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Philosophy, History and Literature
GA 51

25 October 1904, Berlin

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Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen II

History of the Middle Ages Up to the Great Inventions and Discoveries II

[ 1 ] Gründlich verändert hat sich das Bild Mitteleuropas von der Zeit etwa vom Jahre 1 bis zum 6. Jahrhundert n.Chr. Diese Änderung bedeutet einen vollständigen Ersatz der Völker, die an der Weichsel, Oder und Elbe gelebt haben, durch andere, und daher ist es sehr schwer, sich ein Bild dieser Völker zu machen, über ihre Sitten, über ihre Lebensart etwas zu erfahren. Man muß zu einer eigenartigen Methode greifen, um ein Bild jener Völker zu finden. In den Beschreibungen des Tacitus in der Germania ergibt sich uns ein Bild der damaligen Gegend. Urkunden sind uns sonst aus jener Zeit nicht aufbewahrt, und wir müssen die Sagen der nördlichen Germanen heranziehen, um unsere Vorstellungen zu ergänzen. Etwas sehr Bezeichnendes für die Anschauungen des Römers damaligen Verhältnissen gegenüber ist es, was Tacitus über diese Völker sagt. Er ist der Meinung, sie seien die Urbewohner jenes Landes, denn er kann sich nicht vorstellen, daß in diese unwirtlichen Gegenden andere Völker sich hätten wenden können. Er nennt jene Völkerstämme, die am Rhein, an der Lippe, an der Weser, an der Donau und in Brandenburg wohnen; nur diese sind ihm bekannt. Von ihnen erzählt er eigentümliche Züge, sie faßt er zusammen ihrer Gleichartigkeit halber mit dem Namen Germanen. Sie selbst fühlten sich als viele verschiedene Stämme und werden bei den Kämpfen mit den Römern mit den mannigfachsten Namen genannt, von denen sich nur wenige in den späteren Zeiten erhalten haben, wie die Sueven, Langobarden, Chatten, Friesen und so weiter.

[ 1 ] The landscape of Central Europe underwent a profound transformation from around the 1st to the 6th century AD. This transformation entailed the complete replacement of the peoples who lived along the Vistula, Oder, and Elbe rivers by others, and therefore it is very difficult to form a picture of these peoples or to learn anything about their customs and way of life. One must resort to a unique method to gain an understanding of those peoples. Tacitus’s descriptions in Germania provide us with a picture of the region at that time. No other documents from that period have survived, and we must draw upon the legends of the northern Germanic peoples to supplement our understanding. What Tacitus says about these peoples is highly revealing of the Roman view of the conditions of that time. He believes they were the original inhabitants of that land, for he cannot imagine that other peoples could have settled in these inhospitable regions. He names the tribes living along the Rhine, the Lippe, the Weser, the Danube, and in Brandenburg; these are the only ones known to him. He describes their distinctive characteristics and, because of their similarities, groups them under the name “Germans.” They themselves regarded themselves as many different tribes and were referred to by a wide variety of names during their battles with the Romans, only a few of which have survived to later times, such as the Suevi, Lombards, Chatti, Frisians, and so on.

[ 2 ] Sie leiten sich ursprünglich her von einem Tuisto, dem sie göttliche Verehrung zollen, die sie durch Kriegsgesänge zum Ausdruck bringen. Der Sohn des Tuisto war Mannus, nach dessen drei Söhnen sie ihre Hauptstämme benennen: Ingwäonen, Istwäonen und Herminonen. Wenn wir diese Mitteilung des Tacitus mit den Mythen eines anderen arischen Volkes vergleichen, so finden wir auch hier in der heiligen Sprache der Inder im Sanskrit die gleiche Bezeichnung Manu für übermenschliche Führer. Das weist uns auf eine Stammesverwandtschaft, ja, wir können die gleichen Gottheiten verfolgen bei all den indogermanischen Völkerschaften. So erzählt Tacitus, daß der Held der griechischen Sage, Herkules, auch von den Germanen verehrt wurde und bei ihnen den Namen Irmin führte. Wir wissen, daß bei den südlichen indogermanischen Stämmen eine Sage lebte, welche in Griechenland eine künstlerische Ausgestaltung fand: Die Sage von Odysseus. Tacitus fand in der Nähe des Rheins eine Kultusstätte, die dem Odysseus und seinem Vater Laertes geweiht war. Wir sehen also, daß die Kultur der Germanen um diese Zeit verwandt war mit der Kultur, die wir im 8. und 9. Jahrhundert v.Chr. in Griechenland antreffen. So sehen wir in Griechenland später die Ausbildung einer Kultur, die in Deutschland auf niedrigerer Stufe stehengeblieben ist.

