Philosophy, History and Literature
GA 51
13 December 1904, Berlin
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Philosophy, History and Literature, tr. SOL
Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen VII
History of the Middle Ages Up to the Great Inventions and Discoveries VII
[ 1 ] Vor acht Tagen habe ich Ihnen den Gegensatz entwickelt zwischen dem West- und dem Ostreich, zwischen dem, was heute Frankreich, und dem, was heute Deutschland und Österreich ist, wie es sich im 8., 9. und 10. Jahrhundert herausgebildet hatte.
[ 1 ] Eight days ago, I outlined for you the contrast between the Western and Eastern Empires—between what is now France and what is now Germany and Austria—as it had taken shape in the 8th, 9th, and 10th centuries.
[ 2 ] Wir haben gesehen, daß sich die beiden Reiche dadurch unterschieden, daß im Westreiche die alte römische Kultur ihre Spuren hinterlassen hatte und die Kirche bald zu einer Herrschaft gelangte, indem sie selbst Großgrundbesitz erwarb. So kam es zum Kampf des Laienadels mit der aufstrebenden Kirche. Vor allem haben wir es zu tun mit einer anderen Art von Kirche. Sie war mit mächtigem Großgrundbesitz ausgestattet worden, vorzüglich durch Karl den Großen, so daß die Kirche zum Bundesgenossen der weltlichen Herrschaft wurde, weil sie in die feudalen Verhältnisse nach oben wie nach unten gebracht worden war.
[ 2 ] We have seen that the two empires differed in that, in the Western Empire, ancient Roman culture had left its mark and the Church soon came to dominate by acquiring large estates of its own. This led to a struggle between the lay nobility and the rising Church. Above all, we are dealing with a different kind of Church. It had been endowed with vast landholdings, primarily by Charlemagne, so that the Church became an ally of secular rule because it had been integrated into the feudal system both at the top and at the bottom.
[ 3 ] Die Unterworfenen waren in ein Lehensverhältnis zu den Überwindern gekommen; die Adeligen entwickelten sich zu Lehensleuten der Könige, und so hatte sich das Königreich immer mehr ausgebildet. Fortwährend hatte das Westreich mit dem Gegensatz zwischen den Lehensleuten und der Kirche zu schaffen. Anders im Ostreich. Hier war das alte Unabhängigkeitsempfinden, das Freiheitsgefühl noch wach geblieben, so daß die Stammesherzöge sich durchaus nicht bequemen wollten, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu treten. So ist das 9., 10. und 11. Jahrhundert damit ausgefüllt, daß die sogenannten Könige, die zwar gewählt, aber eigentlich nur ihrem Namen nach Könige waren, fortwährend damit zu tun hatten, die Stammesherzöge in ihre Abhängigkeit zu bringen.
[ 3 ] The vanquished had entered into a feudal relationship with the victors; the nobles became vassals of the kings, and thus the kingdom had gradually taken shape. The Western Empire was constantly grappling with the conflict between the vassals and the Church. The situation was different in the Eastern Empire. Here, the old sense of independence and freedom had remained alive, so that the tribal dukes were by no means willing to accept a relationship of dependence. Thus, the 9th, 10th, and 11th centuries were marked by the so-called kings—who, though elected, were in reality kings in name only—being constantly occupied with bringing the tribal dukes under their control.
[ 4 ] Die Geschichte erzählt viel von solchen Kämpfen. Auf die Karolinger folgte nach dem Franken Konrad das sächsische Königshaus, und es wird viel von den Taten Heinrichs I., Ottos I., II. und II. und Heinrichs II. erzählt, sowie der darauffolgenden fränkischen Könige, Konrads II., Heinrichs IL, IV. und V. Diese Könige, die im Ostreich gewählt werden, hatten ja nicht irgendwie in die Verfassung, die Gesetzgebung der Stämme hineinzureden; auch keine Justizgewalt stand ihnen zur Verfügung. So ist es viel wichtiger, wenn man weiß, was eigentlich das Reich damals zu bedeuten hatte, als daß man sich von den einzelnen Kämpfen eine genaue Vorstellung bildet.
