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Philosophy, History and Literature
GA 51

8 November 1904, Berlin

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Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen IV

History of the Middle Ages Up to the Great Inventions and Discoveries IV

[ 1 ] Es ist ein gebräuchliches Vorurteil das Wort: die menschliche Entwickelung gehe in einem regelmäßigen, sukzessiven Gange vorwärts, die Entfaltung der geschichtlichen Ereignisse mache nirgends Sprünge. Allmähliches und sukzessives Fortschreiten sei Entwickelung. Das hängt zusammen mit einem anderen Vorurteil: denn auch von der Natur heißt es, sie mache keinen Sprung. Das wird immer wieder gesagt, es ist aber unrichtig für die Natur wie für die Geschichte. Wir sehen in der Natur nirgends, wenn es sich um gewaltige Fortschritte handelt, Sprungloses. Nicht allmählich ist ihr Gang, sondern aus kleinen Vorgängen ergeben sich wichtige Folgen; das Allerwichtigste geschieht doch durch Sprünge. Man könnte viele Fälle aufzählen, wo die Natur durchaus in solcher Weise fortschreitet, daß wir ein Übergehen der Formen geradezu in ihr Gegenteil beobachten können.

[ 1 ] It is a common prejudice that human development proceeds in a regular, successive manner, and that the unfolding of historical events never involves any leaps. Gradual and successive progress is said to be development. This is linked to another prejudice: for it is also said of nature that it makes no leaps. This is repeated time and again, but it is incorrect both for nature and for history. Nowhere in nature do we see a seamless progression when it comes to momentous advances. Its course is not gradual; rather, small processes give rise to significant consequences—the most important events, after all, occur through leaps. One could cite many instances where nature progresses in such a way that we can observe forms transforming directly into their opposites.

[ 2 ] In der Geschichte ist dies besonders wichtig, weil wir da zwei solche bedeutende Ereignisse haben, die sich zwar allmählich vorbereiten, dann abfluten, aber doch ein sprunghaftes Vorwärtsschreiten bedeuten. Erstens die Begründung der freien Städte am Anfang des Mittelalters und zweitens die großen Erfindungen und Entdeckungen am Ende des Mittelalters. Die Geschichte rückt rascher vor um

[ 2 ] This is particularly important in history because we have two such significant events there that, although they develop gradually and then subside, nevertheless represent a sudden leap forward. First, the establishment of the free cities at the beginning of the Middle Ages, and second, the great inventions and discoveries at the end of the Middle Ages. History moves forward more rapidly by

[ 3 ] die Wende des 11. zum 12. Jahrhundert. Es entwickeln sich neue Gesellschaftsformen aus alten; daraus, daß viele Menschen ihre Wohnsitze verlassen und sich in den Städten niederlassen, entstehen durch Deutschland, Frankreich, England, Schottland, bis nach Rußland und Italien, solche Städte mit neuen Lebensbedingungen, Ordnungen, Rechten und Verfassungen. Dann am Ende des Mittelalters finden wir die großen Entdeckungen, die Seereisen nach Indien, Amerika und so weiter, die weltumfassende Erfindung der Buchdruckerkunst. Alles das zeigt uns, welche radikale Veränderung hervorgerufen ist durch das Aufkeimen des neuen Wissenschaftsgeistes, durch Kopernikus.

[ 3 ] the turn of the 11th to the 12th century. New forms of society developed from old ones; as a result of many people leaving their homes and settling in cities, such cities—with new living conditions, social orders, rights, and constitutions—emerged throughout Germany, France, England, Scotland, and as far as Russia and Italy. Then, at the end of the Middle Ages, we find the great discoveries—the sea voyages to India, America, and so on—and the invention of the printing press, which changed the world. All of this shows us the radical transformation brought about by the emergence of the new scientific spirit, by Copernicus.

[ 4 ] Damit sind zwei Einschnitte gegeben, und will man sinnvoll das Mittelalter betrachten, so müssen diese zwei Ereignisse in richtige Beleuchtung gestellt werden. Man könnte sagen, alles deutet hin auf diese großen Ereignisse. Sie nehmen sich aus wie Sprünge; aber es bereitet sich solch ein Ereignis langsam vor, um dann mit lawinenartiger Kraft hervorzubrechen und vorwärts zu fluten. Wenn wir sie weiter verfolgen, wird sich schrittweise zeigen, wie diese beiden Ereignisse sich vorbereitet haben im Leben der Germanen. Wir werden sehen, durch welche Umstände gerade dem Frankenvolke jene Macht zuteil wurde, jener Einfluß auf die Gestaltung der europäischen Verhältnisse. Man muß dazu den Charakter dieses Volkes verstehen, die notwendige Umgestaltung der Gesellschaftsverhältnisse und den machtvollen Einschlag durch das Christentum im 4. Jahrhundert. Diese zwei Dinge bedeuten die Änderung im Leben der Germanen. Sie bedingen die Entwickelung des Mittelalters. Es wäre nutzlos, alle diese Wanderungen der Germanen weiter zu verfolgen, zu sehen, wie Odoaker den letzten weströmischen Kaiser entthronte, wie die Goten durch Kaiser Justinian aus Italien vertrieben werden, wie die Langobarden von Norditalien Besitz ergreifen — wir sehen immer dieselben Verhältnisse sich abspielen.

