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Über Philosophie Geschichte und Literatur
GA 51

8 November 1904, Berlin

Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen IV

[ 1 ] Es ist ein gebräuchliches Vorurteil das Wort: die menschliche Entwickelung gehe in einem regelmäßigen, sukzessiven Gange vorwärts, die Entfaltung der geschichtlichen Ereignisse mache nirgends Sprünge. Allmähliches und sukzessives Fortschreiten sei Entwickelung. Das hängt zusammen mit einem anderen Vorurteil: denn auch von der Natur heißt es, sie mache keinen Sprung. Das wird immer wieder gesagt, es ist aber unrichtig für die Natur wie für die Geschichte. Wir sehen in der Natur nirgends, wenn es sich um gewaltige Fortschritte handelt, Sprungloses. Nicht allmählich ist ihr Gang, sondern aus kleinen Vorgängen ergeben sich wichtige Folgen; das Allerwichtigste geschieht doch durch Sprünge. Man könnte viele Fälle aufzählen, wo die Natur durchaus in solcher Weise fortschreitet, daß wir ein Übergehen der Formen geradezu in ihr Gegenteil beobachten können.

[ 2 ] In der Geschichte ist dies besonders wichtig, weil wir da zwei solche bedeutende Ereignisse haben, die sich zwar allmählich vorbereiten, dann abfluten, aber doch ein sprunghaftes Vorwärtsschreiten bedeuten. Erstens die Begründung der freien Städte am Anfang des Mittelalters und zweitens die großen Erfindungen und Entdeckungen am Ende des Mittelalters. Die Geschichte rückt rascher vor um

[ 3 ] die Wende des 11. zum 12. Jahrhundert. Es entwickeln sich neue Gesellschaftsformen aus alten; daraus, daß viele Menschen ihre Wohnsitze verlassen und sich in den Städten niederlassen, entstehen durch Deutschland, Frankreich, England, Schottland, bis nach Rußland und Italien, solche Städte mit neuen Lebensbedingungen, Ordnungen, Rechten und Verfassungen. Dann am Ende des Mittelalters finden wir die großen Entdeckungen, die Seereisen nach Indien, Amerika und so weiter, die weltumfassende Erfindung der Buchdruckerkunst. Alles das zeigt uns, welche radikale Veränderung hervorgerufen ist durch das Aufkeimen des neuen Wissenschaftsgeistes, durch Kopernikus.

[ 4 ] Damit sind zwei Einschnitte gegeben, und will man sinnvoll das Mittelalter betrachten, so müssen diese zwei Ereignisse in richtige Beleuchtung gestellt werden. Man könnte sagen, alles deutet hin auf diese großen Ereignisse. Sie nehmen sich aus wie Sprünge; aber es bereitet sich solch ein Ereignis langsam vor, um dann mit lawinenartiger Kraft hervorzubrechen und vorwärts zu fluten. Wenn wir sie weiter verfolgen, wird sich schrittweise zeigen, wie diese beiden Ereignisse sich vorbereitet haben im Leben der Germanen. Wir werden sehen, durch welche Umstände gerade dem Frankenvolke jene Macht zuteil wurde, jener Einfluß auf die Gestaltung der europäischen Verhältnisse. Man muß dazu den Charakter dieses Volkes verstehen, die notwendige Umgestaltung der Gesellschaftsverhältnisse und den machtvollen Einschlag durch das Christentum im 4. Jahrhundert. Diese zwei Dinge bedeuten die Änderung im Leben der Germanen. Sie bedingen die Entwickelung des Mittelalters. Es wäre nutzlos, alle diese Wanderungen der Germanen weiter zu verfolgen, zu sehen, wie Odoaker den letzten weströmischen Kaiser entthronte, wie die Goten durch Kaiser Justinian aus Italien vertrieben werden, wie die Langobarden von Norditalien Besitz ergreifen — wir sehen immer dieselben Verhältnisse sich abspielen.

[ 5 ] In südlichen Gegenden, wo die Germanen festgefügte politische, wirtschaftliche Verhältnisse vorfinden, verschwanden die Eigentümlichkeiten dieser Völkerschaften; sie haben jede Bedeutung verloren. Wir hören nichts mehr von Goten, Gepiden und so weiter; sie sind bis auf den Namen verschwunden. Im Gegensatz dazu waren die Franken in noch nicht gefestigte, freie Verhältnisse, wo noch kein ernster Besitz bestand, gelangt. Durch diese politische Konfiguration wurden die Franken das maßgebende Volk.

