Über Philosophie Geschichte und Literatur
GA 51
28 Dezember 1904, Berlin
Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen IX
[ 1 ] Wie sich das Leben des Mittelalters in den Städten herangebildet hat, haben wir gesehen.
[ 2 ] Wir sind bis dahin gekommen, wo das öffentliche Leben sich hauptsächlich in dem Leben der Städte abspielt. Ursprünglich war die Veranlassung zur Ansiedelung in den Städten die Bedrückung der Landleute und die Ausbreitung des Handelswesens.
[ 3 ] Wir haben gesehen, wie diejenigen, welche ihren Bedrükkern entflohen oder sich dem Handel gewidmet hatten, sich entweder in einem Bischofssitz oder an einer anderen Stätte mittelalterlicher Macht ansiedelten. Zunächst befand sich der Teil der Bevölkerung, welcher die Städte bewohnte, nicht in einer angenehmen Lage; sie mußten ihrem früheren Gutsherrn Abgaben zahlen, Waffen, Kleider und so weiter liefern. Diejenigen, die in die Städte gezogen waren und sich dem Handel gewidmet hatten, sowie die, welche königliche, bischöfliche oder sonstige Beamte waren, bildeten zunächst die eigentlich freien bevorzugten Stände. Aber mehr und mehr wurden die Vorrechte der Beamten und der Kaufleute, die das Patriziat bildeten, den Bevorrechteten abgenommen von denen, die bedrückt lebten. Am Rhein in Süddeutschland wurde diese Gleichberechtigung im 13. und 14. Jahrhundert errungen. Könige und Kaiser rechneten damit.
[ 4 ] Früher hatten die herumziehenden Könige bald hier bald dort Hof gehalten, nun ließen sie sich in den Städten nieder. Die Herrscher mußten rechnen mit den Städten, sie fanden in ihnen Grund zu eigener Machtentfaltung. Daher wurden den Städten gewisse Rechte übertragen, Gerichtsbarkeit, Münzrecht und so weiter. Auf diese Weise wuchs ihre Macht immer mehr. Ein demokratisches Element bildete sich dadurch jetzt in Deutschland. Früher hatte der Grundadel, der Feudaladel der Zeit ihr bestimmtes Gepräge gegeben. Statt dessen ist jetzt etwas Neues aufgekommen. Immer mehr wurden in den Städten die Vorrechte beseitigt. Statt allgemeine Betrachtungen anzustellen, wollen wir uns zu bestimmten Beispielen wenden. Köln war schon lange eine wichtige Handelsstadt, Sitz eines mächtigen Klerus; auch auf geistigem Gebiete wurden ja die Städte zu einer Macht. Dort hatte der untergeordnete Stand sich bald Gleichberechtigung mit dem Patriziat, eine Art von Verfassung erworben, das Eidbuch, in dem verzeichnet war, was jeder einzelne für Rechte hatte. Zusammengeschlossen hatten sich die Zünfte, von denen es in Köln zweiundzwanzig gab, die vor dem 14. Jahrhundert auch hier von den Patriziern abhängig waren. Jetzt, im Jahre 1321, eroberten diese die Gleichberechtigung.
[ 5 ] Der Stadtrat wurde nicht nur aus Patriziern zusammengesetzt, sondern die Mitglieder der Zünfte hatten gleiches Wahlrecht. Um diesen Rat möglichst demokratisch zu gestalten, sollten die Mitglieder immer nur auf eine halbes Jahr gewählt werden und nachher auf drei Jahre nicht wählbar sein. Mit der Durchführung des demokratischen Prinzips wuchs auch das Interesse des einzelnen Bürgers am Aufblühen der Städte. Noch bis ins 12. Jahrhundert waren solche Städte nicht viel anderes als schmutzige Dörfer mit strohgedeckten Häusern. Aber wir sehen sie in wenigen Jahren in ganz auffallender Weise wachsen. Jeder Mann ist jetzt Bürger und mit der Teilnahme des Einzelnen wächst das Ansehen und die Schönheit der Stadt.
