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How to Gain Knowledge of the Higher Worlds
GA 10

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Die Einweihung

Initiation

[ 1 ] Die Einweihung ist die höchste der Stufen einer Geheimschulung, über welche in einer Schrift noch Andeutungen gegeben werden können, die allgemein verständlich sind. Über alles, was darüber liegt, sind Mitteilungen schwer verständlich. Aber auch dazu findet jeder den Weg, der durch die Vorbereitung, Erleuchtung und Einweihung bis zu den niederen Geheimnissen vorgedrungen ist.

[ 1 ] Initiation is the highest stage of esoteric training, about which a text can still offer hints that are generally understandable. Any communication regarding what lies beyond that is difficult to understand. However, anyone who has advanced through preparation, enlightenment, and initiation to the lower mysteries will also find the path to this.

[ 2 ] Das Wissen und Können, das einem Menschen durch die Einweihung zuteil wird, könnte er ohne eine solche erst in einer sehr fernen Zukunft – nach vielen Verkörperungen – auf einem ganz anderen Wege und auch in einer ganz anderen Form erwerben. Wer heute eingeweiht wird, erfährt etwas, was er sonst viel später, unter ganz anderen Verhältnissen, erfahren würde.

[ 2 ] The knowledge and skills bestowed upon a person through initiation could, without such an initiation, only be acquired in the very distant future—after many incarnations—through a completely different path and in a completely different form. Those who are initiated today experience something that they would otherwise experience much later, under entirely different circumstances.

[ 3 ] Ein Mensch kann von den Geheimnissen des Daseins nur so viel wirklich erfahren, als dem Grade seiner Reife entspricht. Nur deshalb gibt es Hindernisse zu den höheren Stufen des Wissens und Könnens. Der Mensch soll ein Schießgewehr nicht früher gebrauchen, als bis er genügende Erfahrung hat, um durch den Gebrauch nicht Unheil anzurichten. – Würde heute jemand ohne weiteres eingeweiht, so würde ihm die Erfahrung fehlen, die er durch die Verkörperungen in der Zukunft noch machen wird, bis ihm die entsprechenden Geheimnisse im regelmäßigen Verlauf seiner Entwickelung zuteil werden. Deshalb müssen an der Pforte der Einweihung diese Erfahrungen durch etwas anderes ersetzt sein. In einem Ersatz für künftige Erfahrungen bestehen daher die ersten Unterweisungen des Einweihungskandidaten. Es sind das die sogenannten «Proben», die er durchzumachen hat und die sich als regelmäßige Folge des Seelenlebens ergeben, wenn Übungen, wie die in den vorhergehenden Kapiteln geschilderten, richtig fortgesetzt werden.

[ 3 ] A person can truly learn only as much about the mysteries of existence as corresponds to their level of maturity. This is the sole reason why there are obstacles to the higher levels of knowledge and skill. A person should not use a rifle until they have sufficient experience to ensure that its use does not cause harm. – If someone were to be initiated today without further ado, they would lack the experience they are yet to gain through future incarnations, until the corresponding mysteries are bestowed upon them in the regular course of their development. Therefore, at the threshold of initiation, these experiences must be replaced by something else. The first instructions given to the initiate thus consist of a substitute for future experiences. These are the so-called “tests” that he must undergo and that arise as a regular consequence of the life of the soul when exercises, such as those described in the preceding chapters, are correctly continued.

[ 4 ] Von diesen «Proben» wird ja auch in Büchern oft gesprochen. Aber es ist nur natürlich, daß von ihrer Natur durch solche Besprechungen in der Regel ganz falsche Vorstellungen hervorgerufen werden müssen. Denn wer nicht durch die Vorbereitung und Erleuchtung hindurchgegangen ist, hat ja nichts von diesen Proben jemals erfahren. Ein solcher kann sie auch nicht sachgemäß beschreiben.

[ 4 ] These “tests” are, of course, often discussed in books. But it is only natural that such discussions generally give rise to completely false ideas about their nature. For anyone who has not undergone the process of preparation and enlightenment has never experienced any of these tests. Such a person cannot describe them accurately either.

[ 5 ] Dem Einzuweihenden müssen sich gewisse Dinge und Tatsachen ergeben, die den höheren Welten angehören. Er kann sie aber nur sehen und hören, wenn er die geistigen Wahrnehmungen wie Figuren, Farben, Töne und so weiter empfinden kann, von denen bei Besprechung der «Vorbereitung» und «Erleuchtung» berichtet worden ist.

[ 5 ] Certain things and facts belonging to the higher worlds must become apparent to the initiate. However, he can see and hear them only if he is able to perceive spiritual sensations such as figures, colors, sounds, and so on, which were described in the sections on “Preparation” and “Enlightenment.”

[ 6 ] Die erste «Probe» besteht darinnen, daß er eine wahrere Anschauung erlangt von den leiblichen Eigenschaften der leblosen Körper, dann der Pflanzen, der Tiere und des Menschen, als sie der Durchschnittsmensch besitzt. Damit ist aber nicht das gemeint, was man heute wissenschaftliche Erkenntnis nennt. Denn nicht um Wissenschaft, sondern um Anschauung handelt es sich. – In der Regel ist der Vorgang so, daß der Einzuweihende erkennen lernt, wie sich die Naturdinge und Lebewesen für das geistige Ohr und geistige Auge kundgeben. In einer gewissen Weise stehen diese Dinge dann unverhüllt – nackt – vor dem Beschauer. Dem sinnlichen Auge und dem sinnlichen Ohre verbergen sich die Eigenschaften, die man da hört und sieht. Sie sind für dieses sinnliche Anschauen wie mit einem Schleier verhüllt. Daß dieser Schleier für den Einzuweihenden wegfällt, beruht auf einem Vorgang, den man als «geistigen Verbrennungsprozeß» bezeichnet. Deshalb wird diese erste Probe die «Feuerprobe» genannt.