[ 4 ] History tells us much about such battles. The Carolingians were succeeded by the Saxon royal house after the Frank Conrad, and much is told of the deeds of Henry I, Otto I, II, and III, and Henry II, as well as of the subsequent Frankish kings—Conrad II, Henry III, IV, and V. These kings, who were elected in the Eastern Empire, had no say whatsoever in the constitution or the legislation of the tribes; nor did they possess any judicial authority. Thus, it is far more important to understand what the Empire actually meant at that time than to form a precise picture of the individual battles.
[ 5 ] Vorhanden waren größere Herzogtümer. Sie sind entstanden auf die geschilderte Art. Bei der ursprünglichen Wanderung in diese Gegenden waren einzelne, die großen Grundbesitz erworben hatten, immer mächtiger geworden, kleinere Besitzer wurden von ihnen abhängig, mußten ihren Besitz als Lehen übergeben und dann Abgaben zahlen.
[ 5 ] There were larger duchies. They came into being in the manner described. During the initial migration into these regions, certain individuals who had acquired large estates had become increasingly powerful; smaller landowners became dependent on them, were forced to surrender their property as fiefs, and then had to pay taxes.
[ 6 ] So hatten die Stammesherzöge allmählich den kleinen Besitz eingezogen und dadurch, daß sie von dem großen Grundbesitz anderen etwas zum Lehen gegeben, sich das Recht zugesichert, daß sie ihnen eine bestimmte Anzahl von Kriegsleuten zur Verfügung stellten, eine bestimmte Summe zu zahlen hatten.
[ 6 ] Thus, the tribal dukes had gradually confiscated the small estates and, by granting portions of their large estates to others as fiefs, secured for themselves the right to require those recipients to provide a certain number of soldiers and to pay a certain sum.
[ 7 ] So waren durch die Aufsaugung des kleineren Grundbesitzes durch den großen die Herzogtümer Sachsen, Franken, Schwaben, Bayern und so weiter entstanden. Allmählich ging auch die Gerichtsbarkeit von den Gaugerichten an die sogenannten Hofgerichte über, die die Herzöge ihren Lehensleuten und Bauern aufgedrängt hatten. Die Kirche mußte, ihren Vorschriften nach, ihre Gerichtsbarkeit durch Vögte ausüben lassen. Auch der König war nichts anderes als ein großer Grundbesitzer. Er hatte Vasallen, Heeresgefolge, das er in seine Botmäßigkeit gezwungen, ferner Domänengüter erworben und damit da und dort sich Herrschaftsverhältnisse begründet. Das Verhältnis des Herzogs zum König war auch nur das eines Vasallen, indem er bestimmte Abgaben an den Hof lieferte, bestimmte Erträgnisse der herumziehenden Hofhaltung zur Verfügung stellte. Gerichtsbarkeit war Herzogssache. Nur in den Grenzgebieten gegen die Magyaren, Wenden und Dänen zu wurde die Gerichtsbarkeit durch königliche Mark- und Pfalzgrafen ausgeübt. Große Staaten mit einheitlicher Verwaltung, einheitlichem Heere gab es nicht. Daher ewige Kriege der Könige gegen die unbotmäßigen Herzöge, welche nicht Abgaben leisten wollten. Da war es nötig geworden, daß allmählich die Kirche herangezogen wurde.
[ 7 ] Thus, the duchies of Saxony, Franconia, Swabia, Bavaria, and so on had come into being through the absorption of smaller estates by larger ones. Gradually, judicial authority also shifted from the district courts to the so-called manorial courts, which the dukes had imposed on their vassals and peasants. The Church, in accordance with its regulations, had to exercise its jurisdiction through bailiffs. The king, too, was nothing more than a large landowner. He had vassals and a military retinue whom he had forced into submission; furthermore, he had acquired domain estates and thereby established relations of dominion here and there. The duke’s relationship to the king was also merely that of a vassal, in that he paid certain tributes to the court and made certain revenues available to the itinerant royal household. Jurisdiction was a matter for the duke. Only in the border regions facing the Magyars, Wends, and Danes was jurisdiction exercised by royal margraves and palatines. There were no large states with a unified administration or a unified army. Hence, there were perpetual wars waged by the kings against the insubordinate dukes who refused to pay tribute. Consequently, it became necessary to gradually enlist the support of the Church.
