The Philosophy of Spiritual Activity
GA 4
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The Philosophy of Spiritual Activity, tr. SOL
- The Philosophy of Freedom, tr. Hoernlé 1916
- The Philosophy of Spiritual Activity, tr. Poppelbaum 1949
- The Philosophy of Spiritual Activity, tr. Stebbing 1963
- The Philosophy of Freedom, tr. Wilson 1964
- The Philosophy of Spiritual Activity, tr. Lindeman 1986
- The Philosophy of Spiritual Activity, tr. SOL
- Die Philosophie der Freiheit, 16th ed.
XIV. Individualität und Gattung
14. Individuality and Genus
[ 1 ] Der Ansicht, daß der Mensch zu einer vollständigen in sich geschlossenen, freien Individualität veranlagt ist, stehen scheinbar die Tatsachen entgegen, daß er als Glied innerhalb eines natürlichen Ganzen auftritt (Rasse, Stamm, Volk, Familie, männliches und weibliches Geschlecht), und daß er innerhalb eines Ganzen wirkt (Staat, Kirche und so weiter). Er trägt die allgemeinen Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft, der er angehört, und gibt seinem Handeln einen Inhalt, der durch den Platz, den er innerhalb einer Mehrheit einnimmt, bestimmt ist.
[ 1 ] The view that human beings are predisposed to a complete, self-contained, free individuality appears to be contradicted by the facts that they exist as members of a natural whole (race, tribe, nation, family, male and female genders) and that they act within a whole (state, church, and so on). They bear the general character traits of the community to which they belong and give their actions a content that is determined by the place they occupy within a majority.
[ 2 ] Ist dabei überhaupt noch Individualität möglich? Kann man den Menschen selbst als ein Ganzes für sich ansehen, wenn er aus einem Ganzen herauswächst, und in ein Ganzes sich eingliedert?
[ 2 ] Is individuality even possible in this context? Can a person be viewed as a whole in and of themselves if they emerge from a whole and become part of a whole?
[ 3 ] Das Glied eines Ganzen wird seinen Eigenschaften und Funktionen nach durch das Ganze bestimmt. Ein Volksstamm ist ein Ganzes, und alle zu ihm gehörigen Menschen tragen die Eigentümlichkeiten an sich, die im Wesen des Stammes bedingt sind. Wie der einzelne beschaffen ist und wie er sich betätigt, ist durch denStammescharakter bedingt. Dadurch erhält die Physiognomie und das Tun des einzelnen etwas Gattungsmäßiges. Wenn wir nach dem Grunde fragen, warum dies und jenes an dem Menschen so oder so ist, so werden wir aus dem Einzelwesen hinaus auf die Gattung verwiesen. Diese erklärt es uns, warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form auftritt.
[ 3 ] The characteristics and functions of a part of a whole are determined by the whole. A tribe is a whole, and all the people belonging to it possess the characteristics that are inherent in the nature of the tribe. The nature of the individual and the way he acts are determined by the character of the tribe. As a result, the individual’s physiognomy and actions take on a generic quality. When we ask why this or that aspect of a person is the way it is, we are directed from the individual being to the genus. This explains to us why something in him appears in the form we observe.
[ 4 ] Von diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei. Denn das menschlich Gattungsmäßige ist, vom Menschen richtig erlebt, nichts seine Freiheit Einschränkendes, und soll es auch nicht durch künstliche Veranstaltungen sein. Der Mensch entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich, deren Bestimmungsgrund wir nur in ihm selbst suchen können. Das Gattungsmäßige dient ihm dabei nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken. Er gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als Grundlage und gibt ihm die seinem eigenen Wesen gemäße Form. Wir suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den Gesetzen der Gattung. Wir haben es mit einem Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt werden kann. Ist ein Mensch bis zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir wollen alles, was an ihm ist, auch dann noch aus dem Charakter der Gattung erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ.