[ 2 ] They trace their origins to a figure named Tuisto, whom they revere as a deity, a reverence they express through war chants. Tuisto’s son was Mannus, after whose three sons they name their principal tribes: the Ingwäons, the Istwäons, and the Herminons. If we compare this account by Tacitus with the myths of another Aryan people, we find here as well, in the sacred language of the Indians—Sanskrit—the same term, Manu, for superhuman leaders. This points to a kinship among the tribes; indeed, we can trace the same deities among all the Indo-European peoples. Thus, Tacitus recounts that the hero of Greek legend, Hercules, was also revered by the Germanic peoples and bore the name Irmin among them. We know that a legend existed among the southern Indo-European tribes which found artistic expression in Greece: the legend of Odysseus. Tacitus discovered a place of worship near the Rhine that was dedicated to Odysseus and his father, Laertes. We can thus see that the culture of the Germanic peoples at that time was related to the culture we find in Greece during the 8th and 9th centuries BCE. Thus, we later see in Greece the development of a culture that had remained at a lower stage in Germany.

[ 3 ] All das weist auf eine ursprüngliche Verwandtschaft. Jene Völker, die später in Deutschland, Griechenland, Rußland wohnten, hatten wahrscheinlich ihre frühere Heimat nördlich vom Schwarzen Meer. Von dort wanderte ein Stamm nach Griechenland, ein Stamm nach Rom, ein dritter nach Westen. Die ursprüngliche Kultur aller dieser Völker hat sich in dieser Form bei den Germanen erhalten, weiter ausgebildet wurde sie bei den Kelten. Nichts erzählt uns Tacitus von den Sitten und Gebräuchen dieses merkwürdigen Volkes. An die Sagen und Lieder, die in der älteren und jüngeren Edda später in Island zusammengefaßt wurden, müssen wir uns halten, dort lebt, was jenes Volk hervorgebracht hat. Tacitus erzählt uns weiter von den Gebräuchen der Deutschen bei ihren Volksversammlungen, die wir uns aber nur als Beratungen sehr kleiner Gemeinden vorzustellen haben. Zu diesen versammelten sich alle Männer des Gaues, die Beratungen wurden bei Bier und Met gepflogen, und nun wird erzählt, daß die alten Deutschen trunken des Abends ihre Beschlüsse faßten, diese aber wurden am nächsten Morgen, wenn jene wieder nüchtern waren, revidiert und hatten erst dann Gültigkeit. Wie wir aus den Scholien zur Ilias erfahren, bestand bei den Persern dieselbe Sitte. Auf einen Urstamm der Arier müssen wir also schließen, auf eine Verwandtschaft aller dieser Völker.

[ 3 ] All of this points to an original kinship. Those peoples who later settled in Germany, Greece, and Russia likely had their original homeland north of the Black Sea. From there, one tribe migrated to Greece, one to Rome, and a third to the west. The original culture of all these peoples has been preserved in this form among the Germanic peoples; it was further developed among the Celts. Tacitus tells us nothing about the customs and traditions of this remarkable people. We must rely on the sagas and songs that were later compiled in Iceland in the Elder and Younger Eddas; there we find the legacy of what that people produced. Tacitus goes on to describe the customs of the Germans at their popular assemblies, which we must, however, imagine as deliberations of very small communities. All the men of the district would gather for these assemblies; the deliberations took place over beer and mead, and it is said that the ancient Germans, while intoxicated in the evening, would pass their resolutions, but these would be revised the next morning, once they were sober again, and only then would they take effect. As we learn from the Scholia on the Iliad, the Persians observed the same custom. We must therefore conclude that there was a common ancestral tribe of the Aryans, and that all these peoples were related.

