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Über Philosophie Geschichte und Literatur
GA 51

20 Dezember 1904, Berlin

Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen VIII

[ 1 ] Wir stehen in der Mitte des Mittelalters und haben die Zeit des 11., 12., 13. und 14. Jahrhunderts zu betrachten. Diese Zeit ist bedeutungsvoll und wichtig, weil man in dieser Epoche das Entstehen von großen Reichen studieren kann. Auch im Altertum haben wir große Staatengebilde kennengelernt — Persien, Römisches Reich und so weiter —, aber sie liegen uns so fern, daß uns eine wirkliche, geschichtliche Beurteilung schwer ist. Im Mittelalter sehen wir aber aus kleinen Ursachen sich das entwickeln, was ein gemeinschaftliches Heer, Gericht, Verfassung hat, so gab es in Deutschland so etwas nicht. Diese Gegenden zerfielen noch im 13. und 14. Jahrhundert in einzelne getrennte Gebiete.

[ 2 ] Erst unter Heinrich III. geschieht etwas, was beiträgt zu einer Einigung der Reichsgebiete, indem es dem Kaiser gelang, die einzelnen Stammesherzöge zu einer Art von kaiserlichen Beamten zu machen. Vorher waren sie souverän hervorgegangen aus der Stammeseigentümlichkeit; jetzt waren sie geworden was man Ministeriale nennt, Dienstmannen des Kaisers. Allmählich geschah eine Gleichstellung der niederen Lehensleute, die aus Freien auch zu Dienstleuten geworden waren, mit den Ministerialen. Sie bildeten mit der Zeit das heraus, was man den niederen Adel nennt, aus dem sich der Ritterstand rekrutierte, der Stand, der in den Kreuzzügen eine so große Rolle spielte. Auch schon unter der Regierung Heinrichs IV. spielte der Ritterstand eine große Rolle.

[ 3 ] Als Gregor VII. den Kaiser in den Bann tat, hielten die deutschen Fürsten nur teilweise zum Kaiser, während andere unter dem Einfluß des Papstes verschiedene Gegenkönige wählten. Wichtig sind alle diese Kämpfe nicht; wichtig aber ist es, daß der Ritterstand durch diese verschiedenen Streitigkeiten eine besondere Bedeutung erhielt. Ritter und Städte wurden bald vom Papst, bald vom König geködert. Fortwährende Fehden und Kriege herrschten; die Roheit nahm immer mehr zu. Bei den Plünderungszügen hatte der Bauernstand schwer zu leiden. Die letzten freien Bauern konnten sich nicht mehr halten und wurden aufgesogen von den Herren und Herzögen und diese wieder von den Königen. Aus diesem unerquicklichen Prozeß sehen wir hervorgehen, was wir als das «Reich» kennen.

[ 4 ] Hierbei war kein Unterschied zwischen weltlichen und geistlichen Fürsten; groß aber war der Unterschied zwischen dem verweltlichten Klerus, und dem in den Klöstern. Der von den Bischöfen regierte Klerus war meist ungebildet, konnte nicht lesen und schreiben, verbauerte und beutete seine Lehensleute aus. Der Bischof beschäftigte sich mit der Verwaltung seiner Güter und war ebenso ungebildet wie Ritter- und Bauernstand; nichts von dem, was wir heute Bildung nennen können, war vorhanden. So war es möglich, von Rom aus die politische Lage der Kirche immer mehr zu befestigen.

[ 5 ] Anders war es in den Klöstern. Hier wurde viel gearbeitet von Männern und Frauen. Tiefe Gelehrsamkeit war hier zu finden; alle Bildung der damaligen Zeit ist lediglich von den Klöstern ausgegangen. Sie ließen sich auch in bezug darauf nicht abhängig machen von der politischen Macht Roms, die auf der weltlichen Macht des Klerus ruhte. Was von Rom aus geschah, ist in der verschiedensten Weise zu beurteilen. Es sollte ein gewisser Kampf geführt werden gegen die Roheit, gegen das Faustrecht der deutschen Völker. Eifer für die geistigen Güter, der Wunsch, die Gewalt mittelalterlichen Denkens über die Welt auszubreiten war es, was von Rom aus gewollt wurde. Jedenfalls ging ein besserer Wille von Rom aus als von den deutschen Fürsten. In diesem Sinne muß man auffassen, was Gregor VI. wollte, als er die Ehelosigkeit forderte, und als er nicht dulden wollte, daß weltliche Fürstenmacht einen Einfluß auf die Besetzung der Bistümer sich anmaße: es war eine Opposition gegen die überhandnehmende Roheit in den deutschen Ländern. So waren die Kämpfe Heinrichs IV. mit den Sachsen nicht nur fast ebenso blutig, wie einst die Kriege Karls des Großen gegen die Sachsen, sondern sie wurden mit ganz besonderer Hintansetzung von Treu und Glauben geführt.

