Philosophy, History and Literature
GA 51
6 December 1904, Berlin
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Über Philosophie Geschichte und Literatur
Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen VI
Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen VI
[ 1 ] Die Geschichte des Mittelalters ist deshalb für die menschliche Betrachtung so außerordentlich wichtig, weil wir es mit einem Zeitraum zu tun haben, den wir schon besser erforschen können, in dem wir die menschliche Entwickelung verfolgen können vom einfachen Ursprung aus bis zur Entstehung dessen, was wir Staaten nennen. Und außerdem haben wir hier ein Ineinandergreifen der mannigfaltigsten Faktoren. Innerhalb einfacher Verhältnisse lebt sich ein fertiges Kulturgebilde ein, wie es das Christentum ist. Aus dem Zustande der Barbarei sehen wir immer mehr das sich entwickeln, was als Blüte der Kultur des Mittelalters erscheint, was wir als Erfindungen kennen.
[ 1 ] Die Geschichte des Mittelalters ist deshalb für die menschliche Betrachtung so außerordentlich wichtig, weil wir es mit einem Zeitraum zu tun haben, den wir schon besser erforschen können, in dem wir die menschliche Entwickelung verfolgen können vom einfachen Ursprung aus bis zur Entstehung dessen, was wir Staaten nennen. Und außerdem haben wir hier ein Ineinandergreifen der mannigfaltigsten Faktoren. Innerhalb einfacher Verhältnisse lebt sich ein fertiges Kulturgebilde ein, wie es das Christentum ist. Aus dem Zustande der Barbarei sehen wir immer mehr das sich entwickeln, was als Blüte der Kultur des Mittelalters erscheint, was wir als Erfindungen kennen.
[ 2 ] Zu diesen auf dem Wege der Völkerwanderung durcheinandergewürfelten Völkerschaften sehen wir auf einem komplizierten Umwege dasjenige kommen, was man heute mit «Wissenschaft» bezeichnet. Das Mittelalter hatte eine große Erbschaft angetreten. Zwar war von dem, was wir als griechische Kultur kennengelernt haben, nichts vorhanden geblieben als einige Traditionen auf Plato zurückgehend und durch die Brille der christlichen Anschauungen gesehen. Dagegen war ein mächtiges Erbe aus der Zeit des römischen Reiches geblieben: das mächtige Staatengebilde mit seiner Verwaltung und Rechtspflege von einer Einheitlichkeit und Geschlossenheit, wie sie nie zuvor in der Weltgeschichte aufgetreten waren, wie wir sie im ganzen Mittelalter auch nicht finden; erst in der Neuzeit, die sich sonst so viel auf ihre Freiheit einbildet, begegnen wir einer solchen Ausdehnung der Staatsgewalt. Das, verbunden mit jener anderen idealistischen Kulturbewegung, die allmählich das römische Reich durchdrungen und aufgesogen hatte, kam zu Völkern, die nichts hatten von irgendeiner ähnlichen Bildung, und dazu von der Völkerwanderung entwurzelt waren. Alle diese Völkerstämme, Goten, Heruler, Langobarden, Franken, Sachsen und so weiter, waren etwas ganz anderes, völlig im Kindheitsstadium geblieben, im Vergleich zu jenen Römern.
[ 2 ] Zu diesen auf dem Wege der Völkerwanderung durcheinandergewürfelten Völkerschaften sehen wir auf einem komplizierten Umwege dasjenige kommen, was man heute mit «Wissenschaft» bezeichnet. Das Mittelalter hatte eine große Erbschaft angetreten. Zwar war von dem, was wir als griechische Kultur kennengelernt haben, nichts vorhanden geblieben als einige Traditionen auf Plato zurückgehend und durch die Brille der christlichen Anschauungen gesehen. Dagegen war ein mächtiges Erbe aus der Zeit des römischen Reiches geblieben: das mächtige Staatengebilde mit seiner Verwaltung und Rechtspflege von einer Einheitlichkeit und Geschlossenheit, wie sie nie zuvor in der Weltgeschichte aufgetreten waren, wie wir sie im ganzen Mittelalter auch nicht finden; erst in der Neuzeit, die sich sonst so viel auf ihre Freiheit einbildet, begegnen wir einer solchen Ausdehnung der Staatsgewalt. Das, verbunden mit jener anderen idealistischen Kulturbewegung, die allmählich das römische Reich durchdrungen und aufgesogen hatte, kam zu Völkern, die nichts hatten von irgendeiner ähnlichen Bildung, und dazu von der Völkerwanderung entwurzelt waren. Alle diese Völkerstämme, Goten, Heruler, Langobarden, Franken, Sachsen und so weiter, waren etwas ganz anderes, völlig im Kindheitsstadium geblieben, im Vergleich zu jenen Römern.
