How to Gain Knowledge of the Higher Worlds
GA 10
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
How to Gain Knowledge of the Higher Worlds, tr. SOL
Praktische Gesichtspunkte
Practical Considerations
[ 1 ] Wenn der Mensch seine Ausbildung in bezug auf Gefühle; Gedanken und Stimmungen so durchmacht, wie dies in den Kapiteln über Vorbereitung, Erleuchtung und Einweihung beschrieben worden ist, so bewirkt er in seiner Seele und in seinem Geist eine ähnliche Gliederung, wie sie die Natur in seinem physischen Leibe bewirkt hat. Vor dieser Ausbildung sind Seele und Geist ungegliederte Massen. Der Hellseher nimmt sie wahr als ineinandergreifende, spiralige Nebelwirbel, die vorzugsweise wie rötliche und rötlichbraune oder auch rötlichgelbe Farben matt glimmend empfunden werden; nach der Ausbildung beginnen sie wie die gelblichgrünen, grünlichblauen Farben geistig zu erglänzen und zeigen einen regelmäßigen Bau. Der Mensch gelangt zu solcher Regelmäßigkeit und damit zu höheren Erkenntnissen, wenn er in seine Gefühle, Gedanken und Stimmungen solche Ordnung bringt, wie sie die Natur in seine körperlichen Verrichtungen gebracht hat, so daß er sehen, hören, verdauen, atmen, sprechen und so weiter kann. – Mit der Seele atmen und sehen und so weiter, mit dem Geiste hören und sprechen und so weiter lernt der Geheimschüler allmählich.
[ 1 ] When a person undergoes this training with regard to feelings, thoughts, and moods, as described in the chapters on preparation, enlightenment, and initiation, he brings about in his soul and spirit a structure similar to that which nature has brought about in his physical body. Before this training, the soul and spirit are unstructured masses. The clairvoyant perceives them as interlocking, spiral-shaped mists that are primarily perceived as faintly glowing reddish, reddish-brown, or reddish-yellow colors; after the training, they begin to shine spiritually in yellowish-green and greenish-blue hues and reveal a regular structure. A person attains such regularity—and thereby higher insights—when he brings to his feelings, thoughts, and moods the same order that nature has brought to his physical functions, enabling him to see, hear, digest, breathe, speak, and so on. —The initiatory student gradually learns to breathe and see with the soul, and so on, and to hear and speak with the spirit, and so on.
[ 2 ] Es sollen hier nur noch einige praktische Gesichtspunkte genauer ausgeführt werden, die zur höheren Seelen- und Geisteserziehung gehören. Es sind solche, die im Grunde jeder, ohne auf andere Regeln Rücksicht zu nehmen, befolgen kann und durch die er in der Geheimwissenschaft eine Strecke weit gelangt.
[ 2 ] Here, we will elaborate in more detail on just a few practical considerations that are part of the higher education of the soul and spirit. These are principles that, in essence, anyone can follow without having to take other rules into account, and through which one can make significant progress in esoteric science.
[ 3 ] Eine besondere Ausbildung muß man in der Geduld anstreben. Jede Regung der Ungeduld wirkt lähmend, ja ertötend auf die im Menschen schlummernden höheren Fähigkeiten. Man soll nicht verlangen, daß sich von heute auf morgen unermeßliche Einblicke in die höheren Welten eröffnen. Denn dann kommen sie in der Regel ganz gewiß nicht; Zufriedenheit mit dem Geringsten, das man erreicht, Ruhe und Gelassenheit sollen sich der Seele immer mehr bemächtigen. – Es ist ja begreiflich, daß der Lernende ungeduldig die Ergebnisse erwartet. Dennoch erlangt er nichts, solange er diese Ungeduld nicht bemeistert. Es nützt auch nichts, wenn man diese Ungeduld nur in gewöhnlichem Sinne des Wortes bekämpft. Dann wird sie nur um so stärker. Man täuscht sich dann über sie hinweg, und in den Tiefen der Seele sitzt sie nur um so stärker. Nur wenn man sich einem ganz bestimmten Gedanken immer wieder hingibt, ihn ganz sich zu eigen macht, erreicht man etwas. Dieser Gedanke ist: «Ich muß zwar alles tun zu meiner Seelen- und Geistesausbildung; aber ich werde ganz ruhig warten, bis ich von höheren Mächten für würdig befunden werde zu bestimmter Erleuchtung.» Wird dieser Gedanke im Menschen so mächtig, daß er zur Charakteranlage sich gestaltet, dann ist man auf dem rechten Wege. Schon im Äußerlichen prägt sich dann diese Charakteranlage aus. Der Blick des Auges wird ruhig, die Bewegungen sicher, die Entschlüsse bestimmt, und alles, was man Nervosität nennt, weicht allmählich von dem Menschen. Scheinbar unbedeutende, kleine Regeln kommen dabei in Betracht. Zum Beispiel es fügt uns jemand eine Beleidigung zu. Vor unserer Geheimerziehung wenden wir unser Gefühl gegen den