[ 6 ] The first “test” consists in his gaining a truer perception of the physical properties of inanimate objects, then of plants, animals, and human beings, than the average person possesses. However, this does not refer to what is today called scientific knowledge. For this is not a matter of science, but of perception. — As a rule, the process is such that the initiate learns to recognize how natural objects and living beings reveal themselves to the spiritual ear and the spiritual eye. In a certain sense, these things then stand unveiled—naked—before the observer. The qualities that are heard and seen there remain hidden from the physical eye and the physical ear. They are veiled, as it were, from this physical perception. The fact that this veil is lifted for the initiate is due to a process known as the “spiritual combustion process.” That is why this first test is called the “Trial by Fire.”

[ 7 ] Für manche Menschen ist das gewöhnliche Leben selbst schon ein mehr oder weniger unbewußter Einweihungsprozeß durch die Feuerprobe. Es sind das diejenigen, welche durch reiche Erfahrungen von solcher Art durchgehen, daß ihr Selbstvertrauen, ihr Mut und ihre Standhaftigkeit in gesunder Weise groß werden und daß sie Leid, Enttäuschung, Mißlingen von Unternehmungen mit Seelengröße und namentlich mit Ruhe und in ungebrochener Kraft ertragen lernen. Wer Erfahrungen in dieser Art durchgemacht hat, der ist oft schon, ohne daß er es deutlich weiß, ein Eingeweihter; und es bedarf dann nur eines wenigen, um ihm geistige Ohren und Augen zu öffnen, so daß er ein Hell sehender wird. Denn das ist festzuhalten: es handelt sich bei einer wahren «Feuerprobe» nicht darum, daß die Neugierde des Kandidaten befriedigt werde. Gewiß, er lernt außergewöhnliche Tatsachen kennen, von denen andere Menschen keine Ahnung haben. Aber dieses Kennenlernen ist nicht das Ziel, sondern nur das Mittel zum Ziel. Das Ziel aber ist, daß sich der Kandidat durch die Erkenntnis der höheren Welten größeres und wahreres Selbstvertrauen, höheren Mut und eine ganz andere Seelengröße und Ausdauer erwerbe, als sie in der Regel innerhalb der niederen Welt erlangt werden können.

[ 7 ] For some people, ordinary life itself is already a more or less unconscious process of initiation through the trial by fire. These are the people who go through such rich experiences that their self-confidence, courage, and steadfastness grow in a healthy way, and that they learn to endure suffering, disappointment, and the failure of their endeavors with magnanimity and, above all, with calmness and unbroken strength. Anyone who has gone through experiences of this kind is often already, without clearly realizing it, an initiate; and then it takes only a few more to open his spiritual ears and eyes, so that he becomes a clairvoyant. For this must be noted: a true “trial by fire” is not about satisfying the candidate’s curiosity. Certainly, they come to know extraordinary realities of which other people have no inkling. But this discovery is not the goal, but merely the means to the goal. The goal, however, is for the candidate, through the knowledge of the higher worlds, to acquire greater and truer self-confidence, greater courage, and a wholly different kind of spiritual greatness and endurance than can generally be attained within the lower world.

[ 8 ] Nach der «Feuerprobe» kann jeder Kandidat noch umkehren. Er wird gestärkt in physischer und seelischer Beziehung dann sein Leben fortsetzen und wohl erst in einer nächsten Verkörperung die Einweihung fortsetzen. In seiner gegenwärtigen aber wird er ein brauchbareres Glied der menschlichen Gesellschaft sein, als er vorher war. In welcher Lage er sich auch befinden mag: seine Festigkeit, seine Umsicht, sein günstiger Einfluß auf seine Mitmenschen, seine Entschlossenheit werden zugenommen haben.

[ 8 ] After the “trial by fire,” any candidate may still turn back. He will then continue his life strengthened both physically and spiritually, and will likely not continue his initiation until his next incarnation. In his present life, however, he will be a more useful member of human society than he was before. Whatever situation they may find themselves in, their steadfastness, their prudence, their positive influence on others, and their determination will have increased.

[ 9 ] Will der Kandidat nach vollbrachter Feuerprobe die Geheimschulung fortsetzen, so muß ihm nunmehr ein bestimmtes Schriftsystem enthüllt werden, wie solche in der Geheimschulung üblich sind. In diesen Schriftsystemen offenbaren sich die eigentlichen Geheimlehren. Denn dasjenige, was in den Dingen wirklich «verborgen» (okkult) ist, kann weder mit den Worten der gewöhnlichen Sprache unmittelbar ausgesprochen, noch kann es mit den gewöhnlichen Schriftsystemen aufgezeichnet werden. Diejenigen, welche von den Eingeweihten gelernt haben, übersetzen die Lehren der Geheimwissenschaft in die gewöhnliche Sprache, so gut das geht. Die okkulte Schrift offenbart sich der Seele, wenn diese die geistige Wahrnehmung erlangt hat. Denn diese Schrift steht in der geistigen Welt immer geschrieben. Man lernt sie nicht so, wie man eine künstliche Schrift lesen lernt. Man wächst vielmehr in sachgemäßer Weise der hellsichtigen Erkenntnis entgegen, und während dieses Wachsens entwickelt sich wie eine seelische Fähigkeit die Kraft, welche die vorhandenen Geschehnisse und Wesenheiten der geistigen Welt wie die Charaktere einer Schrift zu entziffern sich gedrängt fühlt. Es könnte sein, daß diese Kraft und mit ihr das Erleben der entsprechenden «Probe» mit der fortschreitenden Seelenentwickelung wie von selbst erwachen. Doch sicherer gelangt man zum Ziele, wenn man die Anweisungen der erfahrenen Geheimforscher befolgt, die Gewandtheit haben im Entziffern der okkulten Schrift.

