeglicher Inhalt; eine unendliche Langeweile erfüllt unser Dasein. Daher ist das relativ Beste, Wünsche und Bedürfnisse in sich zu ersticken, das Wollen zu ertöten. Der Schopenhauersche Pessimismus führt zur Tatenlosigkeit, sein sittliches Ziel ist Universalfaulheit.

[ 6 ] Schopenhauer sees things differently. He conceives of the foundation of the world not as an all-wise and all-benevolent being, but as a blind impulse or will. Eternal striving, an incessant yearning for satisfaction that can never be attained, is the fundamental trait of all volition. For once a desired goal is achieved, a new need arises, and so on. Satisfaction can only ever be of fleeting duration. The entire remaining content of our lives is unsatisfied urge; that is dissatisfaction, suffering. If the blind urge finally wears itself out, we lack any substance whatsoever; an infinite boredom fills our existence. Therefore, the relatively best course is to stifle desires and needs within oneself, to kill the will. Schopenhauer’s pessimism leads to inaction; its moral goal is universal laziness.

[ 7 ] In wesentlich anderer Art sucht Hartmann den Pessimismus zu begründen und für die Ethik auszunutzen. Hartmann sucht, einem Lieblingsstreben unserer Zeit folgend, seine Weltanschauung auf Erfahrung zu begründen. Aus der Beobachtung des Lebens will er Aufschluß darüber gewinnen, ob die Lust oder die Unlust in der Welt überwiege. Er läßt, was den Menschen als Gut und Glück erscheint, vor der Vernunft Revue passieren, um zu zeigen, daß alle vermeintliche Befriedigung bei genauerem Zusehen sich als Illusion erweist. Illusion ist es, wenn wir glauben, in Gesundheit, Jugend, Freiheit, auskömmlicher Existenz, Liebe (Ge schlechtsgenuß), Mitleid, Freundschaft und Familienleben, Ehrgefühl, Ehre, Ruhm, Herrschaft, religiöser Erbauung, Wissenschafts, und Kunstbetrieb, Hoffnung auf jenseitiges Leben, Beteiligung am Kulturfortschritt-Quellen des Glükkes und der Befriedigung zu haben. Vor einer nüchternen Betrachtung bringt jeder Genuß viel mehr Übel und Elend als Lust in die Welt. Die Unbehaglichkeit des Katzenjammers ist stets größer als die Behaglichkeit des Rausches. Die Unlust überwiegt bei weitem in der Welt. Kein Mensch, auch der relativ glücklichste, würde, gefragt, das elende Leben ein zweites Mal durchmachen wollen. Da nun aber Hartmann die Anwesenheit des Ideellen (der Weisheit) in der Welt nicht leugnet, ihm vielmehr eine gleiche Berechtigung neben dem blinden Drange (Willen) zugesteht, so kann er seinem Urwesen die Schöpfung der Welt nur zumuten, wenn er den Schmerz der Welt in einen weisen Weltzweck auslaufen läßt. Der Schmerz der Weltwesen sei aber kein anderer als der Gottesschmerz selbst, denn das Leben der Welt als Ganzes ist identisch mit dem Leben Gottes. Ein allweises Wesen kann aber sein Ziel nur in der Befreiung vom Leid sehen, und da alles Dasein Leid ist, in der Befreiung vom Dasein. Das Sein in das weit bessere Nichtsein überzuführen, ist der Zweck der Weltschöpfung. Der Weltprozeß ist ein fortwährendes Ankämpfen gegen den Gottesschmerz, das zuletzt mit der Vernichtung alles Daseins endet. Das sittliche Leben der Menschen wird also sein: Teilnahme an der Vernichtung des Daseins. Gott hat die Welt erschaffen, damit er sich durch dieselbe von seinem unendlichen Schmerze befreie. Diese ist «gewissermaßen wie ein juckender Ausschlag am Absoluten zu betrachten», durch den dessen unbewußte Heilkraft sich von einer innern Krankheit befreit, «oder auch als ein schmerzhaftes Zugpflaster, welches das all-eine Wesen sich selbst appliziert, um einen innern Schmerz zunächst nach außen abzulenken und für die Folge zu beseitigen». Die Menschen sind Glieder der Welt. In ihnen leidet Gott. Er hat sie geschaffen, um seinen unendlichen Schmerz zu zersplittern. Der Schmerz, den jeder einzelne von uns leidet, ist nur ein Tropfen in dem unendlichen Meere des Gottesschmerzes (Hartmann, Phä-nomenologie des sittlichen Bewußtseins, S. 866 ff.).

[ 7 ] In a fundamentally different way, Hartmann seeks to justify pessimism and make use of it for the sake of ethics. Following a favorite trend of our time, Hartmann seeks to ground his worldview in experience. Through the observation of life, he seeks to determine whether pleasure or displeasure predominates in the world. He subjects what appears to humans as good and happiness to the scrutiny of reason, in order to show that all supposed satisfaction, upon closer inspection, proves to be an illusion. It is an illusion to believe that we find sources of happiness and satisfaction in health, youth, freedom, a comfortable existence, love (sexual pleasure), compassion, friendship and family life, a sense of honor, honor, fame, power, religious edification, science and the arts, hope for an afterlife, and participation in cultural progress. Upon sober reflection, every pleasure brings far more evil and misery into the world than joy. The discomfort of a hangover is always greater than the comfort of intoxication. Unhappiness far outweighs happiness in the world. No human being, not even the relatively happiest, would, if asked, want to go through a miserable life a second time. But since Hartmann does not deny the presence of the ideal (wisdom) in the world, but rather grants it equal legitimacy alongside the blind drive (will), he can only attribute the creation of the world to its primordial being if he allows the pain of the world to culminate in a wise purpose of the world. The pain of worldly beings, however, is none other than the pain of God himself, for the life of the world as a whole is identical with the life of God. An all-wise being, however, can see its goal only in liberation from suffering, and since all existence is suffering, in liberation from existence. To transform being into the far better non-being is the purpose of the creation of the world. The world process is a continuous struggle against the pain of God, which ultimately ends with the annihilation of all existence. The moral life of human beings will thus be: participation in the annihilation of existence. God created the world so that through it he might free himself from his infinite pain. This is “to be regarded, as it were, as an itchy rash on the Absolute,” through which its unconscious healing power frees itself from an inner illness, “or also as a painful plaster which the all-one Being applies to itself in order to divert an inner pain outward for the time being and subsequently eliminate it.” Human beings are members of the world. God suffers in them. He created them to shatter his infinite pain. The pain that each of us suffers is but a drop in the infinite ocean of God’s pain (Hartmann, Phenomenology of Moral Consciousness, p. 866 ff.).

[ 8 ] Der Mensch hat sich mit der Erkenntnis zu durchdringen, daß das Jagen nach individueller Befriedigung (der Egoismus) eine Torheit ist, und hat sich einzig von der Aufgabe leiten zu lassen, durch selbstlose Hingabe an den Weltprozeß der Erlösung Gottes sich zu widmen. Im Gegensatz zu dem Schopenhauers führt uns Hartmanns Pessimismus zu einer hingebenden Tätigkeit für eine erhabene Aufgabe.

[ 8 ] Human beings must come to realize that the pursuit of individual gratification (egoism) is folly, and must allow themselves to be guided solely by the task of dedicating themselves to God through selfless devotion to the world process of salvation. In contrast to Schopenhauer’s, Hartmann’s pessimism leads us to devoted action in the service of a sublime task.

[ 9 ] Wie steht es aber mit der Begründung auf Erfahrung?

[ 9 ] But what about the argument based on experience?

[ 10 ] Streben nach Befriedigung ist Hinausgreifen der Lebenstätigkeit über den Lebensinhalt. Ein Wesen ist hungrig, das heißt, es strebt nach Sättigung, wenn seine organischen Funktionen zu ihrem weiteren Verlauf Zuführung neuen Lebensinhaltes in Form von Nahrungsmitteln verlangen. Das Streben nach Ehre besteht darin, daß der Mensch sein persönliches Tun und Lassen erst dann für wertvoll ansieht, wenn zu seiner Betätigung die Anerkennung von außen kommt. Das Streben nach Erkenntnis entsteht, wenn dem Menschen zu der Welt, die er sehen, hören usw. kann, solange etwas fehlt, als er sie nicht begriffen hat. Die Erfüllung des Strebens erzeugt in dem strebenden Individuum Lust, die Nichtbefriedigung Unlust. Es ist dabei wichtig zu beobachten, daß Lust oder Unlust erst von der Erfüllung oder Nichterfüllung meines Strebens abhängt. Das Streben selbst kann keineswegs als Unlust gelten. Wenn es sich also herausstellt, daß in dem Momente des Erfüllens einer Bestrebung sich sogleich wieder eine neue einstellt, so darf ich nicht sagen, die Lust hat für mich Unlust geboren, weil unter allen Umständen der Genuß das Begehren nach seiner Wiederholung oder nach einer neuen Lust erzeugt. Erst wenn dieses Begehren auf die Unmöglichkeit seiner Erfüllung stößt, kann ich von Unlust sprechen. Selbst dann, wenn ein erlebter Genuß in mir das Verlangen nach einem größeren oder raffinierteren Lusterlebnis erzeugt, kann ich von einer durch die erste Lust erzeugten Unlust erst in dem Augenblicke sprechen, wenn mir die Mittel versagt sind, die größere oder raffiniertere Lust zu erleben. Nur dann, wenn als naturgesetzliche Folge des Genusses Unlust eintritt, wie etwa beim Geschlechtsgenuß des Weibes durch die Leiden des Wochenbettes und die Mühen der Kinderpflege, kann ich in dem Genuß den Schöpfer des Schmerzes finden. Wenn Streben als solches Unlust hervorriefe, so müßte jede Beseitigung des Strebens von Lust begleitet sein. Es ist aber das Gegenteil der Fall. Der Mangel an Streben in unserem Lebensinhalte erzeugt Langeweile, und diese ist mit Unlust verbunden. Da aber das Streben naturgemäß lange Zeit dauern kann, bevor ihm die Erfüllung zuteil wird und sich dann vorläufig mit der Hoffnung auf dieselbe zufriedengibt, so muß anerkannt werden, daß die Unlust mit dem Streben als solchem gar nichts zu tun hat, sondern lediglich an der Nichterfüllung desselben hängt. Schopenhauer hat also unter allen Umständen unrecht, wenn er das Begehren oder Streben (den Willen) an sich für den Quell des Schmerzes hält.

[ 10 ] The pursuit of satisfaction is the extension of life activity beyond the substance of life. A being is hungry—that is, it strives for satiety—when its organic functions require the intake of new sustenance in the form of food to continue functioning. The pursuit of honor consists in the fact that a person regards his or her personal actions as valuable only when external recognition is bestowed upon them. The pursuit of knowledge arises when, in relation to the world that a person can see, hear, etc., something is missing as long as they have not comprehended it. The fulfillment of the pursuit generates pleasure in the pursuing individual; non-fulfillment generates displeasure. It is important to note that pleasure or displeasure depends solely on the fulfillment or non-fulfillment of my pursuit. The striving itself can by no means be regarded as displeasure. If it turns out, therefore, that at the moment of fulfilling one aspiration a new one immediately arises, I must not say that pleasure has given birth to displeasure for me, because under all circumstances enjoyment generates the desire for its repetition or for a new pleasure. Only when this desire encounters the impossibility of its fulfillment can I speak of displeasure. Even then, when an experienced pleasure generates in me the desire for a greater or more refined pleasurable experience, I can speak of a displeasure generated by the first pleasure only at the moment when the means to experience the greater or more refined pleasure are denied to me. Only when displeasure occurs as a natural consequence of pleasure—as, for example, in a woman’s sexual pleasure through the sufferings of childbirth and the hardships of child-rearing—can I find in the pleasure the creator of the pain. If striving as such were to evoke displeasure, then any elimination of striving would have to be accompanied by pleasure. But the opposite is the case. The lack of striving in the content of our lives produces boredom, and this is associated with displeasure. But since striving, by its very nature, can last a long time before it is fulfilled and then content itself for the time being with the hope of fulfillment, it must be acknowledged that displeasure has nothing to do with striving as such, but depends solely on the non-fulfillment of the same. Schopenhauer is therefore wrong in every respect when he regards desire or striving (the will) in itself as the source of pain.