[ 6 ] Nun müssen wir sehen, wie in diesem Frankenreich sich dieses Gebilde entwickelt hat, das wir als merowingisches Königreich bezeichnen. Es war eigentlich nichts anderes als die vielen kleinen Königreiche, die sich auf natürlichste Weise bildeten. Die Merowinger blieben als Sieger, nachdem sie die anderen ihnen ursprünglich Gleichen überwunden hatten. Alle diese Königreiche hatten sich auf folgende Weise gebildet; irgendein kleiner Stamm wanderte ein, unterjochte die Einwohner, verteilte das Land, so daß alle Mitglieder kleinere und größere freie Besitztümer erhielten. So wurden alle solche Gebiete auf Grundbesitz begründet. Der Mächtigste erhielt das größte Gebiet. Zur Bebauung desselben wurde eine große Anzahl von Leuten gebraucht, die aus der Bevölkerung entnommen wurde, zum Teil wurden auch Gefangene aus den Kriegen zu Arbeitern gemacht. Nur durch diesen Unterschied des kleineren und größeren Grundbesitzes bildeten sich die Machtverhältnisse heraus. Der größte Grundbesitzer war eben der König. Seine Macht beruht auf dem Grundbesitz, das ist das Charakteristische. Aus diesen Machtverhältnissen bildeten sich die Rechtsverhältnisse heraus, und es ist interessant zu beobachten, wie auf dieser Grundlage die Rechtsverhältnisse sich entwickeln. Allerdings finden wir bei den alten germanischen Stämmen ihre Gewohnheitsrechte, die sich in alten Zeiten, in die wir keinen Einblick mehr haben, entwickelt hatten. Bei den kleineren Stämmen versammelten sich alle Leute, um Recht zu sprechen; später kamen die Stammesgenossen nur am 1. März zusammen, um über ihre Angelegenheiten zu beraten. Jetzt war aber der Großgrundbesitzer den anderen gegenüber unverantwortlich für das, was er tat auf seinem Gebiet. Zwar finden wir ein konservatives Festhalten an den alten Rechtsgewohnheiten bei den verschiedenen Stämmen. Lange bewahrt finden wir sie besonders bei den Sachsen; Thüringern, Friesen, auch bei den Cheruskern, deren Stamm sich länger erhalten hat als man gewöhnlich glaubt. Anders war es, wo Großgrundbesitz sich entwickelte, weil der Besitzer, da er auf seinem Gebiete unumschränkt war, auch unverantwortlich wurde. Er hatte die Macht, Gerichtsbarkeit, Polizeigewalt auszuüben. Aus der Unverantwortlichkeit bildete‘ sich ein neuer Rechtsstand heraus. Wenn ein anderer einen Verstoß beging, wurde er zur Verantwortung gezogen; wenn es der Unverantwortliche tat, wurde derselbe Verstoß als Recht angesehen. Was bei den nicht Mächtigen Unrecht war, das war bei den Mächtigen Recht. Er hatte die Möglichkeit, Macht in Recht umzuwandeln.

[ 7 ] Nun bedenke man, daß auf diese Weise namentlich im Nordwesten die Franken ihre Macht weiter ausdehnen konnten, große Gebiete erobern konnten. In einer Zeit, wo Krieg und immer Krieg war, waren die weniger Mächtigen auf den Schutz der Mächtigen angewiesen. Da entstand das Lehn- und Vasallenwesen, das eine Auslese der Mächtigsten hervorrief. Es entstand die Art und Weise, durch Verträge gewisse Rechte zu übertragen. Der große Grundbesitz, das Königsgut erlangte besondere Rechtsverhältnisse, die vom König oder vom Besitzer auch auf andere übertragen werden konnten. Mit dem Land zugleich wurde die Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt übertragen. Es entstand Königsrecht und Recht der kleinen Vasallen. Dadurch, daß eine solche Umlagerung eintrat, sehen wir ein mächtiges Beamtentum sich entwickeln, nicht auf Grund von Besoldung, sondern von Grundbesitz. Solche Gerichtsherren waren oberste Richter. Anfangs, wo sie auf die Rechte mächtiger Stämme noch Rücksicht zu nehmen hatten, waren sie verpflichtet, alte Rechte zu respektieren. Aber allmählich wurde dieses Verhältnis ein absolutes Richtertum, so daß in der Folge im Frankenreich neben dem Königtum eine Art Beamtenadel sich bildete, der zum Rival des Königtums heranwuchs. Erst war er abhängig, dann wurde er mächtig und Rival. So mußte sich schon im 6. Jahrhundert im Frankenreich immer stärker die Rivalität zwischen dem Königtum und dem Beamtenadel entwickeln, und dieser zur größten Bedeutung gelangen.