[ 8 ] Es war vereinbar mit der Frömmigkeit, daß ihr Lasten für den König auferlegt wurden. Otto I. war es besonders, der bei aller Frömmigkeit, bei aller kirchlichen Gläubigkeit die Kirche nötigte, Abgaben zu leisten. Die Bistümer wurden gezwungen, sich in derselben Weise wie die anderen Lehensleute zu verhalten. Der kirchliche Besitz wurde in zwei Glieder geteilt, von denen ein Teil von Hörigen bebaut wurde für den Bischof, zu dem sie‘in völlige Abhängigkeit geraten waren. Ein anderes Gebiet blieb in loserem Verhältnis; dort mußten die Bauern im Namen des Bischofs für den Kaiser das Feld bestellen.
[ 8 ] It was consistent with piety that burdens were imposed on the Church for the king. Otto I, in particular, despite all his piety and devotion to the Church, compelled the Church to pay taxes. The bishoprics were forced to behave in the same manner as other vassals. Church property was divided into two parts, one of which was cultivated by serfs for the bishop, to whom they had become completely dependent. Another area remained in a looser relationship; there, the peasants had to till the fields for the emperor in the bishop’s name.
[ 9 ] Immer mehr sahen sich die Kaiser durch neue Feinde genötigt, die Kirche zu einem engeren Verhältnis heranzuziehen. Mächtige Feinde bedrohten Mitteleuropa. Die Normannen hatten, nachdem sie immer wieder die Völker beunruhigten, nachdem sie von Arnulf von Kärnten in der Schlacht bei Löwen besiegt worden waren und sich die Bretagne erworben hatten, aufgehört mit ihren Einfällen. Dagegen brachen jetzt von Osten finnisch-ugrische Völkerschaften herein, die Magyaren, deren Einfälle einen unbeschreiblichen Schrecken verursachten. Alle Berichte erzählen von der entsetzlichen Brutalität ihrer Eroberungszüge. Das Verdienst, sie zurückgeschlagen zu haben, wird gewöhnlich Heinrich I. und Otto I. zugeschrieben. Es ist dies bis zu einem gewissen Grad richtig. Die Einfälle der Magyaren waren nicht etwas, was einer späteren Kriegsführung und Kriegserklärung ähnlich sehen konnte.
[ 9 ] Increasingly, the emperors found themselves compelled by new enemies to forge closer ties with the Church. Powerful enemies threatened Central Europe. The Normans, after repeatedly unsettling the peoples, after being defeated by Arnulf of Carinthia at the Battle of Leuven, and after having conquered Brittany, had ceased their raids. In contrast, Finno-Ugric peoples—the Magyars—now invaded from the east, and their raids caused indescribable terror. All accounts describe the appalling brutality of their conquests. The credit for repelling them is usually attributed to Henry I and Otto I. This is true to a certain extent. The Magyar incursions were nothing like the warfare and declarations of war that would come later.
[ 10 ] Als die Magyaren hereinbrachen, waren die Herzöge gerade besonders unbotmäßig, und Heinrich I. mußte sich deshalb erst einen Waffenstillstand erbitten, um sich ein wenigstens einigermaßen einheitliches Heer zu schaffen. Dieser Zusammenschluß wurde nur auf dem Gebiete des Heereswesens durch die dringende Not bewirkt.
[ 10 ] When the Magyars invaded, the dukes were particularly insubordinate at the time, and Henry I therefore had to first request a ceasefire in order to assemble an army that was at least somewhat unified. This union was brought about solely in the military sphere by the urgent need.