[ 4 ] Besonders große Ähnlichkeit zeigt sich bei den nördlicher wohnenden germanischen Völkern in eigentümlichen Religionsformen, die zwar in dem Grundcharakter denjenigen der südlichen ähnlich sind, aber doch eine weit größere Übereinstimmung mit denjenigen der Perser zeigen. Nach der Anschauung der nördlichen Germanen bestanden ursprünglich zwei Reiche, die durch einen Abgrund voneinander getrennt waren, ein Reich des Feuers, Muspelheim, und ein Reich des Eises, Niflheim. Durch die Funken, die von Muspelheim herüberflogen, entstand in dem Abgrund das erste Geschlecht der Riesen, von denen Ymir der hervorragendste war. Dann entstand eine Kuh, Audhumbla, die beleckt das Eis, und aus ihm hervor entsteht eine starke menschliche Gestalt. Von dieser stammen die Götter Wotan, Wili und We, deren Namen Vernunft, Willen und Gemüt bedeuten. Dieses zweite Göttergeschlecht hieß Asen. Ihr Ursprung wurde von dem älteren der Riesen abgeleitet.

[ 4 ] A particularly strong resemblance is evident among the Germanic peoples living in the north in their distinctive religious practices, which, while similar in their basic character to those of the southern peoples, nevertheless show a far greater similarity to those of the Persians. According to the beliefs of the northern Germanic peoples, there were originally two realms separated by an abyss: a realm of fire, Muspelheim, and a realm of ice, Niflheim. From the sparks that flew over from Muspelheim, the first race of giants arose in the abyss, of whom Ymir was the most prominent. Then a cow, Audhumbla, came into being; she licks the ice, and from it a strong human figure emerges. From this figure descend the gods Wotan, Wili, and We, whose names mean reason, will, and spirit. This second generation of gods was called the Aesir. Their origin was traced back to the elder of the giants.

[ 5 ] Auch hier ergibt sich ein wichtiger sprachlicher Zusammenhang, denn die Götter der Perser wurden beinahe gleichlautend Asuras genannt, was gleichfalls auf eine über alle diese Völker hingehende Verwandtschaft deutet. Ein weiterer wichtiger Hinweis findet sich in einer alten persischen Beschwörungsformel oder Beschwörungsdichtung, die uns überliefert ist. Sie weist auf Wandlungen des Volksgemütes hin, auf alte Götter, die abgesetzt und von anderen verdrängt worden sind. Abgeschworen wird der Dienst der Devas, beschworen der Dienst der Asuras. Es tritt hier die Ähnlichkeit der Devas mit den Riesen hervor, die von den Asen bezwungen wurden.

[ 5 ] Here, too, an important linguistic connection emerges, for the gods of the Persians were called Asuras—a term that is almost identical in sound—which likewise points to a kinship extending across all these peoples. Another important clue is found in an ancient Persian incantation or incantatory poem that has been handed down to us. It points to shifts in the collective mindset of the people, to ancient gods who were deposed and supplanted by others. The service of the Devas is renounced, while the service of the Asuras is invoked. Here, the similarity between the Devas and the giants who were vanquished by the Aesir becomes apparent.

[ 6 ] Ferner erzählt die nordgermanische Sage, wie die drei Götter am Meeresstrande eine Esche und eine Erle fanden und aus ihnen das Menschengeschlecht erschaffen haben. Auch die persische Mythe läßt das Menschengeschlecht aus einem Baume hervorgehen. Bei den Juden finden wir Anklänge an diesen Mythus in der Erzählung vom Baume des Lebens im Garten des Paradieses. So sehen wir von Persien über Palästina hinüber nach Skandinavien Spuren der gleichen mythischen Vorstellungen.