[ 9 ] If, after passing the trial by fire, the candidate wishes to continue the secret training, a specific writing system must now be revealed to him, as is customary in secret training. It is in these writing systems that the actual secret teachings are revealed. For that which is truly “hidden” (occult) in things can neither be directly expressed in the words of ordinary language nor recorded using ordinary writing systems. Those who have learned from the initiates translate the teachings of esoteric science into ordinary language as best they can. The occult script reveals itself to the soul once it has attained spiritual perception. For this script is always written in the spiritual world. One does not learn it in the same way one learns to read an artificial script. Rather, one grows in an appropriate manner toward clairvoyant knowledge, and during this growth, the power develops—like a spiritual faculty—that feels compelled to decipher the existing events and beings of the spiritual world as if they were the characters of a script. It may be that this power—and with it, the experience of the corresponding “test”—awakens of its own accord as the soul develops. Yet one reaches the goal more reliably by following the instructions of experienced occult researchers who are skilled in deciphering the occult script.

[ 10 ] Die Zeichen der Geheimschrift sind nicht willkürlich ersonnen, sondern sie entsprechen den Kräften, welche in der Welt wirksam sind. Man lernt durch diese Zeichen die Sprache der Dinge. Dem Kandidaten zeigt sich alsbald, daß die Zeichen, die er kennenlemt, den Figuren, Farben, Tönen und so weiter entsprechen, die er während der Vorbereitung und Erleuchtung wahrzunehmen gelernt hat. Es zeigt sich ihm, daß alles Vorhergehende nur wie ein Buchstabieren war. Jetzt erst fängt er an, in der höheren Welt zu lesen. In einem großen Zusammenhang erscheint ihm alles, was vorher nur vereinzelte Figur, Ton, Farbe war. Jetzt erst gewinnt er die rechte Sicherheit im Beobachten der höheren Welten. Vorher konnte er nie mit Bestimmtheit wissen, ob die Dinge, die er gesehen hat, auch richtig gesehen waren. Und jetzt erst kann eine geregelte Verständigung zwischen dem Kandidaten und dem Eingeweihten auf den Gebieten des höheren Wissens stattfinden. Denn wie auch das Zusammenleben eines Eingeweihten mit einem anderen Menschen im gewöhnlichen Leben gestaltet sein mag: von dem höheren Wissen in unmittelbarer Gestalt kann der Eingeweihte nur in der erwähnten Zeichensprache etwas mitteilen.

[ 10 ] The symbols of the secret script are not arbitrarily devised, but correspond to the forces at work in the world. Through these symbols, one learns the language of things. The candidate soon realizes that the symbols he is learning correspond to the figures, colors, tones, and so on that he has learned to perceive during his preparation and initiation. It becomes clear to him that everything that came before was merely a form of spelling. Only now does he begin to read in the higher world. Everything that was previously only an isolated figure, sound, or color now appears to him within a larger context. Only now does he gain true confidence in observing the higher worlds. Before, he could never know with certainty whether the things he had seen were indeed seen correctly. And only now can a structured communication take place between the candidate and the initiate in the realms of higher knowledge. For however the coexistence of an initiate with another human being may be shaped in ordinary life: regarding higher knowledge in its immediate form, the initiate can communicate only through the aforementioned sign language.

[ 11 ] Durch diese Sprache wird der Geheimschüler auch bekannt mit gewissen Verhaltungsmaßregeln für das Leben. Er lernt gewisse Pflichten kennen, von denen er vorher nichts gewußt hat. Und wenn er diese Verhaltungsmaßregeln kennengelernt hat, so kann er Dinge vollbringen, die eine Bedeutung haben, wie sie niemals die Taten eines Uneingeweihten haben können. Er handelt von den höheren Welten aus. Die Anweisungen zu solchen Handlungen können nur in der angedeuteten Schrift verstanden werden.

[ 11 ] Through this language, the initiate also becomes familiar with certain rules of conduct for life. He learns of certain duties of which he previously knew nothing. And once he has become familiar with these rules of conduct, he can accomplish things that have a significance that the deeds of an uninitiated person can never possess. He acts from the higher worlds. The instructions for such actions can only be understood in the text referred to.

[ 12 ] Es muß aber betont werden, daß es Menschen gibt, die solche Handlungen unbewußt auszuführen vermögen, trotzdem sie nicht eine Geheimschulung durchgemacht haben. Solche «Helfer der Welt und Menschheit» schreiten segnend und wohltuend durchs Leben. Ihnen sind durch Gründe, die hier nicht zu erörtern sind, Gaben verliehen worden, die übernatürlich erscheinen. Was sie von dem Geheimschüler unterscheidet, ist lediglich das, daß dieser mit Bewußtsein, mit voller Einsicht in den ganzen Zusammenhang handelt. Er erringt eben durch Schulung, was jenen von höheren Mächten zum Heile der Welt beschert worden ist. Die Gottbegnadeten kann man aufrichtig verehren; aber deswegen darf man die Arbeit der Schulung nicht für überflüssig halten.

[ 12 ] It must be emphasized, however, that there are people who are capable of performing such acts unconsciously, even though they have not undergone secret training. Such “helpers of the world and humanity” go through life bestowing blessings and doing good. For reasons that need not be discussed here, they have been endowed with gifts that appear supernatural. What distinguishes them from the initiate is merely that the latter acts with consciousness, with full insight into the entire context. Through training, the initiate attains what has been bestowed upon the former by higher powers for the good of the world. One may sincerely revere those blessed by God; but for that reason, one must not consider the work of training to be superfluous.