[ 4 ] This marks two turning points, and if one is to make sense of the Middle Ages, these two events must be placed in the proper context. One might say that everything points toward these major events. They appear to be sudden leaps; but such an event builds up slowly, only to then burst forth with avalanche-like force and sweep forward. As we examine them further, it will gradually become clear how these two events were foreshadowed in the lives of the Germanic peoples. We will see through what circumstances the Frankish people in particular were granted that power, that influence over the shaping of European affairs. To do so, one must understand the character of this people, the necessary transformation of social conditions, and the powerful impact of Christianity in the 4th century. These two factors signify the change in the lives of the Germanic peoples. They determine the development of the Middle Ages. It would be pointless to continue tracing all these migrations of the Germanic peoples, to see how Odoacer dethroned the last Western Roman emperor, how the Goths were driven out of Italy by Emperor Justinian, or how the Lombards took possession of northern Italy—we see the same patterns playing out over and over again.

[ 5 ] In südlichen Gegenden, wo die Germanen festgefügte politische, wirtschaftliche Verhältnisse vorfinden, verschwanden die Eigentümlichkeiten dieser Völkerschaften; sie haben jede Bedeutung verloren. Wir hören nichts mehr von Goten, Gepiden und so weiter; sie sind bis auf den Namen verschwunden. Im Gegensatz dazu waren die Franken in noch nicht gefestigte, freie Verhältnisse, wo noch kein ernster Besitz bestand, gelangt. Durch diese politische Konfiguration wurden die Franken das maßgebende Volk.

[ 5 ] In southern regions, where the Germanic peoples encountered well-established political and economic conditions, the distinctive characteristics of these peoples disappeared; they lost all significance. We hear nothing more of the Goths, Gepids, and so on; they have vanished, leaving only their names. In contrast, the Franks had arrived in a region where conditions were not yet stable and were still free, where no serious property rights had yet been established. This political configuration made the Franks the dominant people.

[ 6 ] Nun müssen wir sehen, wie in diesem Frankenreich sich dieses Gebilde entwickelt hat, das wir als merowingisches Königreich bezeichnen. Es war eigentlich nichts anderes als die vielen kleinen Königreiche, die sich auf natürlichste Weise bildeten. Die Merowinger blieben als Sieger, nachdem sie die anderen ihnen ursprünglich Gleichen überwunden hatten. Alle diese Königreiche hatten sich auf folgende Weise gebildet; irgendein kleiner Stamm wanderte ein, unterjochte die Einwohner, verteilte das Land, so daß alle Mitglieder kleinere und größere freie Besitztümer erhielten. So wurden alle solche Gebiete auf Grundbesitz begründet. Der Mächtigste erhielt das größte Gebiet. Zur Bebauung desselben wurde eine große Anzahl von Leuten gebraucht, die aus der Bevölkerung entnommen wurde, zum Teil wurden auch Gefangene aus den Kriegen zu Arbeitern gemacht. Nur durch diesen Unterschied des kleineren und größeren Grundbesitzes bildeten sich die Machtverhältnisse heraus. Der größte Grundbesitzer war eben der König. Seine Macht beruht auf dem Grundbesitz, das ist das Charakteristische. Aus diesen Machtverhältnissen bildeten sich die Rechtsverhältnisse heraus, und es ist interessant zu beobachten, wie auf dieser Grundlage die Rechtsverhältnisse sich entwickeln. Allerdings finden wir bei den alten germanischen Stämmen ihre Gewohnheitsrechte, die sich in alten Zeiten, in die wir keinen Einblick mehr haben, entwickelt hatten. Bei den kleineren Stämmen versammelten sich alle Leute, um Recht zu sprechen; später kamen die Stammesgenossen nur am 1. März zusammen, um über ihre Angelegenheiten zu beraten. Jetzt war aber der Großgrundbesitzer den anderen gegenüber unverantwortlich für das, was er tat auf seinem Gebiet. Zwar finden wir ein konservatives Festhalten an den alten Rechtsgewohnheiten bei den verschiedenen Stämmen. Lange bewahrt finden wir sie besonders bei den Sachsen; Thüringern, Friesen, auch bei den Cheruskern, deren Stamm sich länger erhalten hat als man gewöhnlich glaubt. Anders war es, wo Großgrundbesitz sich entwickelte, weil der Besitzer, da er auf seinem Gebiete unumschränkt war, auch unverantwortlich wurde. Er hatte die Macht, Gerichtsbarkeit, Polizeigewalt auszuüben. Aus der Unverantwortlichkeit bildete‘ sich ein neuer Rechtsstand heraus. Wenn ein anderer einen Verstoß beging, wurde er zur Verantwortung gezogen; wenn es der Unverantwortliche tat, wurde derselbe Verstoß als Recht angesehen. Was bei den nicht Mächtigen Unrecht war, das war bei den Mächtigen Recht. Er hatte die Möglichkeit, Macht in Recht umzuwandeln.

