Über Philosophie Geschichte und Literatur
GA 51
15 November 1904, Berlin
Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen V
[ 1 ] Wenn Sie irgendeines der gebräuchlichen Schulbücher oder eine der anderen üblichen Darstellungen des Mittelalters über die Zeit, von der wir jetzt sprechen werden — vom 8. oder 9. Jahrhundert —, in die Hand nehmen, so nimmt darin einen außerordentlichen Raum ein die Persönlichkeit Karls des Großen. Aber Sie werden wenig von dem verstehen, was eigentlich das Bedeutungsvolle dieses Zeitalters ausmacht, wenn Sie diese Eroberungszüge und Taten Karls des Großen in dieser Weise verfolgen. All das war nur ein äußerer Ausdruck für viel tiefere Ereignisse im Mittelalter, die sich darstellen werden als das Zusammenspiel vieler bedeutender Faktoren. Wollen wir diese betrachten, so müssen wir dazu Dinge streifen, die wir schon berührt haben, um Licht da hineinzubringen.
[ 2 ] Wenn Sie sich erinnern an die Schilderung europäischer Verhältnisse unmittelbar nach der Völkerwanderung, als hier und da nach diesem Ereignisse germanische Völker zur Ruhe gekommen waren, so werden Sie daran denken müssen, daß sich diese Völker ihre altgewohnten Einrichtungen, ihre Sitten und Gebräuche in die neuen Wohnsitze mitgebracht hatten und sie dort ausbildeten. Dabei sehen wir, daß sie sich eine Eigentümlichkeit bewahrt haben: eine Art soziale Ordnung, bestehend in der Verteilung von Privat- und Gemeineigentum. Es waren kleine soziale Verbände, in denen sie ursprünglich lebten, Dorfgemeinden, dann später Hundertschaften, Gaue, und in allen gab es Gemeineigentum an alledem, was Gemeineigentum sein konnte: Wald, Wiese, Wasser und so weiter. Und nur, was der Einzelne bebauen konnte, der einzelne Feldanteil, die Hufe, wurde der Privatfamilie zugeteilt, wurde erblich. Alles andere blieb Gemeineigentum.
[ 3 ] Nun haben wir gesehen, wie die Führer solcher Stämme größere Gebiete bei der Eroberung zuerteilt bekamen, und wie dadurch gewisse Herrschaftsverhältnisse entstanden, namentlich in Gallien, wo vieles Land noch urbar zu machen war. Für die Bearbeitung dieser Ländereien nahm man teils die Angehörigen der früheren Bevölkerung, teils die römischen Kolonen oder Kriegsgefangene. Dadurch bildeten sich gewisse Rechtsverhältnisse heraus. Der Großgrundbesitzer war unverantwortlich für das, was er tat innerhalb seines Besitzes; er konnte für das, was er verfügte, nicht zur Verantwortung gezogen werden. Daher konnte er für sein Besitztum Rechtsvorschriften, Polizeimaßregeln erlassen. Wir treffen also in dem Frankenreiche kein einheitliches Königtum; das, was man das Reich der Merowinger nennt, war nichts anderes als ein solcher großer Grundbesitz. Die Merowinger waren eine der großgrundbesitzenden Familien; aus privatrechtlichen Verhältnissen hervorgegangen, dehnte sich ihre Herrschaft aus dem Kampfe ums Dasein immer weiter aus. Immer neue Gebiete wurden hineingezogen. Der Großgrundbesitzer war nicht in der Weise König, wie wir es seit dem 13. und 14., ja noch im 16. Jahrhundert gewohnt sind, sondern privatherrschaftliche Verhältnisse gingen in Rechtsverhältnisse über.
[ 4 ] Er übertrug gewisse Teile seines Gebietes an andere, minder Begüterte — weil er nicht alles selbst bebauen konnte —, und mit ihnen seine Rechte; das nannte man «unter Immunität»: jene Richtergewalt, die aus der Unverantwortlichkeit in solchen Verhältnissen erwachsen war. Dafür mußte der Betreffende Abgaben entrichten und dem König in dem Kriege Heeresfolge leisten. In solcher Ausbreitung der Besitzverhältnisse ging das Geschlecht der Merowinger als Sieger hervor über andere, so daß wir an der Formel festhalten müssen: das alte Frankenreich ging hervor aus rein privatrechtlichen Verhältnissen.