[ 3 ] Eine Art Naturleben, beschränkt auf Jagd und Kriegführung, führten sie ohne festes Recht und Gesetz. Ein großer Übergang fand nun statt in den Verhältnissen und Anschauungen dieser Völkerschaften, die in kleinen Verbänden zusammenlebten.
[ 3 ] Eine Art Naturleben, beschränkt auf Jagd und Kriegführung, führten sie ohne festes Recht und Gesetz. Ein großer Übergang fand nun statt in den Verhältnissen und Anschauungen dieser Völkerschaften, die in kleinen Verbänden zusammenlebten.
[ 4 ] Was hielt diese einzelnen Stämme zusammen? Das Andenken an irgendeinen Ahnen, der dem Stamme den Namen gegeben hatte, an mächtige Geschlechter, die sich in alten Kämpfen oder bei Eroberung des neuen Landes hervorgetan hatten, und dem Stamm das geliefert, was man Grafen, Fürsten, Herzöge nennt.
[ 4 ] Was hielt diese einzelnen Stämme zusammen? Das Andenken an irgendeinen Ahnen, der dem Stamme den Namen gegeben hatte, an mächtige Geschlechter, die sich in alten Kämpfen oder bei Eroberung des neuen Landes hervorgetan hatten, und dem Stamm das geliefert, was man Grafen, Fürsten, Herzöge nennt.
[ 5 ] Dieser Übergang drückt sich nun darin aus, daß man den gemeinsamen Boden liebt. Sie fangen an, mehr Wert auf die Gemeinsamkeit des Landbesitzes zu legen als auf die Blutsverwandtschaft.
[ 5 ] Dieser Übergang drückt sich nun darin aus, daß man den gemeinsamen Boden liebt. Sie fangen an, mehr Wert auf die Gemeinsamkeit des Landbesitzes zu legen als auf die Blutsverwandtschaft.
[ 6 ] An die Stelle der Stammeszugehörigkeit tritt das, was wir Dorfgemeinschaft nennen. Auf dem Grund und Boden beruht das gesamte materielle Leben. Handel und Gewerbe gibt es noch nicht. Was diese Menschen davon nötig haben, wird nebenbei besorgt von den Frauen, den jungen Leuten und Sklaven. Der größte Teil der Bevölkerung kannte gar nichts anderes als den Ackerbau und häufige Kriegszüge. Sie hatten keine Ahnung von dem, was wir heute Kultur nennen, keine Ahnung von dem, was wir als die erste Forderung derselben ansehen, von Lesen und Schreiben. Es wird Karl dem Großen als besonderes Verdienst angerechnet, daß er sich bemühte, im Alter noch Lesen und Schreiben zu lernen. Alles, was an Bildung vorhanden war, lag in den Händen der römischen Bevölkerung in den Gegenden, die erobert worden waren. Aus ihnen ging das Beamtentum hervor, daher der Einfluß der römischen Rechtsanschauungen. So war es in den westlichen Gegenden; anders im Osten. Dort, in den heutigen deutschen Gebieten, hatte sich das ursprüngliche germanische Wesen von diesen Einflüssen frei gehalten. Die ungebrochene Kraft der thüringischen und sächsischen Stämme war etwas, mit dem alles im Mittelalter zu rechnen hatte.