[ 6 ] Now we must examine how this entity—which we refer to as the Merovingian Kingdom—developed within the Frankish Empire. It was, in fact, nothing more than the many small kingdoms that formed in the most natural way. The Merovingians emerged victorious after overcoming those who were originally their equals. All these kingdoms had come into being in the following way: a small tribe would migrate into the area, subjugate the inhabitants, and divide up the land so that all members received free holdings of varying sizes. Thus, all such territories were founded on land ownership. The most powerful received the largest territory. A large number of people were needed to cultivate this land; they were drawn from the local population, and in some cases, prisoners of war were also put to work. It was solely through this distinction between smaller and larger landholdings that the balance of power emerged. The largest landowner was, in fact, the king. His power was based on land ownership; that is the defining characteristic. Legal relationships emerged from these power dynamics, and it is interesting to observe how legal relationships developed on this basis. However, among the ancient Germanic tribes we find their customary laws, which had developed in ancient times into which we no longer have any insight. Among the smaller tribes, all the people gathered to administer justice; later, the tribesmen met only on March 1 to discuss their affairs. However, the large landowner was not accountable to the others for what he did on his land. We do find a conservative adherence to the old legal customs among the various tribes. We find them preserved for a long time especially among the Saxons, Thuringians, Frisians, and also among the Cherusci, whose tribe survived longer than is generally believed. The situation was different where large-scale landownership developed, because the owner, being unrestricted within his territory, also became unaccountable. He had the power to exercise jurisdiction and police authority. From this lack of accountability, a new legal status emerged. If someone else committed an offense, they were held accountable; if the unaccountable person committed the same offense, it was regarded as lawful. What was unlawful for those without power was lawful for those in power. He had the ability to transform power into law.

[ 7 ] Nun bedenke man, daß auf diese Weise namentlich im Nordwesten die Franken ihre Macht weiter ausdehnen konnten, große Gebiete erobern konnten. In einer Zeit, wo Krieg und immer Krieg war, waren die weniger Mächtigen auf den Schutz der Mächtigen angewiesen. Da entstand das Lehn- und Vasallenwesen, das eine Auslese der Mächtigsten hervorrief. Es entstand die Art und Weise, durch Verträge gewisse Rechte zu übertragen. Der große Grundbesitz, das Königsgut erlangte besondere Rechtsverhältnisse, die vom König oder vom Besitzer auch auf andere übertragen werden konnten. Mit dem Land zugleich wurde die Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt übertragen. Es entstand Königsrecht und Recht der kleinen Vasallen. Dadurch, daß eine solche Umlagerung eintrat, sehen wir ein mächtiges Beamtentum sich entwickeln, nicht auf Grund von Besoldung, sondern von Grundbesitz. Solche Gerichtsherren waren oberste Richter. Anfangs, wo sie auf die Rechte mächtiger Stämme noch Rücksicht zu nehmen hatten, waren sie verpflichtet, alte Rechte zu respektieren. Aber allmählich wurde dieses Verhältnis ein absolutes Richtertum, so daß in der Folge im Frankenreich neben dem Königtum eine Art Beamtenadel sich bildete, der zum Rival des Königtums heranwuchs. Erst war er abhängig, dann wurde er mächtig und Rival. So mußte sich schon im 6. Jahrhundert im Frankenreich immer stärker die Rivalität zwischen dem Königtum und dem Beamtenadel entwickeln, und dieser zur größten Bedeutung gelangen.