[ 6 ] Was die Städte angaben, wirkte bestimmend auch auf die ganze hohe Politik. Was konnte Städte wie Hamburg, Lübeck, Köln politisch interessieren, wie es früher die Könige und Herzöge draußen trieben? Als die Städte anfingen Politik zu treiben, geschah es nach städtischer Weise. Weite Gebiete verbündeten sich zur Wahrung ihrer städtischen Interessen. Solche mächtigen Städtebündnisse bildeten sich zuerst in Norddeutschland, später schlossen die norditalienischen Städte ebensolche Bündnisse. Die deutschen Städte erlangten auch weithin im Ausland bedeutenden Einfluß; in Bergen, in London hatten sie ihr mächtiges Gildehaus.
[ 7 ] Wie sich die Fürsten entschließen mußten, den Städten das Recht zu solcher Politik zuzusprechen, so wurden die Städte auch allmählich der Mittelpunkt einer neuen Kultur. Allerdings einer materiellen Kultur, die aber zur Besiedlung weiter Gebiete führte. Neue Kulturzentren bildeten sich, in denen ein lebhafter Handel mit den nördlichen Ländern, besonders mit Rußland blühte; das sagenhafte Vineta war ein solcher Handelsplatz. Wir sehen, wie die Handelspolitik sich entwickelt, mächtige Handelsstraßen entstehen, den Rhein entlang, durch Nordund Mitteldeutschland, mit wichtigen Handelsstädten wie Magdeburg, Hildesheim, Erfurt, Breslau und so weiter. Aus diesen Städtebündnissen ging das hervor, was man die Hansa nennt. Im Lauf der Zeit war es nötig geworden, nicht nur Handels-, sondern auch Kriegspolitik zu treiben. Im Hintergrunde lauerten Feinde, die Ritter und Herzöge, die neidisch die Entwickelung der Städte verfolgten. Die Städte mußten sich mit Mauern umgeben und sich gegen ihre Feinde verteidigen. So wurden sie immer mehr mächtige Kulturstätten, auch Mittelpunkte des geistigen Lebens. Was in jener Zeit geistiges Leben in sich spürte, zieht sich in den Städten zusammen. Auch die Kunst erblüht in den mittelalterlichen Städten unter dem Einfluß des freien Bürgertums. In Venedig wird die Halle der Tuchmacher durch 7izian gemalt.
[ 8 ] Auch eine neue Form der Kriegsführung entstand. Durch die Anwendung des Pulvers, dessen Gebrauch schon früher im Orient bekannt war, aber erst jetzt für Europa neu gefunden wurde, entsteht eine neue, die demokratische Form des Kampfes gegenüber dem Einzelkampf der geharnischten Ritter. Die Anwendung des Schießpulvers bildet sich immer weiter aus. Erst waren es ungeschlachte Donnerbüchsen und Mörser, aber bald wurden vollkommenere Waffen besonders durch Kaspar Zöllner in Wien erfunden.
[ 9 ] Was sich namentlich in den Städten im Zusammenhang mit dem Geiste kirchlichen Lebens entwickelte, ist für den Kulturfortschritt von besonderer Wichtigkeit. Wir haben gesehen, wie die höchste Ekstase der religiösen Schwärmerei in den Kreuzzügen sich darstellt. Wir haben gesehen, wie namentlich am Rhein die deutsche Mystik aufblüht, wie die Brüder des gemeinsamen Lebens eine tiefe Frömmigkeit ganz unabhängig von Rom pflegen. Zwei verschiedene Zeitströmungen treten uns jetzt entgegen: auf der einen Seite ist der Bürger bedacht auf Erhöhung des materiellen Lebens, auf der anderen Seite sehen wir hier ein ins Innere gerichtetes geistiges Leben. Im frühen Mittelalter ist materielles und geistiges Leben eng ineinander verschlungen, das Gedeihen seiner Früchte wie sein religiöses Empfinden glaubt der Landmann durch die Kirche gefördert und gesegnet. Jetzt, wo persönliche Tüchtigkeit in den Vordergrund trat, spalteten sich diese Richtungen.
[ 10 ] Der eigentümliche Baustil des Mittelalters, den man fälschlich den gotischen nennt, kam aus Südfrankreich, entstammte Gegenden, wo solche frommen Ketzer lebten wie die Katharer, die Waldenser, die bestrebt waren, das innere Leben zu vertiefen und mit dem üppigen Leben der Bischöfe und des Klerus zu brechen. Ein eigentümliches geistiges Leben breitet sich von dorther aus; die deutsche Mystik wird stark davon beeinflußt.