[ 11 ] Heinrich I. wird gewöhnlich als der Städtegründer gefeiert; es ist dies eine schiefe Darstellung. Damals begann die allgemeine Städtegründung über ganz Europa, und Heinrich I. folgte nur dem Zuge der Zeit, wenn er diese Bewegung unterstützte.
[ 11 ] Henry I is usually celebrated as the founder of cities; this is a distorted portrayal. At that time, cities were being founded across Europe, and Henry I was merely following the trend of the times when he supported this movement.
[ 12 ] Wir haben gesehen, wie die Gerichtsbarkeit allmählich auf die Grundherren, die Herzöge und Könige überging. Immer unwürdigere Verhältnisse traten ein. Eine Menge Leute, welche früher freie Bauern waren, mußten alles, was sie hatten hingeben, um in die Botmäßigkeit der Großgrundbesitzer zu treten. Sie wurden dort, außer zum Ackerbau, als Boten, Handwerker und im Kriegsdienst verwendet.
[ 12 ] We have seen how judicial authority gradually passed to the landlords, the dukes, and the kings. Conditions became increasingly deplorable. Many people who had previously been free farmers were forced to give up everything they owned in order to become serfs of the large landowners. There, in addition to farming, they were employed as messengers, artisans, and in military service.
[ 13 ] Namentlich durch die gesteigerte Ertragsfähigkeit des Bodens, die durch die Verwendung dieser vielen Arbeitskräfte immer größer wurde, entstand eine Art von Handel. Zugleich bildete sich ein besonderer Handwerkerstand heran. Das gab es vorher gar nicht; wie schon erwähnt, wurden die notwendigen Arbeiten im Hause von Sklaven und Frauen besorgt. Höchstens das Schmiede- und das Goldschmiedehandwerk war vorhanden. Aber jetzt durch diese Art des Übertragens bildete sich ein neuer Stand von Handwerkern und Handelsleuten heran. An den Orten, wo geeignete Märkte waren, entstanden Ansiedelungen, feste Plätze wurden gegründet überall in ganz Europa. Hierzu kam die Unzufriedenheit der unwürdig behandelten Menschen, so daß der Andrang nur größer wurde. Dieser Zug der Zeit zwang den König, sich auf die Städte zu stützen.
[ 13 ] A form of trade emerged, primarily due to the increased productivity of the soil, which continued to grow as a result of the use of this large labor force. At the same time, a distinct class of artisans began to develop. This had not existed before; as already mentioned, the necessary work had been carried out in the home by slaves and women. At most, the trades of blacksmithing and goldsmithing existed. But now, through this shift in labor allocation, a new class of artisans and merchants began to emerge. In places where suitable markets existed, settlements sprang up, and permanent towns were established throughout Europe. Added to this was the discontent of people who were treated unjustly, so that the influx only grew greater. This trend of the times forced the king to rely on the cities.
[ 14 ] Man brauchte ein Reiterheer gegen das Reitervolk der Magyaren. Dieses Reiterheer bildete den Grund für den Ritterstand, der damals entstand. Man muß alles dies zusammenfassen, um ein wirkliches Bild zu gewinnen, wie damals alles verlief. Dies ist wichtiger als die ausführliche Würdigung jener Kämpfe.
[ 14 ] A cavalry force was needed to counter the Magyar horsemen. This cavalry force laid the foundation for the knighthood that emerged at that time. One must take all of this into account to gain a true picture of how events unfolded back then. This is more important than a detailed assessment of those battles.
[ 15 ] In den Schlachten auf dem Ried 933 und auf dem Lechfelde 955 wurden die Magyaren besiegt und erlitten eine so furchtbare Niederlage, daß ihnen tatsächlich die Lust zu weiteren Einfällen vergangen war. Sie gründeten sich in der Donaugegend im heutigen Ungarn ein Reich. Seitdem waren die Kaiser gezwungen, sich auf die Kirche zu stützen, das Christentum wurde politisch ausgenutzt. Die Magyaren wurden zum Christentum bekehrt, besonders von dem Bistum Passau aus. Will man verstehen, was damals in den Seelen entstand, muß man nicht mit späteren Begriffen rechnen. Es lebte ein intensiver Glaube, ein bis zur Schwärmerei gesteigertes religiöses Empfinden in dem Herzen des Volkes. Es hörte in allen Dingen auf die Geistlichen, von denen es sich in allen AngeJegenheiten leiten ließ. Die Herzöge und Könige unterstützten diese Art von Unterwürfigkeit. Von Karl dem Großen an hat man mit dieser Herrschaft über die Seele gerechnet. — So wurde der Klerus bester und stärkster Ratgeber und nistete sich in die Seelen und Herzen des Volkes ein.
