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Philosophy, History and Literature
GA 51

20 December 1904, Berlin

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Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen VIII

History of the Middle Ages Up to the Great Inventions and Discoveries VIII

[ 1 ] Wir stehen in der Mitte des Mittelalters und haben die Zeit des 11., 12., 13. und 14. Jahrhunderts zu betrachten. Diese Zeit ist bedeutungsvoll und wichtig, weil man in dieser Epoche das Entstehen von großen Reichen studieren kann. Auch im Altertum haben wir große Staatengebilde kennengelernt — Persien, Römisches Reich und so weiter —, aber sie liegen uns so fern, daß uns eine wirkliche, geschichtliche Beurteilung schwer ist. Im Mittelalter sehen wir aber aus kleinen Ursachen sich das entwickeln, was ein gemeinschaftliches Heer, Gericht, Verfassung hat, so gab es in Deutschland so etwas nicht. Diese Gegenden zerfielen noch im 13. und 14. Jahrhundert in einzelne getrennte Gebiete.

[ 1 ] We are in the middle of the Middle Ages and will be examining the 11th, 12th, 13th, and 14th centuries. This period is significant and important because it allows us to study the emergence of great empires. We have also learned about large political entities in antiquity—Persia, the Roman Empire, and so on—but they are so distant from us that it is difficult to make a genuine, historical assessment of them. In the Middle Ages, however, we see how, from small beginnings, structures developed that included a common army, judiciary, and constitution—things that did not exist in Germany at the time. Even in the 13th and 14th centuries, these regions were still fragmented into separate territories.

[ 2 ] Erst unter Heinrich III. geschieht etwas, was beiträgt zu einer Einigung der Reichsgebiete, indem es dem Kaiser gelang, die einzelnen Stammesherzöge zu einer Art von kaiserlichen Beamten zu machen. Vorher waren sie souverän hervorgegangen aus der Stammeseigentümlichkeit; jetzt waren sie geworden was man Ministeriale nennt, Dienstmannen des Kaisers. Allmählich geschah eine Gleichstellung der niederen Lehensleute, die aus Freien auch zu Dienstleuten geworden waren, mit den Ministerialen. Sie bildeten mit der Zeit das heraus, was man den niederen Adel nennt, aus dem sich der Ritterstand rekrutierte, der Stand, der in den Kreuzzügen eine so große Rolle spielte. Auch schon unter der Regierung Heinrichs IV. spielte der Ritterstand eine große Rolle.

[ 2 ] It was not until the reign of Henry III that something occurred that contributed to the unification of the imperial territories, as the emperor succeeded in transforming the individual tribal dukes into a kind of imperial official. Previously, they had emerged as sovereign entities from tribal autonomy; now they had become what are known as ministerials, servants of the emperor. Gradually, the lower vassals—who had also become servants of the emperor from their status as freemen—came to be placed on an equal footing with the ministerials. Over time, they formed what is known as the lower nobility, from which the knighthood was recruited—the class that played such a major role in the Crusades. Even during the reign of Henry IV, the knighthood played a major role.

[ 3 ] Als Gregor VII. den Kaiser in den Bann tat, hielten die deutschen Fürsten nur teilweise zum Kaiser, während andere unter dem Einfluß des Papstes verschiedene Gegenkönige wählten. Wichtig sind alle diese Kämpfe nicht; wichtig aber ist es, daß der Ritterstand durch diese verschiedenen Streitigkeiten eine besondere Bedeutung erhielt. Ritter und Städte wurden bald vom Papst, bald vom König geködert. Fortwährende Fehden und Kriege herrschten; die Roheit nahm immer mehr zu. Bei den Plünderungszügen hatte der Bauernstand schwer zu leiden. Die letzten freien Bauern konnten sich nicht mehr halten und wurden aufgesogen von den Herren und Herzögen und diese wieder von den Königen. Aus diesem unerquicklichen Prozeß sehen wir hervorgehen, was wir als das «Reich» kennen.

[ 3 ] When Gregory VII excommunicated the emperor, the German princes only partially sided with the emperor, while others, under the influence of the pope, elected various rival kings. None of these conflicts are particularly significant; what is important, however, is that the knighthood acquired special significance as a result of these various disputes. Knights and cities were lured first by the Pope, then by the king. Constant feuds and wars raged; brutality increased steadily. The peasantry suffered greatly during the raids. The last free peasants could no longer hold their ground and were absorbed by the lords and dukes, who in turn were absorbed by the kings. From this disheartening process, we see emerge what we know as the “Empire.”