[ 8 ] Das ursprüngliche Herrschergeschlecht, das aus den Großgrundbesitzern hervorgegangen ist, die Merowinger, wird abgelöst von den Karolingern, die ursprünglich zu dem Beamtenadel gehörten. Sie bildeten die Hausmeier, Majordomus, des ersten Herrschergeschlechtes, das durch die Rivalität des Beamtenadels gestürzt wurde. Im wesentlichen war es also der Großgrundbesitz, der hier die Machtverhältnisse begründete, und die mächtigste moralische Strömung, die Kirche, mußte auf diesem Umwege des Großgrundbesitzes ihre Herrschaft einleiten.

[ 9 ] Das Charakteristische bei der fränkischen Kirche ist, daß sie zunächst nichts als eine Anzahl von Großgrundbesitzungen darstellt: wir sehen Bistümer und Abteien entstehen, und Vasallen, die, wie sonst unter dem Schutz der Großgrundbesitzer, in den Schutz der Kirche sich begeben, um von ihr Lehen zu empfangen. So bildeten sich neben weltlichen geistliche Großgrundbesitzer. Dies ist der Grund, warum wir so wenig Tiefe und Wissenschaft wahrnehmen, und daß das, was wir an Geistigem dort im Christentum finden, wesentlich fremden Einflüssen zu verdanken ist. Nicht innerhalb des Frankenvolkes, sondern durch Angehörige des angelsächsischen, besonders des keltischen Stammes auf den britischen Inseln, ist es gelungen, jenen mächtigen Strom zu schaffen, der sich dann nach Osten ergoß. Auf den britischen Inseln wirkten bedeutende Gelehrte, fromme Mönche in ernster Vertiefung. Hier ist wirklich gearbeitet worden, wie wir im einzelnen an der Wiederaufnahme des Platonismus und seiner Vereinigung mit dem Christentum sehen. Wir sehen Mystik, Dogmatismus, aber auch Enthusiasmus und begeistertes Pathos von hier ausgehen. Von hier aus kommen die ersten Bekehrer: Columban, Gallus und Winfrid-Bonifatius, der Bekehrer der Deutschen. Und diese ersten Missionare, weil sie nichts als das Geistige des Christentums im Auge hatten, sind nicht geneigt, den Verhältnissen des Frankenstammes sich anzupassen. Sie sind die treibende Kraft und haben auch, besonders Bonifatius, ihren Haupteinfluß bei den östlichen Germanen. — Deswegen greift im Frankenreiche in dieser Zeit ein steigender Einfluß von Rom aus Platz. — Wir müssen nun sehen, was vorher gestaltend gewirkt hat. Da haben wir zwei heterogene Elemente, die sich einander anpassen: die rauhe Kraft des Germanen und die geistige Lehre des Christentums. Wunderbar erscheint es, wie diese Stämme sich dem Christentum anpassen und wie das Christentum sich selbst wandelt, um sich dem Germanentum anzupassen. Anders arbeiten diese Sendboten als die fränkischen Könige, die mit der Gewalt der Waffen das Christentum ausbreiteten. Nicht als etwas Fremdes wird es in ihre Seele gedrängt: geschont werden die Kultusstätten, heilige Sitten, Gebräuche und Personen, so geschont, daß alte Einrichtungen benutzt wurden, um den neuen Gehalt auszugießen. Interessant ist es, wie das Alte das Kleid, das Neue die Seele wird. Wir besitzen aus jener Zeit, aus dem sächsischen Stamm, eine Schilderung des JesusLebens: Sie nahmen die Gestalt des Jesus, aber alle Einzelheiten wurden germanisch überkleidet, Jesus erscheint als deutscher Herzog, der Verkehr mit den Jüngern gleicht einer Volksversammlung. So wird im «Heliand» das Leben Jesu dargestellt.

[ 10 ] Alte Helden werden in Heilige verwandelt, Feste, Kultusgebräuche in christliche. Vieles von dem, was heute die Leute für christliches Alleingut halten, ist damals eingewandert von heidnischen Gebräuchen. Im Frankenreich dagegen müssen wir sehen, daß die Franken im Christentum nichts anderes sehen als ein Mittel zur Befestigung ihrer Machtverhältnisse: ein fränkisches Rechtsbuch beginnt mit einer Berufung auf Christus, der die Franken liebt vor allen anderen Völkern.