[ 13 ] Hat der Geheimschüler die erwähnte Zeichenschrift gelernt, dann beginnt für ihn eine weitere «Probe». Durch diese muß sich erweisen, ob er sich frei und sicher in der höheren Welt bewegen kann. Im gewöhnlichen Leben wird der Mensch durch Antriebe von außen zu seinen Handlungen bewogen. Er arbeitet dieses oder jenes, weil ihm die Verhältnisse diese oder jene Pflichten auferlegen. – Es braucht wohl kaum erwähht zu werden, daß der Geheimschüler keine seiner Pflichten im gewöhnlichen Leben versäumen darf, weil er in höheren Welten lebt. Keine Pflicht in einer höheren Welt kann jemanden zwingen, eine einzige seiner Pflichten in der gewöhnlichen außer acht zu lassen. Der Familienvater bleibt ebenso guter Familienvater, die Mutter ebenso gute Mutter, der Beamte wird von nichts abgehalten, ebensowenig der Soldat oder ein anderer, wenn sie Geheimschüler werden. Im Gegenteil: alle die Eigenschaften, die den Menschen im Leben tüchtig machen, steigern sich bei dem Geheimschüler in einem Maße, von dem sich der Uneingeweihte keinen Begriff machen kann. Und wenn das dem Uneingeweihten auch oft – nicht immer, sogar selten – nicht so erscheint, dann rührt das nur davon her, daß er den Eingeweihten nicht immer richtig zu beurteilen vermag. Was letzterer tut, ist manchmal dem anderen nicht sogleich durchsichtig. Aber auch das ist, wie gesagt, nur in besonderen Fällen zu bemerken.

[ 13 ] Once the secret student has mastered the aforementioned symbolic script, he faces another “test.” This test is intended to determine whether he can move freely and confidently in the higher world. In ordinary life, a person is driven to act by external impulses. They do this or that because circumstances impose these or those duties upon them. – It hardly needs to be mentioned that the secret student must not neglect any of his duties in ordinary life, because he lives in higher worlds. No duty in a higher world can compel anyone to disregard a single one of his duties in the ordinary world. The family man remains just as good a family man, the mother just as good a mother; the civil servant is not hindered in any way, nor is the soldier or anyone else, when they become secret students. On the contrary: all the qualities that make a person capable in life are heightened in the secret student to a degree that the uninitiated cannot even conceive of. And even if this often—not always, indeed rarely—does not appear to be the case to the uninitiated, it stems solely from the fact that they are not always able to judge the initiate correctly. What the latter does is sometimes not immediately transparent to the other. But even that, as mentioned, is only noticeable in special cases.

[ 14 ] Für den auf der genannten Stufe der Einweihung Angelangten gibt es nun Pflichten, zu denen kein äußerer Anstoß vorhanden ist. Er wird in diesen Dingen nicht durch äußere Verhältnisse, sondern nur durch jene Maßregeln veranlaßt, welche ihm in der «verborgenen» Sprache offenbar werden. Nun muß er durch die zweite «Probe» zeigen, daß er, geführt von einer solchen Maßregel, ebenso sicher und fest handelt, wie etwa ein Beamter seine ihm obliegenden Pflichten vollführt. – Zu diesem Zwecke wird durch die Geheimschulung der Kandidat sich vor eine bestimmte Aufgabe gestellt fühlen. Dieser soll eine Handlung ausführen infolge von Wahrnehmungen, die er macht auf Grund dessen, was er auf der Vorbereitungs- und Erleuchtungsstufe gelernt hat. Und was er auszuführen hat, das muß er erkennen durch die gekennzeichnete Schrift, die er sich angeeignet hat. Erkennt er seine Pflicht und handelt er richtig, dann hat er die Probe bestanden. Man erkennt den Erfolg an der Veränderung, die sich mit den als Figuren, Farben und Tönen empfundenen Wahrnehmungen der Geistesohren und -augen durch die Handlung vollzieht. In den Fortschritten der Geheimschulung wird ganz genau angegeben, wie diese Figuren und so weiter nach der Handlung aussehen, empfunden werden. Und der Kandidat muß wissen, wie er eine solche Veränderung hervorzubringen vermag. – Man nennt diese Probe die «Wasserprobe», weil bei der Tätigkeit in diesen höheren Gebieten dem Menschen die Stütze durch die äußeren Verhältnisse so fehlt, wie beim Bewegen im Wasser, dessen Grund man nicht erreicht, die Stütze fehlt. – Der Vorgang muß so oft wiederholt werden, bis der Kandidat völlige Sicherheit hat.

[ 14 ] For those who have reached the aforementioned stage of initiation, there are now duties for which there is no external impetus. In these matters, they are not prompted by external circumstances, but only by those guidelines that are revealed to them in the “hidden” language. Now, through the second “test,” he must demonstrate that, guided by such a directive, he acts just as confidently and resolutely as, for example, a civil servant performs the duties incumbent upon him. — To this end, through the secret training, the candidate will feel compelled to undertake a specific task. He is to carry out an action based on perceptions he gains from what he has learned during the preparatory and enlightenment stages. And he must recognize what he is to do through the symbolic script he has mastered. If he recognizes his duty and acts correctly, then he has passed the test. Success is recognized by the change that takes place in the perceptions of the spiritual ears and eyes—perceived as figures, colors, and sounds—as a result of the action. The stages of the secret training specify very precisely what these figures and so on look like and how they are perceived after the action. And the candidate must know how to bring about such a change. – This test is called the “water test” because, when active in these higher realms, the individual lacks the support provided by external circumstances—just as one lacks support when moving in water whose bottom one cannot reach. – The process must be repeated as often as necessary until the candidate has complete confidence.