[ 4 ] But human beings free themselves from this generic nature. For the generic nature of humanity, when properly experienced by human beings, is nothing that restricts their freedom, nor should it be so through artificial means. Human beings develop qualities and functions within themselves, the basis for which we can seek only within them. In doing so, the generic serves him only as a means to express his particular essence within himself. He uses the characteristics bestowed upon him by nature as a foundation and gives them the form appropriate to his own being. We now search in vain for the basis of an expression of this being in the laws of the genus. We are dealing with an individual who can be explained only by himself. If a human being has progressed to this detachment from the generic, and we still wish to explain everything about him in terms of the character of the genus, then we have no organ for the individual.
[ 5 ] Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner Beurteilung einen Gattungsbegriff zugrunde legt. Am hartnäckigsten im Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es sich um das Geschlecht des Menschen handelt. Der Mann sieht im Weibe, das Weib in dem Manne fast immer zuviel von dem allgemeinen Charakter des anderen Geschlechtes und zu wenig von dem Individuellen. Im praktischen Leben schadet das den Männern weniger als den Frauen. Die soziale Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie in vielen Punkten, wo sie es sein sollte, nicht bedingt ist durch die individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen Frau, sondern durch die allgemeinen Vorstellungen, die man sich von der natürlichen Aufgabe und den Bedürfnissen des Weibes macht. Die Betätigung des Mannes im Leben richtet sich nach dessen individuellen Fähigkeiten und Neigungen, die des Weibes soll ausschließlich durch den Umstand bedingt sein, daß es eben Weib ist. Das Weib soll der Sklave des Gattungsmäßigen, des Allgemein-Weiblichen sein. Solange von Männern darüber debattiert wird, ob die Frau «ihrer Naturanlage nach» zu diesem oder jenem Beruf tauge, solange kann die sogenannte Frauenfrage aus ihrem elementarsten Stadium nicht herauskommen. Was die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu beurteilen. Wenn es wahr ist, daß die Frauen nur zu dem Berufe taugen, der ihnen jetzt zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum einen anderen erreichen, Sie müssen es aber selbst entscheiden können, was ihrer Natur gemäß ist. Wer eine Erschütterung unserer sozialen Zustände davon befürchtet, daß die Frauen nicht als Gattungsmenschen, sondern als Individuen genommen werden, dem muß entgegnet werden, daß soziale Zustände, innerhalb welcher die Hälfte der Menschheit ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der Verbesserung gar sehr bedürftig sind. 1Man hat mir auf die obigen Ausführungen gleich beim Erscheinen (1894) dieses Buches eingewendet, innerhalb des Gattungsmäßigen könne sich die Frau schon jetzt 50 individuell ausleben, wie sie nur will, weit freier als der Mann, der schon durch die Schule und dann durch Krieg und Beruf entindividualisiert werde. Ich weiß, daß man diesen Einwand vielleicht heute noch stärker erheben wird. Ich muß die Sätze doch hier stehen lassen und möchte hoffen, daß es auch Leser gibt, die verstehen, wie stark ein solcher Einwand gegen den Freiheitsbegriff, der in dieser Schrift entwickelt wird, verstößt, und die meine obigen Sätze an anderem beurteilen als an der Entindividualisierung des Mannes durch die Schule und den Beruf.