[ 6 ] An die Stelle der Stammeszugehörigkeit tritt das, was wir Dorfgemeinschaft nennen. Auf dem Grund und Boden beruht das gesamte materielle Leben. Handel und Gewerbe gibt es noch nicht. Was diese Menschen davon nötig haben, wird nebenbei besorgt von den Frauen, den jungen Leuten und Sklaven. Der größte Teil der Bevölkerung kannte gar nichts anderes als den Ackerbau und häufige Kriegszüge. Sie hatten keine Ahnung von dem, was wir heute Kultur nennen, keine Ahnung von dem, was wir als die erste Forderung derselben ansehen, von Lesen und Schreiben. Es wird Karl dem Großen als besonderes Verdienst angerechnet, daß er sich bemühte, im Alter noch Lesen und Schreiben zu lernen. Alles, was an Bildung vorhanden war, lag in den Händen der römischen Bevölkerung in den Gegenden, die erobert worden waren. Aus ihnen ging das Beamtentum hervor, daher der Einfluß der römischen Rechtsanschauungen. So war es in den westlichen Gegenden; anders im Osten. Dort, in den heutigen deutschen Gebieten, hatte sich das ursprüngliche germanische Wesen von diesen Einflüssen frei gehalten. Die ungebrochene Kraft der thüringischen und sächsischen Stämme war etwas, mit dem alles im Mittelalter zu rechnen hatte.
[ 7 ] Das einzige, was hierher eine Bildung brachte, war das Christentum. Doch eigentliche Wissenschaft, wie Mathematik, Naturwissenschaft und so weiter war nicht darin einbegriffen. Moralische, religiöse Bildung brachte es. Die moralischen, ethischen Begriffe hinzugefügt zu haben, war das Verdienst des Christentums. Namentlich innerhalb des am meisten begünstigten Frankenstammes war der Einfluß des Klerus, besonders der hereinziehenden, gelehrten keltischen Mönche, ein sehr großer. Bei diesem Stamme, der durch die Gunst der Umstände in ein freies Land geführt wurde, wo er seine Eigenart in noch großenteils unbebauten Gegenden ausleben konnte, sehen wir am besten, wie diese Umwandlung sich vollzieht. Die Umwandlung von kleineren zu größeren Gemeinschaften kam hier zustande. Grafen und Fürsten eroberten immer neue Gebiete, und belehnten kleine Besitzer mit Teilen ihres Besitzes. Dadurch breitete sich die Macht der großen Grundbesitzer immer mehr aus. Eine Art Gerichtsbarkeit und Verfassung entstand aus der Übertragung ursprünglich rein privatrechtlicher Verhältnisse. Was ursprünglich die irischen und schottischen Mönche antrieb, war der heilige Glaubenseifer, der Gedanke, für das Heil der Menschheit zu wirken. Das alles änderte sich. Das Frankentum konnte auch das Christentum nur als Machtmittel begreifen.
[ 7 ] Das einzige, was hierher eine Bildung brachte, war das Christentum. Doch eigentliche Wissenschaft, wie Mathematik, Naturwissenschaft und so weiter war nicht darin einbegriffen. Moralische, religiöse Bildung brachte es. Die moralischen, ethischen Begriffe hinzugefügt zu haben, war das Verdienst des Christentums. Namentlich innerhalb des am meisten begünstigten Frankenstammes war der Einfluß des Klerus, besonders der hereinziehenden, gelehrten keltischen Mönche, ein sehr großer. Bei diesem Stamme, der durch die Gunst der Umstände in ein freies Land geführt wurde, wo er seine Eigenart in noch großenteils unbebauten Gegenden ausleben konnte, sehen wir am besten, wie diese Umwandlung sich vollzieht. Die Umwandlung von kleineren zu größeren Gemeinschaften kam hier zustande. Grafen und Fürsten eroberten immer neue Gebiete, und belehnten kleine Besitzer mit Teilen ihres Besitzes. Dadurch breitete sich die Macht der großen Grundbesitzer immer mehr aus. Eine Art Gerichtsbarkeit und Verfassung entstand aus der Übertragung ursprünglich rein privatrechtlicher Verhältnisse. Was ursprünglich die irischen und schottischen Mönche antrieb, war der heilige Glaubenseifer, der Gedanke, für das Heil der Menschheit zu wirken. Das alles änderte sich. Das Frankentum konnte auch das Christentum nur als Machtmittel begreifen.