[ 5 ] Und wiederum geschah der Übergang von den Merowingern zum Karolingergeschlecht, aus dem Karl Martell entstammte, auf dieselbe Art, aus denselben Verhältnissen heraus. Die Karolinger waren ursprünglich Verwalter der Domänen der Merowinger, aber allmählich so einflußreich geworden, daß es Pippin dem Kleinen gelang, den blödsinnigen Childerich in ein Kloster zu stecken und mit Hilfe des Papstes abzusetzen. Von ihm stammte sein Nachfolger, Karl der Große. In raschem Fluge können wir die äußeren Ereignisse nur streifen, denn sie haben keine besondere Bedeutung. Karl der Große bekriegt die umliegenden deutschen Volksstämme und dehnt gewisse Herrschaftsverhältnisse aus. Man kann dieses Reich noch nicht einen Staat nennen. Er führte lange Kämpfe gegen die Sachsen, die an der alten Dorfverfassung, an den alten Sitten und Gebräuchen, dem alten germanischen Glauben mit großer Zähigkeit festhielten. Die Eroberung geschah nach langwierigen Kriegen, die mit außerordentlicher Grausamkeit von beiden Seiten geführt wurden.
[ 6 ] Bei solchen Stämmen, wie die Sachsen waren, tat sich irgendeine Persönlichkeit besonders hervor, die dann zum Führer wurde. Diesmal war es ein Herzog mit großen Besitztümern, starkem Heeresgefolge, Widukind, dessen Tapferkeit heftigsten Widerstand leistete. Er wurde mit der größten Grausamkeit niedergezwungen und mußte sich der Herrschaft Karls des Großen unterwerfen. Was bedeutet solche Herrschaft? Sie bedeutet folgendes: Wenn Karl der Große wieder abgezogen wäre, so wäre nichts Besonderes geschehen gewesen. Solche Stämme, die sich zu Tausenden hatten taufen lassen müssen, hätten doch in derselben Weise fortgelebt wie früher.
[ 7 ] Das Mittel, um hier ein Herrschaftsverhältnis zu begründen, war die Form, die Karl der Große hier der Kirche gegeben. Mittels der Macht der Kirche wurden diese Gebiete unterworfen. Bistümer und Klöster wurden gegründet, die große Besitztümer zuerteilt erhielten, welche früher die Sachsen besaßen. Die Bebauung wurde durch die Bischöfe und Äbte besorgt; damit trat die Kirche das an, was sonst der durch Immunität geschützte, weltliche Grundbesitz getan, die richterliche Gewalt. Wenn die Sachsen sich nicht fügten, wurden sie durch neue Einfälle Karls des Großen gezwungen. So geschah dasselbe, wie im westlichen Frankenreich: die kleineren Besitzer konnten sich als Einzelne nicht halten, sie schenkten daher was sie hatten den Klöstern und Bistümern, um es wieder als Lehen zu erhalten.
[ 8 ] Das eine Verhältnis ist also, daß große Besitzungen direkt zur Kirche gehörten, wie bei den neugegründeten Bistümern Paderborn, Merseburg, Erfurt, die für den Bischof von den Unterworfenen bebaut wurden. Aber auch diejenigen, welche noch selbst Besitztümer hatten, nahmen sie zu Lehen und mußten immer größere Abgaben an die betreffenden Bistümer und Abteien geben. Damit war hier die Herrschaft Karls des Großen begründet, ein Machtverhältnis zustande gekommen, mit Hilfe des großen Einflusses, den die Kirche gewann, deren Oberherrscher er war.
[ 9 ] So wie hier dehnte Karl seine Macht auch in andere Gegenden aus. In Bayern gelang es ihm, die Macht des Herzogs Tassilo zu brechen, ihn ins Kloster zu stecken und damit Bayern in sein Herrschaftsverhältnis einzubeziehen. Die Bayern hatten sich mit den Awaren, einem Volke, das man als Nachkommen der Hunnen bezeichnen kann, verbündet. Karl blieb in diesem Kampfe siegreich und hat einen Streifen Landes als Grenzmark gegen die Awaren befestigt, die awarische Mark, das Ursprungsland des heutigen Österreich. In eben dieser Weise hat er sich auch einen gegen die Dänen geschaffen.
