Philosophy, History and Literature
GA 51
15 November 1904, Berlin
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Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen V
History of the Middle Ages Up to the Great Inventions and Discoveries V
[ 1 ] Wenn Sie irgendeines der gebräuchlichen Schulbücher oder eine der anderen üblichen Darstellungen des Mittelalters über die Zeit, von der wir jetzt sprechen werden — vom 8. oder 9. Jahrhundert —, in die Hand nehmen, so nimmt darin einen außerordentlichen Raum ein die Persönlichkeit Karls des Großen. Aber Sie werden wenig von dem verstehen, was eigentlich das Bedeutungsvolle dieses Zeitalters ausmacht, wenn Sie diese Eroberungszüge und Taten Karls des Großen in dieser Weise verfolgen. All das war nur ein äußerer Ausdruck für viel tiefere Ereignisse im Mittelalter, die sich darstellen werden als das Zusammenspiel vieler bedeutender Faktoren. Wollen wir diese betrachten, so müssen wir dazu Dinge streifen, die wir schon berührt haben, um Licht da hineinzubringen.
[ 1 ] If you pick up any of the standard school textbooks or other common accounts of the Middle Ages covering the period we are about to discuss—the 8th or 9th century—you will find that the figure of Charlemagne occupies an extraordinary amount of space in them. But you will understand little of what actually constitutes the significance of this era if you follow Charlemagne’s conquests and deeds in this way. All of that was merely an outward expression of much deeper events in the Middle Ages, which will emerge as the interplay of many significant factors. If we are to examine these, we must touch upon matters we have already touched on in order to shed light on them.
[ 2 ] Wenn Sie sich erinnern an die Schilderung europäischer Verhältnisse unmittelbar nach der Völkerwanderung, als hier und da nach diesem Ereignisse germanische Völker zur Ruhe gekommen waren, so werden Sie daran denken müssen, daß sich diese Völker ihre altgewohnten Einrichtungen, ihre Sitten und Gebräuche in die neuen Wohnsitze mitgebracht hatten und sie dort ausbildeten. Dabei sehen wir, daß sie sich eine Eigentümlichkeit bewahrt haben: eine Art soziale Ordnung, bestehend in der Verteilung von Privat- und Gemeineigentum. Es waren kleine soziale Verbände, in denen sie ursprünglich lebten, Dorfgemeinden, dann später Hundertschaften, Gaue, und in allen gab es Gemeineigentum an alledem, was Gemeineigentum sein konnte: Wald, Wiese, Wasser und so weiter. Und nur, was der Einzelne bebauen konnte, der einzelne Feldanteil, die Hufe, wurde der Privatfamilie zugeteilt, wurde erblich. Alles andere blieb Gemeineigentum.
[ 2 ] If you recall the description of conditions in Europe immediately following the Migration Period, when, here and there, Germanic peoples had settled down after those events, you must bear in mind that these peoples brought their long-established institutions, their customs, and traditions with them to their new homes and developed them there. In doing so, we see that they preserved a distinctive feature: a kind of social order consisting of the division between private and communal property. They originally lived in small social units—village communities, and later hundreds and districts—and in all of them, there was communal ownership of everything that could be communal property: forests, meadows, water, and so on. And only what the individual could cultivate—the individual plot of land, the “Hufe”—was allocated to the private family and became hereditary. Everything else remained communal property.
[ 3 ] Nun haben wir gesehen, wie die Führer solcher Stämme größere Gebiete bei der Eroberung zuerteilt bekamen, und wie dadurch gewisse Herrschaftsverhältnisse entstanden, namentlich in Gallien, wo vieles Land noch urbar zu machen war. Für die Bearbeitung dieser Ländereien nahm man teils die Angehörigen der früheren Bevölkerung, teils die römischen Kolonen oder Kriegsgefangene. Dadurch bildeten sich gewisse Rechtsverhältnisse heraus. Der Großgrundbesitzer war unverantwortlich für das, was er tat innerhalb seines Besitzes; er konnte für das, was er verfügte, nicht zur Verantwortung gezogen werden. Daher konnte er für sein Besitztum Rechtsvorschriften, Polizeimaßregeln erlassen. Wir treffen also in dem Frankenreiche kein einheitliches Königtum; das, was man das Reich der Merowinger nennt, war nichts anderes als ein solcher großer Grundbesitz. Die Merowinger waren eine der großgrundbesitzenden Familien; aus privatrechtlichen Verhältnissen hervorgegangen, dehnte sich ihre Herrschaft aus dem Kampfe ums Dasein immer weiter aus. Immer neue Gebiete wurden hineingezogen. Der Großgrundbesitzer war nicht in der Weise König, wie wir es seit dem 13. und 14., ja noch im 16. Jahrhundert gewohnt sind, sondern privatherrschaftliche Verhältnisse gingen in Rechtsverhältnisse über.