[ 15 ] In the battles at Ried in 933 and at Lechfelde in 955, the Magyars were defeated and suffered such a terrible defeat that they were effectively dissuaded from further incursions. They established a kingdom in the Danube region, in what is now Hungary. From then on, the emperors were forced to rely on the Church, and Christianity was exploited for political ends. The Magyars were converted to Christianity, particularly through the Diocese of Passau. To understand what was taking shape in people’s souls at that time, one must not apply later concepts. An intense faith, a religious sentiment heightened to the point of ecstasy, lived in the hearts of the people. They listened to the clergy in all matters and allowed themselves to be guided by them in every affair. The dukes and kings supported this kind of subservience. From the time of Charlemagne onward, this dominion over the soul was taken for granted. — Thus, the clergy became the best and most powerful advisors and took root in the souls and hearts of the people.
[ 16 ] Dazu kam, daß in der damaligen Zeit durch die Araber ein starker Einfluß stattfand, nicht nur, wie früher geschildert wurde, durch wissenschaftliche, sondern auch durch gewisse literarische Einflüsse, durch die ein neuer Seelenzug in das Mittelalter hineinkam. Ein großer Kreis von Sagen, Märchen Legenden, Gefühlen und Bildern wurde in die Volksseele verpflanzt, und dieser seelische Einfluß vom Orient nach Europa war ein so intensiver, daß wir sehen, wie die ursprüngliche rauhe Seele des Germanen mildere Gesittung annahm, und daß ihre Frömmigkeit durchtränkt wurde von einem Element von großer Bedeutung: das war der Marienkultus und der sich daraus entwickelnde Frauendienst. Wer das nicht würdigt, weiß gar nichts von der Geschichte des Mittelalters. Er verschließt die Augen vor Tatsachen wie der, daß große Volksmassen manchmal ergriffen wurden von epidemischer Furcht. Von einer solchen Furcht wurde das Volk ergriffen um das Jahr 1000 — während der Regierung Kaiser Ottos III. —, welches den Weltuntergang bringen sollte. Dieses große Ereignis, für das man sich durch Bußübungen und Wallfahrten vorbereiten wollte, erregte ganz Deutschland. Kaiser Otto III. selbst unternahm eine Wallfahrt zu dem Grabe des heiligen Adalbert von Preußen. All das ergab sich aus der damaligen Volksseele. Wer das nicht versteht, versteht auch nicht die Entstehung der späteren Kreuzzüge. Man hat auch hier materielle Beweggründe gesucht; aber der redet an der Sache vorbei, der sie nicht von dieser Seite betrachtet.
[ 16 ] In addition, the Arabs exerted a strong influence during that period—not only, as described earlier, through scientific influences, but also through certain literary influences, which introduced a new spiritual dimension into the Middle Ages. A vast array of myths, fairy tales, legends, emotions, and imagery was implanted in the collective consciousness of the people, and this spiritual influence from the East into Europe was so intense that we can see how the originally rugged Germanic spirit took on a gentler character, and how its piety became imbued with an element of great significance: namely, the cult of the Virgin Mary and the veneration of women that developed from it. Anyone who fails to recognize this knows nothing at all about the history of the Middle Ages. They close their eyes to facts such as the fact that large masses of people were sometimes seized by epidemic fear. Around the year 1000—during the reign of Emperor Otto III—the people were seized by such a fear that the world was about to come to an end. This momentous event, for which people sought to prepare themselves through acts of penance and pilgrimages, stirred all of Germany. Emperor Otto III himself undertook a pilgrimage to the tomb of Saint Adalbert of Prussia. All of this stemmed from the collective psyche of the time. Those who do not understand this also fail to understand the origins of the later Crusades. People have sought material motives here as well; but anyone who does not consider the matter from this perspective is missing the point.