[ 4 ] Hierbei war kein Unterschied zwischen weltlichen und geistlichen Fürsten; groß aber war der Unterschied zwischen dem verweltlichten Klerus, und dem in den Klöstern. Der von den Bischöfen regierte Klerus war meist ungebildet, konnte nicht lesen und schreiben, verbauerte und beutete seine Lehensleute aus. Der Bischof beschäftigte sich mit der Verwaltung seiner Güter und war ebenso ungebildet wie Ritter- und Bauernstand; nichts von dem, was wir heute Bildung nennen können, war vorhanden. So war es möglich, von Rom aus die politische Lage der Kirche immer mehr zu befestigen.

[ 4 ] In this regard, there was no difference between secular and ecclesiastical rulers; however, there was a great difference between the secular clergy and those in the monasteries. The clergy, governed by the bishops, were mostly uneducated, could neither read nor write, and exploited their vassals. The bishop was preoccupied with the administration of his estates and was just as uneducated as the knights and peasants; nothing of what we would today call an education existed. Thus, it was possible for Rome to increasingly consolidate the political position of the Church.

[ 5 ] Anders war es in den Klöstern. Hier wurde viel gearbeitet von Männern und Frauen. Tiefe Gelehrsamkeit war hier zu finden; alle Bildung der damaligen Zeit ist lediglich von den Klöstern ausgegangen. Sie ließen sich auch in bezug darauf nicht abhängig machen von der politischen Macht Roms, die auf der weltlichen Macht des Klerus ruhte. Was von Rom aus geschah, ist in der verschiedensten Weise zu beurteilen. Es sollte ein gewisser Kampf geführt werden gegen die Roheit, gegen das Faustrecht der deutschen Völker. Eifer für die geistigen Güter, der Wunsch, die Gewalt mittelalterlichen Denkens über die Welt auszubreiten war es, was von Rom aus gewollt wurde. Jedenfalls ging ein besserer Wille von Rom aus als von den deutschen Fürsten. In diesem Sinne muß man auffassen, was Gregor VI. wollte, als er die Ehelosigkeit forderte, und als er nicht dulden wollte, daß weltliche Fürstenmacht einen Einfluß auf die Besetzung der Bistümer sich anmaße: es war eine Opposition gegen die überhandnehmende Roheit in den deutschen Ländern. So waren die Kämpfe Heinrichs IV. mit den Sachsen nicht nur fast ebenso blutig, wie einst die Kriege Karls des Großen gegen die Sachsen, sondern sie wurden mit ganz besonderer Hintansetzung von Treu und Glauben geführt.

[ 5 ] The situation was different in the monasteries. Here, men and women worked diligently. Deep scholarship could be found here; all education of that time originated solely from the monasteries. In this regard, too, they refused to allow themselves to be made dependent on the political power of Rome, which rested on the secular power of the clergy. What came from Rome must be judged in a variety of ways. A certain struggle was to be waged against the brutality and the law of the jungle among the German peoples. A zeal for spiritual goods and the desire to spread the influence of medieval thought throughout the world—these were the goals pursued by Rome. In any case, Rome’s intentions were more noble than those of the German princes. It is in this sense that one must understand what Gregory VI intended when he demanded celibacy and when he refused to tolerate secular princes presuming to influence the appointment of bishops: it was a stand against the rampant brutality in the German lands. Thus, Henry IV’s conflicts with the Saxons were not only nearly as bloody as Charlemagne’s wars against the Saxons had once been, but they were also waged with a particularly blatant disregard for good faith.

[ 6 ] Durch alle diese Kämpfe wurde der Wohlstand immer mehr zerrüttet. Aus den Stürmen der Zeit entstand ein tiefreligiöser Zug, der sich bis zur Schwärmerei steigerte, wie ich es Ihnen bei dem Jahre 1000 schilderte. Diese religiöse Schwärmerei trieb immer wieder die Menge zu Zügen nach dem Morgenland.

