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Philosophy, History and Literature
GA 51

6 December 1904, Berlin

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Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen VI

History of the Middle Ages Up to the Great Inventions and Discoveries VI

[ 1 ] Die Geschichte des Mittelalters ist deshalb für die menschliche Betrachtung so außerordentlich wichtig, weil wir es mit einem Zeitraum zu tun haben, den wir schon besser erforschen können, in dem wir die menschliche Entwickelung verfolgen können vom einfachen Ursprung aus bis zur Entstehung dessen, was wir Staaten nennen. Und außerdem haben wir hier ein Ineinandergreifen der mannigfaltigsten Faktoren. Innerhalb einfacher Verhältnisse lebt sich ein fertiges Kulturgebilde ein, wie es das Christentum ist. Aus dem Zustande der Barbarei sehen wir immer mehr das sich entwickeln, was als Blüte der Kultur des Mittelalters erscheint, was wir als Erfindungen kennen.

[ 1 ] The history of the Middle Ages is so extraordinarily important from a human perspective because we are dealing with a period that we are already better able to study, one in which we can trace human development from its humble origins to the emergence of what we call states. Furthermore, we see here an interplay of the most diverse factors. Within simple circumstances, a fully formed cultural entity—such as Christianity—takes root. From a state of barbarism, we increasingly witness the development of what appears as the flowering of medieval culture—what we recognize as inventions.

[ 2 ] Zu diesen auf dem Wege der Völkerwanderung durcheinandergewürfelten Völkerschaften sehen wir auf einem komplizierten Umwege dasjenige kommen, was man heute mit «Wissenschaft» bezeichnet. Das Mittelalter hatte eine große Erbschaft angetreten. Zwar war von dem, was wir als griechische Kultur kennengelernt haben, nichts vorhanden geblieben als einige Traditionen auf Plato zurückgehend und durch die Brille der christlichen Anschauungen gesehen. Dagegen war ein mächtiges Erbe aus der Zeit des römischen Reiches geblieben: das mächtige Staatengebilde mit seiner Verwaltung und Rechtspflege von einer Einheitlichkeit und Geschlossenheit, wie sie nie zuvor in der Weltgeschichte aufgetreten waren, wie wir sie im ganzen Mittelalter auch nicht finden; erst in der Neuzeit, die sich sonst so viel auf ihre Freiheit einbildet, begegnen wir einer solchen Ausdehnung der Staatsgewalt. Das, verbunden mit jener anderen idealistischen Kulturbewegung, die allmählich das römische Reich durchdrungen und aufgesogen hatte, kam zu Völkern, die nichts hatten von irgendeiner ähnlichen Bildung, und dazu von der Völkerwanderung entwurzelt waren. Alle diese Völkerstämme, Goten, Heruler, Langobarden, Franken, Sachsen und so weiter, waren etwas ganz anderes, völlig im Kindheitsstadium geblieben, im Vergleich zu jenen Römern.

[ 2 ] Among these peoples, who had been jumbled together during the Great Migration, we see—through a complex series of detours—the emergence of what we today call “science.” The Middle Ages had inherited a great legacy. Admittedly, nothing remained of what we have come to know as Greek culture except for a few traditions traceable to Plato and viewed through the lens of Christian perspectives. On the other hand, a powerful legacy from the time of the Roman Empire had survived: the mighty state structure, with its administration and judicial system, possessed a unity and coherence never before seen in world history—nor do we find its like throughout the entire Middle Ages; it is only in the modern era, which otherwise prides itself so much on its freedom, that we encounter such an expansion of state power. This, combined with that other idealistic cultural movement which had gradually permeated and been absorbed by the Roman Empire, reached peoples who had no similar education whatsoever and who, moreover, had been uprooted by the Migration Period. All these tribes—the Goths, Heruls, Lombards, Franks, Saxons, and so on—were something entirely different, having remained completely in a state of infancy compared to those Romans.