[ 6 ] Furthermore, the North Germanic legend tells how the three gods found an ash tree and an alder on the seashore and used them to create the human race. The Persian myth, too, has the human race emerging from a tree. Among the Jews, we find echoes of this myth in the story of the Tree of Life in the Garden of Paradise. Thus, from Persia through Palestine to Scandinavia, we see traces of the same mythical concepts.

[ 7 ] So haben wir damit bei gewissen Völkern einen gemeinsamen Grundcharakter nachgewiesen. Dabei ergeben sich wiederum Unterschiede zwischen einem südlicheren und einem nördlicheren Zweige des gemeinsamen Hauptstammes. Zu dem südlichen gehören die Griechen, Lateiner und Inder, zu dem nördlicheren die Perser und Germanen. Sehen wir also, mit was für Völkern wir es in Deutschland jetzt zu tun haben. Sie treten uns so entgegen, daß wir wohl glauben müssen, sie haben sich Charakterzüge bewahrt, die die Griechen und Italer schon längst abgestreift hatten, und zwar die Griechen nach, die Römer während der Eroberung ihres Reiches; während diese nördlichen Völker ihre wesentlichen Charakterzüge und Eigenschaften vor jener Eroberung ausgebildet hatten. Urwüchsige Eigenschaften waren es, die diese Völker sich bewahrt hatten. Sie waren nicht durch jene Zwischenstufe hindurchgegangen, die jene südlicheren Völker inzwischen durchgemacht hatten. Wir haben es also hier mit einem Zusammenstoß eines konservativ gebliebenen, mit einem verwandten, aber zur Kulturhöhe gelangten Volke zu tun.

[ 7 ] We have thus demonstrated a common fundamental character among certain peoples. In doing so, differences emerge between a southern and a northern branch of the common main lineage. The southern branch includes the Greeks, Latins, and Indians, while the northern branch includes the Persians and Germanic peoples. Let us now consider the peoples we are dealing with in Germany. They present themselves to us in such a way that we must conclude they have preserved traits that the Greeks and Italians had long since shed—the Greeks afterward, and the Romans during the conquest of their empire—while these northern peoples had developed their essential traits and characteristics prior to that conquest. These were innate qualities that these peoples had preserved. They had not passed through that intermediate stage that the more southerly peoples had since undergone. We are thus dealing here with a clash between a people that has remained conservative and a related people that has attained a high level of civilization.

[ 8 ] Zur Zeit der Entstehung des Christentums, das so große Bedeutung für sie erlangen sollte, standen die Germanen auf jener Kulturstufe, wie wir sie von den Griechen bei Homer geschildert finden. Den Fortschritt in der Kultur und Gesittung, der dazwischen liegt, hatten sie nicht mitgemacht. In dem ersten Jahrhundert n.Chr. schildert Tacitus die Germanen der Grenzländer an der Donau, am Rhein und an der Lippe. Diese Völker zeichnen sich durch Wanderlust, Freiheitsliebe, sowie Jagd- und Kriegslust aus. Die häuslichen Angelegenheiten lagen in den Händen der Frauen. Nun tritt uns hier eine Gesittung entgegen und eine Gestaltung der Gesellschaft, die bei den Griechen längst entschwunden war, die sich nur dort erhalten konnte, wo die einzelnen Glieder eines Stammes noch durch Blutsverwandtschaften aneinander gebunden waren. Daher die vielen Stämme. Bei ihnen, die ihrer Abstammung von der gleichen Familie sich bewußt waren — denn geregelte Familien, keine Horden waren es —, entwickelte sich aus den einzelnen Familien die Stammesverwandtschaft. Daher waren auch die Kriege, die sie führten, fast stets Kriege gegen Blutsfremde.