[ 6 ] All these conflicts increasingly undermined prosperity. Out of the turmoil of the times arose a deeply religious movement that escalated into fanaticism, as I described to you in connection with the year 1000. This religious fanaticism repeatedly drove the masses to make pilgrimages to the East.

[ 7 ] Ursprünglich hatte die christliche Religion kein Festhalten an irgendein Dogma gekannt. Auf den Ideengehalt war es angekommen, nicht auf die äußere Einkleidung. Sie haben gesehen, wie im Heliand die Christus-Idee in freier Weise ausgestaltet wurde, wie der Dichter dabei für seine Landsleute das Christus-Leben in altsächsische Verhältnisse verlegte. Er faßte die Äußerlichkeiten dabei ganz frei auf, die ganz ebensogut bei uns in Deutschland, wie in Palästina sich ereignen konnten.

[ 7 ] Originally, the Christian religion had not adhered to any dogma. What mattered was the content of the ideas, not their outward form. You have seen how the idea of Christ was freely developed in the Heliand, and how the poet, in doing so, transposed the life of Christ into Old Saxon circumstances for his countrymen. In doing so, he interpreted the external details quite freely—details that could just as easily have taken place here in Germany as in Palestine.

[ 8 ] Unter den sich immer mehr veräußerlichenden Verhältnissen wurde für die Kirche die äußere Gestaltung des Glaubens eine Lebensfrage. Sie konnte nicht mehr den Stämmen überlassen, wie sie Christus auffassen wollten. Als Seitenstück der politischen Macht trat ein, daß auch die Dogmen fest und starr wurden.

[ 8 ] As conditions became increasingly externalized, the outward expression of faith became a matter of life and death for the Church. It could no longer leave it up to the tribes to decide how they wished to interpret Christ. Alongside political power, dogmas, too, became fixed and rigid.

[ 9 ] Die Fürsten versuchten die weltliche Macht der Kirche in ihrem Interesse zu verwenden; die Bischofsstühle wurden mit jüngeren Brüdern besetzt, die körperlich oder geistig zu anderem unbrauchbar erschienen. Ganz allmählich änderten sich so die Verhältnisse und die alte Zeit wuchs in eine neue hinein.

[ 9 ] The princes sought to use the Church’s secular power to their own advantage; bishoprics were filled with younger brothers who seemed physically or mentally unfit for other roles. Gradually, conditions changed, and the old era gave way to a new one.

[ 10 ] So entstehen nun die Kreuzzüge, die wir nur psychologisch aus der Stimmung, die das Mittelalter beherrschte, verstehen können. Die vorhandene religiöse Schwärmerei bewirkte, daß es dem Papst ein Leichtes war, durch eigene Agenten wie Peter von Amiens und andere die Menschen zu den Kreuzzügen aufzustacheln. Dazu kam, daß eine große Anzahl von Leuten völlig mittellos geworden war. So waren es nicht nur religiöse Beweggründe, die mitwirkten. Immer mehr Freie waren zu Hörigen geworden; andere hatten ihr Besitztum verlassen müssen und waren fahrende Leute geworden, die nichts hatten, als was sie auf dem Leibe trugen. Unter diesen fahrenden Leuten, die allen Ständen entstammten, auch dem Adel, war eine große Menge, die nichts zu tun hatte und zu jeder Unternehmung bereit war, auch zum Kreuzzug.

[ 10 ] This is how the Crusades came about—an event we can understand only psychologically, in light of the prevailing mood of the Middle Ages. The prevailing religious fervor made it easy for the Pope to incite the people to join the Crusades through his own agents, such as Peter of Amiens and others. Added to this was the fact that a large number of people had become completely destitute. Thus, it was not only religious motives that played a role. More and more free people had become serfs; others had been forced to leave their property and had become vagrants, possessing nothing but the clothes on their backs. Among these vagrants, who came from all walks of life, including the nobility, there was a large number who had nothing to do and were ready for any undertaking, including a crusade.