[ 3 ] Eine Art Naturleben, beschränkt auf Jagd und Kriegführung, führten sie ohne festes Recht und Gesetz. Ein großer Übergang fand nun statt in den Verhältnissen und Anschauungen dieser Völkerschaften, die in kleinen Verbänden zusammenlebten.

[ 3 ] They led a primitive existence, limited to hunting and warfare, without any fixed laws or regulations. A major transformation now took place in the circumstances and views of these peoples, who lived together in small groups.

[ 4 ] Was hielt diese einzelnen Stämme zusammen? Das Andenken an irgendeinen Ahnen, der dem Stamme den Namen gegeben hatte, an mächtige Geschlechter, die sich in alten Kämpfen oder bei Eroberung des neuen Landes hervorgetan hatten, und dem Stamm das geliefert, was man Grafen, Fürsten, Herzöge nennt.

[ 4 ] What held these individual tribes together? The memory of some ancestor who had given the tribe its name, of powerful lineages that had distinguished themselves in ancient battles or during the conquest of new lands, and that had provided the tribe with what are known as counts, princes, and dukes.

[ 5 ] Dieser Übergang drückt sich nun darin aus, daß man den gemeinsamen Boden liebt. Sie fangen an, mehr Wert auf die Gemeinsamkeit des Landbesitzes zu legen als auf die Blutsverwandtschaft.

[ 5 ] This transition is now expressed in the fact that people love the land they share. They begin to place greater value on the common ownership of the land than on blood ties.

[ 6 ] An die Stelle der Stammeszugehörigkeit tritt das, was wir Dorfgemeinschaft nennen. Auf dem Grund und Boden beruht das gesamte materielle Leben. Handel und Gewerbe gibt es noch nicht. Was diese Menschen davon nötig haben, wird nebenbei besorgt von den Frauen, den jungen Leuten und Sklaven. Der größte Teil der Bevölkerung kannte gar nichts anderes als den Ackerbau und häufige Kriegszüge. Sie hatten keine Ahnung von dem, was wir heute Kultur nennen, keine Ahnung von dem, was wir als die erste Forderung derselben ansehen, von Lesen und Schreiben. Es wird Karl dem Großen als besonderes Verdienst angerechnet, daß er sich bemühte, im Alter noch Lesen und Schreiben zu lernen. Alles, was an Bildung vorhanden war, lag in den Händen der römischen Bevölkerung in den Gegenden, die erobert worden waren. Aus ihnen ging das Beamtentum hervor, daher der Einfluß der römischen Rechtsanschauungen. So war es in den westlichen Gegenden; anders im Osten. Dort, in den heutigen deutschen Gebieten, hatte sich das ursprüngliche germanische Wesen von diesen Einflüssen frei gehalten. Die ungebrochene Kraft der thüringischen und sächsischen Stämme war etwas, mit dem alles im Mittelalter zu rechnen hatte.

[ 6 ] Tribal affiliation is replaced by what we call a village community. The entire material life is based on the land. Trade and commerce do not yet exist. Whatever these people need in this regard is provided incidentally by the women, the young people, and the slaves. The majority of the population knew nothing other than farming and frequent military campaigns. They had no concept of what we today call culture, nor of what we regard as its primary requirement: reading and writing. Charlemagne is credited with the particular merit of having made an effort to learn to read and write in his old age. Whatever education existed was in the hands of the Roman population in the regions that had been conquered. The civil service emerged from among them, hence the influence of Roman legal concepts. Such was the case in the western regions; the situation was different in the east. There, in what are now German territories, the original Germanic character had remained free from these influences. The unbroken strength of the Thuringian and Saxon tribes was a force that everyone in the Middle Ages had to reckon with.