[ 11 ] Welch tiefen Einfluß diese Gesinnung auch auf die äußere Gestalt dieser Kirchen hatte, geht daraus hervor, daß alle diese gotischen Münster einen mystischen Schmuck besaßen in den wunderbaren Glasmalereien. Diese Kunst, die im 17. Jahrhundert vollständig verlorengegangen ist, war nicht artistische Allegorie, sondern die Sinnbilder, die dort eingemalt waren, übten wirklich einen mystischen Einfluß aus auf die Menge, wenn der Sonnenschein durch sie hereinschien in die dämmerigen hohen Kirchen. Eng bedingt war diese Bauart aus den Verhältnissen der mittelalterlichen Städte, gotisch war auch das Rathaus, das Gildehaus. Die Stadt, die von Mauern umgeben war, war darauf angewiesen, sich innerhalb dieser Mauern zu vergrößern, der romanische Baustil reichte dazu nicht aus. So entstanden die hochaufstrebenden gotischen Kirchen, ein Ausdruck zugleich der Innerlichkeit des damaligen Lebens; die Totentänze, die sie häufig schmücken, führten die Vergänglichkeit alles Irdischen vor Augen.
[ 12 ] In der Sorge für die Reinlichkeit und Schönheit ihrer Stadt finden die Bürger eine vornehme Form, ihren Namen im Gedächtnis ihrer Mitbürger zu erhalten. Besonders werden überall schöne Brunnen errichtet. Wir sehen, daß damals etwas entsteht, was im Mittelalter besondere Bedeutung erlangte, die öffentlichen Bäder, die in keiner Stadt fehlten. Im späteren Mittelalter gaben diese Bäder Anlaß zu moralischen Ausschreitungen und wurden aus diesem Grunde vom Protestantismus ausgerottet. Doch dieser Bürgersinn ging noch weiter, er griff in das öffentliche Leben ein, indem er Wohltätigkeitsanstalten schuf, die heute noch als Muster gelten können. Und diese Wohltätigkeitsanstalten wurden auch dringend nötig, denn im 14. Jahrhundert wurde Europa von schweren Plagen heimgesucht, von Hungersnöten, dem Aussatz, der Pest oder, wie man es damals nannte, «dem schwarzen Tod». Aber der mittelalterliche Mensch wußte dem zu begegnen. Siechenhäuser, Spitäler, Pfrundhäuser entstanden allerwärts und auch für die Fremden wurde gesorgt durch die sogenannten Elendsherbergen. Elend war damals gleichbedeutend mit fremd und hat erst später eine andere Bedeutung erlangt.
[ 13 ] Neben diesen lichten Seiten des mittelalterlichen Lebens gab es natürlich auch manche dunkle. Vor allem die harte Behandlung aller derjenigen, die nicht zu einer festen Gemeinschaft gehörten. Sie waren ausgestoßen, etwas für das die Städte nicht aufkamen. Alle die nicht zur Zunft gehörten, mußten eine schlechte Behandlung erleiden. Vor allem die «fahrenden Leute». Der Name «unehrliche Leute» entstand damals, eine furchtbare Bezeichnung für die fahrenden Leute. Zu den unehrlichen Leuten wurden die verschiedensten Berufe gerechnet, Schauspieler, Gaukler, Schäfer und so weiter. Ihnen war der Zutritt zu den Zünften verschlossen, sie durften sich nirgends zeigen, ohne Gefahr zu laufen, gequält zu werden. Ebenso erging es den Juden. Das Vorurteil gegen diese ist nicht sehr alt. Im frühen Mittelalter finden wir viele Juden als Gelehrte anerkannt. In späterer Zeit kamen sie dem Geldbedürfnis der Fürsten und Ritter entgegen. Durch die eigentümlichen Verhältnisse des Mittelalters gelangten sie zu der Stellung des Geldverleihers, der zwischen Handel und Wucher stand und ihnen Haß eintrug. Doch verschaffte ihnen die Geldnot der Könige immer wieder gewisse Rechte; diese Tätigkeit trug ihnen den seltsamen Namen Königliche Kammerknechte ein. Eine andere Schattenseite bildete das Gerichtswesen, das notwendig mit dem Mittelalter heraufgezogene Strafrecht. In früheren Zeiten war Recht wirklich mit Rache verwandt, entweder sollte ein Schaden wieder gutgemacht werden, oder es sollte eben Rache genommen werden. Der Begriff der Strafe war nicht vorhanden, er kam erst jetzt herauf. Römische Rechtsbegriffe bürgerten sich ein. Die Gerichtsgewalt war ein wertvolles Vorrecht einer Stadt und die Bürger waren nicht nur stolz auf ihre Kirchen und Mauern, sondern auch auf ihr Hochgericht. Oft wurden wegen der geringfügigsten Ursachen die härtesten Strafen verhängt.