Beleidiger. Ärger wallt in unserem Inneren auf. In dem Geheimschü1er aber steigt sofort bei einer solchen Gelegenheit der Gedanke auf: «Eine solche Beleidigung ändert nichts an meinem Werte»; und er tut dann, was gegen die Beleidigung zu unternehmen ist, mit Ruhe und Gelassenheit, nicht aus dem Ärger heraus. Es kommt natürlich nicht darauf an, etwa jede Beleidigung einfach hinzunehmen, sondern darauf, daß man so ruhig und sicher in der Ahndung einer Beleidigung der eigenen Person gegenüber ist, wie man wäre, wenn die Beleidigung einem anderen zugefügt worden wäre, bei dem man das Recht hat, sie zu ahnden. – Immer muß berücksichtigt werden, daß sich die Geheimschulung nicht in groben äußeren Vorgängen, sondern in feinen, stillen Umwandlungen des Gefühls- und Gedankenlebens vollzieht.
[ 3 ] One must strive for special training in patience. Every impulse of impatience has a paralyzing, even deadly, effect on the higher faculties that lie dormant within a person. One should not expect immeasurable insights into the higher worlds to open up overnight. For then, as a rule, they will most certainly not come; contentment with the smallest of achievements, along with peace and serenity, should increasingly take hold of the soul. – It is, of course, understandable that the learner impatiently awaits results. Nevertheless, he will achieve nothing as long as he does not master this impatience. Nor does it help to combat this impatience merely in the ordinary sense of the word. Then it only grows stronger. One merely deludes oneself about it, and in the depths of the soul it takes root all the more firmly. Only by repeatedly devoting oneself to a very specific thought, and making it one’s own, can one achieve anything. This thought is: “I must, of course, do everything I can to cultivate my soul and spirit; but I will wait quite calmly until I am deemed worthy by higher powers to attain a certain enlightenment.” If this thought becomes so powerful within a person that it takes shape as a character trait, then one is on the right path. This character trait then begins to manifest itself even in one’s outward appearance. The gaze becomes calm, movements confident, decisions resolute, and everything that is called nervousness gradually fades from the person. Seemingly insignificant, minor rules come into play here. For example, someone insults us. Before our inner education, we direct our feelings against the offender. Anger wells up within us. But in the inner student, the thought immediately arises on such an occasion: “Such an insult does not alter my worth”; and he then does what must be done in response to the insult with calm and composure, not out of anger. Of course, the point is not simply to accept every insult, but rather to be as calm and confident in responding to an insult directed at oneself as one would be if the insult had been directed at someone else, toward whom one has the right to take action. – One must always bear in mind that the secret training does not take place through coarse, outward actions, but through subtle, quiet transformations of one’s emotional and mental life.
[ 4 ] Geduld wirkt anziehend auf die Schätze des höheren Wissens. Ungeduld wirkt auf sie abstoßend. In Hast und Unruhe kann nichts auf den höheren Gebieten des Daseins erlangt werden. Vor allen Dingen müssen Verlangen und Begierde schweigen. Das sind Eigenschaften der Seele, vor denen sich alles höhere Wissen scheu zurückzieht. So wertvoll auch alle höhere Erkenntnis ist: man darf sie nicht verlangen, wenn sie zu uns kommen soll. Wer sie haben will um seiner selbst willen, der erlangt sie nie. – Und das erfordert vor allem, daß man in tiefster Seele wahr gegen sich selbst sei. Man darf sich in nichts über sich selbst täuschen. Man muß seinen eigenen Fehlern, Schwächen und Untauglichkeiten mit innerer Wahrhaftigkeit ins Antlitz schauen. – In dem Augenblicke, wo du irgendeine deiner Schwächen vor dir selbst entschuldigst, hast du dir einen Stein hingelegt auf den Weg, der dich aufwärts führen soll. Solche Steine kannst du nur durch Selbstaufklärung über dich beseitigen. Es gibt nur einen Weg, seine Fehler und Schwächen abzulegen, und der ist: sie richtig zu erkennen. Alles schlummert in der Menschenseele und kann erweckt werden. Auch seinen Verstand und seine Vernunft kann der Mensch verbessern, wenn er sich in Ruhe und Gelassenheit darüber aufklärt, warum er in dieser Beziehung schwach ist. Solche Selbsterkenntnis ist natürlich schwierig, denn die Versuchung zur Täuschung über sich selbst ist eine unermeßlich große. Wer sich an Wahrheit gegen sich selbst gewöhnt, öffnet sich die Pforten zu höherer Einsicht.