[ 11 ] In Wahrheit ist sogar das Gegenteil richtig. Streben (Begehren) an sich macht Freude. Wer kennt nicht den Genuß, den die Hoffnung auf ein entferntes, aber stark begehrtes Ziel bereitet? Diese Freude ist die Begleiterin der Arbeit, deren Früchte uns in Zukunft erst zuteil werden sollen. Diese Lust ist ganz unabhängig von der Erreichung des Zieles. Wenn dann das Ziel erreicht ist, dann kommt zu der Lust des Strebens die der Erfüllung als etwas Neues hinzu. Wer aber sagen wollte: zur Unlust durch ein nichtbefriedigtes Ziel kommt auch noch die über die getäuschte Hoffnung und mache zuletzt die Unlust an der Nichterfüllung doch größer, als die etwaige Lust an der Erfüllung, dem ist zu erwidern: es kann auch das Gegenteil der Fall sein; der Rückblick auf den Genuß in der Zeit des unerfüllten Begehrens wird ebenso oft lindernd auf die Unlust durch Nichterfüllung wirken. Wer im Anblicke gescheiterter Hoffnungen ausruft: Ich habe das Meinige getan! der ist ein Beweisobjekt für diese Behauptung. Das beseligende Gefühl, nach Kräften das Beste gewollt zu haben, übersehen diejenigen, welche an jedes nichterfüllte Begehren die Behauptung knüpfen, daß nicht nur allein die Freude an der Erfüllung ausgeblieben, sondern auch der Genuß des Begehrens selbst zerstört ist.

[ 11 ] In truth, the opposite is actually true. Striving (desire) in itself brings joy. Who is not familiar with the pleasure provided by the hope of a distant but strongly desired goal? This joy accompanies the work whose fruits we are only to receive in the future. This pleasure is entirely independent of the achievement of the goal. When the goal is then achieved, the pleasure of fulfillment is added to the pleasure of striving as something new. But to anyone who might say: to the displeasure caused by an unfulfilled goal is added the disappointment of dashed hope, which ultimately makes the displeasure at non-fulfillment greater than any pleasure in fulfillment—to such a person one must reply: the opposite may also be true; looking back on the pleasure experienced during the time of unfulfilled desire will just as often have a soothing effect on the displeasure caused by non-fulfillment. Anyone who, in the face of failed hopes, exclaims, “I have done my part!” is a case in point for this assertion. The blissful feeling of having done one’s best is overlooked by those who attach to every unfulfilled desire the claim that not only has the joy of fulfillment failed to materialize, but the pleasure of the desire itself has also been destroyed.

[ 12 ] Erfüllung eines Begehrens ruft Lust und Nichterfüllung eines solchen Unlust hervor. Daraus darf nicht geschlossen werden: Lust ist Befriedigung eines Begehrens, Unlust Nichtbefriedigung. Sowohl Lust wie Unlust können sich in einem Wesen einstellen, auch ohne daß sie Folgen eines Begehrens sind. Krankheit ist Unlust, der kein Begehren vorausgeht. Wer behaupten wollte: Krankheit sei unbefriedigtes Begehren nach Gesundheit, der beginge den Fehler, daß er den selbstverständlichen und nicht zum Bewußtsein gebrachten Wunsch, nicht krank zu werden, für ein positives Begehren hielte. Wenn jemand von einem reichen Verwandten, von dessen Existenz er nicht die geringste Ahnung hatte, eine Erbschaft macht, so erfüllt ihn diese Tatsache ohne vorangegangenes Begehren mit Lust.

[ 12 ] The fulfillment of a desire gives rise to pleasure, and the non-fulfillment of a desire gives rise to displeasure. One must not conclude from this that pleasure is the satisfaction of a desire and displeasure is the non-satisfaction of a desire. Both pleasure and displeasure can arise in a being even without being the result of a desire. Illness is displeasure that is not preceded by a desire. Anyone who were to claim that illness is an unfulfilled desire for health would be making the mistake of mistaking the self-evident and unconscious wish not to become ill for a positive desire. If someone inherits a fortune from a wealthy relative whose existence they had not the slightest inkling of, this fact fills them with pleasure without any prior desire.

[ 13 ] Wer also untersuchen will, ob auf Seite der Lust oder der Unlust ein Überschuß zu finden ist, der muß in Rechnung bringen: die Lust am Begehren, die an der Erfüllung des Begehrens, und diejenige, die uns unerstrebt zuteil wird. Auf die andere Seite des Kontobuches wird zu stehen kommen: Unlust aus Langeweile, solche aus nicht erfülltem Streben, und endlich solche, die ohne unser Begehren an uns herantritt. Zu der letzteren Gattung gehört auch die Unlust, die uns aufgedrängte, nicht selbst gewählte Arbeit verursacht.

[ 13 ] Anyone who wishes to determine whether there is a surplus on the side of pleasure or displeasure must take into account: the pleasure of desire, that of the fulfillment of desire, and that which comes to us unbidden. On the other side of the ledger will be: displeasure arising from boredom, that arising from unfulfilled striving, and finally that which comes upon us without our desire. The latter category also includes the displeasure caused by work that is imposed upon us, not chosen by ourselves.

[ 14 ] Nun entsteht die Frage: welches ist das rechte Mittel, um aus diesem Soll und Haben die Bilanz zu erhalten? Eduard von Hartmann ist der Meinung, daß es die abwägende Vernunft ist. Er sagt zwar (Philosophie des Unbewußten, 7. Auflage II. Band, S. 290): «Schmerz und Lust sind nur, insofern sie empfunden werden.» Hieraus folgt, daß es für die Lust keinen andern Maßstab gibt als den subjektiven des Gefühles. Ich muß empfinden, ob die Summe meiner Unlustgefühle zusammengestellt mit meinen Lustgefühlen in mir einen Überschuß von Freude oder Schmerz ergibt. Dessen ungeachtet behauptet Hartmann: «Wenn ... der Lebenswert jedes Wesens nur nach seinem eigenen subjektiven Maßstabe in Anschlag gebracht werden kann ..., so ist doch damit keineswegs gesagt, daß jedes Wesen aus den sämtlichen Affektionen seines Lebens die richtige algebraische Summe ziehe, oder mit anderen Worten, daß sein Gesamturteil über sein eigenes Leben ein in bezug auf seine subjektiven Erlebnisse richtiges sei.» Damit wird doch wieder die vernunftgemäße Beurteilung des Gefühles zum Wertschätzer gemacht. 1Wer ausrechnen will, ob die Gesamtsumme der Lust oder die der Unlust überwiegt, der beachtet eben nicht, daß er eine Rechnung anstellt über etwas, das nirgends erlebt wird. Das Gefühl rechnet nicht, und für die wirkliche Bewertung des Lebens kommt das wirkliche Erlebnis, nicht das Ergebnis einer erträumten Rechnung in Betracht.

[ 14 ] This raises the question: what is the proper means of arriving at the balance sheet from these debits and credits? Eduard von Hartmann believes that it is deliberative reason. He does say (Philosophy of the Unconscious, 7th ed., Vol. II, p. 290): “Pain and pleasure are only such insofar as they are felt.” It follows from this that there is no other standard for pleasure than the subjective one of feeling. I must feel whether the sum of my feelings of displeasure, when combined with my feelings of pleasure, results in a surplus of joy or pain within me. Nevertheless, Hartmann asserts: “ If ... the value of life for every being can be assessed only according to its own subjective standard ..., this by no means implies that every being derives the correct algebraic sum from the totality of the affections of its life, or, in other words, that its overall judgment regarding its own life is correct in relation to its subjective experiences. ” This once again makes the rational assessment of feeling the arbiter of value. 1Whoever wishes to calculate whether the total sum of pleasure or that of displeasure prevails fails to consider that he is making a calculation about something that is not experienced anywhere. Feeling does not calculate, and for the true evaluation of life, it is the actual experience that counts, not the result of a hypothetical calculation.

[ 15 ] Wer sich der Vorstellungsrichtung solcher Denker wie Eduard von Hartmann mehr oder weniger genau anschließt, der kann glauben, er müsse, um zu einer richtigen Bewertung des Lebens zu kommen, die Faktoren aus dem Wege räumen, die unser Urteil über die Lust, und Unlustbilanz verfälschen. Er kann das auf zwei Wegen zu erreichen suchen. Erstens indem er nachweist, daß unser Begehren (Trieb, Wille) sich störend in unsere nüchterne Beurteilung des Gefühlswertes einmischt. Während wir uns zum Beispiel sagen müßten, daß der Geschlechtsgenuß eine Quelle des Übels ist, verführt uns der Umstand, daß der Geschlechtstrieb in uns mächtig ist, dazu, uns eine Lust vorzugaukeln, die in dem Maße gar nicht da ist. Wir wollen genießen; deshalb gestehen wir uns nicht, daß wir unter dem Genusse leiden. Zweitens indem er die Gefühle einer Kritik unterwirft und nachzuweisen sucht, daß die Gegenstände, an die sich die Gefühle knüpfen, vor der Vernunfterkenntnis sich als Illusionen erweisen, und daß sie in dem Augenblicke zerstört werden, wenn unsere stets wachsende Intelligenz die Illusionen durchschaut.

[ 15 ] Anyone who more or less closely follows the line of thought of thinkers such as Eduard von Hartmann may believe that, in order to arrive at a correct assessment of life, they must eliminate the factors that distort our judgment regarding the balance of pleasure and displeasure. They may seek to achieve this in two ways. First by demonstrating that our desires (instincts, will) interfere disruptively with our sober assessment of emotional value. For example, while we ought to tell ourselves that sexual pleasure is a source of evil, the fact that the sexual drive is powerful within us tempts us to delude ourselves into believing in a pleasure that is not actually present to that extent. We want to enjoy ourselves; therefore, we do not admit to ourselves that we suffer under that enjoyment. Second, by subjecting feelings to criticism and seeking to demonstrate that the objects to which feelings are attached prove to be illusions in the light of rational knowledge, and that they are destroyed the moment our ever-growing intelligence sees through the illusions.

[ 16 ] Er kann sich die Sache folgendermaßen denken. Wenn ein Ehrgeiziger sich darüber klar werden will, ob bis zu dem Augenblicke, in dem er seine Betrachtung anstellt, die Lust oder die Unlust den überwiegenden Anteil an seinem Leben gehabt hat, dann muß er sich von zwei Fehlerquellen bei seiner Beurteilung frei machen. Da er ehrgeizig ist, wird dieser Grundzug seines Charakters ihm die Freuden über Anerkennung seiner Leistungen durch ein Vergrößerungsglas, die Kränkungen durch Zurücksetzungen aber durch ein Verkleinerungsglas zeigen. Damals, als er die Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die Kränkungen, gerade weil er ehrgeizig ist; in der Erinnerung erscheinen sie in milderem Lichte, während sich die Freuden über Anerkennungen, für die er so zugänglich ist, um so tiefer einprägen. Nun ist es zwar für den Ehrgeizigen eine wahre Wohltat, daß es so ist. Die Täuschung vermindert sein Unlustgefühl in dem Augenblicke der Selbstbeobachtung. Dennoch ist seine Beurteilung eine falsche. Die Leiden, über die sich ihm ein Schleier breitet, hat er wirklich durchmachen müssen in ihrer ganzen Stärke, und er setzt sie somit in das Kontobuch seines Lebens tatsächlich falsch ein. Um zu einem richtigen Urteile zu kommen, müßte der Ehrgeizige für den Moment seiner Betrachtung sich seines Ehrgeizes entledigen. Er müßte ohne Gläser vor seinem geistigen Auge sein bisher abgelaufenes Leben betrachten. Er gleicht sonst dem Kaufmanne, der beim Abschluß seiner Bücher seinen Geschäftseifer mit auf die Einnahmeseite setzt.