[ 14 ] So steht das 15. und 16. Jahrhundert des mittelalterlichen Lebens unter dem Einfluß des städtischen Lebens. Eine andere Strömung ging daneben her. Was wir heute als große Politik verstehen, hing mit dieser anderen Strömung zusammen. Es ist dies die Bewegung, die man als die der Ketzer oder Katharer bezeichnet. Welchen Umfang diese angenommen hat, können Sie ermessen, wenn Sie sich die Tatsache vorhalten, daß es in Italien im 13. Jahrhundert mehr Ketzer als Rechtgläubige gab.
[ 15 ] Hier lag auch der eigentliche Konflikt, der zu den Kreuzzügen führte. Als auf der Kirchenversammlung zu Clermont 1095 der Beschluß zu ihnen gefaßt worden war, war es nicht nur Gesindel, nein, es waren auch anständige Leute, die sich in ungeordneten Scharen unter Peter von Amiens und dem Ritter Walter von Habenichts auf den Weg nach dem gelobten Lande machten. Ein päpstliches Unternehmen war es, es war nicht lediglich hervorgegangen aus Begeisterung. Es handelte sich um die Bedrängung des päpstlichen Einflusses durch die Ketzer. Das Bestreben des Papstes war, was auch wirklich erfolgte, so einen Abfluß für die Ketzer zu schaffen.
[ 16 ] Im ersten richtigen Kreuzzuge waren es großenteils Ketzer, die sich aufmachten. Das geht auch aus der Person des Führers hervor. Gottfried von Bouillon war von entschieden antipäpstlicher Gesinnung, wie aus seinem Vorleben hervorgeht. Denn als auf Betreiben des Papstes Gregor gegen Heinrich IV. ein Gegenkönig in der Person des Herzogs Rudolf von Schwaben aufgestellt wurde, kämpfte Gottfried von Bouillon auf der Seite des Kaisers Heinrich und tötete Rudolf von Schwaben. Man muß sehen, um was es sich für ihn handelte, was aber nicht zur Ausführung kam: in Jerusalem ein Anti-Rom zu gründen. Deshalb nannte er sich auch nur «Beschützer des heiligen Grabes» und suchte in anspruchsloser Bescheidenheit in Jerusalem die Fahne des antirömischen Christentums aufzurichten. Nach den Kreuzzügen ist dann aus den Vertretern solcher Anschauungen die ghibellinische Partei entstanden; ihnen gegenüber, auf der Seite des Papstes, standen die Guelfen.
[ 17 ] Auch bei Betrachtung des zweiten Kreuzzuges, den auf Betreiben Bernhards von Clairvaux 1147 Kaiser Konrad III. unternahm, sehen wir dieselben Erscheinungen. Diese Kreuzzüge hatten an sich keine weitere Bedeutung, sie zeigten nur, welch ein Geist durch die Welt wehte. Barbarossa, welcher gegen den Papst und die norditalischen Städte, die auf Seite des Papstes standen, fünf Römerzüge unternahm, um sie niederzuzwingen, mußte im Frieden von Konstanz ihnen die Unabhängigkeit zugestehen, nachdem es ihm nicht gelungen war, ihre Festung Alessandria einzunehmen.
[ 18 ] Die deutsche päpstliche Partei bestand besonders aus den Fürstengeschlechtern, die zurückgeblieben waren aus dem alten Adel. Heinrich der Stolze und sein Sohn Heinrich der Löwe kämpften für die alte Herzogsmacht gegen die kaiserliche Gewalt. Gewöhnlich wurden dann durch Vermählung mit einer Kaisertochter diese widerstrebenden Fürsten an die Kaisermacht gefesselt. Durch die Belehnung von Verwandten des Kaisers mit erledigten Herzogtümern wurden in der Folge immer wieder solche Umlagerungen der Machtverhältnisse bewirkt.