[ 4 ] Patience attracts the treasures of higher knowledge. Impatience repels them. Nothing in the higher realms of existence can be attained through haste and restlessness. Above all, desire and craving must be silenced. These are qualities of the soul from which all higher knowledge shyly withdraws. As valuable as all higher insight may be, one must not demand it if it is to come to us. Whoever wants it for its own sake will never attain it. – And this requires, above all, that one be true to oneself in the depths of one’s soul. One must not deceive oneself about anything. One must look one’s own faults, weaknesses, and shortcomings squarely in the face with inner honesty. – The moment you make excuses for any of your weaknesses to yourself, you have placed a stone in the path that is meant to lead you upward. You can remove such stones only through self-enlightenment. There is only one way to cast off one’s faults and weaknesses, and that is: to recognize them correctly. Everything lies dormant in the human soul and can be awakened. A person can also improve their intellect and reason if, with calm and composure, they come to understand why they are weak in this regard. Such self-knowledge is, of course, difficult, for the temptation to deceive oneself is immeasurably great. Those who accustom themselves to the truth about themselves open the gates to higher insight.
[ 5 ] Schwinden muß beim Geheimschüler eine jegliche Neugierde. Er muß sich so viel wie möglich das Fragen abgewöhnen über Dinge, die er nur zur Befriedigung seines persönlichen Wissensdranges wissen will. Nur das soll er fragen, was ihm zur Vervollkommnung seiner Wesenheit im Dienste der Entwickelung dienen kann. Dabei soll in ihm aber die Freude, die Hingabe an das Wissen in keiner Weise gelähmt werden. Auf alles, was zu solchem Ziele dient, soll er andächtig hinhorchen und jede Gelegenheit zu solcher Andacht aufsuchen.
[ 5 ] The secret student must rid himself of all curiosity. He must, as much as possible, break the habit of asking questions about things he wants to know solely to satisfy his personal thirst for knowledge. He should ask only about what can serve to perfect his being in the service of evolution. At the same time, however, the joy and devotion to knowledge within him must not be stifled in any way. He should listen attentively to everything that serves such a purpose and seek out every opportunity for such devotion.
[ 6 ] Insbesondere ist zur Geheimausbildung eine Erziehung des Wunschlebens notwendig. Man soll nicht etwa wunschlos werden. Denn alles, was wir erreichen sollen, sollen wir ja auch wünschen. Und ein Wunsch wird immer in Erfüllung gehen, wenn hinter ihm eine ganz besondere Kraft steht. Diese Kraft kommt aus der richtigen Erkenntnis. «In keiner Art zu wünschen, bevor man das Richtige auf einem Gebiete erkannt hat», das ist eine der goldenen Regeln für den Geheimschüler. Der Weise lernt zuerst die Gesetze der Welt kennen, dann werden seine Wünsche zu Kräften, welche sich verwirklichen. – Ein Beispiel, das deutlich wirkt, soll hier angeführt werden. Gewiß wünschen viele, aus eigener Anschauung über ihr Leben vor ihrer Geburt etwas zu erfahren. Solcher Wunsch ist ganz zwecklos und ergebnislos, solange der Betreffende sich nicht die Erkenntnis der Gesetze durch geisteswissenschaftliches Studium angeeignet hat – und zwar in ihrem feinsten, intimsten Charakter – von dem Wesen des Ewigen. Hat er sich aber diese Erkenntnis wirklich erworben, und will er dann weiterkommen, so wird er es durch seinen veredelten, geläuterten Wunsch.
[ 6 ] In particular, secret training requires an education in the desirelife. One should not, for example, become devoid of desires. For everything we are meant to achieve, we should also desire. And a desire will always come true when it is backed by a very special power. This power comes from true knowledge. “Never to desire anything until one has recognized the truth in a given field”—this is one of the golden rules for the student of the secret teachings. The wise person first learns the laws of the world; then his desires become forces that bring about their own fulfillment. – A clear example should be given here. Certainly, many wish to learn something from their own perspective about their life before birth. Such a wish is entirely futile and fruitless as long as the person in question has not acquired the knowledge of the laws through the study of spiritual science—and specifically in their finest, most intimate nature—regarding the essence of the Eternal. But if they have truly acquired this knowledge, and if they then wish to make further progress, they will do so through their ennobled, purified desire.