[ 3 ] We have now seen how the leaders of such tribes were allotted larger territories during the conquest, and how this gave rise to certain power structures, particularly in Gaul, where much land still needed to be cultivated. To cultivate these lands, they relied partly on members of the former population and partly on Roman colonists or prisoners of war. This gave rise to certain legal relationships. The large landowner was not accountable for his actions within his estate; he could not be held responsible for the decisions he made. Consequently, he was able to enact laws and police regulations for his estate. Thus, we do not find a unified monarchy in the Frankish Empire; what is called the Merovingian Empire was nothing more than such a large estate. The Merovingians were one of the landowning families; having emerged from private-law relationships, their rule expanded ever further out of the struggle for survival. New territories were constantly being incorporated. The large landowner was not a king in the sense to which we have become accustomed since the 13th and 14th centuries—and even into the 16th century—but rather, private lordly relationships gave way to legal relationships.
[ 4 ] Er übertrug gewisse Teile seines Gebietes an andere, minder Begüterte — weil er nicht alles selbst bebauen konnte —, und mit ihnen seine Rechte; das nannte man «unter Immunität»: jene Richtergewalt, die aus der Unverantwortlichkeit in solchen Verhältnissen erwachsen war. Dafür mußte der Betreffende Abgaben entrichten und dem König in dem Kriege Heeresfolge leisten. In solcher Ausbreitung der Besitzverhältnisse ging das Geschlecht der Merowinger als Sieger hervor über andere, so daß wir an der Formel festhalten müssen: das alte Frankenreich ging hervor aus rein privatrechtlichen Verhältnissen.
[ 4 ] He transferred certain parts of his territory to others who were less well-off—because he could not cultivate it all himself—and, along with them, his rights; this was called “immunity”: that judicial authority which had arisen from the lack of accountability in such circumstances. In return, the person concerned had to pay taxes and provide troops to the king in times of war. In this expansion of land ownership, the Merovingian dynasty emerged victorious over others, so that we must adhere to the following formulation: the old Frankish kingdom arose from relationships governed purely by private law.
[ 5 ] Und wiederum geschah der Übergang von den Merowingern zum Karolingergeschlecht, aus dem Karl Martell entstammte, auf dieselbe Art, aus denselben Verhältnissen heraus. Die Karolinger waren ursprünglich Verwalter der Domänen der Merowinger, aber allmählich so einflußreich geworden, daß es Pippin dem Kleinen gelang, den blödsinnigen Childerich in ein Kloster zu stecken und mit Hilfe des Papstes abzusetzen. Von ihm stammte sein Nachfolger, Karl der Große. In raschem Fluge können wir die äußeren Ereignisse nur streifen, denn sie haben keine besondere Bedeutung. Karl der Große bekriegt die umliegenden deutschen Volksstämme und dehnt gewisse Herrschaftsverhältnisse aus. Man kann dieses Reich noch nicht einen Staat nennen. Er führte lange Kämpfe gegen die Sachsen, die an der alten Dorfverfassung, an den alten Sitten und Gebräuchen, dem alten germanischen Glauben mit großer Zähigkeit festhielten. Die Eroberung geschah nach langwierigen Kriegen, die mit außerordentlicher Grausamkeit von beiden Seiten geführt wurden.
[ 5 ] And once again, the transition from the Merovingians to the Carolingian dynasty—from which Charles Martel was descended—took place in the same way, under the same circumstances. The Carolingians were originally administrators of the Merovingian estates, but had gradually become so influential that Pepin the Short succeeded in confining the foolish Childeric to a monastery and, with the help of the Pope, deposing him. His successor, Charlemagne, was descended from him. We can only briefly touch upon the external events, for they are of no particular significance. Charlemagne waged war against the surrounding Germanic tribes and expanded certain spheres of influence. This empire cannot yet be called a state. He waged long battles against the Saxons, who clung with great tenacity to the old village constitution, the old customs and traditions, and the old Germanic faith. The conquest took place after protracted wars, which were fought with extraordinary cruelty on both sides.
