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Philosophy, History and Literature
GA 51

1 November 1904, Berlin

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Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen III

History of the Middle Ages Up to the Great Inventions and Discoveries III

[ 1 ] Man braucht nur eine einzige Tatsache zu erwähnen von allen, die in derselben Weise sprechen, um zu sehen, was für durchgreifende Veränderungen im 5. Jahrhundert vor sich gegangen sind. Die Westgoten finden wir am Ende des 4. Jahrhunderts im Osten der Donau; ein Jahrhundert später zeigt sie uns die Karte in Spanien. Ebenso wie dieses Volk von einem Ende Europas zum anderen gezogen ist, so ist es mit vielen anderen. Sie zogen in Länder, wo sie andere Kulturen antrafen und andere Sitten annahmen.

[ 1 ] One need only mention a single fact among all those that point in the same direction to see what radical changes took place in the 5th century. At the end of the 4th century, we find the Visigoths east of the Danube; a century later, the map shows them in Spain. Just as this people moved from one end of Europe to the other, so did many others. They migrated to lands where they encountered different cultures and adopted different customs.

[ 2 ] Wir müssen einen Rückblick auf die vorhergegangene Geschichtsepoche werfen, um den Umschwung zu verstehen, den hundert Jahre in Mitteleuropa hervorriefen. Wir finden, wenn wir den Berichten der Römer folgen, längs des Rheins kriegerische Stämme, deren Hauptbeschäftigung außer den Kämpfen die Jagd bildet. Weiter nach Osten zu finden wir Ackerbau und Viehzucht bei den Germanen, und noch weiter im Nordosten Volksstämme, die am Meere wohnen und von denen die Römer berichten, als wären sie etwas ganz Dunkles und Nebelhaftes.

[ 2 ] We must look back at the preceding historical era to understand the upheaval that the past hundred years brought about in Central Europe. If we follow the accounts of the Romans, we find warlike tribes along the Rhine whose main occupation, aside from fighting, is hunting. Further to the east, we find agriculture and livestock farming among the Germanic peoples, and still further to the northeast, tribes living by the sea, whom the Romans describe as if they were something entirely obscure and nebulous.

[ 3 ] Es wird erzählt, daß dieses Volk die Sonne anbete und seinen Glauben daher habe, daß es die Sonnengöttin aus dem Meere hervorgehen sehe. Von dem Volke, das in diesen Gegenden in der Mark Brandenburg wohnte, den Semnonen, wird gesagt, daß sich ihr Gottesdienst durch seine blutigen Opfer auszeichnete. Bei ihnen wären zwar meist nicht Menschen, sondern Tiere den Göttern dargebracht worden, der Opferdienst hätte aber einen grausamen Charakter getragen, der ihn von dem der übrigen Stämme unterschied. Und noch manches sonst wäre zu schildern von dieser Zeit.

[ 3 ] It is said that this people worshiped the sun and derived their belief from seeing the sun goddess rise from the sea. It is said of the Semnones, the people who lived in these regions of the Mark of Brandenburg, that their religious practices were characterized by bloody sacrifices. Although they usually offered animals rather than humans to the gods, their sacrificial rites were said to have been so cruel that they differed from those of the other tribes. And there is much more that could be described about this period.

[ 4 ] Es folgt dann zunächst eine verhältnismäßig ruhige Zeit.

[ 4 ] A relatively quiet period then follows.

[ 5 ] Allmählich werden von den einzelnen Stämmen die Grenzen des römischen Reiches überschritten. Im 3. Jahrhundert dringen zuerst vor gegen das römische Reich im Südwesten die Burgunder und weiter nördlich die Franken, die in Gallien einfallen. Auch weiter nach Osten zu, an der Donau, rücken andere germanische Völkerschaften gegen das Reich. So mußten die Römer mit ihrer hochentwickelten Kultur jener Völker sich erwehren. Wir finden hier einen großen Unterschied der Kulturstufen. Bei den Germanen herrschte überall noch Naturalwirtschaft, bei den Römern ausgebildete Geldwirtschaft. Der Handel bei den Germanen war ein bloßer Tauschverkehr. Handel mit Geld kannte man noch nicht. Es ist bezeichnend, wie in Frankreich — unter dessen Bevölkerung sich so viel keltisches Blut findet — nach der römischen Eroberung vollständige Geldwirtschaft eingeführt war, diese bei der Eroberung durch germanische Stämme durch die Naturalwirtschaft wieder verdrängt wurde. So zeigt sich uns der Zusammenstoß hochentwickelter Kultur mit barbarischen Volksstämmen.