[ 8 ] Besonders Karl der Große benutzt die Kirche dazu, sein Gebiet zu vergrößern. Irgendein Bischof, den er einsetzte, war zumeist bestimmt, ein Werkzeug seiner Herrschaft zu sein. Anfangs wurde die Kirche nur von Glaubenseifer, von wirklicher Überzeugung geleitet, später unter dem Einfluß der äußeren Gewalt, suchte sie selbst ein Machtverhältnis zu erringen. So war der Bischof erst ein dienendes Glied der Kirche, später selbst ein Herrscher und Grundbesitzer. So zeigt sich uns das Mittelalter etwa zur Zeit Karls des Großen. Aber wir dürfen nicht von einem Reiche Karls des Großen sprechen, wie wir heute von Reichen sprechen. Der Großgrundbesitz gibt die Möglichkeit, Grundbesitz an andere zu übertragen. Neue Gebiete werden erobert und ergeben neue Möglichkeiten, die Macht zu vergrößern durch neue Übertragungen. So entstehen höfische Gerichtsbeamte. An die Stelle der alten Gaugerichte treten Hofgerichte mit kaiserlichen Grafen, oder wenn sie von Bischöfen ernannt werden, Vögten.
[ 8 ] Besonders Karl der Große benutzt die Kirche dazu, sein Gebiet zu vergrößern. Irgendein Bischof, den er einsetzte, war zumeist bestimmt, ein Werkzeug seiner Herrschaft zu sein. Anfangs wurde die Kirche nur von Glaubenseifer, von wirklicher Überzeugung geleitet, später unter dem Einfluß der äußeren Gewalt, suchte sie selbst ein Machtverhältnis zu erringen. So war der Bischof erst ein dienendes Glied der Kirche, später selbst ein Herrscher und Grundbesitzer. So zeigt sich uns das Mittelalter etwa zur Zeit Karls des Großen. Aber wir dürfen nicht von einem Reiche Karls des Großen sprechen, wie wir heute von Reichen sprechen. Der Großgrundbesitz gibt die Möglichkeit, Grundbesitz an andere zu übertragen. Neue Gebiete werden erobert und ergeben neue Möglichkeiten, die Macht zu vergrößern durch neue Übertragungen. So entstehen höfische Gerichtsbeamte. An die Stelle der alten Gaugerichte treten Hofgerichte mit kaiserlichen Grafen, oder wenn sie von Bischöfen ernannt werden, Vögten.
[ 9 ] Dazwischen haben wir immer noch unabhängige Stämme, die an ihren alten Herzögen, ihren selbstgewählten Gerichten festhielten.
[ 9 ] Dazwischen haben wir immer noch unabhängige Stämme, die an ihren alten Herzögen, ihren selbstgewählten Gerichten festhielten.
[ 10 ] So war es noch beim Tode Karls des Großen, so blieb es unter seinem Sohne Ludwig dem Frommen. Das sehen wir aus seinem Verhältnis zu seinen drei Söhnen Lothar, Pippin und Ludwig; er teilt sein Reich wie einen privaten Besitz unter die drei. Und als er aus einer zweiten Ehe noch einen Sohn erhält und eine abermalige Teilung vornimmt, erheben sich seine älteren Söhne gegen ihn, besiegen ihn in der Schlacht auf dem Lügenfelde und zwingen ihn, dem Thron zu entsagen, um sich ihren Besitz nicht schmälern zu lassen. Wir ersehen deutlich, was es mit einem damaligen Staate auf sich hatte. Wir sehen auch, welch falsches Bild das gibt, was in der Geschichte von dieser Zeit gewöhnlich erzählt wird. Es waren rein privatrechtliche Streitigkeiten, die Kämpfe, die sich damals abspielten, und die eigentlichen Völker wurden zwar bei solchen Feldzügen durch die Heeresmassen gestört und beunruhigt, aber für den Fortschritt der Menschheit haben alle diese Kämpfe in der nachkarolingischen Zeit keine wirkliche Bedeutung.
[ 10 ] So war es noch beim Tode Karls des Großen, so blieb es unter seinem Sohne Ludwig dem Frommen. Das sehen wir aus seinem Verhältnis zu seinen drei Söhnen Lothar, Pippin und Ludwig; er teilt sein Reich wie einen privaten Besitz unter die drei. Und als er aus einer zweiten Ehe noch einen Sohn erhält und eine abermalige Teilung vornimmt, erheben sich seine älteren Söhne gegen ihn, besiegen ihn in der Schlacht auf dem Lügenfelde und zwingen ihn, dem Thron zu entsagen, um sich ihren Besitz nicht schmälern zu lassen. Wir ersehen deutlich, was es mit einem damaligen Staate auf sich hatte. Wir sehen auch, welch falsches Bild das gibt, was in der Geschichte von dieser Zeit gewöhnlich erzählt wird. Es waren rein privatrechtliche Streitigkeiten, die Kämpfe, die sich damals abspielten, und die eigentlichen Völker wurden zwar bei solchen Feldzügen durch die Heeresmassen gestört und beunruhigt, aber für den Fortschritt der Menschheit haben alle diese Kämpfe in der nachkarolingischen Zeit keine wirkliche Bedeutung.