[ 7 ] Es nützt auch nichts, zu sagen: Ja, ich will ja gerade mein vorhergehendes Leben übersehen und zu dem Zwecke eben lernen. Man muß vielmehr imstande sein, diesen Wunsch ganz fallenzulassen, ganz von sich auszuschalten, und zunächst ganz ohne diese Absicht lernen. Man muß die Freude, die Hingebung an dem Gelernten entwickeln ohne die genannte Absicht. Denn nur dadurch lernt man zugleich den entsprechenden Wunsch so zu haben, daß er seine Erfüllung nach sich zieht.
[ 7 ] It is also of no use to say: “Yes, I do indeed want to overlook my previous life and am learning precisely for that purpose.” Rather, one must be able to let go of this desire entirely, to completely set it aside, and to begin by learning without this intention at all. One must develop a joy in and devotion to what one has learned without the aforementioned intention. For only in this way does one simultaneously learn to have the corresponding desire in such a way that it brings about its own fulfillment.
[ 8 ] Wenn ich zornig bin oder mich ärgere, so richte ich einen Wall in der Seelenwelt um mich auf, und die Kräfte können nicht an mich herantreten, welche meine seelischen Augen entwickeln sollen. Ärgert mich zum Beispiel ein Mensch, so schickt er einen seelischen Strom in die Seelenwelt. Ich kann diesen Strom so lange nicht sehen, als ich noch fähig bin, mich zu ärgern. Mein Ärger verdeckt ihn mir. Nun darf ich auch nicht glauben, daß ich sofort eine seelische (astralische) Erscheinung haben werde, wenn ich mich nicht mehr ärgere. Denn dazu ist notwendig, daß sich erst in mir ein seelisches Auge entwickele. Aber die Anlage zu einem solchen Auge liegt in jedem Menschen. Es bleibt unwirksam, solange der Mensch fähig ist, sich zu ärgern. Aber es ist auch noch nicht sogleich da, wenn man ein wenig das Ärgern bekämpft hat. Man muß vielmehr fortfahren in dieser Bekämpfung des Ärgers und in Geduld immer wieder fortfahren; dann wird man eines Tages bemerken, daß sich dieses seelische Auge entwickelt hat. Allerdings ist nicht der Ärger das einzige, was man zu solchem Ziele zu bekämpfen hat. Viele werden ungeduldig oder zweifelnd, weil sie jahrelang einige Eigenschaften der Seele bekämpft haben und das Hellsehen doch nicht eintritt. Sie haben dann eben einige Eigenschaften ausgebildet und andere um so mehr überwuchern lassen. Die Gabe des Hellsehens tritt erst dann ein, wenn alle Eigenschaften unterdrückt sind, welche die entsprechenden schlummernden Fähigkeiten nicht herauskommen lassen. Allerdings stellen sich Anfänge des Schauens (oder Hörens) schon früher ein; aber das sind zarte Pflänzchen, die leicht allem möglichen Irrtum unterworfen sind und die auch leicht absterben, wenn sie nicht sorgfältig weiter gehegt und gepflegt werden.
[ 8 ] When I am angry or annoyed, I erect a barrier around myself in the soul world, and the forces that are meant to develop my soul eyes cannot approach me. If, for example, a person annoys me, they send a soul current into the soul world. I cannot see this current as long as I am still capable of getting annoyed. My annoyance obscures it from me. Nor should I believe that I will immediately experience a spiritual (astral) phenomenon once I am no longer annoyed. For this requires that a spiritual eye first develop within me. But the potential for such an eye lies within every human being. It remains inactive as long as a person is capable of getting angry. But it is not immediately present even after one has fought against anger to some extent. Rather, one must continue in this struggle against anger and persevere with patience time and again; then one day one will notice that this spiritual eye has developed. However, anger is not the only thing one must combat to achieve this goal. Many become impatient or doubtful because they have spent years fighting certain traits of the soul, yet clairvoyance still does not manifest. They have simply developed some traits while allowing others to run rampant all the more. The gift of clairvoyance does not emerge until all the traits that prevent the corresponding dormant abilities from surfacing have been suppressed. Admittedly, the first signs of seeing (or hearing) may appear earlier; but these are tender seedlings that are easily subject to all manner of error and that also wither easily if they are not carefully nurtured and tended.