[ 16 ] He might think of it this way. If an ambitious person wants to determine whether, up to the moment he begins his reflection, pleasure or displeasure has played the greater part in his life, then he must free himself from two sources of error in his judgment. Since he is ambitious, this fundamental trait of his character will cause him to view the joys of recognition for his achievements through a magnifying glass, but the insults of rejection through a reducing glass. At the time he experienced the setbacks, he felt the insults precisely because he is ambitious; in memory, they appear in a milder light, while the joys of recognition, to which he is so receptive, are imprinted all the more deeply. Now, it is certainly a true blessing for the ambitious person that this is so. The illusion lessens his sense of displeasure in the moment of self-reflection. Nevertheless, his assessment is a false one. The sufferings over which a veil is drawn, he has truly had to endure in their full intensity, and he thus actually records them incorrectly in the ledger of his life. To arrive at a correct judgment, the ambitious person would have to set aside his ambition for the moment of reflection. He would have to view his life thus far with his mind’s eye, unclouded by any filters. Otherwise, he resembles the merchant who, when closing his books, includes his business zeal on the income side.

[ 17 ] Er kann aber noch weiter gehen. Er kann sagen: Der Ehrgeizige wird sich auch klarmachen, daß die Anerkennungen, nach denen er jagt, wertlose Dinge sind. Er wird selbst zur Einsicht kommen, oder von andern dazu gebracht werden, daß einem vernünftigen Menschen an der Anerkennung von seiten der Menschen nichts liegen könne, da man ja «in allen solchen Sachen, die nicht Lebensfragen der Entwickelung, oder gar von der Wissenschaft schon endgültig gelöst sind», immer darauf schwören kann, «daß die Majoritäten unrecht und die Minoritäten recht haben». «Einem solchen Urteile gibt derjenige sein Lebensglück in die Hände, welcher den Ehrgeiz zu seinem Leitstern macht.» (Philosophie des Unbewußten, II. Band, S. 332.) Wenn sich der Ehrgeizige das alles sagt, dann muß er als eine Illusion bezeichnen, was ihm sein Ehrgeiz als Wirklichkeit vorgestellt hat, folglich auch die Gefühle, die sich an die entsprechenden Illusionen seines Ehrgeizes knüpfen. Aus diesem Grunde könnte dann gesagt werden: es muß auch noch das aus dem Konto der Lebenswerte gestrichen werden, was sich an Lustgefühlen aus Illusionen ergibt; was dann übrig bleibt, stelle die illusionsfreie Lustsumme des Lebens dar, und diese sei gegen die Unlustsumme so klein, daß das Leben kein Genuß, und Nichtsein dem Sein vorzuziehen sei.

[ 17 ] But he can go even further. He can say: The ambitious person will also realize that the recognition he pursues is worthless. He will come to this realization on his own, or be led to it by others, that a reasonable person cannot care about recognition from others, since in “all such matters that are not questions of life and development, or have not even been definitively resolved by science,” one can always be certain “that the majorities are wrong and the minorities are right.” “He who makes ambition his guiding star places his happiness in the hands of such a judgment.” (Philosophy of the Unconscious, Vol. II, p. 332.) If the ambitious person tells himself all this, then he must regard as an illusion the mental image that his ambition has created for him as reality, and consequently also the feelings linked to the corresponding illusions of his ambition. For this reason, it could then be said: what arises from illusions in terms of pleasurable feelings must also be struck from the account of life’s values; what remains then represents the illusion-free sum of life’s pleasures, and this is so small compared to the sum of displeasures that life is no pleasure, and non-existence is to be preferred to existence.

[ 18 ] Aber während es unmittelbar einleuchtend ist, daß die durch Einmischung des ehrgeizigen Triebes bewirkte Täuschung bei Aufstellung der Lustbilanz ein falsches Resultat bewirkt, muß das von der Erkenntnis des illusorischen Charakters der Gegenstände der Lust Gesagte jedoch bestritten werden. Ein Ausscheiden aller an wirkliche oder vermeintliche Illusionen sich knüpfenden Lustgefühle von der Lustbilanz des Lebens würde die letztere geradezu verfälschen. Denn der Ehrgeizige hat über die Anerkennung der Menge wirklich seine Freude gehabt, ganz gleichgültig, ob er selbst später, oder ein anderer diese Anerkennung als Illusion erkennt. Damit wird die genossene freudige Empfindung nicht um das geringste kleiner gemacht. Die Ausscheidung aller solchen «illusorischen» Gefühle aus der Lebensbilanz stellt nicht etwa unser Urteil über die Gefühle richtig, sondern löscht wirklich vorhandene Gefühle aus dem Leben aus.

[ 18 ] But while it is immediately obvious that the deception caused by the interference of the ambitious drive leads to a false result when calculating the balance of pleasure, what has been said regarding the recognition of the illusory nature of the objects of pleasure must nevertheless be contested. Excluding all feelings of pleasure linked to real or supposed illusions from the pleasure balance of life would actually distort the latter. For the ambitious person has truly taken pleasure in the recognition of the crowd, regardless of whether he himself later, or someone else, recognizes this recognition as an illusion. This does not diminish the joyful sensation experienced in the slightest. Excluding all such “illusory” feelings from the balance sheet of life does not correct our judgment of those feelings, but rather erases genuinely existing feelings from life.

[ 19 ] Und warum sollen diese Gefühle ausgeschieden werden? Wer sie hat, bei dem sind sie eben lustbereitend; wer sie überwunden hat, bei dem tritt durch das Erlebnis der Überwindung (nicht durch die selbstgefällige Empfindung: Was bin ich doch für ein Mensch! — sondern durch die objektiven Lustquellen, die in der Überwindung liegen) eine allerdings vergeistigte, aber darum nicht minder bedeutsame Lust ein. Wenn Gefühle aus der Lustbilanz gestrichen werden, weil sie sich an Gegenstände heften, die sich als Illusionen entpuppen, so wird der Wert des Lebens nicht von der Menge der Lust, sondern von der Qualität der Lust und diese von dem Werte der die Lust verursachenden Dinge abhängig gemacht. Wenn ich den Wert des Lebens aber erst aus der Menge der Lust oder Unlust bestimmen will, das es mir bringt, dann darf ich nicht etwas anderes voraussetzen, wodurch ich erst wieder den Wert oder Unwert der Lust bestimme. Wenn ich sage: ich will die Lustmenge mit der Unlustmenge vergleichen und sehen, welche größer ist, dann muß ich auch alle Lust und Unlust in ihren wirklichen Größen in Rechnung bringen, ganz abgesehen davon, ob ihnen eine Illusion zugrunde liegt oder nicht. Wer einer auf Illusion beruhenden Lust einen geringeren Wert für das Leben zuschreibt, als einer solchen, die sich vor der Vernunft rechtfertigen läßt, der macht eben den Wert des Lebens noch von anderen Faktoren abhängig als von der Lust.

[ 19 ] And why should these feelings be eliminated? For those who have them, they are simply sources of pleasure; for those who have overcome them, the experience of overcoming (not through the self-satisfied feeling: “What a person I am!”—but through the objective sources of pleasure inherent in the act of overcoming) brings about a pleasure that is certainly spiritualized, but no less significant for that. If feelings are struck from the balance sheet of pleasure because they are attached to objects that turn out to be illusions, then the value of life is made dependent not on the quantity of pleasure, but on the quality of pleasure, and this in turn on the value of the things that cause the pleasure. But if I wish to determine the value of life solely from the quantity of pleasure or displeasure it brings me, then I must not presuppose anything else by which I would again determine the value or worthlessness of pleasure. If I say: I want to compare the amount of pleasure with the amount of displeasure and see which is greater, then I must also take into account all pleasure and displeasure in their actual magnitudes, quite apart from whether they are based on an illusion or not. Anyone who attributes a lesser value to life for pleasure based on illusion than for pleasure that can be justified before reason is, in fact, making the value of life dependent on factors other than pleasure.

[ 20 ] Wer die Lust deshalb geringer veranschlägt, weil sie sich an einen eitlen Gegenstand knüpft, der gleicht einem Kaufmanne, der das bedeutende Erträgnis einer Spielwarenfabrik deshalb mit dem Viertel des Betrages in sein Konto einsetzt, weil in derselben Gegenstände zur Tändelei für Kinder produziert werden.

[ 20 ] Anyone who underestimates the profit simply because it is tied to a frivolous product is like a merchant who records only a quarter of the substantial profit from a toy factory in his accounts because the factory produces trinkets for children.

[ 21 ] Wenn es sich bloß darum handelt, die Lust, und Unlustmenge gegeneinander abzuwägen, dann ist also der illusorische Charakter der Gegenstände gewisser Lustempfindungen völlig aus dem Spiele zu lassen.

[ 21 ] If it is merely a matter of weighing the amount of pleasure against the amount of displeasure, then the illusory nature of the objects of certain pleasurable sensations must be completely disregarded.

[ 22 ] Der von Hartmann empfohlene Weg vernünftiger Betrachtung der vom Leben erzeugten Lust, und Unlustmenge hat uns also bisher so weit geführt, daß wir wissen, wie wir die Rechnung aufzustellen haben, was wir auf die eine, was auf die andere Seite unseres Kontobuches zu setzen haben. Wie soll aber nun die Rechnung gemacht werden? Ist die Vernunft auch geeignet, die Bilanz zu bestimmen?

[ 22 ] The approach recommended by Hartmann—a rational consideration of the pleasure and pain generated by life—has thus far led us to the point where we know how to draw up the account, what to enter on one side and what on the other. But how, then, should the account be calculated? Is reason also capable of determining the balance?

[ 23 ] Der Kaufmann hat in seiner Rechnung einen Fehler gemacht, wenn der berechnete Gewinn sich mit den durch das Geschäft nachweislich genossenen oder noch zu genießenden Gütern nicht deckt. Auch der Philosoph wird unbedingt einen Fehler in seiner Beurteilung gemacht haben, wenn er den etwa ausgeklügelten Überschuß an Lust beziehungsweise Unlust in der Empfindung nicht nachweisen kann.

[ 23 ] The merchant has made a mistake in his calculation if the calculated profit does not correspond to the goods demonstrably enjoyed or yet to be enjoyed as a result of the transaction. Likewise, the philosopher must necessarily have made an error in his judgment if he cannot demonstrate the supposedly calculated surplus of pleasure or displeasure in the sensation.

[ 24 ] Ich will vorläufig die Rechnung der auf vernunftgemäße Weltbetrachtung sich stütz enden Pessimisten nicht kontrollieren; wer aber sich entscheiden soll, ob er das Lebensgeschäft weiterführen soll oder nicht, der wird erst den Nachweis verlangen, wo der berechnete Überschuß an Unlust steckt.

[ 24 ] For the time being, I do not wish to scrutinize the calculations of those pessimists who base their views on a rational outlook on the world; but anyone who must decide whether or not to continue with the business of life will first demand proof of where this calculated surplus of unhappiness lies.

[ 25 ] Hiermit haben wir den Punkt berührt, wo die Vernunft nicht in der Lage ist, den Überschuß an Lust oder Unlust allein von sich aus zu bestimmen, sondern wo sie diesen Überschuß im Leben als Wahrnehmung zeigen muß. Nicht in dem Begriff allein, sondern in dem durch das Denken vermittelten Ineinandergreifen von Begriff und Wahrnehmung (und Gefühl ist Wahrnehmung) ist dem Menschen das Wirkliche erreichbar (vgl. S. 88ff.). Der Kaufmann wird ja auch sein Geschäft erst dann aufgeben, wenn der von seinem Buchhalter berechnete Verlust an Gütern sich durch die Tatsachen bestätigt. Wenn das nicht der Fall ist, dann läßt er den Buchhalter die Rechnung nochmals machen. Genau in derselben Weise wird es der im Leben stehende Mensch machen. Wenn der Philosoph ihm beweisen will, daß die Unlust weit größer ist als die Lust, er jedoch das nicht empfindet, dann wird er sagen: du hast dich in deinem Grübeln geirrt, denke die Sache nochmals durch. Sind aber in einem Geschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkte wirklich solche Verluste vorhanden, daß kein Kredit mehr ausreicht, um die Gläubiger zu befriedigen, so tritt auch dann der Bankerott ein, wenn der Kaufmann es vermeidet, durch Führung der Bücher Klarheit über seine Angelegenheiten zu haben. Ebenso müßte es, wenn das Unlustquantum bei einem Menschen in einem bestimmten Zeitpunkte so groß würde, daß keine Hoffnung (Kredit) auf künftige Lust ihn über den Schmerz hinwegsetzen könnte, zum Bankerott des Lebensgeschäftes führen.