[ 10 ] Gegen die Langobarden, die den Papst beunruhigten, kämpfte er in Italien wie Pippin, er blieb siegreich und begründete abermals dort ein Herrschaftsverhältnis. Er versuchte es auch gegen die Mauren in Spanien. Fast überall blieb er Sieger. Wir sehen über die damalige europäische Welt die Frankenherrschaft sich begründen, die wir nicht Staat nennen können, die bloß die Keime der künftigen Staatsgewalt enthielt.
[ 11 ] In solchen neugewonnenen Gegenden waren auch Grafen eingesetzt, die richterliche Gewalt ausübten. In Gegenden, wo Karl der Große abwechselnd seinen Hof abhielt, an gesicherten Plätzen, die man Pfalzen nannte, waren es die Pfalzgrafen, meist Großgrundbesitzer, die gewisse Abgaben bekamen von den umliegenden Gebieten. Doch nicht nur von Grund und Boden, auch Erträgnisse, die aus der Rechtssprechung erwuchsen, fielen ihnen zu. War jemand gemordet worden, so wurde vom Gau- oder Pfalzgrafen das öffentliche Gericht zusammengerufen. Ein Verwandter, oder jemand, der in näherem Verhältnis zu dem Ermordeten stand, führte Klage. Für Mord konnte damals ein gewisses Wehrgeld gezahlt werden, das für Freie und Unfreie verschieden war, eine bestimmte Summe, die teils an die Familie des Gemordeten, teils an den Gau- oder Pfalzgrafen gezahlt wurde; ein Teil mußte an die königliche Zentralkasse abgeliefert werden. Für die gemeinschaftlichen Angelegenheiten, es waren eigentlich nur solche, die sich auf Abgaben und Verteidigung bezogen, und zur Beaufsichtigung, waren Landgrafen, die von einem Land zum anderen reisten, angestellt, Botschafter ohne besondere Funktionen.
[ 12 ] Unter diesen Verhältnissen bildete sich immer mehr heraus das, was man den Gegensatz nennen könnte zwischen dem neuen Grundbesitzeradel und den Hörigen, sowie denjenigen Freien, die zwar persönlich noch frei waren, aber in ein scharfes Abhängigkeitsverhältnis gerieten dadurch, daß sie große Abgaben zu zahlen und Heeresfolge zu leisten hatten. Diese Verhältnisse spitzten sich immer mehr zu, weltlicher und kirchlicher Besitz dehnten sich immer weiter aus, und bald schon, im 10., 11. und 12. Jahrhundert, sehen wir das Volk in schwerer Abhängigkeit, treffen wir schon auf kleinere Empörungen, Revolten, als Vorherverkündigung dessen, was wir als Bauernkriege kennen. Daß sich dabei die materielle Kultur immer produktiver entwickelte, werden Sie begreifen. Viele germanische Stämme hatten vor der Völkerwanderung noch nicht Akkerbau betrieben, sondern ihren Unterhalt durch Viehzucht gewonnen; jetzt entwickelten sie sich immer mehr zum Ackerbau; hauptsächlich wurde Hafer und Gerste angebaut, aber auch Weizen und Lein (Flachs) und so weiter. Das ist das Wesentliche, was der älteren Kultur Bedeutung gab. Das eigentliche Handwerk gab es damals noch nicht, es entwickelte sich erst unter der Oberfläche; Weberei, Färberei und so weiter wurden im Hause meist von den Frauen betrieben; Schmiede- und Goldschmiedekunst waren die ersten Handwerke, die sich herausbildeten. Noch unbedeutender war der Handel.
[ 13 ] Eigentliche Städte entwickelten sich vom 10. Jahrhundert ab. Ein geschichtliches Ereignis bereitet sich damit vor. Aber das, was von diesen Städten ausgegangen ist, der Handel, hatte damals keine Bedeutung, höchstens wurde von israelitischen Kaufleuten ein Handel mit Kostbarkeiten aus dem Orient betrieben. Gebräuche des Handels gab es fast gar nicht, trotzdem Karl der Große schon Münzen prägen ließ. Fast alles war Tauschhandel, bei dem Vieh, Waffen und dergleichen Dinge ausgetauscht wurden.