[ 15 ] Auch bei dieser Probe handelt es sich um das Erwerben einer Eigenschaft; und durch die Erfahrungen in der höheren Welt bildet der Mensch diese Eigenschaft in kurzer Zeit in einem solch hohen Grade aus, daß er im gewöhnlichen Verlaufe der Entwickelung wohl durch viele Verkörperungen hindurchgehen müßte, um ihn zu erreichen. Worauf es nämlich ankommt, ist das Folgende. Der Kandidat daif, um die angegebene Veränderung auf dem höheren Gebiet des Daseins hervorzubringen, lediglich dem folgen, was sich ihm auf Grund seiner höheren Wahrnehmung und als Folge seines Lesens der verborgenen Schrift ergibt. Würde er während seiner Handlung irgend etwas von seinen Wünschen, Meinungen und so weiter einmischen, folgte er nur einen Augenblick nicht den Gesetzen, die er als richtig erkannt hat, sondern seiner Willkür: dann würde etwas ganz anderes geschehen, als geschehen soll. In diesem Falle verlöre der Kandidat sofort die Richtung auf sein Ziel der Handlung, und Verwirrung träte ein. – Daher hat der Mensch durch diese Probe in reichlichstem Maße Gelegenheit, seine Selbstbeherrschung auszubilden. Und darauf kommt es an. Wieder kann daher diese Probe von denen leichter bestanden werden, die vor der Einweihung durch ein Leben gegangen sind, das ihnen die Erwerbung der Selbstbeherrschung gebracht hat. Wer sich die Fähigkeit erworben hat, hohen Grundsätzen und Idealen mit Hintansetzung der persönlichen Laune und Willkür zu folgen, wer versteht, die Pflicht auch immer da zu erfüllen, wo die Neigungen und Sympathien gar zu gerne von dieser Pflicht ablenken wollen, der ist unbewußt schon mitten im gewöhnlichen Leben ein Eingeweihter. Und nur ein Geringes wird notwendig sein, damit er die geschilderte Probe bestehe. Ja, es muß sogar gesagt werden, daß ein gewisser schon im Leben unbewußt erlangter Grad von Einweihung in der Regel durchaus notwendig sein wird, um die zweite Probe zu bestehen. Denn wie es vielen Menschen, die in der Jugend nicht richtig schreiben gelernt haben, schwer wird, dies nachzuholen, wenn sie einmal die volle Lebensreife erlangt haben, so wird es auch schwer, den notwendigen Grad von Selbstbeherrschung beim Einblicke in die höheren Welten auszubilden, wenn man nicht schon vorher darinnen einen gewissen Grad im alltäglichen Leben sich angeeignet hat. Die Dinge der physischen Welt ändern sich nicht, was wir auch wünschen, begehren, was immer wir auch für Neigungen haben. In den höheren Welten aber sind unsere Wünsche, Begierden und Neigungen von Wirkung für die Dinge. Wollen wir da auf die Dinge in entsprechender Weise wirken, so müssen wir uns ganz in unserer Gewalt haben, müssen lediglich den richtigen Maßregeln folgen und keinerlei Willkür unterworfen sein.

[ 15 ] This trial, too, involves the acquisition of a quality; and through experiences in the higher world, the human being develops this quality to such a high degree in a short time that, in the ordinary course of development, he would likely have to go through many incarnations to achieve it. What matters, in fact, is the following: In order to bring about the specified change in the higher realm of existence, the candidate must simply follow what arises for him on the basis of his higher perception and as a result of his reading of the hidden scripture. If, during the course of his action, he were to interject any of his desires, opinions, and so on—if for even a moment he were to follow not the laws he has recognized as correct, but his own whims—then something entirely different from what is intended would occur. In this case, the candidate would immediately lose sight of the goal of his action, and confusion would ensue. – Therefore, through this trial, a person has ample opportunity to develop his self-control. And that is what matters. Once again, this trial can therefore be passed more easily by those who, prior to initiation, have led a life that has enabled them to acquire self-control. Whoever has acquired the ability to follow high principles and ideals while setting aside personal whims and caprices, whoever understands how to fulfill one’s duty even when inclinations and sympathies are all too eager to divert one from that duty—such a person is unconsciously already an initiate in the midst of ordinary life. And only a little will be needed for them to pass the test described. Indeed, it must even be said that a certain degree of initiation—already attained unconsciously in life—will, as a rule, be absolutely necessary to pass the second test. For just as it is difficult for many people who did not learn to write properly in their youth to make up for this once they have reached full maturity, so too is it difficult to develop the necessary degree of self-control when gaining insight into the higher worlds if one has not already acquired a certain degree of it in everyday life. Things in the physical world do not change, no matter what we wish for, desire, or whatever inclinations we may have. In the higher worlds, however, our wishes, desires, and inclinations have an effect on things. If we wish to influence things there in an appropriate manner, we must have complete control over ourselves, must follow only the correct guidelines, and must not be subject to any caprice.

[ 16 ] Eine Eigenschaft des Menschen, die auf dieser Stufe der Einweihung ganz besonders in Betracht kommt, ist eine unbedingt gesunde und sichere Urteilskraft. Auf die Heranbildung einer solchen muß schon auf allen früheren Stufen gesehen werden; und auf dieser muß es sich erweisen, ob der Kandidat sie so handhabt, daß er für den wahren Erkenntnispfad geeignet ist. Er kann nur dann weiterkommen, wenn er Illusion, wesenlore Phantasiegebilde, Aberglauben und alle Art von Blendwerk von der wahren Wirklichkeit unterscheiden kann. Und auf den höheren Stufen des Daseins ist das zunächst schwieriger als auf den niederen. Da muß jedes Vorurteil, jede liebgewordene Meinung schwinden in bezug auf die Dinge, auf die es ankommt; und einzig und allein die Wahrheit muß Richtschnur sein. Vollkommene Bereitschaft muß vorhanden sein, einen Gedanken, eine Ansicht, eine Neigung sofort aufzugeben, wenn das logische Denken solches fordert. Gewißheit in höheren Welten ist nur zu erlangen, wenn man nie die eigene Meinung schont.