[ 25 ] We have now reached the point where reason is not able to determine the excess of pleasure or displeasure on its own, but where it must reveal this excess in life as perception. It is not in the concept alone, but in the interplay of concept and perception (and feeling is perception) mediated by thought that reality becomes accessible to human beings (cf. p. 88ff.). After all, the merchant will only give up his business when the loss of goods calculated by his accountant is confirmed by the facts. If that is not the case, then he has the accountant recalculate the figures. A person living in the world will act in exactly the same way. If the philosopher wants to prove to him that displeasure is far greater than pleasure, but he does not feel that to be the case, then he will say: you have erred in your musings; think the matter through again. But if, at a certain point in time, a business truly suffers such losses that no amount of credit is sufficient to satisfy the creditors, then bankruptcy will occur even if the merchant avoids gaining clarity about his affairs by keeping the books. Likewise, if the amount of displeasure in a person at a certain point in time were to become so great that no hope (credit) for future pleasure could lift him above the pain, it would lead to the bankruptcy of the business of life.

[ 26 ] Nun ist aber die Zahl der Selbstmörder doch eine relativ geringe im Verhältnis zu der Menge derjenigen, die mutig weiterleben. Die wenigsten Menschen stellen das Lebensgeschäft der vorhandenen Unlust willen ein. Was folgt daraus? Entweder, daß es nicht richtig ist, zu sagen, die Unlustmenge sei größer als die Lustmenge, oder daß wir unser Weiterleben gar nicht von der empfundenen Lust-oder Unlustmenge abhängig machen.

[ 26 ] Yet the number of people who commit suicide is relatively small compared to the number of those who courageously carry on living. Very few people give up on life simply because of the unpleasantness they experience. What follows from this? Either that it is not correct to say that the amount of displeasure is greater than the amount of pleasure, or that we do not make our continued existence dependent on the amount of pleasure or displeasure we feel.

[ 27 ] Auf eine ganz eigenartige Weise kommt der Pessimismus Eduard von Hartmanns dazu, das Leben wertlos zu erklären, weil darinnen der Schmerz überwiegt, und doch die Notwendigkeit zu behaupten, es durchzumachen. Diese Notwendigkeit liegt darin, daß der oben (S. 207ff.) angegebene Weltzweck nur durch rastlose, hingebungsvolle Arbeit der Menschen erreicht werden kann. Solange aber die Menschen noch ihren egoistischen Gelüsten nachgehen, sind sie zu solcher selbstlosen Arbeit untauglich. Erst wenn sie sich durch Erfahrung und Vernunft überzeugt haben, daß die vom Egoismus erstrebten Lebensgenüsse nicht erlangt werden können, widmen sie sich ihrer eigentlichen Aufgabe. Auf diese Weise soll die pessimistische Überzeugung der Quell der Selbstlosigkeit sein. Eine Erziehung auf Grund des Pessimismus soll den Egoismus dadurch ausrotten, daß sie ihm seine Aussichtslosigkeit vor Augen stellt.

[ 27 ] In a very peculiar way, Eduard von Hartmann’s pessimism leads him to declare life worthless because pain predominates in it, and yet to assert the necessity of enduring it. This necessity lies in the fact that the purpose of the world outlined above (pp. 207ff.) can be achieved only through the tireless, devoted labor of human beings. But as long as people still pursue their selfish desires, they are unfit for such selfless work. Only when they have convinced themselves through experience and reason that the pleasures of life sought by egoism cannot be attained will they devote themselves to their true task. In this way, the pessimistic conviction is to be the source of selflessness. An education based on pessimism is to eradicate egoism by confronting it with its own futility.

[ 28 ] Nach dieser Ansicht liegt also das Streben nach Lust ursprünglich in der Menschennatur begründet. Nur aus Einsicht in die Unmöglichkeit der Erfüllung dankt dieses Streben zugunsten höherer Menschheitsaufgaben ab.

[ 28 ] According to this view, the pursuit of pleasure is thus rooted in human nature. Only upon realizing the impossibility of its fulfillment does this pursuit give way to higher human endeavors.

[ 29 ] Von der sittlichen Weltanschauung, die von der Anerkennung des Pessimismus die Hingabe an unegoistische Lebensziele erhofft, kann nicht gesagt werden, daß sie den Egoismus im wahren Sinne des Wortes überwinde. Die sittlichen Ideale sollen erst dann stark genug sein, sich des Willens zu bemächtigen, wenn der Mensch eingesehen hat, daß das selbstsüchtige Streben nach Lust zu keiner Befriedigung führen kann. Der Mensch, dessen Selbstsucht nach den Trauben der Lust begehrt, findet sie sauer, weil er sie nicht erreichen kann: er geht von ihnen und widmet sich einem selbstlosen Lebenswandel. Die sittlichen Ideale sind, nach der Meinung der Pessimisten, nicht stark genug, den Egoismus zu überwinden; aber sie errichten ihre Herrschaft auf dem Boden, den ihnen vorher die Erkenntnis von der Aussichtslosigkeit der Selbstsucht frei gemacht hat.

[ 29 ] It cannot be said that a moral worldview, which hopes that the acceptance of pessimism will lead to devotion to unselfish life goals, overcomes egoism in the true sense of the word. Moral ideals are only strong enough to take hold of the will once a person has realized that the selfish pursuit of pleasure cannot lead to satisfaction. The person whose selfishness craves the fruits of pleasure finds them sour because he cannot attain them: he turns away from them and devotes himself to a selfless way of life. Moral ideals, in the opinion of the pessimists, are not strong enough to overcome egoism; but they establish their dominion on the ground that has been cleared for them by the realization of the futility of selfishness.

[ 30 ] Wenn die Menschen ihrer Naturanlage nach die Lust erstrebten, sie aber unmöglich erreichen können, dann wäre Vernichtung des Daseins und Erlösung durch das Nichtsein das einzig vernünftige Ziel. Und wenn man der Ansicht ist, daß der eigentliche Träger des Weltschmerzes Gott sei, so müßten die Menschen es sich zur Aufgabe machen, die Erlösung Gottes herbeizuführen. Durch den Selbstmord des einzelnen wird die Erreichung dieses Zieles nicht gefördert, sondern beeinträchtigt. Gott kann vernünftigerweise die Menschen nur geschaffen haben, damit sie durch ihr Handeln seine Erlösung herbeiführen. Sonst wäre die Schöpfung zwecklos. Und an außermenschliche Zwecke denkt eine solche Weltansicht. Jeder muß in dem allgemeinen Erlösungswerke seine bestimmte Arbeit verrichten. Entzieht er sich derselben durch den Selbstmord, so muß die ihm zugedachte Arbeit von einem andern verrichtet werden. Dieser muß statt ihm die Daseinsqual ertragen. Und da in jedem Wesen Gott steckt als der eigentliche Schmerzträger, so hat der Selbstmörder die Menge des Gottesschmerzes nicht im geringsten vermindert, vielmehr Gott die neue Schwierigkeit auferlegt, für ihn einen Ersatzmann zu schaffen.

[ 30 ] If human beings, by their very nature, strive for pleasure but cannot possibly attain it, then the annihilation of existence and salvation through non-being would be the only reasonable goal. And if one holds the view that God is the true bearer of the world’s suffering, then humans would have to make it their task to bring about God’s salvation. The suicide of the individual does not promote the attainment of this goal, but rather impedes it. God can reasonably only have created human beings so that they might bring about his salvation through their actions. Otherwise, creation would be purposeless. And such a worldview does not consider purposes beyond the human. Everyone must perform their specific task within the general work of salvation. If he shirks this duty through suicide, the work intended for him must be performed by another. This other person must endure the agony of existence in his place. And since God dwells within every being as the true bearer of pain, the suicide has not in the least diminished the amount of God’s pain; rather, he has imposed a new difficulty upon God by forcing Him to create a substitute for him.

[ 31 ] Dies alles setzt voraus, daß die Lust ein Wertmaßstab für das Leben sei. Das Leben äußert sich durch eine Summe von Trieben (Bedürfnissen). Wenn der Wert des Lebens davon abhinge, ob es mehr Lust oder Unlust bringt, dann ist der Trieb als wertlos zu bezeichnen, der seinem Träger einen Überschuß der letzteren einträgt. Wir wollen einmal Trieb und Lust daraufhin ansehen, ob der erste durch die zweite gemessen werden kann. Um nicht den Verdacht zu erwecken, das Leben erst mit der Sphäre der «Geistesaristokratie» anfangen zu lassen, beginnen wir mit einem «rein tierischen» Bedürfnis, dem Hunger.

[ 31 ] All of this presupposes that pleasure is a standard of value for life. Life manifests itself through a sum of drives (needs). If the value of life depended on whether it brings more pleasure or displeasure, then the drive that brings its bearer an excess of the latter must be deemed worthless. Let us examine drive and pleasure to see whether the former can be measured by the latter. To avoid the suspicion that life begins only with the sphere of the “intellectual aristocracy,” we shall start with a “purely animal” need: hunger.

[ 32 ] Der Hunger entsteht, wenn unsere Organe ohne neue Stoffzufuhr nicht weiter ihrem Wesen gemäß funktionieren können. Was der Hungrige zunächst erstrebt, ist die Sättigung. Sobald die Nahrungszufuhr in dem Maße erfolgt ist, daß der Hunger aufhört, ist alles erreicht, was der Ernährungstrieb erstrebt. Der Genuß, der sich an die Sättigung knüpft, besteht fürs erste in der Beseitigung des Schmerzes, den der Hunger bereitet. Zu dem bloßen Ernährungstriebe tritt ein anderes Bedürfnis. Der Mensch will durch die Nahrungsaufnahme nicht bloß seine gestörten Organfunktionen wieder in Ordnung bringen, beziehungsweise den Schmerz des Hungers überwinden: er sucht dies auch unter Begleitung angenehmer Geschmacksempfindungen zu bewerkstelligen. Er kann sogar, wenn er Hunger hat und eine halbe Stunde vor einer genußreichen Mahlzeit steht, es vermeiden, durch minderwertige Kost, die ihn früher befriedigen könnte, sich die Lust für das Bessere zu verderben. Er braucht den Hunger, um von seiner Mahlzeit den vollen Genuß zu haben. Dadurch wird ihm der Hunger zugleich zum Veranlasser der Lust. Wenn nun aller in der Welt vorhandene Hunger gestillt werden könnte, dann ergäbe sich die volle Genußmenge, die dem Vorhandensein des Nahrungsbedürfnisses zu verdanken ist. Hinzuzurechnen wäre noch der besondere Genuß, den Leckermäuler durch eine über das Gewöhnliche hinausgehende Kultur ihrer Geschmacksnerven erzielen.

[ 32 ] Hunger arises when our organs can no longer function properly without a fresh supply of nutrients. What the hungry person seeks first and foremost is satiety. As soon as enough food has been consumed to satisfy the hunger, the nutritional instinct has achieved its goal. The pleasure associated with satiety consists, for the time being, in the elimination of the pain caused by hunger. Another need joins the mere nutritional instinct. Through the intake of food, a person does not merely wish to restore the proper functioning of their organs or overcome the pain of hunger; they also seek to accomplish this accompanied by pleasant taste sensations. When hungry and facing a pleasurable meal in half an hour, they may even refrain from spoiling their appetite for the better meal by consuming inferior food that could satisfy them sooner. They need hunger to derive full pleasure from their meal. Thus, hunger simultaneously becomes the instigator of pleasure. If all hunger in the world could be satisfied, then the full amount of enjoyment resulting from the existence of the need for food would be realized. To this must be added the special pleasure that gourmets derive from a refinement of their taste buds that goes beyond the ordinary.