[ 19 ] Kaiser Friedrich Barbarossa unternahm den dritten Kreuzzug, der auch zu keinen wirklichen Erfolgen führte, der aber wichtig wurde durch die Kyffhäusersage, die sich daran knüpfte. Wer Sagen lesen kann, weiß, daß er es hier mit einer der wichtigsten zu tun hat. Nicht aus der Volksseele entsprungen, wie es gewöhnlich heißt, denn es dichtete nur der Einzelne und dann verbreitete sich das, was er hervorgebracht hat, in dem Volke, wie es auch bei dem Volkslied geschieht, von dem Professoren behaupten, daß es unmittelbar aus dem Volke hervorgehe und nicht den Köpfen von Einzelnen entstamme. Hervorgegangen ist die Sage aus dem Geiste eines Menschen, der verstand die Symbole zu verwenden, die eine tiefe Bedeutung hatten, wie die Höhle im Kyffhäuser, die Raben und so weiter. Es ist eine der Sagen, die sich in der ganzen Welt finden, ein Beweis, daß hier überall etwas ähnliches vorliegt.
[ 20 ] Die Barbarossasage ist eine kulturhistorisch sehr wichtige Sage. — Rom war in der Kirche der Anwalt dessen, was sich aus dem, dem germanischen Geiste in Verbindung mit dem Christentum aufgedrängten äußeren Beiwerk, ergab. — In einer Grotte sollte der Kaiser verborgen sein. Von alters her waren Grotten geheime Kultstätten. So wurde der Mithrasdienst allgemein in Grotten abgehalten. Bei dieser Verehrung wurde Mithras auf dem Stiere dargestellt, dem Sinnbild der niederen tierischen Natur, die von Mithras, dem Vorgänger des Christus überwunden wurde. In der Kyffhäusersage wurde der in der Felsengrotte verborgene Kaiser zum Anwalt dessen, was sich im deutschen Seelenleben gegen Rom und seinen Einfluß wendete. Wieviel steckt in dieser Sage! Ein reines Christentum, das damals von vielen ersehnt wurde, sollte, wenn die Zeit gekommen war, aus der Verborgenheit hervorgehen.
[ 21 ] Unter dem Staufenkaiser Friedrich II. geschah der Mongoleneinfall, der Europa verwüstete. Nicht eine Geschichte der Hohenstaufen will ich Ihnen hier geben, nur auf das hindeuten, was sich aus den Kreuzzügen entwickelte: erweiterte Handelsbeziehungen, eine Neubelebung der Wissenschaften und Künste durch die Berührung mit dem Orient. Was die Kreuzfahrer errangen an neuen Erfahrungen und Gütern, brachten sie mit in die Heimat.
[ 22 ] Damals war es auch, als die beiden großen Mönchsorden entstanden, die für das geistige Leben von besonderer Bedeutung wurden, die Dominikaner und die Franziskaner. Die Dominikaner vertraten die als Realismus bezeichnete geistige Richtung, während die Franziskaner dem Nominalismus sich zuneigten. Im heiligen Lande geschah auch die Gründung der geistlichen Ritterorden; der Johanniterorden wurde zunächst zur Krankenpflege gegründet.
[ 23 ] Aus einer ähnlichen Stimmung wie die, welche ich Ihnen als die von Gottfried von Bouillon geschildert habe, ging der zweite Ritterorden, der der Tempelherren hervor. Seine wirklichen Ziele wurden geheimgehalten, doch durch intime Agitatoren war der Orden bald sehr mächtig geworden. Es herrschte in ihm ein antirömisches Prinzip, wie es auch bei den Dominikanern sich zeigte, die sich häufig in völliger Opposition gegen Rom befanden; so standen sie bei dem Dogma von der unbefleckten Empfängnis in heftigem Widerstand gegen den Papst. Die Tempelherren erstrebten eine Reinigung des Christentums. Unter Berufung auf Johannes den Täufer vertraten sie eine asketische Tendenz. Ihre gottesdienstlichen Handlungen waren aus dem Widerstande gegen die römische Verweltlichung so kirchenfeindlich, daß es heute noch nicht angeht, darüber öffentlich zu reden. Der Orden war durch seine Macht dem Klerus und den Fürsten sehr unbequem geworden, er mußte schwere Verfolgungen erleiden und ging zugrunde, nachdem sein letzter Großmeister, Jacob von Molay, mit einer Anzahl von Ordensbrüdern 1314 den Märtyrertod erlitten hatte.