[ 7 ] Das einzige, was hierher eine Bildung brachte, war das Christentum. Doch eigentliche Wissenschaft, wie Mathematik, Naturwissenschaft und so weiter war nicht darin einbegriffen. Moralische, religiöse Bildung brachte es. Die moralischen, ethischen Begriffe hinzugefügt zu haben, war das Verdienst des Christentums. Namentlich innerhalb des am meisten begünstigten Frankenstammes war der Einfluß des Klerus, besonders der hereinziehenden, gelehrten keltischen Mönche, ein sehr großer. Bei diesem Stamme, der durch die Gunst der Umstände in ein freies Land geführt wurde, wo er seine Eigenart in noch großenteils unbebauten Gegenden ausleben konnte, sehen wir am besten, wie diese Umwandlung sich vollzieht. Die Umwandlung von kleineren zu größeren Gemeinschaften kam hier zustande. Grafen und Fürsten eroberten immer neue Gebiete, und belehnten kleine Besitzer mit Teilen ihres Besitzes. Dadurch breitete sich die Macht der großen Grundbesitzer immer mehr aus. Eine Art Gerichtsbarkeit und Verfassung entstand aus der Übertragung ursprünglich rein privatrechtlicher Verhältnisse. Was ursprünglich die irischen und schottischen Mönche antrieb, war der heilige Glaubenseifer, der Gedanke, für das Heil der Menschheit zu wirken. Das alles änderte sich. Das Frankentum konnte auch das Christentum nur als Machtmittel begreifen.

[ 7 ] The only thing that brought education to this region was Christianity. However, true science—such as mathematics, natural science, and so on—was not included in it. It brought moral and religious education. The credit for introducing moral and ethical concepts goes to Christianity. Particularly within the most favored Frankish tribe, the influence of the clergy—especially the arriving, learned Celtic monks—was immense. In this tribe, which, thanks to favorable circumstances, was led into a free land where it could live out its distinct character in regions that were still largely undeveloped, we see most clearly how this transformation took place. The transition from smaller to larger communities took place here. Counts and princes continually conquered new territories and enfeoffed small landowners with portions of their estates. As a result, the power of the large landowners expanded ever further. A form of jurisdiction and constitution emerged from the transfer of what were originally purely private-law relationships. What originally drove the Irish and Scottish monks was holy zeal for the faith—the idea of working for the salvation of humanity. All of that changed. The Franks could conceive of Christianity only as a means of power.

[ 8 ] Besonders Karl der Große benutzt die Kirche dazu, sein Gebiet zu vergrößern. Irgendein Bischof, den er einsetzte, war zumeist bestimmt, ein Werkzeug seiner Herrschaft zu sein. Anfangs wurde die Kirche nur von Glaubenseifer, von wirklicher Überzeugung geleitet, später unter dem Einfluß der äußeren Gewalt, suchte sie selbst ein Machtverhältnis zu erringen. So war der Bischof erst ein dienendes Glied der Kirche, später selbst ein Herrscher und Grundbesitzer. So zeigt sich uns das Mittelalter etwa zur Zeit Karls des Großen. Aber wir dürfen nicht von einem Reiche Karls des Großen sprechen, wie wir heute von Reichen sprechen. Der Großgrundbesitz gibt die Möglichkeit, Grundbesitz an andere zu übertragen. Neue Gebiete werden erobert und ergeben neue Möglichkeiten, die Macht zu vergrößern durch neue Übertragungen. So entstehen höfische Gerichtsbeamte. An die Stelle der alten Gaugerichte treten Hofgerichte mit kaiserlichen Grafen, oder wenn sie von Bischöfen ernannt werden, Vögten.

[ 8 ] Charlemagne, in particular, used the Church to expand his territory. Any bishop he appointed was usually intended to be an instrument of his rule. At first, the Church was guided solely by religious zeal and genuine conviction; later, under the influence of external power, it sought to establish a balance of power for itself. Thus, the bishop was at first a servant of the Church, but later became a ruler and landowner in his own right. This is how the Middle Ages appear to us, roughly during the time of Charlemagne. But we must not speak of an “empire of Charlemagne” in the same way we speak of empires today. Large-scale land ownership made it possible to transfer landholdings to others. New territories were conquered, creating new opportunities to expand power through further transfers. This is how court officials came into being. The old district courts were replaced by court courts presided over by imperial counts or, when appointed by bishops, by bailiffs.