[ 33 ] Den denkbar größten Wert hätte diese Genußmenge, wenn kein auf die in Betracht kommende Genußart hinzielendes Bedürfnis unbefriedigt bliebe, und wenn mit dem Genuß nicht zugleich eine gewisse Menge Unlust in den Kauf genommen werden müßte.

[ 33 ] This amount of pleasure would be as great as possible if no need related to the type of pleasure in question remained unsatisfied, and if the pleasure did not simultaneously entail a certain amount of displeasure.

[ 34 ] Die moderne Naturwissenschaft ist der Ansicht, daß die Natur mehr Leben erzeugt, als sie erhalten kann, das heißt, auch mehr Hunger hervorbringt, als sie zu befriedigen in der Lage ist. Der Überschuß an Leben, der erzeugt wird, muß unter Schmerzen im Kampf ums Dasein zugrunde gehen. Zugegeben: die Lebensbedürfnisse seien in jedem Augenblicke des Weltgeschehens größer, als den vorhandenen Befriedigungsmitteln entspricht, und der Lebensgenuß werde dadurch beeinträchtigt. Der wirklich vorhandene einzelne Lebensgenuß wird aber nicht um das geringste kleiner gemacht. Wo Befriedigung des Begehrens eintritt, da ist die entsprechende Genußmenge vorhanden, auch wenn es in dem begehrenden Wesen selbst oder in andern daneben eine reiche Zahl unbefriedigter Triebe gibt. Was aber dadurch vermindert wird, ist der Wert des Lebensgenusses. Wenn nur ein Teil der Bedürfnisse eines Lebewesens Befriedigung findet, so hat dieses einen dementsprechenden Genuß. Dieser hat einen um so geringeren Wert, je kleiner er ist im Verhältnis zur Gesamtforderung des Lebens im Gebiete der in Frage kommenden Begierden. Man kann sich diesen Wert durch einen Bruch dargestellt denken, dessen Zähler der wirklich vorhandene Genuß und dessen Nenner die Bedürfnissumme ist. Der Bruch hat den Wert 1, wenn Zähler und Nenner gleich sind, das heißt, wenn alle Bedürfnisse auch befriedigt werden. Er wird größer als 1, wenn in einem Lebewesen mehr Lust vorhanden ist, als seine Begierden fordern; und er ist kleiner als 1, wenn die Genußmenge hinter der Summe der Begierden zurückbleibt. Der Bruch kann aber nie Null werden, solange der Zähler auch nur den geringsten Wert hat. Wenn ein Mensch vor seinem Tode den Rechnungsabschluß machte, und die auf einen bestimmten Trieb (zum Beispiel den Hunger) kommende Menge des Genusses sich über das ganze Leben mit allen Forderungen dieses Triebes verteilt dächte, so hätte die erlebte Lust vielleicht nur einen geringen Wert; wertlos aber kann sie nie werden. Bei gleichbleibender Genußmenge nimmt mit der Vermehrung der Bedürfnisse eines Lebewesens der Wert der Lebenslust ab. Ein gleiches gilt für die Summe alles Lebens in der Natur. Je größer die Zahl der Lebewesen ist im Verhältnis zu der Zahl derer, die volleBefriedigung ihrer Triebe finden können, desto geringer ist der durchschnittliche Lustwert des Lebens. Die Wechsel auf den Lebensgenuß, die uns in unseren Trieben ausgestellt sind, werden eben billiger, wenn man nicht hoffen kann, sie für den vollen Betrag einzulösen. Wenn ich drei Tage lang genug zu essen habe und dafür dann weitere drei Tage hungern muß, so wird der Genuß an den drei Eßtagen dadurch nicht geringer. Aber ich muß mir ihn dann auf sechs Tage verteilt denken, wodurch sein Wert für meinen Ernährungstrieb auf die Hälfte herabgemindert wird. Ebenso verhält es sich mit der Größe der Lust im Verhältnis zum Grade meines Bedürfnisses. Wenn ich Hunger für zwei Butterbrote habe, und nur eines bekommen kann, so hat der aus dem einen gezogene Genuß nur die Hälfte des Wertes, den er haben würde, wenn ich nach der Aufzehrung satt wäre. Dies ist die Art, wie im Leben der Wert einer Lust bestimmt wird. Sie wird bemessen an den Bedürfnissen des Lebens. Unsere Begierden sind der Maßstab; die Lust ist das Gemessene. Der Sättigungsgenuß erhält nur dadurch einen Wert, daß Hunger vorhanden ist; und er erhält einen Wert von bestimmter Größe durch das Verhältnis, in dem er zu der Größe des vorhandenen Hungers steht.

[ 34 ] Modern science holds that nature produces more life than it can sustain—that is, it also generates more hunger than it is capable of satisfying. The surplus of life that is produced must perish in the struggle for existence, amidst suffering. Admittedly: the needs of life are, at every moment of world events, greater than the available means of satisfaction, and the enjoyment of life is thereby impaired. However, the actual individual enjoyment of life is not diminished in the slightest. Where the satisfaction of desire occurs, the corresponding amount of pleasure is present, even if there is a large number of unsatisfied drives within the desiring being itself or in others alongside it. What is diminished, however, is the value of the pleasure of life. If only a part of a living being’s needs finds satisfaction, then it experiences a corresponding pleasure. This pleasure has a value that is all the smaller the smaller it is in relation to the total demand of life in the realm of the desires in question. One can conceive of this value as a fraction whose numerator is the actually existing pleasure and whose denominator is the sum of needs. The fraction has the value 1 when the numerator and denominator are equal, that is, when all needs are also satisfied. It becomes greater than 1 when there is more pleasure in a living being than its desires demand; and it is less than 1 when the amount of pleasure falls short of the sum of desires. However, the fraction can never become zero as long as the numerator has even the slightest value. If a person were to take stock before death, and were to imagine the amount of pleasure derived from a particular drive (for example, hunger) distributed over the course of a lifetime to meet all the demands of that drive, the pleasure experienced might have only a small value; but it can never become worthless. With the amount of pleasure remaining constant, the value of the joy of life decreases as the needs of a living being increase. The same applies to the sum of all life in nature. The greater the number of living beings in relation to the number of those who can find full satisfaction of their drives, the lower the average pleasure value of life. The rewards of life’s pleasures, which are offered to us through our instincts, become less valuable when one cannot hope to redeem them in full. If I have enough to eat for three days and must then go hungry for another three days, the pleasure of those three days of eating is not diminished by this. But I must then imagine it spread out over six days, whereby its value for my nutritional drive is reduced by half. The same applies to the magnitude of pleasure in relation to the degree of my need. If I am hungry enough for two buttered rolls and can get only one, the pleasure derived from that one has only half the value it would have if I were full after eating it. This is the way in which the value of a pleasure is determined in life. It is measured against the needs of life. Our desires are the yardstick; pleasure is what is measured. The pleasure of satiety derives its value solely from the presence of hunger; and it derives a value of a certain magnitude from the ratio in which it stands to the magnitude of the existing hunger.

[ 35 ] Unerfüllte Forderungen unseres Lebens werfen ihre Schatten auch auf die befriedigten Begierden und beeinträchtigen den Wert genußreicher Stunden. Man kann aber auch von dem gegenwärtigen Wert eines Lustgefühles sprechen. Dieser Wert ist um so geringer, je kleiner die Lust im Verhältnis zur Dauer und Stärke unserer Begierde ist.

[ 35 ] Unfulfilled desires in our lives cast a shadow even on our satisfied desires and diminish the value of pleasurable moments. However, one can also speak of the present value of a pleasurable sensation. This value is all the smaller the less the pleasure is in relation to the duration and intensity of our desire.

[ 36 ] Vollen Wert hat für uns eine Lustmenge, die an Dauer und Grad genau mit unserer Begierde übereinstimmt. Eine gegenüber unserem Begehren kleinere Lustmenge vermindert den Lustwert; eine größere erzeugt einen nicht verlangten Überschuß, der nur so lange als Lust empfunden wird, als wir während des Genießens unsere Begierde zu steigern vermögen. Sind wir nicht imstande, in der Steigerung unseres Verlangens mit der zunehmenden Lust gleichen Schritt zu halten, so verwandelt sich die Lust in Unlust. Der Gegenstand, der uns sonst befriedigen würde, stürmt auf uns ein, ohne daß wir es wollen, und wir leiden darunter. Dies ist ein Beweis dafür, daß die Lust nur so lange für uns einen Wert hat, als wir sie an unserer Begierde messen können. Ein Übermaß von angenehmem Gefühl schlägt in Schmerz um. Wir können das besonders bei Menschen beobachten, deren Verlangen nach irgendeiner Art von Lust sehr gering ist. Leuten, deren Nahrungstrieb abgestumpft ist, wird das Essen leicht zum Ekel. Auch daraus geht hervor, daß die Begierde der Wertmesser der Lust ist.

[ 36 ] A pleasure is of full value to us if its duration and intensity correspond exactly to our desire. A quantity of pleasure smaller than our desire diminishes the value of pleasure; a larger one produces an unwanted surplus, which is experienced as pleasure only as long as we are able to increase our desire while enjoying it. If we are unable to keep pace with the increasing pleasure by increasing our desire, the pleasure turns into displeasure. The object that would otherwise satisfy us overwhelms us against our will, and we suffer as a result. This is proof that pleasure has value for us only as long as we can measure it against our desire. An excess of pleasant sensation turns into pain. We can observe this particularly in people whose desire for any kind of pleasure is very low. For people whose appetite has become dulled, eating easily becomes a source of disgust. This, too, shows that desire is the measure of pleasure.

[ 37 ] Nun kann der Pessimismus sagen: der unbefriedigte Nahrungstrieb bringe nicht nur die Unlust über den entbehrten Genuß, sondern positive Schmerzen, Qual und Elend in die Welt. Er kann sich hierbei berufen auf das namenlose Elend der von Nahrungssorgen heimgesuchten Menschen; auf die Summe von Unlust, die solchen Menschen mittelbar aus dem Nahrungsmangel erwächst. Und wenn er seine Behauptung auch auf die außermenschliche Natur anwenden will, kann er hinweisen auf die Qualen der Tiere, die in gewissen Jahreszeiten aus Nahrungsmangel verhungern. Von diesen Übeln behauptet der Pessimist, daß sie die durch den Nahrungstrieb in die Welt gesetzte Genußmenge reichlich überwiegen.

[ 37 ] Now, the pessimist might argue that the unsatisfied drive for food brings not only the displeasure of deprived pleasure, but also actual pain, torment, and misery into the world. In this regard, he can point to the nameless misery of people plagued by worries about food; to the sum of displeasure that arises indirectly for such people from the lack of food. And if he wishes to apply his claim to non-human nature as well, he can point to the torments of animals that starve to death in certain seasons due to a lack of food. The pessimist claims that these evils far outweigh the amount of pleasure brought into the world by the instinct for food.

[ 38 ] Es ist ja zweifellos, daß man Lust und Unlust miteinander vergleichen und den Überschuß der einen oder der andern bestimmen kann, wie das bei Gewinn und Verlust geschieht. Wenn aber der Pessimismus glaubt, daß auf Seite der Unlust sich ein Überschuß ergibt, und er daraus auf die Wertlosigkeit des Lebens schließen zu können meint, so ist er schon insofern im Irrtum, als er eine Rechnung macht, die im wirklichen Leben nicht ausgeführt wird.

[ 38 ] There is no doubt that one can compare pleasure and displeasure and determine which of the two prevails, just as one does with gain and loss. But if pessimism believes that there is a surplus on the side of displeasure, and thinks it can conclude from this that life is worthless, it is already mistaken insofar as it makes a calculation that does not hold true in real life.