[ 6 ] Durch alle diese Kämpfe wurde der Wohlstand immer mehr zerrüttet. Aus den Stürmen der Zeit entstand ein tiefreligiöser Zug, der sich bis zur Schwärmerei steigerte, wie ich es Ihnen bei dem Jahre 1000 schilderte. Diese religiöse Schwärmerei trieb immer wieder die Menge zu Zügen nach dem Morgenland.

[ 7 ] Ursprünglich hatte die christliche Religion kein Festhalten an irgendein Dogma gekannt. Auf den Ideengehalt war es angekommen, nicht auf die äußere Einkleidung. Sie haben gesehen, wie im Heliand die Christus-Idee in freier Weise ausgestaltet wurde, wie der Dichter dabei für seine Landsleute das Christus-Leben in altsächsische Verhältnisse verlegte. Er faßte die Äußerlichkeiten dabei ganz frei auf, die ganz ebensogut bei uns in Deutschland, wie in Palästina sich ereignen konnten.

[ 8 ] Unter den sich immer mehr veräußerlichenden Verhältnissen wurde für die Kirche die äußere Gestaltung des Glaubens eine Lebensfrage. Sie konnte nicht mehr den Stämmen überlassen, wie sie Christus auffassen wollten. Als Seitenstück der politischen Macht trat ein, daß auch die Dogmen fest und starr wurden.

[ 9 ] Die Fürsten versuchten die weltliche Macht der Kirche in ihrem Interesse zu verwenden; die Bischofsstühle wurden mit jüngeren Brüdern besetzt, die körperlich oder geistig zu anderem unbrauchbar erschienen. Ganz allmählich änderten sich so die Verhältnisse und die alte Zeit wuchs in eine neue hinein.

[ 10 ] So entstehen nun die Kreuzzüge, die wir nur psychologisch aus der Stimmung, die das Mittelalter beherrschte, verstehen können. Die vorhandene religiöse Schwärmerei bewirkte, daß es dem Papst ein Leichtes war, durch eigene Agenten wie Peter von Amiens und andere die Menschen zu den Kreuzzügen aufzustacheln. Dazu kam, daß eine große Anzahl von Leuten völlig mittellos geworden war. So waren es nicht nur religiöse Beweggründe, die mitwirkten. Immer mehr Freie waren zu Hörigen geworden; andere hatten ihr Besitztum verlassen müssen und waren fahrende Leute geworden, die nichts hatten, als was sie auf dem Leibe trugen. Unter diesen fahrenden Leuten, die allen Ständen entstammten, auch dem Adel, war eine große Menge, die nichts zu tun hatte und zu jeder Unternehmung bereit war, auch zum Kreuzzug.

[ 11 ] So kommen wir dazu zu verstehen, daß eine große Anzahl von Faktoren tätig war: religiöse Schwärmerei, starres Dogma und materielle Bedrückung. Wie stark diese Ursachen wirkten, sehen wir daraus, daß, als der erste Kreuzzug zustande kam, es eine halbe Million Leute waren, die nach dem Morgenlande zogen. Den ersten äußeren Anstoß dazu hatte die schlechte Behandlung der zahlreichen Pilger durch die Sarazenen gegeben. Doch lagen tiefere Ursachen dem zugrunde. Ein starres Dogma, dem die Menschen sich unterwarfen, war vorhanden. Doch die wissen nichts vom Mittelalter, die nicht verstehen, wie damals die Menschen mit Herz und Seele an der Religion hingen. Eine Predigt wirkte zündend auf die Leute, wenn sie das rechte Wort traf. Viele glaubten durch solche Tat Hilfe zu finden; andere suchten Vergebung ihrer Sünden zu erlangen. Aus unserer heutigen Anschauung erhält man kein rechtes Bild dieser Erscheinung des Mittelalters, man hat es hier mit vielen ungreifbaren Ursachen zu tun.