[ 17 ] Die Verweltlichung der Bischöfe und Äbte konnte nicht ohne Reaktion, ohne Rückwirkung bleiben, und so verstehen wir, daß von Cluny eine mächtige Bewegung nach Reform ausgeht. Der Einfluß der Cluniazenser war ein ungeheuer großer; daß es möglich war, den Gottesfrieden durchzusetzen, ist ein Beweis dafür. In einer Zeit, wo nirgends ein einheitliches Reich vorhanden war, kann man ermessen, was es bedeutet, daß es den Bestrebungen der Mönche von Cluny gelang, das Faustrecht für einige Tage der Woche — von Freitag zum Montag — einzuschränken, so daß während dieser Zeit Fehden nicht ausgefochten wurden. Man muß nur bedenken, daß es damals eigentlich ein Recht nicht gab, sondern vollständiges Faustrecht herrschte. Der schroffe Kampf zwischen den deutschen Kaisern und den Päpsten wurde nicht bloß geführt aus selbstsüchtigen Interessen, sondern auch von Seite der Kirche aus Fanatismus. Der Papst fühlte sich als Stellvertreter Christi, als Herr auch der weltlichen Gebiete; als ob das Reich Christi auch die weltliche Herrschaft sein nenne.
[ 17 ] The secularization of the bishops and abbots could not fail to provoke a reaction, and so we understand that a powerful movement for reform emanated from Cluny. The influence of the Cluniacs was immense; the fact that it was possible to enforce the “Peace of God” is proof of this. At a time when no unified empire existed anywhere, one can appreciate what it meant that the efforts of the monks of Cluny succeeded in restricting the law of the jungle for a few days of the week—from Friday to Monday—so that feuds were not fought during this time. One need only consider that at that time there was, in fact, no law; rather, the law of the jungle reigned supreme. The bitter struggle between the German emperors and the popes was waged not only out of self-interest but also, on the part of the Church, out of fanaticism. The pope saw himself as the Vicar of Christ, as lord even over secular territories; as if the Kingdom of Christ also claimed secular dominion.
[ 18 ] Papst Gregor VIL, der den deutschen Kaiser Heinrich IV. zum Canossagang nötigte, war erst Mönch von Cluny, und ist von dort aus zu seinem Fanatismus gelangt. Es wurde Tendenz des Papsttums zu erklären: so wie es zwei Regierende gibt im Sonnensystem, die Sonne und den Mond, so auch im menschlichen Leben; der Papst sei die Sonne, der König der Mond, der erst von der Kirche sein Licht empfängt. Diese Gesinnung fand Eingang und ist auch von dem großen Dichter Dante als gerecht anerkannt, der bei der Verteilung der Gewalt die Übergewalt der geistlichen über die weltliche Macht als recht und billig bezeichnet. Nun war dieser Kampf zwischen Kaiser und Papst deshalb ein so mächtiger geworden, weil inzwischen ein gewisser Einigungsprozeß sich vollzogen hatte. Die verschiedenen Herzogtümer wurden durch äußere Gewalt zusammengeschmiedet. Die Herzöge betrachteten sich jetzt verpflichtet, Heeresfolge und gewisse Abgaben dem Kaiser zu leisten. Alle diese Länder: Italien, Burgund, Lothringen, Franken, Sachsen, Österreich und auch Ungarn und Polen standen zeitweilig zur deutschen Krone im Lehensverhältnis.