[ 39 ] Unsere Begierde richtet sich im einzelnen Falle auf einen bestimmten Gegenstand. Der Lustwert der Befriedigung wird, wie wir gesehen haben, um so größer sein, je größer die Lustmenge im Verhältnis zur Größe unseres Begehrens ist. 2on dem Falle, wo durch übermäßige Steigerung der Lust diese in Unlust umschlägt, sehen wir hier ab. Von der Größe unseres Begehrens hängt es aber auch ab, wie groß die Menge der Unlust ist, die wir mit in Kauf nehmen wollen, um die Lust zu erreichen. Wir vergleichen die Menge der Unlust nicht mit der der Lust, sondern mit der Größe unserer Begierde. Wer große Freude am Essen hat, der wird wegen des Genusses in besseren Zeiten sich leichter über eine Periode des Hungers hinweghelfen, als ein anderer, dem diese Freude an der Befriedigung des Nahrungstriebes fehlt. Das Weib, das ein Kind haben will, vergleicht nicht die Lust, die ihm aus dessen Besitz erwächst, mit den Unlustmengen, die aus Schwangerschaft, Kindbett, Kinderpflege und so weiter sich ergeben, sondern mit seiner Begierde nach dem Besitz des Kindes.

[ 39 ] In each specific case, our desire is directed toward a particular object. As we have seen, the pleasurable value of satisfaction will be all the greater the greater the amount of pleasure is in relation to the magnitude of our desire. 2We disregard here the case where pleasure turns into displeasure due to an excessive increase in pleasure. However, the magnitude of our desire also determines the amount of displeasure we are willing to accept in order to attain pleasure. We do not compare the amount of displeasure with that of pleasure, but with the magnitude of our desire. Someone who takes great pleasure in eating will, because of the enjoyment in better times, find it easier to endure a period of hunger than another who lacks this pleasure in satisfying the drive for food. The woman who wants to have a child does not compare the pleasure she derives from having the child with the amounts of displeasure resulting from pregnancy, childbirth, childcare, and so on, but with her desire to have the child.

[ 40 ] Wir erstreben niemals eine abstrakte Lust von bestimmter Größe, sondern die konkrete Befriedigung in einer ganz bestimmten Weise. Wenn wir nach einer Lust streben, die durch einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Empfindung befriedigt werden muß, so können wir nicht dadurch befriedigt werden, daß uns ein anderer Gegenstand oder eine andere Empfindung zuteil wird, die uns eine Lust von gleicher Größe bereitet. Wer nach Sättigung strebt, dem kann man die Lust an derselben nicht durch eine gleich große, aber durch einen Spaziergang erzeugte ersetzen. Nur wenn unsere Begierde ganz allgemein nach einem bestimmten Lustquantum strebte, dann müßte sie sofort verstummen, wenn diese Lust nicht ohne ein sie an Größe überragendes Unlustquantum zu erreichen wäre. Da aber die Befriedigung auf eine bestimmte Art erstrebt wird, so tritt die Lust mit der Erfüllung auch dann ein, wenn mit ihr eine sie überwiegende Unlust in Kauf genommen werden muß. Dadurch, daß sich die Triebe der Lebewesen in einer bestimmten Richtung bewegen und auf ein konkretes Ziel losgehen, hört die Möglichkeit auf, die auf dem Wege zu diesem Ziele sich entgegenstellende Unlustmenge als gleichgeltenden Faktor mit in Rechnung zu bringen. Wenn die Begierde nur stark genug ist, um nach Überwindung der Unlust — und sei sie absolut genommen noch so groß — noch in irgendeinem Grade vorhanden zu sein, so kann die Lust an der Befriedigung doch noch in voller Größe durchgekostet werden. Die Begierde bringt also die Unlust nicht direkt in Beziehung zu der erreichten Lust, sondern indirekt, indem sie ihre eigene Größe (im Verhältnis) zu der der Unlust in eine Beziehung bringt. Nicht darum handelt es sich, ob die zu erreichende Lust oder Unlust größer ist, sondern darum, ob die Begierde nach dem erstrebten Ziele oder der Widerstand der entgegentretenden Unlust größer ist. Ist dieser Widerstand größer als die Begierde, dann ergibt sich die letztere in das Unvermeidliche, erlahmt und strebt nicht weiter. Dadurch, daß Befriedigung in einer bestimmten Art verlangt wird, gewinnt die mit ihr zusammenhängende Lust eine Bedeutung, die es ermöglicht, nach eingetretener Befriedigung das notwendige Unlustquantum nur insofern in die Rechnung einzustellen, als es das Maß unserer Begierde verringert hat. Wenn ich ein leidenschaftlicher Freund von Fernsichten bin, so berechne ich niemals: wieviel Lust macht mir der Blick von dem Berggipfel aus, direkt verglichen mit der Unlust des mühseligen Auf, und Abstiegs. Ich überlege aber: ob nach Überwindung der Schwierigkeiten meine Begierde nach der Fernsicht noch lebhaft genug sein wird. Nur mittelbar durch die Größe der Begierde können Lust und Unlust zusammen ein Ergebnis liefern. Es fragt sich also gar nicht, ob Lust oder Unlust im Übermaße vorhanden ist, sondern ob das Wollen der Lust stark genug ist, die Unlust zu überwinden.

[ 40 ] We never seek an abstract pleasure of a certain magnitude, but rather concrete satisfaction in a very specific way. If we strive for a pleasure that must be satisfied by a specific object or sensation, we cannot be satisfied by receiving another object or sensation that gives us a pleasure of equal magnitude. For those who strive for satiety, the pleasure derived from it cannot be replaced by one of equal magnitude produced by a walk. Only if our desire were generally striving for a specific quantity of pleasure would it immediately cease if this pleasure could not be attained without a quantity of displeasure that surpasses it in magnitude. But since satisfaction is sought in a specific way, pleasure occurs with fulfillment even when a greater amount of displeasure must be accepted along with it. Because the drives of living beings move in a specific direction and set out toward a concrete goal, the possibility ceases to exist of taking into account the amount of displeasure encountered on the way to this goal as an equally valid factor. If the desire is strong enough that, after overcoming the displeasure—no matter how great it may be in absolute terms—it still remains to some degree, then the pleasure of satisfaction can still be fully savored. Desire, therefore, does not relate aversion directly to the pleasure attained, but indirectly, by relating its own magnitude (in proportion) to that of the aversion. The issue is not whether the pleasure or displeasure to be attained is greater, but whether the desire for the desired goal or the resistance of the opposing displeasure is greater. If this resistance is greater than the desire, then the latter yields to the inevitable, wanes, and ceases to strive. Because satisfaction is demanded in a specific way, the pleasure associated with it acquires a significance that makes it possible, once satisfaction has been achieved, to factor in the necessary amount of displeasure only to the extent that it has diminished the measure of our desire. If I am a passionate lover of distant views, I never calculate: how much pleasure the view from the mountain peak gives me, directly compared to the displeasure of the laborious ascent and descent. I do, however, consider whether, after overcoming the difficulties, my desire for the view will still be vivid enough. Only indirectly, through the intensity of the desire, can pleasure and displeasure together produce a result. The question is therefore not whether pleasure or displeasure is present in excess, but whether the will to pleasure is strong enough to overcome the displeasure.

[ 41 ] Ein Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung ist der Umstand, daß der Wert der Lust höher angeschlagen wird, wenn sie durch große Unlust erkauft werden muß, als dann, wenn sie uns gleichsam wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß fällt. Wenn Leiden und Qualen unsere Begierde herabgestimmt haben, und dann das Ziel doch noch erreicht wird, dann ist eben die Lust im Verhältnis zu dem noch übriggebliebenen Quantum der Begierde um so größer. Dieses Verhältnis stellt aber, wie ich gezeigt habe, den Wert der Lust dar (vgl. S. 221ff.). Ein weiterer Beweis ist dadurch gegeben, daß die Lebewesen (einschließlich des Menschen) ihre Triebe so lange zur Entfaltung bringen, als sie imstande sind, die entgegenstehenden Schmerzen und Qualen zu ertragen. Und der Kampf ums Dasein ist nur die Folge dieser Tatsache. Das vorhandene Leben strebt nach Entfaltung, und nur derjenige Teil gibt den Kampf auf, dessen Begierden durch die Gewalt der sich auftürmenden Schwierigkeiten erstickt werden. Jedes Lebewesen sucht so lange nach Nahrung, bis der Nahrungsmangel sein Leben zerstört. Und auch der Mensch legt erst Hand an sich selber, wenn er (mit Recht oder Unrecht) glaubt, die ihm erstrebenswerten Lebensziele nicht erreichen zu können. Solange er aber noch an die Möglichkeit glaubt, das nach seiner Ansicht Erstrebenswerte zu erreichen, kämpft er gegen alle Qualen und Schmerzen an. Die Philosophie müßte dem Menschen erst die Meinung beibringen, daß Wollen nur dann einen Sinn hat, wenn die Lust größer als die Unlust ist; seiner Natur nach will er die Gegenstände seines Begehrens erreichen, wenn er die dabei notwendig werdende Unlust ertragen kann, sei sie dann auch noch so groß. Eine solche Philosophie wäre aber irrtümlich, weil sie das menschliche Wollen von einem Umstande abhängig macht (Überschuß der Lust über die Unlust), der dem Menschen ursprünglich fremd ist. Der ursprüngliche Maßstab des Wollens ist die Begierde, und diese setzt sich durch, solange sie kann. Man kann die Rechnung, welche das Leben, nicht eine verstandesmäßige Philosophie, anstellt, wenn Lust und Unlust bei Befriedigung eines Begehrens in Frage kommen, mit dem folgenden vergleichen. Wenn ich gezwungen bin, beim Einkaufe eines bestimmten Quantums Apfel doppelt so viele schlechte als gute mitzunehmen — weil der Verkäufer seinen Platz frei bekommen will — so werde ich mich keinen Moment besinnen, die schlechten Apfel mitzunehmen, wenn ich den Wert der geringeren Menge guter für mich so hoch veranschlagen darf, daß ich zu dem Kaufpreis auch noch die Auslagen für Hinwegschaffung der schlechten Ware auf mich nehmen will. Dies Beispiel veranschaulicht die Beziehung zwischen den durch einen Trieb bereiteten Lust, und Unlustmengen. Ich bestimme den Wert der guten Apfel nicht dadurch, daß ich ihre Summe von der der schlechten subtrahiere, sondern danach, ob die ersteren trotz des Vorhandenseins der letzteren noch einen Wert behalten.

[ 41 ] Proof of the truth of this assertion is the fact that pleasure is valued more highly when it must be earned through great discomfort than when it falls into our laps, as it were, like a gift from heaven. When suffering and torment have dampened our desire, and the goal is nevertheless achieved, then the pleasure is all the greater in proportion to the remaining amount of desire. But this proportion, as I have shown, represents the value of the pleasure (cf. p. 221ff.). Further proof is provided by the fact that living beings (including humans) continue to develop their instincts as long as they are able to endure the opposing pains and torments. And the struggle for existence is merely the consequence of this fact. Existing life strives for fulfillment, and only that part gives up the struggle whose desires are stifled by the force of mounting difficulties. Every living being seeks food until the lack of it destroys its life. And humans, too, only take their own lives when they believe (rightly or wrongly) that they cannot achieve the life goals they deem desirable. But as long as he still believes in the possibility of achieving what he considers desirable, he fights against all torments and pains. Philosophy would first have to teach man the view that will has meaning only when pleasure outweighs displeasure; by nature, they seek to attain the objects of their desire if they can endure the displeasure that becomes necessary in the process, no matter how great it may be. Such a philosophy, however, would be erroneous, because it makes human volition dependent on a condition (the excess of pleasure over displeasure) that is originally foreign to human beings. The original measure of volition is desire, and this prevails as long as it can. One can compare the calculation that life, not a rational philosophy, makes when pleasure and displeasure come into play in the satisfaction of a desire, with the following. If I am forced, take twice as many bad apples as good ones when buying a certain quantity of apples—because the seller wants to clear his space—I will not hesitate for a moment to take the bad apples if I may estimate the value of the smaller quantity of good ones so highly that I am willing to bear the cost of disposing of the bad goods in addition to the purchase price. This example illustrates the relationship between the amounts of pleasure and displeasure produced by an impulse. I do not determine the value of the good apples by subtracting their total from that of the bad ones, but rather by whether the former retain a value despite the presence of the latter.

[ 42 ] Ebenso wie ich bei dem Genuß der guten Apfel die schlechten unberücksichtigt lasse, so gebe ich mich der Befriedigung einer Begierde hin, nachdem ich die notwendigen Qualen abgeschüttelt habe.