[ 12 ] Nicht die Ursachen, sondern die Wirkungen der Kreuzzüge sind es, die von besonderer Bedeutung für die Weiterentwickelung geworden sind. Bald nach Beginn wurde eine dieser Wirkungen sichtbar: nämlich ein viel intimerer Austausch zwischen den einzelnen Ländern. Bisher war Deutschland im allgemeinen ziemlich unbekannt mit den romanischen Ländern geblieben; jetzt wurden sie durch die Waffenbrüderschaft einander nähergebracht. Auch die maurische Wissenschaft fand erst auf diesem Wege wirklichen Eingang. Vorher hatten Lehrstühle der Hochschulen nur in Spanien, Italien und Frankreich bestanden; in Deutschland wurden sie erst nach den Kreuzzügen errichtet. Erst jetzt kam der Einfluß wahrer Wissenschaft vom Osten. Dieser war bisher völlig verschlossen gewesen und bewahrte große Bildungsschätze in den Schriften der griechischen Klassiker. Gründlich genommen entstand erst durch die Berührung mit dem Osten eine Wissenschaft.

[ 13 ] Der unbestimmte Drang religiöser Schwärmerei hatte eine bestimmte Form angenommen, war das geworden, was man mittelalterliche Wissenschaft nennt. Diese Wissenschaft möchte ich Ihnen ein wenig charakterisieren.

[ 14 ] Vor allen Dingen hatten sich zwei Denkweisen ausgebildet, die sich bemerkbar machten im wissenschaftlichen Leben des Mittelalters. Die Denkweise der Scholastik trennte sich in zwei Strömungen: Realismus und Nominalismus. Es ist ein scheinbar abstraktes Thema, wenn ich von Nominalismus und Realismus rede, aber für das Mittelalter und auch für die späteren Zeiten gewann dieser Streit eine tiefgreifende Bedeutung. Theologische und weltliche Wissenschafter teilten sich nach diesen zwei Lagern. Nominalisten heißt Namengläubige, Realisten sind diejenigen, die an das Wirkliche glauben. Realisten im Sinne des Mittelalters waren diejenigen, die an die Wirklichkeit des Gedankens glaubten, an einen realen Sinn der Welt. Sie nahmen an, daß die Welt einen Sinn hat, und nicht von ungefähr gebildet sei. Vom Standpunkt des Materialismus aus mag das als ein törichter Standpunkt angesehen werden; wer aber den Gedanken nicht für ein leeres Hirngespinst hält, muß zugeben, daß der Gedanke über ein Weltgesetz, den man sucht und in sich findet, auch eine Bedeutung für die Welt hat.

[ 15 ] Die Nominalisten waren diejenigen, die nicht glaubten, daß Gedanken etwas Wirkliches sind, die darin nur Namen, Zufälligkeiten sahen, Dinge von keiner Bedeutung. Alle, die glauben, in dem, was das menschliche Denken erreicht, nur blinde Zufälligkeiten zu sehen, wie Kant, auch Schopenhauer, der die Welt als Vorstellung auffaßt, bilden einen Ausfluß des mittelalterlichen Nominalismus.