[ 5 ] It is impossible to fully understand a person if one bases one’s judgment on a generic concept. People are most stubborn in judging by general category when it comes to a person’s gender. Men see in women, and women in men, almost always too much of the general character of the opposite sex and too little of the individual. In practical life, this harms men less than it does women. The social position of women is usually so undignified because, in many respects where it ought to be, it is not determined by the individual characteristics of each woman, but by the general mental images people have about the natural role and needs of women. A man’s role in life is determined by his individual abilities and inclinations; a woman’s role is to be determined exclusively by the fact that she is a woman. Women are to be the slaves of the generic, of the universal feminine. As long as men debate whether women are “by their very nature” suited to this or that profession, the so-called women’s question cannot move beyond its most elementary stage. What a woman can desire by her very nature should be left to the woman herself to judge. If it is true that women are suited only to the profession that currently falls to them, then they will hardly achieve any other on their own; but they must be able to decide for themselves what is in accordance with their nature. To those who fear that treating women not as members of a gender but as individuals will disrupt our social order, it must be replied that social conditions in which half of humanity leads an inhuman existence are in dire need of improvement. 1Immediately upon the publication (1894) of this book, I was told in response to the above remarks that, within the framework of the collective, women can already express themselves individually as they please, far more freely than men, who are de-individualized by school and then by war and profession. I know that this objection will perhaps be raised even more strongly today. I must nevertheless leave these statements here and hope that there are also readers who understand how strongly such an objection violates the concept of freedom developed in this work, and who judge my statements above on grounds other than the de-individualization of men through school and career.
[ 6 ] Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der kommt eben gerade bis zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu sein, deren Betätigung auf freier Selbstbestimmung beruht. Was unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung sein. Die Rassen, Stammes, Volks, und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer Wissenschaften. Nur Menschen, die allein als Exemplare der Gattung leben wollten, könnten sich mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch solche wissenschaftliche Betrachtung zustande kommt. Aber alle diese Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem besonderen Inhalt des einzelnen Individuums. Da, wo das Gebiet der Freiheit (des Denkens und Handelns) beginnt, hört das Bestimmen des Individuums nach Gesetzen der Gattung auf. Den begrifflichen Inhalt, den der Mensch durch das Denken mit der Wahrnehmung in Verbindung bringen muß, um der vollen Wirklichkeit sich zu bemächtigen (vgl. S.88ff.), kann niemand ein für allemal festsetzen und der Menschheit fertig hinterlassen. Das Individuum muß seine Begriffe durch eigene Intuition gewinnen. Wie der einzelne zu denken hat, läßt sich nicht aus irgendeinem Gattungsbegriffe ableiten. Dafür ist einzig und allein das Individuum maßgebend. Ebensowenig ist aus allgemeinen Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete Ziele das Individuum seinem Wollen vorsetzen will. Wer das einzelne Individuum verstehen will, muß bis in dessen besondere Wesenheit dringen, und nicht bei typischen Eigentümlichkeiten stehen bleiben. In diesem Sinne ist jeder einzelne Mensch ein Problem. Und alle Wissenschaft, die sich mit abstrakten Gedanken und Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die uns zuteil wird, wenn uns eine menschliche Individualität ihre Art, die Welt anzuschauen, mitteilt, und zu der anderen, die wir aus dem Inhalt ihres Wollens gewinnen. Wo wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit demjenigen an einem Menschen zu tun, das frei ist von typischer Denkungsart und gattungsmäßigem Wollen, da müssen wir aufhören, irgendwelche Begriffe aus unserem Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen verstehen wollen. Das Erkennen besteht in der Verbindung des Begriffes mit der Wahrnehmung durch das Denken. Bei allen anderen Objekten muß der Beobachter die Begriffe durch seine Intuition gewinnen; beim Verstehen einer freien Individualität handelt es sich nur darum, deren Begriffe, nach denen sie sich ja selbst bestimmt, rein (ohne Vermischung mit eigenem Begriffsinhalt) herüberzunehmen in unseren Geist. Menschen, die in jede Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe einmischen, können nie zu dem Verständnisse einer Individualität gelangen. So wie die freie Individualität sich frei macht von den Eigentümlichkeiten der Gattung, so muß das Erkennen sich frei machen von der Art, wie das Gattungsmäßige verstanden wird