[ 16 ] A quality of the human being that is of particular importance at this stage of initiation is an absolutely sound and sure power of judgment. The development of such a faculty must already be cultivated at all earlier stages; and at this stage, it must become evident whether the candidate exercises it in a way that makes him suitable for the true path of knowledge. He can only progress if he is able to distinguish illusion, unfounded figments of the imagination, superstition, and all manner of deception from true reality. And at the higher stages of existence, this is initially more difficult than at the lower ones. There, every prejudice, every cherished opinion must fade away with regard to the matters that matter; and truth alone must be the guiding principle. There must be a complete willingness to immediately abandon a thought, a view, or a tendency whenever logical thinking demands it. Certainty in higher worlds can only be attained if one never spares one’s own opinion.

[ 17 ] Menschen mit einer Denkungsart, die zur Phantastik, zum Aberglauben neigt, können auf dem Geheimpfade keinen Fortschritt machen. Ein kostbares Gut soll ja der Geheimjünger erringen. Alle Zweifel an den höheren Welten werden von ihm genommen. Diese enthüllen sich in ihren Gesetzen vor seinen Blicken. Aber er kann dieses Gut nicht erringen, solange er sich von Blendwerken und Illusionen täuschen läßt. Schlimm wäre es für ihn, wenn seine Phantasie, seine Vorurteile mit seinem Verstande durchgingen. Träumer und Phantasten sind für den Geheimpfad ebenso ungeeignet wie abergläubische Personen. Das alles kann nicht genug betont werden. Denn in Träumerei, Phantastik und Aberglauben lauern die schlimmsten Feinde auf dem Wege zu Erkenntnissen in höheren Welten. Es braucht aber auch niemand zu glauben, daß dem Geheimjünger die Poesie des Lebens, die Begeisterungsfähigkeit verlorengehe, weil über dem Tore, das zur zweiten Probe der Einweihung führt, die Worte stehen: «Alle Vorurteile müssen von dir fallen», und weil er an der Eingangspforte zur ersten Probe bereits lesen muß: «Ohne gesunden Menschenverstand sind alle deine Schritte vergebens. »

[ 17 ] People whose way of thinking tends toward fantasy and superstition cannot make any progress on the secret path. The secret disciple is meant to attain a precious treasure. All doubts about the higher worlds are removed from him. These worlds reveal themselves to him through their laws. But he cannot attain this treasure as long as he allows himself to be deceived by deceptions and illusions. It would be disastrous for him if his imagination and prejudices were to override his reason. Dreamers and fantasists are just as unsuited to the secret path as superstitious people. This cannot be emphasized enough. For in daydreaming, fantasy, and superstition lurk the worst enemies on the path to knowledge of higher worlds. Nor, however, should anyone believe that the initiate will lose the poetry of life or the capacity for enthusiasm, for above the gate leading to the second trial of initiation are inscribed the words: “All prejudices must fall away from you,” and because at the entrance to the first trial he must already read: “Without common sense, all your steps are in vain.”

[ 18 ] Ist der Kandidat in dieser Art weit genug vorgeschritten, so wartet die dritte «Probe» auf ihn. Bei dieser wird ihm kein Ziel fühlbar. Es ist alles in seine eigene Hand gelegt. Er befindet sich in einer Lage, wo ihn nichts zum Handeln veranlaßt. Er muß ganz allein aus sich seinen Weg finden. Dinge oder Personen, die ihn zu etwas bewegen, sind nicht da. Nichts und niemand kann ihm jetzt die Kraft geben, die er braucht, als nur er selbst. Fände er diese Kraft nicht in sich selbst, so stände er sehr bald wieder da, wo er vorher gestanden hat. Doch muß man sagen, daß nur wenige von denen, welche die vorigen Proben bestanden haben, hier diese Kraft nicht finden werden. Man bleibt entweder schon vorher zurück, oder man besteht auch hier. Alles, was nötig ist, das besteht darinnen, rasch mit sich selbst zurecht zu kommen. Denn man muß hier sein «höheres Selbst» im wahrsten Sinne des Wortes finden. Man muß sich rasch entschließen, auf die Eingebung des Geistes in allen Dingen zu hören. Zeit zu irgendwelchen Bedenken, Zweifeln und so weiter hat man hier nicht mehr. Jede Minute Zögerung würde nur beweisen, daß man noch nicht reif ist. Was abhält, auf den Geist zu hören, muß kühn überwunden werden. Es kommt darauf an, Geistesgegenwart in dieser Lage zu beweisen. Und das ist auch die Eigenschaft, auf deren vollkommene Ausbildung es auf dieser Entwickelungsstufe abgesehen ist. Alle Verlockungen zum Handeln, ja selbst zum Denken, an die ein Mensch vorher gewöhnt war, hören auf. Um nicht untätig zu bleiben, darf der Mensch sich selbst nicht verlieren. Denn nur in sich selbst kann er den einzigen festen Punkt finden, an den er sich zu halten vermag. Niemand, der dies hier liest, ohne weiter mit den Sachen vertraut zu sein, sollte eine Antipathie empfinden gegen dieses Zurückgewiesensein auf sich selbsf. Denn es bedeutet für den Menschen die schönste Glückseligkeit, wenn er die geschilderte Probe besteht.