[ 11 ] So kommen wir dazu zu verstehen, daß eine große Anzahl von Faktoren tätig war: religiöse Schwärmerei, starres Dogma und materielle Bedrückung. Wie stark diese Ursachen wirkten, sehen wir daraus, daß, als der erste Kreuzzug zustande kam, es eine halbe Million Leute waren, die nach dem Morgenlande zogen. Den ersten äußeren Anstoß dazu hatte die schlechte Behandlung der zahlreichen Pilger durch die Sarazenen gegeben. Doch lagen tiefere Ursachen dem zugrunde. Ein starres Dogma, dem die Menschen sich unterwarfen, war vorhanden. Doch die wissen nichts vom Mittelalter, die nicht verstehen, wie damals die Menschen mit Herz und Seele an der Religion hingen. Eine Predigt wirkte zündend auf die Leute, wenn sie das rechte Wort traf. Viele glaubten durch solche Tat Hilfe zu finden; andere suchten Vergebung ihrer Sünden zu erlangen. Aus unserer heutigen Anschauung erhält man kein rechtes Bild dieser Erscheinung des Mittelalters, man hat es hier mit vielen ungreifbaren Ursachen zu tun.

[ 11 ] This leads us to understand that a large number of factors were at work: religious fervor, rigid dogma, and material oppression. We can see just how powerful these causes were from the fact that, when the First Crusade was launched, half a million people set out for the East. The initial external impetus for this was the poor treatment of numerous pilgrims by the Saracens. Yet deeper causes lay at the root of it. There existed a rigid dogma to which people submitted. But those who do not understand how deeply people were devoted to religion with their hearts and souls in those days know nothing of the Middle Ages. A sermon could have a powerful effect on people if it struck the right chord. Many believed they would find help through such an undertaking; others sought to obtain forgiveness for their sins. From our modern perspective, it is difficult to form an accurate picture of this phenomenon of the Middle Ages; we are dealing here with many intangible causes.

[ 12 ] Nicht die Ursachen, sondern die Wirkungen der Kreuzzüge sind es, die von besonderer Bedeutung für die Weiterentwickelung geworden sind. Bald nach Beginn wurde eine dieser Wirkungen sichtbar: nämlich ein viel intimerer Austausch zwischen den einzelnen Ländern. Bisher war Deutschland im allgemeinen ziemlich unbekannt mit den romanischen Ländern geblieben; jetzt wurden sie durch die Waffenbrüderschaft einander nähergebracht. Auch die maurische Wissenschaft fand erst auf diesem Wege wirklichen Eingang. Vorher hatten Lehrstühle der Hochschulen nur in Spanien, Italien und Frankreich bestanden; in Deutschland wurden sie erst nach den Kreuzzügen errichtet. Erst jetzt kam der Einfluß wahrer Wissenschaft vom Osten. Dieser war bisher völlig verschlossen gewesen und bewahrte große Bildungsschätze in den Schriften der griechischen Klassiker. Gründlich genommen entstand erst durch die Berührung mit dem Osten eine Wissenschaft.

[ 12 ] It is not the causes, but rather the effects of the Crusades that have become particularly significant for subsequent developments. Soon after they began, one of these effects became apparent: namely, a much closer exchange between the individual countries. Until then, Germany had generally remained quite unfamiliar with the Romance-speaking countries; now, through the brotherhood of arms, they were brought closer together. Moorish scholarship, too, only truly gained a foothold through this channel. Previously, university chairs had existed only in Spain, Italy, and France; in Germany, they were not established until after the Crusades. It was only then that the influence of true scholarship from the East began to be felt. Until then, the East had been completely closed off and had preserved great treasures of learning in the writings of the Greek classics. Strictly speaking, scholarship only emerged through contact with the East.

[ 13 ] Der unbestimmte Drang religiöser Schwärmerei hatte eine bestimmte Form angenommen, war das geworden, was man mittelalterliche Wissenschaft nennt. Diese Wissenschaft möchte ich Ihnen ein wenig charakterisieren.

[ 13 ] The vague impulse toward religious fervor had taken on a specific form; it had become what is known as medieval science. I would like to describe this science to you briefly.