[ 18 ] Pope Gregory VII, who forced the German Emperor Henry IV to make the Pilgrimage to Canossa, was originally a monk at Cluny, and it was there that he developed his fanaticism. This was explained as a fundamental tenet of the papacy: just as there are two ruling bodies in the solar system—the sun and the moon—so too in human life; the pope is the sun, the king the moon, who receives his light only from the Church. This view gained acceptance and was also recognized as just by the great poet Dante, who, in discussing the distribution of power, described the supremacy of spiritual power over secular power as right and just. Now, this struggle between the emperor and the pope had become so intense precisely because a certain process of unification had taken place in the meantime. The various duchies had been forged together by external force. The dukes now considered themselves obligated to provide military service and pay certain tributes to the emperor. All these lands—Italy, Burgundy, Lorraine, Franconia, Saxony, Austria, and even Hungary and Poland—were at times in a feudal relationship with the German Crown.
[ 19 ] So ist man in der Tat im 11. Jahrhundert zu einer gewissen Einheitlichkeit gekommen. Dabei wird die Kirche immer mächtiger. Bei dem Tode Heinrichs III. werden nicht weltliche Fürsten zur Vormundschaft des jungen Königs, Heinrich IV. berufen, sondern die Erzbischöfe Hanno von Köln und später Adalbert von Bremen.
[ 19 ] Thus, a certain degree of uniformity was indeed achieved in the 11th century. At the same time, the Church grew increasingly powerful. Upon the death of Henry III, it was not secular princes who were appointed guardians of the young king, Henry IV, but rather the archbishops Hanno of Cologne and, later, Adalbert of Bremen.
[ 20 ] Die Durchsetzung der Volksseele mit religiösen Empfindungen hatte zu einem blinden Autoritätsglauben geführt. Jetzt war die Zeit für Rom gekommen. Eine kluge Politik wurde von Rom aus eingeleitet. Der Klerus mußte herausgerissen werden aus allen weltlichen Interessen, um nur das eine vor Augen zu haben: die Predigt und Beherrschung des Volkes. Dazu mußte er vollständig unabhängig gemacht werden. So wurde im 11. Jahrhundert das Zölibat über den Klerus verhängt, die Priesterheirat untersagt, da jeder, der durch selbstgewählte Blutsbande mit der Welt zusammenhänge, in Abhängigkeit gerate und nicht so rückhaltlos dienen könne.
[ 20 ] The permeation of the national psyche with religious sentiments had led to a blind faith in authority. Now the time had come for Rome. A shrewd policy was initiated from Rome. The clergy had to be torn away from all worldly interests so that they would have only one thing in mind: preaching to and controlling the people. To this end, they had to be made completely independent. Thus, in the 11th century, celibacy was imposed on the clergy, and priestly marriage was prohibited, since anyone bound to the world by self-chosen blood ties would fall into dependence and could not serve unreservedly.
[ 21 ] Das gab dem Klerus und Papsttum die Tendenz zu unbeugsamer Willensentfaltung: nur das eine vor Augen, die Herrschaft der Kirche. So kam es, daß die Kirche die Forderung stellen konnte, bei Besetzung der Bistümer nur die Kirche mitsprechen zu lassen. Früher hatten die weltlichen Fürsten jedes Bistum besetzt, das frei wurde. Jetzt sollten nur geistliche Interessen ausschlaggebend sein, und die Herrschaft wurde dadurch erhöht, daß die Besetzung der Ämter nur von der Kirche ausging. Dadurch kam der Investiturstreit, der Heinrich IV., der sich das nicht gefallen lassen wollte, zum Gange nach Canossa führte.
[ 21 ] This led the clergy and the papacy to develop an unyielding determination: they had only one goal in mind—the dominance of the Church. Thus, the Church was able to demand that it alone have a say in the appointment of bishops. In the past, secular princes had filled every diocese that became vacant. Now, only ecclesiastical interests were to be decisive, and the Church’s authority was enhanced by the fact that the filling of these offices was the sole prerogative of the Church. This led to the Investiture Controversy, which resulted in Henry IV—who refused to accept this state of affairs—being forced to make the pilgrimage to Canossa.
[ 22 ] Das alles faßt sich zusammen in dem Streit zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Haben wir noch bei Chlodwig gesehen, daß der Gott der Christen der seine wird, weil er die Heere zum Siege führte, so sehen wir, wie die Kirche jetzt selbst zur Herrschaft gelangt. Das muß man verstehen, wenn man die neuen Verhältnisse begreifen will, welche die Kreuzzüge verursachten.