[ 9 ] Zu den Eigenschaften, die zum Beispiel ebenso bekämpft werden müssen wie Zorn und Ärger, gehören Furchtsamkeit, Aberglaube und Vorurteilssucht, Eitelkeit und Ehrgeiz, Neugierde und unnötige Mitteilungssucht, das Unterschiedmachen in bezug auf Menschen nach äußerlichen Rang-, Geschlechts-, Stammeskennzeichen und so weiter. In unserer Zeit wird man recht schwer begreifen, daß die Bekämpfung solcher Eigenschaften etwas zu tun habe mit der Erhöhung der Erkenntnisfähigkeit. Aber jeder Geheimwissenschafter weiß, daß von solchen Dingen viel mehr abhängt als von der Erweiterung der Intelligenz und von dem Anstellen künstlicher Übungen. Insbesondere kann leicht ein Mißverständnis darüber entstehen, wenn manche glauben, daß man sich tollkühn machen solle, weil man furchtlos sein soll, daß man sich vor den Unterschieden der Menschen verschließen soll, weil man die Standes-, Rassen- und so weiter Vorurteile bekämpfen soll. Man lernt vielmehr erst richtig erkennen, wenn man nicht mehr in Vorurteilen befangen ist. Schon in gewöhnlichem Sinne ist es richtig, daß mich die Furcht vor einer Erscheinung hindert, sie klar zu beurteilen, daß mich ein Rassenvorurteil hindert, in eines Menschen Seele zu blicken. Diesen gewöhnlichen Sinn muß der Geheimschüler in großer Feinheit und Schärfe bei sich zur Entwickelung bringen.
[ 9 ] Among the traits that must be combated just as much as anger and irritation, for example, are timidity, superstition, and a tendency toward prejudice; vanity and ambition; curiosity and an unnecessary urge to share information; and the practice of distinguishing between people based on external markers of rank, gender, ethnicity, and so on. In our time, it is quite difficult to understand that combating such traits has anything to do with enhancing one’s capacity for insight. But every practitioner of esoteric science knows that far more depends on such things than on the expansion of intelligence or the performance of artificial exercises. In particular, a misunderstanding can easily arise when some believe that one should act recklessly because one is supposed to be fearless, or that one should close oneself off from the differences among people because one is supposed to combat prejudices based on social class, race, and so on. Rather, one learns to perceive correctly only when one is no longer bound by prejudices. Even in the ordinary sense, it is true that fear of a phenomenon prevents me from judging it clearly, and that racial prejudice prevents me from looking into a person’s soul. The student of the occult must develop this ordinary sense within himself with great subtlety and acuity.
[ 10 ] Einen Stein in den Weg der Geheimerziehung wirft dem Menschen auch alles, was er sagt, ohne daß er es gründlich in seinen Gedanken geläutert hat. Und dabei muß etwas in Betracht kommen, was hier nur durch ein Beispiel erläutert werden kann. Wenn mir jemand zum Beispiel etwas sagt und ich habe darauf zu erwidern, so muß ich bemüht sein, des anderen Meinung, Gefühl, ja Vorurteil mehr zu beachten, als was ich im Augenblicke selbst zu der in Rede stehenden Sache zu sagen habe. Hiermit ist eine feine Taktausbildung angedeutet, welcher sich der Geheimschüler sorgfältig zu widmen hat. Er muß sich ein Urteil darüber aneignen, wie weit es für den anderen eine Bedeutung hat, wenn er der seinigen die eigene Meinung entgegenhält. Nicht zurückhalten soll man deshalb mit seiner Meinung. Davon kann nicht im entferntesten die Rede sein. Aber man soll so genau als nur irgend möglich auf den anderen hinhören und aus dem, was man gehört hat, die Gestalt seiner eigenen Erwiderung formen. Immer wieder steigt in einem solchen Falle in dem Geheimschüler ein Gedanke auf; und er ist auf dem rechten Wege, wenn dieser Gedanke in ihm so lebt, daß er Charakteranlage geworden ist. Dies ist der Gedanke: «Nicht darauf kommt es an, daß ich etwas anderes meine als der andere, sondern darauf, daß der andere das Richtige aus Eigenem finden wird, wenn ich etwas dazu beitrage.» Durch solche und ähnliche Gedanken überströmt den Charakter und die Handlungsweise des Geheimschülers das Gepräge der Milde, die ein Hauptmittel aller Geheimschulung ist. Härte verscheucht um dich herum die Seelengebilde, die dein seelisches Auge erwecken sollen; Milde schafft dir die Hindernisse hinweg und öffnet deine Organe.