[ 14 ] Vor allen Dingen hatten sich zwei Denkweisen ausgebildet, die sich bemerkbar machten im wissenschaftlichen Leben des Mittelalters. Die Denkweise der Scholastik trennte sich in zwei Strömungen: Realismus und Nominalismus. Es ist ein scheinbar abstraktes Thema, wenn ich von Nominalismus und Realismus rede, aber für das Mittelalter und auch für die späteren Zeiten gewann dieser Streit eine tiefgreifende Bedeutung. Theologische und weltliche Wissenschafter teilten sich nach diesen zwei Lagern. Nominalisten heißt Namengläubige, Realisten sind diejenigen, die an das Wirkliche glauben. Realisten im Sinne des Mittelalters waren diejenigen, die an die Wirklichkeit des Gedankens glaubten, an einen realen Sinn der Welt. Sie nahmen an, daß die Welt einen Sinn hat, und nicht von ungefähr gebildet sei. Vom Standpunkt des Materialismus aus mag das als ein törichter Standpunkt angesehen werden; wer aber den Gedanken nicht für ein leeres Hirngespinst hält, muß zugeben, daß der Gedanke über ein Weltgesetz, den man sucht und in sich findet, auch eine Bedeutung für die Welt hat.

[ 14 ] Above all, two schools of thought had emerged that made their mark on scholarly life in the Middle Ages. Scholastic thought split into two currents: realism and nominalism. It may seem like an abstract topic when I speak of nominalism and realism, but for the Middle Ages—and indeed for later periods as well—this debate took on profound significance. Theological and secular scholars were divided into these two camps. Nominalists are those who believe in names, while realists are those who believe in reality. Realists, in the medieval sense, were those who believed in the reality of thought and in a real meaning to the world. They assumed that the world has a meaning and was not formed by chance. From the standpoint of materialism, this may be regarded as a foolish position; but anyone who does not consider thought to be an empty figment of the imagination must admit that the idea of a universal law—which one seeks and finds within oneself—also has significance for the world.

[ 15 ] Die Nominalisten waren diejenigen, die nicht glaubten, daß Gedanken etwas Wirkliches sind, die darin nur Namen, Zufälligkeiten sahen, Dinge von keiner Bedeutung. Alle, die glauben, in dem, was das menschliche Denken erreicht, nur blinde Zufälligkeiten zu sehen, wie Kant, auch Schopenhauer, der die Welt als Vorstellung auffaßt, bilden einen Ausfluß des mittelalterlichen Nominalismus.

[ 15 ] The nominalists were those who did not believe that thoughts are real; they saw in them only names, mere coincidences, things of no significance. All those who believe that what human thought achieves consists only of blind coincidences—such as Kant, and also Schopenhauer, who conceives of the world as a representation—are an offshoot of medieval nominalism.

[ 16 ] Diese Strömungen teilten das Heer der Mönche in zwei Lager. In so wichtigen Fragen ist es bemerkenswert, wie die Kirche keinen Zwang ausübte und, insofern es die Gelehrsamkeit betrifft, ruhig es gestatten konnte, daß man die Frage anschnitt, ob nicht die göttliche Dreieinigkeit auch bloß ein Name und somit nichts Wirkliches sei. Immerhin sehen Sie daraus eine große Freiheit der mittelalterlichen Kirche. Erst am Ende dieser Zeit beginnt man mit Ketzerverfolgungen, und es ist bezeichnend, daß der erste Ketzerrichter in Deutschland, Konrad von Marburg, vom Volke erschlagen wurde. Damals begann man erst damit, Meinungen zu verfolgen. Es ist dies ein wichtiger Umschwung. Wie frei vorher kirchliches Denken war, können Sie an dem großen Lehrer und Denker Albertus Magnus sehen. Er war ein ausgezeichneter Gelehrter, vertiefte sich in die gesamte Wissenschaft: kirchliche Gelehrsamkeit, arabisches Wissen, naturwissenschaftliches und physikalisches Denken sowie philosophisches beherrschte er; er wurde vom Volke als ein Zauberer aufgefaßt. Schroff stoßen aufeinander Gelehrsamkeit und Volksaberglaube, der ausgebeutet wird vom verweltlichten Klerus.

[ 16 ] These movements divided the monastic community into two camps. On such important matters, it is remarkable how the Church exercised no coercion and, as far as scholarship was concerned, was able to calmly allow the question to be raised as to whether the Holy Trinity might not be merely a name and thus not a reality. At any rate, you can see from this a great degree of freedom in the medieval Church. It was not until the end of this period that the persecution of heretics began, and it is significant that the first inquisitor in Germany, Konrad von Marburg, was killed by the people. It was only then that the persecution of opinions began. This marks an important turning point. You can see just how free ecclesiastical thought was beforehand in the great teacher and thinker Albertus Magnus. He was an outstanding scholar who delved deeply into all fields of knowledge: he mastered ecclesiastical scholarship, Arabic learning, the natural sciences, physics, and philosophy; yet the people regarded him as a sorcerer. Scholarly learning and popular superstition—which was exploited by the secularized clergy—clashed sharply.