[ 9 ] Dazwischen haben wir immer noch unabhängige Stämme, die an ihren alten Herzögen, ihren selbstgewählten Gerichten festhielten.

[ 9 ] In between, there were still independent tribes that remained loyal to their old dukes and their self-appointed courts.

[ 10 ] So war es noch beim Tode Karls des Großen, so blieb es unter seinem Sohne Ludwig dem Frommen. Das sehen wir aus seinem Verhältnis zu seinen drei Söhnen Lothar, Pippin und Ludwig; er teilt sein Reich wie einen privaten Besitz unter die drei. Und als er aus einer zweiten Ehe noch einen Sohn erhält und eine abermalige Teilung vornimmt, erheben sich seine älteren Söhne gegen ihn, besiegen ihn in der Schlacht auf dem Lügenfelde und zwingen ihn, dem Thron zu entsagen, um sich ihren Besitz nicht schmälern zu lassen. Wir ersehen deutlich, was es mit einem damaligen Staate auf sich hatte. Wir sehen auch, welch falsches Bild das gibt, was in der Geschichte von dieser Zeit gewöhnlich erzählt wird. Es waren rein privatrechtliche Streitigkeiten, die Kämpfe, die sich damals abspielten, und die eigentlichen Völker wurden zwar bei solchen Feldzügen durch die Heeresmassen gestört und beunruhigt, aber für den Fortschritt der Menschheit haben alle diese Kämpfe in der nachkarolingischen Zeit keine wirkliche Bedeutung.

[ 10 ] This was still the case at the time of Charlemagne’s death, and it remained so under his son Louis the Pious. We see this in his relationship with his three sons, Lothair, Pepin, and Louis; he divided his empire among the three as if it were his private property. And when he had another son from a second marriage and proceeded to divide the empire once more, his older sons rose up against him, defeated him in the Battle of Lügenfelde, and forced him to abdicate the throne so that their share of the inheritance would not be diminished. We can clearly see what a state of that time was really like. We also see what a false picture is presented by what is usually recounted in the history of that era. The conflicts that took place at that time were purely private legal disputes; while the actual peoples were indeed disturbed and unsettled by the massive armies during such campaigns, none of these conflicts in the post-Carolingian era held any real significance for the progress of humanity.

[ 11 ] Dasjenige, was aber eine wirkliche Bedeutung hatte, war der Gegensatz, der sich herausgebildet hatte zwischen dem Frankenreiche und dem Reiche, das Deutschland und Österreich umfaßte. Im Westreiche war allmählich ein Kampf entstanden zwischen dem weltlichen Adel und der herrschenden kirchlichen Macht. Der gebildete Klerus lieferte dasjenige, was man früher aus den Resten der römischen Bevölkerung entnommen hatte: die höheren Hofbeamten, die Schreiber bei den Gerichten und so weiter. Sie alle besaßen eine ganz gleichförmige, aus den Klöstern hervorgehende Bildung. — Neben diesem gebildeten Klerus gab es eine große ungebildete Masse, die ganz abhängig war von den so ausgebildeten Geistlichen. — Es war die ganze Bildung jener Zeit, die hervorgegangen war aus dem, was in den Klosterschulen gelehrt wurde. Die christliche Theologie umfaßte eine Siebenzahl der Wissenschaften, drei niedere und vier höhere.

[ 11 ] What really mattered, however, was the contrast that had emerged between the Frankish Empire and the empire that encompassed Germany and Austria. In the Western Empire, a struggle had gradually arisen between the secular nobility and the ruling ecclesiastical power. The educated clergy provided what had previously been drawn from the remnants of the Roman population: the higher court officials, the clerks in the courts, and so on. They all possessed a completely uniform education derived from the monasteries. — Alongside this educated clergy, there was a large uneducated mass that was entirely dependent on the clergy trained in this way. — The entire education of that time had emerged from what was taught in the monastic schools. Christian theology encompassed seven branches of learning: three minor and four major.