[ 5 ] Gradually, individual tribes began to cross the borders of the Roman Empire. In the 3rd century, the Burgundians were the first to advance against the Roman Empire in the southwest, while further north the Franks invaded Gaul. Further to the east, along the Danube, other Germanic peoples also advanced against the Empire. Thus, the Romans, with their highly developed culture, had to defend themselves against these peoples. Here we find a great difference in cultural levels. Among the Germanic peoples, a subsistence economy still prevailed everywhere, while the Romans had a developed monetary economy. Trade among the Germanic peoples consisted merely of barter; trade involving money was not yet known. It is telling that in France—whose population contains so much Celtic blood—a fully developed monetary economy was introduced following the Roman conquest, only to be supplanted once again by a subsistence economy upon conquest by Germanic tribes. This illustrates the clash between a highly developed culture and barbarian tribes.

[ 6 ] Dann brechen die Hunnen herein. Im Jahre 375 erfolgt der erste Zusammenstoß zunächst mit den Ostgoten, die am Schwarzen Meer ihren Wohnsitz hatten, und den Herulern. Sie werden nach Westen gedrängt, und dadurch werden auch die Westgoten genötigt, aus ihren Wohnsitzen aufzubrechen. Wohin sollen sie gehen als in das römische Reich, das sie bis an die Donau überfluten. Schon ist das Römerreich in ein ost- und weströmisches Reich zerspalten, jenes mit Byzanz, dieses mit Rom als Hauptstadt. Der oströmische Herrscher weist den Westgoten Wohnsitze an, deren Besitz sie sich jedoch erst in der Schlacht bei Adrianopel erstreiten mußten. Dort in jenen Gegenden schrieb Ulfila seine Bibelübersetzung. Doch bald mußten sie ihre Wanderung wieder fortsetzen. Nachrückende slawische Völkerschaften drängten sie weiter nach Westen. Unter ihrem König Alarich eroberten sie Rom und gründeten im 5. Jahrhundert in Spanien das westgotische Reich.

[ 6 ] Then the Huns invade. In the year 375, the first clash occurs, initially between the Ostrogoths, who were settled along the Black Sea, and the Heruls. They are driven westward, and as a result, the Visigoths are also forced to leave their settlements. Where else could they go but into the Roman Empire, which they overran as far as the Danube? By then, the Roman Empire had already split into the Eastern and Western Roman Empires, the former with its capital at Byzantium, the latter with Rome as its capital. The Eastern Roman ruler assigned settlements to the Visigoths, though they first had to fight for possession of them in the Battle of Adrianople. It was there, in those regions, that Ulfila wrote his translation of the Bible. But soon they had to continue their migration. Advancing Slavic peoples pushed them further west. Under their king Alaric, they conquered Rome and founded the Visigothic Kingdom in Spain in the 5th century.

[ 7 ] Die Ostgoten folgten ihnen nach und versuchten gleichfalls im Gebiete des römischen Reiches Wohnsitze zu begründen. Der germanische Stamm der Vandalen eroberte Spanien, schiffte dann nach Afrika hinüber, wo er in der Gegend, wo einst Karthago gestanden hatte, ein Vandalenreich begründete und von da aus durch Überfälle Rom beunruhigte. So ist der ganze Charakter dieser Völkerumwälzung der, daß in all die Teile, die die neue Gestalt des christlichen Roms bildete, sich diese Germanenvölker hineindrängten. Aus dieser Art der Eroberung gingen Neugestaltungen von ganz eigentümlichem Wesen hervor.