[ 6 ] Bei solchen Stämmen, wie die Sachsen waren, tat sich irgendeine Persönlichkeit besonders hervor, die dann zum Führer wurde. Diesmal war es ein Herzog mit großen Besitztümern, starkem Heeresgefolge, Widukind, dessen Tapferkeit heftigsten Widerstand leistete. Er wurde mit der größten Grausamkeit niedergezwungen und mußte sich der Herrschaft Karls des Großen unterwerfen. Was bedeutet solche Herrschaft? Sie bedeutet folgendes: Wenn Karl der Große wieder abgezogen wäre, so wäre nichts Besonderes geschehen gewesen. Solche Stämme, die sich zu Tausenden hatten taufen lassen müssen, hätten doch in derselben Weise fortgelebt wie früher.
[ 6 ] Among tribes such as the Saxons, a particular individual would often stand out and become their leader. This time it was a duke with vast estates and a powerful military retinue, Widukind, whose bravery offered the fiercest resistance. He was subdued with the utmost cruelty and was forced to submit to the rule of Charlemagne. What does such rule mean? It means the following: If Charlemagne had withdrawn again, nothing out of the ordinary would have happened. Such tribes, who had been forced to be baptized by the thousands, would have continued to live in the same way as before.
[ 7 ] Das Mittel, um hier ein Herrschaftsverhältnis zu begründen, war die Form, die Karl der Große hier der Kirche gegeben. Mittels der Macht der Kirche wurden diese Gebiete unterworfen. Bistümer und Klöster wurden gegründet, die große Besitztümer zuerteilt erhielten, welche früher die Sachsen besaßen. Die Bebauung wurde durch die Bischöfe und Äbte besorgt; damit trat die Kirche das an, was sonst der durch Immunität geschützte, weltliche Grundbesitz getan, die richterliche Gewalt. Wenn die Sachsen sich nicht fügten, wurden sie durch neue Einfälle Karls des Großen gezwungen. So geschah dasselbe, wie im westlichen Frankenreich: die kleineren Besitzer konnten sich als Einzelne nicht halten, sie schenkten daher was sie hatten den Klöstern und Bistümern, um es wieder als Lehen zu erhalten.
[ 7 ] The means of establishing a relationship of domination here was the form that Charlemagne had given the Church in this region. These territories were subjugated through the power of the Church. Dioceses and monasteries were founded and granted large estates that had previously belonged to the Saxons. The bishops and abbots oversaw the development of the land; in this way, the Church assumed the role that had otherwise been filled by secular landowners protected by immunity—namely, the exercise of judicial authority. If the Saxons did not comply, they were forced to do so by new invasions led by Charlemagne. Thus, the same thing happened as in the Western Frankish Kingdom: the smaller landowners could not hold their own as individuals, so they donated what they had to the monasteries and bishoprics in order to receive it back as fiefs.
[ 8 ] Das eine Verhältnis ist also, daß große Besitzungen direkt zur Kirche gehörten, wie bei den neugegründeten Bistümern Paderborn, Merseburg, Erfurt, die für den Bischof von den Unterworfenen bebaut wurden. Aber auch diejenigen, welche noch selbst Besitztümer hatten, nahmen sie zu Lehen und mußten immer größere Abgaben an die betreffenden Bistümer und Abteien geben. Damit war hier die Herrschaft Karls des Großen begründet, ein Machtverhältnis zustande gekommen, mit Hilfe des großen Einflusses, den die Kirche gewann, deren Oberherrscher er war.
[ 8 ] One aspect of this situation was that large estates belonged directly to the Church, as was the case with the newly established dioceses of Paderborn, Merseburg, and Erfurt, where the land was cultivated for the bishop by his subjects. But even those who still held estates of their own took them as fiefs and were required to pay ever-increasing tributes to the respective dioceses and abbeys. This established Charlemagne’s rule here, creating a balance of power through the great influence gained by the Church, of which he was the supreme ruler.
[ 9 ] So wie hier dehnte Karl seine Macht auch in andere Gegenden aus. In Bayern gelang es ihm, die Macht des Herzogs Tassilo zu brechen, ihn ins Kloster zu stecken und damit Bayern in sein Herrschaftsverhältnis einzubeziehen. Die Bayern hatten sich mit den Awaren, einem Volke, das man als Nachkommen der Hunnen bezeichnen kann, verbündet. Karl blieb in diesem Kampfe siegreich und hat einen Streifen Landes als Grenzmark gegen die Awaren befestigt, die awarische Mark, das Ursprungsland des heutigen Österreich. In eben dieser Weise hat er sich auch einen gegen die Dänen geschaffen.