[ 8 ] At the time of the emergence of Christianity—which was to become so significant for them—the Germanic peoples were at the same stage of cultural development as that described by the Greeks in Homer. They had not experienced the cultural and social progress that had taken place in the intervening period. In the first century C.E., Tacitus describes the Germanic peoples of the borderlands along the Danube, the Rhine, and the Lippe. These peoples were characterized by a love of travel, a love of freedom, and a passion for hunting and warfare. Domestic affairs were in the hands of the women. Here we encounter a way of life and a social structure that had long since disappeared among the Greeks, one that could only survive where the individual members of a tribe were still bound together by blood ties. Hence the many tribes. Among them—who were conscious of their descent from the same family, for they were organized families, not hordes—tribal kinship developed from the individual families. Hence, too, the wars they waged were almost always wars against those of a different bloodline.

[ 9 ] Gegen Ende des 4. und im 5. Jahrhundert sehen wir nun alle diese Völker gezwungen, ihre Wohnsitze zu wechseln und sich neue zu suchen.

[ 9 ] Toward the end of the 4th century and during the 5th century, we see all these peoples forced to leave their homes and seek new ones.

[ 10 ] Die Epoche der Völkerwanderung hatte begonnen. Die Hunnen brechen herein. Damit dämmert auf die Kenntnis der Völker, die weiter nach Osten wohnen, der Alanen, der Gepiden und so weiter und vor allem der Goten. Dieses Volk, das sich in West- und Ostgoten teilte, hatte bereits das Christentum angenommen. Es ist dieses Volk für uns von besonderer Wichtigkeit durch die Art seiner Auffassung des Christentums. Während das Volk, das später das Christentum von Westen nach Osten ausbreitete, die Franken, es mit Gewalt den übrigen Völkern aufzwang, waren die Goten voller Toleranz. Für die hohe Kulturstufe, die sie schon erreicht hatten, spricht der Umstand, daß wir einem Bischof der Goten, Ulfilas oder Wulfila, die erste Bibelübersetzung verdanken, den sogenannten silbernen Kodex, der in Uppsala aufbewahrt wird.

[ 10 ] The era of the Migration Period had begun. The Huns were invading. With this, awareness began to dawn of the peoples living further to the east—the Alans, the Gepids, and so on—and above all, the Goths. This people, which was divided into the Visigoths and the Ostrogoths, had already adopted Christianity. This people is of particular importance to us because of their approach to Christianity. While the people who later spread Christianity from west to east—the Franks—imposed it by force on other peoples, the Goths were full of tolerance. The high level of culture they had already attained is evidenced by the fact that we owe the first Bible translation—the so-called Silver Codex, which is preserved in Uppsala—to a Gothic bishop named Ulfilas or Wulfila.

[ 11 ] Diese Goten, deren Christianisierung von Osten her geschehen war, waren nicht solche Christen wie diejenigen, deren Bekehrung später vom Westen aus erfolgte; nicht wie die Franken, die zur Zeit Karls des Großen mit Waffengewalt den Sachsen das Christentum aufdrängten. Sie waren nicht athanasische, sondern arianische Christen. All diese Östlichen germanischen Völkerstämme bekannten sich zu dem arianischen Glauben, einer Anschauung, die auf dem Konzil von Nicäa von den Anhängern des Athanasius für ketzerisch erklärt und verfolgt wurde.

[ 11 ] These Goths, whose Christianization had come from the East, were not Christians like those whose conversion later came from the West; nor were they like the Franks, who, during the time of Charlemagne, imposed Christianity on the Saxons by force of arms. They were not Athanasian Christians, but Arian Christians. All these Eastern Germanic tribes professed the Arian faith, a belief that had been declared heretical and persecuted by the followers of Athanasius at the Council of Nicaea.