[ 10 ] Everything a person says without first thoroughly purifying it in their thoughts also throws a stone in the path of secret education. And in this regard, there is something that must be taken into account, which can only be explained here through an example. For example, if someone says something to me and I have a response, I must strive to pay more attention to the other person’s opinion, feelings, and even prejudices than to what I myself have to say at that moment about the matter at hand. This points to the development of a subtle sense of tact, to which the secret student must devote careful attention. He must develop the ability to judge to what extent it matters to the other person when he contrasts his own opinion with that of the other. One should not, therefore, hold back one’s opinion. That is out of the question. But one should listen to the other as closely as possible and shape the form of one’s own reply based on what one has heard. Time and again, in such a case, a thought arises within the secret student; and he is on the right path when this thought lives within him to such an extent that it has become a trait of character. This is the thought: “What matters is not that I think something different from the other person, but that the other person will find the truth on their own if I contribute something to it.” Through such and similar thoughts, the character and conduct of the secret student are imbued with the quality of gentleness, which is a primary means of all secret training. Harshness drives away the soul-images around you that are meant to awaken your soul’s eye; Mildness removes the obstacles for you and opens your senses.
[ 11 ] Und mit der Milde wird sich alsbald ein anderer Zug in der Seele ausbilden: das ruhige Achten auf alle Feinheiten des seelischen Lebens in der Umgebung bei völliger Schweigsamkeit der eigenen Seelenregungen. Und hat es ein Mensch zu diesem gebracht, dann wirken die Seelenregungen seiner Umgebung auf ihn so ein, daß die eigene Seele wächst und wachsend sich gliedert, wie die Pflanze gedeiht im Sonnenlichte. Milde und Schweigsamkeit in wahrer Geduld öffnen die Seele der Seelenwelt, den Geist dem Geisterlande. – «Verharre in Ruhe und Abgeschlossenheit, schließe die Sinne für das, was sie dir vor deiner Geheimschulung überliefert haben, bringe alle Gedanken zum Stillstand, die nach deinen vorherigen Gewohnheiten in dir auf- und abwogten, werde ganz still und schweigsam in deinem Innern und warte in Geduld, dann fangen höhere Welten an, deine Seelenaugen und Geistesohren auszubilden. Du darfst nicht erwarten, daß du sogleich siehst und hörst in der Seelen-und Geisterwelt. Denn was du tust, trägt nur bei, deine höheren Sinne auszubilden. Seelisch sehen und geistig hören aber wirst du erst, wenn du diese Sinne haben wirst. Hast du eine Weile so in Ruhe und Abgeschlossenheit verharrt, so gehe an deine gewohnten Tagesgeschäfte, indem du dir vorher noch tief den Gedanken eingeprägt: es wird mir einmal werden, was mir werden soll, wenn ich dazu reif bin. Und unterlasse es streng, etwas von den höheren Gewalten durch deine Willkür an dich zu ziehen.» Das sind Anweisungen, die jeder Geheimschüler von seinem Lehrer im Beginne des Weges erhält. Beobachtet er sie, dann vervollkommnet er sich. Beobachtet er sie nicht, dann ist alles Arbeiten vergebens. Aber sie sind nur für den schwierig, der nicht Geduld und Standhaftigkeit hat. Es gibt keine anderen Hindernisse, als diejenigen sind, die sich ein jeder selbst in den Weg wirft und die auch jeder vermeiden kann, wenn er wirklich will. Das muß immer wieder betont werden, weil sich viele eine ganz falsche Vorstellung bilden über die Schwierigkeiten des Geheimpfades. Es ist in gewissem Sinne leichter, die ersten Stufen dieses Pfades zu überschreiten, als ohne Geheimschulung mit den alleralltäglichsten Schwierigkeiten des Lebens fertig zu werden. – Außerdem durften hier nur solche Dinge mitgeteilt werden, die von keinerlei Art von Gefahren begleitet sind für die körperliche und seelische Gesundheit. Es gibt ja auch andere Wege, die schneller zum Ziele führen; aber mit diesen hat, was hier gemeint ist, nichts zu tun, weil sie gewisse Wirkungen auf den Menschen haben können, die ein erfahrener Geheimkundiger nicht anstrebt. Da einiges von solchen Wegen doch immer wieder in die Öffentlichkeit dringt, so muß ausdrücklich davor gewarnt werden, sie zu betreten. Aus Gründen, die nur der Eingeweihte verstehen kann, können diese Wege nie in ihrer wahren Gestalt öffentlich bekanntgegeben werden. Und die Bruchstücke, die dort und da erscheinen, können zu nichts Gedeihlichem, wohl aber zur Untergrabung von Gesundheit, Glück und Seelenfrieden führen. Wer sich nicht ganz dunklen Mächten anvertrauen will, von deren wahrem Wesen und Ursprung er nichts wissen kann, der vermeide es, sich auf solche Dinge einzulassen.