[ 24 ] Auch der «deutsche Ritterorden» war ähnlichen Ursprunges. Mit dem Orden der Schwertbrüder, der sich ihm anschloß, machte er es sich besonders zur Aufgabe, die noch heidnisch gebliebenen Gegenden Europas zu bekehren, besonders im Osten, von seinem Hauptsitze Marienburg aus. Aus den Berichten der Zeitgenossen erhält man von den Bewohnern der Gegenden, die heute die Provinzen Ostund Westpreußen bilden, ein merkwürdiges Bild. Albert von Bremen schildert die alten Preußen als vollständige Heiden. Bei diesem Volke, von dem es nicht genau feststeht, ob es germanischen oder slawischen Stammes war, finden sich die alten heidnischen Gebräuche des Pferdefleisch-Essens und Pferdeblut-Trinkens. Der Chronist beschreibt sie als heidnisch grausame Leute.
[ 25 ] Bevor sie mit den deutschen Rittern in Berührung gekommen war, hatten die Schwertbrüder besonders nach weltlicher Gewalt gestrebt.
[ 26 ] Man kann sich die Entwickelung nur konstruieren. Obgleich sich die Städte gebildet hatten, war doch ein Teil der Herzogsgewalt und des Raubrittertums zurückgeblieben. Nicht Begeisterung für das Christentum, sondern bloßer Egoismus war es, der es bewirkte, daß die Reste des Feudaladels sich zusammenzogen in diesen beiden deutschen Ritterorden. In diesen Gegenden war kein nennenswerter Einfluß der Städte zu verspüren. Die anderen beiden christlichen Orden waren Verbindungen derer, die nicht mit Rom in Verbindung standen. Wenn man die historischen Quellen untersucht, wird man oft Bündnisse zwischen ihnen und den Städten finden.
[ 27 ] Neben diesen zwei Strömungen der städtischen Entwikkelung und des tieferen religiösen Lebens sehen wir, daß die kaiserliche Gewalt alle Bedeutung verlor. In den Jahren 1254 bis 1273 war in Deutschland kein Träger der kaiserlichen Gewalt vorhanden, die Kaiserwürde war zeitweise an ausländische Fürsten verkauft, von denen der eine, Richard von Cornwall, nur zweimal nach Deutschland kam, während der zweite, Alfons von Castilien, es überhaupt nicht betreten hat.
[ 28 ] Als man endlich wieder zu einer richtigen Kaiserwahl schritt, war das Bestreben, nicht irgendwelche kaiserliche Zentralgewalt aufzurichten oder nochmals zu versuchen, eine Kaisermacht zu schaffen, sondern der Wunsch war ausschlaggebend, Ordnung in bezug auf das Raubrittertum zu bringen.
[ 29 ] So wählte man den Grafen Rudolf von Habsburg. Wenn man fragen soll, was er und seine Nachfolger für das Reich taten, würde es schwer sein, dies zu sagen, denn sie waren nicht für die öffentlichen Verhältnisse tätig. Sie waren beschäftigt, ihre Hausmacht zu begründen. So verlieh Rudolf von Habsburg nach dem Tode des Herzogs Heinrich Jasomirgott Niederösterreich an seinen Sohn und gründete damit die habsburgische Hausmacht. Seine Nachfolger suchten diese Macht durch Eroberungen und besonders durch Heiratsverträge zu erhöhen und kümmerten sich nicht mehr um irgend etwas, was mit allgemeinen Interessen zusammenhing.
[ 30 ] Sie sehen, was wirklich bedeutend für die Fortentwickelung war: Die Ereignisse, die zu den mittelalterlichen Verhältnissen das ergaben, was endlich zu den großen Entdekkungen und Erfindungen am Ende des Mittelalters führten. Wir sehen die Städte mit mächtig aufstrebender, aber verweltlichter Kultur; in der Kirche sehen wir die Scheidung, das Schisma, die Trennung; aus dieser Strömung heraus bricht der letzte Akt des mittelalterlichen Dramas an, wir sehen die Abendröte des Mittelalters, den Aufgang einer neuen Zeit.