[ 12 ] Die arianischen Christen nahmen an, daß der Gott in jeder Menschenbrust wohne. Daher glaubten die Goten an eine Vergöttlichung des Menschen, wie Christus, der ihnen vorangegangen sei, sie den Menschen gezeigt hatte. Diese Anschauung war verknüpft mit einer tiefen Bildung des Gemütes. Die Goten waren von größter Duldsamkeit gegen jede andere religiöse Anschauung. Zwischen zwei christlichen Religionen, die voneinander so verschieden waren, war keine Verständigung möglich. War die absolute Toleranz eine Eigenschaft dieser Goten, fiel es ihnen nicht ein, einem anderen einen Glauben aufzuzwingen, so tritt uns hierin schon der Unterschied entgegen von der Art und Weise, wie zum Beispiel bei Karl dem Großen und Chlodwig, den Anhängern des athanasischen Glaubensbekenntnisses, das Christentum zu politischen Zwecken ausgebeutet wurde.

[ 12 ] The Arian Christians believed that God dwelled within every human heart. Therefore, the Goths believed in the deification of man, just as Christ, who had gone before them, had shown them. This view was linked to a profound refinement of the mind. The Goths were extremely tolerant of every other religious view. Between two Christian denominations that were so different from one another, no understanding was possible. While absolute tolerance was a characteristic of these Goths—it never occurred to them to impose a faith on others—we can already see here the difference from the way in which, for example, Charlemagne and Clovis, adherents of the Athanasian Creed, exploited Christianity for political purposes.

[ 13 ] Die Arianer sahen in Christus einen Menschen, hochentwickelt über alle anderen Menschen zwar, aber Mensch unter Menschen. Ihr Christus gehörte zu den Menschen und wohnte in des Menschen Brust. Der Christus der athanasischen Christen ist Gott selbst, der hoch über den Menschen thronte.

[ 13 ] The Arians viewed Christ as a human being—admittedly far more highly developed than all other humans, but still a human among humans. Their Christ belonged to humanity and dwelt in the human heart. The Christ of the Athanasian Christians is God Himself, enthroned high above humanity.

[ 14 ] Athanasius hat gesiegt, dadurch ist die Kulturentwickelung wesentlich beeinflußt worden.

[ 14 ] Athanasius prevailed, and this had a significant impact on cultural development.

[ 15 ] Die Germanen waren rings eingezwängt von fremden Völkern: im Süden und Westen von den Römern und Galliern — kelto-germanischen Völkerschaften —, während von Osten her fortwährend neue Völkerzuschübe stattfanden. Die ersten christlichen Germanenstämme hatten nichts anderes gekannt als absolute Toleranz, die FrankenChristen brachten ein aufgezwungenes Christentum. Das führte zu einer Änderung der ganzen Gemütsart. An der Entwickelung dieses Teiles der Germanen hängt nun im wesentlichen die Fortentwickelung der Kultur.

[ 15 ] The Germanic peoples were hemmed in on all sides by foreign peoples: in the south and west by the Romans and Gauls—Celtic-Germanic peoples—while new waves of peoples continually arrived from the east. The first Christian Germanic tribes had known nothing but absolute tolerance; the Frankish Christians, however, imposed Christianity upon them. This led to a change in their entire mindset. The further development of their culture now depends essentially on the development of this segment of the Germanic peoples.

[ 16 ] Eine tiefgreifende Änderung der Rechtsverhältnisse hatte sich allmählich vollzogen. Einigermaßen tritt Ruhe und Seßhaftigkeit mit dem Ende des 5. Jahrhunderts ein. Durch die fortgesetzten Nachschübe von Osten haben sich aus den früher genannten, fortwährend untereinandergerüttelten Völkerschaften, von denen sich nur wenige selbst den Namen bewahrt haben — Chatten und Friesen und so weiter — größere Völkergemeinschaften gebildet. Durch die Auflösung der alten Blutsverbände war ein anderes Motiv der Zusammengehörigkeit geschaffen. An die Stelle des Blutes trat das Band, welches den Menschen verknüpft mit dem Grund und Boden, den er bebaut.