[ 9 ] Just as he did here, Charlemagne also expanded his power into other regions. In Bavaria, he succeeded in breaking the power of Duke Tassilo, confining him to a monastery, and thereby bringing Bavaria under his rule. The Bavarians had allied themselves with the Avars, a people who can be described as descendants of the Huns. Charlemagne emerged victorious in this conflict and fortified a strip of land as a border march against the Avars—the Avar March, the ancestral homeland of present-day Austria. In exactly the same way, he also established a border march against the Danes.
[ 10 ] Gegen die Langobarden, die den Papst beunruhigten, kämpfte er in Italien wie Pippin, er blieb siegreich und begründete abermals dort ein Herrschaftsverhältnis. Er versuchte es auch gegen die Mauren in Spanien. Fast überall blieb er Sieger. Wir sehen über die damalige europäische Welt die Frankenherrschaft sich begründen, die wir nicht Staat nennen können, die bloß die Keime der künftigen Staatsgewalt enthielt.
[ 10 ] He fought against the Lombards in Italy—who were causing concern for the Pope—just as Pippin had done; he emerged victorious and once again established his rule there. He also took on the Moors in Spain. He emerged victorious almost everywhere. We see Frankish rule taking root across the European world of that time—a rule we cannot call a state, but one that merely contained the seeds of future state power.
[ 11 ] In solchen neugewonnenen Gegenden waren auch Grafen eingesetzt, die richterliche Gewalt ausübten. In Gegenden, wo Karl der Große abwechselnd seinen Hof abhielt, an gesicherten Plätzen, die man Pfalzen nannte, waren es die Pfalzgrafen, meist Großgrundbesitzer, die gewisse Abgaben bekamen von den umliegenden Gebieten. Doch nicht nur von Grund und Boden, auch Erträgnisse, die aus der Rechtssprechung erwuchsen, fielen ihnen zu. War jemand gemordet worden, so wurde vom Gau- oder Pfalzgrafen das öffentliche Gericht zusammengerufen. Ein Verwandter, oder jemand, der in näherem Verhältnis zu dem Ermordeten stand, führte Klage. Für Mord konnte damals ein gewisses Wehrgeld gezahlt werden, das für Freie und Unfreie verschieden war, eine bestimmte Summe, die teils an die Familie des Gemordeten, teils an den Gau- oder Pfalzgrafen gezahlt wurde; ein Teil mußte an die königliche Zentralkasse abgeliefert werden. Für die gemeinschaftlichen Angelegenheiten, es waren eigentlich nur solche, die sich auf Abgaben und Verteidigung bezogen, und zur Beaufsichtigung, waren Landgrafen, die von einem Land zum anderen reisten, angestellt, Botschafter ohne besondere Funktionen.
[ 11 ] Counts were also appointed to these newly conquered regions to exercise judicial authority. In regions where Charlemagne held court on a rotating basis, at secure locations called palaces, it was the palatine counts—mostly large landowners—who received certain taxes from the surrounding areas. But they received not only revenue from land but also proceeds arising from the administration of justice. If someone had been murdered, the district or palatine count would convene a public court. A relative, or someone closely related to the murdered person, would bring the charges. At that time, a certain blood money could be paid for murder—the amount varied between freemen and serfs—a specific sum that was paid partly to the murdered person’s family and partly to the Gau or Palatine Count; a portion had to be remitted to the royal central treasury. For communal affairs—which were essentially limited to matters related to taxes and defense—and for oversight, landgraves were appointed who traveled from one region to another; they served as ambassadors without specific functions.
[ 12 ] Unter diesen Verhältnissen bildete sich immer mehr heraus das, was man den Gegensatz nennen könnte zwischen dem neuen Grundbesitzeradel und den Hörigen, sowie denjenigen Freien, die zwar persönlich noch frei waren, aber in ein scharfes Abhängigkeitsverhältnis gerieten dadurch, daß sie große Abgaben zu zahlen und Heeresfolge zu leisten hatten. Diese Verhältnisse spitzten sich immer mehr zu, weltlicher und kirchlicher Besitz dehnten sich immer weiter aus, und bald schon, im 10., 11. und 12. Jahrhundert, sehen wir das Volk in schwerer Abhängigkeit, treffen wir schon auf kleinere Empörungen, Revolten, als Vorherverkündigung dessen, was wir als Bauernkriege kennen. Daß sich dabei die materielle Kultur immer produktiver entwickelte, werden Sie begreifen. Viele germanische Stämme hatten vor der Völkerwanderung noch nicht Akkerbau betrieben, sondern ihren Unterhalt durch Viehzucht gewonnen; jetzt entwickelten sie sich immer mehr zum Ackerbau; hauptsächlich wurde Hafer und Gerste angebaut, aber auch Weizen und Lein (Flachs) und so weiter. Das ist das Wesentliche, was der älteren Kultur Bedeutung gab. Das eigentliche Handwerk gab es damals noch nicht, es entwickelte sich erst unter der Oberfläche; Weberei, Färberei und so weiter wurden im Hause meist von den Frauen betrieben; Schmiede- und Goldschmiedekunst waren die ersten Handwerke, die sich herausbildeten. Noch unbedeutender war der Handel.