[ 11 ] And with gentleness, another trait will soon take shape in the soul: the calm attention to all the subtleties of spiritual life in one’s surroundings, accompanied by complete silence regarding one’s own inner stirrings. And when a person has attained this state, the stirrings of the soul in their surroundings will influence them in such a way that their own soul grows and, as it grows, becomes more structured, just as a plant flourishes in the sunlight. Gentleness and silence, coupled with true patience, open the soul to the world of souls and the spirit to the realm of spirits. – “Remain in stillness and seclusion; close your senses to what they conveyed to you before your secret training; bring all thoughts to a standstill—those that, according to your former habits, ebbed and flowed within you; become completely still and silent within yourself and wait patiently; then higher worlds will begin to develop your soul’s eyes and spirit’s ears. You must not expect to see and hear immediately in the world of the soul and spirit. For what you are doing merely contributes to the development of your higher senses. But you will see with your soul and hear with your spirit only when you possess these senses. Once you have remained in this state of peace and seclusion for a while, return to your usual daily activities, but first impress upon yourself deeply the thought: “What is meant to be mine will come to me when I am ready.” And strictly refrain from attempting to draw anything from the higher powers to yourself through your own will.” These are instructions that every initiate receives from his teacher at the beginning of the path. If he follows them, he will perfect himself. If he does not follow them, all his efforts will be in vain. But they are difficult only for those who lack patience and steadfastness. There are no obstacles other than those that each person places in their own path—and which anyone can avoid if they truly wish to. This must be emphasized again and again, because many form a completely false notion of the difficulties of the esoteric path. In a certain sense, it is easier to traverse the first steps of this path than to cope with the most mundane difficulties of life without esoteric training. — Furthermore, only those things that do not pose any kind of danger to physical or mental health could be disclosed here. There are, of course, other paths that lead more quickly to the goal; but these have nothing to do with what is meant here, because they can have certain effects on people that an experienced initiate does not seek. Since some aspects of such paths repeatedly find their way into the public domain, an explicit warning must be issued against treading them. For reasons that only the initiate can understand, these paths can never be publicly revealed in their true form. And the fragments that appear here and there can lead to nothing beneficial, but rather to the undermining of health, happiness, and peace of mind. Anyone who does not wish to entrust themselves entirely to dark forces, whose true nature and origin they cannot know, should avoid getting involved in such matters.
[ 12 ] Es kann noch einiges gesagt werden über die Umgebung, in welcher die Übungen der Geheimschulung vorgenommen werden sollen. Denn darauf kommt einiges an. Doch liegt die Sache fast für jeden Menschen anders. Wer in einer Umgebung übt, die nur von selbstsüchtigen Interessen, zum Beispiel von dem modernen Kampfe ums Dasein, erfüllt ist, der muß sich bewußt sein, daß diese Interessen nicht ohne Einfluß bleiben auf die Ausbildung seiner seelischen Organe. Zwar sind die inneren Gesetze dieser Organe so stark, daß dieser Einfluß nicht ein allzu schädlicher werden kann. So wenig eine Lilie durch eine noch so unangemessene Umgebung zu einer Distel werden kann, so wenig kann sich das seelische Auge zu etwas anderem bilden, als wozu es bestimmt ist, auch wenn die selbstsüchtigen Interessen der modernen Städte darauf einwirken. Aber gut ist es unter allen Umständen, wenn der Geheimschüler ab und zu den stillen Frieden und die innere Würde und Anmut der Natur zu seiner Umgebung macht. Besonders günstig liegt die Sache bei dem, der seine Geheimschulung ganz in der grünen Pflanzenwelt oder zwischen sonnigen Bergen und dem lieben Weben der Einfalt vornehmen kann. Das treibt die inneren Organe in einer Harmonie heraus, die niemals in der modernen Stadt entstehen kann. Etwas besser als der bloße Stadtmensch ist auch schon derjenige gestellt, welcher wenigstens während seiner Kindheit Tannenluft atmen, Schneegipfel schauen und das stille Treiben der Waldtiere und Insekten beobachten durfte. Keiner derjenigen aber, denen es aufgegeben ist, in der