[ 16 ] Diese Strömungen teilten das Heer der Mönche in zwei Lager. In so wichtigen Fragen ist es bemerkenswert, wie die Kirche keinen Zwang ausübte und, insofern es die Gelehrsamkeit betrifft, ruhig es gestatten konnte, daß man die Frage anschnitt, ob nicht die göttliche Dreieinigkeit auch bloß ein Name und somit nichts Wirkliches sei. Immerhin sehen Sie daraus eine große Freiheit der mittelalterlichen Kirche. Erst am Ende dieser Zeit beginnt man mit Ketzerverfolgungen, und es ist bezeichnend, daß der erste Ketzerrichter in Deutschland, Konrad von Marburg, vom Volke erschlagen wurde. Damals begann man erst damit, Meinungen zu verfolgen. Es ist dies ein wichtiger Umschwung. Wie frei vorher kirchliches Denken war, können Sie an dem großen Lehrer und Denker Albertus Magnus sehen. Er war ein ausgezeichneter Gelehrter, vertiefte sich in die gesamte Wissenschaft: kirchliche Gelehrsamkeit, arabisches Wissen, naturwissenschaftliches und physikalisches Denken sowie philosophisches beherrschte er; er wurde vom Volke als ein Zauberer aufgefaßt. Schroff stoßen aufeinander Gelehrsamkeit und Volksaberglaube, der ausgebeutet wird vom verweltlichten Klerus.

[ 17 ] Jetzt kommen die Städte empor. In den Städten sehen wir ein mächtiges Bürgertum entstehen. Das Handwerk blüht und schließt sich in Zünften zusammen. Nicht mehr braucht sich der Handwerker unter der Bedrückung eines Grundherrn zu beugen, wie einst als Höriger. Bald schließen Könige und Fürsten Bündnisse mit den mittelalterlichen Städten. Kaiser Friedrich Barbarossa kämpfte jahrelang mit den norditalienischen Städten. Im Bürgertum entwikkelte sich ein starkes Freiheitsgefühl und der Sinn für den unmittelbaren persönlichen Wert. Wir sehen so auf der einen Seite auf dem Lande eine religiöse Gesinnung bei zunehmendem äußerem Druck; in den Städten ein freies Bürgertum, zwar an eine streng geregelte Zunftverfassung gebunden, doch gerade dadurch gedieh damals die Freiheit der Städte; auf dem Lande aber ein absterbendes Leben, Faustrecht und Roheit. Das Rittertum geriet nach den Kreuzzügen in ein in das Nichts führendes, leeres höfisches Leben. Die Ritter beschäftigten sich mit Fehde, Turnieren und Waffenkämpfen; ihre Sitten nahmen immer rohere Formen an. Besonders gewann der Minnedienst mit der Zeit die lächerlichsten Formen. Diejenigen Ritter, die dichten konnten, dichteten Strophen auf ihre Damen; die übrigen machten ihnen auf andere Weise den Hof. Eine große Unwissenheit war mit diesem Hofleben vereint. Die Männer waren fast alle ganz ungebildet; die Frauen mußten lesen und schreiben können. Die Frauen nahmen eine ganz eigentümliche Stellung ein; auf der einen Seite wurden sie vergöttert, auf der anderen geknechtet. Eine Art von Barbarei herrschte, ein zügelloses Leben, das dazu führte, daß das Gastrecht zur Entehrung der Frauen führte.

[ 18 ] Währenddessen bereitet in den Städten sich das vor, was man später Kultur nennt. Es geschah dort, was geschehen mußte, denn Neues bildet sich dort heran, wo es die Möglichkeit hat, sich frei zu entfalten. Der wirkliche geistige Fortschritt findet dort statt, wo das wirtschaftliche Leben nicht beengt ist. Nicht dem materiellen Fortschritt entspringt das geistige Leben, sondern der wahre geistige Fortschritt findet sich dort, wo das wirtschaftliche Leben nicht bedrückt und eingeengt ist.

[ 19 ] So entstand in den Städten damals eine reiche Kultur; fast alles, was uns in den Werken der Malerei, der Baukunst, der Erfindungen geschenkt wurde, ist in dieser Zeit der Städtekultur zu danken. Einer solchen reichen italienischen Städtekultur entstammte auch Dante. Auch in Deutschland finden wir bedeutende geistige Leistungen unter dem Einfluß dieser Städtekultur. Zwar waren die ersten bedeutenden Dichter Ritter, wie Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg und so weiter, aber ohne den Rückhalt, den die Städte boten, wären diese Leistungen nicht möglich gewesen. In dieser Zeit, wo eine freie Luft in den Städten weht, entsteht auch das Universitätsleben. Zunächst mußte der Deutsche, wenn er höheres Wissen finden wollte, nach Italien, Frankreich und so weiter. Jetzt entstehen in Deutschland die ersten Universitäten, wie Prag 1348, Wien 1365, Heidelberg 1386. Das Freiheitswesen räumte auf mit dem mittelalterlichen Dünkel.