[ 12 ] Under these circumstances, what might be called a conflict increasingly emerged between the new landowning nobility and the serfs, as well as those freemen who, though still personally free, found themselves in a state of acute dependence because they were required to pay heavy taxes and perform military service. These conditions became increasingly acute; secular and ecclesiastical estates continued to expand, and soon—in the 10th, 11th, and 12th centuries—we see the people in a state of severe dependence, and we already encounter minor uprisings and revolts as precursors to what we know as the Peasants’ Wars. You will understand that, at the same time, material culture was developing in an increasingly productive manner. Before the Migration Period, many Germanic tribes had not yet practiced agriculture but had earned their livelihood through livestock raising; now they were increasingly turning to agriculture; mainly oats and barley were cultivated, but also wheat and flax, and so on. This is the essential factor that gave the earlier culture its significance. True craftsmanship did not yet exist at that time; it was only beginning to develop beneath the surface. Weaving, dyeing, and so on were mostly carried out at home by women; blacksmithing and goldsmithing were the first crafts to emerge. Trade was even less significant.
[ 13 ] Eigentliche Städte entwickelten sich vom 10. Jahrhundert ab. Ein geschichtliches Ereignis bereitet sich damit vor. Aber das, was von diesen Städten ausgegangen ist, der Handel, hatte damals keine Bedeutung, höchstens wurde von israelitischen Kaufleuten ein Handel mit Kostbarkeiten aus dem Orient betrieben. Gebräuche des Handels gab es fast gar nicht, trotzdem Karl der Große schon Münzen prägen ließ. Fast alles war Tauschhandel, bei dem Vieh, Waffen und dergleichen Dinge ausgetauscht wurden.
[ 13 ] True cities began to develop starting in the 10th century. This paved the way for a historic event. But what originated in these cities—trade—was of no significance at that time; at most, Israelite merchants engaged in trade in precious goods from the Orient. Commercial practices were virtually nonexistent, even though Charlemagne had already had coins minted. Almost everything was barter, in which livestock, weapons, and similar items were exchanged.
[ 14 ] So müssen wir uns die materielle Kultur jener Gebiete vorstellen, und nun werden wir begreifen, warum auch die geistige Kultur ein ganz bestimmtes Gepräge annehmen mußte. All das, was wir uns als geistige Kultur vorstellen, gab es in diesen Gegenden weder bei Freien noch bei Hörigen. Jagd, Krieg, Ackerbau war die Beschäftigung der Grundbesitzer. Als Symptom hierfür diene, daß nicht nur die Bauern, sondern Gutsbesitzer, Fürsten, Herzöge, Könige, selbst Dichter, wenn sie nicht geistlich waren, selten lesen und schreiben konnten. Wolfram von Eschenbach mußte seine Dichtungen einem Kleriker diktieren und sich von ihm vorlesen lassen, und Hartmann von der Aue rühmt als eine besondere Eigenschaft, daß er in Büchern lesen konnte. Und bei allen denjenigen, die die weltliche Kultur besorgten, war nicht die Rede davon, daß sie lesen und schreiben konnten.
[ 14 ] This is how we must imagine the material culture of those regions, and now we will understand why their intellectual culture, too, had to take on a very specific character. Nothing that we would consider intellectual culture existed in these regions, neither among free people nor among serfs. Hunting, warfare, and farming were the occupations of the landowners. A sign of this is that not only the peasants, but also landowners, princes, dukes, kings, and even poets—unless they were clergy—rarely knew how to read or write. Wolfram von Eschenbach had to dictate his poems to a cleric and have him read them back to him, and Hartmann von der Aue boasts that he could read books as a special quality. And among all those who were responsible for secular culture, there was no mention of their ability to read and write.