Stadt zu leben, darf es unterlassen, seinen in Bildung begriffenen Seelen- und Geistesorganen als Nahrung die inspirierten Lehren der Geistesforschung zuzuführen. Wessen Auge nicht jeden Frühling die Wälder Tag für Tag in ihrem Grün verfolgen kann, der sollte dafür seinem Herzen die erhabenen Lehren der Bhagavad-Gita, des Johannes-Evangeliums, des Thomas von Kempen und die Darstellungen der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse zuführen. Viele Wege gibt es zum Gipfel der Einsicht; aber eine richtige Wahl ist unerläßlich. – Der Geheimkundige weiß gar manches über solche Wege zu sagen, was dem Uneingeweihten absonderlich erscheint. Es kann zum Beispiel jemand sehr weit auf dem Geheimpfade sein. Er kann sozusagen unmittelbar vor dem Öffnen der seelischen Augen und geistigen Ohren stehen; und dann hat er das Glück, eine Fahrt über das ruhige oder vielleicht auch das wildbewegte Meer zu machen, und eine Binde löst sich von seinen Seelenaugen: plötzlich wird er sehend. – Ein anderer ist ebenfalls so weit, daß diese Binde sich nur zu lösen braucht; es geschieht durch einen starken Schicksalsschlag. Auf einen anderen Menschen hätte dieser Schlag wohl den Einfluß gehabt, daß er seine Kraft lähmte, seine Energie untergrübe; für den Geheimschüler wird er zum Anlaß der Erleuchtung. – Ein dritter harrt in Geduld aus; Jahre hindurch hat er so geharrt, ohne eine merkliche Frucht. Plötzlich in seinem ruhigen Sitzen in der stillen Kammer wird es geistig Licht um ihn, die Wände verschwinden, werden seelisch durchsichtig, und eine neue Welt breitet sich vor seinem sehend gewordenen Auge aus oder erklingt seinem hörend gewordenen Geistesohre.
[ 12 ] There is still much to be said about the environment in which the exercises of the secret training are to be performed. For this is of great importance. Yet the situation is different for almost everyone. Anyone who practices in an environment filled solely with selfish interests—such as the modern struggle for existence—must be aware that these interests will inevitably influence the development of their soul organs. Admittedly, the inner laws governing these organs are so strong that this influence cannot be overly harmful. Just as a lily cannot become a thistle no matter how unsuitable its surroundings may be, so too can the soul’s eye not develop into anything other than what it is destined to be, even if the selfish interests of modern cities exert an influence upon it. But it is always beneficial for the secret student to occasionally immerse themselves in the quiet peace and the inner dignity and grace of nature. The situation is particularly favorable for those who can undertake their secret training entirely amidst the green plant world or among sunny mountains and the lovely weaving of simplicity. This fosters harmony within the inner organs that can never arise in the modern city. Even those who, at least during their childhood, were able to breathe the air of the pine forests, gaze upon snow-capped peaks, and observe the quiet goings-on of forest animals and insects are in a somewhat better position than the mere city dweller. However, none of those who are destined to live in the city should fail to nourish their developing soul and mind with the inspired teachings of spiritual research. Those whose eyes cannot follow the forests day by day as they turn green each spring should instead nourish their hearts with the sublime teachings of the Bhagavad-Gita, the Gospel of John, Thomas à Kempis, and the presentations of spiritual scientific findings. There are many paths to the summit of insight; but making the right choice is essential. — The initiate knows many things about such paths that seem strange to the uninitiated. For example, someone may be very far along the path of mystery. He may, so to speak, be on the very verge of opening his soul’s eyes and spiritual ears; and then he has the good fortune to take a journey across the calm—or perhaps even the stormy—sea, and a blindfold slips from his soul’s eyes: suddenly he sees. – Another has likewise reached the point where this veil need only be removed; it happens through a severe blow of fate. On another person, this blow would likely have had the effect of paralyzing their strength and undermining their energy; for the initiate, it becomes the occasion for enlightenment. – A third perseveres patiently; for years he has waited thus, without any noticeable result. Suddenly, as he sits quietly in the still chamber, spiritual light surrounds him, the walls vanish, becoming transparent to his soul, and a new world unfolds before his eye, which has now become able to see, or resounds in his spiritual ear, which has now become able to hear.