[ 11 ] Dasjenige, was aber eine wirkliche Bedeutung hatte, war der Gegensatz, der sich herausgebildet hatte zwischen dem Frankenreiche und dem Reiche, das Deutschland und Österreich umfaßte. Im Westreiche war allmählich ein Kampf entstanden zwischen dem weltlichen Adel und der herrschenden kirchlichen Macht. Der gebildete Klerus lieferte dasjenige, was man früher aus den Resten der römischen Bevölkerung entnommen hatte: die höheren Hofbeamten, die Schreiber bei den Gerichten und so weiter. Sie alle besaßen eine ganz gleichförmige, aus den Klöstern hervorgehende Bildung. — Neben diesem gebildeten Klerus gab es eine große ungebildete Masse, die ganz abhängig war von den so ausgebildeten Geistlichen. — Es war die ganze Bildung jener Zeit, die hervorgegangen war aus dem, was in den Klosterschulen gelehrt wurde. Die christliche Theologie umfaßte eine Siebenzahl der Wissenschaften, drei niedere und vier höhere.
[ 11 ] Dasjenige, was aber eine wirkliche Bedeutung hatte, war der Gegensatz, der sich herausgebildet hatte zwischen dem Frankenreiche und dem Reiche, das Deutschland und Österreich umfaßte. Im Westreiche war allmählich ein Kampf entstanden zwischen dem weltlichen Adel und der herrschenden kirchlichen Macht. Der gebildete Klerus lieferte dasjenige, was man früher aus den Resten der römischen Bevölkerung entnommen hatte: die höheren Hofbeamten, die Schreiber bei den Gerichten und so weiter. Sie alle besaßen eine ganz gleichförmige, aus den Klöstern hervorgehende Bildung. — Neben diesem gebildeten Klerus gab es eine große ungebildete Masse, die ganz abhängig war von den so ausgebildeten Geistlichen. — Es war die ganze Bildung jener Zeit, die hervorgegangen war aus dem, was in den Klosterschulen gelehrt wurde. Die christliche Theologie umfaßte eine Siebenzahl der Wissenschaften, drei niedere und vier höhere.
[ 12 ] So sehen wir draußen im Lande ein nur Krieg und Ackerbau treibendes Volk; in Kirchen, Schulen und Ämtern lebt das, was den Klosterschulen entstammt. Hier in den Klerikerschulen werden diese Wissenschaften gelehrt; die drei niederen waren: Grammatik, Logik und Dialektik. Die Grammatik war die Lehre von der Sprache, die Logik, die Denklehre, die sich in der gleichen Gestalt von Griechenland aus in den Klöstern des Mittelalters bis in das 19. Jahrhundert erhielt, während man sie heute für überflüssig erachtet. An die Logik reihte sich dann die Dialektik, die ganz aus dem Bestande der heutigen Wissenschaft verschwunden ist. Die mittelalterliche Bildung ruhte in der Dialektik, die mußte jeder lernen und beherrschen, der etwas in dem geistigen Leben leisten wollte. Die Dialektik ist die Kunst, gegenüber Angriffen eine Wahrheit in regelrechter Weise zu verteidigen. Die Gesetze der Vernunft müssen gekannt werden, um dies tun zu können. Nicht mit Scheingründen konnte gearbeitet werden, wo es galt, eine Wahrheit dauernd zu verteidigen; es war nicht die Zeit der Zeitungen, wo Gründe von heute nur bis morgen gelten.