[ 7 ] Now consider that, in this way, the Franks—particularly in the northwest—were able to further expand their power and conquer large territories. In an era marked by constant warfare, the less powerful were dependent on the protection of the powerful. This gave rise to the feudal system, which led to the selection of the most powerful. A system emerged whereby certain rights were transferred through contracts. Large estates, the royal domains, acquired special legal status, which could be transferred by the king or the owner to others. Along with the land, jurisdiction and police authority were also transferred. Royal law and the law of the minor vassals emerged. As a result of this realignment, we see a powerful bureaucracy develop, based not on a salary but on land ownership. Such lords of the manor served as supreme judges. At first, when they still had to take the rights of powerful tribes into account, they were obliged to respect ancient rights. But gradually this relationship evolved into an absolute judicial authority, so that subsequently, in the Frankish Kingdom, a kind of bureaucratic nobility formed alongside the monarchy, which grew to become a rival to the monarchy. At first it was dependent; then it became powerful and a rival. Thus, as early as the 6th century in the Frankish Kingdom, the rivalry between the monarchy and the bureaucratic nobility had to develop ever more strongly, and the latter attained the greatest significance.

[ 8 ] Das ursprüngliche Herrschergeschlecht, das aus den Großgrundbesitzern hervorgegangen ist, die Merowinger, wird abgelöst von den Karolingern, die ursprünglich zu dem Beamtenadel gehörten. Sie bildeten die Hausmeier, Majordomus, des ersten Herrschergeschlechtes, das durch die Rivalität des Beamtenadels gestürzt wurde. Im wesentlichen war es also der Großgrundbesitz, der hier die Machtverhältnisse begründete, und die mächtigste moralische Strömung, die Kirche, mußte auf diesem Umwege des Großgrundbesitzes ihre Herrschaft einleiten.

[ 8 ] The original ruling dynasty, the Merovingians—who emerged from the ranks of the large landowners—was succeeded by the Carolingians, who originally belonged to the bureaucratic nobility. They served as the mayors of the palace (majordomos) for the first ruling dynasty, which was overthrown by rivalry among the civil service nobility. Essentially, therefore, it was large-scale landownership that established the balance of power here, and the most powerful moral force, the Church, had to establish its rule through this indirect route of large-scale landownership.

[ 9 ] Das Charakteristische bei der fränkischen Kirche ist, daß sie zunächst nichts als eine Anzahl von Großgrundbesitzungen darstellt: wir sehen Bistümer und Abteien entstehen, und Vasallen, die, wie sonst unter dem Schutz der Großgrundbesitzer, in den Schutz der Kirche sich begeben, um von ihr Lehen zu empfangen. So bildeten sich neben weltlichen geistliche Großgrundbesitzer. Dies ist der Grund, warum wir so wenig Tiefe und Wissenschaft wahrnehmen, und daß das, was wir an Geistigem dort im Christentum finden, wesentlich fremden Einflüssen zu verdanken ist. Nicht innerhalb des Frankenvolkes, sondern durch Angehörige des angelsächsischen, besonders des keltischen Stammes auf den britischen Inseln, ist es gelungen, jenen mächtigen Strom zu schaffen, der sich dann nach Osten ergoß. Auf den britischen Inseln wirkten bedeutende Gelehrte, fromme Mönche in ernster Vertiefung. Hier ist wirklich gearbeitet worden, wie wir im einzelnen an der Wiederaufnahme des Platonismus und seiner Vereinigung mit dem Christentum sehen. Wir sehen Mystik, Dogmatismus, aber auch Enthusiasmus und begeistertes Pathos von hier ausgehen. Von hier aus kommen die ersten Bekehrer: Columban, Gallus und Winfrid-Bonifatius, der Bekehrer der Deutschen. Und diese ersten Missionare, weil sie nichts als das Geistige des Christentums im Auge hatten, sind nicht geneigt, den Verhältnissen des Frankenstammes sich anzupassen. Sie sind die treibende Kraft und haben auch, besonders Bonifatius, ihren Haupteinfluß bei den östlichen Germanen. — Deswegen greift im Frankenreiche in dieser Zeit ein steigender Einfluß von Rom aus Platz. — Wir müssen nun sehen, was vorher gestaltend gewirkt hat. Da haben wir zwei heterogene Elemente, die sich einander anpassen: die rauhe Kraft des Germanen und die geistige Lehre des Christentums. Wunderbar erscheint es, wie diese Stämme sich dem Christentum anpassen und wie das Christentum sich selbst wandelt, um sich dem Germanentum anzupassen. Anders arbeiten diese Sendboten als die fränkischen Könige, die mit der Gewalt der Waffen das Christentum ausbreiteten. Nicht als etwas Fremdes wird es in ihre Seele gedrängt: geschont werden die Kultusstätten, heilige Sitten, Gebräuche und Personen, so geschont, daß alte Einrichtungen benutzt wurden, um den neuen Gehalt auszugießen. Interessant ist es, wie das Alte das Kleid, das Neue die Seele wird. Wir besitzen aus jener Zeit, aus dem sächsischen Stamm, eine Schilderung des JesusLebens: Sie nahmen die Gestalt des Jesus, aber alle Einzelheiten wurden germanisch überkleidet, Jesus erscheint als deutscher Herzog, der Verkehr mit den Jüngern gleicht einer Volksversammlung. So wird im «Heliand» das Leben Jesu dargestellt.