[ 12 ] So sehen wir draußen im Lande ein nur Krieg und Ackerbau treibendes Volk; in Kirchen, Schulen und Ämtern lebt das, was den Klosterschulen entstammt. Hier in den Klerikerschulen werden diese Wissenschaften gelehrt; die drei niederen waren: Grammatik, Logik und Dialektik. Die Grammatik war die Lehre von der Sprache, die Logik, die Denklehre, die sich in der gleichen Gestalt von Griechenland aus in den Klöstern des Mittelalters bis in das 19. Jahrhundert erhielt, während man sie heute für überflüssig erachtet. An die Logik reihte sich dann die Dialektik, die ganz aus dem Bestande der heutigen Wissenschaft verschwunden ist. Die mittelalterliche Bildung ruhte in der Dialektik, die mußte jeder lernen und beherrschen, der etwas in dem geistigen Leben leisten wollte. Die Dialektik ist die Kunst, gegenüber Angriffen eine Wahrheit in regelrechter Weise zu verteidigen. Die Gesetze der Vernunft müssen gekannt werden, um dies tun zu können. Nicht mit Scheingründen konnte gearbeitet werden, wo es galt, eine Wahrheit dauernd zu verteidigen; es war nicht die Zeit der Zeitungen, wo Gründe von heute nur bis morgen gelten.

[ 12 ] Thus, out in the countryside, we see a people engaged solely in warfare and agriculture; in churches, schools, and government offices, the traditions stemming from monastic schools endure. Here in the clerical schools, these sciences are taught; the three lower ones were: grammar, logic, and dialectic. Grammar was the study of language; logic, the study of thought, which was preserved in the same form from ancient Greece through the monasteries of the Middle Ages all the way into the 19th century, whereas today it is considered superfluous. Following logic came dialectic, which has completely disappeared from the realm of modern science. Medieval education was founded on dialectic; anyone who wished to achieve anything in intellectual life had to learn and master it. Dialectic is the art of defending a truth in a proper manner against attacks. One must know the laws of reason in order to do this. One could not rely on specious arguments when it came to defending a truth over the long term; this was not the age of newspapers, where today’s arguments are valid only until tomorrow.

[ 13 ] Aus der Dialektik stammt, was man wissenschaftliches und gelehrtes Gewissen nennen kann, und das sollte jeder haben, der in der Wissenschaft mittun will. Nicht alles und jedes läßt sich in vernunftgemäßer Weise verteidigen; darin lag die große Bedeutung dieser Schulung, hier gewissenhaft zu unterscheiden. Später ist das allmählich ausgeartet, so daß es im späteren Mittelalter dahin kommen konnte zum Beispiel, daß sich jemand erbot, irgendeine Wahrheit vierundzwanzig Stunden lang gegen die Angriffe sämtlicher Professoren, Studenten und Laien von Paris zu verteidigen.

[ 13 ] Dialectics gives rise to what might be called a scientific and scholarly conscience, and everyone who wishes to engage in scholarship should possess it. Not everything can be defended in a rational manner; therein lay the great significance of this training: to distinguish conscientiously in such matters. Later, this gradually degenerated, so that by the late Middle Ages, for example, it could come to pass that someone would volunteer to defend a certain truth for twenty-four hours against the attacks of all the professors, students, and laypeople in Paris.

[ 14 ] Geschult durch die Dialektik waren diejenigen, die zum Richterberuf kamen, weniger die Vorsitzenden der Gerichte, als diejenigen, die die Urteile ausfertigten.

[ 14 ] Those who entered the legal profession, having been trained in dialectics, were not so much the presiding judges as those who drafted the judgments.

[ 15 ] Wenn Goethe im Anfang des «Faust» ihn sagen läßt: «Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen», so kennzeichnet er damit die Würden und Ämter, zu denen man damals durch eine wissenschaftliche Ausbildung gelangte. «Doktor» war derjenige, der sein Wissen selbständig verwenden konnte. Magister war derjenige, der an den Hochschulen unterrichten durfte. Schreiber waren alle, die im weltlichen Dienste beschäftigt waren, gleichviel ob in höherer oder niederer Stellung. Pfaffen waren alle Geistlichen. Das Wort Pfaffe war in jenen Zeiten noch kein Schimpfwort, sondern ein Ehrentitel. So nennt noch im 14. Jahrhundert der Meister Eckhart Plato den großen griechischen Pfaffen.