[ 17 ] Jetzt kommen die Städte empor. In den Städten sehen wir ein mächtiges Bürgertum entstehen. Das Handwerk blüht und schließt sich in Zünften zusammen. Nicht mehr braucht sich der Handwerker unter der Bedrückung eines Grundherrn zu beugen, wie einst als Höriger. Bald schließen Könige und Fürsten Bündnisse mit den mittelalterlichen Städten. Kaiser Friedrich Barbarossa kämpfte jahrelang mit den norditalienischen Städten. Im Bürgertum entwikkelte sich ein starkes Freiheitsgefühl und der Sinn für den unmittelbaren persönlichen Wert. Wir sehen so auf der einen Seite auf dem Lande eine religiöse Gesinnung bei zunehmendem äußerem Druck; in den Städten ein freies Bürgertum, zwar an eine streng geregelte Zunftverfassung gebunden, doch gerade dadurch gedieh damals die Freiheit der Städte; auf dem Lande aber ein absterbendes Leben, Faustrecht und Roheit. Das Rittertum geriet nach den Kreuzzügen in ein in das Nichts führendes, leeres höfisches Leben. Die Ritter beschäftigten sich mit Fehde, Turnieren und Waffenkämpfen; ihre Sitten nahmen immer rohere Formen an. Besonders gewann der Minnedienst mit der Zeit die lächerlichsten Formen. Diejenigen Ritter, die dichten konnten, dichteten Strophen auf ihre Damen; die übrigen machten ihnen auf andere Weise den Hof. Eine große Unwissenheit war mit diesem Hofleben vereint. Die Männer waren fast alle ganz ungebildet; die Frauen mußten lesen und schreiben können. Die Frauen nahmen eine ganz eigentümliche Stellung ein; auf der einen Seite wurden sie vergöttert, auf der anderen geknechtet. Eine Art von Barbarei herrschte, ein zügelloses Leben, das dazu führte, daß das Gastrecht zur Entehrung der Frauen führte.

[ 17 ] Now the cities are rising. In the cities, we see a powerful bourgeoisie emerging. The crafts are flourishing and organizing themselves into guilds. The craftsman no longer needs to bow to the oppression of a feudal lord, as he once did as a serf. Soon, kings and princes formed alliances with the medieval cities. Emperor Frederick Barbarossa fought for years against the cities of northern Italy. Among the bourgeoisie, a strong sense of freedom and an appreciation for one’s own personal worth developed. Thus, on the one hand, we see in the countryside a religious mindset amid increasing external pressure; in the cities, a free bourgeoisie—admittedly bound by a strictly regulated guild system, yet it was precisely through this that the freedom of the cities flourished at that time; in the countryside, however, a withering way of life, the law of the jungle, and brutality. After the Crusades, the knighthood descended into an empty, courtly life leading nowhere. The knights occupied themselves with feuds, tournaments, and armed combat; their customs took on increasingly crude forms. In particular, the courtly love tradition took on the most ridiculous forms over time. Those knights who could write poetry composed verses for their ladies; the rest courted them in other ways. This courtly life was accompanied by profound ignorance. The men were almost all completely uneducated; the women, however, had to be able to read and write. Women occupied a very peculiar position; on the one hand, they were idolized; on the other, they were enslaved. A kind of barbarism prevailed—an unrestrained way of life that led to the right of hospitality being used to dishonor women.

[ 18 ] Währenddessen bereitet in den Städten sich das vor, was man später Kultur nennt. Es geschah dort, was geschehen mußte, denn Neues bildet sich dort heran, wo es die Möglichkeit hat, sich frei zu entfalten. Der wirkliche geistige Fortschritt findet dort statt, wo das wirtschaftliche Leben nicht beengt ist. Nicht dem materiellen Fortschritt entspringt das geistige Leben, sondern der wahre geistige Fortschritt findet sich dort, wo das wirtschaftliche Leben nicht bedrückt und eingeengt ist.