[ 7 ] The Ostrogoths followed in their footsteps and likewise attempted to establish settlements within the territory of the Roman Empire. The Germanic tribe of the Vandals conquered Spain, then sailed across to Africa, where they established a Vandal kingdom in the region where Carthage had once stood, and from there disrupted Rome with raids. Thus, the defining characteristic of this upheaval of peoples is that these Germanic tribes forced their way into all the parts that made up the new structure of Christian Rome. This type of conquest gave rise to new formations of a very distinctive nature.

[ 8 ] Auf dem Gebiete des vormaligen Gallien entsteht ein mächtiges Reich, das Frankenreich, welches Jahrhunderte lang ganz Mitteleuropa seinen Stempel aufdrückte. In ihm bildete sich vornehmlich das, was man gewöhnlich als «römisches Christentum» bezeichnet. Jene anderen Völker, die in raschem Siegeszuge sich Teile des römischen Reichs unterworfen haben, die Goten, die Vandalen, verschwinden bald wieder völlig aus der Geschichte. Bei den Franken sehen wir ein mächtiges Reich sich über Europa ausdehnen. Welches sind die Gründe hierfür?

[ 8 ] In the territory of what was once Gaul, a powerful empire emerged—the Frankish Empire—which left its mark on all of Central Europe for centuries. It was within this empire that what is commonly referred to as “Roman Christianity” primarily took shape. Those other peoples who, in a rapid series of victories, had subjugated parts of the Roman Empire—the Goths and the Vandals—soon disappeared completely from history. With the Franks, we see a powerful empire expanding across Europe. What are the reasons for this?

[ 9 ] Um diese zu finden, müssen wir einen Blick auf die Art werfen, wie diese Stämme ihr Reich ausdehnen. Es geschah das in der Weise, daß ein Drittel bis zwei Drittel des Gebietes, in das sie eindrangen, unter die Eroberer verteilt wurde. So erhielten die Anführer große Ländergebiete, welche sie nun für sich bearbeiten ließen. Zur Arbeit wurde die unterworfene Bevölkerung benutzt, die zum Teil zu Sklaven oder Unfreien geworden waren. So machten es die Westgoten in Spanien, die Ostgoten in Italien. Sie können sich denken, daß dieses Verfahren unter den schon bestehenden Verhältnissen, wo die Bevölkerung auf einer höheren Kulturstufe lebte, große Schwierigkeiten fand und sich auf die Dauer nicht zu halten vermochte.

[ 9 ] To find the answer, we must examine the way these tribes expanded their empire. This was done by dividing one-third to two-thirds of the territory they invaded among the conquerors. Thus, the leaders received large tracts of land, which they then had cultivated for themselves. The subjugated population, some of whom had become slaves or serfs, was used for this labor. This is how the Visigoths in Spain and the Ostrogoths in Italy operated. As you can imagine, under the existing conditions—where the population lived at a higher level of civilization—this practice encountered great difficulties and could not be sustained in the long run.

[ 10 ] Anders in Gallien. Dort gab es große Wälder und unbewohnte Landstriche. Auch hier verteilte man die eroberten Gebiete, und den Anführern fielen große Teile zu. Man war hier nicht in schon bestehende Verhältnisse hineingedrängt; es war die Möglichkeit zur Ausdehnung gegeben. Die Führer wurden hier zu Großgrundbesitzern und Herrschern über die unterworfenen Volksstämme. Aber die Verhältnisse ermöglichten es, daß dies ohne zu großen Zwang geschah. In den Zeiten vor der Völkerwanderung waren die Angehörigen eines Stammes einander im wesentlichen gleich gewesen. Die Freiheit war ein gemeinsames, germanisches Gut, und in gewissem Sinne war jeder sein eigener, niemand verantwortlicher Herr auf seinem eigenen Grund und Boden. Diese Unabhängigkeit und Macht der Führer dehnte sich nun dadurch aus, daß so viele Menschen von ihnen in Abhängigkeit gekommen waren.