[ 15 ] When Goethe has him say at the beginning of Faust, “True, I am wiser than all those fools, doctors, masters, scribes, and priests,” he is thereby identifying the titles and offices that were attained at that time through an academic education. A “doctor” was someone who could apply his knowledge independently. A “magister” was someone who was permitted to teach at universities. “Schreibers” were all those employed in secular service, regardless of whether they held higher or lower positions. “Pfaffen” were all members of the clergy. In those days, the word “Pfaffe” was not yet a term of derision, but rather a title of honor. Even in the 14th century, Meister Eckhart referred to Plato as the great Greek “Pfaffe.”

[ 16 ] Die vier höheren Wissenschaften waren Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik.

[ 16 ] The four higher sciences were geometry, arithmetic, astronomy, and music.

[ 17 ] Geometrie ist Raumlehre. Arithmetik ist höheres Rechnen, auch Astronomie entsprach ungefähr dem, was wir heute darunter verstehen. Musik aber war nicht das gleiche, was wir heute so nennen. Musik war die Wissenschaft von der Harmonie des Weltenalls. Man glaubte, daß das gesamte Weltenganze in harmonischen Verhältnissen zu seinen einzelnen Bestandteilen stehe. Alle diese Verhältnisse, die sich durch Zahlen ausdrückten, suchte man aufzufinden. Wie auch in der Tat die Farben, Töne und so weiter auf bestimmten Zahlen beruhen. Man suchte nun in der Musik überall die Gesetze der Harmonie, die rhythmischen Verhältnisse; der Zusammenklang der Weltgesetze wurde gelehrt.

[ 17 ] Geometry is the study of space. Arithmetic is advanced calculation, and astronomy, too, corresponded roughly to what we understand by the term today. Music, however, was not the same as what we call it today. Music was the science of the harmony of the universe. It was believed that the entire universe stood in harmonious relationships to its individual components. People sought to discover all these relationships, which were expressed through numbers. Just as, in fact, colors, tones, and so on are based on specific numbers. People thus sought everywhere in music the laws of harmony, the rhythmic relationships; the harmony of the laws of the universe was taught.

[ 18 ] So habe ich versucht, Ihnen eine Vorstellung zu geben von dem, was der durch Bildung herrschende Stand trieb. Diese Bildung gewann immer mehr die Oberhand in dem Westreich, das wir jetzt Frankreich nennen. Anders in Deutschland. Diese Stämme waren ungebrochen geblieben, sie hatten sich ihre einfachen Sitten gewahrt, ihre Freiheit größtenteils erhalten. Die Schattenseite dieser primitiven Verhältnisse aber war, daß hier der Klerus ungebildet war, und daher sich dazu verwenden ließ, ein Machtmittel in den Händen der Herzöge und Kaiser abzugeben.

[ 18 ] Thus, I have attempted to give you an idea of what the educated ruling class was up to. This education increasingly gained the upper hand in the Western Empire, which we now call France. The situation was different in Germany. These tribes had remained unbroken; they had preserved their simple customs and, for the most part, retained their freedom. The downside of these primitive conditions, however, was that the clergy here was uneducated and could therefore be used as a tool of power in the hands of the dukes and emperors.