[ 15 ] Nur im Innersten der Klöster wurde die Pflege der Wissenschaft und Kunst betrieben. Alle anderen waren auf das angewiesen was ihnen durch die Geistlichen an Belehrung und Predigt geboten wurde. Und das bedingt ihre Abhängigkeit von Geistlichen und Mönchen, es bedeutet die Herrschaft der Kirche.
[ 15 ] Only within the innermost recesses of the monasteries were science and the arts cultivated. Everyone else was dependent on the instruction and sermons offered to them by the clergy. And that necessitated their dependence on clergy and monks; it meant the dominance of the Church.
[ 16 ] Wenn wir heute geschildert finden das, was man als «finsteres Mittelalter», Ketzerverfolgungen, Hexenprozesse versteht, müssen wir uns klar sein, daß wir damit von Verhältnissen sprechen, die erst mit dem 13. Jahrhundert beginnen. In diesen älteren Zeiten hat so etwas nicht bestanden. Die Kirche führte keine andere Herrschaft als der weltliche Großgrundbesitz. Entweder ging die Kirche Hand in Hand mit der weltlichen Herrschaft, war nur ein Glied derselben, oder sie war bestrebt, christliche Wissenschaft und Theologie auszubilden.
[ 16 ] When we read today about what is commonly referred to as the “Dark Ages,” the persecution of heretics, and witch trials, we must be clear that we are speaking of conditions that did not begin until the 13th century. In earlier times, nothing of the sort existed. The Church exercised no authority other than that of secular large-scale landownership. Either the Church went hand in hand with secular rule, serving merely as a part of it, or it strove to develop Christian scholarship and theology.
[ 17 ] Bis der Strom des geistigen Einflusses der Araber kam, wurde alles Geistige nur in den Klöstern gepflegt; was die Mönche da drinnen taten, war etwas, das in der Welt draußen völlig unbekannt war. Draußen wußte man nur von der Predigt und einer Art geistiger Unterweisung, die in primitiven Schulen stattfand.
[ 17 ] Until the wave of Arab intellectual influence arrived, all intellectual pursuits were cultivated only within the monasteries; what the monks did there was something completely unknown to the outside world. Outside, people knew only of sermons and a kind of spiritual instruction that took place in primitive schools.
[ 18 ] Die Herrschaft der Kirche wurde auch dadurch gefördert, daß die Geistlichen alle Verrichtungen, welche Wissen erforderten, selbst ausführten. Die Mönche waren die Baumeister; sie schmückten die Kirchen mit Bildwerken, sie schrieben die Werke der Klassiker ab in kunstvoller Schrift. Auch die höheren Beamten, die Kanzler der Kaiser, waren zum großen Teil Mönche.
[ 18 ] The Church’s dominance was also fostered by the fact that the clergy performed all tasks requiring knowledge themselves. The monks were the master builders; they adorned the churches with sculptures, and they transcribed the works of the classics in ornate script. Even the higher-ranking officials—the imperial chancellors—were, for the most part, monks.
[ 19 ] Nun zu dem, was in den Klöstern geschah. Eine Form der Bildung, die dort in den Klöstern gepflegt wurde, war die Scholastik, eine spätere die Mystik. Diese Scholastik, die bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts ihre Blüte hatte, hat ein Ungeheures vollbracht, sie hat ein streng geschultes Denken wenigstens bei einem Stande hervorzurufen vermocht. Das ist der große Unterschied zu dem, was später gekommen ist. Es waren harte Prüfungen zu bestehen, niemand konnte ohne harte Proben absolut logischer Schulung des Denkens weiterkommen; an dem geistigen Leben konnte nur der teilnehmen, der wirklich logisch denken konnte. Das wird heute nicht geachtet. Aber tatsächlich war es dies logische folgerichtige Denken, das, als die maurisch-arabische Kultur nach Europa kam, es bewirkte, daß diese Wissenschaft geschultes Denken vorfand. Die Denkformen, mit denen die Wissenschaft heute arbeitet, sie sind dort gefunden, es sind die wenigsten Ideenformen, die nicht von dort stammen.
[ 19 ] Now, let us turn to what happened in the monasteries. One form of education cultivated there was Scholasticism; a later one was mysticism. This Scholasticism, which flourished until the middle of the 14th century, accomplished something tremendous; it was able to foster a rigorously trained way of thinking, at least among one social class. That is the great difference from what came later. There were difficult exams to pass; no one could advance without undergoing rigorous tests of absolutely logical training in thinking; only those who could truly think logically could participate in intellectual life. This is not valued today. But in fact, it was this logical, consistent thinking that, when Moorish-Arab culture came to Europe, ensured that science encountered a tradition of trained thinking. The forms of thought with which science works today were found there; very few conceptual forms do not originate from that tradition.