[ 10 ] The situation was different in Gaul. There were vast forests and uninhabited regions there. Here, too, the conquered territories were divided up, and large portions went to the leaders. Here, they were not forced into pre-existing conditions; there was scope for expansion. The leaders became large landowners and rulers over the subjugated tribes. But the circumstances allowed this to happen without too much coercion. In the times before the Migration Period, the members of a tribe had essentially been equal to one another. Freedom was a shared, Germanic asset, and in a certain sense, each person was his own master—accountable to no one—on his own land. This independence and power of the leaders now expanded as a result of so many people coming under their control.

[ 11 ] Dadurch waren sie in der Lage, sich selber besser zu beschützen, und kleine Besitzer begaben sich in den Schutz der größeren. So entstand ein Schutzverhältnis des Mächtigen gegen den weniger Mächtigen. Die vielen kleinen Fehden führten viele kleine Besitzer, die sich selbst nicht ausgiebig genug verteidigen konnten, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu den Mächtigeren. Sie gelobten Treue im Fall eines Krieges; andere traten Teile ihres Besitztums ab, oder bezahlten dem Schutzherrn einen Zins. Solche Abhängige hießen Vasallen. Anderen wurde von den großen Besitzern für ihren Dienst in Kriegsfällen ein Besitz auf Widerruf verliehen: das Lehen. Der Mächtige wurde der Lehnsherr, der andere Vasall. So bildeten sich auf die natürlichste Weise der Welt gewisse Besitzverhältnisse aus.

[ 11 ] This enabled them to protect themselves more effectively, and small landowners sought the protection of the larger ones. Thus, a relationship of protection emerged between the powerful and the less powerful. The many small feuds led many small landowners, who could not defend themselves adequately, into a relationship of dependence on the more powerful. They pledged allegiance in the event of war; others ceded parts of their property or paid a fee to their overlord. Such dependents were called vassals. Others were granted a holding by the great landowners in return for their service in times of war, subject to revocation: the fief. The powerful became the feudal lord, and the other became a vassal. Thus, in the most natural way possible, certain property relationships took shape.

[ 12 ] Die Eroberungszüge der Goten hatten keine dauernde Wirkung. Diejenigen Völker, die sich hineingeschoben hatten auf Kulturboden, kamen zu nichts, ihre Macht war bald gebrochen. — Anders in Gallien. Hier, wo weite Gebiete noch auszuroden waren, konnte das Eindringen neuer Volksmassen im Kulturinteresse nur begrüßt werden. Unbeengt waren die Großen im Reich der Franken in der Ausbildung ihres Volkscharakters.

[ 12 ] The Gothic campaigns of conquest had no lasting effect. Those peoples who had forced their way into already cultivated regions achieved nothing; their power was soon broken. — The situation was different in Gaul. Here, where vast areas still needed to be cleared, the influx of new populations could only be welcomed in the interest of cultural development. The leaders of the Frankish realm had free rein in shaping the character of their people.

[ 13 ] Ausgelöscht sind die Goten und Vandalen, sie und all die germanischen Stämme, die in schon ausgebildete Wirtschaftsgebiete gekommen waren. Bei den Franken haben wir die Unabhängigkeit von dem wirtschaftlichen Unterbau, und die Franken drückten der Folgezeit den Charakter auf, namentlich auch dadurch, daß das sich ausbildende Christentum den Boden fand, sich in solcher Freiheit auch auszubreiten. Während die Westgoten ursprünglich arianische Christen waren, wurden ihrer Eigenart andere Vorstellungen eingeimpft; unter den ihrer Wesensart fremden wirtschaftlichen Vorbedingungen entwickelte sich das, was als Druck der materiellen Verhältnisse angesehen werden kann. Nicht so war es bei den Franken. Innerhalb der Frankenstämme war es, wo die Kirche Großgrundbesitzerin wurde. Unbeirrt durch die materiellen Verhältnisse konnten sich diese Äbte, Bischöfe, Priester, Gelehrte dem Dienste der Religion widmen. Rein, wie es aus dem Wesen des Empfindens dieser Leute hervorging, bildete sich die eigenartige Kultur dieses Christentums aus. Die geistigen Bestrebungen innerhalb des freien Frankentums wurden gefördert durch das Hereinströmen des keltischen Elementes. Das Keltentum, dessen feuriges Blut wieder zum Durchbruch kam, wurde zu Lehrern und Führern der geistig weniger regsamen Franken. Von Schottland und Irland herüber kamen keltische Mönche und Priester in großer Zahl, um im Frankenreich ihren Glauben zu verkündigen.