[ 9 ] What is characteristic of the Franconian Church is that, at first, it was nothing more than a collection of large estates: we see dioceses and abbeys emerging, and vassals who, just as they would otherwise have sought the protection of large landowners, placed themselves under the protection of the Church in order to receive fiefs from it. Thus, alongside secular landowners, ecclesiastical landowners emerged. This is the reason why we perceive so little depth and scholarship, and why what we find of a spiritual nature in Christianity there is essentially due to foreign influences. It was not within the Frankish people, but through members of the Anglo-Saxon, and especially the Celtic, tribes on the British Isles, that this powerful current was created, which then flowed eastward. On the British Isles, eminent scholars and devout monks worked in serious contemplation. Here, genuine work was truly done, as we can see in detail in the revival of Platonism and its synthesis with Christianity. We see mysticism, dogmatism, but also enthusiasm and inspired pathos emanating from here. From here came the first missionaries: Columbanus, Gallus, and Winfrid-Boniface, the missionary to the Germans. And these first missionaries, because they had nothing but the spiritual essence of Christianity in mind, were not inclined to adapt to the circumstances of the Frankish tribe. They were the driving force and also exerted their main influence—especially Boniface—among the Eastern Germanic peoples. — That is why, during this period, a growing influence from Rome took hold in the Frankish Empire. — We must now examine what had previously shaped this development. Here we have two heterogeneous elements adapting to one another: the rugged strength of the Germanic peoples and the spiritual teachings of Christianity. It seems remarkable how these tribes adapted to Christianity and how Christianity itself transformed to adapt to Germanic culture. These missionaries worked differently from the Frankish kings, who spread Christianity by force of arms. It was not forced upon their souls as something foreign: places of worship, sacred customs, traditions, and individuals were spared—so spared, in fact, that old institutions were used to convey the new message. It is interesting how the old became the outward form, while the new became the soul. We have a description of the life of Jesus from that time, from the Saxon tradition: They took the figure of Jesus, but all the details were overlaid with Germanic elements; Jesus appears as a German duke, and his interactions with the disciples resemble a popular assembly. This is how the life of Jesus is portrayed in the Heliand.

[ 10 ] Alte Helden werden in Heilige verwandelt, Feste, Kultusgebräuche in christliche. Vieles von dem, was heute die Leute für christliches Alleingut halten, ist damals eingewandert von heidnischen Gebräuchen. Im Frankenreich dagegen müssen wir sehen, daß die Franken im Christentum nichts anderes sehen als ein Mittel zur Befestigung ihrer Machtverhältnisse: ein fränkisches Rechtsbuch beginnt mit einer Berufung auf Christus, der die Franken liebt vor allen anderen Völkern.

[ 10 ] Ancient heroes were transformed into saints, and festivals and religious customs were transformed into Christian ones. Much of what people today consider to be uniquely Christian actually originated from pagan customs. In the Frankish Kingdom, on the other hand, we must recognize that the Franks viewed Christianity as nothing more than a means of consolidating their power structures: a Frankish law code begins with a reference to Christ, who loves the Franks above all other peoples.

[ 11 ] Das sind so Arten, wie diese beiden welthistorischen Strömungen ineinanderwachsen. In der Zeit, wo die britischen Missionare den moralischen Einfluß des Christentums vertreten, steigt auch der Einfluß der römischen Kirche bedeutend. Ausgehend von dem, was hier vorgearbeitet war, suchen die Frankenkönige Anlehnung an das Papsttum. Die Langobarden hatten Italien besetzt und beunruhigten namentlich den Bischof von Rom. Sie waren arianische Christen. Das bewirkte, daß der römische Bischof sich zunächst hilfesuchend an die Franken wandte, aber zugleich seinen Einfluß den Franken anbot. So wurde der fränkische König Schützer des Papstes, und der Papst salbte den König: daher leiteten die fränkischen Könige ihre besondere Stellung, den besonderen Glanz ihrer Würde von dieser Heiligung durch den Papst ab. Das war eine Verstärkung dessen, was die Franken im Christentum gesehen hatten. Dies alles vollzieht sich im wesentlichen im 7. Jahrhundert. Durch dieses Bündnis zwischen Papsttum und Frankenherrschaft bereitete sich die spätere Krönung Karls des Großen langsam vor. So sehen wir also mächtige soziale und geistige Veränderungen sich vollziehen. Aber das allein hätte nicht zu jenem Ereignis geführt, das ich als eines der wichtigsten bezeichnete, als eine materielle Revolution: die Begründung von Städten. Denn es fehlte der fränkisch-christlichen Kultur etwas, trotzdem Tüchtigkeit, Geist und Tiefe da waren.