[ 16 ] A profound change in legal relations had gradually taken place. A degree of calm and stability set in by the end of the 5th century. As a result of the continuous influx of people from the east, the previously mentioned tribes—which had been in constant conflict with one another and of which only a few retained their original names (such as the Chatti and the Frisii)—had coalesced into larger ethnic communities. The dissolution of the old kinship ties created a different basis for a sense of belonging. In place of blood ties came the bond that links people to the land they cultivate.

[ 17 ] Stammeszusammengehörigkeit wurde gleichbedeutend mit Lokalzusammengehörigkeit. Es entstand die Dorfgemeinde. Nicht mehr das Bewußtsein der Blutsgemeinschaft, sondern die Zusammengehörigkeit mit dem Boden band die einzelnen Glieder der Gemeinde untereinander. Es führte dies zu einer Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse.

[ 17 ] Tribal solidarity became synonymous with local solidarity. The village community emerged. It was no longer a sense of kinship, but rather a bond with the land that united the individual members of the community. This led to a transformation of property relations.

[ 18 ] Ursprünglich war alles Gemeineigentum gewesen. Jetzt tritt die Scheidung zwischen Gemeineigentum und Privateigentum hervor. Doch ist vorerst noch alles Gemeineigentum, was Gemeineigentum sein kann, Wald, Weide, Wasser und so weiter. Es bildete sich dann eine Zwischenstufe zwischen dem Gemein- und Privatbesitz, die sogenannte Hufe. Die Benutzung dieses halb privaten, halb gemeinsamen Eigentums unterlag dem Beschlusse der gesamten freien Bewohner einer sogenannten Hufe, einer Gemeinde, und in jenen früheren Zeiten waren fast alle Bewohner der Gemarkung frei.

[ 18 ] Originally, everything had been communal property. Now the distinction between communal property and private property is becoming apparent. For the time being, however, everything that can be communal property—forests, pastures, water, and so on—remains communal property. An intermediate stage then developed between communal and private property, known as the “Hufe.” The use of this half-private, half-communal property was subject to the decision of all the free inhabitants of a so-called “Hufe,” a community, and in those earlier times, almost all inhabitants of the district were free.

[ 19 ] Das steht in schroffem Gegensatz zum eigentlichen Privateigentum: Waffen, Geräten, Gewändern, Gärten, Vieh und so weiter, allem, was sich der einzelne persönlich erworben hatte. Dieser begrenzte Charakter drückte sich darin aus, daß das Privateigentum mit der Person des Besitzers eng verbunden war. Man gab daher dem Toten seine Waffen, Pferde, Hunde und so weiter mit ins Grab. Ein Anklang an diesen alten Gebrauch ist es, wenn noch heute beim Begräbnis eines Fürsten ihm Orden, Krone und so weiter nachgetragen, sowie sein Pferd nachgeführt wird.

[ 19 ] This stands in stark contrast to actual private property: weapons, tools, clothing, gardens, livestock, and so on—everything that the individual had personally acquired. This limited nature was expressed in the fact that private property was closely tied to the person of the owner. Therefore, the deceased was buried with his weapons, horses, dogs, and so on. An echo of this ancient custom can still be seen today when, at the funeral of a prince, his medals, crown, and so on are carried behind him, and his horse is led along behind him.

[ 20 ] Auch bei einem Volke, das in mancher Weise Ähnlichkeit mit den alten Germanen aufweist, bei den Chinesen, gibt man den Toten die Gegenstände, die ihm persönlich gehörten, mit ins Grab, wobei man sich heute allerdings mit Papiermodellen begnügt.

[ 20 ] Even among a people that bears some resemblance to the ancient Germanic tribes—the Chinese—the deceased are buried with objects that belonged to them personally, although today people make do with paper models.