[ 13 ] The Goths and Vandals have been wiped out, along with all the Germanic tribes that had settled in already established economic regions. Among the Franks, we see independence from the economic infrastructure, and the Franks shaped the character of the subsequent period, notably because the emerging Christianity found fertile ground to spread in such freedom. While the Visigoths were originally Arian Christians, ideas foreign to their nature were instilled in them; under economic conditions alien to their character, what can be regarded as the pressure of material circumstances developed. This was not the case with the Franks. It was within the Frankish tribes that the Church became a major landowner. Unfazed by material circumstances, these abbots, bishops, priests, and scholars were able to devote themselves to the service of religion. Pure, as it arose from the very nature of these people’s sensibilities, the distinctive culture of this Christianity took shape. Intellectual endeavors within free Frankish society were fostered by the influx of the Celtic element. The Celts, whose fiery spirit was once again coming to the fore, became teachers and leaders of the Franks, who were less intellectually active. Celtic monks and priests came in great numbers from Scotland and Ireland to proclaim their faith in the Frankish Empire.

[ 14 ] Das alles macht es möglich, daß das Christentum damals nicht ein Spiegelbild äußerer Verhältnisse war, sondern unbeengt vom materiellen Druck auf freiem Boden sich entwickeln konnte. Die Verhältnisse von Mitteleuropa wurden bestimmt durch das Christentum. Alles Wissen des Altertums wurde auf diese Weise durch das Christentum für die germanischen Völker aufbewahrt. Aristoteles gab den geistigen Kern, den das Christentum zu begreifen suchte. Damals gab es noch keine Abhängigkeit von Rom. Frei konnte sich das christliche Leben im Frankenreiche ausbilden. Auch Platos Ideenwelt fand Eingang in dieses geistige Leben. Besonders geschah dies durch schottische und irische Mönche, vor allem durch Scotus Erigena in seinem Werke «Über die Einteilung der Natur», einem Werke, das eine Höhe des Geisteslebens bedeutet. So sehen wir, wie unbeirrt von äußeren Verhältnissen, geistiges Leben sich gestaltet. Die geistigen Strömungen nehmen gerade da ihr charakteristisches Gepräge an, wo sie unabhängig sind von wirtschaftlichen Verhältnissen. Später, als der materielle Druck sich ausdehnt, nehmen sie rückwirkend den Charakter dieser Verhältnisse an, dann aber fließen sie selbst da hinein und beeinflussen diese wieder.

[ 14 ] All of this made it possible for Christianity at that time not to be a mere reflection of external circumstances, but to develop freely, unhindered by material pressures. Conditions in Central Europe were shaped by Christianity. In this way, all the knowledge of antiquity was preserved for the Germanic peoples through Christianity. Aristotle provided the intellectual core that Christianity sought to comprehend. At that time, there was still no dependence on Rome. Christian life was able to develop freely in the Frankish Empire. Plato’s world of ideas also found its way into this spiritual life. This occurred particularly through Scottish and Irish monks, above all through Scotus Erigena in his work On the Division of Nature, a work that represents a pinnacle of spiritual life. Thus we see how spiritual life takes shape, undeterred by external circumstances. Intellectual currents take on their characteristic form precisely where they are independent of economic conditions. Later, as material pressures expand, they retroactively take on the character of these conditions; but then they themselves flow into them and influence them in turn.

[ 15 ] Mehrere kleine Königreiche bildeten das Reich, das wir als das der Merowinger kennen und das erst später unter die Gewalt eines einzigen gelangte.