[ 19 ] Die Herrschaft des Westreiches blieb bei den Karolingern. Doch die Herrscher aus diesem Hause wurden immer minderwertiger. Zuletzt zeigte sich besonders die Unfähigkeit dieser karolingischen Herrscher, als von Norden her kriegerische Seeräuber, die Normannen, das Land beunruhigten. Diese Normannen drangen von der Mündung der Flüsse aus, der Elbe und Weser, in das Land, plünderten überall die Küsten, besonders in Frankreich, wo sie die nördlichen Gegenden besetzten und bis nach Paris vordrangen. Dazumal regierte Karl IL, der sich vollständig unfähig zeigte, etwas gegen dieses Volk zu unternehmen. Deshalb war es ein Leichtes, daß ein unbekannter Herzog in Österreich, Arnulf von Kärnten, der Karolingerherrschaft ein Ende machen und sich die Herrschaft aneignen konnte. Zuerst genoß er großes Ansehen, da es ihm gelang, die Normannen zu besiegen. Aber die Eifersucht unter den Fürsten war so groß, daß sich Arnulf bequemen mußte, sich an die Kirche zu wenden und einen Bund mit ihr zu schließen. Er mußte einen Zug nach Italien machen und sich überhaupt ihrer Herrschaft in vielen Stücken unterwerfen. Die Folge ist dann, daß wir nach seinem Tode sehen, wie die Kirche sich ihrer Macht bedient. Nicht ein weltlicher Fürst oder Graf, sondern der Erzbischof Hatto von Mainz wird der Vormund seines Sohnes, Ludwig des Kindes. Er tritt damit in all die Herrscherrechte ein, und von da an sehen wir den Grund gelegt für die Herrschaft der Kirche, die nicht mehr nur ausgebeutet wird von den weltlichen Herrschern, sondern sich immer mehr einfügt in weltliche Herrschaft und weltliche Gerichtsbarkeit ausübt. Die Folge davon war, daß jener Kampf zwischen weltlicher und kirchlicher Macht heraufdämmerte, und damit sich jene wichtige Geschichtsperiode einleitet, der Kampf zwischen Kaiser und Papst.

[ 19 ] The Carolingians retained control of the Western Kingdom. However, the rulers from this dynasty became increasingly incompetent. The incompetence of these Carolingian rulers became particularly evident when warlike pirates from the north—the Normans—began to disrupt the country. These Normans invaded the country from the mouths of the Elbe and Weser rivers, plundering the coasts everywhere, especially in France, where they occupied the northern regions and advanced as far as Paris. At that time, Charles II was ruling, and he proved completely incapable of taking any action against this people. Consequently, it was all too easy for an obscure duke in Austria, Arnulf of Carinthia, to put an end to Carolingian rule and seize power for himself. At first, he enjoyed great prestige, as he succeeded in defeating the Normans. But the jealousy among the princes was so great that Arnulf was forced to turn to the Church and form an alliance with it. He had to make a campaign into Italy and, in many respects, submit to its authority. The result is that, after his death, we see how the Church exercises its power. Not a secular prince or count, but Archbishop Hatto of Mainz becomes the guardian of his son, Louis the Child. He thereby assumes all the rights of sovereignty, and from that point on we see the foundation laid for the rule of the Church, which is no longer merely exploited by secular rulers but increasingly integrates itself into secular rule and exercises secular jurisdiction. The result was that the struggle between secular and ecclesiastical power began to loom on the horizon, thus ushering in that important period of history: the struggle between the emperor and the pope.

[ 20 ] Es ist falsch, wenn herkömmliche Geschichtsbeschreibung diese beiden Mächte als etwas voneinander ganz Verschiedenes darstellt. Sie sind nur Rivalen im Streite um äußere Macht. Es sind gleiche Mächte, die in derselben Richtung wirken. Wir haben es nicht zu tun mit einem Streit zwischen geistlicher und weltlicher Macht, sondern mit einem Streit der weltlich gewordenen Kirche mit weltlicher Macht. Zwei sich ausbreitende Machtrichtungen sehen wir, und als dritte sehen wir die «freien Städte» entstehen, die über ganz Europa sich ausbreiten.

[ 20 ] It is wrong for conventional historical accounts to portray these two powers as entirely distinct from one another. They are merely rivals in the struggle for external power. They are equal powers working toward the same end. We are not dealing with a conflict between spiritual and secular power, but with a conflict between the Church—which has become secular—and secular power. We see two expanding spheres of influence, and as a third, we see the emergence of the “free cities,” which are spreading throughout Europe.