[ 18 ] Once the candidate has progressed far enough in this manner, the third “test” awaits him. In this test, no goal is apparent to him. Everything is left up to him. He finds himself in a situation where nothing prompts him to act. He must find his own way entirely on his own. There are no things or people to move him to action. Nothing and no one can now give him the strength he needs—except himself. If he did not find this strength within himself, he would very soon find himself back where he started. Yet it must be said that only a few of those who have passed the previous trials will fail to find this strength here. Either one falls behind earlier, or one succeeds here as well. All that is necessary is to quickly come to terms with oneself. For here one must find one’s “higher self” in the truest sense of the word. One must quickly resolve to listen to the Spirit’s inspiration in all things. There is no longer any time here for any hesitations, doubts, and so on. Every minute of hesitation would only prove that one is not yet ready. Whatever prevents one from listening to the Spirit must be boldly overcome. What matters is to demonstrate presence of mind in this situation. And that is also the quality whose complete development is the goal at this stage of evolution. All temptations to act—and even to think—to which a person was previously accustomed come to an end. In order not to remain inactive, a person must not lose themselves. For only within themselves can they find the one firm point to which they can cling. No one reading this without further familiarity with the subject should feel any aversion to this being forced to rely on oneself. For it means the greatest bliss for a person when he passes the test described here.

[ 19 ] Und nicht weniger als in den anderen Fällen ist auch für diesen Punkt das gewöhnliche Leben für viele Menschen schon eine Geheimschule. Personen, die es dahin gebracht haben, daß sie, vor plötzlich an sie herantretende Lebensaufgaben gestellt, ohne Zögern, ohne viel Bedenken eines raschen Entschlusses fähig sind, ihnen ist das Leben eine solche Schulung. Die geeigneten Lagen sind diejenigen, wo ein erfolgreiches Handeln sofort unmöglich wird, wenn der Mensch nicht rasch eingreift. Wer rasch bei der Hand ist, zuzugreifen, wenn ein Unglück in Sicht ist, während durch einige Augenblicke Zögerung das Unglück bereits geschehen wäre, und wer eine solche rasche Entschlußfähigkeit zu einer bleibenden Eigenschaft bei sich gemacht hat, der hat unbewußt die Reife für die dritte «Probe» erworben. Denn auf die Heranbildung der unbedingten Geistesgegenwart kommt es bei ihr an. Man nennt sie in den Geheimschulen die «Luftprobe», weil der Kandidat bei ihr sich weder auf den festen Boden der äußeren Veranlassungen stützen kann noch auf dasjenige, was sich aus den Farben, Formen und so weiter ergibt, die er durch Vorbereitung und Erleuchtung kennengelernt hat, sondern ausschließlich auf sich selbst.

[ 19 ] And just as in other cases, everyday life itself serves as a secret school for many people in this regard. For those who have reached the point where, when suddenly confronted with life’s challenges, they are capable of making a swift decision without hesitation or much deliberation, life is such a school. The appropriate situations are those in which successful action becomes immediately impossible unless the person intervenes swiftly. Whoever is quick to act when misfortune is in sight—where a few moments’ hesitation would have already caused the misfortune to occur—and whoever has made such swift decisiveness a permanent trait within themselves has unconsciously attained the maturity required for the third “test.” For what matters here is the development of unconditional presence of mind. In the secret schools, it is called the “Air Test,” because during it the candidate can rely neither on the solid ground of external circumstances nor on what arises from the colors, forms, and so on, which he has come to know through preparation and enlightenment, but exclusively on himself.

[ 20 ] Hat der Geheimjünger diese Probe bestanden, dann darf er den «Tempel der höheren Erkenntnisse» betreten. – Was darüber weiter zu sagen ist, kann nur die allerspärlichste Andeutung sein. – Was jetzt zu leisten ist, wird oft so ausgedrückt, daß man sagt: der Geheimjünger habe einen «Eid» zu leisten, nichts von den Geheimlehren zu «verraten». Doch sind die Ausdrücke «Eid» und «verraten» keineswegs sachgemäß und sogar zunächst irreführend. Es handelt sich um keinen «Eid» im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Man macht vielmehr auf dieser Stufe der Entwickelung eine Erfahrung. Man lernt, wie man die Geheimlehre anwendet, wie man sie in den Dienst der Menschheit stellt. Man fängt an, die Welt erst recht zu verstehen. Nicht auf das «Verschweigen» der höheren Wahrheiten kommt es da an, sondern vielmehr auf die rechte Art, den entsprechenden Takt, sie zu vertreten. Worüber man «schweigen» lernt, das ist etwas ganz anderes. Man eignet sich diese herrliche Eigenschaft nämlich in bezug auf vieles an, worüber man vorher geredet hat, namentlich auf die Art, wie man geredet hat. Ein schlechter Eingeweihter wäre der, welcher nicht die erfahrenen Geheimnisse in den Dienst der Welt stellte, so gut und soweit dies nur möglich ist. Es gibt kein anderes Hindernis für die Mitteilung auf diesem Gebiete als allein das Nichtverstehen von seiten dessen, der empfangen soll. Zum beliebigen Reden darüber eignen sich allerdings die höheren Geheimnisse nicht. Aber es ist niemandem etwas «verboten» zu sagen, der die beschriebene Stufe der Entwickelung erlangt hat. Kein anderer Mensch und kein Wesen legt ihm einen dahingehenden «Eid» auf. Alles ist in seine eigene Verantwortlichkeit gestellt. Was er lernt, ist, in jeder Lage ganz durch sich selbst zu finden, was er zu tun hat. Und der «Eid» bedeutet nichts, als daß der Mensch reif geworden ist, eine solche Verantwortung tragen zu können.