[ 18 ] Meanwhile, in the cities, the foundations were being laid for what would later be called culture. What had to happen happened there, for new things take shape where they have the opportunity to develop freely. True intellectual progress takes place where economic life is not constrained. Intellectual life does not spring from material progress; rather, true intellectual progress is found where economic life is not oppressed or restricted.

[ 19 ] So entstand in den Städten damals eine reiche Kultur; fast alles, was uns in den Werken der Malerei, der Baukunst, der Erfindungen geschenkt wurde, ist in dieser Zeit der Städtekultur zu danken. Einer solchen reichen italienischen Städtekultur entstammte auch Dante. Auch in Deutschland finden wir bedeutende geistige Leistungen unter dem Einfluß dieser Städtekultur. Zwar waren die ersten bedeutenden Dichter Ritter, wie Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg und so weiter, aber ohne den Rückhalt, den die Städte boten, wären diese Leistungen nicht möglich gewesen. In dieser Zeit, wo eine freie Luft in den Städten weht, entsteht auch das Universitätsleben. Zunächst mußte der Deutsche, wenn er höheres Wissen finden wollte, nach Italien, Frankreich und so weiter. Jetzt entstehen in Deutschland die ersten Universitäten, wie Prag 1348, Wien 1365, Heidelberg 1386. Das Freiheitswesen räumte auf mit dem mittelalterlichen Dünkel.

[ 19 ] Thus, a rich culture flourished in the cities of that time; almost everything we have been given in the fields of painting, architecture, and invention is attributable to this era of urban culture. Dante, too, emerged from such a rich Italian urban culture. In Germany, too, we find significant intellectual achievements influenced by this urban culture. Although the first major poets were knights—such as Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, and others—these achievements would not have been possible without the support provided by the cities. During this period, when a spirit of freedom prevailed in the cities, university life also began to take shape. Initially, Germans who sought higher learning had to travel to Italy, France, and elsewhere. Now the first universities were emerging in Germany, such as Prague in 1348, Vienna in 1365, and Heidelberg in 1386. The spirit of freedom did away with medieval arrogance.

[ 20 ] Der weltliche Klerus war wie die Fürsten in egoistische Interessenkämpfe verwickelt, und die Kirche hatte diesen Zug angenommen. Wer die Entwickelung verfolgt, wird verstehen, daß die neue geistige Strömung, die deutsche Mystik nur so entstehen konnte — in schroffer Opposition gegen den weltlichen Klerus. Besonders am Rhein entlang, in Köln, Straßburg, in Süddeutschland, breitete sich diese Bewegung aus, der Männer wie Eckhart, Tauler, Suso und so weiter angehörten. Sie hatten sich unabhängig gemacht von dem römischen Klerus; dafür wurden sie auch zu Ketzern erklärt und ihnen das Leben auf jede Weise erschwert. Ein Zug von Innerlichkeit geht durch ihre Schriften; sie hatten sich in das menschliche Herz zurückgezogen, um mit sich selbst ins klare zu kommen. Diese Mönche, die sich unabhängig gemacht hatten, sprachen zu dem Herzen des Volkes in seiner Sprache. Die deutsche Sprache wurde in einer Art veredelt, die man heute nicht begreift, wenn man nicht die Schriften liest eines Meisters Eckhart, Taulers oder des Verfassers der «Theologia deutsch». Die Schönheit der Sprache wurde durch die Mystik eingepflanzt, und die damaligen Übersetzungen übertrafen an Schönheit der Sprache weit die späteren. Diese Entwickelung der deutschen

[ 20 ] The secular clergy, like the princes, was embroiled in selfish power struggles, and the Church had adopted this attitude. Anyone who follows the course of events will understand that the new spiritual movement—German mysticism—could only have arisen in stark opposition to the secular clergy. This movement, to which men such as Eckhart, Tauler, Suso, and others belonged, spread particularly along the Rhine, in Cologne, Strasbourg, and in southern Germany. They had made themselves independent of the Roman clergy; for this, they were declared heretics, and their lives were made difficult in every way. A spirit of inwardness runs through their writings; they had withdrawn into the human heart to come to terms with themselves. These monks, who had broken away, spoke to the hearts of the people in their own language. The German language was ennobled in a way that is difficult to grasp today unless one reads the writings of a Meister Eckhart, Tauler, or the author of Theologia deutsch. The beauty of the language was imbued by mysticism, and the translations of that time far surpassed later ones in linguistic beauty. This development of the German