[ 14 ] So müssen wir uns die materielle Kultur jener Gebiete vorstellen, und nun werden wir begreifen, warum auch die geistige Kultur ein ganz bestimmtes Gepräge annehmen mußte. All das, was wir uns als geistige Kultur vorstellen, gab es in diesen Gegenden weder bei Freien noch bei Hörigen. Jagd, Krieg, Ackerbau war die Beschäftigung der Grundbesitzer. Als Symptom hierfür diene, daß nicht nur die Bauern, sondern Gutsbesitzer, Fürsten, Herzöge, Könige, selbst Dichter, wenn sie nicht geistlich waren, selten lesen und schreiben konnten. Wolfram von Eschenbach mußte seine Dichtungen einem Kleriker diktieren und sich von ihm vorlesen lassen, und Hartmann von der Aue rühmt als eine besondere Eigenschaft, daß er in Büchern lesen konnte. Und bei allen denjenigen, die die weltliche Kultur besorgten, war nicht die Rede davon, daß sie lesen und schreiben konnten.
[ 15 ] Nur im Innersten der Klöster wurde die Pflege der Wissenschaft und Kunst betrieben. Alle anderen waren auf das angewiesen was ihnen durch die Geistlichen an Belehrung und Predigt geboten wurde. Und das bedingt ihre Abhängigkeit von Geistlichen und Mönchen, es bedeutet die Herrschaft der Kirche.
[ 16 ] Wenn wir heute geschildert finden das, was man als «finsteres Mittelalter», Ketzerverfolgungen, Hexenprozesse versteht, müssen wir uns klar sein, daß wir damit von Verhältnissen sprechen, die erst mit dem 13. Jahrhundert beginnen. In diesen älteren Zeiten hat so etwas nicht bestanden. Die Kirche führte keine andere Herrschaft als der weltliche Großgrundbesitz. Entweder ging die Kirche Hand in Hand mit der weltlichen Herrschaft, war nur ein Glied derselben, oder sie war bestrebt, christliche Wissenschaft und Theologie auszubilden.
[ 17 ] Bis der Strom des geistigen Einflusses der Araber kam, wurde alles Geistige nur in den Klöstern gepflegt; was die Mönche da drinnen taten, war etwas, das in der Welt draußen völlig unbekannt war. Draußen wußte man nur von der Predigt und einer Art geistiger Unterweisung, die in primitiven Schulen stattfand.
[ 18 ] Die Herrschaft der Kirche wurde auch dadurch gefördert, daß die Geistlichen alle Verrichtungen, welche Wissen erforderten, selbst ausführten. Die Mönche waren die Baumeister; sie schmückten die Kirchen mit Bildwerken, sie schrieben die Werke der Klassiker ab in kunstvoller Schrift. Auch die höheren Beamten, die Kanzler der Kaiser, waren zum großen Teil Mönche.
[ 19 ] Nun zu dem, was in den Klöstern geschah. Eine Form der Bildung, die dort in den Klöstern gepflegt wurde, war die Scholastik, eine spätere die Mystik. Diese Scholastik, die bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts ihre Blüte hatte, hat ein Ungeheures vollbracht, sie hat ein streng geschultes Denken wenigstens bei einem Stande hervorzurufen vermocht. Das ist der große Unterschied zu dem, was später gekommen ist. Es waren harte Prüfungen zu bestehen, niemand konnte ohne harte Proben absolut logischer Schulung des Denkens weiterkommen; an dem geistigen Leben konnte nur der teilnehmen, der wirklich logisch denken konnte. Das wird heute nicht geachtet. Aber tatsächlich war es dies logische folgerichtige Denken, das, als die maurisch-arabische Kultur nach Europa kam, es bewirkte, daß diese Wissenschaft geschultes Denken vorfand. Die Denkformen, mit denen die Wissenschaft heute arbeitet, sie sind dort gefunden, es sind die wenigsten Ideenformen, die nicht von dort stammen.
[ 20 ] Die Begriffe, mit denen noch heute die Wissenschaften, wie Chemie, Medizin, Philosophie operieren, wie Subjekt und Objekt, wurden damals gefunden. Eine Trainierung des Denkens, wie sie sonst in der Weltgeschichte nicht vorkommt, wurde da ausgebildet. Der heutige scharfe Denker verdankt, was heute in den Adern seines Geistes fließt, jener Trainierung, die zwischen dem 5. und 14. Jahrhundert gepflogen wurde. Nun mag es jemand als ungerecht empfinden, daß die große Menge damals nichts von alledem hatte, allein der Gang der Weltgeschichte geht nicht nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, sondern folgt dem großen Gesetz von Ursache und Wirkung. So sehen wir zwei streng nebeneinanderlaufende Strömungen auch hier: erstens die materielle Kultur draußen mit absoluter Unwissenschaftlichkeit, und zweitens eine fein ziselierte Kultur bei einigen wenigen innerhalb der Kirche. Und doch beruhte die Städtekultur auf dieser streng scholastischen Denkweise. Die Männer, die den großen Umschwung herbeiführten, entstammten ihr: Kopernikus war Domherr, Giordano Bruno Dominikaner und so weiter. Ihre und vieler anderer Bildung, ihre formale Schulung wurzelte in diesem Geist der Kirche. Nicht Mächtige, nicht Bischöfe und reiche Äbte, sondern einfache Mönche waren es, die die Wissenschaft fortpflanzten, arme Mönche, die in der Vergangenheit lebten und die den Druck der Mächtigen oft zu spüren hatten.