[ 20 ] If the secret disciple has passed this test, he is then permitted to enter the “Temple of Higher Knowledge.” – Anything further to be said about this can only be the most tentative hint. – What must now be accomplished is often expressed by saying that the initiate must take an “oath” not to “betray” anything of the secret teachings. Yet the terms “oath” and “betray” are by no means appropriate and are even misleading at first glance. This is not an “oath” in the ordinary sense of the word. Rather, at this stage of development, one undergoes a experience. One learns how to apply the secret teachings, how to place them in the service of humanity. One begins to truly understand the world. What matters here is not the “concealment” of the higher truths, but rather the right way, the appropriate tact, to represent them. What one learns to “keep silent” about is something entirely different. One acquires this wonderful quality, in fact, with regard to many things one previously spoke about—namely, the way in which one spoke. A poor initiate would be one who did not place the mysteries he has experienced in the service of the world, as well and to the extent that this is possible. There is no obstacle to communication in this realm other than a lack of understanding on the part of the one who is to receive it. The higher mysteries, however, are not suited to casual discussion. But nothing is “forbidden” to say for anyone who has attained the described stage of development. No other person and no being imposes such an “oath” upon him. Everything is placed under his own responsibility. What he learns is to determine, entirely on his own, what he must do in every situation. And the “oath” means nothing other than that the person has matured enough to bear such responsibility.

[ 21 ] Ist der Kandidat reif geworden zu dem Beschriebenen, dann erhält er dasjenige, was man sinnbildlich als den «Vergessenheitstrunk» bezeichnet. Er wird nämlich in das Geheimnis eingeweiht, wie man wirken kann, ohne sich durch das niedere Gedächtnis fortwährend stören zu lassen. Das ist für den Eingeweihten notwendig. Denn er muß stets das volle Vertrauen in die unmittelbare Gegenwart haben. Er muß die Schleier der Erinnerung zerstören können, die sich in jedem Augenblick des Lebens um den Menschen ausbreiten. Wenn ich etwas, was mir heute begegnet, nach dem beurteile, was ich gestern erfahren habe, so bin ich vielfachen Irrtümern unterworfen. Natürlich ist damit nicht gemeint, daß man seine im Leben gewonnene Erfahrung verleugne. Man soll sich sie immer gegenwärtig halten, so gut man kann. Aber man muß als Eingeweihter die Fähigkeit haben, jedes neue Erlebnis aus sich selbst zu beurteilen, es ungetrübt durch alle Vergangenheit auf sich wirken zu lassen. Ich muß in jedem Augenblicke darauf gefaßt sein, daß mir ein jegliches Ding oder Wesen eine ganz neue Offenbarung bringen kann. Beurteile ich das Neue nach dem Alten, so bin ich dem Irrtum unterworfen. Gerade dadurch wird mir die Erinnerung an alte Erfahrungen am nützlichsten, daß sie mich befähigt, Neues zu sehen. Hätte ich eine bestimmte Erfahrung nicht, so würde ich die Eigenschaft eines Dinges oder eines Wesens, die mir entgegentreten, vielleicht gar nicht sehen. Aber eben zum Sehen des Neuen, nicht zur Beurteilung des Neuen nach dem Alten soll die Erfahrung dienen. In dieser Beziehung erlangt der Eingeweihte ganz bestimmte Fähigkeiten. Dadurch enthüllen sich ihm viele Dinge, die dem Uneingeweihten verborgen bleiben.

[ 21 ] Once the candidate has matured to the state described, he receives what is symbolically referred to as the “drink of forgetfulness.” For he is initiated into the mystery of how to act without being constantly disturbed by the lower memory. This is necessary for the initiate. For he must always have complete trust in the immediate present. He must be able to dispel the veils of memory that spread around a person at every moment of life. If I judge something I encounter today based on what I experienced yesterday, I am subject to numerous errors. Of course, this does not mean that one should deny the experience gained in life. One should always keep it in mind as best one can. But as an initiate, one must have the ability to judge every new experience from within oneself, to allow it to affect one unclouded by the past. At every moment, I must be prepared for the fact that any thing or being can bring me a completely new revelation. If I judge the new by the old, I am subject to error. It is precisely in this way that the memory of past experiences is most useful to me: by enabling me to see what is new. If I did not have a certain experience, I might not even see a quality of a thing or a being that comes before me. But experience should serve precisely to see the new, not to judge the new by the old. In this regard, the initiate acquires very specific abilities. Through them, many things are revealed to him that remain hidden from the uninitiated.

[ 22 ] Der zweite «Trank», der dem Eingeweihten verabreicht wird, ist der «Gedächtnistrank». Durch ihn erlangt er die Fähigkeit, höhere Geheimnisse stets im Geiste gegenwärtig zu haben. Dazu würde das gewöhnliche Gedächtnis nicht ausreichen. Man muß ganz eins werden mit den höheren Wahrheiten. Man muß sie nicht nur wissen, sondern ganz selbstverständlich in lebendigem Tun handhaben, wie man als gewöhnlicher Mensch ißt und trinkt. Übung, Gewöhnung, Neigung müssen sie werden. Man muß gar nicht über sie in gewöhnlichem Sinne nachzudenken brauchen; sie müssen sich durch den Menschen selbst darstellen, durch ihn fließen wie die Lebensfunktionen seines Organismus. So macht er sich in geistigem Sinne immer mehr zu dem, wozu ihn im physischen die Natur gemacht hat.

[ 22 ] The second “potion” administered to the initiate is the “potion of remembrance.” Through it, the initiate gains the ability to keep the higher mysteries constantly present in the mind. Ordinary memory would not suffice for this. One must become completely one with the higher truths. One must not only know them, but also handle them as a matter of course in living action, just as an ordinary person eats and drinks. They must become a matter of practice, habit, and inclination. One need not even think about them in the ordinary sense; they must present themselves through the person, flowing through him like the vital functions of his organism. In this way, he increasingly becomes, in a spiritual sense, what nature has made him to be in the physical sense.