[ 42 ] Just as I ignore the bad apples when enjoying the good ones, so I give myself over to the satisfaction of a desire after I have shaken off the necessary torments.

[ 43 ] Wenn der Pessimismus auch recht hätte mit seiner Behauptung, daß in der Welt mehr Unlust als Lust vorhanden ist: auf das Wollen wäre das ohne Einfluß, denn die Lebewesen streben nach der übrigbleibenden Lust doch. Der empirische Nachweis, daß der Schmerz die Freude überwiegt, wäre, wenn er gelänge, zwar geeignet, die Aussichtslosigkeit jener philosophischen Richtung zu zeigen, die den Wert des Lebens in dem Überschuß der Lust sieht (Eudämonismus), nicht aber das Wollen überhaupt als unvernünftig hinzustellen; denn dieses geht nicht auf einen Überschuß von Lust, sondern auf die nach Abzug der Unlust noch übrigbleibende Lustmenge. Diese erscheint noch immer als ein erstrebenswertes Ziel.

[ 43 ] Even if pessimism were correct in its assertion that there is more pain than pleasure in the world, this would have no bearing on volition, for living beings still strive for the remaining pleasure. Empirical proof that pain outweighs pleasure, if it were to be established, would indeed be suitable for demonstrating the futility of that philosophical school of thought which sees the value of life in an excess of pleasure (eudaemonism), but it would not serve to portray volition in general as irrational; for the will does not depend on an excess of pleasure, but on the amount of pleasure remaining after the subtraction of displeasure. This still appears as a goal worth striving for.

[ 44 ] Man hat den Pessimismus dadurch zu widerlegen versucht, daß man behauptete, es sei unmöglich, den Überschuß von Lust oder Unlust in der Welt auszurechnen. Die Möglichkeit einer jeden Berechnung beruht darauf, daß die in Rechnung zu stellenden Dinge ihrer Größe nach miteinander verglichen werden können. Nun hat jede Unlust und jede Lust eine bestimmte Größe (Stärke und Dauer). Auch Lustempfindungen verschiedener Art können wir ihrer Größe nach wenigstens schätzungsweise vergleichen. Wir wissen, ob uns eine gute Zigarre oder ein guter Witz mehr Vergnügen macht. Gegen die Vergleichbarkeit verschiedener Lust, und Unlustsorten, ihrer Größe nach, läßt sich somit nichts einwenden. Und der Forscher, der es sich zur Aufgabe macht, den Lust, oder Unlustüberschuß in der Welt zu bestimmen, geht von durchaus berechtigten Voraussetzungen aus. Man kann die Irrtümlichkeit der pessimistischen Resultate behaupten, aber man darf die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Abschätzung derLust, und Unlustmengen und damit die Bestimmung der Lustbilanz nicht anzweifeln. Unrichtig aber ist es, wenn behauptet wird, daß aus dem Ergebnisse dieser Rechnung für das menschliche Wollen etwas folge. Die Fälle, wo wir den Wert unserer Betätigung wirklich davon abhängig machen, ob die Lust oder die Unlust einen Überschuß zeigt, sind die, in denen uns die Gegenstände, auf die unser Tun sich richtet, gleichgültig sind. Wenn es sich mir darum handelt, nach meiner Arbeit mir ein Vergnügen durch ein Spiel oder eine leichte Unterhaltung zu bereiten, und es mir völlig gleichgültig ist, was ich zu diesem Zwecke tue, so frage ich mich: was bringt mir den größten Überschuß an Lust? Und ich unterlasse eine Betätigung unbedingt, wenn sich die Waage nach der Unlustseite hin neigt. Bei einem Kinde, dem wir ein Spielzeug kaufen wollen, denken wir bei der Wahl nach, was ihm die meiste Freude bereitet. In allen anderen Fällen bestimmen wir uns nicht ausschließlich nach der Lustbilanz.

[ 44 ] Attempts have been made to refute pessimism by claiming that it is impossible to calculate the surplus of pleasure or pain in the world. The possibility of any calculation rests on the fact that the items to be taken into account can be compared with one another in terms of magnitude. Now, every displeasure and every pleasure has a specific magnitude (intensity and duration). We can also compare sensations of pleasure of different kinds, at least approximately, in terms of their magnitude. We know whether a good cigar or a good joke gives us more pleasure. There is thus no objection to the comparability of different kinds of pleasure and displeasure in terms of their magnitude. And the researcher who sets out to determine the surplus of pleasure or displeasure in the world proceeds from entirely justified premises. One may claim that the pessimistic results are erroneous, but one must not doubt the possibility of a scientific estimation of the quantities of pleasure and displeasure and thus the determination of the balance of pleasure. It is incorrect, however, to claim that anything follows for human volition from the results of this calculation. The cases in which we truly make the value of our activity dependent on whether pleasure or displeasure shows a surplus are those in which we are indifferent to the objects toward which our actions are directed. If my aim is to treat myself to some pleasure after work through a game or light entertainment, and I am completely indifferent as to what I do for this purpose, I ask myself: what brings me the greatest surplus of pleasure? And I will certainly refrain from an activity if the balance tips toward the side of displeasure. When we want to buy a toy for a child, we consider what will give them the most joy when making our choice. In all other cases, we do not base our decisions exclusively on the balance of pleasure.

[ 45 ] Wenn also die pessimistischen Ethiker der Ansicht sind, durch den Nachweis, daß die Unlust in größerer Menge vorhanden ist als die Lust, den Boden für die selbstlose Hingabe an die Kulturarbeit zu bereiten, so bedenken sie nicht, daß sich das menschliche Wollen seiner Natur nach von dieser Erkenntnis nicht beeinflussen läßt. Das Streben der Menschen richtet sich nach dem Maße der nach Überwindung aller Schwierigkeiten möglichen Befriedigung. Die Hoffnung auf diese Befriedigung ist der Grund der menschlichen Betätigung. Die Arbeit jedes einzelnen und die ganze Kulturarbeit entspringt aus dieser Hoffnung. Die pessimistische Ethik glaubt dem Menschen die Jagd nach dem Glücke als eine unmögliche hinstellen zu müssen, damit er sich seinen eigentlichen sittlichen Aufgaben widme. Aber diese sittlichen Aufgaben sind nichts anderes als die konkreten natürlichen und geistigen Triebe; und die Befriedigung derselben wird angestrebt trotz der Unlust, die dabei abfällt. Die Jagd nach dem Glücke, die der Pessimismus ausrotten will, ist also gar nicht vorhanden. Die Aufgaben aber, die der Mensch zu vollbringen hat, vollbringt er, weil er sie kraft seines Wesens, wenn er ihr Wesen wirklich erkannt hat, vollbringen will. Die pessimistische Ethik behauptet, der Mensch könne erst dann sich dem hingeben, was er als seine Lebensaufgabe erkennt, wenn er das Streben nach Lust aufgegeben hat. Keine Ethik aber kann je andere Lebensaufgaben ersinnen als die Verwirklichung der von den menschlichenBegierden gefordertenBefriedigungen und die Erfüllung seiner sittlichen Ideale. Keine Ethik kann ihm die Lust nehmen, die er an dieser Erfüllung des von ihm Begehrten hat. Wenn der Pessimist sagt: strebe nicht nach Lust, denn du kannst sie nie erreichen; strebe nach dem, was du als deine Aufgabe erkennst, so ist darauf zu erwidern: das ist Menschenart, und es ist die Erfindung einer auf Irrwegen wandelnden Philosophie, wenn behauptet wird, der Mensch strebe bloß nach dem Glücke. Er strebt nach Befriedigung dessen, was sein Wesen begehrt und hat die konkreten Gegenstände dieses Strebens im Auge, nicht ein abstraktes «Glück»; und die Erfüllung ist ihm eine Lust. Was die pessimistische Ethik verlangt: nicht Streben nach Lust, sondern nach Erreichung dessen, was du als deine Lebensaufgabe erkennst, so trifft sie damit dasjenige, was der Mensch seinem Wesen nach will. Der Mensch braucht durch die Philosophie nicht erst umgekrempelt zu werden, er braucht seine Natur nicht erst abzuwerfen, um sittlich zu sein, Sittlichkeit liegt in dem Streben nach einem als berechtigt erkannten Ziel; ihm zu folgen, liegt im Menschenwesen, solange eine damit verknüpfte Unlust die Begierde danach nicht lähmt. Und dieses ist das Wesen alles wirklichen Wollens. Die Ethik beruht nicht auf der Ausrottung alles Strebens nach Lust, damit bleichsüchtige abstrakte Ideen ihre Herrschaft da aufschlagen können, wo ihnen keine starke Sehnsucht nach Lebensgenuß entgegensteht, sondern auf dem starken, von ideeller Intuition getragenen Wollen, das sein Ziel erreicht, auch wenn der Weg dazu ein dornenvoller ist.

[ 45 ] Thus, while pessimistic ethicists believe that by demonstrating that aversion outweighs pleasure, they can lay the groundwork for selfless dedication to cultural work, they fail to consider that human will, by its very nature, cannot be influenced by this realization. Human endeavor is directed toward the degree of satisfaction possible after overcoming all difficulties. The hope for this satisfaction is the basis of human activity. The work of each individual and all cultural work springs from this hope. Pessimistic ethics believes it must present the pursuit of happiness as impossible for humans, so that they may devote themselves to their actual moral duties. But these moral duties are nothing other than concrete natural and spiritual drives; and their satisfaction is sought despite the displeasure that accompanies it. The pursuit of happiness, which pessimism seeks to eradicate, therefore does not exist at all. But the duties that man has to perform, he performs because, by virtue of his nature, once he has truly recognized their nature, he wants to perform them. Pessimistic ethics claims that man can only devote himself to what he recognizes as his life’s task once he has given up the pursuit of pleasure. But no ethics can ever conceive of any other life tasks than the realization of the satisfactions demanded by human desires and the fulfillment of one’s moral ideals. No ethics can take away the pleasure one derives from this fulfillment of what one desires. When the pessimist says: do not strive for pleasure, for you can never attain it; strive for what you recognize as your task, the reply must be: that is human nature, and it is the invention of a philosophy wandering down the wrong path when it is claimed that man strives merely for happiness. He strives for the satisfaction of what his nature desires and has the concrete objects of this striving in view, not an abstract “happiness”; and fulfillment is a pleasure to him. What pessimistic ethics demands—not striving for pleasure, but for the attainment of what you recognize as your life’s task—thus strikes at the very thing that man, by his very nature, wants. Man does not first need to be turned upside down by philosophy; he does not first need to cast off his nature in order to be moral. Morality lies in the pursuit of a goal recognized as justified; to follow it lies in human nature, as long as a displeasure associated with it does not paralyze the desire for it. And this is the essence of all true willing. Ethics does not rest on the eradication of all striving for pleasure, so that anemic abstract ideas may establish their dominion where no strong longing for the enjoyment of life stands in their way, but rather on the strong, by ideal intuition sustained will that achieves its goal, even if the path to it is a thorny one.

[ 46 ] Die sittlichen Ideale entspringen aus der moralischen Phantasie des Menschen. Ihre Verwirklichung hängt davon ab, daß sie von dem Menschen stark genug begehrt werden, um Schmerzen und Qualen zu überwinden. Sie sind seine Intuitionen, die Triebfedern, die sein Geist spannt; er will sie, weil ihre Verwirklichung seine höchste Lust ist. Er hat es nicht nötig, sich von der Ethik erst verbieten zu lassen, daß er nach Lust strebe, um sich dann gebieten zu lassen, wonach er streben soll. Er wird nach sittlichen Idealen streben, wenn seine moralische Phantasie tätig genug ist, um ihm Intuitionen einzugeben, die seinem Wollen die Stärke verleihen, sich gegen die in seiner Organisation liegenden Widerstände, wozu auch notwendige Unlust gehört, durchzusetzen.

[ 46 ] Moral ideals spring from the moral imagination of human beings. Their realization depends on people desiring them strongly enough to overcome pain and suffering. They are his intuitions, the driving forces that his mind sets in motion; he wants them because their realization is his highest pleasure. He has no need to first let ethics forbid him from striving for pleasure, only to then be commanded as to what he should strive for. He will strive for moral ideals if his moral imagination is active enough to inspire him with intuitions that give his will the strength to prevail against the resistances inherent in his nature, which also include necessary aversion.