[ 20 ] Der weltliche Klerus war wie die Fürsten in egoistische Interessenkämpfe verwickelt, und die Kirche hatte diesen Zug angenommen. Wer die Entwickelung verfolgt, wird verstehen, daß die neue geistige Strömung, die deutsche Mystik nur so entstehen konnte — in schroffer Opposition gegen den weltlichen Klerus. Besonders am Rhein entlang, in Köln, Straßburg, in Süddeutschland, breitete sich diese Bewegung aus, der Männer wie Eckhart, Tauler, Suso und so weiter angehörten. Sie hatten sich unabhängig gemacht von dem römischen Klerus; dafür wurden sie auch zu Ketzern erklärt und ihnen das Leben auf jede Weise erschwert. Ein Zug von Innerlichkeit geht durch ihre Schriften; sie hatten sich in das menschliche Herz zurückgezogen, um mit sich selbst ins klare zu kommen. Diese Mönche, die sich unabhängig gemacht hatten, sprachen zu dem Herzen des Volkes in seiner Sprache. Die deutsche Sprache wurde in einer Art veredelt, die man heute nicht begreift, wenn man nicht die Schriften liest eines Meisters Eckhart, Taulers oder des Verfassers der «Theologia deutsch». Die Schönheit der Sprache wurde durch die Mystik eingepflanzt, und die damaligen Übersetzungen übertrafen an Schönheit der Sprache weit die späteren. Diese Entwickelung der deutschen

[ 21 ] Sprache wurde schroff unterbrochen dadurch, daß Luther die deutsche Bibel in der pedantischsten, philiströsesten damaligen Mundart schuf, aus der das jetzige Hochdeutsch geworden ist. Alles das geschah in Opposition gegen den Klerus. Was damals gewollt wurde, ist auf vielen Gebieten heute noch nicht erreicht. Ich habe Ihnen vieles anders geschildert, als Sie gewohnt sind zu hören. Es wird immer versichert, daß etwas Unerhörtes geschehen ist durch die Bibelübersetzung Luthers; Sie sehen aber, wie vorher viel Höheres erreicht war. Ich habe Ihnen ein Tableau für das, was in der Folgezeit uns beschäftigen wird, entworfen.

[ 22 ] Wir nähern uns der Renaissancezeit. Die Konsolidierung der Verhältnisse, die sich vollzog, bestand im wesentlichen darin, daß immer größere Gebiete unter die Herrschaft der Landesfürsten gerieten. Auch ein großer Teil der mittelalterlichen Städtefreiheit wurde aufgesogen durch die Verfassung der großen Staaten, jedes Ding hat eben seine zwei Seiten. Den heutigen Menschen wird gewiß vieles abstoßen und es wird heute viel geredet über die Willkür, die damals herrschte. Die Freiheit hat selbstverständlich ihre Kehrseite, und es ist noch keine Freiheit, wenn man in der Willkür durch die Willkür anderer eingeschränkt ist.

[ 23 ] Eine Sprache konnte zum Beispiel in der Mitte des Mittelalters an den Universitäten gegen die Willkür der weltlichen Machthaber geführt werden, wie später vielleicht nur Fichte es getan hat. Die Dokumente der damaligen Universitäten bewahren uns die Worte der damaligen freien Geister. Heute ist nicht nur die weltliche Herrschaft, sondern auch die Wissenschaft verstaatlicht.

[ 24 ] Ohne Licht und Schatten nach den Schlagworten der Gegenwart zu verteilen, habe ich Ihnen diese Zeiten geschildert. Ich suchte an den Punkten zu verweilen, wo wirklicher Fortschritt vorhanden ist. Wollen wir freie Menschen sein, müssen wir ein Herz haben für die, die vor uns nach Freiheit gestrebt haben. Wir müssen verstehen, daß auch andere Zeiten Menschen hatten, die etwas auf Freiheit gegeben haben.

[ 25 ] Geschichte ist die Entwickelungsgeschichte der Menschheit zur Freiheit, und wir müssen, um sie zu verstehen, die Freiheit in all ihren Gipfelpunkten studieren.