[ 11 ] These are examples of how these two world-historical currents intertwine. At a time when British missionaries were promoting the moral influence of Christianity, the influence of the Roman Church also grew significantly. Building on the groundwork laid here, the Frankish kings sought to align themselves with the papacy. The Lombards had occupied Italy and were a particular source of concern for the Bishop of Rome. They were Arian Christians. This led the Bishop of Rome to first turn to the Franks for help, while at the same time offering his influence to them. Thus, the Frankish king became the Pope’s protector, and the Pope anointed the king; consequently, the Frankish kings derived their special status and the particular splendor of their dignity from this consecration by the Pope. This reinforced what the Franks had come to see in Christianity. All of this took place primarily in the 7th century. Through this alliance between the papacy and Frankish rule, the later coronation of Charlemagne was slowly set in motion. Thus, we see powerful social and intellectual changes taking place. But that alone would not have led to the event that I described as one of the most important—a material revolution: the founding of cities. For something was missing from Frankish-Christian culture, even though competence, spirit, and depth were present.

[ 12 ] Nicht vorhanden war, was man als Wissenschaft, als rein äußerliche Wissenschaft bezeichnet. Lediglich eine materielle und eine moralische Bewegung haben wir verfolgt. Das, was an Wissenschaft vorhanden war, war stehengeblieben auf derselben Höhe wie zur Zeit der Berührung mit dem Christentum. Und wie die Frankenvölker kein Interesse hatten an der Verbesserung ihrer einfachen Agrikultur, nicht daran dachten, sie wissenschaftlich auszubilden, ebenso suchte die Kirche nur ihren moralischen Einfluß auszubauen. Der primitive Ackerbau bot keine besonderen Schwierigkeiten, die wie in Ägypten zur Entwickelung der Physik, der Geometrie, der Technik geführt hätten. Alles war hier einfacher, ursprünglicher; so wie auch die schon bestehende Geldwirtschaft wieder durch Naturalwirtschaft ersetzt worden war.

[ 12 ] What is referred to as science—as purely external science—did not exist. We have traced only a material and a moral movement. What science there was had remained at the same level as it had been at the time of contact with Christianity. And just as the Frankish peoples had no interest in improving their simple agriculture and did not think to develop it scientifically, so too did the Church seek only to expand its moral influence. Primitive agriculture presented no particular difficulties that would have led, as in Egypt, to the development of physics, geometry, and technology. Everything here was simpler, more primitive; just as the existing monetary economy had once again been replaced by a subsistence economy.

[ 13 ] So brauchte die europäische Kultur einen neuen Einschlag, und man versteht sie nicht, wenn man nicht diesen Einschlag würdigt. Vom Fernen Osten her, woher einst das Christentum gekommen, aus Asien kommt diese neue Kultur durch die Araber. Die Religion, die durch Mohammed dort gegründet worden war, ist in ihrem religiösen Gehalt einfacher als das Christentum. Der innere Gehalt des Mohammedanismus gründet sich im wesentlichen auf einfache monotheistische Ideen, die sich beschränken auf ein göttliches Grundwesen, dessen Natur und Gestalt man nicht besonders erforscht, das man nicht ergründet, in dessen Willen man sich aber ergibt, das man glaubt. Deshalb ist diese Religion dazu geschaffen, ein ungeheures Vertrauen in diesen Willen hervorzurufen, das zum Fatalismus führt, zur willenlosen Ergebung. Daher war es möglich, daß in wenigen Menschenaltern diese Stämme die arabische Herrschaft ausdehnten über Syrien, Mesopotamien, Nordafrika bis zu dem Reich der Westgoten in Spanien, so daß bereits um die Wende des 7. zum 8. Jahrhundert die Mauren ihre Herrschaft dort ausbreiteten und an die Stelle der westgotischen ihre eigene Kultur setzten.