[ 21 ] Sprache wurde schroff unterbrochen dadurch, daß Luther die deutsche Bibel in der pedantischsten, philiströsesten damaligen Mundart schuf, aus der das jetzige Hochdeutsch geworden ist. Alles das geschah in Opposition gegen den Klerus. Was damals gewollt wurde, ist auf vielen Gebieten heute noch nicht erreicht. Ich habe Ihnen vieles anders geschildert, als Sie gewohnt sind zu hören. Es wird immer versichert, daß etwas Unerhörtes geschehen ist durch die Bibelübersetzung Luthers; Sie sehen aber, wie vorher viel Höheres erreicht war. Ich habe Ihnen ein Tableau für das, was in der Folgezeit uns beschäftigen wird, entworfen.

[ 21 ] Language was abruptly disrupted when Luther created the German Bible in the most pedantic, philistine dialect of the time, from which modern High German has evolved. All of this took place in opposition to the clergy. What was intended back then has still not been achieved in many areas today. I have described many things to you differently than you are accustomed to hearing. It is always claimed that something unprecedented happened as a result of Luther’s Bible translation; but you can see how much greater achievements had already been made beforehand. I have sketched out a framework for what will occupy us in the time to come.

[ 22 ] Wir nähern uns der Renaissancezeit. Die Konsolidierung der Verhältnisse, die sich vollzog, bestand im wesentlichen darin, daß immer größere Gebiete unter die Herrschaft der Landesfürsten gerieten. Auch ein großer Teil der mittelalterlichen Städtefreiheit wurde aufgesogen durch die Verfassung der großen Staaten, jedes Ding hat eben seine zwei Seiten. Den heutigen Menschen wird gewiß vieles abstoßen und es wird heute viel geredet über die Willkür, die damals herrschte. Die Freiheit hat selbstverständlich ihre Kehrseite, und es ist noch keine Freiheit, wenn man in der Willkür durch die Willkür anderer eingeschränkt ist.

[ 22 ] We are approaching the Renaissance period. The consolidation of power that took place essentially consisted of ever-larger territories coming under the rule of the princes. A large part of the medieval freedom of the cities was also absorbed by the constitutional structures of the large states; after all, every coin has two sides. People today will certainly find much of this repulsive, and there is much talk today about the arbitrariness that prevailed back then. Freedom, of course, has its downside, and it is not yet freedom if one is restricted by the arbitrariness of others.

[ 23 ] Eine Sprache konnte zum Beispiel in der Mitte des Mittelalters an den Universitäten gegen die Willkür der weltlichen Machthaber geführt werden, wie später vielleicht nur Fichte es getan hat. Die Dokumente der damaligen Universitäten bewahren uns die Worte der damaligen freien Geister. Heute ist nicht nur die weltliche Herrschaft, sondern auch die Wissenschaft verstaatlicht.

[ 23 ] For example, in the Middle Ages, a language could be used at universities to resist the arbitrariness of secular rulers—as perhaps only Fichte did later on. The documents from the universities of that time preserve for us the words of the free thinkers of that era. Today, not only secular rule but also scholarship has been nationalized.

[ 24 ] Ohne Licht und Schatten nach den Schlagworten der Gegenwart zu verteilen, habe ich Ihnen diese Zeiten geschildert. Ich suchte an den Punkten zu verweilen, wo wirklicher Fortschritt vorhanden ist. Wollen wir freie Menschen sein, müssen wir ein Herz haben für die, die vor uns nach Freiheit gestrebt haben. Wir müssen verstehen, daß auch andere Zeiten Menschen hatten, die etwas auf Freiheit gegeben haben.

[ 24 ] I have described these times to you without using the buzzwords of the present to paint a black-and-white picture. I sought to focus on the areas where real progress has been made. If we want to be free people, we must have compassion for those who strove for freedom before us. We must understand that other eras, too, had people who valued freedom.

[ 25 ] Geschichte ist die Entwickelungsgeschichte der Menschheit zur Freiheit, und wir müssen, um sie zu verstehen, die Freiheit in all ihren Gipfelpunkten studieren.

[ 25 ] History is the story of humanity’s journey toward freedom, and to understand it, we must study freedom in all its highest expressions.