[ 6 ] Anyone who judges people according to generic characteristics reaches precisely the boundary beyond which they begin to be beings whose actions are based on free self-determination. What lies below this boundary can, of course, be the subject of scientific inquiry. The characteristics of races, tribes, peoples, and genders are the subject matter of specific sciences. Only people who wished to live solely as specimens of the species could be satisfied with a general picture derived from such scientific observation. But none of these sciences can penetrate to the specific content of the individual. Where the realm of freedom (of thought and action) begins, the determination of the individual according to the laws of the species ceases. The conceptual content that human beings must connect through thought with perception in order to take possession of full reality (cf. p. 88ff.) cannot be fixed once and for all by anyone and left ready-made to humanity. The individual must gain his concepts through his own intuition. How the individual is to think cannot be derived from any generic concept. The individual alone is decisive in this regard. Nor can general human characteristics be used to determine which concrete goals the individual wishes to set for himself. Whoever wishes to understand the individual must penetrate to the core of their particular nature, and not stop at typical characteristics. In this sense, every single human being is a problem. And all science that deals with abstract thoughts and generic concepts is merely a preparation for the insight we gain when a human individuality communicates to us its way of viewing the world, and for the other insight we derive from the content of their will. Where we have the sense that we are dealing with that aspect of a human being which is free from typical modes of thought and generic volition, there we must cease to draw upon any concepts from our own mind if we wish to understand their essence. Cognition consists in the connection of the concept with perception through thinking. With all other objects, the observer must derive concepts through intuition; in understanding a free individuality, the task is simply to take over into our mind, in a pure form (without mixing them with our own conceptual content), those concepts by which the individuality defines itself. People who immediately interpose their own concepts into every judgment of another can never attain an understanding of an individuality. Just as free individuality frees itself from the peculiarities of the genus, so must cognition free itself from the manner in which the generic is understood
[ 7 ] Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der gekennzeichneten Weise frei gemacht hat vom Gattungsmäßigen, kommt er als freier Geist innerhalb eines menschlichen Gemeinwesens in Betracht. Kein Mensch ist vollständig Gattung, keiner ganz Individualität. Aber eine größere oder geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch allmählich ab, ebenso von dem Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie von den ihn beherrschenden Geboten menschlicher Autoritäten.
[ 7 ] Only to the extent that a person has freed himself from the generic in the manner described can he be considered a free spirit within a human community. No human being is entirely species-like, nor is any entirely individual. But every human being gradually detaches a greater or lesser sphere of his being, both from the species-like nature of animal life and from the imperatives of human authorities that dominate him.
[ 8 ] Für den Teil, für den sich der Mensch aber eine solche Freiheit nicht erobern kann, bildet er ein Glied innerhalb des Natur, und Geistesorganismus. Er lebt in dieser Hinsicht, wie er es andern abguckt, oder wie sie es ihm befehlen. Einen im wahren Sinne ethischen Wert hat nur der Teil seines Handelns, der aus seinen Intuitionen entspringt. Und was er an moralischen Instinkten durch Vererbung sozialer Instinkte an sich hat, wird ein Ethisches dadurch, daß er es in seine Intuitionen aufnimmt. Aus individuellen ethischen Intuitionen und deren Aufnahme in Menschengemeinschaften entspringt alle sittliche Betätigung der Menschheit. Man kann auch sagen: das sittliche Leben der Menschheit ist die Gesamtsumme der moralischen Phantasieerzeugnisse der freien menschlichen Individuen. Dies ist das Ergebnis des Monismus.
[ 8 ] However, in the areas where human beings cannot attain such freedom, they form a link within the organism of nature and spirit. In this respect, they live as they observe others doing, or as others command them to. Only that part of his actions which springs from his intuitions has ethical value in the true sense. And whatever moral instincts he possesses through the inheritance of social instincts becomes ethical by virtue of his incorporating them into his intuitions. All moral activity of humanity springs from individual ethical intuitions and their incorporation into human communities. One could also say: the moral life of humanity is the sum total of the moral products of the imagination of free human individuals. This is the result of monism.