[ 15 ] Several small kingdoms made up the empire we know as the Merovingian Empire, which only later came under the control of a single ruler.

[ 16 ] Nach dem, was Ihnen geschildert wurde, werden Sie einsehen, daß das südlichere Christentum anders sein mußte als dieses fränkische Christentum, mit dem es sich später vermischte. Das fränkische Christentum war verhältnismäßig unabhängig und konnte die politischen Verhältnisse zu seinen Gunsten benutzen. Je mehr die römische Herrschaft zurückgedrängt wurde, ein um so größerer Teil des Klerus ging aus den Franken hervor, dessen Bildung weit hinter der der anderen Geistlichen zurückstand; die gelehrten Priester und Mönche aber waren alle Kelten.

[ 16 ] Based on what has been described to you, you will realize that Christianity in the south must have been different from this Frankish Christianity, with which it later intermingled. Frankish Christianity was relatively independent and was able to use the political circumstances to its advantage. The more Roman rule was pushed back, the greater the proportion of the clergy that came from the Franks, whose education lagged far behind that of the other clergy; the learned priests and monks, however, were all Celts.

[ 17 ] So waren in diesen Jahrhunderten allmählich die verschiedensten Völkerschaften durcheinander gerüttelt worden; der Einfall der Hunnen hatte den Anlaß zu diesen Veränderungen gegeben. Während sich nun innerhalb der eigentlichen Kulturströmungen das gestaltete, was hier geschildert wurde, hatten sich äußerlich große Kämpfe abgespielt. Aber das, was wir die Kulturentwickelung nennen, wurde von diesen äußeren Kämpfen nicht wesentlich berührt.

[ 17 ] Thus, over the course of these centuries, the most diverse peoples had gradually been shaken up and intermingled; the invasion of the Huns had provided the impetus for these changes. While the developments described here were taking shape within the cultural currents themselves, major conflicts were unfolding on the outside. But what we call cultural development was not significantly affected by these external conflicts.

[ 18 ] Die Hunnen waren weit nach Westen vorgedrungen. Wenn wir nicht blind sind gegenüber dem, was alte Sagen verkünden, so wissen wir: sie waren bis nach Südfrankreich gelangt. In der alten Heldendichtung, die in lateinischer Sprache überliefert wurde, dem Waltharilied, wird erzählt, wie die Fürsten der germanischen Stämme, die Burgunder und Franken und so weiter, den Hunnen Geiseln geben mußten, darunter auch jenen Walthari, den Sohn des Fürsten des germanischen Volksstammes, der in Aquitanien herrschte. Von den Taten dieses Walther, des Hagen und des Gunther erzählt dieses Heldenlied. Fortwährend erfolgten nun Einfälle der Hunnen und beunruhigten die germanischen Völker weit nach Westen hin, bis endlich die Franken, Goten, sowie das, was vom römischen Volke noch übriggeblieben war, eine Macht bildeten, die sich den Hunnen im Jahre 451 entgegenstellte in der Schlacht auf den katalaunischen Feldern. Dies ist der erste Schlag, den die Herrschaft der Hunnen erlitt, eine Herrschaft, die schwer auf den Völkern lastete, die aber keinen dauernden Eindruck hinterließ.

[ 18 ] The Huns had advanced far to the west. If we are not blind to what ancient legends tell us, we know that they had reached as far as southern France. In the ancient heroic epic preserved in Latin, the Song of Walthari, it is recounted how the princes of the Germanic tribes—the Burgundians, the Franks, and so on—were forced to hand over hostages to the Huns, including Walthari, the son of the prince of the Germanic tribe that ruled in Aquitaine. This heroic epic recounts the deeds of this Walther, Hagen, and Gunther. The Huns continued to launch raids, unsettling the Germanic peoples far to the west, until finally the Franks, the Goths, and what remained of the Roman people formed a force that confronted the Huns in 451 at the Battle of the Catalaunian Fields. This was the first blow suffered by the Huns’ rule—a rule that weighed heavily on the peoples but left no lasting impression.