[ 20 ] Die Begriffe, mit denen noch heute die Wissenschaften, wie Chemie, Medizin, Philosophie operieren, wie Subjekt und Objekt, wurden damals gefunden. Eine Trainierung des Denkens, wie sie sonst in der Weltgeschichte nicht vorkommt, wurde da ausgebildet. Der heutige scharfe Denker verdankt, was heute in den Adern seines Geistes fließt, jener Trainierung, die zwischen dem 5. und 14. Jahrhundert gepflogen wurde. Nun mag es jemand als ungerecht empfinden, daß die große Menge damals nichts von alledem hatte, allein der Gang der Weltgeschichte geht nicht nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, sondern folgt dem großen Gesetz von Ursache und Wirkung. So sehen wir zwei streng nebeneinanderlaufende Strömungen auch hier: erstens die materielle Kultur draußen mit absoluter Unwissenschaftlichkeit, und zweitens eine fein ziselierte Kultur bei einigen wenigen innerhalb der Kirche. Und doch beruhte die Städtekultur auf dieser streng scholastischen Denkweise. Die Männer, die den großen Umschwung herbeiführten, entstammten ihr: Kopernikus war Domherr, Giordano Bruno Dominikaner und so weiter. Ihre und vieler anderer Bildung, ihre formale Schulung wurzelte in diesem Geist der Kirche. Nicht Mächtige, nicht Bischöfe und reiche Äbte, sondern einfache Mönche waren es, die die Wissenschaft fortpflanzten, arme Mönche, die in der Vergangenheit lebten und die den Druck der Mächtigen oft zu spüren hatten.
[ 20 ] The concepts still used today in fields such as chemistry, medicine, and philosophy—such as “subject” and “object”—were developed during that period. A form of mental training unlike any other in world history was cultivated there. Today’s sharp-minded thinker owes what now flows through the veins of his mind to that training, which was practiced between the 5th and 14th centuries. Now, some may find it unjust that the vast majority of people at that time had no part in any of this, but the course of world history does not follow justice or injustice; rather, it follows the great law of cause and effect. Thus we see two strictly parallel currents here as well: first, the material culture outside, characterized by absolute unscientificness, and second, a finely chiseled culture among a select few within the Church. And yet urban culture was based on this strictly scholastic way of thinking. The men who brought about the great upheaval came from it: Copernicus was a canon, Giordano Bruno a Dominican, and so on. Their education—and that of many others—their formal training was rooted in this spirit of the Church. It was not the powerful, not the bishops and wealthy abbots, but simple monks who carried on the tradition of science—poor monks who lived in the past and who often felt the pressure of those in power.
[ 21 ] Die Kirche, die sich mit den äußeren Mächten verbündete, mußte sich vermaterialisieren, sie mußte dazu greifen, ihre Lehre und ganzes Wesen zu verweltlichen. Es gab in den ältesten Zeiten bis zu dem 12. Jahrhundert nichts, was erhabener, feierlicher war für den Christen als das Abendmahl. Es sollte ein dankbares Erinnerungsopfer sein, ein Symbol für die Verinnerlichung des Christentums. Da kam jene Verweltlichung, jenes Unverständnis solchen hohen, geistigen Tatsachen gegenüber, vor allem den Festen gegenüber. Im 9. Jahrhundert lebte im Lande der Franken, am Hofe Karls des Kahlen, ein sehr bedeutender, christlicher Mönch aus Irland, Scotus Erigena, in dessen Buche «Von der Einteilung der Natur» wir eine Fülle von Geist und Tiefsinn finden, freilich nicht von dem, was das 20. Jahrhundert unter Wissenschaft versteht. Er hatte zu kämpfen gegen eine feindliche Richtung in der Kirche. Er verteidigte die alte Lehre, daß das Abendmahl die Versinnbildlichung des höchsten Opfers bedeutete. Eine andere, materielle Auffassung bestand und wurde von Rom protegiert, daß Brot und Wein sich wirklich in Fleisch und Blut verwandeln. Unter dem Einfluß der vor sich gehenden Vermaterialisierung entstand das Abendmahlsdogma, doch erst im 13. Jahrhundert wurde es offiziell.