[ 12 ] So sehen wir draußen im Lande ein nur Krieg und Ackerbau treibendes Volk; in Kirchen, Schulen und Ämtern lebt das, was den Klosterschulen entstammt. Hier in den Klerikerschulen werden diese Wissenschaften gelehrt; die drei niederen waren: Grammatik, Logik und Dialektik. Die Grammatik war die Lehre von der Sprache, die Logik, die Denklehre, die sich in der gleichen Gestalt von Griechenland aus in den Klöstern des Mittelalters bis in das 19. Jahrhundert erhielt, während man sie heute für überflüssig erachtet. An die Logik reihte sich dann die Dialektik, die ganz aus dem Bestande der heutigen Wissenschaft verschwunden ist. Die mittelalterliche Bildung ruhte in der Dialektik, die mußte jeder lernen und beherrschen, der etwas in dem geistigen Leben leisten wollte. Die Dialektik ist die Kunst, gegenüber Angriffen eine Wahrheit in regelrechter Weise zu verteidigen. Die Gesetze der Vernunft müssen gekannt werden, um dies tun zu können. Nicht mit Scheingründen konnte gearbeitet werden, wo es galt, eine Wahrheit dauernd zu verteidigen; es war nicht die Zeit der Zeitungen, wo Gründe von heute nur bis morgen gelten.
[ 13 ] Aus der Dialektik stammt, was man wissenschaftliches und gelehrtes Gewissen nennen kann, und das sollte jeder haben, der in der Wissenschaft mittun will. Nicht alles und jedes läßt sich in vernunftgemäßer Weise verteidigen; darin lag die große Bedeutung dieser Schulung, hier gewissenhaft zu unterscheiden. Später ist das allmählich ausgeartet, so daß es im späteren Mittelalter dahin kommen konnte zum Beispiel, daß sich jemand erbot, irgendeine Wahrheit vierundzwanzig Stunden lang gegen die Angriffe sämtlicher Professoren, Studenten und Laien von Paris zu verteidigen.
[ 13 ] Aus der Dialektik stammt, was man wissenschaftliches und gelehrtes Gewissen nennen kann, und das sollte jeder haben, der in der Wissenschaft mittun will. Nicht alles und jedes läßt sich in vernunftgemäßer Weise verteidigen; darin lag die große Bedeutung dieser Schulung, hier gewissenhaft zu unterscheiden. Später ist das allmählich ausgeartet, so daß es im späteren Mittelalter dahin kommen konnte zum Beispiel, daß sich jemand erbot, irgendeine Wahrheit vierundzwanzig Stunden lang gegen die Angriffe sämtlicher Professoren, Studenten und Laien von Paris zu verteidigen.
[ 14 ] Geschult durch die Dialektik waren diejenigen, die zum Richterberuf kamen, weniger die Vorsitzenden der Gerichte, als diejenigen, die die Urteile ausfertigten.
[ 14 ] Geschult durch die Dialektik waren diejenigen, die zum Richterberuf kamen, weniger die Vorsitzenden der Gerichte, als diejenigen, die die Urteile ausfertigten.
[ 15 ] Wenn Goethe im Anfang des «Faust» ihn sagen läßt: «Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen», so kennzeichnet er damit die Würden und Ämter, zu denen man damals durch eine wissenschaftliche Ausbildung gelangte. «Doktor» war derjenige, der sein Wissen selbständig verwenden konnte. Magister war derjenige, der an den Hochschulen unterrichten durfte. Schreiber waren alle, die im weltlichen Dienste beschäftigt waren, gleichviel ob in höherer oder niederer Stellung. Pfaffen waren alle Geistlichen. Das Wort Pfaffe war in jenen Zeiten noch kein Schimpfwort, sondern ein Ehrentitel. So nennt noch im 14. Jahrhundert der Meister Eckhart Plato den großen griechischen Pfaffen.
[ 15 ] Wenn Goethe im Anfang des «Faust» ihn sagen läßt: «Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen», so kennzeichnet er damit die Würden und Ämter, zu denen man damals durch eine wissenschaftliche Ausbildung gelangte. «Doktor» war derjenige, der sein Wissen selbständig verwenden konnte. Magister war derjenige, der an den Hochschulen unterrichten durfte. Schreiber waren alle, die im weltlichen Dienste beschäftigt waren, gleichviel ob in höherer oder niederer Stellung. Pfaffen waren alle Geistlichen. Das Wort Pfaffe war in jenen Zeiten noch kein Schimpfwort, sondern ein Ehrentitel. So nennt noch im 14. Jahrhundert der Meister Eckhart Plato den großen griechischen Pfaffen.
[ 16 ] Die vier höheren Wissenschaften waren Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik.