[ 19 ] Die Hunnen waren an Sitten und Gebräuchen ein den europäischen Völkern so fremdes Volk, daß die ganze Art und Gestalt der Hunnen als etwas ganz Seltsames geschildert wird. Wichtig war, daß dieses Volk eine kompakte Einheit bildete; eine bis zur Vergötterung sich steigernde Unterwürfigkeit unter ihren König Attila ließ sie den anderen Völkern gegenüber von unwiderstehlichem Schrecken erscheinen. Nach der Schlacht auf den katalaunischen Feldern empfing diese Macht ihren letzten, entscheidenden Schlag durch Leo den Großen, den Bischof von Rom, der Attila entgegentrat und ihn bewog, zurückzugehen. Volkspsychologisch ist dieses Geschehnis verständlich. Leo kannte die Macht, die Attila auf sein Volk ausübte. Attila aber bei all seiner Macht kannte das nicht, was ihm da entgegentrat: das Christentum; darum beugte er sich ihm.

[ 19 ] The Huns were a people whose customs and traditions were so foreign to the European nations that their entire manner and appearance were described as something utterly strange. What was significant was that this people formed a cohesive unit; their subservience to their king, Attila—which rose to the level of deification—made them appear irresistibly terrifying to other peoples. After the Battle of the Catalaunian Fields, this power received its final, decisive blow from Leo the Great, the Bishop of Rome, who confronted Attila and persuaded him to retreat. From a psychological perspective, this event is understandable. Leo knew the power that Attila wielded over his people. Attila, however, for all his power, did not know what stood against him: Christianity; that is why he yielded to it.

[ 20 ] Die Herrschaft der Hunnen blieb somit eine Episode; dauernde Wirkung hatte viel mehr das, was aus dem Westen kam. Nach Attilas Tode 453 zerfiel die Macht der Hunnen bald wieder; auch die Herrschaft der Goten, Gepiden, Vandalen und so weiter war nichts Dauerndes, sie fanden sich eingeschlossen in schon gegebene Verhältnisse und konnten sich in ihrer Eigenart nicht erhalten. Dies geschieht dagegen im Frankenreiche; diese Kultur erweist sich treu dem Charakter des Frankenstammes, und so ist zu sehen, wie dieses Volk sich mächtig entwickelt. Wir sehen später aber auch, wie dieser Stamm die anderen mit Gewalt zwingt, das Christentum anzunehmen. Wir sehen ferner, daß nichts Geeigneteres vorhanden ist, die materielle Kultur auszugestalten, als das Christentum; allerlei Kulturgebilde erhalten ihr Gepräge von dem äußeren Christentum. Und weil sie den Charakter frei erhalten können, geben sie den Rahmen für lose Gebilde, in denen sich das geistige Leben entwickeln kann: so entstehen die geistlichen Wirtschaftsgemeinschaften im Kloster und so weiter. Mit der Zeit aber entsteht eine Unzusammengehörigkeit der geistigen und wirtschaftlichen Kultur. Trotzdem das Reich Karls des Großen sich zu einem christlichen Reiche macht, aber mit Gewalt das Christentum ausbreitet, stellt es sich in Widerspruch zum Geist des Christentums. Daher paßt bald das Christentum nicht mehr zum Wirtschaftsleben. Die Verhältnisse des Wirtschaftslebens werden als drückende empfunden, und so entstehen die freien Städte.

[ 20 ] The rule of the Huns thus remained a mere episode; what came from the West had a far more lasting impact. After Attila’s death in 453, the power of the Huns soon crumbled again; the rule of the Goths, Gepids, Vandals, and so on was also short-lived—they found themselves confined by existing circumstances and were unable to preserve their distinct identity. This, however, was not the case in the Frankish Kingdom; this culture remained true to the character of the Frankish tribe, and thus we see how this people developed powerfully. Later, however, we also see how this tribe forcibly compels the others to adopt Christianity. We further see that there is nothing more suitable for shaping material culture than Christianity; all manner of cultural institutions are shaped by external Christianity. And because they are able to freely preserve their character, they provide the framework for loose structures within which spiritual life can develop: thus arise the spiritual economic communities in monasteries and so on. Over time, however, a disconnect arises between spiritual and economic culture. Although Charlemagne’s empire establishes itself as a Christian empire, it contradicts the spirit of Christianity by spreading the faith by force. Consequently, Christianity soon ceases to fit within economic life. The conditions of economic life are perceived as oppressive, and thus the free cities emerge.