[ 21 ] The Church, having allied itself with secular powers, was forced to become materialistic; it was compelled to secularize its doctrine and its very essence. In the earliest times up to the 12th century, there was nothing more sublime or solemn for Christians than the Lord’s Supper. It was meant to be a sacrifice of thanksgiving, a symbol of the internalization of Christianity. Then came that secularization, that lack of understanding of such lofty, spiritual realities—especially with regard to the feasts. In the 9th century, a very significant Christian monk from Ireland, Scotus Erigena, lived in the land of the Franks at the court of Charles the Bald. In his book On the Division of Nature, we find a wealth of spirit and profundity—though certainly not of the kind that the 20th century understands as science. He had to contend with a hostile movement within the Church. He defended the ancient teaching that the Eucharist symbolized the supreme sacrifice. Another, materialistic view existed—and was supported by Rome—that bread and wine are truly transformed into flesh and blood. Under the influence of the ongoing trend toward materialism, the dogma of the Eucharist emerged, but it did not become official until the 13th century.
[ 22 ] Scotus mußte nach England flüchten und wurde auf Betreiben des Papstes im eigenen Kloster von den verbrüderten Mönchen hingemordet. Das sind Kämpfe, die sich nicht innerhalb der Kirche, sondern durch das Eindringen des weltlichen Einflusses abspielen. Sie sehen, das, was geistiges Leben war, war beschränkt auf einige wenige und unoffenbar der großen Masse, auf der ein immer steigender Druck lag von weltlichen und geistlichen Grundbesitzern. Auf diese Weise mehrte sich die Unzufriedenheit immer mehr. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich in den von zwei Seiten abhängigen Leuten die Unzufriedenheit häufte. Draußen auf dem Lande, auf den Bauernhöfen entstanden immer neue Ursachen zur Unzufriedenheit. Kein Wunder, daß sich die kleinen Städte, wie sie am Rhein und an der Donau schon vorhanden waren, immer mehr vergrößerten und neue sich bildeten durch das Abströmen derer, die es auf dem Lande nicht mehr aushalten konnten. Was den Grund zur Umgestaltung solcher Verhältnisse bildete, war der Abfluß der nach Freiheit dürstenden Bevölkerung.
[ 22 ] Scotus was forced to flee to England and, at the instigation of the Pope, was murdered in his own monastery by fellow monks. These are struggles that do not take place within the Church, but rather as a result of the intrusion of secular influence. You see, what constituted spiritual life was limited to a select few and hidden from the masses, who were under ever-increasing pressure from secular and ecclesiastical landowners. In this way, discontent grew steadily. It was inevitable that discontent would accumulate among people dependent on both sides. Out in the countryside, on the farms, new causes for discontent were constantly arising. No wonder that the small towns—such as those already existing along the Rhine and the Danube—grew larger and larger, and new ones sprang up as people who could no longer endure life in the countryside flocked there. The driving force behind the transformation of these conditions was the exodus of a population thirsting for freedom.
[ 23 ] Eine rein materielle Veranlassung war es, aus der die städtische Kultur entstand. Die geistige Kultur blieb vorläufig unberührt; viele Städte entwickelten sich auch um die Bistümer und Klöster. Aus der städtischen Kultur entstand alles, was Handel und Gewerbe im Mittelalter begründete und nachher ganz andere Verhältnisse herbeiführte.
[ 23 ] Urban culture arose from a purely material impetus. Intellectual culture remained unaffected for the time being; many cities also developed around bishoprics and monasteries. Urban culture gave rise to everything that laid the foundation for trade and commerce in the Middle Ages and subsequently brought about entirely different conditions.
[ 24 ] Das Bedürfnis nach unmittelbarem Ausleben der menschlichen Persönlichkeit gab Anlaß zur Gründung der Städte. Das war ein mächtiger Schritt auf der Bahn zur Freiheit, wie ja nach dem Worte Hegels die Geschichte die Erziehung des Menschengeschlechts zur Freiheit bedeutet.
[ 24 ] The need for the immediate expression of the human personality gave rise to the founding of cities. This was a powerful step on the path to freedom, just as, in Hegel’s words, history signifies the education of the human race toward freedom.
[ 25 ] Und wenn wir die Geschichte des Mittelalters weiter verfolgen, werden wir sehen, daß diese Begründung der Städtekultur nicht einen kleinen, sondern einen großen Schritt auf dieser Bahn vorwärts bedeutet.
[ 25 ] And if we continue to trace the history of the Middle Ages, we will see that this foundation of urban culture represents not a small but a major step forward along this path.