[ 16 ] Die vier höheren Wissenschaften waren Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik.
[ 17 ] Geometrie ist Raumlehre. Arithmetik ist höheres Rechnen, auch Astronomie entsprach ungefähr dem, was wir heute darunter verstehen. Musik aber war nicht das gleiche, was wir heute so nennen. Musik war die Wissenschaft von der Harmonie des Weltenalls. Man glaubte, daß das gesamte Weltenganze in harmonischen Verhältnissen zu seinen einzelnen Bestandteilen stehe. Alle diese Verhältnisse, die sich durch Zahlen ausdrückten, suchte man aufzufinden. Wie auch in der Tat die Farben, Töne und so weiter auf bestimmten Zahlen beruhen. Man suchte nun in der Musik überall die Gesetze der Harmonie, die rhythmischen Verhältnisse; der Zusammenklang der Weltgesetze wurde gelehrt.
[ 17 ] Geometrie ist Raumlehre. Arithmetik ist höheres Rechnen, auch Astronomie entsprach ungefähr dem, was wir heute darunter verstehen. Musik aber war nicht das gleiche, was wir heute so nennen. Musik war die Wissenschaft von der Harmonie des Weltenalls. Man glaubte, daß das gesamte Weltenganze in harmonischen Verhältnissen zu seinen einzelnen Bestandteilen stehe. Alle diese Verhältnisse, die sich durch Zahlen ausdrückten, suchte man aufzufinden. Wie auch in der Tat die Farben, Töne und so weiter auf bestimmten Zahlen beruhen. Man suchte nun in der Musik überall die Gesetze der Harmonie, die rhythmischen Verhältnisse; der Zusammenklang der Weltgesetze wurde gelehrt.
[ 18 ] So habe ich versucht, Ihnen eine Vorstellung zu geben von dem, was der durch Bildung herrschende Stand trieb. Diese Bildung gewann immer mehr die Oberhand in dem Westreich, das wir jetzt Frankreich nennen. Anders in Deutschland. Diese Stämme waren ungebrochen geblieben, sie hatten sich ihre einfachen Sitten gewahrt, ihre Freiheit größtenteils erhalten. Die Schattenseite dieser primitiven Verhältnisse aber war, daß hier der Klerus ungebildet war, und daher sich dazu verwenden ließ, ein Machtmittel in den Händen der Herzöge und Kaiser abzugeben.
[ 18 ] So habe ich versucht, Ihnen eine Vorstellung zu geben von dem, was der durch Bildung herrschende Stand trieb. Diese Bildung gewann immer mehr die Oberhand in dem Westreich, das wir jetzt Frankreich nennen. Anders in Deutschland. Diese Stämme waren ungebrochen geblieben, sie hatten sich ihre einfachen Sitten gewahrt, ihre Freiheit größtenteils erhalten. Die Schattenseite dieser primitiven Verhältnisse aber war, daß hier der Klerus ungebildet war, und daher sich dazu verwenden ließ, ein Machtmittel in den Händen der Herzöge und Kaiser abzugeben.
[ 19 ] Die Herrschaft des Westreiches blieb bei den Karolingern. Doch die Herrscher aus diesem Hause wurden immer minderwertiger. Zuletzt zeigte sich besonders die Unfähigkeit dieser karolingischen Herrscher, als von Norden her kriegerische Seeräuber, die Normannen, das Land beunruhigten. Diese Normannen drangen von der Mündung der Flüsse aus, der Elbe und Weser, in das Land, plünderten überall die Küsten, besonders in Frankreich, wo sie die nördlichen Gegenden besetzten und bis nach Paris vordrangen. Dazumal regierte Karl IL, der sich vollständig unfähig zeigte, etwas gegen dieses Volk zu unternehmen. Deshalb war es ein Leichtes, daß ein unbekannter Herzog in Österreich, Arnulf von Kärnten, der Karolingerherrschaft ein Ende machen und sich die Herrschaft aneignen konnte. Zuerst genoß er großes Ansehen, da es ihm gelang, die Normannen zu besiegen. Aber die Eifersucht unter den Fürsten war so groß, daß sich Arnulf bequemen mußte, sich an die Kirche zu wenden und einen Bund mit ihr zu schließen. Er mußte einen Zug nach Italien machen und sich überhaupt ihrer Herrschaft in vielen Stücken unterwerfen. Die Folge ist dann, daß wir nach seinem Tode sehen, wie die Kirche sich ihrer Macht bedient. Nicht ein weltlicher Fürst oder Graf, sondern der Erzbischof Hatto von Mainz wird der Vormund seines Sohnes, Ludwig des Kindes. Er tritt damit in all die Herrscherrechte ein, und von da an sehen wir den Grund gelegt für die Herrschaft der Kirche, die nicht mehr nur ausgebeutet wird von den weltlichen Herrschern, sondern sich immer mehr einfügt in weltliche Herrschaft und weltliche Gerichtsbarkeit ausübt. Die Folge davon war, daß jener Kampf zwischen weltlicher und kirchlicher Macht heraufdämmerte, und damit sich jene wichtige Geschichtsperiode einleitet, der Kampf zwischen Kaiser und Papst.