[ 21 ] Die Kirche, die sich mit den äußeren Mächten verbündete, mußte sich vermaterialisieren, sie mußte dazu greifen, ihre Lehre und ganzes Wesen zu verweltlichen. Es gab in den ältesten Zeiten bis zu dem 12. Jahrhundert nichts, was erhabener, feierlicher war für den Christen als das Abendmahl. Es sollte ein dankbares Erinnerungsopfer sein, ein Symbol für die Verinnerlichung des Christentums. Da kam jene Verweltlichung, jenes Unverständnis solchen hohen, geistigen Tatsachen gegenüber, vor allem den Festen gegenüber. Im 9. Jahrhundert lebte im Lande der Franken, am Hofe Karls des Kahlen, ein sehr bedeutender, christlicher Mönch aus Irland, Scotus Erigena, in dessen Buche «Von der Einteilung der Natur» wir eine Fülle von Geist und Tiefsinn finden, freilich nicht von dem, was das 20. Jahrhundert unter Wissenschaft versteht. Er hatte zu kämpfen gegen eine feindliche Richtung in der Kirche. Er verteidigte die alte Lehre, daß das Abendmahl die Versinnbildlichung des höchsten Opfers bedeutete. Eine andere, materielle Auffassung bestand und wurde von Rom protegiert, daß Brot und Wein sich wirklich in Fleisch und Blut verwandeln. Unter dem Einfluß der vor sich gehenden Vermaterialisierung entstand das Abendmahlsdogma, doch erst im 13. Jahrhundert wurde es offiziell.
[ 22 ] Scotus mußte nach England flüchten und wurde auf Betreiben des Papstes im eigenen Kloster von den verbrüderten Mönchen hingemordet. Das sind Kämpfe, die sich nicht innerhalb der Kirche, sondern durch das Eindringen des weltlichen Einflusses abspielen. Sie sehen, das, was geistiges Leben war, war beschränkt auf einige wenige und unoffenbar der großen Masse, auf der ein immer steigender Druck lag von weltlichen und geistlichen Grundbesitzern. Auf diese Weise mehrte sich die Unzufriedenheit immer mehr. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich in den von zwei Seiten abhängigen Leuten die Unzufriedenheit häufte. Draußen auf dem Lande, auf den Bauernhöfen entstanden immer neue Ursachen zur Unzufriedenheit. Kein Wunder, daß sich die kleinen Städte, wie sie am Rhein und an der Donau schon vorhanden waren, immer mehr vergrößerten und neue sich bildeten durch das Abströmen derer, die es auf dem Lande nicht mehr aushalten konnten. Was den Grund zur Umgestaltung solcher Verhältnisse bildete, war der Abfluß der nach Freiheit dürstenden Bevölkerung.
[ 23 ] Eine rein materielle Veranlassung war es, aus der die städtische Kultur entstand. Die geistige Kultur blieb vorläufig unberührt; viele Städte entwickelten sich auch um die Bistümer und Klöster. Aus der städtischen Kultur entstand alles, was Handel und Gewerbe im Mittelalter begründete und nachher ganz andere Verhältnisse herbeiführte.
[ 24 ] Das Bedürfnis nach unmittelbarem Ausleben der menschlichen Persönlichkeit gab Anlaß zur Gründung der Städte. Das war ein mächtiger Schritt auf der Bahn zur Freiheit, wie ja nach dem Worte Hegels die Geschichte die Erziehung des Menschengeschlechts zur Freiheit bedeutet.
[ 25 ] Und wenn wir die Geschichte des Mittelalters weiter verfolgen, werden wir sehen, daß diese Begründung der Städtekultur nicht einen kleinen, sondern einen großen Schritt auf dieser Bahn vorwärts bedeutet.