[ 11 ] Das sind so Arten, wie diese beiden welthistorischen Strömungen ineinanderwachsen. In der Zeit, wo die britischen Missionare den moralischen Einfluß des Christentums vertreten, steigt auch der Einfluß der römischen Kirche bedeutend. Ausgehend von dem, was hier vorgearbeitet war, suchen die Frankenkönige Anlehnung an das Papsttum. Die Langobarden hatten Italien besetzt und beunruhigten namentlich den Bischof von Rom. Sie waren arianische Christen. Das bewirkte, daß der römische Bischof sich zunächst hilfesuchend an die Franken wandte, aber zugleich seinen Einfluß den Franken anbot. So wurde der fränkische König Schützer des Papstes, und der Papst salbte den König: daher leiteten die fränkischen Könige ihre besondere Stellung, den besonderen Glanz ihrer Würde von dieser Heiligung durch den Papst ab. Das war eine Verstärkung dessen, was die Franken im Christentum gesehen hatten. Dies alles vollzieht sich im wesentlichen im 7. Jahrhundert. Durch dieses Bündnis zwischen Papsttum und Frankenherrschaft bereitete sich die spätere Krönung Karls des Großen langsam vor. So sehen wir also mächtige soziale und geistige Veränderungen sich vollziehen. Aber das allein hätte nicht zu jenem Ereignis geführt, das ich als eines der wichtigsten bezeichnete, als eine materielle Revolution: die Begründung von Städten. Denn es fehlte der fränkisch-christlichen Kultur etwas, trotzdem Tüchtigkeit, Geist und Tiefe da waren.

[ 12 ] Nicht vorhanden war, was man als Wissenschaft, als rein äußerliche Wissenschaft bezeichnet. Lediglich eine materielle und eine moralische Bewegung haben wir verfolgt. Das, was an Wissenschaft vorhanden war, war stehengeblieben auf derselben Höhe wie zur Zeit der Berührung mit dem Christentum. Und wie die Frankenvölker kein Interesse hatten an der Verbesserung ihrer einfachen Agrikultur, nicht daran dachten, sie wissenschaftlich auszubilden, ebenso suchte die Kirche nur ihren moralischen Einfluß auszubauen. Der primitive Ackerbau bot keine besonderen Schwierigkeiten, die wie in Ägypten zur Entwickelung der Physik, der Geometrie, der Technik geführt hätten. Alles war hier einfacher, ursprünglicher; so wie auch die schon bestehende Geldwirtschaft wieder durch Naturalwirtschaft ersetzt worden war.

[ 13 ] So brauchte die europäische Kultur einen neuen Einschlag, und man versteht sie nicht, wenn man nicht diesen Einschlag würdigt. Vom Fernen Osten her, woher einst das Christentum gekommen, aus Asien kommt diese neue Kultur durch die Araber. Die Religion, die durch Mohammed dort gegründet worden war, ist in ihrem religiösen Gehalt einfacher als das Christentum. Der innere Gehalt des Mohammedanismus gründet sich im wesentlichen auf einfache monotheistische Ideen, die sich beschränken auf ein göttliches Grundwesen, dessen Natur und Gestalt man nicht besonders erforscht, das man nicht ergründet, in dessen Willen man sich aber ergibt, das man glaubt. Deshalb ist diese Religion dazu geschaffen, ein ungeheures Vertrauen in diesen Willen hervorzurufen, das zum Fatalismus führt, zur willenlosen Ergebung. Daher war es möglich, daß in wenigen Menschenaltern diese Stämme die arabische Herrschaft ausdehnten über Syrien, Mesopotamien, Nordafrika bis zu dem Reich der Westgoten in Spanien, so daß bereits um die Wende des 7. zum 8. Jahrhundert die Mauren ihre Herrschaft dort ausbreiteten und an die Stelle der westgotischen ihre eigene Kultur setzten.