[ 13 ] European culture thus needed a new direction, and one cannot understand it without recognizing this shift. From the Far East—the very region from which Christianity once originated—this new culture arrived in Asia via the Arabs. The religion founded there by Muhammad is, in its religious essence, simpler than Christianity. The inner essence of Islam is based essentially on simple monotheistic ideas, which are limited to a fundamental divine being whose nature and form are not specifically investigated or fathomed, but to whose will one submits and in whom one believes. Therefore, this religion is designed to inspire an immense trust in this will, which leads to fatalism and passive resignation. Consequently, it was possible for these tribes, within a few generations, to extend Arab rule over Syria, Mesopotamia, and North Africa as far as the Visigothic Kingdom in Spain, so that by the turn of the 7th to the 8th century, the Moors had already established their rule there and replaced Visigothic culture with their own.

[ 14 ] So strömt etwas ganz Neues, Andersgeartetes in die europäische Kultur. Auf eigentlich geistigem, religiösem Gebiet hat diese arabische Kultur nur einen einfachen Inhalt, der in der Seele gewisse Kräfte begründete, aber nicht viele Vorstellungen erwirkte, nicht den Geist besonders in Anspruch nahm. Dieser Geist war nicht erfüllt vom Nachdenken über Dogmen, über Engel und Dämonen und so weiter. Aber war der Geist nicht damit erfüllt, so mit dem, was den christlich-germanischen Stämmen damals fehlte: mit äußerer Wissenschaftlichkeit. Fortgebildet finden wir hier alle jene Wissenschaften, wie Medizin, Chemie, mathematisches Denken. Der praktische Geist, der aus Asien mit nach Spanien gebracht war, fand nun in Seefahrten und so weiter Betätigung. Er wurde hinübergebracht in einer Zeit, wo dort ein wissenschaftsloser Geist sein Reich begründet hatte. Die maurischen Städte wurden Stätten ernster, wissenschaftlicher Arbeit: wir sehen da eine Kultur, die jeder, der sie kennt, nur bewundern kann, von der ein Humboldt sagte: «Diese Weite, diese Intensität, diese Schärfe des Wissens ist ohne Beispiel in der Kulturgeschichte.» Diese maurischen Gelehrten sind voll Weitblick und Tiefsinn und haben nicht nur wie die Germanen die griechische Wissenschaft übernommen, sondern vorgebildet. Aristoteles lebte auch bei diesen fort, aber bei den Arabern der wahre Aristoteles als Vater der Wissenschaft, verehrt mit großem Weitblick. Es ist interessant zu sehen, wie das, was in Griechenland vorgebildet war, die alexandrinische Kultur, dort fortlebte, und damit haben wir eine der merkwürdigsten Strömungen im menschlichen Geistesleben berührt. Die Araber lieferten die Grundlagen zur objektiven Wissenschaft. Diese strömte zunächst von da aus ein in die angelsächsischen Klöster in England und Irland, wo das alte energische keltische Blut lebte. Eigentümlich war es zu sehen, was für ein reger Verkehr zwischen ihnen und Spanien eingeleitet wurde, und wie dort, wo Tiefsinn und Fähigkeit zum Denken vorhanden war, die Wissenschaft durch Vermittlung der Araber auflebte.

[ 14 ] Thus, something entirely new and different flowed into European culture. In the realm of the spiritual and religious, this Arab culture had only a simple essence, one that instilled certain powers in the soul but did not give rise to many ideas, nor did it particularly engage the mind. This spirit was not preoccupied with reflections on dogmas, angels, demons, and so on. But while the spirit was not preoccupied with these things, it was preoccupied with what the Christian-Germanic tribes lacked at that time: external scientific rigor. Here we find all those sciences—such as medicine, chemistry, and mathematical thinking—further developed. The practical spirit, which had been brought from Asia to Spain, now found expression in seafaring and the like. It was brought over at a time when a spirit devoid of science had established its dominion there. The Moorish cities became centers of serious, scientific work: we see there a culture that anyone who knows it cannot help but admire, of which Humboldt said: “This breadth, this intensity, this acuity of knowledge is without precedent in cultural history.” These Moorish scholars were full of foresight and profundity and did not merely adopt Greek science, as the Germanic peoples did, but developed it further. Aristotle also lived on among them, but among the Arabs, the true Aristotle—as the father of science—was revered with great foresight. It is interesting to see how what had been pioneered in Greece—the Alexandrian culture—lived on there, and in doing so we have touched upon one of the most remarkable currents in human intellectual life. The Arabs laid the foundations for objective science. From there, it initially flowed into the Anglo-Saxon monasteries in England and Ireland, where the ancient, vigorous Celtic spirit still thrived. It was remarkable to observe the lively exchange that developed between them and Spain, and how, wherever there was depth of thought and intellectual capacity, science was revitalized through the mediation of the Arabs.