[ 21 ] Dies ist die Entwickelung der geistigen und der materiellen Kultur in großen Zügen. Die Verhältnisse in ihrer eigentlichen Bedeutung werden Ihnen vorgeführt. Sie sehen, wie erst als die geistigen Strömungen nicht mehr mit den materiellen Verhältnissen zusammenfielen, dieses Mißverhältnis seinen Ausdruck findet in der Entstehung einer rein materiellen Kultur, der Städtekultur. Denn aus materiellem Interesse waren diese Wirtschaftsgebilde entstanden. Die Bevölkerung, die es nicht aushalten konnte auf dem Lande, sie drängte hinein in die Städte, um dort Schutz und Sicherheit zu finden. So sehen wir neue Wirtschaftsgebilde entstehen, die von weittragendster Bedeutung werden sollten. Sie sehen Reiche entstehen und vergehen und neue Gebilde an die Stelle von alten treten. Sie sehen aber auch, daß wir ihren Organismus nur verstehen, wenn wir erkennen, wie sich das erste maßgebende Reich, das Frankenreich, gestaltete. Nicht hineingedrängt in schon bestehende Verhältnisse, sondern dort, wo Raum zu freier Ausdehnung geboten war, hatte sich das Wesen dieses Volksstammes entwikkelt und seine Herrschaft ausgestalten können.

[ 21 ] This is the development of spiritual and material culture in broad strokes. The conditions are presented to you in their true significance. You can see how it was only when spiritual currents no longer coincided with material conditions that this imbalance found expression in the emergence of a purely material culture—urban culture. For these economic structures had arisen out of material interests. The population, unable to endure life in the countryside, flocked into the cities to find protection and security there. Thus we see new economic structures emerge that were to become of the most far-reaching significance. You see empires rise and fall, and new structures take the place of old ones. But you also see that we can only understand their structure if we recognize how the first defining empire—the Frankish Empire—took shape. Not forced into preexisting conditions, but rather in a place where space for free expansion was available, the essence of this tribe had developed and been able to establish its rule.

[ 22 ] Nicht nur gründlich durcheinandergerüttelt, sondern neu gebildet waren die Volksstämme, die durch die große Völkerwanderung aus ihren Wohnsitzen getrieben waren. Einige waren ganz aus der Geschichte verschwunden, andere traten an ihre Stelle. Nicht nur von außen, viel mehr im tiefsten Grunde ihres Charakters hatte sich die große Umwandlung vollzogen. Wir sehen bei Beginn der Epoche der Völkerwanderung die verschiedenen germanischen Völker die Frage an das Schicksal stellen. Für die Goten, die ein toJlerantes Christentum sich erwählt hatten, bedeutete diese Frage die Vernichtung, für die Franken, die unter anderen, freieren, für sie günstigeren Verhältnissen vor diese Frage gestellt wurden, bedeutete sie die Machtentfaltung auf Jahrhunderte hinaus. Ob zum Heile der Gesamtheit? Das werden wir in der Folge sehen.

[ 22 ] The tribes that had been driven from their homelands by the Great Migration were not only thoroughly shaken up, but had been reshaped. Some had vanished entirely from history, while others took their place. The great transformation had taken place not only externally, but much more so at the very core of their character. At the beginning of the era of the Migration Period, we see the various Germanic peoples grappling with the question of their destiny. For the Goths, who had chosen a tolerant form of Christianity, this question meant annihilation; for the Franks, who were confronted with this question under different, freer, and for them more favorable circumstances, it meant the expansion of their power for centuries to come. Was this for the good of all? We shall see in the course of this work.