[ 14 ] So strömt etwas ganz Neues, Andersgeartetes in die europäische Kultur. Auf eigentlich geistigem, religiösem Gebiet hat diese arabische Kultur nur einen einfachen Inhalt, der in der Seele gewisse Kräfte begründete, aber nicht viele Vorstellungen erwirkte, nicht den Geist besonders in Anspruch nahm. Dieser Geist war nicht erfüllt vom Nachdenken über Dogmen, über Engel und Dämonen und so weiter. Aber war der Geist nicht damit erfüllt, so mit dem, was den christlich-germanischen Stämmen damals fehlte: mit äußerer Wissenschaftlichkeit. Fortgebildet finden wir hier alle jene Wissenschaften, wie Medizin, Chemie, mathematisches Denken. Der praktische Geist, der aus Asien mit nach Spanien gebracht war, fand nun in Seefahrten und so weiter Betätigung. Er wurde hinübergebracht in einer Zeit, wo dort ein wissenschaftsloser Geist sein Reich begründet hatte. Die maurischen Städte wurden Stätten ernster, wissenschaftlicher Arbeit: wir sehen da eine Kultur, die jeder, der sie kennt, nur bewundern kann, von der ein Humboldt sagte: «Diese Weite, diese Intensität, diese Schärfe des Wissens ist ohne Beispiel in der Kulturgeschichte.» Diese maurischen Gelehrten sind voll Weitblick und Tiefsinn und haben nicht nur wie die Germanen die griechische Wissenschaft übernommen, sondern vorgebildet. Aristoteles lebte auch bei diesen fort, aber bei den Arabern der wahre Aristoteles als Vater der Wissenschaft, verehrt mit großem Weitblick. Es ist interessant zu sehen, wie das, was in Griechenland vorgebildet war, die alexandrinische Kultur, dort fortlebte, und damit haben wir eine der merkwürdigsten Strömungen im menschlichen Geistesleben berührt. Die Araber lieferten die Grundlagen zur objektiven Wissenschaft. Diese strömte zunächst von da aus ein in die angelsächsischen Klöster in England und Irland, wo das alte energische keltische Blut lebte. Eigentümlich war es zu sehen, was für ein reger Verkehr zwischen ihnen und Spanien eingeleitet wurde, und wie dort, wo Tiefsinn und Fähigkeit zum Denken vorhanden war, die Wissenschaft durch Vermittlung der Araber auflebte.

[ 15 ] Und es ist eine merkwürdige Erscheinung, wenn wir weiter sehen, daß die Araber, die anfangs ganz Spanien in Besitz nahmen, bald äußerlich besiegt wurden in der Schlacht bei Poitiers 732 durch die Franken unter Karl Martell, Damit siegte äußerlich die physische Kraft der Franken über die physische Kraft der Mauren. Aber unbesiegbar bleibt die geistige Kraft der Araber, und so wie einst die griechische Bildung erobernd in Rom auftritt, so erobert sich die arabische Bildung den Westen, den siegreichen Germanen gegenüber. Wenn nun die Wissenschaft, die man braucht, um den Gesichtskreis für Handel und Weltverkehr auszubreiten, wenn die Städtekultur entsteht, so sehen wir, daß es arabische Einflüsse sind, die hier sich geltend machen, ganz neue Elemente, die hier einströmen, und die versuchen, sich den alten anzupassen.

[ 16 ] Daß jemand wohl verwirrt werden konnte, der mit freiem Blick diese sich widerstrebenden Strömungen im Mittelalter verfolgte, sehen wir an Walther von der Vogelweide zum Ausdruck kommen. Der Dichter sah, wie die Germanenvölker nach äußerer Macht strebten, sah vom Christentum eine entgegengesetzte Strömung ausgehen. — Denn ich bitte Sie zu beachten, daß das Christentum erst später jene Form annahm, die ihm dann anhaftete. — Bei Walther von der Vogelweide sehen wir in Empfindung umgewandelt, was das Mittelalter durchströmte, in der wehmütigen Schilderung:

Gar bänglich bedachte ich mir,
Weshalb man auf der Welt wohl sei.
Es fiel mir keine Antwort bei,
Wie man drei Ding’ erwürbe,
Daß keins davon verdürbe.
Die zwei sind Ehr’ und weltlich Gut,
Das oft einander Schaden tut;
Das dritt” ist Gott gefallen,
Das wichtigste von allen.
Die wünscht’ ich mir in einen Schrein.
Doch leider kann das nimmer sein,
Daß weltlich Gut und Ehre
Und Gottes Huld je kehre
Ein in dasselbe Menschenherz.
Sie finden Hemmnis allerwärts:
Untreu legt allenthalben Schlingen,
Gewalt darf alles niederzwingen,
So Fried’ als Recht sind todeswund,
Und nimmer finden Schutz die drei,
Eh’ diese zwei nicht sind gesund.

[ 17 ] Wir wollen dann weiter sehen, wie schwer es dem Mittelalter selbst wurde, diese drei Dinge im Herzen zu vereinigen, und wie sie die großen Kämpfe hervorgerufen haben, die das Mittelalter zerrissen.