[ 15 ] Und es ist eine merkwürdige Erscheinung, wenn wir weiter sehen, daß die Araber, die anfangs ganz Spanien in Besitz nahmen, bald äußerlich besiegt wurden in der Schlacht bei Poitiers 732 durch die Franken unter Karl Martell, Damit siegte äußerlich die physische Kraft der Franken über die physische Kraft der Mauren. Aber unbesiegbar bleibt die geistige Kraft der Araber, und so wie einst die griechische Bildung erobernd in Rom auftritt, so erobert sich die arabische Bildung den Westen, den siegreichen Germanen gegenüber. Wenn nun die Wissenschaft, die man braucht, um den Gesichtskreis für Handel und Weltverkehr auszubreiten, wenn die Städtekultur entsteht, so sehen wir, daß es arabische Einflüsse sind, die hier sich geltend machen, ganz neue Elemente, die hier einströmen, und die versuchen, sich den alten anzupassen.

[ 15 ] And it is a remarkable phenomenon when we consider further that the Arabs, who initially took possession of all of Spain, were soon outwardly defeated in the Battle of Poitiers in 732 by the Franks under Charles Martel; thus, outwardly, the physical strength of the Franks triumphed over the physical strength of the Moors. But the intellectual power of the Arabs remains invincible, and just as Greek culture once conquered Rome, so too does Arab culture conquer the West, in the face of the victorious Germanic peoples. Now, as the science needed to broaden the horizons of trade and global commerce emerges, and as urban culture takes shape, we see that it is Arab influences that are making their mark here—entirely new elements flowing in and attempting to adapt to the old ones.

[ 16 ] Daß jemand wohl verwirrt werden konnte, der mit freiem Blick diese sich widerstrebenden Strömungen im Mittelalter verfolgte, sehen wir an Walther von der Vogelweide zum Ausdruck kommen. Der Dichter sah, wie die Germanenvölker nach äußerer Macht strebten, sah vom Christentum eine entgegengesetzte Strömung ausgehen. — Denn ich bitte Sie zu beachten, daß das Christentum erst später jene Form annahm, die ihm dann anhaftete. — Bei Walther von der Vogelweide sehen wir in Empfindung umgewandelt, was das Mittelalter durchströmte, in der wehmütigen Schilderung:

[ 16 ] We see this confusion—which could well have befallen anyone who observed these conflicting currents of the Middle Ages with an open mind—expressed by Walther von der Vogelweide. The poet saw how the Germanic peoples strove for external power, and saw a countervailing current emanating from Christianity. — For I ask you to note that Christianity only later took on the form that subsequently became associated with it. — In Walther von der Vogelweide, we see what permeated the Middle Ages transformed into emotion in this wistful description:

Gar bänglich bedachte ich mir,
Weshalb man auf der Welt wohl sei.
Es fiel mir keine Antwort bei,
Wie man drei Ding’ erwürbe,
Daß keins davon verdürbe.
Die zwei sind Ehr’ und weltlich Gut,
Das oft einander Schaden tut;
Das dritt” ist Gott gefallen,
Das wichtigste von allen.
Die wünscht’ ich mir in einen Schrein.
Doch leider kann das nimmer sein,
Daß weltlich Gut und Ehre
Und Gottes Huld je kehre
Ein in dasselbe Menschenherz.
Sie finden Hemmnis allerwärts:
Untreu legt allenthalben Schlingen,
Gewalt darf alles niederzwingen,
So Fried’ als Recht sind todeswund,
Und nimmer finden Schutz die drei,
Eh’ diese zwei nicht sind gesund.

I pondered anxiously,
Why we are in this world.
No answer came to mind,
How one might acquire three things,
So that none of them would be lost.
The first two are honor and worldly goods,
Which often harm one another;
The third is God’s favor,
The most important of all.
I wished to have them all in one treasure chest.
But alas, that can never be,
For worldly goods and honor
And God’s favor can never find their way
In the same human heart.
They encounter obstacles everywhere:
Infidelity sets snares on every side,
Violence may subdue everything,
So peace and justice are mortally wounded,
And the three will never find protection,
Until these two are restored to health.

[ 17 ] Wir wollen dann weiter sehen, wie schwer es dem Mittelalter selbst wurde, diese drei Dinge im Herzen zu vereinigen, und wie sie die großen Kämpfe hervorgerufen haben, die das Mittelalter zerrissen.

[ 17 ] We will then go on to see how difficult it was for the Middle Ages themselves to reconcile these three things in their hearts, and how they gave rise to the great conflicts that tore the Middle Ages apart.