[ 19 ] Die Herrschaft des Westreiches blieb bei den Karolingern. Doch die Herrscher aus diesem Hause wurden immer minderwertiger. Zuletzt zeigte sich besonders die Unfähigkeit dieser karolingischen Herrscher, als von Norden her kriegerische Seeräuber, die Normannen, das Land beunruhigten. Diese Normannen drangen von der Mündung der Flüsse aus, der Elbe und Weser, in das Land, plünderten überall die Küsten, besonders in Frankreich, wo sie die nördlichen Gegenden besetzten und bis nach Paris vordrangen. Dazumal regierte Karl IL, der sich vollständig unfähig zeigte, etwas gegen dieses Volk zu unternehmen. Deshalb war es ein Leichtes, daß ein unbekannter Herzog in Österreich, Arnulf von Kärnten, der Karolingerherrschaft ein Ende machen und sich die Herrschaft aneignen konnte. Zuerst genoß er großes Ansehen, da es ihm gelang, die Normannen zu besiegen. Aber die Eifersucht unter den Fürsten war so groß, daß sich Arnulf bequemen mußte, sich an die Kirche zu wenden und einen Bund mit ihr zu schließen. Er mußte einen Zug nach Italien machen und sich überhaupt ihrer Herrschaft in vielen Stücken unterwerfen. Die Folge ist dann, daß wir nach seinem Tode sehen, wie die Kirche sich ihrer Macht bedient. Nicht ein weltlicher Fürst oder Graf, sondern der Erzbischof Hatto von Mainz wird der Vormund seines Sohnes, Ludwig des Kindes. Er tritt damit in all die Herrscherrechte ein, und von da an sehen wir den Grund gelegt für die Herrschaft der Kirche, die nicht mehr nur ausgebeutet wird von den weltlichen Herrschern, sondern sich immer mehr einfügt in weltliche Herrschaft und weltliche Gerichtsbarkeit ausübt. Die Folge davon war, daß jener Kampf zwischen weltlicher und kirchlicher Macht heraufdämmerte, und damit sich jene wichtige Geschichtsperiode einleitet, der Kampf zwischen Kaiser und Papst.
[ 20 ] Es ist falsch, wenn herkömmliche Geschichtsbeschreibung diese beiden Mächte als etwas voneinander ganz Verschiedenes darstellt. Sie sind nur Rivalen im Streite um äußere Macht. Es sind gleiche Mächte, die in derselben Richtung wirken. Wir haben es nicht zu tun mit einem Streit zwischen geistlicher und weltlicher Macht, sondern mit einem Streit der weltlich gewordenen Kirche mit weltlicher Macht. Zwei sich ausbreitende Machtrichtungen sehen wir, und als dritte sehen wir die «freien Städte» entstehen, die über ganz Europa sich ausbreiten.
[ 20 ] Es ist falsch, wenn herkömmliche Geschichtsbeschreibung diese beiden Mächte als etwas voneinander ganz Verschiedenes darstellt. Sie sind nur Rivalen im Streite um äußere Macht. Es sind gleiche Mächte, die in derselben Richtung wirken. Wir haben es nicht zu tun mit einem Streit zwischen geistlicher und weltlicher Macht, sondern mit einem Streit der weltlich gewordenen Kirche mit weltlicher Macht. Zwei sich ausbreitende Machtrichtungen sehen wir, und als dritte sehen wir die «freien Städte» entstehen, die über ganz Europa sich ausbreiten.