[ 22 ] All of this can be summed up in the conflict between secular and ecclesiastical power. While we saw with Clovis that the God of the Christians became his God because he led the armies to victory, we now see how the Church itself comes to hold power. This must be understood if one is to grasp the new circumstances brought about by the Crusades.
[ 23 ] Wir haben an den Franken gesehen, was aus den Stämmen hervorgegangen ist, die durch die Völkerwanderung aus ihren Wohnsitzen verdrängt wurden. Wir sahen, wie das Christentum in allen Lebensverhältnissen ausschlaggebend geworden ist, wie bei den Ansiedlungen Klöster und Bistümer zum Mittelpunkt wurden, wie die Mönche nicht nur auf geistigem Gebiet die Leiter des Volkes waren, sondern es im Anbau der verschiedenen Früchte unterrichteten, die Bauleute der Kirchen waren und so weiter.
[ 23 ] We have seen in the case of the Franks what became of the tribes that were driven from their homelands by the Migration Period. We saw how Christianity became a decisive factor in all aspects of life, how monasteries and bishoprics became the focal points of the settlements, how the monks were not only the spiritual leaders of the people but also taught them how to cultivate various crops, served as the builders of the churches, and so on.
[ 24 ] Die Städte bildeten sich gern um die bestehenden Bistümer herum. So sehen wir überall den mächtigen Einfluß der Kirche.
[ 24 ] Cities tended to develop around existing dioceses. Thus, we see the powerful influence of the Church everywhere.
[ 25 ] Hereinbrechen sehen wir den Einfluß der Mauren durch Wissenschaft und Literatur. Einen anderen Einfluß werden wir kennenlernen, wichtiger als vieles andere, durch die Kreuzzüge; er kam gleichfalls vom Orient. Durch diese Einflüsse wurden die großen Erfindungen und Entdeckungen angeregt. Denn dort im Orient und in China waren viele Dinge bekannt, von denen der Westen nichts wußte: Papierbereitung, Seidenweberei, der Gebrauch des Schießpulvers und so weiter. So wurde zu den großen Erfindungen durch diese Züge der erste Anstoß gegeben.
[ 25 ] Here we see the influence of the Moors through science and literature. We will learn of another influence—more important than many others—brought about by the Crusades; it, too, came from the East. These influences spurred the great inventions and discoveries. For there, in the East and in China, many things were known that the West knew nothing about: papermaking, silk weaving, the use of gunpowder, and so on. Thus, these influences provided the initial impetus for the great inventions.
[ 26 ] Wir sahen so von zwei Seiten aus mächtige Impulse auf die mittelalterliche Menschheit ihren Einfluß ausüben. Halten Sie das zusammen mit der Städtegründung und Sie werden empfinden, daß ein Jahrhundert heranbricht, das die Entwickelung machtvoll vorbereitet. Wenn Sie das in der rechten Weise verfolgen wollen, dann ist es nicht genug, es nur verstandesgemäß in sich aufzunehmen. Niemand versteht die Ereignisse wirklich, der nur mit dem Verstande sie ergreifen will und nicht mit dem Gefühl, der sich nicht in die Feinheiten der Volksseele hineinleben kann, und begreift, was sich dort im Innern abspielt und vorbereitet. Und wer das nicht hat, für den gilt das Wort des Faust:
[ 26 ] We saw, as it were, powerful forces exerting their influence on medieval humanity from two sides. Consider this alongside the founding of cities, and you will sense that a century is dawning that powerfully paves the way for development. If you wish to follow this in the right way, it is not enough to simply take it in intellectually. No one truly understands these events who seeks to grasp them solely with the intellect and not with the heart—who cannot immerse themselves in the subtleties of the national soul and comprehend what is taking place and being prepared within it. And for those who lack this, the words of Faust apply:
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
What you call the spirit of the times,
Is, in essence, the masters’ own spirit,
In which the times are reflected.