[ 21 ] So sehen wir also, was sich aus bestimmten Verhältnissen herausgebildet hatte: Übergang von der Stammeszur Dorfgemeinschaft. Wir begreifen damit weitere UmwandJungen. Wir verstehen, warum Tacitus nicht von den Asen spricht, sondern von Tuisto und seinem Sohne Mannus. Er spricht von Völkern, die noch nicht zu der Dorfgemeinschaft gekommen sind. Die Asengötter gehören einer höheren Kulturstufe an. Andere Völker kamen von Norden und brachten Vorstellungen mit, die sich dort entwickelt hatten. Die paßten nun für die inzwischen erreichte höhere Kulturstufe. Wie weit geht der Mensch mit Vorstellungen, wie sie uns in Tuisto, in Mannus entgegentreten? Er bleibt beim Menschen, geht nicht über sich selbst hinaus. Es wäre etwas Fruchtloses gewesen, bei diesen Stämmen den Wotansdienst einzuführen. Der Wotansdienst geht bis in das Universum; der Mensch sucht seinen Ursprung im Schoße der Natur. Erst auf dieser späteren Kulturstufe konnte sich der Mensch zu diesen Religionsvorstellungen erheben. Er ist seßhaft geworden, daher versteht er den Zusammenhang mit der Natur. So haben wir gesehen, wie die primitive Kultur der südlicheren Germanen von Norden beeinflußt wird, und wie unterdessen im Süden bei verwandten Völkern sich hohe Kulturen entwickelt hatten.

[ 21 ] So we see what had emerged from certain conditions: the transition from the tribal to the village community. This helps us understand further transformations. We understand why Tacitus does not speak of the Aesir, but rather of Tuisto and his son Mannus. He speaks of peoples who had not yet reached the stage of village communities. The Aesir gods belong to a higher cultural level. Other peoples came from the north and brought with them ideas that had developed there. These ideas were now suited to the higher cultural stage that had since been attained. How far does humanity go with concepts such as those presented to us in Tuisto and Mannus? It remains within the realm of humanity; it does not transcend itself. It would have been futile to introduce the worship of Wotan among these tribes. The worship of Wotan extends into the universe; humanity seeks its origin in the bosom of nature. It was only at this later stage of culture that humanity was able to rise to these religious concepts. Having become sedentary, humanity thus understands its connection with nature. Thus we have seen how the primitive culture of the more southerly Germanic peoples was influenced from the north, and how, in the meantime, advanced cultures had developed in the south among related peoples.

[ 22 ] Wir werden weiterhin sehen, unter welchen Bedingungen die südlichen Kulturen sich über die Germanen ergießen werden. Eine interessante Übersicht bietet sich uns dar, eine tiefgehende ursprüngliche Verwandtschaft der verschiedenen Völker, ein innerer Zusammenhang, der ihr Wesen bestimmt. Wir sehen dann äußere Einflüsse, die den Charakter ändern. So stellen sich uns Ursache und Wirkung dar.

[ 22 ] We will continue to see under what conditions the southern cultures will spread among the Germanic peoples. An interesting overview presents itself to us: a deep, primordial kinship among the various peoples, an inner connection that defines their essence. We then observe external influences that alter their character. Thus, cause and effect are revealed to us.

[ 23 ] Aus der Vergangenheit können wir so die Gegenwart verstehen lernen. Ewige Wandelbarkeit beherrscht nicht nur die Natur, sondern auch die Geschichte. Wie könnten wir getrosten Mutes in die Zukunft blicken, wenn wir nicht wüßten, daß auch die Gegenwart sich ändert, daß wir sie in unserem Sinne gestalten können, daß auch hier das Dichterwort sich erfüllt:

[ 23 ] In this way, we can learn to understand the present through the past. Constant change governs not only nature but also history. How could we look to the future with confidence if we did not know that the present, too, is changing, that we can shape it according to our own will, and that here, too, the poet’s words come true:

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
und neues Leben blüht aus den Ruinen.

The old is crumbling, times are changing,
and new life is blossoming from the ruins.