[ 47 ] Wer nach Idealen von hehrer Größe strebt, der tut es, weil sie der Inhalt seines Wesens sind, und die Verwirklichung wird ihm ein Genuß sein, gegen den die Lust, welche die Armseligkeit aus der Befriedigung der alltäglichen Triebe zieht, eine Kleinigkeit ist. Idealisten schwelgen geistig bei der Umsetzung ihrer Ideale in Wirklichkeit.

[ 47 ] Those who strive for ideals of noble grandeur do so because these ideals are the very essence of their being, and their realization will be a pleasure to them that dwarfs the mere gratification derived from the satisfaction of everyday instincts. Idealists revel intellectually in the realization of their ideals.

[ 48 ] Wer die Lust an der Befriedigung des menschlichen Begehrens ausrotten will, muß den Menschen erst zum Sklaven machen, der nicht handelt, weil er will, sondern nur, weil er soll. Denn die Erreichung des Gewollten macht Lust. Was man das Gute nennt, ist nicht das, was der Mensch soll, sondern das, was er will, wenn er die volle wahre Menschennatur zur Entfaltung bringt. Wer dies nicht anerkennt, der muß dem Menschen erst das austreiben, was er will, und ihm dann von außen das vorschreiben lassen, was er seinem Wollen zum Inhalt zu geben hat.

[ 48 ] Anyone who wishes to eradicate the pleasure derived from the satisfaction of human desire must first turn people into slaves who act not because they want to, but only because they must. For it is the attainment of what one desires that brings pleasure. What is called the good is not what a person ought to do, but what he wants when he brings his full, true human nature to fruition. Anyone who does not recognize this must first drive out of a person what he wants, and then have him from the outside prescribed what he is to give as the content of his will.

[ 49 ] Der Mensch verleiht der Erfüllung einer Begierde einen Wert, weil sie aus seinem Wesen entspringt. Das Erreichte hat seinen Wert, weil es gewollt ist. Spricht man dem Ziel des menschlichen Wollens als solchem seinen Wert ab, dann muß man die wertvollen Ziele von etwas nehmen, das der Mensch nicht will.

[ 49 ] Human beings attribute value to the fulfillment of a desire because it springs from their very nature. What is achieved has value because it is willed. If one denies the value of the object of human will as such, then one must derive valuable goals from something that human beings do not will.

[ 50 ] Die auf den Pessimismus sich aufbauende Ethik entspringt aus der Mißachtung der moralischen Phantasie. Wer den individuellen Menschengeist nicht für fähig hält, sich selbst den Inhalt seines Strebens zu geben, nur der kann die Summe des Wollens in der Sehnsucht nach Lust suchen. Der phantasielose Mensch schafft keine sittlichen Ideen. Sie müssen ihm gegeben werden. Daß er nach Befriedigung seiner niederen Begierden strebt: dafür aber sorgt die physische Natur. Zur Entfaltung des ganzen Menschen gehören aber auch die aus dem Geiste stammenden Begierden. Nur wenn man der Meinung ist, daß diese der Mensch überhaupt nicht hat, kann man behaupten, daß er sie von außen empfangen soll. Dann ist man auch berechtigt, zu sagen, daß er verpflichtet ist, etwas zu tun, was er nicht will. Jede Ethik, die von dem Menschen fordert, daß er sein Wollen zurückdränge, um Aufgaben zu erfüllen, die er nicht will, rechnet nicht mit dem ganzen Menschen, sondern mit einem solchen, dem das geistige Begehrungsvermögen fehlt. Für den harmonisch entwickelten Menschen sind die sogenannten Ideen des Guten nicht außerhalb, sondern innerhalb des Kreises seines Wesens. Nicht in der Austilgung eines einseitigen Eigenwillens liegt das sittliche Handeln, sondern in der vollen Entwickelung der Menschennatur. Wer die sittlichen Ideale nur für erreichbar hält, wenn der Mensch seinen Eigenwillen ertötet, der weiß nicht, daß diese Ideale ebenso von dem Menschen gewollt sind, wie die Befriedigung der sogenannten tierischen Triebe.

[ 50 ] An ethics based on pessimism stems from a disregard for moral imagination. Only those who do not believe the individual human spirit is capable of determining the content of its own aspirations can seek the sum total of volition in the longing for pleasure. The unimaginative person creates no moral ideas. They must be given to him. That he strives for the satisfaction of his base desires—physical nature sees to that. But the development of the whole human being also includes desires that originate in the spirit. Only if one believes that humans do not possess these at all can one claim that they should receive them from outside. Then one is also justified in saying that he is obligated to do something he does not want to do. Any ethics that demands of a person that he suppress his will in order to fulfill tasks he does not want to perform does not take into account the whole person, but rather one who lacks the capacity for spiritual desire. For the harmoniously developed human being, the so-called ideas of the good are not outside but within the circle of his being. Moral action does not lie in the eradication of a one-sided self-will, but in the full development of human nature. Anyone who believes that moral ideals can only be attained if a person kills his own will does not realize that these ideals are just as much desired by man as the satisfaction of so-called animal instincts.

[ 51 ] Es ist nicht zu leugnen, daß die hiermit charakterisierten Anschauungen leicht mißverstanden werden können. Unreife Menschen ohne moralische Phantasie sehen gerne die Instinkte ihrer Halbnatur für den vollen Menschheitsgehalt an, und lehnen alle nicht von ihnen erzeugten sittlichen Ideen ab, damit sie ungestört «sich ausleben» können. Daß für die halbentwickelte Menschennatur nicht gilt, was für den Vollmenschen richtig ist, ist selbstverständlich. Wer durch Erziehung erst noch dahin gebracht werden soll, daß seine sittliche Natur die Eischalen der niederen Leidenschaften durchbricht: von dem darf nicht in Anspruch genommen werden, was für den reifen Menschen gilt. Hier sollte aber nicht verzeichnet werden, was dem unentwickelten Menschen einzuprägen ist, sondern das, was in dem Wesen des ausgereiften Menschen liegt. Denn es sollte die Möglichkeit der Freiheit nachgewiesen werden; diese erscheint aber nicht an Handlungen aus sinnlicher oder seelischer Nötigung, sondern an solchen, die von geistigen Intuitionen getragen sind.

[ 51 ] There is no denying that the views described here can easily be misunderstood. Immature people lacking moral imagination tend to regard the instincts of their half-formed nature as the full essence of humanity, and reject all moral ideas not generated by themselves, so that they can “live it up” undisturbed. It goes without saying that what is true for the fully developed human being does not apply to half-developed human nature. One who must first be brought, through education, to the point where his moral nature breaks through the shells of base passions: of such a person, one may not demand what applies to the mature human being. Here, however, the focus should not be on what must be instilled in the undeveloped human being, but rather on what lies in the nature of the mature human being. For the possibility of freedom must be demonstrated; this, however, does not appear in actions arising from sensual or emotional compulsion, but in those sustained by spiritual intuitions.

[ 52 ] Dieser ausgereifte Mensch gibt seinen Wert sich selbst. Nicht die Lust erstrebt er, die ihm als Gnadengeschenk von der Natur oder von dem Schöpfer gereicht wird; und auch nicht die abstrakte Pflicht erfüllt er, die er als solche erkennt, nachdem er das Streben nach Lust abgestreift hat. Er handelt, wie er will, das ist nach Maßgabe seiner ethischen Intuitionen; und er empfindet die Erreichung dessen, was er will, als seinen wahren Lebensgenuß. Den Wert des Lebens bestimmt er an dem Verhältnis des Erreichten zu dem Erstrebten. Die Ethik, welche an die Stelle des Wollens das bloße Sollen, an die Stelle der Neigung die bloße Pflicht setzt, bestimmt folgerichtig den Wert des Menschen an dem Verhältnis dessen, was die Pflicht fordert, zu dem, was er erfüllt. Sie mißt den Menschen an einem außerhalb seines Wesens gelegenen Maßstab. — Die hier entwickelte Ansicht weist den Menschen auf sich selbst zurück. Sie erkennt nur das als den wahren Wert des Lebens an, was der einzelne nach Maßgabe seines Wollens als solchen ansieht. Sie weiß ebensowenig von einem nicht vom Individuum anerkannten Wert des Lebens wie von einem nicht aus diesem entsprungenen Zweck des Lebens. Sie sieht in dem allseitig durchschauten wesenhaften Individuum seinen eigenen Herrn und seinen eigenen Schätzer.

[ 52 ] This mature individual derives his value from himself. He does not seek pleasure, which is bestowed upon him as a gift of grace from nature or the Creator; nor does he fulfill an abstract duty, which he recognizes as such only after he has cast aside the pursuit of pleasure. He acts as he wills, that is, in accordance with his ethical intuitions; and he perceives the attainment of what he wills as his true enjoyment of life. He determines the value of life by the relationship between what has been attained and what has been striven for. Ethics, which substitutes mere ought for will, and mere duty for inclination, consequently determines the value of a person by the ratio of what duty demands to what he fulfills. It measures a person by a standard situated outside his being. — The view developed here refers the person back to himself. It recognizes as the true value of life only that which the individual, in accordance with his own will, regards as such. It knows no more of a value of life not recognized by the individual than of a purpose of life not arising from him. It sees in the fully realized, essential individual his own master and his own estimator.



Zusatz zur Neuausgabe 1918

Addendum to the 1918 New Edition

[ 53 ] Verkennen kann man das in diesem Abschnitt Dargestellte, wenn man sich festbeißt in den scheinbaren Einwand: das Wollen des Menschen als solches ist eben das Unvernünftige; man müsse ihm diese Unvernünftigkeit nachweisen, dann wird er einsehen, daß in der endlichen Befreiung von dem Wollen das Ziel des ethischen Strebens liegen müsse. Mir wurde von berufener Seite allerdings ein solcher Schein€“Einwand entgegengehalten, indem mir gesagt wurde, es sei eben die Sache des Philosophen, nachzuholen, was die Gedankenlosigkeit der Tiere und der meisten Menschen versäumt, eine wirkliche Lebensbilanz zu ziehen. Doch wer diesen Einwand macht, sieht eben die Hauptsache nicht: soll Freiheit sich verwirklichen, so muß in der Menschennatur das Wollen von dem intuitiven Denken getragen sein; zugleich aber ergibt sich, daß ein Wollen auch von anderem als von der Intuition bestimmt werden kann, und nur in der aus der Menschenwesenheit erfließenden freien Verwirklichung der Intuition ergibt sich das Sittliche und sein Wert. Der ethische Individualismus ist geeignet, die Sittlichkeit in ihrer vollen Würde darzustellen, denn er ist nicht der Ansicht, daß wahrhaft sittlich ist, was in äußerer Art Zusammenstimmung eines Wollens mit einer Norm herbeiführt, sondern was aus dem Menschen dann ersteht, wenn er das sittliche Wollen als ein Glied seines vollen Wesens in sich entfaltet, so daß das Unsittliche zu tun ihm als Verstümmelung, Verkrüppelung seines Wesens erscheint.

[ 53 ] One can misunderstand what is presented in this section if one clings to the apparent objection: human volition as such is precisely what is irrational; one must demonstrate this irrationality to him, and then he will realize that the goal of ethical striving must lie in the ultimate liberation from volition. I was, however, confronted with such an apparent objection by an authority on the matter, who told me that it is precisely the philosopher’s task to make up for what the thoughtlessness of animals and most humans fails to do: to take a true stock of life. But whoever raises this objection fails to see the main point: if freedom is to be realized, then in human nature the will must be sustained by intuitive thought; at the same time, however, it follows that a will can also be determined by something other than intuition, and only in the free realization of intuition flowing from human existence does the moral and its value arise. Ethical individualism is suited to presenting morality in its full dignity, for it does not hold that what is truly moral is that which brings about an external correspondence between a will and a norm, but rather that which arises from the human being when he develops moral will as an integral part of his full being, so that to do what is immoral appears to him as a mutilation, a crippling of his being.